<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil.</title>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>meyer_konversationslexikon_3_1920</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Meyers

Großes
Konversations-Lexikon.

Ein  Nachschlagewerk  des  allgemeinen  Wissens.

Sechste,

gänzlich  neubearbeitete  und  vermehrte  Auflage.

Mit  20  660  Abbildungen  im  Text  und  auf  etwa  1940  Bildertafeln,  Karten  und  Plänen
sowie  215  Textbeilagen.

Kriegsnachtrag.
Dritter  Teil.

Leipzig  und  Wien.
Bibliographisches  Unskikut.
1920.
        <pb n="2" />
        Alle  Rechte  vom  Verleger  vorbehalten.
Copyrigbt  1920  by  Bibllographisches  Iostitat,  Lelpnig.
        <pb n="3" />
        Vorwort.

Die  Hoffnung  unseres  Volkes,  wie  sie  das  Vorwort  zum  1.  Bande  dieses
Werkes  kennzeichnet,  „aus  dem  großen  Kampf  mit  vermehrter  innerer  Kraft  hervorzugehen“,
  hat  sich  fürs  erste  nicht  erfüllt.  Trotz  übermenschlicher  Anstrengungen
und  glänzender  weltgeschichtlicher  Waffentaten  ist  Deutschland  durch  den  zäheren
Siegeswillen  seiner  haßerfüllten  Feinde  ein  schmachvoller  Friede  zuteil  geworden.
Aber  der  gesunde  Kern  des  deutschen  Volkes  ist  lebensfähig  geblieben.  Auch  heute
zweifelt  kein  wahrhaft  deutsch  Denkender  an  der  Bestimmung  unseres  Volkes  in  der
Welt.  Durch  arbeitsame  Einigkeit  und  innerliche  Festigung,  durch  ein  gereiftes  und
gereinigtes  deutsches  Wesen  wird  sich  unser  Vaterland  freie  Bahn  schaffen  für  eine
nationale  Wiedergeburt  und  eine  neue  Blüte  zum  Segen  der  gesamten  Menschheit.

Der  unglückliche  Ausgang  des  Krieges  sowie  die  großen  politischen  und  wirtschaftlichen
  Umwälzungen  haben  naturgemäß  auch  den  Abschluß  unseres  Werkes
zwingend  beeinflußt.  Insbesondere  mußten,  wenn  der  Verlag  auch  am  Gesamtplan
trotz  der  entstandenen  großen  Schwierigkeiten  nach  Möglichkeit  festhalten  konnte,  eine
gewisse  Umgestaltung  sowie  eine  Verringerung  des  Inhalts  eintreten,  die  wiederum
manchen  Verzicht  auf  früher  geplante  längere  Abhandlungen  der  verschiedenen
Gruppen  bedingten;  hierin  lagen  auch  die  Gründe,  die  dazu  bewogen,  den  Herausgeber
für  diesen  Band  nicht  mehr  zu  bemühen.  Als  Hauptziel  galt  dem  Verlag,  dem
ganzen  Werke  durch  diesen  Band  die  erwünschte  Abrundung  zu  geben;  und  das  ist
im  wesentlichen  dadurch  geschehen,  daß  in  den  lexikalisch  angeordneten  Artikeln  der
noch  fehlende  Zusammenhang  der  drei  Teile  hergestellt  wird  und  die  vorangegangenen
  längeren  Schilderungen  durch  kürzere  Angaben  über  die  letzten  kriegerischen
  und  politischen  Ereignisse  ergänzt  werden.

Die  von  der  Zensur  für  die  vorhergehenden  Bände  leider  nicht  zugelassene
Darstellung  des  gesamten  militärischen  Verlaufs  des  Krieges  aus  berufener  Feder
konnte  ebenso  wie  mancher  Aussatz  zur  Kriegstechnik  erst  jetzt  nachgeholt  werden.  Um
dem  Werke  aber  auch  kriegsgeschichtlich  in  weiterem  Sinne  einen  entsprechenden
Abschluß  zu  geben,  ist  den  wesentlichen  Ereignissen  der  Revolution  in  ausführlicheren
Uberblicken  zur  Geschichte  der  einzelnen  Länder,  in  Lebensabrissen  und  sonstigen
Darstellungen  Rechnung  getragen  worden.

Auf  diese  Weise  konnte  sowohl  der  Charakter  des  Werkes  gewahrt  wie  seinem
doppelten  Zweck,  einen  einheitlichen  Uberblick  über  das  Werden  und  Wesen  des
Weltkrieges  mit  seinen  unmittelbaren  Folgeerscheinungen  darzubieten  und  zugleich
eine  Ergänzung  des  Konversationslexikons  im  Sinne  eines  lexikalischen  Nachschlagewerkes
  zu  bilden,  entsprochen  werden.

Bibliographisches  Institut.
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Inhaltsverzeichnis  des  dritten  Teiles.

Seite
Kriegskalender  (Schluß)  .  1
Kriegsberichte  aus  dem  Großen  Hauptauartier  1917/18:
Frankreichs  Ansturm  gegen  die  Armeen  des  deutschen
Kronprinzen  im  Jahre  1917  .  10
Arras  19172  12
Die  Schlacht  im  Wosschaetebogen  am  7.  Juni  1917  17
Die  Große  Schlacht  in  Frankreigg  19
Die  Schlacht  von  Armentieres  22
Die  Schlacht  zwischen  Soissons  und  Neims  (.  Mal
bis  6.  Juni)  ..........  25
Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:
A.  Westen,  Osten,  Balkan,  von  Obersllentnant  a.  D.
Frobenius  #  u.  Generalleutnant  z.  D.  Frhr.  v.  Stelnaecker  20
1.  Der  östliche  Kriegsschauplatz  bis  Ende  Oktober  1914  29
Einleitende  Gesechte  30
Die  August=  und  Septemberschlachten  in  Ospwrreußen  30
Der  zweite  Angriff  der  Russen  auf  Oswreußen  31
Der  Vorstoß  bis  zur  Weichsel.  32
2.  Der  westliche  Kriegsschauplatz  bis  Ende  Oktober  1914  33
Die  Eroberung  von  Lüti  35
Der  Aufmarssea  36
Die  Schlacht  in  Lothringen  .  .Z7
DekBomtarschbmchBelgien...  .38

Der  Vormarsch  zur  Marne
Die  Schlacht  an  der  Marne  .  .
DerDurchbtuchzwlschenToulunbVerduu...
Die  Eroberung  von  Antwerpen.  ..
Der  Beginn  des  Stellungskriegees
3.  Die  Kriegsereignisse  in  Galizien  u.  Polen  bis  On.  1014
Einleitende  Gefechte
Die  Schlacht  bei  Krasnik  ..
Die  Schlacht  bei  Zamost-Komarow  ..
DieersteSchlachtbetLemdem
Die  zweite  Schlacht  bei  Lemberg
Der  Einbruch  der  Russen  in  Galizien  und  Ungarn
Die  erste  Belagerung  von  Przemysl
4.  Der  Krieg  auf  der  Balkanhalbinsel  bis  Dezember  1914
5.  Der  östliche  Krlegsschauplatz  im  Winter  1914/15.

SJSGS  E———————-.

Die  Kämpfe  um  Lodz  und  Lowlisss
Die  Vorbereitung  der  österreichischen  Gegenoffenstve
Die  Schlacht  bei  Limanowa-Lapannoo
Die  Winterschlacht  in  Masuren  .....  .54
KamthentümpfeundBefeumgder  Bukowina  55
6.  Die  große  Offenstve  im  Osten  Sommer  1915  55
Der  Durchbruch  bei  Gorllteee  56
Die  Rückeroberung  von  Przenydl  .  57
Die  Kämpfe  in  Galizien  57
Das  Borgehen  in  Kurland  und  die  Eroberung  der
Narewlinie  .............  58
Der  Vormarsch  zwischen  Bug  und  Weichsel  .  69
Der  Durchbruch  der  Weichselfront  .  61
Die  Einnahme  von  Warschau  und  Jwangorod  61
Die  Eroberung  von  Lomsha  und  Kowmuo  61
Der  Fall  von  Nowo-Georgiewmst  62
Die  Erstürmung  von  Grodno  .62
Die  Einnahme  von  Brest  Litorsk  .63
Die  Berfolgung  bis  nach  Pinfsk.  .  .63
Der  Vormarsch  des  Zentrim  64
Die  Eroberung  von  Kurland.  ..  6064

Seile
Das  Vordringen  in  Wolhynien  und  Gallzien.  65
Die  russische  Offensive  am  Styr  und  an  der  Strypa  66
7.  Der  Krieg  auf  dem  Balkan  im  derbk2  1915  67
Die  Niederwerfung  Serblens.  .  67
Die  Unterwerfung  Montenegrsss.  69
Die  Kämpfe  in  Mazedonien  1915  bis  zum  Rückzug
der  Orientarmee  ..  70
8.  Stellungskrieg  im  Westen  vomB  November  1914  bi  -
Herbst  19815  ..  ......  ....70
Die  Ereignisse  in  Flandern  und  Artois.  71
Kämpfe  zwischen  Oise  und  Maas  .  71
Zwischen  Verdun  und  Nanch.  ..  .  ....  72
Der  erste  französische  Durchbruchsversuch  .  72
Die  Schlachten  bei  Soissons  und  Craoone  72
Winterschlacht  in  der  Champaanen  .73
Die  Kämpfe  bel  Verdun  und  im  Woëvre  .  ..  73
Der  Winterkampf  in  den  Vogesen  73
Die  Kämpfe  vom  Frühjahr  bis  zum  Herbst  1915.  74
Die  fran  zösisch-englische  Herbstoffensive  1915  —75
9.  Der  Krieg  an  der  Ostlfront  vom  Spätherbst  1915
bis  Sommer  1919.  76
Die  Neujahrsschlacht  1915/16  in  Ostgalizien  76
Die  Märzoffensive  der  russischen  Nordfront  77
Die  Sommeroffensive  der  russischen  Südfront.  77
10.  Der  Krieg  im  Westen  im  Jahre  1916.  78
Der  Kampf  um  Verdun  von  Februar  bis  Jult  78
Die  Sommeschlactt  79
Die  französischen  Angriffe  bel  Verdun  vom  August
1916  bis  Januar  19170  81
Die  Ereignisse  an  den  übrigen  Aoschnttten  der  West
front  1916  ..  82
11.  Der  Krieg  im  Westen  vom  Januar  bis  August  1917  82
Die  Rückverlegung  der  deutschen  Front  im  Febr.  1917  83
Schlachten  bei  Arras  im  April  und  Mai  1917  84
Die  Schlachten  an  der  Aisne  und  in  der  Champagne
im  April  und  Mai  111727  86
Die  englischen  Angriffe  bei  Dpern  u.  Lens  im  Juni  1917  87
Die  fran  sischen  Angriffe  an  der  Aisne  und  in  der
Champagne  im  Juni-Juli  1917  87
Die  Kämpfe  bei  Dpern  im  Juli  und  August  1917.  89
12.  Der  Krieg  auf  dem  Balkan  und  im  Osten  vom
Sommer  1916  bis  April  1912  .  89
Der  Krieg  in  Mazedonien  1916/17  89
Die  Offensive  der  russtschen  Südfront  im  Sept.  1916  91
Das  Eingreifen  Rumäniens  im  Angust  1916.  91
Der  rumänische  Feldzug  im  Herbst  1916  .  92
Die  Offenstve  der  russischen  Südfront  vom  Oktober
bis  Dezember  10916  92
Die  Kämpfe  an  der  russischen  n  vom  Herdst.
1916  bis  April  1917.  ..  98
13.  Der  Krieg  mit  Sowjet-  Rußtano  vom  OSommer
1917  bis  März  19138  93
Die  Entlastungsoffenstve  um  Sommer  1917  in  Dstgalizien
  93
Die  Kämpfe  in  Wolhynien  und  nördlich  von  den
Pripjetsümpfen  im  Juli  1917  94
Der  Krieg  im  Osten  vom  August  bis  November  1917  95
Vom  Waffenstillstand  (26.  Nov.  1917)  bis  zum  Frieden
  von  Brest  Litowst  (3.  März  1910).  9p6
        <pb n="6" />
        VIII  Inhalts=  und  Illustrationsverzeichnis  des  dritten  Teiles
Seitet  Sette-14.
  Der  Krieg  im  Westen  vom  September  1917  bis  D.  Der  Krieg  in  Vorderafien,  von  Dr.  Gaston  Bodart  124
November  1918  97  Die  Kämpfe  um  die  Dardanellen.  14
Die  Kämpfe  bei  Cambrai  im  Nov.  und  Dez.  1917  98  Kaukasisch-armenischer  Kriegsschauplattz  125
Die  Vorbereitungen  für  die  Entscheidung  98  Die  Kämpfe  am  Persischen  Golf  und  in  Mesopo-Die
  deutsche  Offensive  vom  21.  März  bis  1.  Apiil  tamen:::  127
1918  (Arras  -  La  Fere).  99  Die  Kämpfe  am  Suezkanal,  auf  der  Sinathalbinsel,
Die  deutsche  Offensive  vom  6.  bis  30.  *  1918  in  Palästina  und  Syrien.  .  129
(Armentières  und  Kemmel)  00  E.  Der  Seekrieg  1917/18,  von  Horvettenkapitän  Sche#-  130
Die  deutsche  Offensive  vom  260.  Mai  bis  13.  d  Der  uneingeschränkte  U-Bookkrieg  .  130
1018  (Aisne  —-  Marne)  101  Die  Ereignisse  in  der  Ost=  und  Nordsee  133
Die  Schlußkämpfe  in  Mazedonien  ...  .101EreignisscmtderflandrijchenKüste......  135
Die  Kämpfe  im  Westen  bis  zum  15.  Jull  1918  .  101  FEreignisse  im  Mittelmeer.  135
Die  französtsch-englisch-amerikanische  Gegenoffensive  108  Rückbliiie.  136
B.  Der  Krieg  Italiens  gegen  Olereäch  Ungarn,)  von  Die  Friedensschlüsse  des  We  von  Dr.  edannes
Dr.  Gaston  Bodart  ..·...  107Hohlfecb  138
Die  einleitenden  Operationen  ]Q  107  Die  Gesechtstaktik  im  *  von  a  Haupimann  a.  'D.
Die  Ereignisse  an  der  Isonzofront  107  Oesele  ........  147
Die  Ereignisse  an  der  Kärutner  Front  .  .  111  Die  Artillerie  im  Kriege,  von  Haupimam  a.  D.  Oesele  152
Die  Ereignisse  an  der  Tiroler  Front  112  Der  Luftkrieg,  von  Neg.-Rat  Dipl.-Ing.  Paul  Reiniger  150
Zusammenstöße  auf  der  Balkanhalbinsel.  .  115  Der  Kampfbereich  eines  Armeekorps,  von  deuplnann
Verfolgung  bis  zum  Piavbe.  ..  116  a.  D.  Oefele  .  161
Die  verkürzte  Einheitsfront  (November  1917  bis  Das  Nachrichtenwesen  i  im  We,  von  Ingenteur
Juni  1918).  116  Hoans  Schäser.  1r363
Die  Offensive  der  Sserreicher  im  Juni  1918.  117  Die  drulsche  Feidpon,  von  Dr.  Wiutiber  160
Die  italienische  Offensive  im  Oktober  1918  118  Schieß=  und  Sprengstoffe,  von  IngChemiker  H.  Placher  171
Kämpfe  zur  See.  .  119  Rrhlliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge,  von  Stabsarzt
C.  Der  Krieg  in  den  Kolonien,  vom  r  Kaiserl.  Veziris.  Dr.  Haehnerr..  ......  175
amtmann  a.  D.  Dr.  Karstedt  ..  120  Ersagfaserstoffe,  von  Ing.  Chemiter  .  Vlacher  179
Allgemeine  Lage.  120
Die  Ereignisse  in  den  einzelnen  Kolouien.  120  Lexilkonteililil  182—368
x□U  ·
Illustrationsverzeichnis.
Beilagen.
Seite  Seite
Asne  und  Champagne,  Kare  121  Geschültze,  Tafel  I—IV.  152
Die  mililärischen  Ereignisse  in  Galizien  bis  zum  Nü-  Lusftkrieg,  Tafel  I-II.  .  156
zug  des  österreichisch-ungarlschen  Heeres  hiuter  den  Kampsgliederung  einer  Infanterie-Division,  Tafel  mit
San,  Karte  45  Erläuterungggeg  161
Die  militärischen  Ereignisse  in  2  und  der  Deutsche  und  österreichische  Staatsmänner,  Tafel
Bukowina,  Karttt  93  Deutsche  und  ssterreichische  Heerführer  usw.,
Offensive  der  Deutschen  u.  Ssutrsccer  in  Oberitalien,  Deutsches  Reich,  Karte.  .
Karte......  .....111StaatsoberhänptekdekEntente  ll  Tasel
Afrika,  Karte.  ........  122  Entente-Staatsmänner  u.  Heerführe  I  u.  II.  Tafeln226
Europa,  Kareeee  146  Russische  Staatsmänner  und  Heerführer,  Tascl
Abbildungen  im  Text.
Tannenberg-Hohenstein,  Kärichen  ..  31  Deutsche  Offensive  im  Westen,  März  bis  Juli  1918,
Angerburg-Gerdauen  (Masurenschlacht),  Karte.  32  Karee  100
Iwangorod-Warschau,  1914,  Kartt  33  Feindliche  Offenswe  im  zue  dun  bis  November
Lüttich,  Karte  .  351918Mtrte......  102
Namm,  Karte...  ..  ..  .  ...  39  Osel,  Kärtchen  ..  ..  134
Offensive  in  Polen,  November  1914,  Karte.  52  Wirkung  der  Arillleriegeschosse,  4  Figuren  ...  152
Przemysl,  Karte.  ......  58  Künstliche  Glieder,  7  Figuren..  .  .  ...  177,  178
Warschau-Bzurastellung,  1915,  Karte.  60  Acdzeichen  für  Süseh!  und  )  Beodachier,  2  15  232
Brest  Litowst,  Kärthen  63  Gasmaske.  238
Westfront  1915  und  Siegfried-Stellung  1917,  Karte  83  Handgrauate  250
Arras  1917,  Kärthen  84  Stahlhelm.  252
Dpern  (Wytschaetebogen)  1917,  Kaw#e#  -—-«  88  Englischer  Pangerwagen  (Tank)  ...  .  309
Riga  1917,  Karte  .  ...  95  Verwundetenadzeichen,  deutsches  u.  bierrich-  7
Cambrai  1917,  Kärtchen  98  2  Figuen  ..  .  .  360
        <pb n="7" />
        I.  Kriegsgeschichte

Kriegskalender

Die  nachstehende  Übersicht  bringt  als  Abschluß  des  Kriegskalenders
  und  des  in  der  Abhandlung  über  den  Seekrieg  enthaltenen
  Seekriegskalenders  (im  2.  Band)  die  wichtigsten,  hauptsächlich
  mit  dem  Krieg  in  Zusammenhang  stehenden  Ereignisse
vom  Januar  1917  bis  zum  Friedensschluß  und  soll  als  Anhalt
für  die  kriegsgeschichtlichen  Darstellungen  (S.  29  f.)  sowie  für
die  Berichte  aus  dem  Großen  Hauptquartier  (S.  10  ff.)  dienen.

Jannar  1917.

3.  Matschin  und  Jijilia  (Dobrudscha)  werden  von
deutschen  und  österr.-ungar.  Kräften  genommen.

.  General  Castelnau  wird  Oberbefehlshaber  der
franz.  Nordarmce.  [Fokschani-Fundeni.

4.0—8.)  Schlacht  an  der  Putna  im  Raum  Odobesti-.

  Rückzug  der  deutschen  Truppen  hinter  den  Rufidschi
(Deutsch-Ostafrika).

5.  überreichung  der  Antwortnote  der  Entente  auf
das  deutsche  Friedensangebot  in  Berlin.

*  Aufruf  Kaiser  Wilhelms  an  das  deutsche  Volk,
an  Heer  und  Marine  über  die  Ablehnung  des
Friedensangebotes  durch  die  Verbandsmächte.

*.  Einnahme  von  Breila  durch  die  Bulgaren;  Vorstoß
  auf  Galatz.  Tirabschan

6.  Zusammenbruch  der  russ.  Entlastungsoffensive  bei

8.  Einnahme  von  Fokschani  durch  die  Deutschen;
Vorstoß  bis  zur  Putna.

9.  Rückzug  der  Russen  hinter  den  Sereth  im  Abschnitt
  Fokschani  -  Fundeni;  übergang  der  Deutschen
  über  die  Putna  nördlich  von  Fokschani.

*  Rücktritt  des  russ.  Ministerpräsidenten  Trepoff;
Nachfolger:  Fürst  Golitzyn.

11.  Deutsche  und  österr.  Note  an  die  Neutralen  über
die  ablehnung  des  deutschen  Friedensangebotes.

12.  Antwort  der  Entente  auf  die  Friedensnote  Wilsons
  vom  21.  Dez.  1916.

14.  Erste  Tagung  des  poln.  Staatsrates  in  Warschau.

17.  Slasono  wird  russ.  Botschafter  in  London.

19.  Rückzug  der  Türken  bei  Kut  el  Amara.

22.  Botschaft  Wilsons  an  den  amerikan.  Senat  über
die  Friedensfrage.

*  England  beschlagnahmt  die  griech.  Handelsflotte.

23.  Deutsch-engl.  Seegefecht  in  den  Hoofden:  2  engl.
Torpedoboote  vernichtet.  (Aa  sudl.  von  Riga.

23./24.  Die  Deutschen  erobern  russ.  Stellungen  an  der

24.  Abschluß  der  Finanz.  und  Zollausgleichverträge
zwoischen  Osterreich  und  Ungarn  auf  20  Jahre.

*.  Erweiterung  der  Mobilisation  in  der  Schweiz.

25./26.  Deutscher  Vorstoß  gegen  die  engl.  Ostküste  bei
Lowestoft.  (durch  England.

26.  Erweiterung  des  Seekriegsgebietes  in  der  Nordsee

27.  Der  deutsche  Kronprinz  wird  General  d.  Infanterie.

29.(—31.)  Englische  Offensive  gegen  die  türk.  Felahie-Front
  (Mesopotamien).

30.  Die  Vereinigten  Staaten  erklären  die  Bewaffnung
der  Handelsschiffe  für  zulässig.

81.  Deutsche  und  österr.=  ungar.  Denkschrift  über  die
Verschärfung  des  Unterseebootkrieges.

Der  Krieg  1914°19.  III

Febrnar  1917.
1.  Beginn  des  verschärften  U-Bootkrieges.
3.  Die  Vereinigten  Staaten  brechen  die  Beziehungen
zu  Deutschland  ab.
4.  Rücktritt  des  türk.  Großwesirs  Said  Halim  Pascha;
Nachfolger:  Talaat  Pascha.
.  Wilson  gordert  in  einer  Note  die  Neutralen  zum
Abbruch  der  Beziehungen  zu  Deutschland  auf.
6.  Rücktritt  des  Herzogs  der  Abrusen  vom  Kommando
  derital.  Flotte;  Nachfolger:  Thaon  de  Reval.
8.  Großadmiral  Haus,  Oberbefehlshaber  der  österr.=ungar.
  Flotte,  stirbt  in  Wien.
11.  Erzherzog  Friedrich  von  Osterreich  wird  vom  stell.
vertretenden  Oberkommando  enthoben.
14.  Veröffentlichung  des  französ.  Hilfsdienstgesetzes,
alle  Männer  vom  16.—60.  Lebensjahr  erfassend.
15.  Beginn  der  Räumung  der  deutschen  Stellungen
an  der  Ancre.  österr.-ungar.  Flolte.
Vizeadmiral  Njegovan  wird  Kommandant  der
22.  Zurückverlegung  eines  deutschen  Frontstückes  zwischen
  Arras  und  Aisne.
24.  Kut  el  Amara  wird  von  den  Engländern  besetzt.
25./26.  Deutscher  Vorstoß  in  den  Kanal  und  gegen
die  engl.  Ostküste.
27.  Starke  ital.  Vorstöße  bei  Paralovo  (Mazedonien).
Rückzug  der  Türken  gegen  Aszizie  (Tigris-Front).
28.  U.  Bootbeute  im  Februar:  781  500  Ton.

März  1917.
2.  Ernennung  des  Feldmarschalls  Conrad  von
Kötendorf  zum  Armeeflhrer  an  der  ital.  Front.
.  General  Arz  von  Straußenburg  wird  Generalstabschef
  der  österr.=  ungar.  Armee.
*  Hamadan  wird  von  den  Russen  besetzt.
5.  Geländegewinn  der  Engländer  bei  Azizie  südösil.
von  Baghdad.
*.  Einführung  der  Todesstrafe  im  belgischen  Heer.
8.  Graf  Zeppelin  stirbt  in  Berlin.  (Ripont.
8.(—12.)  Schwere  Kämpfe  in  der  Champagne  bei

10.  Die  Engländer  besetzen  Baghdad;  Rückzug  der
Türken  gegen  Samara.

12.  Ausbruch  der  russ.  Revolution.  Einsetzung  eines
Vollziehungsausschusses  unter  Vorsitz  des  Dumapräsidenten
  Rodzianko.

13./14.  Zusammenbruch  starker  franz.-serbischer  Angriffe
  nördlich  von  Monastir  und  am  Prespa-See.

14.  Die  Deutschen  räumen  Péronne.

Bildung  des  russ.  Ministeriums  Lwoff.  [land  ab.

China  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu  Deutsch-15.

  Zar  Nikolaus  II.  von  Rußland  dankt  ab  u.  ernennt

roßfürst  Michael  Alexandrowitsch  zum  Regenten.

*  Ernennung  des  Großfürsten  Nikolajewitsch  zum
russ.  Höchstkommandierenden.

16.  Rücktritt  des  französ.  Ministeriums  Briand.

=  Ausdehnung  der  russ.  Nevolution  auf  Finnland.

16./17.  Deutscher  Luftangriff  auf  London  und  die

engl.  Südostküste.

1
        <pb n="8" />
        2  I.  Kriegsgeschichte

17.  Die  engl.-franz.  Truppen  besetzen  Bapaume,  Péronne,
  Roye,  Noyon.
17.—19.  Schwere  Kämpfe  nördl.  von  Monastir  und
wischen  Ochrida=  und  Prespasee.

*  Deutscher  Vorstoß  in  den  Kanal  und  die  Themsemündung;

  Beschießung  von  Margate.
20.  Bildung  des  französ.  Kabinetts  Ribot.

.Exzar  Nikolaus  wird  von  der  neuen  russ.  Regierung
  verhaftet.

21.  Wiederherstellung  der  alten  Verfassung  Finnlands.
22.  Anerkennung  der  russ.  provisorischen  Regierung
durch  die  Ententemächte.

.  Rückkehr  des  deutschen  Hilfskreuzers  =  Möwe=  von
der  zweiten  Kreuzfahrt  im  Atlant.  Ozean  (Versenkungsziffer:
  123000  Ton.).

24.  Teilung  Belgiens  in  ein  flämisches  und  ein  wallon.
Verwaltungsgebiet.  [Nördl.  Eismeer.

x.  Ausdehnung  der  deutschen  Seesperre  auf  das

*.  Generalstabschef  Alexejeff  wird  an  Stelle  des  Großfürsten
  Nikolajewitsch  Cberbefehlsh.  d.  russ.  Armee.

26./27.  Niederlage  der  Engl.  bei  Ghaza  (Sinai-Front).

28./29.  Deutscher  Vorstoß  gegen  die  engl.  Südostküste.

80.  Schwerer  Kampf  um  die  Höhen  südlich  von  Ripont
  (Champagne).

31.  Geländegewinn  der  Engländer  zwischen  der  Straße
Péronne-Gouzeaucourt  und  dem  Omignon-Bach.

Die  dänischen  Antillen  fallen  durch  Kauf  an  die
Vereinigten  Staaten.

.  U-Vootbeute  im  März:  886  000  Ton.

April  1917.

3.  Einnahme  des  russ.  Brückenkopfes  Toboly  am
Stochod  durch  die  Deutschen  (9600  Gefangene).
4.  Ausdehnung  der  Hilfsdienstpflicht  auf  die  in
Deutschland  lebenden  Angehörigen  Osterreich-Unarns.
  lzustand  mit  Deutschland.
5.  Die  Vereinigten  Staaten  verkünden  den  Kriegs-6.
  Osterreich  =  Ungarn  bricht  die  Beziehungen  zu  den
Vereinigten  Staaten  ab.  [Kronen.
Die  5.  österr.  Kriegsanleihe  ergibt  6,23  Milliarden
7.  Osterbotschaft  Kaiser  Wilhelms  über  die  Wahlrechtsreform
  und  die  Erweiterung  des  Herrenhauses
  in  Preußen.
8.  Rücktritt  des  österreich.  -  ungar.  Kriegsministers
v.  Krobatin.  [Deutschland  ab.
*  Panama  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu
9.  Schlacht  bei  Arras:  erster  Durchbruchsversuch
der  Engländer;  Geländegewinn  auf  der  Linie
Lens-Henin  sur  Cojeul.
10.  Schwere  Kämpfe  am  Diala-Fluß  (Mesopotamien).
11.  Geländegewinn  der  Engländer  beiderseits  von
Kuba  erklärt  Deutschland  den  Krieg.  (Arras.
12.  Die  Engländer  besetzen  Givenchy  en  Gohelle.
Brasilien  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutschland  ab.
*  General  Stöger-Steiner  v.  Steinstätten  wird
österreich--  ungar.  Kriegsminister.
13.  Zusammenbruch  des  engl.  Ansturms  bei  Arras.
14.  Zurücknahme  der  deutschen  Front  nördl.  von  der
carpe.  Durchbruchsversuch  der  Engländer  zwischen
  Scarpe  und  der  Bahn  Arras-Cambrai.
16.  Schlacht  an  der  Aisne  und  bei  Reims:  erster
Durchbruchsversuch  der  Franzosen  im  Abschnitt
Soupir-Bétheny.  Einbruch  in  die  deutsche  Stellung
  bei  Craonne.  lden  Mark.
jDie  6.  deutsche  Kriegsanleihe  ergibt  12.98  Milliar=17.
  Ausdehnung  der  franz.  Ofenstoe  an  der  Aisne
bis  in  die  Champagne;  schwere  Kämpfe  bei
Moronvillers  und  Aubéerive.

18.  Franz.  Massenangriff  am  Damenweg.

*  Rücktritt  des  span.  Ministeriums  Romanones.
Frhr.  v.  Bissing,  Generalgouverneur  von  Belgien,
stirbt  in  Brüssel.

19.  Die  Zurllckverlegung  der  deutschen  Front  in  die
Siegfriedstellung  ist  Peendet.  Aufgabe  des  Aisneufers
  im  Abschnitt  Condé-Soupir.

Französ.  Durchbruchsversuche  an  der  Front  Braye-Craonne
  und  am  Aisne-  Marne-Kanal.

*  Schwere  Niederlage  der  Engländer  bei  Ghaza
(Sinai-Front).

Aufhebung  des  Jesuitengesetzes  v.  4.  7.  1872  u.  des
Sprachenparagraphen  im  deutschen  Vereinsgesepß.

Bildung  des  span.  Kabinetts  Garcia  Prieto.

20.  Die  Türkei  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu
den  Vereinigten  Staaten  ab.

Generaloberst  v.  Falkenhausen  wird  Generalgouverneur
  von  Belgien.

20./21.  Deutscher  Vorstoft  gegen  den  Kanal  und  die
Themsemündung;  Beicheßng  v.  Dover  u.  Calais.

21.  Zusammenbruch  der  franz.Offensive  an  der  Aisne.

22.  Rückzug  der  Türken  nördl.  von  Samara  (Mesopotamien).


23.  Schlacht  bei  Arras:  zweiter  Durchbruchsversuch
der  Engländer;  die  Deutschen  verlieren  Guémappes.
  lvon  den  Türken  vereitelt.

24.  Englische  Landungsversuche  bei  Akaba  werden

26./27.  Deutscher  Vorstoß  gegen  die  Themsemündung.

28./29.  Schlacht  bei  Arras:  dritter  engl.  Durchbruchsversuch
  im  Abschnitt  Lens—  Qukéant.  Schwere
Kämpfe  nördl.  von  der  Scarpe.  Der  Angriff  endet
erfolglos.

30.  Die  Deutschen  weisen  einen  französ.  Massenangriff
Hegen  den  Abschnitt  Prosnes  —  Aubérive  zurück.

-Dw-Bootbeute  im  April:  1091000  Ton.

Mai  1917.

2.  Guatemala  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutschland
  ab.

3.  Schlacht  bei  Arras:  vierter  Durchbruchsversuch
der  Engländer  im  Abschnitt  Acheville-Quéêant.
Die  Engländer  besetzen  Fresnoy.

*  Erweiterung  der  Seesperre  um  Großbritannien
durch  Deutschland.

4.  Das  griech.  Kabinett  Lambros  wird  durch  das
Ministerium  Zaimis  ersetzt.

5.  Lebhafte  Kämpfe  bei  Lens  und  Cambrai.

*  Schlacht  an  der  Aisne:  zweiter  Durchbruchsversuch
  der  Franzosen.  Die  Deutschen  verlieren
Craonne  und  den  Winterberg.

*  Bolivien  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutschland  ab.

8.(—10.)  Durchbruchsschlacht  zwischen  Prespa=  und
Dojransee  (Mazedonien).  Franz.-serb.  Angriff
bei  Gradenica,  am  Wardar,  Dojransee  und  im
Cernabogen.

9.  Liberia  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutschland  ab.

10.  Deutsch-engl.  Seegesecht  am  Nordhinder  Feuerschiff.



11./12.  Schlacht  bei  Arras:  fünfter  engl.  Durchbruchsversuch
  in  der  Front  Varrelle-  Ballecourt.  Die
Engländer  besetzen  Roeux.

12.  Kerenski  wird  russ.  Kriegsminister.

12./13.  Schwere  Kämpfe  bei  Bullecourt.  .

14.  Beginn  der  10.  Isonzoschlacht:  ital.  Vorstoß  bei
Plava,  Görz  und  Costanjivica.  (stabes.

Admiral  Jellicoe  wird  Chef  des  brit.  Admiral-Geländegewinn
  der  Engländer  westlich  von  Dojran
(Mazedonien).
        <pb n="9" />
        Kriegskalender  3

15.  General  Pétain  wird  an  Stelle  Nivelles  Oberbefehlshaber
  des  franz.  Heeres;  Ernennung  Fochs

um  Generalstabschef.

"  De  Italiener  gewinnen  bei  Auzza  und  Canale
das  östliche  JIsonzo-Ufer.  Schwere  Kämpfe  um  den
Kuk  (15.—17.).  Italienische  Angriffe  gegen  den
Monte  Santo  und  Monte  Gabriele  scheiteern.

Rücktritt  des  russ.  Ministers  d.  Außern  Miljukoff;
Nachfolger:  Terestschenko.  [Otranto.

15./16.  Osterr.=  ungar.  Vorstoß  in  die  Straße  von

16.  Hauptkampf  an  der  Isonzofrontim  Raum  Plava-Salcano
  und  östlich  von  Görz.

17.  Einnahme  des  Kuk  durch  die  Italiener.  Ital.
Vorstöße  östlich  von  Görz  und  gegen  den  Monte
Santo  scheitern.  lland  ab

Honduras  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutsch-Franz.-serb.

  Niederlage  bei  Malkovo  (Mazedon.).

18.  Geländegewinn  der  Italiener  bei  Plava.

Die  Japaner  besetzen  Charbin.

Der  serb.  Oberbefehlshaber  Putnik  stirbt  in  Nizza.

19.  Rückzug  der  Italiener  über  den  Isonzo  bei  Auzza.
Schwerer  Kampf  um  die  Höhe  von  Podice

.  Nicaragua  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu
Deutschland  ab.

20.  Zusammenbruch  eines  engl.  Vorstoßes  beiderseits
der  Straße  Arras  -  Cambrai.

Schlacht  in  der  Champagne:  die  Franzosen  besetzen
  den  Cornillet  und  den  Keilberg.

23.  Vorstoß  der  Italiener  gegen  die  südl.  Karstfront
in  40  km  Breite.  Zurücknahme  der  österr.-ungar.
Kräfte  im  Abschnitt  Jamiano.  lengland.

23./24.  Deutscher  Luftangriff  auf  London  und  Süd-24.

  Geländegewinn  der  Italiener  im  Raum  Vodice-Monte
  Santo.

28.  Beendigung  der  10.  Isonzoschlacht.

30.  Guite  Tagung  des  österr.=  ungar.  Reichsrates  im

31.  U-Bootbeute  im  Mai:  869000  Ton.  Kriege.

Juni  1917.

2.  Rücktritt  des  russ.  Botschafters  Iswolski  in  Paris.

3.  Unabhängigkeitserklärung  Albaniens  unter  der
Schutzherrschaft  Italiens.

*.  Staatsstreich  der  Militärpartei  in  China:  Aufstellung
  einer  eigenen  Regierung.

4.  Der  russ.  Oberbefehlshaber  Alexejesf  wird  durch
General  Brussiloff  ersetzt.

7.  Beginn  der  Schlacht  in  Flandern.  Zurücknahme
der  deutschen  Truppen  im  Wytschaete-Bogen.

10.  Jtalienische  Offensive  auf  der  Hochebene  der  Sieben
  Gemeinden.

*  Rücktritt  des  span.  Ministeriums  Garcia  Prielo.

11.  Die  Italiener  besetzen  den  Epirus.
Bildung  des  span.  Kabinetts  Dato.  lland  ab.
.  San  Domingo  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutsch-12.

  Abdankung  König  Konstantins  von  Griechenland

zugunsten  seines  Sohnes  Alexander.

Die  Entente-Truppen  besetzen  Thessalien.

14.  Geländegewinn  der  Engländer  im  Abschnitt  Hollebeke

  -  Warneton.

15.  Starke  Angriffe  der  Italiener  im  Suganertal.

Bildung  des  ungar.  Kabinetts  Esterhäzy.

16./17.  Starker  drosctkiftanoed  auf  Südengland.

19.  Einbruch  der  Engländer  in  die  deutsche  Front

südwestl.  von  Lens.

Durchbruchsversuch  der  Italiener  auf  der  Hochebene
  der  Sieben  Gemeinden  im  Raum  des  Monte
Forno:  Geländegewinn  an  der  Cima  Dieci.

21.  Rücktritt  des  österr.  Kabinetts  Clam-Martinitz.

23.  Bildung  des  österr.  Ministeriums  Seidler.
24.  Die  Franzosen  besetzen  Athen.  ([Arras—Lens.
25.  Starke  Vorstöße  der  Engländer  an  der  Straße
!.  Zusammenbruch  des  ital.  Vorstoßes  auf  der  Hochebene
  der  Sieben  Gemeinden.
27.  Venizelos  wird  zum  griech.  Ministerpräsidenten
und  Kriegsminister  ernannt.
28.  Einbruch  der  Engländer  in  deutsche  Stellungen
im  Abschnitt  Oppy-Gapvrelle  nordöstl.  von  Arras.
29.  Das  Ergebnis  der  6.  deutschen  Kriegsanleihe  beträgt
  13,12  Milliarden  Mark.
30.  Abbruch  der  Beziehungen  Griechenlands  zu  den
Mittelmächten.
U.Bootbeute  im  Juni:  1081.000  Ton.

Juli  1917.

1.  Beginn  einer  russ.  Offensive  in  Galizien:  Einbruch
  in  die  deutsch-österr.=  ungar.  Front  an  der
oberen  Strypa  und  bei  Brzezany.

Ausrufung  der  konstitutionellen  Monarchie  in
China  mit  dem  Kaiser  Hsuantung.  Aa#ersien).

4.  Türkischer  Sieg  über  die  Russen  bei  Suleimanie

6./7.  Russ.  Vorstoß  bei  Brzezany  und  Konjuchi.

8.  Die  Russen  besetzen  Stanislau  und  Halicz.

.  Abdankung  des  chines.  Kaisers  Hsuantung.  Feng
Kuo-tschang  wird  Präsident  der  Republik  China.

10.  Zurücknahme  der  Heeresgruppe  Erzherzog  Joseph
zinter  die  Lomniza.  Die  Russen  besetzen  Kalusz.
11.  Erlaß  Kaiser  Wilhelms  über  die  preuß.  Wahlreform
  auf  Grundlage  des  gleichen  Wahlrechts.
14.  Franz.  Durchbruchsversuch  im  Raum  Nauroy-Moronvillers
  (Champagne)  u.  an  der  Höhe  304.

*  Rücktritt  des  Reichskanzlers  v.  Bethmann  Hollweg;

  Nachfolger:  Unterstaatssekretär  Michaelis.

16.  Beginn  einer  deutschen  Offensive  südlich  vom
Dujestr;  Rückeroberung  von  Kalusz.

*  Bildung  einer  vorläufigen  Regierung  der  Ukraine.

17.  Der  finn.  Landtag  verkündet  die  Unabhängigkeit

Finnlands.  lzwischen  Sereth  und  Strypa.

19.  Durchbruch  der  Deutschen  durch  die  russ.  Front

.  Die  Mehrheit  des  dtsch.  Reichstages  erklärt  sich  für
einen  Versöhnungsfrieden  (Friedensresolution).

21.  Russ.  Gegenoffensire  im  Raum  Smorgon-Krewo.

Rücktritt  des  russ.  Ministerpräsidenten  Lwoff;
Nachfolger:  Kerenski.

23./24.  Deutsche  und  österr.  Truppen  besetzen  Tarnopol,
  Stanislau,  Nadwörna  und  Halicz.

25.  Die  Russen  räumen  Buczacz,  Ottynia  und  Delazan
  Ostgalizien)  lden  Pruth.

.  Rückzug  der  Russen  aus  den  Waldkarpathen  gegen

26.  Einnahme  von  Kolomea  durch  deutsche  und  österr.
Truppen.

27./28.  Deutscher  Luftangriff  auf  Paris.

28.  Rückzug  der  Russen  über  den  Grenzfluß  Zbrucz
und  gegen  Czernowitz.  leen  Krieg.

Siam  erklärt  Deutschland  und  Österreich-Ungarn

29.  Franz.  Mass  enangriffe  am  Damenweg.

-  Kriechenlandtrin  em  Londoner  Ablommengegen

Sonderfriedensschlüsse  bei.

30.  Die  Russen  räumen  die  Czeremosz-Linie.

81.  Engl  Angriff  zwischen  Rser  und  Lys.  Die  Engländer
  besetzen  Bixschoote,  Hooge  und  Hollebeke.

.  U-Bootbeute  im  Juli:  811000  Ton.

August  1917.
1.  Rücktritt  des  russ.  Oberbefehlshabers  Brussiloff;
Nachfolger:  Korniloff.
Friedensvorschlag  des  Papstes.
        <pb n="10" />
        4  I.  Kriegsgeschichte

2.  Abwehr  engl.  Angriffe  bei  Langemarck,  Bixschoote
  und  im  Raum  Nieuport—Westende.

*  Rückzug  der  Russen  nördl.  von  Czernowitz.

Strandung  des  deutsch.  Hilfskreuzers  .  Seeadler:
an  der  Insel  Lord  Howe  (Stiller  Ozean).

3.  Czernowitz  wird  von  deutschen  und  österr.  Truppen

urückerobert.

Niederlage  der  Engländer  am  Mihumbia-Abschnitt
  (Deutsch-Ostafrika).

4.  Liberia  erklärt  Deutschland  den  Krieg.

5.  Neubesetzung  der  Reichs-  und  preuß.  Staatsämter.
  Botschafter  v.  Kühlmann  wird  Staatssekretär
  des  Auswärt.  Amtes.  sschall.

7.  Generaloberst  v.  Koevefs  wird  österr.  Feldmar-9.

  Engl.  Massenangriffe  östl.  von  Arras.

*.  Schwere  Kämpfe  um  die  Grenzstellungen  südöstl.
von  Czernowitz.

10.  Englischer  Durchbruchsversuch  östlich  von  Dpern
im  Raum  FreezenbergHollebeke.

14.  Kriegserklärung  Chinas  an  Deutschland.

15.,16.  Schlacht  in  Flandern:  Hauptangriff  der  Engländer
  im  Raum  Baxschoote  -Wytschaete  und
Lulluch-Lers.  Sie  besetzen  St.  Julien,  Pilkem,

illebeke  und  Höhe  70  bei  Loos.

16.  Generalmajor  Schellch  wird  an  Stelle  Groeners
Leiter  des  deutschen  Kriegsamtes.

18.  Beginn  der  11.  Isonzoschlacht  mit  einem  ital.
Angriff  zwischen  Mrzli  Vrh  und  dem  Meere.

Die  Italiener  räumen  ihre  Stellungen  auf  der
Hochebene  der  Sieben  Gemeinden  in  15  km  Breite.

19.  Schlacht  vor  Verdun;:  franz.  Durchbruchsversuch
im  Raum  Avocourt-Caurieres-Wald.  Einnahme
des  Talou-Rückens.  (nordwestl.  von  Verdun.

20.  Die  Franzosen  besetzen  die  Höhe  „Toter  Mann-Üübergang

  der  Italiener  über  den  Isonzo  bei  Auzza.

.  -Zurücknahme  der  österr.  Kräfte  zwischen  Canale
und  Monte  Santo.

Bildung  des  ungar.  Ministeriums  Wekerle.

21.  Vorstoß  der  Franzosen  bei  Samogneux  und  am
Wald  von  Avocourt  (Verdun).

.  Graf  Bernstorff  wird  deutscher  Botschafter  in
Konstantinopel.  (die  engl.  Ostküste.

21./22.  Deutscher  Luftangriff  auf  den  Humber  und

22.  Erneuter  Durchbruchsversuch  der  Engländer  im
Raum  Langemarck-Hollebeke.

*Geländegewinn  der  JItaliener  östl.  vom  Isonzo.
Kriegserklärung  Chinas  an  Osterreich-Ungarn.
24.(—31.)  Schwerer  Kampf  um  den  Monte  San

Gabriele.

25.  Die  Italiener  besetzen  den  Monte  Santo.

27.  Engl.  Durchbruchsversuch  zwischen  Langemarck
und  der  Bahn  PYpern-Roeselare.

27./28.  Geländegewinn  der  Italiener  auf  der  Hochfläche
  Bainsizza-Heiliggeist.

29.  Rücktritt  des  poln.  Staatsrates.

30.  Beginn  einer  Offensive  der  Armee  Sarrail  in
Mazedonien.  Abwehr  des  feindl.  Angriffs  im

erna-Bogen  und  am  Wardar.

31.  Die  Vereinigten  Staaten  lehnen  das  Friedensangebot
  des  Papstes  ab.

!.  U-Bootbeute  im  August:  808000  Ton.

September  1917.
1.  Deutsch-engl.  Seegefecht  nördlich  von  Horns  Riff.
1./2.  Deutscher  Vorstoß  über  die  Düna  auf  Riga.
2.  Gründung  der  Deutschen  Vaterlandspartei  in
Königsberg.  state  und  Dünklirchen.
2./3.  Deutsche  Luftangriffe  auf  Südostengland,  Ca-2.(—5.)

  Schwere  Kämpfe  um  den  Monte  San
Gabriele.
3.  Einnahme  von  Riga  durch  die  Deutlschen.
4.  Die  Deutschen  besetzen  Dünamünde  und  überschreiten
  die  livländische  Aa.  stadt.
Die  Russen  räumen  ihre  Stellungen  bei  Friedrich-.
  Rücktritt  des  Vizeadmirals  Souchon  vom  Oberbefehl
  der  türk.  Flotte.
Verbannung  des  zum  Regenten  v.  Rußland  ausgerufenen
  Großfürsten  Michael  nach  Sibirien.
7.  Durchbruchsversuche  der  Franzosen  im  Raum
Samognieux-Beaumont  nördl.  von  Verdun.
.  Das  französische  Ministerium  Ribot  tritt  zurück.
8./9.  Geländegewinn  der  Frangofen  am  Maliksee
(Mazedonien).  sschlag  des  Papstes.
10.  Der  Vierbund  erklärt  sich  für  den  Friedensvor-12.
  Zusammenbruch  der  ital.  Massenangriffe  gegen
den  Monte  San  Gabriele.
Die  Mittelmächte  verkünden  die  Einsetzung  eines
Regentschafts-  und  eines  Staatsrates  für  HPpoen.
Bildung  des  franz.  Ministeriums  Painlevé.
Unterdrückung  des  Aufstandes  des  russ.  Generals
Korniloff.  Kerensti  übernimmt  den  Oberbefehl.
»Zarin  Eleonore  von  Bulgarien  stirbt  in  Euxinograd.
  [Republik  erklärt.
15.  Rußland  wird  durch  die  vorläufige  Regierung  zur
20./21.  Schlacht  in  Flandern:  engl.  Massenangriffe
in  dem  Abschnitt  Langemarck-Hollebeke.
21.  Die  Deutschen  besetzen  Jakobstadt  (Kurland).
24./25.  Deutsche  Luftangriffe  auf  Ost-  und  Südostengland.
  [Mangelaere.
26.  Schlacht  in  Flandern:  engl.  Vorstoß  bei  Hollebeke-*
  Geländegewinn  der  Italiener  auf  der  Hochfläche
von  Bainsizza-Heiliggeist.  (Reichstages.
Beginn  der  neunten  Kiegstagung  des  Deutschen
-  Costriea  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu
Deutschland  ab.  lphrat-Front).
28.  Engl.  Sieg  über  die  Türken  bei  Ramadie  (Eu-28.0—30.)
  Deutsche  Luftangriffe  auf  London  und
30.  U-Bootbeute:  672000  Ton.  (Südostengland.

Oktober  1917.

2.-3.  Deutscher  Luftangriff  auf  Südostengland.

Feindl.  Luftangriffe  auf  das  lothring.-rhein.  Industriegebiet.


4.  Schlacht  in  Flandern:  Großkampftag  im  Deernbogen,
  zwischen  Langemarck  und  Hollebeke.  Die
Engländer  besetzen  Woeitapelle  lund  Gheluvelt.

9.  Geländegewinn  der  Engländer  zwischen  Bixschoote

10.  Abbruch  der  Beziehungen  Perus  zu  Deutschland.

11.  Uruguay  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu

Deutschland  ab.

Großkampftag  in  Flandern:engl.  Vorstoß  zwischen

den  Straßen  Vangemarck-Houzhousst  und  Zonnebeke-Morslede.

  lund  bei  Pammerort  auf  Osel.

Landung  deutscher  Truppen  in  der  Tagga-Bucht

.Deutsch-engl.  Seegefecht  am  Moonsund.

:  Kampf  um  die  Halbinsel  Sworbe  auf  Osel.  Die
Deutschen  besetzen  die  Inseln  Rund  und  Abro  im
Rigaischen  Meerbusen.  [Mittelmächte.

Einsetzung  des  poln.  Negentschaftsrates  durch  die

Osel  gelangt  völlig  in  deutschen  Besitz.

Deutschengl.  Seegefecht  an  den  Shetlandinseln:
Vernichtung  eines  engl.  Geleitzuges  von  13  Schiffen
  und  2  Zerstörern.

Die  Deutschen  besetzen  die  Insel  Moon.  Deutschruss.
  Seegefecht  im  Mvonsund:  Vernichtung  des
russ.  Linienschiffes  -Slawar.

12.
        <pb n="11" />
        Kriegskalender  5

19.  20.  Deutscher  Luftangriff  auf  Mittelengland.

20.  Rückzug  der  Russen  aus  dem  Moonsund  in  den
Finn.  Meerbusen.  Die  Deutschen  besetzen  Schildau.

"*  Eröffnung  des  russ.  Vorparlaments  (Provisor.
Rat  der  russ.  Republit).

21.  Die  Insel  Dagö  gelangt  in  deutschen  Besitz.

22.  Schlacht  in  Flandern:  engl.  Vorstoß  in  den  Abschnitten

  Dragibank-Poelkapelle  u.  Paschendaele-Gheluvelt.

  ([Franzosen  besetzen  Chavignon.

23.  Franz.  Angriff  im  Raum  Vauxaillon-Paissy;  die

24.  Beginn  der  12.  Isonzoschlacht:  deutsche  und

österr.-ungar.  Kräfte  durchbrechen  die  ital.  Front

bei  Flitsch  und  Tolmein.

25.  Vorstoß  der  Franzosen  vom  Damenweg  bis  zum

Aisne-Oise-Kanal  nördl.  von  Pinon-Chavigson.

Die  verbündeten  Truppen  überschreiten  die  Linie
Karfreit-Auzza.  Rückzug  der  Italicner  auf  der
Hochebene  Bainsizza-Heiliggeist.

26.  Schlacht  in  Flandern:  feindl.  Geländegewinn  bei
Bixschoote  und  Paschendaele.

Niederlage  der  2.  ital.  Armee.  Die  Verbündeten

ewinnen  den  Stol,  Kuk  und  Monte  Santo.
Rücktritt  des  deutschen  Reichskanzlers  Michaelis.

Dos  ital.  Kabinett  Boselli  tritt  zurück.

27.  Einmarsch  in  die  venezian.  Ebene.  Die  Deutschen
besetzen  Cividale,  die  Osterreicher  Monfalcone.

.  Amtsantritt  des  poln.  Regentschaftsrates.

28.  Rückgug  der  Italiener  gegen  den  Tagliamento.
Zurücknahme  der  ital.  Kärntnerfront  bis  zum
Plöckenpaß.  Einnahme  von  Udine.  Die  Osterreicher
  besetzen  Görz,  Cormons,  die  Podgorahöhe
und  den  Monte  San  Michele.

x.  Rücktritt  des  span.  Ministeriums  Dato.

30.  Schlacht  in  Flandern:  engl.-franz.  Angriff  im
Abschnitt  Houthoulster  Wald-Kanal  Dpern-Co-Bildung

  des  ital.  Kabinetts  Orlando.  Imines.

31.  Niederlage  der  Italiener  am  Tagliamento:  die

deutschen  und  österr.-ungar.  Truppen  besetzen  die

Brückenköpfe  Dignano  und  Codroipo.  Umfassung

der  ital.  Kräfte  bei  Latisana;  60000  Gefangene.

.  Beginn  einer  engl.  Offensive  an  der  Sinaifront.

U.  Hootbeule  im  Oktober:  674000  Ton.

November  1917.

1.  Rückzug  der  Italiener  hinter  den  Tagliamento.
Die  Verbündeten  besetzen  Gemona  und  den
Brückenkopf  von  Pinzano.  lengland.

1./2.  Deutscher  Luftangriff  auf  London  und  Südost-2.

  Zurücknahme  der  deutschen  Front  am  Damenweg
  hinter  die  Ailette.  (deutscher  Reichskanzler.

Der  bayr.  Ministerpräsident  Graf  v.  Ler#lig  wird

.  Deutsch-engl.  Seegesecht  am  Kattegatt.  Versenkung
  des  deutschen  Hilfskreuzers  =  Marie-.

3.  Engl.  Vorstoß  an  der  Tigrisfront.  Rückzug  der
Türken  auf  Tekrit.  lich  von  Guga.

Die  Engländer  besetzen  die  türk.  Stellungen  west-4.

  übergang  der  deutschen  und  österr.-ungar.  Truppen
  über  den  mittlern  Tagliamento.

.  Eröffnung  des  allrussischen  Kongresses  der  Arbeiter=
  und  Soldatenräte.

Bildung  des  span.  Ministeriums  Garcia  Prieto.

5.  Rückzug  der  Italiener  von  der  Dolomitenfront
bis  zum  Adriat.  Meer  *  den  Piave.

Die  Osterreicher  besetzen  Cortina  d’'Ampezzo,  den
Monte  Piano  und  Col  di  Lana.

6.  Schlacht  in  Flandern:  Paschendaele  wird  von  den
Engländern  genommen.

Die  Engländer  besetzen  Ghaza.

r

7.  Ital.  Niederlage  am  Monte  San  Simeone  (Ta-Die
  Engländer  besetzen  Askalon.  (gliamento).
.  Neue  Revolution  in  Rußland:  Sturz  der  vorläufigen
  Regierung.
Zurücknahme  der  türk.  Sinaifront  gegen  Jafsfa.
9.  Einnahme  von  Asiago,  Vigo  und  Pieve  di  Cadore
  durch  die  Osterreicher.

10.  Großkampftag  in  Flandern:  Abwehr  des  engl.

Durchbruchsversuchs  zwischen  Poelkapelle  und
*  Die  Deutschen  besetzen  Belluno.  (Paschendaele.
Der  ital.  Oberbefehlshaber  Cadorna  wird  durch
General  Diaz  ersetzt.
11.  Niederlage  der  Italiener  bei  Longarone.
13.  Die  Deutschen  besetzen  Primolano  und  Feltre.
.  Das  franz.  Kabinelt  Painlevé  wird  gestürzt.
17.  Bildung  des  franz.  Ministeriums  Clemenceau.
1*-Geländegewinn  der  österr.  Truppen  zwischen
Brenta  und  Piave.
Jaffa  wird  von  den  Engländern  besetzt.  (Bucht.
*Vergeblicher  Vorstoß  der  Engländer  in  die  Deutsche

20.  Schlacht  bei  Cambrai  (20.  Por.  bis  7.  Dez.).  Geländegewinn
  der  Engländer  zwischen  den  Straßen
Cambrai-Bapaume  und  Cambrai-Péronne.

Der  Schriftsteller  Joh.  v.  Kucharczewsli  wird
poln.  Ministerpräsident.  [Nada.

*Verkündung  der  Ukrainischen  Republik  durch  die

.  Deutschland  erweitert  die  Scesperre  westlich  von
England  und  im  Mittelmeer.

21.  Erneuter  Vorstoß  der  Engländer  gegen  Cambrai.

22.  Fähnrich  Krylenko  wird  russ.  Oberbefehlshaber.

24.  Schlacht  bei  Cambrai:  vergeblicher  Durchbruchsversuch
  der  Engländer  bei  Jnchy.  (Jerusalem.

25.  Geländegewinn  der  Engländer  nordwestl.  von

26.  Derruss.  Oberkommandierende  Krylenko  bietet  den
Deutschen  Waffenstillstandsverhandlungen  an.

27.  Schlacht  bei  Cambrai:;  engl.  Vorstöße  gegen  die
Linie  Bourlon-Fontaine.

28.  Vorschlag  der  russ.  Regierung  an  die  kriegführenden
  Staaten  Über  Waffenstillstands--  und  Friedensverhandlungen.


29.  Beginn  der  zehnten  Kriegstagung  des  deutschen
Reichstages:  der  Reichskanzler  Graf  Hertling  verkündet
  die  Bereitschaft  Deutschlands  zu  Friedensverhandlungen
  mit  Rußland.

30.  Großkampftag  bei  Cambrai:  deutscher  Gegensloß
und  Geländegewinn  zwischen  Moeuvres-Bourlon
und  der  Straße  Péronne-Cambrai.

.  U-Bootbeute  im  November:  607000  Ton.

Dezember  1917.

1.  Einbruch  der  deutsch-ostafrik.  Schutztruppen  in
Portugiesisch-Ostafrika  südl.  vom  Rovumafluß.

!*  Unabhängigkeitserklärung  Sibiriens.

2./3.  Schwere  Kämpfe  bei  Cambrai.

8.  Beginn  der  Waffenstillstandsverhandlungen  zwischen
  Rußland  und  dem  Vierbund  in  Brest  Litowsk.

4.  Ausdehnung  der  Waffenstillstandsverhandlungen
auf  die  rumän.  Front.

Angriff  der  österr.-ungar.  Truppen  in  den  Sieben
Gemeinden:  Eroberung  des  Meletta-Gebiets.

5.  Schlacht  bei  Cambrai:  Geländegewinn  der  Deutschen
  zwischen  Marcoing  und  Moeuvres.

-Abschluß  der  Wassenruhe  zwischen  den  Mittelmächten
  und  Rußland  für  die  Zeitvom  7.—17.Dez.

7.  Kriegserklärung  der  Vereinigten  Staaten  an
Osterreich-Ungarn.  "

8.  Ecuador  bricht  die  diplomat.  Beziehungen  zu
Deutschland  ab.
        <pb n="12" />
        6  I.  Kriegsgeschichte

9.  Die  Engländer  besetzen  Jerusalem.
-  Abschluß  des  Waffenstillstandes  an  der  rumän.
Front  in  Fokschani.

10.  Unabhängigkeitserklärung  des  Baschkirengebietes
durch  den  Kreisrat  in  Orenburg.  (dent.

11.  Bundesrat  Calonder  wird  schweiz.  Bundespräsi-.

  Panama  und  Kuba  erklären  Osterreich-Ungarn
den  Krieg.  ständig.
Der  litauische  Landesrat  erklärt  Litauen  für  seld-12.

  Deutscher  Vorstoß  zur  See  geg.  d.  Tyne-Mündung.

13.  Bildung  einer  unabhängigen  transkaukasischen
Regierung  in  Tiflis.

15.  Unterzeichnung  des  Waffenstillstandsvertrages
mit  Rußland  sar  die  Zeit  vom  17.  Dez.  bis  14.
Jan.  1918  in  Brest  Litowsk.  [Reichsmarineamt.

Errichtung  eines  U.  Boot-Amtes  im  deutschen

17.  Die  russ.  Regierung  in  Petersburg  erkennt  die
Ukraine  als  selbständige  Republik  an.

19.  Generaloberst  v.  Eichhorn  wird  Generalfeldmarschall.
  [Litowst.

22.  Beginn  der  Friedensverhandlungen  in  Brest

.  Das  Ergebnis  der  7.  deutschen  Kriegsanleihe  beträgt
  12,02  Milliarden  Mark.  ·

23.  Turkestan  erklärt  sich  als  Feloständige  Republik.

24.  Vizeadmiral  Wemyß  wird  an  Stelle  des  Admirals
  Jellicoe  Erster  Seelord.

28.  Anerkennung  des  Waffenstillstandes  zwischen  dem
Vierbund  und  Rußland  durch  die  Ukraine.

31.  Generaloberst  v.  Woyrsch  wird  Generalfeldmarschall.


VU-Bootbeute  im  Dezember:  702000  Ton.

Jannar  1918.

1.  Rußland  erkennt  diellnabhängigkeit  Finnlandsan.

3.  Der  russ.  Vorschlag  über  die  Verlegung  der  Friedensverhandlungen
  nach  Stockholm  wird  von  den
Mittelmächten  abgelehnt.

4.  Anerkennung  der  selbständigen  Republik  Finnland
durch  Deutschland,  Schweden  und  Frankreich.

5.  Die  Zeichnungen  auf  die  7.  österr.  Kriegsanleihe
ergeben  6,04  Milliarden  Kronen.

Wilson  gibt  im  Kongreß  die  amerikan.  Friedensforderungen
  bekannt.

11./12.  Schwerer  Konflikt  in  den  Friedensverhandlungen
  zu  Brest  Litowsk  über  das  Selbstbestimmungsrecht
  und  die  Räumung  derbesetzten  Gebiete.

12.  Eintritt  der  Ukraine  in  die  Friedensverhandlungen
zu  Brest  Litowsfk.  ldung.

15.  Deutscher  Vorstoß  zur  See  gegen  die  Themsemün-18.

  Eröffnung  der  russ.  Verfahanggebenden  Versammlung
  in  Petersburg  durch  den  Zentralausschuß
  aller  Sowjets.

19.  Die  Verfass  unggebende  Versammlung  in  Rußland
wird  von  den  Bolschewiki  mit  Gewalt  aufgelöst.

20.  Türk.-engl.  Seegefecht  bei  Imbros.

28.  Abbruch  der  diplomat.  Beziehungen  der  maximalistischen
  Regierung  in  Petersburg  zu  Rumänien.

Ausstand  in  verschiedenen  Gegenden  Deutschlands

ur  Herbeiführung  eines  sofortigen  demokratischen

riedens.  Bildung  eines  Arbeiterrates  in  Berlin

(30.  Jan.  aufgelöst).  lder  Vrenta.

28.—30.  Angriff  der  Italiener  zwischen  Asiago  und
31.  Starker  deutscher  Luftangrif  auf  Paris.
U-Bootbeute  im  Januar:  632000  Ton.

Februar  1918.

2.  Die  Ukrainische  Republik  wird  durch  die  Mittelmächte
  als  souveräner  Staat  anerkannt.

3.  Die  Generalobersten  v.  Böhm.-Ermolli  und  v.  Boroevic
  werden  zu  Feldmarschällen  ernannt.

5.  Bildung  des  ukrain.  Ministeriums  Holubowitsch.

9.  Unterzeichnung  des  Friedensvertrages  zwischen
den  Mittelmächten  und  der  Ukraine.  tières.

10.  Englischer  Vorstoß  bei  Warneton  und  Armen-.Rußland

  erklärt  den  Kriegszustand  mit  den  Mittelmächten
  ohne  Anerkennung  eines  Friedensvertrages
  für  beendet.  Abbruch  der  Friedensverhandlungen.


*.  Der  rumän.  Ministerpräsident  Bratianu  tritt  zurück;
  Nachfolger:  General  Avarescu.

14.  Die  österr.-ungar.  Truppen  besetzen  Brody.

Beginn  des  Vormarsches  der  Türken  in  Armenien:
  Sefehung  von  Erzingian.

15.  Deutscher  Vorstoß  in  den  Kanal  bis  zur  Linie
Grisnez-Follkestone.  lengl.  Generalstabschef.

16.  Sir  Henry  Wilson  wird  an  Stelle  Robertsons

17.  Die  Bolschewiki  besetzen  Kiew.

18.  Ablauf  des  Waffenstillstandes  an  der  großrussischen
  Front.  Deutscher  Vormarsch  auf  Dunaburg:
Besetzung  von  Dünaburg  und  Luzk.

é  Lord  Northcliffe  wird  Leiter  der  engl.  Propa

anda  in  den  feindlichen  Ländern.

20.  Einmarsch  der  Deutschen  in  Esthland:  Leal  besetzt.

*  Die  Deutschen  nehmen  Rowno.

21.  Hapsal  und  Minsk  werden  von  den  Deutschenbesetzt.

Einnahme  von  Jericho  durch  die  Engländer.

22.  Die  Deutschen  erobern  Dubno.

x.  Bildung  des  poln.  Ministeriums  Ponikowski.

23.  Die  Mittelmächte  fordern  durch  Ultimatum  von
Rußland  die  Annahme  der  Friedensbedingungen.

*  Rückkehr  des  deutschen  Hilfskreuzers  »Wolf«  nach
15monatiger  Fahrt  im  Atlantischen,  Indischen  u.
Stillen  Ozean  (Versenkungsziffer:  210000  Ton.).

24.  Die  Deutschen  besetzen  Pernau  und  Dorpat.

Die  deutschen  Friedensbedingungen  werden  von
Rußland  angenommen.  (durch  die  Türken.

.  Einnahme  von  Trapezunt  und  Mamachatum

25.  Die  Deutschen  nehmen  Reval  und  Pleskau.

28.  Einmarsch  österr.-ungar.  Truppen  in  Podolien.

.  U-Bootbeute  im  Februar:  608000  Ton.

März  1918.

1.  Die  Ukrainer  erobern  Kiew  zurück.  (Brest  Litowffk.
2.  Wiederaufnahme  der  Friedensverhandlungen  in
Die  Mittelmächte  fordern  in  einem  Ultimatum
von  Rumänien  die  Annahme  der  Bedingungen
für  den  Vorfriedensvertrag.
3.  Unterzeichnung  des  Friedenvertrages  zwischen
den  Mittelmächten  und  Rußland.
5.  Die  Deutschen  besetzen  die  Klandsinseln.
Unterzeichnung  des  Vorfriedensvertrages  zwischen
den  Mittelmächten  und  Rumänien.
7.  Der  Friedensvertrag  zwischen  Deutschland  und
Finnland  wird  in  Berlin  unterzeichnet.
10.  Tschitscherin  wird  an  Stelle  Trotzkis  russ.  Volkskommissar
  des  Auswärtigen.
12.  Die  Türken  erobern  Erzerum  zurück.
13.  Odessa  wird  von  den  Deutschen  besetzt.
15.  Kurland  wird  selbständiges  Herzogtum.
19.  Bildung  des  rumän.  Ministeriums  Marghiloman.
20.  Die  Deutschen  besetzen  Chersson.
.  Rücktritt  des  span.  inisteriums  Prieto.
21.  Beginn  der  deutschen  Offensive  in  Frankreich:
Ge  ändegewinn  zwischen  Mouch
22.  Vorstoß  der  Engländer  über  Es
gegen  die  Hedschasbahn.

und  La  Fere.
alt  (Palästina)
        <pb n="13" />
        Kriegskalender  7

22.  Bildung  des  span.  Ministeriums  Maura.
23.  Deutscher  Sieg  Über  die  Engländer:  Besetzung
des  Gebietes  Poronne-Ham.
1  Litauen  erklärt  sich  zum  selbständigen  Staat.
24.  Deutscher  Vorstoß  über  Bapaume-Nesle-Chauny.
26.  Vorstoß  der  Deutschen  zwischen  Ancre  und  Oise:
Besetzung  von  Albert,  Roye  und  Noyon.
27.  Montdidier  wird  von  den  Deutschen  erobert.
General  Foch  wird  Oberbefehlshaber  über  die
engl.-franz.  Kräfte  in  Frankreich.
31.  U-Bootbeute  im  März:  689000  Ton.

April  1918.
3.  Deutsche  Truppen  landen  in  Hangö.
Bildung  des  poln.  Ministeriums  Steczkowsfki.
4.  Geländegewinn  der  Deutschen  zwischen  Somme
und  Avre:  Hamel  genommen.
*  Die  Deutschen  besetzen  Jekaterinoflaw.
5.  Wladiwostok  wird  von  den  Japanern  besetzt.
8.  Deutscher  Vorstoß  nördl.  von  Soissons  bis  zum
Oise-Aisne-Kanal.
!*  Charkow  wird  von  den  Deutschen  erobert.
9.  Schlacht  bei  Armentieres:  deutscher  Vorstoß  über
die  Lys.  (Oollebeke.
10.  Deutfher  Vorstoß  im  Dpernbogen:  Besetzung  von
11.  Die  Deutschen  erstürmen  Armentieres  u.  Merville.
12.  Lundung  deutscher  Truppen  in  Finnland  zum
Schutze  der  Finnen  gegen  die  Bolschewili.
12./13.  Deutscher  Luftangriff  auf  Mittelengland.
13.  Die  Deutschen  besetzen  Helsingfors.
14.  Batum  wird  von  den  Türken  zurückerobert.
.  Der  österr.ung.  Minister  des  Außern  Graf  Czernin
  tritt  zurück;  Nachfolger:  Baron  Burian.
16.  Einnahme  von  Paschendaele,  Wytschaete  und
Bailleul  durch  die  Deutschen.
17.  Erstürmung  von  Poelkappelle,  Langemarck  und
onnebeke  durch  die  Deutschen.
20.  Einmarsch  der  Deutschen  in  die  Krim.
21.  Der  Flieger  Manfred  v.  Richthofen  fällt  bei  Saillyle-Sec
  an  der  Somme.
22.  Simferopol  wird  von  den  Deutschen  besetzt.
22./23.  Engl.  Seeangriff  gegen  Ostende  u.  Zeebrügge.
23.  Guatemala  erklärt  Deutschland  den  Krieg.
26.  Einnahme  von  Kars  durch  die  Türken.
27.  Rückzug  der  Engländer  im  Mypernbogen:  die
Deutschen  nehmen  Zillebeke  und  St.  Julien.
28.  Sidonio  Paes  wird  Präsident  von  Portugal.
29.  Wiborg  wird  von  finnländ.  Truppen  erobert.
.  Sturz  der  ukrainischen  Regierung.  General  Skoropadski
  wird  Hetman  der  Ukraine.
30.  Die  Deutschen  besetzen  Feodosia.
.  U-  Bootbeute  im  April:  652000  Ton.

Mai  1918.
1.  Einnahme  von  Sebastopol  durch  die  Deutschen.
3.  Deutscher  Sieg  über  die  bolschewist.  Truppen  bei
Lahti  (Finnland;  20000  Gefangene).

5.  Lord  French  wird  Vizekönig  von  Irland.

7.  Unterzeichnung  des  Friedensvertrages  zwischen

den  Mittelmächten  und  Rumänien  in  Cotroceni.

8.  Die  Deutschen  beseten  Rostow  (am  Don).

.  Nicaragua  erklärt  Deutschland  den  Krieg.
10.  Engl.  Seeangriff  gegen  Ostende.  [Wahlrecht  ab.
14.  Das  preuß.  Abgeordnetenhaus  lehnt  das  gleiche
22.  Beginn  der  russ.-ukrain.  Friedensverhandlungen.
25.  Costarica  erklärt  Deutschland  den  Krieg.

26.  Bildung  der  selbständigen  Republik  Georgien,
27.  Deutsche  Offensive  südlich  von  Laon:  Vorstoß
über  die  Aisne.

28.  Einnahme  von  Braisne  und  Fismes  an  der  Besle.
29.  Die  Deutschen  erobern  Soissons.
Abschluß  des  russ.-finnischen  Friedensvertrages.
30.  Die  Deutschen  erreichen  füdl.  von  Fere-en-Tardenois
  die  Marne.  lhaber  in  den  Marken.
Generaloberst  von  Linsingen  wird  Oberbefehls-31.
  U.  Bootbeute  im  Mai:  614000  Ton.

Juni  1918.
2.  Anerkennung  des  Hetmans  der  Ukraine  Skoropadski
  durch  die  Mittelmächte.
3.  Der  Flame  Coormann  wird  an  Stelle  de  Broquevilles
  belg.  Ministerpräsident.  lam  Ourcq.
7.  Franz.  Geländegewinn  an  der  Marne,  Aisne  und
1*  Abg.  Fehrenbach  wird  Präsident,  Scheidemann
2.  Vizepräsident  des  deutschen  Reichstages.
9.  Beusscher  Vorstoß  zwischen  Montdidier  und  Noyon
bis  zur  Linie  Mery-Mouchy-Carlepont.
11.  Die  achte  deutsche  Kriegsanleihe  ergibt  15,001
Milliarden  Mark.
15.  Osterr.  Offensive  an  der  Piavefront  und  in  Südtirol.
  Vorstoß  über  den  Piave.
Die  deutschen  Schutztruppen  halten  die  Gegend
um  Villa  Esperanca  (Portugies.-Ostafrika)  besetzt.
16.  Die  Osterreicher  besetzen  Capo  Sile  (Venetien).
*  Rücktritt  des  bulgar.  Ministeriums  Radoslawoff.
17.  Vorstoß  der  Osterreicher  am  unteren  Piave  bis
zum  Fosata  enoal.
18.  Malinoff  wird  bulgar.  Ministerpräsident.
19.  Kaukas.-Armenien  erklärt  sich  zum  unabh.  Staat.
20.  Ital.  Gegenstoß  in  Venetien:  die  esterr.  ungar.
Truppen  räumen  das  westl.  Piave-Ufer  im  Mon
tello-Gebiet.
22.  Eröffnung  des  poln.  Staatsrates  in  Warschau.
24.  Landung  engl.  Truppen  in  Murmansk  (Kola).
28./29.  Franz.  Vorstoß  nördl.  von  der  Lys  und  füdl.
von  der  Aisne.
29./30.  Ital.  Gegenoffensive  auf  der  Hochebene  der
Sieben  Gemeinden:  Einnahme  des  Col  di  Rosso-80.
  U.Bootbeute  im  Juni:  521  000  Ton.  TGebietes.

Juli  1918.
2.  Ital.  Vorstoß  an  der  Piave-Mündung:  Rückzug
der  österr.-ungar.  Truppen  hinter  den  Piave.
3.  Sultan  Mohammed  V.  stirbt  in  Konstantinopel.
*.  Thronbesteigung  Mohammeds  VI.
6.  Ermordung  des  deutschen  Gesandten  Grafen  Mirbach
  in  Moskau  durch  russ.  Sozialrevolutionäre.
8.  Ital.  Offensive  in  Albanien:  Einnahme  von  Fieri.
*  Rücktritt  des  deutschen  Staatssekretärs  des  Auswärtigen
  v.  Kühlmann;  Nachfolger:  Admiral
v.  Hintze.  Berat-Fieri.
9.  Rückzug  der  österr.-ung.  Truppen  hinter  die  Linie

14.  Exzar  Nikolaus  II.  von  Rußland  wird  auf  Befehl
der  Bolschewiki  in  Jekaterinburg  erschossen.

15.  Deutsche  Offensive  bei  Reims:  Vorston  über  die
Marne  östl.  von  Dormans  und  bis  zur  Linie
Prosnes-Souain-Perthes.

16.  Rücktritt  des  Feldmarschalls  Conrad  v.  Hötzendorf.

*  Haiti  erklärt  Deutschland  den  Krieg.

18.  Offensive  der  Franzosen  zwischen  Aisne  und
Marne:  Einnahmedes  Gebietes  Fonteny-Neuilly-Chäteau-Thierrg.


19./20.  Rückzug  der  Deutschen  hinter  die  Marne.

20.  Rücktritt  des  österreichischen  Ministerpräsidenten
v.  Seidler;  Nachfolger:  Frhr.  Hussarek  v.  Heinlein.

20./21.  Rückverlegung  der  deutschen  Front  zwischen
Soissons  und  Marne.

21.  Ital.-franz.  Vorstoß  in  Albanien  nördl  von  Berat.
        <pb n="14" />
        8  J.  Kriegsgeschichte

22.  Verkündung  der  Republik  Turkestan.
.  Honduras  erklärt  Deutschland  den  Krieg.
26./27.  Rückzug  der  Deutschen  nördl.  von  der  Marne
bis  zur  nee  Hartennes-Fere-en-Tardenois-Ville-en-Tardenois-Ardre.

29.  Die  Tschechoslowaken  beleßen  Jekaterinburg.
30.  Osterr-ungar.  Gegenoffensive  in  Albanien  nördl.
von  Verat.  durch  russ.  Sozialrevolutionäre.
.  Ermordung  des  Feldmarschalls  v.  Eichhorn  in  Kicw
31.  Beginn  der  russ.-finn.  Friedensverhandlungen.
.  U--Bootbeute  im  Juli:  550000  Ton.

August  1918.

Einnahme  von  Soissons  durch  die  Franzosen.
Admiral  Scheer  wird  Chef  des  deutschen  Admiral-Die
  Engländer  besetzen  Archangelsk.  stabes.

.  Rückzug  der  Deutschen  zwischen  Cois  ons  u.  Fimes

inter  die  Aisne  und  Vesle.
*  Ernennung  des  Generalobersten  Grafen  Kirchbach
um  deutschen  Oberbefehlshaber  in  der  Ukraine.
7.  Der  franz.  Oberbefehlshaber  Foch  wird  Marschall
von  Frankreich.  [Einnahme  von  Montdidier.
8.  Engl.-franz.  Offensive  zwischen  Ancre  und  Oise:
11.  Abwehr  eines  fepeie  engl.  Angriffs  gegen  die
Deutsche  Bucht.  snes:  Einnahme  von  Albert.
22.  Offensive  der  Engländer  im  Gebiet  Arras-Chaul-25.
  Die  österr.-ungar.  Truppen  nehmen  Fieri  u.  Berat
(Albanien).  (sons  hinter  die  Ailette.
.  Rückzug  der  Deutschen  zwischen  Noyon  und  Sois-27.

  Die  Deutschen  räumen  Roye  und  Bapaume.

28.  Die  Franzosen  nehmen  Nesle  und  Noyon.

29.  Die  Engländer  gewinnen  Combles  und  Péronne.

31.  Rückzug  der  Deutschen  zwischen  YDpern  u.  La  Bassse.

Die  Engländer  besetzen  das  Kemmelgebiet.
.  U-Bootbeute  im  August:  420  000  Ton.

September  1918.
2.  Zurücknahme  der  deutschen  Front  im  Gebiet  von
Tambrai.  im  deutschen  Hauptquartier.
8.  Einrichtung  eines  Stabes  der  Seekriegsleitung
Die  Vereinigten  Staaten  erkennen  die  Ochechnl
slowaken  als  verbündete  kriegführende  Macht  an.
4.  Vorstoß  der  Franzosen  östlich  von  Soissons  gegen
die  Aisne.
6.  Deutscher  Rückzug  zwischen  Cambrai  und  Vailly.
12.  Einnahme  des  Bogens  von  St.  Mihiel  durch
amerikanische  Kräfte.
Brasilien  erklärt  Osterreich-Ungarn  den  Krieg.
14.  Friedensvorschlag  Osterreich-Ungarns.
15.  Durchbruch  der  engl.-franz.  Orientarmee  durch
die  bulgar.  Front  zwischen  Doiran  und  Monastir.
18.  Rückzug  der  Bulgaren  östlich  von  der  Cerna.
Wiederaufnahme  der  engl.  Offensive  in  Palästina
zwischen  Jordan  und  dem  Meere.
20.  Die  Engländer  erobern  Nazareth.
21.  Demirkapu  wird  von  englisch-serb.  Kräften  besetzt.
23.  Die  Bulgaren  verlieren  Prilep  und  Gewgheli.
.  Die  Engländer  nehmen  Haifa  und  Akka-Rücktritt
  des  japan.  Ministerpräsidenten  Terautschi;
  Nachfolger:  Sajjonji.
25.  Wassenstillstandsangebot  der  Bulgaren  an  die
Entente.  lpagne-Argonnen.
26.  Beginn  der  franz.  Offensive  im  Raum  Cham-Bildung
  der  tschechoflowakischen  Regierung  in
Paris.  lund  Maas.
27.  Zurücknahmeder  deutschen  Front  zwischen  Suippes
29.  Beginn  der  engl.-belg.  Offensive  im  Ypernbogen.
Usküb  wird  von  den  Frankosen  besetzt.
Waffenstillstand  zwischen  Bulgarien  u.  der  Entente.

—.

29.  Rücktritt  des  deutschen  Reichskanzlers  Grafen
Hertling;  Nachfolger:  Prinz  Max  von  Baden.
30.  U.  Bootbeute  im  September:  440000  Ton.

Oktober  1918.
1.  Eroberung  von  St.  Quentin  durch  die  Franzosen.
2.  Die  Engländer  besetzen  Armentieres  und  Lens.
.  Damaskus  wird  von  den  Engländern  genommen.
Rückzug  der  österr.-ungar.  Truppen  in  Albanien.
Beral  wird  geräumt.
3.  Abdankung  des  Zaren  Ferdinand  von  Bulgarien.
4./5.  Friedensersuchen  der  Mittelmächte  an  Wilson.
6.  Rücktritt  des  türk.  Großwesirs  Talaat  Pascha  und
des  Kriegsministers  Enver  Pascha;  Izzet  Pascha
wird  Großwesir.
8.  Das  span.  Ministerium  Maura  tritt  zurück.
Einnahme  von  Beirut  durch  die  Engländer.
9.  Cambrai  wird  von  den  Engländern  besetzt.
*.  Rücktritt  des  preuß.  Kriegsministers  v.  Stein;
Nachfolger:  General  Scheüch.
10.  Die  Bulgaren  räumen  Prizren  und  Pristina.
-  Landgraf  Friedrich  Karl  von  Hessen  wird  zum
König  von  Finnland  gewählt.
12.  Nisch  wird  von  den  Serben  besetzt.
13.  Einnahme  von  Laon  durch  die  Franzosen.
14.  Die  Engländer  besetzen  Roeselare.
Turazzo  wird  von  den  Italienern  genommen.
16.  Livland  und  Estland  werden  von  Deutschland  als
freie  selbständige  Staaten  anerkannt.  Ostende.
17.  Die  Deutschen  räumen  Douai,  Lille,  Roubaix  und
Kaiser  Karl  verkündet  die  Umwandlung  Österreich-Ungarns
  in  einen  Bundesstaat.  (Engländer.
19.  Besetzung  von  Brüczee  und  Kortryk  durch  die
23.  Bildung  des  ungar.  Ministeriums  Andrässy.
Italien.  Offensive  an  der  Brenta  und  am  Piave:
Durchbruch  durch  die  österr.-ung.  Front  im  Mon-26.
  Die  Engländer  erobern  Aleppo.  ltello-Gebiet.
28.  Sonderfriedensangebole  Osterreich-Ungarns  und
der  Türkei.  (slawischen  Staates.
Bildung  des  deutsch-  österr.,  tschechischen  und  füd-30.
  Die  österr.=  ungar.  Truppen  beginnen  die  Näumung
  des  besetzten  Gebietes  in  Italien.
".  Waffenstillstand  zwischen  der  Türkei  und  den
Ententemächten.  ldenten  Grafen  Tisza.
31.  Ermordung  des  früheren  ungar.  Ministerpräsi-Rücktritt
  des  deutschen  Generalquartiermeisters
Ludendorff;  Nachfolger:  General  Groener.

November  1918.

1.  Die  Serben  besetzen  Belgrad.  lder  Entente.

2.  Waffenstillstand  zwischen  Osterreich-Ungarn  und

3.  Einnahme  von  Gent  durch  die  Engländer.

*  Beginn  der  Revolution  in  Deutschland  mit  dem
Ausstand  der  Matrosen  in  Kiel.  Bildung  von
Soldaten-  und  Arbeiterräten.  lzu  Rußland.

5.  Abbruch  der  diplomat.  Beziehungen  Deutschlands

7.  Die  deutsche  oberste  Heeresleitung  ersucht  Foch  um
Bekanntgabe  der  Waffenstillstandsbedingungen.

Ausbruch  der  Revolution  in  München.  Schriftsteller
  Eisner  wird  Ministerpräsident.

9.  Abdankung  Kaiser  Wilhelms  II.  lvon  Baden.

Rücktritt  des  deutschen  Reichskanzlers  Prinz  Max

-Ausrufung  der  sozial.  Republik  Deutschland.  Bildung
  der  Regierung  Ebert-Haase.  Ebert  wird  deutscher
  Reichskanzler.  [Walde  bei  Compiègne.

"  Heinn  der  Waffenstillstandsverhandlungen  im

10.  Exkaiser  Wilhelm  trifft  in  Holland  ein.
11.  Unterzeichnung  des  Wassenstillstandes  zwischen
Deutschland  und  der  Entente.
        <pb n="15" />
        Kriegskalender  9

11.  Beginn  des  deutschen  Rückzugs  aus  den  besetzten
.  Abdankung  Kaiser  Karls  I.  (Gebeelen.
12.  Die  Franzosen  besetzen  Alexandrette  Edren
-Verkündung  der  odeutsch-österreich  Republik.
*.  Abdankung  König  Friedr.  Augusts  III.  v.  Sachsen.

13.  Thronentsagung  König  Ludwigs  III.  v.  Bayern.

.  Das  Ergebnis  der  9.  deutschen  Kriegsanleihe  beträgt
  10,337  Milliarden  Mark.

14.  Gemäß  den  Waffenstillstandsbedingungen  ergibt
sich  die  deutsch-ostafrikan.  Schutztruppe  am  Sambesi
  den  Engländern.

17.  Metz  wird  von  den  Franzosen  besetzt.

21.  Einzug  der  Franzosen  in  Straßburg.

Beginn  der  Auslieferung  der  deutschen  Hochseeflotte
  an  die  Engländer.

22.  Verkündung  der  Republik  Lettland.

30.  Die  Wahlen  zur  deutschen  Nationalversammlung
werden  auf  den  19.  Jan.  1919  festgesetzt,  diese  wird
auf  den  16.  Febr.  1919  einberufen.  li#emberg.

Thronentsagung  König  Wilhelms  II.  von  Würt-Dezember

  1918.
1.  Der  deutsche  Kronprinz  verzichtet  auf  seine  Kron-Aachen
  wird  von  den  Belgiern  besetzt.  (rechte.
4.  Die  Amerikaner  besetzen  Trier.
6.  Besetzung  Kölns  durch  die  Engländer.
8.  Mainz  wird  von  den  Franzosen  besetzt.
10.  Einzug  der  Amerikaner  in  Koblenz.
13.  Verlängerung  des  Waffenstillstandes  mit  den
Ententestaaten  bis  19.  Jan.  1919.  lpadski.
14.  Abdankung  des  Hetmans  der  Ukraine  Skoro-15.
  Polen  bricht  die  Beziehungen  zu  Deutschland  ab.
20.  Ernennung  des  Grafen  v.  Brockdorff-Rantzau
zum  deutschen  Staatssekretär  des  Auswärtigen.
29.  Verzicht  des  Prinzen  Friedrich  Karl  von  Hessen
auf  den  finnischen  Thron.
Ausscheiden  der  Unabhängigen  Sozialdemokraten
aus  der  deutschen  Regierung.  lpartei  in  Berlin.
30.  Bildung  der  deutschen  Kommuynistischen  Arbeiter-Jannar

  1919.
5.  Der  ehemal.  deutsche  Reichskanzler  Graf  Hertüg
stirbt  in  Ruhpolding.  [stirbt  in  Neuyork.
Der  früh.  Präsident  der  Ver.  Staaten  Roosevelt
5.—  13.  Aufstand  der  Spartakisten  in  Berlin.

15.  Tötung  der  Spartakusführer  Karl  Liebknecht  und

Rosa  Luxemburg  während  der  Berliner  Unruhen.
Die  Engländer  besetzen  Medina.

16.  Verlängerung  des  Waffenstillstandes  zwischen

Deutschland  und  der  Entente  um  einen  Monat.
x.Thronverzicht  der  Großherzogin  Marie  Adelheid
von  Luxemburg.

18.  Bildung  des  poln.  Ministeriums  Paderewsli.

19.  Im  Deutschen  Reiche,  mit  Ausnahme  von  Elsaß-Lothringen,
  finden  die  Wahlen  zur  Nationalversammlung
  statt.

20.  Die  deutsche  Nationalversammlung  wird  auf  den
6.  Febr.  1919  nach  Weimar  einberufen.  (der.

28.  Ubernahme  der  Baghdadbahn  durch  die  Englän-Februar

  1919.
3.  In  Bern  wird  die  internalionale  Sozialisienkonferenz
  eröffnet.  lin  Weimar.
6.  Eröffnung  der  deutschen  Nationalversammlung
10.  Die  deutsche  Nationalversammlung  nimmt  die
vorläufige  Reichsverfassung  an.
11.  Der  Volksbeauftragte  Ebert  wird  Reichspräsident.
13.  Ernennung  des  Volksbeauftragten  Scheidemann
zum  Ministerpräsidenten.

14.  Wilson  verösffentlicht  den  Verfassungsentwurf  für

den  Völkerbund.  lland  und  der  Entente.
15.  Waffenstillstandsverlängerung  zwischen  Deutsch-21.
  Ermordung  des  bayer.  Ministerpräs.  Eisner  in

München.
März  1919.
4.  Eröff.  der  deutsch-österr.  Nationalversammlung  in
4.—11.  Spartakistenaufstand  in  Berlin.  (Wien.
21.  Bildung  einer  revolutionären  Sowjetregierung

in  Budapest.
April  1919.
8.  Ausrufung  der  Räterepublik  in  München.
22.  Die  Polen  besetzen  Wilna.
24.  König  Nikolaus  von  Montenegro  wird  von  der
südslawischen  Nationalversammlung  abgesetzt.

Mai  1919.
2.  Beginn  der  Friedensverhandlungen  zwischen
Deutschland  und  der  Entente  in  Versailles.

3.  Einnahme  Münchens  durch  die  Regierungstruppen;
  Sturz  der  Räteregierung.
7.  Überreichung  der  Friedensbedingungen  an  die

deutsche  Delegation  in  Versailles.
9.  Die  Deutschen  räumen  Litauen.
0.  Kriegserklär,  der  ruf.  Sowjetregierung  an  Polen.
u  -Riga  wird  von  den  Letten  erobert.  Versatlle
überreichung  der  deutschen  Gegenvorschläge  in

Juni  1919.

2.  Die  Friedensbedingungen  werden  der  österr.  Delegation
  in  Saint-Germain  überreicht.

Die  Entente  lehnt  die  deutschen  Friedensvorschläge
ab  und  fordert  bedingungslose  Unterzeichnung.

Rücktritt  des  Ministeriums  Scheidemann.

.  Bildung  des  Kabinetts  Bauer.

Versenkung  der  in  der  Bucht  von  Scapa  Flow
internierten  deutschen  Kriegsschiffe  durch  die  deutschen
  Besatzungen.  ([Friedensbedingungen  an.

.  -Die  deutsche  Nationalversamml.  nimmt  die  feindl.

Rücktritt  d.  Generalfeldmarschalls  v.  Hindenburg.

.  Unterzeichnung  des  Friedensvertrages  zwischen
Deutschland  und  der  Entente  in  Versailles.

Juli  1919.
9.  Der  deutsche  Reichspräsident  Ebert  ratifiziert  den
Friedensvertrag  von  Versoailles.
.Aufhebung  der  Blockade  gegen  Deutschland.
.  England  ratisiz.  den  Friedensvertr.  mit  Deutschl.

September  1919.
2.  Die  Entente  überreicht  den  österr.  Delegierten  die
endgültigen  Friedensbedingungen.
Osterreich  unterzeichnet  den  Friedensvertrag  mit
der  Eniente.  .
Oktober  1919.
6.  Ratifikation  des  Versailler  Friedensvertrages  durch
Italien.  (Frankreich.
.  Ratifikation  des  Versailler  Friedensvertrages  durch
Osterreich  ratifiziert  den  Friedensvertrag  v.  Saint-Germain.



November  1919.
Bulgarien  erklärt  sich  zur  Unterzeich,  des  Friedensvertrages
  v.  Neuilly  bereit  (Ralif.:  14.  Jan.  1920).

Jannar  1920.
Austausch  der  Ratifikationsurkunden  zwischen
Deutschland  und  dem  Britischen  Reiche,  Frankreich,
  Italien,  Japan.  Belgien,  Bolivien,  Brasilien,
Guatemala,  Peru,  Polen,  Siam,  der  Tschechoslowakei
  sowie  Uruguay  zu  Paris.

14.

10.

—
        <pb n="16" />
        10

Kriegsberichte  aus  dem  Großen
Hauptquartier  1917/18

VBorbemerkung.  Da  die  fachmännische  Darstellung  der  militärischen
  Ereignisse  beschränkt  werden  mußte,  bringen  wir  zu  ihrer
Ergänzung  im  Anschluß  an  den  Kriegskalender  hier  die  wichtigsten
  Berichte  aus  dem  Großen  Hauptquartier  über  die  Kampfhandlungen
  (bis  Oft.  1918).

Erankreichs  Ansturm  gegen  die  Armeen  des
deutschen  Kronprinzen  im  Jahre  1917.

Mit  Spannung  haben  die  kämpfenden  Völker,  wie
die  wenigen  noch  neutral  gebliebenen  Mächte  des  Erdballs
  im  zweiten  Halbjahr  1917  das  Ringen  Englands
um  die  Eroberung  der  deutschen  U-Boot-Basis  verfolgt.
  Insbesondere  nahm  das  deutsche  Volk  an  der
Flandernschlacht#  leidenschaftlichen  Anteil.  War  doch
das  Ziel  des  englischen  Riesenansturmes  jene  Stelle,
von  der  aus  die  furchtbare  Bedrohung  nach  Englands
Heten  zielte.  Zudem  gingen  jene  Kämpfe  um  den

esitz  Ost-  und  Westflanderns,  also  um  Gebiete,  die
von  einer  uns  verwandten  Devöllerung  bewohnt  sind.
Zudem  erkannte  das  deutsche  Volk  in  den  Flandernämpfen

  das  Wettringen  eines  Teiles  unserer  Landstreitkräfte

  mit  jener  gewaltigen  Heeresmacht,  die
unser  ingrimmigster  Feind,  das  Inselreich,  sich  eigens
zum  Zweck  unserer  Vernichtung  im  Laufe  der  drei
Kriegsjahre  geschaffen  hatte.

Unter  der  Wucht  dieser  Umstände  wurde  die  Anteilnahme
  der  Heimat  von  jenen  Kämpfen  abgelenkt,
die  weiter  südlich  im  mittleren  Abschnitt  unserer  Westfront
  Frankreichs  Streitkräfte  in  gewaltigem  Anprall
wider  die  Armeen  des  deutschen  Kronprinzen  geworfen
  hatten,  jenen  Kämpfen,  die  eine  nicht  minder  blutige
  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Südflügel  unserer
  Angriffsfront  im  Westen  und  der  gesamten
Kriegsmacht  Frankreichs  zum  gleichen  siegreichen  Ende
geführt  haben  wie  in  Flandern.

Der  Grundzug  der  Kämpfe  des  Jahres  1917  im
Westen  ist,  daß  der  Angriff  unserer  Feinde,  der  als
geschlossener  Ansturm  einer  einzigen  zusammenhänenden

  Front  geplant  und  bis  in  die  letzten  Einzelgeiten
  hinein  vorbereitet  war,  durch  unser  Zurückehen
  auf  die  Siegfriedstellung  in  zwei  räumlich,  zeitich
  und  in  ihrem  strategischen  Gesamtverlaufe  völlig
voneinander  getrennte,  gewaltige  Angriffshandlungen
  zerrissen  worden  ist.  Nicht  Schulter  an  Schulter,
wie  beabsichtigt,  sondern  jeder  für  sich  haben  Engländer
  und  Franzosen  versuchen  müssen,  in  immer
erneutem  Anlauf  unsere  Westfront  zu  zerschmettern.
Während  aber  England  noch  bis  unmittelbar  an  den
Jahresschluß  mit  scheinbar  ungeschwächter  Kraft  seine
Angriffe  unter  fortwährender  Verschiebung  des  örtlichen
  Angriffsstreifens  und  Angriffszieles  seinen
Massensturm  lortleßen  konnte,  "  der  französische
Anprall  sozusagen  schon  am  ersten  Tage  der  Frühjahrsschlacht
  so  entscheidungsvoll  niedergerungen
worden,  daß  Frankreich  sich  von  dieser  Frühjahrsoffensive
  nicht  wieder  hat  erholen  können.  Vielmehr
mußte  es  sich  mit  begrenzten  Einzelstößen  begnügen.
Einige  örtliche  Erfolge  haben  diese  Tatsache  nicht  zu
verschleiern  vermocht.

Unverkennbar  hatte  unsere  Siegfriedbewegung  die
Geduld  des  französischen  Volkes  völlig  aus  der  Fassung
  gebracht  und  so  die  französische  Heeresleitung
#zwungen.  bald  die  erstrevte  Entscheidung  zu  suchen.

ewundernswert  erschien  damals  die  Schnelligkeit,

1  Jull  bis  November.

I.  Kriegsgeschichte

mit  der  die  französische  Führung  die  notwendig  gewordene
  Umgruppierung  ihrer  Kräfte  zum  Abschluß
gebracht  zu  haben  glaubte.  Der  Erfolg  hat  bewiesen,

aß  die  letztere  Annahme  eine  Täuschung  gewesen  ist.

I.  Die  Aisne-Champagne-Schlachtt.

Als  Engländer  und  Franzosen  noch  hoffen  konnten,
  in  geschlossener  Front  unsere  westliche  Kampflinie
  zu  Üüberrennen,  hatten  sie  schon  umfassende  Vorsehrungen
  getroffen,  den  vorspringenden  Winkel  unserer
  Westfront  um  die  Stadt  Noyon  herum  einzudrücken.
  Nun  wir  uns  dem  lange  vorbereiteten

emeinschaftlichen  Angriff  unserer  Feinde  entzogen
hatten,  lag  es  nahe,  den  neuen  Angriff  dort  anzulehnen,
  wo  schon  Vorbereitungen  größeren  Stiles  im
Werke  waren,  nämlich  gegenüber  unserer  Front  von
der  Aisne--Höhe,  die  von  dem  Fort  Condé  gekrönt
wird,  bis  zu  den  Champagnehöhen  westlich  vom
Dorf  Aubérive.  Welch  ungeheure  Kräfte  Frankreich
damals  einsetzte,  dafür  nur  folgende  Zahlen:  Bei
Beginn  des  Angriffs  standen  in  zwei  mächtigen
Hauptgruppen  zusammengeballt  in  vorderster  Front
28  Divisionen,  dicht  dahinter  in  Reserve  33  Divisionen,
  weiter  zurück  nochmals  20  Divisionen,  also
insgesamt  81  Infanteriedivisionen,  und  zu  sofortiger
Ausnutzung  des  mit  Bestimmtheit  erhofften  Erfolges
7  Kavalleriedivisionen  auf  einer  rund  100  km  breiten
  Front  bereit.  Auf  gleicher  Höhe  stand  die  technische
  Vorbereitung.  Wenigstens  am  nunmehrigen
linken  Flügel  der  umgelagerten  Einbruchsstelle,  dem
Gelände  östlich  von  Soissons,  konnten  die  für  den
gemeinschaftlichen  Ansturm  geplanten  Einrichtungen
voll  benutzt  werden.  Hier  war  hinter  der  französischen
  Front  eine  „Angriffsfestunge  mit  verschwenderischen
  Mitteln  ausgebaut  worden.  In  zwei  Gruppen
  stand  je  ein  halbes  Hundert  Tanks  bereit.  Überall
befanden  4  kunstvoll  angeordnete  Gleissysteme,  auf
denen  sich  cisengepan  zerte  Batteriewagen  schwersten
Kalibers  vorschieben  konnten.

1.

Der  französische  Plan  ging  dahin:  An  zwei  Punkten
  des  erwählten  Angriffsgeländes  mit  aller  Kraft
durchzustoßen.  Nach  erfolgtem  Durchbruch  sollten
die  beiden  Angriffsgruppen  nach  innen  einschwenken
und  das  deutsche  Grabengebiet  mit  den  darin  eingebauten
  Verteidigungsmitteln  abkneifen  und  erdrücken,
um  dann  letzten  Endes  unsere  Siegfriedfront  von
Süden  nach  Norden  aufzurollen.  Pi  Wucht  des
Hauptstoßes  erstreckte  sich  auf  die  ganze  Front  nördlich
  von  Reims  über  Condé  bis  Laffauz=  Eine  Nebenhandlung
  war  aus  Reims  heraus  eingeleitet,  um
durch  den  Fall  der  Feste  Brimont  die  deutsche  Stellung
  im  ersten  Anlauf  zu  erschüttern.

ie  zweite  große  Hauptunternehmung  war  vollkommen
  selbständig  mit  dem  größten  Teil  der  durch
die  Siegfriedbewegung  ihres  Angriffszieles  beraubten
Truppen  in  der  Champagne  vorbereitet  worden.  Ihre
Aufgabe  war:  In  erster  Linie  die  wichtigen  Höhenüge
  zu  nehmen,  die  die  Wasserscheide  zwischen  dem
berlauf  der  Aisne  und  der  Suippes  bilden  und  das
abfallende  Gelände  gegen  Pont-Faverger  beherrschen.
Auch  dieser  Angriffsgruppe  war  ein  Nebenunternehmen
  am  äußersten  rechten  Flügel  bei  Ville-  sur-Tourbe
  angegliedert.

Während  der  Hauptstoß  in  die  deutsche  Flanke  und

Mitte  am  16.  April  erfolgte,  setzte  sich  die  Champagne-1

  Bgl.  hierzu  die  Karte  „  Atsne  und  Champagner.
        <pb n="17" />
        <pb n="18" />
        K#######er

Eér  ’“.

4  zu.

it  n

###  #

'  #.  -
«  s—  -..·  *“**
"  s  5*/„  4
«  s-  ’,-  «V-  -
..-  5r  r  à5
B  F—  –  *.
"D  2  —Vc  -  .  «
-  ..  H
2  *7  -  ·  .·

Alstlsxn(’H«-1.UPA6leJ
Anril  ·  Oktober  1W17.
„Nasab  200000

—

J-4####e##  —  “  #rs-#s.

—

*-op-–  —  7vJ.

e
.“.

·
-  NHectirist

*  4

—  .—
*

73
1.

—
————

r

Nrætiri

*"“  Ssfiluire
-  —.  4  ·  l  l
n.  -  EINIGE-«  I«,K«,2««k

A

7N

4
        <pb n="19" />
        Kriegsberichte:  Frankreichs  Ansturm  gegen  die  Armeen  des  deutschen  Kronprinzen  1917

gruppe  erst  einen  Tag  später  in  Marsch.  Der  Angreifer
  erlitt  eine  furchtbare  Enttäuschung.  Wohl
vermochten  die  Stürmer  am  16.  April  die  Täler,  die
vom  Aisnefluß  zu  den  Nordhängen  emporführen,  bis
zum  Höhenzug  des  Chemin  des  Dames  zu  ersteigen
  und  diesen  vielfach  zu  überfluten.  Wohl  gelang
es  weiter  östlich  bei  Juvincourt,  eine  Einbuchtung
der  deutschen  Front  zu  erzielen.  Weiter  östlich  aber,
im  Norden  der  Feste  Reims,  hielten  die  Pommern
Unerschütterlich  die  vorderste  deutsche  Linie,  auch  Brimont
  hielt,  und  lediglich  füdöstlich  von  der  Feste  bei
Bétheny  wurde  ein  dritter  unbedeutender  Geländegewinn
  erzielt,  während  an  der  Laffauxecke  sich  der
Verteidiger  durch  planmäßige  Räumung  dem  umfassenden
  Stoß  entzog.

Dasist  der  Erfolg  des  französischen  Hauptstoßes  am
16.  April  und  das  Gesamtergebnis  der  Kämpfe  am
nächsten  Tage.  Der  französischen  Obersten  Heeresleitung
  muß  schon  am  Abend  des  ersten  Schlachttages  klar
gewesen  sein,  ihr  Hauptunternehmen  seivollständigzusammengebrochen.
  Die  französischen  Verluste  haben
jedes  bisher  dagewesene  Maß  überstiegen.  Die  Absetzung
  Nivelles  und  vieler  Führer,  die  zahlreichen

eutereien  liefern  den  Beweis.

In  der  Champagne  gelang  es  den  französischen
Sturmkolonnen,  die  Bergkuppen  südlich  von  Moronvillers
  zu  überrennen.  Aber  der  Gegenstoß  zweier
brandenburgischer  Divisionen  hat  dem  Feinde  den
Hauptteil  des  Gewinnes  bis  auf  einige  Höhenpunkte
wieder  entrissen.  An  dieser  Stelle  #  ein  Zentrum
für  Dauerkämpfe  entstanden,  die  sich  durch  den  Sommer
  1917  mit  wechselndem  Erfolge  hingezogen  haben.

Auch  vor  der  Gesamtfront  der  Kronprinzenarmee

ab  der  Angreifer  sich  keineswegs  mit  dem  Scheitern
seines  ersten  Anlaufs  zufrieden.  Er  warf  die  zum
Nachstoß  bestimmten  Reserven  zu  Teilangriffen  in
die  vorderste  Linie,  und  als  auch  diese  verbraucht
waren,  zog  er  Division  über  Division  aus  anderen
Frontabschnitten  heraus  und  schob  sie  in  die  Dauerschlacht.
  Aus  der  großen  Zahl  der  heftigen  Stöße,
mit  denen  er  es  immer  und  immer  wieder  unternahm,
werden  hier  nur  die  Großkumpftage  hervorgehoben.
So  brachten  auf  der  Hauptkampffront  zwischen
Soissons  und  Reims  noch  der  18.  und  19.  April
heftige  Angriffe  fast  auf  der  ganzen  Front  der  dort
kämpfenden  deutschen  Armee.  Einen  ganz  schweren
Borstoß  brachten  der  5.  und  6.  Mai  gegen  die  gesamte
  Bergfront  dieser  Armee  auf  35  km  Breite
unter  Einsatz  von  neun  frischen  Divisionen,  die  an
der  ehernen  Haltung  der  Verteidiger  scheiterten.  Auch
der  7.,  10.,  11.  und  12.  Mai  brachten  hitzige  Einzelstöße,
  vor  allem  am  Chemin  des  Dames  und  am
Winterberg,  die  aber  nur  unwesentliche  örtliche  Erfolge
  eintrugen.  An  der  Champagnefront  hat  der
Gegner  durch  einen  großen  ungrif  am  30.  April
noch  einmal  versucht,  den  ihm  durch  den  brandenburgischen
  Gegenstoß  entrissenen  Geländegewinn  zum
zweitenmal  in  seine  Hand  zu  bringen.  Auch  später
haben  an  dieser  Stelle  die  Kämpfe  die  Sommermonate
hindurch  angedauert.

2.

Mit  dem  Zusammenbruch  des  französischen  Gesamtplanes
  hat  sich  das  Bild  der  Kämpfe  an  der
Front  der  Kronprinzenarmeen  von  Grund  aus  gewandelt.
  Allmählich  gingen  die  Deutschen  aus  der
elastischen  Berteidigung  zum  Angrif  über.  Ihnen
wurden  nur  begrenzte  Ziele  gesteckt,  d.  h.  starke  französische
  Kräfte  vor  der  Aisnefront  zu  binden  und  den

11

Feind  zum  Einsatz  immer  neuer  Divisionen  zu  zwinen.

  Aus  der  Reihe  dieser  in  zahllose  Einzelkämpfe
a  auflösenden  Gefechte  sollen  hier  die  prachtvollen
Unternehmungen  in  dankbare  Rückerinnerung  gehoben
  werden,  deren  Ziel  die  Wiedergewinnung  des
Chemin  des  Dames  war.

Die  Aisne-Champagneschlacht,  die  nach  Vorberei-=tung
  und  Kräfteeinsatz  bis  dahin  als  die  größte  aller
westlichen  Entscheidungsschlachten  bezeichnet  werden
muß  —  130  frangösishhe  Divisionseinheiten  waren
bis  August  verbraucht  worden  —,  hat  sonach  mit
einem  vollen,  auf  die  Dauer  auch  vom  Feind  anerkannten
  Siege  der  Kronprinzenarmeen  geendigt.  Der
Nachfolger  Nivelles,  der  vorsichtigere  Pétain,  verichtete

  auf  weitgesteckte  Durchbruchsziele  mit  breiter
Front  und  kehrte  zum  Angriff  mit  starken  Massen
auf  engbegrenztem  Raum  zurück.

II.  Französische  Einzelstöße.

Nach  dem  Zusammenbruch  der  großen  Durchbruchsoffensive
  hat  die  französische  Vollsertrelung
wegen  des  im  übermaß  vergossenen  Blutes  von  der
Obersten  Heeresleitung  Rechenschaft  gefordert  und
das  feierliche  Versprechen  erhalten,  von  weiteren  großen
  Blutopfern  Abstand  nehmen  zu  wollen.  Die  allemeine

  Entwicklung  hat  die  Einhaltung  dieses  Verprechens
  hintertrieben.  Es  mag  dahingestellt  bleiben,
ob  England  eine  Unterstützung  seiner  flandrischen  Offensivschlacht
  durch  einen  französischen  Nebenangriff
erzwungen  hat,  oder  ob  es  die  Verhältnisse  beim  russischen
  Verbündeten  waren,  der  ebenfalls,  und  gewiß
auf  englisches  Drängen,  seine  Heeresmassen  noch  einmal
  zu  einem  verzweifelten  Vorstoß  hat  aufpeitschen
müssen.  In  dem  Bestreben,  das  neue  Blutopfer
wenigstens  zu  einem  Prestigeerfolg  auszubeuten,  hat
die  französische  Heeresleitung  den  gar  nicht  so  un-Aücklichen
  Einfall  gehabt,  bei  Verdun  anzugreifen.

ie  hatte  erkannt,  daß  die  neue  deutsche  Verteidigungsmethode,
  die  sich  nicht  auf  Festhalten  einzelner  Geländepunkte
  versteift,  hier  dem  Angreifer  Anfangserfolge
  erblühen  lassen  könne,  die  gerade  hier  dem
Prestigezweck  förderlich  sein  mußten.

Als  im  Sommer  1916  die  deutsche  Verdun-Offen.
sivet  abgebrochen  wurde,  waren  auf  dem  linken  Maasufer
  als  vorderste  Stütpunkte  der  gewonnenen  Linie
in  deutschen  Händen  jene  beiden  kahlen  Höhenzüge
verblieben,  die  während  schwerster  Kampfmonate  das
Ziel  weltberühmter,  monatelanger  und  naminlos
opfervoller  Kämpfe  gewesen  waren:  der=  Tote  Mannund
  -»Höhe  3044.  Mit  Bestimmtheit  durfte  die  französische
  Führung  darauf  rechnen,  daß  ein  örtlich  begrenzter
  und  wohlvorbereiteter  Angriff  die  Deutschen
zwingen  würde,  diese  Punkte  bei  Verdunt“  dem  Anreifer

  zu  Überlassen.  Diesen,  aber  auch  nur  diesen
Erfolg  haben  die  französischen  Angriffe  im  Auguft
auf  dem  linken  Maasufer  erreicht.  Der-Tote  Mann:
ist  den  Franzosen  im  ersten  Anlauf  in  die  Hand  gefallen
  2,  die  Höhe  304=  erst“,  nachdem  sie  durch
mehrere  Tage  einer  zähen  Gegenwehr  hindurch  gegen
wütende  Anturme  hat  gehalten  werden  können.  Auf
dem  rechten  Maasufer  dagegen  hat  die  erneute  Verdunschlacht
  nur  die  Rückgewinnung  einer  schmalen
Geländezone  gebracht,  die  einstmals  im  ersten  Anprall
der  Februaroffensive  deutscher  Besitz  geworden  war.

Wenn  aber  der  General  Guillaumat,  der  Führer
  in  der  neuen  Verdunschlacht,  als  ihr  Ziel  bezeich-1

  S.  Bd.  M.  S.  196.  —  :  Ugl.  die  Kame  Bd.  U,  S.  197.—
20.  August.  —  4  24.  August.
        <pb n="20" />
        12

net  hatte:  dégager  Verdun«  —  das  verrammelte
Ausfalltor  des  Eckpfeilers  der  französischen  Ostfront
wieder  aufzustoßen,  so  ist  dieses  Ziel  nicht  erreicht
worden.  Am  rechten  Schulterpunkt  der  französischen
Angriffsfront  hatte  schon  vor  dem  Losbruch  der  neuen
französischen  Verdun-Offensive  ein  Unternehmen  der
Badener  den  rechten  Arm  des  Angreifers  gelähmt,
so  daß  die  neue  Verdunschlacht  dem  Angreifer  zwar
seinen  so  dringend  benötigten  Moralerfolg  gebracht
hat,  dann  aber  am  Heldenmut  der  Verteidiger  allmählich
  ermüdet  u.  zuletzt  erloschen  ist.  14—15  franz.
Divisionen  kehrten  zermürbt  in  ihre  Lager  zurück.

Der  englische  Bundesgenosse  hat  noch  einen  zweien
  Bruch  der  feierlichen  Zusage  (s.  oben)  erzwungen.
Er  bedurfte  dringend  neuer  Opfer  der  bis  zur  Unerträglichkeit
  angespannten  Volkskraft  seines  kontinentalen
  Waffenbruders.  Denn  die  Flandernschlacht  kam
nicht  vorwärts.  Allen  Anstürmen  zum  Trotz  behaupleten
  die  Deutschen  die  Sperre,  die  sie  vor  die  U-Boot-Basis
  gelegt  hatten,  und  wenn  es  noch  eines  Beweises
bedurft  hätte,  daß  die  neue  Verdunschlacht  ruhmlos
erloschen  sei  —  die  französische  Führung  hat  ihn  geliefert,
  indem  sie  schon  von  Mitte  September  ab  einen
Ansatzpunkt  für  einen  örtlichen  Vorstoß  einzurichten
trachtete.  Ihre  Wahl  fiel  auf  die  »Laffauxecke«,  jenen
scharf  ausspringenden  südwestlichen  Winkel,  der  von
uns  nach  der  Aisneschlacht  gehaltenen  neuen  Linie
am  Damenweg,  südlich  von  der  Ailettet.  Eshandelte
sich,  strategisch  angeschaut,  um  eine  Wiederaufnahme
eines  Hauptgedankens  der  Aisneschlacht,  allerdings  in
verkleinertem  Maßstab,  um  Eindrückung  des  äußersten
südwestlichen  Vorsprungs  unserer  Westhront  und,  entfernter,
  um  die  Rückeroberung  der  Stadt  Laon.

Auch  hier  ist  den  Franzosen  ein  Anfangserfolg  beschieden
  gewesen?,  der  jedoch  abermals  in  völligem
Mißverhältnis  steht  zu  der  verdichteten  Zusammenballung
  der  französischen  Angriffomittel  auf  einen
kärglich  schmalen  Frontabschnitt.  Noch  einmal  bahnte
sechstägiges  Trommelfeuer  den  französischen  Sturmtruppen
  einen  blutdurchtränkten  Einbruchspfad.  Noch
einmal  kam  der  Entschluß  der  deutschen  Führung,
auf  unhaltbar  gewordenen  Geländeteilen  keine  sinnlosen
  Menschenopfer  mehr  zu  bringen,  dem  französischen
  Bedürfnis  nach  Scheinerfolgen  entgegen,  inden
wir  einen  Teil  unserer  vorderen  Linien  auf  die  rückwärtsgelegenen
  Höhenkämme  verlegten.  Eine  strategische
  Auswirkung  ist  den  französischen  Waffen  auch
diesmal  versagt  geblieben.  Die  übliche  Beute  an  deutschen
  Gefangenen  und  eingebautem  Kriegsgerät,  so
schmerzlich  sie  uns  auch  sein  mußte,  ist  eine  dürftige
Entschädigung  für  neue  schwere  Blutsteuer  und  abermals
  zerschmetterte  Hoffnungen,  die  den  Franzosen
schließlich  als  einziges  Endergebnis  des  letzten  diesjährigen
  Ansturms  verblieben  ist.

Arras  19175.

Die  Front  der  Arrasschlacht  reicht  von  Loos  im
Norden  bis  Quéant  im  Süden  und  wird  durch  die
Scarpe,  die  bei  Blangy  unsere  Linie  in  östlicher  Richtung
  überschreilet,  in  nahezu  gleiche  Teile  zerlegt.
Die  Stadt  Arras,  welche  der  Schlacht  den  Namen
1r#  hat  für  die  Kampfhandlung  selbst  lediglich  die

edeutung  einer  Hauptstelle  für  die  Regulierung  des
feindlichen  Nachschubs  und  eines  Schlupfwinkels  für
englische  Arlillerie  und  Bereitschaften.  Die  infolge-1

  Vgl.  die  Karte,  S.  11.  —  :  Rückzug  der  Deutschen  hinter
die  Ailetie  am  2.  November.  —  3  Vgl.  die  Karte,  S.  84.

I.  Kriegsgeschichte

dessen  längst  zusammengeschossenen  Trümmer  der
Stadt  sind  von  der  Zivilbevölkerung  geräumt.

In  der  Ausführung  der  englischen  Durchbruchsabsicht
  lassen  sich  an  der  Arrasfront  drei  zeitlich  und
methodisch  umgrenzte  Abschnitte  unterscheiden:

1)  In  der  Woche  von  Ostermontag,  dem  9.  April,
bis  zum  13.  des  Monats,  der  große,  gleichmäßig  starke,
frontale  Anprall  auf  der  ganzen  Front,

2)  von  Mitte  bis  Ende  April  allgemeine  Angriffe
auf  der  ganzen  Front,  unter  Verlegung  des  Hauptdruckes
  erst  auf  den  südlichen,  dann  auf  den  nördlichen
  Teil  unserer  Linie,

3)  Kämpfe  mit  dem  Schwergewicht  auf  einzelnen
Geländepunkten  in  den  Angriffen  des  Mai  und  Juni.

I.  Der  erste  Anprall.

1.

Der  erste  große  Durchbruchsversuch  am  Ostermontag
  (9.  April)  war  vorbereitet  durch  wochenlanges
planmäßiges  Wirkungsschießen  der  feindlichen  schweren
  Artillerie,  das  in  zusammengefaßten,  oft  krampfartigen
  Feuerüberfällen  die  einzelnen  Strecken  und
Punkte  unseres  Grabennetzes,  soweit  sie  ihrer  Erdbeobachtung
  zugänglich  waren,  allmählich  unsere  Gräben
  in  Trichterstellungen  verwandelte.  Der  durch  das
Wetter  motertief  aufgeweichte  Boden  ließ  eine  Wiederherstellung
  nicht  zu.  Wo  die  Unterstände  nachgegeben
hatten,  stand  die  Besatzung  schutzlos  in  Frost  und
Feuer.  Die  Beschießung  wuchs  von  Tag  zu  Tag  an
Stärke,  setzte  wie  zu  einer  letzten  Pause  der  Sammlung
  zwei  Tage  vor  dem  großen  Angriff  plötzlich  aus,
begann  am  Abend  des  8.  April  aufs  neue  mit  zermürbenden
  Feuerwellen  auf  unsere  Infanterie  und
Gasbeschuß  auf  unsere  Batterien  und  schwoll  am  9.
früh  nach  5  Uhr  mit  größter  Heftigkeit  zu  einem  gewaltigen
  Trommelfeuer  an.  Die  ganze  Linie  Souchez--Hénin
  sur  Cojeul  stand  für  zwanzig  Minuten  im
Wirbelsturm  aufspritzender  Erdfontänen.  Von  einer

eradezu  unerträglichen  Wucht  war  das  feindliche
Artilleriefeuer  bei  der  Straße  Neuville  St.  Vaast-Thelus,
  dem  Schauplatz  jahrelanger  Grabenkämpfe,
und  weiter  südlich  bei  der  Straße  St.  Laurent-Athies-Fampoux,
  wodie  Engländer  nach  eigener
Angabe  auf  eine  Breite  von  5  km  456  Feldgeschütze,
240  schwere  und  schwerste  Geschütze  und  268  Grabenmörser
  auf  unsere  Linie  wirken  ließen.

Es  bestand  sonach  kein  Zweifel,  daß  der  Gegner
sein  engeres  Ziel  darin  suchte,  an  diesen  beiden  Stellen
  frontal  Keile  in  unsere  Linie  zu  treiben,  die  sich
hernach  fächerartig  zerteilen  und  unser  Grabennetz
nach  Norden  und  Süden  aufrollen  sollten.  Der  Infanterieangriff
  fand  einen  wohlvorbereiteten  Boden.
Zwar  wurden  die  ersten  Angriffswellen  von  unseren
noch  kampffähigen  Maschinengewehren  und  dem
Sperrfeuer  unserer  Artillerie  größtenteils  aufgerieben;
  dem  nun  folgenden  Ansturm  englischer  Massen
konnte  jedoch  die  erste  und  zweite  Linie  unserer  vorderen
  Stellung  keinen  dauernden  Widerstand  leisten.

An  den  beiden  obenbezeichneten  Einbruchstellen  gelang
  es  den  Engländern,  ziemlich  tief  in  unsere  Stellung
  einzudringen,  so  daß  ihnen  die  Möglichkeit  tatsächlich
  eröffnet  war,  dort  die  noch  enerschlktert  gebliebenen
  Teile  unserer  Linie  von  Norden  nach  Süden
zu  umfassen.  Diese  Absicht  gelang  ihnen  im  Süden
nur  bis  zur  Linie  Westrand  Roeup-Bestrand  Henin
sur  Cojeul.  Im  Norden  verblieb  preußischen  Regimentern
  der  Ostteil  der  Vimy-Höhen,  während  westlich
  von  Givenchy  und  nördlich  davon  uns  nicht  ein-
        <pb n="21" />
        Kriegsberichte

mal  die  vorderste  Linie  verlorenging.  Im  Raume
zwischen  den  Straßen  Arras  -Lens  und  Arras-Garrelle
  sahen  sich  Teile  einer  bayerischen  Reservedivision
  der  drohenden  Umfassung  aus  Thelus,  Farbus
  im  Norden  und  Fampoux  im  Süden  gleichzeitig
ausgesetzt.  Dank  dem  Eingreifen  beherzter  Unterführer
  gelang  es,  durch  glänzend  durchgeführten  Gegenstoß
  und  besonnener  Gruppierung  der  vorhandenen
  Kräfte  nach  Nordwesten  und  Westen  den  Flankenstoß
  abzuwehren.  Um  die  Wucht  des  englischen
Ansturmes  zu  ermessen,  genügt  der  Hinweis,  daß  die
Truppenmacht,  die  auf  etwa  100  —150  m  unserer
Linie  angesetzt  war,  in  der  Gegend  von  Roclincourt
auf  3—4  Bataillone  geschätzt  wurde.  Am  Nachmittage
  des  9.  April  fügten  Söbne  der  bayerischen  Hochebene
  aus  schnell  eingerichteten  Stellungen  mit  cinigen
Batterien  den  in  der  Gegend  von  Thelus  und  Farbus
eingenisteten  schottischen  Hochländern  derartige  Verluste
  bei,  daß  sie  an  eine  weitere  Ausdehnung  ihres
Gewinnes  an  diesem  Tage  nicht  mehr  denken  konnten.

Das  Ergebnis  desersten  Schlachttages  war
für  die  Engländer  die  Eroberung  eines  busenförmig
in  unsere  Front  vorgeschobenen  Gebietes,  begrenzt
durch  eine  Linie,  die,  auf  dem  Ostrande  der  Vimy-Höhe
  beginnend,  westlich  von  Vimy  vorbeilief,  das
Dorf  Farbus  einschloß,  sodann  südlich  von  Bailleul
bis  vor  Gavprelle  nach  Osten  abbog,  um  sodann  in
südlicher  Nichtung  am  Ostrand  Fampoux  und  Westrand
  Roeux  Anlehnung  zu  suchen  und  endlich  in
nach  Westen  stark  ausgebogenem  Laufe  nordwestlich
von  Héninel  in  unsere  alte  Stellung  wieder  einzumünden.
  Die  Dörfer  Thelus,  Farbus,  St.  Laurent,
Athies,  Fampoux,  Fenchy,  Tilloy  und  Neuville-Vitasse
  waren  für  uns  verloren.

2.

Am  Abend  des  9.  April  hatte  sich  die  Wucht  des
feindlichen  Angriffs  in  sich  selbst  verzehrt.  Die  Nacht
verlief  ruhig.  Auch  am  nächsten  Tage  fühlte  sich  der
Gegner  nicht  stark  genug,  die  Gewinne  des  ersten
Schlachttages  in  allgemeinem  Nachstoß  zu  vergrößern.
Er  vereinigte  vielmehr  seine  Kräfte  zu  einer  mit  allem
Nachdruck  geführten  Unternehmung  gegen  Monchy.
Dieser  hochgelegene  Ort  beherrschte  die  gegenüberliegenden
  Höhen  von  Fampoux  vollkommen.  Sollten
  diese  gehalten  werden,  so  mußte  Monchy  fallen
und  im  Anschluß  daran  Gucmappe,  Wancourt  und
Heninel.  In  den  Morgenstunden  des  Osterdienstags
rollte  der  Gegner  daher  zunächst  den  in  Linie  Fenchy-Fancourt
  verlaufenden  sogenannten  Monchy--Riegel,
eine  unserer  rückwärtigen  Stellungen,  teilweise  auf.
Nachdem  er  so  freies  Feld  gegen  die  ö  von  Monchy
gewonnen  hatte,  setzte  er  gegen  die  ganze  Front  von
der  Scarpe  bis  Héninel  starte  Angriffe  an,  die  durch
Reiterei  und  Tanks  verstärkt  wurden.  Die  Kämpfe,
die  mit  ungeheurer  Erbitterung  bis  in  die  Nacht  hinein
  dauerten  u.  dem  dicht  anlaufenden  Feinde  schwere
Verluste  kosteten,  endeten  damit,  daß  unsere  Stellung
  im  allgemeinen  voll  behauptet  wurde.  Unklarheit
herrschte  nur  südwestlich  von  MonchS-  u.  bei  Wancourt.

In  den  Morgenstunden  des  11.  April  loderten  die
feindlichen  Angriffe  südlich  von  der  Scarpe  sofort
wieder  auf.  Diesmal  gelang  es  den  Engländern,
Monchy  zu  nehmen  und  gegen  die  tagsüber  einsetzenden
  Gegenangriffe  zu  behaupten.  Dagegen  hatten
die  glechzeiug  fortgesetzten,  mit  15  Tanks  begleiteten
Stöße  der  feindlichen  Massen  auf  Wancourt  und
Heninel  auch  bis  zum  Abend  des  11.  April  keinen
Erfolg.  Der  Verlust  von  Monchy  machte  jedoch  die

:  Arras  1917  13
Zurücknahme  unserer  Linie  südwestlich  von  diesem
Ort  um  etwa  einen  Kilometer  notwendig,  wollte  man
den  Gegner  nicht  im  Rücken  haben.  Wir  gaben  daher
in  der  Nacht  vom  11.  auf  den  12.  April  Wancourt
auf,  behielten  aber  den  Westrand  von  Héninel  in  dem
Bereich  unseres  Widerstandes.

Der  hierdurch  zum  Ausdruck  kommende  endgültige
Verzicht  auf  Monchy  ging-auf  Erwägungen  zurück,
die  auch  nördlich  von  der  Scarpe  zu  einer  Verlegung
unserer  Linie  führen  sollten  und  inhaltlich  der  Gewinnung
  eines  neuen  Verteidigungsgerippes  den
Vorzug  verschafften  vor  Versuchen,  in  verlustreichen
Gegenangriffen  Gelände  zurückzugewinnen,  das  nun
einmal  verloren  war.

Nördlich  von  der  Scarpe  hatte  nämlich  der  Widerstand
  der  Preußen=  und  Bayernregimenter  am
9.  April  zwar  den  überlegenen  Feind  zum  Halten
gezwungen,  gleichzeitig  aber  eine  Linie  geschaffen,  die
ihm  im  weiteren  Verlaufe  der  Kämpfe  eine  starke
Flankenwirkung  auf  die  vorstehenden  Nasen  bei  Bailleul
  und  Givenchy  in  Richtung  Süd-Nord  unter
gleichzeitigem  Frontaldrucke  in  Richtung  West-Ost  erlaubt
  hätte.  Dem  zu  begegnen,  entschlossen  wir  uns
am  12.  April,  in  eine  neue  Linie  zurückzugehen,  die
in  einer  vor  mehr  als  Jahresfrist  vorbereiteten  Reservestellung
  erwünschte  Anlehnung  fand.  Ihr  Verlauf
  schließt  von  Norden  her  folgende  Geländeteile
ein:  Westrand  von  Lens,  Avion,  Mericourt,  Acheville,
  Arleux  en  Gohelle,  Oppy,  Ostrand  von  Garrelle
und  Roeux.  Sie  vereinigt  sich  westlich  von  Moulin  de
Pelves  mit  unserer  neuen  Linie  südlich  von  der  Scarpe.

Die  Zurücknahme  unserer  Front  gab  uns
die  Möglichkeit  der  Verteidigung  in  einer  selbstgewählten
  klaren  Linie,  beraubte  den  Gegner  der  unmittelbaren
  Einsicht  in  unsere  Stellungen  von  den
Farbus=  und  Vimyhöhen  herunter  und  setzte  ihn
außerstande,  sich  weiter  seiner  bisherigen  ausgebauten
  Artilleriestellungen  zu  bedienen.  r  mußte  seine
Batterien  teils  bis  fast  auf  die  Höhen,  teils  bis  über
die  Höhen  herunter  ins  Tal  vorziehen  und  kam  dadurch
  zum  Teil  mit  seinen  Batterien  wie  mit  seiner
Infanteriestellung  in  den  Wirkungsbereich  unserer
Beobachtung.  Endlich  gewannen  wir  dadurch,  daß
wir  ihn  zu  einem  neuen  Aufbau  seiner  Kampfmittel
zwangen,  Zeit,  uns  für  neue  Angriffe  vorzubereiten.
Wie  glücklich  diese  Maßnahme  war,  beweist  allein  der
Umstand,  daß  mit  ihrem  Vollzug  dem  Anfangserfolg
der  Engländer  ein  Ziel  gesetzt  war.  Sie  erreichten
von  da  ab  nichts  Nennenswertes  mehr.

Unsere  Verluste  waren  bis  zum  13.  April  entsprechend
  dem  Aufwand  an  Munition  und  Einsatz  an
Infanteriemassen  seitens  des  Gegners  hauptsächlich
an  Gefangenen  keineswegs  gering,  überstiegen  aber
durchaus  nicht  dasjenige  Maß,  mit  dem  bei  jedem
ersten  Durchbruchsversuche  unter  dem  heutigen  Aufwand
  an  Artilleriemunition  gerechnet  werden  musz.

II.  Die  großen  Angriffe  am  23.  und  28.  April.

1.

Die  Rückverlegung  unserer  Front  nördlich  von  der
Scarpe  blieb  Föchst  unbemerkt.  Während  jedoch
von  Bailleul  bis  westlich  von  Mericourt  die  beiderseitigen
  Patrouillen  entlang  unserer  neuen  Linie  sich
verhältnismäßig  rasch  ins  Gleichgewicht  setzten,  gelang
  es  uns  weiter  nördlich  in  der  Gegend  von  Loos,
Licvin  und  Lens,  in  langen  Vorfeldkämpfen  den
Gegner  aufzuhalten.  Erst  am  22.  April  ließen  sich
unsere  Vorposten  östlich  von  Loos  nach  starkem  feind-
        <pb n="22" />
        14

lichen  Artilleriefeuer  auf  die  Hauptstellung,  die  mit
unseren  Hauptkräften  längst  besetzt  war,  zurülckdrücken.
  Zu  einem  großen  Angriffe  war  der  Gegner
auch  nach  dem  13.  Äpril  noch  nicht  fähig.  Um  den
Anschein  einer  einheitlich  fortgelehien  Unternehmung
zu  erwecken,  reihte  er  an  die  letzten  Nachstöße  des
ersten  Ansturms  Einzelangriffe  kleineren  Stils,  die
er  aber  immerhin  mit  beträchtlichem  Kräfteaufwand
ins  Werk  setzte.  Er  schaffte  sich  dadurch  die  Möglichkeit,
  in  die  Vorbereitung  zu  einem  neuen  allgemeinen
zngriffe  unauffälliger  überzuleiten.
rnstliche  Absicht  zu  Angriffen  dieser  Art  bekundete
  der  Gegner  hauptsächlich  südlich  von  der  Straße
Arras-Gavrelle  und  der  Scarpe.  Nachdem  er
sich  bereits  am  12.  April  1917  in  zweimaligem  Anlaufe
  aus  Le  Point  du  Jour-Fampoux  schwere  Verluste
  geholt  hatte,  setzte  er  am  Abend  des  13.  und  am
14.  April  die  ganze  Front  südlich  von  der  Scarpe
bis  Sensoce-Bach  unter  teilweise  zum  Trommelfeuer
esteigerte  Artilleriewirkung.  Die  wiederholt  einetzenden
  Infanterieangriffe  wurden  jedesmal  unter
schwersten  Verlusten  für  die  Engländer  abgewiesen.
Ein  örtlicher  Erfolg,  den  sie  in  überraschendem  Vorken
  am  15.  April  abends  bei  Höhe  92  an  Straße
ancourt-Chêrisy  hatten,  führte  zu  einer  Reihe
wechselvoller  Gefechte,  die  bald  in  den  Vorbereitungskämpfen
  zu  einer  neuen  großen  feindlichen  Unternehmung
  aufgingen.

Seit  dem  16.  April  war  aus  der  Gegend  südlich
von  der  Scarpe  vermehrte  feindliche  Artillerietätigkeit
gemeldet  worden.  Der  Gegner  begann  dort  mit  Einschießen
  auf  unsere  Infanterielinie,  Artilleriestellunen

  und  Hintergelände.  Nördlich  von  der  Scarpe
ag  zwischen  Arleux  und  Roeux,  ferner  bei  Loos  zunehmendes
  Zerstörungsfeuer.  Der  Gegner  bekämpfte
mit  seinen  von  Tag  zu  Tag  an  Zahl  zunehmenden
schweren  Batterien  abschnittsweise  unsere  neue  Linie,
während  er  sich  mit  seinen  Erdarbeilen  allenthalben
näber  an  uns  heranschob.  Die  Dörfer  in  und  hinter
unserer  Front,  die  uns  als  Stüfwnkte  dienen  konnten,
  erhielten  Zerstörungsfeuer  schwerster  Kaliber.

Von  unserer  Seite  war  alles  geschehen,  den  zu  erwartenden
  Möglichkeiten  die  Stirn  zu  bieten.  Unsere
schwere  Artillerie  hatte  die  feindlichen  Batterien  unter
Feuer  genommen  und  ihnen  gezeigt,  daß  die  schönen
Sommezeiten  für  sie  vorüber  waren,  wo  die  Verhältnisse
  ihnen  gestatteten,  wochenlang  ungestraft  auf
unsere  brave  Infanterie  loszutrommeln.  Die  Zeiten
waren  dahin,  da  der  Gegner,  wie  an  der  Somme,
sich  zuweilen  gar  nicht  erst  die  Mühe  nahm,  seine
Batterien  vor  dem  Angriff  auf  unsere  Linien  einzuschießen,
  sondern  sie  im  Angriff  selbst  durch  zahllose
Flieger  und  Fesselballone,  die  eine  ungehemmte  Betriebsamkeit
  entfalteten,  auf  unsere  sich  regende  Infanterie
  oder  Sperrfeuer  abgebende  Artillerie  zu  lenken
  wußten.  Wie  1916  der  Name  Beoelcke  diesem
Treiben  ein  rasches  Ende  bereilete,  so  bewiesen  diesmal
  Freiherr  v.  Richthofen  und  seine  Getreuen  dem
Gegner,  daß  es  mit  Massenaufgebot  nicht  getan  ist.

2.

Das  feindliche  Artilleriefeuer  hatte  sich  bis  zum
21.  April  auf  der  ganzen  Front  in  solchem  Maße  gesteigert
  daß  man  mit  einem  bevorstehenden  Angriff
m  großen  Slil  rechnen  konnte.  Der  Gegner  führte
seine  Massen  da  und  dort  durchs  Gelände  auf  die
Plätze,  wo  sie  ihr  Stichwort  zu  erwarten  hatten,  schon
vor  ihrem  Auftreten  von  unserer  Artillerie  lebhaft

I.  Kriegsgeschichte

beschossen.  Mehrfache  Angriffe  auf  unsere  Fesselballons
  zeigten  uns,  daß  auf  seindlicher  Seite  etwas  vorging.
  was  wir  nicht  sehen  sollten.

m  21.  April  kontrollierte  die  gegnerische  Artillerie
zwischen  Oppy  und  Gavrelle  in  aller  Form  die  Lage
ihres  Vernichtungsfeuers,  und  an  der  Scarpe  drang
der  Gegner  sogar  nach  Trommelfcuer  und  Beschießung
  mit  Rauchgranaten  in  geringer  Breite  vorübergehend
  mit  Infanterie  in  unsere  Stellung  ein.
Ein  nach  sehr  starker  Feuervorbereitung  am  22.  Upril
vormittags  9  Uhr  erfolgter  Infanterieangriff  am
äußersten  Ende  der  Kampffront,  in  der  Gegend  von
Loos,  der  die  Engländer  vorübergehend  in  unsere
Stellung  führte  und  der  etwas  aus  dem  Rahmen  der
sonstigen  Angriffsvorbereitungen  siel,  hatte  offenbar
nur  den  Zweck,  unsere  Reserven  nach  Norden  zu
locken,  während  der  Hauptstoß  im  Süden  der
Kampffront  geplant  war.

In  der  Nacht  auf  den  23.  April  lebhafte  Artillerietätigkeit,
  die  bis  4  Uhr  morgens  sich  erheblich  steigerte
und  nach  zwei  weiteren  Stunden  zu  kurzem  Trommelfeuer
  überging.  Die  Spannung  löste  sich.  Auf  der

anzen  Front  von  Loos  bis  Bullecourt  war  der
fanteriekampf  im  Gange.  Während  uns  der  Feind
von  Lens  bis  Avion  den  Hanzen  Tag  über  nur  mit
etwa  drei  Brigaden  beschäftigte,  führte  er  bei  Gavrelle,
Roeux,  Monchy  und  südlich  davon  gewaltige  Kräfte
vor.  Seine  Absicht,  da  frontal  weiter  zu  bohren,  wo
er  bisher  den  meisten  Erfolg  zu  verzeichnen  hatte,
trat  unverkennbar  zutage.  Er  fand  hier  auch  die  besten
Voraussetzungen  für  das  Gelingen  seiner  Pläne:  in
und  um  Arras  die  bewährten  alten,  hinter  Athies  und
Fampoux  neue  Batteriestellungen,  die  rückwärtigen
Verbindungen  unserer  direkten  Beobachtung  entzogen,
Nachschub  und  Anmarsch  durch  das  Straßen=  und
Bahnnetz  um  Arras  in  hohem  Grade  begünstigt.

Den  feindlichen  Massen  gelang  es.  gedeckt  durch  die
Rauchwand  der  ganz  ausnehmend  starken  Artillerievorbereitung
  und  unter  Einsatz  von  Tanks,  zunächst
im  Anlauf  unsere  Infanterie  von  Gavrelle  bis  zur
Scarpe  hinter  eine  Linie  zurückzudrücken,  die  vom
Ostrand  von  Gavrelle  bis  zu  dem  von  Roeux  verlief.
Aber  schon  setzte  der  Gegenangriff  ein.  Gavrelle
wurde  umfassend  von  Norden  und  Osten  wiedergestürmt,
  die  Höhe  südlich  von  Gavrelle  und  Ortschaft

veux  gleichfalls  wiedergewonnen.  Bahnhof  Roeux
verblieb  zunächst  dem  Gegner.  Südlich  von  der  Scarpe
hatten  sich  die  Württemberger  den  ganzen  Tag  über
voll  behauptet.  Wo  der  Feind  im  ersten  Ansturm  sonst
kleine  Vorteile  erringen  konnte,  wurden  sie  ihm  nachmittags
  wieder  entrissen.  Abends  ½6  Uhr  hatten  wir

im  wesentlichen  unsere  alte  Linie  wiedergewonnen.

Die  englischen  Divisionen,  unter  denen  an  diesem
Tage  drei  bereits  zum  zweiten  Male  in  der  Arrasschlacht
  eingesetzt  waren,  hatten  nach  Gefangenenaussagen
  den  Befehl,  unter  allen  Umständen  den  Durchbruch
  nördlich  und  südlich  von  der  Scarpe,  vor  allem
aber  an  der  Straße  Arras-Cambrai  zu  erzwingen.
Ab  5  Uhr  30  nachmittags  überschütteten  sie  daher
unsere  ganze  Linie  von  Oppy  bis  südlich  von  Fontaine
  aufs  neue  mit  stärkstem  Trommelfeuer.  Eine
Stunde  später  stürmten  neue  Massen  mit  neuen  Tankgeschwadern
  gegen  unsere  Linien.  An  ein  Durchkommen
  war  nicht  mehr  zu  denken.  Nördlich  von  der
Scarpe  verbluteten  sich  die  englischen  Massen  schon
in  unserem  Artilleriefeuer.  Hart  am  Südrande  des
Flusses  verloren  die  Württemberger  auch  diesmal  keinen
  Fußbreit  Boden.  Weiter  südlich  bei  Monchy
        <pb n="23" />
        Kriegsberichte

und  Guémappe  verstärkten  die  Engländer  ihren
Angriff  durch  neue  Divisionen  und  vermochten  so
unsere  Kompanien  nach  und  nach  in  zähem  Ringen
aus  den  eben  wiedergewonnenen  Stellungen  nach
Osten  wieder  zurückzudrücken.  Da  weiter  südlich  unsere
  Infanterie  wiederum  standhalten  konnte,  waren
bei  Eintritt  der  Dämmerung  Freund  und  Feind  derart
  ineinander  verzahnt,  daß  sich  unsere  Führung
entschloß,  zur  Herstellung  klarer  Verhältnisse  von  der
Ausnügtzung  einer  neuen,  in  ihrem  Verlaufe  ausgeglichenen
  und  zur  Verteidigung  vorbereiteten  rückwärtigen
  Stellung  Gebrauch  u  machen.

Die  neue  Linie  beginnt  westlich  von  Roeux,  läuft
nach  Süden  zwischen  Monchy  und  Bois  du  Vert  hindurch
  zum  Westrand  von  Cherisy  und  biegt  unmittelbar
  westlich  von  Fontaine  in  unsere  alte  Front  ein.
In  der  gleichen  Nacht  wurde  Bahnhof  Roeux  wiedererobert.
  So  hatte  die  zweite  Riesenwelle  der  Arrasschlacht
  sich  an  unseren  Linien  gebrochen.

3

Am  Morgen  des  24.  April  machte  sich  beim  Gegner
  starke  Erschöpfung  geltend.  Seine  schweren  blutigen
  Verluste  verboten  es  ihm  zunächst,  seine  Angrifte
  südlich  von  der  Scarpe  neu  aufzupeitschen.  Nur

ei  Gaprelle  nahmen  die  erbitterten  Kämpfe  ihren
Fortgang.  Hier  platzte  Angriff  auf  Angriff.  Der
Gegner  war  hierbei  den  Unsrigen  gegenüber  insofern
im  Vorteil,  als  ihm  die  von  uns  in  früheren  Jahren
angelegten  bombensicheren  Betonunterstände  des
Dorfes  als  Stützpunkte  dienten.  Gleichwohl  sahen
wir  uns  gegen  Abend  des  24.  April  im  Besitze  des

rößten  Teiles  der  Ortschaft,  ohne  daß  jedoch  die

ämpfe  einen  Abschluß  aufwiesen.

Südlich  von  der  Scarpe  hatte  der  Gegner  bis
abends  5  Uhr  seine  Kräfte  aufgefrischt  und  wagte
mun  nach  kurzer,  aber  stärkster  Artillerievorbereitung
beiderseits  der  Straße  Cambrai-Arras  in  Linie  nördlich
  von  Monchy  bis  südlich  von  Chérisy  einen  weiteren
  Versuch,  sein  Ziel  zu  erreichen.  Vergeblich.  Die
Sturmwellen  brachen  teils  in  unserem  Artilleriefeuer,
teils  im  Nahkampf  mit  unseren  frischen  Regimentern
blutig  zusammen.  Wir  behauptelen  auch  die  vorgeschobenen
  Sicherungen.  Am  25.  April  leiteten  die
Engländer  noch  wiederholt  letzte  starke  Versuche  ein.
den  südlichen  Schenkel  unserer  Here  bei  Monchy  einzustoßen.
  Unsere  Württemberger  standen  nach  wie
vor  unerschüttert.  Der  Gegner  resignierte  gegen
Abend  in  langsam  abflauendem  Artilleriefeuer.

Die  zweite  große  Untlernehmung  des  Feindes  an
der  Arrasfront  konnte  als  gescheitert  gelten.  Auf  der
ganzen  Front  vorbereitet,  war  sie  mit  wirklichem
Nachdrucke  durchgeführt  worden  nur  auf  ihrem  Südteile
  bis  in  die  Gegend  von  Arleux,  wo  sie  am  meisten
Erfolg  und  ihr  Erfolg  die  beste  Ausnützung  versprach.
Die  Angriffe  bei  Loos  hatten  den  Charakter  der  Demonstralion
  beibehallen,  unser  Abschnitt  von  Acheville
  bis  Arleux  war  sogar  in  auffallender  Weise  selbst
von  artilleristischen  Angriffen  verschont  geblieben.  Es
hatte  den  Anschein,  als  ob  dieser  Teil  der  Front  für
eine  besondere  Unternehmung  des  Gegners  aufbewahrt
  werden  sollte.

Dies  änderte  sich  in  demselben  Augenblicke,  in  dem
die  Aussichtslofigkeit  des  geplanten  Durchbruchs  auf
der  Südhälfte  der  Front  erkennbar  wurde.  Schon
am  Nachmittag  des  25.  April  erhielt  bes.  die  bei  Arleux
vorspringende  Nase  unserer  Stellung  lebhaftes  Feuer.
Luch  die  gesamte  übrige  Front  wurde  wie  vor  dem

Arras  1917  15

23.  April  in  die  Angriffsvorbereitungen  des  Gegners
einbezogen,  wohl  in  der  Absicht,  die  Richtung  des  geplanten
  neuen  Stoßes  zu  verschleiern.

Am  28.  April  früh  5,30  trat  der  Gegner  nach  stärkstem
  Trommelfeuer  gegen  unsere  Linie  von  Acheville
  bis  Fontaine  zum  dritten  großen  Angriffe
an.  Wie  zu  erwarten,  lag  sein  Haupidruck  diesmal
im  Norden.  Südlich  von  der  Scarpe  wurde  er  ohne
Mühe  meist  schon  in  unserem  Sperrfeuer  restlos  abgewiesen.
  Dagegen  entbrannte  der  Kampf  in  seiner
ganzen  Hefligkeit  nördlich  des  Flusses.  Roeux  Ort
und  Bahnhof  wurden  uns  entrissen  und  wiedergenommen,
  Oppy  ging  zum  Teil  verloren  und  wurde
wiedergestürmt,  bei  Gavrelle,  wo  wir  uns  nach
wechselvollen  Gefechten  an  den  Ortsrändern  festgesetzt
  hatten,  kam  der  feindliche  Ansturm  in  kürzester
Zeit  zum  Stehen.  Nur  bei  der  Ortschaft  Arleux,
wo  das  Hauptgewicht  der  Artillerievorbereitung  gelegen
  hatte,  gelang  es  dem  Gegner,  unsere  Linie  hinter
  die  Ortschaft  zurückzuschieben.  Sonst  gelang  es
unserer  Infanterie,  von  der  Artillerie  und  Fliegern
aufs  trefflichste  unterstützt,  den  ganzen  Ansturm,  ohne
auf  die  Reserven  zurückgreifen  zu  müssen,  zum  Stehen
zu  bringen.  "

III.  Die  letzten  Kämpfe  im  Mai  und  Juni.
1

Die  letzten  Ereignisse  der  Frühjahrsschlacht  vor
Arras  brachten  zunächst  noch  den  großen  allgemeinen
  Angriff  der  Engländer  vom  3.  Mai,
äußerten  sich  sodann  bis  Ende  des  Monats  in
Schlachten  und  Gefechten  mehr  örtlichen  Charakters
und  leiteten  schließlich  in  der  ersten  Juniwoche  zu  der
neuen  feindlichen  Offensive  in  Flandern  über.

Die  rein  örtliche  Bedeutung  der  Eroberung  von
Arleux  en  Gohelle  am  28.  April  konnte  den  Gegner
natürlich  keineswegs  befriedigen.  So  war  er  denn
am  29.  April  zunächst  bemüht,  bei  Oppy  das  Erreichte
  wenigstens  nach  Kräften  auszubauen.  Am
frühen  Morgen  griff  er  das  Dorf  an,  drang  ein,
wurde  aber  durch  preußische  Gardereserve  erst  aus
dem  Dorfe,  dann  aus  dem  dicht  westlich  gelegenen
Parke  wieder  hinausgedrückt.  Drei  weitere  starke  Anläufe
  wurden  abgewiesen.  Die  feindliche  Artillerie
belegte  an  diesem  und  den  drei  folgenden  Tagen  unsere
  Infanterie=  und  Batteriestellungen  der  ganzen
Front,  bes.  aber  das  vergeblich  berannte  Oppy,  mit
Feuer  schwerer  und  schwerster  Kaliber,  das  sich  zeitweise
  zum  Trommelfeuer  steigerte.  Die  feindliche  Infanterie
  zeigte  infolge  unseres  gut  liegenden  Vernichtungsfeuers
  nirgends  ernstüche  Neigung,  die  Früchte
dieser  artilleristischen  Vorbereitung  einzuheimsen.

Inzwischen  hatte  der  Gegner  geine  kampfmüden
Fußtruppen  zum  Teil  abgelöst,  seine  Artillerietätigkeit
  wesentlich  verstärkt,  verschiedentlich  Angriffe  auf
unsere  Fesselballons  unternommen  und  seine  Tanks
aufmarschieren  lassen.  Alles  das  deutete  auf  die  Absicht
  eines  neuen  Angriffs.

Der  3.  Mai  war  Großkampftag.  Dem  seit
Mitternacht  zum  stärksten  Trommelfeuer  gesteigerten
Artillerie-  und  Minenfeuer  folgte  früh  ½6  Uhr  auf
der  Linie  Acheville  -Qucant  der  feindliche  Infanterieangriff,
  der  sich  nach  Absicht  und  Anlage,  als
neuer,  auf  30  km  Breite  mit  etwa  15  Divisionen  ins
Werk  gesetzter  Durchbruchsversuch  darstellte  und  an
Wucht  den  Angriff  vom  28.  April  noch  Übertraf.
Der  Kampf  entbrannte  mit  besonderer  Heftigkeit  da,
wo  der  Gegner  seine  neuen  Divisionen  eingesehzt  hatte.
        <pb n="24" />
        16

Südlich  von  der  Scarpe,  wo  der  Angriff  wieder  durch
Tanks  verstärkt  worden  war,  vermochten  die  Engländer
  zunächst  in  den  Ort  Chérisy  sowie  an  einzelnen
  Stellen  bei  Riencourt,  Bullecourt,  südlich  von
der  Straße  Arras-Cambrai  und  dicht  südlich  von  der
Scarpe  in  unsere  Gräben  einzudringen.  Nördlich  von
der  Scarpe  gingen  Roeux  und  Fresnoy  verloren.
Aus  Cherisy  und  Roeux  wurde  der  Gegner  im  Laufe
des  Tages  wieder  geworfen  und  dicht  südlich  von  der
Scarpe  zurückgedrückt.  Was  ihm  am  Abend  von  seinem
  Anfangserfolge  verblieb,  war  ein  etwa  500  m
breites  Nest  innerhalb  unserer  Linie  zwischen  Riencourt
  und  Bullecourt  sowie  der  Ort  Fresnoy,  der  im
Gegenangriff  bis  auf  den  Teil  um  die  Kirche  zurückerobert,
  dann  aber  erneut  an  die  Eugländer  verlorengegangen
  war.  Dagegen  wurden  die  feindlichen  Massen
  bei  Gavrelle  und  Oppy,  wo  sie  mit  ganz  besonderer
  Hartnäckigkeit  in  fünf  Stürmen  anliefen,
durch  preußische  Gardereserve  und  bayrische  Truppen
immer  wieder  in  stets  erneuten  Kleinkämpfen  von
Trichter  zu  Trichter  zurlickgewiesen.  Was  der  Gegner
hier  an  Toten  und  Verwundeten  verlor,  war  selbst
im  Rahmen  der  Arrasschlacht  ganz  außerordentlich.

In  der  Nacht  zum  4.  Mai  dauerten  die  erbitterten
Kämpfe  fort.  Chérisy  ging  nochmals  verloren,  wurde
aber  wiederum  gesäubert.  Bullecourt  wurde  dreimal,
  am  Morgen  des  4.  Mai  zum  vierten  Male  von
dichten  Infanteriemassen  angegriffen.  Bergeblich.
Die  Angriffe  scheiterten  auch  hier  unter  den  schwersten
Einbußen  für  den  Gegner.

Der  Ansturm  vom  3.  Mai  war  der  letzte  in  ganz
großem  Stil  angelegte  Durchbruchsversuch  der  Frühjahrsschlacht
  von  Arras.  Er  kann  nach  der  Wucht
seiner  Massenstöße,  nach  der  Erbitterung  der  Kämpfe
und  nach  den  außergewöhnlich  schweren  Verlusten
des  Gegners  als  Höhepunkt  des  ganzen  Angriffsunternehmens
  gelten.

In  der  Folgezeit  versuchte  der  Feind  zwar  noch
wiederholt,  hauptsächlich  unter  Ausnützung  seiner
frischer  gebliebenen  Artillerie,  den  Anschein  der  im
größten  Stil  einheitlich  auf  der  ganzen  Front  durchgeführten
  Offensive  zu  wahren.  Tatsächlich  war  jedoch
  der  Augenblick  erreicht,  wo  er  zu  den  Einzelunternehmungen
  übergehen  mußte,  die  noch  bei  jeder
ge.  nerischen  Offensive  den  Verzicht  auf  die  Verwirkng
  der  großen  Absichten  zu  verschleiern  hatte.
Was  noch  folgte,  war  das  Übergangsstadium  bis  zu
dem  Zeitpunkte,  wo  die  oberste  englische  Führung  die
Aussichtslosigkeit  der  Offensive  an  dieser  Front  erkannte
  und  zu  einem  neuen  Entschlusse  durchdrang.

Am  4.  Mai  setzten  die  wechselvollen  und  überaus
zähen  Trichterkämpfe  um  das  Engländernest  füdwestlich
  von  Riencourt  ein,  die  bis  zum  8.  Mai  zu  keinem
endgültigen  Resultate  führten.

it  der  Besetzung  des  hochliegenden  Dorfes
Fresnoy  (3.  Mai)  hatte  der  Gegner  weitreichenden
Einblick  in  unsere  Stellungen  gewonnen.  Es  galt
daher,  ihm  zuvorzukommen,  bevor  er  von  dem  ihm
zugesallenen  Vorteile  Gebrauch  machen  konnte.  Der
Sturm  auf  den  Ort  wurde  in  der  Hauptsache  bayr.=fränk.
  Regimentern  übertragen,  der  Zeitpunkt  auf
den  8.  Mai  festgesetzt.  Gleich  am  4.  Mai  wurde  mit
den  allgemeinen,  am  5.  mit  den  artilleristischen  vorbereitenden
  Maßnahmen  begonnen.  Nachdem  unsere
Geschütze  den  zu  nehmenden  Naum  zwei  Tage  aufs
kräftigste  bearbeitet  hatten,  erfolgte  das  Vorbrechen
der  Infanterie  frontal  gleichzeitig  gegen  die  Ortschaft
und  die  anschließenden  Linien.  Der  Sturm  führte  zu

I.  Kriegsgeschichte

erbitterten  Nahkümpfen  in  Ort  und  Umgebung,  bei
denen  sich  die  überlegenheit  unserer  Infanterie  über
die  Engländer  bes.  im  selbständigen  Handeln  kleiner
Gruppen  in  hellstem  Lichte  zeigte.  Das  Angriffsziel.
Dorf  und  Anschlußlinien,  wurde  in  vollem  Umfange
von  2  km  Breite  erreicht  und  gegen  alle  Wiedereroberungsversuche,
  die  auch  am  9.  Mai  noch  andauerten,
  gehalten.  Neun  Offiziere,  400  Mann  Gefangene
  und  viele  Maschinengewehre  waren  neben
dem  taktisch  wertvollen  Geländegewinn  das  Ergebnis.

2.

Abgesehen  von  einem  lleinen  mißlungenen  Teilangriffsversuche
  der  Engländer  bei  Roeux  am  9.  Mai,
spielte  sich  vom  8.  bis  11.  die  Hauptkampftätigkeit  im
Raume  Bullecourt  -  Riencoupxt  ab.  Sie  äußerte  sich
in  stets  wiederholten  Angriffen,  hin  und  her  wogenden
  Handgranatenkämpfen  und  zähen  Aufrollungsversuchen
  an  der  Einbruchsstelle.

Am  11.  Mai  abends  9,30  Uhr  setzten  nach  planmäßigem
  Einschießen  und  Trommelfeuer  starke  feindliche
  Angriffe  in  dichten  Massen  gegen  die  Räume
Gavrelles-Roeux  und  Monchy-Chérisy  ein.
Sie  brachen  im  Raume  Monchy-  Cbreih  meist  schon
in  unserem  Sperrfeuer  zusammen.  Dagegen  gelang
es  dem  Gegner,  in  Roeux  Dorf  und  Bahnhof  einzudringen.
  Das  Dorf  wurde  im  Gegenstoß  wieder
genommen,  der  Bahnhof  verblieb  den  Engländern.

In  den  Morgenstunden  des  12.  Mai  erneuerte  der
Feind  sein  Trommelfeuer  auf  der  ganzen  Front  von
AUcheville  bis  Quéant.  Infanlerieangriffe  folgten  jedoch
  nur  zwischen  Gavrelle  und  Roeux.  Sie  wurden
nördlich  von  Roeux  abgewiesen,  dagegen  führten  sie
von  dem  höher  gelegenen  Bahnhof  Noeux  aus  zur
erneuten  Wegnahme  des  Dorfes.  Am  Abend  des
12.  Mai  griffen  die  Engländer  nach  stärkster  Feuervorbereitung
  zwischen  Scarpe  und  Straße  Arras-Cambrai
  zweimal  an,  wurden  aber  teils  im  Nahkampf,
  teils  in  unserem  Feuer  blutig  abgeschlagen.
Ein  weilerer  Nachstoß  südlich  von  der  Scarpe  bis
Monchy  scheiterte  abermals.  Unsere  Stellungen  blieben
  unverändert,  das  Nachlassen  der  seindlichen  Stoßkraft
  war  hier  nicht  zu  verkennen.

Dagegen  war  inzwischen  die  Erbitterung  der
Kämpfe  bei  Bullecourt  aufs  höchste  gestiegen.  Der
Gegner  trug  sich  offenbar  mit  der  Absicht,  von  diesem
Orte  aus  den  Knick  unserer  Stellung  südwestlich  von
Fontaine  abzudrücken  und  so  unsere  Stellung  von
Süden  her  zu  zerschlagen.  Nicht  weniger  als  12  Angeäffe
  führte  er  am  11.  und  12.  Mai  gegen  das  Dorf

urch.  Von  Osten,  Westen  und  Süden  gleichzeitig
bedrängt,  vermochte  die  an  Kräften  weit  unterlegene
Besatzung,  die  mit  bewundernswerter  Ausdauer
focht,  gegen  Abend  des  12.  Mai  nur  noch  den  Nordostteil
  des  Dorfes  zu  halten.  Gleichwohl  gelang  es
am  späten  Abend  einem  preußischen  Gardefüsilierbataillon
  in  einem  mit  größter  Bravour  durchgeführten
  Gegenstoße,  dem  Feinde  alle  erreichten  Vorteile
im  Nahkampf  wieder  abzutrotzen.

Was  der  Gegner  somit  in  seinen  Angrifsen  vom
11.  und  12.  Mai  erreicht  hatte,  war  lediglich  der  Besitz
  von  Dorf  und  Bahnhof  Roeux.

Die  Woche  vom  13.  bis  20.  Mai  brachte  bei  allemein
  lebhafter  Artillerietäligkeit  keine  größeren
fanterieangriffe  über  die  Breite  der  ganzen  Front.
Am  15.  Mai  eroberten  Thüringer  Regimenter  in
schneidigem  Anlaufe  von  Norden,  Osten  und  Süden
        <pb n="25" />
        Kriegsberichte:  Wytschaetebogen  1917

her  Dorf  und  Bahnhof  Roeux  zurück.  Leider  ließ
sich  dieser  Erfolg  gegen  einen  am  16.  Mai  früh  9  Uhr
einsetzenden,  sehr  starken  feindlichen  Gegenangriff
nicht  halten.  Der  Bahnhof  Roeux  ging  ganz,  das
Dorf  zum  größten  Teile  wieder  verloren.  Dagegen
wurde  ein  gleichzeitig  südlich  von  der  Straße  Arras-Douai
  vorgeführter  feindlicher  Vorstoß  abgeschlagen.

Bei  Bullecourt  kamen  die  Kämpfe  nicht  zur
Ruhe.  Die  von  den  Engländern  immer  wieder  aufs
neue  durchgeführten  Angriffe  scheiterten  restlos  an
der  zähen  Ausdauer  der  Gardefüsiliere.  Wir  benutzten
  diesen  Zeitpunkt  der  Ermattung  beim  Gegner,
um  in  der  Nacht  vom  16.  auf  17.  Mai  die  als  Kampfplatz
  völlig  verbrauchte,  ganz  eingeebnete  Trümmerstätte
  des  Dorfes  Bullecourt  zu  räumen  und  unsere
Linie  auf  den  Nordrand  des  Dorfes  zurickzunehmen.
Patrouillen  wurden  im  Orte  zurückgelassen,  einige
am  15.  Mai  im  Engländernest  füdwesslic  von  Riencourt
  von  uns  erworbene  örtliche  Vorteile  wurden
gewahrt,  unsere  Maßnahmen  blieben  vom  Feinde  zunächst
  völlig  unbemerkt.

Am  20.  Mai  schien  es  noch  einmal,  als  wolle  der
Gegner  sich  zu  einem  Angriffe  in  großem  Stile  ermannen.
  6  Uhr  morgens  setzte  gegen  fast  die  ganze
Linie,  bes.  aber  südlich  von  der  Scarpe,  schlagartig
stärkstes  Trommelfeuer  ein.  Der  Infanterieangriff
kam  jedoch  nur  südlich  von  Monchy  bis  nordwestlich
von  Bullecourt  in  Gang.  Er  wurde  im  allgemeinen
schon  in  unserem  Feuer  abgeschlagen.  Nur  bei  Fontaine
  gelang  es  dem  Gegner,  einen  taktisch  unwesentlichen
  bruschen  Vorteil  zu  erringen.  Anschließend  an
diese  Kämpfe  folgten  am  21.  Mai  in  den  frühen  Morenstunden

  beginnend  schwere  Angriffe  an  der  Straße
Budeerourt.  endecourt  und  die  Stellungen  östlich
und  westlich  davon.  In  erbitterten  Gegenangriffen
und  durch  unser  Abwehrfeuer  wurde  hier  der  Stoß
aufgefangen.  Die  Stellung  blieb  restlos  in  unserer
Hand.  Die  Verluste  des  Feindes  waren  stark.  Bei  Lens
nahm  die  Kampftätigkeit  die  Form  kräftig  geführter
Teilvorstöße  an.  Am  24.  Mai  war  es  einer  feindlichen
Abteilung  in  Bataillonsstärke  nach  mächtiger  Feuervorbereitung
  geglückt,  südöstlich  von  Loos  vorübergehend
  in  unsere  Gräben  einzudringen.  Am  Tage  darauf
  war  unsere  Stellung  wieder  völlig  gesäubert.

Wies  der  feindliche  Munitionsverbrauch  schon  in
der  vorletzten  Woche  des  Mai  eine  gewisse  Abnahme
auf,  so  flaute  die  feindliche  Tätigkeit  im  allgemeinen
bis  zu  Ende  des  Monats  merklich  ab.  Die  Infanteriekämpfe
  liefen  in  rege,  rein  örtliche  Patrouillentätigkeit,
das  Tlanmäßige  Feuer  der  Kampfartillerie  in  lebhaftes
  Störungsfeuer  und  gelegentlich  in  sehr  seleges
Vernichtungsfeuer  aus.  Dann  und  wann  flackerte
die  feindliche  Offensive  noch  in  kräftigen  Teilvorstößen
  auf.  #

So  schritten  die  Engländer  am  27.  Mai  südlich
von  der  Scarpe  nach  kurzer,  aber  kräftigster  Feuervorbereitung
  zwischen  Cheérisy  und  Bullecourt  zum
Angriffe  gegen  unsere  Stellungen  südlich  von  Fontaine.
  Er  dauerte  bis  28.  früh,  verschaffte  dem  Gegner
  nur  blutige  Verluste  und  keinen  Gewinn.  Eoeuso
scheiterten  in  der  Nacht  vom  30.  auf  31.  Mai  zwischen
Monchy  und  Guêmappe  und  dicht  südlich  von  der
Scarpe  Vorstöße  des  Feindes  zum  Teil  im  Kampfe
von  Mann  gegen  Mann.

Seit  Ende  Mai  war  lebhafte  feindliche  Tätigkeit
im  Wytschaetebogen  gemeldet  worden.  Es  schien,
als  ob  der  Gegner  dort  zu  einem  neuen  Vorstoße

Der  Ku#eg  1014.19.  Ul.

17

egen  unsere  Linien  ansetzen  wollte.  War  das  seine

bsicht,  so  enthielt  ihre  Verwirklichung  das  ausdrückliche
  Eingeständnis  des  Mißerfolges  der  Offensive
vor  Arras,  mußte  aber  gleichzeitig  ein  Aufleben  der
Gefechtshandlung  auf  diese  Kriegsschauplätze  mit  sich
bringen,  und  zwar  zu  dem  naheliegenden  Zwecke,
dort  Kräfte  festzuhalten,  die  dem  Gegner  am  Wytschaetebogen
  hinderlich  sein  konnten.

So  gewann  das  Kampfbild  in  der  ersten  Juniwoche
  vor  Arras  ein  wesentlich  bewegteres  Aussehen.
Erkundungsvorstöße  umfangreicherer  feindlicher  Abteilungen
  wurden  vom  31.  Mai  bis  4.  Juni  bei  Loos,
Lens,  am  Souchez-Bach,  bei  Monchy,  Chérisy  und
Fontaine  unter  zum  Teil  bedeutenden  Verlusten  für
den  Gegner  abgewehrt.  Der  5.  Juni  brachte  uns
noch  einmal  schwere  Kämpfe.  Abends  9  Uhr  15  griff
der  Gegner  nach  mächtigem  Trommelfeuer  die  Front
von  Gavrelle  bis  Roeux  mit  mindestens  zwei  Divisionen
  in  tiefer  Staffelung  an.  Zwischen  Garrelle
und  Fampoux  wurden  die  feindlichen  Angriffswellen
von  bayerischen  Regimentern  mit  blutigen  Köpfen
heimgeschickt.  Nur  beim  Bahnhof  Roeux  drangen  sie
in  kleine  Grabenstücke  ein.

Der  Zweck  dieses  auffallend  starken  Unternehmens,
das  in  den  folgenden  Tagen  in  einer  für  uns  günstien

  Weise  erledigt  wurde,  lag  auf  der  Hand.  Es
ollte  unsere  Reserven  auf  dem  Schlachtfelde  vor  Arras
binden,  indes  in  Flandern  die  Vorbereitungen  für
den  neuen  Ansturm  heranreiften.

Am  7.  Juni  ließ  der  Feind  im  Wytschaetebogen
seine  Minen  springen,  ein  neuer  großer  Angriff  halte
begonnen,  die  Frühlingsschlacht  von  Arras  war  beendet.
  Ihr  Ziel  war  für  den  Gegner  die  Einleitung
der  Rückeroberung  von  Belgien  und  Nordfrankreich,
ihr  Erfolg,  äußerlich  gemessen  ein  Geländegewinn
von  etlichen  zerschossenen  Dorfstätten,  im  Vergleich
zu  ihrem  Endzweck  ein  Fehlschlag,  im  Hinblick  auf
die  erlittenen  Verluste  eine  schwere  Niederlage.

Die  Schlacht  im  Wytschactebogen  am  7.  Juni  19171.
1.

Die  Erstarrung  der  Fronten  nach  den  Kämpfen  in
Flandern  hatte  im  Herbst  1914  einen  Keil  gebildet,
der  sich  aus  der  deutschen  Linie  bedrohlich  in  die  englische
  Front  hineinschob.  Ein  Bogen  von  15  kin
Länge  verließ  bei  der  Doppelhöhe  60  östlich  von
Zillebeke  die  von  Nord  nach  Süd  gestreckte  Front  und
spannte  sich,  den  Dpern-Lys-Kanal  überschreitend,
um  die  Dörfer  Wytschaete  und  Messines,  um
südwestlich  von  Warneton  in  die  gerade  Linie  wieder
einzumünden.

Der  Wille  des  Engländers  war  seit  1914  auf  den
Wytschaetebogen  gerichtet.  Lille  beschützend,
Mwern  bedrohend,  erschien  ihm  der  Keil  ein  bedeutendes
  Hindernis.  Deutsche  Batterien,  hinter  die
Höhen  von  Wytschaete  geduckt,  haben  aus  so  weit  vorgeschobenen
  Stellungen  ihre  Reichweite  verlängernd
die  feindlichen  Gräben  in  der  Dpernbucht  und  nördlich
  von  Armentieres  flankierend  bestrichen.  Da  kein
anderes  Mittel  zu  fruchten  schien,  begann  schon  Ausgang
  1914  der  Feind  den  unheimlichen  und  mühevollen
  Krieg  unter  der  Erde.  Tiefer  liegend  um  5
bis  10  m  als  der  Deutsche,  unterfährt  er  mit  seinen
  bis  zu  20  m  tiefen  Stollen  unseren  vordersten
Graben  und  zwingt  zur  Abwehr.  Die  deutschen  Pioniere
  haben  schweren  Stand.  Ehe  der  wasserführende

1  Bgl.  die  Karte  S.  88.  2
        <pb n="26" />
        18

Schwemmsand  durchstoßen  und  abgetäuft  ist,  bohrt
sich  der  Engländer,  der  nur  wenige  Meter  Diluvialschicht
  zu  überwinden  hat,  bereits  in  den  fetten  Dpernton.
  Trotzdem  gelingt  es,  den  Gegner  an  mehreren
Punkten,  so  am  Alfweg  und  bei  Hollandsche  Schuur,
im  Sommer  1915  zurückzuquetschen;  aber  hartnäckig
setzt  der  Engländer  während  des  Winters  die  heimliche
  Arbeit  fort.  Oben  im  Norden  bohrt  er  sich  unter
die  Eisenbahnhöhen,  seitwärts  des  Kanals  werden
flache  Stollen  vorgetrieben.  bald  ist  die  Höhe  von
St.  Eloi  unterhöhlt,  zwischen  Maedelstede  und  Backhof
  unterfährt  er  mit  einer  Reihe  von  Schächten  die
Stirn  des  Keils.  Im  März  1916  läßt  er  die  Mine
von  St.  Eloi  aus  25  m  Tiefe  springen.  Vorbereitungen
  über  Tage  lassen  erkennen,  daß  er  im  Hochsommer
  zum  Angriff  schreiten  will,  da  lenkt  die  Eroberung
  der  Doppelhöhe  60  und  der  Hooge-Höhe  ihn
nach  Norden  ab.  Ununterbrochen  indessen  gewinnt
er  an  Tiefe,  und  im  Herbstl  zwingt  die  erkannte  unterirdische
  Umfassung  des  Wytschaetebogens  die  deutschen
Pioniere  zur  höchsten  Anstrengung.  Den  Vorsprung
eines  Jahres,  während  unsere  Mineure  auf  den  Loretto-
  und  Vimy-Flügeln,  in  Argonnen,  Vogesen  und
Karpathen  dringender  am  Werk  gewesen  waren,  gilt
es  einzuholen,  die  Feindseligkeit  des  Bodens  muß
überwunden  werden.  Es  gelingt,  die  flachen  Stollen
am  Kanal  und  am  Douvebach  abzuquetschen.  Mit
versenkten  Eisenbetonschächten  wird  man  des
Schwemmsandes  Herr  und  sprengt  in  Tiefen  von
40  m  beim  Fransecky-Hof,  an  der  Spanbroek-Mühle
und  beim  Noel-Hof  den  Feind  zurück.  Auf  der  Höhe
von  St.  Eloi,  bei  Maedelstede  und  am  Backhof,  wo
der  Gegner  in  50  —  60  m  Tiefe  unterfahren  hat,

lückt  es  nur,  ihn  vom  zweiten  Graben  abzudrücken.

ln  den  gefährdetsten  Punkten,  wie  bei  Hollandsche
Schuur,  wird  die  Stellung  zurückgenommen  und  der
Feind  durch  Gewaltsprengungen  abgeriegelt.

II.

Im  Frühjahr  1917  glaubt  der  Engländer  die  unterirdische
  Umfassung  vollendet.  Inzwischen  hat  er,
mit  unerhörtem  Aufwand  die  technische  Rüstung  der
Sommeschlacht  weit  überbietend,  seine  Vorbereitungen
  über  der  Erde  betrieben.  Lager,  Stellungen  und
Unterstandsgruppen  wachsen  sich  aus  zu  einer  förmlichen
  Wabensladt,  ein  Spinnwebnetz  breit-und  schmalspuriger
  Bahnen,  so  dicht  und  verzweigt,  wie  Straßenbahnen
  einer  Großstadt,  rollt  unablässig  Munition,
Material  und  Nahrungsmittel  zu  Stapelplätzen  und
Truppe.  Der  Monat  Mai  wirft  Zerstörung  über  das
fruchtbare,  eben  zur  Blüte  ansetzende  Land.  Eine
Kette  von  30,5  cm  Batterien  spannt  sich  um  den
Wytschaetebogen.  Mit  ihren  beiden  Augen,  dem
Kemmelberg  und  dem  Rossignol,  das  Gelände  weit
Üüberblickend.  hämmert  die  enhlische  Artillerie  auf  den
deutschen  Gräben  und  Werken.  Tief  im  deutschen
Hintergelände  werden  Gefechtsstände  und  Knotenpunkte
  durch  Fernkampfgruppen  bekämpft,  kein  Bau
über  der  Erde,  der  nicht  Ziel  eines  Geschützes  würde.
Schwere  Minenwerfer  verwandeln  die  vorderen  Gräben
  in  Trichterstreisen.  Auch  das  Wasser,  auf  das  der
deutsche  Spaten  in  Metertiefe  stößt,  das  uns  gezwungen
  hat,  überirdische  Betonklötze  aufzurichten,  kommt
dem  Engländer  zu  Hilfe.

Währenddessen  leisten  die  deutschen  Truppen  übermenschliches
  an  Widerstandskraft.  Vornehmlich  Ostpreußen
  und  Sachsen,  die  Verteidiger  von  Wytschaele
und  Messines,  dulden  das  Schwerste  und  werden  auf

I.  Kriegsgeschichte

den  dem  Feind  zugekehrten  Hängen  von  Schacht  zu
Schacht,  von  Trichter  zu  Trichter  getrieben.  Die  beiden
  Dörfer,  vormals  mächtige  Bollwerke,  sind  buchstäblich
  dem  Erdboden  gleichgemacht.  Die  deutschen
Batterien,  in  den  Keil  vorgezogen  und  dem  Gelände
angezwungen,  sich  zu  Nestern  versammelnd,  bieten
dem  wFeind  breites  Ziel  und  werfen  dennoch  unermüdlich
  Hemmung  und  Vernichtung  in  die  Linie  des  Angreifers.
  Wohl  hat  die  deutsche  Führung  die  vorderste
Linie,  der  unterirdischen  Gefahr  ausweichend,  gelichtet
  oder  entblößt,  dennoch  finden  australische  und  kanadische
  Kompanien  grimmigen  Widerstand  und  melden
  verwunderten  Befehlshabern,  daß  die  Deutschen
immer  noch  nicht  sturmreif  sind.  Was  sie  nicht  melden
  können,  ist,  daß  hier  und  dort  im  Gelände  versieckt
  abgespaltene  Maschinengewehre  und  versenkte
#bwehrgeschütze  heil  auf  den  Angriff  lauern.

Der  27.  Mai  leitet  den  allgemeinen  zehn  Tage  lanen,
  mit  bis  dahin  unerhörter  Stärke  anhaltenden
irtilleriekampf  und  damit  die  Schlacht  ein.  Geschossenes

  und  geblasenes  Gas  vergiftet  die  Nächte.  Erkundungstrupps
  von  wachsender  Stärke  bis  zum  Bataillonsverband
  stoßen  an  verschiedenen  Punkten  vor;
sie  werden  zurückgeworfen.  Lange  geschonte  Divisionen
  schiebt  der  Engländer  in  den  Ring,  allmählich
wächst  die  Angrisfsarmee  auf  60  —70000  Mann,
5  Mann  auf  den  Meter  Boden,  11  Div.  stehen  gegen
5  deutsche.  Die  ersten  Junitage  bündeln  das  Artilleriefeuer
  zu  kurzen  Trommelschlägen,  bestimmt,  Angriffe
vorzutäuschen  und  den  Verteidiger  herauszulocken.
Doch  erst  die  unheimlich  stille  Nacht  vom  6.  auf  den
7.  Juni  bringt  den  Morgen  des  Angriffs.

Am  7.  Juni  Punkt  4  Uhr  früh  verkünden  dumpfe
Erschütkerungen  bis  25  km  landeinwärts  den  Beginn
  der  Schlacht.  Eine  grüne  Leuchtkugel  gab
das  Zeichen,  und  an  neunhchn  Punkten  des  Wytschaetebogens
  zerreißen  Zehntausende  von  Zentnern
Dynamit  den  Erdboden,  schleudern  haushohe  Wogen
von  Rauch,.  Flammen  und  mächtigen  Brocken  in  die
Luft.  Spälere  Photographien  lassen  120  m  breite,
aus  60  m  Tiefe  aufgewühlte  Krater  erkennen.  Plötzliches
  fieberhaftes  Trommelfeuer  stürzt  sich  kurze  Mi.
nuten  lang  auf  das  ganze  Schlachtfeld,  schiebt  sich,
die  vorderen  Gräben  freigebend,  hundert  um  hundert
Meter  vor,  und  von  dichten,  künstlich  gewälzten  Rauchschwaden
  verhüllt,  tritt  der  Engländer  auf  ganzer
Front  von  Zillebeke  bis  St.  Dvon  zum  Sturm  an.

Die  Wirkung  dieser  gewaltigsten  Sprengung  des
Krieges  ist  überschätzt  worden.  Infolge  der  heldenmütigen
  Anstrengung  unserer  Pioniere  teils  vor  unsere
  Linie  gedrängt,  teils  an  den  vordersten  Graben
gefesselt,  an  manchen  Stellen  ganz,  an  andern  zum
Teil  abgequetscht  und  unschädlich  gemacht,  haben  die
Explosionen  unter  der  dünnen  Besatzung  wenig  Opfer
gefunden,  stark  aber,  wie  jedes  elementare  Ereignis,
war  die  seelische  Wirkung  auf  unsere  aus  dem  Schlaf
gerissenen  Truppen.  Die  begleitenden  Tageserscheinungen,
  der  weitgetriebene  Luftdruck  und  die  ausgestrahlten
  Hitzewellen  verbreiten  Verwirrung.  Auch  die
rückwärtigen  Besatzungen  wissen  von  dem  betäubenden
Eindruck  zu  berichten.  Daß  trotzdem  der  Engländer
stundenlang  um  den  Besitz  der  benachbarten  Höhen
ringen  mußte,  zeugt  von  erhabener  Mannhaftigleit
unserer  Leute.  in

Eine  Stunde  nach  der  Sprengung  sind  die  vorderen
  Stellungen  im  Besitz  des  Feindes;  zwischen  6
und  7  Uhr  erscheint  er  auf  der  Höhe.  Wie  ein  Schritt-
        <pb n="27" />
        Kriegsberichte:  Wytschaetebogen  1917;  die  Große  Schlacht  in  Frankreich

macher  gibt  der  stufenweise  vorrückende  Feuervorhang
den  Takt  für  die  Vorwärtsbewegung  der  Sturmtruppen
  an.  Nebelausquellende  Panzerstreitwagen  kriechen
  auf  den  strahlenförmigen  Straßen,  die  vorausgehenden
  Trupps  verschleiernd,  gegen  Wyischaete
beran.  Während,  zwischen  beiden  Stützpunkten  durchrechend,

  die  englischen  Spigen  schon  vorgeschobene
deutsche  Geschütze  erreichen,  toben  nördlich  und  südlich
  von  Wytschaete  und  um  den  Besitz  von  Messines
  in  ihrem  Rücken  erbitterte  Einzelkämpfe.  Grimmig
  klammern  sich  die  preußischen  und  bayerischen
Maschinengewehre  an  die  Stützpunkte  fest  und  ringen,
  obschon  von  allen  Seiten  umstellt,  im  Vertrauen
auf  raschen  Entsatz,  um  jeden  Schritt  Boden.  Noch
am  späten  Abend,  als  längst  der  Tag  entschieden  war,
hört  man  in  Messines  klappernde  Maschinengewehre.

Der  auf  den  östlichen  Höhen  erscheinende  Feind,
von  schnell  gefaßten  Geschützen  im  direkten  Feuer
empfangen,  sammelt  sich  zum  zweiten  Stoß.  Währenddessen
  ist  der  Angriff  im  Norden  und  Süden
nicht  vorwärtsgekommen.  Am  Kanal  und  an  der
Eisenbahn  waren  die  Sprengungen  dank  unseren
Pionieren  von  geringem  Erfolg,  in  den  dichten  Waldungen
  westlich  vom  Kanalrain  versickerten  die  Sturmwellen.
  Wohl  waren  im  Süden,  im  Schutz  der  Douve-Niederung,
  die  Angreifer  in  den  Rücken  von  Messines
gelangt,  aber  zwischen  Douve  und  Lys  zerrieb  sich
der  Stoß  an  den  bayerischen  Reserven.  Da  es  also
nicht  gelungen  war,  die  Flügel  der  deutschen  Front
aus  den  Gelenken  zu  reißen  und  umfassend  einzuschwenken,
  suchten  die  bei  St.  Eloi,  Wytschaete  und
Messines  eingedrungenen  Massen,  sich  vereinigend,
das  Zentrum  zu  durchstoßen,  um  dann,  den  Kanal
überschreitend,  den  nördlichen  Flügel  aufzurollen.
Die  deutsche  Sehnenstellung,  die,  geradlinig  von  Hollebeke
  nach  westlich  Warneton  verlaufend,  die  meisten
Batterien  verknüpfte,  war  das  nächste  Hindernis;  Zielpunkte
  wurden  die  Dörfer  Wambeke  und  Hollebeke.
  Mit  äußerster  Kraft  wehren  sich  die  deutschen
Reserven,  Schulter  an  Schulter  mit  den  um  die
zerschossenen  oder  zertrümmerten  Geschütze  gescharten
Artilleristen,  gegen  die  übermacht.  In  manchen  Feuerstellungen
  wird  das  letzte  Geschütz  gesprengt,  Minuten
ehe  der  Engländer  anlangt.  .

Es  ist  Nachmittag  geworden,  und  die  rückwärts
bereitgehaltenen  Reserven  treffen  auf  dem  Schlachtfeld
  ein.  Garde  und  Sachsen,  von  einem  bayerischen
Regiment  unterstützt,  gehen  gegen  Messines  vor,
die  Westfalen  setzen  über  den  Kanal  und  werfen  den
schon  über  Wambeke  hinaus  gelangten  Feind  gegen
Wytschaete  zurück.  Die  Artilleriekampfgruppen  östlich
von  Bern  und  nördlich  von  Lille  streichen  aus  den
Flanken,  frische  Artillerie  fährt  auf,  und  die  von  der
übermacht  in  schwankenden  Luftkämpfen  über  Comines
  zurückgedrängten  Fliegergeschwader  stoßen  noch
einmal  heldenmütig  vor,  um  den  Batterien  das  Ziel
zu  weisen.  Der  Feind,  dem  Verstärkungen  über  Wytschaete
  zuströmen,  der  sogar  nördlich  von  Messines
berittene  Schwadronen  nutzlos  in  unsere  Maschinengewehre
  hetzt,  sieht  sich  bald  in  dem  schwierigen  Gelände
  in  blutigen  Kampf  verstrickt.  Um  Hecke  und
Hof,  um  Baum  und  Busch  wogt  das  Gefecht.  Als
die  Garde  im  Süden,  wo  der  Feind  nicht  in  gleiche
Tiefe  vorgestoßen  war,  raschere  Fortschritte  macht  und
die  westfälische  Division  hinter  sich  läßt,  bietet  sich  das
Glück  dem  Engländer  an,  er  stößt  in  die  Lücke.  Aber
der  rechte  Flügel  der  Garde  biegt  um  und  treibt  den
Feind  aus  der  Sehnenstellung  heraus.

19

Der  Abend  verläßt  den  Engländer  im  Besitz  der
Höhenzüge,  aber  an  beiden  Flügeln  unbeweglich,  von
der  Sehnenstellung  zurückheworfen  und  gezwungen,
sich  einzugraben.  Die  deutsche  Führung,  Opfer  und
Gewinn  einer  neuen  Schlacht  um  Wytschaete  abwägend,
  nimmt  die  Truppen  während  der  Nacht  in  eine
vorbereitete  Linie,  die  von  der  Doppelhöhe  60  über
Hollebeke  und  Waasten  verläuft,  zurück;  Artillerie
gebt  diesseits  und  jenseits  des  Kanals  in  Stellung.

in  dieser  gestreckten  Front  scheitern  Angriffsversuchder
  Engländer  am  11.  und  13.  Juni.

Die  Schlacht  im  Wytschaetebogen  ist  abgedämmt.
Dennoch  soll  der  Erfolg  des  Feindes  nicht  verkannt
werden.  Auch  nicht  verkleinert  dadurch,  daß  ihm
Durchbruchsabsichten  untergeschoben  werden,  wofür
die  Anzahl  der  eingesetzten  Divisionen  zu  schwach  bemessen
  war.  Dagegen  war  sein  Trieb  nach  vorwärts
noch  am  Nachmittage  des  7.  unverkennbar;  den  Kanal
  zu  gewinnen  und  seinerseits  einen  Block  in  den
Norden  von  Lille  vorzutreiben,  schien  das  angestrebte
Ziel.  Dem  hat  der  deulsche  Gegenangriff  die  eiserne
Barrikade  vorgeschoben.  Der  nutzbare  Erfolg  steht
in  keinem  Verhältnis  zu  solchen  Opfern.

Die  Große  Schlacht  in  Frankreicht.
J.

Unsere  Feinde,  die  über  die  organischen  und  anorganischen
  Kräfte  fast  des  ganzen  Erdballes  gebieten,
hatten  seit  Jahren  in  vielen  gewaltigen  Schlachten
versucht,  die  westliche  Front  des  deutschen  Heeres  zu
durchbrechen.  Die  dünne  Linie,  zuletzt  in  Flandern?
von  einer  bis  ins  Fünffache  überlegenen  Kanonenphalang
  betrommelt,  hielt  stand.  Dörfer  und  Städte
wurden  aus  der  Front  herausgeschlagen,  Flußniede--rungen
  und  Höhenzüge  Schritt  um  Schritt  uns  blutig
adgekämpft.  Aber  der  Durchbruch  mißlang,  wo
immer  er  angesetzt  wurde.  Nichts  half  der  von  Schlacht
zu  Schlacht  gesteigerte  Einsatz  menschlicher  und  technischer
  Kräfte,  nichts  der  Wechsel  des  Angriffspunktes.
Auch  die  Schlachten  in  Flandern?,  obwohl  hier  die
grbte  Masse  an  Fußtruppen  und  Geschützen  auf  dem

einsten  Raum  zusammengepreßt  wurde,  obwohl  die
Angriffstaktik  durch  Verkürzung  der  Tiefe,  und  Verengerung
  der  Breite  die  Energie  der  Sprünge  aufs
höchste  steigerte,  brachten  keinen  Erfolg.  Es  ichien,
als  ob  diesen  Ofsensiven  im  Westen  ein  ehernes  Gesetz
innewohnte,  das  die  Angriffswoge  jedesmal  dicht  am
Ziel  ermatten  ließ.  Dem  Verteidiger,  der  diesen  toten
Punkt  rechtzeitig  erkannte  und  den  Gegenstoß  auf  die
Blöße  des  Gegners  anlegte,  gelang  es,  den  Ansturm
urückzuwerfen  oder  den  Einbruch  vor  Eintritt  größerer
Verluste  abzudämmen.  Der  Durchbruch  an  der  Westfront
  wurde  mit  der  Zeit  zu  einem  Problem,  dessen
Lösung  in  unüberwindliche  Gesetze  von  Raum  und
Zeit  verstrickt  schien.

Andere  strategische  Ziele,  geeignet,  die  ungeheuren

Blutopfer  dieser  gescheiterten  Offensiven  zu  rechtfertien,

  lassen  sich  aus  dem  Trümmerhaufen  der  taktischen
Pragmente  nur  mutmaßen.  Der  von  Schlacht  zu
Schlacht  nach  Norden  verschobene  und  sich  damit  beständig
  verkürzende  Angriffspfeil  wurde  schließlich,
um  der  dringendsten  Gefahr  zu  begegnen,  auf  die  U-Bootbasis
  in  Flandern  gerichtet.  Ziel  aller  früheren
Offensiven  aber  war  der  Durchbruchansich,  verbunden
mit  der  Erwartung,  daß  der  Strudel  die  Reserven
des  Verteidigers  verschlucken  und  allmählich  die  Auf-1

  Ugl.  die  Karte  S.  100.  —  2  Juni  dis  November  1917.
2*
        <pb n="28" />
        20

lösung  bedeutender  Frontteile,  vielleicht  der  Gesamtfront,
  nach  sich  ziehen  werde.  Die  Schlacht  bei  Cambrai
im  Nov.  1917  war  der  letzte  Mißerfolg  einer  unglücklichen
  Strategie,  der  Aufmarsch  der  300  Tanks  die
letzte  krampfhafte  Willensäußerung  einer  zu  automatischer
  Maschinerie  erstarrten  Taktik,  welche  diesen
Unternehmungen  zu  dem  traurigen  Namen-Material.
schlachten  verholfen  hat.

Als  in  diesem  Winter!  der  Zusammenbruch  der
russischen  Streitmacht  den  Zweifrontenkrieg  beendigte
und,  freilich  mit  veränderten  Bedingungen,  die  Lage
vor  der  Schlacht  an  der  Marne  wiederherstellte,  als
unter  dem  Gewicht  der  von  Osten  anrollenden  Verstärkungen,
  von  französischen  Fachleuten  Ende  Februar
auf  etwa  70  Divisionen  geschätzt,  in  der  zu  ewiger
Abwehr  verurteilten  Westfront  wie  von  selbst  der
Gedanke  des  allgemeinen  Angriffs  auflebte,  lagen  vor
dem  prüfenden  Auge  der  Obersten  Heeresleitung  die
unglücklichen  Erfahrungen  des  Gegners  ausgebreitet.

ie  Aufgabe  erschien  ungeheuer.  Was  der  vielfach
vereinten  übermacht  der  Armeen  napoleonischer  Schule
und  des  jungen,  aber  aus  den  Kanälen  eines  Weltreiches
  geweiten  Kitchener-Heeres  gegenüber  einer  fast
friderizianischen  Minderzahl  nicht  gelungen  war,  sollte
das  deutsche  Heer  volldringen,  das  auch  nach  Aufsaugung
  der  östlichen  Streitkräfte  dem  Gegner  an
ahl  kaum  gewachsen,  geschweige  denn  überlegen  war.
as  deutsche  Hinterland,  winzig  im  Vergleich  mit  den
für  die  Entente  arbeitenden  Erdteilen,  sollte  im  Kampf
mit  den  Rohstoffen  und  Industrien  des  halben  Europa.
  Amerikas,  Afrikas  und  Asiens  nicht  nur  bestehen,
sondern  obsiegen  helfen.  Schon  der  deutsche  Sieg  bei
Cambrai,  der  gewissermaßen  auf  der  Grenze  einer
alten  und  neuen  Epoche  der  westlichen  Kriegsgeschichte
steht,  warf  ein  Schlaglicht  auf  die  Schwierigkeiten,  die
ein  tapferer  und  zahlenmäßig  überlegener  Feind
unserm  Angriff  entgegensetzen  konnte.  Die  zahlenmäßige
  Unterlegenheit  mußte  durch  die  dem  deutschen
Heerkörper  eigentümlichen  kriegerischen  und  moralischen
  Tugenden  ausgeglichen  werden.  Die  Einheit
des  Oberbefehls  und  des  Heerkörpers,  als  dessen  einziger
  nichtdeutscher  Bestandteil  eine  wertvolle  Gruppe
österreichischer  Batterien  eingesetzt  war,  erleichterte
das  gewaltige  Werk.  Reibungen  u.  Hemmungen,  die
auch  dem  bestorganisierten  Koalitionsheere  anhaften,
blieben  uns  erspart.  «

ll

Die  Hauptkampfgruppe,  die  gleich  im  ersten
Anlaufe  über  alles  Erwarten  rasch  und  siegreich  die
feindlichen  Stellungen  durchbrach  und  binnen  *“
Tagen  die-Große  Schlacht  in  Frankreichs  schlug,  setzte
sich  aus  drei  Armeen  zusammen.  Im  Zentrum
stand  die  alte  Cambrai-Armee  unter  dem  Oberbefehl
des  Generals  v.  d.  Marwitz.  Die  Armeedes  Generals
Otto  v.  Below  umspannte  den  nördlichen  Cambrai-Bogen
  bis  in  Höhe  von  Arras.  Die  Armee  v.  Hutier,
die  sch  im  Raume  südöstlich  und  nördlich  von  St.  Quentin
  versammelte,  lehnte  sich  mit  dem  linken  Flügel  bei
La  Fere  an  die  Oise.  Während  die  Armeen  v.  d.  Marwitz
  und  v.  Below  zu  der  Heeresgruppe  des  Kronprinzen
  von  Bayern  gehörten,  bildete  die  Armee
v.  Hutier  den  rechten  Flügel  der  Heeresgruppe  des
Deutschen  Kronprinzen,  so  daß  die  beiden  Heeresgruppen
  mit  ihren  inneren  Flügeln  den  Angriff  gemeinsam
  vortrieben.

Aufgabe  der  Stoßgruppe  war  der  Durchbruch  durch

1  1917/18.

L  Kriegsgeschichte

das  englische  Stellungssystem,  dessen  drei  Hauptlinien
einen  Streifen  von  12.—15  km  Tiefe  durchzogen.  Da
die  beiden  nördlichen  Armeen  aus  der  Bucht  des
Cambrai-Bogens  in  füdwestlicher  Nichtung,  die  Armee
v.  Hutier  aber  westwärts  vorstießen,  entstand  ein
konzentrischer  Angriff,  der  im  Verlauf  der  ersten  Bewegungen
  durch  das  scharfe  Vorwärtsdringen  der
Armee  v.  Hutier  und  durch  den  tapferen  Widerstand
der  Engländer  im  Norden  in  gerader  Linie  gestreckt
wurde.  Der  Plan  rollte  den  Angriff  über  das  von
künstlichen  und  natürlichen  Bollwerken  wimmelnde
Gelände  der  Siegfriedstellung  und  führte  die
Marschlinien  der  nördlichen  und  der  mittleren  Armice
in  der  Richtung  auf  Bapaume  und  Péronne  bis  an
den  Rand  des  alten  Großkampfbeckens.
Am  Abend  des  20.  März,  dem  Vorabend  des  Anriffstages,
  war  der  Aufmarsch  beendet.  Der  in  der
Frühze  einsetzende  Nebel  verbarg  die  letzten  Truppenbewegungen,
  und  die  Meldungen  der  Erkundungsflieger
  erreichten  die  feindliche  Führung  nicht  vor
sinkender  Nacht.  Trotzdem  in  der  zweiten  und  dritten
Märzwoche  schönstes  Frühlingswetter  die  Luftaufklärung
  begünstigte,  war  die  Verschleierung  des  Aufmarsches
  geglückt.

Inletzter  Stunde  drohten  die  Meldungen  der  Wetterwarte
  die  Entladung  des  Angriffes  zu  verzögern.
Hatte  schon  das  Regenwetter  in  den  letzten  Tagen
Felder  und  Kolonnenwege  durchweicht,  mit  schwererer
Sorge  beobachteten  die  Sturmtruppen  den  dichten
Nebel,  der  sich  in  der  Nacht  auf  den  21.  zusammenzog.
Die  Führung  bestand  auf  der  Durchführung.

Am  21.  März,  3  Uhr  30  Min  früh,  setzte  auf  ganzer
Front  die  Bekämpfung  der  feindlichen  Artillerie  ein.
Von  6  Uhr  40  Min.  ab  kwegle  sich  das  vereinigte  Feuer
der  Nahkampfgruppen  über  die  drei  englischen  Stellungen.
  Der  Verzicht  auf  eine  allmähliche  Erschütterung
  der  Stellungen  im  tagelangen  Wirkungsschießen
mußte  durch  verdoppelte  Wucht  der  dreistündigen
Feuerwoge  ausgeglichen  werden.  Der  Stoßkraft  der
Infanterie  ist  es  zu  danken,  wenn  trotz  Nebel  und
Schlamm  schon  am  Abend  des  ersten  Schlachttages
die  zweite  feindliche  Stellung  teils  erreicht,
teils  erobert,  teils  Uüberschritten  war.  Die  vordersten
Gräben  wurden  von  der  tiefgegliederten  Phalanx  im
Schutze  des  Nebels  verhältnismäßig  leicht  überwältigt,
an  den  süwierigsten  Punkten,  wie  an  den  Südausgängen
  der  Stadt  St.  Quentin,  verstärkten  deutsche
und  deutsch-englische  Tankgeschwader  die  Wucht  des
Stoßes.  Dann  aber  mußte  mit  Hilfe  der  Maschinengewehre,
  der  Minenwerfer  und  Batterien  ein  Netz
von  zahlreichen  Stützpunkten  sprungweise  überwunden
werden.  Der  Nebel,  so  sehr  er  die  überraschung  im
großen  begünstigt  hatte,  erschwerte  die  Orientierung
und  hemmte  das  Tempo  des  Angriffes.  An  vielen
Stellen  mußte  am  Nachmittag,  als  das  Wetter  sich
aufgehellt  hatte  und  unsere  Jagd-  und  Schlachtstaffeln
sich  über  den  Feind  warfen,  das  Herankommen  der
sich  durch  das  verschlammte  Trichtergelände  vorarbeitenden
  Feldartillerie  abgewartet  werden,  um
stärkere  Bollwerke  zu  bezwingen.  Den  am  Abend
nachrückenden  Divisionen  folgten  endlose  Züge  wit
Munition  beladener  Kraftwagen,  aus  denen  die  leeren
Staffeln  der  Kampfartillerie  dringend  begehrte  Ergänzung
  schöpften.  Den  Lehren  der  ersten  Kriegsmonate
  getreu,  rückte  auch  die  schwere  Artillerie,  wo“
immer  das  Gelände  es  ermöglichte,  in  den  vorderen
Gefechtsstreifen  auf.  Die  Vorwärtsbewegung  dieser
        <pb n="29" />
        Kriegsberichte:  Die  Große  Schlacht  in  Frankreich

Heeresmasse  wurde  mit  Hilfe  der  Pioniere  und  Polizeitruppen
  reibungslos  bewälltigt.

Der  Feind  leistete  den  stärksten  Widerstand  im
Norden,  wo  durch  den  Stoß  der  Armee  v.  Below
die  Abschnürung  des  Cambrai-Bogens  drohte.  Aus
Ervillers,  Vaulx-Vraucourt  und  Doignies  führte  er
wuchtige  Gegenangriffe  auf  die  Korps  der  Generale
Albrecht,  v.  d.  Borne  und  v.  Lindequist,  die  bis  in
die  Nacht  im  heißen  Kampf  um  den  Besitz  der  zweiten
Stellung  rangen.

Auch  die  Armee  v.  d.  Marwitz  stieß  auf  hartnäckigen
  Widerstand.  Die  nördlichen  Korps  erreichten
beiderseits  Epéhy  die  Bahnlinie  Cambrai-Péronne,
das  linke  Flügelkorps  des  Generals  v.  Hofacker  drang
nördlich  vonn  Omignonbach  bis  Le  Verguier  vor.

Die  vor  der  Front  der  Armee  v.  Hutier  eingesetzten
  englischen  Stellungsdivisionen  wehrten  sich
ebenfalls  mit  großer  Zähigkeit,  mußten  aber  den  deutschen
  Korps  wichtige  Ortschaften  und  Stützpunkte  überlassen.
  Südlich  vom  Omignonbach  wurden  die  feindlichen
  Batterienester  im  ersten  Anlaufe  überrannt.
Das  Korps  v.  Lüttwitz  stieß  in  blutigem  Kampf  durch
den  zu  einer  unterirdischen  Festung  umgewandelten
Holnon-Wald.  Die  Korps  der  Generale  v.  Ottinger
und  v.  Webern  erstürmten  Savy,  Fontaine  les  Clercs,
Urvillers  und  Essigny  le  Grand.  Gleichzeitig  erwangen

  von  Süden  her  zwei  Reserveregimenter  und

ägerbataillone  den  übergang  über  die  Oise  und
drangen,  nunmehr  von  stärkeren  Kräften  gefolgt,
gegen  den  Crozatkanal  vor.

IV.

Der  zweite  Schlachttag  vollendete  den  Durchbruch
  durch  das  Stellungssystem  und  verlieh  dem
deutschen  Angriffe  jene  Sprungkraft,  welche  bis  Monatsende
  die  englische  5.  Armee  in  aufgelöstem  Zustande
  vor  sich  hertrieb,  die  in  Hast  herangeworfenen
Divisionen  der  Franzosen,  wo  und  sobald  sie  auf  dem
Schlachtfelde  erschienen,  schlug  und  die  Wogeruheloser
Gefechte  bis  in  70  km  Tiefe  wälzte.  Wieder  leistete  der
Engläuder  am  22.,  in  dem  Bestreben,  das  Dach  des
wankenden  Gebäudes  zu  stützen,  den  heftigsten  Widerstand
  im  nördlichen  Cambrai-Bogen,  wo  die
Divisionen  der  Armee  v.  Below  mitten  im  Angriffe
eine  Abwehrschlacht  liefern  mußten.  Die  Erbitterung
der  feindlichen  Gegenstöße  und  die  beweglichen  Forts
der  aus  der  Cambrai-Schlacht  überlebenden  Tanks
wurden  an  dem  Heldenmut  unserer  Truppen  zuschanden.
  Erst  am  Nachmittage  gelang  der  Durchbruch
durch  die  zweite  Stellung.  Der  Park  von  St.  Leger
und  die  heißumstrittenen  Ortschaften  Croisilles,
Vaulx-Vraucourt  und  Morchies  wurden  erstürmt.
Die  starke  Besatzung  der  dritten  Stellung,  mit  der
am  Abend  unsere  Vorposten  Fühlung  nahmen,  sagte
neue  schwere  Kämpfe  für  die  kommenden  Tage  voraus.
  Dennoch  lastete  der  Druck  der  Armee  v.  Below
so  schwer  auf  dem  Cambrai--Bogen,  daß  der  Gegner
mit  der  Räumung  im  tlefsten  Winkel  begann;  Über
Flesquières  und  Nibscourt  glitt  der  Nordflügel  der
Armee  v.  d.  Marwitz  nach.

Unterdessen  hatten  die  beiden  südlichen  Armeen
mit  ihren  inneren  Flügeln  um  die  Ehre  des  Sieges
gewetteifert  Bis  zum  Spätnachmittag  dauerte  der

nischeidungskampf,  der  mit  der  Eroberung  der
dritten  und  letzten  englischen  Stellung  endigte.  Die
Armee  v.  d.  Marwitz  erstürmte  die  Ortschaften  Lieramont,
  Longavesnes,  Marquaix,  Hamelet,  Bernes,
Pouilly  und  Coulaincourt,  die  Armee  v.  Hutier  nahm

21

Beauvois  u.  Fluquières  u.  erzwang  bei  Jussy.  Quessy
und  Terhnier  den  übergang  über  den  Crozatkanal.
Am  Abend  des  22.  war  der  Durchbruch  auf
breiter  Front  von  der  Straße  Cambrai-Péronne  bis
an  die  Oise  vollbracht.  Im  Laufe  von  36  Stunden
war  das  Problem  der  Westfront,  um  das  der  Gegner
zwei  Jahre  hindurch  mit  Aufbietung  aller  Kräfte  vergeblich
  gerungen  hatte,  entrollt  und  gelöst  worden.
inermeßliche  Beute  fiel  in  unsere  Hand.
Unmittelbar  an  den  Durchbruch  schloß  sich  die  Verfolgung
  an.  Der  berüchtigte  tote  Punkt  der  Entente-Offensiven
  wurde  überrollt.  Während  in  allen  Gegenden
  Frankreichs  von  Calais  bis  Belfort  Alarm
eschlagen  wurde  und  von  allen  Seiten  die  französi-*
  *  Kagedivistonen  der  Oise  zustrebten,  versuchten
die  Deutschen  den  Keil  möglichst  tief  in  die  brüchige
Front  einzutreiben,  ehe  das  wiederhergestellte  Gleichgewicht
  der  Kräfte  die  Wucht  des  Stoßes  aufhob.  Die
rmee  v.  Hutier  und  die  südlichen  Korps  der  Armee
v.  d.  Marwitz  drangen  am  23.  bis  an  die  Semme
vor,  warfen  hastig  entgegengeführte  Reserven  der  Engländer
  zurück  und  erkämpften  am  24.  gegen  einen
tapfer,  aber  in  fortgesetzter  Verwirrung  fechtenden
Feind  den  Übergang.  Eine  badische  Division  warf
im  Schutze  des  Frühnebels  bei  Béthancourt  die  ersten
Bataillone  über  die  Somme.  Das  Korps  v.  Sttinger
  nahm  am  23.  in  heftigem  Straßenkampf  Ham,
das  Korps  v.  Hofacker  tags  darauf  Pronne.
Cléry  und  Bouchavesnes,  Maurepas  und
Combles,  die  berühmten  Kampfstätten  aus  der
alten  Sommeschlacht,  wurden  von  der  Armee  v.  d.
Marwitz  gestürmt.  Am  linken  Flügel  stieß  das  Korps
v.  Conta  in  den  Waldungen  jenseits  des  Crozatkanals
  zum  ersten  Male  auf  französische  Kräfte.  Es
waren  die  125.  und  9.  Division  und  die  1.  Kürassiere
1  F.,  die,  am  ersten  Schlachttage  alarmiert  und  aus
er  Gegend  von  Senlis  und  Compiegne  eilig  auf
Kraftwagen  heranbefördert,  sich  auf  unsere  offene
Flanke  warfen.  Sie  teilten  das  Schicksal  der  englischen
Stellungsdivisionen.  Am  24.  fiel  auch  die  Stadt
Chauny  an  der  Oise,  welche  zu  decken  die  aus  Gegend
  Paris  herangehetzten  10.  und  55.  Division  vergebens
  versucht  hatten.  Gleichsam  als  drohende  Verndigung
  der  siegreichen  Durchbruchsschlacht  fielen
#r  Stunde,  als  die  Somme  erreicht  wurdei,  die  ersten
eschosse  unserer  weittragenden  Kanonen  auf  die
erschrockene  Hauptstadt  der  Franzosen.
Währenddessen  wurde  am  Nordflügel  am  23.  um
die  dritte  Stellung  gerungen.  Es  war  ein  Kampf
mit  der  Hydraschlange,  denn  unaukfhörlich  traten
frische  unscte  Divisionen  in  die  Lücken.  Endlich  am
24.  gelang  es,  unter  dem  Druck  der  südlichen  Erfolge
in  schweren  Gefechten  den  Gegner  aus  dem  Cambrai-Bogen
  herauszuquetschen.  Ein  konzentrierter  Angriff
der  Korps  v.  Lindequist  und  Grünert  bewirkte  am
Nachmittag  den  Durchbruch  durch  die  dritte  Stellung.
  Das  Korps  v.  d.  Borne  eroberte  am  Abend
Bapaume.  v

Die  Kampftage  vom  25.  bis  zum  26.  März  reiften
die  Durchbruchsschlacht  zur  höchsten  Wirkung  aus.
Die  englische  Fährung  zog  ihre  südlich  von  der  Somme
weichenden  Kräfte  allmählich  nach  Norden  ab  und
baute  zwischen  der  Scarpe  und  der  Ancre  den  Widerstand
  auf.  Die  französische  3.  Armee,  die  ihr  Haupt-1

  Beginn  der  Fernbeschleßung  von  Paris  om  23.  März  aus
120  Um  Entfernung.
        <pb n="30" />
        929

—

quartier  in  Clermont  aufschlug,  deckte  ingrimmig  den
Rückzug  der  verblindeten  Truppen.  So  entstand,
während  unser  Nordflügel  weiterhin  in  schwere
Kämpfe  mit  der  zähen  englischen  Infanterie  verwickelt
wurde,  zwischen  Somme  und  Oise  eine  glänzende
Verfolgungsschlacht,  die  mil  der  Eroberung  von
Montdidier  am  27.  ihren  Höhepunkt  erreichte.  Unaufhaltsam
  drangen  die  Armeen  v.  Hutier  und
v.  d.  Marwit  in  südlicher  Richtung  vor.  Die  Franzosen,
  die  gezwungen  waren,  ihre  Divisionen,  wie
sie  eben  anlangten,  paketweise  einzusetzen  und  vor  die
weichenden  Engländer  zu  werfen,  wurden  in  die  allgemeine
  Rückwärtsbewegung  mit  hineingerissen.

Ermöglicht  wurden  die  glänzenden  Erfolge  des
Südflügels  durch  die  Angriffe,  welche  die  Armee
v.  Below  im  Norden  gegen  das  Massiv  der  englischen
  Verteidigung  führte.  Der  Nordflügel  versah
gleichsam  den  Dienst  eines  Hebels,  indem  er  das
Gros  der  feindlichen  Reserven  von  der  südlichen
Front  abdrückte  und  gegen  sich  selbst  zusammenpreßte.
Auch  die  nördlichen  Korps  der  Armee  v.  d.  Marwitz,
  die  am  25.  und  26.  gegen  die  Ancre  vordrangen,
  erfüllten  den  gleichen  Zweck.  Denn  der  Feind,
der  an  der  Somme,  wo  unsere  Bataillone  an  den
Fersen  seiner  weichenden  Nachhuten  übergesetzt  waren,
gelernt  hatte,  daß  er  die  Verteidigung  des  Flusses
auf  das  östliche  Ufer  vorstrecken  mußte,  um  Zeitl  für
den  Aufbau  der  Abwehr  am  westlichen  Ufer  zu  gewinnen,
  leistete  diesmal  vor  der  Ancre  den  zähesten
Widerstand.  Ohne  Rücksicht  auf  ungeheure  Verluste
führte  er  aus  der  Stadt  Albert  heraus  Gegenangriff
auf  Gegenangriff,  trotzdem  gewannen  unsere  Truppen
  langsam  Boden.  Dem  Korps  Grünert  gelang  es
noch  am  25.,  den  Block  des  stärksten  Widerstandes
nördlich  umgehend,  den  Fluß  bei  Miraumont  zu  lberschreiten.
  Das  Korps  v.  Kathen  eroberte  am  26.  Albert.
  Anschließend  drückte  bis  zum  27.  die  Armee
v.  Below  ihre  Linie  um  einige  Meilen  vor.

So  von  Norden  her  entlastet.  setzten  die  Armeen
v.  Hutier  und  v.  d.  Marwitz  südlich  von  der  Somme
die  Verfolgung  fort,  die  bald  wieder  unter  dem
fortgesetzten  Anprall  neuer  französischer  Kräfte  den
Charakter  einer  ernsten,  aber  durchweg  siegreichen
Schlacht  annahm.  Am  25.  traten  die  inneren  Flügel
der  Armeen  aus  der  wohlbestellten  und  blühenden
Ebene  in  das  wüste,  von  unzähligen  Gräben  und
Verhauen  durchzogene  Gelände  der  alten  Sommeschlacht
  über.  Da  sich  die  Hauptmarschrichtung  immer
mehr  nach  Südwesten  kehrte,  um  dem  wachsenden
Widerstande  der  aus  derselben  Richtung  eingesetzten
französischen  Divisionen  die  Brust  zu  bieten,  gelang
es  mehrmals,  den  Gegner  durch  Vorgreifen  der  jeweils
  nördlichen  Division  zum  Weichen  zu  bringen.
Das  Korps  v.  Winkler  nahm  die  Stadt  Nesle.  wo
eben  Franzosen  die  englische  Besatzung  abgelöst  hatten.
Durch  schwieriges  Forstgebiet  erkämpftesich  das  Korps
v.  Conta  den  Austritt  in  das  Hügelland  nördlich  von
Noyon.  Schon  am  26.  ließ  das  Korps  v.  Hofacker  bei
Feuilleres  und  Herbecourt  die  Großkampfwüste  hinter
sich.  Die  Städte  Chaulnes  und  Roye  wurden  genommen.
  Noyon  fiel.  Der  südlichste  Flügel  wurde
auf  den  Höhen  südwestlich  von  der  Stadt  verankert.

Am  27.  spornten  sich  die  immer  noch  in  gemischten
Verbänden  fechtenden  Verbündeten  zu  heftigstem
Widerstande  an.  Trotzdem  trieben  die  Korps  v.  Winkler
  und  v.  Ottinger  einen  tiefen  Keil  südlich  vom
Avrebach  vor.  Monididier  wurde  am  Abend
erobert.  4

I.  Rriegsgeschichte

Mit  dem  Fall  dieser  Stadt  hatte  die  Durchbruchsschlacht
  den  Höhepunkt  ihrer  Auswirkung  erreicht.
Montdidier  war  und  blieb  gleichsam  der  Nabel  des
Einbruchs.  Angriffe  am  30.  und  31.  streckien  die
zurückhängenden  inneren  Flügel  in  gleicher  Höhe.
Die  Einnahme  von  Moreuil  brachte  Areens  unter
die  Reichweite  unserer  Langrohre.  Der  Erfolg  des
ersten  Teiles  der  »Großen  Schlacht  in  Frankreichhat
  alle  Erwartungen  übertroffen  und  gibt  dem  Namen
  innere  Berechtigung.  Wir  n'achten  90000  Gefangene,
  erbeuteten  1200  Geschütze,  Tausende  von
Minenwerfern  und  Maschinengewehren,  unzählbare
Munition,  unermeßliches  Gerät,  unschätzbare  Mengen
eingebauten  Materials.  Die  blutige  Einbuße  des
Feindes  war  erheblich.  Der  eroberte  Raum,  in  dem
einer  kleinen  Insel  gleich  das  Großkampfgelände  der
alten  Sommeschlacht  liegt,  zeigt  die  absolute  Größe
des  deutschen  Sieges.

Bie  Schlacht  von  Armentikrest.

Am  9.  April  war  die  Große  Schlacht  in  Frankreich
  mit  der  wohlgeglückten  Frontverbesserung  im
Bogen  von  Chauny  zum  Stillstand  gekommen.  Am
geichen  Tage  schon  entflammte  auf  dem  nördlichen

eile  der  Westfront  überraschend  ein  neuer  Kampf,
dem  die  Stadt  Armentières  den  Namen  gibt.  Die
teilweise  Verschiebung  der  englischen  Flandernreserven
nach  dem  südlichen  Kampffelee  schien  günstige  Vorbedingung,
  die  portugiesisch-englische  Fronk  einzudrücken,
  ihre  Besatzung  solange  als  möglich  von  der
Teilnahme  am  Kampfe  auszuschließen  und  unsere
eigene  Linie  den  Zufahrtswegen  der  englischen  Flandernfront
  näherzurücken.

Die  Schlacht  von  Armentikres  zerfällt  in  drei  Teile,
die  sich  örtlich  und  zeitlich  voneinander  abheben:
1.  Den  ersten  Stoß  am  9.  April  führte  die  Armee
v.  Quast  mit  der  Hauptmasse  der  eingesetzten  Angriffskräfte
  auf  der  Linie  Festubert-Armentieres
allein.  —  2.  Am  10.  April  nahm  die  Armee  Sixt
v.  Armin  zwischen  Armentières  und  Hollebeke
in  schwächerem  Ausmaß  der  Kräfte  den  Angriff  auf
und  vereinigte  sich  einen  Tag  später  mit  der  südlichen
Gruppe  zu  gemeinschaftlichem  Vorgehen.  —  3.  In
der  Zeit  vom  16.—18.  April  begann  in  Auswirkung
  unserer  Erfolge  die  Abbröckelung  des  Ppernbogens,
  die  durch  unseren  Nachstoß  ausgebeutet
wurde.  Gleichzeitig  ergünzien  sich  unsere  Geländevorteile
  auf  dem  nördlichen  Teile  der  bisherigen
Kampffront  zur  Grundstellung  für  neuen  planmäßigen
  Angriff.  1

Die  Ausgangslage  für  unseren  ersten  Stoß  am
9.  April  bildete  unsere  Grabenlinie  zwischen  Armentières
  und  Festubert,  die,  von  Südwest  nach  Nordost
  verlaufend,  die  Lysniederung  in  der  Weise  überbrückte,
  daß  ein  stirnwärts  geführter  Angriff  nach
Richtung  und  Breitenausdehnung  etwa  dem  Teil  der
flandrischen  Ebene  entsprach,  der  zwischen  dem  Kemmel-Höhenzuge
  und  den  Ausläufern  der  Kreidehochfläche
  des  Artois  nach  Nordwesten  streicht.  Das  Angriffsgelände
  war  nasses  Marschland,  das  durch  Hecken
und  Gebüsch  unübersichtlich  gemacht  wurde  und  durch
eine  reiche  Bewässerung  verschlammt  war.  Die  feindlichen
  Stellungsbauten  waren  auf  dem  Boden,  der
tiefere  Grabenarbeiten  nicht  zuließ,  lediglich  aufgesetzt
und  daher  wenig  widerstandsfähig.  Dagegen  bot  die

1  Bgl.  die  Karten  S.  100  und  Bd.  L  S.  217.
        <pb n="31" />
        Kriegsberichte:  Die  Große  Schlacht  in  Frankreich;  Schlacht  von  Armentières

flundrische  Vereinödung  in  den  zahlreichen  übers
Land  gestreuten  Gehöften  einer  beweglichen  Verteidizung
  reichlichen  Ersatz  an  Stützpunkten,  die  im  Geiet

  der  Stellungen  Überdies  in  jahrelanger  Arbeit
ausgebaut  waren.  Ein  Hindernis  von  ausschlagebender

  Bedeutung  bildeten  für  unser  Bordringen  die
Flußläufe  der  Lawe  und  Lys.  Jenseits  hob  sich  das
Geländeallmählich  in  einer  Weise,  daßes  die  Niederung,
die  unsere  Truppen  zu  durcheilen  hatten,  beherrschte.

Die  Spannkraft  unseres  ersten  Angriffes  mußte  daher
  so  bemessen  sein,  daß  sie  am  ersten  Tage  den
deckungslosen  Raum  der  Tiese  nach  überwand  und
wenigstens  mit  Teilen  unserer  Streitkräfte  Boden  an
den  jenseitigen  Ufern  der  Flüssegewann,  ehe  der  Gegner
Zeit  fand,  sich  dort  zu  neuem  Widerstand  einzurichten.
Graben  und  Hürde  waren  in  einem  Sprung  zu  nehmen,
  andernfalls  liefen  unsere  Divisionen  Gefahr,  in
der  haltlosen  Lysniederung  abzugleiten.

Regengüsse  hatten  in  den  letzten  Tagen  vor  dem

ingriff  alle  Schwierigkeiten  des  unwegsamen  Landstriches
  besonders  deutlich  werden  lassen.  Trichter,
Gräben  und  freies  Feld  standen  vielfach  unter  Wasser.
und  die  wenigen  festen  Straßenkörper  waren,  soweit
sie  im  Stellungsgebiet  lagen,  zerschossen.

Die  Bereitstellung  unserer  Sturmregimenter  wurde
vom  Gegner  wenig  gestört.  Früh  4  Uhr  15  Min.  setzte
unser  Vorbereitungsfeuer  ein.  Bei  dichtem  Nebelergoß
sich  8  Uhr  45  Min.  vormittags  die  Sturmflut  unserer
Infanterie  auf  den  überraschten  Feind.  Fünf  Heersäulen
  waren  aufgestellt,  die  man  nach  ihrer  Anordnung
  den  fünf  geschlossenen  Fingern  einer  ausgestreckten
  Land  vergleichen  kann.  Der  kleine  Finger,  als
der  schwächste,  hatte  während  der  ganzen  Unternehmung
  am  linken  Flügel  außerhalb  des  eigentlichen
Angriffsraumes  zu  verhalten.  Die  drei  mittleren
Finger  sollten,  sich  fächerförmig  spreizend,  vorwärtsrücken,
  während  der  Daumen  zunächst  an  den  Zeigefinger
  herangezogen  werden  sollte,  um  hernach  dehto
kräftüger  den  Gegner  in  die  Flanke  zu  stoßen,  ohne  jedoch
  Armentieres,  das  im  Angriffsplane  ausgespart
war,  anzugreifen.

Die  Absicht  gelang  vollkommen.  Das  südlich  von
La  Bassée  stehende  Korps  beschäftigte  den  Gegner,
ohne  selbst  vom  Platze  zu  rücken,  durch  seine  lebhafte
Feuertätigkeit  und  erleichterte  so  dem  Korps  v.  Kraevel
  den  Abstoß  in  westlicher  Richtung  auf  Givench
les-la  Bassée,  Festubert  und  Richebourg  IAvoué.
Die  beiden  mittleren  Korps  v.  Bernhardiund  v.  Carlowitz
  wendeten  sich,  ihr  Ziel  Lawe  und  Lys  im  Auge,
in  straffem  Zuge  mehr  und  mehr  nach  Nordwest,  während
  das  rechte  Flügelkorps  v.  Stetten  links  ausholend
  hinter  v.  Carlowitz  dreinzog,  um  in  kurzem
Bogen  mehr  nördliche  Hauptrichtung  nach  Bailleul
zu  gewinnen.  Die  feindlichen  Stellungsdivisionen
wurden  im  ersten  Anprall  so  gut  wie  aufgerieben.
Vormittags  10  Uhr  hatte  unsere  Infanterie  die  dritte
feindliche  Linie  überall  überschritten.

Aber  nun  begann  die  ungeheure  Schwierigkeit,  die
der  Schlacht  von  Armentieères  für  alle  Zeit  das  Gepräge
  leihen  wird:  es  galt  mit  Fahrzeugen  und  Geschützen
  unseren  Sturmwellen  über  das  völlig
verschlammte  Trichtergelände  zu  folgen.  Die  auf  den
Karten  verzeichneten  Straßen  erwiesen  sich  mit  vereinzelten
  Ausnahmen  als  unbenutzbar,  das  Trechterfeld
  war  Sumpf;  doch  gelung  es  den  gemeinschaftlichen
  Bemühungen  von  Mensch  und  Tier,  was
nach  den  Regeln  der  Erfahrung  unmöglich  scheinen
mußte:  der  Sumpf  wurde  angesichts,  des  Gegners

23

zunächst  von  den  leichten  Batterien  überwunden,  die
planmäßige  Herstellung  brauchbarer  Verkehrswege
von  den  Pionieren  und  Armierungstruppen  mit  rörter
  Aufopferung  gefördert,  so  daß  noch  am  ersten  Tage
einzelne  schwerere  Geschütze  das  Stellungsgelände
überschreiten  konnten.  Anderwärts  traten  unsere  Geschützbedienungen
  rasch  entschlossen  an  die  Beutebatterien
  und  beschossen  den  weichenden  Feind  mit
seiner  eigenen  Munition.

Die  feindliche  Gegenwirkung  war  gegen  die  beiden
Flügel  erheblich,  da  hier  die  Sorge  um  den  Besitz  von
Armentières  und  die  Erzgruben  von  Béthune  besonders
  scharfe  Wache  hielt.  Dies  hatte  auf  dem  äußersten
  Nordflügel  weniger  zu  besagen,  da  Armentidres
ohnedies  zunächst  nicht  unserem  Angriffswillen  unterlag.
  Das  südliche  Korps  v.  Kraevel  vermochte  zwar
mit  seiner  rechten  Division  Richebourg  I  Avoué  im
Sturm  zu  nehmen,  blieb  aber  weiter  südlich  an  dem
überaus  empfindlichen  feindlichen  Widerstande  aus
den  stark  befestigten  Dorfstätten  Givenchy  und  Festubert
  hängen.  Gegenüber  der  Mitte  unserer  Front
war  die  Tätigkeit  der  feindlichen  Artillerie  geringer.
Mit  um  so  größerem  Kamfpfeifer  trugen  unsere  Negimenter
  den  Angriff  gegen  die  feindliche  Infanterie
weiter,  bei  deren  Erledigung  ihnen  die  nachgezogenen
Batterien  und  Minenwerfer  wesentlichen  Besstand
leisteten.  Die  Truppen  des  Generals  v.  Bernhardi
stürmten  Richebourg.  St.  Vaast  und  Lacouture
  und  erreichten  gegen  Abend  bereits  an  mehreren
Stellen  die  Lawe.  Im  Wettlauf  mit  ihnen  gelangten
die  Sturmdivisionen  des  Generals  v.  Carlowitz  über
Laoventie  bis  an  die  Lys,  deren  übergänge  sie  zwischen
Sailly  und  Estaires  gesprengt  fanden.  Das  rechte
Flügelkorps  v.  Stetten  endlich  nahm  nach  überschreiten
  des  Trichterfeldes  im  Flankenstoße  nach  rechts
Bois-Grenier,  drang  in  Fleurbaix  ein  und  erstritt,
indem  es  sich  der  allgemeinen  Angriffsrichtung  anschloß,
  bei  Bec  St.  Maur  den  Zutritt  zur  Lys.

Hinter  den  jenseitigen  Uferrändern  von  Lawe  und
Lys  lagen  abwehrbereit  die  Notreserven  der  Engländer,
  die  in  aller  Eile  aus  allen  verfügbaren  Truppenteilen
  zusammengestellt  und  ins  Gesecht  geworfen
waren  und  den  Vorteil  des  natürlichen  Hindernisses
entschlossen  ausnützten.  Dank  der  Entschlossenheit
ihres  Führers  gelang  es  der  Brigade  Höfer  noch  am
Abend,  den  übergang  über  die  Lys  an  der  Schleuse
östlich  von  Sailly  durch  Handstreich  zu  erzwingen  und
durch  einen  bis  Croix  du  Bac  vorgeschobenen  Brückenkopf
  zu  sichern.  Weitere  örtliche  Brückenköpfe  wurden
im  Laufe  der  Nacht  erkämpft,  so  östlich  von  Estaires
über  die  westlich  von  Le  Marais-Ferme  und  füdlich
  von  Vieille  Chapelle  über  die  Lawe.  Damit  war
die  Voraussetzung  für  unser  weiteres  Vordringen  und
das  Eingreifen  des  Südflügels  der  Armee  Sixt  v.  Armin
  gegeben.  ¾lr

Indem  die  Streitmacht  des  Flandernverteidigers
Sixt  v.  Armin  zwischen  Armentières  und  Hollebeke
  auf  etwa  gleichgroßem  Raume  mit  unvergleichlich
  weniger  Kräften  angriff  als  die  südliche  Hauptruppe,

  erfüllte  sie  das  Gesetz  der  Steigerung,  das  die

eistungen  unserer  bewundernswerten  Truppe  von
Schlacht  zu  Schlacht,  ja  von  Gefechtsabschnitt  zu  Gefechtsabschnitt
  zu  beherrschen  scheint,  auch  im  Rahmen
ihrer  Teilhandlung.  Die  Überwindung  von  Trichterfeld
  und  Lys  fiel  in  der  südlichen  Hälste  des  neuen
Angriffsstreifens  räumlich  zusammen,  da  hier  die  Lys
teils  vor,  teils  knapp  hinter  unserer  Linie  zu  Über-
        <pb n="32" />
        24

schreiten  war.  Nördlich  befand  sich  das  Gebiet  vor
Wytschaete  in  unserer  Stoßrichtung,  dessen  Besitz  dem
Engländer  seit  dem  Vorjahre“  durch  blutige  kngungen
  teuer  geworden  war  und  das  er  mit  den  Batterien
  des  Kemmels  und  der  Wernfront  deckte.

In  der  Nacht  vom  9.  zum  10.  April  setzten  Teile
der  bereitgestellten  Angriffstruppen  unter  dem  Schutze
der  Nacht  über  die  Lys.  Nach  ausgiebiger  Artillerievorbereitung
  brach  sodann  früh  5  Uhr  15  Min.  der
Infanterieangriff  auf  die  feindlichen  Stellungen  herein.
  Unmittelbar  hinter  unseren  Sturmwellen  wurden
dem  feindseligen  Flusse  im  Feuer  des  Gegners  zwei
Pontonbrücken  aufgezwungen  und  so  der  übergang
unseres  Nachschubs  ins  Werk  gesetzt.  Die  Kampfverhältnisse
  waren  außerordentlich  erschwert.  Die
Mittags-=  und  Nachmittagsstunden  mußten  vor  allem
dazu  verwandt  werden,  die  leichte  und  schwere  Artillerie
über  Lys  und  Trichterfeld  zu  bringen;  dazu  kam,  daß
diesmal  der  Gesichtspunkt  der  überraschung  wegfiel
und  die  Engländer  auch  von  der  Reichweite  ihrer
entfernter  stehenden  Geschütze  rücksichtslosen  Gebrauch
machten,  um  den  Aufenthalt  unseres  Vorstoßes  zu
vergrößern.  Der  in  der  Flandernarmee  steckende  starke
Wille  brach  jedoch  unter  unsäglichen  Mühen  alle
Hindernisse  und  vermochte  gleich  am  ersten  Tage  Erfolge
  zu  erzielen,  die  angeschts  der  besonderen  Verhältuisse
  hinter  denen  von  gestern  keineswegs  zurückstanden
  und,  vollends  an  den  vorjährigen  Leistungen
des  Gegners  im  gleichen  Raume  gemessen,  bewundernswert
  genannt  werden  müssen.

Der  hochgelegene  festungsartige  Ort  Messines
(Meesen)  wurde  frühzeitig  durch  Umfassung  genommen.
  Dann  brachen  die  bereitgestellten  englischen
Reserven  zu  schwersten  Gegenangriffen  vor.  Gleichwohl
  gelang  es  den  Unfrigen,  nicht  nur  die  Linie  zu
halten,  sondern  sogar  den  Angriff  bis  an  den  Wald
südwestlich  von  Hollebeke  und  im  Anschluß  daran
800  m  vor  den  Ort  Wytschaete  heranzutragen  und
gegen  wiederholt  vorbrechende  heftige  Gegenstöße  zu
verteidigen.  Südlich  von  Messincs  erwies  sich  der
Ploegsteertwald  als  Hindernis,  das  in  zähem  Widerstande
  unsere  Front  zu  beiderseitigerUmgehung  zwang.
Dagegen  waren  Ploegsteert-Ort  und  Le  Bizet  schon  am
Nachmittag  in  unserer  Hand.  In  Richtung  Armentidres
  wurde  Houplines  erreicht.  Die  Stadt  selbst
blieb  außerhalb  unserer  Bewegungen,  die  Verbindung
  mit  der  Armee  v.  Quast  wurde  nochnicht  erreicht.

Südlich  von  Armentieres  erweiterte  sich  am  zweiten
Tage  der  Schlacht  die  Einbruchsstelle  nach  allen  Seiten
strahlenförmig,  wobei  sich  der  zunehmende  Druck  der
neu  in  den  Kampf  geworfenen  englischen  Reserven  in
verzweifelten  Gegenangriffen  äußerte.

In  siegreicher  Abwehr  und  tatkräftigem  Nachstoß
führte  General  Höfer  nach  wechselnden  Kämpfen  um
Croix  du  Bac  seine  inzwischen  verstärkten  Kräfte  bis
Steenwerck  vor,  nahm  das  Dorf  und  ermöglichte
dadurch  auch  den  bei  Erquinghem  kämpfenden  Truppen
den  Übergang  über  die  Lys.  Bei  Pont  Mortier  lagen
andere  Teile  des  Korps  v.  Stetten  und  Truppen  des
Generals  v.  Carlowitz  mit  dem  dauernd  sich  verstärkenden
  Gegner  in  schwerem  Kampf.  Das  Korps  v.  Carlowitz
  fand  ferner  auf  dem  nördlichen  Ufer  der  Lys  bei
Sailly  starken  Widerstand.  Ostlich  von  Estaires  ließ
sichschon  am  frühen  Morgen  angriffslustige  Infanterie
durch  wagemutige  Pioniere  überraschend  über  die
Lys  setzen  und  behauptete  sich,  das  Wasser  im  Rücken,

1  Juni  1917.

I.  Kriegsgeschichte

gegen  sofort  einsetzenden  Gegenstoß.  In  dem  Ort
staires  wogte  stundenlang  der  Häuserkampf,  bis  er
nach  teilweiser  Umfassung  von  Norden  her  fiel.

Während  der  rechte  Flügel  des  Generals  v.  Bernhardi
  den  übergang  über  die  Lys  bei  La  Gorgue  erzwang,
  wehrten  Mitte  und  linker  Flügel  kräftige  Angriffe
  der  Engländer  aus  Lestrem  und  Vieille  Chapele
ab.  Ein  Angriff  mit  der  Absicht,  zwischen  beiden  Orten
durchzubrechen,  kam  noch  am  Abend  in  Gang  und
öffnete  unseren  Truppen  neue  Brücken  über  die  Lawe.

Die  stärkste  Gegenwehr  fanden  wir  auf  unserem
südlichen  Flügel,  wo  der  Brite  in  den  Erzgruben  von
Béthune  einen  wesentlichen  Bruchteil  der  französischen
  Erzförderung  verteidigte.  Die  hier  fechtenden
Divisionen  des  Generals  v.  Kraevel  hielten  den  feindlichen
  Anslurm  tapfer  aus,  mußten  sich  aber  schließlich
unter  Verzicht  auf  eine  Erweiterung  der  Einbruchestelle
  mit  dem  Ergebnisse  begnügen,  die  Taganlagen
der  bedrohten  Bergwerke  in  den  Bereich  unferes  rtilleriefeuers
  gebracht  zu  haben.

Am  11.  April  kam  Wytschaete  vorübergehend  in
unseren  Besitz,  mußte  aber  wieder  geräumt  werden.
Unsere  Linie  hielt  sich  standhaft  am  Ostrand  des  Ortes
und  verlief  1000  m  östlich  von  Wulvergem  vorbei
weiter  nach  Süden.  Zwischen  Douvebach  und  Nordrand
  des  Ploegsteertwaldes  folgte  General  v.  Eberhardt
  dem  weichenden  Feind,  durchbrach  mit  seinem
linken  Flügel  bei  Romarin  eine  neue  englische  Stellung
und  reichte  bei  Pont  de  Nieppe  der  südlichen  Angriffsgruppe
  die  Hand.  Das  Korps  v.  Stetten  hatte  schon
tags  zuvor  seine  Postenkette  bis  La  Chapelle  d'  Armentieres
  herangeschoben  und  in  der  Nacht  zum  11.  April
einen  weiteren  Angriffsbogen  um  den  Ostrand  von
Armentieres  nach  Houplines  geschlagen.  Weitere
Kräfte  waren  zwischen  Westrand  von  Armentieres
und  Lys  eingedrungen,  hatten  den  Fluß  überschritten
und  Nieppe  genommen.  Das  Schicksal  der  Stadt  war
durch  allgemeine  Umzingelung  besiegelt.  Ihre  Besatzung
  ergab  sich  nach  zäher  Gegenwehr  am  späten
Nachmittag  des  11.  April.

Inzwischen  hatten  unsere  im  spitzen  Winkel  nach
Nordwest  vorgeschobenen  Kräfte  im  wechselvollen
Kampfe  den  Bahnhof  von  Steenwerck  behauptet  und
den  Anschluß  nach  rechts  gesichert.  Hierdurch  ergab
sich  eine  Linie,  die  als  Grundstellung  für  den  weiteren
Angriff  auf  die  Front  Bailleul-Nieuwekerke  und  das
von  ihr  gedeckte  Hügelland  der  Kemmellette  dienen
konnte.  Weiter  südlich  drang  der  rechte  Flügel  des
Generals  v.  Carlowitz  in  erbitterten  Gefechten  bis
Doulien  vor,  während  der  linke  nach  überwindung
feindlichen  Widerstandes  bei  Maurianne-Ferme  den
Südteil  des  Dorfes  Neuf  Berquin  bis  zur  Kirche  wegnahm.
  General  v.  Bernhardi  kämpfte  sich,  nachdem
der  Üübergang  seiner  rechten  Flügeldivision  über  die
Lawe  bei  La  Gorgue  gelungen  war,  bis  nach  Merville
  durch.  Seine  links  nachschließenden  Truppen
nahmen  Lestrem,  erreichten  zunächst  in  westlicher  Richtung
  Le  Grand  Pacaut  und  schwenkten  dann  gleichfalls
  auf  Merville  ein,  das  nach  ungemein  zäher  Verteidigung
  nachts  zwischen  10  und  11  Uhr  gestürmt
wurde.  Der  Durchbruch  zwischen  Lestrem  und  Vieille
Chapelle  gedieh  in  erheblicher  Staffelung  der  durchführenden
  Kräfte  bis  zu  der  Linie  Bouzeteux-La
Tombe  Willot.

Das  Korps  v.  Kraevel  erstritt  trotz  der  geschlossenen
Gegenwirkung  feindlicher  Maschinengewehre  an  drei
Stellen  den  Übergang  über  die  Lawe,  wehrte  verschiedene,
  von  Schotten  ausgeführte  Gegenangriffe
        <pb n="33" />
        Kriegsberichte:  Schlacht  von  Armentidres;  Schlacht  zwischen  Soissons  und  Reims  25

ab  und  eroberte  schließlich  nach  erbittertem  Ringen  den
Ort  Les  Lobes.

Der  12.  April  brachte  uns  geringe  Fortschritte.
In  den  folgenden  Tagen  verlegte  sich  der  Schwerpunkt
  unseres  Angriffs  gegen  die  Linie  Bailleul-Sebastie-Nieuwekerke,
  da  es  für  uns  darauf
ankommen  mußte,  möglichst  tief  in  das  Höhengelände
um  den  Kemmelstock  einzudringen  und  so  die  Einwirkung
  auf  unsere  in  der  Niederung  stehenden
Truppen  möglichst  zu  beschränken.  Der  linke  Flügel
der  Armee  Sixt  v.  Armin  vermochte  am  13.  April,
verstärkt  durch  die  rechte  Flügeldivision  der  Armee
v.  Quast,  das  Dorf  Nieuwekerke  und  die  Höhen  westlich
  davon  im  Angriff  zu  nehmen  und  zu  halten.  Der
14.  April  änderte  an  der  Gefechtslage  nur  wenig.  Der
15.  April  bescherte  uns  wieder  schöne  Sturmerfolge.
Am  frühen  Morgen  entrissen  Teile  des  Korps  Sieger
nach  kurzer  Feuervorbereitung  dem  Gegner  sein
Grabennet  östlich  von  Wulvergem,  dann  den  Ort
selbst,  überschritten  die  Straße  Wytschaete-Wulvergem
und  besetzten  dort  im  Handgranatenkampf  drei  große
Sprengtrichter  aus  der  vorjährigen  Wytschaeteschlacht.
Die  Truppen  der  Generale  v.  Eberhardt  und  Freiherrn
Marschall  erstiegen  am  Spätnachmittag  die  beherrschenden
  Höhen  westlich  von  Wulvergem  und  östlich
von  Bailleul.  An  der  übrigen  Front  festigten  wir
die  errungenen  Vorteile.  General  v.  Carlowitz  nahm
am  13.  April  Merris,  Vieux  Berquin  sowie  die  Ortschaft
Verte-Rue  und  sicherte  den  Erwerb  teils  durch  Abweisung
  starker  Gegenangriffe,  teils  durch  weitereeigene
Vorstöße,  die  uns  reichlich  Gefangene  einbrachten.

III

Unsere  Erfolge  bis  zum  15.  April  hatten  unsere
Gesamtfront  seitlich  nicht  nur  nach  Westen  bis  in  die
Höhe  des  englischen  Etappenorts  der  englischen  Dpernfront
  Poperinghe  vorgeschoben,  sondern  zugleich  in
der  Anlehnung  an  das  Hügelland  in  Linie  östlich  von
Bailleul  Nieuwekerke  eine  unmittelbare  Bedrohung
der  englischen  Zubringerwege  von  Ypern  aus  südlicher
Richtung  geschaffen.

Demgegenüber  mußte  die  Ausbeulung  derenglischen
Linien  im  MYernbogen  taktisch  als  eine  ungesunde
Übertreibung  erscheinen.  Hatten  doch  die  Engländer
voriges  Jahr  die  kleine  Ausbuchtung  des  deutschen
Wtlchnctebogens,  für  gefährlich  genug  gehalten,  sie
durch  ein  in  Jahr  und  Tag  vorbereitetes  Sonderunternehmen
  auszugleichen,  ehe  sie  an  den  Haupistoß
in  Richtung  unserer  U-Boot-Basis  herangingen.  Und
damals  waren  wir  noch  die  Angegriffenen.  Um  wieviel
  unangenehmer  mußte  ihnen  der  Verlauf  einer
Linie  werden,  die  uns  als  Angreifern  gestattete,  die
qeitliche  überholung  ihrer  Dpernfront  der  Tiefe  nach
auszunutzen.

Trotzdem  französische  Unterstützung  im  Anmarsch
war,  verlor  der  mit  dem  Blutopfer  von  ½  Million
Menschen  erkaufte  Bodengewinn  der  Flandernschlacht
1917  für  die  Engländer  seinen  Wert.  Als  #taktische
Maßnahmee  bezeichneten  sie  die  Zurücknahme  ihrer
Front,  zu  der  wir  sie  mittelbar  durch  unsere  bisherigen
Erfolge,  unmittelbar  durch  Unternehmungen  zwangen,
die  uns  in  wenigen  Tagen  wieder  in  den  Besitz  fast
des  ganzen  Geländes  bringen  sollten,  das  sie  uns
voriges  Jahr  in  viermonatigem  schweren  Kampfe  entrissen
  hatten.  Im  Laufe  des  Nachmittags  des  16.  April
stellten  unsere  Erkundungstrupps  im  Ppernbogen

1  CUgl.  bie  Karte  S.  88.

von  Poelcappelle  bis  zum  Kanalvon  Hollebeke  das  Abbröckeln
  der  feindlichen  Linie  fest,  deren  vorgeschobenster
Punkt,  Passchendaele,  von  uns  besetzt  wurde.  In
rasch  gefaßtem  Entschlusse  gab  die  Armee  Sixt  v.  Armin
  den  Befehl  zum  Angriff,  um  im  Nachstoß  das
Weichen  des  Feindes  auszunutzen.  Nach  kurzem  Feuer
brachen  die  zur  Verfügung  stehenden  Truppen  unter
General  v.  Böckmann  aus  dem  Houthoulster  Forste
in  die  feindliche  Linie  ein  und  erreichten  im  Verein
mit  den  übrigen  in  Fluß  geratenen  Kräften  noch  am
Abend  die  ungefähre  Linie  Mangelaare-Langemarck-Zonnebeke-Veldhoek.


Auchan  denübrigen  Frontteilen  waren  wir  andiesem
Tagevom  Glück  begünstigt.  General  Sieger  nahm
morgens  ½8  Uhr  das  zäh  verteidigte  Wytschaete
samt  den  Höhen  nordwestlich  und  westlich  davon  sowie
die  Höhen  nördlich  vom  Westausgang  von  Wulvergem.
General  v.  Eberhardt  gewann  im  Nachdrängen  hinter
dem  weichenden  Feinde  gleichfalls  Boden  bis  zum
Douvebach  und  Kemmelbach,  und  General  Frhr.  Marschall
  besetzte  das  vom  Gegner  geräumte  Bailleul.
Bei  der  Armee  v.  Quast  verbreiterte  General  v.  Stein
unsere  Frontlinie  Nieuwekerke-Bailleul  durch  die  Einnahme
  des  Dorfes  Meteren,  das  er  gegen  verschiedene
von  Tanks  unterstützte  kräftige  Vorstöße  von  Eng
ländern  und  Franzosen  hielt.  Auch  sonst  wehrte  die
Armee  v.  Quast  auf  ihrem  Kampffelde  alle  Gegen.
angriffe  mit  Erfolg  ab.

###  den  folgenden  Tagen  machte  sich  die  Verstärkung
der  feindlichen  Kräfte  mehr  und  mehr  geltend.  Aur
18.  April  brachen  belgische  Truppen  zu  einem  entschlossenen
  Gegenangriff  aus  Merkemheraus  gegen
unsere  Linien  vor,  ohne  jedoch  nennenswerte  Erfolge
zu  erzielen.

Die  Schlacht  von  Armentièeres  hat  in  verhältnismäßig
  kurzer  Zeit  nicht  nur  unsern  vorjährigen  Geländeverlust
  in  Flandern  ausgeglichen,  sondern  den
damaligen  Erwerb  der  Engländer  weit  übertroffen.
Die  Gegner  haben  außer  den  sehr  hohen  blutigen  Verlusten
  rund  20000  Gefangene,  400  Geschütze,  Tausende
von  Maschinengewehren,  Gerät  und  Vorräte  in  großer
Menge  verloren.

Die  Schlacht  zwischen  Soissons  und  Reims!.
(27.  Mai  bis  6.  Juni.)

J.

In  den  Schlachten  an  der  Aisne  und  bei  Soissons
sarg  sich  im  Herbst  und  Winter  1914/15  dort  die  urprüngliche
  Grabenlinie  herausgebildet,  die  von
Moulin-sous  Touvent  ab  den  Nordhängen  des  Flußbeckens
  folgte,  bei  Berry-au-Bac  auf  das  Südufer
übertrat  und  sich  am  Brimont  auf  die  in  deutscher
Hand  befindlichen  Reimser  Nordforts  stützte.  Im
Frühjahr  1917  verkürzte  die  von  langer  Hand  vorbereitete
  Siegfriedbewegungs  die  Aisnefront  um  die
Hälfte  ihrer  bisherigen  Ausdehnung.  Die  Kampflinie
wandte  sich  von  nun  abbei  Laffaux  scharf  nach  Norden.
An  dem  Tage,  der  die  deutsche  Rückzugsbewegung
zum  Abschluß  brachtes,  begann  die  große,  lange  angeündigte
  gegnerische  Sffenoer,  die  dem  Verbande  den
Endsieg  bringen  sollte.  Beiderseits  von  Reims  brachen
die  Sturmwellen  der  Franzosen  zur  Doppelschlacht
vor.  In  monatelangen  Kämpfen  gewann  der  Angreifer
  unter  unerhörten  Verlusten  an  der  Aisne-Front

1  Ugl.  die  Karte  S.  100.  —  :#  16.  März  bis  19.  April  1917.—
2  Nach  dem  deutschen  Heeresbericht  schon  am  16.  April  1917.  —
4  7Frohlingsschlacht  an  der  Alsne.=
        <pb n="34" />
        26

die  Nordhänge  der  dritten  Höhenstellung!.,  Vom
Damenweg  aus  sahen  die  feindlichen  Beobachterin  das
tieserliegende  Hintergelände  der  deulschen  Linien.  Seit
er  in  Feindeshand  war,  begannen  die  französischen
Batterien  die  umliegenden  Ortschaften  von  Laon  in
Trümmer  zu  legen.  Zu  den  gebrachten  Opfern  stand
der  beschränkte  Geländegewinn  in  keinem  Verhältnis.
Außerdem  erhob  sich  hinter  der  Chemin-des-Dames-Stellung
  als  Rückhalt  des  Verteidigers  die  vierte  und
letzte,  der  Hügelkranz  um  Laon,  gedeckt  durch  den
Doppelgraben  der  Ailette  und  des  Oise-Aisne  Kanals.

In  der  Großen  Schlacht  in  Frankreich"#  hatte  die
Armee  v.  Hutier  Ende  März  1918  die  Front  westlich
  von  Laon  in  der  alten  Breite  wiederhergestellt
und  darüber  hinaus  nach  Westen  Gelände  gewonnen.
Doch  folgte  die  neugebildete  Linie,  statt  sich  dei  Noyon
zur  Aisne  zu  wenden,  dem  Nordrand  des  Oisebeckens,
um  bei  Tergnier  in  spitzem  Winkel  abbiegend  den  Fluß
zu  überschreiten  und  Anschluß  an  die  Siegfriedstellung
-  finden.  Die  Erfotge  Hutiers  machten  sich  an  der

isnefront  erst  geltend,  nachdem  die  Armee  v.  Boehn
in  den  Kämpfen  bei  Amigny  und  Coucy-le  Chäteau
Anfang  April  ihren  rechten  Flügel  an  die  Ailette  und
den  Oise  -  Aisne-Kanal  vorgeschoben  hatte.  Dies
begünstigte  den  Plan  der  deutschen  Heeresleitung,  einen
örtlich  begrenzten  Anzeif  anzusetzen,  der  zunächst  der
beherrschenden  Höhe  des  Damenweges  galt,  darüber
hinaus  einer  allgemeinen  Verbesserung  der  Front
zwischen  Reims  und  Noyon.

II.

Der  Armee  v.  Boehn  fiel  der  Hauptangriff
zu,  der  Sturm  auf  den  Damenweg,  den  ein
Jahr  lang  so  ruhmreich  verteidigt  hatte.  Ihre  Korps
bildeten  die  Front  westlich  von  Reims,  vom  Schnittpunkt
  mit  der  Aisne  bis  zur  Mündung  der  Ailette.
Im  Zentrum,  dem  Damenweg  gegenüber,  standen
auf  dem  rechten  Ailette-User  die  Korps  Wichura  zwischen
  Lizy  und  Colligis,  Winckler  bis  Chermizy,  Conta
über  Corbeny  hinaus.  Anschließend  hielt  Boehns
linkes  Flügelkorps  unter  Schmettow  über  die  Aisne-Niederung
  hinweg  bei  Berry-au-Bac  Fühlung  mit
dem  Korps  Ilse  der  Armee  v.  Below,  das  die  Vorwärtsbewegung
  mitmachen  sollte.  Nach  rechts  folgte
auf  Wichura  das  Korps  Larisch.  Zwischen  Landricourt
  und  Cuy  westlich  von  Noyon  bildeten  die  inneren
  Flügelkorps  der  Armeen  v.  Boehn  und  v.  Hutier
unter  Francois  und  Hofmann  eine  Kampfeinheit,  die
zunächst  zurückgehallten  werden  sollte.  Den  Nord-Ufern
  der  Ailelte  und  Oise  angeschmiegt,  reichten  sie
sich  an  deren  Zusammenfluß  bei  Abbscourt  über  die
Oise  hinweg  die  Hand.

Die  Bereitstellung  der  Angriffsdivisionen  und
Artilleriekampfgruppen  fand  in  den  Abendstunden
des  26.  Mai  ihren  Abschluß.  Langwieriger  Verschleierungen
  hatte  es  bedurft,  um  die  umfassenden  Vorbereitungen
  vor  dem  Feinde  geheimzuhalten.  Ehe
die  örtlichen  Reserven  des  Gegners  eingreifen  konnten,
mußte  der  Damenweg  überrannt  sein.  Die  Dauer
der  Feuervorbereitung  wurde  deshalb  aufs  äußerste
eingeschränkt.  Um  den  langen  Frühlingslag  voll
auszunutzen,  war  der  Beginn  des  Unternehmens  auf
die  frühesten  Morgenstunden  angesetzt  worden.  Am
27.  Mai.  4  Uhr  40  Min.  verließen  die  deutschen  Truppen
  ihre  Ausgangsstellungen  zwischen  Landricourt
und  dem  Brimont.  Auf  breiter  Front  überschritten

1  Die  zwei  davorllegenden  waren  nach  der  Marneschlac)t  1914
befehlsgemäß  ausgegeben  worden.  —  1  Ugl.  S.  19  ff.

1.  Kriegsgeschichte

die  Sturmlinien  der  Armee  v.  Boehn  die  Ailette.
Die  feindliche  Artillerie  war  ernstlicher  Abwehr  nicht
mehr  fähig.

Die  Korps  in  Boehns  Mitte  brachen  in  raschem  Anlauf
  den  Widerstand  der  feindlichen  Grabenbesatzung
am  Nordhang  des  Damenwegs.  Wincklers  Divisionen
  gewannen,  zum  frontalen  Durchstoß  auf  schmalem
Raumzusammengefaßt,  die  Hochflächen  beiderseits  von
Cerny.  Contas  Flügel  erstiegen  die  Kämme  bei  Ailles-Paissy
  und  dem  Winterberg,  ermöglichten  dadurch  der
Mitte  die  Überwindung  der  dazwischen  liegenden,
schwer  gangbaren  Abfälle  nördlich  von  Hurtebise-Ferme.
  Das  Korps  Wichura  traf  auf  einen  abwehrbereiten
  Gegner  und  kämpfte  sich  langsam  die  Hänge
empor.  Zuerst  erzwang  sein  verstärkter  linker  Flügel
im  Anschluß  an  Winckler  den  Zutritt  jur  Höhe  östlich
von  Braye,  schwenkte  dann  mit  Teilen  ßegen  ort
Malmaison  ein,  das  durch  Umfassung  fiel.

Auch  auf  den  inneren  Flügeln  der  Armeen  v.  Boehn
und  v.  Below  gewannen  die  Korps  Schmettow  und
Ilse  stetig  Boden  nach  Südwesten.  Im  rechten  Gefechtsabschnitt
  war  es  trotz  des  nach  Westen  sich  mehr
und  mehr  verstärkenden  feindlichen  Widerstandes  dem
Korps  Larisch  gelungen,  bei  Laffaug  die  Paßhöhe  des
von  Soissons  nordöstlich  zur  Ailette  ziehenden  Tales
zu  nehmen,  den  Schlüsselpunkt  der  ganzen  dritten
Höhenstellung.  Bei  Anlioche-Ferme  lagenseine  Sturmlinien
  vor  zäher  Verteidigung  während  des  Vormittages
  fest.

Sobald  erst  einmal  die  Kämme  überwunden  waren,
  drängten  die  Divisionen  im  Wettlauf  zur  Aisne
hinab.  Um  die  Mittagszeit  war  der  Damenweg
samt  seinen  Südhängen  voll  in  deutscher  Hand.
Die  gewonnene  Linie  zog  über  Bascule,  Jouy  und
Chavonne  zur  Aisne  und  folgte  deren  Nordufer  bis
Berry-  au.Bac.  Vortruppen  hatien  bereits  am  Vormitlag
  den  Fluß  an  vielen  Stellen  überschritten.  Zwischen
  Derr#-au  Voa-  und  dem  Brimont  waren  die
westlichen  Uferränder  des  Aisne-Marne-Kanals  erreicht.
  Ebenso  hatte  im  Verlaufe  eines  örtlichen
Unternehmens  das  an  dem  Hauptangriff  zunächst
nicht  beleiligte  Korps  Francois  bei  Leuilly  Brücken.
köpfe  auf  dem  Südufer  der  Ailette  zu  schaffen  vermocht.

Auf  der  Mitte  der  Angriffsfront  hatte  dererste  Stoß
die  Verbände  der  feindlichen  Grabenbesatzung  völlig
aufgelöst  und  größtenteils  vernichtet.  In  den  ersten
Stunden  des  Nachmittags  gingen  die  hier  eingesetzten
Divisionen  in  rascher  Folge  zwischen  Chavonne  und
Berryzau-Bac  über  die  Aisne.  Weiter  rechts  leistete
der  Feind  noch  hartnäckigen  Widerstand.  Ebenso  begann
  am  Aisne  -  Marne-Kanal,  vor  den  inneren
Flügeln  der  Armeen  v.  Boehn  und  v.  Below  die
Gegenwehr  sich  mehr  und  mehr  zu  versteifen,  genährt
aus  den  örtlichen  Reserven  des  Naumes  um  Reims.
Es  ergab  sich  in  immer  schärferer  Ausprägung  das
Bild,  daß  die  mittleren  Korps,  zu  einem  scharfen  Keil
zusammengeschweißt,  in  rastloser  Verfolgung  nach
Südwesten  strebten,  die  zuruckhängenden  Flügel  der
Angriffsfront  mit  scharf  vorgenommener  innerer
Schulter  Fühlung  hielten.  Als  endlich  Antioche-Ferme
fiel,  Bailly  in  hartem  Kampfe  genommen  wurde,
die  Sturmlinien  sich  an  den  von  Maschinengewehrnestern
  zäh  verteidigten  Nordosthängen  des  Höhenzuges
  südlich  von  der  Aisne  mühsam  emporrangen,
standen  die  Divisionen  der  Mitte  bereits  südlich  von
Longueval  und  Merval  auf  den  Kämmen  der  zweiten
Höhe  und  schickten  sich  an,  in  das  Tal  der  Vesle
hinabzusteigen.  Vor  dem  Sinken  der  Sonne  des  ersten
        <pb n="35" />
        Kriegsberichte:  Die  Schlacht  zwischen  Soissons  und  Reims  27

Angriffstages  erreichten  sie  zwischen  Courcelles  und
Magneux  den  Fluß.  Im  Schutze  der  Dunkelheit
wurden  bei  Magneux  die  südlichen  Uferhänge  gewonnen.
  Noch  in  der  Nacht  wurde  der  Brückenkopf
bis  Villette  erweitert  und  zwischen  Courcelles  und
Paars  ein  zweiter  geschaffen.

Nur  für  wenige  Stunden  unterbrach  die  kurze
Mainacht  die  Kampfhandlungen.  Der  Morgen  des
28.  bot  ein  dem  Vortage  ähnliches  Bitd.  Der  hartnäckige
  Widerstand  auf  dem  rechten  Flügel  verdichtete
sich  zu  schweren  Gegenstößen.  Unsere  Truppen  wiesen
sie  stehend  ab  und  nahmen  dann  den  Vormarsch  wieder
  auf.  Langsam  drängten  ihre  Linien  den  zähen
Gegner  zu  beiden  Seiten  des  von  Laffaux  nach  Südwesten
  ziehenden  Tales  in  Richtung  auf  Soissons  zurück.
  Am  Zusammenfluß  der  Aisne  und  Vesle  leisteten
  mehrere  franz.  Jägerbataillone  im  Fort  Conde
verzweifelten  Widerstand.  Erst  nachdem  die  Vesle  oberhalb
  der  Mündung  überschritten  war,  wurde  der  Stützpunkt
  im  allseitig  umfassenden  Sturm  genommen.

Die  Korps  auf  dem  linken  Flügel  der  Angriffsfront
erklommen  in  langwierigen  Gefechten  die  Osthänge
der  Höhe  zwischen  Aisne  und  Vesle  und  schoben  dann
ihre  Linien  an  den  Südhängen  hinab.  Fismes,
wichtg  als  Befehlszentrale,  Flugpark  und  Stapelplatz,
und  Braisne  fielen  am  frühen  Morgen  im  Straszenkampf.
  Dann  gingen  die  mittleren  Korps  auf  der
ganzen  Front  über  die  Vesle,  gewannen  den  jenseitien

  Höhenrand  und  konnten  um  die  Mittagszeit  der

berleitung  die  Erreichung  des  zweiten,  für  den  Fall
besonders  günstiger  Gestaltung  der  Kämpfe  weit  gesteckten
  Angriffszieles  melden.

Im  Laufe  des  Nachmittags  gelang  es  auch  den
Anschlußkorps,  in  die  in  Aussicht  genommene  Linie
aufzurücken.  Die  Stürmer  von  Conde  erstiegen  in
breiter  Front  die  Höhen  südlich  der  Veslemündung
und  drangen  unter  schweren  Kämpfen  im  ANisnetal
nach  Westen  vor.  Bis  Jonchery  wurde  die  Vesle
auf  der  ganzen  Linie  überwunden  und  der  Kamm
der  südlichen  Höhen  erreicht.  Vor  den  Flügeln
hemmite  die  verzweifelte  Gegenwehr,  die  sich  um
Soissons  und  Reims  zusammenballte,  die  Schnelligkeit
  der  Vorwärtsbewegung.  Doch  begannen  nun  auch
die  beiden  Eckpfeiler  der  alten  Front  abzubröckeln.  Auf
der  Hochfläche  zwischen  der  Ailette  und  der  Schlucht  bei
Laffaux  wurde  Boden  gewonnen  und  westlich  vom
Aisne-Marne--Kanal  der  Nordrand  des  oberen  Vesletals
  Überschritten.  Der  deutsche  Angriff  hatte  in  der
Mitte  der  Kampffront  die  unter  Pétain  gegenüberstehende
  französisch-englische  Armee  vernichtend  getroffen.
  In  die  Auflösung  der  in  vorderster  Linie
eingesetzten  Verbände  waren  die  örtlichen  Reserven
hineingerissen  worden.

So  klaffte  vor  den  Fronten  der  auf  Boehns  Zentrum
  fechtenden  Korps  eine  breite  Lücke,  die  Petain
durch  Hineinwerfen  seiner  Armeereserven,  seiner
Arbeitskompagnien  und  Rekrutendepots  notdürftig
auszufüllen  strebte.  Noch  während  des  ganzen  zweiten
Kampftages  waren  die  strategischen  Reserven,  über
die  der  Feind  verfügte,  im  Anrollen,  war  es  Pétain
nicht  gelungen,  die  Verteidigung  nachgroßen  Gesichtspunkten
  neu  aufzubauen.  Angesichts  dieser  Lage  entschloß
  sich  die  deutsche  Heeresleitung,  den  Angriff  über
das  erreichte  Ziel  hinaus  fortzusetzen,  nicht  um  Gelände
  zu  gewinnen,  sondern  weil  sich  hier  die  Aussicht
bot,  noch  starke  feindliche  Kräfte  zu  zerschlagen.  Der
Besehl  gab  der  Stoßrichtung  der  Korps  eine  leichte
Verschiebung  nach  Westen.  Dementsprechend  voll-8

  sie  eine  Rechtsschwenkung,  die  eine  ihrer  Diviionen
  noch  am  Abend  nach  Arcis-le  Ponsart  führte.

II.

Vom  Morgen  des  29.  ab  machte  sich  das  Eintreffen
starker  gegnerischer  Reserven  mehr  und  mehr  fühlbar.
Auf  der  ganzen  Front  nahm  die  Zähigkeit  der  Verteidigung
  und  die  Schwere  der  Gegenstöße  ständig  zu.
Auch  die  mittleren  Korps  sahen  sich  von  nun  ab  einem
starken,  ausgeruhten,  mit  Geschützen  und  Maschinengewehren
  reichlich  versehenen  Feinde  gegenüber.  Der
Versuch,  vor  ihrer  Front  eine  neue,  haltbare  Verteidigungslinie
  zu  bilden,  wurde  von  dem  Ungestüm
deutscher  Dwstonen  im  Keime  erstickt.  Auch  in  der
stark  verdrahteten  Grabenstellung  und  dem  dichten
Hochwald  der  Höhenkämme  zwischen  Besle  und  Ourca
vermochte  der  Feind  ihrem  Vormarsch  nicht  Halt  zu

ebieten.  Um  die  Mittagszeit  Überschritten  sie  die
asserscheide  der  Aisne  und  Marne  und  drängten
durch  Mulden  und  Seitentäler  zur  Senke  des  oberen
Ourcg  hinab.  Das  Korps  Conta  erreichte,  nachdem
es  einen  schweren,  von  Panzerwagen  begleiteten  Gegentoß
  beiderseits  Nesles  zurückgeworfen  hatte,  am
lbend  Fere-en--Tardenois.

In  enger  Anlehnung  an  Boehns  Mitte  zog  sich  der
linke  Flügel  stark  gestafen  nach  Südwesten  vor.  Am
Abend  hatte  er  bis  Faverolles  den  Ardregrund  überwunden
  und  bis  Champiguny  die  Höhen  südlich  von
der  Vesle  gewonnen.  Nördlich  von  Reims  fielen  die
Vorstädte  La  Neuvillette  bis  zum  Kanal  und  Bäheny.

An  der  westlichen  Kampffront  der  Armee  v.  Boehn
gingen  Wichuras  Divisionen  bei  Venizel  über  die

lisne.  Ein  geschlossenes  französisches  Bataillon
streckte  am  Südufer  die  Wassen.  Dann  wurde  der
Crisegrund  Überschritten  und  die  Straße  Soissons-Chäteau
  Thierry  erreicht.  Rechts  anschließend  eroberten
  brandenburgische  Grenadiere  Soissons  und
saßten  Fuß  auf  den  Höhen  südlich  von  der  Stadt.
Zwischen  Aisne  u.  Ailelte  war  der  Geländegewinn  auf
der  Hochfläche  bei  Laffaux  weiter  ausgebaut  worden.

Die  Kämpfe  und  Erfolge  des  dritten  Schlachttages
waren  in  verschiedener  Hinsicht  folgenreich.  Die  rücksichtslos
  eingesetzten  strategischen  Reserven  des  Gegners
  haben  den  Einbruch  nicht  abzudämmen  vermocht.
Der  Bodengewinn  des  29.  blieb  hinter  dem  der  beiden
ersten  Kampftage  nicht  zurück;  er  umfaßte  die  Stapelplätze
  Soissons  und  Fere-en--Tardenois.  Wichtiger
war,  daß  der  deutsche  Angriffskeil  durch  den  Fall  von
Soissons  von  dem  Widerstand,  der  seine  beiden  Flanken
  beengt  hatte,  auf  der  Westseite  entlastet  war.  Seine
Spitze.  strebte  nun  mit  verdoppelter  Geschwindigkeit
der  Marne  zu.

IV.

War  am  29.  die  Reimser  Nordfront,  die  nach  links
auf  die  Einbruchsstelle  folgte,  bis  Cernay  zu  Bruch
gegangen,  so  machte  sich  am  30.  der  Seitendruck  auf
die  nach  rechts  anschließenden  Linien  an  der  Ailette
und  Oise  und  Noyon  in  elementarer  Weise  geltend.
In  enger  Fühlung  mit  dem  weichenden  Feinde  gewann
das  Korps  Francois  auf  der  ganzen  Front  die  Hänge
der  südlichem  Uferhöhen  der  Ailette  und  des  Oise-Aisne-Kanals,
  nahm  die  vorgeschobenen  Kuppen  um
Guny  und  stand  nach  Einbruch  der  Dunkelheit  auf
der  Hochfläche,  die  die  Wasser  der  Oise  und  Aisne
scheidet.  In  den  Abendstunden  schloß  sich  Hutiers
Flügelkorps  unter  Hofmann  mit  seinen  östlichsten
Divisionen  dem  Vorgehen  an,  schlug  sich  zwischen
Pontoise  und  Manicamp  einen  haltbaren  Brückenkopf
        <pb n="36" />
        28

und  nahm  wäbrend  der  Nacht  bei  Camelin-etle  Fresne
Fühlung  mit  Francois  auf.

An  der  westlichen  Kampffront  kam  das  Korps  Larisch
  auf  dem  Rücken,  den  die  Aisne  und  der  von
Nordosten  ihr  zufließende  Hozienbach  umschließt,
schrittweise  vorwärls,  nahm  südwestlich  von  Soissons
den  Mont  de  Paris  und  hielt  am  Abend  an  der  Heerstraße
  Paris-Soissons  auf  der  Hochfläche  südlich  von
der  Stadt.  Die  Truppen  Wincklers  und  Wichuras
standen  am  Morgen  des  30.  vor  den  Hauptlinien  der
stark  ausgebauten  und  verdrahteten  Grabenstellungen,
die  von  Fere-en-Tardenois  über  die  Höhen  nördlich
vom  oberen  Ourcq  zum  Walde  von  Villers-Cokterêts

iehen  und  die  Zugänge  zum  Marnetal  sperren.  Dem
req  folgend,  durchbrachen  sie  auf  breiter  Front  das
ganze  System  der  feindlichen  Stellungen  und  drangen
in  hartnäckigen  Ortsgefechten  während  der  Nacht  in
die  Linie  Oulchy-le-Chätcau-Parcy-  Tigny  vor.  Im
unteren  Crisetal  wurden  ihre  Linien  zunächst  durch
schwere,  von  Kavallerie  und  Infanterie  aus  den  Wäldern
  östlich  von  Millers-Cotterets  vorgetragene  Angriffe
  auf  dem  rechten  Ufer  festgehalten.  Nach  siegreicher
  Abwehr  überschritten  sie  die  Niederung  und
die  Straße  Soissons-Chäteau-Thierry  und  stießen  tief
in  die  Siellungszone  hinein.

Auf  dem  Ostteil  des  Schlachtfeldes  schoben  sich
Wellmanns  Divisionen  beiderseits  von  Cernay  näher
an  die  Hauptlinie  der  Nordostfront  von  Reims  heran.
Die  Korps  Ilse  und  Schmettow  bildeten  in  den  Kämpfen
  des  30.  eine  Einheit,  deren  linker  Flügel  vor
Reims  festlag,  während  der  rechte  von  Contas  Sturmlauf
  an  die  Marne  nach  Süden  mitgerissen  wurde.
Betheny  und  der  Hafen  von  La  Neuvillette  wurden

egen  Wiedereroberungsversuche  gehalten.  Der
Höhenrücken,  der  die  Vesle  von  der  Ardre  scheidet,
wurde  von  Champigny  bis  Sarcy  in  seiner  ganzen
Breite  überwunden.  Zwischen  Ardre  und  Semeoise
drangen  die  beiden  Korps  bis  Olizy  und  Passy-Grigny
  vor.

Der  Angriff  der  Mitte  Boehns  hatte  am  29.  zum
hweiten  Male  den  ihn  gezogenen  Rahmen  gesprengt.

orgepreßt  in  rechtem,  nach  Süden  weisendem  Winkel,
schienen  die  deutschen  Divisionen  am  folgenden  Tage,
sobald  sie  die  Randhöhen  des  Marnetals  erreicht
hatten,  unaufhaltsam  talwärts  drängen  zu  müssen.
Der  Befehl,  der  die  Fortführung  des  Angriffs  guthieß,
  zwang  ihre  Energie  in  andere  Bahnen.  Nach
Westen  beigedreht,  zogen  sie  sich,  weit  auseinanderfächernd,
  die  Südhänge  der  Ourcasenke  empor  und
durchmaßen  in  zähen  Waldgefechten  die  ausgedehnten
Forste  südöstlich  von  Fere#en-Tardenois.  Während
  dann  beiderseits  des  Ourcq  die  Sturmlinien,
scharf  nach  Westen  gewendet,  verhielten,  überschritten
die  Regimenter  Contas  die  Kämme,  strömten  auf  den
nach  Süden  führenden  Straßen,  die  bei  Jaulgonne,
Mont  St.  Pierre  und  Peeloup  die  Marne  erreichen,
in  das  weite  Flußbecken  hinab  und  gewannen  vor  Einbruch
  der  Dunkelheit  dicht  hinter  dem  fliehenden
Feinde  das  Ufer  in  rasch  sich  verbreiternder  Front.
Während  der  Nacht  wurde  eine  Linie  hergestellt,  die
westlich  von  Coinoy  und  über  I'Heremitage  verlief,
von  Brasles  ab  dem  Lauf  der  Marne  folgend  und
bei  Vincelles  in  Richtung  auf  Passy  abbog.

Die  französischen  Aisne--Offensiven,  die  den  strategischen
  Durchbruch  erstrebt,  hatten  im  Verlaufe  eines
Jahres  zur  Gewinnung  des  Damenwegs  geführt.
Der  deutsche  Angriff,  der  der  Wiedereroberung  des
Damenwegs  gegolten  hatte,  ließ  am  vierten  Kampf-I.

  Kriegsgeschichte

tage  vor  den  Augen  der  siegreichen  Divisionen  die
Rundsicht  des  Marnebeckens  emporwachsen.
V.

Die  deutsche  Angriffsschlacht  hatte  mit  der  Besetzung
  des  Marne-Ufers  ihren  Höhepunkt
überschritten.  Die  weileren  Maßnahmen  unserer
Heeresleitung  zielten  auf  die  Festigung  und  Abrundung
  des  Gewonnenen  hin.  Der  nach  Süden  vorgetriebene
  Keil  sollte  in  westlicher  und  östlicher  Richtung
  verbreitert  werden.  Die  Angriffsfront  zerfiel
damit  in  zwei  durch  die  defensiv  gehaltene  Marnestellung
  scharf  geschiedene  Teile.  Der  veränderten
Lage  trug  eine  um  die  Monatswende  durchgeführte
Neuordnung  der  Befehlsverhältnisse  Rechnung.  Die
gesamte  Südostfront  von  Treloup  bis  Reims  wurde
der  Armee  v.  Below  unterstellt,  die  südlich  von  der
Oise  stehenden  Divisionen  dagegen  der  Armee  Boehn
zugeleilt,  die  nun  die  Süd=  und  Westfront  umfaßte,
von  der  Marne  bis  zur  Oise.  Boehns  Mitte  brachte,
entsprechend  der  Verschiebung  der  Angriffsrichtung,
am  31.  Mai  die  Frontveränderung  von  Süden  nach
Westen  zum  Abschluß.

Vom  31.  Mai  an  warf  die  französische  Heeresleitung
die  als  Träger  künftiger  Verbandsoffensiven  bisher
sorgsam  geschonten  Kerntruppen  ihrer  Manövrierarmee,
  die  marokkanischen  und  die  r2eisernen  Divisionen,
  zu  einheitlichen  Angriffen  geschlossen,  heran.
Den  Auftakt  der  feindlichen  Unternehmungen  bildete
  ein  Gegenangriff  großen  Stils  beiderseits
der  Aisne  in  Richtung  auf  Soissons.  Nördlich
des  Flusses  prallten  die  Sturmlinien  aufeinander.
Der  deutsche  Angriff  drang  durch,  stieß  tief  in  die
französischen  Dauerstellungen  des  Jahres  1914  hinein,
  erreichte  Nampcel  und  die  Aisne  bis  Fontenoy;
südlich  des  Flusses  wiesen  die  deutschen  Divisionen
den  Feind  unter  schweren  Verlusten  ab,  vollendeten
dann  ihren  Aufmarsch  nach  Westen  in  der  Linie
Chaudun-St.  Remi-Chouy-Etrepilly.  Die  Marnefront
  wurde  zunächst  bis  an  die  Hänge  nordöstlich
von  Chäteau-Thierry  und  über  Verneuil  hinaus  verbreitert
  und  anschließend  Boden  gewonnen  bis  Vrigny,
Tinqueux  und  südlich  von  La  Neuvillette.

Während  der  beiden  ersten  Junitage  lag  im  Befehlsbereich
  Boehns  der  Hauptdruck  des  Gegners  auf
dem  Frontabschnitt  östlich  von  Soissons.  Am  1.
kämpften  die  dort  eingesetzten  Divisionen  im  Brennpunkt
  der  feindlichen  Angriffe  ausschließlich  in  der
Abwehr.  Nördlich  von  der  Aisne  wurde  die  Linie
über  die  Rücken  westlich  von  Nouvron  und  südlich
von  Nampcel  hinaus  vorgeschoben.  Boehns  Mitte
nahm  den  Ostrand  des  Savieregrundes  bis  Corcy,
anschließend  die  westl.  Uferhöhen  bis  Troésnes  und  die
Orte  Dammard  u.  Monthiers.  Der  nördl.  vom  Fluß
gelegene  Teil  von  Chäteau-Thierrywurde  in  schweren
  Straßenkämpfen  in  die  Marnefront  einbezogen.

Am  2.  stand  der  Gegner  auf  noch  breiterem  Ubschnitt
  mit  neuen  Kräften  zur  offensiven  Abwehr  gerüstet.
  François  eroberte  Auträches  und  zu  beiden
Seiten  des  Ortes  einen  Streifen  des  Stellungsnetzes,
das  die  Höhen  links  und  rechts  des  Hozienbaches  zu
einer  Widerstandslinie  ersten  Ranges  erhebt.  Wichura
entriß  kampfbereiten  franz.  Elitetruppen  Chaudun
u.  Longpont  und  erreichte  den  Ostrand  des  Waldes
von  Villers-Cottersts.  Boehns  linker  Flügel
nahm  einem  defensiven  Gegner  die  Nordhänge  des
Clignongrundes  bis  Vinly  und  Chézy  ab.

Am  3.  und  4.  Juni  trug  die  Hauptlast  der  gegne-
        <pb n="37" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  bis  Ende  Oktober  1914

rischen  Angriffe  Boehns  linker  und  äuszrster  rechter
Flügel.  Trotzdem  vermochte  Conta  sich  über  die  bewaldeten
  Kuppen  südlich  vom  Clignonbach  vorzuarbeiten.
  Frangois  gewann  im  Nachstoß  Boden  bis
Caisnes  und  beiderseits  von  Moulin-sous-Touvent.
Südlich  von  der  Aisne  warfen  die  deutschen  Divisionen,
  ein  Nachlassen  des  Druckes  auf  Soissons
nutzend,  am  3.  den  Feind  über  die  Höhenkämme  bei
Pernant  und  Missy  und  standen  am  4.  nach  erbitterten
  Kämpfen  nördlich  von  Dommiers  an  den  Osthängen,
  bei  Ambleny  in  der  Niederung  des  Mühlbachgrundes,
  der  bei  Fontenoy  die  Aisne  erreicht.

Im  Mittelpunkt  der  Kämpfe  der  Belowschen  Angriffskorps
  stand  seit  Anfang  Juni  der  Abschnitt  südlich
  von  der  Ardre  und  die  Front  um  Reims.  Sein
rechter  Flügel  schob  sich  am  1.  Juni  unter  ständigem
Wechsel  von  Stoß  und  Gegenstoß  langsam  über  Chambrecy,
  den  Wald  von  Bonval  und  Jonquery  vor.
An  der  Reimser  Nord=  und  Westfront  drangen  die
deutschen  Divisionen  gegen  zähen  Widerstand  der
Neger  vom  Senegal  in  die  engeren  Vorstädte  ein.
Weiter  links  wurde  nach  wechselvollen  Kämpfen  die
Stadt  von  Osten  eng  umschlossen  und  bog  bei  Butte
de  Tir  zur  alten  Stellungsfront  um.  Von  drei  Seiten
umklammert,  war  Reims  mit  allen  seinen  Bahnlinien
und  Zufahrtsstraßen  dem  deutschen  Feuer  preisgegeben.
  Die  schweren  Gegenangriffe  der  folgenden  Tage

29

vermochten  weder  hier  noch  im  Westabschnitt  der
Kampffront  Belows  die  Lage  zu  ändern.

VI.

Mit  den  am  3.  und  4.  Juni  südlich  von  der  Aisne
erfochtenen  Erfolgen  hatten  die  auf  örtliche  Frontverbesserung
  gerichteten  deutschen  Unternehmungen
im  wesentlichen  ihren  Abschluß  gefunden.  Die  Armeen
  Boehn  und  Below  richteten  sich  in  den  gewonnenen
  Stellungen  auf  Abwehr  ein.  Die  folgenden
Tage  brachten  die  erwarteten  schweren  Gegenangriffe.
  Die  Korps  Wichura  und  Francois  standen
am  5.  und  6.  Juni  in  erbittertem  Ringen.  Gegen
die  deulschen  Stellungen  zwischen  Chäteau-Thierry
und  dem  Wald  von  Villers-Cotterets  liefen  vom
6.  Juni  ab  Franzosen,  Engländer  und  Amerikaner
drei  Tage  lang  Sturm.  Wo  sie  eindrangen,  stellten
Gegenstöße  die  Lage  wieder  her.  Auch  auf  Belows
rechtem  Flügel  wurde  am  6.  Juni  gekämpft.  Am
9.  Juni  zogen  die  Feuerwirbel,  die  beiderseits  von  der
Matz  eine  neue  Schlacht  einleiteten,  weitere  Divisionen
des  Feindes  auf  das  andere  Ufer  der  Oise.

Die  Schlacht  zwischen  Soissons  und  Reims  war
verebbt.  Zu  dem  schweren  blutigen  Verlust  trat  der
von  65.000  Gefangenen.  700  Geschütze,  2500  Maschinengewehre
  waren  in  deutsche  Hand  gefallen.  Gewaltig
  war  die  Beute  an  jeder  Art  von  Kriegsbedarf.

Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:
A.  Westen,  Osten,  Balkan

von  Oberstleutnant  a.  D.  Frobeniu  Charlottenburg  und
Generalleutnant  z.  D.  Frhrn.  v.  Steinaecker-Boppar

Als  die  drei  Reiche  Großbritannien,  Rußland  und
Frankreich  ihr  Komplott  zur  Vernichtung  Deutschlands
  schmiedeten,  wähnten  sie,  mit  Bestimmtheit  damit
  rechnen  zu  können,  daß  sie  dieses  —  auch  wenn
ihm  Österreich-Ungarn  zur  Seite  träte  —  mit  der
tberzahl  an  Menschen,  über  die  sie  verfügten,  einfach
erdrücken  und  zu  Boden  werfen  könnten.  Zählte  doch
die  Bevölkerung  des  Deutschen  Reiches  1913  nur  65,
die  des  Kaiserstaates  51,  zusammen  also  116  Millionen
Köpfe.  Denen  konnten  zwar  Frankreich,  Algerien  und
Tunis  eingeschlossen,  nur  47.  Großbritannien  nebst
den  Dominien  Australien,  Neuseeland,  Kanada  und
der  Südafrikanischen  Republik  nur  etwa  70  Millionen
gegenüberstellen,  sie  gewannen  aber  in  Rußland  mit
160  Millionen  schon  eine  gewaltige  Übermacht;  und
wenn  England  noch  die  Bevölkerung  Indiens  in  die
Wagschale  warf,  so  wurde  die  Zahl  von  600  Millionen
  erreicht.  Wenn  nun  auch  die  Heranziehung  einer
der  Bevölkerungszahl  Indiens  entsprechenden  Streitermasse
  voraussichtlich  nicht  zu  ermöglichen  war,  so
mußte  doch  die  gewaltige  Menschenmenge  Rußlands
genügen,  wie  eine  =  Dampfwalze  die  Mittelmächte  zu
vernichten,  während  die  vereinten  Kräfte  Großbritanniens
  und  Frankreichs  mit  117  gegen  116  Millionen
hinreichten,  deren  etwaigem  Ansturm  nach  Westen
Halt  zu  gebieten.  Den  jöllerungmass  en  entsprachen
  die  Heereszahlen  nicht  vollständig,  zumal  Großbritannien,
  auf  Anwerbung  angewiesen,  nur  160000
Mann  zur  überseeischen  Verwendung  zur  Verfügung
hatte  und  zur  Heranziehung  stärkerer  Kräfte  gewisser
Zeit  bedurfte.  Dafür  hatten  aber  Frankreich  und  Rußland

  in  der  letzten  Zeit  ihre  Heere  durch  Neuaufstellungen
  wesentlich  verstärkt  und  konnten  den  Mittelmächten
  mit  ihrem  Friedensstand  von  etwa  1200000
Mann  beinahe  die  doppelte  Zahl  (Rußland  allein
1400000  Mann)  gegenüberstellen.  Wenn  man  aber
etwa  solche  Verhältnisse  der  Bevölkerungs-  und  Friedensheereszahlen
  auch  denen  der  Kriegsformationen
zugrunde  legte,  so  rechnete  man  nicht  mit  der  seit
langer  Zeit  planmäßig  ausgebauten  Organisation
der  deutschen  Wehrmacht,  die  durch  die  Beschleunigung
der  russischen  und  französischen  nicht  wett  zu  machen
war,  und  nicht  nur  in  der  Aufstellung  immer  neuer
Streitermassen,  sondern  auch  in  deren  vollständiger
Ausrüstung  und  Versorgung  mit  Streitmitteln  die
Gegner  mit  der  Zeit  mehr  und  mehr  überflügelte.
Auch  ohne  Zahlenangaben  ist  durch  die  Ereignisse  erwiesen,
  daß  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  noch
lange  nicht  ihre  Hilfsquellen  erschöpft  hatten,  als  ihre
Gegner  schon  zu  den  letzten  Reserven  greifen  und  auf
dem  ganzen  Erdball  sich  nach  neuen  Bundesgenossen
umseben  mußten.

1.  Der  östliche  Kriegsschauplatz  bis  Ende
Oktober  1914.

Die  durch  die  Weiträumigleit  des  Landes  und  seine
Armut  an  Eisenbahnen  bedingte  Langsamkeit  der
russischen  Mobilmachung  hat  es  von  jeher  dem  deutschen
  Generalstab  nahe  gelegt,  bei  einem  Krieg  nach
zwei  Fronten  sich  im  Osten  zunächst  auf  die  Verteidigung
  zu  beschränken  und  möglichst  schnell  alle  Kräfte
an  der  Westgrenze  zu  vereinigen,  um  den  Feind  dort
mit  raschen,  scharfen  Schlägen  niederzuzwingen,  und
dann  erst  sich  mit  voller  Kraft  gegen  Rußland  zu  wenden.
  Dieser  Plan  lag  auch  der  Eröffnung  des  Krieges
im  August  1914  zugrunde.  Für  den  Widerston  gegen
russische  Vorstöße  waren  deshalb  an  der  stgrenze
        <pb n="38" />
        30

anfangs  außer  der  Besatzung  von  Königsberg  und
der  Feste  Boyen  und  außer  dem  I.,  XVII.  und  XX.
preußischen  Armeekorps  nur  noch  das  1.  Reserve-Armeekorps
  und  die  3.  Reservedivision,  zu  der  sehr  bald
eine  Landwehrdivision  trat,  versügbar.  Sie  standen
als  8.  Amnee  uniter  Generaloberst  v.  Pritlwitz.  Der
Verteidigung  der  deutschen  Grenzgebiete  kam  es  jedoch
  zugute,  daß  die  österreichisch-ungarische  Armee
mit  ihrer  Hauptmacht  in  Galizien  versammelt  wurde
und  durch  energisches  Vorgehen  starke  russische  Kräfte
auf  sich  zog.

Die  russische  Kriegsgliederung  sah  8  Armeen  vor;
hiervon  waren  zwei  zum  Angriff  auf  die  Deutschen
bestimmt,  und  zwar  die  1.  Armee  (2.,  3.,  4.,  20.
22.,  3.  sibir.  Armeekorps,  1.  und  5.  Schützenbrigade,
6  Reservedivisionen  und  das  Garde-Kavalleriekorps);
  sie  sammelte  sich  zwischen  Wilna  und  Kowno
unter  General  Rennenkampf.  Die  2.  Armee  (1.,  6.,
13.,  15.,  23.  Armeekorps)  unter  General  Samsonoff
versammelte  sich  zwischen  Weichsel  und  Narew.  Von
den  übrigen  6  Armeen  sammelte  sich  die  5.  (Everth)
bei  Lublin,  die  4.  (Plehwe)  bei  Cholm,  die  3.  (Rußki)
bei  Dubno,  die  8.  (Iwanoff)  bei  Proskurow,  die  4.
Csiehg)  bei  Warschau,  die  7.  (Dimitrieff)  bei  Przemysl.
  Oberbefehlshaber  war  Großfürst  Nikolai  Nikolajewitsch.


Einleitende  Gefechte!1.

Aus  den  ersten  Vorpostengefechten,  die  seitens  der
Russen  an  verschiedenen  Stellen  der  weit  ausgedehnten
Grenze  von  Ostpreußen  veranlaßt  wurden,  war  zu
schließen,  daß  sie  einen  starken  Einfall  in  die  zum  Teil
offen  liegende  Provinz  planten.  Demnach  versuchte
zunächst  ihre  Kavallerie  wichtige  deutsche  Eisenbahnendpunkte
  zu  besetzen.  Am  1.  August  bereits,  dem
Tage  der  Kriegserklärung  des  Deutschen  Reiches  an
Nußkand,  stießen  einige  Schwadronen  gegen  Memel
vor,  von  geringen  deutschen  Kräften  sofort  zurückgeworfen.
  Gleichzeitig  drangen  Kosaken  in  Cydtkuhnen
  ein,  und  am  2.  August  ging  russische  Kavallerie
mit  Artillerie  bei  Bialla  über  die  Grenze  und  unierbrach
  die  Gleise  Lyck-Johannisburg  und  den  Fernsprecher
  Bialla-Lyck.  Dieses  Stück  des  Grenzgebietes
mit  der  Bahnverbindung  Lyck-Grajewo-Ossowiec
blieb  vorläusig  in  ihrer  Hand.  Auch  der  Bahnknotenpunkt
  von  Soldau,  an  dem  sich  die  Linien  Strasburg—
Neidenburg  und  Warschau  -Mlawak-Deutsch-Eylau
kreuzen,  wurde  vom  Feinde  besetzt,  ihm  jedoch  sofort
wieder  entrissen.

Ein  wenig  später,  aber  mit  bewußter  Sicherheit
legten  die  Deutschen  ihre  Hand  auf  die  Endstationen
der  Bahnen  im  russisch-polnischen  Gebiet,  die  für  ein
Vorgehen  in  der  Richtung  auf  Warschau  wichtig  waren.
  Zunächst  wurde  am  3.  August  in  Südpolen  Czenstochau
  besetzt,  der  Knotenpunkt  für  den  Bahnverkehr
von  Wien  nach  Warschau,  an  demselben  Tage,  weiter
nördlich,  Kalisch  an  der  Linie  Warschau-Lodz-Ostro-=wo,
  und  nahe  dem  Eintritt  der  Weichsel  in  ostpreußisches
  Gebiet  Alexandrowo  an  der  Bahn  Warschau-Thorn.
  Die  wichtige  Eisenbahn  von  Insterburg  nach
Kowno  wurde  am  4.  August  durch  Besetzung  von  Kibarty
  in  den  deutschen  Machtbereich  einbezogen.

Mittlerweile  entwickelten  nun  die  Russen  hinter  dem
Schleier  ihrer  Kavallerie  die  1.  u.  2.  Armee,  um  sie
von  Osten  und  Süden  gegen  Ostpreußen  heranzuschieben.
  Dieser  Ubermacht  gegenüber  mußte  man  sich  ent-1

  Vgl.  die  Karte  Bb.  I,  S.  196/7.

I.  Kriegsgeschichte

schließen,  Teile  von  Ostpreußen,  so  das  Gebiet  südlich
von  der  Seenplatte  von  Masuren,  preiszugeben.
Um  Zeit  für  die  Loslösung  vom  Gegner  erübrigen
u  können,  wurde  durch  das  I.  Armeekorps  am  17.
ugust  bei  Stallupönen  und  Goldap  ein  Vorstoß
unternommen,  der  den  Feind  mit  Verlust  von  3000
Gefangenen  zurückwarf;  am  20.  wurde  mit  versammelten
  Kräften  (nur  das  XX.  Korps  blieb  zwischen
Ortelsburg  und  Soldau  zum  Schutz  gegen  die  2.  Armee)
  bei  Gumbinnen  Halt  gemacht,  um  dem  nachdrängenden
  Feinde  wiederum  siegreich  die  Stirn  zu
bieten,  und  ihm  8000  Gefangene  nebst  8  Geschützen  abgenommen.
  Die  Schlacht  wurde  abgebrochen  und  in
der  Nacht  zum  21.  der  Rückzug  nach  Südwesten  angetreten,
  um  die  Weichsel  zwischen  sich  und  den  über—
mächtigen  konzentrisch  vordringenden  Feind  zu  legen.

Die  August=  u.  Septemberschlachten  in  Gstpreußen!.
Noch  ehe  dies  zur  Ausführung  gelangte,  wurde
General  v.  Hindenburg  mit  dem  Ovberbefehl  im  Osten
beauftragt.  Er  beschloß,  die  augenblickliche  Trennung
der  feindlichen  Kräfte  auszunutzen  und  sie  getrennt
u  schlagen.  Sein  erster  Schlag  galt  der  2.  Armee.
z#  das  südliche  Oslpreußen  ließ  er  die  Narewarmee
einmarschieren,  so  weit  er  es  für  gut  befand,  um  sie
in  der  Schlacht  bei  Tannenberg  vom  26.  bis  30.  August
  vollständig  zu  zertrümmern.

Samsonoff  hatte  den  Plan,  durch  die  Seenkette
llber  Osterode  und  Deutsch-Cylau  vorzudringen  und
sich  dann  nach  Osten  zu  wenden,  um  Rennenkampf
die  Hand  zu  reichen.  Am  24.  August  hatte  die  Narewarmee
  die  Linie  Mlawa-Willenberg  erreicht  und  zog
hinter  dem  nach  Nordwesten  ausweichenden  XX.  Korps
auf  Hohenstein.  Währenddessen  gruppierte  Hindenburg
  seine  Kräfte  zum  umfassenden  Angriff:  das  Landwehrkorps
  Mühlmann,  aus  Thorn  herangeführt,  auf
dem  äußeersten  rechten  Flügel  bei  Zielen  und  Lauenburg.
  nördlich  davon  das  I.  Korps;  daran  anschließend
das  XX.  Korps  mit  dem  Landwehrkorps  v.  d.  Goltz;
nördlich  davon,  südlich  von  Allenstein,  die  3.  Reservedivision,
  zwischen  Allenstein  und  Bischofsburg  das  1.
Reserve=  und  das  XVII.  Korps,  die  1.  Kavallerie.
division  gegen  Nordosten  bei  Sensburg  zum  Schutz
der  linken  Flanke.  Aus  dem  konzentrischen  Vormarsch
der  beiden  Flügel  gegen  die  auf  Allenstein-Hohenstein
ihren  Vormarsch  fortsetzende  Narewarmee  entwickelte
sich  am  26.  August  die  Schlacht  bei  Tannenberg,
die  mit  einer  völligen  Einkreisung  und  Vernichtung  der
2.  russischen  Armee  am  30.  August  endigte.  Noch  stand
an  diesem  Tage  auf  kurze  Zeit  der  Sieg  in  Frage,  als
ein  neu  von  Warschau  her  anrückendes  russisches  Korps
gemeldet  wurde,  das  die  deutschen,  südlich  von  Neidenburg
  stehenden  Truppen  des  I.  Korps  im  Rücken
hart  bedrohte.  Diese  mußten  sich  im  engen  Raum  teilweise
  wenden  und  den  neuen,  wiederum  an  Zahl  weit
Überlegenen  Feinde  sich  entgegenwerfen,  die  aufzuhalten
  ihnen  #atsächlich  gelang,  bis  herangezogene  Nachbartruppen,
  Teile  des  XVII.  Korps,  eingreifen  konnten.

Infolge  dieses  Sieges  ging  die  Narewarmee  in
Sumpf  und  See  zugrunde;  was  übrigblieb,  geriet  in
Gefangenschaft.  Der  Endbericht  gab  150000  Tote,
93000  unverwundete  Gefangene,  darunter  mehrere
Generale,  und  mindestens  300  Geschütze  als  Beute  an.
General  Samsonoff  fiel.

Im  nordöstlichen  Teil  der  Provinz  war  General
Rennenkampf  inzwischen  bei  seinem  Vormarsch  gegen

1  Ugl.  die  Karten  S.  31  u.  32  sowie  Bd.  I,  S.  196/7.
        <pb n="39" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  bis  Ende  Oktober  1914

Königsberg  auf  eine  Verteidigungslinie  gestoßen,  die
durch  die  Festungsbesatzung  an  der  Deime  eingerichtet
worden  war.  Zwischen  Labiau-Nordenburg-Angerburg—Lötzen
  hinter  der  Oniet  nahm  er  Aufstellung  und
schloß  gleichzeitig  die  Feste  Boyen  am  23.  Augu#t  ein.

Auf  diesen  Kampfplatz  begab  sich  Hindenburg  nun
nach  Vernichtung  der  Narewarmee,  um  in  der  Schlacht
von  Allenburg-Nordenburg-Angerburg
vom  6.  bis  12.  September  die  Wilna-Armee  auf  dem
linken  Flügel  zu  umklammern  und  dadurch  ihren  vollständigen
  Rückzug  zu  erzwingen.  Seine  Arince  war
mittlerweile  durch  die  Königsberger  Hauptreserve  verstärkt
  worden,  ferner  aber  durch  das  von  der  Westfront
  herübergeschaffte  XI.  u.  das  Garde-Reservekorps
sowie  die  8.  Kavalleriedivision.  Mit  vier  Armeekorps

31

seit  dem  24.  August  russische  Besetzung  zu  ertragen
hatte,  war  in  der  Frühe  des  13.  September  der  Feind
aus  Ostpreußen  vertrieben.  Nach  abgeschlossener  Verfolgung
  ließ  sich  die  Gesamtzahl  der  Gefangenen  in
den  östlichen  Befreiungsschlachten  auf  250000  Mann
angeben,  ungefähr  ein  Viertel  der  gesamten  russischen
Artillerie,  1100  Geschütze,  blieb  in  deutscher  Hand.
Die  Deutschen  rückten  in  das  Gouvernement  Suwalki
ein  und  schoben  Truppen  vor,  um  die  Festung  Ossowiec
  zu  belagern.

Der  zweite  Angriff  der  Russen  auf  Gstpreussen!.
Nach  kürzerer  Zeit  indessen  schickte  sich  der  Rest  der
Wilna-Armee,  hinter  dem  Lauf  des  Njemen  gesammelt
  und  ergänzt,  auf  die  Festungen  Kowno  und

1  .—J5

W  2rl’ßv  —  ses
□  —.  2  *#x  5½ß
Zicn

«  J;L·t.T-tis·tab  ITEooooo«-»
-,-  W-—-—



XEJs  v.  ..

2

—  RusrnNarew  A
Deutsche
##  Runsen

Deutsche  am  200  8S-#ust  #4
1  30/3#August
nicoooco–70Sue.

41
ion  %“  +A
IELEEAIAAA
Iitie  daron  ensomnmen.
coer  Strube  nackh  Mancy

Tannenberg-  Hohenstein.

wurde  der  Vormarsch  gegen  den  linken  russischen
Flügel  angetreten,  um  diesen  einzukreisen  und  nach
Norden  zu  werfen.  Zwei  Korps  wurden  gegen  die
Front  angesetzt,  zwei  Landwehrdivisionen  gingen  zum
Schutz  der  rechten  Flanke,  die  von  Grodno  bedroht
wurde.  auf  Lyck  vor.

Während  die  Umgehung  der  Wilnaarmee  von  Süden
  her  in  vollem  Gange  war,  zeigten  sich  frische  russische
  Kräfte,  wie  erwartet,  im  Anmarsch  auf  Lyck.  So
entspann  sich  das  Gefecht  bei  Lyck  am  12.  und  13.
September,  wobei  die  Russen  über  zwei  Armeekorps
verfügten,  denen  der  deutsche  Führer,  Graf  von  der
Goltz,  nur  ein  paar  Landwehrdivisionen  und  zum
Schluß  noch  Teile  der  Besatzung  von  Boyen  gegenüberstellen
  konnte.  Es  gelang  schließlich  mit  Hilfe
dieser  Verstärkungen  standzuhalten.  Da  schon  am  12.
die  Russen  nach  Vernichtung  ihres  linken  Flügels  zurückgegangen
  waren,  hörten  auch  hier  die  Entlastungsangriffe
  der  Grodnoer  Truppen  auf.

as  von  der  russischen  Hauptmacht  noch  übrig
war,  ging  über  Gumbinnen-Eydtkuhnen  auf  Kowno
###  nicht  ohne  in  Gewaltmärschen  verfolgt  zu  weren
  und  immer  wieder  Verluste  zu  erleiden.  Am  12.
September  auch  zuletzt  noch  aus  Tilsit  verjagt,  das

Grodno  gestützt,  zu  einer  neuen  Offensive  an,  die  sich
degen  die  Linie  Augustow-Suwallientwickelte  und  von
em  gleichzeitigen  Vorstoß  einer  andern.  von  Lomza
aus  nach  Lyck  angesetzten  Gruppe  unterstützt  wurden,
  die  auf  diese  Weise  das  Belagerungskorps
von  Ossowiec  im  Rücken  bedrohen  und  zum  Abzu
veranlassen  sollte.  Doch  schon  die  Vorhut  der  auna
Augustow  heranrückenden  Truppen  wurde  am  18.
September  in  der  Nähe  dieses  Ortes  abgewiesen,  und
die  nachdringende  Hauptmacht  am  2.  und  3.  Oktober
bei  Augustow  unter  beträchtlichen  Verlusten  volltändig
  geschlagen.  Ein  danach  unternommener  Veruch
  weiter  nördlich,  in  der  Gegend  von  Schirwindt,
einzufallen.  schlug  in  derselben  Weise  fehl  und  endete
am  12.Oktober  nach  mehrtägigen  Kämpfen  mit  einem
vollen  Rückzug,  während  der  von  Lomza  her  in  der
Richlung  auf  Lyck  geplante  Flankenstoß  wohl  zur  Ausführung
  gelangte,  zwar  diese  Stadt  am  7.  Oktober  für
rze  Zeit  wieder  in  russische  Hände  brachte  und  das
Besagerungskorps  von  Ossowiec  zum  Rückzug  zwang,
den  Hauptzweck  aber  verfehlte.  Denn  da  die  von
Osten  nach  Westen  vorgegangene  russische  Armes  bel

Bgl.  die  Karte  Bd.  I.  S.  196/7.
        <pb n="40" />
        32

Augustow  inzwischen  schon  abgewiesen  war,  mußte  die
geplante  Vereinigung  mit  ihr  unterbleiben,  und  so
endete  auch  dieses  Unternehmen  mit  einem  Mißerfolg.
Am  13.  Oktober  war  Lyck  wieder  deutsch,  und  im  allemeinen
  blieb  Ostpreußen  in  der  zweiten  Hälfte  des
ktober  frei  vom  Feind.  In  ungeschwächter  Kraft
stand  die  Hindenburgarmee  bereit  zu  neuen  Taten,
denen  der  Feldherr  sie  alsbald  entgegenführte.

I.  Kriegsgeschichte

Lodz  besetzt,  ebenso  einige  Punkte  an  der  Bahnlinie
Thorn-Warschau,  von  denen  sich  Wloclawek  bereits
seit  Anfang  August  in  deutschen  Händen  befand.
Mitte  September  war  es  für  die  österreichisch-ungarische
  Streitmacht  in  Galizien  zur  Notwendigkeit  geworden,
  vor  der  ungeheuren  russischen  Üübermacht  5
hinter  die  Wisloka  zurückzuziehen,  um  später  aus  diesem
  Versammlungsraum,  zwischen  Weichsel  und  Kar-—



.  ««.«72
»F

8
—
*—

".

54%

4
arnchmen-i#

i

I
I
4

Ver  Vorstos  bis  zur  Weichsrl1.

Während  im  Norden,  in  Ostpreußen,  große  Siege
errungen  und  im  Süden,  in  Galizien,  schwere  Kämpfe
ausgesochten  wurden,  gehörte  das  dazwischenliegende
polnische  Gebiet  zunächst  zu  den  Nebenkriegsschauplätzen;
  immerhin  wurden  auch  hier  Ende  August  von
den  verbündeten  deutschen  und  österreichisch-ungarischutz

  nach  Möglichkeit  auf  feindliches  Gebiet  zu  verschen

  Truppen  Fortschritte  gemacht.  Um  den  Grenzlegen,
  wurden  Ende  5  Opatow,  Radom  und

pathen,  zu  neuer  Offenfive  übergehen  zu  können.  Diese
war  als  Vorstoß  gegen  den  San  geplant;  während
man  die  Russen  über  diesen  Fluß  zurückzudrängen
hoffte,  sollten  deutsche  Kräfte,  durch  Südpolen  vor-Erdend
  die  Weichsel  Überschreiten  und  die  aus  der

egend  nördlich  von  Krakau  Über  Jaslo-Jaroslau-Sambor
  nach  dem  Uzsoker  Paß  führende  russische
Stellung  in  der  Flanke  und  im  Rülcken  angreifen.
Um  dies  zu  eölichen.  wurde  eine  Armee  gebildet,
die  Teile  der  in  Ostpreußen  freigewordenen  Streitkräfte
  umfaßte,  4  Armeekorps  und  1  Kavalleriedivi-1

  gl.  die  Karte  Bo.  I.  S.  88/9  und  den  Krlegsbericht  Vd.  1.  sion  zählte  und  als  9.  Armee  unter  Susnburge

S.  10#st.

Oberkommando  stand.  Den  mittels  der  Eisenbahn
        <pb n="41" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  bis  Ende  Oktober  1914

erreichten  Aufmarschraum  bildete  die  Gegend  Kreuzburg—Krakauz
  in  letzterer  Stadt  wurde  der  Unschluh
an  die  Österreicher  gewonnen,  die  alle  ihre  südlich
von  der  Weichsel  zu  entbehrenden  Abteilungen  auf
das  andere  Ufer  brachten,  um  hier  mit  den  Deutschen
Schulter  an  Schulter  vorzugehen.

Am  28.  September  wurde  durch  Südpolen  der  Vormarsch
  angetreten,  der  zunächst  nur  schwachem  Widerstand
  begegnete,  aber  große  Schwierigkeiten  auf  den

33

mysl  entsetzt;  ein  weiteres  Vordringen  an  dieser
Stelle  scheiterte  jedoch  an  dem  zähen,  nicht  zu  brechenden
  Widerstand  feindlicher  übermacht.  Dazu  tra
die  Nachricht  ein,  daß  die  Russen  starke  Kräfte  b

Warschau  zusammenzögen  und  im  Begriff  stünden,
in  der  Linie  Lowitsch-Skierniewice-Grojec  eine  feste
Stellung  auszubauen,  was  den  Plan  einer  starken
Offensive  gegen  den  linken  deutschen  Flügel  vermuten
ließ.  Mit  einer  Truppenmacht  von  5  Armeekorps

.tzzii*?—


·—
„

Noroseobiem.—
r.  —  —

·  .  -,  II  »  r  .
E  »  I»
Mo  oo  -  BUT  is--«  Hele-  ,
!sE—u-  —3½  ⅞  r-*.  ddseeel
.  1  9
*e'ri'  •  *sn  zurim#.  .
Mahstab  1.2  500  ooo  s—N  N  .-  ---Fr-
  E  ——
1  –J7+  „  eihl#  Ex[  7½  #ô#  n
-mrrn  #.  2—  —
—  6E%  4  ,  Deutsche  If  dass-»sanwa
MMMAYMI  -—-  camnfe  ###stl  D-X-SMleniiser
—  ###c-kuarsc#tnen  &amp;amp;#.  —r—  Russen  6  *  —“*.  45##)  VDre

#Md%mem#n####Sëbnnckz-1
  dchnmoen  7  S%  Kr  Fdan  zurn
—  Drarr  ernalten  Sern  laerskar  I###en.
.  Haleruk-###hriien  die  Beich#er
—ii-  eg  Kcd  A##en

ud.mir###  —
rahhorndon-tren
Drl#teneng  n  en  werden
Diese  sund  aber  nach  anfungltich.  Steen.
Bèdurck  ricx  Ersatetrupnhen  velbst  sbu
W.——  u“——————
Ne  Sich  auch  de  cuana#rer  .
"«ciw"Ja«-a«sr«z-Äm.

J  rmiesenize


F  wangorod
B  zanchrra,

schlechten,  von  anhaltendem  Regen  noch  besonders
aufgeweichten  Wegen  zu  überwinden  hatte.
Inzwischen  gng  die  Nachricht  ein,  daß  der  russtsche
Oberbefehlshaber,  Großfürst  Nikolai  Nikolajewitsch,
die  von  Westen  drohende  Gefahr  erkannt,  aus  den
Karpathen  Truppen  nach  Norden  herangezogen  und
hinter  der  Weichsel  in  der  Linie  Lublin-Kazimierz
aufgestellt  habe.  In  der  Absicht,  bei  Opatow  frontal
egen  die  Deutschen  vorzugehen  und  gleichzeitig  über
wan  Lorod  deren  linken  Flügel  zu  umfassen,  hatten
seine  Truppen  schon  den  Weichselübergang  vollzogen,
als  es  arr  4.  Oktober  der  Hindenburgarmee  gelang.
die  Russen  östlich  von  Opatow  zu  schlagen  und  über
den  Fluß  zu  werfen.  Auch  in  Galizien  war  die  österreichisch-ungarische
  Offensive  siegreich  fortgeschritten,
das  rufsfische  Heer  hinter  den  San  gedrängt  und  Prze-Der

  Krieg  1914/19.  Ul.

Iwangorod  —Warschan,  1914.

—  2à1  —  ——
Me—

glaubten  die  Russen  ihren  deutschen  Gegner  bei  Iwanorod

  festhalten  und  inzwischen  mit  etwa  10  Armeeorps,
  über  Warschau  und  Nowo--Georgiewst  ausholend,
  den  linken  deutschen  Flügel  eindriccken  zu  können.
Um  dies  zu  verhindern,  beschloß  Hindenburg,  dem
Feind  mit  einem  überraschend  ausgeführten  Stoß  auf
Warschau  zuvorzulommen,  und  hoffte  in  der  hierdurch
gewonnenen  Zeit  den  OÖsterreichern  schließlich  dennoch
ein  siegreiches  überwinden  des  Sanabschnittes  und
ihr  BVorgehen  von  Süden  zu  ermöglichen.

Am  6.  Oktober  wurden  3  Armeekorps  auf  Warschau
  angesetzt  und  zur  Sicherung  gegen  einen  feindlichen
  Weichselülbergang  nur  2  Armeekorps  zurückgelassen,
  die  auch  im  Verein  mit  österreichisch-ungarischen
  Kräften  vom  8.  bis  zum  20.  Oktober  steis  erneute
  russische  Versuche,  sich  des  linten  Weschsefers
        <pb n="42" />
        31

zu  bemächtigen,  siegreich  abwehrten.  Als  die  starke
übermacht  der  Russen  sich  den  übergang  dennoch  erzwang,
  wurde  sie  zunächst  durch  die  Tapferkeit  dieser
Sicherungstruppen  an  weiterem  Vorschreiten  auf  dem
linken  Ufer  gehindert  und  erlitt  in  harten  Kämpfen,
vornehmlich  bei  Iwangorod,  schwere  Verluste.

Inzwischen  fühlten  die  deutschen  Vortruppen  nach
Zurückwerfung  geringerer,  bereits  in  der  ausgebauten
Stellungbefindlicher  russischer  Abteilungen  am  11.Ok.
tober  schon  bis  Pruskow,  12  km  füdwestlich,  und  bis
Jeziorna,  15  km  südlich  von  Warschau,  vor;  als  Blonje
besetzt  wurde,  war  der  Kommandant  von  Warschau,
General  Scheidemann,  in  seiner  überraschung  über
das  unerwartete  Erscheinen  feindlicher  Korps  vor
seiner  Stadt,  schon  bereit,  sie  aufzugeben,  als  Großfürst
Nikolai  Nikolajewitsch  eintraf  und  seine  volle  Tatkrast
für  die  Verteidigung  der  um  jeden  Preis  zu  haltenden
Festung  einsetzte.  Angestachelt  zu  ihrer  höchsten  Leistungsfähigkeit,
  hielten  drei  sibirische  Armeekorps  fast

wei  Tage  lang  den  Deutschen  stand  und  emhglichten
*  den  in  Marsch  gesetzten  russischen  Verstärkungen,
sich,  über  Nowo-Georgiewsk  ausholend,  zu  vierfacher
Überlegenheit  zu  entwickeln.  Gleichzeitig  mußte  von
den  Osterreichern  ein  Vordringen  über  den  San  endültig
  aufgegeben  werden,  da  ober-  und  unterhalb
Fwabgoroßs  starke  russische  Kräfte  die  Oberhand  gewannen.
  Unter  diesen  Umständen  mußte  Warschau
für  den  Augenblick  von  deutscher  Seite  aufgegeben  und
ein  neuer  Plan  gefaßt  werden.

Zunächst  gingen  die  Truppen  in  eine  starke  Stellung
zwischen  Skierniewice  und  Rawazurück,  zu  neuem  Angriff
  sich  sammelnd.  Während  des  von  hier  aus  gegen
die  bei  Warschau  und  westlich  davon  über  die  Weichsel

egangenen  Russen  angesetzten  Angriffs  sollten  die  bei
Iwangorod  zurückgelassenen  Korps  die  Pilica  überschreiten,
  den  von  Nordosten  nach  Südwesten  vordringenden
  Feind  in  der  linken  Flanke  sahen  und  dadurch
  eine  siegreiche  Entscheidung  herbeifl  ren.  Wirklich
  gelang  es  auch,  die  russische  Armee  in  die  gewollte
Richtung  zu  ziehen,  und  die  zum  Flankenstoß  bestimmten
  deutschen  Kräfte  schickten  sich  zur  Überschreitung
der  Pilica  an.  Da  traf  die  Nachricht  ein,  die  Österreicher
  könnten  ihre  Stellungen  an  der  Weichsel  nicht
halten  und  würden  durch  die  südlich  von  Iwangorod
über  den  Fluß  gegangene  feindliche  Üübermacht  zurückgedrängt.
  Gleichzeitig  versuchten  die  Russen  nochmals
die  deutsche  linke  Flanke  zu  umfassen,  indem  sie  bei
Skierniewice  starke  Abteilungen  in  westlicher  Richtung
vorschoben  und  dadurch  zu  einer  Zurückbiegung  dieser
Flanke  nach  Südwesten  nötigten.  Hierdurch  waren  die
an  der  Pilica  stehenden  Truppen  ernstlich  gefährdet.
Von  Norden  und  von  Süden  her  waren  sie  Flankenstößen
  ausgesetzt,  und  die  Pilica  stromaufwärts  schien
ihr  Rückzug  schwer  bedroht.  Von  Iwangorod  schob
der  Feind  gegen  die  Lysa  Gora  immer  neue  starke
Kräfte  vor,  und  am  San  war  auf  ein  Vordringen  der
Osterreicher  nicht  mehr  zu  rechnen.  Hindenburg  war
nicht  gesonnen,  sich  vom  Feind  einen  ungünsigen
Kumppgiat  vorschreiben  zu  lassen  und  faßte  den  Entschluß,
  sich  von  ihm  zu  lösen.  Da  gegen  die  zahlenmäßig
  dreifache  Übermacht  ein  entscheidender  Erfolg
nicht  zu  erhoffen  war,  wichen  die  Deutschen  neuen
feindlichen  Kräften,  die  in  der  Linie  Iwangorod-Warschau-Nowo--Georgiewsk
  anrückten,  am  27.  Oktober
aus  und  lösten  sich  in  den  folgenden  Tagen  in  so  geschickter
  Weise  von  dem  Feind,  daß  dieser  den  Abzug
erst  wahrmohm,  als  eine  Verfolgung  nicht  mehr  möglich
  war,  zurmal  die  deutschen  Truppen  alle  Brücken,

I.  Kriegsgeschichte

Gleise  und  Verkehrswege  hinter  sich  unbrauchbar  gemacht
  hatten.  Ende  Oktober  stand  Hindenburg  in  der
Linie  Wlosczowa-Nowo-Radomsk-Sieradz-Warta.
Großfürst  Nikolai  folgte  langsam  im  Weichselbogen
nach  Süden  und  Südwesten  und  stand  am  30.  mit
fünf  Armeen  zwischen  Kutno  und  Opatow.

2.  Der  westliche  Kriegsschauplatz  bis  Ende
Oktober  19141.

War  deutscherseits  im  Osten,  bei  Berücksichtigung
des  außerordentlich  ungleichen  Stärkeverhältnisses  der
Verbündeten  zu  den  Russen,  die  strategische  Defensive
  zunächst  das  Gebotene,  so  setzte  der  Krieg  im
Westen,  im  vollen  Gegensatz  dazu,  mit  einer  ebenso
überraschenden  wie  unwiderstehlichen  Offensive  ein.
Für  eine  solche  war  Belgien  das  gegebene  Einfallstor,
  das  in  Besitz  zu  nehmen  für  die  deutsche  Heeresleitung
  um  so  notwendiger  war,  als  man  bereits  vor
dem  Kriege  wußte  und  seitdem  durch  unanfechtbare,  in
Belgien  ausgefundene  Dokumente  bestätigt  gefunden
hat,  daß  Franzosen  und  Engländer  ihrerseits  von  laner

  Hand  einen  Angriffsplan  gegen  Deutschland  mit
Hufo  Belgiens  und  unter  Benußung  belgischen  Gebietes
  vorbereitet  hatten.  Dieser  zielte  zunächst  darauf
ab,  das  für  die  Herstellung  von  Kriegsbedürfnissen  für
uns  unentbehrliche  niedekheinische  Ondustrie  ebiet  in
die  Hände  zu  bekommen,  um  auf  diese  Weise  gleich
u  Anfang  einen  unschätzbaren  Vorteil  zu  erringen.
ahingegen  konnte  die  deutsche  Heeresleitung  durch
Besitznahme  Belgiens  den  zwiefachen  Vorteilerreichen,
ihr  eigenes  Industriegebiet  zu  schützen  und  dem  Gegner
  das  seinige  in  Nordfrankreich  zu  entreißen.

Es  gab  aber  noch  andere  zwingende  Gründe  für
das  Vorgehen  durch  Belgien.  Die  Aufgabe,  ihre
neuzeitlichen  Millionenheere  in  sachgemäßer  Weise  zur
Verwendung  zu  bringen.  machte  beiden  Heeresleitunen,

  sowohl  der  deutschen  wie  der  französischen,  zur
Eict  sich  entsprechend  großer  Aufmarschräume  zu
versichern.  Da  das  Gebirge  der  Vogesen  keine  Möglichkeit
  für  die  Entwicklung  großer  Heeresmassen  bot,
wäre  hierfür  nur  die  mit  ihrer  Ausdehnung  von
120km  völlig  unzureichende  lothringische  Grenzstrecke

eblieben,  von  der  ein  Vormarsch  sofort  auf  die  stark

efestigte  Maas=  und  Moselfront,  für  den  Gegner  auf
Metz-Straßburg  stieß.  Beide  Parteien  waren  also
geeich  zu  Anfang  darauf  angewiesen,  Belgien  und

uxemburg  in  das  Operationsgebiet  ihrer  Armeen
mit  einzubeziehen.  Endlich  mußte  deutscherseits  auch
die  Gewinnung  einer  möglichst  günstigen  strategischen
Lage  den  britischen  Gegner  gegenüber  von  vornherein
ins  Auge  gefaßt  werden,  und  diese  war  sowohl  im
desensiven  Sinne  —  zur  Verhinderung  von  Landungen
  —  als  im  offensiven  Sinne  nur  dadurch  zu
erreichen,  daß  man  sich  in  möglichster  Ausdehnung
der  Küste  der  Nordsee  und  des  Kanals  bemächtigte.
Für  die  Erlaubnis  eines  deutschen  Durchmarsches
wurden  Luxemburg  und  Belgien  weitgehende  Entschädigungen
  und  Zusicherung  der  Unversehrtheit  des
Gebietes  angeboten;  jenes  erklärte  sich  hierdurch  befriedigt,
  seine  unter  deutscher  Verwaliung  stehenden
Eisenbahnen  wurden  durch  den  Einmarsch  des  8.  preußischen
  Armeekorps  gegen  Zerstörungsversuche  geschützt,
  und  das  Land  blieb  verschont  von  allen
Schrecknissen  des  Krieges.  Von  Belgien  hingegen
wurde  die  am  2.  Aug.  angebotene  friedliche  Erledigung
der  Durchmarschfrage  abgelehnt,  nicht  weil  es  fürchten

1  Vgl.  die  Karte  Bd.  I.  S.  1723.
        <pb n="43" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  bis  Ende  Oktober  1914

mußte,  dadurch  Nachteil  zu  erleiden,  sondern  weil  es
länsst  den  Gegnern  Deutschlands  verpflichtet  war.
achdem  am  2.  August  von  französischer  Seite  ohne
Kriegserklärung  die  Feindseligkeiten  gegen  das  Deutsche
Reich  dadurch  eröffnet  worden  waren,  daß  ein  Flieger
Bomben  in  der  Umgebung  Nürnbergs  abwarf,  und
daß  geschlossene  Abteilungen  die  Grenze  des  Vogesenkammes
  bei  Altmünsterol  überschritten,  folgte  am
3.  August  die  deutsche  Kriegserklärung,  und  am  4.
gingen  an  verschiedenen  Stellen  aus  Richtung  Aachen,
Eupen  und  Malmedy  deutsche  Abteilungen  über  die
Grenze  Belgiens.  Keine  militärisch  gegliederten  Streit-35



dem  von  zwölf  Forts  umgebenen  Lüttich  waren  schon
vor  Kriegsbeginn  französische  Offiziere  eingetroffen,
um  die  Belgier  in  der  Handhabung  des  Festungskriegs
  zu  unterrichten,  und  unter  Führung  des  belgis
  en  Generals  Léman  war  dort  eine  ansehnliche

ruppenmacht  anzunehmen,  da  schon  die  Stärke  der
Friedensbesatzung  6000  Mannbetrug.  General  v.  Em.
mich  erhielt  den  Befehl  zum  gewaltsamen  Angriff  auf
die  Festung.  Es  wurden  ihm  zur  Verfügung  gestellt
6  zusammengesetzte  Brigaden,  starke  schwere  Artillerie
sowie  8  Kavalleriedivisionen  zum  Schutz  der  Unternehmung
  gegen  die  weiter  westlich  noch  in  der  Versamm-Mahbstab

  1:  200  000
1  ·—  1  ⁊  2  4

f-  W

twdprsMps-.
ZW-.IWIM««
Fascwmiuchk

FMUMQDMIM."  -,
1  «  fdk  «  ·-  (%  *⅞§l  «
.  —  x  —  4  Aà  —  —  9
l  "6  ·  -  X  #  Z  *?ms  5r  7  —  1  l  v7.  "6  63  „  ls
1  #  O  4  —.  I1.  .  *
"n  5r  *  i  "  -  □
.  5  E“N  "1  *  #rr  4—  4  —W—
*  d&amp;amp;  AXAL  4q  r  «  «-  —  *  s
,  S  ret  4  «  —  r□  6  7  *  "p
N.—  9  0  H#tal  *  #  7*  n
3  -  4  *  —  **  *  5  .  "
□C  ·  RX  *  4  1  x  5  —
#nu#  2  W  ê5  9  I  «  .  ·"-  -.
——  —  —  —  —
*  *  E  «  —  #  "  6  "  v
3  M  Kort.  2  .  —
*  —  #  —nl.r  *5  —  40—1  en,  ,  3  M4  575“½  *4
-.  «".»Ærwaa:  TM  4  .
.-.—  9lr  *  ·  L  «  —*  #-  P  4——  —.—
.  —i###  .  ESN  5%  2225  *  ——o
###f·5I  "  2  ar#treust—  —  —P  #  (7*#C8  7  t#  #er#te
.«-,.  .  »Es-e  -zk-«.-»
  ..«  O«  W  «  l.  —  7  i
-  '  s  J-  "w  -·-  **v°  #  1  "  .  uni—i
«  U«  --’«-s"·»«-""-sr«sk-·L««--«eew«
r  -  —  Q  .  2  J  *  *  72  laungee  □'“  -  ..
,xok«-tZ-å;.,  «  -#  Farunrdune.
r—  -  “öÜ  En.i-  „  5  -7
„  *  -

"P  2  1  5%
/  -  ÆIÄJXUIJFFXFI  ch  M

«  —
·  .5

—·57
i1rs*  O  l  "  —  **5ß**
*  rr.  4nm  ###  sch  —
if  r  —105%½
K#  Fkl.  K.  00  1.777  ur  *
———  E—  s—]‚ui·em
—  —(———“
s  !r  —F.4.
Ne.  0  1.

*.  —
*-e

·  .s.  «I-·.
i

kräfte  suchten  dies  zu  hindern,  aber  heimtückisch  überfiesen
  die  aufgehetzten  und  bewaffneten  Bewohner  der
bei  dem  Vormarsch  berührten  Ortschaften  die  Trains
der  friedlich  durchmarschierenden  deutschen  Abteilungen
  und  zogen  sich  dadurch  ein  ernstes  und  blutiges
Strafgericht  zu.  Dennoch  erreichten  die  deutschen
Truppen  in  überraschend  kurzer  Zeit  ihr  erstes  Ziel,  die
Eroberung  der  Festung  Lüttich.

Die  Groberung  von  Lũttich.

Quer  durch  Belgien  fließt  die  Maas,  und  da  ihr
Tal  sich  nach  Osten  zu  der  Norddeutschen  Tiefebene,
nach  Westen  zu  dem  nordfranzösischen  Becken  öffnet,
bildet  es  die  kürzeste  Verbindung  durch  belgisches  Gebiet
  zwischen  der  Niederung  des  Rheins  und  Frankreich.
  Ihrer  Sperrung  sollten  die  beiden  Maasfestungen:
  im  Osten,  15  km  von  der  deutschen  Grenze  entfernt,
  Lüttich,  im  Westen,  am  Zusammenfluß  von
Maas  und  Sambre,  Namur  (Namen)  dienen.  In

—

lung  begriffene  belgische  Armee.  Die  Infanterie  wurde,
ohne  die  Ergänzungsmannschaften  eingestellt  zu  haben,
  an  die  Grenze  befördert.  Der  Oberquartiermeister
aus  dem  Generalstabe,  Generalmajor  Ludendorff,
wurde  dem  General  v.  Emmich  zugeteilt.  Nach  überschreiten
  der  Grenze  am  4.  August  konnten  die  von
Vachen  und  Eupen  vorgehenden  Kolonnen  schon  am
5.  die  Beschießung  der  ösnichen  Forts  de  Barchon  und
Evegnée  beginnen.  Der  Durchbruch  durch  die  Linie
der  Forss  war  am  5.  nur  einer  Brigade  gelungen.
In  der  folgenden  Nacht  griffen  andere,  durch  das  Tal
der  Ourthe  über  Comblin  au  Pont  vorgegangene  Abteilungen
  von  Süden  an  und  beteiligte  Sch  auch  ein
Luftkreuzer  an  der  Beschießung  der  Forts.  Ein  am
6.  unternommener  kühner  Handstreich  mißglückte.
Zwei  weiteren  Brigaden  war  bis  zum  8.  August
ebenfalls  der  Durchbruch  gelungen.  Es  traten  nun
3  Armeekorps  der  2.  Armee  mit  schwerer  Artillerie
und  Belagerungsformationen  in  den  Kampf  um  die
8
        <pb n="44" />
        36

Außenforts  ein,  nachdem  die  Innenstadt  in  deutscher
Hand  war.  Am  8.  fiel  Fort  de  Barchon,  am  11.  Fort
Evegnee,  nach  eingetroffener  Verstärkung  der  Belagerungsartillerie,
  darunter  deutsche  42  cm-Haubitzen
und  österreichische  30,5  cm-Mörser,  am  13.  Fort  Pontisse,
  am  14.  Fort  Fléron,  am  16.  das  letzte  Fort,
Hollogne.  General  Leéman  geriet  in  Fort  Loncin  in
Gefangenschaft.
Ver  Aufmarscht.

Nachdem  mit  Lüttich  der  Schlüssel  zum  Aufmarschraum
  in  Belgien  gewonnen  war,  konnte  der  eigentliche
  deutsche  Aufmarsch  beginnen.  Der  Plan  dazu
war  vom  Generalstabschef  Graf  Alfred  von  Schlieffen
entworfen  worden.  Er  ging  von  dem  Gedanken  aus,
daß  ein  Zweisrontenkrieg  Deutschlands  gegen  Frankreich
  und  Rußland  jahrelang  dauern  und  darum  unter
allen  Umständen  vermieden  werden  müsse.  Er  zielte
darum  auf  schnellste  Niederwerfung  Frankreichs.
Diese  war  allein  möglich,  wenn  das  deutsche  Heer
durch  Belgien  in  Nordfrankreich  eindrang.

Es  wurden  sieben  Armeen  aufgestellt:

Die  1.  Armee  unter  Generaloberst  v.  Kluck  um  Aachen
(II.,  III.,  IV.,  IX.,  XI.  Armeekorps,  4.  Reservekorps).

Die  2.  Armee  unter  Generaloberst  v.  Bülow  südlich
von  Aachen  bis  Eupen  (Garde,  Garde-Reservekorps,
VII.,  X.  Armeekorps,  7.  u.  10.  Reservekorps).

Die  3.  Armee  unter  Generaloberst  Freiherrn  v.  Hausen
  um  Malmedy  (XII.,  XIX.  Armeekorps,  12.  Reservekorps).


Die  4.  Armee  unter  Herzog  Albrecht  von  Württemberg
  um  St.  Vith  (VIII.,  XVIII.  Armeekorps,  8.  und
18.  Reservekorps).

Die  5.  Armee  unter  dem  deutschen  Kronprinzen
zwischen  Saarbrücken  und  Luxemburg  (V.,  VI.,  XIII.,
XIV.  Armeekorps,  5.  und  6.  Reservekorps).

Die  6.  Armee  unter  dem  Kronprinzen  Rupprecht
von  Bayern  in  Lothringen  (I.,  II.,  III.  bayerisches,
XXI.  Armeekorps,  1.  bayerisches  Reservekorps,  bayerische
  Kavalleriedivision).

Die  7.  Armee  unter  Generaloberst  v.  Heeringen  bei
Straßburg  (XIV.,  XV.  Armeekorps,  14.  Reservekorps).

Vor  dem  rechten  Flügel  des  Heeres:  1.  und  2.  Kavalleriekorps
  unter  General  v.  d.  Marwitz.

Während  die  im  Elsaß  und  in  Lothringen  aufmarschierenden
  Armeen  7  und  6  gegen  die  franz.  Sperrlinie
  vorgingen,  sollten  die  in  der  Linie  Diedenhofen-Aachen
  aufmarschierenden  Armeen  5—1  in  einer  riesenhaften
  Schwenkung  von  Westen  nach  Süden  die
franz.-belg.  Nordarmeen  üÜber  die  belg.-franz.  Grenze
zurück  und  schließlich,  sie  in  den  Rückzug  der  Südarmeen
  verstrickend,  Über  die  Schweizer  Grenze  werfen.
Diesem  Plan  entsprechend  trat  die  1.  deutsche  Armee
(v.  Kluck)  zuerst  an  und  überschritt  am  6./7.  Aug.  1914
bei  Lüttich  die  Maas,  erreichte  am  20.  Brüssel,  am
23.  Valenciennes,  am  1.  Sept.  Compieègne.  Ihr  schloß
sich  die  2.  Armee  unter  v.  Bülow  an:  sie  überschritt  am
20.  bei  Ardenne  u.  Namur  die  Maas,  warf  die  Armee
Lanrezac  am  24.  über  die  Oise,  nahm  am  80.  St.  Quentin.
  Hausens  3.  Armee  folgte  am  23.  bei  Dinant  über
die  Maas,  bog  sofort  nach  Süden  um  u.  rückte  am  31.
Aug.  in  Rethel,  am  4.  Sept.  in  Reims,  am  6.  in  Chalons
  ein.  An  sie  schloß  sich  die  4.  Armee  des  Herzogs
Albrecht  von  Württemberg  an.  Dieser  erzwang  am
28.  Aug,  den  Maasübergang  bei  Sedan  und  erreichte
über  Vouziers  am  6.
Kronprinzen  5.  Armee  endlich  überschritt  mit  ihrem

1  Bgl.  die  Karte  Bd.  L  S.  172f3.

ept.  Vitry.  Des  deutschen  3

I.  Kriegsgeschichte

rechten  Flügel  bei  Stenay  die  Maas  u.  schwenkte  durch
den  Argonner  Wald  ebenfalls  nach  Süden  ein;  sein
linker  Flügel  mußte  sich  damit  begnügen,  näher  an
Verdun,  den  Angelpunkt  der  franz.  Vertkidigung  u.  zugleich
  Drehpunkt  des  deutschen  Angriffsflügels,  heran-Prücken.
  Kronprinz  Rupprecht  rückte  an  die  Sperrlinie
oul-Epinal  heran,  Heeringens  7.  Armee  säuberte
das  Oberelsaß  vom  Feinde.  Am  5.  Sept.  hatte  das
deutsche  Nordheer  die  allgemeine  Linie  Compiègne-Meaux-La
  Ferté-Vitry-  nördlich  Bar  le  Duc-Consenvoye
  erreicht.  Die  Marschleistungen  dieses  gewaltigen
  Aufmarsches  zur  Entscheidung  waren  überwältigend,
  die  Berechnungen  Schlieffens  vollauf  erfüllend,
aber  der  Gegner  war  trotz  harten  Kämpfen  bei  Valenciennes—-Mons,
  Charleroi,  St.  Quentin,  Sedan  einer
Entscheidung  bisher  geschickt  ausgewichen.  Gelegenbeiten,
  erhebliche  Teile  des  feindlichen  Heeres  einzuesseln,
  wie  sie  sich  südlich  von  Charleroi  u.  bei  Sedan
boten,  nutzte  die  deutsche  Oberste  Heeresleitung  nicht
aus  —  in  Ermangelung  einer  die  Führung  des  Stoßflügels
  straff  handhabenden  Zwischenstelle  (Heeresgruppenführung)
  war  die  weit  zurück  (in  Luxemburg)
liegende  Oberste  Heeresleitung  außerstande,  die  Entscheidungsschlacht
  so  einheitlich  zu  leiten,  wie  es  der
Gegnertat.  Der  franz.  Aufmarschplan  wurde  wie  folgt
ausgeführt.  Es  wurden  fünf  Armeen  ausgestellt:

Die  1.  Armee  unter  General  Dubail  (7.,  S.,  13.,
14.,  19.,  21.  Armeekorps,  8.  Kav.-Div.  nebst  mehreren
Reservedivisionen)  im  Raume  Montbéliard-Luncville.

Die  2.  Armee  unter  General  de  Castelnau  (9.,  15.,
16.,  18.,  20.  Armeekorps,  3  Reserve-,  2  Kavalleriedivisionen)
  im  Raume  Luneville-Pont  à  Mousson.

Die  3.  Armee  unter  General  Ruffey  (2.,  4.,  5.,  6.
Armeekorps,  3  Reserve.,  2  Kavalleriedivisionen)  im
Raume  zwischen  Mosel  und  Audun.

Die  4.  Armee  unter  General  de  Langle  de  Cary
(12.,  17.  Armeekorps  und  Kolonialkorps)  nordwestlich
  vom  Donon  zwischen  Montmedy  und  Sedan.

Die  5.  Armee  unter  General  Lanrezac  (I.,  3.,  10.,
18.  Armeekorps,  die  marokkanische  und  2  Kavalleriedivisionen)
  zwischen  Charleville  und  Maubeuge.

Heeresreserve:  9.  Armeekorps  bei  Hirson.

Den  Oberbefehl  führte  General  Joffre.

Im  vollen  Gegensatz  zu  dem  deutschen  Plan  verlegte
  der  französische  seine  größte  Stärke  nach  Süden
zu,  an  die  gegen  das  Elsaß  gerichtete  Front,  einmal
wohl,  weil  im  Norden  mit  der  Hilfe  belgischer  und
englischer  Truppen  gerechnet  wurde,  dann  aber  auch  in
der  Absicht,  von  Belfort  aus  durch  die  Burgundische
Pforte  einen  starken  Angriffsstoß  gegen  das  deutsche
Reichsland  auszuführen.  Mit  einem  solchen  Versuch
fingen  auch  die  französischen  Kampfhandlungen  an.

m  B.  August,  noch  bevor  der  Krieg  erklärt  war,
überschritten  Kompagnien  der  Franzosen  unter  Verletzung
  der  deutschen  Grenze  den  Vogesenkamm,  besetzten
  den  Schluchtpaß  und  die  Orte  Markirch,  Metzeral,
  Gottesthal,  bald  darauf  den  Paß  von  Saales
und  den  Donon,  den  höchsten  Berg  der  Nordvogesen,
der  die  Umgegend  weithin  beherrscht.  Hierauf  kam  es
am  7.  August  bei  Altkirch  zu  einem  ernsten  Treffen,  bei
dem  die  Franzosen  von  Belfort  aus  mit  dem  7.  Armeekorps
  und  einer  Division  der  Festungsbesatzung  gegen
die  Sicherungstruppen  vorgingen.  Diese  wurden  auf
die  Haupttruppen  nördlich  u.  westlich  von  Mülhausen
urückgenommen.  So  konnten  die  Franzosen,  ohne
ernstlichen  Widerstand  zu  finden,  in  den  Sundgau  einrücken,
  am  8.  Mülhausen  besetzen  und  zur  selben  Zeit
von  Belfort  aus  Thann-Sennheim  erreichen.
        <pb n="45" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  bis  Ende  Oktober  1914

Amg.  August  aber  stießen  von  den  Vogesen  südlich
von  Kolmar  und  über  den  Rhein  durch  den  Hardtwald
  herangeführte  deutsche  Truppen  gegen  Sennheim
und  Mülhausen  vor,  ertan  en  bis  Mitternacht  den
Abzug  der  französischen  Artillerie  und  vertrieben  nach
schwerem  Straßenkampf  am  10.  auch  die  Infanterie.

Indessen  hatten  die  Franzosen  in  den  ausgedehn,
ten  Befestigungen  von  Belfort  einen  starken  Rückhalt
und  fanden  in  dem  südlichen  Teil  der  Bogesen,  der
in  dem  Belchen  gipfelt,  außerordentlich  günstige  Verhältuisse,
  um  sich  in  dem  westlichen  Teil  des  Sund-Jaues
  dauernd  festzusetzen  und  das  Gebirge  hier  bis
zum  östlichen  Fuß  zu  beherrschen.  Da  die  Armee
v.  Heeringen  zu  den  Kämpfen  in  Lothringen  herangezogen
  wurde,  konnten  sie  sich  sogar  noch  einmal,
19.  Aug.,  Mülhausens  bemächtigen;  weiterem  Vordringen
  stellte  sich  General  Gaede  mit  einer  neugebildeten
  Armeegruppe  erfolgreich  entgegen.  Da  nun  aber
die  Franzosen  sich  durch  die  unglücklichen  Kämpfe  in
Lothringen  u.  Belgien  genötigt  sahen,  diestarke,  bei  Belsort
  versammelte  Truppenmacht  wesentlich  zu  schwächen,
  wurden  dieins  Oberelsaß  unter  General  Pau  eingedrungenen
  Kräfte  22.  August  nach  der  Somme  abberusen.


Die  Schlacht  in  Lothringen:.

Die  Au  sheeigagte  in  den  Vogesen  stehen  in  einem
gewissen  Zusammenhang  mit  dem  starken  Angriffsstoß,
  den  die  Franzosen  aus  dem  Gelände  zwischen
Epinal  u.  Toul-Nanch  in  Richtung  Saarburg  unternahmen
  und  der  zur  Schlacht  in  Lothringen  führte.

Der  Schlacht  gingen  kleinere  Vorhutgefechte  an  der
lothringischen  Grenze  voraus.  Amt  11.  August  griff
bei  Lagarde  eine  gemischte  französische  Brigade  ein
kleineres  bayerisches  Grenzschutzdetachement  an.  Bei
dem  Heraustreten  der  zur  Erkundung  gegen  den  Seille-Abschnitt
  vorgehenden  Franzosen  aus  dem  Ort  wurden
  sie  von  den  Bayern  angehalten  und  in  den  Wald
von  Parroy  am  Marne-Rhein-Kanal,  nordöstlich  von
Luneville,  zurückgeworfen.  Dabei  wurde  die  erste
französische  Fahne  erobert,  zwei  Batterien  und  vier
Maschinengewehre  erbeutet  und  700  Gefangene  gemacht,.
  Am  10.  August  schon  hatten  deutsche  Vortruppen
  am  Meurthe-Abschnitt  die  Grenze  Überschritten
und  bei  Baronweiler  siegreich  gefochten.  Diese  Vortruppen
  wurden  jedoch  zurückgenommen,  als  man  die
Stärke  der  im  Vormarsch  begriffenen  feindlichen
Kräfte  feststellte,  da  es  nicht  zweckmäßig  schien,  den
Franzosen  im  Geschützbereich  ihrer  großen  Festungen
Toul  und  Nancy  eine  Schlacht  zu  liefern.  Sie  führten
  hier  nicht  weniger  als  acht  Armeekorps  der  1.
und  2.  Armee  mit  ungefähr  300000  Mann  zum
Kampfe  vor.  Den  eben  noch  siegreichen  deutschen
Truppen  der  6.  Armee  wurde  das  Zurückgehen  nicht
leicht;  als  sie  aber  in  den  nächsten  Tagen  von  der
Hauptstellung  Morville-Mörchingen-Bensdorf-Finstingen-Pfalzburg
  ausgenommen  wurden,  erkannten

ie,  daß  ihre  Aufgade  als  Gernzschutz  nun  beendet
sei,  und  daß  hier  starke  Kräfte  für  eine  Entscheidungsschlacht
  bereitgestellt  wurden.  Während  der  Zeit  vom
12.  bis  19.  August  wurde  die  Hauptstellung  in  Erwartung
  des  französischen  Angrifss  zweckmäßig  ausgedaut
  und  stark  befestigt.  Das  Städichen  Saarburg
mußte  für  einige  Tage  aufgegeben  werden,  nördlich  davon
  fand  die  schwere  Artillerie  eine  günstige  Stellung.

Unglücklich  verlief  mittlerweile  eine  Erkundung,

die  zwei  Bataillone  der  Straßburger  Besatzung  nebst

1  Chl.  die  Karte  Bd.  I,  S.  172.3.

37

einigen  Geschützen  und  Maschinengewehren  am  14.
August  im  Breuschtal  aufwärts  über  Schirmeck  unternahmen.
  Sie  kamen  in  das  Feuer  französischer  Geschütze
  auf  dem  Jonon  und  büßten,  in  dem  Engweg
eingekeilt,  ihre  Artillerie  ein.  Dagegen  wurde  der  Bersuch
  der  französischen  55.  Infanteriebrigade,  vom
Vogesenkamm  gegen  Schlettstadt  vorzustoßen,  am  19.
Aug.  dadurch  vereitelt,  daß  sie  durch  badische  Truppen
  gegen  Markirch  zurückgeworfen  wurde.

Am  14.  August  hatten  die  Armeen  Dubail  und
Castelnau  den  Vormarsch  angetreten,  die  deutsche  6.
Armee  hatte  sich  in  Linie  Mörchingen-Saarburg  in
befestigter  Stellung  versammelt,  die  7.  Armee  stand
zwischen  Saarburg  und  Straßburg  stoßbereit.

Am  Morgen  des  19.  August  erschienen  französische
Reiter  und  Leschue  auf  den  Höhen  vor  der  deutschen
Stellung.  Überraschend  einschlagende  deutsche  Granaten
  ließen  sie  alsbald  verschwinden  und  in  Deckun
gehen,  worauf  sich  französische  Infanterie  bis  i“
wenige  hundert  Meter  an  die  deutschen  Schützenlinien
heranarbeitete;  aber  der  jeden  Augenblick  erwartete
wisgentliche  Angriff  blieb  aus.  Am  20.  wurde  von
beiden  deutschen  Armeen  zum  Angriff  geschritten.
S#eich  er  dem  Feinde  ganz  unerwartet  kam,  suchte
dieser  standzuhalten  bei  euze  und  den  nördlich  davon
gelegenen  Orten  Vergaville  und  Conthil  wurde  schwer
Lelämogst,  ebenso  in  der  Saarburger  Gegend.  Über

inberge  hinweg,  durch  hochstehende  Loferzelder
wurde  der  deutsche  Angriff  vorgetragen,  und  selbst
das  mörderische  Geschützfeuer  aus  der  Hauptstellung
des  Feindes  erwies  sich  machtlos  gegen  diesen  Ansturm.
Die  in  den  Wäldern  bei  Saarburg  und  Saaraltdorf
in  großen  Massen  brreitheste1ke  Kanzstsche  Infanterie
  litt  schwer  unter  dem  Feuer  deutscher  Batterien,
der  feindliche  rechte  Flügel  wurde  durch  einen  glänzend
  ausgeführten  Bajonettangriff  geschlagen.  So
war  am  Abend  des  20.  August  auf  der  ganzen  Linie
der  6.  Armee  ein  großer  Sieg  erkämpft.  Viele  Tausende
von  Gefangenen,  eine  große  Geschütz  zahl  bildeten  die
Siegesbeute.  Noch  machten  einige  französische  Abteilungen
  den  Versuch,  Saarburg  zu  halten,  mußten
es  jedoch  am  21.  aufgeben,  und  ebenso  mißlang  ein
an  dem  äußersten  rechten  Hügel  zwischen  Saarburg
und  Pfalzburg  noch  bei  Beginn  der  Dämmerung
unternommener  Hegenkaof.  Die  geschlagene  2.  Armee
flutete  hinter  die  Linie  Delme-Chäteau  Salins-Marsal-Bisping
  zurück  und  wurde  durch  die  in  den  nächsten
Tagen  einsetzende  energische  Verfolgung  immer  weiter
urückgeworfen.  So  wurden  die  Frachzosen  am  21.
ugust  in  der  Linie  Moncel-Gondregxange  (deutsch:
Gonderfingen)-Walscheid,  am  22.  in  der  Gegend  von
Blamont  geschlagen  und  dadurch  Lezwungen,  hinter
die  Meurch=  rückzugehen.  Lunéville  wurde  andiesem
Tage  vom  Sieger  besetzt.  Am  25.  August  stand  die
6.  Armee  in  Linie  Blainville-Gerbeviller-Flin.  Am
27.  August  fiel  das  Sperrfort  Manonvillers  an  der
Linie  Saarburg-Lunéollle  nach  tapferer  Verteidigung
in  deutsche  Hand.  Die  Schlacht  bei  der  7.  Armee,  die
aus  der  Linie  Saarburg-Lützelhausen  am  20.  zum
Angriff  vorging,  löste  646  durch  die  Gestaltung  des
Kampfgeländes  in  eine  Anzahl  von  Einzellämpfen
auf,  die  zu  erbitterten  Nahkämpfen  führten.  Am  22.
war  die  franpsische  1.  Armee  geworfen  und  trat  den
Rückzug  auf  die  Meurthe  und  die  Mortagne  an,  die
7.  Armee  folgte  bis  in  Linie  Baccarat-St.  Die.  Hier
gelangte  der  deutsche  Angriff  zum  Stillstand,  es  begann
  der  übergang  zum  Si  llungskeg,  eiche  Zu-Während

  dieser  erste  große  und  erfolgr
        <pb n="46" />
        38

sammenstoß  mit  dem  französischen  rechten  Flügel  stattsand,
  ging  die  5.  Armee  unter  Führung  des  deutschen
  Kronprinzen  durch  Luxemburg,  auf  beiden  Ufern
des  Chiers  vor.  Die  an  diesem  Flusse  nahe  der  Grenze
liegende  französische  Festung  Longwy  hielt  den  Vormarsch
  des  Kronprinzen  in  keiner  Weise  auf.  sie  wurde
eingeschlossen  und  unter  das  Feuer  schwerer  Feldartillerie
  genommen.

Am  22.  August  war  die  Armee  nördlich  und  südlich
  an  Longwy  vorbeigegangen  und  hatte  die  Linie
Virton-Audun  le  Roman  erreicht,  als  sie  auf  die
5.  französische  Armee  stieß,  die  ihr  aus  der  Linie  Audun-Montmedyentgegentrat.
  Aus  dem  Begegnungsgefecht
  entwickelte  sich  eine  große,  erbitterte  Schlacht.

och  am  selben  Tage  gelang  es,  die  französischen  Truppen
  über  den  Crasnebach  und  auf  die  Höhen  bei  Longuyon
  zurückzudrücken;  dort  wurden  sie  am  23.  August
aus  der  Linie  Virton-Tellaucourt-Beuville-Mercy
le  Bas-Landres  erneut  mit  großer  Stoßkraft  angegriffen.
  Die  die  Höhen  stürmende  deutsche  Infanterie
hatte  schwer  unter  der  zahlreichen,  in  guten  Stellungen
befindlichen  gegnerischen  Artillerie  zu  leiden,  zumal
die  deutschen  Batterien  des  stark  bewaldeten  Geländes
wegen  nicht  vollständig  zur  Wirkung  kommen  konnten;
  aber  trotz  schwerer  Opfer  war  am  Abend  auf  der
ganzen  Linie  der  Sieg  erkämpft,  der  Feind  hinter  den
Chiers  zurückgedrängt.  Dessenungeachtet  brachte  auch
der  24.  noch  heiße  Kämpfe,  denn  der  auf  Carignan-Montmedy
  gestützte  linke  französische  Flügel  setzte
einem  weiteren  Vordringen  hartnäckig  Widerstand
entgegen,  und  der  rechte  Flügel  wurde  beträchtlich
unterstützt  durch  den  über  Etain  erfolgten  Ausfall  der
Besatzung  von  Verdun  gegen  die  linke  Flanke  der  5.
Armee.  Bedoch  griffen  auch  deutscherseits  rechtzeitig
aus  Metz  Reserven  ein,  nach  schwerem  Ringen  mußte
sich  der  Feind  hinter  den  Flußlauf  des  Othain  zurückziehen.
  Hier  sich  zu  halten,  gelang  ihm  aber  nicht  mehr,
vor  neuen  Angriffen  am  25.  Aug.  stutete  er,  zum  Teil
in  regelloser  Flucht,  hinter  die  Maas  zurück.

Am  28.  August  fiel  Longwy  als  die  erste  französische
  Festung  in  deutsche  Hand.  Seit  dem  22.  August
hatte  sie  unter  dem  Feuer  schwerer  deutscher  Feldeschütze

  gelegen,  die  hinter  den  nordwestlich  von  der

tadt  sich  ausbreitenden  Waldungen  unbemerkt  in
Stellung  gegangen  waren,  so  daß  die  ersten  Granaten
die  Verteidiger  vonständgg  überraschten.  Jedoch  hielt
die  3700  Mann  zählende  Besatzung  tapfer  zwischen  den
durchschlagenen  Wällen  der  veralteten  Festungswerke
in  dem  mit  großer  Genauigkeit  abgegebenen  Feuer
aus.  Als  nur  ein  einziges  Geschütz  noch  gefechtsfähig
war  und  die  deutsche  Infanterie  sich  bis  auf  Sturmstellung
  herangearbeitet  hatte,  entschloß  sich  der  Kommandant,
  den  Trümmerhaufen,  der  die  Festung  darstellte,
  zu  übergeben.  Die  veraltete  Festung  Montmédy
  suens  der  Beschießung,  die  Besatzung  versuchte
  einen  Durchbruch,  geriet  aber  am  30.  August
in  Gefangenschaft.

Der  Vormarsch  durch  Belgien!.

Inzwischen  erfolgte  in  Belgien  der  fächerartige  Aufund
  Vormarsch  der  4  Armeen  des  rechten  deutschen
Flügels  unter  Verschleierung  durch  die  Kavalleriekorps.
In  Erwartung  der  englisch-französischen  Heere  hatte
sich  die  belgische  Armee  zwischen  den  Festungen  Lüttich,
Namur  und  Antwerpen  versammelt.  Die  1.  Armee
unter  Generaloberst  v.  Kluck  warf  am  18.  August  bei

1  Vgl.  die  Karte  Bd.  I.  S.  172.3.

I.  Kriegsgeschichte

Hannut  belgische  Heeresteile  und  schlug  sie  am  20.
August  bei  Thienen,  wo  sie  sich  —  zum  Schutz
Brüssels  —  nochmals  stellten,  unter  Erbeutung  einer
schweren  Batterie,  einer  Feldbatterie,  einer  Fahne  und
von  500  Gefangenen  vollständig  in  die  Flucht.  Nun
stand  der  Weg  nach  Löwen  und  weiterhin  nach  Brüssel
für  die  Deutschen  offen,  und  noch  am  20.  zogen  sie
in  die  Hauptstadt  ein.  Zum  Generalgouverneur  der
bis  dahin  besetzten  belgischen  Gebiete  wurde,  mit  dem
Sitz  in  Brüssel,  am  25.  August  Generalfeldmarschall
Frhr.  v.  d.  Goltz  ernannt.  Die  belgische  Königsfamilie
war  rechtzeitig  nach  Antwerpen  entflohen,  hinter  dessen
Fortlinie  die  Reste  der  belgischen  Armee  am  21.  August
zur  Ruhe  kamen.  Am  21.  begann  der  Abtransport
von  je  einem  Korps  der  1.  und  2.  Armee  und  einer
Kavalleriedivision  der  3.  Armee  nach  Osten.  Das
3.  und  9.  Reservekorps  wurden  zum  Schutz  des  weiteren
  Vormarsches  in  der  rechten  Flanke  auf  Bil.
vorde-Mecheln  herausgeschoben.
Unterdessen  war  die  2.  Armee  unter  Generaloberst
v.  Bülow  von  Lüttich  aus  an  der  Maas  entlang  in  der
Richtung  auf  Namur  vorgegangen.  Ihre  vorfühlenden
  berittenen  Abteilungen  trafen  am  19.  August  bei
dem  18  km  nördlich  von  der  Festung  gelegenen  Perwez
  auf  die  5.  französische  Kavalleriedivision  und  warfen
  sie  vollständig,  so  daß  es  hinter  dem  Schleier  ihrer
Kavallerie  nun  den  deutschen  Artilleristen  gelang,  vom
Gegner  unbemerkt  gegen  den  Nordost=  und  Südostabschnitt
  rechts  und  links  der  Maas  ihre  schweren  Geschütze
  in  Stellung  zu  bringen;  neben  den  deutschen
42cm  -Haubitzen  eröffneten  auch  österreichische  30,5  cm-Mörser
  am  Abend  des  20.  August  das  Feuer  gegen
Namur.  Ebenso  wie  bei  Lüttich  General  v.  Emmich,
verzichtete  der  hier  mit  der  Belagerungbetraute  General
v.  Gallwitz  (Truppen  1/4  Armeekorps)  auf  vollständige
Einschließung  und  förmlichen  Angriff,  richtete  vielmehr
die  Geschütze  nur  auf  das  zunächst  erreichbare,  an  der
Ostseite  gelegene  Fort  Maizeret,  auf  die  nordöstlichen
Forts  Marchevolette  und  Cognelcée  sowie  die  südöstlichen
  Andoy  und  Dave.  Vor  den  Batterien  eingegraben
  lag  die  zum  Vorgehen  bereite  Infanterie.  Aber
erst  als  am  22.  das  Feuer  der  Forts  merklich  nachließ
und  in  der  folgenden  Nacht  auch  die  Scheinwerfer  ihre
Tätigkeit  einstellten,  war  es  der  Infanterie  möglich.
sich  in  nähere  Stellungen  heranzuarbeiten.  Am  23.
wurde  auch  auf  die  befestigten  Zwischenstellungen  Geschützfeuer
  gerichtet  und  die  belgische  Besatzung  daraus
vertrieben,  und  als  in  der  ersten  Morgenfrühe  des  23.
das  Artilleriefeuer  noch  einmal  heftig  einsetzte,  wurde
Fort  Maizeret  geräumt,  Marchevolette  und  Cognelée
verstummten.  Durch  die  so  entstandene  Einbruchlücke
ließen  sich  die  Nachbarwerke  auch  vom  Rücken  her  anreifen,
  wobei  aber  die  am  24.  vorgehende  Infanterie
schwere  Kämpfe  mit  der  Besatzung  zu  bestehen  hatte.
Dennoch  gelang  es  an  dem  Tage,  die  angegriffenen
Forts  zu  nehmen  u.  den  Feind  auf  die  Stadt  zurück.-zuwerfen,
  deren  veraltete  Zitadellevon  mittags  3½  Uhr
an  beschossen  wurde.  Inwischen  hatte  der  belgische
Generalstab  schon  um  5  Uhr  früh  die  Festung  verlassen;
  gegen  Mittag  folgte  die  aus  Belgiern  und
Franzosen  bestehende  Besatzung  unter  dem  Schutze
der  weiterkämpfenden  westlichen  Forts  nach  Süden.
Am  25.  ergaben  sich  diese,  und  auch  Namur  war
in  deutschem  Besitz.  Während  der  Vormarsch  nun
in  südlicher  Richtung  vorwärtsging,  wurden  doch
auch  zur  Sicherung  der  rückwärtigen  Verbindungen
Maßregeln  gegen  Angriffe  des  Feindes  von  Antwerpen
  aus  notwendig.  Am  24.  und  25.  August
        <pb n="47" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  bis  Ende  Oktober  1914

unternahm  König  Albert  mit  fünf  Divisionen  aus  der
Festung  in  der  Richtung  Mecheln-Vilvorde  einen
starken  Vorstoß,  um  die  an  der  Sambre  mittlerweile
  in  schwerem  Kampf  stehenden  französischen
Kräfte  zu  entlasten.  Im  Gegenstoß  wurde  der  Ausfall
  abgewiesen.  Das  Unternehmen  war  vollständig
mißglückt.  Wahrscheinlich  um  es  zu  unterstützen,  setzte
am  25.  August  die  Bevölkerung  von  Löwen  einen
überfall  ins  Werk,  der  wohl  seit  längerer  Zeit  geplant
und  unter  Mitwirkung  verkleideter  belgischer  Soldaten

39

Aufmarsch  um  Maubeuge  unter  General  French  vollendet.
  Am  22.  prallten  die  Heere  auf  der  ganzen
Front  Longwy-Mons  aufeinander.  Bom  Chiers
16  km  nordwärts  durchbricht  der  Semois,  ein  Nebenfluß
  der  Maas,  in  engen  Windungen  das  Gebirgsland
  der  belgischen  Provinz  Luxemburg.  Diesen  Flußlauf
  hatte  die  4.  französische  Armee  Überschritten,
als  sie  bei  Neufchäteau  auf  die  Armee  des  Herzogs
Albrecht  von  Württemberg  traf;  in  einem  harten
Ringen  machte  sie  dieser  den  übergang  über  den  Fluß

"  Maeiab  1  160000  4%

—  #  en  d  De-#
dn  Wabenk-.  *
H—  —————=*

  *““  r-  -."

Fde  *—
2äynmgoI#s..  *
*  *#  "  s606  "
0  *77t  —  ;

⁊
4
+K

st

sorgfältig  vorbereilet  war;  er  übertraf  an  Hinterlist  u.
Grausamkeit  jeden  früheren  Vorfall  dieser  Art.  Es
kam  zum  Straßenlamipf,  der  fast  24  Stunden  dauerte,
u.  der  mit  einer  teilweisen  Zerstörung  der  Stadtendigte.

Indessen  vermochten  diese  Ereignisse  in  leiner  Weise
die  weitere  Entwicklung  der  großangelegten  deutschen
Offensive  aufzuhalten,  und  wenig  später  als  die  aus
Lothringen  und  Luxemburg  vorgegangenen  Truppen
nahten  sich  auch  die  vier  in  Belgien  operierenden  Armeen
  der  französischen  Grenze.  «

Erst  nach  dem  Fall  Lüttichs  und  der  Bedrohung  Namurs
  trat  Joffre  am  14.  Ungust  aus  der  Linie  Sedan-Maubeuge
  mit  seinen  drei  Armeen  des  linken  Flügels
den  Vormarsch  an,  dem  sich  die  Engländer  links  anhingen.
  Diese  hatten,  2  Armeekorps  stark,  am  13.ihren

Namur.

streitig,  jedoch  war  es  dem  Herzog  am  28.  August
gelungen,  den  Uferwechsel  endgültig  zu  vollziehen  und
nach  Erbeutung  zahlreicher  Gefangener  und  Geschütze
den  Gegner  hinter  die  Maas  zurückzuwerfen.

In  dem  Raum  zwischen  Maas  und  Sambre  ging
die  5.  französische  Armee,  verstärkt  durch  Belgier,  die
Antwerpen  nicht  mehr  hatten  erreichen  können,  vor
und  traf  die  Armeen  v.  Bülow  und  v.  Hausen;  in
mehrtägigen  Kämpfen  mit  Mons  und  Charleroi  als
Brennpunkte  wurden  die  Verbündeten  auch  hier  auf
französisches  Gebiet  zurückgezwungen;  die  deutschen
Heere  folgten  ihnen  am  27.  ust  östlich  an  Maubeuge
  vorbei,  während  die  Einschliehung  der  Festung
durch  Teile  der  Bülowschen  Armee  eingeleitet  wurde.

In  denselben  Augusttagen  socht  Generaloberst
        <pb n="48" />
        40

v.  Kluck  den  Kampf  mit  dem  linken  Flügel  des  feindlichen
  Heeres  aus,  das  erste  Zusammentreffen  mit
großen  englischen  Verbänden  unter  General  French.
Am  22.  August  hatten  die  Engländer  nordöstlich  und
östlich  von  Maubeuge  eine  Stellung  inne,  die  von
Ath  über  Mons  bis  Binche  reichte.  Am  Abend  des
23.  zog  sich  French  auf  eine  Stellung  in  dem  Raume
Valenciennes  —  Maubeuge  zurück,  wobei  er  am  24.  in
Rückzugsgefechte  mit  den  vorgehenden  Deutschen  verwickelt
  wurde;  am  25.  gelang  es  diesen,  die  englischen
Truppen  auf  die  Linie  Cambral-Landrecies  -  Cateau
zurückzudrücken.  Obgleich  French  dort  vorbereitete
Stellungen  beziehen  konnte,  ging  er  doch  fluchtartig
auf  Vermand-St.  Quentin-Ribemont  zurück  und  zog
zur  Verstärkung  drei  französische  Territorialdivisionen
an  sich.  Aber  die  deutsche  Kavallerie  war  schneller;  es
gelang  ihr,  die  zurückflutenden  Engländer  so  lange
bufzuhallen.  bis  die  in  der  Verfolgung  begriffenen
Armeekorps  auch  herankommen  und  am  27.  bei  St.
Quentin  einen  großen  Sieg  erringen  konnten.  Die
Engländer  wurden  geschlagen  und  verloren  sieben
Feldgeschütze,  eine  schwere  Batterie  und  viele  Tausende
von  Gefangenen.

Der  Vormarsch  zur  Marnei.

So  war  bis  zum  28.  August,  dem  neunten  Tage
nach  Beendigung  des  Aufmarsches,  das  deutsche  Wes
heer  unter  fortgesetzt  siegreichen  Kämpfen  in  Frankreich
  eingedrungen,  und  der  Feind  befand  sich  auf
der  ganzen  Front  von  Cambrai  bis  zu  den  Südvogesen
  in  vollem  Rückzuge.  Mit  dem  Sieg  bei
St.  Quentin  hatte  der  rechte  Flügel  dieser  ungeheuren
Schlachtlinie  eine  Schwenkung  aus  der  wesllichen  in
die  südwestliche  Richtung  eingeleitet  und  setzte  sie  in
der  nächsten  Zeit  erfolgreich  fort,  wobei  die  Armee
des  deutschen  Kronprinzen  den  festen  Drehpunkt  bildete,
  während  die  weitesten  Märsche  der  Armee
v.  Kluck  zufielen.  Als  diese  am  29.  August  in  der  Gegend
  von  Combles  eingetroffen  war,  wurde  sie  von  der

ei  Amiens  neu  aufgestellten  Armee  Maunoury  in
der  rechten  Flanke  angegriffen;  dieser  Angriff  wurde
abgewiesen  und  erreichte  keine  Verzögerung  des  Vormarsches.
  Obgleich  die  Engländer  in  der  Zwischenzeit
weit  hinter  St.  Quentin  zurückgewichen  waren,  machten
  die  Franzosen  noch  den  Verstch,  sich  in  der  Gegend
dieses  Stützpunktes  zu  halten,  zu  welchem  Zweck  sie
an  dieser  Stelle  vier  Armeekorps  und  drei  Reservedivisionen
  gusammengezagen  hatten.  Am  31.  August
gelang  es  indessen  der  Bülowschen  Armee,  an  der
Oise  diese  Kräfte  vollständig  zu  schlagen,  während  zur
selben  Zeit  die  Armee  H#sen  bis  Rethel  über  die
Aisne  vordrang,  und  auch  der  Herzog  von  Württemberg
  im  Vormarsch  auf  die  Aisne  begriffen  war.  Die
Armee  des  deutschen  Kronprinzen  überschritt  zu  dieser

eit  die  Maas  unter  schwersten  Kämpfen  zwischen
Stenay  und  Dun.

Unter  dem  Druck  der  auf  der  ganzen  Linie  siegreichen
  deutschen  Truppen  waren  in  der  Zwischenzeit
nun  auch  die  von  den  Franzosen  zum  Schutz  wichtiger
  Bahnlinien  angelegten  Sperrforts  und  Befestigungswerke
  mit  der  einzigen  Ausnahme  von  Maubeuge
  gefallen.  Das  Fort  Les-Ayvelles  mußte  sich
schon  am  25.  August  ergeben.  Am  31.  fiel  Givet.
Die  kleine  Feste  Hirson  wurde  vom  Feinde  gesprengt,
Condé  konnte  ohne  Kampf  besetzt  werden,  und  wenig
  später  kamen  auch  die  als  zweite  Verteidigungs-1

  Vgl.  die  Karte  B-Bd.  1,  S.  172.3.

I.  Kriegsgeschichte

linie  angelegten  Festungen  Laon  und  La  Fere  in
deutsche  Läne:  Aus  der  großen  Industriestadt  und
Festung  eille  wurde  um  diese  Zeit  die  50000  Mann
starke  Besatzung  zur  notwendig  gewordenen  Verstärkung
  der  Feldtruppen  herausgezogen.

In  weiterer  Verfolgung  der  in  den  letzten  Tagen
des  August  erfochtenen  Siege  führten  die  fünf  deutschen
  Armeen  des  rechten  Flügels  ihre  Schwenkung
planmäßig  in  der  Weise  fort,  daß  der  rechte  Flügel
gegen  Paris,  die  anschließende  Front  gegen  die  Marne

erichtet  war;  am  1.  September  standen  sie  in  einer
inie,  die  sich  von  dem  nur  65  km  von  Paris  entfernten
  Compiègne,  nördlich  an  Reims  vorbei  bis
in  die  Gegend  von  Verdun  erstreckte.  Der  Vormarsch
wurde  gegen  die  Marne  und  den  Ornain  unter  heftigen
  Kämpfen  mit  feindlichen  Nachhuten  fortgesetzt.

Mitder  Absicht,  einen  Angriff  auf  die  Festung  Reims
vorzubereiten,  trafen  am  3.  Sept.  Teile  der  Armee
Hausen  ein  u.  besetzten  die  vom  Feinde  jedoch  mittlerweile
  geräumte  Stadt.  Die  Klucksche  Kavalleriestreifte
bis  Paris,  der  ganze  rechte  Flügel  des  deutschen  Westheeres
  hatte  die  Aisne  Überschritten  und  befand  sich
auf  dem  Vormarsch  gegen  die  Marne.

Paris  war  bedroht;  eilig  trafen  die  Franzosen  Vorbereitungen,
  ihre  Hauptstadt  zu  verteidigen  und  zu
verproviantieren.  Die  Regierung  verlegte  in  der  Nachr
zum  3.  September  ihren  Sitz  nach  Bordeaux.

Den  deutschen  Waffen  war  unterdessen,  unterstützt
durch  österreichische  Motorbatterien,  wiederum  ein
schöner  Ersolgz  beschieden.  Am  7.  September  mußte
die  im  Rücken  der  Feldarmee  liegengebliebene  Festung
Maubeuges  kapitulieren.  Mit  seinen  Forts  sperrte
Maubeuge  den  Eisenbahnverkehr  zwischen  Namur  und
St.  Quentin,  weshalb  die  baldige  Eroberung  des
Platzes  von  großer  Bedeutung  war-  Bereits  am  27.
August  war  Maubeuge  von  General  v.  Zwehl  eineschlossen

  worden.  Am  Abend  des  6.  September
hatten  die  deutschen  schweren  Geschütze  die  Forts  und
auch  die  Zwischenstellungen  des  Feindes  derartig  erschüttert,
  daß  die  Infanterie  den  nördlichen  Abschnitt
in  Besitz  nehmen  konnte.  Mit  der  Aufgabe,  die  südöstlichen
  Werke,  hauptsächlich  Fort  Cerfontaine,  niederzuhalten
  und  an  der  Hilfeleistung  gegen  den  Hauptangriff
  zu  hindern,  waren  unterdessen  die  österreichischen
  Motorbatterien  beauftragt  gewesen;  fie  hatten
aber  darüber  hinaus  am  4.  September  bereits  Cerfontaine
  mit  dem  Zwischenwerk  de  Rocq  und  am  6.  das
Werk  Ferriere  vernichtet,  so  daß  auch  an  dieser  Front
jeder  Widerstand  gebrochen  war.  Am  8.  September
wurde  die  Festung  bedingungslos  übergeben;  40000
Mann  nebstvier  Generalen  gerieten  in  Gefangenschaft.

General  Joffre,  der  sein  Houptauartier  in  Bar  sur
Aube  aufgeschlagen  hatte,  entschloß  sich,  zur  Entscheidungsschlacht
  anzutreten,  als  die  deutsche  1.  Armee
an  Paris  vorbei  nach  Süden  abschwenkte,  ohne  zu
ahnen,  daß  in  ihrer  Flanke  die  soeben  neuformierte
6.  franz.  Armee  sich  mit  Gallienis  Besatzungstruppen
von  Paris  vereinte.  Zwischen  den  Eckpfeilern  Paris
und  Verdun  wollte  sie  in  riesenhafter  Umklammerung
den  Feind  fassen  und  schlagen.  Maunourys  6.  Armee
sollte  vereint  mit  Gallieni  in  Klucks  offne  Flanke  stoßen.
French,  der  seine  Engländer  bis  über  die  Seine  zurückgenommen
  hatte,  wurde  r-*  Klucks  rechten,  die
5.  Armee,  jetzt  unter  Franchet  d'Espereys  Führung  gestellt,
  *  essen  linken  u.  Bülows  rechten  Flügek  angesetzt.
  Das  Zentrum  bildete  die  neuformierte  9.  Armee

1  Vgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  1,  S.  186  ff.
        <pb n="49" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  bis  Ende  Oktober  1914

des  Generals  Foch.  Die  franz.  4.  Armee  Langle  de
Carys  griff  die  deutsche  4.  an.  Sarrail  wurde  an  die
Spitze  der  3.  Armee  gestellt,  die  sich  auf  Verdun  stützte.

Die  Schlacht  an  der  Marne½.

Als  am  5.  Sept.  auf  dem  äußersten  rechten  Flügel
der  Deutschen  bei  Meaux  Gefechtsfühlung  mit  dem
Feinde  eintrat,  hatte  Kluck  nur  noch  das  4.  Reservekorps
  nördlich  von  der  Marne  stehen.  Kluck  erkannte
sofort  die  Gefahr,  die  diesem  aus  dem  Angriff  der  gauzen
  6.  franz.  Armee  (5  Divisionen)  drohte.  Er  holte
das  4.  und  Teile  des  2.  Korps  auf  das  Nordufer  zurück;
  am  7.  rief  er  auch  den  t  des  2.  u.  das  9.  Korps
auf  den  rechten  Flügel  ab.  Mit  größter  Erbitterung
rangen  die  Flügelarmeen  am  Ourcq  um  die  Entscheidung.
  In  Lastautomobilen  und  Droschken  warfen
Gallieni  und  Maunoury  den  letzten  Mann  aus  Paris
gegen  den  bedrohten  Flügel,  während  Kluck  seinen
linken  Flügel  völlig  entblößte;  hier  hielt  v.  d.  Marwitz
mit  seinem  Kavallerickorps  der  ganzen  engl.  Armee
und  dem  18.  franz.  Korps  stand.  Hier  hatten  die  Pommern
  des  2.  Korps  am  5.  Sept.,  ehe  sie  abgerufen
wurden,  den  Grand  Morin  erreicht,  Marwitz  Reiter
waren  bis  Provins  vorgestoßen,  die  linke  Gruppe,  3.
u.  9.  Korps,  hatten  in  der  Linie  Courtacon-Esterna
gefochten.  Vor  dem  vorsichtig  vorfühlenden  —
ging  Marwitz  langsam,  eine  Armee  vortäuschend,  zurück.
  Der  ängstliche  French  erbat  u.  erhielt  von  Joffre
noch  zur  Unterstützung  das  18.  Korps.  Die  Schlacht
stand  auf  des  Messers  Schneide.  Am  9.  Sept.  war
Klucks  rechter  Flügel  in  liegreichen  Vorschreiten,  er
nahm  Nanteuil.  Der  Erfolg  des  Feldzuges  hing  davon
ab,  daß  die  von  der  Obersten  Heeresleitung  aus  dem
Elsaß  über  Belgien  in  Marsch  gesetzte  7.  Armee  Heeringens
  rechtzeitig  am  Kampfflügel  eintraf.  Aber  der
Auxsfall  der  Belgier  aus  Antwerpen  am  9.  Sept.  hatte
diese  Unterstützungstruppen  in  Brüssel  festgehalten;
2  Korps  waren  dem  Angriffsheer  noch  auf  dem  Vormarsch
  in  Belgien  (am  20.  Aug.)  genommen  worden,
um  nach  dem  Osten  abzugehen,  das  7.  Reservekorps
belagerte  Maubeuge,  das  3.  Antwerpen.  Dennoch
hielt  Kluck  nicht  nur  stand,  sondern  war  am  Abend
des  9.  Sept.  wieder  in  siegreichem  Vordringen;  die
Gefahr  der  überflügelung  war  gebannt.  Kluck  holte
eben  zum  vernichtenden  Schlag  gegen  Maunoury  aus,
als  ihm  am  Nachmittag  des  9.  Sept.  Oberstleutnant
Hentsch  vom  Großen  Hauptauartier  den  Rückzugsbefehl
erteilte.  —  Marwitz  hielt  den  Engländern  stand,  aber

wischen  ihm  und  Bülowllaffte  eine  Lücke,  die  durch  das
egziehen  des  3.  und  9.  Korps  entstanden  war.  Mit
raschem  Entschluß  warf  Joffre  seine  5.  Arniee  gegen
diese  weiche  Stelle  des  Feindes.  Bülow  nahm  seinen
in  erfolgreichem  Angriff  gegen  den  Grand  Morin  befindlichen
  rechten  Flügel  auf  Montmirail  zurück.  Das
10.  Reservekorps  fing  am  6,  den  feindlichen  Angriff
bei  Le  Gault  auf,  während  links  davon  die  Garde  Fochs
linken  Flügel  in  Richtung  Sezanne-Connantre  zurückwarf.
  Franchet  d'Esperey  mußte  sogar  am  7.  Foch
mit  dem  10.  Korps  stützen.  Bülow  wehrte  sich  mit  7
Inf.=  und  2  Kav.  Div.  gegen  14  franz.  Inf.=  und  3½
Kav.-Div.  Am  8.  Sept.  nahm  Franchet  d'Esperey  mit
einer  Stoßgruppe  von  9  Inf.=  u.  3  Kav.-Div.  Fonienelle,
  Montmirail  u.  Vauchamp,  mit  dem  10.  Korps
Bannay,  so  daß  Fochs  linker  Flügel  wieder  St.  Prix
nehmen  konnte.  Der  Franzose  hatte  die  deutsche  Front
bereits  eingebuchtet.  Die  Lage  war  schwierig,  aber

1  Bgl.  die  Karte  Bd.  I.  S.  172  J

41

nicht  hoffnungslos,  zumal  die  benachbarte  3.  Armee
in  siegreichem  Vordringen  begriffen  war  und  die  1.
sich  erfolgreich  behauptet  hatte.  Der  nächste  Tag
mußte  die  Entscheidung  bringen.  Ehe  er  aber  heraufdämmerte,
  drach  Bülow  die  Schlacht  ab!  Er  ging  am
Morgen  des  9.  bei  Dormans  über  die  Marne  zurück.
Das  franz.  18.  Korps  drang  in  Chäteau-Thierry  ein,
das  3.  in  Condé,  das  Reservekorps  erreichte  Artonges,
das  10.  Champaubert.  Lediglich  auf  seinem  linken
Flügel  beließ  Bülow  die  Garde  noch  südlich  vom  Fluß.
Bülows  Garde  hatte  am  6.  mittags  Clamanges
enommen,  worauf  am  Nachmittag  Hausens  rechter
lügel  in  Richtung  Lenharré  eingriff.  Mit  seinem
linken  Flügel  erreichte  Hausen  am  6.  abends  die  Linie
Coole  -  Maison-en-Champagne,  wo  er  AUnschluß  an
die  4.  Armee  fand.  Am  7.  Sept.  konnte  der  Angriff
der  3.  Armee,  besonders  wegen  der  starken  artilleristischen
  überlegenheit  des  Gegners,  nicht  vorwärtskommen,
  aber  der  8.  brachte  ihrer  rechten  Gruppe  gemeinsammit
  Bülows  Garde  vollen  Erfolg:  mit  blanker
Wasse  wurden  Normee,  Lenharré,  Sommesous  genommen
  und  eine  Linie  nördlich  Fere-Champenoise-Mailly
  erreicht.  Der  linke  Flügel  behauptete  sich  und
gewann  in  Richtung  Sompuis  in  zähem  Vorwärtsringen
  Gelände.  Am  9.  Sept.  setzte  die  rechte  Gruppe
unter  General  v.  Kirchbach  erfolgreich  ihren  Angriff
in  südlicher  Richtung  fort;  sie  war  im  Begriff,  nach
Westen  einzuschwenken,  um  der  2.  Armee  die  befreiende
Entlastung  zu  bringen,  als  sie,  mitten  in  siegreichem
Angriff,  der  Rückzugsbefehl  erreichte.  Das  Zentrum
Hausens  nahm  am  9.  Mailly  und  drang  in  vollem
Angriffsschwung  nach  Süden  vor.  Bei  der  linken
Gruppe  endlich  besserte  sich  die  zeitweise  schwierige  Lage
zusehends.  Die  feindliche  Front  hatte  durch  den  Angriff
der  3.  Armee  eine  starke  Einbeulung  erhalten;  aber
während  Bülow  den  Befehl  zum  Rückzug  an  seine
Armee  und  zugleich  an  die  Gruppe  Kirchbach  in  dem
Augenblick  erteilte,  als  die  1.  Armee  die  Krisis  am
Ourcq  überwunden  hatte,  und  die  8.  Armee  zur  Befreiung
  der  2.  aus  ihrer  gefährlichen  Lage  einschwenkte,
harrte  Foch  entschlossen  aus.  Hausen  hielt  noch  am
10.  Sept.  seine  Stellungen  südlich  von  Chalons;  da
aber  Bülow  an  diesem  Tage  bereits  hinter  die  Vesle
urückging,  mußte  er  notgedrungen  am  11.  über  die
arne  folgen.  Er  zog  dadurch  natürlich  auch  die
4.  Armee  bei  Vitry  le  Frangois  nach.

In  hartem  Kampf  hatte  diese  am  6.  Sept.  den  Ornain
  in  der  Linie  Courdemanges-Revigny  überschritten,
  der  linke  Flügel  erkämpfte  am  7.  auch  den  Übergang
  über  den  Rhein-Marne-Kanal.  Am  8.  wurden
weitere  Fortschritte  erzielt,  der  Feind  erhielt  Verstärkung
  durch  das  15.  Korps,  das  von  Lothringen  heraufkam
  und  bei  Contrisson  eingesetzt  wurde.  11  deutsche
kämpften  jetzt  gegen  12  französische  Divisionen.  Am
9.  war  der  Angriff  in  günstigem  Fortschreiten,  am  10.
führte  Herzog  Albrecht  seinen  rechten  Flügel,  gemeinsam
  mit  Hausens  linkem,  zum  Angriff  großen  Stils
vor.  Er  kam  gut  vorwärts,  erst  Mittag  setzte  der  Feind
#m  Gegenstoß  an,  er  wurde  aber  überall  abgewiesen.

im  11.  trat  Herzog  Albrecht,  unter  völliger  Loslösung
vom  Feinde,  den  Rückmarsch  an.

Die  deutsche  5.  Armee  hurte,  den  Argonner  Wald
durchschreitend,  am  5.  Sept.  die  Linie  Giory-Triaucourt
  erreicht  und  war  dann  nach  Südosten  in  der  Linie
Villers-aur  Venis-St.  Andre  eingeschwenkt,  ein  Korps
umstellte  Verdun.  Nach  hartem  Kampfe  gewann  der
linte  Flügel  am  6.  Sept.  in  Richtung  Beauzee  nachzkt
schlagung  eines  franz.  Angriffs  Raum.  Angristszie
        <pb n="50" />
        42

gegen  Sarrails  3.  Armee,  die  das  15.  Korps  aus  Lothringen
  zur  Verstärkung  erhielt,  war  Bar  le  Duc.  Am
7.  Cepe  begann  der  Kronprinz  mit  dem  zu  seiner  linken
  Gruppe  gehörigen  5.  Korps  jenseits  der  Maas  den
Angriff  auf  die  Sperrforts  Troyon  und  Paroches;
seinen  rechten  Flügel  schob  er  näher  an  die  starkverschanzte
  Stellung  Sarrails  heran,  zunächst  den  Angriff
  der  4.  Armee  abwartend.  Am  9.  Sept  bereitete
die  5.  Armee  mit  schwerer  Artillerie  ihren  für  die  Nacht
geplanten  Gesamtangriff  vor  —  aber  durch  Funkspruch
wurde  dieser  abends  7  Uhr  30  Min.  von  der  Obersten
Heeresleitung  mit  Rücksicht  auf  die  allgemeine  Lage
unterbunden.  Während  der  Angriff  östlich  der  Maas
ut  fortschritt,  verblieb  darum  die  rechte  Gruppe  der
rmee  am  10.  in  ihren  erreichten  Stellungen,  sich  auf
wirksame  Teilangriffe  beschränkend.  Am  1I1.  Sept.  trat
darauf  auch  die  5.  Armee  den  Rückmarsch  an;  sie  erreichte
  am  15.  die  Linie  Apremont-Montfaucon,  aus
der  sie  bereits  am  17.  wieder  zum  Angriff  schritt.

Mit  dem  Abbruch  der  Schlacht  war  Schlieffens  Plan
dahin.  Mit  voller  Wucht  lastete  nun  der  Zweifrontenkrieg
  drei  volle  Jahre  auf  dem  deutschen  Heer.  Dererste
Grund,  daß  der  genial  entworfene  Feldzugsplan  nicht
durchgeführt  werden  konnte.  war  Rußlands  vorzeitige
Mobilmachung  —  mitten  im  Vormarsch  mußte  die
deutsche  Heeresleitung  2  Korps  und  eine  Kavallerie-=division
  vom  Angriffsflügel  des  Westheeres  wegnehmen
  und  nach  dem  Osten  überführen;  warum  allerdings
  diese  Truppen  nicht  der  6.  u.  7.  Armee  entnommen
  worden  sind,  ist  heute  noch  nicht  zu  ersehen.  Sodann
  fehlte  der  nördlichen  deutschen  Heeresgruppe  eine
einheitliche  Führung,  das  weit  zurückgelegene  deutsche
Hauptquartier  konnte  die  Lage  nicht  rasch  genug  übersehen,
  um  rechtzeitig  klare  Befehle  zu  geben.  Drittens
hatten  sich  die  feindlichen  Armeen  im  wesentlichen  bis
zur  Marne  der  Entscheidung  entzogen;  die  deutschen
Kampftruppen  mußten  daher  auf  dem  gewalligen  Vormarsch
  alle  für  die  Sicherung  und  den  Nachschub  nötigen
  Truppen,  dazu  die  Belagerungsdivisionen  für
Antwerpen,  Maubeuge,  Reims  (nur  Besatzung),  Givet
und  Verdun  ausscheiden  —  zusammen  mit  den  Gesechts=
  und  Marschverlusten  blieb  so  über  die  Hälfte
der  Armeen  zurück.  Während  aber  der  Feind  seinen
Stützpunkten  entgegenmarschierte,  wurden  die  Deutschen
  immer  weiter  von  den  ihren  abgezogen;  dazu
hatten  sie  zerstörte,  der  Gegner  völlig  intakte  Eisenbahnlinien
  im  Rücken.  Joffre  konnte  seine  Truppen
in  einem  Tagesfußmarsch  von  der  Lothringer  nach  der
Front  bei  Bar  le  Duc  verschieben,  die  Deutschen  waren
dagegen  auf  den  weiten  Umweg  über  Belgien  angewiesen.
  Dennoch  wäre  die  7.  Armee  Heeringens
noch  zurechtgekommen,  wenn  sie  nicht  in  Belgien  angechtten
  worden  wäre  und  wenn  Bülow  über  die

kaltblütigkeit  eines  Foch  verfügt  hätte.

Der  Rückzug  des  deutschen  Heeres  vollzog  sich,  trotz
ungeheurer  Überanstrengung  der  Truppen  und  trotz
Schwieriglet  der  Lage,  im  ganzen  in  mustergültiger
Ordnung.  Dabeiwaren  z.  T.  überkreuzungen  der  Rückmarschlinien
  einzelner  Korps  nicht  zu  vermeiden.  Besonders
  Klucks  exzentrischer  Rückzug  nach  Nordosten
wird  stets  zu  den  strategischen  Meisterleistungen  des
Krieges  gezählt  werden.  Am  15.  Sept.  war  die  neue
Abwehrschlacht  an  der  Aisne  bereits  in  vollem  Gange;
Kluck  kämpfte  jetzt  in  der  Linie  Ribecourt-östlich  Soissons
  gegen  Maunoury,  Heeringens  7.  Armee  (aus  dem
7.  R.-K.  und  dem  7.  A.-K.  Bülows,  dem  12.  Korps
Hausens  und  dem  15.  A.-K.  bestehend)  längs  der  Aisne
von  Vailly  bis  zum  Brimont,  gegenüber  French  und

I.  Kriegsgeschichte

Franchet  d'Espereys  linkem  Flügel.  Bülow,  verstärkt
durch  das  18.  A.-K.  der  4.  Armee,  griff  die  von  Franchet
  verteidigte  Ostfront  von  Reims  an,  Hausen  die  9.
Arme  ochs  in  der  Linie  Prosnes-Somme.  Py;  Herzog
  Albrecht  fand  seinen  alten  Gegner  Langle  de  Cary
in  der  Linie  Tahure-Varennes  wieder,  der  deutsche
Kronprinz  versammelte  seine  Armee  wieder  an  der
Nord-=  und  Ostfront  von  Verdun.  Die  6.  u.  7.  Armee
zogen  sich  zugleich  aus  der  Sperrfortlinie  gegen  die
Grenze  zurück,  nur  das  Sperrfort  Camp  des  Romains
wurde  noch  am  25.  Sept.  genommen.

Ver  Durchbruch  zwischen  Toul  und  Verduni.

In  demselben  Zeitraum,  der  von  den  fünf  rechten
Flügelarmeen  des  deutschen  Heeres  gewaltige  Marschleistungen
  und  den  schnellen  Wechsel  von  Angriff  und
Verteidigung  forderte,  hatten  die  beiden  linken  Flügelarmeen
  in  Französisch-Lothringen  schwere  Kämpfe
gegen  die  auf  Epinal  und  Nancy  zurückgeworfene
1.  und  2.  französische  Armee  zu  bestehen.  Mit  der
Absicht,  diese  beiden  Stützpunkte  (auch  Nancy  war
befestigt  worden)  von  Süden  zu  umfassen,  waren  die
Truppen  bei  dem  am  23.  August  besetzten  Lunville
und  südlich  davon  über  die  Meurthe  gegangen.  Hier
aber  hatten  die  Franzosen  den  nur  40  km  weiten
Raum  zwischen  St.  Nicolas  und  den  Vogesen  zu
einer  außerordentlich  starken  Verteidigungsstellung
hergerichtet.  Dennoch  waren  die  Bayern  in  der  Geend

  von  Nanch  so  weit  vorgedrungen,  daß  sie  in  das
Schußfeld  der  Festungsbatterien  kamen,  was  auch
deutscherseits  das  Heranziehen  schwerer  Geschütze  notwendig
  erscheinen  ließ,  aus  denen  die  Stadt  unter
Feuer  genommen  werden  konnte.  Ihr  Vorfeld  war
indessen  mit  so  zahlreichen  und  schwierigen  Hindernissen
  versehen,  daß  der  Angriff  nicht  vorwärts  kam.
Da  auch  ein  Versuch,  bei  Charmes  zwischen  Toul  und
Epinal  durchzubrechen,  mißlang,  beschränkte  man  sich.
als  am  27.  August  noch  St.  Die  gefallen  war,  darauf,
den  Feind  festzuhalten.  Am  10.  September  wurden
die  beiden  Armeen  infolge  der  Zurücknahme  des  rechten
  Flügels  an  die  Aisne  auch  nach  der  Grenze  zurückbeordert,
  ein  großer  Teil  der  7.  Armee  an  die  Aisne
abtransporliert,  wohin  auch  bald  die  6.  Armee  folgte.

Am  18.  September  wurde  mit  3  Armeekorps  versucht,
  in  die  Sperrfortlinie  zwischen  Verdun  und  Toul
eine  Bresche  zu  schlagen.  Das  Gelände  zwischen  diesen
beiden  Festungen  erhebt  sich,  nicht  weit  vom  Ostufer
der  Maas  und  ziemlich  in  gleicher  Richtung  mit  ihr
laufend,  zu  der  über  100  m  ansteigenden  Hochfläche
der  Cöte  Lorraine,  deren  Ostrand  einem  deutschen
Anmarsch  steil  entgegentritt.  Hinter  diesem  Naturhindernis
  sind,  an  der  Maas  entlang,  in  dem  etwa
53  km  messenden  Raum  zwischen  den  äußersten  Werken
  von  Toul  und  Verdun  sieben  Forts  erbaut,  die
alle  irgend  nutzbaren  übergänge  über  die  Cöte  Lorraine
  sperren.  Auf  der  Strecke  bis  zu  der  28  km  südlich
  von  Verdun,  am  Ostufer  der  Maas  gelegenen
Stadt  St.  Mihiel  sind  in  Abständen  von  ungefähr
8  km  die  Forts  Génicourt  und  Troyon  zur  Beherrschung
  des  Flußlaufes  und  der  Hochebene  erdaut.
Darauf  folgt,  nordwestlich  von  St.  Mihiel,  als  einzige
auf  dem  Westufer  gelegene  Befestigung  das  Fort  Les
Paroches.  Südlich  von  der  Stadt  bildet  die  Maas  in
doppelter  Schlangenwindung  eine  8-Form;  in  deren
nördlichen  Bogen  schiebt  sich  von  Osten  her  ein  steiler
Bergkegel,  auf  dessen  Gipfel  Fort  Camp  des  Romains

1  Val.  die  Karte  Vo.  1,  S.  172/.3.
        <pb n="51" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  bis  Ende  Oktober  1914

liegt.  Seiner  ganzen  Lage  nach  für  uneinnehmbar
gehalten,  kann  es  weithin  nach  allen  Seiten  Fluß  und
Uferlandschaft  unter  Feuer  nehmen.  Von  hier  aus
in  der  Richtung  gegen  Toul  folgen  noch  die  Forts
Liouville,  Gironville  und  Jouy  sous  les  Cötes.

Als  am  18.  September  der  Kronprinz  von  Bayern
gegen  diese  Linie  und  im  besonderen  gegen  das  Fort
Camp  des  Romains  vorging,  hatten  seine  Korps  zunächst
  den  steilen,  von  dem  8.  französischen  Korps
verteidigten  Ostrand  der  Cöte  Lorraine  zu  üÜberwinden,
  und  nachdem  dies  am  21.  September,  ungeachtet
  großer  Schwierigkeiten,  gelungen  war,  trafen
die  in  dem  viel  durchfurchten  Gelände  der  Hochebene
vordringenden  Abteilungen  auf  mehrfache,  durch  Batterien
  unterstützte  vorbereitete  Stellungen,  aus  deren
jeder  die  Franzosen  vertrieben  wurden,  obwohl  die
Besa  ungen  von  Toul  und  Verdun  durch  starke  Ausfälle
  das  Vordringen  des  Angreifers  zu  hindern  suchten.
  Bis  zum  23.  September  war  es  gelungen,  gegen
die  Forts  Taon,  Les  Paroches,  Camp  des  Romains
und  Liouville  schwere  Artillerie  in  Stellung  zu  brinen,

  die  in  kurzer  Zeit  große  Wirkungen  erzielte.
zionierpatrouillen  unterbrachen  die  am  Westufer  der
Maas  entlang  laufende  Eisenbahn  Toul-Verdun.

Camp  des  Romains  schien  am  24.  September  reif
zum  Sturm;  er  wurde  unter  Leitung  von  Generalleutnant
  v.  Höhn  durch  die  6.  bayerische  Infanteriedivision
  mit  zugeteilter  preußischer  Fußartillerie  und  Pionierabteilungen
  ausgeführt.  In  dreistündigem  heißen
Nahkampf  mußte  jeder  Fußbreit  Boden  genommen
werden;  unter  unausgesetztem  schweren  Feuer  räumten
  die  Pioniere  Hindernisse  aus  dem  Weg  und  räucherten
  den  Feind  aus  seinen  Löchern.  Am  25.  mußte
das  änzlich  zerstörte  Fort  sich  ergeben.  Damit  war
ein  stark  vorspringender  Keil  in  die  französischen
Stellungen  getrieben,  ein  Teil  der  Cöte  Lorraine  in
deutsche  Hand  gekommen  und  dort  bereits  neue  Geschützstellungen
  angelegt.

Die  GEroberung  von  Antwerpent.
In  der  nördlichen  Flanke  des  so  schnell  und  siegreich

  vorgedrungenen  deutschen  Heeres  lag  die  starke
Festung  Antwerpen  noch  im  feindlichen  Besitz.  Da
Mitte  August  bei  dem

roßen  Vormarsch  die  Erreichung
  notwendigerer  Fek  drängte,  hatte  sich  die
Heeresleitung  zunächst  auf  die  Beobachtung  beschränkt.
Anfang  Sepiember  uber  erhielt  General  v.  Beseler
den  Auftrag,  sie  zu  nehmen.  Da  das  Vorgelände  im
Westen  und  Nordosten  künstlich  unter  Wasser  gesetzt
werden  kann,  kommen  für  einen  Angriff  hauptsächlich
die  Süd=  und  Ostfront  in  Betracht.  In  einer  Entfernung
  von  etwa  12  km  südlich  von  der  Stadt  ziehen
sich  um  diese  die  von  Ost  nach  West  gerichteten  Wasserläufe
  der  Nethe  und  der  Rupel;  jene  kommt  von  Osten
in  mehreren  Armen,  biegt  nach  Südosten  ab,  nimmt
nordwestlich  von  Mecheln  die  Dyle  in  sich  auf  und
heißt  von  hier  in  ihrem  halbkreisförmig  nach  Westen
und  Nordwesten  gerichteten  weiteren  Verlaufe  Rupel.
Die  flachen  Ufer  dieser  beiden  Flüsse  begünstigen
künstliche  überschwemmungen,  und  um  sich  bei  einer
Verteidigung  etwaige  Angriffsunternehmungen  nicht

u  erschweren,  ging  man  mit  der  Anlage  der  Außensorts
  noch  über  diese  Flußzone  hinaus,  wodurch  ein
breit  ausgedehnter  Brückenkopf  geschaffen  wurde,  der
sich  im  Westen  an  die  Schelde  lehnt.  In  diesem  Abschnitt
  liegen  die  bei  dem  Angriff  hauptsächlich  in  den

1  Vgl.  die  Karte  Bo.  II,  S.  288.

43

Vordergrund  GLeatretenen  Forts,  zunächst,  nicht  weit
vom  rechten  Scheldeufer,  Fort  Bornhem  mit  dem
Zwischenwerk  Puers;  daran  schließen  sich  in  Abständen
  von  3,5—  4  km,  in  der  Richtung  von  West
nach  Ost,  das  Werk  Liezele,  Fort  Willebroeck,  Fort
Heyndonck,  darauf  östlich  von  der  Dyle  Fort  Wael-„hem,

  Zwischenwerk  Groenstraet,  Fort  St.  Catherine,

das  mit  den  Werken  Wavre,  Dorpveldt  und  Duffel
eine  geschlossene  Gruppe  bildet,  Fort  Koningshoat
nebst  dem  Werk  Tallaert  und  Fort  Lierre.  Die  folenden
  Forts  Kessel  und  Broechem  gehören  der  Ostkront
  an,  und  von  Nordosten  her  haben  sich  nur  die
Forts  Grawenwezel  und  Schooten  kurze  Zeit  am
Kampf  beteiligt.  Diese  Außenforts  waren  durch  starke
Betonbauten  und  Panzerstände  geschützt.  Aber  selbst
nach  Überwindung  dieser  Werke  ließ  sich  hinter  dem
Nethe-  und  Rupellauf  noch  eine  nachhaltige  Verteidigung
  ins  Werk  setzen.  Der  alte,  durch  Brialmont
gebaute  imnere  Fortsgürtel  lag  allerdings  nur  3  km
von  der  noch  bestehenden  Stadtumwallung  entfernt,
konnte  also,  nachdem  der  äußere  Ring  durchbrochen
war,  gegen  die  Beschießung  keinen  Schutz  mehr  bilden.
Mit  Recht  durfte  die  eiestigung  Antwerpens  als
außerordentlich  widerstandsfähig  bezeichnet  werden,
und  die  unter  ihren  Schutz  zurückgegangene  belgische
Armece  versuchte  zunächst  i#re  günstige  Lage  zu  den
deutschen  Verbindungslinien  durch  Angriffsunternehmungen
  auszunutzen.  Bei  ihren  Ausfällen  wurde
sie  persönlich  von  König  Albert  angeführt;  Festungskommandant
  war  General  de  Guc
Der  erste  große  Ausfall,  der  über  Mecheln  in  der
Richtung  auf  Löwen  unternommen  worden  war  und
die  Bevölkerung  dieser  Stadt  zu  einem  blutigen,  nutzlosen
  Aufstand  anregte,  wurde  schon  am  26.  August
urückgeschlagen.  Ein  zweiter  Ausfall  begann  am  9.
eptember  und  wurde  bis  auf  2  km  an  den  Bahnhof
von  Löwen  heran  vorgetragen.  Am  11.  setzte  der  deutsche
  Gegenangriff  ein,  am  13.  zog  sich  die  belgische
Armee  wieder  hinter  den  Fortsgürtel  zurück.  Der
dritte,  am  25.  September  unternommene  Ausfall  richtlete
  sich  geen  das  südwestlich  gelegene  Termonde  und
sollte  den  Weg  auf  Brüssel  öfsnen.  Diesmal  trafen  die
Belgier  schon  auf  die  zum  Angriff  gegen  die  Vorstellungen
  der  Festung  anrückende  Armee,  von  der  sie
zunächst  bis  auf  Termonde  zurückgeworfen  wurden.
Bei  seinen  an  Zahl  verhältnismäßig  sehr  geringen
Streitkräften  —  50000  Mann  (3.  Reserve-Armeekorps,
  Marinedivision,  1  Ersatzdivision,  2  Landwehrbrigaden)
  —  konnte  General  v.  Beseler  nicht
daran  denken,  den  100  km  weit  ausgedehnten  Forts.
gürtel  der  Festung  ringsum  einzuschließen,  und  so
ging  er  auf  dieselbe  Art  vor,  die  bei  den  Maasfestungen
zum  Erfolg  geführt  hatte;  er  griff  nur  einen,  den
ethe-Abschnitt,  an.  Seine  Belagerungsartillerie  war
vorzüglich:  42  cm-Haubitzen,  österreichische  30  cm-Mörser,
  28  cm-Marinegeschütze  und  21  cm-Mörser.
Dagegen  hatten  die  Verteidiger  die  Zwischenfelder  befestigt,
  Batterien  gebaut  und  durch  Stauungen  die
Nethe  an  manchen  Stellen  auf  400  m  verbreitert.
Da  die  Belgier  Mecheln  zu  einem  Hauptverteidigungsstützun
  gemacht  hatten,  mußten  die  von  Süen
  anrückenden  Deutschen  zunächst  diese  Stadt  angreifen.
  Am  27.  September  tobte  Geschützkampf  um
den  Ort,  der  am  Abend  des  28.  mit  der  Besitzergreifung
  durch  die  Belagerer  endete.  Am  gleichen  Tage
Lotten  südlich  von  Mecheln  schon  Geschütze  gegen  die
orts  in  Stellung  gebracht  werden  können,  und  sie
eröffneten  ihr  Feuer  auf  die  13  km  lange  Linie  von
        <pb n="52" />
        44

Fort  Waelhem  bis  Fort  Lierre,  wobei  also  St.  Catherine
  und  Koningshoyckt  nebst  den  Zwischenwerken
Wavre,  Duffel,  Dorpweldt  und  Tallaert  mit  inbegriffen
  waren.  Am  29.  wich  die  belgische  Infanterie
hinter  die  Fortslinie.  Am  1.  Okt.  konnte  das  besonders
  starke  Fort  St.  Catherine  gestürmt  werden.  Die
Trümmer  von  Waelhem  wurden  am  3.  Okt.  erobert.
Am  selben  Tage  stellten  auch  Koningshoyckt  und  Lierre
das  Feuer  ein;  beim  Angriffauf  die  Zwischenstellungen
fielen  den  Deutschen  30  belgische  Geschütze  in  die  Hand.
Am  6.  Okt.  schwiegen  auch  die  östlichen  Forts  Kessel
und  Broechem;  sie  wurden  am  7.  besetzt.

Nun  harrte  der  Fuß-  und  Pioniertruppe  die  schwierige
  Aufgabe,  den  übergang  über  die  im  Rücken  der
eingenommenen  Forts  gelegene  Nethe  zu  erzwingen.
Zunächst  wurde  dies  bei  dem  Orte  Lierre  versucht,  den
die  Deutschen  schon  am  Abend  des  4.  Oktober  besetzt
hatten,  den  sie  aber  vor  großer  Üübermacht  noch  einmal
räumen  mußten.  Nachdem  Verstärkungen  herangezogen
  worden  waren,  konnten  am  Morgen  des  5.  Oklober
  die  Angreifer  auf  dem  Nordufer  Fuß  fassen.
Im  Laufe  des  6.Okt.  wurde  auch  bei  Duffel  nach  fürchterlichen
  Kämpfen  an  dem  tief  eingeschnittenen,  durch
überschwemmung  und  Minen  ganz  besonders  ungangbaren
  Ufer  der  übergang  ermöglicht.  Inzwischen
gelang  es  auch,  die  schwere  Artillerie  nördlich  von
Waelhem  in  Batterie  zu  bringen.  Am  8.  waren  alle
Vorbereitungen  für  den  Feuerangriff  auf  die  inneren
Forts  getroffen.  Gegen  das  weitere  Vordringen  der
Belagerungsarmee  wurde  nun  noch  ame  7.  Oktober
von  den  Belgiern  im  Verein  mit  einer  erst  neu  ausgeschifften
  englischen  Marinebrigade  ein  letzter  Vorstoß

emacht,  der  aber  vollständig  mißglückte,  wobei  die
Verbnheeten  hinter  die  inneren  Forts  zurückgeworfen
und  ihnen  4  schwere  Batterien,  52  Feldgeschütze  und
viele  Maschinengewehre  abgenommen  wurden.

Unterdessen  war  der  Angriff  auch  von  Südwesten
her  siegreich  vorgetragen  worden;  am  2.Oktober  hatte
der  wichtige  Schulterpunkt  Termonde  in  Besitz  genommen
  werden  können,  und  am  3.  wurden  von  hier
aus  stärkere  Kräfte  eingesetzt,  um  den  Uferwechsel  an
der  Schelde  zu  erzwingen.  Unter  Artillerieschutz  wurde
der  Versuch  gemacht,  die  Brücke  bei  Schoonaerde,
4  km  nordwestlich  von  Termonde,  zu  überschreiten,
was  zäher  Widerstand  vereitelte.  Jedoch  gelang  es
in  der  Nacht  vom  5.  auf  den  6.  Oktober,  etwas  weiter
stromabwärts  und  dann  auch  bei  Schoongerde  den
Übergang  zu  bewerkstelligen.  Verzweifelt  wehrte  sich
der  Gegner,  und  an  der  ganzen  Uferstrecke  wittete  mittags
  eine  schwere  Schlacht,  bis  es  gelang,  Berlaere,
den  stärksten  Stützpunkt  der  Verteidigung,  in  Besitz
"2  nehmen  und  den  Sieg  durch  das  unter  stärkstem

euer  ermöglichte  Herüberziehen  der  Artillerie  zu  entscheiden.
  Der  Feind  wich  nach  St.  Nicolas.

Am  7.  Oktober  nachmittags  ließ  General  v.  Beseler
den  Antwerpener  Behörden  die  bevorstehende  Beschie-Bung
  ankündigen.  Wahrscheinlich  unter  englischer  Beeinflussung
  erklärte  Kommandant  de  Guise  sich  bereit,
die  Berantwortung  dafür  zu  übernehmen.  In  der
Mitternacht  vom  7.  zum  8.  flogen  die  ersten  Granaten
in  die  Stadt.  Unter  der  Bevölkerung  brach  eine  Panik
aus,  in  der  Richtung  auf  die  holländ.  Grenze  begann
eine  wilde  Flucht.  Auch  die  Königsfamilie  verließ  die
Stadt,  das  diplomatische  Korps  u.  die  Ministerien  begaben
  sich  nach  Le  Hävre,  der  König  blieb  bei  der  Armee.

Als  die  deutsche  Beschießung  begann.  versuchten  die
imneren  Forts  nicht  mehr  einsthaft  Widerstand  zu
leisten.  Die  Besatzung  zog  auf  dem  linken  Scheldeufer

I.  Kriegsgeschichte

ab.  Die  Deutschen  gelangten  am  8.  Oktober  nach
Wyneghem  und  nahmen  das  in  der  Nähe  befindliche
Fort  1  der  alten  Umwallung  in  Besitz,  wobei  das
Fort  Schooten,  das  einzugreifen  versuchte,  ebenso  wie
das  benachbarte  Grawenwezel  zum  Schweigen  gebracht
  wurden.  Gleichzeitig  fielen  die  vor  der  Rupel
gelegenen  Außenforts  Willebroeck  und  Puers.  Am
9.  Oktober  wurde  die  Stadt  übergeben.  Da  Kommandant,
  Besatzung  und  militärische  Behörden  den
Festungsbereich  verlassen  hatten,  mußten  die  Verhandlungen
  mit  dem  Bürgermeister  geführt  werden.  Am
10.  Oktober  war  Antwerpen  nach  nur  zwölftägiger
Belagerung  in  deutschem  Besitz.  Die  Siegesbeute  bildeten
  über  500  Geschütze,  eine  Unmenge  Munition,
Lokomotiven,  gewaltige  Vorräte  an  Getreide,  Flachs,
Wolle,  Kupfer  und  Silber.  Dagegen  war  die  Gefangenenzahl
  nicht  groß;  20000  belg.  und  2000  engl.

Soldaten  wurden  in  Holland  entwaffnet  u.  interniert.
Schon  während  der  Belagerung  hatte  man  die
Möglichkeit  in  Betracht  gezogen,  daß  die  Belgier  bei

dem  Fall  der  Feftung  versuchen  würden,  nach  Ostende
zu  entkommen.  Den  am  6.  Oktober  bei  Termonde
über  die  Schelde  gelangten  deutschen  Truppen  hätte
wohl  nichts  im  Weg  gestanden,  über  St.  Nicolas  gegen
die  Küste  vorzugehen  und  den  Feinden  diesen  “7
zugsweg  schon  vorher  zu  verlegen;  zu  dieser  Zeit  aber
mußte  die  ohnehin  so  schwache  Belagerungsarmee
irre  Kraft  hauptsächlich  für  die  überwindung  des
Netheabschnittes  zusammenhalten,  und  erst  kurz  bevor
die  Festung  eingenommen  wurde,  konnten  stärkere  Abteilungen
  gegen  St.  Nicolas  vorgehen,  das  am  9.Oktober
  in  ihren  Besitz  gelangte,  und  von  wo  aus  die
Verfolgung  der  nach  der  Küste  fliehenden  Belgier  und
Engländer  angesetzt  wurde.  Mit  dem  Versuch,  ihren
Rückhzug  zu  decken,  stellten  sie  sich  in  den  nächsten  Tagen
noch  verschiedentlich,  und  es  wurde  bei  Moerbeke,
Wachtebeke,  Exuerde  und  anderen  Orten  nahe  der
holländischen  Grenze  heiß  gekümpft.  Ein  Teil  der  belgisch-englischen
  Kräftehatte  sich  in  Gent  gesammelt,  versieß
  am  12.  aber  eilig  diese  Stadt;  sie  wurde  deutscherseits
  am  13.,  Brüggeam  14.  und  Ostende  am  15.0ktober
besetzt.  Auf  dem  Rückzuge  wurde  die  englische  Marinebrigadezersprengt,
  der  Rest  derbelgischen  Armeeströmte
auf  Nieuport-Opern  zurück.  Die  französische  Hilfe
war  zu  spät  gekommen,  die  englische  hatte  nicht  genügt.

Der  Heginn  des  Stellungskriegest.

Als  um  die  Mitte  des  September  die  Zurückbiegung
des  rechten  deutschen  Flügels  in  Frankreich  vollzogen
worden  war  und  an  der  neuen  Front,  die  sich  Compiegne-Soissons-Reims
  gegenüber  ausdehnte,  jeder
weitere  Angriff  wie  an  einer  eisernen  Mauer  abprallte,
sahen  sich  die  Heerführer  Joffre  und  Freuch  zur  Aufstellung
  eines  neuen  Planes  genötigt.  In  der  Absicht
Frenchs  hatte  es  wohl  nie  gelegen,  sich  mit  seinem
mittlerweile  auf  drei  Armeekorps  gebrachten  Heere
weit  von  der  Küste  zu  entfernen  oder  seine  Truppen
gar  zum  Schutz  von  Paris  einzusetzen.  Nur  durch  die
ihn  mit  Umfassung  bedrohende  Armee  Kluck  gewungen,

  war  er  bis  zur  Marne  gewichen  und  hatte

*  in  die  französische  Front  einreihen  lassen.  Vielleicht
  unter  seinem  Einfluß  entschloß  sich  Joffre  nunmehr
  zu  dem  Versuch,  den  rechten  deutschen  Flügel
von  Norden  zu  umfassen,  denn  so  konnten  sich  die
englischen  Abteilungen  wiederum  der  Küste  nähern.
Es  begann  das  Ringen  um  die  Westflanke.

1  LCgl.  die  Karte  Bd.  I.  S.  172  3.
        <pb n="53" />
        <pb n="54" />
        K###no
Wrn

à#
414

Meilhe  Lange  7v  ’’brenyich  26

*•“!½—°  „  ——  2*  e-  ·  E-K
  33

Nos  .-.-—



————  ##  Bi*“’v
#s  —  "

*  —  7  *  à

·
4)

.  -.  !  :  ;  (

-«".  Äms-Miit

X  8
5  .

utr
2½%

——.—
—  ÊÆO—

R

##

v  4—

—
r—iê  .  6Q  ’·  ·  ,·  «  5  .  .,  sl  #  4  "  **  .
—————  Ê  ErIILLA  r—

—

Die  militürischen  kEr###nisse  in  Ca  liyien  Dis.  Etum  Rürkze  K#des  1  —  ½  5„
österr-  un  Lar  lrres  hinter  den  Sam,  4  .  I1.Spl  91.  ««---MalisiinhHin-nHund-«.«--....·:'«-—-—-«-.--·-«-..-...«::«."h2»-





“"  4
-  «  *
—  —
m  „  7.
–  #  —.  -  .

-  «  ##  —#  .
3  re  i*r7'm  ".  *  *-  "“  "4  —  F  .
—F  MWb  u—  *à7  «.-..
E  *  “  ,  '-  *  s  3  *
5  L  *8  5  r  7

4
——————————————  JJ—oJMo—.xçns———————3  ***  ê-.n
  r  4  I17,  A  4  2  t  4  ldrulun  2
EQQ—  #.

27½%  7  s——————u  —  ——sssssrl  nn  i  414  fN  7%  "..«  -

KERFE-THE  packt-ästi-  Mfk  4%%%  :  ob747  uekeAlgruururn
W—  45  %4%%  Girz  4  .  frie  .  qrer  -2m—i’s—  Kuer  mor  ————  —
————————————“————“——————————————————29
—————————————————.——  .
—Lshfkks«-.5«-n-«kf«eäk-sts«J-»i-kj«s-Y.,L«Æ·-"EL««FI.H4I.MED-.-·««I.-«·s.·«-·«-s-x-sf«..i-!-«»«ktn«thiI-44skt-s1-Ikxk«-JY»E«
FOFUXMIHMLHUEssig-,-  ZEIHÅICJHJHIIPTWXst-ki·«»ckhsssxxikatksIdkkckcckxycktqthbkeiåwziEuktksrkktsk.
Mstsich  «ktäsk--s,-.ss·s"ek-k-Mks.itk,assistdxlkxpsäekseiwxskamst-XII-EIGJIFÆMMXMJHMMMwrka
wwwZHHMMJMJFMCAMMFFIst-IRRL-Messe-?stfxexssxtksxsieksk··åkxsxs.sks-.Mi-EEMFMitka
Hör-stärkskaExi-kxtskkexxsmåzkxksfäsmxktsdrein-Mkiktkkisrkxiktsfåsäcwsask-iKATeranMERMIS-s
M.M«  der  nruen.  elliung  Irols  der  Ersolge  des  rechtAlielsu.  des  Lentruvns.  wui  Em—2
——————uz——————————JJM  J  ·  s-MZUPMXMÆEJUIWZwist-iIWFUMHFMIIMMEMIWixxgckgskgkwarszgtkus
  EVEN-J  »s-  u»«-«  .  4  Snrzztpecher
  ###  6ü--1rccht#  ds  k  #lc.  —  ,.«·....«-z  -  -  n

—

Ma#r-phinchen  Inxtitui  in  leipaig
        <pb n="55" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Galizien  und  Polen  bis  Oktober  1914

Die  deutsche  Stellung  lehnte  ihren  rechten  Flügel
Compiegne  gegenüber  an  die  Oise.  In  der  Absicht,
die  Umgehung  einzuleiten,  griff  am  17.  September
das  4.  und  13.  französische  Armeekorps  bis  zu  dem
30  km  weiter  nördlich  gelegenen  Noyon  aus,  stieß
aber  hier  schon  auf  deutsche  Truppen,  die  in  Voraussicht
  der  Ereignisse  bereits  so  weit  heraufgezogen  worden
  waren.  Bei  den  von  nun  an  immer  weiter  nach
Nordennotwendig  werdenden  Truppenverschiebungen
waren  die  Franzosen  durch  ihr  engmaschiges  Eisenbahnnetz
  zunächst  im  Vorteil,  dagegen  konnten  auf  der
deutschen  Seite  die  vorzüglichen  Leistungen  der  Eisenbahntruppen
  zur  Geltung  gebracht  werden,  die  es  den
Truppen  ermöglichten,  stets  zur  rechten  Zeit  an  rechter
  Stelle  einzugreifen.  Und  auch  schwere  Geschütze
sowie  die  dazugehörige  Munition  konnten  ohne  Kulschenfall
  auf  den  in  wenigen  Wochen  wiederhergestellten
  Vollbahnen  unter  Ausbau  eines  anschliehenden
Feldbahnnetzes  zur  Beförderung  gelangen.  So  trafen
die  Franzosen  denn  auch  am  25.  bei  Bapaume,  60  km
nördlich  von  Noyon=  schon  auf  deutsche  Heeresteile
(Bayern),  dieden  Angriff  mit  Erfolg  zurückwiesen;  und
auch  die  Annahme,  daß  die  so  rasch  verlängerte  Front
doch  sicherlich  noch  Lücken  aufzuweisen  habe,  stellte
sich  bei  dem  am  29.  September  unternommenen  Vorstoß
  gegen  das  südlicher  gelegene  Albert  als  durchaus
irrig  heraus.  Dieses  Gefecht  kostete  die  Franzosen
große  Opfer,  und  durch  die  gleichzeitig  ausgeführten
deutschen  Gegenangriffe  bei  den  Höhen  von  Roye  und
Fresnoy  konnten  diese  beiden  Ortebesetzt  und  die  Front
nach  Westen  vorgeschoben  werden.

Am  1.  Oktober  traf  die  neugebildete  10.  französische
Armee,  3  Armeekorps  unter  General  Mandhuy,  beim
Vorgehen  von  Amiens,  Doullens  und  St.  Pol  auf  Arras
  und  Lens  auf  die  neu  zusammengestellte  6.  deutsche
Armee  (Garde,  IV.,  XIV.,  XIX.,  I1.  bayr.  Res.-Korps)
unter  Kronprinz  Rupprecht  von  Bayern,  vor  welche
das  1.,  2.  u.  4.  Kavalleriekorps  vorgeschoben  waren.
Die  Schlacht  entbrannte  von  Arras  bis  La  Bassée.  Es
gelang  nicht,  den  deutschen  Widerstand  zu  brechen.  —
Die  englische  Armee  begann  am  1.  Oktober  ihre  Stellungen
  an  der  Aisne  an  die  Franzosen  abzugeben
und  sammelte  sich  hinter  dem  linken  Flügel  Joffres  in
Flandern  in  der  Gegend  St.  Omer-Hazebrouck.  Ein
4.  englisches  Korps  landete  in  Ostende,  indische  und
australlsche  Truppen  warenteilweise  schon  ausgeschifft.

m  2.  Oltober  konnten  die  Franzosen  aus  Cambrai
  vertrieben  werden,  und  nun  entwickelte  sich  in  der
Zeit  bis  zum  8.  Oktober  nördlich  wie  südlich  von  der
Somme  in  der  Linie  Arras-Cambrai-Albert-Roye
eine  große  Schlacht,  in  der  beiderseits  mit  Einsatz  aller
Kraft  gerungen  wurde.  Hin  und  her  wogte  der  Kampf,
der  nicht  zur  Entscheidung  kommen  konnte,  da  der
Frontalangriff  nirgends  wesentlichen  Borteil  bot  und
jeder  Umsos  ungsversuch  an  der  Staffelung  u.  der  rechtzeitigen
  Anwesenheit  des  Gegnersscheitern  mußte.  Nun
wurde  die  engl.  Armee  zu  einer  Umgehung  des  deutschen
  rechten  Flügels  anger  etzt,  und  zwar  durch  die  Lücke
zwischen  Lille  und  dem  Meere.  Die  Festung  Lille  war
seit  1895,  wohl  im  Vertrauen  auf  die  Maasfestungen,
vernachlässigt;  doch  zählte  der  Fortsgürtel  immerhin
zwanzig  größere  Werke,  die  aber  allem  Anschein  nach
nicht  verteidigt  werden  sollten,  als  die  deutschen  Truppen
  sowohl  von  Douai  her  wie  über  Tourcoing  dagegen
anrückten  und  auf  die  Erklärung  des  Bürgermeisters
hin,  daß  die  Stadt  frei  sei  von  Militär,  am  3.  Oktober
dort  einziehen  konnten.  Nach  einigen  Tagen  wurde
sie  wieder  aufgegeben.  Die  Umfassungsbewegung  der

45

Engländer  traf  auf  eine  ebensolche  des  Kronprinzen
Rupprecht—  so  kam  es  in  der  Zeit  vom  12.bis  19.Olktober
  zu  gewaltigen  Kämpfen  in  der  Gegend  von  Lille,
das  in  deutsche  Hand  fiel.  Der  englische  Ansturm
wurde  aufgehalten.  Immer  weiter  hin  nach  Norden
holte  der  Feind  aus  und  suchte  die  Verbindung  mit
den  Belgiern  aufzunehmen,  die  hinter  der  ser  zur
Ruhe  gekommen  waren.  Am  19.  begannen  die  Kämpfe
zwischen  Roulers  und  Nieuport.

Die  vor  Antwerpen  freigewordene  Armee  v.  Beseler
erschien  am  17.  Oktober  vor  der  belgischen  Stellung
und  ging  zum  Angriff  vor.  Die  Belgier,  durch  franwic-
  bteilungen  (Marine-Infanterie  und  87.

erritorial-Division)  verstärkt,  standen  in  einer  starken,
  durch  den  Perkanal  gedeckten,  auf  Nieuport,  Dixmuiden,
  Dpern  und  Armentières  gestütten  Stellung.
die  Engländer  zwischen  der  Lys  und  dem  Kanal  von  La
Bassce.  Die  Schlacht  an  der  Mer  und  bei  Dpern  begann
am  22.Oktober.  Die  4.  deutsche  Armee  im  Berein  mit
dem  rechten  Flügel  der  6.  Armee  wehrten  die  zum  Angriff
  zwecks  Entlastung  der  von  Beseler  mittlerweile  angegriffenen
  Belgier  vorgehende  englische  Armeein  harten
  Kämpfen  bis  zum  2.  November  ab.  Die  Weiter
führung  des  Angriffs  gegen  die  Merstellung  hatte
schon  am  31.  wegen  der  mittels  Durchstichs  der  Dämme
Herbeigeführten  überschwemmung  aufgegeben  und  der

ückzug  angetreten  werden  müssen.  Keinem  der  beiden
  Gegner  war  die  Umfassung  gelungen.  —  Die
See  verbot  ein  weiteres  Ausholen.  Noch  machten  die
Engländer  den  Versuch,  die  deutsche  rechte  Flanke  durch
Kriegsschiffe  zu  beschießen,  doch  als  hierauf  die  deutsche
Marinedivision  sich  in  den  Dünen  festsetzte  und  dieenglischen
  Kreuzer  und  Torpedoboote  mit  großem  Erfolg
  unter  das  Feuer  ihrer  eingegrabenen  Geschütze
nahm,  mußten  diese  sich  auf  das  hohe  Meer  zurückiehen
  und  wagten  sich  in  der  Folge  immer  seltener
in  den  gefährlichen  Küstenbereich.

So  entwickelte  sich  Ende  Oktober  auf  der  ganzen
ausgedehnten  Westfront  ein  auf  beiden  Seiten  mit
großer  Ausdauer  und  bewundernswerter  Widerstandskraft
  geführter  Stellungskampf.

3.  Die  Kriegsereignisse  in  Galizien  und
Polen  bis  Oktober  1914.

Als  Österreich  ·  Ungarn  sich  am  6.  August  1914
durch  die  drohende  Haltung  Rußlands  veranlaßt  sah,
ihm  den  Krieg  zu  erklären,  war  es  genötigt,  seine
Streitkräfte  in  möglichster  Stärke  zum  Kampfe  mit
seinem  übermächtigen  östlichen  Nachbarn  bereitzustellen,
  um  möglichst  viele  russische  Streitkräfte  so  lange
auf  sich  zu  ziehen,  bis  sein  Bundesgenosse,  das  Deutsche
Reich,  mit  erheblichen  Kräften  im  Osten  auftreten
konnte.  Die  dringend  erwünschte  Züchtigung  Serbiens
mußte  dahinter  zurlicktreten,  und  deshalb  konnten  nur
Bruchteile  der  Armee  zum  Schutz  sowohl  der  serbischen
als  der  italienischen  Grenze  verwendet  werden.  Auch
gegen  das  verbündete  Italien  war,  wie  sich  später  klar
erweisen  sollte,  Vorsicht  dringend  geboten.

Die  geographische  Begrenzung  der  ungeheuren
russischen  Tiefebene  bildet  gegen  Südwesten  das  Gebirge
  der  Karpathen,  in  dem  die  Natur  dem  ungarischen
  Becken  eine  starke,  verteidigungsfähige  Schutzmauer
  errichtet  hat.  Aber  wie  über  ein  breites,  ihr
vorgelagertes  Glacis  dehnt  sich  der  Besitz  des  Kaiserstaates
  jenseits  noch  über  die  von  Polen  und  Ruthenen
  bewohnten  Landschaften  Galiziens  und  der  Bukowina
  aus.  Sie  hätten  dem  Gegner  völlig  preisgegeben
  werden  müssen,  wenn  die  Leeresleitung  sich
        <pb n="56" />
        46

auf  die  Verteidigung  der  Karpathen  beschränlt  hätte;
sie  mußten  zum  wichtigsten  Kampffeld  werden,  wenn
die  österreichisch-ungarischen  Truppen  es  unternahmen,
  diese  Provinzen  zu  halten,  die  der  Gefahr  um  so
mehr  ausgesetzt  waren,  als  gerade  ihre  Einverleibung
das  ausgesprochene  Ziel  der  russischen  Regierung  und
eine  Unterstützung  Serbiens  nur  auf  diesem  Weg  zu
ermöglichen  war.

In  dem  durch  die  Festungen  Krakau  und  Przemysl
geschützten  Raum  zwischen  Weichsel  und  San,  in  den
auch  die  Mehrzahl  der  Eisenbahnverbindungen  mit
dem  Hinterland  mündet,  wurden  die  Truppen  versammelt.
  Die  österr.-ung.  Armee  umfaßt  im  Frieden
  16  Armeekorps,  aber  einschließlich  der  Landwehr
49  Infanterie-  und  10  Kavalleriedivisionen,  an  Infanterie
  also  nur  eine  Division  weniger  als  die  Frieden
  sarmee  des  Deutschen  Reiches.  Aber  dem  niedrigen
  Etat  der  taktischen  Einheiten  entsprach  eine  so
geringe  Zahl  der  ausgebildeten  Reserven,  daß  nach
ihrer  Auffüllung  auf  Kriegsstärke  nur  eine  kleine
Zahl  von  Neuformationen  (Brigaden)  aufgestellt
werden  konnte.  Erst  durch  Heranziehung  des  sehr
zahlreichen,  aber  meist  unausgebildeten  Landsturms
(Landwehr  im  Sinne  der  deutschen  Heeresordnung
besaß  Osterreich--Ungarn  nicht)  konnten  später  vermehrte
  Streitkräfte  ausgebildet  und  Truppenkörper
aufgestellt  werden.  Die  verfügbaren  Kräfte  wurden
unter  dem  Schutz  der  Grenzsicherungstruppen  formiert
  und  dem  Erzherzog  Friedrich  unterstellt:

2.  Armee  (Böhm-Ermolli):  IV.,  VII.  Armeekorps,
1  Landw.-Div.  am  Dnzestr  zw.  Halicz  u.  Rohatyn;
3.  Armee  (Brudermann):  XI.,  XIV.  Armeekorps  um
Lemberg;  4.  Armee  (Auffenberg):  II.,  VI.,  IX.  Armeekorps
  am  mittleren  San;  1.  Armee  (Dankl):  I.,  V.,
X.  Armeekorps  den  San  abwärts  bis  zur  Mündung  in
die  Weichsel.  —  Armee-Abteilung  Kummer  bei  Kielce.
hier  Anschluß  an  das  deutsche  Korps  Woyrsch.  Das
XII.  und  1III.  Armeekorps  hatten  den  Grenzschutz  in
Galizien,  der  Rest  der  Truppen  wurde  als  5.  Armee
gegen  Serbien  ausgestellt,  die  am  14.  August  den  Angriff
  an  Drina  und  Save  eröffnete.  —  11Reiterdivisionen
  befanden  sich  an  der  russischen  Front.

Einleitende  Gesechtet.

Auf  russischer  Seite  standen  ungefähr  20  Armeekorps
  für  den  Einfall  in  Galizien  bereit,  und  die  fast
800  km  lange  Grenze  dieser  Provinz  ist  in  ihrer  mittleren
  Strecke,  von  Zawichost  bis  Ozegowfk,  ohne  jedes
künstliche  oder  natürliche  Hindernis,  so  daß  selbst  der
wichtige  Ausgangspunkt  der  drei  einzigen  nach  Rußland
  hineinführenden  Eisenbahnen,  die  Stadt  Lemberg,
  dem  Feinde  offen  liegt.  Infolge  der  gewaltigen
russischen  Uübermacht  beschränkte  sich  die  österr.-ungarische
  Heeresleitung  in  Mittelgalizien  zunächst  auf  die
Verteidigung  und  ging  nur  von  Shzge  her  anriffsweise

  vor,  um  den  Feind  auf  alle  Fälle  von  der
stung  Krakau,  als  dem  Schlüssel  der  nach  Böhmen
und  Mähren  hineinführenden  Weißkirchener  Senke,
fernzuhalten  und  die  Bahnlinie  Krakau-Przemysl-Lemberg
  dem  gegnerischen  Druck  zu  entziehen.  Am
8.  August  brach  österr.-ung.  Kavallerie  nördlich  von
Krakau  in  Russisch-Polen  ein.  Am  15.  August  war
der  russische  Grenzschutz  in  Südpolen  über  die  Kamienna
  und  Czarna  zurückgeworfen.

Auch  in  Ostgalizien  ##-  en  die  österr.-ungarischen

Sicherungstruppen  mit  rh  angriffsweise  vor.  Be-1

  Vgl.  die  Karte  bei  S.  45.

I.  Kriegsgeschichte

reits  am  7.  August  stürmten  sie  die  Höhen  von  Mohile
an  der  Grenze  Beßarabiens  und  besetzten  die  Eisenbahnstation
  Nowosielica  der  Linie  Lemberg-Czernowitz
  -Mohilew  am  Dnuzjestr;  noch  am  gleichen  Tage
kam  durch  das  Gefecht  bei  Woloczist  diese  Stadt  und
damit  die  Grenzstation  der  Eisenbahn  Lemberg-Tarnopol-Proskurow
  in  österr.-ungarischen  Besitz.  Am
22.  August  legten  die  Osterreicher  ihre  Hand  auch  auf
die  russische  Station  Radziwilow  an  der  Linie  Lemberg-Rowno,
  Brody  gegenüber.

Auch  konnten  die  am  16.  August  von  den  Russen
wahrscheinlich  zur  Bedrohung  Lembergs  unternommenen
  Vorstöße  über  die  offene  mittelgalizische  Grenze
bei  Brody,  Zaloska  und  Sokal  blutig  abgewiesen
werden,  obgleich  sie  teilweise  von  Infanterie  in  Begleitung
  von  Artillerie  ausgeführt  wurden.  In  den
darauffolgenden  Tagen  mußten  bei  Tomazow  zwei
Kosakenregimenter  und  russische  Ulanen  flüchten,
wurde  bei  Turnyka  eine  feindliche  Brigade  vernichtet
und  einer  anderen  bei  Kamionka-Strumilowa  starke
Verluste  beigebracht;  doch  war  den  russischen  Abteilungen
  an  dieser  Stelle  ein  Vordringen  bis  auf  40  km
nördlich  von  Lemberg  geglückt.

In  Russisch-Polen  schritt  der  österr.-ung.  Angriff
der  1.  und  4.  Armee  unterdessen  vorwärts;  die  über
die  Lysa  Gora  und  den  San  beiderseits  der  Weichsel
vordringenden  Truppen  trafen  am  23.  August  östlich
von  diesem  Strom  in  der  Gegend  von  Krasnik  auf
den  Feind.  Von  diesem  war  damals  nur  bekannt,  daß
große  Massen  bei  Lublin  und  zwischen  Brest  Litowstk
und  der  Gegend  südlich  davon  eingetroffen  und  starke
Kräfte  am  Vecar  im  Anrücken  waren;  es  war  ferner
klar,  daß  sich  die  russische  Mobilmachung  und  der  Aufmarsch
  wesentlich  schneller,  als  angenommen,  vollzogen
  hatten.

Die  Schlacht  bei  Krasnikt

Die  Armee  Danll  war,  mit  ihrem  linken  Flügel  an
die  Weichsel  gelehnt,  durch  das  ungemein  schwierige
Sumpfgebiet  des  unteren  San  vorgedrungen  und
arbeitete  sich  durch  die  ebenfalls  morastige,  mit  vielen
Wasseradern  durchsehte  Waldzone  hindurch,  die  zwischen
  dem  von  der  Weichsel  bis  zum  Wieprz  reichenden
  Lubliner  Hügelland  gelegen  ist.  Auf  dessen  Höhen
erwartete  in  einer  70  Um  langen,  starken  Verteidigungestellung,
  die  sich  von  Jozefow  an  der  Weichsel
über  Krasnik  bis  nach  Zolkiewka  und  Turobin  erstrecke
  die  4.  russische  Armee  (Everth)  ihren  Gegner.

us  dem  Militärbezirk  Warschau,  aus  Lublin  und
Brest  Litowst  waren  das  14.,  15.,  19.,  23.  Armeekorps
und  das  Grenadierkorps  zusammengezogen  und  davon
2  Korps  südlich  von  Krasnik  gegen  die  Waldzone  vorgeschoben
  worden,  aus  der  am  23.  August  der  linle
österreichische  Flügel  über  Zaklikow  und  Janow  vorbrach.
  Überraschend  angegriffen,  zogen  sich  die  Russen
in  verlustreichen  Gefechten  auf  die  Laupistellun  urück.
  Die  Osterreicher  stießen  am  24.  auf  die  russisze
Hauptstellung  und  konnten  am  25.  durch  einen  kräftigen
  Ungruf  ber  Frampol  -Turobin  die  fiegreiche
Entscheidung  herbeiführen.  Die  Siegesbeute  belief  sich
auf  6000  Gefangene,  26  Geschütze  und  3  Fahnen;  der
Feind  ging  auf  Lublin  zurück.  General  Danll  blieb
den  Russen  auf  den  Fersen  und  warf  sie  auch  am  27.
aus  der  Stellung  auf  den  Höhen  von  Niedrzwicaduza,
die  sie  mit  zehn  Divisionen  zu  halten  suchten.

Indessen  erhielt  die  russische  Armee  dauernd  Ver-!1

  Agl  die  Karle  bei  E.  45
        <pb n="57" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Galizien  und  Polen  bis  Oktober  1914

stärkungen,  und  nur  langsam  war  es  den  Osterreichern
  möglich,  Anfang  September  unter  beständigen
  Gefechten  gegen  eine  große  übermacht  auf  Lublin
  vorzurücken.  Als  der  Augenblick  gekommen  war,
den  umfassenden  Angriff  gegen  diese  Stadt  einzuleiten,
  wurde  General  Dankl  durch  das  abermalige  Erscheinen
  neuer  russischer  Kräfte  gezwungen,  sich  zurückzuziehen,
  zumal  die  Verhälimiße  um  Lemberg  sc
inzwischen  weniger  günstig  gestaltet  hatten.  Die  Armee
wurde  hinter  den  San  zurückgenommen,  wo  sie  am
14.  September  in  Stellung  ging,  um  später  den  Anfang
  Oktober  erfolgenden  Vorstoß  deulscher  Kräfte
gegen  die  Weichsel  von  Süden  her  zu  unterstützen.

Die  Schlacht  bei  Zamost-  Komarowt.

Dem  staffelförnigen  Aufmarsch  der  österr.-ung.
Heeresmacht  gemäß  trat  zur  Rechten  der  Danklschen
Armee  die  4.  Armee  unter  General  v.  Auffenberg
den  Vormarsch  in  dem  Gelände  zwischen  Wieprz
und  Huczwa  an.  Diese  aus  mährischen,  böhmischen,
ungarischen,  oberösterreichischen  und  Tiroler  Regimentern
  zusammengesetzte  Armee  bestand  zunächst
aus  vier  Armeekorps,  dem  II.  unter  General  Schemua,
dem  VI.  unter  General  Borocvic,  dem  IX.  unter
Feldzeugmeister  Friedl  und  dem  XVIII.  unter  General
  Graf  Huyn,  dazu  kamen  die  6.  und  10.  Kavalleriedivision
  und  später  das  XIV.  Korps  nebst  der  2.  und
9.  Kavalleriedivision;  im  ganzen  190  Bataillone  und
300  Geschütze  gegenüber  einer  russischen  Übermacht
von  224  Bataillonen  und  700  Geschützen  der  4.  und
5.  Armee  der  Generale  Everth  und  Plehwe.  Bei  dem
am  22.  August  beginnenden  Vormarsch  bildete  das
II.  Korps  den  linken  Flügel  und  ging  aus  dem  Raum
von  Sieniawa  gegen  Zamost  vor,  während  das  VI.
Korps  zunächst  als  rechler  Flügel  über  Rawaruska
auf  Laszow  und  Tyszowce  angesetzt  wurde.  Teils
dazwischen,  teils  rückwärts  gestaffelt  standen  die  beiden
anderen  Korps,  die  erst  ein  wenig  später  in  den  Aufmarschraum
  gelangten.

Am  26.  August  stieß  das  auf  dem  linken  Flügel
marschierende  II.  Korps  auf  das  unter  General  Zujeff
gegen  Zamostk  vorrückende  russische  25.  Korps  und  warf
es  am  27.  in  schwerem  Kampf  zurück,  nachdem  noch
ein  Teil  des  benachbarten  IX.  Korps  eingegriffen
hatte.  Unterdessen  aber  war  das  russische  19.  Korps
über  Tyszowce  auf  Komarow  vorgerückt  und  hatte
diesen  Ort  erreicht.  Teile  des  nunmehr  über  Tomaszow
herangeführten  österreichischen  VI.  Korps  warfen  sich
mit  großer  Wucht  dem  Feind  entgegen.  konnten  auch
zunächst  die  erste  Linie  überrennen,  mußten  aber  dann
vor  einem  mörderischen,  überraschend  genau  abgegebenen
  Feuer  weichen.  Später  stellte  sich  heraus,
daß  dieser  Kampf  sich  auf  dem  russischen  Artillerieschießplatz
  abgespielt  hatte.  An  dieser  bedrohten  Sielle
wurden  nun  die  noch  freien  Teile  des  VI.  und  die  in
Eilmärschen  herangeführten  drei  Divisionen  des  IX.
Korps  zur  Verstärkung  eingeseztt  auch  bei  den  Russen
trafen  neue  Truppen  ein,  von  Norden  aus  der  Gegend
Cholm  das  5.  und  13.  Korps  und  von  Nordosten  über
Grubieszow  das  17.  Korps,  und  unentschieden  wogte
hier  im  Zentrum  am  27.  und  28.  der  Kampf  hin  und
her.  Auf  dem  rechten  österreichischen  Flügel  wurde
am  Morgen  des  27.  die  10.  Kavalleriedivision,  die
dort  zu  sichern  hatte,  überfallen  und  zersprengt;  sie
konnte  sich  erst  später  bei  Belzec  wieder  sammeln,  und

1  Vgl.  die  Karte  dei  S.  45.

47

ein  ähnliches  Geschickereilte  am  28.  westlich  von  Laszow
die  15.  Infanteriedivifion.

Trotz  dieser  Ereignisse  faßte  die  österr.=  ung.  Heeresleitung,
  Hauptauartier  Przemyfl,  den  Entschluß,
durchzuhalten  und  die  schwankende  Lage  zu  ihren
Gunsten  zu  entscheiden.  Gegen  die  stets  neu  verstärkten,
  aus  Komarow  zu  immer  neuen  Durchbruchsversuchen
  vorgehenden  Russen  stand  unerschütterlich
  das  VI.  Korps.  Nun  wurden  zu  dessen  linker
Seite  das  II.  Korps  und  die  10.  Division  vorgeführt.
und  allmählich  gewannen  diese  Truppen  Boden,  so
daß  am  30.  August  von  Westen  her  eine  Umfassung
der  russischen  Stellung  eingeleitet  werden  konnte.  Am
31.  schwenkten  die  Österreicher  bei  dem  Orte  Dub  nach
Süden  in  den  Rücken  der  Russen  ein.  Auf  dem
rechten  österr.-ung.  Flügel  war  unterdessen  in  Eilmärschen
  über  Zolkiew  und  Mostywieki  das  XIV.
Korps  unter  Erzherzog  Joseph  Ferdinand  eingetroffen
und  mit  großer  e  gegen  das  von  Wladimir-Wolinsky
  vorgehende  17.  russische  Korps  in  den  Kampf
getreten.  Hartnäckig  verbissen  sich  die  Gegner  ineinander,
  und  es  kam  stellenweise  zu  erbitterten  Bajonettkämpfen.
  Jedoch  gewannen  die  Österreicher  gegen
Ende  die  Oberhand  und  erbeuteten  in  diesem  bKoschnitt
  viele  Gefangene  nebst  80  Geschützen.

Am  Mittag  des  31.  August  erreichte  die  Schlacht
ihren  Höhepunkt;  die  von  Westen  bereits  ausgeführte,
von  Osten  drohende  Umfassung  schien  die  russischen
Kräfte  der  Vernichtung  preiszugeben,  als  es  sich
herausstellte,  daß  der  bei  Dub  eingeschwenkte  linke
österreichische  Flügel  selbst  im  Rücken  von  einer  Kosakendivision
  lebhaft  beunruhigt  und  von  feindlicher
Artillerie  schwer  geschädigt  wurde.  Der  hier  befehlig#ende
  Erzherzog  Peter  Ferdinand  sah  sich  in  den

kachmittagsstunden  veranlaßt,  den  Rückmarsch  nach
Westen  anzutreten,  so  daß  für  den  an  allen  anderen
Punkten  des  Schlachtfeldes  geschlagenen  Feind  die
Kückzugstraßen  nach  Norden  und  Nordosten  frei  wurden.
  Die  1.  Armee  folgte  und  mußte  in  dem  Raume
von  Lublin  vom  1.  September  ab  in  den  Stellungskrieg
  übergehen.

Der  Armee  Auffenberg  war  es  nicht  vergönnt,
ihren  Sieg  an  dieser  Stelle  auszunutzen,  denn  die
Ereignisse,  die  fast  zu  gleicher  Zeit  bei  der  Heeresgruppe
  des  Erzherzogs  Friedrich  stattfanden,  und
denen  eine  überflutung  der  Lemberger  Gegend  mit
vorläufig  unübersehbaren  russischen  Truppenmassen
folgte,  machten  die  Verstärkung  dringend  nöag.  die
in  diesem  Augenblick  nur  durchein  vollständiges  Kehrt
der  Armee  Aussenberg  gebracht  werden  konnte.  Die
schweren  Kämpfe,  die  sich  in  den  Tagen  vom  26.
bis  30.  August  bei  der  östlichen  Armeegruppe  abspielten,
  tragen  den  Namen:

Die  erste  Schlacht  bei  Lemberg#.

Ein  Ringen  zwischen  sehr  ungleichen  Kräften  war
es,  daß  sich  in  dieser  Zeit  zwischen  den  Truppen  des
Erzherzogs  Friedrich  und  den  an  Zahl  weit  überlegenen,
  aus  Wolhynien  über  Brody  vorgedrungenen
  russischen  Armeemassen  entspann.  Obgleich  auf
österr.-ungar.  Seite  geplant  war,  sich  in  der  Gegend
von  Lemberg  auf  die  Verteidigung  zu  beschränken,  so
wurde  zunächst  doch  auch  hier  angriffsweise  vorgegangen,
  um  den  nicht  zu  verhindernden  Einbruch  der
russischen  Massenheere  nach  Möglichkeit  hinauszuschieben.
  Durch  ein  weitverzweigtes  Spionagesystem

1  Ugl.  die  Karte  bei  S.  45.
        <pb n="58" />
        48

war  die  russische  Heeresleitung  über  Aufmarschplan
und  Zahl  der  österr.-ung.  Truppen  sehr  genau  unterrichtet
  und  hatte  gleich  von  Anfang  an  danach  gestrebt,
den  österreichischen  rechten  Flügel  von  Südosten  her
zu  umfassen.

Etwa0  km  östlich  von  Lemberg,  in  der  Linie  Dunajow-Busfs,
  stießen  am  26.  August  die  Heere  aufeinander;
  es  gelang  den  Osterreichern  zunächst,  von
Dunajow  aus  bis  auf  die  Höhen  westlich  von  Pomorzany
  vorzudringen  und  gleichzeitig  von  Bustk  aus
beiderseits  der  Zloczower  Straße  Vorteile  zu  erkämpfen.
  Indessen  gingen  am  28.  die  Russen,  die
3.  (Rußki-)  und  8.  (Iwanoff-)  Armee,  mit  neu  eingetroffenen
  Divisionen  von  Osten  her  energisch  vor,
während  sie  ihre  Front  immer  weiter  nach  Süden  auf
Brzezany  zu  verlängerten.  Daher  erwies  es  sich  am
Nachmittag  des  28.  für  die  Osterreicher  notwendig,
der  von  Süden  drohenden  Umfassung  durch  Rückzu
hinter  die  Gnila  Lipa,  in  den  engeren  Raum  binich
von  Lemberg  sich  zu  entziehen.

Aber  am  29.  und  30.entwickelten  die  Russen  immer
stärkere  Kräfte  und  drangen  namentlich  von  Süden
ber  über  Firleiow  und  Przemyslany  gegen  Lemberg
vor.  Ihre  fortwährend  eibense  Reserven  sowie
eine  an  Zahl  und  Art  äußerst  starke  Artillerie  verschafften
  ihnen  nach  und  nach  die  überlegenheit,  und
vergebens  suchten  die  Osterreicher  aus  dem  Raume
westlich  von  Rohaczyn  in  starken.  Vorsüößer  den  russischen
  linken  Flügel  zu  bedrängen.  Vor  der  großen
übermacht  zogen  sie  gic,  zunächst  auf  Mikolajow  und
Lemberg)  zurück.  Wohl  waren  um  diese  Stadt  in
weitem  Umkreis  Erdbefestigungen  angelegt,  indessen
ließ  sich  nicht  hoffen,  daß  aä=  der  schweren  russischen
Artillerie  auf  die  Dauer  standhalten  würden,  weshalb
  es  ebensosehr  mit  Rücksicht  auf  die  militärische
Lage  wie  auf  die  zahlreichen  Bewohner  der  offenen
Stadt  geboten  erschien,  sie  lieber  vorübergehend  dem
Feind  zu  überlassen.  Am  3.  September  nachmittags
zog  dieser  ein.  Zum  Kommandanten  wurde  General
Rußki  ernannt,  der  auf  strasse  Mannszucht  hielt,  weil
man  bereits  des  Zieles  sicher  zu  sein  wähnte,  Galizien
zu  dauerndem  russischen  Eigentum  zu  machen.

Die  österr.-ung.  Truppen  hatten  sich  in  das  Gelände
  südwestlich  von  Lemberg  zurückgezogen,  wo  die
Grodeker  Seen  einer  strategisch  und  taktisch  günstigen
Stellung  als  Fronthindernis  dienten  und  doch  den
übergang  zur  Offensive  nicht  hinderten.  Ein  solcher
Vorstoß  lag  im  Plan  der  österr.-ung.  Heeresleitung
un  lonnte  sich  nur  gegen  die  rechte  Flanke  der  Russen
richten.

Die  zweite  Schlacht  bei  Lemberg

Bei  der  außerordentlichen  ÜUbermacht  der  nunmehr
bei  Lemberg  versammelten  russischen  Streitkräfte  war
es  österreichischerseits  dringend  notwendig,  ein  Zusammenwirken
  der  Armee  des  Erzherzogs  Friedrich  mit
den  soeben  bei  Komarow  siegreich  gewesenen  Truppen
Auffenbergs  zu  ermöglichen;  zu  diesem  Zweck  mußten
diese  von  einer  gründlichen  Verfolgung  des  geschlagenen
  Feindes  absehen  und  in  Eilmärschen  herangezogen
  werden,  um  in  der  biseherigen,  fast  entgegendesegen
  Richtung  sich  an  den  linken  Flügel  des  Erzherzogs
  anzuschließen.  Nur  schwächere  Abteilungen
wurden  bei  Komarow  belassen,  die  Hauptkräfte  sammelten
  sich  südlich  davon  in  dem  Raume  Narol-Uhnow;
  sie  sollten  über  Rawaruska  den  Offensivstoß
  führen.  Am  4.  September  konnte  der  Aufmarsch

1  Vgl.  die  Kart=  bei  S.  45.

I.  Kriegsgeschichte

schon  vollendet  werden,  und  am  5.  drang  die  Armee
  Auffenberg  über  die  Bahnstrecke  Rawaruska-Horynice
  vor.  Dort  gelang  es  ihr,  am  6.  Septemtber
  dem  russischen  Andringen  standzuhalten  und  mit
dem  rechten  Flügel  zur  selben  Zeit  bis  auf  Kurniki
einzuschwenken,  wo  Anschluß  an  die  um  Grodek
stehende  3.  Armee  gewonnen  wurde,  so  daß  nun  wiederum
  eine  fast  100  km  lange,  von  West  nach  Ost  g
richtete  Front  entstand,  die  mit  Einbeziehung  der  bei
Komarow  stehengebliebenen  Abteilungen  die  Linie
Komarow  —  Rawaruska  —Kurniki  —  Grodek  bildete.
Gegen  diese  schoben  die  Russen  nun  von  Lemberg  aus
starke  Kräfte  nach  Norden  vor,  und  am  7.  September
begann  die  Schlacht.  Beim  Morgengrauen  wurde  auf
der  ganzen  österr.-ung.  Front  ein  starker  Angriff  an.
gesetzt,  der  bis  zum  10.  namentlich  auf  dem  rechten,
gegen  Lemberg  gerichteten  Flügel  zunächst  Raum
gewann.

Aber  die  Russen  führten  immer  neue  Armeekorps
heran  und  vermochten  jede  verlorene  Division  durch
eine  neue  zu  ersetzen.  So  wurde  namentlich  die  bei
Rawaruska  stehende  Auffenbergsche  Armee  von  zahlreichen
  neu  anrückenden  russischen  Staffeln  schwer
bedroht;  die  zur  selben  Zeit  gegen  Lublin  vordringende
Armee  Dankl  sah  sich  ebenfalls  stark  überlegenen
Kräften  gegenüber  und  wurde  durch  russische  Heeresteile,
  die  in  dem  Raum  zwischen  Krasnik  und  Rawaruska
  vorgingen,  der  Gesahr  ausgesetzt,  von  dem  rechten
  österreichischen  Flügel  abgeschnitten  zu  werden.
Um  der  so  geschaffenen  schwierigen  Lage  1  entgehen,
faßte  Erzherzog  Friedrich  am  11.  September  den  Entschluß,
  seine  Streitkräfte  in  den  gut  geschützten  Raum
zwischen  San  und  Weichsel  zurückzuziehen.  In  dem
Kampf  hatte  auf  dem  linken  Flügel  auch  die  Armeeabteilung
  Woyrsch  vom  7.  bis  10.  September  bei
Tarnawka  mit  gutem  Erfolg  eingegriffen.  Am  15.
begann  die  Neuordnung  der  Verbände.  —  Ohne
wesentliche  Störung  ging  die  Loslösung  vom  Feind
vonstatien,  der  auf  den  durch  anhaltende  Regengüsse
immer  trostloser  versumpfenden  Wegen  nur  sehr  langsam
  vorwärts  kam.  Mitte  September  wurde  der
Rückzug  vollzogen,  der  in  nähere  Berührung  mit  den
deutschen  Streitkräften  führte,  mit  denen  vereint  der
Anfang  Oktober  beginnende  Vormarsch  durch  Südpolen
  in  günstiger  Weise  vorbereitet  werden  konnte;
leichzeitig  erhielt  auf  diese  Art  die  wichtige  Weiß
irchener  Senke  einen  starken  Schutz,  deren  Eroberung
  den  Russen  nicht  nur  den  Weg  nach  Böhmen
und  Mähren,  sondern  auch  nach  Wien  eröffnet  hätte.
Gegen  die  von  Osten  gegen  den  San  vorrückenden
Russen  bot  die  starke,  80  km  westlich  von  Lemberg
gelegene  Festung  Przemysl  vorläufig  Schutz;  gegen
diese  richteten  sie  in  der  Folge  ihre  Angriffe.

Der  Einbruch  der  Russen  in  Galhien  und  Angarnt.

Infolgedieser  Waffenentscheidung  mußte  der  größte
Teil  Galiziens  und  die  Bulowina  der  russischen  überflutung
  preisgegeben  werden.  So  stand  Ende  September
  1914  den  Russen  der  Weg  zu  den  schwach
besetzten  Karpathenpässen  frei,  in  denen  ungarischer
Landsturm  sich  aufs  äußerste  verteidigte.

Mit  sechs  Divisionen  gingen  die  Russen  gegen  die
Karpathen  gleichzeitig  an  vier  Stellen  vor;  deren
westlichste,  der  Uszoker  Paß,  wurde  von  Turka  aus
erreicht  und  am  24.  Überschritten.  Über  den  in  südöstlicher
  Richtung  zunächst  gelegenen  Vereczköpaß  dran-1

  Vgl.  die  Karte  bei  S.  45.
        <pb n="59" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Balkan  bis  Dezember  1914

die  Feinde  am  30.  bis  Szolyca  vor.  Den  weiter

stlich  gegen  Toronya  vorzehenden  russischen  Kolonnen
  traten  am  27.  September  bei  diesem  Ort  die  Verteidiger
  entgegen,  konnten  zwar  nicht  verhindern,  daß
der  Feind  bis  Okormezö  vordrang,  vertrieben  ihn  aber
am  10.  Oktober  und  warfen  ihn  nach  Galizien  zurück.

Den  kunsteste  Charakter  nahmen  die  an  der  vierten,
  südlichsten  Einbruchsstelle  bei  Körösmezö  stattfindenden
  Kämpfe  an;  trotz  heftigster  Gegenwehr
drangen  die  Russen  am  3.  Oktober  über  Maramaros
Sziget  bis  Taraköz  und  Teczö  ein.  Am  5.  und
6.  Oktober  aber  brachen  die  Ungarn  bei  diesen  beiden
Orten  und  bei  Hosszumezb  vor  und  zersprengten  die
Feinde.  Am  7.Oktober  gingen  diese  bis  Nagy  Boscko,
gleich  darauf  bis  Raho  und  von  dort  in  eiliger  Flucht
auf  verschiedenen  Wegen  über  das  Gebirge  zurück.
Die  Russen  mußten  bis  zum  10.  Oktober  überall  aus
den  Karpathen  weichen,  und  am  21.  war  Ungarns
Boden  von  Feinden  frei.

Ungefähr  zur  gleichen  Zeit  gelang  es  auch,  die
Russen  aus  Czernowitz  hinauszuwerfen,  in  das  sie
bereits  Anfang  September  eingezogen  waren,  um  es
nebst  der  ganzen  Bukowina  seierlich  als  russisches
Besitztum  zu  erklären.

Pie  erste  Helagerung  von  Przemyslt.

Nach  der  Besitzergreifung  Lembergs  waren  die
Russen  gegen  Przemyst  vorgegangen,  hatten  am
22.  September  bereits  fünf  Armeekorps  der  3.  und
Z.  Armee  unter  General  Radko  Dimitrieff  dort  versammelt
  und  einen  umfangreichen  Artlilleriepark  herangeführt.
  Die  Stadt  Przemysl  ist  Ende  des  vorigen
Jahrhunderts  neu  befestigt  worden.  Die  innere,  aus
einzelnen  Stützpunkten  und  schwächeren  Verbindungslinien
  bestehende  Umwallung  soll  nur  Sicherheit  gegen

ewaltsame  Angriffe  bieten,  die  Hauptverteidigungstellung
  bildet  ein  starker  Gürtel  von  20  Werken,  die
bei  einem  Gesamtumfang  von  etwa  43km  —  namentlich
  auf  dem  nördlichen,  linken  Sanufer  —  eine  Kette
mit  geringen  Zwischenräumen  bilden.  Ganz  verschieden
  von  den  umfangreichen  Werken  der  belgischen
und  französischen  Festungen  sind  die  Forts  klein,  aber
mit  Panzern  gut  ausgestattet.  Der  Kommandant,
Feldmarschalleutnant  v.  Kusmanek,  verfügte  über
eine  hinreichende  Besatzung  und  unter  der  artilleristischen
  Ausrüstung  auch  über  30.5  cm-Mörser.

Am  4.  Oktober  begann  die  Beschießung,  tat  aber
wenig  Schaden,  und  am  5.  erfolgte  der  erste  große
Sturm,  um  die  Festung  vor  dem  Eingreifen  der  im
Anmarsch  befindlichen  Entsatzarmee  zu  bewältigen,
und  zwar  gegen  die  Südfront,  der  unter  schweren  Verlusten
  für  die  Russen  vollständig  abgeschlagen  wurde,
worauf  am  6.  Oktober  eine  gewaltige  Beschießung  der
Nordost=  und  Nordwestfront  einsetzte;  am  7.  fand  ein

eiter  Sturmstatt,  und  zwargegen  die  Nord-  und  Südont

  —  auch  er  mißlang,  ebenso  wie  der  in  der  Nacht
um  8.  Oktober  angesetzte.  Im  Laufe  des  8.  ließ  der
ngriff  auf  die  Westseite  bereits  nach,  da  General
Boroevic  von  Westen  her  in  schnellem  Anmarsch  war;
die  Russen  versuchten  vergebens,  ihn  in  der  Linie
Lancut-Dynow  aufzuhalten.  Sie  wurden  in  die
Flucht  geschlagen,  und  am  11.  Oktober  konnten  die
Osterreicher  durch  den  Westabschnitt  in  die  befreite
Festung  einziehen.  50000  Opfer  mußten  die  Russen
vor  Przemysl  lassen.
Nun  aber  galt  es,  die  Feinde  aus  den  starken  vor-1

  Bgl.  die  Karte  S.  58.
Der  Krieg  1914/19.  Ul.

49

bereiteten  Stellungen  zu  vertreiben,  in  denen  sie  sich
am  rechten  Ufer  des  San  und  seines  Nebenflusses,  des
Wiar,  hielten.  Vergebens  suchten  ihnen  die  Österreicher
  von  den  Vorbergen  der  Karpathen  bei  Stary-Sambor
  die  Flanke  abzugewinnen,  vergebens  bemühten
  sie  sich,  bei  Jaroslau  den  San  zu  überschreiten;
  die  Russen  gewannen  dank  immer  neu  heraneführter

  Verstärkungen  allmählich  die  überhand.

m  18.  Oktober  wurde  bei  Radymno,  am  22.  und
23.  bei  Jaroslau  hart  gerungen  und  die  Magierahöhe
  nach  heißem  Artilleriekampf  von  den  Osterreichern
  im  Sturm  genommen.  Noch  vermochten  sie
am  Fuß  der  Karpathen  die  Russen  bis  zum  Stryj
zurückzudrängen,  sahen  sich  aber  Anfang  November
durch  die  Ereignisse  in  Polen  und  die  damit  zusammenhängende
  Bedrohung  ihres  linken  Flügels  am
San  veranlaßt,  freiwillig  die  Sanlinie  aufzugeben
und  sich  bis  hinter  den  Dunajec  zurückzuziehen.  Przemysl
  wurde  zum  zweitenmal  eingeschlossen.

4.  Der  Krieg  auf  der  Balkanhalbinsel  bis
Dezember  19141.

Wenn  Österreich-Ungarn  die  Absicht  hatte,  unmittelbar
  nach  der  Kriegserklärung  an  Serbien  mit
den  sofort  mobilisierten  fünf  Korps  der  benachbarten
Kronländer  die  Strafexpedition  gegen  diesen  Staat
zu  beginnen,  so  trat  dem  die  ruffsch=  Mobilmachung
hindernd  in  den  Weg,  die  den  Kaiserstaat  nötigte,  seinem
  östlichen  Nachbarn  am  6.  August  ebenfalls  den
Krieg  zu  erklären  und  nunmehr  seine  Streitkräfte  in
möglichster  Vollzähligkeit  in  Galizien  zusammenzuziehen.
  Da  ein  sehr  berechtigtes  Mißtrauen  gegen
das  verbündete  Italien  dazu  mahnte,  auch  Tirol,
Kärnten  und  Krain  nicht  ungeschützt  zu  lassen,  mußten
  die  gegen  Serbien  zu  verwendenden  Kräfte  auf
die  gerin  "öCq  für  die  Sicherung  von  Bosnien,  der

erzegowina  und  Ungarns  unbedingt  erforderliche

ruppenzahl  beschränkt  und  der  Gedanke  einer  kräftigen
  Sffenstoe  zunächst  aufgegeben  werden.  Das
österreichische  2.  u.  5.  Armeekorps  marschierten  an  der
unteren  Drina  auf  unter  Belassung  von  Grenzschutz
gegen  Montenegro  an  der  Linie  Cattaro-Trebinje-Bisegrad
  und  längs  der  Save  und  Donau  gegen
den  Rest  der  serbischen  Grenze.

Nach  ziemlich  unbedeutenden  Geschützkämpfen  zwischen
  der  Festung  Belgrad  und  österreichischen  Batterien
  bei  Semlin  sowie  den  Monitoren  der  Donauflottille
  am  29.  Juli  und  am  4.  August  eröffneten
österreichisch-ungarische  Truppen  die  Operationen  mit
der  Besitzergreifung  wichtiger  Einfalltore  in  Serbien
in  den  Tagen  vom  13.  bis  19.  August.  Am  zugänglichsten
  ist  die  Maèda,  d.  i.  die  durch  einen  nach
Norden  vorspringenden  Bogen  der  Save  und  die
untere  Drina  umschlossene  Niederungsebene  im  Nordwesten
  Serbiens.  Die  Serben  hatten  sich  mit  den
Haupikräften  in  eine  Stellung  nördlich  von  Krusevac
versammelt,  schwächere  Abteilungen  gegen  die  Grenze
vorgeschoben.  Durch  den  gleichzeitigen  Ubergang  über
die  Save  bei  Sabac  und  über  die  Drina  bei  Ljesnica
  wurde  die  ganze  Halbinsel  am  13.  August  abgeschnitten,
  Sabac  am  4.genommen  und  die  serbischen
Befestigungen  bei  Ljesnica  und  Loznica  gestürmt.
Da  aber  die  2.  Armee  Mitte  August  schon  nach  Galizien
  abberufen  wurde,  erlangte  der  Gegner  die  Überlegenheit,
  so  daß  Sabac  am  23.  wieder  aufgegeben  und
die  bereits  geschlagene  Savebrücke  wieder  abgebrochen

1  Bal.  die  Karte  Bd.  l,  S.  232.

4
        <pb n="60" />
        50

werden  mußte.  Ein  zweiter  vorteilhafter  Einbruchspunkt
  findet  sich  vei  Visegrad,  wo  die  Drina  auf
bosnischem  Boden  überschritten  und  eine  Eisenbahnverbindung
  mit  Sarajevo  benutzt  werden  kann.  Von
hier  aus  ist  das  Tal  der  Westlichen  (Serbischen)  Morava
  am  leichtesten  zu  erreichen,  das  in  der  Nähe  von
Krusevac  in  das  Tal  der  Südlichen  (Bulgarischen)
Morava,  der  Hauptlebensader  Serbiens,  mündet.
Den  hier  in  den  Tagen  vom  13.  bis  19.  August  vorstoßenden
  k.  und  k.  Truppen  trat  die  noch  verstärkte
Schumadia-Division  entgegen,  während  sich  auf  österreichischer
  Seite  das  deutsche,  aus  Skutari  zurückkehrende
  Detachement  bei  den  Kämpfen  beteiligte.

Nachdem  auf  Befehl  vom  19.  August  die  österreichisch-ungarischen
  Truppen  in  ihre  ursprünglichen
Stellungen  an  der  Save  und  unteren  Drina  zurückgegangen
  waren,  glaubten  die  Serben  die  Zeit  gekommen,
  um  selbst  angriffsweise  vorzugehen.  Hierfür
  kamen  drei  Richtungen  bzw.  Angriffsobjekte  in
Frage:  Syrmien  und  das  Banat  nördlich  von  Save
und  Donau,  die  Hauptstadt  Bosniens  Sarajevo  und
die  Hafenstadt  Cattaro.  In  großzügiger  Weise  wurde
der  übergang  über  Save  und  Donau  geplant,  aber
so  ungeschickt  ausgeführt,  daß  er  an  keiner  einzigen
Stelle  glückte.  Die  Timok.  Division,  die  am  6.  September
  bei  Mitrovica  die  Save  überschritt,  wurde  fast
vollständig  aufgerieben,  da  die  Osterreicher  alle  Vorbereitungen
  beobachteten  und  sich  selbst  in  dem  Maße
vorbereiten  konnten,  daß  sie  den  Uferwechsel  und  einen
Brückenschlag  in  einem  bestimmten  Grade  sich  vollziehen
  lassen  und  dann  aus  konzentrischer  Aufstellung
über  die  Serben  herfallen  komnten.  Fast  in  gleicher
Weise  wiederholte  sich  dieser  Borgang  kurz  darauf  bei
Progar  und  am  12.  September  bei  Pancsova,  wo  man
etwa  8000  Serben  ungehindert  den  Übergang  ausführen
  ließ,  bevor  man  sie  von  allen  Seiten  angriff.
Noch  während  dleser  verunglückten  Versuche  der  Serben
  gingen  aber  ihre  Gegner  selbst  zur  Offensive  über,
indem  ge  am  8.  September  die  Drina  Überschritten,
die  serbischen  Stellungen  bei  Ljesnica  und  Loznica
überwältigten  und  in  die  Makva  eindrangen.

Gegen  Sarajevo  waren  sowohl  die  Serben  als  die
mit  ihnen  verbündeten  Montenegriner  —  das  Königreich
  stellte  40000  Mann  auf  —  inzwischen  ziemlich
weit  vorgedrungen.  In  den  ersten  Tagen  des  Oktober
wurden  nun  zwei  montenegrinische  Brigaden  in  zweitägigem
  Kampfe  auf  Foka  zurückgeworfen  und  sodann
die  Serben  angegriffen,  die  sich  auf  der  Romania-Planina
  festgesetzt  hatten  und  von  hier  aus  Sarajevo
  bedrohten.  Um  diese  Stellung  wurde  längere
Zeit  mit  wechselndem  Glück  gekämpft,  bis  die  Serben
sie  am  19.  Oktober  aufgeben  mußten.  Noch  einmal
setzten  sie  sich  bei  Rogatica,  von  wo  sie,  am  21.  geschlagen,
  nach  weiteren  Kämpfen  über  die  Drina  gedrängt
  und  am  25.  zum  Verlassen  bosnischen  Bodens
gezwungen  wurden.

Sehr  unbedeutend  waren  die  Ereignisse  bei  Cattaro.
  Die  Montenegriner,  deren  Stellung  auf  dem
Lopcen  die  Stadt  vollständig  beherrschte,  konnten,  obleich

  ihnen  Anfang  Oktober  über  Antivari  schwere
fanz.  Geschütze  zugeführt  wurden,  keinen  Erfolg  erzielen;
  die  Beschießung  durch  eine  franz.  Flottenabteilung
  am  1.  und  19.  Sept.  war  lgehnislos.

Die  österreichisch=  ungarischen  Streitkräfte  unter
Feldzeugmeister  Potiorek  wurden  Mitte  Oktober
zu  einem  kraftvollen  Vorstoß  gegen  Serbien  wesentlich
verstärkt.  Das  am  Oberlauf  der  Kolubara  gelegene,
stark  befestigte  Valjevo  bildete  das  erste  Operations-Am

  Abend  nahmen  die

Die

I.  Kriegsgeschichte

ziel  und  konnte  durch  einen  konzentrischen  Angriff
von  #e  Seiten  her  bedroht  werden.  Zu  diesem
Zweck  sollte  eine  Armeegruppe  von  Nordwesten  her
die  Makva  durchqueren,  Sabac  erstürmen  und  danach.
wiederum  geteilt,  in  der  Weise  vorrücken,  daß  eine
Kolonne  an  der  Save  entlang  über  Obrenovac  Belrad

  zu  erreichen,  während  eine  zweite  südlich  von  der

er  Planina  im  Tal  des  Jadar  und  durch  die  Landschaft
  Podgorina  unmittelbar  gegen  Valjevo  vorzudrängen
  suchte;  die  andere  Gruppe  sollte  von  Westen
her  aus  der  Linie  Ljetznica-Bisegrad  über  die  Drina
gegen  Valjevo  vorgehen.

Die  Serben  hatten  mittlerweile  drei  Armeen
aufgestellt:  die  vereinigte  1.  und  3.,  Ungefähr  130000
Mann,  unter  den  Generälen  Bojowik  und  Sturm,
richtete  in  der  Linie  Lonica  Hrupanf=  Ljubovisg  ihre
Front  nach  Westen,  die  2.,  60000  Mann,  unter  General
  Stepan  owiéc,  stand  mit  nach  Norden  gerichteter
  Front  in  der  Linie  Ljesnica-  Sabac.  Oberbefehlshaber
  war  der  Kronprinz.

Nach  ihrem  übergang  über  die  untere  Drina  erkämpften
  die  von  Nordwesten  vorrückenden  Osterreicher
  am  29.  Oktober  bei  Ravnje  einen  Erfolg,  der,
energisch  ausgenützt,  mehr  und  mehr  Raum  gewinnen
ließ,  bis  am  1.  November  der  allgemeine  Angriff  auf
die  stark  verschanzten  serbischen  Stellungen  bei  Sabac
  unternommen  werden  konnte.  Von  Klenak  her
feuerten  die  Kanonen,  von  Tabanowiè  Maschinengewehre
  und  von  der  Save  aus  griffen  die  Monitore
ein.  Obgleich  die  Serben  sich  mit  Zähigkeit  verteidigten
  —  Frauen  und  Kinder  halfen  bei  dem  Bau  der
Schützengräben,  so  daß  stets  eine  neue  Verteidigungsstellung
  für  eine  aufgegebene  vorhanden  war  —,
mußten  sie  doch  nachmittags  um  4  Uhr  Sabacräumen.
sterreicher  von  der  Stadt
Besitz  und  schoben  ihre  Truppen  sosort  weiter  vor.

In  einer  Stellung,  die  von  den  Abhängen  der
Cer  Planina  bis  zu  den  Höhen  von  Misar  reichte,
leisteten  die  Serben  noch  einmal  heftigen  Widerstand,
doch  wurde  am  10.  November  durch  Eckurmung  dieser
Höhen  ihr  rechter  Flügel  eingedrückt  und  damit  der
Rückzug  in  der  Richtung  auf  Koceljevo  und  Valjevo
erzwungen.  Auch  längs  der  Save  rückten  die  österreichisch-ungarischen
  Truppen,  durch  das  Flankenfeuer
ihrer  Monitore  unterstützt,  ständig  vor;  am  14.  wurde
Skela  erreicht,  die  Serben  wichen  auf  Obrenovac  und
die  Kolubara  zurück.

Unterdessen  war  auch  die  von  Westen  her  vorgehende
  Armeegruppe  siegreich  in  Serbien  eingedrungen
  u.  bezwang  am  8.  Nov.  nach  viermaligem  Sturm,
unter  hervorragender  Beteiligung  der  Artillerie,  den
starken  Stützpunkt  Kostajnik,  was  kurz  darauf  zur
Einnahme  von  Krupanj  führte.  Am  9.  Nov.  wurde
Linie  Loznica-Krupanj-Ljubovija  erreicht,  und
die  Serben  mußten  auch  von  hier  nach  Valjevo  zurückweichen.
  Am  11.  Nov.  konnte  die  Höhenstellung  östlich
  von  Zavlaka  und  am  14.  die  bei  Kamenica,
die  den  Schlüsselpunkt  der  feindlichen  Stellung  von
Valjevo  bildete,  durch  Sturm  genommen  werden.

So  standen  die  beiden  auf  verschiedenen  Wegen
vorgegangenen  österr.=  ungar.  Armeen  siegreich  in
Feindesland  in  einer  Frontlinie,  die  von  der  Save
kurz  vor  Obrenovac  über  Ub,  Kamenica  bis  nach
Stubica  reichte.  Als  Frucht  des  hartnäckigen  heißen
Ningens  und  der  durch  teils  sumpfiges,  teils  gebirgiges
  Gelände  ausgeführten  Gewaltmärsche  konnten  am
15.  Nov.  Valjevo  und  Obrenovacbesetzt  werden,
die  österr.-ungar.  Truppen  hatten  das  Westufer  der
        <pb n="61" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Winter  1914/15

Kolubara  erreicht.  Bei  diesen  Kämpfen  waren  im
ganzen  8000  Gefangene  gemacht,  42  Geschütze  und
31  Maschinengewehre  erbeutet  worden.

Von  Valjevo  aus  rückte  die  Drina-Armee  ohne
Zögern  nach  Süden  vor,  überschritt  mit  einem  Teil
am  25.  November  den  Maljen  und  den  Paß  von
Suvobor,  nahm  mit  einem  anderen  am  26.  Kosjerici
und  besetzte  am  27.  Uzice,  das  als  Endpunkt  der
Linie  Uzice  -  Krusevac  von  besonderer  Bedeutung  ist.

Währenddessen  hatte  die  Save-Armee  unter  erbitterten
  Gefechten,  die  am  16.  November  einsetzten,  die
Kolubara  überschritten  und  am  25.  die  stark  befestigte
Stellung  bei  Lazarevac,  östlich  vom  Fluß,  eingenommen.
  Am  30.  war  das  ganze  östliche  Kolubaraufer
  vollständig  in  österr.=  ungar.  Besitz  und  damit
der  Weg  nach  e#lgrad  frei  geworden.  Die  dortige
Besatzung,  die  bereits  unter  dem  anhaltenden  Feuer
der  Monitore  und  der  Artillerie  aus  Semlin  schwer
zu  leiden  hatte,  sah  sich  nunmehr  so  bedroht,  daß  sie
am  2.  Dez.  die  Stadt  räumte.  Am  3.  Dez.  zogen
die  österr.=  ungar.  Truppen  über  die  Save  und  von
Südwesten  her  in  die  am  2.  besetzte  Hauptstadt  ein.

Die  Serben  gingen  in  die  Linie  Pozarevac-Valjevo-Uzice
  zurück,  der  Sitz  der  Regierung  wurde  nach  Nisch
verlegt.  Ein  Umschwung  trat  aber  sehr  bald  ein.  Die
durch  die  Entwicklung  der  Verhältnisse  auf  dem  galizischen
  Schauplatz  notwendig  gewordene  Wim“i
ziehung  österreichischer  Truppen  gestattete  den  Serben
wieder  zum  Angriff  Überzugehen  u.  die  Österreicher  in
der  Schlacht  von  Arangjelovac  (s.  d.)  zu  besiegen.  Schon
am  15.  Dezember  mußten  die  Osterreicher  vor  den
von  Valjevo  ungestüm  vordringenden  Gegnern  den
serbischen  Boden  mit  Einschluß  von  Belgrad  wieder
räumen.  Da  mit  den  bislang  verfügbaren  Kräften
angesichts  der  Stärke  der  serbischen  Armee  auf  diesem
Kriegsschauplatz  keine  Entscheidung  zu  erkämpfen
war,  entschloß  sich  die  österreichisch--ungarische  Heeresleitung
  dazu,  sich  Serbien  gegenüber  unter  Bindung
  möghlichst  weniger  Einheiten  in  der  Verteidigung
zu  halten,  die  Wiederaufnahme  der  Offensive  einer
günstigeren  Zeit  vorzubehalten.  Es  ergab  sich  nun  sehr
bald,  daß  eine  Weiterführung  des  Angriffs  durch  die
Serben  über  die  Grenzflüsse  hinaus  keine  Besorgnisse
zu  erregen  brauchte.  Krankheiten  aller  Art,  begünstigt
durch  die  unzureichende  “oiier  hatten  in  letzter
Zeit  die  Schlagfertigkeit  der  serbischen  Heere  so  geschwächt,
  daß  ihre  Vorstöße  über  die  Donau  ins
Banat,  über  die  Save  nach  Slawonien  hinein  und
über  die  Drina  nach  Bosnien  mit  Leichtigkeit  vom
österreichischen  Grenzschutz  abgewiesen  wurden.  Es
trat  daher  um  die  Jahreswende  1914  an  derserbischen
Front  wie  im  Westen  und  Osten  ebenfalls  eine  Erstarrung
  in  den  Kämpfen  ein.  —  Der  Krieg  mit
Montenegro  verlief  anfangs  als  Stellungskampf.
Nur  unbedeutende  Gefechte  des  österreich.  Grenzschutzes
mit  den  zunächst  mit  ihren  auf  50000  Mann  geschätzten
  Hauptkräften  sich  ebenfalls  abwartend  verhaltenden
  Montenegrinern  fanden  statt.  Ersterer  stand  in  der
ungefähren  Linie  Cattaro-Trebinje-Visegrad.  Teilvorstöße
  nach  Bosnien  hinein  sowie  gegen  Cattaro
wurden  mit  leichter  Mühe  von  ihm  zurückgewiesen.

5.  Der  östliche  Kriegsschauplatz  im  Winter
1914/151,

Mitte  November  1914  wurde  aus  Anlaß  der  Versendung
  von  Weihnachtsgaben  an  die  Feldtruppen

1  Vgl.  den  Kriegsbericht  bd.  l,  S.  19#ff.

51

die  Stärke  der  deutschen  Gesamtstreitkräfte  bekannt,
  die  danach  zu  dieser  Zeit  100  Armeekorps  zählten
und  sich  folgendermaßen  zusammensetzten:

Deutsche  Bundesstaaten  ohne  Bayern:  44  Armeekorps
  und  44  Res.-K.;  Bayern:  5  A.-K.  und  5  Res.=K.;
  Landwehr  1  Korps,  Marine=  und  Besatzungstruppen
  in  Belgien  1  Korps;  dazu  kamen  die  Eisenbahnformationen
  im  Westen  und  Osten.

cht  russische  Armeen  waren  schon  festgestellt.  Im
November  erschien  bei  Lodz  eine  9.  Armee,  und  in
der  »Winterschlacht  in  Masurene,  Februar  1915,
wurde  die  russische  10.  Armee  zum  Mroßen  Teil  vernichtet.
  Unerschöpflich  schien  das  Menschenmaterial
Rußlands,  immer  neue  Armeen  gegen  die  deutsche
Schlachtlini#zu  werfen,  die  Anfang  November  in  ungefähr
  1000  km  Länge  von  der  Memel  bis  zur  Grenze
von  Rumänien  reichte.

Der  erste  Angriff  der  Deutschen  und  Osterreicher
gegen  die  Weichsellinie  war  Ende  Oktober  durch  Zurücknahme
  der  verbündeten  Truppen  an  die  schlesische
und  westgalizische  Grenze  abgebrochen  worden.  Nun
aber  wurde  der  Osten  zum  Entscheidungsfeld.  Die
Russen  glaubten  ihre  Zeit  zu  einer  Ungrissskewe  ung
großen  Stils  gekommen  und  verkündeten  der  Welt,
daß  sie  eine  große  Offensive  gegen  Posen  und  Schlesien
  z  ergreifen  beabsichtigten.  Mit  einer  ungefähr
1½  Million  zählenden  Truppenmacht  drangen  sie
Anfang  November  zwischen  Nowo-Georgiewst  und
der  westgalizischen  Grenze  über  die  Weichsel  vor.  Da
die  Deutschen  und  Osterreicher  jedoch  bei  ihrem  gemeinsamen
  Rückzug  im  Oktober  Brücken  und  Wege
von  Grund  aus  zerstört  hatten,  nahm  der  russische
Anmarsch  geraume  Zeit  in  Anspruch,  und  diese  nutzten
  die  Verbündeten  dazu  aus,  dem  Feind  mit  einem
Gegenangriff  zuvorzukommen.  Die  9.  Armee  (Mackensen)
  sollte  Zum  Angriff  gegen  den  verhältnismäßig
schwachen  Nordflügel,  der  auf  Posen  marschierte,  umfassend
  vorgehen;  gelang  dieses,  so  war  ein  Aufrollen
der  ganzen  russischen  Front  die  Folge.  In  der  Gegend
von  Krakau  und  an  der  oberschlesischen  Grenze  blieben
stare,  aus  Deutschen  und  OÖsterreichern  gemischte

räfte,  die  zunächst  nur  den  Gegner  festhalten  und
beschäftigen  sollten;  daran  schlossen  sich  die  österreichisch=
  ungarischen  Armeen  in  Galizien,  auch  sie
wurden  auf  den  Angriff  verwiesen.

Zwischen  Jarotschin  und  Thorn  wurde  die  Armee
Mackensen  bis  zum  10.  November  versammelt  und
durch  zwei  Armeekorps  der  8.  Armee  verstärkt.

Mitte  November  waren  die  Russen  mit  ihrem  Aufmarsch
  so  weit  fertig,  daß  ihre  10.  Armee  zwischen
Schirwindt  und  Bialla  an  der  ostpreußischen  Grenze
stand,  die  Hauptkräfte,  nämlich  die  2.,  4.,  5.  und  9.
Armee,  im  ganzen  etwa  25  Korps,  zahlreiche  Kavalleriedivisionen,
  an  die  Warta  vorgeschoben,  in  der
Linie  Pinczow-Jendczejow-Przedlorz-Lask-  Uniezow
  zusammengezogen  waren  (das  Weichseltal  sperrte
die  1.  Armee)  und  die  übrigen  Armeen  in  Galizien
zur  Verwendung  bereitstanden.  Die  in  Polen  stehenden
  russischen  Streitkräfte  führte  der  Großfürst  Nikolai,
  auf  deutscher  Seite  lag  der  Oberbefehl  in  Händen
des  Generalfeldmarschalls  v.  Hindenburg,  dem  die  gesamte
  Leitung  der  deutschen  Operationen  an  der  Ostgrenze
  übertragen  worden  war.

Die  Kämpfe  um  Lodz  und  Lowitsch!
Planmäßig  rückte  General  v.  Mackensen  am  10.
November  aus  der  Gegend  von  Thorn  vor,  stritt  um
1  UOgl.  den  Kriegsbericht  Br.  I.  S.  195f.  3„
4
        <pb n="62" />
        52

13.  und  14.  bei  Wlozlawek  erfolgreich  mit  dem  Feind
und  gewann  am  15.  bei  Kutno  einen  entscheidenden
Sieg,  bei  dem  er  23000  Gefangene  machte  und  70
Maschinengewehre  sowie  mehrere  Geschütze  erbeutete.
General  v.  Morgen  verfolgte  den  Rest  der  östlich,

I.  Kriegsgeschichte

richtete  Linie  Strykow-Zdunska-Wola  entstand.  Am
16.  wurde  der  Bzura-Abschnitt  angegriffen,  am  17.
der  Stra  otenpunkt  85  erreicht,  am  18.  der
rechte  russische  Flügel  von  Strykow  aus  in  der  Richtung
  auf  Brzeziny-Lodz  zurückgeworfen  und  in  den

—

s
WXME«WÆWXWOM'  MwswerMWMM
«  .M,VMM-LMWAMÆOMMFWFMWW
MMAZ-szmeO-AJMMUXWKXMWstMHMM
WLWXWMÆÆHAWWAK  MMIUIDL
MQWWAWFWWMME"  —--  QMJID
ÆMMMJMMMMMM,FMMMMFMLAM-REMED-BuschWnwiexwwæwwwhmzwkwwwwmwt

MWRJMIWÆWWWWMXMFWMMEEZMMWWÆM.
MMMMÆIQUIMMXMIWEAVMWEINMUMÆIMFWXWW
—WeFZcXWckU-JCHMM,WMBGFMMJ.  IMW
s-.--JMPWWJUJFH  WM
OffeufuscasoceaRoIeustrlilt

egen  Lowitsch,  ausweichenden  Truppen,  während
MWedensen  nach  Süden  einschwenkte,  bei  Dombie  ein

—  —

nächsten  Tagen  von  dem  bis  Brzeziny  ausgreifenden
linken  deutschen  Flügel  umgangen.  Von  dort  aus

russisches  Korps  zurückwarf,  den  Ner  beiderseits  von
Lenczyca  überschritt  und  die  hierdurch  in  der  Flanke
bedrohte  russische  Hauptarmee  zwang,  ihre  Front  zurückzubiegen,
  wodurch  die  neue,  nach  Nordwesten  geschoben

  sich  die  Deutschen  in  südwestlicher  Richtung
bis  auf  Tuszyn  vor,  so  daß  die  bei  Lodz  eingezwängte  2.
und  5.  russische  Armee  nun  auch  von  Osten  und  Südosten
  eingeschlossen  war.  Zwei  Kavalleriekorps  waren
        <pb n="63" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Winter  1914/15

im  begeilt  von  Süden  und  Sühwesten  her  den  Rin
zu  schließen,  als  es  den  Russen  im  letzten  Augenbli
gelang,  Hilfe  zu  bringen.  Sie  hatten  Teile  der  an  der
ostpreußischen  Grenze  stehenden  Kräfte  sowie  der  nördlich
  von  der  Weichsel  zurückgegangenen  Korps  durch
Eilmärsche  und  Bahntransport  bei  Skierniewice  versammelt
  und  gingen  von  hier  aus  im  Verein  mit  stärkeren,
  von  Süden  her  anrückenden  Verbänden  gegen
den  Rücken  der  unter  General  von  Scheffer  mit  der
Front  nach  Westen  und  Nordwesten  kämpfenden  fünf
deutschen  Divisionen  vor,  die  nun  von  mehrfach  überlegenen
  Kräften  umklammert  waren.  Obgleich  der
Ernst  der  Lage  nicht  verkannt  wurde,  gab  der  hier
befehligende  General  Litzmann  sich  nicht  verloren.
Durch  seine  tapferen  Truppen  auf  das  glänzendste
unterstützt,  unternahm  er  ein  in  der  Kriegsgeschichte
bisher  einzig  dastehendes  Wagnis  und  durchbrach  in
der  Nacht  vom  23.  zum  24.  November  den  feindlichen
Ring  in  der  Richtung  auf  Brzeziny.  Am  25.  erreichte
er  zwischen  Lodz  und  Läwitsch  den  Anschluß  an  die
Truppen  Mackensens,  die  Lodz  von  Norden  her  bedrohten;
  64  feindliche  Geschütze  und  16000  Gefangene
  brachten  die  Sieger  mit.

In  den  letzten  Novembertagen  erstreckte  sich  die
deutsche  Front,  die  mittlerweile  durch  zwei  weitere  Armeekorps
  aus  dem  Westen  verstärkt  worden  war,  von
dem  westsüdwestlich  von  Lodz  liegenden  Szadek  über
Kazimierz,  nördlich  an  Lodz  vorbei  bis  nordwestlich
von  Lowitsch,  und  die  auf  verhältnismäßig  engem
Raum  sich  drängenden  Russen  richteten  hartnäckige,
sich  stets  wiederholende  Angriffe  auf  diese  Linie.  Ihre
Verluste  dabei  waren  ungeheuer,  und  doch  gelang  es
ihnen  nicht,  Boden  zu  gewinnen.  Als  dann  Anfang
Dezember  die  Deutschen,  durch  Verstärkungen  ergänzt,
zum  Angriff  Übergingen,  konnten  sie  durch  geschickte
Nxi  einer  Lücke  in  der  feindlichen  Stellung

nach  nordöstlicher  Richtung  auf  Pabiance  vordringen
und  die  Russen  südwestlich  von  Lodz  derart  bedrohen,
daß  diese  am  5.  Dezember  die  Stadt  räumen  mußten.
Sie  zogen  sich  hinter  die  Miazga  zurück  ihre  Versuche,
Hilfskräfte  aus  Südpolen  heranzuziehen,  wurden  durch
das  siegreiche  Eingreifen  deutscher  und  österreichisch-Fngarsscher
  Truppen  südwestlich  von  Petrikau  und
durch  die  zu  dieser  Zeit  bereits  eingeleitete  Schlacht  bei
Limanowa-Lapano,  diestarke  russische  Kräftefesselte,
verhindert.  Die  außerordentlich  schweren  Verluste  der
Russen  bei  den  Kämpfen  in  Polen  wurden  am  12.
Dezember  auf  70000  Tote  und  Verwundete  neben
80000  Gefangenen  geschätzt.

Mittlerweile  war  General  v.  Morgen  in  schweren
Kämpfen  g  en  Lowitsch  vorgerückt,  das  die  Russen,
als  Eisen  ahnknolenpunkt  von  Lroßer  Bedeutung,
festungsartig  ausgebaut  hatten.  Deutsche  schwere  Artillerie
  und  österreichische  Motorbatterien  sandten  ihre
Geschosse  unablässig  in  die  Stadt,  und  nach  vierzehntägigem
  Ringen  konnte  am  15.  Dezember  Lomilsch  in
Besitz  genommen  werden.

Mit  den  Erfolgen  bei  Lodz  und  Lowitsch  war  die
lärmend  angekündigte  Offensive  gegen  Posen  und
Schlesien  endgültig  als  gescheitert  zu  betrachten;  jedoch
  hatten  die  Russen  sich  Ende  Dezember  hinter  den
Lauf  der  Bzura#  und  ihres  rechten  Nebenflusses,  der
Rawbka,  zurückgezogen,  wo  sie  in  stark  ausgebauten
Stellungen  erneut  heftigen  Widerstand  leisteten.  Die
beiden  Flüsse  bieten  eine  fast  gerade  von  Norden  nach
Süden  laufende,  günstige  Verteidigungsstellung,  un-1

  Ugl.  die  Karte  S.  60.

53

gefähr  45  km  westlich  von  Warschau.  Ende  Dezember
machte  der  deutsche  Angriff  bei  Rawa,  also  am  linken
Flügel  dieser  Stellung,  einige  Fortschritte,  und  es  gelang
  hier,  die  Rawka  zu  überschreiten;  ebenso  wurde
An  ang  Januar  bei  Volimon  siegreich  gecönutst  und
auch  hier  über  die  Rawka  in  östlicher  Richtung  voredrungen.
  Am  6.  Januar  konnte  bis  zum  Suchabschnitt
  durchgestoßen  werden,  und  zwischen  dem
31.  Januar  und  2.  Februar  brachte  ein  erneuter
deutscher  Vorstoß  den  Gewinn  der  zwischen  Rawka
und  Sucha  gelegenen  russischen  Hauptstützpunkle
Wola-Szydlowieka,  Humin  und  Borzymow.

Auch  nördlich  von  der  Weichsel,  in  der  Gegend  von
Lipno,  Sierpc,  Mlawa  und  Przasuysz,  fanden  während
  des  Dezember  und  Januar  Kämpfe  statt,  die
hauptsächlich  von  der  Kavallerie  ausgefochten  wurden
und  am  3.  Februar  mit  der  Zurückwerfung  der  Russen
  endeten.  Am  13.  Februar  gingen  die  deutschen
Truppen  über  die  untere  Skrwa  und  besetzten  in  der
Folge  Racionz.  Im  allgemeinen  herrschte  aber  deutscherseits
  an  dieser  Linie  in  Polen  jetzt  die  Absicht  vor,
das  Errungene  festzuhalten  und  den  Gegner  zu  beschäftigen,
  während  die  große  siegreiche  Entscheidung
gegen  den  östlichen  Feind  an  einem  anderen  Teil  der
gewaltigen  Schlachtlinie  vorbereitet  wurde.

Die  Vorbereitung  der  österreich.  Gegenoffensivet.
Die  gewaltigen  Truppenmassen,  die  sich  Anfang
November  aus  Rußland  heranwälzten,  waren  nicht
allein  zur  Bedrohung  der  deutschen  Grenzprovinzen
Posen  und  Schlesien  bestimmt,  sondern  sollien  auch
in  Südpolen  und  Westgalizien  aus  dem  Raume  der
wieder  eingeschlossenen  Hestan  Przemysl  und  Stary
Sambor  gegen  die  österreichi  ch-ungarische  Heeresmacht
  vorgehen,  insbesondere  gegen  die  Armee  Dankl,
die  sich  Ende  Oltober  langsam  über  die  Lysa-Gora
in  der  Richtung  auf  Czenstochau  und  Krakau  zurückgeogen
  hatte.  Doch  auch  zur  Abwehr  dieses  feindichen
  Planes  traf  man  zeitig  Vorsorge.  Zur  Untertützung
  der  Armee  Dankl  wurde  aus  den  Karpathen
ie  Aruree  Böhm--Ermolli  herangezogen  und  in  der
Gegend  von  Czenstochau  dem  deutschen  Korps  Woyrsch
angegliedert.  In  der  Gegend  von  Krakau  stand  die
Armee  des  Erzherzogs  Joseph  Ferdinand  zum  Angrüff
bereit.  Hieran  schloß  sich  in  Westgalizien  ein  Teil  der
Armee  Boroevic,  während  ein  anderer  Teil  dieser
Gruppe  und  die  Armee  Pflanzer-Baltin  für  den  notwendigsten
  Schutz  der  Karpathen  einzustehen  hatte.
So  bildeten  diese  Armeen  in  der  Reihenfolge  Böhm-Ermolli,
  Woyrsch,  Dankl,  Joseph  Ferdinand,  Boroevic,
  Pflanzer-Baltin  einen  Wall  vor  Schlesien,  Mähren,
  Ungarn.

Als  die  russische  3.  und  8.  Armee  zwischen  dem  13.
und  17.  November  1914  auf  den  linken  Flügel  dieser
wohlvorbereiteten,  in  guten  Stellungen  behndlichen
Streitmacht  trafen,  waren  sie  überrascht  und  zauderten;
  sofort  setzte  der  österreichisch-ungarische  Gegenangriff
  ein,  um  zu  verhindern,  daß  die  Russen  Verstärkungen
  nach  Nordpolen  entsendeten,  wo  Hindendurg
  in  heißen  Kämpfen  um  Lodz  und  Lowitsch  stand.
Zwischen  dem  17.  und  24.  November  fanden  bei  Woldrom
  und  Pilica  die  ersten  Zusammenstöße  statt,  die
für  die  österreichisch=  ungarischen  Truppen  siegreich
endeten.  Auf  demt  südlichen  Schlachtflügel  griff  der
Erzherzog  Joseph  Ferdinand  von  Krakau  aus  am
22.  November  ein,  erreichte  auch  an  diesem  Tage  den

1  6fgl.  bie  Karte  Bd.  I,  S.  83.
        <pb n="64" />
        64

Szreniawa-Abschnitt,  mußte  jedoch  zurückgehen,  da
die  Russen  starke  Kräfte  vom  linken  auf  das  rechte
Weichselufer  warfen  und  ihn  dadurch  von  Süden  zu
umfassen  drohten.  In  den  folgenden  Tagen  wurden
die  Truppen  des  Erzherzogs  im  Raume  Saybusch-Chabowka
  versammelt;  damit  mußte  die  Ostfront  der
Festung  Krakau  zunächst  dem  Feinde  preisgegeben
werden,  was  ohne  Bedenken  geschehen  konnte,  weil
die  West=  und  Südfront  durch  die  Stellung  des  Erzherzogs
  geschützt  und  somit  einer  Einschließung  der
Stadt  vorgebeugt  war.  Die  Festungsbesatzung  nahm
unter  Führung  des  Feldmarschalleutnants  Kuk  an
den  nun  folgenden  Kämpfen  tätigen  Anteil  und  bewies
  eine  außerordentliche  Tatkraft  in  der  Anwendung
  ihrer  Kampfmittel.  Am  29.  November  wurde
die  4.  Armee  unter  Feldmarschalleutnant  Roth  von
Krakau  nach  MzZana-Dolna  transportiert,  um  die
Russen  bei  Jordanow-  Chabowka  anzugreifen  und
hierdurch  die  beobachtete  weitere  Vorschiebung  russischer
  Truppenmassen  nach  Westen  aufzuhalten-  Am
2.  Dezember  begannen  die  Kämpfe;  damit  wurde  die
Schlacht  bei  Limanowa  eingeleitet.

Die  Schlacht  bei  Kimanowa-  Lapanomte
Sowie  der  Erzherzog  seine  Streitkräfte  versammelt
hatte,  ging  er  am  5.  Dezember  von  Kasina-Wielka
auf  Limanowa  vor,  schwenkte  dort  nach  Norden  ein
und  griff  die  gegen  die  Armeegruppe  Roth,.  zu  der
auch  eine  deutsche  Division  gestoßen  war,  kämpfenden
  Russen  von  Süden  an.  Indessen  zogen  diese
Teile  ihrer  bisher  in  den  Karpathen  kämpfenden  Truppen
  über  Neu-Sandec  heran  und  bedrohten  die  Flanke
des  Erzherzogs.  In  den  nächsten  Tagen  kam  es  zu
äußerst  heftigen  Zusammenstößen,  die  am  11.  Dezember
  zum  blutigen  Handgemenge  führten;  jedoch
vermochten  die  Russen  nirgends  durchzubrechen,  obleich
  sie  Hrr  zahlenmäßige  Überlegenheit  mit  rück-Lchrieser
  ufopferung  einsetzten.  Unterdessen  hatte
der  in  den  Karpathen  an  der  Duklasenke  stehende  General
  Boroevic  erkannt,  daß  die  russischen  Linien  vor
ihm  immer  dünner  wurden;  er  ging  zum  Angriff
über,  jagte  die  Russen  durch  das  Poprad-  und  Dunajectal
  vor  sich  her  und  unterstützte  die  in  der  Linie
Bmanowa--#ahono  kämpfenden  Kräfte.  Am  14.
Dezember  war  die  Schlacht  durch  einen  vollen  Sieg
der  Verbündeten  entschieden,  die  30000  Gefangene
und  umfangreiches  Kriegsmaterial  erbeuteten.  Sie
erreichten  im  Anschluß  an  diesen  Erfolg  in  Südpolen
die  Pilica=  und  Nidalinie,  in  Galizien  den  Dungjec.
Am  Ostufer  dieses  Flusses,  in  der  Gegend  von  Zakliczyn,
  entspannen  sich  in  der  Folge  erbitterte  Kämpfe,
und  Ende  Dezember  setzten  die  Russen  hier  wieder
neue  bedeutende  Verstärkungen  ein.  Unentwegt  rannten
  sie  zwischen  dem  23.  und  31.  Dezember  gegen  eine
halbwegs  Zakliczyn  und  Tuchow  gelegene,  beherrschende
  Höhenstellung  an,  ohne  Esgong  zu  erzielen.
Anfang  Januar  standen  die  Russen  in  einer  Frontlinie,
  die  sich  au  Ostufer  des  Dunajec  entlang  bis
Tuchow  hinzog  und  von  dort,  westlich  an  Tuchow
rorbei,  bis  in  den  Raum  von  Gorlice  erstreckte.  Vom
F.  Januar  an  fanden  in  dieser  Gegend  heftige  Kämpfe
statt,  in  denen  besonders  die  Artillerie  zur  Geltung
kam;  diese  zwang  am  18.  Januar  die  Russen  zum
Verlassen  ihrer  vordersten  Stellung  auf  den  Höhen
östlich  von  Zakliczyn.  Während  die  Osterreicher  diese
Stellung  erfolgreich  festhielten,  wurde  die  Armee  Borvevic

  wieder  in  die  Karpathen  zurückgedrängt.

1  Vgl.  die  Karte  Bb.  I.  S.  200,1.

1.  Kriegsgeschichte

Die  Winterschlacht  in  Masuren.

Nachdem  in  der  Schlacht  bei  Tannenberg  die  russischen
  Eindringlinge  vernichtet  und  in  der  ersten
Schlacht  an  den  Masurischen  Seen  ebenfalls  geschlagen
waren,  mußten  die  deutschen  Truppen  in  Ostpreußen,
zugunsten  anderer  Kriegsschauplätze  auf  das  notwenigste

  beschränkt,  sich  auf  eine  zähe  Verteidigung  einrichten;
  das  hierzu  geeignetste  Gelände  wurde  in  der
Angerapp--Linie  mit  der  nach  Süden  sich  anschließenden,
  ausgedehnten  Masurischen  Seenplatte  gefunden.
Mit  unerschrockener  Tapferkeit  hielt  die  hauptsächlich
aus  Landwehr  und  Landsturm  bestehende  8.  Armee
unter  General  Otio  v.  Below  die  Linie  Spirdingsee-Mauersee
  gegen  einen  weit  überlegenen,  sich  allmählich
immer  mehrverstärkenden  Feind.  Bei  Pillkallen,  Eydtkuhnen,
  Stallupönen  und  östlich  von  den  Masurischen
Seen  unternahmen  die  Russen  unter  General  Sievers
  im  November  Vorstöße,  im  Januar  griffen  sie
bei  Gumbinnen,  Lötzen  und  östlich  vom  Brückenkopf
von  Darkehmen  an,  wurden  jedoch  abgewiesen.  An
dieser  Front  war  die  10.  russische  Armee  gebildet  worden,
  sie  stand  schon  am  3.  November  in  der  Linie
Schirwindt-Bialla  in  einer  Stärke  von  acht  Armeekorps
  mit  ungefähr  200000  Mann.
eneralfeldmarschall  v.  Hindenburg  beschloß,  durch
einen  vernichtenden  Schlag  Ostpreußen  vom  Feinde
¾l  befreien.  Im  Westen  war  die  kriegerische  Handung
  im  Stellungskrieg  erstarrt.  Hinter  der  8.  Armee
wurden  bis  Anfang  Februar  im  Westen  entbehrliche
und  ferner  neu  aufgestellte  Truppen  zusammengezogen
und  die  Kräfte  in  eine  8.  (Below)  und  10.  (Eichhorn)
Armee  gegliedert-  Die  8.  Armee  bestand  aus  dem
I.  A.-K.,  dem  40.  Res.-K.,  1  Res.-Div.  und  2  Landwehr
  -Divisionen  und  1½  Kavalleriedivision,  die
10.  Armee  aus  dem  XXI.  A.-K.,  dem  38.  und  39.  Res.
A.-K.,  1  Gardebrigade  und  1  Kavalleriedivision.

Am  7.  Februar  gingen  sie  zum  Angriff  vor.  Strenger
  Frost  und  dichter  Schnersal-  erschwerten  die  Bewegungen
  der  Truppen,  die  indessen  einem  Winterfeldzug
  entsprechend  ausgerlstet  waren,  und  denen
eine  große  Anzahl  Schlitten  sowie  Schlittenkufen  zur
Verfügung  standen.  Der  rechte  Flügel,  die  8.  Armee,
sollte  aus  der  Gegend  von  Johannisburg  über  Lyd
nach  Augustow-Suwalki  vorgehen,  der  linke,  die  10.
Armee,  über  Tilsit  den  Feind  rechts  umfassen.

So  gut  hatte  der  Aufmarsch  verschleiert  werden
können,  daß  die  Russen  von  dem  ersten,  am  7.  Februar
aus  der  Gegend  westlich  von  Johannisburg  geführten
Stoß  völlig  überrascht  waren;  obgleich  sie  den  Jobanntshurger
  Forst  mit  Drahthindernissen  gesperrt

atten,  wurden  sie  im  schnellen  Ansturm  daraus  vertrieben,
  und  während  die  Division  Falck  am  8.  Johannisburg
  einnehmen  konnte,  hatten  die  Truppen
Litzmanns  bereits  in  der  Nacht  vorher  den  übergang
über  den  Pissek  (russ.  Pissa)  erzwungen.  Gegen  die
Flanke  dieser  Division  gingen  am  8.  Febr.  russische,  aus
Kolno  herangezogene  Truppen  vor;  es  gelang  jedoch.
sie  noch  am  selben  Tag  zurückzuwerfen,  und  am  9.  mit
Falck  vereint  auf  Lyck  vorzudringen.  Aus  Bialla
wurden  die  Russen  auch  an  diesem  Tag  vertrieben.

Unterdessen  hatte  ein  Teil  des  linken  Flügels  unter
General  Lauenstein  am  8.  Februar  den  Schoreller
Forst  vom  Feind  gesäubert  und  war,  da  eine  allgemein
  rückgängige  Bewegung  auf  gegnerischer  Seite
wahrgenommen  werden  konnte,  noch  am  selben  Tag

1  Bgl.  Rebenkarte  Bd.  1.  S.  196/7  und  den  Kriegsbericht  Bo.  1,
S.  1096  ff.
        <pb n="65" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1915

weiter  vorgegangen,  obgleich  die  Artillerie  noch  nicht
vollzählig  zur  Stelle  war.  In  einer  gut  vorbereiteten
Stellung  bei  Pillkallen-Stallupönen  versuchten  die
Russen,  Widerstand  zu  leisten,  mußten  aber  sofort  in
eine  dritte,  gleichfalls  vorbereitete  Stellung  südlich
Wirballen  zurückweichen.  Eineinhalb  Divisionen
stark  trafen  sie  hier  am  Nachmittag  des  10.  ein  und
glaubten  sich  in  der  Linie  Eydtkuhnen—Kibarty-Wirballen
  erholen  zu  können.  Trotz  des  Schneesturms
traf  aber  die  deutsche  Infanterie  mit  einigen  Geschützen
rechtzeitig  ein,  um  noch  am  Abend  des  10.  Eydtkuhnen
und  um  Mitternacht  Wirballen  erstürmen  zu  können.
In  den  nächtlichen  Straßenkämpfen  wurden  10000
Russen  zu  Gefangenen  gemacht,  und  auf  den  Bahnhöfen
  fand  sich  eine  fast  unermeßliche  Beute  an  Ver-.
  pfläkungsmatcriah  .
n112.FebkuarwurdekmfiereichenVordringen

die  Linie  Wizlingen-Kalwarja-Mariampol  erreicht,
und  nun  brachen  auch  die  Landwehr=  und  Landsturmtruppen
  aus  den  See-Engen  hervor.  Nach  harten
Kämmpfen  konnten  die  deutschen  Truppen  am  14.  Februar
  von  zwei  Seiten  her  in  Lyck  einziehen,  und  am
15.  war  der  ostpreußische  Boden  frei  vom  Feind,  dessen
der  Vernichtung  entgangene  Reste  in  die  Wälder  bei
Augustow  und  Suwalki  flohen.  Tatkräftig  verfolgt,
mußten  sie  sich  am  21.  ergeben,  und  am  22.  konnte  die
Gesamtbeute  auf  11  Generale,  über  110000  Mann
an  Gefangenen  und  300  Geschütze  angegeben  werden.

Ende  Februar  war  aus  russischer  Reserve  eine  neue
10.  Armee  gebildet,  die  von  Grodno  aus  über  die
Bobr--Linie  gegen  die  deutschen  Stellungen  vorstieß,
aber  abgewiesen  wurde,  die  deutsche  Gegenoffensive
vom  9.  bis  11.  März  führte  zum  schleunigen  Rückzug
des  Gegnersv.

Der  russische  Plan,  den  Nordzipfel  Ostpreußens
zu  besetzen,  wurde  ebenfalls  vereitelt.

Karpathenkämpfe  und  Hefreiung  der  Sukowina.

Als  Anfang  November  die  österreichisch-ungarischen
  Streitkräfte  in  großer  Anzahl  für  die  Kämpfe
in  Südpolen  und  Westgalizien  benötigt  wurden,  blieb
nur  die  Armeegruppe  Pflanzer-Baltin  und  ein  Teil
der  Armee  Boroevic  zum  Schuh,  der  Karpathen“
und  der  Bukowina  übrig,  eine  lleine  Schar  für  die
Strecke  vom  Uzsoker  Paß  bis  zur  Grenze  von  Rumänien.
  Um  sich  der  andringenden  übermacht  besser  erwehren
  zu  können,  zog  Pflanzer-Baltin  seine  Truppen
  mehr  zusammen,  räumte  am  29.  November
Czernowitz  und  ging  über  das  Suczawatal  bis  zur
Goldenen  Bistritza  zurück.

Obgleich  die  Osterreicher  in  den  Karpathen  mit  unerschrockener,
  fast  verzweifelter  Tapferkeit  kämpften,
mußten  sie  bis  Ende  Dezember  den  Dukla-,  den  Lupkower
  und  den  Uzsoker  LPat  den  Russen  üÜberlassen.

Anfang  des  Jahres  1915  wurde  am  Südrand  der
Karpathen  unter  General  v.  Linsingen  eine  neue,  aus
Deutschen  und  Österreichern  gemischte  Armee  gebildet,
die  aus  der  Linie  Kalocsa-Laz-Okörmezö-Volocz-Vezerzallas
  gegen  die  Pässe  vorging.  Ende  Januar
trat  diese  Gruppe  den  siegreichen  Vormarsch  an,  der
aus  dem  Ungtal  am  26.  Vanmar  zur  Eroberung  des
Uzsoler  Passes  führte,  die  Russen  am  27.  über  Toronya
  zum  Wyszkowpaß  zurückdrängte  und  sie  Anfang
  Februar  aus  ihrer  Stellung  Vereczke-Tucholka

1  Bgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  I.  S.  199.  —  Bal.  den  Kriegsbericht
  Vd.  L,  S.  201  f.  —  7  BHfgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  1.  S.  202.
—  4  6  die  Karte  Bd.  I,  S.  210/1  und  die  Kriegsberichte  Be.  1.
S.  199  f.  und  201.

55

warf.  Die  sich  hieran  anschließenden  heißen  Kämpfe
um  den  Zwinin  endeten  geichfalls  mit  dem  Siege
der  Verbündeten  Anfang  April.

Noch  einmal  unternahmen  die  Rufsen  einen  Anriff

  auf  den  Duklapaß,  konnten  am  29.  Januar  dieaen
  und  die  westlich  davon  glegenen  Sattelübergänge
überschreiten  und  bis  nach  Bartfeld  vordringen.  Hier
von  den  Verbündeten  zurückgeworfen,  wilbeerholten
die  Feinde  ihre  Anstrengungen,  was  am  3.  Februar

ur  vorübergehenden  Einnahme  einer  Verteidigungsstelung
  auf  dem  Kastelikarch  führte,  aus  der  sie  am
4.  wieder  vertrieben  wurden.

Auch  die  Bukowinat  kam  wieder  in  die  rechtmäßigen
  Hände.  Am  19.  Januar  Lingen  zwei  öfterr.
ungarische  Divisionen  von  zwei  Seiten  her  gegen  das
von  den  Russen  besetzte,  an  der  Goldenen  Bistritza
gelegene  Kirlibaba  vor  und  nahmen  den  Ort  am  22.

er  Feind  wich  in  das  Moldawatal  zurück.  Sein
am  30.  versuchter  Gegenstoß  über  den  Mestikanestiepaß
  wurde  abgewiesen.  worauf  er  auf  Kimpolung
zurückging,  und  von  hier  wurde  er  am  6.  Februar
durch  die  Division  Lilienhof  vertrieben,  die  in  der
Folge  auch  Radautz  besetzte.  Inzwischen  drang  die
Division  Czibulka  in  das  obere  Suczawatal  gegen
Seletin  vor.  Eine  dritte  nördliche  Kolonne  hatte  über
den  Jablonikapaß  Wizni  am  Czeremose  (Nebenfluß
des  Pruth)  erreicht  und  bedrohte  die  rechte  feindliche
Flanke,  was  die  Russen  zwang,  vom  Sereth  aufttsernowitz
  zurückzugehen,  das,  am  14.  von  Westen,  Süden
u.  Osten  bedroht,  am  17.  geräumt  wurde.  Am  Tage
zuvor  nahmen  die  ÖOsterreicher  auch  Kolomea  wieder
ein,  und  am  20.  war  die  Bukowing  frei  vom  Feind.

Die  Russen  hatten  bei  ihrem  Anmarsch  gegen  Westgalizien
  am  10.  November  Przemysl  wieder  eingeschlossen,
  enthielten  sich  aber  diesmal  aller  Sturmangriffe
  und  begnügten  sich  damit,  die  Zufuhr  abz.
schneiden.  Mit  großer  Tapferkeit  wehrte  sich  die  Besatzung
  unter  Feldmarschalleutnant  Kusmanek  durch
Ausfälle  und  Veunrust  ung  der  Belagerer  doch  nach
und  nach  erschöpften  ch  die  Vorräte,  die  zwischen  der
ersten  und  zweiten  Einschliehung  nicht  hinreichend
hatten  aufgefüllt  werden  können,  derart,  daß  die  Festung
  nach  einem  letzten  großen  Ausfall  (19.  März),
bei  dem  10000  Mann  verlorengingen,  am  22.  übergeben
  werden  mußte.  In  Gefangenschaft  gerieten
44000  Unverwundete,  28000  Verwundete  u.  45000
Arbeitssoldaten.

Unmittelbar  darauf  wurde  die  frei  gewordene  Belagerungsarmee
  zur  Unterstützung'  der  unaufhör--lichen
  russischen  Angriffe  gegen  die  österreichische  Karpathenstellung
  zwischen  Wyszkow  und  Lupkow  verwendet,
  und  im  westlichen  Karpathenabschnitt  bis  zum
Uzsoker  Paß  entwickelte  sich  eine  neue  Schlacht,  die  von
den  Russen  mit  großen  Blutopfern  bezahlt  werden
mußte.  Vom  23.  März  ab  standen  die  Verbündeten
hier  Tag  und  Nacht  in  zähen,  hartnäckigen  Verteidigungskämpfen
  gegen  die  ungestümsten  Angriffe,  die
den  Russen  jedoch  keinen  wesentlichen  Vorteil  brachten
  und  ihre  spätere  Niederlage  vorbereiten  halfen.

6.  Die  große  Offensive  im  Osten,  Sommer
  1915.
Nachdem  die  mit  allen  verfügbaren  Kräften  unternommene

  Offensive  des  Generals  Joffre  in  der  Champagnes
  gescheitert  und  auf  dem  westlichen  Kriegs-1

  Bel.  bie  Karte  bei  S.  92.—  2  Vgl.  die  Karte  Bd.  1.  S.  2237.
        <pb n="66" />
        56

schauplatz  infolge  der  starken  Verluste  an  Menschen
und  an  Munition  für  die  nächsten  Monate  verhältnismäßige
  Ruhe  vorauszusetzen  war,  konnten
die  deutschen  Streitkräfte  auf  dem  östlichen  Kriegsschauplatz
  vermehrt  werden,  und  da  mit  dem  eintretenden
  wärmeren  Wetter  auch  das  Gelände  gangbarer
  wurde,  konnte  man  den  Plan  fassen,  aus  der
Defensive  herauszutreten.

Nach  den  während  des  Winters  1914°/15gegen  Rußland
  errungenen  Erfolgen  verlief  Anfang  April  die
Front  der  Verbündeten  auf  der  mehr  als  1300  km
langen  Linie  vom  Ostseegestade  bei  Polangen  über
Tauroggen-Jurburg-Mariampol-Augustow-Lomsha.
  dog  sich  von  hier,  dem  Lauf  der  ostpreußischen
Grenze  gleichlaufend,  zurück,  berlhrte  in  Nordpolen
Przasg  und  Ciechanow,  zog  sich  östlich  von  Plozk
vorbei  quer  über  die  Weichsel,  an  der  Bzura  und
Rawka  und  weiterhin  an  der  Nida  entlang.  In
Westgalizien  führte  die  Linie  über  Tarnow-Zakliczyn-Grybow
  bis  wenige  Kilometer  südlich  von  Gorlice,
  bog  hier  nach  Südosten  um  und  lief  in  der
Richtung  des  Karpathenkammes  über  Lupkow-Uzsok-Toronya-Ottynia
  bis  zur  Grenze  Beßarabiens.  Bedeutendes
  war  erreicht,  der  Feind  aus  dem  letzten
Zipfel  deutschen  Gebietes  vertrieben,  von  Polen  ein
breites  Stück  besetzt  und  jedem  weiteren  Vordringen
in  Galizien  ein  fester  Damm  entgegengestellt.  Geschwächt
  war  der  Feind;  nun  galt  es,  seine  Macht  zu
zerbrechen.

Auf  beiden  Seiten  der  ungeheuren  Kampffront
sprangen  die  Flügel  gegen  das  in  Polen  gelegene

entrum  um  ein  Bedeutendes  vor,  und  von  ihnen
aus  wurde  zunächst  im  Süden,  in  Galizien,  Mitte
Juli  auch  im  Norden  an  der  Njemenfront  der  großartig
  g#ebtante.  gewaltige  Angriff  unternommen,
dessen  Durchführung  in  feinen  olgen  die  Weichsellinie
  mit  ihren  Festungen  zu  Fall  brachte,  die  verbündeten
  Heere  bis  zur  Bug-Njemen-Linie,  ja  darüber
hinaus  bis  in  die  Pripetniederungen  und  bis  zum
Styr  vordringen  ließ.

Der  urchbruch  bei  Gorliret.

Während  Anfang  April  die  Truppen  des  Erzherzogs
  Joseph  Ferdinand  am  Dunajec  ihre  Stellun-*
  mit  Zähigkeit  verteidigten  und  Boroevic  in  den

arpathen  in  heißen  Kämpfen  stand,  wurde  zwischen
diese  beiden  Heeresteile  eine  neue  deutsche  Armee  unter
General  v.  Mackensen  eingeschoben.  Ihr  siel  in  Verbindung
  mit  der  des  Erzherzogs  hauptsächlich  die  Ausgabe
  zu,  die  Umfassung  der  Weichselstellung  von  Galizien
  aus  durchzuführen.  Zuvor  mußten  aber  die  Russen
aus  den  Karpathen  und  aus  Galizien  zurückgedrängt
werden.  Für  den  Durchbruch  ihrer  Stellung  eignete
sich  am  besten  deren  vorspringender  Teil  bei  Gorlice,
weil  von  diesem  Punkt  aus  sowohl  die  Karpathenfront
  als  die  Dungjecstellung  flankiert  und  aufgerollt
werden  konnte.

Alle  Vorbereitungen  für  den  geplanten  Offensivstoß
wurden  so  glatt  ausgeführt  und  so  gut  verschleiert,
daß  die  Russen  nichts  davon  bemerkten;  sotten  sie
doch  mit  einem  Angriff  auf  gerade  diese  stark  ausgebaute
  Stelle  ihrer  Front  wohl  kaum  gerechnet,  was
auch  daraus  hervorgeht,  daß  sie  zu  dieser  Zeit  ihre
Verstärkungen  teils  nach  Polen,  teils  nach  Südostgalizien
  schickten.  Bei  Gorlice  kam  in  der  Hauptsache

1  Bfgl.  die  Karte  Bd.  I,  S.  210°1  und  den  Kriegsbericht  Bd.  1,
E.  208  fr

I.  Kriegsgeschichte

ihre  3.  Armee,  aus  dem  10.,  11.,  12.,  24.  und  dem  3.
kaukasischen  Korps  sowie  mehreren  Reservedivisionen
bestehend,  in  Frage.  woran  sich  die  8.  Armee  anschloß.
Deu  Oberbefehl  sähre  General  Radko  Dimiitrieff.

Den  verbündeten  Heeren  erleichterte  das  sonnige.
trockne  Wetter  den  Erkundungsdienst  der  Flieger  und
das  Einschießen  der  Artillerie,  das  am  Nachmittag
des  1.  Mai  begann;  auch  die  Nacht  hindurch  blieben
die  Kanonen  in  Tätigkeit,  nur  durch  die  Feuerpausen
unterbrochen,  in  denen  Pioniere  die  Drahthindernisse
durchschnitten.  Am  2.  Mai  um  6  Uhr  morgens  wurde
das  Geschützfeuer  zu  höchster  Kraft  gesteigert,  um  10
begann  der  Sturm.  War  der  Gegner  auch  an  manchen
  Stellen  durch  die  Artillerie  so  stark  erschüttert,
daß  er  kopflos  die  Flucht  ergriff,  so  leistete  er  doch
an  anderen  um  so  zäher  Widerstand.  Die  Truppen
der  Verbündeten  wetteiferten  im  Vorwärtsstürmen,
Bayern,  schlesische  Regimenter,  galizische  und  ungarische
  Truppen  wie  auch  preußische  Garde  hatten  hervorragenden
  Anteil  an  dem  Sieg.  Am  Abend  des
2.  Mai  war  die  erste  Hauptstellung  in  16  km  Ausdehnung
  und  4  km  Tiefe  genommen,  der  Feind  auf
der  Linie  Malastow-Gorlice  —  Gromnik  vollständig
geschlagen.  Unterdessen  hatten  Osterreicher  in  der  Nacht
vom  I1.  zum  2.  Mai  den  Dungjecübergang  erzwungen.
Am3.  Mai  wurde  der  Feindin  heißen  Kämpfen  aus  der
nordöstlich  von  Gorlice  gelegenen  Stellung  bei  Biecz
verdrängt.  Am  4.  Mai  war  der  Durchbruch  vollendei,
die  stark  befestigte,  150  km  lange  Front  zwischen
Weichsel  und  Karpathenhauptkamm  an  vielen  Stellen
eingedrückt;  eilig  flüchteten  die  Russen  von  Jaslo  aus
in  nördlicher  und  nordöstlicher  Richtung.  Nur  wenige
Kilometer  war  Mackensens  Armee  noch  von  der  Wisloka
  entfernt;  sein  rechter,  von  General  v.  Emmich
gefehligter  icge  stieß  in  Gewaltmärschen  über  diesen
Fluß  bei  Zmigrod  bis  zur  Jasiolka  vor,  von  wo  aus
er  Stadt  und  Paß  von  Dukla  unter  Feuer  nehmen
konnte.  Vergeblich  warfen  die  Russen  zur  Deckung
ihres  Kückzugs  frische  Regimenter  an  die  Fromt-  auch
diese  wurden  in  die  allgemeine  Verwirrung  mit  hineingerissen.
  Die  Gegend  von  Jaslo  und  Dukla  war
am  6.  Mai  erkämpft,  und  am  selben  Tag  gelang  es,
den  Gegner  aus  seinen  letzten  Stellungen  am  Dunajer
und  Biala  zu  verdrängen,  Tarnow  einzunehmen.
Der  Durchbruch  war  vollendet.

Bereits  am  5.  Mai  begann  die  Wirkung  des  Sieges
  sich  auch  in  den  westlichen  Karpathen  sahtbar  zu
machen.  Die  bisherige  Front  Zboro-Sztropko-Lupkow
  war,  weil  in  der  Flanke  stark  bedroht,  nicht  mehr
zu  halten,  der  schleunige  Rückzug  übertrug  sich  am  7.
auch  auf  die  östlich  von  Lupkow  gelegenen  Stellungen,
wo  die  Orte  Telepocz,  Zellö  und  Nagypolani  von
den  Verbündeten  genommen  wurden,  worauf  sie  den
Grenzkamm  des  Gebirges  erreichten.  Unterdessen
gatten  die  Truppen  des  Erzherzogs  am  7.  zwischen

ilzuo  und  Jaslo  die  Wisloka  überschritten,  während
  südlich  davon  im  Raume  Dukla-Rymanow  dem
Feinde  die  Karpathenstraßen  gesperrt  wurden  und
Krosno  fiel.

Bei  Mackensens  Armee  begann  sich  jetzt  schon  die
später  ausgeführte  Schwenkung  nach  Norden  dadurch
vorzubereiten,  daß  der  linke  Kugel  an  der  unteren
Wisloka  immer  mehr  zuriückgehalten,  der  rechte  stets
verlängert  und  durch  über  das  Gebirge  vordringende
Truppen  verstärkt  wurde.  So  zeigte  die  erst  nach  Osten
gerichtete  Front  am  8.  Mai  schon  nordöstliche  Richtung;
  die  Verbündeten  nahmen  an  diesem  Tage  ungefähr
  die  Linie  Uzsoker  Paß-  Komancza-Krosno-
        <pb n="67" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1915

Debica-Szcucin  ein.  Gegen  die  im  Raum  von  Sanok
und  Lisko  zusammengedrängten,  von  Westen  und
von  Süden  her  bedrohten  russischen  Streitkräfte  war
am  10.  Mai  der  obere  Wislok  überschritten  und  von
Südwesten  aus  die  Linie  Dwernik-Baligrod-Bukowsko
  erreicht.

Bei  Debica,  an  der  mittleren  Wisloka,  gelang  es

zwischen  dem  9.  und  11.  Mai  der  Armee  des  Erzherzogs
  noch  einmal,  die  feindliche  Linie  zu  durchbrechen,
  wodurch  die  noch  an  der  unteren  Wisloka
stehenden  Russen  zu  eiligem  Rückzug  veranlaßt  wurden.
  In  den  süchten  Tagen  fielen  istewwe  Dynow,
Sanok  und  Lisko  in  die  Hände  der  Verbündeten,
während  der  Erfolg  von  Debica  sich  nun  auch  schon
an  der  Nidafront  in  Südpolen  geltend  machte,  wo
am  10.  und  11.  die  russischen  Reihen  anfingen  zu
wanken,  was  die  dort  stehende  Armee  Woyrsch  benutzen
  konnte,  um  bis  über  Kielce  vorzudringen.
Hanno  verzweifelter  gestaltete  sich  die  Lage  der
russischen  Armeen;  außer  der  3.  wurde  nun  auch  die
8.,  die  im  wesentlichen  zwischen  Lupkow  und  Uzsok
gestritten  hatte,  in  die  Niederlage  mit  hineingezogen,
und  in  völliger  Unordnung  flutete  das  ganze  *

Zegen  den  San  in  der  Linie  Chyrow-Przemysl-Ja--  9

Toslau  zurück.  Vom  2.  bis  zum  12.  Mai  waren  zwei
russische  Armeen  fast  vernichtet,  143  500  Gefangene
gemacht,  100  Geschütze  und  350  Maschinengewehre
erbeutet  worden.  Ein  einziges  Korps  der  Verbündeten
  nahm  binnen  dreier  Tage  Mannschaften  von
51  verschiedenen  Regimentern  gefangen,  ein  Zeichen
für  die  Auflösung  des  feindlichen  Heeres.

Die  Bückeroberung  von  Przemysl!.

Mit  erstaunlicher  Geschwindigkeit  trugen  die  Verbündeten
  ihren  Angriff  weiter  vor  und  dehnten  ihn
zugleich  auf  beide  Flügel  aus.  Am  15.  Mai  war  der
Feind  auf  der  ganzen  Front  von  Nowo-Miasto  an
der  Pilica  bis  in  die  Gegend  von  Dolina,  südlich  vom
Dujestr,  im  Weichen.  Bereits  am  14.  konnten  ihn
die  Armeen  Dankl  und  Woyrsch  von  der  Gegend  östlich
  von  Petrikau  bis  gegen  die  obere  Weichsel  verfolgen;
  die  erzherzoglichen  Truppen  warfen  ihn  bei
Jaroslau  über  den  San  anschließend  war  Mackensen
  im  Vordringen,  bei  Dobromyl  und  Stary-Sambor
  verfolgten  die  Armeen  Boroevic  und  Böhm-Ermolli.
  Ostlich  davon  ging  Linsingen  über  Turka  am
Stryj  und  über  Skola  vor,  und  nur  noch  in  Südostgalizien
  hatten  die  Russen  Kraft  zum  Standhalten,
ja  am  Pruth  mußten  bei  Kolomea  von  ihnen  unternommene
  Angriffe  durch  die  Armee  Pflanzer-Ballin
abgewiesen  werden.  Diese  steigerten  sich  in  der  nächsten
  Zeit  zu  einer  starken  Gegenoffensive,  die  jedoch  am
20.  Mai  zum  Stehen  gebracht  wurde,  ein  neuer  Beweis
  für  den  eisernen  Siegeswillen  aller  Truppen.

Inzwischen  brachte  in  Mittelgalizien  jeder  Tag
neuen  Erfolt.  Bis  zum  18.  Mai  war  es  gelungen,
das  Ostufer  des  San  zu  gewinnen,  Sieniawa  zu  erobern.
  In  den  folgenden  Tagen  wurde  dieses  Gebiet
gegen  starke  russische  Kräfte  in  heißem  Kampf  verteidigt
  und  am  25.  auf  der  Linie  von  Sieniawa  bis
zum  oberen  Dujestr  wieder  vorgegangen.  Nördlich
von  Przemysl  nahm  Mackensen  Radymnow,  erzwang
auch  hier  den  Sanübergang  und  erkämpfte  den  Besitz
  des  hartnäckig  verteidigten  Ortes  Nienowice,  während
  südöstlich  von  der  Festung  die  Armeen  Puhallo

1Bgl.  die  Karten  S.  58  und  Vd.  I,  S.  210/1  sowie  den  Kriegsdericht
  Bd.  1,  S.  212.

57

und  Böhm-Ermolli  am  26.  bis  Husakow  vorgedrun-#en
  waren.  Bereits  am  30.  war  es  möglich,  von

edyka  aus  die  Bahnlinie  Przemyst—-  Grodek-Lemberg
  unter  Feuer  zu  nehmen.  Immer  enger  schob
sich  die  Einschließungslinie  unter  General  von  Kneußl
mit  bayerischen  und  preußischen  Truppen,  denen  die
4.  österreichische  Kavalleriedivision  zugeteilt  war,  von
Norden  an  die  Festung  heran,  und  obgleich  die  Vorstellungen
  von  den  Russen  stark  befestigt  und  mit  betonierten
  Hohlräumen  verstärkt  worden  waren,  fielen
am  31.  schon  drei  nördliche  Forts.  Am  1.  und  2.  Juni
wurden  die  Übrigen  Werke  erstürmt,  am.  3.  war  die
Festung  genommen.

Die  Kämpfe  in  Galizient.
Mittlerweile  hatte  der  rechte  Flügel  unter  Linsin.
gen  am  26.  Mai  bei  Drohobych  die  russische  Front
urchbrochen,  am  31.  Stryj  eingenommen  und  am
3.  Juni  bei  Mikolajow  den  Dujestr  erreicht.  Er  überschritt
  ihn  sogar  am  6.  bei  Zurawno,  jedoch  blieben
die  Brückenköpfe  bei  Mikolajow,  Zydaczow  und  Halicz
noch  in  feindlicher  Hard.  Nun  war  es  der  östlich
sich  anschließenden  Armee  Pflanzer-Baltin  möglich
eworden,  über  den  Pruth  zu  gehen  und  am  10.  Juni
den  Feind  in  die  Linie  Ottynia-Obertyn-Horodenka
gegen  den  Dujestr  zurückzudrücken.

och  einen  stärkeren  Versuch  machte  die  russische
Heeresleitung,  durch  einen  wirlungsvollen  Gegenangriff
  dem  Vorwärtsstürmen  der  Verbündeten  zu
steuern.  Im  Raum  von  Lemberg  hatte  sie  frische
Kräfte  zusammenziehen  und  östlich  von  Przemysl  und
Jaroslau  in  starke  Stellungen  bringen  können,  die
jedoch  am  13.  Juni  nach  schweren  Kämpfen  von  Makkensen
  zwischen  Czerniawa,  nordwestlich  von  Moszila,
und  Sieniawa  in  einer  Breite  von  70  km  gestürmt
wurden.  Aufs  neue  drangen  die  Verbündeten  in
breiter  Front  vor,  der  Erzherzog  von  Sieniawa  aus,
das  am  28.  Mai  für  kurze  Zeit  aufgegeben  und  nun
wiedergewonnen  war,  in  nördlicher  und  nordöstlicher
Richlung  Mackensen  auf  Oleszyce  und  beiderseits
von  Krakowiec,  ihm  zur  Rechten  Böhm-Ermolli  östlich
  von  Moszika.  Die  Russen  waren  am  14.  Juni
gezwungen,  in  die  Linie  Rawaruska-Grodek  zurückzugehen
  und  flüchteten,  am  19.  in  der  Linie  Magierov.-Grodt-
  wiederum  geschlagen.  teils  auf
ka,warufska,  teils  auf  Zolkiew,  so  daß  die  Verbündeten
  an  diesem  Tage  bereits  30  km  nördlich  von
Lembergs  standen.  Gegen  die  Stadt  selbst  war
von  Süden  her  der  Angriff  vorgetragen  worden,
und  am  21.  durchbrachen  österreichische  Truppen  in
der  Gegend  von  Dornfeld  die  feindlichen  Verteidigungsstellungen.
  In  den  frühesten  Morgenstunden
des  22.  nahm  österreichische  Landwehr  einen  Stützpunkt
  an  der  westlichen  Anmarschstraße  Janow-Lemberg,
  und  am  Nachmittag  desselben  Tages  zog  Böhm-Ermolli

  in  die  wiedergewonnene  Hauptstadt  ein.
Am  23.  Juni  gelang  es  Linsingen,  Mikolajow  und
Wdaczom  zu  nehmen,  in  den  nächsten  Tagen  den
njestr  zu  überschreiten  und  am  28.  den  Feind  in
der  Linie  Halicz-Firlejow  hinter  die  Guila  Lipa  zurückzudrücken,
  an  deren  Ostufer  der  deutsche  Heerführer
  am  30.  Rohatyn  einnahm  und  unaufhaltsam
egen  die  Zlota  Lipa  vordrang.  Er  schlug  die  Russen
n  der  Linie  Mariampol-Narajow-Miasto  und  erreichte
  am  4.  Juli  mit  der  ganzen  Front  die  Zlota  Lipa.

1  Vgl.  die  Karte  Bd.  1.  S.  210/1  und  den  Kriegsbericht  So.  2
S.  213f.  —  Bgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  L.  S.  2141.—  Gul.
den  Kriegsbericht  Bd.  J.  S.  215.
        <pb n="68" />
        58

Während  dieser  ganzen  Zeit  hatten  sich  die  Russen
noch  am  äußersten  rechten  Flügel  der  galiztschen  Front,
im  San-  BWeichsel-Winkel  und  am  Tanew,  halten
können,  gaben  aber  am  29.  Juni  unter  dem  ungeheuren
  Druck  auf  ihre  ganze,  weiter  und  weiter
zurückweichende  Linie  auch  diese  Stellung  auf.  Ostlich
  und  nordöstlich  von  Lemberg  machten  die  Verbündeten
  stets  weitere  Fortschritte,  und  Mackensen
vollendete  jetzt  seine  Schwenkung  gegen  Norden.  Bugabwärts
  war  die  Linie  Kamionka-Strumilowa--Przemislany
  erreicht,  gleichzeitig  wendeten  sich  jetzt
starke  Truppenteile  der  Grenze  von  Südpolen  zu  und

L  Kriegsgeschichte

und  Narewlinie  einer  längeren  Vorbereitung.  Vom
Feinde  waren  nur  Kavallerie  und  Reichswehr  hier
zurahebckeen.  Er  trieb  hauptsächlich  sein  Unwesen
n  den  Wäldern  von  Augustow;  noch  unternahm  er,
auf  seine  Festungen  Grodno  und  Kowno  gestützt,  fast
täglich  Vorstöße  bei  Kalwarja  und  Mariampol;  gelang
  es  ihm,  diese  nach  Norden  auszudehnen,  so  ergab
das  für  die  deutschen  Njemenstreitkräfte  eine  Bedrohung
  in  der  linken  Flanke,  weshalb  diese  zunächst
vollständig  gesichert  und  auch  der  Möglichkeit  eines
neuen  Einfalls  in  Ostpreußen,  an  der  Küste  entlang.
vorgebeugt  werden  mußte.  Hierdurch  war  zunächst

U

2  ##  ’nm  □

—  —  —  “l  W  .-  *  ¾x  %  -  -  —.  —  –——  —  —  —
**  257  —  ———————  äαααÑ
*v  "  !*—  —————  74.

d.ylsen  B  1
EéEt.dne  M.  brunbSr  z2.in  —N

—  r□  .
.  21.—
m————  [  J*?

4  Jab#r#mer  5#  ..

6  -  *  —  crbrlr#e#n  ,  6  [  Z

4  9  .  W  *  à„  —  217  .

—  1r  "42  "l  —  %  *l  ·  .

-  —  idnii,  7  -  ckanmaelr

—  *  /  ——  —m—m—  —ie

Ab.  ös  err  Korps  —  W#chre  —  u—  «

--  KLEMM  Si“  1  v

GCEradnozz.  ·  FAMILIE-E  -

1  ,  —  Fr  *  MnM[*  *  s  ·

*  -  steh  A

z:m  .  %  AX%%%  m  mga#  ,-  4—  —  —  "l“

.  -  —  ran—  QGadbn###c/c

1  z“  2½  2rr#br  il  #tp  .  SS#u  *  ½
.-  «-  :«  7#####rrwize  -

—.
Naßsub  1#200  000  ————  9  "6

«  1  2  2  —  —  "  &amp;amp;  7  r  *5  —  5

Vorxtãdie  v##s:  ###s.  Busbf  ————2—

..  ——————.————————————————3—“s32  "

drangen  unaufhaltsam  zwischen  Bug  und  Weichsel
Lor.  Am  28.  Juni  wurde  der  Feind  bei  Tomaszow
geworfen,  am  29.  waren  Belz,  Komarow,  Zamocz
und  der  Wald  der  Tanewniederung  erreicht.  Auf  dem
westlichen  Weichselufer  wich  der  Feind  in  der  Gegend
von  Zawichost  und  Ozarow;  am  1.  Juli  stand  die
Armee  Mackensen  bei  Turobin  und  Krasnik.

Diellmfassung  des  russischen  Zentrums  von  Süden
her  war  eingeleitet,  der  Feind  vom  ungarischen  Boden
verjagt,  der  größte  Teil  Galiziens  frei.

Vas  Vorgehen  in  Kurland  und  die  Groberun
ke  urie  .  -
War  es  möglich  gewesen.  an  der  galizischen  Front
bereits  Anfang  Mai  entscheidende  Erfolge  zu  erringen,
  so  bedurften  die  Operationen  an  der  Njemen-1

  Uol.  die  Karte  Bb.  1.  S.  22%%  und  den  Kriegsbericht  Bd.  1.
S.  Asfl.

der  Vormarsch  in  Kurland  bedingt.  Generalfeldmar-=schall
  v.  Hindenburg,  mit  dem  gesamten  Oberbefehl
auf  dem  ganzen  Nordflügel  bis  zur  Weichsel  betraut,
leitete  ihn.  Am  27.  April  traten  starke  Kräfte  aus
dem  ostpreußischen  Nordzipfel  für  den  Feind  völlig
lberraschend  den  Vormarsch  an  und  erreichten  am
29.  die  Eisenbahn  Libau-  Dünaburg.  Die  Russen,
bei  denen  sich  auch  Teile  der  kurz  zuvor  aus  Ostpreußen
  vertriebenen  Reichswehrhaufen  befanden,  hatten
zunächst  keinen  harten  Widerstand  geleistet;  nun  aber
entbrannten,  nachdem  Verstärkungen  bei  ihnen  einetroffen
  waren,  bei  Schaulen  peige  Kämpfe,  die  den
und  Juni  über  mit  wechselnden  Erfolgen  hin

und  her  wogten  und  nur  vorübergehend  zum  Besitz
der  Stadt  führten,  bis  die  Armee  Below  hier  am
23.  Juni  einen  entscheidenden  Sieg  über  die  5.  rufsische
  Armee  erfocht.  Dagegen  konnte  durch  ein  glückliches
  Zusammenwirken  von  Landheer  und  Marine
bereits  am  7.  Mai  die  Stadt  Libau  besetzt  werden,  die
        <pb n="69" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1915

in  der  Folge  einen  wichtigen  Stützpunkt  an  der  Küste
bildete.  Am  Tag  darauf  wurde  nach  Vernichtung
eines  russischen  Bataillons  die  Bahnstrecke  Wilna-Schaulen
  von  Grund  aus  zerstört.

Zu  gleicher  Zeit  fochten  die  Truppen  am  Njemen,
an  der  Dubissa  und  am  Narew  schwere  Kämpfe  aus.
Hier  hatten  die  Russen  überall  Verstärkungen  heran.
geogen  und  gingen  angriffsweise  vor,  ohne  jedoch

esentliches  zu  erreichen.  Vom  4.  bis  zum  6.  Mai
wurde  der  Feind  in  mehreren  Gefechten  bei  Rossieny
Hrükgeworfen,  am  8.  wurde  Srednik  an  der  Dubissa

rennpunkt  des  Kampfes.  Feindliche  Vorstösze  am
16.  auf  Mariampol  wurden  am  nächsten  Tag  bei
Syntowty  und  Szaki  erwidert  und  hiermit  am  19.  ein
voller  Erfolg  errungen.  Auch  bei  Augustow,  Kalwarja
und  Mariampol  gelang  es,  die  bcsonders  zwischen
dem  15.  und  17.  Mai  unternommenen  gegnerischen
Angriffe  zurückzuweisen,  und  in  der  gleichen  erfolgreichen
  Defensive  wurde  im  Lauf  des  Mai  bei  Przas.
nysz,  am  Narew  uud  weiter  südlich  an  der  Pilica  gekämpft.
  Nördlich  vom  Njemen  wurden  während
dieses  Monats  24000,  zwischen  Njemen  und  Pilica
6943  Gefangene  gemacht.

Auch  den  Juni  über  hielten  sich  die  deutschen  Truppen

  vom  Njemen  bis  an  die  Pilica  in  der  Verteidiung

  und  gingen  nur  in  der  Gegend  von  Libau  sowie
Kur-  von  der  Windau  angriffsweise  vor.  Dann
aber  kam,  Mitte  Juli,  nach  langem  Schen  Ausharren
die  Zeit  zum  allgemeinen  Vorgehen.  Auf  dem  linken
Flügel  der  vom  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg
befehligten  Heeresgruppe  überschritt  die  Armee  des
Generals  v.  Below  am  14.  Juli  die  Windau  bei
Kurschany,  schlug  am  17.  die  Russen  bei  Alt-Auz
und  besetzte  am  18.  Windau,  Tulkum  und  Schiuxt.
Während  auch  in  der  Gegend  von  Kalwarja  zu  gleicher
Zeit  Erfolge  erzielt  wurden,  erfocht  auf  dem  rechten
Flügel  General  der  Artillerie  v.  Gallwitz  zwischen  dem
13.  und  17.  Juli  bei  Mlawa  und  Przasnysz  einen
hervorragenden  Sieg".  Ihm  war  der  Auftrag  erteilt
  worden,  die  dortige,  seit  Monaten  befes  te,
systematisch  ausgebaute  Stellung  der  Russen  in  der
Richtung  auf  den  Narew  zu  durchbrechen;  er  wählte
zwei  vorspringende  Stellen  nordwestlich  und  nordösllich
  von  dem  vielumstrittenen  Przasnysz  für  den
schwierigen  Angriff,  der  durch  das  ausgezeichnete
Zusammenwirken  von  schwerer  Artillerie  und  Fußtruppen
  zur  vollständigen  Bezwingung  der  gegnerischen
  Kräfte  führte.  Drei  hintereinanderliegende  Verteidigungslinien
  wurden  am  13.  gestürmt,  so  daß
die  Russen  noch  am  Abend  das  von  beiden  Seiten
flankierte  Przasnysz  aufzugeben  gezwungen  waren.
Aus  der  nächsten,  lange  vorher  ausgebauten  Stellung
  Wyragros-Ciechanow-Krasnosielc  wurden  sie
am  15.  vertrieben,  wobei  von  Kolno  her  die  Truppen
  des  Generals  v.  Scholtz  wirksam  eingreifen  konnten.
  In  120  km  Breite  und  40—50  km  Tiefe  war
feindliches  Land  erobert  worden,  und  immer  weiter
drang  die  Verfolgung  vor.  Am  16.  konnte  Ciechanow,
  am  17.  nach  einer  Schwenkung.  einzelner  Abteilungen
  Plonst  besetzt  werden,  und  der  linke  Flügel
hatte  damit  das  Vorfeld  von  Nowo-Georgiewestk  erreicht.
  Auf  dem  rechten  wurde  am  19.  Juli  eine  Linie
von  der  Gegend  südwestlich  von  Ostrolenka  bis  gegen
Nowo-Georgiewsk  besetzt,  am  selben  Tag  der  Narew
nördlich  von  der  Skwamündung  gewonnen  undam  20.
bereits  eine  Vorstellung  von  Nozan  erstürmt.  Mit  der

1  Ugl.  den  Kriegsbericht  Bd.  I,  S.  227  Fr.

59

Einnahme  der  beiden  estungen  Rozan  und  Pultusk
am  23.  Juli  war  die  starke  Narewfront  durchbrochen,
ein  wichtiger  Fortschritt  für  den  Angriff  auf  das  Festungsdreieck
  Nowo--Georgiewsk-Zegrze-Warschau
gemacht.  Am  selben  Tag  gelang  auch  noch  der  Narewübergang
  und  begann  die  Versolgung  des  geschlage.
nen  Feindes  in  der  Richtung  gegen  den  Bug.  Damit
war  die  Einkreisung  der  polnischen  Hauplstadt  und
der  starken  Festung  Nowo-Georgiewsk  von  Norden
und  Nordwesten  her  gelungen,  und  zu  gleicher  Zeit
schob  sich  der  Ungri  von  Westen  und  Südwesten
dagegen  weiter  vor;  hier  konnte  am  19.  Juli  die  Linie
  Blonie-Grojec,  am  21.  die  Stellung  Blonie-Nadarzyn—-Gora-Kalwarja
  besetzt  werden.  Auch  nördlich
von  der  Pilicamündung  geriet  der  Feind  am  17.  Juli
ins  Weichen.  So  war  an  diesem  Abschnitt  alles  vorbereitet
  für  die  großen  Ereignisse  des  August.

Der  Vormarsch  zwischen  Hug  und  MWeichsel!.

Nach  der  Befreiung  Galiziens  konnten  sich  die  auf
dem  rechten  Flügel  der  Gesamtfront  stehenden  verbündeten
  Heere  neuen  Aufgaben  zuwenden,  und  als
nächstes  Ziel  ergab  sich  auch  von  hier  aus  die  Eroberung
  der  Weichsellinie.  Von  Radom  bis  nach
Beßarabien  reichte  die  geschwungene,  teils  nach  Osten,
teils  nach  Norden  gerichtete  neue  Angriffsfront,  an
der  zu  Beginn  des  Juli  die  einzelnen  Heeresgruppen
in  solgender  Weise  verteilt  waren:

1)  Die  Armeeabteilung  Wo  gece  westlich  von  der
Weichsel  von  Radom  bis  Josefow,  Front  nach  Norden
  auf  Jwangorod;  =

2  die  k.  u.  k.  4.  Armee,  Erzherzog  Joseph  Ferdinand,
  östlich  von  der  Weichsel  von  Josefow  ungefähr
  bis  Turobin,  Front  und  Marschrichtung  nach
Norden  auf  Lublin-Cholm;

3)  die  11.  Armee,  von  Turobin  bis  Krylow  am
Bug,  Front  und  Marschrichtung  wie  2);

4)  daran  anschließend  die  Bugarmee,  Linsingen,
Front  nach  Osten,  Marschrichtung  auf  Wladimir-Wolinsk;


5)  die  k.  u.  k.  1.  Armee,  Puhallo,  Front  nach
Osten,  Marschrichtung  auf  Luck-  Dubno;

6)  die  k.  u.  k.  2.  Armee,  Böhm-Ermolli,  Front
und  Marschrichtung  auf  Tarnopol;

7)  die  Südarmee  unter  Bothmer,  die  Zlota  Lipa
enllang:;

8)  die  k.  u.  k.  7.  Armee,  Pflanzer-Baltin,  bis
Czernowig.

Die  Armeen  unter  3)—5)  wurden  Feldmarschall
Mackensen  unterstellt.

Die  Armeen  Dankl  und  Boroevic  waren  nach  Italien
  und  Serbien  überführt  worden.

Wie  ein  Atemholen  vor  dem  Sturmlauf  war  die
kurze  Pause  in  den  Kampfhandlungen  zwischen  dem
2.  und  16.  Juli;  an  diesem  Tage  setzte  der  neue  große
Stoß  nach  vorwärts  ein.  Westlich  von  der  oberen
Weichsel  brach  zunächst  die  Armee  Woyrsch  vor  und
schlug  am  17.  die  Russen  bei  dem  Orte  Sienno,  so  daß
sie  am  18.  hinter  den  Ilzanka-Abschnitt  wichen  un
am  19.  die  Bahn  Nadom-Iwangarod  erreicht  werden
konnte.  Deutsche  und  österreichisch-ungarische  Truppen
  im  Verein  stürmten  am  21.  Juli  den  Brückenkopf
Lago-Lugowa  Wola  und  warfen  die  Russen  auf
Iwangorod  zurück;  die  Einschließung  am  linken  Ufer
war  damit  vollzogen.  Wenig  später,  am  28.,  wurde
die  Weichsel  auch  unterhalb  der  Festung  zwischen  Ko-1

  Bgl.  die  Karte  Bo.  1.  S.  228.
        <pb n="70" />
        —ä—

ZJ##d.  »-—clkikk
  JPLIJsILHPINNN  “—  ç
.——  D.  .  —
2  —  —  —  o
.  .  —  K
*  Foorftnn  s  Is..,.sx..-««Ensp-  1
12.  E  —

—  .  ½

J.  Kriegsgeschichte

ECapr-—

  .  —  *  2  .-.«..--i....--»...
  .-.....-.
·  7L  "  .  Se  *  62t%  "  J-  kK#.
—  2  #  .  r/  *%  8  4  J  s  ..  -.s
s.  —  .  .  .-«..  .  ts.  .I  .  II.  2
1½  ##x  □  .  ,  -  :  .  417
..·-;...  ....F.,:.  .».».JBZEO..
.......  -...  ...  *  "  l  .  -».d.h»dd.»-...  ·
-«,.  ..-.

½  ·##
v  6  #  5ê#  %

—

..-.«....  ..  *  5  V  T#ti1l  ;  7Z  .  ,.  *
—————  —.32J—

—  S———

—  1  ————  e’————  —  —  -—  1’pod  u

60
        <pb n="71" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1915

bentce  und  Pilicamündung  üÜberschritten  und,  obgleich
ie  Russen  heftige  Gegenstöße  unternahmen,  am  30.
der  Angriff  auf  dem  Ostufer  weiter  vorgetragen.

Unterdessen  hatten  sich  zwischen  Bug  und  Weichsel
heftige  Kämpfe  entwickelt,  in  denen  die  Russen,  obgleich
  sie  verzweifelten  Widerstand  zu  leisten  suchten,
entscheidend  nach  Norden  zurückgedrängt  wurden.
General  v.  Mackensen  gelang  am  16.  Juli  füdwestlich
von  Krasnostaw  ein  Durchbruch  der  feindlichen  Linien,
  dem  sich  östlich  ein  Erfolg  der  Österreicher  in  der
Gegend  von  Grabowiec  anschloß,  so  daß  sie  über  die
Wolica  gehen  konnten.  Am  20.  wurde  der  Feind  südöstlich
  von  Lublin  und  bei  Piasli  geworfen,  am  23.
wich  er  vor  den  Truppen  des  Erzherzogs  zwischen
Weichsel  und  Bystryca  in  40  km  Breite  zurück.  Nach
siegreicher  Abwehr  starker  Gegenangriffe  konnte  am
29.  Juli  in  der  Linie  Piaski-Biskupice  sowie  westlich
anschließend  bis  Chmiel  erfolgreich  vorgegangen  werden,
  und  im  Anschluß  hieran  zog  am  Nachmittag
des  30.  Juli  österreichisch-ungchriftze  Kavallerie  in
die  Stadt  ein.  Ungefähr  in  der  Linie  Nowo-Alexan--dria—
  nördlich  an  Lublin  vorbei  bis  dicht  südlich  von
Cholm  raffte  sich  der  Feind  am  31.  Juli  noch  zu
neuem  Widerstande  auf;  doch  fiel  bereits  am  1.  August
auch  Cholm  in  die  Hände  der  Bugarmee.  Der  Feind
ging  fluchtartig  auf  den  Bug  zurück.

In  der  Zwischenzeit  war  auch  aus  Ostgalizien  am'
Bug  entlang  der  Angriff  vorgetragen  worden.  Am
18.  und  19.  Juli  waren  österreichisch=  ungarische
Truppen  bei  Sokal  über  den  Fluß  gegangen  und
hatten  am  21.  den  Brückenkopf  Dobrotwor,  nördlich
von  Kamionka-Strumilowa,  eingenommen.  Da  aber
die  Nussen  immer  neue  Verstärkungen  heranführten,
mußte  die  Osfensive  hier  für  kurze  Zeit  durch  zähes
Standhalten  ersetzt  werden,  das  am  22.  an  den  Ufern
des  Bug  in  der  Linie  Kamionka-Strumilowa-Krystonopol-Sokal
  erfolgreich  durchgeführt  wurde  und
einen  am  24.  Juli  nördlich  davon  bei  Krylow  versuchten
  Bug-übergang  der  Russen  vereitelte.

Auch  anker  Dujestrfront  mußten  seit  dem  14.  Juli
abwärls  Nizniow  u.  Zaleszczyki  immer  neue  Anstürme
des  Feindes  von  den  -nchjeren  Truppen  Pflanzer-Baltins
  abgewiesen  werden;  aber  an  der  Weichsel  und
am  Bug  reifie  unterdessen  die  Ernte  des  August.

Ver  Durchbruch  durch  die  Weichselfront:.

Von  Süden,  von  Westen  und  von  Norden  her  war
Aufang  August  die  russische  Weichselstellung  einekreist;
  starke  Armeen  der  Verbündeten  standen
ereit,  um  in  nicht  ferner  Zeit  den  Kreis  zu  schließen
und  dann  die  russische  Hauptmacht  durch  allseitigen
Druck  zu  zermalmen.  Nur  ein  schleuniger  Rückzug,
der  durch  verlustreiche  Nachhutgefechte  gedeckt  werden
  mußte,  konnte  die  völlige  Zertrümmerung,  von
den  Heeren  des  Zarenreiches  abwenden,  und  Großfürst
  Nikolajewitsch  entschloß  sich  hierzu.  Freilich
konnte  der  zu  spät,  am  3.  August,  begonnene  Rückzug
unter  dem  Andrängen  der  ungestüm  vorwärts  stürmenden
  verbündeten  Heere  nur  zum  Teil  gelingen
und  mußten  die  gerade  in  der  letzten  Zeit  vor  Kriegsausbruch
  noch  mit  großen  Kosten  ausgebauten  Weichselfestungen
  dem  Feinde  Uberliefert  u.  ihm  ausgedehnte

Strecken  des  russischen  Reiches  überlassen  werden.
Als  die  Einschließungstruppen  der  Verbündeten
sich  an  Warschau  und  Nowo-Georgiewst  sowie  auch
an  Iwangorod  von  den  beiden  Flügeln  der  Gesamt-1

  Bgl.  die  Karte  BM..  I.  C.  2280.

61

front  her  weit  genug  herangeschoden  hatten,  war  für
das  Zentrum  in  Polen  der  Ggendsis  zum  Eingreifen
  gekommen,  und  um  seine  Stoßkraft  zu  erhöhen,
war  südlich  an  die  Heeresgruppe  des  Generalfeldmarschalls
  v.  Hindenburg  anschließend  die  Armee  des
Prinzen  Leopold  von  Bayern  gebildet  worden,  als
deren  rechten  Flügel  man  zeitweise  die  bei  und  nördlich
  von  Iwangorod  operierende  Armee  Woyrsch  betrachten
  kann.

Die  Einnahme  von  Warschau  und  Iwangorod.

Nachdem  am  2.  August  die  Bahnlinien  östlich  von
Warschau  von  einem  deutschen  Luftschiffgeschwader
beschossen  worden  waren,  begann  am  3.  August  die
Armee  des  Prinzen  Leopold  von  Bayern  den  Angriff
  auf  die  Festung,  deren  frühere  innere  Fortlinie
durch  einen  weiter  vorgeschobenen  äußeren  Verteidiungsgürtel

  ergänzt  worden  war.  Als  Hauptstodt
Potens  politisch  von  großer  Wichtigkeit,  hat  die  Stad:
als  Knotenpunkt  von  sechs  verschiedenen  Eisenbahnlinien
  und  als  Brückenkopf  an  beiden  Ufern  der
brückenarmen  Weichsel  auch  militärisch  große  Bedeutung,
  die  russischerseits  allerdings  sofort  geleugnet
wurde,  als  man  die  Stadt  verloren  geben  mußte.

Prinz  Leopold  von  Bayern  brach  am  8.  August
aus  der  Warschau  westlich  und  südlich  umgebenden
Linie  Blonie-Nadarzyn-Gora-Kalwarja  vor,  durchstieß
  und  eroberte  in  den  Nächten  zum  4.  und  bö.  die
äußere  sowie  die  innere  Fortlinie  der  Westfront  und
warf  die  Verleidiger,  deren  Nachhuten  noch  zähen
Widerstand  leisteten,  auf  die  Stadt  zurück.  Am  Vormittag
  des  5.  August  zog  das  deutsche  Heer  in  Warschau
  ein,  dessen  Stadtinneres  bis  dahin  von  einem
Bombardement  verschont  geblieben  war.  Nun  hielten
  sich  die  Russen  aber  noch  auf  dem  östlichen  Weichsel.
ufer  in  der  Vorstadt  Praga  und  richteten  von  hier  aus
während  des  6.  und  7.  August  Geschütz--  und  Infanteriefeuer
  besonders  auf  die  Stadtgegend,  in  der  das
alte  polnische  Königsschloß  gelegen  ist,  die  beste
Widerlegung  der  später  bekanntgegebenen  russischen
Lesart,  daß  die  Stadt  nur  aus  Schonung  ausgegeben
worden  sei.  Am  8.  August  wurden  die  russischen
Geschütze  in  Praga  zum  Schweigen  gebracht,  und
auch  diese  Vorstadt  fiel  in  deutsche  Hand.

Einen  Tag  früher  noch  als  Warschau  konnte  die
das  südliche  Polen  beherrschende  Weichselfestung
Iwangorod  in  Besitz  genommen  werden;  das  siegreiche
  Vorgehen  der  Armee  Woyrsch  nördlich  und
westlich  von  der  Festung,  des  Erzherzogs  südlich  und
Mackensens  östlich  davon  stellte  ihre  Widerstands.
fähigkeit  auf  die  Probe.  Am  1.  August  begann  der
hauptsächlich  aus  westlicher  Richtung  von  österreichisch=
  ungarischen  Kräften  der  Armee  Woyrsch  (General
  Kövesfs)  ausgeführte  Sturm;  hierbei  zeichneten
sich  besonders  sieben  bürgische  Regimenter  aus,  die  an
diesem  Tage  acht  etagenförmig  angelegte,  betonjerte
Stellungen  erstürmien,  2300  Gefangene  machten  u.
29  Geschütze  erbeuteten.  Am  3.  Aug  fiel  die  Westfront
der  Festung.  am  4.  war  sie  vollständig  bezwungen.

Die  Eroberung  von  Tomsha  und  Kowuo“.

Den  Ereignissen  an  der  Weichselfront  entsprachen
die  fast  gleichzeitig  weiter  nördlich  durch  die  Armeen
Hindenburgs  errungenen  Erfolge,  deren  erster  die
Einnahme  eines  noch  immer  von  den  Russen  zäh
verteidigten  Stützpunktes  an  der  Narewlinie,  der
Festung  Lomsha,  war.  Am  3.  August  drängten

1  Ugl.  die  Kart#e#  S.  60.  —  Bal.  bie  Kart-  Td.  U  S.  22##.
        <pb n="72" />
        62

Truppen  des  Generals  v.  Scholtz  die  Russen  von  Norden
  her  gegen  die  Verteidigungsstellungen  vor  der
Stadt  zurück,  jedoch  konnte  der  im  Süden  zwischen
Lomsha  und  der  Bugmündung  geleistete  hartnäckige
Widerstand  erst  in  heißen  Kämpfen  zwischen  dem  4.
und  6.  August  gebrochen  werden.  Während  dann
die  Feldtruppen  der  Narewgruppe  am  8.  und  9.  die
Straße  Wyszkow-Ostrow-Lomsha  erreichen  undüberschreiten
  konnten,  wurden  gleichzeitig  die  Nord--  und
Westfront  der  Festung  angegriffen,  am  9.  August  die
Frontlinie  durchbrochen,  das  Fort  4  am  Nochmittag

erstürmt  und  am  10.  morgens  die  ganze  Festung  in  3

Besitz  genommen.

Wenn  der  Fall  von  Lomsha  seine  Rückwirkung
auf  die  sich  anschließende  Bobr-  und  Njemenfront
des  Feindes  wohl  fühlbar  machte,  so  fand  diese  doch
noch  starke  Stützpunkte  in  den  Niemenfestungen
Grodno  und  Kowno,  von  denen  letztere,  eine  Festung
ersten  Ranges,  noch  zu  langem,  kraftvollem  Widerstand
  besähigt  zu  sein  schien.  Im  Anschluß  an  die
im  Juli  bei  Kalwarja  und  Rossieny  errungenen  Erfolge
  konnte  General  v.  Eichhorn  zur  Ausführung
des  Hindenburgschen  Planes  Anfang  August  den
Vormarsch  gegen  Kownot  antreten.  General  Let.
mann  setzte  am  6.  August  den  Angriff  an,  und  ob-Fleich
  das  wegelose  Waldgelände  große  Schwierigeiten
  bot,  gelang  es  dank  dem  kühnen  Vorgehen  der
Fußtruppen,  die  notwendigen  Beobachtungsstellen
für  die  Artillerie  zu  gewinnen  und  deren  Feuer  am
8.  zu  eröffnen.  Während  der  gegen  die  Vorstellungen
  und  die  Werke  der  Hauptverteidigungsstellung
gerichteten  Beschießung  gelang  es  der  Infanterie,
durch  Pioniere  hervorragend  unterstützt,  in  anstrengenden,
  teilweise  nachts  ausgeführten  Kämpfen  sich
an  den  Fortgürtel  heranzuarbeiten  und  bis  zum
15.  August  acht  Vorstellungen  im  Sturm  zu  nehmen,
die  mit  allen  Mitteln  der  Befestigungskunst  in  monatelanger
  Arbeit  ausgebaut  worden  waren.  Indessen
  leisteten  die  Russen  noch  zähen  Widerstand
und  versuchten  die  von  Norden  und  Westen  heranrückenden
  Angreifer  der  nicht  völlig  eingeschlossenen
Stadt  durch  einen  Ausfall  in  der  Südflanke  zu  fassen,
jedoch  wurde  dies  vereitelt.  Unter  Mithilfe  des  zur
höchsten  Wirkung  gesteigerten  Artilleriefeuers  wurde
am  16.  die  gesamte  äußere  Fortlinie  im  Westen  zwischen
  Jesia  und  Njemen  erstürmt,  und  im  Feuer  der
sofort  nachgebogenen  Batterien  fiel  am  17.  auch  die
Kernumwallung  der  westlichen  Front  sowie  die  Nordfront.
  An  Stelle  der  vom  Feind  zerstörten  Niemen-Übergänge
  wurden  zwei  Notbrücken  geschlagen,  die
den  Uferwechsel  noch  am  selben  Tag  ermöglichten,  so
daß  der  Angriff  nun  -*  Aufenthalt  auch  gegen  die
östlichen  und  südlichen  Forts  gerichtet  werden  konnte;
auch  sie  erlagen  noch  am  17.  In  der  Nacht  vom  17.
zum  18.  August  war  Kowno,  der  Hauptstützpunkt  der
Njemenfront,  gefallen.  Außer  20000  Gefangenen
wurden  in  der  eingenommenen  Stadt  Hunderte  von
Rekruten  aufgegriffen,  die  hier  ihre  Ausbildung  erhalten
  sollten,  ein  Zeichen  für  das  russische  Vertrauen
in  die  Festigkeit  des  Platzes.  600  Geschütze,  außergewöhnlich
  umfangreiches  Kriegsmaterial  und  Millionenwerte
  an  Proviant  bildeten  die  Beute.

Der  Fall  von  Nowo-  Georgiems-.
Am  19.  August  bezwangen  Truppen  der  Armee
Eichhorn  unter  Führung  des  Eroberers  von  Antwer-1

  COgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  J,  S.  229f.—  2  Ugl.  die  Karte
S.  60.

I.  Kriegsgeschichte

pen,  des  Generals  v.  Beseler,  auch  die  starke  Militärfestung
  Nowo-Georgiewsk.  Im  Anschluß  an  die  sicgreichen
  Kämpfe  bei  Przasnysz  und  den  Durchbruch
der  Narewfront  schob  sch  in  den  ersten  Tagen  des
August  von  Norden  her  der  Angriff  enger  an  die
Stadt  heran;  am  5.  August  drangen  die  Einschlie-Pßungstruppen
  zwischen  dem  Orte  Nasielsk  nördlich  von.
der  Festung  und  der  Bugmündung  gegen  den  unteren
  Narew  vor,  am  6.  konnte  das  Fort  Dembe  eingenommen
  werden,  und  am  nächsten  Tag  fielen  die
im  Nordosten  der  Stadt  gelegenen  Befestigungen  von
Zegrze  und  Serock.  Im  Lauf  des  9.  August  konnte
die  Estung  auch  von  Osten  her,  zwischen  Narew  und
Weichsel,  eingeschlossen  werden,  und  am  15.  waren
die  Russen  auf  den  Fortgürtel  zurückgeworfen.  Der
weitere  Angriff  wurde  hauptsächlich  von  Nordosten
her  geführt,  wo  bereits  am  16.  ein  großes  Fort  und
zwei  Zwischenwerke  fielen;  am  nächsten  Tag  erlagen
zwei  weitere  Forts  der  Gewalt  des  Angriffs,  und  am
18.  überschritten  die  Sturmtruppen  von  Nordosten
de  den  Wkra-Abschnitt.  Nun  konnte  die  schwere

rtillerie  gegen  die  Zitadelle  selbst  gerichtet  werden,
und  am  19.  war  die  modernste  russische  Festung  unter
dem  überwältigenden  Feuer  deutscher  und  österreichisch-ungarischer
  Belagerungsgeschütze  sowie  der  hervorragenden
  Tapferkeit  der  mit  Landwehr  und  Landsturm

  untermischten  Fußtruppen  gefallen.  6  Generale

und  93000  Mann  gerieten  in  Gefangenschaft,  1649
Geschütze  wurden  erbeutet  und  unübersehbare  Vorräte
  vorgefunden.  Alle  Anzeichen  ließen  erkennen,
daß  die  Absicht  bestand,  wie  Iwangorod  und  Warschau
  auch  diese  Festung  rechtzeitig  zu  räumen;  aber
die  hierzu  erforderlichen  Verkehrsmittel  würden  erst
nach  dem  Abschub  aus  Warschau  verfügbar  geworden
sein;  doch  war  der  Ring  so  überraschend  schnell  durch
deutsche  Truppen  geschlossen  worden,  daß  nichts  hatte
gerettet  werden  können.

Die  Erstürmung  von  Grodno.

Seiner  günstigen  Lage  im  schwer  zugänglichen
Sumpfgelände  wegen  hatte  sich  Grodno  länger  als
die  anderen,  im  deutschen  Vormarschgebiet  gelegenen
Festungen  halten  können.  Noch  am  19.  August  leisteten
  die  Russen  in  einer  Linie,  die  von  Gudele  über

en  Dawina-Abschnitt  bis  zur  Straße  Augustow-Grodno
  führte,  den  anrückenden  Truppen  des  Generals
  v.  Eichhorn  hartnäckigen  Widerstand,  der  aber
am  20.  und  21.  durch  Erstürmung  ihrer  Stellungen
ebrochen  wurde.  In  den  nächsten  Tagen  stand  der

ampf,  bis  am  25.  und  26.  August  durch  den  Augusiower
  Wald  in  Richtung  auf  die  Festung  vorgegangen
  werden  konnte.  Da  am  22.  August  die  so  lange
ergebnislos  bedrängte  südwestliche  Nachbarfestung,
das  im  Sumpf  gelegene  Ossowiec,  aufgegeben  und
der  Berezowka-Abschnitkt  erreicht,  da  im  Nordosten
ferner  am  26.  die  Festung  Olita  geräumt  worden  war,
zog  es  sich  um  Grodno  immer  bedrohlicher  zusammen.
Die  aus  der  Richtung  Ossowiec-Bialystok  vordrinende
  Armee  Scholtz  nahm  am  30)  die  russischen  Stelungen
  bei  Nowy-Dwor  und  Kusnica,  und  in  der
Nacht  zum  1.  September  fielen  die  auf  hügeligem  Gelände
  ausgebauten  Vorstellungen.  Die  Russen  zogen
sich  auf  die  südwestlichen  Forts  zurück.  Nach  ausgiebiger
  Artillerievorbereitung  konnte  am  Nachmittag
des  1.  September  das  Fort  4  gestürmt,  in  der  Nacht
darauf  die  anschließenden  Werke  gewonnen  werden.

1  B9l.  die  Karie  Bd.  1.  G.  228/9.
        <pb n="73" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1915

Fort  5  wurde  von  den  Russen  selbst  zerstört.  Am
Morgen  des  2.  September  war  die  südwestliche  Fortlinie,
  bald  darauf  auch  die  innere  Verteidigungslinie
im  Sturm  benommen,  am  Nachmittag  der  Stadtteil
am  linken  Ufer  des  Njemen  erreicht.  Der  Übergang
in  Pontons  über  den  Fluß  gelang  ohne  Hinderung
durch  den  Feind;  aber  am  3.  morgens  führten  die
Russen  zur  Verteidigung  des  Bahnhofs  einen  wütenden
  Gegenangriff  aus,  der  7l  blutigem  Handgemenge
in  den  Straßen  ausartete.  "o  einem  durch  Artillerie
unterstützten,  konzentrischen  Angriff  gelang  die  Eroberung
  des  Bahnhofs,  und  nachdem  gegen  Abend
auch  die  Nordforts  keinen  Widerstand  mehr  leisten
konnten,  war  Grodno  am  3.  September  endgültig  bezwungen.


Die  Einnahme  von  Hre#st  Litowski.

Waren  die  Festungen  im  Zentrum  und  an  dem
Nordflügel  der  Gesamtfront  mit  der  einzigen  Ausnahme
  von  Grodno  während  des

der  Verbündeten  befand.  Hiermit  war  die  ganze
innere  Verteidigungslinie  der  russischen  Front  gefallen,
  ein  großes  "#e-  erreicht.

Mit  sehr  bedeutenden  Verlusten  hatte  der  Feind
die  Deckung  seines  Rückzuges,  die  Bergung  der  letzten
  Reste  seiner  Artillerie  erkaufen  mülssen.  hersew-1400000
  Mann,  so  meldete  der  deutsche  Generalstad,
hatte  er  dem  Offensivstoß  nach  und  nach  entgegengestellt,
  davon  wurden  rund  1100000  Manngefangen,
und  300000  schieden  durch  Tod  oder  Verwundung
aus.  Die  ganze  hier  eingesetzte  russische  Truppenmacht
  war  also  als  vernichtet  zu  betrachten,  und  die
zu  neuem  Widerstand  herangeführten  Kräftebestanden
teils  aus  gegen  die  Türkei  bereitgestellten  Divisionen.
teils  aus  wenig  ausgebildeten,  schnell  an  die  Front

ezogenen  Ersatzmannschaften.  Und  immer  weiter
Hücbeten  die  nunmehr  in  zwei  Teile  zerrissenen  russischen
  Heere  zurück,  verfolgt  und  aufgerieben  durch
die  siegreichen  Verbündeten.

August  gefallen,  so  hatte  unterdessen

auf  dem  Südflügel  die  Hreresgruppe
v.  Mackensen,  durch  General  v.  Kövess
und  Feldmarschalleutnant  v.  Arz  unterstützt,
  von  Südwesten  und  Süden
her  einen  erfolgreichen  Vormarsch  annetreten.
  um  Pr  Eroberung  der  Buginie
  den  Abschluß  zu  geben.

Aus  der  Richtung  von  Iwangorod
und  nördlich  von  Lublin-Cholm  waren
  seit  Anfang  August  die  verbündeten
  Heere  im  Anmarsch  auf  die  Bugfestung
  Brest  Litowsk.  Am  13.  August
wurde  die  allgemeine  Linie  Radzyn-Dawidy-Wlodawa
  in  der  Verfolgun
überschritten  und  am  14.  der  Vrsuchts
Widerstand  des  Feindes  zwischen  Slawatycze
  und  Miendzyrzecz  gebrochen.
Gleichzeitig  drangen  deutsche  u.  österreichisch-ungar.
  Truppen  auch  auf  dem
Ostufer  des  Bug  vor,  wo  der  Feind  am
15.  Aug.  östlich  von  Wlodawa  zurückge-——



“]  5#

r  ’ös
—  #-7
  7r

#:  8  -«..»·k
1  7  4  4
E—m  1  .-c"-b·
  6  .
--  ⁊  **ie.
□
9  *n*7v  lr

·

*  r  8  *  "xn  0
.-  i,  —  rsS#  #n#-r*
  s  Weu  5  A  #  —  *s1•  —2
5  4  IS  .  #  2  )  *
5  &amp;amp;  8  9  -*  rP  "
GEar  —.—————*—.□Ni  5  TAA
J  .  —  —

worfen,  am  17.  über  die  Bahn  Cholm-Brest

  Litowsk  ostwärts  verfolgt,  am
19.  bis  Piszcza  zurllchgetrieben  und  hierdurch  in  die
Pripetniederung  gedrängt  wurde.  Unterdessen  schritt
der  Angriff  auf  dem  Weftufer  energisch  fort,  und  am
17.  August  gelang  es  von  Biala  und  aus  der  Gegend
südöstlich  von  Janow  her,  die  Russen  in  die  Vorstellungen
  der  Festung  zurückzuwerfen.  Durch  überwindung
  des  Pulwa-Abschnittes  wurde  sie  in  den  nächsten
  Tagen  auch  von  Südwesten  her  bedroht,  während
u  gleicher  Zeit  der  Angriff  auch  von  Südosten  her
aum  gewann,  wo  österreichisch-ungarische  Truppen
am  23.  August  die  Höhen  bei  Kopytow  erstürmten.
Am  25.  entriß  westgalizische,  schlesische  und  nordmährische
  Infanterie  unter  Führung  des  Feldmarschallkeutnants
  v.  Arz  dem  Feind  das  an  der  Südwestfront
gelegene  Dorf  Kobylany,  durchstieß  damit  die  äußere
erkeidigungslinie  und  nahm  zwei  Forts  der  Westfront
  von  Brest  Litowsk  in  Besitz.  Zur  selben  Zeit  ertürmte
  das  brandenburgische  22.  Reservekorps  die
erke  an  der  Nordwestfront  und  drang  während  der
Nacht  in  das  Kernwerk  ein.  Der  Feind  sah  seinen
Widerstand  als  nutzlos  ein  und  gab  die  Festung  preis,
die  am  Morgen  des  26.  August  Sch  bereits  in  Händen

—  —  —  —  —

1Bal  auch  die  Karte  Bo.  I.  S.  226/9.

Brest  Litowfk.

Auf  russischer  Seite  trat  Anfang  September  eine
Anderung  in  der  Heeresleitung  ein,  die  mit  einer
neuen  Einteilung  der  Streitkräfte  in  drei  große,  durch
die  erfolgreiche  Offensive  der  Verbündeten  vonein.
ander  getrennte  Gruppen  verbunden  war.  Den  gesamten
  Oberbefehl  übernahm  der  Zar,  die  nördliche,
gegen  Hindenburgs  Armeen  operierende  Gruppe
wurde  von  General  Rußki,  das  Zentrum  von  General
  Ewerth  befehligt,  am  Styr  und  an  der  Strypa
führte  General  Iwanoff.

Die  Verfolgung  bis  nach  Pi####.

Nach  der  am  26.  August  erfolgten  Einnahme  von
Brest  Litowsk  verließ  der  größte  Teil  der  deutschen
Bugstreitkräfte  das  polnische  Gebiet  und  drang  in
östlicher  sowie  nordöstlicher  Richtung  vor,  wobei  der
durch  das  Sumpfgebiet  des  Pripet  sich  erstreckende
feste  Rücken  der  Pinsker  Landzunge  das  hauptsächlichste
  Operationsgebiet  bildete,  nicht  ohne  daß  zu
ihren  beiden  Seiten  auch  in  das  sumpfige  Gelände
hinabgestiegen  werden  mußte.  Als  erstes  Ziel  der
neu  einsetzenden  Verfolgung  wurde  am  27.  August

1  Bol.  die  Karte  Bd.  I.  B.  228/7.
        <pb n="74" />
        64

Kamieniec-Litowst  am  Lesna-Praga-Abschnitt  erreicht,
  wodurch  den  bei  Kobrin  stehenden,  bercits  auch
von  Süden  her  angegriffenen  russischen  Kräften  nur
noch  der  Rückweg  nach  Nordosten  blieb.  In  dieser
Richtung  einen  Teil  des  Bialowiezer  Forstes  durchquerend,
  erreichten  österreichisch-ungarische  Truppen
am  30.  August  Prushany.  gingen  von  hier  aus  gegen
die  obere  Jasiolda  vor,  deren  nördliches  Ufer  8  am
5.  September  an  verschiedenen  Stellen  gewinnen
konnten.  Am  9.  war  das  Sumpfgebiet  der  Jasiolda
durchschritten,  am  Tag  darauf  das  westlich  von  Kossow
gelegene  Dorf  Alba  genommen,  in  der  nächsten  Zeit
Kossowund  Rushany  und  am  14.  das  Ufer  der  Szczara
erreicht.  Im  Verein  mit  deutschen  Truppen  konnte
am  21.  September  Nowaja-Mysch  besetzt  und  östlich
davon  eine  Linie  als  vorläufig  zweckmä  igste  Grenze
des  Vormarschgebietes  eingenommen  werden.
Unterdessen  waren  die  Streitkräfte  Mackensens  von
Kamieniec-Litowsk  nach  Osten  weiter  vorgegangen,
hatten  am  2.  September  die  Jasiolda  bei  Bereza-Kartusk
  überschritten  und  am  4.  den  vor  diesem  Ort
gelesenen  Brückenkopf  vom  Feind  geräumt  gefunden.
einige  Kilometer  weiter  südlich  war  am  8.  September
  Chomsk  besetzt,  am  11.  ein  Angpiif  in  der  Linie
Tulathycze-Owzice  beiderseits  der  Bahn  nach  Pinst
eingeleitet,  der  die  Russen  schon  am  nächsten  Tage
auf  die  Stadt  zurückwarf.  Am  15.  September  wurde
sie  nebst  dem  zwischen  Jasiolda  und  Pripet  gelegenen
Gebiet  von  den  Verbündeten  besetzt.

Der  Vormarsch  des  Zentrumst.

Von  Warschau  aus,  in  das  er  am  4.  August  eingezogen
  war,  unternahm  Prinz  Leopold  von  Bayern
eine  energische  Verfolgung  des  Feindes  zunächst  in
östlicher  Richtung  und  nähere  sich  am  9.  August  der
Straße  Stanislawow—Nowo-Minsk.  Am  10.  hatte
sein  linker  Flügel  die  Gegend  bei  Kaluczin  erreicht,
während  der  rechte  unter  v.  Woyrsch  westlich  von  Lukow
  die  Nachhuten  der  Russen  warf.  Am  11.  konnte
dieser  Ort,  am  12.  die  nördlicher  gelegene  Stadt
Siedlce,  ein  wichtiger  Eisenbahnknotenpunkt,  und  am
13.  auf  dem  rechten  Flügel  Sokolow  erreicht  werden.
War  der  Vormarsch  dieser  Armee  bisher  nach  Osten
gegen  Brest  Litowsl  gerichtet,  so  vollzog  sich  nunmehr
eine  Schwenkung  nach  Nordosten,  ungefähr  dem  Bug
gleichlaufend;  auch  konnte  die  Frontlinie  bereits  zu
dieser  Zeit  verkürzt  werden.

Während  des  15.  August  stand  die  Armee  im  Kampf
zwischen  Biela  und  Drogitschin,  bei  welchem  Ort  sie
in  der  folgenden  Nacht  den  Bug-übergang  erzwang;
am  17.  August  erreichte  der  rechte  Flügel  das  Südufer
  des  Flusses.  Unter  fortwährenden  Gefechten
wurde  am  Wlr  am  rechten  Bug-Ufer  die  Eisenbahn
  Kleszczyle-Wysoko-Litowsst  überschritten,  und
die  Truppen  näherten  sich  nun  von  Südwesten  her
dem  Bialowiezer  Forst,  in  dessen  schwieriges  Waldebiet
  sie  am  24.  den  Feind  hineindrängten;  nur  am
üdrande,  nordwestlich  von  Kamieniec-Litow#ss,  hielt
er  auf  kurze  Zeit  noch  stand,  bis  am  26.  in  dieser
Gegend  die  Überwindung  des  Lesna-Praga-Abschnittes
  gelungen  war  und  die  Verfolgung  in  den  Wald
hinein  begann.  Obgleich  große  Geländeschwierigkeiten
überwunden  werden  mußten,  blieben  die  Armeen  in
beständigem  Vordringen  in  nordwestlicher  Richtung
dquer  durch  den  Forst,  so  daß  am  31.  August  der  linke
Flügel  schon  den  Übergang  am  oberen  Narew  er-1

  Ugl#  die  Karte  Bb.  I.  S.  226/9.

I.  Kriegsgeschichte

zwungen,  der  rechte  am  1.  September  das  Sumpfgebiet
  der  oberen  Jasiolda  überwunden  hatte.  Damit
war  auch  in  dieser  Richtung  der  Nordostrand  des
Bialowiezer  Forstes  genommen,  und  am  4.  September
konnte  durch  siegreiche  Gefechte  bei  Nowydwor  der
Austritt  aus  den  Sumpfengen  des  Abschnittes  erkänpft
  werden.  Nun  stellte  6ch  am  6.  September  der
Feind  in  einer  Linie  südöstlich  Wolkowysk  über  Isabelin
  bis  südlich  von  Rushany,  wurde  aber  geworfen
und  blieb  außerstande,  das  weitere  Vordringen  der
Verbündeten  bis  an  den  Zelwianka-Rushany-Abschnitt
  zu  verhindern.  über  diesen  wurde  am  8.,  über
die  Zelwianka  am  10.  vorgedrungen,  am  gleichen  Ta
die  Linie  Wolkowysk-Slonin  erkämpft.  Weiter  nich
der  Feind  bis  an  die  Szczara,  und  nachdem  auch  diese
am  17.  September  in  der  Verfolgung  überschritten
war,  konnte  am  nächsten  Tag  die  Linie  Nienadowicze-Derewnoje-Dobromysl
  erreicht  werden.  Beiderseits
der  Bahn  Brest  Litowsk-Minsk  vordringend,  erreichten
  die  Deutschen  am  27.  September  den  Eisenbahnknotenpunkt
  Baranowitschi;  Lipfk  wurde  schon  am  24.
besetzt.  Damit  nahm  die  Armee  die  Stellung  ein,  die
als  vorläufiges  Ziel  ihres  Vormarsches  durch  die
Heeresleitung  bestimmt  war,  und  in  enger  Fühlung
mit  der  nach  Süden  in  der  Gegend  von  Logischin  sich
anschließenden  Heeresgruppe  galt  es  nun,  dem  Andrängen
  des  Feindes  standzuhalten,  das  den  Oktober
über  mehrfach  siegreich  abgewiesen  wurde.

Die  Eroberung  von  Kurland'.

Während  im  Verlauf  des  August  in  Polen  eine
Festung  nach  der  anderen  siel,  häuften  sich  auch  an
dem  vorgeschobenen  Nordflügel  in  Kurland,  in  Samogitien
  und  am  mittleren  Narew  die  Erfolge.  Unter
dem  Oberbefehl  des  Generalfeldmarschalls  v.  Hindenburg
  standen  vier  Armeen,  deren  nördlichste,  an  den
Ufern  der  Ostsee  operierende  Gruppe  von  General  Otto
v.  Below  befehligt  wurde.  Nach  Süden  schlossen  sich
die  Armeen  v.  Eichhorn,  v.  Scholtz  und  v.  Gallwitz
an;  die  Kampfzone  der  letzteren  reichte  bis  zum  Bug.
Der  Vormarsch  richtete  sich  im  allgemeinen  gegen  den
Lauf  der  Düna,  wobei  sich  Riga,  Dünaburg  und
Wilna  als  hauptsächlichste  Zielpunkte  ergaben.

Am  1.  August  besetzte  die  Armee  v.  Below  Mitau;
  sudöstlich  davon  entspannen  sich  zu  gleicher  Zeit
Gefechte  bei  Poniewicz,  in  deren  Verlauf  die  Russen
am  3.  August  auf  Kupischki  zurückgeworfen  wurden.
In  der  nächsten  Zeit  säuberte  deutsche  Kavallerie  das
Gebiet  am  rechten  Ufer  der  Swenta  und  ihres  Nebenflusses
  Jara,  am  4.  wurde  bei  Birshi,  am  5.  weiter
östlich  in  der  Gegend  von  Popel  und  am  gleichen  Tage
auch  bei  Kowarsk  und  Kurkla  gekämpft.  In  der  Nacht
vom  10.  zum  11.  August  mußten  russische  Angriffe
an  der  Straße  Riga-Mitau  abgewiesen,  vom  13.—
16.  die  Linie  Kowarsk-Weschinty-Kupischt-Alesow
verteidigt  werden.  Auch  in  der  nächsten  Zeit  ruhte
der  Kamf  in  dieser  Gegend  nicht,  flammte  am  26.
und  27.  August  südöstlich  von  Mitau  bei  Bausk  und
Schönberg  wieder  heller  auf  und  öffnete  den  Weg  zu
den  Düna-übergängen.  Am  2.  September  konnte  der
Brückenkopf  von  Lennewaden,  am  3.  der  von  Friedrichstadt
  erstürmt  werden.  Von  hier  aus  wurde  in  der
nächsten  Zeit  am  Düna-Ufer  aufwärts  vorgegangen,
am  6.  September  bei  Dautsewas  und  bis  zum  15.  in
der  Michtung.  auf  Jakobstadt  erfolgreich  gekänpf.
Am  selben  Tag  stießen  bei  Liwenhof  die  schen
Truppen  auf  das  Ostufer  der  Düna  vor.

1  Vol.  die  Karte  Dd.  L.  S.  228/6.
        <pb n="75" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1915  65

Während  in  den  nächsten  Wochen  südwestlich  sich
anschließend  ein  heißer  Kampf  in  der  Richtung  auf
Dünaburg  hin  und  her  wogte,  erfolgten  südlich  und
westlich  von  Riga  erst  Mitte  Oktober  wieder  ernstere
“-z½ues  die  am  30.  mit  dem  Rückzug  des

ndes  über  die  Misse  endigten.  Am  1.  November
#ewennen  deutsche  Truppen  beiderseits  der  Bahn

ukkum-Riga  die  Linie  Naggasen-Kemmern-Jaun.
sen,  machten  rechts  und  links  der  Aa  wesentliche  Fortschritte
  und  wehrten  zwischen  dem  7.  und  10.  November
  starke  feindliche  Kräfte  ab,  die  südlich  von  Riga,
bei  Mitau  und  bei  Jakobstadt  vorzubrechen  suchten
und  bei  Kemmern  von  der  See  her  unterstützt  wurden.
  Obgleich  der  Feind  sich  auch  hier  im  Laufe  des
November  zu  verschiedenen,  mit  starken  Kräften  unternommenen
  Rückeroberungsversuchen  anschickte,  blieb
das  Westufer  des  Rigaischen  Meerbusens  und  die
südwestlich  von  Riga  der  Düna  gleichlaufende  Linie
vorderhand  in  deutschem  Besitz.

Der  Fall  von  Kowno  am  18.  August  hatte  die
Russen  an  demselben  Tage  gezwungen,  auch  ihre  füdlicher
  gelegenen  Stellungen  zwischen  Kalwarja  und
Suwalki  aufzugeben,  und  die  Armee  Eichhorn  begann
  südlich  und  östlich  von  Kowno  ihren  Vormarsch
in  das  Flußgebiet  der  Wilija  und  ihres  Nebenflusses
der  Swenta.  Am  20.  August  räumten  die  Russen  das
Gebiet  an  der  Jesia,  südlich  von  Kowno,  und  mußten
am  26  auch  die  Festung  Olita  den  deutschen  Truppen
überlassen.  Diese  stießen  gegen  die  Eisenbahn  Grodno-Wilna
  vor,  wo  sie  am  1.  September  Czarnokowale
erstürmten.  Starke,  in  der  nächsten  Zeit  unternommene
  Gegenstöße  der  Russen  hatten  keinen  Erfolg,
und  am  13.  September  konnte  der  Vormarsch  zwischen
  Wilija  und  Düna  fortgesetzt  werden,  in  der
Linie  Wilkomierz-Uziany  wirksam  unterstützt  durch
Kavallerie-Abteilungen,  obgleich  das  von  zahlreichen
Wasserläufen  und  Waldstücken  durchzogene  Gelände
der  Reiterwaffe  wenig  günstig  war,  so  daß  sie  zeitweise
  zum  Fußgefecht  greifen  mußte.  Von  dem  unterdes
  erreichten  Nowo-Alexandrowsk  aus  wurde  am
18.  Sept.  ein  Angriff  gegen  Dünaburg  unternommen,
doch  kam  er  in  dem  ungeheuer  schwierigen  Gelände
vorläufig  zum  Stehen.  In  zahlreichen,  bis  in  den
November  sich  fortspinnenden  Kämpfen  gelang  es,
die  gewonnene  Linie  im  wesentlichen  festzuhalten.

Für  den  Vormarsch  gegen  Wilna  war  mit  der  am
3.  September  erfolgten  Einnahme  von  Grodno  auch
das  letzte  große  Hindernis  beseitigt;  nördlich  und
nordöstlich  von  dieser  Stadt  standen  schon  Anfan
September  deutsche  Truppen  im  Gefecht,  und  durch
das  Vorgehen  Belowscher  Truppen  gegen  die  Seenplatte
  zwischen  Dünaburg  und  Wilna  war  bis  zum
12.  September  die  Einkreisung  von  Norden  her  begonnen.
  Der  nunmehr  von  Teilen  der  Eichhornschen
Armee  unternommene,  im  Süden  umfassende  Angriff
gelang,  und  als  die  Deutschen  bereits  in  der  Gegend
von  Smorgon  und  Wornjany  angekommen  waren,
fiel  auch  die  stark  befestigte  Stadt  Wilna  am  18.  September
  in  des  Siegers  Hand.  70  Offiziere  und  21908
Mann  wurden  gefangen  abgeführt.  Russische,  von
Wilna  zurückweichende  Truppen  machten  in  den
nächsten  Tagen  den  Versuch,  die  in  ihrer  Flanke
stehenden  deutschen  Kräfte  bei  Smorgon  und  Wischnew’
  anzugreilen  doch  wurde  ihr  stellenweise  Übermächtiger
  Angriff  glücklich  abgewehrt.

Unterdessen  war  auch  die  Armee  Scholtz  aus  der
Richtung  Lomsha  siegreich  vorgegangen,  hatte  am
11.  August  den  Brückenkopf  von  Wizna  genommen

Der  Arieg  1914/10.  Ul.

und  am  18.  westlich  von  Thto¾n  n  den  Narew-Übergang
  erzwungen.  Am  22.  August  räumten  die  Russen
die  nun  von  allen  Seiten  überflügelte  Festung  Ossowiec,
  die  infolge  ihrer  Lage  in  unzugänglichem
Sumpfgelände  bis  dahin  nicht  hatte  überwältigt  werden
  #nnen.  In  den  folgenden  Tagen  erreichte  Scholtz
den  Berezowka-Abschnitt  und  nahm  Knyszyn,  am
25.  Augrst  Bialystok,  überschritt  am  Tag  darauf  die
Berezowka  und  ging  gegen  Skidel  vor,  wo  am  8.  und
9.  September  mit  Erfolg  gekämpft  wurde.  Bei  der
weiteren  in  dem  Njemenbogen  vordringenden  Verfolgung
  wurde  am  10.  September  die  Linie  Miedniki-Lida-Soljane
  erreicht.

Mit  den  nördlichen  Gruppen  gleichen  Schritt  haltend,
  ging  auch  die  Armee  Gallwitz  Anfang  August
energisch  vor,  nahm  am  11.  Zambrowo  und  erkämpfte
zwischen  Bug  und  Narew  Abschnitt  um  Abschnitt
gegen  hartnäckige  Verteidigung.  Beim  Slina=  und

#uTzec-übergang  gelang  am  15.  August  ein  vollständiger
  Durchbruch;  am  17.  näherten  die  Truppen  sich
der  Bahn  Bialystok-Bielsk;  letzteres  wurde  am  20.  besetzt
  und  in  den  nächsten  Tagen  der  Orlanka-Abschnitt
überwunden.  Im  Verein  mit  der  Armee  Scholtz  war
am  26.  August  die  Verfolgung  auf  der  ganzen  Linie
vom  Bobr,  in  der  Gegend  von  Suchowola  bis  zum
Bialowiezer  Forst  im  Gange.  Zwischen  dem  Njemen
und  Wolkowysk  gelang  in  Nachtangriffen  am  6.  September
  der  übergang  über  die  Ros,  am  nächsten  Tag
zogen  die  Truppen  in  Wolkowysk  ein  und  erreichten
unter  dauernden  Gefechten  am  24.  in  der  Gegend
von  Nowogrodek  ihr  vorläufiges  Ziel.

Bei  diesem  Vormarsch  der  verbündeten  Armeen
hatte  nur  die  des  Generals  v.  Below  sich  über  eine  verhältnismäßig
  lange  Front  an  der  Düna  auszubreiten;
  dagegen  wurden  die  Armeen  Eichhorn,  Scholgz,
Gallwitz,  Leopold  von  Bayern,  Heeresgruppe  Mackensen,
  die  sich  behufs  Einkreisung  des  russischen  Zentrums
  meist  konzentrisch  bewegt  hatten,  namentlich
zwischen  Bug  und  Njemen  in  immer  engeren  Raum
zusammengedrängt,  so  daß  es  durchaus  erklärlich  ist,
wenn  durch  teilweises  Zurückziehen  der  hier  unnütz  an-Hohäuften
  Kräfte  Bewegungsraum  geschaffen  wurde.

as  war  aber  um  so  eher  angängig,  als  die  erreichten
Erfolge  eine  Stellung  gewinnen  ließen,  die  ein  zei
weises  defensives  Verhalten  dem  stark  geschwächten
Feind  gegenüber  begünstigte,  und  als  der  im  September
  1915  beginnende  zweite  Feldzug  gegen  Serbien
auch  die  Beteiligung  deutscher  Streitkräfte  an  diesem
wünschenswert  erscheinen  ließ.

Das  Vordringen  in  Wolhynien  und  Gstgalizien".

Auch  auf  dem  Südflügel  der  Ostfront  hatten  die
Heere  der  Verbündeten  im  August  bedeutende  Fortschritte
  gemacht.  Am  1.  dieses  Monats  gelang  österreichisch-ungarischen
  Verbänden  der  Bug-übergang
zwischen  Krylow  und  Sokal  und  weiterhin,  im  Verein
  mit  deutschen  Truppen,  der  Vormarsch  auf  Wladimir-Wolhnss,
  in  das  deutsche  Reiterei  am  4.  August
eindrang.  Am  20.  wurde  die  brückenkopfartige  Stellung
  nördlich  von  der  Stadt  erweitert,  am  22.  mit  den
Spitzen  gegen  Turyisk  vorgefühlt.  Bereits  am  nächsten
  Tag  zog  österreichisch-ungarische  Kavallerie  in
Kowel  ein,  warf  am  25.  russische  Nachhuten  bei  Bucin
und  Wyzwa  und  setzte  von  hier  aus  die  Verfolgung
egen  Norden,  beiderseits  der  Straße  auf  Kobrin,
*  Im  Vorgelände  dieser  Stadt  trafen  die  Ver-1

  Val.  die  Karte  Bo.  1.  S.  228/9.  6
        <pb n="76" />
        66

folger  am  27.  August  nach  schneller  Uberwindung
des  sumpfigen  Pripetgebietes  ein.

Der  Vormarsch  in  Auchergichtung  mußte  auf  das
Festungsdreieck  Luck-Dubno  -Rowno  stoßen.  Eine
von  Wladimir-Wolynsk  aus  vorgegangene  Gruppe
der  Armee  Puhallo  stand  am  28.  August  vor  der
Festung  Luck  und  erreichte  deren  Übergabe  schon  am
31.  Am  1.  September  wurde  südlich  von  Luck  der
übergang  über  den  Styr  erstritten,  am  gleichen  Tage
Brody  von  der  Russenherrschaft  befreit.  Im  Raume
westlich  von  Dubno  stellte  sich  der  Feind  am  2.  September;
  doch  konnte  seine  Linie  durchbrochen,  auf
Olyka  zurückgedrückt,  am  5.  die  nördlich  von  dieser
Stadt  sich  ausbreitende  Putilowka-Niederung  durchschritten
  und  am  8.  die  russische  Front  wiederum  zum
Weichen  gebracht  werden.  Weiter  südlich  wurde  am
6.  und  7.  September  am  Jkwa--Abschnitt  bei  Podkamien
  und  Radziwilow  gekämpft;  die  Russen  gingen
vor  Böhm-Ermolli  hinter  die  Ikwa  zurück  und  gaben
am  8.  September  auch  die  am  Ofuser  dieses  Flusses
gelegene  Festung  Dubno  auf.

Es  war  nun  eine  Linie  erreicht,  die  in  ziemlich  gerader
  Richtung  von  Dubno  nach  Norden  über  Olyka

ur  Putilowka  und  zum  Korminbach  führte.  Gegen
iese  Stellung  gingen  die  Russen  im  weiteren  Verlaufe
  des  September  mit  starken  Massen  vor.  Offenbar
  hatten  sie  bei  der  Neugruppierung  ihrer  Streitkräfte
  die  Südfront  besonders  stark  bedacht;  war  doch
von  hier  aus  noch  die  erste  Möglichkeit,  wieder  auf
österreichischen  Boden  zu  gelan  en,  von  dem  weiter
südlich  noch  ein  geringer  Teil  besetzt  geblieben  war,
und  General  In#moff  setzte  zu  dem  Zweck  die  ihm
verfügbaren  Truppen  ohne  jede  Rücksicht  ein.

Am  13.  September  drangen  russische  Kolonnen“
zunächst  bei  Nowo-Aleksiniec  vor,  dehnten  in  den
nächsten  Tagen  ihre  Angriffe  auf  die  ganze  Front  im
Festungsdreieck  aus,  stießen  am  19.  bei  Kremienice
erneut  gegen  die  obere  Ilwa  vor  und  erreichten  damit,
  dast  die  Osterreicher  am  22.  bei  Luck  auf  das
Westufer  des  Styr  zurückgingen.  Hikr  aber  brach  sich
in  den  nächsten  Tagen  der  russische  Sturm,  und  als
österreichisch-ungarische  Truppen  am  26.  einen  kraftvollen
  Gegenangriff  unternahmen,  sahen  die  Russen
sich  gezwungen,  im  Styr  Abschnitt  zurückzuweichen
und  die  Brückenköpfe  östlich  von  Luck  aufzugeben.
Am  28.  September  waren  sie  bis  hinter  den  Korminbach
  und  die  Putilowka-Niederung  zurückgetrieben.

Nur  noch  ein  letzter  Zipfel  eigenen  Bodens,  an  der
äußersten  Ecke  Ostgaliziens,  war  nach  dem  erfolgreichen
  allgemeinen  Vormarsch  der  Verbündeten  in
Feindeshand  geblieben,  und  hier  verlief  Anfang
August  die  Front,  vom  Oberlauf  des  Styr  in  das
Flußgebiet  der  Ziota-Lipa  übergehend,  an  deren
rechtem  Ufer  entlang  bis  zu  ihrer  Mündung  in  den
Dnjestr,  darauf  dem  Südufer  dieses  Stromes  folgend
bis  nach  Beßarabien.  Zur  Unterstützung  der  nicht

ahlreichen  und  seit  Monaten  in  schweren  Kämpfen
stehenden  Truppen  des  Generals  Pflanzer-Baltin
wurde  die  deutsche  von  General  Grafen  v.  Bothmer
befehligte  Armee  bestimmt.  Im  Verein  mit  österreichisch-
  ungarischen  Truppen  durchbrach  diese  am
27.  August  in  der  Linie  Przemyslany-Brzezany-Monasterzyska
  die  hier  noch  recht  widerstandsfähige
feindliche  Front,  so  daß  der  Feind  auf  die  Strypa
zurückgehen  mußte.  Im  Anschluß  hieran  konnte  am
28.  auf  dem  linken  Flügel  gegen  Zborow  vorgegangen
werden;  nachdem  Zloczow  bereits  in  Besitz  genommen
war.  In  den  nächsten  Kagen  mußten  die  neuen  Stel-I.

  Kriegsgeschichte

lungen  gegen  heftige  Gegenangriffe  verteidigt  werden;
  doch  gelang  am  31.  August  ein  Vorstoß  in  Richtung
  Tarnopol,  am  1.  September  ein  Angriff  auf
den  Höhen  östlich  von  der  unteren  Strypa,  worauf
der  Feind  auch  am  Dujestr  bis  zur  Einmündung  des
Sereth  zurückging.  In  den  ersten  Septembertagen
drangen  die  Verbündeten  unter  äbweisung  beftiger
Gegenstößt  der  Russen  weiter  gegen  den  Sereth  vor
und  näherten  sich  bereits  am  7.  September  Tarnopol
und  Ostrow,  als  der  Feind  mit  immer  stärkeren  Kräf.-ten
  aus  seinen  Stellungen  am  Sereth  und  bei  Tarnopol
  hervorbrach,  so  daß  die  Truppen  der  Verbündeten
  am  10.  September  auf  die  Höhen  östlich  von  der
Strypa  zurückgenommen  wurden.  An  deren  Mittellauf
  entwickelten  sich  nun  am  15.  und  16.  neue  harte
Kämpfe,  die  am  17.  mit  dem  Zusammenbruch  der
russischen  Angriffe  endeten.  Während  der  zweiten
Hälfte  des  September  wagte  der  Feind  nur  kleinere
Unternehmungen,  die  sämtlich  abgewiesen  wurden.

Die  russische  Gssensive  am  Stur  und  an  der  Sirypa“.
Mit  wilder,  fast  verzweifelter  Energie  unternahmen
die  Russen  im  Spätherbst  1915  noch  einen  Bersuch,
die  neue  deutsche  Schlachtlinte,  die  sich  so  tief  in  ihr
Gebiet  hinein  erstreckte,  zurückzudrücken  oder  zu  durchbrechen.
  Sie  wählten  dafür  die  Stellen  der  Front,
an  denen  es  am  ehesten  möglich  schien,  wieder  in
feindlichem  Gebiet  vorwärts  zu  kommen:  Wolhynien
und  Ostgalizien.  Aus  dem  Inneren  Rußlands,  wohl
auch  aus  der  Kaukasusarmee,  zog  General  Iwanoff
Verstärkungen  heran  und  warf  sie  in  drei  Richtungen
egen  die  Heere  der  Verbündeten.  Ihm  gegenüber
tanden  die  Armeen  Linsingen,  Böhm-Ermolli,  Bothmer,
  Pflanzer-Baltin.

Durch  stärkere  Kavallerie  in  der  Flanke  vorläufig
gedeckt,  wurde  der  rechte  russische  Flügel  zum  Angriff
längs  der  Bahnlinie  Sarny-Kowel  angesetzt;  er  verfolgte
  den  Plan,  Linfingen  von  seinen  Nachbartruppen
  im  Norden  abzuschneiden  und  seine  rückwärtigen
Verbindungen  zu  gefährden.  Das  Zentrum  machte
den  Versuch,  von  Kremienice  aus  gegen  die  Bahn
Brody—Dubno  vorzugehen  und  Linsingens  rechte
Flanke  zu  bedrohen,  während  der  linke  Flügel  sich

egen  die  Front  in  Ostgalizien  richtete,  in  der  Ab-Hiche
  auf  Rumänien  Eindruck  zu  machen.

Der  an  der  Bahnlinie  Sarny-Kowel  unternommene
  Vorstoß  führte  am  5.  Oktober  in  der  Gegend
von  Czartorysk  zu  Kämpfen  mit  dem  über  den  Styr
vorgedrungenen  Feind;  am  8.  wurde  er  zunächst  zurückgeworfen,
  aber  am  9.  Oktober  entwickelte  der  russische
  Angriff  sich  auf  der  Linie  zwischen  Rafalowka
und  der  Bahn  Kowel-Rowno  zu  größerer  Ausdeh.
nung.  Kasakenabteilungen,  die  südwestlich  von  Pinsk
im  Pripetgebiet  den  Vormarsch  sichern  sollten,  wurden
  am  10.  Oktober  bei  Kuchoka-Wola,  Bielskaja-Wola,
  am  nächsten  Tage  bei  Jeziercy  geschlagen.

Von  der  zweiten  russischen  Gruppe  waren  unterdessen
  weiter  südlich  von  Kremienice  aus  Vorstöße  in
der  Richtung  auf  Dubno  unternommen  worden,  die
ohne  Ergebnis  blieben.  In  Ostgalizien  wurde  am
8.  Oktober  bei  Burkanow  und  Buzach  von  den  OÖsterreichern
  erfolgreich  gefochten  und  am  9.  Angriffe
nordwestlich  von  Tarnopol  und  an  der  Strypa  abgewiesen.
  Ein  auf  der  ganzen  Linie  in  Wolhynien
und  Ostgalizien  versuchtes  Vorgehen  wurde  am  12.
Oktober  zum  Stehen  gebracht.

1  UGgl.  die  Karte  Bd.  1.  S.  223/9.
        <pb n="77" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Balkan  Herbst  1915

Die  Kämpfe  am  Styr  in  der  Gegend  von  Czartoryst
  nahmen  jedoch  am  20.  Oktober  wieder  größeren
Umfang  an;  ein  lleiner  Mißerfolg  konnte  am  22.  bereits
  ausgeglichen,  der  weichende  Feind  verfolgt  werden,
  und  bis  in  die  ersten  Tage  des  November  wogte
der  Kampf  bei  den  Orten  Komarow,  Kukli  und  Rudka
mit  wechselnden  Erfolgen  hin  und  her.

Den  stärksten  Vorstoß  in  Ostgalizien  gegen  die
Armee  Bothmer  unternahmen  die  Russen  zwischen
dem  1.  und  5.  November  bei  Siemikowce  an  der  mittleren
  Strypa.  Vier  Tage  lang  wurde  hier  mit  den
andrängenden  Russen  heiß  gerungen,  die  nur  vorübergehend
  imstande  waren,  den  Ort  zu  besetzen,  aus
dem  sie  am  5.  November  endgültig  vertrieben  und
auf  das  Ostufer  der  Sirppa  zurückgeworfen  wurden.

Den  ausdauerndsten  Angriffsgeist  zeigte  jedoch  der
rechte  russische  Flügel,  der  immer  wieder  vorzubrechen
suchte,  am  2.  November  aber  an  der  Straße  Lisowo-Czartorysk,
  am  14.  bei  Podgacie  geschlagen  wurde  und
im  Anschluß  hieran  die  Stellungen  westlich  vom  Styr
aufgeben  mußte.  Dessen  Ufer  bezeichnete  den  Winter
über  die  Frontlinie  zwischen  Pinsk  und  Czartorysk.

Die  am  2.  Mai  1915  mit  dem  Durchbruch  bei
Gorlice  begonnene  große  deutsche  Offensive  im  Osten
sand  nach  überwältigenden  Erfolgen  im  November
ihren  Abschluß.  Zwischen  Riga  und  Rumänien  dehnte
sich  die  neue,  über  1000  km  lange  Front  aus,  und
weit  drinnen  in  Feindesland  wurde  der  starke  Wall
errichtet  gegen  russische  Begehrlichkeit.

7.  Der  Krieg  auf  dem  Balkan  im
Herbst  1915.

Vorpostengeplänkel  und  Artilleriekämpfe  von  wechselnder
  Stärke  füllten  Frühjahr  und  Sommer  1915
aus.  Serbien  verschob,  zu  einer  Offensive  gegen  Osterreich
  sich  zu  schwach  fühlend,  im  Mai  Truppen  nach
Albanien  mit  der  Absicht,  auf  Durazzo  an  der  Adria
die  Hand  zu  legen,  um  hier  nicht  ausgeschaltet  zu
werden,  da  Italien  und,  wie  es  schien,  auch  Griechenland
  die  Absicht  hatten,  sich  an  der  Küste  aus  zudehnen.
Infolge  des  gelungenen  Durchbruchs  durch  die  russ.
Front  zwischen  Gorlice  und  Tarnow  im  Mai  1915
und  der  daran  sich  anschließenden  allgemeinen  Offensive
  auf  der  Ostfront  gestaltete  sich  die  strategische  Lage
so  zugunsten  der  Mittelmächte,  daß  endlich  im  Spätsommer
  1915  Truppen  zur  Wiederaufnahme  des  Angriffe
  gegen  Serbien  bereitgestellt  werden  konnten.  Die

sichten  eines  solchen  hatten  sich  dadurch  ganz  wesentlich
  geändert,  daß  sich  Bulgarien  auf  die  Seite  der
Mittelmächte  gestellt  und  im  September  seine  Armee
auf  den  Kriegsfuß  gesetzt  hatte.

Die  Niederwerfung  Ferbienst.

Im  Laufe  dieses  Monats  waren  zu  einem  umfassenden
  Angriff  auf  Serbien  bereitgestellt:  1)  eine
deutsch-österreichische  Heeresgruppe  unter  General  v.
Mackensen  an  der  Nord=  und  Nordwestgrenze.  Im
einzelnen  stand  auf  dem  rechten  Flügel  an  der  Drina
bei  Visegrad  im  südöstlichen  Bosnien  eine  österreichischungarische
  starke  Abzweigung  gegen  die  montenegrinische
  Grenze;  die  Armee  LKn  an  der  Save  oderhalb
  Belgrad,  die  Armee  Gallwitz  an  der  Donau;  an
dem  unteren  Flußlauf  bei  Orsova  schwächere  Truppen,
um  die  Gegend  des  voraussichtlichen  Donauüber-1

  Val.  die  Karte  Bd.  1,  S.  232  und  die  Kriegsberichte  Bd.  .
S.  280  fl.  u.  282  ff.

67

ganges  dem  Feinde  zu  verschleiern.  2)  Von  den
bulgarischen  Kräften  sond  eine  Nordarmee  unter  General
  Bojadschijeff  unter  Angliederung  an  die
Heeresgruppe  Mackensen  östlich  von  der  Linie  Zajecar-Pirot.—
  3)  Die  Masse  des  bulgarischen  Heeres,  in  drei
Armeen  gegliedert,  war  längs  der  serbischen  Ostgrenze
bei  Küstendil,  Dzumaja  und  Strumica  aufmarschiert.

Von  der  serbischen  Armee  stand  eine  etwa  250000
Mann  starke  Nordgruppe  an  der  Donau-  und  Savelinie,
  der  Rest  an  der  Ostgrenze  den  Bulgaren  am  Timok
  gegenüber.

Die  Lage  für  die  Serben,  die  von  einem  umfassenden
  Angriff  durch  überlegene  Kräfte  bedroht  wurden,
war  sehr  gefährlich.  Ein  Versuch,  die  durch  das  Hindernis
  der  Save  und  der  Donau  an  und  für  sich  sehr
starke  Nordfront  zu  halten,  war  ein  mißliches  Unternehmen,
  da  ein  Vorgehen  der  Bulgaren  die  Verteidiger
  in  rechter  Flanke  und  Rücken  ernstlich  bedrohte
und  die  Nordfront  sehr  bald  zum  Zurückschnellen  bringen
  mußte.  Sie  beschlossen  daher,  sich  bei  eintretenem

  feindlichen  übermächtigen  Angriff  im  Norden  ins
Innere  des  Landes  zurückzuziehen.  Diese  Bewegung
sollte  erleichtert  werden  durch  eigenes  Vorgehen  gegen
die  Bulgaren  über  den  Timok  hinüber.  Schließlich
wollte  man  nach  Mazedonien  ausweichen,  sich  einer
Entscheidung  dorthin  entziehen.  Hier  allein  war  Aufnahme
  und  Hilfe  zu  erwarten.

Die  Entente  hatte  sich  nämlich  entschlossen,  zur
Unterstützung  der  bedrohten  Bundeögenossen  ein  Heer
auf  den  Balkan  zu  schicken.  Ausladepunkt  wurde
Saloniki,  zum  Oberbefehlshaber  der  französische
General  Sarrail  ernannt.  Die  ihm  unterstellte
Armee  war  sehr  bunt  zusammengesetzt.  Zwei  Drittel
derselben,  die  bis  Ende  November  auf  150000  Mann

ebracht  war,  bildeten  Franzosen,  den  Rest  Engläner;

  teils  kamen  sie  von  den  Dardanellen,  wo  man
Anfang  Dezember  den  Angriff  aufgegeben  hatte,  teils
aus  dem  Mutierlande,  teils  aus  den  üÜberseeischen
Besitzungen.  Am  5.  Okt.  begannen  die  Landungen.
Die  ersten  Staffeln,  zwei  französische  und  eine  anglische
  Division,  wurden  sofort  mittels  der  Bahn  nord.
wärts  vorgefahren,  um  den  Vardar  aufwärts  die
Verbindung  mit  den  Serben  aufzunehmen;  Saloniki
selbst  wurde  stark  befestigt.  Während  sich  diese  Truppen
  noch  im  Vormarsch  befanden,  war  der  Feldzug
schon  an  der  Donaufront  eröffnet  worden.

Vom  6.—10.  Okt.  überschritten  von  der  Heeresgruppe
  Mackensen  die  Armee  Kövess  südwestlich  von
Belgrad  bei  Obrenovac  und  Sabac  und  in  Belgrad
unter  Benutzung  der  Großen  Zigeuner=  bzw.  der  Großen
  Kriegsinsel  Save  und  Donau,  die  Armee  Gallwitz
  bei  Semendria,  Dunabombo  (Insel  Temes)  und
Ram  die  Donau.  Kleinere  Abteilungen  gingen  bei
Lomiza  über  die  Drina.  Dank  der  guten  Vorbereitungen
  und  der  gelungenen  Verschleierung  des  Uferwechsels
  forderten  die  beim  üÜbergang  sich  entwickelnden
  Kämpfe  nur  geringe  Opfer;  hartnäckigen  Widerstand
  leisteten  die  durch  überwältihenden  Artilleriefeuer
überraschten  Serben  nur  in  Belgrad  selbst.  Nach
Verlust  der  Donaulinie  wich  die  serbische  Armee  in
eine  Verteidigungsstellung  aus,  deren  rechter  Flügel
sich  auf  das  befestigte  Pozarevac  stützte,  von  dort  über
die  untere  Morawa  nach  der  unteren  Kolubara  hinzog
undihren  linken  Flügel  in  Obrenovachatte;eine  zweite,
tief  gegliederte  Linie  war  in  dem  Gelände  zwischen  der
Donau  und  dem  Morawa-Abschnitt  Cacal-Kraljewo-Krusevac
  vorbereitet.  Die  Stellung  setzte  sich,  wenn
auch  nur  in  einzelnen  Werken,  in  dem  Gelände  zwi-5
        <pb n="78" />
        68

schen  der  unteren  Kolubara  und  der  Drina  weiter
nach  Westen  fort.  An  der  unteren  Donau  war  das
rechte  Ufer  des  »Eisernen  Torese  durch  schwächere
Abteilungen  besetzt.

Nach  vollendetem  Donanübergang  ging  Mackensen
zum  allgemeinen  Angriff  Über  mit  der  Absicht,  die
Serben  nach  Süden  den  Bulgaren  entgegenzutreiben,
die  gleichzeitig  ihren  Vormarsch  nach  #cheen  über  den
Timok  in  der  allgemeinen  Richtung  auf  Negotin-Zajecar-Pirot
  antraten.  Am  14.  Okt.  nahm  Mackensen
Pozarevac,  während  an  demselben  Tage  die  bulgarische
  Armee  Bojadschijeff  die  Serben,  die  über  den
Timok  ins  bulgarische  Gebiet  eingebrochen  waren,  bei
Belogradcik  wieder  ins  Flußtal  zurückwarf.  Am  16.
nahm  Mackensen  die  Höhe  südlich  von  Belgrad  —  sehr
heftig  wurde  besonders  um  die  Bergkuppe  des  Avala
gerungen  —,  am  18.  fiel  Obrenovac,  an  demselben
Tage  besetzte  Bojadschijeff  Negotin,  am  19.  Kujazevac,
  am  20.  Zajecar.  Am  23.  Okt.  begann  sich
auch  die  Gruppe  bei  Orsova  auf  dem  linken  Donauufer
  zu  regen,  sie  überschritt  den  Fluß  beim  -Eisernen
Tor=  und  stellte  die  Berbindung  mit  dem  Nordflügel
Bojadschijeffs  bei  Prahovo  her.  Am  1.  Nov.  nahm
die  Armee  Mackensen  Kragujevae  nachdem  schon
am  20.  Sabac,  am  23.  Visegrad  dem  Feinde  entrissen
  war,  der  in  Gefechten  am  Lim  nach  Südosten
zurückgedrängt  wurde.  —  Währenddessen  waren  auch
diebulgarischen  Armeen  zwischen  Küstendil  und  Strumica
  nicht  untätig  geblieben.  Man  hatte  erkannt,  daß
die  in  Eilmärschen  von  Saloniki  heranrückende  englisch=
  französische  Armee  über  üsküb  den  bedrängten
Serben  die  Hand  reichen  wollten.

Um  dies  zu  verhindern,  rückten  die  in  drei  Armeen
gegliederten  Hauptkräfte  der  Bulgaren  in  Mazedonien
ein.  Am  18.  Okt.  vertrieben  sie  die  hier  stehenden
schwachen  serbischen  Kräfte  aus  Vranje,  Egri  Palanka
und  Stip,  am  21.  Okt.  besetzten  sie  Veles  und  Kumanova.
  Am  23.  Okt.  wurden  durch  die  Eroberung
üskübs  die  in  Südserbien  fechtenden  Teile  des  Feindes
  von  der  in  Nordserbien  in  schweren  Rückzugskämpfen
  stehenden  Nordarmee  getrennt.  Sie  wichen
in  die  Gegend  südwestlich  vom  Bardar  zurück  in  der
Richtung,  aus  der  sieden  Bundesgenossen  erwarteten.
Bul  aritze  Abteilungen  folgten.  Weiter  südlich  hatten
sich  schon  Mitte  Oktober  Kämpfe  mit  Teilen  der  serbischen
  Südgruppe  sowie  Engländern  und  Franzosen
entwickelt,  die  in  Richtung  auf  Strumica,  Krivolak
und  Veles  vorgingen  und  sernermitden  linken  Flügel
Verbindung  mit  der  serbischen  Südgruppe  aufzunehmen
  versuchten.  Diese  Absicht  wurde  nicht  erreicht,
ein  Vorstoß  der  Franzosen  auf  Stip-Veles  scheiterte
völlig  —  die  Bulgaren  hielten  zunächst  die  Linie
Strumica-Krivolak,  gingen  aber  dann  selbst  zum  Angeif
  über,  den  die  Ententetruppen  in  einer  Linie

ojran-Krivolak-Cernalauf  abzuwehren  suchten.  Die
serbische  Südgruppe  wurde  auf  den  Baluna-Paß  zwischen
  Veles  und  Prilep  zurückgedrückt,  letzteres  fiel
am  20.  Nov.  in  die  Hand  der  Bulgaren.  Für  Nordserbien
  ist  das  allgemeine  Bild  des  Vormarsches  Ende
Oktober  folgendes:

Die  Armee  Kövess  in  zwei  Kolonnen  im  Vordringen
  über  Kolubara  von  Nordwesten  nach  Südosten,
allgemeine  Richtung  Arilge-Kraljevo;  Armee  Gallwitzindrei
  Kolonnen  über  Belgrad-Semendria-Ram,
allgemeine  Richtung  Kraljevo—KragujevacKrusevac
  —  von  Norden  nach  Süden;  Armee  Bojadschileff
  in  drei  Kolonnen  von  Osten  nach  Westen  auf
Krusevac-Nisch-Leskovac.  Auf  dem  Vormarsch  der

I.  Kriegsgeschichte

Heeresgruppe  Mackensen  waren  im  ganzen  sieben
hintereinander  liegende  befestigte  Stellungen  zu  nehmen.
  Die  Känpf  stellten  durch  die  Gebirgsnatur
des  Kriegsschauplatzes  und  die  Witterungsverhältnisse
ganz  besonders  große  Anforderungen  an  die  Truppe.
Am  7.  Nov.  waren  die  erwähnten,  an  der  Golisska
Morawa  liegenden  Operationsziele  Kraljevo,  Krusevac
  erreicht.  —  Die  andauernden  Kämpfe,  bei  der  die
Serben  einen  großen  Teil  ihrer  Artillerie  verloren.
hatten,  zeigten  von  Tag  zu  Tag  mehr,  daß  die  Widerstandskraft
  des  Feindes  im  raschen  Abnehmen  begriffen
war.  Am  2.  Nov.  schon  war  Bojadschijeff  vor  Nisch
erschienen  und  hatte  es  am  ö.  Nov.  genommens:schwere
Kämpfe  um  Pirot,  das  von  den  Bulgaren  am  27.Okt.
erobert  wurde,  waren  vorausgegangen.  Durch  die  Eroberung
  Nischs  war  die  Verbindung  der  bulgarischen
Armee  mit  der  öterreichischungarifthe  und  der  deutschen
  hergestellt  worden.  Besonders  wichtig  für  den
weiteren  Verlauf  des  Krieges  im  Osten  war,  daß  dieser
Sieg  die  Eisenbahnlinie  Belgrad-Sofia  in  die
Hände  der  Verbündeten  brachte  und  damit  ein  unmittelbarer
  Verkehr  der  Mittelmächte  mit  Bulgarien
und  der  Türkei  gesichert  war.  Man  verkannte  auch
bei  der  Entente  die  schwerwiegende  Bedeutung  dieser
Waffentatnicht,  die  nach  der  Erklärung  eines  englischen
Ministers  den  härtesten  Schlag  bedeutete,  den  sie  bisher
  vom  Feinde  erlitten  habe.

Die  Kämpfe  mit  den  Serben  nahmen  nunmehr
immer  ausgesprochener  das  Wesen  von  Rückzugsgesechten
  an;  von  einem  Auphalten  des  mit  aller  Macht
Tag  für  Tag  an-  und  nachdrängenden  Feindes  war
keine  Rede  mehr;  die  Beute  an  Gefangenen  und  Material
  nahm  von  Tag  zu  Tag  zu.  Am  9.  Nov.  wer
von  Mackensen  bereits  die  Gegend  südlich  von  Kraljevo
  und  südwestlich  von  Krusevac  genommen;  er
drang  den  Ibar  aufwärts  dem  Feinde  nach.  Die
Bulgaren  hatten  schon  die  südliche  Morawa  im  Weiterdringen
  nach  Westen  unter  heftigen  Kämpfen  überschritten.
  Immer  mehr  wurde  das  Vorgehen  der  Verbündeten
  zu  einer  Verfolgung  im  großen  Maßstabe.
Der  Tagesbericht  vom  10.  Nov.  konnte  melden:  :  Auf
der  ganzen  Front  in  Serbien  sind  die  Verfolgungskämpfe
  im  Gange.-—  Besonders  schwer  hatte  es  noch
die  Visegrader  Gruppe,  die  am  unteren  Lim  auf  sehr
erheblichen  Widerstand  traf;  hier  hatten  sich  die  Montenegriner
  an  die  Serben  angegliedert.  Der  13.war  ein
allgemeiner  Kampftag  auf  der  ganzen  Front  Kövess
und  Gallwitz,  er  endete  mit  Zurückdrängen  des  Gegners
  unter  besonders  schweren  Verlusten.  Die  Verfolgung
  blieb  im  Fluß;  nur  stellenweise  hielt  der  Feind
noch.  Am  17.  Nov.  hatten  die  verbündeten  Armeen  die
allgemeine  Linie  Javor-Gegend  nördlich  von  Raska-Kursumlize-Radan-Gruglica
  erreicht.  —  Am  20.
stond  Kövefs  in  Novibazar,  Gallwitz  und  Boja-=schijeff

  kämpften  um  den  Austritt  in  das  Lab-Tal
nördlich  von  Pristina,  zum  -Amselfelde.  Der  23.
brachte  die  Eroberung  von  Priboj  und  damit  den
übergang  der  hier  fechtenden  Osterreicher  über  den
Lim,  weiter  östlich  die  Einnahme  von  Mitrovitza
und  Pristina.  Am  24.  Nov.  vereinigten  sich  die  getrennt
  anmarschierenden  Heere  der  Verbündeten  zu

emeinschaftlicher  Schlacht  auf  dem  Amselfel  de  (Kosoo
  Polje).  Von  Norden  (auf  dem  rechten  Fiuug  beginnend)
  griffen  die  linke  Kolonne  der  Armee  Kövess
und  die  Armee  Gallwitz,  von  Osten  und  Südosten  die
2.  und  3.  bulgarische  Armee  die  Serben  umfassend  an
und  schlugen  sieam  24.  und  25.  vollständig.  Prizren,
im  Rücken  der  geschlagenen  Armee,  wurde  am  29.  von
        <pb n="79" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Balkan  Herbst  1915

den  Bulgaren  besetzt.  Am  28.  Nov.  meldete  der  deutsche
Tagesbericht:  »Mit  der  Flucht  der  rgien  Reste
des  serbischen  Heeres  in  die  albanischen  Gebirge  find
die  großen  Operationen  gegen  dasselbe  abgeschlossen.
Jhr  nächster  Zweck,  die  Orene  feeier  Verbindung  mit
Bulgarien  und  dem  türkischen  Reich,  ist  erreicht.:  —
Mehr  als  150000  Mann  und  500  Geschütze  waren
in  des  Siegers  Hand  gefallen.
Allein  noch  trat  keine  Ruhe  in  den  Heeresbewegungen
  auf  diesem  Kriegsschauplatz  ein.  Es  wurde  beschlossen,
  die  Trümmer  des  serbischen  Heeres  vollständig
  nach  Albanien  und  Montenegro  hineinzuwerfen,
ferner  aber  die  Südgruppe,  die  noch  im  Raume  Monastir-
  Prilep-Kreova-Debra—Ochrida  kampffähig
hielt,  zu  vernichten.  Es  standen  am  29.  Nov.  die
Heeresgruppe  Mackensen  mit  der  Armee  Kövess  nordöstlich
  von  Ipek,  mit  der  Armee  Gallwitz  südwestlich
von  Pristina,  mit  der  Armee  Bojadschijeff  bei  Prizren.
Zur  Erfüllung  der  obengenannten  Aufgaben  wurde
angeordnet:  Armee  Kövess  Übernimmtddie  Verfolgung
nach  Montenegro  hinein  über  die  Linie  Plevlje-Ipek;
Armee  Bojadschijeff  die  nach  Albanien  über  die  Linie
Djakova-Prizren  zu  beiden  Seiten  der  Drina;  Armice
  Gallwitz  setzt  den  Vormarsch  nach  Süden  fort,  um
zusammen  mit  der  2.  bulgarischen  Armee  Monastir
zu  nehmen.  —Ernstlicher  Widerstand  wurde  nirgends
mehr  von  den  Serben  geleistet.  Kövess  erreichte  am
2.  Dez.  Plevlje,  am  8.  Ipek  und  trieb  Montenegriner
  und  Serben  hinter  den  Lim  zurück.  Der  Winter
heminte  hier  die  Fortführung  der  Operationen.  Bojadschijeff
  erreichte  an  demselben  Tage  Djakova  und
folgte  bis  an  die  Liuma  und  die  Drina-Engebei  Spas.
Gallwitz  hatte  schon  am  4.  Dez.  in  Monastir  einrücken
  können.  Am  8.  hatten  die  Bulgaren  die  Linie
Debra-Struza-Ochrida  erreicht,  Vortruppen  waren
auf  albanisches  Gebiet  auf  Elbasan  und  Korca  vorgeschoben.
  Der  serbische  Feldzug  war  beendet.

Die  Anterwerfung  Montenegros!.

Das  Jahr  1915brachte  in  die  bisherigen  Stellungskämpfe
  wenig  Anderung  auch  Montenegro  suchte  sich,
genau  wie  Serbien,  Teile  Albaniens  zu  sichern.  Am
#.  Juli  wurden  Skutari  und  der  Hafen  von  San
Giovanni  di  Medua  von  den  Söhnen  der  schwaren

  Berge  besetzt.  Diesen  sowie  die  montenegrinischen
Häfen  von  Antivari  und  Dulcigno  suchten  die  österreichischen
  Seestreitkräfte  zu  sperren,  um  die  Einführung
  von  Lebensmitteln  und  Kriegsmaterial  durch
die  Verbandsmächte  zu  verhindern.  Diese  Aufgabe
mußte  angesichts  der  Überlegenheit  der  hier  versammelten
  feindlichen  Schiffe  dem  sich  allmählich  immer  wirksamer
  erweisenden  Unterseebootskrieg  überlassen  werden.
  —  Mit  dem  Beginn  des  zweiten  Feldzuges  gegen
Serbien  im  Herbst  1915  stellten  die  Verbündeten  auch
gegen  Montenegro  Kräfte  bereit,  um  diesen  Feind
gleichzeitig  unschädlich  zu  machen.  Um  diese  Zeit  standen
  die  montenegrinischen  Kräfte,  die  nicht  nach  Albanien
  entsendet  worden  waren  oder  im  Westen  und
Norden  den  Grenzschutz  bildeten,  auf  25000  Mann
eschätzt,  am  oberen  Lim  und  an  der  mittleren  Tara
in  der  Linie  halbwegs  zwischen  Plav  und  Ipel,  östlich
an  Berane  vorbei  über  den  Lim  nach  Mojkovac  an
der  Tara,  diesem  Flußlauf  folgend,  bis  an  die  bosmische
  Grenze.  Die  Gunst  des  Geländes  gestattete
ihnen,  den  hier  auch  zum  Angriff  vorgehenden  österrrichisch-ungarischen
  äften  einen  unverhältnismäßig

—

1  Bgl.  die  Karte  Ab.  I.  G.  282.

69

langen  Widerstand  zu  leisten.  —  Die  Absicht  der
österreichischen  Heeresleitung  war,  den  Feind  in  seinem
Lande  von  drei  Seiten,  von  Nordwesten,  Norden  und
Nordosten,  also  umfassend,  anzugreifen.  Erst  allmählich
  mit  dem  Vorschreiten  in  Serbien  reifte  dieser  Plan
zu  seiner  Ausführung.

Der  Angriff  begann  mit  einem  Vorgehen  aus  der
nerfegowina  gegen  die  Westgrenze  Montenegros.  Am
1.  Nov.  wurden  die  Grenzhöhen  von  Troglav  und
Orlovac  sowie  die  beherrschende  Höhenstellung  auf
dem  Vardar  nordöstlich  von  Vileca  dem  Feinde  entrissen
  und  sofort  einsetzenden  Gegenangriffen  gegenüÜber
  gehalten.  Gleichzeitig  war  auch  aus  Trebinje
ber  zum  Angriff  gegen  die  feindliche  Grenzstellung
geschritten  worden,  die  in  den  schweren  Kämpfen
3.  —5.  Nov.  durchbrochen  wurde;  auch  hier  blieden
Gegenangriffe  erfolglos.  —  Der  nun  auch  von  Nordosten,
  von  Uzice,  her  vorgetragene  Angriff  warf  die
Montenegriner  über  den  Lim.  Am  18.  Nov.  kam  es
an  diesem  Fluß  weiter  unterhalb  bei  Priboj  zum
Kampf,  in  dem  der  Feind  völlig  geschlagen  und  damit
der  Weg  ins  Sandschak  Novibazar  geöffnet  wurde.  —
Am  21.  Nov.  warf  die  von  Norden  vorgerückte  österreichisch-ungarische
  Gruppe  die  Montenegriner  aus
ihren  Stellungen  am  Nordhang  des  Goles-Berges,
südlich  von  der  Drina;  am  22.  wurde  der  Kozara-Sattel
  mit  den  angrenzenden  Linien  angegriffen,
jedoch  zunächst  ohne  Erfolg.  An  demselben  Tage
wurden  die  noch  bei  Priboj  sich  haltenden  Teile  des
Feindes  endgültig  vertrieben  und  Uber  den  Lim  geworfen.
  Es  begannen  nun  auch  die  Bewegungen  auf
der  Front  weiter  nach  Süden.  Am  24.  wurde  der
Vormarsch  auf  Sjenica  angetreten.  Die  Armee  Kövess,
die  bisher  unter  Mackensen  gefochten  hatte,  griff  jetzt
hier  in  den  Kampf  ein.  Von  allen  Seiten  drangen
nun  die  Osterreicher  in  das  Lüngreih  ein.  Am  29.
kam  es  zu  einem  umfangreicheren  Zusammenstoß  südwestlich
  von  Priboj,  der  mit  dem  Zurückwerfen  des
Feindes  auf  Plevlje  endete.  Unaufhörlich  dräugte  hier
Kövefs  nach.  Plevlje  siel  am  1.  Dez.  nach  äußerst
hartnäckigem  Widerstand;  die  Gefechte  setzten  sich  am
8.  südlich  von  dieser  Stadt  und  südwestlich  von  Sjenica
fort.  Bei  Berane  und  Ipek  wurden  am  4.  Dez,  die
feindlichen  Stellungen  gestürmt,  eine  große  Menge
Kriegsmaterial  fiel  in  des  Siegers  Hand.  Von  nun
an  hatten  die  Österreicher  auch  hier  nur  noch  Verfolgungsgefechte
  zu  führen.  Am  14.  Dez,  standen  sie
vor  Bjelopolje;  am  16.  wurde  es  in  umfassendem
Angriff  mit  stürmender  Hand  genommen;  außer
Montenegrinern  standen  hier  auch  nach  Westen  abgedrängte
  Serben  im  Kampfe.  13500  Gefangene  waren
  allein  in  den  vier  letzten  Kampstagen  in  Ostmontenegro
  gemacht  worden.

m  den  Montenegrinern  den  Seeweg  für  ihren
Abzug  zu  versperren,  waren,  wie  esscheint,  vom  feindlichen
  Nachrichtendienst  unbemerkt,  Teile  der  Armee
Kövess  auf  den  bosnischen  Bahnen  nach  Süddalmatien
verschoben  worden.  Diese  sollten  von  Cattaro  aus
gegen  den  Lovcen  dicht  östlich  von  der  Stadt  vorgehen.
  Die  Lage  Montenegros  hatte  sich  mittlerweile
durch  die  wirksam  gewordene  Blockade  täglich  verschlimmert;
  es  begann  an  Lebensmitteln  und  Schießbedarf,
  für  deren  Ergänzung  das  Land  auf  den  Seeweg
  angewiesen  war,  fühlbar  zu  mangeln.  Der  Krieg,
dessen  Fortführung  durch  die  winterliche  Witterung
und  das  Gelände  ungemein  erschwert  wurde,  zog  sich
in  das  Jahr  1916  onne  große  Entscheidung  hinein.
Am  10.  Jan.  fiel  der  Lovcen  nach  dreitägigem
        <pb n="80" />
        70

Kampfe,  in  den  die  Marine  mit  Erfolg  eingriff.  Der
Widerstand  Montenegros  war  Hebrochem  nachdem
nun  auch  am  11.  die  Höhen  von  Budna  u.  der  Baljak
südwestlich  von  der  Hauptstadt  Cetinje  sowie  im  Nordostwinkel
  Montenegros  die  Höhen  südlich  von  Berane

estürmt  worden  waren.  Am  14.  Jan.  verkündete  der
Hterreichsch-ungarische  Tagesbericht,daßdieMontene.
griner  unter  Preisgabeihrer  Hauptstadt  an  allen  Punkten
  ihrer  Süd=  und  Westfront  den  Rückzug,  von  den
OÖsterreichern  verfolgt,  angetreten  hätten;  diese  hätten
hierbei  schon  die  Linie  Budna-Cetinje-Grab-Grahovo
überschritten.  Cetinje  wurde  am  14.  besetzt.  Am
Tage  vorher  schon  hatten  der  König  von  Montenegro
und  seine  Regierung  um  Einstellung  der  Feindseligkeiten
  sowie  um  Beginn  der  Friedensverhandlungen
gebeten.  Es  wurde,  nachdem  bedingungslose  Waffenstreckung
  verlangt  und  zugesagt  war,  in  diese  eingetreten;
  die  bonigliche  Familie  verließ  das  Land.  Am
8.  Febr.  war  die  Entwaffnung  des  Landes  vollendet,
der  Krieg  gegen  Montenegro  siegreich  beendet.

Die  Kämpfe  in  Mazedonien  1915  bis  zum  Rünzug
der  Grientarmeei.

Die  Armee  Sarrails  (die  sog.  Ortentarmee)  hatte
Anfang  Dezember  1915  eine  Stärke  von  200000  Mann
mit  600  Feld-,  130  Gebirgsgeschützen  und  80  schweren
Haubitzen  erreicht.  Nach  Abzug  der  zu  Etappezwecken
verwendeten  Verbände  hatte  der  Oberbefehlshaber
noch  170000  Mann  zur  Verwendung  im  freien  Felde.
Nachdem  es  nicht  gelungen  war,  mit  den  Serben  unmittelbar
  in  Verbindung  zu  treten,  da  die  Bulgaren
in  Südserbien  mit  Erfolg  hiergegen  einen  Riegel  vorgeschoben
  und  Sarrail  bis  in  die  Linie  Krivolak-Varar-Cerna

  zurückgeworfen  hatten,  verzichtete  dieser
zunächst  auf  eigenen  Angriff.  Er  versammelte  sich  in
nachfolgender,  70  km  breiter  Stellung:  rechter,  östlicher
  Flügel  an  der  Paßenge  zwischen  Valandova
und  Kosturino-Gradec  am  Vardar-Vardar-Engpaß
Demir-Kapu-linker,  westlicher  Flügel  an  der  Marianska-Planina
  an  der  griechischen  Grenze  nach
Süden  umgebogen.  Demgegenüber  hatte  man  beschlossen,
  die  englisch-französische  Hilfsarmee  völlig
vom  serbischen  Boden  zu  vertreiben,  die  Neutralität
Griechenlands  aber  bei  einem  günstigen  Verlauf  des
Kampfes  in  der  Verfolgung  zu  achten.

Am  30.  Nov.  war  die  zu  der  Unterwerfung  bestimmte
  bulgarische  Armee  Todoroff  in  der  Linie
Prilep-Krivolak-Strumica  aufmarschiert.  Auf  die
Nachricht  hiervon  beschloß  Sarrail,  seine  Front  in  der
Art  zu  ändern,  daß  er  seine  Mitte,  die  sehr  nach  Nordwesten
  vorsprang  und  leicht  umfaßt  oder  abgeschnürt
werden  konnte,  von  Demir-Kapu  zurücknahm;  er  erreichte
  dadurch  auch  eine  Verkürzung  seiner  ganzen
Front.  Er  beschloß,  munmeh.  in  dieser  mittlerweile
starkbefestigten  Stellung  den  Angriff  anzunehmen.  —
General  Todoroff  hatte,  nachdem  er  Demir-Kapu
und  Kosturino  besetzt  hatte,  folgendermaßen  über
seine  Truppen  verfügt.  Erx  beabsichtigte,  die  feindliche
  Stellung  in  Front  und  linkem  (West-)  Flügel
umfassend  anzugreifen.  Gegen  den  rechten  Flügel  der
Front,  den  die  Engländer  besetzt  hielten,  gingen  drei
Kolonnen  längs  der  Straße  Strumica-Valandova-Dedeli-Dojran
  vor;  sie  sollten  die  Front  durchbrechen
und  den  rechten  Flügel  des  Heeres  auf  die  Gegend  des
Dojran-Sees  zurückdrücken.  Gegen  den  linken  Teil  der
Front,  der  von  den  Franzosen  gehalten  wurde,  gingen

1  Vgl.  die  Karte  Vo.  1I,  S.  113.

1.  Kriegsgeschichte

zwei  Kolonnen  im  Vardartal  vor  mit  dem  Auftrage,
auch  hier  durchzubrechen  und  entlang  des  Flusses  und
der  sie  begleitenden  Bahnlinie  auf  Gjevgjeli  Gelände
u  gewinnen.  Gegen  den  feindlichen,  auf  die  Höhen  der
karianska-Planina  zurückgebogenen  linken  Flügel
ingen  ebenfalls  drei  Kolonnen  vor,  die  ihn  gegen  das
zardartal,  also  gegen  den  Rücken  der  französischen
Mitte,  werfen  sollten.  Am  9.  Dez.  wurde  die  Schlacht
durch  ein  gewaltiges  Artilleriefeuer  auf  der  ganzen
Front  durch  die  Bulgaren  eingeleitet.  Am  10.  begann
der  Infankerleangrifg  Auf  dem  feindlichen  rechten,
dem  englischen  Flügel  verlief  derselbe  so,  daß  dieser
gezwungen  wurde,  bis  hinter  den  Flußlauf  des  Kozlu
ere,  d.  h.  8  km,  unter  starken  Verlusten  zurückzugehen.
  In  der  Mitte  drangen  die  Bulgaren  zu
beiden  Seiten  des  Vardar  bis  in  die  Gegend  von
Mirowka,  12  km,  vor.  Auf  der  Marianska-Planina
wurde  der  linke  französische  Flügel  von  den  Höhen
bis  ins  Vardartal  zurückgedrückt,  so  daß  er  am  Abend
senkrecht  zur  Front,  den  Vardar  im  Rücken,  stand.
Der  Kampf  wurde  am  11.  fortgesetzt.  Der  bulgarische
Angriff  war  auch  weiter  überall  von  Erfolg  gekrönt.
Die  Engländer  wurden  aus  ihrer  neuen  Stellung
südlich  vom  Kozlu  Dere  zwischen  Baba  und  Kara  Baia
gewonfen  und  von  der  Mitte  ab  nach  Südosten  auf
en  Dojran-See  zu  getrieben;  erst  8  km  dahinter,  in
der  Gegend  von  Kara  Oglular,  westlich  von  Dojran,
vermochten  sie  sich  wieder  zu  setzen.  Die  Mitte  wurde
bei  Furka  durchbrochen  und  strömte  nach  dem  Vardartale
  zurück.  Erst  nördlich  von  Bogdanci,  15  km  südlich,
  kam  sie  zum  Halten.  Am  unheilvollsten  fiel  der
Kampf  für  den  zurückgebogenen  französischen  linken
Flügel  aus.  Von  Norden  und  Westen  kraftvoll  umfaßt,
  wurde  er  aus  seinen  Höhenstellungen  am  Osthang
  der  Marianska-Planina  vollends  auf  den  Vardar
  geworfen;  am  Abend  sammelten  sich  die  Trümmer
  in  einer  Stellung  nördlich  von  Gjevgjeli  mit  der
Front  nach  Norden  und  Westen.  Die  Cntscheidung
war  erkämpft,  denn  der  Morgen  des  12.  Dez.  sah  die
Orientarmee  des  Generals  Sarrail  im  vollen  Rückzug
auf  die  griechische  Grenze,  gefolgt  vom  Sieger,  der
schon  am  Mittag  Dojran  und  am  Spätnachmittag
Gjevgjeli  besetzte.  Am  13.  meldete  der  bulgarische
Tagesbericht:  -Der  Feind  wurde  überall  geschlagen.
Mazedonien  ist  befreit,  und  auf  dem  mazedonischen
Boden  befindet  sich  kein  einziger  feindlicher  Soldat  in
Freiheit  mehr.#  —  Der  Versuch  der  Entente,  Serbien
u  entlasten,  war  gescheitert.  Die  englisch-französische
lrmee  zog  sich  auf  Saloniki  zurück  und  erwartete  dort
Verstärkungen,  um  von  neuem  je  nach  der  Lage  in  die
kriegerischen  Maßnahmen  auf  dem  Balkan  einzugreifen.
  Der  Vierbund  führte  zunächst  seinen  Angriff  nicht
weiter  in  griechisches  Gebiet  hinein  fort.  —  Es  trat
hier  eine  längere  Pause  in  den  Unternehmungen  ein.

8.  Der  Stellungskrieg  im  Westen  von
November  1914  bis  Herbst  1915.

Ende  Oktober  1914  bildete  die  deutsche  Front  im
Westen  eine  ungefähr  600  km  lange  Linie.  Von  der
Nordseeküste  bei  Nieuport  zog  sie  sich  an  der  Mer  und
am  Perkanal  fntlang.  östlich  von  Dpern  und  Armentières
  vorbei  bis  Lille,  sprang  von  hier  in  starkem
Bogen  gegen  La  Bafssée  und  Carency  nach  Westen
vor,  berührte  Roye  und  Noyon  und  ging  quer  über
die  Oise  an  der  Aisne  entlang  bis  südöstlich  von
Craonne.  Erneut  gegen  Süden  vorspringend,  er-—

  —  —  —

1BVul.  die  Karte  Bd.  1.  S.  172,3.
        <pb n="81" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  November  1914  bis  Herbst  1915

streckten  sich  die  deutschen  Stellungen  durch  das  Vorfeld
  der  Stadt  Reims,  von  hier  in  ungefähr  östlicher
Richtung  quer  durch  die  Argonnen  bis  nördlich  von
Verdun  zur  Maas,  umfaßten  die  Festung  in  weitem
Bogen  und  wendeten  sich  aus  der  Ebene  von  Woevre
quer  durch  die  Hochebene  der  Maashöhen  nach  St.
Mihiel  auf  dem  linken  Maasufer.  Dann  sprang  die
Linie  über  den  Fluß  nach  Croix  des  Carmes  an  der
Mosel  zurück,  lief  von  hier  aus  zwischen  der  lothringischen
  Grenze  und  der  Meurthe  über  die  westlichen
Hänge  der  Vogesen,  trat  in  der  Gegend  des  Schluchtpasses
  auf  deutsches  Gebiet  über  u.  erreichte,  Gebweiler
und  Sennheim  streifend,  durch  den  Sundgau,  südlich
von  Autkkirch  die  Grenze  der  Schweiz.  Bis  auf  einen
kleinen  Rest  von  kaum  800  ckm  war  ganz  Belgien  erobert,
  ein  ausgedehnter  und  durch  seine  Bedeutung  als
Industriezentrum  wichtiger  Teil  von  Nordfrankreich
besetzt.  dagegen  nur  ein  verschwindend  kleiner  Teil
deutschen  Bodens  im  Oberelsaß  dem  Feinde  überlassen.

Seitdem  die  Absicht  der  französischen  und  englischen
  Heeresleitung,  die  deutsche  Schlachtlinie  von
Norden  zu  umfassen,  durch  deren  Ausdehnung  bis
zum  Meer  vereitelt  worden  war,  lagen  sich  die  beiden
Heere  auf  ziemlich  geringe  Entfernung  frontal  gegenüber,
  was  die  Aussichten  auf  einen  erfolgreichen  Angriff
  beiderseits  verringerte.  Den  rechten  Flügel  hatte
die  Heeresabteilung  des  Thronfolgers  von  Württemberg;
  an  sie  schloß  sich  im  Süden  die  des  Kronprinzen
von  Bayern  an  bis  in  die  Gegend  südlich  von  Arras;
dann  folgte  die  Heeresabteilung  des  deutschen  Kronprinzen
  bis  zum  Reichsland;  den  linken  Flügel  bil.
dete  die  Armeeabteilung  Falkenhausen.  In  bester
Ausnutzung  der  gegebenen  Verhältnisse  beschränkte
sich  die  deutsche  Heeresleitung  auf  der  Westfront  zunächst
  auf  eine  kraftvolle  Verteidigung,  um  inzwischen
gegen  den  Feind  im  Osten  angriffsweise  vorzugehen
und  die  Entscheidung  zu  suchen.  So  wurde  von  nun
an  auf  der  Westfrontder  Schützengraben  zu  einem  wichtigen
  Kriegsmittel,  der,  mit  rückwärtigen  Deckungsgräben
  durch  Laufgräben  verbunden  und  mit  Unterkünften
  reichlich  versehen,  durch  Hindernisgürtel  geschützt,
  sich  zu  vollständigen  Systemen  auswuchs,  die
an  das  der  Angriffsarbeiten  beim  Festungsangriff
erinnerten.  Nur  auf  solche  Weise  konnte  einiger  Schutz
gegen  die  sich  immer  mehr  steigernde  Wirkung  der  Artillerie
  geschaffen  werden.  Bei  ihren  Kriegsvorbereitungen
  hatten  die  Franzosen  der  Uusbildung  dieser
Wass=  große  Aufmerksamkeit  zugewandt  und  leisteten
namentlich  mit  der  leichten  Feldartillerie  Vorzügliches,
während  die  deutsche  Armee  ihnen  weit  überlegen
war  in  der  schweren  Artillerie  des  Feldheeres.  Dies
wurde  jedoch  sehr  bald  durch  die  amerikan.  Massenlieserungen,
  zumal  an  schweren  Rohren,  ausgeglichen.

Die  Ereignisse  in  Flandern  und  im  Artoist.

Der  Feind  unternahm  auf  dem  nördlich  von  Nieuport
  an  der  Küste  trocken  gebliebenen  Streifen  vom
4.  November  an  Vorstöße,  deren  einer  am  11.  bis  nach
Lombardzyde,  einer  nordwestlichen  Vorstadt  Nieuports,
  hineinführte.  Noch  am  selben  Tag  zurückgeschlagen,
  wurde  der  Gegner  hier  von  nun  an  durch
deutsche  Marinetruppen  dauernd  abgewehrt,  und
auch  das  Feuer  eines  zum  ersten  Male  Ende  Oktober,
dann  am  22.  und  23.  November  und  hier  und  da
noch  im  Dezember  eingreifenden  englischen  Geschwaders
  verpuffte  wirkungslos.

1  Ug.  die  Karte  Bd.  1,  S.  217.

71

Unterdessen  hatte  der  10.  November  reichen  Gewinn
  gebracht,  indem  als  Ausklang  der  Schlacht  bei
Mern,  die  am  2.  November  durch  neue  Angriffsbewegungen
  der  Deutschen  wieder  aufflackerte,  Dixmuiden
  genommen  wurde.  Gegen  Langemarckstießen
neu  ausgebildete,  zum  größten  Teil  aus  Kriegsfreiwilligen
  bestehende  Regimenter  vor,  die  ersten  feindlichen
  Stellungen  wurden  durchbrochen  und  2000  Gefangene
  gemacht;  auch  drangen  am  11.  November
deutsche  Truppen  nach  längerem  erbitterten  Ringen
in  das  südlich  von  Ypern  gelegene  St.  Eloi  ein.  In
den  nächsten  Wochen  wurde  die  Gefechtstätigkeit  in
diesem  Abschnitt  durch  die  überschwemmung,  unsichtiges
  Wetter  und  Schneestürme  behindert,  die  Schlacht
in  Flandern  schlief  ein.

In  der  südwestlich  sich  an  Flandern  anschließen.
den  Provinz  Artois  fanden  zwischen  dem  20.  Oktober
  und  14.  November  heiße  Känipfe  statt,  bei  denen
die  Deutschen  sich  den  mit  Indern  untermischten
Engländern  überlegen  deigten  und  nach  und  nach  in
der  Richtung  auf  La  Bassée  und  Armentieres  vordrangen.
  Am  1.  November  konnie  Messines  besetzt,
ein  zwischen  dem  4.  und  13.  wiederholter  englischer
Angriff  bei  La  Bassée  abgewiesen  und  die  Höhenkette
  nördlich  von  Armentières  behauptet  werden.
Auch  Ende  November  und  im  ersten  Drittel  des  Deember

  unternommene  feindliche  Angriffe  aus  Dpern
zeraus  wurden  abgewiesen.

Zu  deutschen  Ersolgen  führten  auch  die  gleichzeitig
im  Zentrum  der  Gesamtfront  stattfindenden

Kämpfe  zwischen  Gise  und  Maas.

Im  September  1914  war  es  den  Franzosen  bei
ihrem  Vorgehen  von  der  Marne  aus  gelungen,  in
dem  Winkel  zwischen  Oise  und  Aisnemündung  sowie
auch  zwischen  Soissons  und  Craonne  das  rechte
Aisne-Ufer  zu  gewinnen.  Dem  deutscherseits  erstrebten
  Ziel,  sie  von  dort  wieder  zu  vertreiben,  brachte
der  am  30.  Oktober  unternommene,  glänzend  ausgeführte
  Sturm  auf  Vailly  näher.  Der  Ort  sowie
ein  ihm  vorgelagerter  Berg,  von  den  Franzosen  mit
gtagenformig  angelegten  Schützengräben  und  Drahthindernissen
  versehen,  wurden  kräftig  verteidigt;
aber  das  mustergültige  Zusammenarbeiten  von  Artillerie,
  Pionieren  und  Infanterie  führte  zum  vollen
Siege  des  von  General  v.  Lochow  befehligten  III.  Armeekorps.
  Der  an  diesem  Abschnitt  seit  sieben  Wochen

eführte  Stellungskampf  gegen  einen  Überlegenen
Feind  hatte  die  ngrissektaft  der  Brandenburger
nicht  gebrochen,  und  die  Ausnutzung  des  Erfolges
führte  am  2.  November  auch  zur  Besitznahme  von
Chavonne  und  Soupir;  dieses  wurde  allerdings  am
6.  November  wieder  aufgegeben,  da  es  durch  die
Franzosen  von  den  Höhen  bei  Craonne  aus  unter
Feuer  genommen  werden  konnte.  Hingegen  wurde
dem  Feind  am  13.  November  eine  beherrschende  Höhe
bei  Berry  au  Bac  entrissen,  am  16.  Dezember  der
Versuch  eines  Brückenschlages  Über  die  Aisne  in  der
Gegend  von  Soissons  vereitelt.

n  der  Champagne  unternahmen  die  Franzosen
am  25.  November  mit  starken  Kräften  einen  Angriff
zwischen  Souain  und  St.  Hilaire,  doch  fehlte  ihm  die
eigentliche  Stoßkraft.  und  unter  großen  Verlusten
brach  er  im  Feuer  der  Verteidiger  zusammen.  Diese
sowie  weitere  am  8.  Dezember  bei  Souain,  am  11.
zwischen  Souain  und  Perthes,  am  14.  nordöstlich

1  Sal.  die  Karten  Bd.  I,  S.  172/3  u.  208.
        <pb n="82" />
        72

Suippes  unternommene  erfolglose  Vorstöße  bildeten
nur  das  Vorspiel  des  später  in  diesem  Abschnitt  ausgeführten,
  lange  vorbereiteten  starken  Angriffs.

Von  besonderer  Bedeutung  waren  die  im  selben
Zeitraum  sich  abspielenden  Kämpfe  eines  Teiles  der
vom  deutschen  Kronprinzen  befehligten  Armee  in  den
Argonnent  hier  lehnte  sich  die  deutsche  Stellung
im  September  einerseits  an  Binarville,  anderseits  an
Chapel  an.  Als  nun  die  Franzosen  durch  die  Ansammlung
  bedeutender  Streitkräfte  in  dem  Waldebirge

  die  Absicht  bekundeten,  daraus  hervorbrechend,

ie  deutschen  Linien  nach  Norden  und  nach  Süden

u  flankieren,  wandte  die  Heeresleitung  diesem  Abschnt
  ihre  besondere  Aufmerksamkeit  zu.  Das  Kampfgebiet
  beschränkte  sich  auf  den  nördlicheren,  ausgedehnteren,
  im  Süden  durch  die  Bahn  Clermont-St.  Menehould
  begrenzten  Teil.  Arm  an  Ortschaften  sowie
an  Wegen,  schien  der  Wald  anfangs  fast  undurchdringlich
  und  bot  dem  Feind  Gelegenheit  zum  Ausbau
  ganz  besonders  starker  Verteidigungsstellungen.

In  der  östlichen  Waldgegend  bereits  weiter  zurückgedrängt.
  hatten  die  Franzosen  sich  Ende  September

dem  westlichen,  südlich  von  Binarville  gelegenen  Teil
in  Barricade-,  St.  Hubert=  und  Bagatelle-Pavillon
verschanzt.  Die  hiergegen  vorgeschickten  Jägerabteilungen
  mußten  bald  verstärkt  werden,  auch  der  Feind
zog  Reserven  vor,  und  bald  entwickelte  sich  ein  mit
allen  technischen  Mitteln  unterstützter  zäher  Schützen-.
gradentrieg.  Obgleich  bei  den  wenigen  Holzwegen  der

ei  Regenwetter  sich  in  Sumpf  verwandelnde  Lehmboden
  große  Hindernisse  bot,  gelang  es,  als  das  Laub
fiel,  Geschütze  in  den  Wald  zu  bringen.  Im  Laufe
des  Septembers  drängten  die  deutschen  Truppen
unter  General  v.  Mudra  ihre  Gegner  immer  mehr  in
die  Defensive,  setzten  Anfang  Oktober  mit  größeren
Angriffen  ein,  nahmen  nach  heftigen  Kämpfen  Barricade=
  und  St.  Hubert-Pavillon,  am  12.  Oktober
auch  Bagatelle-Pavillon,  den  stärksten  französischen
Stützpunkt  in  den  Argonnen.

Und  immer  weiter  drang  der  deutsche  Angriff  vorwärts,
  bei  den  einzelnen  Unternehmungen  schwankte
der  Raumgewinn  zwischen  25  und  1000  m.  Am
7.  November  gelang  es,  eine  wichtige,  seit  Wochen
umstrittene  Höhe  bei  Vienne  le  Chäteau  zu  nehmen,
die  der  Gegner  trotz  bedeutender  Verluste  am  10.  nicht
burükgewinnen  konnte.  Auch  am  18.  November  wurde

Servon,  am  Westrande  des  Waldes,  ein  französischer
  Angriff  zurückgeschlagen  und  Schrikt  für  Schritt
Boden  gewonnen.  Am  1.  Dezember  stürmte  das
württembergische  Regiment  Nr.  120  einen  feindlichen
Stützpunkt.  In  diesen  andauernden  Kämpfen  wurde
nach  und  nach  ein  ganzes  französisches  Armeekorps
aufgerieben.  Bis  zum  Januar  1915  betrugen  die
feindlichen  Verluste  ungefähr  36  000  Mann,  die  deutschen
  kaum  den  dritten  Teil.

zwischen  Verdun  und  Nancy.

lielt  unterdessen  die  Armee  des  Kronprinzen  von
ayern  an  der  Woevrefront  eiserne  Wacht.  Die
durch  Besitznahme  von  St.  Mihiel  und  Camp  des
Romains  bis  über  die  Maas  vorgeschobene  deutsche
Stellung  war  naturgemäß  das  Ziel  starker  französischer
  Angriffe;  blieb  sie  doch  eine  dauernde  Bedrohung
von  Verdun,  dessen  Einschließung  zu  gewärtigen
war,  sobald  die  deutsche  Argennenstecung  die  Bahn

1  Vgl.  den  Kriegsbericht  Bd.  I.  S.  188  f.  —  ½:  Sg  die  Karte
Be.  1,  S.  205.

I.  Kriegsgeschichte

St.  Menehould-Clermont-Verdun  erreicht  und  damit
  die  Festung  ihres  einzigen  noch  verbliebenen,
vollwertigen  Schienenstranges  beraubt  haben  würde.
Die  feindlichen  Vorstöße  richteten  sich  hauptsächlich

egen  Ailly  und  Apremont,  südöstlich  von  St.  Mihiel,
62  zwischen  dem  25.  und  27.  November  und  am  I11.
Dezember.  Als  diese  Angriffe  gescheitert  waren,

ingen  die  Franzosen  in  breiter  Front  über  Flirey
halbwegs  St.  Mihiel  und  Pont-à-Mousson  vor,  wurden
  jedoch  wiederholt  am  14.  Dezember  unter  erheblichen
  Verlusten  geschlagen.  Am  19.  November  wurde
auch  zum  erstenmal  Combres  genannt,  der  Schau.
platz  späterer  harter  Kämpfe.

Auf  dem  anfänglich  von  den  Franzosen  mit  besonders
  starken  Angriffen  bedachten  Kriegsschauplatz
in  den  Vogesen  entwickelten  sich  erst  im  Dezember
wieder  bedeutendere  Kämpfe.

In  der  obersten  deutschen  Heeresleitung  übernahm
am  8.  Dezember  der  Kriegsminister  Generalleutnant
v.  Falkenhahn  die  Geschäfte  des  Generalstabs,  die  er  in
Vertretung  des  erkrankten  Generalobersten  v.  Moltke
bereits  seit  einiger  Zeit  geführt  hatte.

Der  erste  französische  Burchbruchsversucht.

Am  17.  Dezember  1914  gab  der  französische  Oberbefehlshaber
  Joffre  den  Vesch  zu  einem  großen  Angriff
  auf  der  ganzen  Linie.  Die  Erfolge  der  verbündeten
  Deutschen  und  ÖOsterreicher  in  Polen  und  Galiien
  gab  der  französischen  Heeresleitung  die  Gewißdaß
  die  deutschen  Streitkräfte  auf  der  westlichen

ront  geschwächt  worden  seien;  auch  wollte  man
durch  einen  solchen  Angriff  den  Verbündeten  im  Osten
entlasten.  Die  Ereignisse  lehrten,  daß  deutscherseits
auf  der  Westfront  allenthalben  standgehalten  wurde
und  die  Unternehmungen  im  Osten  dennoch  keine
Schwächung  erlitten.  Der  Angriff  scheiterte  im  großen
und  ganzen.

Der  an  der  Küste  bei  Nieuport  und  Baxschoote
unternommene  Vorstoß  kam  bereits  am  20.  Dezember
  zum  Stehen;  nur  gelang  am  29.  durch  Überraschung
  die  Einnahme  des  Gehöftes  St.  Georges.
Sonst  fanden  in  diesem  Abschnitt  bis  zum  Frühjahr
hauptsächlich  Artilleriekämpfe  stalt.  Ebenso  endigten
die  Angriffsstöße  der  Franzosen  gegen  Lille  schon  sehr
bald;  ein  Gegenstoß  gegen  die  Linie  Richebourg—Fe-Huubert,
  Giveuch  traf  die  englische  Armee,  die  die
Franzosen  bei  ihrem  Vorgehen  gegen  Lille  unterstiitzt
hatte.  Der  Kanipf  endigte  mit  einer  schweren  Schlappe
der  Engländer  am  22.  Dezember.  Auch  um  Vermelles,
Souchez,  die  Lorittohöß=  und  Arras  wurde  seit  dem
15.  Oktober  1914  bis  Mitte  Januar  1915  gerungen,
Vermelles  wurde  am  4.  Dezember  aufgegeben.  Am
16.  Januar  setzte  ein  Gegenangriff  dem  Vordringen
des  Feindes  ein  Ziel.  Die  deutschen  Linien  waren  im
großen  und  ganzen  gehalten  worden.

In  der  Champagne  kam  es  zwischen  dem  20.  und
24.  Dezember  bei  Massiges,  Souain  und  Perthes  zu
heftigen  Känipfen,  die  im  Januar  1915  fortgesetzt,
am  4.  Februar  zu  einem  Erfolg  bei  Massiges  führten;
  sie  wurden  im  Februar  mit  noch  gesteigerter
Heftigkeit  in  derselben  Gegend  weitergeführt.

Die  Schlachten  bei  Soissons  und  Craonnes.

Da  es  den  Franzosen  gelungen  war,  in  der  Gegend
von  Soissons  auf  dem  rechten  Aisne-Ufer  Fuß  zu

1  Bal.  die  Karten  Vb.  1.  S.  207  u.  205.  —  :  Bgl.  die  Karte
Bb.  I.  S.  172/2  und  die  Kriegsberichte  Bd.  1.  G.  150  f.  u.  192  f.
        <pb n="83" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  November  1914  bis  Herbst  1015  73

fassen,  hatten  sie  bei  dem  an  der  Eisenbahn  Soissons-Lion
  gelegenen  Ort  Crouy  ein  Gewirr  von  Schützengräben
  angelegt  und  in  den  Schluchten  vorteilhafte
Artillerie-Aufstellungen  gefunden.  Nachdem  der  Angriff
  von  hier  aus  durch  heftiges  Geschützfeuer  vorereitet

  war,  gelang  es  der  französichen  Infanterie
am  8.  Januar  1915,  in  200  m  Breite  in  die  deutschen
  Gräben  einzudringen.  Aber  am  12.  Januar
setzte  ein  deutscher  Gegenangriff  ein;  brandenburgische
Truppen  warfen  die  Franzosen  aus  ihren  Gräben
zwischen  Crouy  und  Cuffies  und  drückten  sie  in  Richtung
  auf  die  Aisne  zurück.  In  Erwartung  weiterer
Angriffe  an  dieser  Stelle  zog  der  Feind  Verstärkungen
heran;  statt  dessen  stießen  die  deutschen  Truppen  aber
am  13.  auf  der  östlicher  gelegenen  Hochfläche  von
Vregny  vor  und  warfen  ihn  in  12—15  km  Breite
auf  2—4  km  Tiefe  gegen  Soissons  zurück.  Damit
war  am  14.  eine  Stellung  erreicht,  von  der  aus  die
Stadt  beschossen,  das  rechte  Aisne-Ufer  beherrscht
werden  konnte.

Wenig  später,  am  25.  und  26.  Januar,  erkämpften
sächsische  Regimenter  unter  Oberbefehl  des  Generals
d'Elsa  und  Führung  der  Generale  Gersdorff  und
v.  d.  Planitz  einen  Sieg  auf  der  Hochebene  von  Craonne.
  Dort  lag  das  Gehöft  Hurtebise,  zerschossen
und  ausgebrannt,  dicht  hinter  der  Mitte  der  deutschen
Stellungen,  und  von  hier  aus  wurde  der  Angriff  angesetzt.
  Gegenüber  lag  der  Feind  in  dreifachen  Reihen
von  Schützengräben,  stützte  seinen  linken  Flügel  auf
ein  wohlausgebautes  Erdwerk  und  besaß  in  einer
großen  Höhle  einen  vorzüglich  gedeckten  Naum  hinter
der  Front.  Nach  erfolgreicher  Artillerievorbereitung
durchbrachen  die  Fußtruppen  am  25.  Januar  die
beiden  vordersten  französischen  Linien  und  nahmen,
über  die  Höhle  hinwegstürmend,  auch  die  dritte  Stellung
  ein.  Von  hier  aus  umsstellten  sie  den  einzigen
schmalen  Höhlenausgang  und  erreichten  um  Mitternacht
  die  Übergabe  der  300  Mann  zählenden  Besatzung.
  Der  linke  Flügel  wurde  erst  am  26.  Januar
5  Uhr  früh  vollständig  geworfen.

Ein  nachdrücklicher  zweiter  französischer  Durchbruchsversuch,
  der  ungeheure  Anforderungen  an  die
Widerstandskraft  der  deutschen  Truppen  siellte,  führte
Mitte  Februar  1915  zu  der

Winterschlacht  in  der  Champagne.

Die  mit  gewaltiger  übermacht  unternommenen,
durch  stärkste  Artilleriewirkung  unterstützten  Angriffe
setzten  am  16.  Februar  ein  und  konnten  Mitte  März
als  endgültig  gescheitert  angesehen  werden.  Unter
Führung  des  Generalobersten  v.  Einem  und  der  lommandierenden
  Generale  Riemann  und  Fleck  standen
auf  deutscher  Seite  das  VIII.  Armeekorps  und  das
6.  Reservekorps  im  Kampf,  unterstützt  durch  Regimenter
  des  VI.  Armeekorps  und  des  12.  Reservekorps,
durch  die  bayerische  1.  Landwehrbrigade,  hessische
Landwehr  und  die  1.  Gardedivisson.  Dagegen  warfen
  die  Franzosen  in  den  verhältnismäßig  schmalen
Abschnitt  Souain-Massiges  mehr  als  sechs  volle  Armeekorps,
  nänilich  außer  dem  bereits  dort  kämpfenden
  1.  und  17.  noch  das  2.,  4.  und  16.  Korps,  zwei
Kolonialdivisionen  und  eine  halbe  Territorialdivision;
  sie  wurden  unterstützt  durch  außerordentlich
starke  Artillerie  aller  Katiber,  für  die  ein  Munitionsverbrauch
  von  100000  Granaten  für  jeden  Tag  vorgesehen
  war,  um  das  hier  von  den  Franzosen  zum

1  Cal.  rdie  Karte  Bd.  I.  S.  205.

erstenmal  angewandte  Trommelfeuer=  durchzuführen.
  Am  16.  und  17.  Februar  wütete  der  Kanuef
hauptsächlich  bei  Perthes,  am  18.  erfolgte  ein  verzweifelter
  Sturm  auf  die  2  km  nördlich  von  Le  Mes.
nil-Les  Hurlus  gelegene  Höhe  196,  bei  dem  die  Kolonialtruppen
  furchtbare  Verluste  erlitten.  Am  22.  Februar
  setzte  der  Angriff  bei  Perthes  und  nördlich  davon
  von  neuem  ein  und  wurde  fast  ununterbrochen
bis  in  den  März  hinein  wiederholt.  Dabei  erzielte
der  französische  Massensturm  hier  und  da  kleine  Erfolge,
  ein  oder  das  andere,  gänzlich  eingeebnete  Grabenstück
  mußte  zeitweise  aufgegeben  und  in  späterem
Gegenstoß  wiedergewonnen  werden.  Als  aber  der
französicche  Ansturm  zu  erlahmen  anfing,  stand  die
eutsche  Front  fester  denn  je,  und  obgleich  es  sich  hier
nur  um  Verteidigungskämpfe  handelte,  waren  am
10.  März  35  Offiziere  und  2450  Mann  als  unverwundete
  Gefangene  eingebracht.  Die  zweite  große
Offensive  Joffres  war  gescheitert.  Die  gesamten  Kran
zösischen  Verluste  wurden  auf  45000  Mann,  die  deutschen
  kaum  auf  ein  Drittel  dieser  Zahl  geschätzt.

Die  Kämpfe  bei  Verdun  und  im  Wokoret.

Durch  das  allmähliche  Vordringen  der  Deutschen
im  Argonnenwald  erschien  die  Eisenbahn  Verdun-Clermont-Chälons
  gefährdet,  und  daher  richtete  die
Besatzung  der  Festung  öftere  energische  Vorstöße

egen  die  am  Argonnenrande  vorgebogenen  deutchen
  Linien.  Am  17.  Februar  scheiterte  ein  Angriff
egen  die  Stellung  Boureuilles-Vauquois,  ebenso  ein
2  cher  zwischem  dem  18.  und  21.  Februar  gegen  die
wichtige,  östlich  von  Verdun  gelegene  Stellung  bei
Combres,  und  in  der  Zeit  vom  1.—4.  März  weitere,
mit  starken  Kräften  unternommene  Durchbruchsversucheim
  Raum  zwischen  den  Argonnen  und  Vauquois.

Auch  die  deutsche  Stellung  zwischen  Maas  und
Mosel  war  seit  dem  Januar  1915  Gegenstand  zahlreicher,
  hauptsächlich  von  Toul  her  geführter  Anriffe.

  So  wurde  zwischen  dem  1.  und  11.  Januar
ei  Ailly  und  Apremont  gekämpft,  am  8  auch  bei
Flirey,  am  15.  im  Wald  von  Consenvoye.  Ein  am
17.  Januar  durch  die  Franzosen  bei  Pont-à-Mousson
erzielter  kleiner  Gewinn  ging  ihnen  am  20.  wieder
verloren.  Nach  kürzerer  Pause  setzten  am  13.Februar
die  Kämpfe  wieder  ein,  in  deren  Verlauf  am  16.  im
Priesterwald  Vorteile  errungen,  am  22.  feindliche  An  ·
rifse  bei  Ailly-  Apremont  zurückgewiesen  wurden.
uch  im  März  wiederholten  sich  französische  Vorstöße
in  der  Linie  Ailly-  Apremont,  im  Wald  von  Consenvoye,
  bei  Pont-à-Mousson  und  im  Priesterwald,  ohne
nennenswerte  Erfolge  in  diesem  Abschnitt  zu  erzielen.

Der  Winterkampf  in  den  Vogesen".

Zur  Verteidigung  des  Elsaß  war  Mitte  September
1914  unter  General  der  Infanterie  Gaede  eine  Armeeabteilung
  neu  gebildet  worden,  deren  Gefechtsfähigkeit
  allmählich  gesteigert  und  der  Eigenart  des  Gebirgskrieges
  vorzüglich  angepaßt  wurde.  So  konnte
eine  Schneeschuhtruppe  Anfang  Februar  1915  gegen
französische  Jäger  ihre  ersten  Eckolge  erzielen.

Nach  mehreren  Gefechten,  am  3.  und  5.  Dezember
1914  bei  Altkirch,  am  11.  in  der  Gegend  bei  Markirch,
  setzte  am  26.  Dezember  eine  französische  Offensive
  in  Richtung  Mülhausen  ein,  die  besonders  westlich
  von  Sennheim  zu  heftigen  Kämpfen  führte  und

1  Bi.  die  Karte  Vd.  L  S.  206.  —  2  Bgl.  die  Karten  Dd.  1,
S.  203  u.  191  sowie  die  Kriegsberichte  Bo.  i,  S.  191  f.  u.  ⁊os  s.
        <pb n="84" />
        74

am  3.  Januar  den  Feind  in  den  Besitz  des  gänzlich
in  Trümmer  geschossenen  Dorfes  Steinbach  brachte.
Dagegen  konnte  am  8.  Januar  die  Ortschaft  Ober-Burnhaupt
  vom  Feind  befreit,  am  19.  der  Hartmannsweilerkopf,
  zwei  Tage  später  der  Hirzstein  genommen
  werden.  Wiedereroberungsversuche  am  23.
und  24.  Januar  hatten  keinen  Erfolg,  auch  wurden
die  Franzosen  am  27.  in  der  Linie  Niederaspach-Heidweiler—-Hirzbacher
  Wald  geschlagen.  Weitere
Kämpfe  im  Lauchtal  wurden  am  13.  Februar  mit
Einnahme  der  Ortschaften  Hilsen  und  Obersengern
gekrönt;  am  14.  wurde  Sengern  vom  Feind  befreit,
und  auch  die  zwischen  dem  12.  und  14.  Februar  am
Sudelkopf  stattfindenden  Kämpfe  endigten  ungünstig
für  die  Franzosen.

Immer  mehr  traten  von  nun  an  in  den  Vogesen

wei  Gefechtsabschnitte  hervor,  der  eine  bereits  auf
französischem  Boden  im  Flußgebiet  der  Meurthe  gelegen,
  der  andere  in  der  Umgegend  von  Münster.
Den  ersteren  begrenzt  im  Osten  der  Zug  der  mittleren
Vogesen  bis  zum  Donon,  im  Norden  die  Linie  Donon-Cirey-La
  Garde  und  der  Rhein-Marne-Kanal,  im
Westen  die  Eisenbahn  Lunéville-St.  Die.  Gegen  die
befestigten  Stellungen  der  Franzosen  zwischen  Blamont
  und  Bionville  richtete  sich  am  27.  Febr.  ein  deutscher
  Angriff,  der  bis  zur  Linie  Verdenal-Bremenilöstlich
  Badonviller-östlich  Celles  vorgetragen  wurde.
Am  28.  bei  Badonviller,  am  I.Märzbe  Celles  unternommene
  feindliche  Gegenstöße  scheiterten,  ebenso  ein
am  4.  März  mit  erheblichen  Kräften  ausgeführter
Angriff,  und  in  den  nächsten  Tagen  ließen  diese  Wiedereroberungsversuche
  vorläufig  nach.

Dagegen  waren  im  Gebweiler=  und  Fechttal,  im
Abschnitt  von  Münster,  um  diese  Zeit  noch  hartnäckige
Kämpfe  im  Gange,  deren  Mittelpunkt  der  Neichsackerkopf
  bildete.  Am  19.  Februar  gelang  es  deutschen
Kräften,  auf  den  Höhen  östlich  von  Sulzern  in  die
feindliche  Hauptstellung  einzudringen  und  gleichzeitig
Metzeral  und  Sondernach  zu  nehmen.  Am  20.  wurde
auch  der  stark  befestigte,  zäh  verteidigte  Reichsackerkopf
nach  fünfmaligem  vergeblichen  Anlauf  erstürmt,  im
Anschluß  hieran  der  Hohrodberg=  am  21.  die  Orte
Hohrod  und  Stoßweier,  am  22,  der  Sattelkopf  genommen.
  Trot  der  Schwierigkeiten,  die  steile  Abhänge,
  gefrorener  Felsboden  und  die  ständige  Bedrohung
  durch  feindliche  Baumschützen,  Handgranaten,
  Schrapnells  und  Granaten  bereiteten,  war  am
23.  Februar  die  ganze  Stellung  auf  dem  Reichsackerkopf
  in  Besitz  genommen.  Als  am  6.  März  die  erschöpften
  Truppen  in  der  Ablösung  begriffen  waren,
nahm  der  Feind  den  günstigen  Augenblick  wahr  und
setzte  sich  noch  einmal  in  einem  Teil  seiner  bereits  aufegebenen

  Stellungen  fest.  Dagegen  wurde  deutschereits
  nach  längerer  sorgfältiger  Vorbereitung  am  20.
März  erneut  angestlirmt  und  an  diesem  Tag  die
Kuppenstellung  des  Reichsackerkopfes  zunächst  vollständig
  erobert.

Die  Kämpfe  vom  Frühjahr  bis  zum  Verbst  19151.

Die  in  Flandern  und  bei  La  Bassée  auf  die  Verteidigung
  zurückgeworfenen  Engländer  rafften  sich  im
März  1915  zu  einer  größeren  Unternehmung  auf.
Dem  Obsrbeshlshaber  der  1.  englischen  Armee,  Haig,
war  es  im  Schutze  nebligen  Wetters  gelungen,  bei
Neuve  Chapelle  48  englische  Bataillone  zu  versammeln,
  denen  zunächst  nur  wenige  deutsche  gegenüber-1

  Bgl.  die  Karte  Bd.  l,  S.  217.

1.  Kriegsgeschichte

standen,  gleichzeitig  wurde  bei  Givenchy  eine  ganze
Division  gegen  die  aus  einem  Infanterieregiment
und  einem  Jägerbataillon  bestehende  Besatzung  ein.
gesetzt.  Am  10.  März  erfolgte  der  englische  Angriff.
der  nicht  nur  durch  ungeheure  Übermacht,  sondern
auch  noch  durch  Betrug  unterstützt  wurde.  Anscheinend
  unbewaffnet  vorgehende  indische  Truppen  erweckten
  den  Eindruck,  sich  ergeben  zu  wollen,  und
gelangten  so  ungehindert  bis  zu  den  deutschen  Gräben,
  in  denen  sie  ein  Blutbad  mit  Messern  und  Handranaten

  anrichteten.  Auf  diese  Weise  gelang  es  den
Engländern,  am  11.  März  in  Neuve  Chapelle  einzudringen
  und  es  in  der  Nacht  vollständig  zu  besetzen.
Mit  sehr  bedeutenden  Verlusten  hatten  sie  einen  taktisch
  ganz  wertlosen  Besitz  errungen.

Eine  wesentlich  wichtigere  Verbesserung  und  Abkürzung
  ihrer  Front  erzielten  bald  darauf  die  Deutschen
  bei  Dperni.  Östlich  und  nordöstlich  von  der
Stadt  war  die  englisch-französische  Stellung  in  weit
ausspringendem  Bogen  bis  nach  Zonnebeke  und  Poelkapelle
  vorgeschoben  und  lehnte  sich  im  Norden  bei
Steenstraate,  im  Süden  in  der  Gegend  von  St.  Eloi
an  den  Kanal.  Ein  am  22.  April  durch  die  Armee
Prinz  Albrecht  von  Württemberg  überraschend  geführter
  Vorstoß  gegen  Steenstraate  und  Langemarck
brachte  diese  beiden  Orte  sowie  Pilkem  und  Het  Sas
in  deutschen  Besitz.  Das  nach  überschreitung  des  Kanals
  am  24.  besetzte  Lizerne  wurde  in  der  Nacht  zum
27.  freiwillig  geräumt.  Der  Widerstand  des  Feindes
auf  dem  Ostufer  wurde  am  24.  April  durch  eine  empfindliche
  Niederlage  bei  St.  Julien  gebrochen,  so  daß
man  englischerseits  zwischen  dem  2.  und  6.  Mai  die
Bogenstellung.  Fortuin-Broolfeinde-Klein-Zillebeke
nach  rückwärts  verlegen  mußte.  Aber  auch  aus  ihrer
neuen  Stellung  Fortuin-Frezenberg-Gheluvelt  wurden
  die  Engländer  am  8.  Mai  vertrieben  und  am
3.  Juni,  nach  der  Einnahme  von  Hooge,  fast  ganz  aus
dem  vielumstrittenen  Vorfeld  von  Ypern  verdrängt.

In  derselben  Zeit  versuchten  Franzosen  und  Engländer
  mit  gewaltigen  Kräften  einen  Durchbruch  füdwestlich
  von  Lille,  der  wohl  die  deutschen  Erfolge  in
Galizien  auszugleichen  bestimmt  war  und  zu  der  am
9.  Mai  beginnenden  Lorettoschlacht'  führte.  Den
Deutschen  war  die  Verstärkung  durch  vier  aus  Franzosen,
  weißen  und  farbigen  Engländern  bestehenden
Armeekorps  nicht  entgangen.  Der  Stoß  traf  die
Armee  des  Kronprinzen  von  Bayern.  Am  1.  Mai
begann  das  schwere  feindliche  Artilleriefeuer  auf  den
Abschnitt  von  Lorettohöhe  bis  gegenüber  Roclincourt.
Der  am  9.  einsetzende  Infanterieangriff  gegen  die
Linie  östlich  Fleurbaix-östlich  Richebourg-östlich  Vermelles
  und  gegen  die  Stellungen  bei  Ablain,  Carench.
Neuville,  St.  Laurent  traf  sie  wohlvorbereitet,  und  7
wurden  die  Engländer  am  9.  Mai  unter  bedeutenden
Verlusten  zurückgeschlagen,  während  es  den  Franzosen
gelang,  sich  zwischen  Carency  und  Neuville  in  der
ersten  Linie  festzusetzen.  Hieran  anschließend  veranlaßten
  sie  auch  am  12.  Mai  die  Räumung  des  zum

rößten  Teil  umfaßten  Dorfes  Carency.  Allein  am
elben  Tage  schon  war  der  gewaltige  Ansturm  der
Franzosen  gescheitert.  Die  weiterhin  vom  14.  Mai
an  fast  täglich  unternommenen  starken  Angriffe  auf
Neuville  und  die  Lorettohöhe  wurden  siegreich  abgewehrt.
  und  nur  am  29.  Mai  der  letzte  Teil  von
lblain,  am  9.  Juni  Neuville  geräumt,  um  unnötige

1  Ugl.  den  Kriegsbericht  Bd.  I.  S.  215ff.  —  :  Bgl.  Kriegsbericht
  mit  Karte  Bd.  I,  S.  221ff.
        <pb n="85" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  November  1914  bis  Herbst  1915

Opfer  zu  vermeiden.  Zwischen  dem  16.  und  21.  Mai
hatten  die  Engländer  unterdessen  noch  einmal  südlich
von  Neuve  Chapelle  vorzubrechen  gesucht.  aber  damit
ebensowenig  Erfolg  gebabt  wie  die  Franzosen  mit
dem  am  25.  Mai  angesetzten  Stoß  gegen  Lievin.  Die
Kämpfe  in  diesem  Abschnitt  zogen  96ä  mit  einigen
Unterbrechungen  noch  durch  die  nächsten  Monate  hin,
ohne  irgendwie  den  Feinden  Vorteil  zu  verschaffen.
Die  Angriffskraft  der  Gegner  war  hier  erschöpft.
Zwischen  Maas  und  Mosel!  hatten  sich  mittlerweile
  heiße  Kämpfe  fortgesponnen.  Hier  unternahmen
die  Franzosen  vom  5.  bis  zum  14.  April  wütende
Angriffe  und  wurden  bei  Verdun,  auf  den  Maashöhen
bei  Combres,  in  der  Gegend  von  Ailly  und  Apremont,
  Füren.  Pont-à-Mousson  immer  wieder  blutig,
teils  durch  Geschütz-  und  Gewehrfeuer,  teils  auch  im
Handgemenge  abgewiesen.  Dagegen  erfochten  die  zum
Gegenangriff  vorgehenden  Deutschen  am  24.  April
auf  den  Maashöhen  südwestlich  von  Combres  einen
vollen  Sieg,  und  am  25.  konnten  mehrere  Stellungen
hintereinander  bis  zur  Höhe  westlich  von  Les  Eparges
im  Sturm  genommen  werden.  Auch  ein  am  5.  Mai
im  Wald  von  Ailly  erfolgter  Vorstoß  führte  zu  seinem
Ziel,  einer  Stellungsverbesserung  südlich  von  St.
Mihiel.  Ein  Gegenangriff  am  19.  Mai  brachte  dem
Feind  keinen  Gewinn;  im  Priesterwald  zunächst  errungene
  Vorteile  vermochte  er  nicht  festzuhalten.  Durch
starkes  Artilleriefeuer  vorbereitete  Infanteriestürme
führten  die  Franzosen  zwischen  dem  29.  Juni  und  dem
6.  Juli  nutzlos  gegen  Les  Eparges,  und  das  Wiederaufflammen
  des  Kampfes  im  Priesterwald  brachte  am
4.  Juli  Croix  des  Carmes  in  deutschen  Besitz.
Bedeutende  Fortschritte  wurden  während  des  Sommers
  1915  in  den  Argonnen  gemacht.  Nach  den
Ereignissen  im  Dezember  1914  war  eine  längere
Pause  eingetreten,  die  der  Vorbereitung  neuer  Angriffe
  in  dem  schwierigen  Gelände  diente.  Der  nunmehrige
  Kampfplatz  lag  hauptsächlich  in  den  mittleren
  Argonnen,  dem  Gruriewald;  die  französische
Stellung  stützte  sich  im  Westen  auf  die  2½—3  km
nördlich  vom  Biesmetale  Felegenen  Werke  Labordere,
Central,  Cimetière  und  Bagatelle,  im  weiteren  östlichen
  Verlauf  auf  einen  kurzen  Bergrücken,  die  =  Eselsnasee,
  und  auf  die  Befestigungen  Storchennest,  Rheinbabenhöhe
  und  St.  Hubertsrücken.  Der  rechte  französische
  Flügel  lehnte  sich  an  die  Höhe  La  Fille  Morte
und  ward  frontal  durch  das  Meurisson=  und  Ossontal
geschützt.  Nachdem  die  Artillerie  in  dem  durch  monatelanges
  Geschützfeuer  fast  niedergelegten  Wald  ihre
Wirkung  nicht  verfehlt  hatte,  brachen  am  20.  Juni
deutsche  Truppen,  württembergische  und  preußische
Landwehr,  zunächst  auf  ihrem  rechten  Flügel  vor  und
eroberten  bis  zum  Abend  den  größten  Teil  des  Werkes
  Labordere  sowie  die  Stellungen  beiderseits  der
Straße  nach  Vienne  le  Chäteau.  Zwischen  dem  21.
und  29.  Juni  unternommene  Versuche  des  Feindes,
das  Verlorene  wiederzugewinnen,  schlugen  fehl.  Bei
dem  am  Morgen  des  29.  einsetzenden  deutschen  Gesamtsturm
  auf  die  französische  Hauptstellung  fielen
schon  nach  einer  halben  Stunde  Central  und  Cimetiere,
  nach  kurzer  Zeit  auch  die  übrigen  Befestigungen,
so  daß  der  Feind  am  Abend  an  die  rückwärtige  Verteidigungsstellung
  des  -ggrünen  Grabens=  gedrängt
war.  Auch  diese  konnte  er  am  2.  Juli  nicht  mehr
halten  und  ging  bis  zum  Bièsmetal  zurück.  Auf  dem

1  Bgl.  die  Karte  Bd.  1.  S.  207  und  den  Kriegsbericht  Bd.  1,
S.  200fl.

75

linken  Flügel  wurde  am  13.  Juli  der  Sieg  erkämpft,
und  obgleich  die  Franzosen  selber  für  den  14.  einen
Angriff  vorbereitet  hatten,  waren  sie  in  wenigen
Stunden  vollständig  geworfen,  ihre  am  Nachmittag
noch  angesetzten  Gegenangriffe  scheiterten.

Ein  weiterer  Naurkgewinn  gelang  dann  wieder
am  11.  August  durch  Ei  Martinzwerkes

nnahme  des
und  am  8.  September  durch  Erstürmung  der  französischen
  Stellungen  nordöstlich  von  Vienne  le  Chäteau.
Württembergische  und  lothringische  Regimenter  gewannen
  hier  einen  2  km  breiten,  300—500  m  beefen
Geländestreifen.

In  den  Vogesen  kam  es  auch  während  des  Som.
mers  zu  zahlreichen  feindlichen  Unternehmungen,  von
denen  eine  am  26.  März  für  die  Deutschen  den  Verlust
  des  Hartmannsweilerkopfes  im  Gefolge  hatte.
Jedoch  wurde  bereits  Anfang  April  zur  Wiedereroberung
  geschritten,  und  am  25.  war  der  Berg  wiederum
in  deutschem  Besitz.  Im  Laufe  des  Mai  unternahmen
die  Franzosen  gegen  den  Reichsackerkopf  und  im  Fechttal
  ergebnislose  Angriffe.  Am  22.  Juni  gelang  ein
durch  Sappen  und  Minen  vorbereiteter  deutscher
Sturm  auf  die  noch  in  französischem  Besitz  gebliebene
Höhe  631  bei  Ban  de  Sapt,  im  Norden  der  Schlucht;
sie  wurde  jedoch  am  8.  Juli  in  Anbetracht  der  dagegen
wirkenden  feindlichen  Artillerie  wieder  aufgegeben.

Im  allgemeinen  war  den  Gegnern  bis  zum  Ferde
1915  nirgends  ein  wesentlicher  Erfolg  gegen  die
deutsche  Front  beschieden,  die  sich  in  den  reinen  Verteidigungskämpfen
  sogar  weiter  vorgeschoben  hatte.

Die  französisch-englische  Verbstoffensive  1915.

Inzwischen  hatte  bis  zum  August  1915  die  Einteilung
  und  Führung  der  Armeen  manche  Veränderung
erfahren.  Zur  Wacht  an  Küste  und  Pserkanal  waren
unter  Führung  Herzog  Albrechts  von  Württemberg
aus  jungen  Truppen  neuoe,  sich  treu  bewährende  Verbände
  herangereift;  an  diese  schloß  sich  die  1.  Armee,
die  an  Stelle  des  verwundeten  Generalobersten  v.  Kluck
von  General  der  Infanterie  v.  Fabeck  befehligt  wurde.
Die  anfängliche  7.  Armee  stand  unter  Generaloberst
v.  Heeringen  nunmehr  auf  den  Höhen  bei  Craonne
und  an  der  Aisne;  zwischen  der  Champagne  und  Verdun
  bahnte  der  deutsche  Kronprinz  siegreich  sich  den
Weg,  von  der  Maas  bis  zur  Mosel  reichten  die  Truppen
  des  Generals  v.  Strantz.  Vom  Kronprinzen  von
Bayern  wurde  die  Grenze  Lothringens  beschirmt;  zu
seiner  Linken  kämpfte  die  Armeeabteilung  Falkenhausen,
  und  dem  Feind  im  Oberelsaß  bot  die  Armee
Gaede  Trotz.

Als  sich  im  Herbst  1915  die  Hoffnung  auf  die
orussische  Dampfwalze=  als  trügerisch  herausstellte,
suchten  Franzosen  und  Engländer  durch  eine  außerordentliche
  Kraftanstrengung  dem  Schlachtenglück
endlich  die  ihnen  erwünschte  Wendung  abzuringen;
sie  bereiteten  eine  große  Offensive  vor  mit  der  Losung,
um  jeden  Preis  an  einer  Stelle  durchzubrechen.  Unter
Anwendung  aller  nur  möglichen  technischen  Verteidigungsmittel
  und  durch  ausgedehnte  Verwendung
von  Territorialtruppen  an  der  Front  hatten  die
Franzosen  starke  Kräfte  freimachen  und  für  den  besonderen
  Angriff  bereitstellen  können;  auch  war  eine
möglichst  *  erwendung  der  Kavallerie  geplant.
Die  Engländer  in  Flandern  und  Artois  hatten  sich
verstärkt.  Für  den  Angriff  waren  bestimmt:  35  Divisionen
  unter  General  de  Castelnau,  18  unter  Ge
neral  Foch,  18  englische,  ferner  15  Kavalleriedivisio
nen,  um  den  als  sicher  angesehenen  Erfolg  auszu-
        <pb n="86" />
        76

beuten.  Außerdem  standen  12  Infanteriedivisionen
und  die  Reste  der  belgischen  Armee  als  Reserven  bereit.
  Diese  Streitmacht  wurde  unterstützt  durch  2000
schwere  und  3000  Feldgeschütze,  für  die  ungeheure
Munitionsmengen  herbeigeschafft  worden  waren.
Der  Angriff  sollte  auf  der  ganzen  Front  erfolgen,
  aber  in  der  Champagne  durch  die  Franzosen,
zwischen  Dpern  und  Arras  durch  die  Engänder  bis
zur  Entscheidung  durchgeführt  werden.  Am  24.  begann
  er.  So  umfassende  Vorbereitungen  hatten  nicht
unbemerkt  von  den  Deutschen  getroffen  werden  können.
  Die  feindliche  Artillerie  wurde  zunächst  am  23.
schon  gegen  vermutete  deutsche  Batteriestellungen  gerichtet,
  darauf  als=  Sperrfeuer=  gegen  Bahnanlagen
und  Straßen,  um  das  Heranziehen  von  Reserven  zu
verhindern;  zeitweise  wurde  die  Wirkung  auf  der  ganzen
  Linie  zum  Feuerüberfall  gesteigert  und  artete  zu
einem  schließlich  ohne  Pause  durchgeführten  Trom.
melfeuer  aus.  Die  Infanterieangriffe  unterschieden
sich  nicht  unwesentlich  von  früheren.  An  Stelle  der
einen  starken  Schützenlinie  traten  drei  scharf  unterschiedene
  Staffeln.  Mochte  sich  die  Stoßkraft  auch
dadurch  erhöhen,  so  boten  die  sich  dicht  hintereinander
folgenden  Reihen  doch  den  immer  zahlreicher  verwendeten
  Maschinengewehren  so  vorzühgliche  Ziele,
daß  die  Verluste  unverhältnismäßig  schwer  wurden.

Der  am  25.  Sept.  unternommene  englische
Hauptstoß  suchte  wischen  den  Bahnlinien  von  Deern
nach  Roulers  und  nach  Comines,  gleichzeitig  auch
nordöstlich  und  füdöstlich  von  Armentières  und  am
La  Bassce-Kanal  vorzudringen.  Obgleich  die  Feinde
alle  Hilfsmittel,  auch  giftige  Gase  und  Stinkbomben
anwandten,  wurden  sie  noch  am  selben  Tag  zurückeschlagen.

  Nachhaltiger  waren  die  Gefechte  bei  dem
fedwesslic  von  Lille  gelegenen  Loos,  wo  am  25.
September  im  Gefechtsabschnitt  einer  Division  die
vorderste  deutsche  Linie  aufgegeben  werden  mußte.
Am  26.  kam  aber  der  Kampf  zum  Stehen,  am  28.
September  war  ein  Teil  des  verlorenen  Geländes
zurückerobert;  bis  zum  13.  Oktober  wurden  hier  die
Stellungen  dauernd  verbessert  und  von  da  an  alle
Angriffe  zurückgewiesen.

Der  anhaltendste,  stärkste  Vorstoß  wurde  auf  dem
blutgetränkten  Boden  der  Champagne  geführt.  Zwischen
  Prosnes  und  den  Argonnen  griffen  die  Franzosens
  am  24.  September  auf  der  ganzen  Linie  an
und  erzielten  am  Tag  darauf  bei  Perthes  ein  Eindrücken
  der  deutschen  Front.  Der  26.  brachte  besonders
  heftige  Kämpfe  an  der  Straße  Somme-Py-Suippes
  und  auf  der  Linie  Beau-Sejour-Massiges.
Der  Angriffsstoß  wurde  hier  aufgefangen.  Bis  zum
6.  Oktober  konnten  die  fortgesetzten  Vorstöße  alle

urückgewiesen  werden;  an  diesem  Tag  gelang  den
Franzesen  noch,  bei  Tahure  ein  Einbruch  von  800m
in  der  Breite,  der  ihnen  am  8.  zum  Teil  wieder  abenommen

  werden  konnte.  Doch  spannen  sich  an
iesem  Punkt  die  Kämpfe  durch  den  ganzen  Monat
fort,  bis  am  30.  Oktober  ein  deutscher  Angriff  zur

innahme  der  Butte  de  Tahure  führte,  ein  Erfolg,
den  auch  das  gegnerische  Artilleriefeuer  der  nächsten
Tage  nicht  zu  schmälern  vermochte.  Der  große  Angriff
  war  blutig  gescheitert.

Während  in  den  Vogesen  Mitte  Oktober  um  die
Stellungen  am  Hartmannsweilerkopf  wieder  schwer
und  ohne  Entscheidung  gerungen  wurde,  gelang  es

1  Vgl.  die  Karte  Bd.  1.  S  217.  —  :  Ggl.  die  Karte  Bd.  1,
S.  207.

I.  Kriegsgeschichte

deutscherseits  am  8.  Oktober,  in  Französisch-Lothringen
  die  vielumstrittene  Höhe  südlich  von  Leintry  zu
erobern  und  gegen  alle  weiteren  Angriffe  zu  halten.

9.  Der  Krieg  an  der  Ostfront  vom  Spätherbst
  1915  bis  Sommer  1916.

Im  Osten  war  im  Oktober  die  kriegerische  Handlung
  zu  einem  Stillstand  gekommen.  Dieser  dauerte
auch  zunächst  an;  die  Verbündeten  begnügten  sich  damit,
  immer  wieder  einsetzende  größere  und  kleinere
Angriffe  abzuwehren.  Größere  Kämpfe  entwickelten
sich  erst  Mitte  November,  da  die  Russen  die  Serben
.  entlasten  suchten.  Es  wurde  gefochten  in  Kurland,

ei  Baranowitschi  und  besonders  hartnäckig  in  Wolhynien.
  Der  Verlauf  war  im  allgemeinen  der,  daß
der  erste  Angriff  in  einzelnen  Abschnitten  in  die  Siellungen
  der  Verbündeten  eindringen  konnte,  daß  diesen
aber  alle  Vorteile  im  Gegenangriff  wieder  entrissen
wurden,  so  bei  Kemmern  und  Schlock  am  10.,  bei
Czartoryst  am  14.,  bei  Bersemünde  südöstlich  von
Riga  am  23.  Nov.  Gegen  Ende  des  Monats  flaute
auch  hier  die  Gefechtstäligkeit  wieder  ab;  16000  unverwundete
  Gefangene  waren  in  die  Hände  der  Verbündeten
  gefallen.  Im  Dezember  erfolgte  in  der  Lage
keine  Anderung;  es  bedurfte  nur  der  Abwehr  örtlicher
russischer  Vorstöße  und  Erwiderung  des  Artilleriefeuers.
  An  der  Eisenbahn  Kowel-Sarny  und  nördlich
  von  Czartorysk  war  es  besonders  lebendig.  Am
11.Dez.  brach  in  Wolhynien,  am  16.  zwischen  Naroczund
  Miadziolsee  ein  stärkerer  russ.  Angriff  zusammen.
Gegen  Ende  des  Monats  lebte  die  Gefechtstätigkeit
wieder  auf,  besonders  9ae  en  den  rechten  deutschen
Flügel  der  Ostfront  in  eH  orabien.  Der  Antrieb  zu
den  Flankenangriffen  war  politischer  Natur:  die  Beeinflussung
  Rumäniens.

Die  Meujahrsschlacht  1915/16  in  Gstgalizien“.
Am  17.  Nov.  1915  war  der  große  Angriff  der  Russen
in  Wolhynien  und  im  Poljesse  zu  Ende.  Der  am  10.
Nov.  einsetzende  Gegensloß  der  Armee  Linsingen  haite
die  Russen  auf  das  östliche  Ufer  des  Styr  zurückgeworfen.
  Damit  war  die  Angriffskraft  der  wie  in  allen
bisherigen  Kämpfen  keine  Verluste  scheuenden  Russen
gebrochen.  —  Allein  schon  Mitte  Dezember  waien
Anzeichen  davon  zu  erkennen,  daß  ein  neuer  Durchbruchsversuch
  des  Gegners  in  Vorbereitung  war,  und
zwar  im  südöstlichen  Teil  von  Galizien  und  an  der
tgrenze  der  Bukowina,  der  beßarabischen  Front.
Bis  kurz  vor  Weihnachten  war  es  hier  nur  zu  kleineren
  Gefechten  gekommen.  Die  Gründe  zu  dem  am
27.  Dez.  nun  tatsächlich  mit  starker  Artillerievorbereitung
  einsetzenden  wuchtigen  Angriffe  waren  auch  hier
wiederum  politischer  Natur.  Es  sollte  nach  dem  unglücklichen
  Ausgang  des  Unternehmens  an  den  Dardanellen,
  auf  das  man  so  großes  Bertrauen  gesetzt
hatte,  und  nach  der  Vernichtung  Serbiens  versucht
werden,  durch  einen  Erfolg  an  der  Ostfront  Rumänien
nun  doch  noch  ins  feindliche  Lager  herüberzuziehen.
Der  Oberbefehl  wurde  General  Iw#noft  Aeriraen,
  der  sich  im  Frühjahr  in  den  Karpathen  und  im
erbst  an  der  Zlota  Lipa  als  rücksichtsloser  Drauf-Gnger-
  erwiesen  hatte.  Die  zum  Angriff  ausgesuchte
telle  war  rund  130  km  lang  und  reichte  vom  Bogen
am  Pruth  15  km  östlich  von  Czernowit  über  Rarancze
  und  dem  Wald  von  Toporutz  bis  an  den
Dnjestr  bei  Okna.  Besondere  Anstrengungen  richtete

1  Kgl.  die  Karte  Bb.  II.  S.  206/7.
        <pb n="87" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Spätherbst  1915  bis  Sommer  1916

der  Feind  gegen  den  Abschnitt  zwischen  dem  Pruth
und  der  Waldzone  nördlich  von  Toporutz  sowie  gegen
die  Brückenköpfe  der  Dujestr=  und  Strypafront,  also
Zaleszczyki.  Usciezko,  Jaglowice,  Buczaz,  Wiesniowczyk
und  Burkanow.  Der  Stoß  traf  die  österreichisch.
ungarische  Armee  des  Generals  Pflanzer-Baltin  und
einen  Teil  der  deutschen  Südarmee  unter  General
Graf  Bothmer.  Die  Schlacht  dauerte  mit  derselben
Heftigkeit,  mit  der  fie  eingesetzt,  im  Jahre  1916  fort,
nachdem  die  Neujahrsnacht  einen  besonders  ungestüämen
  Angriff  gebracht  hatte.  An  diesem  wie  an  den
voraufgehenden  und  nachfolgenden  Tagen  scheiterten
trotz  oft  fünfmal  wiederholten  wütenden  Anstürmens
alle  Durchbruchsversuche.  Am  5.  ließ  die  Kampftätigkeit
  wesentlich  nach,  um  am  6.  wieder  die  frühere
Höhe  zu  erreichen;  Brennpunkt  des  Ringens  war  diesmal
  die  Gegend  nordöstlich  von  Buczaz.  Um  diese
Zeit  schon  bezifferten  vorsichtige  Schätzungen  die  Verluste
  der  Rufsen  auf  mindestens  50000  Mann.  Der
7.  brachte  keine  Anderung  der  Lage.  Am  8.  erneuerte
der  Feind  seine  Angriffe  nicht,  nur  setzte  auf  der  ganzen
  Front  starkes  Artilleriefeuer  ein.  Am  13.  begannen
die  Infanteriekämpfe  wieder,  diesmal  mit  besonderer
Wucht  bei  Toporutz  und  Rarancze  —  ein  fünfmaliger
Ansturm  der  Russen  in  dichten  Massen  wurde  zum
Scheitern  gebracht,  am  14.  wurde  in  demselben  Raume
weitergekämpft  und  erreichte  der  Angriff  seine  höchste
Stärke;  wiederum  hatten  die  Russen  nur  Mißerfolge
zu  verzeichnen.  Eine  mehrtägige  Kampfpause  wurde
infolge  der  ungemein  großen  Verluste  nunmehr  für
die  Angreifer  nötig.  Währenddessen  schriiten  die  Verteidiger
  bei  Rarancze  zu  einem  allerdings  nur  örtlichen,
  aber  sehr  erfolgreichen  Gegensteß.  —  Es  blieb
wider  Erwarten  weiter  ruhig.  Die  Neujahrsschlacht
1915/16  war  zu  Ende;  die  Verbündeten  hatten  in  der
Abwehr  in  24  Kampftagen  einen  vollen  Erfolg  zu
verzeichnen.  70000  Mann  an  Toten  und  Verwundeten.
  6000  an  unverwundeten  Gefangenen  hatte  der
Durchbruchsversuch  dem  Feinde  gekostet.

Die  Märzossensive  der  russischen  Nordfront

Der  Februar  1916  verlief  im  allgemeinen  ruhig,
im  März  hatten  sich  die  Verbündeten  auf  der  ganzen
von  Rumänien  bis  zum  Rigaischen  Meerbusen  reichenden
  Stellung  zahlreicher  Angriffe  an  den  verschiedensten
  Stellen  zu  erwehren;  zu  Gegenangriffen
wurde  nur  in  den  seltensten  Fällen  geschritten.  Besonders
  nachdrücklich  grisfen  die  Russen  vom  18.  bis
30.  März  den  deutschen  linken  Flügel  nördlich  von
der  Wilia  bis  Rigas  an,  eine  Entlastungsoffensive
für  die  in  Verdun  um  diese  Zeit  hartbedrängten
Franzosen.  30  Infanteriedivisionen,  zusammen  auf
500000  Mann  geschätzt,  griffen  hier  an.  Mit  einem
Verlust  von  rund  140000  Mann  wurde  der  gegen
die  Front  des  Generalfeldmarschalls  von  Hindenburg
gerichtete  Massenstoß  dank  der  Nöhigket  der  an  Zahl.
wesentlich  unterlegenen  Verteidigung  abgeschlagen.
Die  von  dem  russichen  Sberbesehlbtaber  General
Ewerth  in  seinem  Befehl  für  die  Schlacht  ausgesprochene
  feste  Erwartung,  daß  die  Vertreibung  des
Feindes  aus  den  Grenzen  des  Reiches  gelingen  werde,
hatte  deutsche  Tapferkeit  nicht  in  Erfüllung  gehen.
lassen.  Der  April  brachte  keine  besonderen  Ereignisse,
nur  einen  starken  deutschen  Vorstoß  südlich  vom  Naroczsee,
  der  eine  wesentliche  Verbesserung  unserer

1  Sagl.  die  Karie  B#.  11,  S.  200/7.  —  ?  Vgl.  den  Kriegsbericht
  Vd.  U.  S.  108fl.

77

Stellungen  zur  Folge  hatte  und  dem  Feinde  allein
5600  Mann  an  unverwundeten  Gefangenen  kostete.  —
Bis  Ende  Mai  blieb  die  Lage  hier  nun  unverändert,
kleinere  Kämpfe  und  Unternehmungen  füllten  die  Zeit
aus,  es  wurde  jedoch  festgestellt,  daß  hinter  der  russischen
Front  eine  ungewöhnlich  große  Geschäftigkeit  herrschte.

Die  Sommeroffenstve  der  ruszischen  Südfront.
Bald  ergab  sich  denn  auch,  daß  Vorbereitungen
8  einem  gewaltigen  Angriff  in  Beßarabien  und
olhynien:  getroffen  wurden.  Anfang  Juni  begann
  er.  Am  4.  Juni  wurden  die  österr.  Stellunen
  zwischen  dem  Pruth  und  Styrknie  bei  Kolki,
erner  bei  Oly  ka  in  Wolhynien  angegriffen,  die  Länge
der  bedrohten  Front  betrug  nicht  weniger  als  350  km.
Die  in  Wolhynien  an  der  oberen  Putilowka  kämpfenden
  Truppen  mußten  vor  dem  gewaltigen  Ansturm
in  den  Raum  von  Luck  sehr  bald  zurückgenommen
werden,  auch  an  der  unteren  Strypa  wurden  die
Osterreicher  gezwungen,  zu  weichen.  za  ununterbrochenen
  Känu#en  gelang  es  den  Russen,  allmählich  erheblich
  Gelände,  bis  zu  60  km  Tiefe,  zu  gewinnen.
wenn  ihnen  ein  Durchbruch  auch  nicht  gelang.  Standbat
  hielt  bis  Monatsschluß,  trotzdem  beide  Flanken
edroht  waren,  die  an  der  Strypa  kämpfende  Heeresgruppe
  des  Generals  Graf  Bothmer,  und  daß  es
nicht  zu  noch  weiterem  Zurückweichen  kam,  wurde  nur
durch  Heranführung  der  Heeresgruppe  Linsingen
erreicht,  die  es  sogar  möglich  machte,  zum  Gegenangriff
  vorzugehen.  General  Brussiloff,  der  rus.
sische  Oberbefehlshaber,  setzte  sein  Letztes  an  die  Erreichung
  seines  Zieles.  Erst  im  Juli  war  die  große
russische  Offensive  nach  harten  und  wechseluden  Kämpfen
  zum  Stehen  gebracht  worden.  Sie  schloß  doch
mit  ziemlich  großen  Erfolgen  der  russischen  Armeen.
Im  Südteil  der  Bukowina  waren  sie  über  die  Moldova
  bis  nördlich  von  Dorna  Watra,  Jakobeny  und
Capul  vorgedrungen;  den  Schanpaß  hatten  sie  nicht
u  öffnen  vermocht,  trotz  immer  wiederholter  Antürme
  konnten  sie  hier  nicht  weiter  gegen  die  ungar.
Grenze  vorkommen.  Als  sich  die  Russen  in  der  Bukowina
  immer  meifr  verstärkten,  wurden  deutsche
Truppen  dorthin  geschoben;  sie  trafen  im  August  dort
ein.  —  In  der  zweiten  Hälfte  des  Monats  Juli
griffen  die  Russen  wieder  unter  General  Leschitzky  bei
elatyn  und  bei  Tlumacz  in  Richtung  Stanislau  mit
großem  Ungestüm  an,  ein  nennenswerter  Erfolg  blieb
ihnen  versagt.  Erfolgreicher  war  der  am  7.  August
erneuerte  Angriff,  die  österreichisch-ungarische  Armee
Kövess  mußte  Siellung  auf  Stellung  räumen,  gegen
Mitte  August  mußte  auch  Stanislau  aufgegeben
werden.  Einen  sehr  starken  Widerstand  fand  die
Weiterführung  des  russischen  Angriffs  zwischen  dem
Dnujesir  und  Brody  an  der  hier  Rehenken  deutschen
Südarmee  Graf  Bothmer  und  der  österreichisch-ungarischen
  Armee  von  Böhm-Ermolll,  allein  auch  diese
wurden  gezwungen,  nach  und  nach  ihre  Linien  Monasterzyska-Jezierna-Zawize-Brodyausfzugeben
  und  zurückzugehen.
  Sie  kamen  erst  Ende  August  wieder  zum
alten  in  der  Gegend  Jezupol-Westufer  der  Zlota
ipa,  westlich  Monasterzyska—-Westufer  der  Strypa.
westlich  Jezierna-oberer  Serethlauf,  südlich  Brody-Styr,
  nordwestlich  Brody.  Hier  trafen  osmanische
Truppen  zur  Verstärkung  ein.  Anders  hatten  sich  die
Verhältnisse  in  Wolhynien  entwickelt.  Der  hier
Ende  Juli  einsetzende  Massenstoß  der  Russen  endigte

1  Bal.  die  Krtegsberichte  Vd.  II.  S.  205  fl.  u.  L0  fl.
        <pb n="88" />
        78

mit  einem  vollen  Mißerfolg.  Der  Angriff  am  10.  Aug.
scheiterte,  ebenso  ein  starker  Vorstoß  auf  Kowel.  Zwischen
  Pripjet  und  der  Ostsee  blieb  alles  ruhig.  Hier
echielt  General  Rußki  den  Oberbefehl  an  Stelle  des
Generals  Kuropatkin.  —  Generalfeldmarschall  v.  Hindenburg
  erhielt  nach  Bereinbarung  mit  der  österreichischen
  oberen  Heeresleitung  an  dem  größten  Teil
der  Ostfront  den  Oberbefehl;  südlich  schloß  sich  die
Heeresfront  des  Erzherzogs  Karl  Franz  Joseph  an.

10.  Der  Krieg  im  Westen  im  Jahre  1916.

Der  Kampf  um  Verdun  von  Februar  bis  Julii.

Der  Winter  1915/16  wurde  von  der  deutschen
oberen  Heeresleitung  zur  Vorbereitung  eines  großen,
die  Entscheidung  suchenden  Angriffs  auf  die  befestigte
Gegend  von  Verdun  zu  beiden  Seiten  der  Maas  benutzt.
  Am  21.  Febr.  begann  er  durch  die  Armee  des
deutschen  Kronprinzen  zunächst  auf  dem  rechten,  dem
östlichen  Maasufer,  und  zwar  nach  einer  überwältigenden
  Beschießung,  gegen  den  Abschnitt  Consenvoye-Azannes.
  Gleich  am  ersten  Tage  drang  er  auf  10  km
Breite  3  km  tief  in  die  seit  1½  Jahren  von  den  Franzosen
  vortrefflich  ausgebaute  Stellung  vor  den  Außenwerken
  der  Festung  ein.  Die  Hauptverleidigungslinie
war  vor  die  Forts  eingeschoben  worden.  Am  23.
wurde  durch  die  Einnahme  von  Brabant,  Beaumont
und  Samogneiyx  der  Erfolg  ausgebaut,  am  24.  fielen
Champneuville  an  der  Maas,  Cotelettes,  Marmont,
Beaumont,  Chambrettes,  Ornes  und  sämtliche  Stellungen
  bis  an  den  Louvemont-Rücken;  am  25.
wurde  in  Gegenwart  des  Kaisers  die  Befestigungsgruppe
  von  Louvemont  gestürmt;  ein  besonders  harter
  Schlag  für  die  Verteidigung  war  die  an  demselben
  Tage  gelungene  Erstürmung  der  Panzerfeste
Douaumont.  Gleichzeitig  drang  der  Angreifer  in
der  Woêvre-Ebene  in  die  feindlichen  Stellungen  ein
und  trieb  die  Besatzung  von  da  ab  langsam  auf  die
Höhen  der  Cöte  Lorraine  zurück.  Der  26.  Febr.  brachte
den  erwarteten  Gegenstoß  der  sich  kraftvoll  wehrenden
Verteidigung,  die  den  Ernst  der  Lage  und  die  Bedeutung
  des  deutschen  Angriffs  wohl  erkannt  hatte,  in
Richtung  der  Feste  Douaumont.  Er  wurde  blutig
abgewiesen.  Im  Nachstoß  wurden  westlich  die  Feste
Champneuville  und  die  Cöte  de  Talou,  östlich  die
ausgedehnten  befestigten  Anlagen  von  Hardaumont
genommen,  während  auch  in  der  Wosvre--Ebene  der

ingriff  fortschritt.  —  Bisher  waren  neben  reichlichem
Material  15000  unverwundete  Gefangene  eingebracht
worden.  Die  Lage  schien  sich  für  den  Verteidiger  mit
jedem  Tage  mehr  zu  verschlechtern.  Es  wurde  bemerkt,
  wie  andere  Abschnitte  der  Westfront  geschwächt
werden  mußten,  um  den  Widerstand  im  Raume  von
Verdun  sorteen  zu  können.  In  den  nun  folgenden
Tagen  erschöpften  sich  die  Verteidiger  in  Wiedereroberungsversuchen
  des  verlorengegangenen  Geländes,
zumal  bei  Douaumont.  Nichts  wurde  erreicht.  Zunächst,
  am  29.  Febr.,  hielt  der  deutsche  Angriff  auf
dem  östlichen  Flußufer  in  der  Linie  Bras  an  der
Maas-Psefferrücken-Thiaumont,  dicht  nördlich  von
Dorf  Vaux,  vorbei  an  Feste  Vaux-Damloup-Fuß
der  Cöte  Lorraine;  bei  Combres  wurde  am  6.  März
der  Anschluß  an  die  frühere  deutsche  Linie  gewonnen.

Nunmehr  begann  auch  der  Angriff  auf  dem  westlichen,
  dem  linken  Maasufer.  —  Am  8.  März  wurden,

1  Bgl.  die  Karte  Bd.  II,  S.  197  und  die  Kriegsberichte  Bd.  11,
S.  193,  190  fl.,  201  f.  und  203f.

I.  Kriegsgeschichte

um  den  Anschluß  an  die  auf  dem  rechten  Ufer  gewonnene
  Linie  herzustellen,  die  feindlichen  Stellungen
u  beiden  Seiten  des  Forges-Baches  unterhalb  von
thincourt  gestürmt,  Forges,  Regneville,  der  Raben·
  und  Cumiereswald  wurden  besetzt  und  geen
  Rückeroberungsversuche  gehalten.  Diese  wiederholten
  sich  in  den  nächsten  Tagen  ohne  Erfolg;  am
14.  wurde  die  Höhe  -Toter  Mann=  von  den  Deutschen
genommen,  am  21.  die  gesamten  befestigten  Anlagen
im  und  am  Walde  von  Avocourt.  Ein  gewaltiger  Artilleriekampf
  tobte  dabei  ununterbrochen  vom  ersten
Schlachttage  ab,  im  Verlauf  dessen  Verdun  in  Brand
geschossen  wurde.  Am  28.  März  wurde  der  Angriff
auf  dem  linken  Maasufer  durch  Wegnahme  von
Stellungen  nördlich  von  Malancourt  fortgesetzt,  infolgedessen
  am  folgenden  Tage  außerordentlich  heftige
  Gegenangriffe  einsetzten,  die  aber  ergebnislos
blieben.  Am  30.  wurde  Malancourt  genommen,
während  auf  dem  rechten  Maasufer  zunächst  die
Kampftätigkeit  nur  auf  Artilleriefeuer  beschränkt  blieb.
Seine  Wirtung  war  aber  so  stark,  daß  am  31.  März
die  feindlichen  Anlagen  nordwestlich  und  westlich  von
Vaux  sturmreif  waren  und  fielen.  —  Am  6.  April
wurde  auf  dem  westlichen  Flußufer  Haucourt  gestürmt.
  Die  Berteidigung  wurde  sehr  aktiv  geführt,
unermüdlich  war  der  Franzose  in  Gegenangriffen,
die  aber  immer  noch  im  allgemeinen  auf  beiden  Flußufern
  ergebnislos  verliefen.  Zu  verkennen  war  aber
trotzdem  nicht,  daß  die  Widerstandskraft  der  Festung  in
infanteristischer  Beziehung  sich  allmählich  verstärkte.
—  Flieger  hatten  schon  1  einiger  Zeit  die  Heranschaffung
  von  Verstärkungen  mittels  Eisenbahn  und
besonders  auf  Kraftwagen  gemeldet.  Der  Angriff
schritt  trotzdem  auf  beiden  Ufern  langsam,  aber  planmäßig
  vorwärts,  noch  so  heftige  und  zahlreiche  Gegenstöße
  des  Feindes  vermochten  ihn  nicht  aufzuhalten.
Am  17.  April  wurde  ihm  auf  dem  rechten  Flußufer
der  Steinbruch  südlich  von  Haudromont  und  die  starke
Stellung  nordwestlich  vom  Gehöft  Thiaumont  entrissen.
  Die  Zahl  der  unverwundeten  Gefangenen  war
auf  711O-ffiziere  u.  38  155  Mann  gestiegen;  im  ganzen
hatte  die  Verleidigung  bis  dahin  38  Infanteriedivisionen
  eingesetzt.  Es  begann  nun  eine  Pause  im  Fortschreiten
  des  Angriffs,  da  diegegnerischen  Stellungen,
je  mehr  man  sich  dem  Kern  der  Festung  näherte,  umso
widerstandsfähiger  wurden;  sie  waren  durchihregegen
Sicht  vortrefflich  geschützten  Anlagen  sehr  schwer  zu
entdecken,  die  gegnerische  Artillerie  entwickelte  sich  dabei
immer  mächtiger,  die  Nachführung  der  eigenen  Munition
  wurde  in  dem  Berggelände  immer  schwieriger.
Die  Lage  erfuhr  zunächst  keine  Veränderung,  trotzden
  die  französischen  Gegenangriffe  immer  zahlreicher
und  heftiger,  auch  umschtgreichen  wurden,  hauptsächlich
  wurde  um  die  Stellung  am  =  Toten  Mann-  gekämpft.
  Am  7.  Mai  errang  der  Angriff  auf  dem
linken  Ufer  eine  nicht  unerhebliche  Förderung  durch
die  Wegnahme  der  gesamten  Gräben  am  Nordhan
der  „Höhe  3046.  Es  wurde  hierbei  festgestellt,  dab
sich  mittlerweile  die  Zahl  der  von  dem  Feinde  eingesetzten
  Divisionen  auf  51  erhöht  hatte.  Diesen
gegenüber  waren  bisher  nur  halb  soviel  deutsche  verwendet
  worden.  —  Am  8.  Mai  wurde  General  Pétain
  in  dem  Oberkommando  an  der  Maas  durch
General  Nivelle  ersetzt.  Mit  Antritt  seines  Kommandos
  trat  eine  Zeit  der  beson  deren  Rührigkeit  der  Verteidigung
  ein,  ohne  daß  es  ihr  gelang,  den  Angreifer
urückzudrücken.  Am  19.  Mai  wurden  die  französischen
  Gräben  beiderseits  der  Straße  Haucourt-Esnes
        <pb n="89" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  1916  79

bis  in  die  Höhe  der  Südspitze  des  Canardwaldes,  am
20.  Mai  Gelände  auf  den  Südabhängen  am  „Toten
Manne  genommen,  am  21.  die  französischen  Stellungen
  auf  den  östlichen  Ausläufern  der-Höhe  3044  Am
28.  beginnt  auf  dem  rechten  Maasufer  der  Angriff
wieder  zu  erstarken.  Während  am  23.  auf  dem  linken
Ufer  Cumieres,  am  29.  die  Stellungen  zwischen  der
Südkuppe  des  =  Toten  Mannes=  und  Cumieres  im
Sturm  genommen  wurden,  wurde  am  26.  auf  dem
rechten  User  der  Augriff  bis  zu  den  Löhen  am  Südwestrande
  des  Thiaumont-Waldcs  vorgetragen.  Am
1.  Juni  wurde  der  Caillettewald  gestürmt,  am  2.  Juni
Damloup  erobert.  Ganz  gewaltige  Gegenangriffe
im  Chapitrewalde,  auf  dem  Auminrücken,  südwestlich
vom  Dorf  Vaux,  wurden  nach  hartnäckigem  Kampf
abgewiesen,  zunächstam  4.,  dann  wieder  am  5.  Juni.  —
Am  6.  Juni  fiel  die  Feste  Vaux,  in  die  schon  am  2.
Infanterieabteilungen  eingedrungen  waren.  Der
Feind  hatte  in  diesen  4  Tagen  die  verzweifeltsten  Anst
  rengungen  gemacht,  den  Pau  der  Feste  abzuwenden,
alle  Versuche  hierzu  scheiterten  unter  den  schwersten
Verlusten.  Am  9.  schritt  der  Angriff  weiter  fort;  in
harten  Kämpfen  wurde  der  Gegner  aus  seinen  Stellungen
  südwestlich  von  Fort  Douaumont,  dem  Chapitrewalde
  und  auf  dem  Fuminrücken  geworfen,  auch
westlich  von  Fort  Vaux  ging  es  vorwärts.  Am  12.
u.  13.  Juni  wurden  die  feindlichen  Stellungen  westlich
und  südlich  von  der  Thiaumont-Ferme  erobert.  Es
begann  nun  wieder  eine  Zeit  heftigsten  Artilleriekampfes
  auf  beiden  Ufern.  Er  wirkte  so  vortrefflich
gegen  die  franzöf.  Stellungen,  daß  am  23.  Juni  ein
ingriff  auf  Fleury  und  das  Panzerwerk  Thiaumont
  gelang;  wie  immer  blieben  am  24  einsetzende
Gegenangriffe  ergebnislos,  die  mit  gleichem  Mißerfolg
am  25.,  27.,  30.  Juni  und  1.,  2.,  4.  und  7.  Juli  wiederholt
  wurden.  Nunmehr  beginnt  sich  der  Einfluß  des
Massenangriffs  der  engl.-franz.  Heere  an  der  Somme
beim  Angreifen  vor  Verdun  fühlbar  zu  machen.

Die  Sommeschlachtt.

Das  Scheitern  der  großangelegten  englisch-französischen
  Durchbruchsversuche  in  der  Champagne  und
im  Artois  im  Herbst  1915  hatte  den  An  98  und
Vernichtungswillen  der  Feinde  nicht  zum  Wanken  gebracht.
  Sofort  nach  Abschluß  der  außergewöhnlich
verlustreichen  Kämpfe  wurde  mit  den  Vorbereitungen

uneuen  begonnen.  Ganz  besonders  tätig  war  in  dieser

eziehung  die  englische  Heeresleitung,  die  mit  äußerster
Beschleunigung  die  neu  aufgestellten  Heere  der  allgemeinen
  Dienstpflicht  kampf=  und  operationsfähig
zu  gestalten  suchte.  Hand  in  Hand  damit  gingeine  Anhäufung
  von  Kriegsbedürfnissen  aller  Art,  bestimmt,
gerade  hierin  den  Gegner  zu  überflügeln.  Der  neue
Angriff  wurde  auf  Ende  Juni  vereinbart.  Zwar  war
um  diese  Zeit  die  Ausbildung  der  Engländer  noch
nicht  völlig  zum  Abschluß  gedracht,  allein  die  Lage,
wie  sie  sich  mit  Jahresbeginn  durch  die  Angriffe  der
Deutschen  auf  die  Verdun-Stellung  gestaltet  hatte,
zwang  diesen  Zeitpunkt  als  den  spätesten  den  feindlichen
  Feldherren  auf,  dem  Engländer  Sir  Haig  und
dem  Franzosen  Joffre.  Der  am  1.  Juli  losgelassene
Angriff  wurde  von  der  deutschen  oberen  Heeresleitung
  als  eine  Entscheidungsschlacht  allergrößten
Stils  aufgefaßt.  Sie  sollte  in  der  strategischen  Lage
nicht  nur  an  der  Westfront,  sondern  auch  mittelbar

Vgl  die  Karte  Bd.  II.  S.  214  und  die  Kriegsberichte  Bd.  II,
S.  213  ff.  und  23öff.

der  Gesamtheit  der  Kriegsschauplätze  einen  entschiedenen
  Umschwung  bringen  und  die  Mittelmächte  unwiderruflich
  in  die  strategische  Abwehr  drängen.  Dies
sollte  erreicht  werden  mittels  Durchbrechung  der  Westfront,
  die  daraufhin,  wie  man  folgerte,  in  ihrer  ganzen
  Ausdehnung  zusammenstürzen  müsse.  Die  Absicht
  unserer  Gegner  ist  aus  dem  ungeheuren  Umfang
ihrer  Vorbereitungen  richtig  erkannt  worden;  besonders
  aber  muß  auf  die  Tatsache  verwiesen  werden,
daß  Engländer  wie  Franzosen  gewaltige  Reitermassen
hinter  der  Schlachtfront  bereitgestellt  hatten,  die  nach
erzieltem  Durchbruch  den  Sieg  strategisch  durch  Vorgehen
  in  den  Rücken  der  noch  standhaltenden,  nicht
unmittelbar  betroffenen  Teile  der  Front  auswerten,
ihn  zu  einer  vernichtenden  Niederlage  ausgestalten
sollten.  Die  britische  Heeresleitung  gab  abweichend
hiervon  —  aber  erst  nach  Abschluß  der  Kämpfe  —  als
Zwecke  des  Angriffs  an:  1)  Erleichterung  des  Druckes
auf  Verdun,  2)  Verhinderung  weiterer  Verschiebungen
von  Truppen  von  dem  westlichen  Kriegsschauploatz
nach  dem  Osten  und  3)  Abnützung  der  deutschen  Kräfte.

Der  Frontteil,  den  der  Feind  sich  zum  Angriff  ausgesucht
  hatte,  war  in  der  Luftlinie  40  km  breit.  Er
erstreckte  sich  in  der  Picardie  zwischen  den  Dörfern
Sommecourt,  nordwestlich  von  Bapaume  u.  Vermandovillers
  südwestlich  von  Péronne.  Das  Gelände
  ist  hier  leicht,  teilweise  kräftiger  gewell,  mit  vielen
Dörfern,  jedoch  wenig  Waldstlicken  deckt.  Der  Lauf
der  Somme  und  der  kleineren  Ancre  bildet  tiefe  Einschnitte.
  Die  Somme  läuft  kanalisiert  durch  eine  versumpfte
  Niederung  bis  an  Péronne  heran,  die  Ancre
durchströmt  von  Nordosten  nach  Südwesten  die  Stadt
Albert  auf  Corbie  zu,  wo  sie  in  die  Somme  fällt.  In
diesem  Gebiet  ergeben  sich  zwanglos  drei  Abschnitte:
der  Nordabschnitt  Sommecourt-Hamel,  der  mittlere
Thiepval—-Curlu,  der  Südabschnitt  Frise-Vermandovillers.
  Die  feindlichen  Kräfte  waren  zum  gemeinschaftlichen
  Angriff  so  zurechtgeschoben  worden,  daß
der  englische  rechte  und  der  französische  linke  Flügel
an  der  Stelle  aneinanderstießen,  wo  eine  vom  Nordrande
  von  Combles  nach  dem  Südrande  von  Carnoy
gezogene  Linie  die  feindlichen  Gräben  durchschneidet.

ie  beiderseitigen  Stellungen  waren  seit  ihrer  Einnahme
  vor  1½  Jahren  vortrefflich  ausgebaut,  sie
hatten  sich  von  Punkt  zu  Punkt  verknorpelte,  wie  der
deutsche  Generalstabsbericht  sich  ausdrückte.  Die  vorderste
  deutsche  Stellung  bestand  im  allgemeinen  aus
drei  hintereinanderliegenden  Grabenlinien  in  einer
wechselnden  Gesamttiefe  von  500—1000  m.  Die  erste
Linie  wurde  verstärkt  durch  die  Stützpunkte  der  großen
aus  Stein  gebauten,  vielfach  unterkellerten  Ortschaften
Thiepval,  Ovillers,  La  Boisselle,  Fricourt,  Mametz,
Curlu,  Frise,  Dompierre  und  Soyccourt.  Eine  zweite
deutsche  Siellung  zog  sich  dahinter  von  Grandcourt
über  Pozieres,  Bazentin,  Longueval,  Guillemont,
Maurepas,  Herbicourt,  Assevillers,  Belloy  nach  Ablaincourt.
  Die  Hauptstärke  lag  in  der  ersten  Stellung,
in  ihr  sollte  auch  der  Hauptwiderstand  geleistet  werden;
  die  zweite  Stellung  hatte  daher  auch  nur  1—2
Linien  hinter  ausgedehnten  Drahthindernissen;  sie
lag  so,  daß  sie  durch  auf  die  erste  Stellung  geleitetes
Feuer  nicht  in  Mitleidenschaft  gezogen  wurde.  —
Zwischen  den  beiden  Stellungen  lagen  bei  Estrees-Deniéccourt
  und  Maurepas-Herbicourt  sogenannte
„Riegelstellungen,  Zwischenstellungen,  die  einen
durch  die  1.  Linie  vorgedrungenen  Stoß  aufzufongen
bestimmt  waren,  ehe  er  weiter  auf  die  2.  Linie  fortgesetzt
  wurde.  —  Die  sehr  umfangreichen  und  in  jeder
        <pb n="90" />
        80

Beziehung  wohlüberlegten  Vorbereitungen  für  den
Angriff  blieben  dem  deutschen  Oberkommando  des  hier
die  Front  befehligenden  Kronprinzen  Rupprecht  von
Bayern  nicht  verborgen,  trotzdem  der  Feind  kein
Mittel  unversucht  ließ,  seine  Absichten  zu  verschleiern.
Aus  den  beiderseitigen  Erkundungs-  und  Verschleierungsmaßnahmen
  entwickelten  #ch  sehr  zahlreiche
  Patrouillenkämpfe  mit  wechselndem  Erfolg.
Am  22.  Juni  begann  der  Feind,  seinen  Angriff
durch  Artilleriefeuer  in  bisher  nicht  beobachteter
Stärke  vorzubereiten.  Am  30.  Juni  schon  hatten  alle
Anlagen  der  beiden  deutschen  Stellungen  durch  das
immer  mehr  sich  zum  Trommelfeuer  steigernde  Wirkungsschießen
  erheblich  gelitten.  Die  mit  Infanterieangriffen
  am  1.  Juli  beginnende  Schlacht  dauerte  als
Ganzes  genommen  4½  Monate,  bis  zum  18.  Nov.
Sie  zerfällt  zeitlich  in  mehrere  Abschnitte.  —  Dererste
dauerte  vom  1.  bis  5.  Juli.  Es  griffen  an  südlich  von
der  Somme  die  Franzosen,  1½  Armeekorps  unter
General  Michelet,  nördlich  von  derselben  1  Armeekorps
unter  General  Fayolle,  bei  Maricourt  schloß  sich  der
rechte  Flügel  der  Engländer  an,  die  hier  die  4.  Armee
  (5  Armeekorps)  unter  General  Kawlinson  zum
Angriff  vorführten.  Während  am  1.  Juli  südlich  von
der  Somme  die  erste  deutsche  Linie  genommen,  nördlich
  von  der  Somme  der  Angriff  bis  Hardecourt-Curlu
  vorgetragen  worden  war,  kam  der  Angriff  der
Engländer  beiderseits  der  Ancre  nicht  recht  vorwärts.
Schon  am  2.  löste  sich  der  Gesamtangriff  in  Einzelkämpfe
  auf,  die  für  die  Franzosen  südlich  von  der
Somme  am  vorteilhaftesten  verliefen.  Nach  fünftägigem
  ununterbrochenem  Angriff  trat  zunächst  eine
Pause  ein.  Der  Gegner  benötigte,  wie  er  selbst  berichtet,
  gewisser  Neugruppierungen  und  Ablösungen,
auch  mußte  die  schwere  Artillerie  nachgezogen  werden.
  —  Der  zweite  Abschnitt  der  Schlacht  begann
am  7.  und  dauerte  bis  zum  19.  Juli.  Die  Kämpfe
zeigten  ein  sehr  wechselndes  Bild,  brachten  aber  dem
Angreifer  wesentliche  Vorteile.  Der  Verteidiger  ging
an  vielen  Stellen,  zumal  südlich  von  der  Somme,  zum
Gegenangriff,  wenn  auch  nicht  einheitlich,  so  doch  an
den  verschiedensten  Stellen  vor.  Der  Feind  hatte  am
Abend  des  19.  folgende  Linie  erreicht:  La  Maisonette-Hardecourt
  -—  Curlu  -  Sommelauf  —  Trönes-Wald-Wald
  von  Mametz-Contalmaison—-Delville-Pozieres.
Am  20.  Juli  begann  der  dritte,  einer  der  gewaltigsten
  Kampfabschnitte,  der  bis  zum  31.  Juli  dauerte.
Das  Ninsen  verschärfte  sich  dadurch,  daß  nunmehr
deutsche  Reserven  besonders  an  Artillerie  zum  Eingreifen
  in  den  Kampf  herangezogen  worden  waren.
er  große,  gemeinsame  Anlauf  der  engl.-franz.  Armee
mit  17  Div.,  annähernd  200000  Mann  stark,  setzte  sich
bis  zum  30.  Juli  fort;  Großkampftage  waren  der  20.,
22.,24.,  27.  und  vor  allem  der  30.  Juli.  Das  Ergebnis
der  Kämpfe  war  nur  die  Besitzergreifung  der  Trümmer
  des  Dorfes  Pozikres  durch  die  Engländer.
Die  Weiterentwicklung  der  Schlacht  in  irem  vierten
  Abschnitt,  der  den  Monat  August  umfaßt,  zeigt
abwechselnd  Angriffe  auf  der  ganzen  Front  oder  au
sehr  großen  Frontabschnitten  oder  aber  Versuche  der
Eroberung  einzelner  dem  Feinde  wichtig  erscheinender
Geländeabschnitte  oder  Stlützpunkte,  wie  Dörfer  oder
Waldstücke;  die  Initiative  lag  beim  Gegner.  Große
einheitliche  Angriffe  brachte  die  Woche  vom  13.—18.
und  vom  24.—31.  Aug.  Südlich  von  der  Somme  erkämpften
  sich  die  Franzosen  Raum  südlich  von  Estres;
nördlich  von  der  Somme  wurde  Maurepas  genommen
  in  einem  mit  den  Engländern  gemeinsam  unter-1.

  Kriegsgeschichte

nommenen  Angriff,  in  dem  diese,  die  bis  nördlich
von  Ginchy  vordringen  wollten,  jedoch  nur  Teilerfolge
errangen;  Ginchy-Ostrand  des  Delville-Waldes-Mouget-Pachthof
  nördlich  von  Pozièeres  wird  von
ihnen  erreicht.  Gegen  Ende  des  Monats  bereitete  der
Feind  für  sein  weiteres  Vorgehen  eine  große  Linksschwenkung
  vor,  wobei  Combles  den  Drehpunkt  bildete;
  hierdurch  wurde  die  französische  Kampffront
ganz  bedeutend  verlängert.

m  6.  Sept.  begann  ein  neuer  großer  Angrif  der
feindlichen  Heere  nördlich  von  der  Somme,  dem  am
folgenden  Tage  auch  ein  Angriff  südlich  vom  Flusse
folgte,  der  fünfte  Abschnitt.  —  Allein  der  einheitlich
gedachte  Gesamtangriff  ergab  infolge  des  Geländes
und  der  Angriffsrichtungen  zwei  getrennte  Unternehmungen.
  Zunächst  nördlich  von  der  Somme:
Hier  wurde  der  Angriff  aus  der  Linie  Somme-Beaumont
  nördlich  von  der  Ancre  vorgeführt  während
der  französische,  der  rechte  Flügel  bedeutend,  und  zwar
bis  Bouchavesnes-Pachthof  Kiz  vordrang,  kam  der
englische,  der  linke  Flügel  nicht  in  Fluß.  Am  23.  begann
  die  artilleristische  Vorbereitung,  zu  einem  neuen
gemeinsamen  Angriff  nördlich  von  der  Somme,  am
25.  der  Infanterieangriff  der  Franzosen  Richtung  nach
Norden,  in  den  Raum  zwischen  Bouchavesnes  und
Combles;  diese  Stadt,  von  Osten  und  Westen  umfaßt,
  wurde  geräumt.  Die  Engländer  stießen  auf
Morval  und  Lesboeufs  vor  und  nahmen  Gueudecourt,
  Courcelette  und  die  Zollernschanze,  bald  darauf
Thiepval.  Ende  September  stand  der  Engländer
vor  Le  Sars  und  Eaucourt-IAbbaye.—  Südlich  von
der  Somme  wurde  der  Angriff  fast  in  südöstlicher  Richtung
  auf  20  km  Breite  gegen  den  Abschnitt  Chilly-Barleux
  geführt.  Chilly,  Vermandovillers,  Soyé
court  fielen  am  7.;  nach  einer  Unterbrechung  von  10
Tagen  wurde  der  Angriff  weitergeführt.  Berny  und
Deniccourt  genommen.  Trotz  aller  Anstrengungen
deutscherseits  schien  der  gegnerische  Angriff  in
Großkampftagen  des  Monats  September  doch  sein  Ziel
erreichen  zu  wollen.  Beim  Wiederbeginn  der  feindlichen
  Offensive  Anfang  September  war  auch  seine
unbestreitbare  Überlegenheit  erkennbar.  Die  Verteidigungsmaßnahmen
  hatten  mit  der  fortdauernden
Steigerung  der  feindlichen  Angriffskraft  nicht  gleichen
Schritt  halten  können.  Erst  gegen  Ende  September,
um  einen  Tag  zu  nennen,  am  25.,  war  es  gelungen,
den  artilleristischen  Rückhalt  unserer  deutschen  Stellungen
  so  !  kräftigen  und  auszubauen,  daß  eineplanmühge
  iederkämpfung  der  gesamten  feindlichen
Streitkräfte  und,  wie  der  Bericht  aus  dem  Gr.  Hauptquartier
  sagt,  insbesondere  ein  Ineinandergreifen
und  Zusammenwirken  der  Artillerie  aller  Abschnitte
zur  Niederhaltung  feindlicher  Angriffsgelüste  eingerichtet
  werden  konntenc.  —  Daher  boten  denn  auch
die  Oktoberkämpfe,  der  sechste  Abschnitt  der  Sommeschlacht,
  ein  wesentlich  anderes  Bild  als  die  der  vorigen
  Monate  —  die  feindlichen  Angriffe  flauten  zwar
zunächst  noch  nicht  ab.  An  den  Großkampftagen  des

f  1.  u.  2.  Okt.  gelang  es  zwar,  wie  an  dem  des  7.  Okt.,

dem  Angreifer  noch  vorzukommen,  Eaucourt-lUbbaye,
  Le  Sars  fielen.  Allein  der  Ausgang  der  englisch-französischen
  Angriffe  in  der  Zeit  vom  9.—15.
Okt.,  die  mit  zu  den  größten  Kampfhandlungen  der
Sommeschlacht  gehören  (sie  richteten  sich  in  einheitlicher
  Führung  gegen  die  ganze  Front  von  Courceletie
bis  südöstlich  von  Bouchavesnes),  zeigte,  daß  ihr  Ziel
unerreicht  bleiben  werde;  die  deutsche  10.  Armee  hatte
den  Angriff  des  12.,  des  heißesten  Kampftages,  erfolg-
        <pb n="91" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  1916

reich  abgewiesen.  Der  letzte  Großkampftag  war  der
18.Okt.,  er  brachte  den  Angreifern  nur  noch  geringen
Raumgewinn  in  Sailly  und  nördlich  von  EaucourtlAbbaye.
  Nachdem  ein  letzter  großer  Gesamtangriff
nördlich  von  der  Somme  am  21.  blutig  zusammengebrochen
  war,  flaute  die  Gefechtstätigkeit  allmählich
ab.  Nicht  ohne  Einfluß  hierauf  war  die  eingetretene
regnerische  Wilterung,  die  Sicht  und  Bewegung  höchst
störend  beeinflußte  und  die  Schwierigkeiten  des  Angriffs
  so  vervielfältigte,  daß  es  der  feindlichen  Führung
  unmöglich  wurde,  taktische  Vorteile  mit  genügender
  Schnelligkeit  auszunütßen.  In  dem  Kampfgelände
südlich  von  der  Somme  konnten  die  Franzosen  im
Oktober  nur  einen  schmalen  Geländestreifen  von  Fouquescourt
  bis  Deloh  gewinnen.  —  Der  Monat  November
  brachte  das  allmähliche  Erlöschen  des  Kampfes.
Am  I.,  5.,  12.  und  15.  Nov.  kam  es  noch  zu  hin  und
her  wogenden  Kämpfen  im  Abschnitt  Bouchavesnes-Le
  Sars,  die  damit  ihren  Abschluß  fanden,  daß  die
Deutschen  das  heißumstrittene  Sailly-Saillisel
und  den  St.  Pierre-Vaast-Wald  dauernd  in  ihren  Besitz
  brachten.  —  Im  englischen  Abschnitt  setzte  General
Haig  seine  Angriffe  in  Nichtung  der  Ancre  fort;  sie
vernachlässigten  den  Anschluß  an  die  Franzosen.  Am
11.  und  13.  entbrannte  hier  der  Kampf  noch  einmal
zu  gewaltiger  Stärke,  um  am  18.zu  einem  sehr  kräftig
unternommenen  Durchbruchsversuch  anzuschwellen.
Derselbe  wurde  zum  Teil  im  Gegenstoß  vereitelt.

Die  große  Sommeschlacht  war  ##  Ende,  sie  hatte
eine  Entscheidung  nicht  gebracht.  Das  Ergebnis  des
Angriffs  beschränkte  sich  auf  eine  Einbeulung  der
deutschen  Stellung,  die  mit  einem  Verlust  von  annähernd
  /.  Million  Menschen  erkauft  war.  Der  des
Verteidigers  war  erheblich  unter  ½  Million  geblieben,
was  um  so  bemerkenswerter  ist,  als  nach  amtlichen
Feststellungen  etwa  76  Proz.  aller  Verwundeten  in
verhältnismäßig  kurzer  Zeit  wieder  kampffähig  in  die
Front  einrückten.  Eine  Ausnutzung  der  fiegreichen
Abwehr  durch  die  obere  deutsche  Heeresleitung  verbot
sich  durch  die  Stärkeverhältnisse.  Eine  Entscheidung
slel  also  auf  diesem  Kriegstheater  nicht.  —  Die  Folge
des  Mißlingens  des  Durchbruchs  war  ein  Wechsel  im
französischen  Oberkommando.  General  Joffre  wurde
durch  General  Nivelle,  den  Befehlshaber  der  Armee
von  Berdun,  erseyt.  Jener  wurde  als  sachverständiger
  Beirat  dem  im  Ministerium  gebildeten  Kriegs.
ausschuß  beigegeben.  An  dessen  Spitze  stand  der  von
seiner  Stelle  als  Oberkommandierender  in  Marokko
#urückberufene  General  Liautey.  Unter  seiner  Leitung

egannen  nun  in  Frankreich  die  Vorbereitungen  zur
Wiederaufnahme  des  Angriffs  im  Frühiahr  1917.—
An  der  bisherigen  Kampffront  trat  Ruhe  ein.

Im  August  war  mit  Erlahmen  der  deutschen  Offensive
  bei  Verdun  auch  in  der  deutschen  oberen  Heeresleilung
  eine  sehr  bedeutsame  Anderung  eingetreten.
Der  bisherige  Chef  des  Generalstabes  des  Feldheeres
General  v.  Falkenhayn  erhielt  den  Befehl  über  eine
Aecmee,  die  gegen  Rumänien  focht.  An  seine  Stelle
trat  der  bisher  im  Osten  tätige  Generalfeldmarschall
v.  Hindenburg,  den  als  erster  Generalquartiermeister
sein  bisheriger  Stabschef  General  Ludendorff  in  die
neuen  Verhallnisse  begleitete.  Mit  diesem  Wechsel  trat
gleichzeitig  eine  Underung  in  den  Befehlsverhältnissen
auf  den  Hüegsschauplähen  ein.  Auf  dem  westlichen
Kriegsschauplatz  befehligte  vom  Meere  bis  nördlich
von  der  Ancre  Herzog  Albrecht  von  Württemberg,  von
dort  bis  zur  Aisne  Kronprinz  Rupprecht  von  Bayern,
von  der  Aisne  bis  zur  Schweizerigrenze  der  deutsche

Der  Krieg  1911/19.  II11.

81

Kronprinz;  auf  dem  östlichen  Kriegsschauplatz  von  der
Ostsee  bis  südlich  von  Brody  Prinz  Leopold  von
Bayern,  südlich  anschließend  Erzherzog-Thronfolger
Karl  von  Österreich,  südlich  von  der  Donau  94#.
marschall  v.  Mackensen.

Die  französischen  Angriffe  bei  Verdun  vom  AIn

1676.  bis  Januar  19171,  l

Insoweit  der  Angriff  der  Engländer  und  Franosen
  bezweckt  hatte,  den  Verteidiger  von  Verdun  in
seinem  harten  Kampf  zu  entlasten,  hatte  er  seinen
Zweck  völlig  erreicht.  Es  wurde  dadurch,  daß  sich  der
Angreifer  vor  Verdun  zumal  an  schwerer  Artillerie
schwächen  mußte,  um  an  der  Somme  den  Kanuf  mit
Aussicht  auf  siegreiche  Abwehr  überhaupt  aufnehmen
zu  können,  hier  dem  Verteidiger  möglich,  zum  Gegenangriff
  vorzu  epen-  Seit  Mitte  Juli  gewann  er  durch
ihn  Raum  eußp  eury  und  bei  Thiaumont.  —  Ein  erster
  großer  Angriff  erfolgte  auf  dem  rechten  Maasufer
am  2.  Aug.,  der  bis  zum  10.  des  Monats  ununterbrochen
  weitergeführt  wurde.  Er  richtete  sich  mit  dem
rechten  Flügel  bis  südlich  von  Damloup  —  nördlich
vom  Werke  La  Lauffee,  mit  dem  linken  gegen  den
Pfefferrücken.  Der  Gewinn  beschränkte  sich  auf  den
vordersten  deutschen  Graben;  alle  Versuche,  sich  des
Werkes  von  Thiaumont  und  des  Dorfes  Fleury  zu
bemächtigen,  blieben  erfolglos.  Die  Kämpfe  dauerten
bis  zum  10.,  dann  trat  eine  Pause  im  Angriff  ein.
Erst  ein  am  17.  überraschend  einsetzender  Vorstoß
brachte  Fleury  in  des  Feindes  Hand.  —  Die  Zeit
bis  Ende  Oktober  füllten  zahlreiche  Vorfeldkämpfe
aus,  in  denen  es  den  Franzosen  gelang,  in  der  Gegend
  von  Fleury  und  nördlich  vom  Werke  von  Souville
  Boden  zu  gewinnen.  Es  blieb  mittlerweile  der
deutschen  Heeresleitung  nicht  verborgen,  daß  der  Verteidiger
  einen  gewaltigen  Wiedereroberungsversuch
egen  die  Forts  Vaux  und  Douaumont  vorbereitete.
m  21.  Okt.  begann  die  Artillerievorbereitung  für
den  Angriff,  der  aus  der  Linie  von  den  Höhen  von
Haudromont  über  den  Höhenrand  von  Fleury  und
von  Vaux-Chapitre  nach  Damloup  denn  auch  wirklich
  am  24.  Okt.  vorbrach.  Gegen  den,  wie  es  scheint,
mit  21  Bataillonen  in  erster,  7  Bataillonen  in  zweiter
Linie  besetzten  Abschnitt  Douaumont-Baux,  hinter
dem  noch  10  Bataillone  in  Reserve,  ferner  180  Bat
terien  standen,  waren  drei  Divisionen  und  außerdem
je  ein  Infanterieregiment  auf  dem  rechten  und  linken
Flügel  angesetzt.  Der  Angriff  der  an  übungswerken
besonders  für  ihn  lange  und  sorgsam  ausgebildeten
Truppen  gelang.  Bis  zum  26.  abends  war  die  deutsche
  Stellung,  die  dritte  Linie  mit  eingeschlossen,  in
der  Hand  der  Franzosen.  Fort  Douaumont,  infolge
  der  Beschießung  brennend  und  unhaltbar,  war
schon  am  23.  abends  geräumt  worden.  Nur  Fort
Vaux  hielt  sich  noch  bis  zum  2.  Nov.  An  diesem  Tage
wurde  es  ebenfalls  geräumt.  Es  trat  nunmehr  ein
Stillstand  in  den  Kämpfen  vor  Verdun  ein,  nachdem
die  deutsche  Heeresleitung  die  Einnahme  weiter  zurück.
liegender  Stellungen  in  Linie  Vacherauville-  Wald
von  Haudromont-Dorf  Douaumont-Vauxbach  angeordnet
  hatte,  die  vom  Feinde  unbelästigt  sich  voll
og.  Der  Franzose  wollte  seinen  Angriff  hingegen
soch,  unigst  fortsetzen,  allein  das  den  Angriff  des  324.
Okt.  vorbereitende  Artilleriefeuer  hatle  das  Gelände,
das  auf  dem  Wege  dahin  durchschritten  werden  mußte,
dermaßen  durchwühlt,  daß  zunächst  Verbindungen

1  Ogl.  bie  Karte  Bd.  U.  S.  107.
6
        <pb n="92" />
        82

nach  den  neu  gewonnenen  Stellungen  gebaut  werden
  mußten,  was  außerordentlich  zeitraubend  war.
Das  Nachziehen  der  schweren  Artillerie  war  daher
nicht  vor  dem  11.  Dez.  beendet,  so  daß  erst  an  diesem
Tage  die  Vorbereitung  des  geplanten  Angriffs  durch
sie  beginnen  konnte.  Angriffsziel  war  die  Linie
Bezonvaux—-Wald  von  Caurières  -  Pachthof  Chambrettes-Louvemont-Pfefferrücken-Vacherauville;
  der
Angriff  mußte  also  mit  einer  großen  Linksschwenkung
ausgeführt  werden.  Angesetzt  wurden  dazu  vier  Divisionen;
  sie  brachen  am  15.Dez.  vor.  Bis  zum  18.  gelang
  es  dem  Angriff  nach  außerordentlich  blutigen
Kämpfen,  sich  seiner  Ziele  zu  bemächtigen.  Mit  diesem
zweiten,  unbestreitbaren  Erfolg  gaben  sich  die  Verteidiger
  von  Verdun  zunächst  zufrieden.  Da  auch  die  Deutschen
  keine  Beranlassung  hatten,  ihrerseits  wieder  zum
Angriff  überzugehen,  hörten  hier  stärkere  Kämpfe  für
längere  Zeit  auf.  Erst  im  März  1917  lebte  die  Gefechtstätigkeit
  hier  wieder  auf.  —  Auf  dem  westlichen
Maasufer  kam  es  nur  zu  Kämpfen  mit  örtlicher  Bedeutung.
  Am  bedeulendsten  war  der  Angriff  der
Deutschen  am  7.  Dez.,  der  den  Feind  von  der  Südostkuppe
  der  langgestreckten  Höhe  304=  herunterdrücken
sollte.  Er  hatte  solchen  Erfolg,  daß  der  geworfene
Gegner  sich  zu  einem  Gegenangriff  nicht  einmal  aufzuraffen
  rersuchte  Ein  zweiter  erfolgreicher  Angriff
der  Deutschen  erfolgte  am  26.  Jan.  1917,  der  die  ganze
„Höhe  304.  in  ihren  unbestrittenen  Besitz  brachte,
ebenso  wie  den  =  Toten  Mann-.  Am  28.  Jan.  und  Anfang
  Februar  unternommene  Wiedereroberungsversuche
  durch  die  Franzosen  mißlangen.  Nun  trat  auch
hier  Ruhe  ein.  Die  Verluste  waren  auf  beiden  Seiten
sehr  beträchtlich.

Die  Ereignisse  an  den  übrigen  Abschnitten  der
Werlfrom  1916.

Die  Hauptkampftätigkeit  hatte  sich  auf  dem  westlichen
  Kriegsschauplatz  im  Jahre  1916  auf  Flandern,
das  Artois,  die  Somme  und  die  Verdun-Stellung  beschränkt.
  In  allen  anderen  Abschnitten  fanden  nur
wenig  bedeutende  Ereigniss  statt:  In  den  Vogesen
vielfach  Kämpfe  um  die  schon  im  Vorjahre  so  oft
umstrittene  Stellung  am  Hartmannsweilerkopf,  so
Seeich  nach  Jahresbeginn  am  2.  und  7.  Jan.  1916.

er  Artilleriekampf  wurde  in  mäßigen  Grenzen  geführt
  und  bestand  vielfach  nur  in  Störungsfeuer,  das
auf  die  Verbindungen  der  Verteidigungsstellungen,
die  man  immer  fester  und  tiefer  ausbaute,  abgegeben
wurde.  Deutscherseits  war  man  nun  bestrebt,  die  an
die  Franzosen  am  21.  Dez.  verlorengegangenen  Teile
der  Stellungen  wiederzunehmen.  Dies  gelang  am  9.
Jan.  am  Hirzstein  südlich  vom  Hartmannsweilerkopf,
wobei  der  Feind  über  1000  Mann  an  unverwundeten
Gefangenen  verlor.  Im  Februar  kam  es  mehrfach
bei  Celles  und  Lusse  östlich  von  St.  Die  zu  kleineren
Unternehmungen,  wobei  auch  der  Mineur  wirksam  in
Tätigkeit  trat.  Am  13.  u.  14.  Febr.  wurde  bei  Obersept
nordwestlich  von  Pfirt  (hier  lief  die  französische  Stellung
  auf  deutschem  Gebiet)  gekämpft,  die  deutsche  Stellung
  wurde  verbessert.  Am  18.  stießen  die  Deutschen
in  die  Gräben  bei  Largitzen  südwestlich  von  Altkirch
mit  Erfolg  vor.  Gleichzeitig  mit  Eröffnung  des  Angriffs
  auf  Verdun  wurde  in  den  Vogesen,  und  zwar
im  Oberelsaß  westlich  von  Heidweiler  mit  Erfolg  vorgestoßen.
  Am  3.,  11.  u.  21.  März  machte  der  Gegner
den  vergeblichen  Versuch,  die  bei  Obersept  seinerzeit

—  —

1  Bal.  die  Karien  Bd.  I.  S.  191  und  208.

I.  Kriegsgeschichte

verlorenen  Gräben  wiederzunehmen.  Erst  im  Tages.
bericht  vom  4.  Juni  wird  dann  wieder  die  Vogesenfront
  erwähnt.  Feindliche  Gasangriffe  wesilch  von
Markirch  blieben  ohne  die  geringste  Wirkung.  Am  16.
kam  es  bei  Celles  und  westlich  von  Sennheim  zu  Patrouillenkämpfen.
  —  Gegen  Mitte  Oktober  lebte  die
Tätigkeit  der  Artillerie  zumal  bei  Markirch  wieder  auf,
die  franz.  Infanterievorstöße  vorbereitete,  die  aber  erfolglos
  blieben.  Gleichen  Ausgang  hatte  eine  feindliche
Unternehmung  am  14.  Nov.  an  der  Doller  im  Oberelsaß.
  Einen  Einfluß  auf  die  Gesamthandlung  haben
die  Vorgänge  an  der  Vogesenfront  nicht  gehabt  und
auch  bis  zum  Abschluß  des  Krieges  nicht  gewonnen.

Dasselbe  gilt  von  den  Kämpfen  in  den  Argonnen,
an  der  Lothringer  Front  südlich  von  Verdun,  an  der
Combreshöhe,  am  Parroy=  und  Priesterwald  sowie
bei  Badonvillers  und  Leutrey,  die  sich  im  Laufe  des
Jahres  1916  nur  selten  zu  besonderer  Stärke  steigerten;
  an  der  Combreshöhe  gestalteten  sie  sich  am  umfangreichsten.
  Der  Winter  war  besonders  lang.  hart
und  brachte  starke  Schneefälle  im  Veseen.  ein  Umstand,
  der  größere  Unternehmungen  sehr  erschwerte.

11.  Der  Krieg  im  Westen  vom  Jannar  bis
August  1917.

Die  letzten  Monate  des  Jahres  1916  brachten  auf
dem  Schauplatz  der  Sommeschlacht  keine  größeren
Unternehmungen  mehr,  zum  Teil  verboten  sie  Wetter
und  Bodenbeschaffenheit.  Die  Vorbereitungen  für  die
Wiederaufnahme  größerer  Kampfhandlungen  wurden
  von  beiden  Seiten  in  den  Wintermonaten  mit
äußerster  Anspannung  aller  Kräfte  betrieben.  Schon
Mitte  Januar  begann  es  an  der  englischen  Front  an
der  Ancre  wieder  lebendig  zu  werden.  Teilvorstöße

egen  einzelne  einer  Umfassung  sich  darbietende  Aus.-te
  der  deutschen  Linien,  die  durch  überwältigendes
  Artilleriefeuer  eingeleitet  und  vorbereitet  wurden,
brachten  in  der  Gegend  von  le  Transloy  bis  Grandcourt
  den  Feind  in  den  Besitz  deutscher  Gräben.  Diese
Kämpfe  dauerten  bis  zum  3.  Febr.  An  diesem  Tage
begann  die  deutsche  obere  Heeresleitung  eine  planmäßige
  Zurücerlegung  ihrer  Stellungen  im  Nordteile
  der  Westfront.  Es  war  dies  die  Folge  der  Erkenntnis,
  daß  man  sich  im  Frühjahr  einem  noch  viel
gewaltigeren  Angriff  der  Verbündeten  als  dem  in
4½monaligem  Kampf  an  der  Somme  abgewiesenen
gegemübersehen  werde.  Nach  allen  Anzeichen  wurde

ieser  gegen  die  nach  Westen  vorspringende  Ausbuch
tung  Arras-Reims  vorbereitet.  Die  Gestaltung  dieses
Teiles  der  deutschen  Stellung,  dieser  =  Sack,  bot  dem
Gegner  die  Möglichleit  der  Umfassung,  die  um  so
gefährlicher  werden  konnte,  da  seine  überlegenheit  an
Angriffsmitteln  materieller  Natur  noch  nicht  hatte
ausgeglichen  werden  können.

Es  trat  nun  auf  deutscher  Seite  in  die  Erscheinung,
daß  die  obere  Heeresleitung,  den  Erfahrungen  aus
der  Sommeschlacht  nechnung  tragend,  mit  ganz  veränderten
  Ansichten  über  die  Weiterführung  des  Krieges
  vorging.  Es  wurde  das  sogenannte  „Hindenurg-Programm=

  aufgestellt.  Im  wesentlichen  umfaßte
  es  Erhöhung  der  Leistungen  der  Kriegs=  und
Rüstungsindustrie,  dann  aber  auch  schärfste  Heran-Hehung
  aller  Marschfähigen,  um  die  Kopfstärken  an

er  Front  zu  erhöhen,  also  Freimachung  auch  des
letzten  an  der  Front,  im  Etappengebiet  und  im  Heimatswaffendienst
  verwendungsfähigen  Mannes  und
Ersatz  durch  Leute  des  Krisgkhillsdienstes  Ganz
        <pb n="93" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  Januar  bis  August  1917

besonders  war  eine  Vermehrung  der  Flugzenge,  der
schweren  Artillerie  des  Feldheeres,  der  Maschinengewehre
  sowie  der  U-Boote  vorgesehen,  wie  letzleres
der  Eintritt  der  Vereinigten  Staaten  in  die  Reihe  unserer
  Feinde  gebieterisch  verlangte,  sollte  die  Weiterführung
  des  Kampfes  nicht  aussichtslos  erscheinen.
Für  die  Verteidigung,  in  der  zunächst  zu  verharren
man  sich  angesichts  der  noch  nicht  akgeschlossenen

83

Nie  Rücheverlegung  der  deutschen  Front  im
Februar  19171.

Während  die  Durchführung  dieses  Prohrammts  in
der  Heimat  und  auf  den  Üübungsplätzen  des  Operationsund
  Etappengebiets  alle  Kräfte  des  deutschen  Volkes
voll  in  Anspruch  nahm,  wurde  gleichzeitig  hinter  der  int
Sommer  1916  gehaltenen  Front  eine  große  befestigle

8  EL  #.  ½#  —.(—ds——.  n—  —
*  rm—  —  ——  ⁊
—  “Wi  ·  *  —  2  Nirion  x  r
Frßs  ¾l  #  Wdai-  ·  4  2  7
⁊  .  3  “  r  ULa#rr  «
•  2  S  □  –
*  *.  .  Lille  l.  Ju#ur-  Man###  —.
—  ⅛.  .  M  Ins-w
isgz  t—.
9“-  #aaskrar  #  eri“  W  r
0  *5#  8  —  ,
2  e  9  *70  rxi
Fone.  7  4##  O  3  r  Quen  rm—*  Reims  -  “
—  #  m7#  rihflR  B5  "
4  3  *
4  6  r  —
——  e  4  4%  Aarlc#  J—’i  —
#####  *  —  +  #  *  Moyo  No  6  4  ####nz
6  emoy
2  *  „Malstab  rsocoo
i#  2  *5  etzn  v  «
.  —  —  —
One  -  ·  –  3e###e  r  r  =  E———
9g  r*  4½  *.  7
*
e  #  2%20  l
»  ask  4#  "  Arcmur  ##sl——
  Muiy  *
2—  .  H  kais-AMICI  -.  «-.o
  ..  Mk  ,  o  7  rl
9  "—  4.  "  4#r##n  sss2:  .  S
Lea-»Es«  rm½  Arichwacker  -  Sen
«  Mo  "6  ä  *  *„"*  X  “-—...e
  ro  .  Enina!l  .
z7—  —P  —*  „.  Gonbrmanr  6n2  W6#  Basel
»  ·  -
-  Ih...  *
“  *  rsnt  4  -*  d  —*
nmuenm  *—  Belforlz,:  2
———  —  —  —  1  1.4  —.
—  —i.  ——  W——
1  «-  1  —  —.9
*  *  *  —i.  —JJ——
4  4  X.  ———51  ½e  ——  ————  1
s  .  ambra:  *  c  5  Lup  *5
an.  5  *  *  4  4  *“  Z  Nr’#
.  .  c-  -  LM
arri;  32  2  2.  ,  8
2  —  WV0  “  Aa#-—
  a  *  —  ¾l
4  —.  —  t##  2  V.  r  S'Gn  dl  15  2
"  r#t  #-  *
«  7  *.  4  2  82  *#
——  —  5.9  -mt
le-  s  —  4.  Qa  □  )  r*m  ".
3  14  e-“
  —  —  —  deis

Westfront  1915  und  Siegfrted-Stellung  1917.

Kämpfe  im  Osten  für  den  Westen  entschließen  mußte,
waren  neue  Leitsätze  aufgestellt  und  die  Truppen  im
Winter  entsprechend  eingeübt  worden.  Sie  besagten
im  wesentlichen,  daß  bei  dem  im  Frühjahr  zu  erwartenden
  neuen  Angriff  es  nicht  zweckmäßig  sein
würde,  um  jeden  Preis  einen  Teil  der  Stellung  zu
halten,  sondern  daß  eine  elastische-Art  der  Verteidügung
  bessere  Ergebnisse  verspreche.  Der  Gegenstoß
aus  der  tiefgegliederten  Kampfzone  wurde  als  bestes
Abwehrmittel  erkannt.

Linie  gebaut,  die  den  Bogen  zwischen  Arras  und  Soissons
  abschnitt.  Die  neue,  deutscherseits  Siegfriedstellung-,
  von  den  Feinden  Hindenburglime=  genannte
deutsche  Front  veklief  fast  in  einer  geraden  Linie,  die,
auf  diese  Weise  verkürzt,  weniger  Besetzung  verlangte
und  zu  Umfass  ungen  keine  Gelegenheit  bot.  Die  Verlegung
  der  Verteidigungsfront  war  am  28.  Febr.  beendet.
  Sie  lag  nun  in  einem  befestigten  Raume,  der

1  Ugl.  auch  die  Karte  Vb.  II,  S.  214.  6„
6
        <pb n="94" />
        n.  K7

84

sich  aus  der  Gegend  von  Lens-Arras  westlich  an  Cambrai,
  St.-Quentin  und  La  Fere  vorbei  zum  Nordufer
der  Aisne  in  der  Gegend  östlich  von  Soissons  erstreckte;
mehrere  außerordentlich  stark  ausgebaute  Stellungen
hintereinander  bildeten  so  ein  tiefes,  für  die  Abwehr
wohlvorbereitetes  Schlachtfeld.  Für  den  Angriff  kam
als  bes.  erschwerend  hinzu,  daß  durch  Zerstörungen
aller  für  einen  angreifenden  Feind  nutzbaren  Einrichtungen
  in  dem  verlassenen  Gelände  eine  Hinderniszone
geschaffen  worden  war,  die  von  ihm  nur  langsam  und
mit  großer  Mühe  durchschritten  werden  konnte.

I.  Kriegsgeschichte

erst  die  Franzosen  gegen  die  neuen  Stellungen  ihre
Vorwärtsbewegung,  jene  außerordentlich  vorsichtig
und  zögernd;  a4t  76  an  diesem  Tage  Bapaume
erreicht.  Die  Franzosen  schwenkten  in  der  Zeit  bis  zum
20.  März  rechts  in  die  Nichtung  Soissons-St.  Quentin.
  Erst  am  20.  März  waren  die  Verbündeten  vor
den  neuen  deutschen  Stellungen  angelangt,  nicht  ohne

roße  blutige  Verluste,  die  die  geschickt  geführten  Nachguren
  ihnen  zuzufügen  verstanden  hatten.  Die  Heeresleitung
  unserer  Feinde  stand  nun  vor  durch  die
veränderte  Lage  notwendigen  neuen  Entschlüssen.
Die  neue  Front  bald  anzugreifen,  war  un-—

  *J..——  .  ’-...F---.-»-.

W  eskwllm  ,  -  Malhialnb  1.300000

2.  Mf%s  ————3

*i#  2*  "  --  -  —-J

  ,  ,  —-«’ns»«.km-WÆijCZ.W

„  rni“’*v?  4#  1n  —  r%  9  WV  m#ßrimere.

J#  84  #ôr  —  —.  —.  —.  %#  §  aaen“z
#  1  1  t—.

—  7.077.

möglich,  da  die  Vorbereitungen  hierzu,
namentlich  angesichts  der  Unwegsamkeit
des  Vorgeländes,  eine  geraume  Zeit  beanspruchten.
  Wollte  man  also  überhaupt
nicht  auf  eine  baldige  Eröffnung  des  Angriffs
  verzichten,  so  blieb  nichts  übrig,  als

–

—

-*  –  —
Eraalz
–
⅞
–  7
–

—————  "1
3n#.  M————7e
N——3
sdw  2  #

—
—

“  –("
4  5  17CMN  „
Frr  r*  ————
—  «
,  Cu.  .  fis-?
E

—.  Agnimu

diesen  dort  zu  beginnen,  wo  die  Vorbereitungen
  dazu  noch  gültig  waren,  also  gegen
die  stehemarblieberbn  Drehpunkte  der  deutschen
  Kampffront  im  Norden  und  Süden.
In  Ausführung  dieser  Absicht  kam  es  zu
getrennten  Schlachten,  und  zwar  bei  Arras,
an  der  Aisne  und  in  der  Champagne.  Die

EFi[de

————  —  Angriffe  erfolgten  nicht  gleichzeitig,  wor———
  4%-  durch  sie  von  vornherein  an  Gesamtwirk-—
  —  0  samkeit  verloren  und  ihre  Abwehr  erleich-1%—7
  sis..  tert  wurde.  Politische  Gründe  scheinen
**  —ebewirft  zu  haben,  daß  die  Engländer  bei

Arras  anfaßten,  ehe  noch  die  Franzosen
an  der  Aisne  und  in  der  Champagne  all
Vorbereitungen  vollendet  hatten.  Auch
diesmal  war  vom  Feinde  zweifellos  ein
Durchbruch  an  beiden  Stellen  beabsichtigt.
Der  englische  Angriff  ersolgte  von  West

,  *  2  551  "*#
—  –·  m—  —  nach  Ost,  der  französische  von  Süd  nach
Zulktss  DNaord,  beide  in  der  allgemeinen  Richtung
E%  „  MAo.  auf  Maubeuge.  Man  rechnete  fest  auf  das
ssi——...—.0  —  Gelingen,  wie  die  in  deutsche  Hand  gelange“i
  ret“3  Fb(ten  Tagesbefehlebezeugten.  Verwirklichten
1——  sich  diese  Hoffnungen,  so  war  die  Räumung
ç  9  Irrennrrwr  t
MA  -  pvoon  Nordfrankreich  erzwungen  und  damit
rEmEFmQii  *  *3*  *b?im  zeein  Sieg  von  noch  nicht  abzusehenden  Fol-#.
  ½  .  „d  gen  errungen.  Vor  Beginn  der  Operatie.
»  ««zåjz:s,»  64%  matse  nen  wurde  General  Liautey  durch  den  Zi-1
  .  .  4-  4  1  —*  "a  "  ilist  1  ini  t.
#  r  ——  Ö5  vilisten  Painlevé  als  Kriegsminister  ersetzt
z5  „“  –  .-D
  9  —  rtrzIHie  öchlachten  bel  Lrtas  im  April  und
—  —  —3  —  tel  *  Mai  917:#
“  |E  —-—  "
55  **  —1  Der  Teil  der  deutschen  Stellung,  den  Ge-——

  *%%  .

Arras  1917.

Unter  durch  Gegenstöße  schwacher  Nachhuten  vorkrefflich
  gelungener  Verschleierung  gelang  die  unbemerkte
  und  ungestörte  Räumung  der  bisherigen
Kampflinie.  In  der  Nacht  vom  4.  zum  5.  Febr.  hatte
sie  im  Norden  den  Engländern  gegenüber  bei  Grandcourt
  begonnen,  die  sich  auch  bald  auf  Serre,  Pusieux,
Miraumont,  Irles  und  Pys  ausdehnte.  Die  Räumung
  den  Frunzosen  gegenüber  begann  späler.  Bei
Gelegenheit  der  Vorwärtsbewegung  der  Gegner  wurde
der  englische  rechte  Flügel  auf  energisches  Verlangen
der  Franzosen  nach  Süden  verlängert,  so  daß  diese
ihre  Kräfte  mehr  nach  ihrem  rechten  Fruzel  zusammenschieben
  konnten.  Die  Bundesgenossen  stießen  nunmehr
  gegenüber  Roye  mit  ihren  Flügeln  aneinander.
Am  28.  Pebr.  begannen  die  Engländer,  am  17.  März

neral  Haig  anzugreifen  beschloßen  hatte.
zog  sich  westlich  von  Loos  um  Lievin--Angres-Givenchy
  in  südlicher  Richtung  westlich  an
Ecurie  und  Reclincourt  vorbei,  von  dort  durch  Blangy
und  Neuville-Vitasse;  hier  bog  die  Anlage  nach  Südosten
  um  und  umschloß  den  Südwestrand  von  Bullecourt
  und  Qucêant.  Die  Scarpe  teilt  diesen  Abschnitt.
Nördlich  von  dem  Flüßchen  tritt  besonders  ein  Höhenug
  hervor,  der  aus  der  Niederung  breit  ansteigt;  er
sreicht  entlang  der  aufgegebenen  alten  deutschen  Stel
lung  nach  N.  und  geht  nördlich  von  Givenchy  wieder
ins  Flachland  über.  Nach  O.  fällt  er  bald  in  steiler,
bald  in  flacher  Böschung  ziemlich  unvermittelt  in  eine
kahle  Ebene  hinab;  in  ihr  liegt  Douai.  Südlich  von  de-Scarpe
  zeigt  das  Gelände  eine  reichere  und  vielseitigere

1  Ugl.  ben  Kriegsbericht  S.  U#ff#
        <pb n="95" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  Januar  bis  August  1917  85

dobeng  erung;  Sumpfniederungen,  Buschwerkund
kleine  Wälder  machen  die  Gegend  sehr  abwechslungsreich.
  „Unter  den  Straßen,  die  von  Arras  wie  die
Beine  einer  großen  Spinne  ausstrahlen,  schreibt  ein
Bericht  aus  dem  deutschen  Hauptauartier,  wurden  im
Laufe  der  Kämpfe  nördlich  der  Scarpe  die  Straße
Arras-Gaprelle-Douai,  südlich  derselben  die  Straße
Arras-Cambrai  von  Bedentung.=  Die  Stadt  Arras
selbst,  die  schon  längst  in  Trümmern  lag  und  von
ihren  Einwohnern  geräumt  war,  hatte  die  Bedeutung
eines  Knotenpunktes  für  den  Nachschub  des  Feindes
und  eines  Sammelpunktes  für  zunächst  zurückgehaltene
  Kräfte.  Gegen  die  erwähnte  deutsche  Stellung
begann  am  2.  April  die  Artilleriebeschießung,  von
deren  Wucht  die  Angabe  einen  Begriff  gibt,  daß  in
einem  nur  3  km  breiten  Abschnitt  nördlich  von  Arras
nicht  weniger  als  456  Feld-  und  210  schwere  Geschütze
  sowie  286  Grabenmörser  in  Stellung  gebracht
waren.  Wie  Engländer  aussagten,  war  die  Artillerietätigkeit
  in  der  Sein  bis  zum  9.  April  doppelt  so  groß
wie  in  den  ersten  acht  Tagen  der  Sommeschlacht,  sie
erreichte  aber  in  der  Zeit  nachher  nicht  weniger  als
das  6½  fache  wie  seinerzeit  an  der  Somme.  Die  Wirkung
  war  eine  sehr  bedeutende  und  für  den  Verteidiger
  um  so  folgenschwerer,  als  der  durch  das  Wetter
metertief  aufgeweichte  Boden  eine  Wiederherstellung
der  zerschoff  enen  Grabenteile  nicht  zuließ.  Am  9.  April
griff  die  englische  Infanterie  mit  13  Divisionen  an,
vielfach  unterstützt  durch  Tanks,  Panzerkraftwagen,
die  von  jetzt  ab  immer  zahlreicher  auf  diesem  Kriegsschauplatz
  verwendet  wurden.  Die  durch  das  am  8.
abends  begonnene  Trommelfeuer  geschwächte  Verteidigung
  mußte  schon  lehr  bald  den  vordersten,  nicht
sehr  stark  besetzten  Graben  räumen.  Bis  zum  Eintritt
  der  Dunkelheit  hatten  die  Engländer  die  vorderste
deutsche  Stellung  von  Neuville-Vitasse  bis  Neuville-St.
  Baast  genommen  und  waren  weiter  bis  an  den
Westrand  von  Roeux,  Gavrelle  und  Bailleul
vorgedrungen,  auch  Farbus  hatten  sie  genommen.
Nördlich  von  der  Scarpe  gelang  es,  den  Ostteil  der
Höhen  von  Vimy  zu  halten.  Westlich  und  nördlich
von  Givenchy  brach  der  Angriff  vor  den  deutschen
Stellungen  zusammen.  Der  folgende  Tag,  der  10.
April,  brachte  in  diesem  Abschnitt  keine  Wiederholung
des  Angriffs,  wohl  aber  bei  Monchy,  das  sie  am
11.  nahmen,  während  Wancourt  und  r*7  ihrem
Unsturm  trotzten.  Angesichts  der  bedeutenden  überlegenheit
  des  Feindes  beschloß  die  deutsche  Führung,
ihre  Verteidigung  zurückzunehmen,  und  zwar  in  die
Linie  Westrand  von  Heninel  —-  Westrand  von  Lens-Avion-Mericourt-Acheville-U
  “*½3  trand
von  Gapvrelle  -Mühle  von  Pelves-  alte  Linie  südlich
von  der  Scarpe.  —  Dieser  Schachzug  des  Gegners
wurde  von  den  Engländern  nicht  sofort  erkannt.
Erst  am  21.  April  hatten  sie  ihre  Artillerie  so  weit
vorgezogen,  daß  sie  ihren  Angriff  weiter  fortsetzen
konnten;  es  setzte  bei  aufklärendem  Wetter  zumal  eine
rege  Kampftätigkeit  in  der  Luft  ein.

Am  22.  eröffnete  ein  heftiger  Vorstoß  auf  Loos
die  Fortführung  der  Schlacht.  Am  23.  April  wurde
die  ganze  deutsche  Stellung  von  Loos  bis  Bullecourt
Sgegriffen.  die  Hauptkräfte  setzte  der  Feind  nördlich
von  der  Scarpe  bei  Gavrelle,  Roeux,  Monchy  und
südlich  davon  ein;  der  Angriff  verlief  zuerst  erfolgreich,
  die  deutsche  Besatzung  wurde  im  ersten  Anlauf
dank  einer  überwältigenden  Artilleriewirkung  von
Garrelle  bis  zur  Scarpe  hinter  die  Linie  Ostrand  von
Gavrelle-Ostrand  von  Roeux  zurückgedrückt.  Südlich

von  der  Scarpe  errang  der  Feind  aber  nur  geringe
Erfolge.  Diese  sowie  die  nördlich  von  dem  Flusse
wurden  am  Nachmittag  durch  den  nun  kraftvoll  einsetzenden
  deutschen  Gegenstoß  wieder  ausgeglichen.
Gavrelle  und  Roeux  wurden  wiedererobert.  Der
einzige  Erfolg,  der  dem  Feinde  blieb,  war  der  Besitz
des  Bahnhofs  des  letztgenannten  Ortes.  Am  Spätnachmittag
  schritten  die  Engländer  mit  frischen  Divisionen
  nochmals  zum  Angriff.  Er  war  besonders
machtvoll  gegen  die  Linie  Oppy-Fontaine.  Nördlich
von  der  Scarpe  blieb  er  im  Feuer  der  Abwehr  liegen,
südlich  bei  Monchy  und  Gemappe  errangen  die  Engländer
  Vorteile.  Das  Ergebnis  des  Tages  war,  daß
der  Feind  zwar  nicht  den  Durchbruch  durch  die  deutschen
  Stellungen,  den  Aussagen  von  Gefangenen  als
Gefechtszweck  bezeichnet  hatten,  erreichten,  daß  jedoch
die  deutsche  Führung  wiederum  ihre  Verteidigung  in
vorbereitete  rüchwärtige  Stellungen  zurlückverlegte.
Sie  verliefen  von  westlich  Roeux-Bois  du  Vent-Gostrant
  von  Chéerisy-Fontaine-  alte  Front.  Der
Ba  nho  von  Roeux  wurde  jedoch  von  den  Deutschen
in  der  Nacht  zum  24.  wiedergenommen.  Der  zweite
große  Durchbruchsversuch  war  zu  Ende,  denn  am  24.
und  25.  begnügten  sich  die  Engländer  mit  Einzelvorstößen,
  zumal  gegen  Gavrelle,  das  zum  Teil  in
ihren  Besitz  Überging.

Schon  am  25.  begannen  die  Vorbereitungen  für  eine
Wiederholung  des  zweimal  nicht  geglückten  Durchbruchsversuchs.
  Nach  ausgiebiger  Artillerievorbereitung
  nahm  der  Feind  seinen  Angriff  mit  Wucht  auf.
Er  erfolgte  gegen  die  Linie  Acheville-Fantaine.  Sein
Schwerpunkt  lag  im  Norden.  Südlich  von  der  Scarpe
kam  er  nicht  bis  an  die  Stellungen  heran.  Nördlich
vom  Flusse  fielen  Roeux,  Oppy  und  Gavrelle  zunächst,
aber  nur  auf  kurze  Zeit,  in  Feindeshand.  Nur  bei
Arleux,  gegen  das  sich  der  Angriff  besonders  zusammenballte,
  drang  der  Feind  in  die  deutsche  Stellung
ein.  Die  Einbruchsstelle  zu  erweitern  gelang  ihm
jedoch  nicht.  Der  folgende  Tag  brachte  nur  örtliche
Kämpfe  bei  Oppy,  das  aber  in  deutscher  Hand  blieb.
Noch  immer  nicht  war  der  Angriffswille  der  Engländer
  gebrochen.  Unter  Heranziehung  frischer  Divisionen,
  durch  Tanks  verstärkt,  wurde  alles  zur  Erneuerungdes
  Kampfes  vorbereitet.  Es  dauerte  bis  zum
3.  Mai,  bis  sich  der  Feind  zum  entscheidenden  Schlag
stark  genug  gerüstet  fühlte.  An  diesem  Tage  ging
5½  Uhr  früh  nach  stärkstem  Trommelfeuer  die  Infanterie
  mit  15  Divisionen  auf  der  Linie  Acheville-Qubant
  zum  Angriff  vor.  Der  deutsche  Generalstab
sagte:  Es  war  ein  Großlampftag;  der  Angriff  übertraf
  noch  an  Wucht  den  des  28.  April.#  —  Der  Erfolg
  schien  zumächst  der  übermacht  zufallen  zu  wollen.
Südlich  von  der  Scarpe,  wo  der  Feind  besonders
Tanks  in  Massen  einsetzte,  wurde  Chérisy,  Riencourt,
  Bullecourt  genommen,  südlich  von  der
Straße  Arras-Cambrai  und  dicht  südlich  der  Scarpe
eine  Reihe  von  Gräben,  nördlich  der  Scarpe  Nocux
und  Fresnoy.  Bei  Gavrelle  und  Oppy  brach  der  Angriff
  im  Trichtergelände  zusammen.  Der  am  Nachmittag
  gegen  die  Einbruchsstellen  einsetzende  Gegenangriff
  war  mit  vollem  Erfolg  gekrönt.  Alles,  was
der  Vormittag  dem  Gegner  eingebracht  hatte,  ging
wieder  verloren,  nur  eine  500  m  breite  Stelle  der
deutschen  Verteidigungslinie  zwischen  Riencourt  und
Bullecourt  sowie  ein  Teil  von  Fresnoy  blieb  in  Feindeshand.
  Die  Kämpfe  setzten  sich  mit  Erbitterung
bis  in  die  Nacht  hinein  fort,  Chérisy  ging  nochmals
verloren,  wurde  aber  wiedergenommen;  ein  vier-
        <pb n="96" />
        86

maliger  Ansturm  vermochte  Bullecourt  nicht  zu  Fall
zu  bringen.  -Der  Ansturm  vom  3.  Mai  war  der
letzte,  in  ganz  großem  Stile  angelegte  Durchbruchsversuch
  der  Frühjahrsschlacht  von  Arras=  (deutscher
Generalstabsbericht).  Die  folgenden  Tage  vom  4.
bis  8.  Mai  brachten  nur  noch  Einzelkämpfeim  Raume
Riencourt-Bullecourt.  Es  schien  jedoch,  als  ob  der
Engländer  noch  einmal  mit  zusammengefaßter  Kraft
sein  Ziel  erreichen  wollte.  Am  5.  Mai  begann  in  der
Tat  ein  großer  Angriff  zwischen  Lens  und  Quêéant;
allein  er  ließ  doch  die  Wucht  früherer  Angriffe  vermissen
  und  hatte  keinen  anderen  Erfolg  wie  die  Einnahme
  eines  Teiles  von  Roeux  nach  wechselnden
Kämpfen  am  16.  —  Die  Berteidigung  räumte  jedoch
noch  am  selben  Tage  Bullecourt.  Ein  nochmaliger
feindlicher  Angriff,  den  man  am  20.  Mai  erwarten
zu  müssen  glaubte,  verlief  in  Einzelkämpfen.  Die
Schlacht  bei  Arras,  an  der  auf  feindlicher  Seite  32
Divisionen  teilgenommen  hatten,  war  mit  den  letzten
Maitagen  beendet.  Die  deutsche  Verteidigung  ging
siegreich  aus  ihr  hervor.

ie  Schlachten  an  der  Aisne  und  in  der  Champagne
MWo  im  April  und  Mai  19171.

Die  Engländer  hatten,  wie  berichtet,  schon  am  2.April
mit  der  Artillerievorbereitung  des  Durchbruchsversuchs
  bei  Arras  begonnen.  Erst  am  6.  April  setzte  auch
die  entsprechende  Tätigkeit  der  Franzosen  ein.  Am
16.  April  begann  der  Infanterieangriff,  und  zwar  auf
der  40  km  breiten  Strecke  zwischen  Betheny  und
Soupir  an  der  Aisne.  Die  deutsche  Linie  lief  nordwestlich
  von  Reims  von  Berry  au  bac,  wo  die  Aisne
überschritten  wird,  im  allgemeinen  längs  des  Aisne-Marnekanals
  bis  südlich  von  Courcy,  zunächst  nördlich,
  dann  südlich  vom  Kanal.  Es  war  auch  hier  ein
Durchbruch  Zweck  des  Angriffs,  wie  aufgefundene
Befehle  einwandfrei  festzustellen  gestatteten.  Die  ersten
  Ziele  des  Angriffs  waren  durch  sie  10—12  km
weit  gesteckt.  Hinter  den  Truppen  der  ersten  Linie,  die
besonders  ausgesucht  waren,  stand  eine  Verfolgungsarmee
  mit  Jägerbataillonen,  Reitern  und  Radfahrern
bereit,  die  durch  die  von  den  zuerst  angreifenden  Heereseinheiten
  in  die  deutschen  Stellungen  geschlagenen
Lücken  durchstoßen  und  so  die  ganze  Front  zum  Einstürzen
  bringen  sollten.  —  Wie  beim  Engländer,  so
hatte  auch  beim  Franzosen  die  Artillerie  gute  Wirkung
  zu  verzeichnen.  Der  erste  Kampftag,  der  16.
April,  brachte  dem  Angreifer  als  Gewinn  die  erste
deutsche  Stellung;  südlich  von  Juvincourt  war  es  sogar
  gelungen,  in  die  zweite  einzudringen.  Der  17.

rachte  eine  Erweiterung  des  Angriffs,  er  dehnte  sich
nach  Osten  in  den  Abschnitt  Auberive  -  Prunay  aus.
Hier  entbrannten  die  Kämpfe  besonders  heftig.  Nach
hierfür  vorliegenden  genauen  Nachrichten  kämpften
hier  sechs  Divisionen  unter  Befehl  des  Generals  An-Gooine,
  Das  Gesamtbild  der  außerordentlich  blutigen
chlacht  stellt  sich  nun  folgendermaßen  dar.  Bis  zum
20.  April,  nach  fünf  durch  gewaltigste  Opfer  —  der
Oberbefehlshaber  Nivelle  wurde  als  -Blutsäufere  beeichnet
  —  gekennzeichneten  Schlachttagen,  hatten  die
ranzosen  die  am  Südhange  des  =  Damenwegs=  gelegenen
  Ortschaften  von  Braye-en-Laonnois  bis  Laffauxerobert,
  die  Hochfläche  von  Braye,  Hurtebise
und  Vauclere  erreicht.  In  der  Champagne  waren
auch  am  ersten  Tage  schon  Aubérive  östlich  von  der
Suippe,  der  Fichtelberg,  die  Vorstellungen  des  Pöhl-,

1  Bal.  die  Karte  bei  S.  11  und  den  Kriegsbericht  S.  10  f.

I.  Kriegsgeschichte

Keil-  und  Hochberges,  ferner  der  -Luginsland=  und
die  südlichen  Vorgräben  des  Berges  Cornillet  ge
nommen.  Am  18.  fiel  der  Hochberg,  Aubérive  wurde
geräumt.  Am  20.  April  waren  Aubérive,  le  Golfe,
der  Pöhlberg  und  Teile  des  Keil-  und  Hochberges  und
des  Waldes  von  la  Grille  ebenfalls  in  Feindeshand.  —
Es  kam  nun  zunächst  zu  einer  Kampfpause  auf  der
ganzen  Front,  die  zur  Vorbereitung  der  Weiterfüh.
rung  des  Angriffs  benutzt  wurde.  Der  Angreifer  löste
seine  Sturmtruppen  ab  und  verbesserte  hauptsächlich
die  Ausgangsstellungen  für  den  weiteren  Sturm  und
die  Artillerie-Beobachtungsstellen,  die  sofort  in  Tätigkeit
  traten,  da  das  Arlilleriefeuer  mit  jedem  Tag  stärker
einsetzte  und  schließlich  in  dem  Abschnitt  in  der  Champagne
  aus  100  Batterien  abgegeben  wurde.
lin  30.  lebte  die  Schlacht  von  neuem  auf,  zunächst
in  der  Champagne.  Es  kam  zu  gewaltigen  Kämpfen
bei  Auberive,  am  Golfe  und  Fchterber  ,  ebenso  wie
am  Pöhlberg.  Hier  kamen  die  Franzosen  nicht  vor
wärts;  weiter  westlich  aber  gelang  es  ihnen,  bis  zur
Straße  Moronvillers-Nauroy  vorzudringen  sie  wurden
  aber  durch  Gegenstoß  in  ihre  Ausgangsstellungen
zurückgeworfen.  Die  Kämpfe  dauerten  bis  zum  4.  Mai
fort,  ohne  daß  der  Angreifer  der  Möglichkeit  eines
Durchbruchs  wesentlich  nähergekommen  war,  wenn
auch  der  Angriff  gegen  den  Cornillet-Berg  einige
Fortschritte  machte.  —  Noch  einmal  rafften  sich  .
Franzosen  in  der  Champagne  auf  und  griffen  am  80.
Mai  den  genannten  Berg  mit  versammelter  Kraft  an;
sie  gewannen  ihn,  der  Angriff  wurde  jedoch  nicht  wei
tergeführt  —  er  war  erlahmt.  Gleichwohl  kam  es
noch  .  Teilkämpfen  bei  Moronvillers,  allein  siehatten
nur  örtliche  Bedeutung  und  blieben  trotz  Erfolgen  für
den  Angriff  ohne  Einfluß  auf  die  Gesamtlage.—  Ende
Mai  hatte  sich  der  große,  die  Entscheidung  suchende
Angriff  des  Generals  Nivelle  in  Teillämpfe  auszelist
Denn  die  am  Anfang  des  Monats  auch  an  der  Aisne
und  nördlich  von  Reims  wieder  auflebenden  Kämpfe
*“  zwar  den  Angreifern  einzelne  Vorteile  gebracht;
e  entbehrten  jedoch  der  Zusammenfassung  und  der
Einheit.  So  fielen  Craonne  und  der  Winterberg,
dieser  jedoch  nur  teilweise,  den  Franzosen  zu;  am  4.
wurde  Brimont-Neuville  angegriffen,  ohne  daß  dem
Angreifer  viel  Raumgewinn  zugefallen  wäre.  Ein
einigermaßen  einheitlicher  Angriff  setzte  am  5.  Mai
ein.  16  Divisionen  gingen  in  einer  Breite  von  38  km
gegen  den-Damenweg  vor.  Die  Verkeidigung  wurde
bis  zum  Nordrand  der  Höhe  zurückgedrängt.  Teilkämpfe
  hier  und  nördlich  von  Reims  in  der  Gegend  des
Brimont  füllten  den  Rest  des  Monats  aus.  —  Man
kann  sie  an  der  Aisne  als  durch  das  Bestreben  der
Franzosen  hervorgerufen  kennzeichnen,  sich  des  -Dam
menwegs=  völlig  zu  bemächtigen,  in  der  Champagne
durch  das  der  Deutschen,  die  hier  verlorengegangenen
wichtigeren  Geländestücke  wieder  zugewinnen.

Die  auf  die  Frühjahrsoffensive  von  unseren  Gegnern
  gesetzten  Hoffnungen  waren  unerfüllt  geblieben.
Der  deutsche  Schild  an  der  Westfront  hatte  einige
Beulen  bekommen,  allein  zerschmettert  war  er  nicht.  —
General  Nivelle  mußte  als  wenig  erfolgreicher  Führer
  die  Stelle  als  Oberbefehlshaber  der  franhösischen
Truppen  in  Frankreich  mit  der  eines  Heeresgruppenführers
  vertauschen;  er  wurde  ersetzt  durch  General
Pétain,  den  Verteidiger  von  Verdun.  Chef  des  Generalstabes
  wurde  General  Foch,  der,  bei  Ausbruch
des  Krieges  Korpskommandeur,  bei  der  Umbildung
der  französischen  Heere  nach  dem  Rückzug  auf  Paris
den  Befehl  über  die  neugebildete  9.  Armee  erhalten
        <pb n="97" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  Januar  bis  August  1917

und  diese  mit  Auszeichnung  in  der  Schlacht  an  der
Marne  geführt  hatte.

Aml.  Juni  hatte  Feldmarschall  v.  Hindenburg  dem
Kaiser  melden  können,  daß  die  Frühjahrsoffensive  der
Alliierten  in  Frankreich  gescheitert  sei.

Die  englischen  Angriffe  bei  Ppern  und  Leus  im
Juni  19177.

Ende  Mai  hatte  die  Schlacht  von  Arras  ausgetobt.
Hier  erschien  dem  Feinde  weiteres  Kämpfen  aussichtslos.
  Allein  die  ganze  politisch-militärische  Lage
drängte  dazu,  Erfolge  zu  erreichen,  mochten  sie  auch
noch  so  geringfügig  sein.  Man  begann  in  Frankreich
ernstlich  an  einem  siegreichen  Ausgang  des  Krieges
zu  zweifeln,  in  Heer  und  Volk  verschlechterte  sich  die
Stimmung,  es  kam  zu  Meutereien  im  Heere,  die  mit
rücksichtslosester  Strenge  unterdrückt  und  in  Blut  erstickt
  wurden.  Der  weiteren  Ausbreitung  der  Kriegsmüdigkeit,
  die  sich  auch  in  Großbritannien  bemerkbar
machte,  suchte  der  Engländer  durch  einen  neuen,  wie
er  hoffte,  diesmal  erfolgreichen  Angriff  entgegenzutreten.
  Der  Kampfplatz  war  der  sogen.  Wytschaetebogen.
  Dieser  Teil  der  deutschen  Stellung  sprang
von  der  Höhe  60  östlich  von  Zillebeke  bach  Westen
vor,  ging  über  den  Dpern-Lyskanal  und  umschloß  die
Dörfer  Wytschaete  und  Messines  mit  den  dazwischenliegenden
  Höhen.  Schon  im  J.  1916  hatte  der  Feind
diesen  Bogen  zum  großen  Teil  zu  unterminieren  begonnen;
  die  Arbeiten,  die  infolge  der  Bodenbeschaffenheit
  unter  außergewöhnlichen  Schwierigkeiten  ausgeführt
  werden  mußten,  hatten  im  Frühjahr  1917  ihre
Vollendung  gefunden.  Hand  in  Hand  damit  war  die
Bereitstellung  für  den  Angriff  über  der  Erde  und  in
der  Luft  gegangen;  eine  Kette  von  30,5  cm--Batterien
umspannte  den  Wytschaetebogen,  deren  Feuer  vom
Kemmel  und  dem  Rossignol,  die  das  Gelände  weit
überhöhten,  geleitet  wurde.  Am  27.  Mai  begann
die  planmäßige  Vorbereitung  des  Infanterieangriffs
durch  die  Artillerie.  Zu  diesem  wurden  11  Divisionen
der  englischen  2.  Armee  unter  General  Plumer  angesetzt;
  ihnen  gegenlber  standen  5  deutsche  Divisionen,
die  die  erste  Linie  nur  schwach  besetzt  hielten.  Da  es
von  vornherein  fraglich  erschien,  ob  der  Wytschaetebogen
  dieser  übermacht  gegenüber  auf  die  Dauer  gehalten
  werden  konnte,  war  zeitig  von  Hollebeke  bis
2  km  westlich  von  Warneton  auf  der  Sehne  des
Bogens  eine  zweite  Linie  fertiggestellt  worden.  Am
7.  Jam  4  Uhr  früh  wurde  der  Kampf  durch  SprengLung
  von  19  Minen  im  Wytschaetebogen  eröffnet.
Hatte  der  Gegner  gehofft,  hiermit  einen  großen  Teil
der  ersten  Gräben  und  ihrer  Besatzung  zu  vernichten,
so  sah  er  sich  darin  getäuscht,  da  infolge  der  Gegenwirkung
  unserer  Mineure  ein  Teil  der  Minen  abgequetscht
  und  dadurch  unschädlich  gemacht  war,  so  daß
die  Berwüstungen  sich  meist  auf  das  Vorfeld  beschränkten.
  Dennoch  gelang  es  dem  von  Tanks  begleiteten
Angriff,  die  vorderste  deutsche  Linie  sehr  bald  zu  überrennen
  und  nach  heftigen  Kämpfen  sich  der  ganzen
Stellung  zu  bemächtigen.—  Die  Verteidigung  wurde
auf  die  Sehnenstellung  zurückgedrängt,  vor  der  der
Angriff  zunächst  zum  Stehen  kam.  Ein  am  Nachmittag
  einsetzender  Gegenstoß  deutscher  Reserven  vermochte
  den  Angriff  nicht  völlig  aufzuhalten,  auch  in
etnen  Teil  der  Sehnenstellung  drang  der  Engländer
ein.  Die  Lage  hatte  sich  so  zugespitzt,  daß  die  Verteidigung
  in  der  Nacht  ihre  Truppen  in  eine  eben-1

  Bgl.  den  Kriegsbericht  S.  17  ff.  und  die  Karte  S.  88.

8

falls  schon  vordereitete  Stellung  Höhe  60—Hollebeke-Warneton
  zurückzunehmen  sich  entschloß.  -  Da  die
Sprengungen  das  Gelände  so  ungangbar  gemacht
hatten,  daß  das  Nachziehen  der  schweren  Artillerie.
ohne  deren  vorbereitende  Wirkung  ein  Weiterführen
des  Angriffs  nicht  rätlich  erschien,  sich  gewaltig  verzögerte,
  so  dauerte  es  bis  zum  14.  Juni,  ehe  der  Infanteriekampf
  wieder  entbrannte.  Diesmal  blieb  dem
Angreifer  der  Erfolg  völlig  versagt,  wenn  man  nicht
das  Zurückdrücken  von  Vorposten  für  einen  solchen
ansehen  will.  —  Die  dem  Feinde  gelungene  Abschnürung
  des  Wytschaetebogens  änderte  an  der  Gesamtlogenschs
  .
ährend  dieser  Kämpfe  zwischen  Dpern  und  Warneton
  war  es  auch  in  den  anderen,  von  den  Engländern
  besetzten  Abschnitten  recht  unruhig.  —  Ende
Juni  trat  an  Stelle  kleinerer  örtlicher  Unternehmungen
  im  Artois  ein  starker  Angriff  auf  die  bei  Lens
ebenfalls  nach  Westen  vorspringende  Stellung  der
Deutschen.  Schon  am  15.  hatte  eine  heftige  Beschießung
  des  Abschnittes  vom  Kanal  von  La  Basssée
bis  zur  Scarpe  eingesetzt,  also  auf  einer  Breite  von
30  km.  Am  28.  Juni  abends  begann  eine  gewaltige
Zusammenfassung  des  Feuers  aller  Kaliber  auf  den
20  km  breiten  Abschnitt  Hulluch-Lens-Meéricourt-Fresnoy-Gavrelle.
  In  der  Nacht  zum  29.  wurde  der
Infanterieangriff  an  drei  Stellen  losgelassen;  bei
Loos,  zu  beiden  Seiten  des  Souchez-Baches,  gegen
Avion  und  gegen  Oppy.  Avion  wurde  genommen,
wilchen  Oppy  und  Gavrelle  gelang  ein  Einbruch  in
ie  deutschen  Linien,  bei  Lens  wurde  mit  wechselndem
Erfolg  Heämst  bei  Loos  scheiterten  wiederholte  Angriffe.
  Die  Kämpfe  dauerten  noch  bis  zum  2.  Juli
fort,  dann  stellte  General  Plumer  seine  Angriffe  ein.
ohne  daß  Lens,  dessen  Besitz  der  Feind  wegen  der
Kohlengruben  besonders  erstrebte,  in  seine  Hand  übergegangen
  wäre.

Die  französischen  Angriffe  an  der  Alisne  und  in  der
Champague  im  DTuni-Juli  19171.

Im  Kampfgebiet  der  Aisne,  am  =  Damenwegr,
brachten  die  letzte  Woche  des  Mai  und  der  Juni  infofern
  in  den  Charakter  der  Kämpfe  eine  Anderung,  als
jetzt  die  Deutschen  im  allgemeinen  die  Angreifer  und
damit  die  Entfesseler  örtlicher  Kämpfe  wurden,  da  sie
dahin  strebten,  ihre  Stellungen  durch  Vorstöße  zu
verbessern.  So  kam  es  am  25.  Mai  zu  den  Kämpfen
südlich  von  Pargny,  am  1.  Juni  zu  den  bei  Allémant,
am  6.  bei  ieeen  bei  Pargny  und  Filain,  am
20.  Juni  bei  Vauxaillon,  am  21.  Juni  wieder  bei
Filain;  am  25.  bei  Hurtebise,  am  28.  Juni  bei  Cerny.
Im  Juli  änderte  sich  das  Bild  nicht;  am  7.  griff  zwar
der  Franzose  seinerseits  östlich  von  Cerny,  südlich  von
la  Bovelle  und  südwestlich  von  Milles  an;  am  9.  ging
der  Anstoß  zu  überaus  heftigen  Kämpfen  aber  wieder
von  den  Deutschen  aus,  und  zwar  bei  Pargny-Filain
und  an  der  Straße  Laon-  Soissons.  Vom  14.—16.
Juli  wurde  bei  Courtonne  gekämpft;  am  19.  am
Winterberg,  am  25.  südlich  von  Ailles  und  Hurtebise,
am  29.  westlich  von  Craonne,  am  30.  wieder  bei  Fi
lain,  am  31.  bei  Cerny.  Der  Ausfall  der  Kämpfe
war  im  großen  ganzen  für  die  Deutschen  günstig,  die
Stellungen  wurden  wesentlich  verbessert,  ferner  aber
unverhältnismäßig  starke  gegnerische  Kräfte  hier  ge
bunden.  Der  Monat  August  *2  im  Grunde  kein
anderes  Vild,  langsam  nahm  die  Kampftätigkeit  am

1  Ugl.  die  Karte  bei  S.  11.
        <pb n="98" />
        I.  Kriegsgeschichte

Nru#####lcher  M.####

Dpern  (Weotschaetebotgem  19017.
        <pb n="99" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Balkan  und  Osten  1916/17

»Damenweg«  ab.  Die  ganze  militärische  Lage  hatte
nicht  die  geringste  Anderung  erfahren.

Ahnlich  wie  an  der  Aisne  ging  es  in  der  Champagne.
  Nach  Abschluß  der  großen,  die  Entscheidung
suchenden  Kämpfe  kam  es  bis  in  den  August  hinein  zu
Zusammenstößen,  wobei  sich  nur  örtliche  Kämpfe  entspannen,
  die  bald  von  den  Deutschen,  bald  von  den
Franzosen  herbeigeführt  wurden.  Am  27.  Mai  eroberten
  deutsche  Regimenter  Gräben  des  Feindes  am
Pöhl-  und  am  Keilberge;  am  18.  Juni  griffen  die
Franzosen  die  deutsche  Stellung  zwischen  dem  Cornilletberge
  und  dem  Luginsland  mit  Erfolg  an,  mußten
  aber  am  19.  wieder  in  ihre  Ausgangsstellungen
zurückweichen.  Am  21.  und  22.  Juni  erneuerten  i
die  Kämpfe  am  Pöhl=  und  Cornilletberge,  ohne  da
einem  der  Gegner  ein  nennenswerter  Erfolg  beschieden
  war.  Am  6.  Juli  kam  es  zu  einem  größeren
Unternehmen  der  Franzosen  gegen  den  Hoch-  und  Cornilletberg;
  die  zunächst  errungenen  Vorteile  wurden
ihnen  im  Gegenstoß  wieder  entrissen.  Der  14.  Juli
brachte  einen  sehr  starken  Angriff  der  Franzosen  in
dem  Abschnitt  südlich  von  Nauroy  bis  südwestlich  von
Moronvillers.  Sie  drangen  am  Hoch-  und  Pöhlberg
in  die  deutschen  Stellungen  ein.  Ein  am  25.  einsetzender
  deutscher  Gegenangriff  warf  sie  wieder  hinaus.
Von  nun  an  flaute  die  Kampftätigkeit  allmählich  ab
und  beschränkte  sich  im  allgemeinen  auf  Patrouillenunternehmungen.


Die  #ümpfe  bei  Vpern  im  Juli  und  August  19171,
In  einer  Gegend,  in  deres  seit  Winter  1915/16ruhig
geblieben  war,  an  der  Kanalküste  bei  Nieuport,  entbrannte
  im  Juli  der  Kampf  von  neuem.  Hier  waren
Franzosen  und  Belgier  bei  Monatsbeginn  durch  Engländer
  abgelöst  worden,  und  zwar  auf  sehr  energisch-Vorstellung
  der  französischen  Regierung  hin,  die  mit
Recht  argwöhnte,  daß  England  seine  eigenen  Truppen
nach  Möglichkeit  zu  schonen  suche.  Sie  erreichte  damit
eine  Verkürzung  der  eigenen  Front,  die  um  so  unabweisbarer
  wurde,  als  die  Mannschaftsstärke  der  französischen
  Armee,  die  bisher  die  Hauptlast  des  Kampfes
etragen  hatte,  sich  in  den  verlustreichen  Kämpfen  erzebnt
  verringert  hatte.

Am  10.  Juli  griff  das  deutsche  Marinekorps,  das
hier  stand,  die  Engländer  unvermutet  an  und  warf
sie  unter  großer  Einbuße  an  Gefangenen  und  Material
über  die  Mündung  des  Merkanals  zurück,  eine
Niederlage,  die  in  England  sehr  schmerzlich  empfunden
wurde.  Sofort  einsetzende  Gegenangriffe  vermehrten
nur  die  Verluste  des  Feindes.

Mit  der  dem  Engländer  eigentümlichen  Zähigkeit
verfolgte  er  trotz  aller  Rückschläge  und  Mißerfolge  die
Absicht,  die  deutsche  Siellung.  zu  durchbrechen,  ohne
Unterlaß.  Besonders  in  Flandern  setzte  er  alles  daran,
vorwärts  zu  kommen,  da  ein  Erfolg  hier  ihm  im
Hintergrund  als  Siegespreis  die  Einnahme  der  Ausangspunkte

  der  U.  Voote  an  der  flandrischen  Küste,
eebrügge  und  Ostende,  erscheinen  ließ.  —  Schon
während  noch  um  den  hischneteh  ogen  gerungen
wurde,  begann  Haig  mit  den  Vorbereitungen  für  einen
großen  Angriff  in  der  Dperner  Gegend.  Sie  wurden
zeitig  von  den  deutschen  Führern  erkannt.  Der  ganze
Abschnitt  vom  Südrande  des  überschwemmungsebietes
  bei  Nordschoote  bis  Warneton  schien  bedroht.
titte  Juli  begann  ein  planmäßiges  feindliches  Zerstörungsfeuer,
  das  stellenweise  bis  zu  20  km  in  das

1  Bal.  die  Karte  S.  86.

89

Hintergelände  verlegt  wurde  und  außerordentlich
wirksam  war.  Am  31.  Juli  brach  die  englische  Infanterie
  nach  heftigstem  Trommelfeuer  auf  der  ganzen
  Angriffsfront  von  Steenstrate  bis  Warneton,
  auch  diesmal  durch  Tankbataillone  unterstützt,
zum  Angriff  vor.  Der  Schwerpunkt  desselben  lag  im
Abschnitt  von  Bixschoote  bis  zum  Knie  des  Kanals
Comines-Mypern  bei  Hollebeke.  Mit  11  Divisionen
in  erster,  mit  9  Infanterie-  und  mehreren  Kavalleriedivisionen
  in  zweiter  Linie  wurde  hier  von  Haig  der
Durchbruch  zu  erzwingen  versucht,  während  gegen
den  übrigen  Teil  der  Angriffsfront  bis  zur  Lys
4  Divisionen  vorstießen.  Der  Verlauf  des  Kampfes
brachte  wieder  Anfangserfolge  des  Gegners,  und  zwar
nur  auf  der  Hauptfront.  In  einer  Breite  von  6  km
gelang  es  dem  Feind,  die  dritte  deutsche  Stellung
zwischen  Langemarck  und  Zonnebeke  zu  erreichen;  an
allen  anderen  Stellen  brach  der  Angriff  schon  vor  und
in  der  zweiten  Linie  zusammen.  Wie  in  den  früheren
Schlachten  traf  nun  der  einheitliche  deutsche  Gegenston
  ein,  der  den  Feind  wieder  bis  hinter  die  zweite  Stelung
  zurückwarf.  Am  22.  wurde  der  Angriff  beiderseits
  mit  dem  Ergebnis  fortgesetzt,  daß  unter  dem
Einfluß  des  plötzlich  eintretenden  schlechten  Wetters
der  Angriff  der  Engländer  zunächst  zum  Stehen  kam.
Er  löste  sich  dann  in  Einzelkämpfe  auf,  die  sich  bis
Nieuport  ausdehnten,  wo  die  Feinde  am  7.  Aug.  die
Schlappe  vom  10.  Juli  vergeblich  wieder  auszugleichen
  suchten.  Am  10.  Aug.  wurde  der  allgemeine  Angriff
  wieder  aufgenommen,  der  seinen  Schwerpunkt

Abschnitt  Bixschoote-Lys  zwischen  Frezenberg  und
Hollebeke  hatte,  ferner  wurde  gleichzeitig  an  der  Straße
von  Arras  nach  Cambrai  vorgegangen.  Am  15.  u.  16.
wurde  bei  Lens  angegriffen,  am  22.  noch  einmal  mit
starken  Kräften  die  zuerst  ausgewählte  Front,  doch  erfolglos.
  —  Bis  Ende  August,  zu  dem  Zeitpunkte,  an
dem  die  größeren  Unternehmungen  aufhörten,  hatten
die  unausgesetzten,  sehr  verlustreichen  Kämpfe  dem
Engländer  nur  einenkleinen  Veländestreifen  um  VDpern
herum  sowie  bei  Lens  eingebracht.  Auch  hier  war  die
allgemeine  militärische  Lage  unverändert  geblieben.

12.  Der  Krieg  auf  dem  Balkan  und  im
Osten  vom  Sommer  1916  bis  April  1917.

Der  Krieg  in  Mazedonien  1916/171,

Nach  dem  durch  die  Schlacht  am  Vardar  in  eine
Flucht  verwandelten  Vormarsch  der  Armee  Sarrail
trat  zunächst  auf  diesem  Kriegsschauplatz  eine  längere
Ruhepause  ein,  weil  die  Bulgaren  die  Verfolgung
nicht  über  die  griechische  Grenze  hinaus  fortgesetzt
halten.  Die  Orientarmee  gewann  hierdurch  Zeil,  die
infolge  der  sehr  verlustreichen  Kämpfe  gelichteten  Verbände
  wieder  aufzufüllen  und  Überdies  bedeutende
Verstärkungen  heranzuführen.  Diese  wurden  verfüg
bar,  weil  Ende  Dezember  mit  der  Räumung  der  Halbinsel
  Gallipoli  durch  die  Entente  begonnen  worden
war.  Ferner  hatten  sich  von  der  im  Süden  des  Königreichs
  fechtenden  Gruppe  der  serbischen  Armee  an  die
60000  Mann  nach  Saloniki  relten  können;  auch  traten
kleinere  russische  und  italienische  Verbände  nach  und
nachhier  aus,  zu  denen  sich  noch  griechische  Freiwilligenabteilungen
  gesellten.  Die  Gesamistärke  der  Orientarmee
  erhöhte  sich  infolgedessen  bis  Mitte  März  auf
mindestens  260000  Mann.  Sie  stand  in  einem  weiten
Halbkreise  um  das  täglich  stärker  befestigte  verschanzte

1  Bgl.  die  Kare  Bd.  11I,  S.  143.
        <pb n="100" />
        90

Lager  von  Saloniki.  —  Die  bulgarische  Armee  begnügte
  sich  zunächst  damit,  von  ihren  Stellungen  an
der  griechischen  Grenze  durch  Flugzeuggeschwader  die
französisch-englischen  Unterkünfte  zu  bombardieren.
Eine  Veränderung  in  den  beiderseitigen  Stellungen
fand  erst  im  Frühjahr  1916  dadurch  statt,  daß  die
Franzosen  am  10.  Mai  das  griechische  Fort  Dowa
Tepe  nördlich  von  Demir  Hissar  besetzten,  die  Bulgaren
als  Antwort  das  Fort  Rupel  in  kr  Linien  hineinogen.

  Der  Druck  der  Entente  auf  Griechenland,  diesen
  Staat  zum  Eintritt  in  den  Krieg  auf  ihrer  Seite
zu  bewegen,  nahm  mettlerweile  immer  mehr  zu.  Das
griechische  Heer  hatte  Ende  Dezember  Saloniki  geräumt
  und  sich  auf  das  Ostufer  der  Struma  und  auf
das  Westufer  des  Vardar  zurückgezogen.

Im  Sommer  begannen  sich  die  Anzeichen  dafür  zu
mehren,  daß  Sarrail  erneut  zur  Offensive  vorgehen
werde.  Dies  wurde  zur  Gewißheit,  als  Rumänien  in
den  Krieg  eintrat.  Seit  Mai  schon  hatten  Kanonaden
  zwischen  den  beiderseitigen  Stellungen  auf  der
Front  Dojran—-Gjevgjeli  begonnen.  Die  Torbosen,
plänkeleien  wurden  allmählich  häufiger.  Dies  setzte
sich  bis  in  den  August  hinein  fort,  ohne  daß  sich  dadurch
  irgend  etwas  in  der  Gesamtlage  änderte.  Mitte
August  schien  Sarrail  mit  Teilen  zum  Angriff  vorgehen
  zu  wollen.  Südlich  und  westlich  vom  Dojran=See
  griffer  mit  beträchtlichen  Streitkräften  am  15.  Aug.
an,  wurde  aber  abgewiesen.  Die  Bulgaren  gingen
nun  selbst  auf  der  ganzen  Front  vom  Prespa-See
bis  zur  Struma  zum  Angriff  über;  dieser  begann  vom
linken  Flügel;  die  im  Strumatale  vorrückenden  Truppen
  besetzten  Demir  Hissar,  warfen  den  Feind  auf
das  rechte  Ufer  des  Flusses  zurück  und  besetzten  das
linke  Ufer  zwischen  dem  But  Kowo  und  Tachinos-See.
  In  der  Mitte,  im  Vardartale,  verharrten  die
Bulgaren,  den  hier  von  den  Engländern  und  Franzosen
  gegen  die  vorgeschobenen  Stellungen  südlich
und  südwestlich  von  Dojran  wieder  ausgenommenen
schweren  Angriffen  gegenüber,  in  der  Verteidigung.
Der  rechte  bulgarische  Ltger  drang  an  der  E#senbahn
Monastir-Saloniki  vor.  An  diesem  Angriff  nahmen
auch  deutsche  Divisionen  unter  General  v.  Below  (Otto)
teil.  Florina  und  Ekschisa  wurden  genommen,
die  Verbindungen  aus  Albanien  von  Korica  nach
Florina  und  Kastoria  unterbrochen.  Der  Feind  versuchte
  vergeblich  durch  Gegenstöbe  im  Moglena-Gebiete
  zwischen  Florina  und  der  Marianska-Planina
die  feindliche  Vorwärtsbewegung  zu  hemmen,  die
unter  ununterbrochenen,  zumal  im  Strumatale  sehr
heftigen  Kämpfen  im  Gange  blieb.  Am  21.  Aug.
wurde  der  Feind  erneut  auf  das  rechte  Struma-Ufer

eworfen.  Auch  die  Angriffe  gegen  die  bulgarischen
Stellungen  am  Dojran-See  Lchten  keinen  Erfolg.
Auf  dem  rechten  Flügel  am  Ostrovo-See  fochten  die
Serben,  die  hier  dem  bulgarischen  Vormarsch  zunächst
  einigen  Aufenthalt  geboten.  Allein  schon  am
22.  wurden  auch  sie  —  es  war  die  Donau=  und
Vardar-Division  —  entscheidend  geschlagen,  der  Vormarsch
  weiter  fortgesetzt.  Mit  der  am  27.  Aug.  ersolgten
  Kriegserklärung  Rumäniens  nahm  die  Angriffstätigkeit
  der  Orientarmee  besonders  auf  deren
von  den  Serben  gehaltenen  linken  Flügel  erheblich
zu.  Es  kam  erneut  zu  erbitterten  Kämpfen,  besonders
im  Moglena-Gebirge,  da  das  hier  sehr  starke  Drängen
der  Bulgaren  Befürchtungen  für  die  im  Vardartale
fechtenden  Franzosen  erweckte.  Am  28.  Aug.  stellte
die  bulgarisch-deutsche  Armee  ihren  Angriff  ein  und
nahm  eine  befestigte  Stellung  in  der  Linie:  rechter

I.  Kriegsgeschichte

Flügel  nördlich  und  westlich  vom  Ostrovo-See-Vardartal-Höhen
  südlich  vom  Dojran-See-Struma;z  linker
  Flügel:  Agäisches  Meer  vom  Golf  von  Orfano  bis

ur  Mestamündung.  Der  Feind  beschränkte  sich  auf

eschießung  der  neuen  Stellungen  sowie  Erkundungen
mit  stärkeren  Infanterieabteilungen  gegen  den  bulgarischen
  rechten  Flügel  und  im  Strumatale.  —  Durch
den  erfolgreichen  Vormarsch  im  Strumagebiet  war
das  in  den  Städten  Seres,  Druma  und  Kawalla  sich
sammelnde  4.  griechische  Armeekorps  hinter  die  bul
garische  Front  gekommen.  Sein  Kommandant  schloß
mit  den  Verbündeten  ein  Abkommen.  Demgemäß
wurde  das  Korps  in  voller  Bewaffnung  und  Aus
rüstung  als  Gast  nach  Görlitz  überführt.

Die  nun  folgende  Ruhe  dauerte  nicht  lange.  Mitte
September  iog  die  Orientarmee,  offenkundig  zur
Entlastung  Rumäniens,  in  der  Gegend  des  Moglena-Gebirges,
  des  Ostrovo-Sees  und  bei  Florina,  also
mit  ihrem  linken  Flügel,  zum  Angriff  vor.  Er  begann
  erfolgreich;  unter  bestgen  kämpfen  gewann

er  Feind  langsam  Raum  im  Cernabogen  und  gegen
Monastir,  östlich  von  der  Bahn  Monastir-Florina;
Großkampftage  waren  der  16.,  17.  und  23.  Sept.
südlich  von  Florina.  Auch  an  der  Strumafront  wurde
Anfang  Oktober  der  Angriff  ausgenommen,  während
es  im  Vardaral.  nur  zu  örtlichen  Kämpfen  kam.  Am
5.  Okt.  mußten  die  Bulgaren  an  der  Strumoa  ihre
vordersten  Stellungen  aufgeben,  allein  der  Haupt
kampfplatz  wurde  immer  mehr  der  Cernabogen,  wo
der  Feind  den  Hauptdruck  ausübte  und  die  Entschei
dung  suchte.  Ausschlaggebend  war  hier  die  Eroberung
der  Höhe  1212  durch  die  Serben  am  17.  Nov.;  hierdurch
  bekamen  die  in  der  Ebene  bis  dahin  erfolglos
fechtenden  russischen  und  französischen  Truppen  Bewegungsfreiheit.
  Die  JItaliener  stießen  Gleichzeiig
westlich  von  der  Ebene  über  die  Baba-Berge  vor.
Monastir  war  hierdurch  unhaltbar  und  am  18.  Nov.
von  den  Verbündeten  geräumt  worden.  Vor  ihren
neuen  Stellungen  nördlich  von  der  Stadt  kam  der
Angriff  der  Orientarmee  zum  Stehen.  Ihre  weiteren
Angriffe  am  26.  und  29.  Nov.  und  11.  Dez.  waren
zunächst  erfolglos;  die  Hauptanstrengungen  des  Feindes
  richteten  sich  gegen  die  Paralovohöhe  im
Cernabogen,  die  schließlich  auch  übermächtigem  zihns
erlag.  tte  Dezember  flauten  danach  die  Angriffe
ab.  Es  kam  nur  mehr  zu  örtlichen  Kämpfen,  die  keine
Anderung  in  die  Gesamtlage  brachten.

Erst  Mitte  Februar  1917  wurde  die  Aufmerksamkeit
  wieder  auf  den  mazedonischen  Kriegsschauplat
gelentt  als  die  deutschen  Truppen  unter  Führung  des

enerals  v.  Below  der  Orientarmee  die  Paralovo.
höhen  wieder  entrissen.  Im  Gebiete  des  Prespa=  und
Ochrida-Sees  kam  es  unaufhörlich  zu  Zusammenstößen,
  da  der  Feind  hier  immer  wieder  vorzubrechen
versuchte.  Mitte  Märzsetzte  die  Orientarmee  bei  Monafür
  zu  einem  neuen  großen  Angriff  an.  Der  13.  war

er  erste  Kampftag:  die  sehr  hefi  en  Kämpfe,  die  erst
nach  12  Tagen  endeten,  brachten  dem  Angreifer  nicht
den  gewünschten  Erfolg.  Alle  Versuche,  den  Verbündeten
  die  Höhen  nördlich  von  Monastir  zu  entreißen,
scheiterten  unter  blutigsten  Verlusten.  Ihr  Hauptzweck,
  Rumänien  in  seinem  schweren  Kampf  zu  entlasten,
  war  nicht  erreicht  worden.

General  Sarrail  mußte  angesichts  der  großen  Verluste
  und  der  Stärke  der  neuen  gegnerischen  Stellungen
  zunächst  auf  eine  Weiterführung  seines  Angriffs
verzichten;  auch  wird  ihm  nicht  unbekannt  geblieben
sein,  daß  sein  Gegner  in  Gestalt  von  österreichisch-
        <pb n="101" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Balkan  und  Osten  1916/17

ungarischen  und  osmanischen  Einheiten  nicht  unbedeutende
  Verstärkungen  erhalten  hatte.  Es  kam
Zum  Stellungskrieg.  Die  Kampftätigkeit  der  Orientarmee
  beschränkte  sich  daher  für  die  nächste  Zeit  auf
rege  Erkundungen.  Sie  wurden  von  den  Verbündeten
durch  zahlreiche  Angriffe  auf  die  Unterkunft  des
Feindes  und  den  Hauptstapelplatz  Saloniki  durch  Flugzeuge
  mit  großem  Erfolg  erwidert.
itte  April  nahm  das  Artilleriefeuer  im  Cernabogen
  wieder  zu,  am  24.  desselben  Monats  kam  es
zu  heftigen  Teilangriffen  zwischen  Vardar  und  Dojran-See;
  ersteres  setzte  sich  auch  auf  dem  von  den
OÖsterreichern  und  Osmanen  besetzten  Abschnitt  zwischen
  Ochrida-  und  Prespa-See  sehr  bald  fort,  um
dann  auf  der  ganzen  Front  zwischen  Prespa=  und
Dojran-See  einen  neuen  allgemeinen  Angriff  einzuleiten.
  Dieser  brach  am  8.  Mai  mit  großem  Ungestüm
los.  Die  daraus  sich  entwickelnde  mehrtägige  Schlacht
übertraf  in  ihrer  Heftigkeit  alle  bisherigen  Kämpfe
auf  diesem  Kriegsschauplatz.  Der  Hauptstoß  wurde
am  9.  Mai  in  einer  Breite  von  16  km  im  Cernabogen
  von  Italienern,  Franzosen  und  Russen  geführt:
  die  Schlacht  endete  am  10.  Mai  mit  einer  blutigen
  Niederlage  des  Angreifers,  der  trotz  rücksichts.
lisem  Einsetzen  der  Kräfte  nirgends  auch  nur  den
geringsten  Vorteil  hatte  erringen  lönnen.  Noch  einmal
  versuchte  hiernach  der  linke  Flügel,  nördlich  und
nordwestlich  von  Monastir  am  15.  vorzukommen;  doch
auch  dieser  Angriff  mißlang  und  brachte  nur  eine
bedeutende  Erhöhung  der  blutigen  Opfer  für  die
Orientarmee.  —  Nicht  anders  erging  es  einem  nochmals
  im  Cernabogen  unternommenen  Vorstoß  am
17.  Mai,  —  hiermit  flauten  die  Kämpfe  allmählich  ab.
Anfang  Juni  trat  auf  der  ganzen  Front  Ruhe  ein,
nur  unterbrochen  durch  vereinzelte  Kanonaden  und
Erkundungen.  Die  am  16.  Juni  beginnende  Räumung
  der  unteren  Strumagegend  durch  die  Engländer,
  die  nur  ihre  Brückenkopfstellungen  am  Fluß  festbielten,
  ließ  die  Erneuerung  eines  allgemeinen  Angriffs
  sehr  unwahrscheinlich  erscheinen.  Die  Bulgaren
besetzten  nun  ihrerseits  die  freigewordenen  Ortschaften.
Auch  schien  der  Sommer  mit  seiner  selbst  für  diese
Breitengrade  ungewöhnlich  starken  Hiye  —  am  24.
Aug.  60°  im  Schatten  —  größere  Unternehmungen
unmöglich  zu  machen.  Dennoch  hatte  sich  seit  Mitte
August  die  Feuertätigkeit  belebt,  und  am  1.  Sept.
gingen  die  Franzosen  bei  Monastir  und  im  Cernabogen,
  die  Engländer  im  Strumagebiet  noch  einmal
energisch  vor.  Nordwestlich  vom  Malik-See  gelang
es  den  Franzosen,  die  deutschen  vordersten  Abteilung
  auf  die  Höhen  am  Orenda-See  zurückzudrücken.
ach  wenigen  Tagen  fiel  die  Orientarmee  angesichts
des  Widerstandes  der  Verbündeten  aber  in  ihre  Untätigkeit
  zurück.  Es  trat  nochmals  eine  längere  Ruhepause
  im  Stellungskrieg  ein.  —  Der  Tagesbericht  vom
10.  Okt.  erst  wieder  melter  ein  Aufleben  der  Artillerietätigkeit
  in  der  Enge  zwischen  Ochrida=  und  Prespa-See,
  im  Cernabogen  und  zwischen  Vardar  und  Dojran=See,
  die  nach  den  folgenden  Berichten  stets  an  Heftigkeit
  zunahm.  Das  Losbrechen  des  Infanterieangriffs
schob  das  eingerretene  starke  Regenwetter  hinaus.  Obwohl
  das  schlechte  Wetter  andauerte,  begann  derselbe
am  21.  Oktober,  jedoch  nicht  einheitlich  und  zunächst
nur  im  Skumbital  und  bei  Monastir  sowie  an
der  Struma.  Der  Feind  erreichte  nirgends  Vorleile,
  der  Franzose  entschloß  sich  sogar  dazu,  seine
bisher  gehaltenen  Stellungen  westlich  vom  Ochrida-See
  etwas  zurückzunehmen.

91

Die  Offensive  der  russischsn  Südfront  im  Feptember
  19161.

In  der  Bukowina  und  in  Ostgalizien  gingen
die  Russen  im  Sept.  1916  erneut  zum  Angriff  über.
Gleich  am  1.  d.  M.  holten  sie  sich  eine  schwere  Niederlage
  bei  ihrem  Sturm  auf  den  Abschnitt  Swiniuchy-Swelzow;
  erst  am  8.  vermochten  sie  ihren  Angriff  zu
erneuern,  ihren  Hauptstoß  verlegten  sie  hierbei  einige
Kilometer  weiter  nach  Norden,  jedoch  auch  nur,  um
sich  erneut  blutige  Abweisung  zuzuziehen.  —  Auch  in
den  Karpathen  brachten  die  Tag  und  Nacht  erneuer.
len  Durchbruchsversuche  nur  gereg  örtliche  Erfolge.
Besonders  heftig  wurde  hier  am  13.  Sept.  gekämpft.
Am  15.  nahmen  die  Russen  ihre  Angriffe  zwischen  der
Le#  Lipa  und  dem  Dnjestr,  Front  des  Erzherzogronfolgers

  Karl,  Abschnitt  Graf  Bothmer,  wieder
auf.  Es  gelang  ihnen,  die  Mitte  dieses  Abschnittes
etwas  einzudrücken.  Den  Erfolg  zu  vergrößern  vermochten
  sie  aber  in  den  folgenden  Tagen  nicht.  Gänzlich
  fehl  schlug  ein  am  8.  südlich  von  Brzezany  unternommener
  Durchbruchsversuch;  osmanische  Truppen
zeichneten  sich  hier  in  der  Abwehr  besonders  aus.  Am
10.  Sept.  begann  die  Gefechtstätigkeit  am  unteren
Stochod  aufzuleben,  am  11.  begann  der  Infanterie.
angriff,  der  aber  blutig  zusammenbrach.  Der  Tagesbericht
  vom  17.  meldete  wieder  das  Scheitern  eines
gewaltigen  feindlichen  Ungriffs  westlich  von  Luzk,  der
in  einer  Breite  von  20  km  gegen  die  Linie  Zaturey-Pustomyty
  angesetzt  war,  desgleichen  eines  solchen
zwischen  dem  Sereth  und  der  Strypa  nördlich  von
Zborow,  ferner  an  und  östlich  von  der  Narajowka  und
nördlich  von  Stanislau  und  in  den  Karpathen  beider
seits  der  Ludowa,  dann  westlich  von  Schipoth  und
südwestlich  von  Dorna  Watra.  Am  17.  erneuerte  der
Feind  seine  Angriffe  zwischen  Zborow  und  Perepel-.
niki,  wiederum  wie  vorher  erfolglos.  Am  Stochod
ging  die  Initiative  auf  die  hier  fechtenden  Truppen
des  Generals  v.  Bernhardi  über,  der  am  18.  den  befestigten
  Brückenkopf  von  Zarecze  erstürmte.  Auch
an  der  Narajowka  wurde  zum  Gegenstoß  erfolgreich
übergegangen.  ·

Das  Gesamtbild  im  September  war  Kampf  auf
der  ganzen  galizischen  Front,  ohne  daß  ein  einheitliches
  Vorgehen  zustande  gekommen  wäre.  Ortliche
Erfolge  blieben  zwar  dem  seine  an  Zahl  überlegenen
Massen  rücksichtslos  einsetzenden  Gegner  nicht  versagt,
allein  an  der  Gesamtlage  wurde  hierdurch  nichts  geändert.
  Am  22.  wurde  von  einem  erneuten  racht.
losen  gewaltigen  Angriff  nördlich  von  Zborow  zwischen
Sereth  und  Strypa  sowie  zwischen  der  Zlota  Lipa  und
der  Narajowka  und  im  Ludowa-Abschnitt  in  den  Karpathen
  berichtet.  Wenn  auch  die  Kämpfe  mit  Oktoberbeginn
  etwas  abflauten,  so  griffen  die  Russen  einzelne
Stellen  doch  immer  und  immer  wieder  erfolglos  an,
so  in  Wolhynien  den  Abschnitt  Swiniuchy-Zaturay
am  9.  u.  4.  Okt.,  am  4.  bei  Luzk,  am  5.  an  der  Zlota
Lipa,  am  14.  in  der  Gegend  Bubnow  und  südlich  von
Zaturay.  Mitte  Oktober  begann  das  Artilleriefeuer
gleichmäßig  auf  der  ganzen  Front  wieder  aufzuleben.
während  bedeutendere  Infanteriekämpfe  nicht  mehr
gemeldet  wurden.

Das  Eingreisen  Rumäniens  im  August  19167.
Das  bis  Kriegsausbruch  mit  den  Mittelmächten
verbündete  Rumänien  erklärte  sich  danach  neutrat,

1  vVal.  die  Karte  Bd.  11,  S.  200/7.  —  90  die  NKart-Bd.
  Il,  S.  110/1
        <pb n="102" />
        92

neigte  sich  jedoch,  nachdem  der  Träger  der  früheren
Politik,  König  Carol,  am  10.Okt.  1914  gestorben  war,
mit  der  Zeit  immer  mehr  auf  die  Seite  des  Verbandes.
  Am  27.  Aug.  1916  erklärte  es  denn  auch  Osterreich
  =  Ungarn  den  Krieg,  was  mit  der  am  nächsten
Tage  erfolgenden  Kriegserklärung  durch  das  Deutsche
Reich  erwidert  wurde,  der  sich  am  30.  Aug.  die  Türkei,
  am  1.  Sept.  Bulgarien  anschloß.  —  Das  rumänische
  Heer  war  schon  mit  Beginn  des  Jahres  1916
allmählich  auf  #eegesut  gesetzt  worden.  Es  zählte
etwa  18  Feld=  und  6  Territorialdivisionen  und  konnte
auf  ungefähr  600  000  Mann  geschätzt  werden.  Es
mangelte  jedoch  an  schwerer  Artillerie  und  Munition.
die  erst  allmählich  aus  den  Verbandsstaaten  eingeführt
wurden.  Zur  Sicherung  der  Donaugrenze  waren  4
Panzerkanonen  =  und  eine  Anzahl  Patrouillenboote
vorhanden.

Die  Streitkräfte  unter  König  Ferdinands  Oberbefehl
  marschierten  folgendermaßen  auf:  Die  4.  (Nord-)
Armee  unter  General  Preslan  in  der  Moldau,  die
Hauptkräfte  am  Gyimes-Paß,  eine  Nebenkolonne  am
Tölgyes-  Paß  zum  Vormarsch  durch  das  Görgenyi-Gebirge
  u.  gegen  Maros-Vasärhely.—  Die  sehr  starke
2.  Armee  unter  General  Avarescu  an  den  Pässen
was  chen  dem  Oitoz=  und  dem  Törzburger  Paß  zum

ormarsch  über  Kronstadt  (Brasso)  gegen  Schäßburg
(Segesvar).  —  Die  schwache  1.  Armee  unter  General
Culcer  am  Roten  Turm-Paß  und  im  Vulkangebirge
zum  Vormarsch  über  Hermannstadt  (Nagy-Szeben)
und  Hatszog,  eine  Division  an  der  Westgrenze  der  Walachei
  zum  Vormarsch  auf  Orsova.  —  Die  5.  Armee
sammelte  sich  erst  mit  der  Kriegserklärung  in  der  Dobrudscha;z
  sie  sollte  aus  vier  rumänischen,  einer  russischen
  u.  einer  serbischen  Division  bestehen,  zunächst  das
Eintreffen  der  bereitwilligst  von  Nußland  zugesagten
Verstärkungen  abwarten  und  dann  über  Schumla-Varna
  vorgehen.  Im  weiteren  Vormarsch  sollte  sie
der,  wie  man  hoffte,  nunmehr  aus  Saloniki  und  Mazedonien
  siegreich  vordringenden  Armee  Sarrail  die
Hand  reichen.

Demgegenüber  konnte  Osterreich-Ungarn  zunächst
nur  über  schwache  Grenztruppen  verfügen,  die  unter
Befehl  des  Generals  v.  Arz  den  Vormarsch  der  Rumänen
  aufhalten  sollten,  ohne  sich  jedoch  einer  Entscheidung
  auszusetzen.

Ver  rumänische  Keldzug  im  Herbst  1916.

Der  Verlauf  des  von  den  Verbündeten  gegen  Rumänien
  unternommenen  Feldzuges  ist  in  Bd.  II,  S.
221—237  (mit  Karte)  eingehend  geschildert.

Die  Offensive  der  rus#ischen  Südfront  von  Oktober
bis  Dezember  19161.

Die  Niederlage  der  rumänischen  Heere  in  Siebenbürgen
  löste  eine  große  Entlastungsoffensive  bei  den
Russen  aus,  sie  wurde  in  Wolhynien  und  in  den  Karpathen
  geführt.  —  Am  29.  u.  30.  Olt.  setzten  sie  westlich
  von  Luzk  und  südlich  von  Swiniuchy  in  Richtung
Sokal  unter  Verwendung  ganz  gewaltiger  Massen

um  Angriff  an;  trotz  gewaltigster  Opfer  war  demrückschtelocs
  geführten  Angriff  der  Erfolg  versagt.  Vor-*
  hatten  sie  die  ganze  Stoch  odlinie  unter  lebhaftem

euer  gehalten.  Am  30.  aber  wurden  die  Russen  von
dem  westlichen  Ufer  der  Narajowka  vertrieben,  die
Sieger  folgten  Über  den  Fluß  und  nahmen  die  russischen
  Stellungen  südwestlich  von  Brzezany.  —  Hier

1  Vgl.  die  Karte  Bd.  II.  S.  206.7.

l.  Kriegsgeschichte

fochten  ottomanische  Truppen  an  unserer  Seite,  weiter
  südlich  kämpften  deutsche  Regimenter  mit  Erfolg
westlich  von  Folw  und  Krasnolesie.  Fünfmal  wiederholte
  russische  Gegenangriffe  konnten  nichts  mehr  an
der  Lage  ändern.  Hier  war  es  die  deutsche  Heeres.
gruppe  Linsingen,  die  die  auf  das  linke  Stochodufer
ei  Witoniz  vorgeschobenen  feindlichen  Stellungen
einnahm  zam  2.Nov.  wiederholten  die  Russen  in  siebenmaligem
  Ansturm  ihre  Versuche  mit  dem  nämlichen
Mißerfolg.  Die  Ergebnisse  des  30.  Okt.  wurden  am
3.  Nov.  bei  Folw  erweitert;  ebenso  wurden  in  den
Waldkarpathen  bei  Dorna  Watra  feindliche  Angrisse
durch  Gegenstöße  unwirksam  gemacht.  Um  diese  Zeit
begann  auch  auf  der  ganzen  Nordfront  von  Dünaburg
  bis  zum  Naroczsee  eine  ungewöhnlich  starke
Beschießung  der  deutschen  Stellungen  durch  feindliche
Artillerie.  Am  9.  stürmten  deutsche  Truppen  bei
Skrobowa  (nördlich  von  Baranowitschi)  die  russische
Stellung  in  einer  Breite  von  4  km,  wobei  nahezu
4000  unverwundete  Gefangene  gemacht  wurden.  Ein
am  10.  Nov.  einsetzender  Gegenstoß  scheiterte.  —  Die
Kämpfe  auf  dem  Ostufer  der  Narajowka  dauerten
weiter  fort.  Immer  wieder  mußten  russische  Wiedereroberungsversuche
  abgewiesen  werden;  einer  der
schwersten  Kampftage  war  hier  der  14.  November.
Neue  gewaltige  Vorstöße  wurden  von  den  Russen
aus  den  Waldkarpathen  gegen  die  ungefähr  an
der  Linie  der  ungarischen  Grenze  unter  den  Generalen
v.  Arz  und  v.  Koevess  stehenden  Kräfte  der  Verbündeten
  geführt,  eingeleitet  durch  zahlreiche  Erkundungsgefechte
  im  Gebiet  von  Ludowa.  Veranlassung  dazu
gab  die  immer  ungünstiger  sich  gestaltende  Lage  der
rumänischen  Armee.  Am  19.  Nov.  brachen  die  ersten
großen  Angriffe  los  und  dauerten  auf  einer  Strecke  von
300  km  in  der  Luftlinie  mehrere  Tage  an;  Brennpunkt
  der  äußerst  erbilterten  Kämpfe  war  der  Jablonicapaß
  und  die  Höhen  westlich  von  dem  Becken  von
Kozdi-Vasärhely.  Am  30.  Nov.  verlängerte  sich  die
Schlachtfront  gegen  Süden  und  fand  dort  Anschluß
an  rumänische  Truppen.  Russische  Truppen  hatten
Ende  November  die  rumänischen  Truppen  an  der
Moldaugrenze  bis  zum  Putnatal  abgelöst.  Gleichgitis
  mußte  an  der  Zlota  Lipa  durch  ottomanische
ruppen  ein  feindlicher  Angriff  abgewiesen  werden.
Einer  der  schwersten  Kampftage  war  der  1.  Dez.,  an
dem  die  Hauptanstrengungen  des  Feindes  sich  gegen
die  Stellungen  an  der  Baba  Ludowa  und  Gura  Rucada,
  östlich  von  Dorna  Watra,  sowie  im  Trotos=  und
Oitoztal  richteten.  Im  Gegenstoß  wurden  von  deutschen
  Truppen  allein  über  1000  unverwundete  Gefangene
  gemacht.  Am  2.  Dez.  richteten  sich  die  Hauptbemühungen
  der  russisch-rumänischen  Karpathenoffensive
  gegen  die  deutschen  Linien  am  Gutin  Toumasek,
am  Smotrec,  dann  westlich  von  Baba  Ludowa  und  an
der  Cretealahöhe.  Am  3.  ließ  die  feindliche  Angriffs.
tätigkeit  nach,  es  kam  nicht  mehr  zu  einer  einheitlichen
Handlung  durch  die  gegenüberstehenden  beiden  rus.
sischen  Armeen,  vielmehr  nur  noch  zu  vereinzelten
Stößen  und  Gegenstößen,  in  denen  in  den  vorherehenden
  Kämesen  an  die  Verbündeten  verlorene
tellungsteile  wiedergewonnen  wurden.  Am  4.  griff
der  Rusfe  nördlich  vom  Tatarenpasse  und  wiederum
erfolglos  an  der  Ludowa  an.  Am  7.  Dez.  konnte
man  diese  große  Entlastungsoffenflve  als  gescheitert
ansehen;  es  kam  von  nun  an  bis  in  den  Januar  hinein
  nur  noch  zu  Artilleriekämpfen  und  Teilangriffen,
bei  denen  an  einzelnen  Stellen  der  Russe  allerdings
einigen  Geländegewinn  zu  erzielen  vermochte.
        <pb n="103" />
        <pb n="104" />
        □  .
L#  "«.-.  -..  «  -

4
N  A  er  2

Z  UrK  0  WI
—  C

n  ;..«-  -  wasch-M  .  -i
—.  2  2  X..

Radatuit  Kl
8  B7

1  .  —-.,..«1
  E  Xx  »  »  .  »
n  n-  "1v•  *“  .  1  6  4  «  -  v  -  *iv  -  -
1.  ..  M  «  «-  *  *5D  1D—45  **65  .-  4  *r  —  4  *
.  --.«,·«"«  ·—.k«  »  :  —  .  w  5  +  J  S  —  4  5  22  ·  —  ½ê
—  *  .  «  —-  -·"  k-"K"  .
«  .-  -.-—  -  .  .  «  -«-  »  .  n  2

Die  militärischen  Ereignisse###  ——  x  ,
tliussjschcsudisui.sidtxöstcsnrMbnstvpds-  A-«"·«T»:«-«-»si:ksz««ä.
·  Wiss-«H7·'—-  f«

Ul  .
.7  5  «  *  *.—  -  «  )
«,  .  —

OSLGALLZIEN  IDDInBUKOWINNJ  »  —r
0  a  5  2  *  4  #  *  -  x□l
4#  "  —.  3  4

Juli-  August  un.
Maßstab  1:1500  000  1.  l  :5  »  ,
IO  20  8  xilmneter  —  -#½#.  9  *  1—  l
MAuiilinie  do  Zasckhkennii  ··  -«-  «»«
COMMMMHZXCJMUFF  »..-:·«·;..  ,,  ’  2
.  Sd  W#nst  127  23  oinr  nh#“

Bbliograusches  Inslllut.  Leipzig.
        <pb n="105" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1917  bis  März  1918

ie  Kämpfe  an  der  russischen  Rordfront  vom
die  Ba  Derbst  1916  bis  *—  .

Auf  dem  Nordabschnittder  Ostfrontherrschte  mittlerweile
  keine  vollkommene  Ruhe.  An  den  verschiedensten
  Stellen,  bei  Dünaburg,  bei  Illuxt,  bei  Smorgon,
nördlich  von  Luzk,  südlich  vom  Naroczsee  und  südlich
von  der  Bahn  Tarnopol-Zloczow,  kam  es  um  diese  Zeit
zu  Angriffen  durch  die  Russen,  die  hierdurch  Kräfte
von  der  Hauptkampffront  abzuziehen  suchten.  Das
eintretende  schlechte  Wetter,  zumal  der  hohe  Schnee
schränkte  allmählich  die  Gefchisttigleit  besonders  im
Gebirge  immer  mehr  ein.  Am  5.  Jan.  begann  ein
neuer,  sehr  gut  durch  Artillerie  vorbereiteter  Angriff
der  Russen  zwischen  der  Ostseeküste  und  der  Straße
Mitau-Niga,  der  am  6.,  7.,  8.  u.  9.  fortgesetzt  wurde,
um  jedoch  schließlich  völlig  zu  scheitern.  Südlich  von
Brzezany  ging  der  Feind  gegen  die  Stellung  der  Türken
  vor,  der  Angriff  wurde  durch  einen  erfolgreichen
Gegenstoß  vereitelt.  Ende  Januar  errangen  die  Russen
nördlich  von  Jakobeny  einen  vorübergehenden  Erfolg,
der  aber  durch  einen  im  Februar  einsetzenden  Gegenangriff
  ausgeglichen  wurde.  Alle  diese  Unternehmungen,
  die  sich  noch  bis  in  den  April  hinein  ausdehnten,
vermochten  weder  eine  Anderung  in  der  Gesamtlage
auf  der  Ostfront  noch  in  der  allgemeinen  Lage  herbeizuführen;
  vor  allem  vermochten  sie  auch  nichts  an
dem  Schicksal  des  rumänischen  Bundesgenossen  zu
ändern.  —  Es  trat  nunmehr  infolge  des  Sturzes  des
Zaren  eine  mehrere  Monate  dauernde  Ruhe  auf  der
russischen  Front  ein.  Die  Kampffreudigkeit  der  Feinde
war  hier  zunächst  völlig  erloschen,  es  wurde  zweifelgeft
  ob  sie  überhaupt  noch  weiterkämpfen  würden.

lus  politischen  Gründen  wohl  benutzten  die  Verbündeten
  diese  augenblickliche,  für  sie  so  besonders  günstige
  Lage  nicht.  Es  wurde  nichts  unternommen;
eine  einzige  Kampfhandlung  unterbrach  die  tatsächliche
  Waffenruhe,  die  Erstürmung  des  Brückenkopfes
von  Toboly,  60  km  nordöstlich  Kowel,  durch  deutsche
Truppen  am  3.  April  1917.

13.  Der  Krieg  mit  Sowjet-Rußland  vom
Sommer  1917  bis  März  1918.

Nach  dem  Sturze  des  Zaren  schien  Rußland  eine
Zeitlang  als  kriegführende  Macht  ausscheiden  zu
sollen.  Die  Armee  hatte  Kenntnis  davon  genommen,
daß  die  neue  Sowietregierung  einen  Frieden  ohne
Eroberungen  und  Entschädigungen  anstrebe;  sie  hielt
also  weileres  Kämpfen  für  unwahrscheinlich  und  unnötig.
  Allein  sie  hatte  nicht  mit  dem  auf  Geld  sich
stützenden  Einfluß  der  Üübrigen  Mächte  des  Verbandes
gerechnet.  Die  neue  Volksregierung  gab  dem  Druck
derselben  schließlich  nach;  sie  beschloß,  noch  einmal
mit  aller  Macht  anzugreifen,  um  die  Deutschen  zur
Schwächung  ihrer  Westfront  zu  zwingen,  die  dann
Franzosen  und  Engtänder  zum  Einsturz  zu  bringen
hofften.  Man  muß  die  Tat=  und  Unternehmungskraft
des  neuen  russischen  Kriegsministers  Kerenski  anerkennen,
  der  mit  seiner  überragenden  Klugheit  und
Entschlußkra  sehr  bald  Führer  der  Regierung  wurde
und  als  solcher  die  letzten  Mittel  wirsfam  in  Bewe-Gung
  zu  setzen  verstand,  um  die  Armee  nicht  nur  von
der  A#twengkeit  nochmaligen  ernsten  Kampfes  zu
überzeugen,  sondern  sie  auch  dazu  neu  zu  gliedern
und  bereitzustellen.  Sofort  nachdem  er  den  Entschluß
  gefaßt  hatte,  anzugreifen,  sandte  er  ausgesuchte
Nedner  und  Vertrauensleute  an  die  Front,  um  den
Truppenteilen  seinen  Entschluß  als  den  der  Regierung

93

mitzuteilen  und  das  Heer  für  ihn  zu  gewinnen,  was
keine  leichte  Aufgabe  war.  Er  ließ  der  Mannschaft
vor  allem  sagen:  durch  Hilfe  der  übrigen  Verbandsmächte
  sei  es  gelungen,  eine  solch  überlegene  Artillerie,
überhaupt  Kriegsmaterial  aller  Art  in  solcher  Fülle
bereitzustellen,  daß  der  Ausgang  dieses  letzten,  zur
schnellen  Herbeiführung  des  gewünschten  Friedens
notwendigen  Angriffs  nicht  zweifelhaft  sein  könne.
Um  seiner  Sache  ganz  sicher  zu  sein,  ließ  Kerenski  dann
in  den  Truppenteilen  erst  geheim,  dann  offen  darüber
abstimmen,  ob  wieder  gekämpft  werden  sollte.  Die
Minderheiten,  die  dagegen  waren,  mußten  sich  der
Mehrheit  fügen;  geb  es  in  irgendeinem  Truppenteil
keine  Mehrheit  für  den  Angriff,  so  wurde  er  aufgelöst
und  seine  Mannschaft  auf  andere,  besser  gesinnte  Resmenter
  verteilt.  So  wurden  schließlich  30  Divisionen

r  den  Vorschlag  der  Regierung  gewonnen.  In  den
Truppenteilen  wurden  ferner  aus  Freiwilligen  Stoßtrupps
  gebildet,  =  Todesbataillone#c#  genannt,  die  den
stürmenden  dichten  Massen  voraufgehen  und  ihnen
den  Weg  bahnen  sollten.

Die  Entlastungsoffensive  im  Sommer  1917  in
3n.

Ende  Juni  war  für  den  Beginn  der  Offensive  ins
Auge  gefaßt,  als  Angriffsabschnitt  der  Raum  südlich
von  Brody  bis  südlich  von  Stanislau  mit  dem
Ziele  Lemberg.  Bereitgestellt  wurden  hierzu  die  11.
Armee  beiderseits  der  Eisenbahn  Tarnopol-Zloczow-Lemberg,
  die  7.  Armee  zwischen  Konjuchy  und  dem
Dnuzjestr,  schließlich  die  8.  Armee  südlich  von  letzterem.
Der  Angriff  traf  an  der  Front  des  Erzherzogs  Joseph
bie  österr.-ungar.  7.  Armee  unter  dem  Cenert  Koevess
in  den  Karpathen,  von  der  des  Prinzen  Leopold  von
Bayern  die  Heeresgruppe  des  Generals  v.  Böhm-Ermolli.
  Diese  bestand  aus  der  österr.-ungar.  3.  Armee
  des  Generals  Kritek,  die  vom  Fuß  der  Karpathen
bis  zum  Dnjestr  stand,  aus  der  deutschen  Südarmee
des  Grafen  Bothmer,  von  diesem  Fluß  bis  gegen  Konjuchy,
  und  der  österr.-ungar.  2.  Armee,  von  diesem
Ort  bis  Brody.  —  Der  Abschnitt  lief  also  vom  Styr
nordwestlich  von  Brody  in  südwestlicher  Richtung  Über
Zwyzyn-Batkow-Harbuzow-über  die  Zlota  Gorawestlich
  von  Zborowsöstlich  von  Konjuchy-Brzezany---Narajowkafluß
  in  Gegend  Lipnica-Dolna.  Dann

olgt  die  Linie  des  Abschnitts  diesem  Fluß  bis  zur

tündung  in  den  Dujestr  bei  Halicz,  ging  westlich  von
Jezupol  auf  das  andere  Ufer  über  und  folgte  dann
der  Bystrzyca-Solotwinska  bis  in  die  Gegend  von  Solotwina.
  *  der  Gegend  des  Pantyr-Passes  näherte
sich  die  Linie  dem  Kamme  der  Karpathen,  dem  sie  bis
zur  rumänischen  Grenze  ungefähr  folgte.

Am  26.  Juni  begann  die  Vorbereitung  des  Artillerieangriffs
  an  der  Eisenbahn  Lemberg—-Brody  bis
südlich  von  Brezand,  am  30,  der  Infanterieangriff
zunächst  auf  einem  Ausschnitt  von  30  km  von  der
Strypa  bis  zur  Narajowka,  ferner  bei  Zwyzyn  und
südlich  von  Brzezany.  Er  scheiterte.  Am  1.  Juli  dehnte
er  sich  auf  der  ganzen  Front  aus:  von  der  Gegend
südlich  von  Zborow  bis  Lipnica-Dolna.  Bei  Konjuchy
  drangen  die  Russen  in  unsere  Stellungen  ein,
ebenso  bei  Brzezany.  Nach  einer  zweitägigen  Pause
griff  die  7.  Armee  nochmals  an,  allein  eine  Erweiterung
  ihrer  Erfolge  war  ihr  nicht  beschieden,  ihre  Anriffskraft

  war  anscheinend  erschöpft.  Mehrere  Tage
päter,  am  6.  erst,  schritt  auch  die  8.  Armee  nach  starker

1  Hierzu  Karte  „Ostgallzten  usw.“
        <pb n="106" />
        94

Artillerievorbereitung  zum  Angriff,  und  zwar  südlich
vom  Dnujestr  und  nördlich  von  der  Straße  Stanislau-Kalusz.
  Er  war  von  Erfolg  gekrönt,  es  gelang
den  Russen  diesmal  ein  großer  Einbruch  in  unsere
Stellungen  infolgedessen  gingen  die  Verbündeten  hinter
  die  Lomnica  zurück.  Am  11.  fiel  auch  Kaluss  in
die  Hände  des  Feindes.  Allein  zu  weiterer  Ausbeutung
  dieses  Eerfolges  reichte  die  Stoßkraft  der  S.  Armee
nicht  mehr  hin.  Gleichzeitig  mit  der  7.  Armee  hatte  am
1.  Juli  auch  die  11.  angegriffen,  und  zwar  von  den  in
russischem  Besitz  gewesenen  Dörfern  Zwyzyn-Batkoff
aus.  Der  erste  Angriff  wurde  unter  schwersten  Verlusten
  des  Gegners  abgeschlagen,  allein  ein  am  7.
wiederholter  war  von  Erfolg  gekrönt;  westlich  von
Batkoff  wurden  die  österreichisch-ungarischen  Gräben

enommen.  Aber  schon  binnen  kurzem  warf  ein

egenstoß  die  Russen  wieder  hinaus.  Damit  war  auch
die  Angriffskraft  dieser  Armee  erschöpft.

Die  deutsche  obere  Heeresleitung  entschloß  sich,  sofort
  durch  eine  großangelegte  Gegenoffensive  die  Russen
für  längere  Zeit  hier  völlig  lahmzulegen.  Noch  während
  der  Angriff  derselben  im  vollen  Gange  war,
wurden  Kräfte  hierzu  bereitgestellt.  Zum  Teil  vom
westlichen  Kriegsschauplatz  herangezogen,  wurden  sie
im  Naum  westlich  von  horow-Sof  versammelt,
also  gegenüber  der  russischen  11.  Armee.  Die  Aufmerksamkeit
  dieser  wurde  durch  einen  am  13.  Juli  losgelassenen
  Nebenangriff  in  der  Gegend  von  Kalus
nach  dem  Süden  abgelenkt;  er  erfolgte,  ohne  jedoch
eine  Entscheidung  herbeiführen  zu  wollen,  in  der
Richtung  nach  Südosten  auf  Nowica-Landestreu.
Am  19.  Juli  begann  der  große  deutsche  Gegenangriff;
  er  wandte  sich  gegen  den  Abschnitt  Harbuzow-Zwyzyn.
  Gleich  im  ersten  Anlauf  fielen  die
russischen  Stellungen  bis  zum  Sereth  gegenüber  Zalucze.
  Die  Richtung  des  Stoes  wurde  daun  von  drei
deutschen  Divisionen  nach  Südosten  verlegt,  deren
linke  Flanke  an  der  Graberka  stehende  Osterreicher
deckten.  Auch  die  Zlota  ora  Löss  fiel.  Der  deutsche
Erfolg  wirkie  auf  die  Russen  besonders  nachhaltig,
weil  ihnen  die  Vorbereitungen  zum  Angriff  anscheinend
  in  ihrem  ganzen  Umfang  verborgen  geblieben
waren,  auch  ihre  Stellungen  ohne  lange  Feuervorbereitungen
  im  ersten  Anlauf  fielen.  Sie  gingen
schleunigst  über  den  Sereth  zurück.  Am  20.  erreichte
der  auf  dem  westlichen  Ufer  nach  Süden  kraftvoll
weitergeführte  Stoß  Jezierna,  am  21.  Loglof  und
Dolzanka,  am  22.  wurde  die  Eisenbahn  Rohatyn--Tarnopol,
  am  23.  der  Sereth  oberhalb  dieser  Stadt,
weiter  südlich  die  Bystrizyuca  südwestlich  von  Stanislau
  überschritten.  Es  kam  Bewegung  in  die  ganze
Front  der  Verbündeten,  einzelne  Gegenstöße  des  weichenden
  Feindes  vermochten  derselben  keinen  Aufenthalt
  mehr  zu  bereiten.  Am  24.  fielen  Tarnopol,
Stanislau  und  Nadworna,  an  demselben  Tage
wurde  vom  linken  Flügel  der  nun  auch  vorgehenden
österreichisch-  ungarischen  7.  Armee  die  Stellungen
südlich  vom  Jablonicapaß  gestürmt.  In  ununterbrochenen
  Kämpfen  wurden  die  Russen  bis  zum  29.  Üüber
die  Grenze  des  russischen  Reiches,  Über  den  Zörucz,
zurückgedrängt,  sehr  heftiger  Widerstand  mußte  noch
bei  Husiatyn  gebrochen  werden;  südlich  davon  wurde
Skala,  südlich  vom  Dujestr  der  Czeremosz  bei  Banilla
ruska  erreicht.  Der  30.  brachte  weiteres

Vordringen  auf  dem  Ostufer  des  Grenzflusses  Zbrucz;
südlich  vom  Pruth  wurden  die  Stellungen  des  Feindes
bei  Wiznitz  erstürmt.  Immer  unaufhaltsamer  ging
die  Osffensive  weiter.  Am  31.  Juli  gelang  es,  die

I.  Kriegsgeschichte

Russen  nördlich  vom  Dujestr  in  den  Flußwinkel  von
Chotin  zu  drängen,  während  zwischen  Dujestr  und
Pruth  südöstlich  von  Zalesczyki  an  der  Eisenbahn  Horodenka-Czernowitz
  und  bei  Sniatyn  ihre  Stellungen
genommen  wurden.  Nördlich  vom  Duzjestr  wurdejetzt
ie  Offensive  angehalten,  sie  hatte  ihr  Ziel  erreicht-,
wie  der  deutsche  Bericht  verkündete.  Dagegen  wurde
sie  südlich  von  dem  Flusse  mit  aller  Wucht  weitergeführt.
  Zwischen  diesem  und  dem  Pruth  versuchten
russische  Abteilungen  noch  einmal,  aber  vergeblich,
standzuhalten.  Weiter  südlich  wurde  am  3.  Aug.  Czernowit
  in  der  Bukowina  genommen.  Unauszalksam
ging  es  von  dort  weiter  auf  beiden  Seiten  des  Pruth
gegen  die  rumänisch-russische  Grenze.  Nun  wurdenach
der  Besetzung  von  Radautz  und  einem  Vorschieben
von  starken  Abteilungen  an  den  Sereth  auch  hier  die
Vorwärtsbewegung  eingestellt.  Schwache  feindliche
Gegenstöße  an  vielen  Stellen  vermochten  an  dem  Endergebnis
  nichts  mehr  zu  ändern.  Eine  geradezu  glänend
  angelegte  und  vorbildlich  durchgeführte  Offenive
  kam  hiermit  zum  Abschluß.  Sie  hatte  in  zwei
Wochen  den  größten  Teil  Ostgaliziens  und  der  Bukowina
  vom  Feinde  befreit.  Der  letzte  Kampftag  war
der  27.  Aug.  gewesen,  an  dem  die  Russen  aus  den
noch  von  ihnen  besetzten  Stellungen  an  den  Dolzokhöhen
  östlich  von  Czernowitz  geworfen  und  über  die
Rakitna  zurückgetrieben  wurden.  Keine  der  in  London,
  Paris  und  Rom  auf  die  russische  Offensive  gesetzten
  Hoffnungen  war  in  Erfüllung  gegangen,  in
einem  Meer  von  Blut  waren  sie  erstickt  worden.

Die  Kämpfe  in  Wolhynien  und  nördlich  von  den
Pripjeifümpfen  im  Juli  1917.

Nachdem  Kerensti  sich  zum  Angriff  entschlossen

O—  versuchte  er  von  dem  für  den  entscheidenden

ampf  in  Aussicht  genommenen  Abschnitt  der  Front
von  Galizien,  durch  Unternehmungen  an  anderen
Teilen  nach  Möglichkeit  Kräfte  abuztehen.  zugleich
auch  den  Feind  über  die  Richtung,  in  der  der  Hauptangriff
  geführt  werden  sollte,  zu  täuschen.  Die  Gesechtstätigkeit
  lebte  daher  schon  vor  dem  Beginn  der
großen  russischen  Offensive  in  Wolhynien  auf.  Es
kam  jedoch  nur  zu  kleineren  Vorstößen,  die  ohne  Bedeutung
  waren.  Sehr  bald  begnügten  sich  die  Russen
mit  Unterhältung  eines  starken  Artilleriefeuers.  Dieses
dehnte  sich  aus  auf  die  Gegend  von  Pinsk,  von  Smorgon
  und  von  Riga.  Den  Höhepnner  erreichte  der  Artilleriekanupf
  am  17.  und  18.  Juli  bei  Smorgon  und
an  der  Düna.  Ferner  waren  gleichzeitig  aber  auch
deutsche  Patrouillen  und  Stoßtrupps  auf  der  ganzen
Front  zwischen  Brody  und  der  Ostsee  sehr  rührig;
ihre  Unternehmungen  nahmen  mit  Übergang  der
Verbündeten  zur  Offensive  noch  zu.  Bei  Smorgon
setzte  am  21.  Juli,  also  nach  Beginn  derselben,  ein
sehr  heftiger,  durch  Artilleriefeuer  vorbereiteter  Vorston
  der  Russen  ein,  der  ihnen  einen  Einbruch  in  die

eutschen  Stellungen  hier  eintrug.  Allein  sie  vermochten
  diesen  Erfolg  nicht  zu  verwerten,  weil  ein  Teil
der  Angreifer  nicht  weiterkämpfte,  sondern,  wie  es
scheint,  due  Befehl  zurückging;  später  räumten  sie
die  von  ihnen  unter  großen  blutigen  Opfern  genom.
mene  erwähnte  Stellung  kampflos.

An  der  Düna,  bei  Dünaburg  und  Jakobstadt  griffen
die  Russen  Mitte  Juli  ebenfalls  an,  auch  hier  erfolglos.
  Am  24.  Juli  jedoch  dggolang  es  ihnen,  längs  der
Eisenbahn  Dünaburg  -  Wilna  vorzudringen.  Die
kriegerische  Handlung  endigte  hier  genau  so  wie  bei
Smorgon:  die  Russen  verzichteten  auf  Weiterführung
        <pb n="107" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Osten  Sommer  1917  bis  März  1918

des  Kampfes  und  gingen  nach  einigen  Tagen  wieder
in  ihre  Ausgangsstellungen  zurück.  —  Von  weiteren
Kämpfen  ist  hier  zunächst  zwischen  Brody  und  der
Ostsee  nichts  mehr  zu  melden.  Aus  den  geschilderten
Kämpfen  ergab  sich,  daß  das  russische  Heer  durch  die
Staatsumwälzung  seinen  inneren  Halt  zum  großen
Teil  verloren  hatte.  Seine  tüchtigsten,  kampfesmutigsten
  pen  hatten  außerdem  ganz  besonders  schwere
blutige  Opfer  gebracht,  wodurch  auch  ihre  Widerstandskraft
  sehr  bedeutend  verringert  war.

Der  Arieg  im  Osten  von  August  bis  Movember  1917.

Ober-Ost  erhielt  nach  Einstellung  der  Offensive  in
Galizien  eine  neue  Aufgabe,  nämtlich  die  Vorschiebung
  des  nördlichen  Flügels  der  deutschen  Ostfront.

95

ten;  der  feindliche  Rückzug  ging  weiter  nach  Nordosten.
  Die  Stellungen  bei  Friedrichstadt  wurden  am
5.  ebenfalls  geräumt;  7500  Gefangene,  180  Geschütze,
200  Maschinengewehre  betrug  ett  chon  die  Beute.—
Da  mit  Erreichung  dieser  Gegend  den  Russen  ihr
nördliches  Ausfalltor  gegen  Westen  verriegelt,  den
Deutschen  aber  der  Weg  zu  einer  Fortsetzung  des
Vormarsches  gegen  Nordosten  auf  Petersburg  zu  geöffnet
  war,  wurden  die  Bewegungen  der  8.  Armee
hier  Bnächst  eingestelt  Am  22.  Sept.  wurde  noch
der  Brückenkopf  bei  Jakobstadt,  die  Dünalinie  von
Lievenhof  bis  Storkurannhof  besetzt.

Die  Lage  blieb  auf  diesem  Kriegstheater  unverändert
  bis  zum  12.  Oktober.  —  An  diesem  Tage  begann
  eine  gemeinsame  Kampfhandlung  der  Marine  —

T

E  a
t#
15  8

êt  (o
Malistab  1:1300000
—..  —....  ———

M####ss#mie  545  Z  M27.
—--"  "  "  n.  A.  Æ,  ELAöA
–a  71—  —

Während  unsere  Heeresberichte  von  dem  südlichen
Flügel  von  der  Abwehr  starker  Gegenangriffe  der  Russen,
  die  die  Rumänen  zu  entlasten  suchten,  fast  täglich
meldeten,  wobei  die  eigenen  Stellungen  vielfach,  bes.
im  Trotustale,  verbessert  werden  konnten,  wurde  ant
23.  die  Aufmerksamkeit  auf  die  Gegend  von  Riga  gerichtet,
  aus  der  starkes  Artilleriefeuer  gemeldet  wurde.
Die  Russen  hatten  hier  wohl  die  Vorbereilungen
zu  einem  großen  Angriff  bemerkt,  denn  sie  räumten
ü#re  Stellungen  westlich  von  der  Aa  bis  zur  Linie
ding—-  Bigaun,  wohin  deutsche  Abteilungen  sofort
folgten;  auch  nordwestlich  von  Jakobstadt  gingen  die
Russen  zurück.  Am  1.  Sept.  begann  nun  der  deutsche
Vormarsch.  Die  Düna  wurde  bei  lxküll  Überschritten,
der  Feind  hier  geworfen,  infolgedessen  gab  er  seine
ganze  Stellung  westlich  vom  Flusse  auf;  die  12.  russche
  Armee  hatte  der  Stoß  der  8.  Armee  (Hutier)  hier
etroffen.  Sie  stellte  sich  nun  vor  Riga  zum  Kampf.
Kec  zweitägiger  Schlacht  war  der  Feind  geschlagen,
die  Stadt  am  3.  genommen;  der  Feind  ging.  teilweise
in  Unordnung,  nach  Nordosten  zurück.  Am  4.  Sept.
war  Dünamünde  in  deutscher  Hand,  vordöstich  davon
  die  Ostsee  erreicht,  die  livländische  Aa  üÜberschrit-Riga

  1017.

die  erste  und  einzige  im  Kriege  —  mit  der  8.  Armre.
Eine  Transportslotte  war  im  stillen  in  Libau  gesammelt
  worden.  Unter  dem  Schutz  eines  Teiles
unserer  Hochseeflotte,  nach  russischen  Berichten  aus
6  Großkampfschiffen,  12  kleinen  Kreuzern,  40  Zersrern
  und  80  Minensuchern  bestehend,  trat  sie  mit

en  eingeschifften  Regimentern  des  Generals  v.  Kathen
  die  Fahrt  nach  der  Insel  Oselln  an,  vor  der  sie
nach  Aufräumung  ausgedehnter  Minenfelder  am  12.
Okt.  erschien.  In  der  da  bis  zum  21.  Olt.  wurde
der  Meerbusen  von  Riga  von  feindlichen  Schiffen
gesäubert,  die  ihm  vorgelagerten  Inseln  Osel,  Dagö
und  Moon  erobert.  Die  Unternehmung  brachte  eine
Gesamtbeute  von  20000  Gefangenen,  über  100  Geschützen
  und  150  Maschinengewehren.  In  großen
Zügen  verlief  dieselbe  in  der  Weise,  daß  am  12.  Okt.
die  Beschießung  der  Befestigungen  auf  der  Halbinsel
Sworbe  begann;  sie  waren  so  schnell  niedergekämpft,
daß  noch  an  demselben  Tage  im  Nordwesten  zuerst
gelandete  Truppen  ins  Innere  der  Insel  den  Bormarsch,
  dem  die  Rufsen  keinen  wirksamen  Aufenthalt

1  Bal.  bie  Schtlderung  mit  Karte  auf  S.  133f.
        <pb n="108" />
        96

zu  bereiten  verstanden,  antreten  konnten.  Am  14.
wurde  die  Halbinsel  Sworbe  von  Norden  abgeschnürt
und  Arensberg  erreicht.  Der  Feind  wurde  am  15.
dann  so  scharf  gedrängt,  daß  sich  nur  Teile  über  den
nach  der  Insel  Moon  führenden  Dumm  retten  konnten.
Die  kleinen  Inseln  Rund  und  Abro  wurden  an  demselden
  Tage  besetzt.  Am  16.  war  ganz  Osel  in  deutscher
  Hand.  Die  Beute  betrug  10000  Gefangene  und
50  Geschütze.  Die  Operationen  wurden  nun  in  der
Weise  fortgesetzt,  daß  zunächst  die  Flotte  nach  Durchbrechung
  der  Minensperre  des  Rigaischen  Meerbusens
bis  zum  Südausgang  des  großen  Moon-Sundes
vordrang  und  die  russischen  Batterien  auf  der  Insel
Moon  und  der  estländischen  Küste  zum  Schweigen
brachten.  —  Die  russischen  Seestreitkräfte  hatten  zu
entkommen  vermocht.  Am  18.Okt.  erkämpften  Truppen
  der  Division  Estorff  das  Westufer  der  Insel,  am
Mittag  war  die  ganze  Insel  in  ihrem  Besitz,  1200
Mann  gefangengenommen.  Am  20.  wurde  noch  Dagö
besetzt,  ebenso  Schildau.

Die  deutsche  obere  Heeresleitung  schloß  die  Operation
  am  21.  Okt.  ab;  sie  brachte  das  dadurch  zum
Ausdruck,  daß  sie  am  22.  die  zwischen  dem  Rigaischen
Meerbusen  und  der  Düna  bei  Beginn  der  Operationen

egen  Osel  vor  die  Hauptstellung  weit  vorgeschobenen
Sicherungstruppen,  die  dem  Gegner  den  Einblick  in
die  Verhältnisse  an  der  deutschen  Front  mit  Erfolg
verwehrt  hatten,  zurücknahm.  —  Von  nun  an  lauteten
  die  deutschen  Tagesberichte  über  Vorgänge  an
der  Ostfront  immer  wieder  nur:  Keine  Ereignisse
von  Bedeutung.

Im  Inneren  Rußlands  begann  die  Herrschaft  der
Bolschewiki  mit  ihren  blutigen  Vergewaltigungen  der
widerstrebenden  Elemente.  Anderseits  nahmen  aber
auch  die  Bestrebungen  zur  Herbeiführung  eines  Friedens
  mit  den  Vierbundmächten  immer  mehr  zu.  Die
Russen  drohten  ihren  Bundesgenossen  schließlich  mit
Abschließung  eines  Sonderfriedens.  Bei  der  Kriegsmüdigkeit
  des  ganzen  Volkes  sahen  dierussischen  Machthaber
  wohl  die  Unmöglichkeit  weiteren  erfolgreichen
Widerstands  ein;  für  Rußland  war  der  Krieg  jetzt
tatsächlich  schon  beendet.

Vom  Wassenstillstand  (26.  Nor.  1917)  bis  zum
Krieden  von  Brest  Litowsk  (3.  März  1918).
Am  26.  Nov.  1917  ließ  Trotzki,  der  russische  Volksbeauftragte

  der  Sowjet-Republik  für  Kriegs  und

Marine--Angelegenheiten,  zugleich  Höchstbefehligender

des  Heeres,  bei  dem  Oberkommandierenden  im  Osten,

Prinz  Leopold  von  Bayern,  anfragen,  ob  die  deutsche

obere  Heeresleitung  zu  sofortigen  Verhandlungen

über  Herbeiführung  eines  Waffenstillstandes  bereit
sei.  Nach  Eingang  der  Zustimmung  der  Mächte  des

Vierbundes  erfolgte  auf  allen  russischen  Fronten  die

Einstellung  der  Feindseligkeiten.  Die  Verhandlungen

wurden  für  die  Deutschen  durch  den  Chef  des  Stabes,

General  Hoffmann,  mit  Trotzki  geführt;  an  ihnen

nahmen  auch  Bevollmächtigte  Rumäniens  teil.  Am

2.  Dez.  schon  war  in  zahlreichen  Abschnitten  der  russischen

  Stellungen  Waffenruhe  von  Division  zu  Division

  vereinbart  worden.  Mit  der  russischen  Armee,
die  vom  Pripjet  bis  südlich  von  der  Lipa  stand,  wurde
von  den  gegenüberstehenden  Divisionen  der  Verbündeten
  ein  Waffenstillstand  abgeschlossen;  am  4.  begannen
  Verhandlungen  über  einen  solchen  mit  General
  Krylenko,  dem  Oberbefehlshaber  der  zwischen
dem  Dnjestr  und  dem  Schwarzen  Meere  stehenden

1.  Kriegsgeschichte

allgemeine  Waffenruhe  auf  die  Dauer  von  10  Tagen
in  Kraft,  ein  Vertrag,  der  am  15.  Dez.  für  ganz  Rußland
  auf  26  Tage  ausgedehnt  wurde  —  vom  17.
mittage  ab,  mit  siebentägiger  Kündigung  bis  zum
Abschluß  des  Friedens.  Die  Verhandlungen  zur  *
beiführung  eines  solchen  begannen  am  22.  Dez.  in
Brest  Litowsk.  Am  28.  Deeriagte  sich  die  Versammlung
  der  beiderseitigen  Vertreter,  um  den  übrigen
Mächten  der  Entente  Gelegenheit  zu  geben,  sich  ebenfalls
  an  ihnen  zur  Herbeiflührung  eines  allgemeinen
  Friedens  zu  beteiligen.  Am  4.  Jan.  1918  wurden
die  Verhandlungen  wieder  ausgenommen,  die  Entente
hatte  die  Teilnahme  abgelehnt.

Infolge  der  Staatsumwäclzung  hatten  sich  verschiedene
  Teile  des  Zarenreichs  selbständig  gemacht,  so  die
Ukraine,  mit  der  es  schon  am  9.  Febr.  zum  Friedensschluß
  kam.  Am  10.  Febr.  ging  die  Versammlung
nach  ergebnislosen  Verhandlungen  auseinander.  Die
Sowjet-Regierung  erklärte  jedoch  den  Kriegszustand
mit  dem  Vierbund  für  beendigt,  erteilte  gleichzeitig
Befehl  zur  völligen  Abrüstung  der  russischen  Streitkräfte
  in  allen  vorderen  Stellungen,  unterzeichnete
aber  keinen  Vertrag  mit  den  bisherigen  Feinden.  Im
Innern  des  Zarenreiches  begann  nun  der  Bürgerkrieg.
  Da  die  Trotzkische  Regierung  auch  gegen  die
Ukraine  Feindseligkeiten  eröffnete,  rief  dieser  neue
Staat  Deutschland  zur  Hilfe  herbei.  Die  deutsche  Regierung
  sah  sich  ferner  durch  Maßnahmen  offensichtlicher
  Verletzung  des  Waffenstillstandes  veranlaßt,  ihn
am  10.  Febr.  zu  kündigen.  Die  russischen  Volksbeauftragten
  Lenin  und  Trotzki  hatten  nämlich  durch  Funkspruch
  die  deutschen  Heere  zur  Revolution  aufgefordert.
Es  wurden  folgerichtig  deutscherseits  die  Feindseligkeiten
  wieder  eröffnet,  um  schließlich  die  Russen  zu
zwingen,  einen  Friedensvertrag  zu  unterzeichnen.

Am  18.  Febr.  um  12  Uhr  mittags  wurde  auf  dem
linken  Flügel  der  Vormarsch  in  Richtung  Dünaburg
  angetreten  und  die  Düna  kampflos  erreicht.
Von  der  Mitte,  von  Kowel  aus,  gingen  deutsche
Truppen  zur  Unterstützung  der  Ukraine  vor.  Am  19.
schon  wurden  die  20  km  vor  der  bisherigen  deutschen
Front  beiderseits  der  Bahn  Riga-Petersburg  neubezogenen
  russischen  Stellungen  gestürmt;  über  Dünaburg
  hinaus  wurde  in  nordöstlicher  und  östlicher
Nichtung  vorgestoßen,  während  zwischen  Dünaburg
und  Luzk  der  Vormarsch  allgemein  angetreten  wurde;
Über  Luzk  hinaus  wurde  die  Richtung  auf  Rowno
genommen.  Gleich  die  ersten  Tage  des  Vormarsches
zeigten,  daß  die  feindliche  Armee  völlig  demoralisiert
war  und  nicht  mehr  ernstlichen  Widerstand  leisten
wollte  noch  konnte,  da  eine  große  Menge  von  Leuten
sich  kampflos  ergaben,  auch  Geschütze  und  Fahrzeuge
beim  Rückmarsch  einfach  stehen  ließen.

Die  Wirkung  der  energischen  Unternehmungen  von
Ober-Ost,  die  erkennen  ließen,  das  die  deutsche  Regierung
  nicht  gesonnen  war,  sich  weiter  von  Trotzki  hinhalten
  zu  lassen,  machte  sich  sofort  bemerkbar.  Am
19.  Febr.  schon  ließ  die  Sowjet-Regierung  durch  Funkspruch
  erklären,  daß  sie  sich  veranlaßt  sehe,  in  Anbetracht
  der  geschaffenen  Lage  den  Frieden  unter  den
Bedingungen  zu  unterzeichnen,  die  in  Brest  Litowst

estellt  worden  seien.  Der  Vormarsch  wurde  zunächst
forigesegt,  und  zwar  auf  dem  linken  Flügel  von  der
Heeresgruppe  Eichhorn  von  der  Insel  Moon  aus  über
den  zugefrorenen  Sund  nach  Estland  hinein.  Leal
wurde  besetzt;  im  Vormarsch  am  Rigaischen  Busen
Pernigel  und  Lemsal  erreicht,  Wenden  durchschritten.

russischen  und  rumänischen  Truppen.  Am  7.  trat  eine  Zwischen  Dünaburg  und  Pinsk  wurde  nach  Osten
        <pb n="109" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  September  1917  bis  November  1918

vorgedrungen.  Weiter  südlich  ging  die  Heeresgruppe
Linsingen  vor,  Rowno  wurde  vom  Feinde  geräumt;
die  Beute  des  dreitägigen  Vormarsches  belief  sich  auf
rund  9000  Mann,  1253  Geschütze,  120  Maschinenewehre,
  5000  Fahrzeuge,  100  Eisenbahnwagen  mit
Hebensmitteln.  Am  21.  erreichte  der  deutsche  Vormarsch
  Hapsal  in  Ellland.  Ronneburg,  Wolmar  in
Livland  und  Minst.  Linsingen  stellte  in  Nowograd
Wolynsk  die  Fühlung  mit  den  ukrainischen  Truppen
her,  während  andere  Abteilungen  auf  Dubno  marschierten.
  überall  war  nur  schwacher  Widerstand  zu
brechen.  Am  23.  stand  Eichhorn  nach  der  Einnahme
von  Walk  schon  vor  Reval,  Linsingen  in  Iskorest.  Am
24.  wurden  im  Norden  Pernau,  im  Süden  Rowno
und  Shitomirbesetzt;  am  25.,  vier  Tage  nach  überschreiten
  des  Moonsundes,  wurde  Reval  dem  Gegner
entrissen,  südlich  von  Pleskau  war  der  Widerstand  des
Feindes  heftiger;  er  wurde  nach  hartem  Kampf  gebrochen.
  Die  Heeresgruppe  Linsingen  wurde  an  diesem
  Tage  durch  längs  des  Pripiet  in  der  Ukraine  vorstoßende
  Kräfte  bei  Kolenkowitschi  angegriffen,  der
Feind  wurde  geschlagen.  Ruhe  trat  allmählich  in  der
Ukraine  ein,  in  welche  Teile  der  deutschen  Truppen
bis  300  km  weit  hineinmarschiert  waren.  Am  26.
Febr.  setzte  Eichhorn  seinen  Vormarsch  über  Dorpat
hinaus  fort,  in  der  Ukraine  wurde  Berditschew  erreicht.
  Der  Tagesbericht  vom  1.  März  konnte  melden,
daß  die  Truppen  Eichhorns  weiter  in  Estland  vordrangen,
  daß  ferner  in  der  Ukraine  der  Dnjepr  erreicht,
  Rjetschiza  erstrmt  und  bei  Mosyr  die  Pripjet-Flottille
  erbeutet,  die  Bahnlinie  Kiew-Schmerinka
überschritten  worden  sei,  daß  nördlich  vom  Pruth  auch
österr-ungar.  Truppen  der  Ukraine  zur  Hilfe  eingerückt
seien.  Am  1.  März  wurde  im  Verein  mit  Ukrainern
Kiew  genommen,  die  Osterreicher  erreichten  an  diesem
Tage  Schmerinka.  Die  Operationen  wurden  durch
die  am  3.  März  nachmittags  erfolgte  Unterzeichnung
des  Friedens  zwischen  dem  Vierbund  und  Rußland  in
Brest  Litomsk  beendet.  Die  Gesamtbeute  der  wenige
Tage  ausfüllenden  Operationen  betrug  6800  Oiiere,
  57500  Mann  Gefangene,  2600  Geschütze,  5000
Naschinengewehre,  mehrere  tausend  Fahrzeuge,  500
Kraftwagn.  800  Lokomotiven  und  8000  Eisenbahnwagen.
  Auf  der  ganzen  Ostfront  trat  Ruhe  ein,  da
auch  Rumänien  am  4.  März  die  Waffenstillstandsbedingungen
  der  vereinigten  Mächte  annahm.

Da  die  finnländische  Regierung  das  Deutsche  Reich
um  Hilfe  gegen  die  vordringenden  revolutionären
Russen  bat,  wurden  die  Nlandsinseln  nach  Einvernehmen
  mit  Schweden  von  deutschen  Truppen  besetzt.
  —  In  der  Ukraine  machten  sich  noch  immer  bolschewistische
  Umtriebe  int  Auftreten  von  bewaffneten
Banden  äußerst  fühlbar.  So  wurden  Mitte  März
deutsche  Truppen  von  Braila  über  Galatz  nach  Odessa
in  Marsch  gesetzt;  die  Stadt  wurde  am  13.  März  nach
kurzem  Kampf,  am  17.  Nikolajew,  am  20.  Cherson,
  am  4.  April  Jekaterinoslaw  besetzt.  Die
deutschen  Truppen  bahnten  sich  dann  durch  erfolgreiche
  Gefechte  bei  Perekop  und  Kant-Kasan  den  Weg
in  die  Krim,  am  1.  April  wurden  Festung  und  Kriegshafen
  Sebastopol,  23.  April  Simferopol  besetzt.
Am  4.  Mai  wurde  bei  Kursk  zwischen  den  deutschukrainischen
  und  den  Bolschewiki-Truppen  ein  Waffenstillstand
  abgeschlossen.  In  Charkow  wurden  Abgrenzungen
  zwischen  den  Heeren  festgesetzt;  die  Feindseligkeiten
  waren  an  dieser  Stelle  beendet.  Deutsche
Besatzungen  blieben  hier  bis  zum  Waffenstillstand  mit
der  Enteten  am  11.  Nov.  1918.  In  Finnland  waren

Der  Krieg  1914,19.  III.

97

bei  Lovisa  starke  deutsche  Truppen  unter  General  Graf
v.  d.  Goltz  gelandet  worden,  die  sich  sofort  Helsingfors'
  bemächtigt  hatten.  Dann  wurde  von  dort  der
Vormarsch  in  nördlicher  Richtung  auf  Lathi  an  der
Bahn  Tammerfors—Wiborg  angetreten.  Wiborg
fiel.  Es  kam  zur  Entscheidungsschlacht  vom  28.  April
bis  2.  Mai  nordöstlich  von  Tavastehus-Lathi.
Die  roten  Garden  wurden  vernichtet  und  20000  unverwundete
  Gefangene  gezählt;  die  Verbindung  mit
den  nördlich  von  Lathi  heranrückenden  weißen,  finnischen
  Garden  wurde  aufgenommen.  Auch  hier  war
der  Krieg  zu  Ende.  —  Allgemeine  Ruhe  auf  der  Ostfront
  trat  bei  den  Armeen  ein,  es  fiel  ihnen  nur  noch
Dienst  zur  Aufrechthaltung  der  Ordnung  zu,  auf  der
ganzen  Front  vom  Vottnisten  Busen  bis  zum  Asow.
schen  Meere.

14.  Der  Krieg  im  Westen  vom  September
1917  bis  November  1918.

Gegen  Ende  August  1917  hatte  es  sich  wiederum
entschieden,  daß  die  Mauer,  die  die  Deutschen  an  der
Westfront  errichtet  hatten,  mit  den  augenblicklichen
Mitteln  von  den  Feinden  nicht  zu  durchbrechen  war.
Um  diese  Zeit  trat  eine  allgemeine  Ermattung  in
ihren  immer  noch  nicht  aufgegebenen  Angriffen  ein.
Gewaltige  Opfer,  sie  wurden  auf  300000  Mann  geschätzt,
  hatten  die  Unternehmungen  wieder  den  Engländern
  und  Franzosen  gekostet.  Immer  verlangender
  richteten  sich  daher  die  Blicke  nach  der  amerikanischen
  Hilfe.  Sie  begann  sich  in  vorderster  Linie  nur
allmählich  entlastend  fühlbar  zu  machen.  Bis  dahin
hatten  die  Vereinigten  Staaten  den  Verband  nur
durch  Geld  und  Kriegsmaterial  zu  unterstützen  vermocht.
  Sie  hatten  aber  ein  Millionenheer  aufzustellen
  und  über  den  Sean  herüberzuführen  zugesagt
und  unternommen.  Eine  französische  Militärkommission
  hatte  die  Bildung  des  Heeres  und  seine  Ausbildung
  geleitet.  Schon  Anfang  1917  begannen  die
Transporte  der  Hilfsarmeen  über  See.  Die  Anlömmlinge
  wurden  zunächst  in  übungslagern  in  Frankreich
für  den  Grabenkrieg  ausgebildet;  im  September  erschienen
  die  ersten  Abteilungen  an  der  Front,  und
zwar  in  Lothringen  und  den  Nordvogesen,  von  französischen
  Abteilungen  eingerahmt.  Gleich  die  ersten
Erkundungsunternehmungen,  in  denen  Deutsche  auf
Amerikaner  trafen,  ergaben,  daß  sie  in  keiner  Weise
gering  einzuschätzende  Gegner  waren  ihre  Ausbildung
nicht  minder  wie  ihr  Geist  war  recht  gut.  Mit  jedem
Monat  nahm  die  Zahl  der  Amerikaner,  deren  Hauptlandungsplatz
  Brest  war,  zu;  sie  erreichte  ihren  Höchststand
  im  Juli  1918:  1¼  Million  Kämpfer.  Sie  wurden
  allmählich  in  drei  selbständige  Armeen  gegliedert,
den  Oberbefehl  führte  General  Pershing.

Die  Monate  September  und  Oktober  dauerten  die
Kämpfe  in  Flandern,  im  Artois  und  auch  vor  Verdun
an,  stets  mit  demselben  Mißerfolg  für  den  Verband.
Nur  in  den  Kampftagen  des  22.—25.  Okt.  drangen
die  Franzosen  bei  Vauxaillon  nördlich  von  Soissons
in  beträchtlicher  Breite  in  die  deutsche  Stellung  ein.
Die  Einzelkämpfe  auf  der  übrigen  Front  hatten  keine
besonderen  Ergebnisse,  geitigten  auch  keine  besonderen
Erscheinungen.  —  Der  Monat  November  brachte
gewichtigere  Kampfhandlungen.  Die  immerfort  sich
erneuernden  verlustreichen  Kämpfe,  die  um  den  Besitz
der  Höhen  gingen,  über  welche  der  -Damenwege=  hinwegzieht,
  bewog  die  deutsche  obere  Heeresleitung,  in
der  Nacht  vom  1.  zum  2.  Nov.  ihre  Stellungen  von
der  Nordseite  der  Höhen  auf  das  nördliche  Ufer  der

7
        <pb n="110" />
        98

Ailette  —  2  km  tief  —  zurückzuverlegen.  Hierdurch
wurde  es  den  Franzosen  möglich,  die  Gegend  von  Laon
mit  Erfolg  unter  söwereh  rtilleriefeuer  zu  nehmen.
Sie  folgten,  ohne  jedoch  zu  weiteren  Angriffen  zu
schreiten.  In  Flandern  gelang  es  den  Engländern,
die  das  Drängen  auf  Ostende  und  Zeebriütgge,  die
deutsche  U.  Bootbasis,  nicht  aufgaben,  in  die  deutschen
Stellungen  bei  Paeschendaele  einzudringen,  der  Ostteil
  des  Dorfes  blieb  jedoch  in  deutscher  Hand.

Die  Kämpfe  bei  Cambrai  im  Vovember  und

Bezember  1917.

Einen  weit  größeren  Erfolg  errangen  die  Engländer
bei  Cambrai  durch  die  erstmalige  Anwendung  von

I.  Kriegsgeschichte

um  die  Armee  des  Generals  v.  d.  Marwitz,  der  früher
im  Osten  sich  als  Führer  des  Beskidenkorps  hervorbetan
  hatte,  zum  umfassenden  Gegenstoß  gegen  den
n  die  deutsche  Stellung  vorgetriebenen  englischen  Keil
bereitzustellen.  Am  24.  Nov.  setzte  dieser  mit  Erfolg
ein.  Unter  der  Gunst  der  Umfassung  gelang  es,  eine
überlegene  Artillerie  zu  entwickeln.  Bis  zum  30.
Nov.,  an  welchem  Tage  die  deutschen  Truppen  beiderseits
  von  Banteux  an  der  oberen  Schelde  die  Höhen
auf  dem  westlichen  Flußufer  stürmten,  die  Dörfer
Gonnelien  und  Villers-Guislain  nahmen,  war  fast
das  ganze  in  den  Vorwochen  verlorengegangene  Gelände
  wiedergewonnen.  Am  I.  Deg.  ging  der  deutsche
Gegenangriff  mit  unverminderter  Wucht  weiter  darüber

  hinaus.  Bis  zum  7.  Dez.  dauerten

"

·«»

Mlra#rt-  G.  "

—  2—  .
#  W
–

—

Malstab  1.300  000
—————
eSmeme  mlne  dan  #uU  7
i#a—-  «  «  samjwmz
«-,-«-.,--,·-,;ae;kw»2kck.pk  .
%  Neitc-#  #  —  ——
lunder

MMAulmen

#v5§#9#  éan#r###nten

die  Kämpfe  noch  an  sie  wurden  deutscherseits
  eingestellt,  als  man  die  Engländer
  hier  empfindlich  z8  chädigt
hatte  und  man  wieder  in  ben  alten
Stellungen  stand,  über  die  man  zur
Verbesserung  an  einigen  Stellen  hinausgegangen
  war.  Dieser  erfolgreiche
Ge  Ensoßk  war  ein  besonders  harter
lag  für  die  Engländer,  denen  tatsächlich
  zum  ersten  Male  die  Durchbrechung
  des  deutschen  Verteidigungssystems,
  wenn  auch  auf  einer  Uleinen
Strecke,  gelungen  war.  Mit  einem
Verlust  von  13000  Gefangenen,  150
Geschützen  u.  780  Maschinengewehren
waren  sie  in  ihre  Ausgangsstellungen
urückgeworsen  worden.  —  Hiermit
schtossen“  die  großen  Unternehmungen
des  Jahres  1917  ab;  örtliche  und  Geschößrümfe
  diese  oft  von  bedeutender
  Wucht  und  auch  großer  räumlicher
üusbehnung  eßen  beide  Gegner  nicht
so  recht  zu  einer  Winterruhe  kommen.
Wie  in  den  Kriegsjahren  1914,  1915
und  1916  blieb  auch  1917  die  deutsche
Mauer  zwischen  der  Nordsee  und  der
Schweiz  unerschüttert.

Die  Vorbereitungen  für  die  Gntscheidung.


Während  noch  die  Kämpfe  um  Cambrai

  tobten,  begannen  schon  in  allen

Cambrai  1917.

Tanksin  gewaltigen  Massen,  die  dem  Infanterieangriff
den  Weg  bahnten.  Da  unsichtiges  Wetter  die  Unternehmung
  begünstigte,  brachen  gt  in  12  km  Front  bis
in  die  dritte  Stellung  des  deutschen  Verteidigungsbltems
  ein;  englische  Kavallerie,  zur  Ausbeutung  des

rfolges  bereitgehalten,  erschien  schon  am  Abend  des
ersten  Gefechtstages,  den  16.  Nov.,  in  den  Vorstädten
von  Cambrai.  In  London  wurden  auf  den  Bericht  des
an  der  Einbruchsstelle  befehüügenden  Generals  Byng
die  Siegesglocken  geläutet.  Allein  es  fehlte  dem  Engländer
  an  Kraft  und  an  Geschick,  die  Einbruchsstelle
so  zu  erweitern,  daß  Reserven  hindurchstoßen  und  die
W7  Stellung  aufrollen  konnten,  was  doch  beabchtigt

  war.  Bis  zum  21.  Nov.  rannten  die  Engländer
immer  von  neuem  südlich  und  nördlich  von  Cambrai,
  an  der  Schelde  und  an  der  Straße  Cambrai-Arras
  ohne  Erfolg  gegen  die  Deutschen,  die  sich  zum
Teil  schnell  neue  Stellungen  geschaffen  hatten,  an.
Die  deutsche  obere  Heeresleitung  benutzte  diese  Zeit,

Heeren  die  Vorbereitungen  für  das
neue  Kiegsjahr.  von  dem  jede  Partei
Überzeugt  war,  daß  es  die  Entscheidung  bringen  müssse
und  werde.  Es  war  daran  auch  nicht  zu  zweifeln,  da
jede  aus  der  Erkenntnis  heraus  die  Entscheidung  suchte,
daß  vielleicht  die  Heere,  die  Front,  aber  niemals  die
Heimat  noch  ein  fünftes  Kriegsjahr  vertragen  würden
und  könnten.  Während  die  amerikanische  Lusfe  immer
mehr  Mittel  aller  Art  für  den  Frühjahrsfeldzug  1918
pberschafte  nahm  England  ein  Gesetz  an,  das  dem

eere  einen  außergewöhnlichen  Zuwachs  von  200000
Mann  brachte;  Frankreich,  das  außer  durch  die  Gefechte
  durch  die  Tuberkulose  besonders  empfindliche
Einbußen  an  Menschen  erlitten  hatte,  rief  den  Jahrang

  1919  ein.  Das  Wichtigste  und  wie  sich  z#t

ntscheidendste  an  neuen  Maßnahmen,  um  den  Sieg
endlich  an  die  Fahnen  zu  fesseln,  bestand  in  der  Schaffengeeines
  einheitlichen  Oberbefehls  aller  Streitkräfte

es  Verbandes  u.  der  assoziiertenVereinigten  Staaten,
  worauf  hauptsächlich  Präsident  Wilson  drang.
Große  Schwierigkeiten  waren  hinwegzuräumen,  ehe
        <pb n="111" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  September  1917  bis  November  1918

dies  erreicht  wurde.  England  sträubte  sich  zunächst
mit  aller  Macht  dagegen,  seiner  ganzen  Politik  in  diesem
  Völkerringen  entsprechend,  seine  Heere  unter  französischen
  Oberbefehl  zu  stellen.  Frankreich,  unterstützt
von  Amerika,  beanspruchte  aber  diesen  ebenso  entschieden;
  es  begründete  diesen  Anspruch  damit,  daß  es
die  Hauposst  des  Krieges  getragen  habe  und  weiter
trage,  auch  seine  Generale  zur  Führung  solch  gewaltiger
  Heere,  wie  sie  dieses  Ringen  auf  einen  Kriegsschauplatz
  anhäufte.  besser  als  die  englischen  und  amerikanischen
  vorgebildet  seien.  Nach  langen  Verhandlungen
  in  Versailles  kam  endlich  die  Bildung  eines
gemeinsamen  Oberbefehls  zustande.  Er  wurde  dem
bisherigen  Führer  der  9.  Armee,  dem  General  Foch,
übertragen.

Es  trat  nun,  während  hinter  den  Fronten  eine  sieberhafte
  Tätigkeit  herrschte,  in  denselben  eine  gewisse
Ruhe  ein,  wozu  auch  schon  die  Witterung  zwang.  Am
9.  Jan.  wurde  die  Stille  durch  einen  Angriff  der  Franosen

  an  der  Suatin  Front  unterbrochen.  Gegen

lirey  richtete  er  sich  in  einer  Breitenausdehnung  von
4  km;  er  wurde  abgewiesen.  Die  allgemeine  militärische
  Lage  blieb  bis  zum  21.  März  im  großen  ganzen
unverändert.  Eine  außerordentlich  rege  Erkundungstätigkeit
  an  beiden  Seiten  füllte  diese  Zeit  aus.  Es  war
nach  allem,  was  die  Erkundungen  ergaben,  anzunehmen,
  daß  General  Fochsich  zunächst  in  der  Verteidigung
halten  werde;  ferner,  daß  er  in  der  Gegend  zwisches
Soissons  und  Paris  eine  Reservearmee  bereitzustellen
unternahm,  um  vielleicht  nach  Abwehr  des  erwarteten
  deutschen  Angriffs  zum  Gegenstoß  überzugehen.
Man  schätzte  diese  zunächst  zurückgehaltenen  Kräfte
auf  annähernd  600000  Mann.  Von  den  Amerikanern
  wurden  Anfang  März  mindestens  ¼  Million
Kämpfer  als  auf  dem  Kriegsschauplatz  eingetroffen
angenommen.  Die  Tätigkeit  der  U.  Boote  hatte  das
Heranbringen  derselben  bei  der  Größe  des  Kriegsschauplatzes
  zur  See  und  bei  der  Vorsicht  des  Gegners,
mit  der  er  Zeit  und  Lauf  seiner  Transporte  zu  verheimlichen
  verstand,  nicht  zu  verhindern  vermocht.

Die  deutsche  Offensive  vom  21.  März  bis  1.  April
1918  (Arras  -  La  Kere)#.

Nachdem  schon  seit  Mitte  März  die  Tagesberichte
eine  Verschärfung  des  Geschützkampfes  in  Belgischund
  Französisch-Flandern,  ferner  zwischen  La  Fere
und  Soissons  sowie  beiderseits  von  Reims  und  in  der
Champagne  gemeldet  und  damit  auf  den  Beginn  der
deutschen  Offensive  vorbereitet  hatten,  brach  am
21.  März  früh  der  Infanterieangriff  gegen  die  engliche
  Front  füdöstlich  von  Arras  bis  La  Free  los;  er
traf  die  3.  und  5.  Armee.  Schon  am  Nachmittag  war
die  ganze  erste  feindliche  Linie  mit  stürmender  Hand
genommen.  16000  Gefangene,  200  Geschütze  waren
die  Beule  des  Tages.  Die  Erfolge  waren  errungen
durch  die  Armeen  Below  (Otto),  v.  d.  Marwitz  und
Hutier.  Am  22.  wurde  der  Angriff  weitergeführt,  am
23.  war  die  Schlacht  bei  Monchy-Cambrai-St.
Quentin-La  Fere  gewonnen.  In  der  Nacht  vom
22.  zum  23.  war  die  dritte  englische  Linie  genommen
worden.  Herangeführte  französische  und  amerikanische
  Reserven  hatten  die  Lage  nicht  wiederherstellen
können.  Die  Beute  wuchs  bis  zum  23.  abends  auf
30000  Gefangene  und  600  Geschütze.  Am  23.  wurde
die  Somme  zwischen  Péronne  und  Ham  übberschritten;
zwischen  Somme  und  Oise  blieben  die  deutschen  Korps

1  Dgl.  die  Karte  6.  100  und  den  Kriegsbericht  GC.  19  fl.

99

der  Armee  Hutier  im  Vordringen.  —  Allgemeine
Bestürzung  brach  in  Paris  aus,  eine  Flucht  aus  der
Stadt  trat  ein,  da  sie  an  diesem  Tage  von  einem  120
km  entfernten  Geschütz  mit  Erfolg  beschossen  wurde.
Am  24.  schlug  Kronprinz  Rupprecht  mit  den  Armeen
Below  und  v.  d.  Marwitz  bei  Bapaume  den  Feind
aufs  neue.  Die  Armee  Hutier,  die  der  Heeresgruppe
des  deutschen  Kronprinzen  unterstand,  setzte  kämpfend
ihren  Vormarsch  über  die  Somme  fort.  Alle  Gegenstöße
  der  eiligstherangeschafften  französischen  und  amerikanischen
  Reserven  wurden  abgewiesen.  Besonders
heftig  waren  diese  zwischen  Somme  und  Oise  am  Crozetkanal.
  Die  Zahl  der  Gefangenen  wuchs  auf  45  000.
Der  Feind  war  bis  zum  25.  mittags  auf  seine  alten,
vor  Beginn  der  Sommeschlacht  1916  gehaltenen  Siellungen
  zwischen  Ancre  und  Somme  zurückgeworfen.
Die  -Große  Schlacht-,  wie  sie  amtlich  von  der  deutschen
  Heeresleitung  benannt  wurde,  dauerte  mit  weiterem
  Vordringen  der  gesamten  angreifenden  Armce
an,  obwohl  aus  Flandern  und  selbst  aus  Italien  herangeführte
  englische  und  französische  Divisionen  sich
denselben  entgegenwarfen.  Am  26.  abends  konnte  gemeldet
  werden,  daß  der  Feind  auf  beiden  Seiten  der
Somme  in  breiter  Front  im  Rückzug  sei,  die  alten
Stellungen,  die  die  Deutschen  vor  der  Sommeschlacht
innehatten,  waren  schon  in  der  Verfolgung  an  vielen
Stellen  überschritten.  Immer  weiter  ging  der  Anriff,
  auf  75.000  Gefangene,  1100  Geschütze  war  die
iegesbeute  gestiegen.  —  Am  31.  März  beginnt  die
Angriffsbewegung  sich  zu  verlangsamen;  es  mußten
in  den  Tagen  bis  zum  6.  April  sehr  starke  französische
Gegenangriffe  gegen  die  neu  gewonnene  Front  Montdidier-Matzbach,
  am  1.  Aprilk  besonders  solche  zwischen
dem  Luce-  und  dem  Avre-Bach  abgewiesen  werden.
Nach  elf  Schlachttagen  standen  die  Angreifer  auf  einer
Front  von  80  km  in  Linie  Tillon  (2½  km  östlich
von  Arras)  -Bucquoi  (2  km  westlich  von  Albert)—
Moreuil  —-  Montdidier  -  Lassigny  -Noyon-Chauny-La
  Fere.  Gesamtbeute:  90000  Gefangene,
  1800  Geschütze.

Die  deutsche  Offensive  vom  6.  bis  30.  April  1918
(Armentieres  und  Kemmel)!.

Am  6.  April  trat  eine  neue  Wendung  in  der  Großen
  Schlachte,  der  Kaiser  Wilhelm  beiwohnte,  ein.  An
diesem  Tage  überschritt  die  Armee  Boehn  die  Oise  auf
der  Strecke  La  Fere-Chauny  und  warf  die  hier
stehenden  Franzosen  6  km  weit  zurück.  Diese  setzten
noch  in  der  Nacht  zum  7.  ihren  Rückzug  fort,  am  folenden

  Tage  wurden  sie  aus  ihren  starken  Stellungen
Küch  von  Couch-le-Chäteau,  am  8.  über  den  Oise-Aisne-Kanal
  geworfen,  Couchy  Lenommen.  An
demselben  Tage  begann  auch  der  Ungriff  gegen  die
englisch-portugiesischen  Stellungen  nördlich  vom  La
Bassoe-Kanal,  also  auf  dem  rechten  Flügel.  Die  erste
feindliche  Linie  zwischen  Armentières  und  La  Bassse-Kanal
  wurde  genommen,  6000  Mann,  100  Geschütze
erbeutet;  am  9.  wurde  die  englische  Linie  auch  nördlich
von  Armentièeres  erobert,  zwischen  diesem  Ort  und
Estaires  die  Lys  überschritten.  Es  waren  die  Armeen
Quast  und  Sixt  v.  Armin,  die  hier  vorgingen.  Am  10.
drang  Quast  in  Armentieres  ein,  südlich  von  Estaires
überschritt  er  die  Lawe.  Die  gesamte  Einbruchsstelle
betrug  30  km.  Am  11.  fiel,  von  Norden  und  Süden
umfaßt.  Armentièeres,  nordwestlich  und  westlich  von
der  Stadt  wurden  feindliche  Gegenangriffe  abgewie-1

  Bal  die  Karte  S.  100  und  den  Kriegsbericht  S.  e2rff.
77
        <pb n="112" />
        L  Kriegsgeschichte

100

####i  #n  dls  tar  uU„  E  u!I  „alu'&amp;amp;è1|HG  „O

—#—4.—  #  42  S
A“-—.—.——  ·

NUU  f
;W  Wirtin-ist«

e——————.  2  »
concng  "  -;»s»,  us

—
        <pb n="113" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  Mai  bis  Juni  1918

sen,  der  Feind  aus  seiner  vierten  Stellung  bei  Bailleul-Merville
  geworfen.  Die  Schlacht  bei  Armentieres
hatte  eine  Beute  von  20000  Gefangenen  und  200
Geschützen  gebracht.  Die  portugiesischen  Truppen  waren
  vernichtet.  Am  13.  fielen  noch  Merris  und  Vieux
Berquin,  am  16.  Wulverghem.  —  Einen  neuen  Anlauf
  nahm  der  deutsche  Angriff  am  16.  Die  Armee
Sixt  v.  Armin  eroberte  Paschendaele,  Wytschaete  und
drängte  den  immer  wieder  zu  Gegenangriffen  sich  aufraffenden
  Feind  über  die  Duve  zurück.  Nach  kurzem,
durch  die  Schwierigkeiten  der  Heranführung  des  Nachschubes
  durch  das  Trichtergelände  verursachten  Stillstand
  holte  die  Urmee  zu  einem  Hauptschlag  gegen  die
das  ganze  Gelände  weithin  beherrschende  Stellung  auf
dem  Kemmelberg  aus;  am  25.  April  fiel  sie  nach
schwerem  Kampf,  in  den  auch  Franzosen  eingriffen,
die  von  der  Rerservearmee  Fochs  herangeführt  worden
  waren.  Während  dieser  Kämpfe  auf  dem  rechten
Flügel  schoben  die  Deutschen  ihre  Linien  in  der  Mitte
auf  Villers-Bretonneux  vor  —  Amiens  lag  unter
schwerem  Feuer.  Noch  weiter  südöstlich  wurde  um  die
Höhen  von  Moreuil  gekämpft;  gerade  hier  machten
die  Franzosen  unausgesetzt  kraftwolle  Gegenstöße,  um
dadurch  vor  allem  die  Engländer  zu  entlasten  und
eine  Umfassung  derselben  von  Norden  her  zu  verhindern.
  Auch  in  Lothringen  war  es  am  20.  April
lebendig  geworden;  zwischen  Maas  und  Mosel  wurde
die  von  Amerikanern  besetzte  Stellung  bei  Seicheprey
genommen,  in  der  Nacht  nach  Zerstörungihrer  wesenilichsten
  Widerstandspunkte  aber  wieder  geräumt.  —
Mit  Ende  April  trat  eine  Pause  in  der  deutschen
Offensive  ein,  die  bis  zum  26.  Mai  anhielt.  In  dieser
Zeit  mußten  eine  Reihe  gewaltiger  Wiedereroberungsversuche
  gegen  den  Kemmel  sowie  gegen  die  Stellungen
  sübsucch  von  Amiens,  bei  Montdidier,  Lassign
und  Noyon  zurückgewiesen  werden.  Auch  regten  sch
die  Amerikaner  südwestlich  von  Blamont,  aber  ohne
Erfolge  erringen  zu  können.  Die  amerikanischen
Transporte  nahmen  auf  die  dringenden  Vorstellungen
Fochs  von  Monat  zu  Monat  in  einem  solchen  Umfange
  zu,  daß  nicht  nur  die  Verluste  ersetzt,  sondern
auch  eine  immer  größere  zahlenmäßige  Überlegenheit
von  Tag  zu  Tag  mehr  sich  bemerkdar  machte.

Die  iFms—  13.Jun1918
isne  -  Marne:

Am  26.  Mai  wurde  die  Offensive  durch  die  Heeresgruppe
  des  deutschen  Kronprinzen  wieder  aufgenommen
  und  südlich  von  Laon  zur  Eroberung  der  Stellungen
  am  Damenweg,  die  von  Franzosen  und
Engländern  verteidigt  wurden,  vorgegangen.  Die  Armee
  Boehn  nahm  den  langgestreckten  Bergrücken,  an
dem  der  große  Durchbruchsversuch  der  Franzosen  im
Frühjahr  1917  zerschellt  war,  nach  starker  Artillerievorbereitung
  mit  stürmender  Hand.  Im  weiteren
Vordringen  war  am  Mittag  schon  die  Aisne  zwischen
Vailly  und  Berry--au-bac  erreicht.  Gleichzeitig  hatte
die  Armee  Below  (Fritz)  den  Feind  aus  seinen  searken
Stellungen  zwischen  Sapigneul  und  Brimont  über
den  Aisne-Marne-Kanal  geworfen.  Am  27.  und  28.
ging  der  Angen  weiter.  Am  29.  wurde  Soissons
genommen,  die  südlich  von  der  Vesle  in  Bildung  begriffene
  neue  Front  der  Franzosen  brach  zusammen;

leichzeitig  fielen  die  Forks  an  der  Nordwestfront  von
Keind.  35000  Gefangene  wurden  bis  zu  diesem  Tage
gezählt.  Fechtend  näherte  sich  Boehn  südlich  von  La

1  Val.  die  Karte  S.  100  und  den  Kriegsbericht  S.  25ff.

101

Fere-en--Tardenois  der  Marne.  Am  30.  wurde  unter
Abweisung  heftiger  Gegenstöße  südlich  von  Soissons  u.
bei  La  Fere-en-Tardenois  der  Fluß  in  breiter  Front
erreicht.  Die  Beute  stieg  auf  45  000  Gefangene,  400
Geschütze  und  1000  Maschinengewehre.  Die  Tage  bis
zun  13.  Juni  brachten  eine  weitere  Vorschiebung  der
eutschen  Linien  auf  Villers  Cotterets  und  südlich  vom
Oureq.  An  der  Marne  rundete  sich  so  durch  neue  Geländegewinne
  die  ursprüngliche  Spitze  der  frisch  eroberten
  Keilfläche  auf  25  km  Breite  ab;  die  ganze
Kampfhandlung  kennzeichnet  sich  dadurch,  daß  Tage
außerordentlich  heftiger  allgemeiner  Kämpfe  mit  Taen
  abwechselten,  an  denen  starkes  Artilleriefeuer  die
Zeit  zum  Zermürben  der  schnell  neu  entstandenen
feindlichen  Stellungen  ausnüßte.  Legztere  benutzte  und
benötigte  der  Angreifer,  um  seinen  Nachschub  heranzuziehen
  und  der  erschöpften  Infanterie  etwas  Ruhe
zu  gewähren.  Gegenangriffe  gegen  Chäteau-Thierry
wurden  um  diese  Fei  zum  ersten  Male  von  geschlossenen,
  größeren  amerikanischen  Verbänden  ausgeführt,
die  zeigten,  daß  die  französischen  Ausbildungsoffiziere
sehr  gute  Arbeit  geleistet  hatten.  Einer  der  erfolgreichsten
  Kampftage  war  der  9.  Juni,  an  diesem  brach
die  Armee  Hutier  in  das  Höhengelände  nordwestlich
von  Noyon  ein,  westlich  und  östlich  von  der  Matz  wurde
serner  Gelände  dem  sich  verzweifelt  wehrenden  Feinde
entrissen.  8000  Gefangene  fielen  in  des  Siegers  Hand.
Am  11.  galt  es  einen  gewaltigen  Gegenstoß  der  Franzosen
  gegen  den  Höhenblock  südwestlich  von  Noyon  abzuweisen.
  Die  Zahl  der  Gefangenen  erhöhte  g4  auf
13000;  ein  zweiter  Gegenstoß  am  12.  teilte  dasselbe
Geschick.—  Auf  deutscher  Seite  gewann  man  den  Eindruck,
  als  ob  die  Reservearmee  des  Generals  Foch  zum
rößten  Teil  schon  angegriffen  und  damit  ein  großer
Erfolg  erreicht  sei,  der  mit  den  stellenweise  nicht  geringen
eigenen  Verlusten  nicht  zu  teuer  erkämpft  worden  sei.
Ungefähr  6820  qkm  umfaßte  das  Gebiet,  das  die
deutsche  Offensive  in  der  Zeit  vom  21.  März  bis  zum
13.  Juni  erobert  hatte.

Die  Kämpfe  im  Westen  bis  zum  15.  Auli  1918.

Mitte  Juni  trat  verhältnismäßige  Ruhe  an  der
Westfront  ein;  die  Ereignisse  auf  dem  ital.  Kriegsschauplatz,
  wo  Osterreich  zum  Angriff  über  den  Piave  vorgegangen
  war  und  anfänglich  bedeutende  Erfolge  errang,
  zogen  für  kurze  Zeit  die  Aufmerksamkeit  von  den
Vorgängen  an  der  Westfront  ab.  Deutsche  Truppen
waren  hieran  nur  mit  kleinen  Abteilungen  deteiligt.

Bis  Mitte  Juli  dauerte  der  Stillstand  in  den  großen
  Leerebewegungen  an  der  Westfront  an;  Fochs
Verluste  waren  bis  dahin  durch  Amerikaner  und  Engländer
  mehr  als  ersetzt.  Ganz  besonders  wurde  ihre
Angriffskraft  zu  erhöhen  gesucht  durch  die  Einstellung
ganz  gewaltiger  Mengen  von  gepanzerten  Kampfwagen,
  von  Tanks  der  verschiedensten  Art,  die  die
amerikanische  Industrie  lieferte  und  trotz  der  Tätigkrit
Unserer  U-Boote  herüberzusenden  vermochte.  —  Reger
örtlicher  Kampf,  Vorfeldkämpfe,  unausgesetzte  Erkundungstätigkeit,
  Artilleriekämpfe  füllten  die  Zeit  aus.
Der  15.  Juli  brachte  die  sehnsüchtig  bei  uns  erwartete
Fortsetzung  der  deutschen  Offensive.  Während  süd-Faülich
  und  östlich  von  Reims  ein  Einbruch  in  die
französischen  Stellungen  gelang,  überschritt  die  Armee
Boehn  zwischen  Jaulgonne  und  westlich  von  Dormans
  die  Marne  und  gete  sich  auf  dem  Südufer  mit
beträchtlichen  Kräften  fest.  Die  Armeen  Mudra  und

1  Vgl.  die  Karte  S.  100.
        <pb n="114" />
        —

—
*—
*
r—t
2

*

4

Feinklce  ffenftve  im  Bem,  Int  dis  Noemer  1.

owe)  Z—iAk#ss  uner

—

I.  Kriegsgeschichte
        <pb n="115" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Westen  Juni  bis  November  1918

Cinem  griffen  den  Feind  in  der  Champagne  auf
der  Front  von  Prunay  östlich  von  Reims  bis  Tahure
an  und  nahmen  im  Kampf  den  sich  geschickt  dem  Angriff
  und  damit  der  Vernichtung  eniziehenden  Franzosen
  unter  General  Mangin  die  vorderste  Stellung;
der  Feind  ging  in  seine  zweite  Linie  Prosnes-Souhain-Perthes
  zurück,  der  deutsche  Angriff  war  fehlgeschlagen.
  Nun  hielt  General  Foch  den  Augenblick
zum  Gegenangriff  für  gekommen.

Die  französisch-englisch-amcrikan.  Gegenoffensivet.
Der  feindliche  Angriff  begann  staffelweise.  Das
französische  Große  Hauptquartier  nahm  seinen  Aufenthalt
  hierzu  im  Walde  von  Compiègne.  Am  16.  Juli
wendete  er  sich  zunächst  unter  Beschäftigung  der  ganzen
  Westfront  durch  starkes  Artilleriefeuer  gegen  die
über  die  Marne  gegangene  Armee  Boehn.  Es  entspannen
  sich  sofort  Ernbare  Kämpfe,  in  denen  der
Angreifer  von  vornherein  eine  ganz  gewaltige  übermacht
  an  Personal  und  Material  entwickelte.  Der  Angriff
  scheiterte  zunächst  unter  blutigen  Verlusten.  Am
17.  Juli,  während  noch  südlich  von  der  Marne  gekämpft
  wurde,  dehnte  sich  der  französische  Angriff,
in  dem  Hunderte  von  Panzerwagen,  vor  der  Infanterie
  hergehend  und  ihr  den  Weg  bahnend,  zu  bekämpfen
  waren,  in  das  Gebiet  zwischen  Aisne  und
Marne  aus.  Ausgangspunkt  war  der  Wald  von
Cotterets.  Die  deutsche  Heeresleitung  hatte  sofort  erkannt,
  daß  General  Foch  nunmehr  die  Entscheidun
des  Krieges  mit  allen  Mitteln  anstrebte.  Der  Angri
gelang  hier  insofern,  als  er  die  deutschen  Linien  zunächst
  etwas  zurückdrückte;  der  Durchbruch,  auf  den
es  angelegt  war,  gelang  nicht,  auch  nicht  bei  der
Fortsetzung  des  Kampfes  am  18.  Juli.  Allein  die  gewaltige
  zahlenmäßige  überlegenheit  machtesich  dadurch
doppelt  fühlbar,  daß  der  Feind  die  abgekämpften  Divisionen
  sofort  durch  frische  Einheiten  schnell  an  allen
Punkten  zu  ersetzen  vermochte.  Es  kamen  nun  eine
Reihe  schwerster  Kampftage  mit  den  Brennpunkten
Soissons,  Ourcque,  Chäteau-Thierry,  Gegend  südwestlich
  von  Reims,  wobei  auf  dieser  Front  zum  ersten
  Male  Italiener  festgestellt  wurden.  Wenn  es  auch
in  diesen  Kämpfen  stets  gelang,  den  Durchbruch  durch
Verlegung  der  Verteidigung  in  rückwärtige  Stellunen
  zu  vereiteln,  so  konnte  dies  doch  nicht  ohne  große
Verluste  an  Menschen  und  Material  durchgeführt
werden.  —  Es  zeigte  sich  im  Laufe  der  weiteren  feindlichen
  Operationen,  daß  der  Gegner  die  durch  die  erfolgreiche
  deutsche  Offensive  in  die  französisch-englische
Stellung  nach  Westen  vorgetriebene  Ausbuchtung  zu
umfassen  suchte  —  also  das  unternahm,  was  die  deutsche
  Hecresleitung  im  Frühjahr  1917  vorausgesehen
und  weshalb  sie  damals  ihre  Linien  zwischen  Arras
und  Soissons  zurückverlegt  hatte.  —  Auf  den  Abschnitt
  südwestlich  von  Reims  dehnte  nun  Foch  seinen
Angriff  weiter  aus,  ohne  daß  seine  Tätigkeit  zwischen
Aisne  und  Marne  erlahmte.  —  Schwere  Artilleriekämpfe
  und  unausgesetzte  Luftangriffe  hielten  die
Deutschen  in  Atem,  wobei  die  Überlegenheit  an  Kampfmitteln
  den  Gegner  sehr  unterstützte.

Die  Fochsche  Angriffsweise  kennzeichnet  sich  wie
folgt:  die  ganze  feindliche  Front  wird  von  ihm  unausgesetzt
  unter  starkem  Artilleriefeuer  gehalten,  ebenso
erfolgen  gleichzeitig  auf  ihr  überall  Erkundungsvoröße.

  Dann  setzt  an  irgendeiner  Stelle  unter  Verwenung
  von  Tank-=  und  Luftgeschwadern  der  Infanterie-1

  Vgl.  die  Karte  S.  108.

103

angriff  Übermächtig  ein.  Wenn  ein  Durchbruch  nicht
gelingt,  und  es  gelang  tatsächlich  ein  solcher  bis  zum
Ende  des  Krieges  an  keinem  Punkte,  so  wird  von  den
Einbuchtungen,  die  durch  die  Angriffe  jedoch  in  vielen
Fällen  erreicht  wurden,  der  Versuch  gemacht,  die  dazwischenliegenden
  Abschnitte  der  deutschen  Stellungen
abzuschnüren.  Das  Feuer  ruhte  auf  der  ganzen  Front
nie,  der  Infanterieangriff  erneuerte  1  staffelweise
unter  Einsetzung  stets  frischer  Divisionen.  Die  deutsche
Heeresleitung  war  daher  für  die  Aufstellung  ihrer  Reserven
  in  einer  schwierigen  Lage,  da  es  nie  vorauszusehen
  war,  wo  der  Gegner#einen  Abschnitt  zum  Angriff
sich  ausgewählt  hatte,  sie  auchin  starker  zahlenmäßiger
Unterlegenheit  war,  mithin  wenig  Reserven  ausgespart
  werden  konnten.  Die  Lage  wurde  immer  schwieriger,
  da  der  n“  )eW1j2s#3

udem  auch  die  Grippe  Lücken  in  die  Bestände  des

ldheeres  riß.  —  Die  deutsche  Kampfweise  kann  im
allgemeinen  gekennzeichnet  werden  als  Rückzugskampf
vor  überlegenen  Kräften  unter  möglichster  Schwächung
  des  Gegners,  Entziehung  des  Heeres  der  mit
einer  Vernichtung  oder  Waffenstreckung  drohenden
Durchbrechung  der  Front,  Vermeidung  jeder  Entscheidungsschlacht.
  Zur  Wiederaufnahme  der  Offensive
fehlten,  wie  man  später  übersah,  die  Mittel  an  Menschen
  und  Kriegsmaterial.  —  Da  es  Foch  gelang,  gestützt
  auf  seine  gewaltige  Überzahl  in  jeder  Beziehung,
seinen  Angriff  im  Fluß  zu  halten,  so  erreichte  er  tatsächlich
  die  Zermürbung  unserer  Heere,  die  durch  das
Friedensangebot  der  deutschen  Regierung  in  der  Nacht

um  5.  Okt.  zum  Ausdruck  kam  und  dem  Feinde  die
age  völlig  klärte.  —  Die  sich  nunmehr  abspielenden
Kampfhandlungen  sind  im  großen  Rahmen  folgende.

Nachdem  der  Plan,  mit  den  Armeen  Mudra  und
Einem  ebenfalls  über  die  Marne  vorzudringen,
durch  die  geschickten  Gegenmaßregeln  der  Armee  Mangin,
  wie  das  die  obere  deutsche  Heeresleitung  freimütig
  zugestand,  gescheitert  war,  war  die  erste  Folge,
daß  die  auf  dem  Südufer  des  Flusses  stehenden  Abteilungen
  der  Armee  Boehn,  die  bisher  eine  Reihe  gewaltigster
  Angriffe  mit  Erfolg  abgewehrt  hatte,  auf
das  nördliche  Ufer  zurückgenommen,  ferner  auch  sehr
bald  Chäteau-Thierry  geräumt  werden  mußte.

Die  Schlacht  zwischen  Aisne  und  Marne  dauertemit
äußerster  Heftigkeit  weiter.  Es  kämpften  hier  Franzosen
und  Amerikaner,  bei  Reims  auch  Italiener.  Vom  23.
bis  26.  waren  verhältnismäßig  ruhigere  Kampftage.
In  der  Nacht  vom  26.  zum  27.  Juli  wurde  deutscherseits
  die  Gegend  zwischen  Ourcq  und  Ardre  geräumt
und  die  Verteidigung  in  die  Gegend  La  Kere-en-Tardenois-Ville-en-Tardenois
  zurückverlegt.  Der  Feind
folgte,  sein  Angriff  am  28.  und  29.  wurde  abgewiesen.
In  der  Champagne  gelang  es  dem  Gegner,  die  Stellung
  am  Fichtelberg  zu  nehmen.  Da  sich  die  Anzeichen

ür  eine  Ausdehnung  des  feindlichen  Angriffs  nach
orden  mehrten,  wurde  auch  die  deutsche  Stellung
beiderseits  von  Albert  und  nördlich  von  Montdidier
zurückgenommen.  Bis  zum  3.  Aug.  war  die  deutsche
Stellung  der  Heeresgruppe  des  deutschen  Kronprinzen
bis  an  die  Aisne  nördlich  und  östlich  von  Soissons
und  an  die  Vesle  zurückverlegt  worden.  Gegen  diese
neue  Front  richteten  sich  nun  die  Hauptanstrengungen
des  Feindes.  Am  8.  Aug.  erfolgte  der  sängst  erwartete
Gegenangriff  der  Engländer  zwischen  Ancre  und
Avre,  der  die  Heeresgruppe  des  Kronprinzen  von
Bayern  traf.  Er  war  mit  Erfolg  gekrönt,  die  deutsche
erste  Linie  wurde  im  ersten  Ansturm  genommen;:  Gegenstöße
  vermochten  dem  Feind  den  Sieg  nicht  mehr
        <pb n="116" />
        104

zu  entreißen.  Er  setzte  seinen  Angriff  am  9.  weiter
fort,  vermochte  aber  damit  nicht  wesentlich  Gelände
zu  gewinnen;  auch  die  in  denselben  Tagen  sich  wiederholenden
  französischen  urgriffe  zwischen  Avre  und  Oise
scheiterten.  Nördlich  von  der  Ancre  wurde  die  deutsche
Stellung  in  Erkenntnis  der  sich  vermehrenden  Wucht
des  feindlichen  Angriffs  wieder  bis  Puisieux  und  Hamel
  zurückverlegt.  Man  gewann  den  Eindruck,  als
ob  die  Heeresleitung  unter  Lieferung  von  Nachhutschlachten
  auf  die  =  Siegfriedstellunge,  aus  der  sie  am
21.  März  zu  dem  großen  Angriff  vorgebrochen  war,
zurüchtinge.  Täglich  wurde  an  der  ganzen  Front  zwischen
  Ancre  und  Vesle  bis  in  die  Champagne  hinein
heftig  gekämpft,  ohne  daß  sich  jedoch  ein  einheitlicher
Angriff  aus  den  einzelnen  Vorstößen  entwickelte.  Besonders
  heftige  Kämpfe  brachte  der  18.  und  18.  Aug.
zwischen  Oise  und  Aisne;  nördlich  von  der  Oise
wurden  die  deutschen  Linien  an  einzelnen  Stellen,
zumal  bei  Bauvreignes  in  der  Avre-Gegend,  zurückgedrückt,
  im  übrigen  gehalten.  Jedoch  in  der  Nacht
vom  20.  zum  21.  mußten  die  Truppen  südwestlich  von
Noyon,  die  im  Carlepont-Walde  fechtenden  Divisionen
hinter  die  Oise  zurückgenommen  werden.  Am  20.  begann
  wieder  ein  großangelegter  Angriff  der  Engländer
  im  Gelände  südlich  von  Arras  in  einer  Frontausdehnung
  von  20  km.  Der  Hauptstoß  erfolgte  von
Engländern  und  Neuseeländern  aus  der  Gegend  zwischen
  Moyenville  und  der  Ancre  in  Richtung  auf  Bapaume;
  am  21.  wurde  der  Angriff  mit  voller  Kraft
fortgesetzt  u.  dehnte  sich  auf  die  Front  Albert-Somme-Niederung
  aus.  Der  Ansturm  wurde  zunächst  abgewiesen.
  Zwischen  Oise  und  Aisne  sah  man  sich  aber
veranlaßt,  in  der  Nacht  vom  21.  zum  22.  Aug.  die
Truppen  hinter  die  Aulette  zurückzunehmen.
Der  24.  Aug.  nötigte  auch  dem  englischen  Angriff
egenüber,  wie  vorauszusehen,  zu  einem  teilweisen
Zurückgehen.  Der  Feind  folgte  und  führte  seinen  Angriff
  mit  weit  Überlegenen  Kräften  unter  Einsatz  von
gem  altigen  Mengen  an  Panzerwagen  mit  Wucht  weiter.
o  kam  es  am  26.  zu  besonders  schweren  Kämpfen
zwischen  Arras  und  der  Somme,  die  sich  am  27.  fortsetzten
  mit  dem  Schwerpunkt  südlich  von  der  Scarpe;
der  Hauptstoß  wurde  beiderseits  der  Straße  Arras-Cambrai
  geführt;  er  scheiterte  im  großen  ganzen;
immerhin  gelang  es  nicht,  den  Angriffswillen  der
Engländer  zu  brechen.  Zwischen  Somme  und  Oise
dauerte  der  Rückzug  der  Deutschen  fort,  Chaulnes  und
Roye  kamen  in  Feindeshand.—  Südöstlich  von  Arras
dauerte  der  Kampf  ununterbrochen  fort,  die  Heeresgruppe
  Boehn  hatte  einen  besonders  schweren  Stand:
am  29.  mußte  die  Verteidigung  in  neue  Linien  östlich
von  Bapaume  und  nordwestlich  von  Péronne  verlegt
  werden.  Zwischen  Ailette  und  Aisne  kam  es  zu
französisch-amerikanischen  Angriffen,  die  zunächst  erfolglos
  blieben.  —  Der  30.  Aug.  brachte  wieder  eine
gewaliige  Fortführung  des  Angriffs  südöstlich  von
rras,  durch  den  einelne  Stellen  der  deutschen  Front
abbröckelten.  —  Die  Neugestaltung  der  deutschen  Verteidigungslinie
  südlich  von  Arras  veranlaßte  die  Heeresleitung,
  auch  auf  dem  nördlichen  Teil,  in  Flandern,
andere,  weiter  rückwärts  gelegene  Stellungen  beziehen
zu  lassen  Am  31.  Aug.  wurde  der  Kemmel  wieder  aufgegeben,
  die  Front  verkürzte  man  so  durch  die  Räumung
  des  auf  Hazebrouck  vorspringenden  Bogens  zwischen
  Dpern  und  La  Bassce.  Zwischen  Oise  und  Aisne
begannen  mit  diesem  Tage  neue  gewaltige  Kämpfe.  Da
am  1.  Sept.  zwischen  Scarpe  und  Somme  auf  45  km
Breite  wieder  starke  englische  Kräfte  eingesetzt  wurden,

I.  Kriegsgeschichte

so  tobte  der  Kampf  auf  der  ganzen  Linie.  Péronne
fiel,  der  englische  Angriff  gewann  am  2.  langsam  weiter
  Boden.  In  der  Nacht  mußten  die  erschöpften  deutschen
  Streitkräfte  zurückgenommen  werden.  Ebenso
wurde  dies  zwischen  Somme  und  Oise  notwendigsowie
östlich  von  Soissons  und  an  der  Vesle.  Es  warnicht  zu
verkennen,  daß  sich  die  deutschen  Heere  trotz  aller  Tapferkeit
  und  Zähigkeit  bisher  nicht  die  Möglichkeit  hatten
erkämpfen  können,  zur  Gegenoffensive  überzugehen.
Der  Monat  September  änderte  in  dieser  Hinsicht
nichts.  Es  traten  zunächst  einige  ruhigere  Tage  ein;
der  Feind  zog  seine  schwere  Artillerie  nach.  Lebendig
war  es  nur  bei  Armentières,  wo  die  Engländer  gegen
die  neubezogenen  deutschen  Stellungen  lebhaft  vorfühlten.
  Am  5.  Sept.  verlief  die  neue  deutsche  Kampffront
  von  Nord  nach  Süd  Gegend  westlich  von  Armentières-westlich
  Lens-über  die  Scarpe  westlich  von
Douai-Moeuvres-Tricourt-Pierre  St.  Vaast-Wald-—
östlich  von  Péronne  -  westlich  von  Ham  -  westlich  von
Chauny-östlich  von  Coucy  le  Chäteau-  östlich  von
Soissons  -  Amigny-Baisis-Laffaux  Gonde-  westlich
von  Anizy  und  Vailly-  nördlich  von  Reims  (alte
Stellung)-Argonnen-Maas-Mosel.  Am  8.  Sept.  beannen
  wieder  größere  Angriffe  südlich  von  der  Straße
éronne-  Camvrai  sowie  zwischen  Ailette  und  Alsne
und  in  der  Champagne,  die  unmittelbar  keinen  Erfolg
  hatten,  jedoch  wiederum  die  Zurücknahme  eines
Teiles  der  deutschen  Linien  am  Crozat-Kanal  in  die
Gegend  westlich  von  Essigny  -Vendeuil  veranlaßten.
Um  diese  Zeit  wurde  eine  Anderung  der  Gliederung
der  Streitkräfte  auf  der  Westfront  vorgenommen,  indem
  zwischen  der  Heeresgruppe  deutscher  Kronpceinz
und  der  des  Herzogs  Albrecht  von  Württemberg,  Verdun
  gegenüber,  eine  Heeresgruppe  Gallwitz  gebildet
wurde  *  hatte  als  Gegner  hauptsächlich  Amerikaner.
*

*

Bis  zum  Herbst  1918  waren  größere  Unternehmungen
  vom  mazedonischen  Kriegsschaupla#K#nicht
mehr  zumelden.  Beiderseits  wurden  die  Stellungen  immer
  widerstandsfähiger  ausgebaut.  Beide  Gegner  fühlten
  sich  zur  Durchführung  eines  entscheidenden  Angeifss
  nicht  stark  geng  er  Ersatz  der  Abgänge  der

rientarmee  und  ihre  Versorgung  litten  bes.  stark  durch
den  immer  wirksamer  einsetenden  Unterseebootkrieg;
bei  den  Verblindeten  erforderte  aber  der  Gang  der
Ereignisse  an  der  Westfront,  auf  dieser  möglichst  stark  zu
erscheinen.  Mazedonien  wurde  dadurch  zunächst  ein
Nebenkriegsschauplatz.  —Am  15.Sept.  1918  aber  sahen
sich  die  Bulgaren  von  Franzosen,  Serben  und  Grie
chen  (venizelistische  Truppen)  im  Cernabogen  so  heftig
angegriffen,  daß  zur  Abwehr  sofort  deutsche  Bataillone
herangeholt  und  eingesetzt  werden  mußten.  Der  Anriff

  war  diesmal  am  ersten  Tage  schon  von  Erfolg  gerönt,
  die  bulgarischen  Stellungen  von  Sokol,  Dobropolje
  und  Vetrenik  wurden  in  einer  Ausdehnung  von
11  km  vom  Feinde  erstürmt  und  neue  Linien  7  km
nördlich  davon  bezogen.  Südlich  und  westlich  vom
Dojran-See  gelang  es  noch  einmal,  englische  und  griechische
  Uugrife  abzuweisen.  Allein  General  Sarrail
Pwann  doch  auf  seinem  linken  Flügel  dauernd  die
berhand.  Auf  der  ganzen  Linie  Monastir-Veles  blieb
er  im  ungestümen  Bordringen.  Am  23.  wurde  Prilep
  von  ihm  besetzt;  die  Folge  davon  war,  daß  auch
die  Mitte  am  Vardar  zurückging,  Demir  kapu  wurde
von  den  Serben  genommen.  Die  bulgarische  Heeresleitung
  verkündete  in  ihrem  Tagesbericht  vom

1  Bgl.  die  Karte  Vd.  II,  S.  143.
        <pb n="117" />
        Der  militär.  Verlauf  des  Krieges:  Balkan,  Schlußkämpfe,  und  Westen  bis  Nov.  1918

25.  Sept.  —  es  sollte  der  letzte  sein  —  die  Räumung  der
Zone,  die  der  Feind  besetzt  habe,  sei  angeordnet,  um
die  Armee  der  Nation  in  unversehrter  Schlagkraft  zu
bewahren  und  im  entscheidenden  Augenblick  zur  Verfügung
  zu  haben.  Dieser  war  aber  schon  gekommen.

Am  26.  bat  die  bulgarische  Regierung  bei  der  Entente
  durch  ihren  Ministerpräsideneen  um  Waffenstillstand,
  der  auch  bewilligt  wurde.  Deutsche  Truppen,
die  zur  Unterstützung  des  bedrängten  Bundesgenossen
unterwegs  waren,  kamen  nicht  mehr  zum  Eingreifen.
Der  Krieg  in  Mazedonien  war  beendet,  die  mazedonische
  Front  zusammengebrochen.

1

Im  Westen  begann  nach  sehr  lebhaften  Erkundungsgefechten
  der  Engländer  am  18.  Sept.  seine  Anriffe
  gegen  die  Vorstellungen  vor  der  =  Siegfriedstelung«,
  u.  zwar  im  Abschnitt  vom  Walde  von  Havrincourt
  bis  zur  Somme.  Durch  Franz.  verstärkt,  versuchte
er  auf  St.  Quentin  durchzubrechen.  Auf  einer  Ungriffsfront
  von  35  km  gingen  15  feindlk.  Div.  vor.  Gleichzeitig
  lebte  der  Kampf  an  der  Front  der  Armee  des  deutschen
  Kronprinzen  zwischen  Ailette  u.  Aisne  wieder  auf.
Mittlerweile  hatte  sich  an  der  Mosel  ein  bemerkenswertes
  Ereignis  vollzogen.  Die  1.  amerikan.  Armee
hatte  im  Verein  mit  Franzosen  am  12.  Sept.  zwischen
Maas  und  Mosel  den  in  ihre  Stellungen  über  die
Maas  weit  vorspringenden  Bogen  von  St.  Mihiel
mit  Erfolg  überraschend  angegriffen.  Unter  nicht  unerheblichen
  Verlusten  an  Verwundeten,  Gefangenen
und  von  Material  mußte  der  Bogen  im  feindlichen
Feuer  geräumt  werden.  Dies  in  Verbindung  mit  den
Eindrücken  von  der  Haupikampffront  ließ  zunächst  die
Meinung  aufkommen,  daß  an  ihr,  an  der-Siegfriedstellung=
  und  den  alten  deutschen  Linien  nördlich  und
südlich  davon,  der  feindliche  Angriff  nicht  weitergeführt
würde,  sondern  nunmehr  an  der  Maas  und  der  Lothringer
  Front  die  Fortführung  der  Fochschen  Offensive
  bevorstände.  Die  Auffassung  erwies  sich  bald  als
nicht  zutreffend.  Am  19.  nahmen  die  Angriffe  gegen
die  Heeresgruppe  Boehn,  zumal  zwischen  Omignonbach
und  Somme,  wieder  einen  außerordentlich  heftigen
Charakter  an.  Am  21.  begann  ferner  ein  gewaltiger
Durchbruchsversuch  der  Engländer  in  der  Gegend
südlich  von  Cambrai,  er  scheiterte  unter  besonders
schweren  Verlusten.  dasselbe  Geschick  erlitt  ein  solcher
am  23.  nordwestlich  von  St.  Quentin;  er  wurde  am
25.  ohne  größeren  Erfolg  fortgesetzt.  —  Am  26.erfuhr
die  Kampffront  aber  eine  Erweiterung,  indem  General
  Foch  nunmehr  auch  in  der  Champagne  und  zwischen
  den  Argonnen  und  der  Maas  nach  elfstündiger
Artillerievorbereilung  mit  Franzosen  auf  dem  linken,
Amerikanern  östlich  von  den  Argonnen  auf  dem  rechten
  Flügel  zum  Angriff  überging.  Wenn  auch  ein
Durchbruch  hier  mißlang,  so  drang  doch  der  Feind
vielfach  in  die  erste  deutsche  Kampflinie  ein.  Auch
egen  die  Siegfriedstellung=  war  der  an  demselben
La#e  fortgesetzte  Angriff  von  Erfolg  gekrönt,  indem
er  in  Richtung  Cambrai  Gelände  gewann.  Damit  sank
die  Hoffnung,  daß  an  dieser  der  feindliche  Angriff  sich
festrennen  werde.  Auch  auf  der  Strecke  von  der  Küste
bis  südlich  von  der  Lys  griffen  Engländer  und  Belgier
an,  und  zwar  mit  dem  bemerkenswerten  Ergebnis,  daß
die  hier  fechtenden  Teile  der  Armee  des  Kronprinzen
Rupprecht  bis  in  die  Linie  Bahndamm  südlich  von
Dixmuiden-Klerken  —  Houthoulst  -West-Zonnebeke-Paschendaele
  -  Becelaere  -Zandvoorde-Hollebeke  zurückgedrückt,
  mithin  hier  eine  große  Einbuchtung  des
deutschen  rechten  Flügels  erreicht  wurde,  ein  Sieg  des

105

Gegners,  der  von  weitesttragenden  Folgen  sein  sollte.
Wpalich  von  Cambrai  hatte  schon  infolge  des  Verlustes
  der  Kanalstellung  am  27.  Sept.  die  Front  am
28.  Sept.  dicht  an  Cambrai  heran  in  die  Linie  Arleux-Aubigny
  und  hinter  den  Kanal  füdwestlich  von  der
Stadt  zurückgenommen  werden  müssen.  Auch  zwischen
  Ailette  und  Aisne  hatte  der  Ausgang  der  Kämpfe
eine  Zurücknahme  der  deutschen  Linie  hinter  den  Oise-Aisne-Kanal
  zwischen  Anizy  und  Bourg  an  der  Aisne
notwendig  gemacht.  In  der  Champagne  gelang  es,
die  Franzosen  unter  Aufbietung  aller  Kräfte  noch  einmal
  abzuwehren,  wenn  ihnen  auch  Somme--Py  zufiel.
  In  den  Argonnen  war  der  Feind  im  Airetal
vorgekommen,  die  Zurückverlegung  der  Verteidigung
in  die  Gegend  füdöstlich  von  Binarwille,  südwestlich
von  Apremontgebotsich  hierdurch.  Die  amerikanischen
Angriffe  gegen  den  Ostrand  der  Argonnen  und  die
Linie  Apremont-Cierges-Brieulle  drückten  den  Verteidiger
  bis  an  den  Wald  von  Canel  und  Foys  zurülck.
Der  Ansturm  auf  der  ganzen  Front  von  der  Küste
bis  zur  Mosel  dauerte  am  28.  Sept.  fort.  Der  feindliche
  linke  Flügel  nützte  jetzt  seinen  Erfolg  aus,  die
Verteidigung  wurde  bis  in  die  Lys-Niederung  zurückedrückt.
  Reserven  waren  nicht  mehr  vorhanden.
Iwischen  Cambrai  und  St.  Quentin  gelang  es  dem
Feinde,  in  den  Vorstädten  von  Cambrai  Fuß  zu  fassen,
ferner  südlich  von  Marcoing  die  Deutschen  hinter
den  Kanalabschnitt  Masnières  Creèvecoeur,  zwischen
Bellicourt  und  Belléglise  bis  in  die  Linie  Bellicourt
Nordrand-Lehaucourt  zurückzudrücken.  Auch  die  Anriffe
  zwischen  Suippe  und  der  Aisne  sowie  zwischen
rgonnen  und  Maas  brachten  dem  Gegner  wieder
Geländegewinn.  Immer  mehr  machte  sich  eine  zunehmende
  überlegenheit  des  Gegners  dadurch  bemerkbar,
  daß  er  stets  neue  Truppen  zur  Weiterführung
seiner  Offensive  zur  Hand  hatte,  wozu  dem  Verteidiger
die  Mittel  sehlten.  Die  Offensivkraft  blieb  auf  gleicher
Höhe,  die  Defensivkraft  nahm  ab.  Der  30.  September
brachte  die  Fortsetzung  der  Angriffe;  nur  an  der
Front  Gallwitz  war  ein  ruhiger  Tag.  Am  1.  Okt.
mußte  St.  Quentin  aufgegeben  werden,  um  den
Besitz  von  Cambrai  wütete  nun  schon  fünf  Tage  ununterbrochen
  der  Kampf.  In  der  Nacht  zum  2.  mußte
infolge  der  von  Norden  durch  die  Belgier  drohenden
Umfassung  Armentidrres  und  Lens  geräumt  werden;
  am  3.  Okt.  wurde  der  linke  feindliche  Flügel  beiderseits
  der  Straße  Staden-Rozelaere  mit  Erfolg  vorgetragen.
  Bei  St.  Quentin  siel  Catelet.  Der  Angreifer
  drang  bis  Beaurevoir  -  Montbréhain-Sequehart
vor.  Weiler  südlich  wurde  der  Chemin  des  Dames  noch
gehalten,  in  der  Champagne  gelang  es  dem  Feind
nördlich  von  Somme-Py  und  St.  Etienne  Fuß  zu
fassen.  Mit  unverminderter  Kraft  setzte  der  Feind
seinen  Angriff  fort.  Der  5.  Okt.  war  in  Flandern  ein
ruhiger  Tag.  In  der  Nacht  vom  4.  zum  5.  hatte  die
Heeresgruppe  Boehn  Teile  ihrer  Stellungen,  die  in  die
feindliche  hineinragten,  zurückgenommen.  OÖstlich  von
Reims  und  beiderseits  der  Suippe  wurden  aus  den
Stellungen  von  Brimont  und  von  Berru  die  Divisionen
  auf  Lacanne-Pont-Faverger  und  zur  Arne  zurückgezogen.
  Zwischen  Argonnen  und  Maas  drängten  die
Amerikaner  bei  Exermont  die  Gruppe  Gallwitz  zurück.
Als  in  der  Nacht  zum  5.  Okt.  die  deutsche  Regierungihr
  Friedensangebot  beim  Gegner  machte,  erabsich
  für  die  Beantwortung  desselben  eine  für  unsere
Feinde  außerordentlich  günstige  militärische  Lage.  Die
„Siegfriedstellunge  hatte  dem  feindl.  Ansturm  nicht
stand##ehalten,  eine  Umfassung  des  rechten  deutschen
        <pb n="118" />
        106

Flügels  war  eingeleitet,  die  Widerstandskraft  der  Deutschen
  ließlangsam  nach,  eine  Gegenoffensive,  diedas  Geschick
  hätte  wenden  können,  wurde  täglich  aussichtsloser,
  das  Nachsuchen  um  Herstellung  des  Friedens  ließ
den  gerechtfertigten  Schluß  zu,  daß  die  deutsche  Heeresleitung
  kein  Mittel  mehr  sah,  die  Lage  zu  ihren  Gunsten
zuändern.  Um  die  deutsche  Armee  noch  mehr  zuzermürben,
  alsomöglichstscharfe  Waffenstillstandsbedingungen
stellen  zu  können,  verzögerte  der  Feind  die  Antwort.  Die
Ententebeschloß  also,  zunächst  weiter  zu  kämpfen  in  der
Hoffnung,  doch  noch  mit  einem  Durchbruch  die  deutschen
  Heere  zum  schleunigsten  Rückzug  zu  zwingen.  Der
Verlauf  des  Krieges  konnte  von  diesem  lugenblick  ab
nicht  mehr  zweifelhaft  sein.  An  der  flandrischen  und
der  Chanpogne  Front  war  es  in  den  nächsten  Tagen
noch  ruhig.  Druck  auf  dem  amerikanischen  Flügel
verstärkte  sich;  eine  ähnliche  Einbeulung  der  deutschen
Front  wie  an  der  Küste  wurde  anscheinend  angestrebt,
um  auch  hier  den  Flügel  zu  umfassen.  Am  8.  Okt.
entwickelten  sich  nun  wieder  besonders  schwere  Kämpfe
zwischen  Cambrai  und  St.  Quentin,  in  der  Champagne
und  an  der  Maas.  In  der  Mitte  zwischen  den  erstenannten

  Orten  gelang  den  Engländern  der  Einbruch
in  unsere  Linien.  Die  ganze  Front  mußte  am  9.  unter
Aufgabe  von  Cambrai  zurückverlegt  werden.  In  der
Champagne  gelang  den  Franzosen  an  demselben  Tag
auch  ein  Einbruch  in  die  deutschen  Linien,  und  zwar  bei
St.  Etienne;  der  zwischen  Aire  und  Maas  geführte
Hauptstoß  der  Amerikaner  halte  aber  nur  örtliche
Erfolge.  —  General  Foch  ließ  dem  langsam  weichenden
  Gegner  keine  Zeit,  sich  zu  erholen  und  seine
Stellungen  auszubauen,  jeder  rückwärtigen  Bewegung
des  Gegners  folgte  er,  alle  Verluste  nicht  achtend,  auf
dem  Fuße,  in  der  Hoffnung,  den  Rückzug  der  Deutschen
in  eine  Flucht  zu  verwandeln,  die  die  deutschen  Hcere
auflöste.  So  tobte  die  Schlacht  ununterbrochen  weiter,
hier  und  da  ergaben  sich  an  einzelnen  Fronten  Ruhetage
  bei  undemerktem  Abbauen  der  Deutschen.  Dem
Verteidiger  war  die  Freiheit  des  Handelns  allmählich
vollkommen  entrissen  worden;  immer  mehr  wurde  die
Truppe  durch  die  unablässigen  Rückzugsschlachten,  zumal
  keine  Aussicht  auf  Wiederergreifung  der  Offensive
war,  wie  das  jeder  Mann  in  der  Armee  einsah,  zermürbt.
  Um  so  höher  sind  ihre  Leistungen  im  letzten
Kriegsmonat  zu  bewerten,  zumal  auch  die  seit  Januar
1918  schon  die  Unterordnung  zersetzende  Tätigkeit  der
auf  die  Staatsumwälzung  hmarbeitenden  Elemente
immer  mehr  Boden  unter  den  Mannschaften  gefunden
hatte.  Am  10.  setzte  der  Feind  seine  An  rise  gegen
Tie  neue  Front  östlich  von  Cambrai  und  St.  Quentin
kort;  die  vorgeschobenen  Stellungen  mußtten  ihm  überlassen
  werden.  Zwischen  St.  Etienne  und  der  Aisne
wurde  durch  Zurücknahme  der  abgekämpften  Divisionen
  in  rückwärtige  Linien  beiderseits  von  Grandpre
auf  das  Nordufer  der  Aire  die  Fortführung  des  feindlichen
  Angriffs,  der  wahrscheinlich  einen  Lurchbruch
erzwungen  hätte,  unterbrochen;  östlich  von  der  Maas
kam  es  zu  einem  neuen  Angriff  der  Amerikancr.  Hier
waren  mittlerweile  zur  Unterstützung  einer  Division
österreichisch=  ungarische  Truppen  eingetroffen.  Am
12.  Okt.  wurde  der  Rückzug  in  der  Gegend  nördlich
von  Cambrai  forlgesetzt,  der  sofort  folgende  Feind
brach  in  die  deutsche  Stellung  zwischen  Solesmes  und
Le  Cateau  ein;  auch  nördlich  von  der  Oise  kämpfte
der  Feind  mit  Vorteil.  Zwischen  Oise  und  Aisne  begann
  seine  Entwicklung  gegen  die  neu  eingenommenen
  Stellungen;  die  Amerikaner  setzten  ihre  Angriffe,
wenn  auch  nicht  einheitlich,  fort.  Am  13.  führte  Foch

I.  Kriegsgeschichte

die  so  günstig  begonnene  Offensive  auf  seinem  linken
Flügel  weiter.  Auf  breiter  Front  zwischen  Dix.
muiden  und  der  Sns  wurde  der  Angriff  vorgetragen;
  der  Schwerpunkt  des  Angriffs  lag  bei  Torhout
und  an  der  Bahn  Iseghem  -Kortril  ie  Deutschen
wurden  über  die  Bahnlinie  geworfen.  Die  unmittel

bare  Folge  davon  war,  daß  nuch  weiter  südlich,  west

lich  und  südwestlich  von  Lille,  eine  rückwärtige  Be
wegung  angetreten  werden  mußte.  Lille  lag  unter
schwerem  englischen  Feuer.  An  demselben  Tage  setzte
auch  der  Angriff  auf  der  ganzen  übrigen  Front  mit
erneuter  Wucht  wieder  ein.

Immer  mehr  erlahmte  die  Widerstandskraft  der
Deutschen,  von  denen  die  meisten  Divisionen  seit
Wochen  ohne  einen  Ruhetag  im  Kampf  gestanden
hatten.  Einem  Durchbruch  und  dadurch  einer  Aufrollung
  und  Vernichtung  der  gesamten  Front  war
nur  durch  ein  staffelweises,  planmäßiges  Zurücknehmen
  der  Verbände  zu  entgehen.  Dies  ist  von  nun
ab  der  Charakter  der  Kämpfe.  Am  16.  Okt.  wurde
der  rechte  Flügel  auf  die  Linie  östlich  von  Torhout-Ingelmünster-Lys,
  daran  anschließend  die  Mitte  in
die  Linie  Lille-Douai  zurückgenommen.  Die  Oisel,
Champagne=  und  Maasfront  wehrte  währenddessen
heftige  Angriffe  ab.  Ein  am  17.  Sept.  zwischen  Le
Cateau  und  der  Oise  in  einer  Frontbreite  von  über
35  km  ansetzender  Angriff  sollte  der  deutschen  oberen
Heeresleitung  die  Freiheit  nehmen,  nach  eigenem  Belieben
  ihre  Linien  zurückzuverlegen,  sich  der  gesuchten
Entscheidungsschlacht  zu  entziehen.  Diese  Absicht
wurde  in  dreitägigem  Ansturmnichterreicht,  ihre  Ausführung
  scheiterte  an  der  Zähigkeit  und  dem  Geschick
der  Verteidigung.  Am  18.  verkündete  aber  der  Tagesbericht,
  daß  Teile  von  Flandern  und  Nordfrankreich
mit  den  Städten  Ostende,  Tourcoing,  Roubaix,
Lille  und  Douai  geräumt  worden  seien  jam  19.  ging
der  Rückzug  weiter.  Brügge,  Thiel  und  Kortrik
wurden  dem  Feinde  überlassen;  der  Feind  folgte  und
begann  schon  an  demselben  Tage  sichvor  unseren  neuen
Stellungen  festzusetzen,  während  an  der  Aisnefront
sich  wieder  ein  größerer  Angriff  entwickelte.  Immer
deutlicher  wurde  der  Fochsche  Plan;  Absplitterung
des  deutschen  rechten  Flügels,  Durchbruch  in  der  Mitte
auf  Valenciennes,  von  dort  Mechtsschwenlung  ur
Umfassung  des  in  den  Argonnen  verankerten  linken
Flügels  der  Deutschen  unter  gleichzeitiger  Bedrohung
der  elsässischen  Front  durch  Ansammlung  starker
Truppen  bei  Belfort.  Dort  deuteten  neuerdings  alle
Zeichen  darauf  hin,  daß  ein  Angriff,  und  zwar  auch
durch  Amerikaner  geführt,  losbrechen  werde.  Um  den
Feind  zu  veranlassen,  seinegegen  Valenciennes  immer
heftiger  vordringende  Mitte  zu  schwächen,  raffte  sich  die
deutsche  obere  Heeresleitung  noch  ein  letztes  Mal  zu
einer,  wenn  auch  mangels  größerer  Reserven,  örtlich
beschränkten  Gegenoffensive  auf,  und  zwar  östlich  der
Aisne  beiderseits  Vouziers  am  20.  Okt.  —  Nur  örtliche
  Erfolge,  bei  der  kurzen  Angriffsfront  erklärlich,
waren  ihr  beschieden.  Eine  Anderung  der  Gesamtlage
  wurde  nicht  erreicht,  die  Angriffsbewegungen  der
Feinde  gingen  an  allen  anderen  Stellen  unentwegt
weiter,  immer  mehr  bröckelte  es  an  den  Stellungen
ab,  immer  schneller  wurde  das  Zeitmaß  in  der  Zurücknahme
  der  Überlegenen  Angriffen  zu  entziehenden
Truppen.  Ein  vom  Geind  am  23.  Okt.  von  neuem
versuchter  Durchbruch  bei  Solesmes-Cateau  scheiterte
wiederum;  am  24.  dehnten  die  hier  kämpfenden  Engländer
  ihren  Angriff  nördlich  bis  an  die  Schelde  aus.
Es  gelang  ihnen,  die  Deutschen  1  km  weit  zurückzu-
        <pb n="119" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

drücken.  An  demselben  Tage  brachen  die  Franzosen  in
einer  Breite  von  50  km  zwischen  Oise  und  Aisne  vor;
am  25.  dauerte  der  Angriff  weiter  an.  Langsam
wurden  die  deutschen  Abteilungen  zurückgenommen.
Während  der  Franzose  ferner  ununterbrochen  an  der
Oise  seine  Kräfte  einsetzte,  nahmen  Belgier  und  Franzosen
  vereint  am  31.  Okt.  die  großen  Angriffe  in  Flandern
  wieder  auf.  Zwischen  der  holländischen  Grenze
und  Deinze  wurde  der  Hauptstoß,  und  zwar  gegen
die  Lysfront,  geführt.  Schon  am  2.  Nov.  mußten  die
hier  siehenden  Truppen  auf  Gent  zum  Anschluß  an
die  am  1.  weiter  südlich  eingenommene  neue  Front
an  der  Schelde  zurückgenommen  werden.  Bei  Valenciennes
  drückte  am  2.  der  Feind  ebenfalls  die  Deutschen
  im  Kampf  zurück.  Da  es  den  Amerikanern  gelungen
  war,  weilich  von  der  Maas  den  Gegner  zu

schlagen,  wurdehier  eine  neue  Front  zwischen  der  Aisne  ih

und  Champigneulle  gebildet.  An  den  Aisnefronten
1

B.  Der  Krieg  Italiens  gegen  Ollerreich-Angarn


von  Dr.  Gaston  Bodart  in  Wien

1.  Die  reinleitenden  Gperationen!.

Am  1.  Mai  1915  standen  drei  Viertel  des  mobilen
italienischen  Feldheeres,  d.  h.  850000  Mann,  unter
den  Waffen,  wovon  660000  Mann  in  1.  Linie,  für
sofortigen  Abmarsch  bereit,  190000  Mann  in  Reserve,
  weitere  500000  Mann  in  Ausbildung  bei  den
Ersatzformationen,  so  daß  binnen  kurzem  1300000
Mann  an  die  österreichische  Grenze  geworfen  werden
konnten.  Für  zweckmäßigen  Ausbau  der  Grenzbefestigungen
  an  der  Ostgrenze  war  in  jüngster  Feit

viel  getan  worden;  Verona  ist  in  eine  moderne  Gürtelfestung

  umgewandelt,  Venedig,  Brindisi,  Messina
und  der  Kriegshafen  Spezia  sind  stark  befestigt  worden.
Das  Eisenbahnnez  ist  für  strategische  Zwecke  gut  anelegt.
  Eine  einheitliche  Trainwafsfe  fehlte.  Ferner
errschte  Offiziersmangel,  der  schon  im  Frieden  sehr
fühlbar  war;  den  Führern  und  der  Truppe  fehlte  es
einem  kriegsgellbten,  zähen,  in  ital.  Kreisen  jedenfalls
unterschätzten  Gegner  gegenüber  an  Heiegeerfahrung
Die  für  den  Feeddeug,  gegen  die  Donaumonarch
vorerst  mobilisierten  1  Million  Mann  wurden  in  vier
Armeen  gegliedert,  die  13  Korps  (35  Infanteriedivisionen)
  mit  824  Bataillonen  umfaßten.  Die  Reiterei,
180  Schwadronen  in  vier  Kavalleriedivisionen,  360
Feld=  und  Gebirgsbatterien  mit  2000  Kanonen,  475
Kompagnien  Festungsartillerie  für  280  schwere  Geschütze
  vervollständigten  die  Heeresmacht.  Generalstabschef
  wurde  Graf  Cadorna,  Souschef  des  Generalstabs
  Generalleutnant  Graf  Porro,  Armeeführer
  die  Generale  Emanuel  von  Savoyen,
Herzog  von  Aosta,  Nava,  Frugoni,  Brusati,
Oberbefehlshaber  der  Flotte  die  Vizeadmirale  Ludwig
  von  Savoyen,  Herzog  der  Abruzzen,  und
der  reaktivierte  Admiral  Bettolo.
Die  erste  Offensive  der  Italiener  beschränkte
sich  auf  ein  strahlenförmiges  Vordringen  der  Vortruppen,
  zumeist  Alpini,  in  kleineren  Unternehmungen
in  die  vielen  Hochtäler  des  Trentino  und  Kärntens
owie  auf  Demonstrationen  im  Friaul.  Erst  drei
ochen  nach  der  Kriegserklärung,  als  für  die  For-1

  Vgl.  die  Karte  Bo.  1I.  G.  9870.

107

trat  zunächst  Ruhe  ein.  Während  am  3.  Nov.  auf  dem
flandrischen  Schlachtfeld  die  deutsche  Stellung  am  Kanal
  von  Gent  gehalten  wurde,  fiel  Valenciennes  an  die
Feinde;  östlich  von  der  Aisne  und  westlich  von  der
Maas  wurden  die  deutschen  Stellungen  zurückverlegt.
Einerder  gewaltigsten  Großkampftage  war  der  4.  Nov.,
an  diesem  Tage  versuchten  Engländer  und  Franzosen
auf  mehr  als  60  km  Frontbreite  zwischen  Schelde
und  Oise  den  Durchbruch  zu  erzwingen  —  auch  diesmal
  erreichten  sie  den  Kampfeszweck  nicht,  allein  wieder
  mußten  die  deutschen  Linien  zurückverlegt  werden.

Entscheidende  Kämpfe  brachten  die  nächsten  Tage
nicht  mehr  —  am  11.  Nov.  11  Uhr  vormittags  trat
Waffenruhe  ein;  die  Bertreter  des  Deutschen  Keiche
hatten  die  Waffenstillstandsbedingungen  des  Gegners
annehmen  müssen,  da  die  Revolution  am  8.  Nov.
r  Werk  vollendet,  das  Deutsche  Reich  wehrlos  gemacht
  hattei.

—

cierung  des  Isonzoüberganges  bei  Plava  (12.—17.
Juni)  mehrere  Armeekorps  eingesetzt  wurden,  erkannte
man  die  Absicht  der  italienischen  Heeresleitung  klar,  auf
wei  Seiten  zugleich  eine  kräftige  Offensive  einzuleiten,
ie  Hruitenfoe  gegen  die  österreichische  Isonzofront,
  eine  Nebenoffensive  gegen  die  Tiroler  Front
östlich  von  der  Etsch  und  kräftige  Demonstrationen  an
der  Kärntner  Front,  um  eine  Flankierung  von  Norden
  her  zu  verhindern.  Dieser  Absicht  lag  auch  die
anfängliche  Kräfteverteilung  und  dementsprechend
die  Anordnung  der  österreichisch-ungarischen
Aufstellung  in  drei  Heeresgruppen  zugrunde.
Die  stärkste  hiervon,  die  ehemals  gegen  Serbien  verwendete
  5.  Armee,  erwartete  unter  '  oroevic,  in  vier
mobilen  Armeekorps  (7.,  13.,  15.,  16.)  und  verschiedene
  Landwehr=  und  Landsturmformationen  geglie.
dert,  den  Hauptstoß  der  italienischen  Heeresmassen
am  Isonzo;  von  Flitsch  bis  zum  Pustertal  befehligte
Kohr,  an  der  Tiroler  Front  Dankl.  Den  Oberbefehl
  Über  sämtliche  Streitkräfte  hatte  Erzherzog
Eugen  mit  Kraus  als  Generalstabschef.  Die  Seestreitkräfte
  waren  Admiral  Haus  unterstellt.

Nach  der  damaligen  allgemeinen  Kriegslage
die  Hauptkräfte  der  Donaumonarchie  sesselte  die  Offensive
  gegen  Rußland  in  Galizien,  ein  starker  Grenzschutz
gegen  Serbien  und  Montenegro  war  unerläßlich  —
mußte  die  österreichisch-ungarische  Heeresleitung  den
Krieg  gegen  Italien  vorerst  defensiv  führen,  mit
verhältnismäßig  schwachen  Kräften  gegen  einen  an
8  vielfach  überlegenen  Gegner  in  einem  für  die

teidigung  vorteilhaften  Gelände.  Dazu  war  es
notwendig,  em  Gegner  da  und  dort  einen  Streifen
Grenzlandes  gewissermaßen  kampflos  zu  überlassen,
da  die  österreichischen  Befestigungen  an  der  Kärntner
und  Tiroler  Grenze  z.  T.  einige  Kilometer  weiter  rückwärts
  liegen.

2.  Die  Greignisse  an  der  Isongofront.
Auch  an  der  Isonzofront  begannen  die  Italiener
damit,  die  österreichischen  Vorstellungen  abzutasten.
Nach  unbedeutenderen  Vortruppengefechten  bei  Kar-Feit
  am  29.  Mai,  schwächeren  Vorstößen  gegen  den
rn  (Monte  Nero)  am  1.  und  2.  Juni,  nördlich  von
Tolmein  am  4.  Juni,  setzten  am  6.  Juni  die  ersten,
von  größeren  Einheiten  durchgeführten  Angriffe  in

1  Literatur  s.  Art.  2  Kriegsgeschichte#,  S.  271.  —  2:  Bal  die
Karten  Bo.  II.  S.  98°·9  u.  101.
        <pb n="120" />
        108

Abschnitte  Monfalcone-Flitsch  ein,  welche  die  Absicht
  deutlich  bekundeten,  die  wichtigsten  Isonzo-Übergänge
  zu  sichern  und  bei  Karfreit  und  im  Krnmassiv
festen  Fuß  zu  fassen,  um  das  strategisch  bedeutsame
Städtchen  Tolmein  zu  besetzen.  Diese  Kämpfe  vom
6.—20.  Juni,  als  erste  Isonzoschlacht  bezeichnet,
endeten  mit  einem  Mißerfolg  der  Italiener,  indem
der  meistumstrittene  Isonzo-Übergang,  der  Görzer
Brückenkopf,  ferner  der  beherrschende  Gipfel  des
Krn  und  Karfreit  fest  in  der  Hand  der  Verteidiger
blieben,  der  strategische  Zweck  nicht  erreicht  wurde.
Daran  konnten  auch  die  taktischen  Erfolge,  die  Besitznahme
  von  Gradisca  und  Monfalcone,  die  noch
nicht  in  der  österreichischen  Hauptstellung  lagen,  und
der  Isonzo-übergang  bei  Plava  und  Sagrado
nichts  ändern.  Der  Feldzug  hatte  von  Anbeginn  den
Charakter  des  Stellungskrieges  angenommen;
die  Kampfweise  wurde  vom  an  Zahl  bedeutend  unterlegenen
  Verteidiger,  der  die  Abwehr  in  gut  gewählten,
durch  die  Natur  vorzäglich  geschützten  Stellungen  vorbereitet
  hatte,  dem  Angreifer  zusgewung

Nach  mächtiger  Artillerievorbereitung  begann  am
30.  Juni  die  zweite  Isonzoschlacht.  In  dieser
wurde  die  3.  italienische  Armee  (Lerzog  von  Aosta)
in  der  Stärke  von  10  Divisionen  auf  den  Abschnitt
Görz-Monfalcone  angesetzt,  mit  der  Absicht,  den
österreichischen  linken  Flügel  gegen  das  Plateau
von  Doberdd  einzudrücken.  Die  mit  großer  Tapferkeit
  vorgetragenen  Frontalangriffe,  bis  zum  6.  Juli
mit  gesteigertem  Nachdruck  fortgesetzt,  brachen  sämtlich
vor  den  österreichischen  Hauptstellungen  unter  schweren
  Verlusten  zusammen  und  endeten  ohne  den  geringsten
  taktischen  Ersocg,  mit  dem  Rückzug  in  die
vorher  erreichte  Linie.  Da  die  österreichisch-ungarischen
  Truppen  dem  Gegner  nicht  folgten,  scheint  die
italienische  3.  Armee  ohne  schwere  Erschütterung  davongekommen
  zu  sein.

Militärisch  weit  besser  vorbereitet  war  die  kurz
darauf,  am  15.  Juli,  durch  eine  nach  französischem
Muster  eingeleitete  Artillerievorbereitung  einsetzende
dritte  Isonzoschlacht,  in  der  vom  18.—  28.  Juli
um  den  Görzer  Brücken  kopf  und  das  Plateau
von  Doberdd  erbittert  gekämpft  wurde.  Im  engen
Raume  zwischen  dem  Monte  Sabotino  und  der
Küste  waren  7  Armeekorps  angesetzt,  die  um  jeden
Preis  bei  Görz  durchbrechen  sollten,  was  aus  den
ungewöhnlich  hartnäckigen  und  bemerkenswert  unestümen

  Angriffen  auf  die  beiden  ausspringenden
inkelstellungen  Doberdd  und  Bate  (Plava)  deutlich
  hervorgeht.  Die  Schlacht  gipfelte  in  einem  konzentrischen
  Angriff  auf  das  Doberddmassiv,  das,  93  m
hoch,  an  der  Basis  etwa  10  km  breit,  wie  ein  riesiges
Bastion  im  Winkel  gegen  Gradisca  vorspringt.  Fdem
  Plateau  sollte  die  österreichisch-ungarische  Deckung
der  linken  Flanke  den  Italienern  in  die  Hände  fallen.
Die  heftigsten  Angriffe  fanden  um  Podgora  im
Zentrum  und  um  den  Monte  San  Michele  sowie
den  Monte  dei  sei  Busi  am  linken  österreichischen
Flügel  statt.  Nacheinander  traten  10  italienische  Infanterieregimenter
  gegen  Podgora  zum  Sturme  an,
doch  wurden  ihnen  die  mühsam  errungenen  Erfolge
nachts  durch  Gegenangrifse  wieder  entrissen.  Am
20.  Juli  befanden  sich  die  Italiener  im  Besitz  des  vielumstrittenen
  Monte  San  Michele,  mußten  die
unter  ungeheuren  Opfern  erkämpften  Stellungen  aber
nach  einem  glänzenden  Gegenangriff  wieder  räumen;
am  26.  Juli  wiederholte  sich  dieses  Schauspiel,  gleichwie
  am  Monte  dei  sei  Busi.  Am  27.  Juli  flaute  die

I.  Kriegsgeschichte

Schlacht  ab.  Ein  geringer  Raumgewinn  und  die  Gefangennahme
  von  etwa  10000  Feinden,  darunter  282
Offiziere,  war  mit  unverhältnismäßig  hohen  Verlusten
erkauft  worden.  Das  wichtigste  Ergebnis  der  dritten
Isonzoschlacht,  von  den  Italienern  bezeichnenderweise
mla  battaglia  di  Goriziaz,  die  Schlacht  bei  Görz,  benannt,
  war  die  Behauptung  des  offen  im  Tale  liegenden
  Görz,  eine  staunenswerte  Probe  der  Festigkeit
einer  modernen  Defensive.  Nach  dieser  Schlacht  erschöpfte
  sich  die  Kriegshandlung  zwei  Monate  hindurch
  in  Einzelkämpfen,  wobei  die  ganze  italienische
  Streitmacht  in  den  Aufmarschstellungen  festgehalten
  erscheint,  mit  dem  einzigen  greifbaren  Erfolg  für
die  Entente,  daß  ein  gewisser,  nicht  unbeträchtlicher
Teil  der  österreichisch=  ungarischen  Streitkräfte  für
anderweitige  Unternehmungen  ausgeschaltet  war.

Nach  einer  fast  dreimonatigen  Pause,  die  einer
Umgruppierung  der  italienischen  Verbände  und  der
Heranziehung  frischer  Kräfte  gedient  haben  mag  und
nur  durch  einige  regellose  Angriffe  gegen  das  Doberdeèmassiv
  unterbrochen  wurde,  erfolgte  am  21.  Oktober
ein  gleichzeitiger  Angriff  auf  alle  Stellungen  der  österreichischen
  Front  vom  Chiese  bis  Monfalcone,  der
Hauptstoß  entsprechend  der  Kräfteverteilung  wieder

egen  die  Isonzofront.  In  dieser  vierten  Isonzochlacht
  (12.  Okt.  bis  8.  Nov.  1915)  führten  auf  dem
engen  Raume  Monfalcone-Plava  zwei  italienische
Armeen,  die  2.  Armee  (Frugoni)  und  die  3.  Armee
(Herzog  von  Aosta)  zusammen  in  24  Divisionen  und
2  Alpinigruppen  gegliedert,  in  der  Stärke  von  320000
Mann  den  Angriff  gegen  die  Görzer  Stellung  durch.
Das  Ergebnis  dieser  groß  und  geschickt  angelegten
Offensive  waren  einzelne  taktische  Teilerfolge,  durch
die  die  ital.  Vorstellungen  näher  an  die  österr.  Hauptlinien
  herangeschoben  wurden,  bes.  auf  der  Podgorahöhe
  und  den  beiden  großen  Hochebenen  von  Doerdd

  und  Plava.  Vorübergehend  gelangte  sogar
die  Kammhöhe  von  Podgora  in  italienische  Hände.
Immerhin  wurde  auch  diesmal  der  strategische  Endzweck,
  der  Durchbruch,  vom  beträchtlich  verstärkten
Gegner  vereitelt.  Gleichzeitig  angesetzte  starke  italienische
  Angriffe  des  äußersten  linken  Flügels  gegen
Flitsch  und  Tolmein  hatten  in  dem  schwierigen  und
stark  organisierten  Gelände  keinen  besseren  Erfolg.
Die  Verluste  beider  Gegner  waren  in  diesen  erbitterten
  Kämpfen  sehr  schwer,  für  den  Verteidiger  infolge
der  überwältigenden  Artilleriewirkung  in  den  in  Stein
gehauenen  Schügengräben  (Steinschlag),  noch  schwerer
  für  den  in  dichten  Massen  anstürmenden  Angreifer.
  Die  Italiener  machten  über  6000,  die  österreichischungarischen
  Truppen  3300  Gefangene.

Um  dieselben  Frontabschnitte  wurde  mit  geringen
Unterbrechungen  vom  11.  Nov.  bis  zum  16.  Dez.  1915
gekämpft.  Diese  Reihe  von  Kampfhandlungen  wird
allgemein  als  fünfte  Isonzoschlacht  bezeichnet.
Die  Hauptkämpfe  fanden  vom  19.—23.  Nov.  und
28.  Nov.  bis  2.  Dez.  statt.  Wieder  wurde  das  Doberddmassiv
  mit  überwältigendem  Feuer  aller  Kaliber
überschüttet  und  von  stets  wiederholten  Infanterieangriffen
  bestürmt,  doch  gelangte  auch  diesmal  die
italienische  Offensive  trotz  vollendeter  Technik  ihrer
Angriffe  und  der  Tapferkeit  der  Truppen  zu  keinem
Erfolg  von  strategischer  Bedeutung.

In  der  zweiten  Hälfte  des  Dezember  setzten  die  Infanteriehandlungen
  aus.  Die  Ttaliener  gingen  zur
energischen  Beschießung  von  Tolmein  über,  obwohl
die  Flankenstellung  auf  dem  Krn  (Monte  Nero)  im
Besitz  des  Verteidigers  war.
        <pb n="121" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

Beide  Heeresleitungen  erblickten  ihre  Aufgabe  vorerstin
  der  Schaffung  möglichst  vorteilhafter  Bedingungen
  für  die  Fortsetzung  des  Kampfes.  Beiderseits
wurde  eine  Frontverbesserung  erstrebt,  was  zu  örtlichen
  Kämpfen  führte.  Um  den  Kirchenrücken  von
Oslavija  wurde  erbittert  gekämpft  (15.  Jan.  1916
von  den  Osterreichern  genommen,  17.  aufgegeben,
24.  Jan.  wieder  genommen).  Im  Flitscher  Becken
glückte  den  Osterreichern  am  12.  Febr.  1916  ein  überfall
  am  Rombon.  Am  13.  März  setzte  ein  mit  starken
Kräften  geführter  italienischer  Angriff  auf  die  Podgorastellung
  und  das  Doberddplateau  ein,  der
dem  Angreifer  nur  bei  San  Martino  del  Carso
ganz  geringfügigen  Geländegewinn  brachte.  Der

egenstoß  am  Nordteil  des  Tolmeiner  Brückenkopfes
  (17.  März)  zwang  die  Italiener  zur  Zurücknahme
  der  dortigen  Front  u.erschütterte  die  italienische
Flankenstellung  am  Mrzli  Vrh.  Von  Ende  März
bis  Mitte  Mai  gab  es  wechselvolle  Kämpfe  um  Frontverbesserungen
  an  der  Podgorastellung  und  bei
Selz  (bes.  am  26.,  27.,  29.  März,  24.  April)  mit
der  offenkundigen  Absicht,  im  Hindlick  auf  die  Voränge

  vor  Verdun  und  die  zu  erwartende  russische

ffensive  starke  österr.-ungar.  Kräfte  zu  fesseln.  Die
am  15.  Mai  am  Isonzo  einsetzenden  Lampihandlane
gen  größeren  Stils  sowie  die  Unsammlung  bedeutender
  Truppenmassen  ließen  eine  großangelegte  Offensive
  gegen  Görz  als  unmittelbar  bevorstehend  erwarten,
  doch  wurde  sie  durch  die  überraschend  angesetzte
österr.-ungar.  Offensive  in  Tirol  (s.  unten  S.  113)  vereitelt.
  Insolte  der  schweren  Kämpfe  u.  Verluste  zwischen
  Etsch  und  Brenta  mußte  Cadorna  bedeutende
Kräfte  vom  rechten  Flügel  in  den  Raum  Schio-Verona
abziehen,  was  durch  gelungene  Teilangriffe  mit  starken
  Kräften  geschickt  maskiert  wurde:  14.  Juni  östlich
von  Monfalcone  bei  San  Antonio,  28.  Juni  bis
8.  Juli  an  der  Podgorahöhe,  San  Michele  und
Monte  Cosich  (über  3000  Gefangene).

Nach  einmonatiger  Umgruypierung  fand  4.—
16.  Aug.  1916  die  sechste  Isonzoschlacht  statt,  in
der  die  Italiener  nach  rücksichtslosem  Einsatz  von
17  Divisionen  auf  schmaler  Front  die  heiß  umstrittene
Podgorastellung,  Görz  und  das  Plateau  von
Doberdd  endlich  eroberten.  An  Gefangenen  verloren
  die  österr.-ungar.  Truppen  393  Offiz.  u.  18400
Mann,  die  Italiener  100  Offiz.  u.  5000  Mann.  Die
ital.  Erfolge  waren  taktisch  wichtig  wegen  der  Einnahme
  der  der  Hermadastellung  vorgelagerten  stärksten
  Bollwerke,  insbes.  aber  politisch  und  moralisch
hoch  bedeutsam.  Da  jedoch  die  Italiener  trotz  Räumung
  von  Oppachhiasella  und  des  Vallonetals  in  der
Wispachmulde  nicht  vorwärts  kamen,  während  sich
die  Verteidiger  auf  dem  Plateau  von  Bate  (Plava)
behaupteten,  von  wo  aus  (Monte  San  Gabriele)  sie
die  Görzer  Ebene  flankierten,  verschlechterten  sie  ihre
Stellung  eher.  Diese  Erfolge  zu  strategischen  zu  gestalten
  u.  zwischen  Wippach  u.  dem  Meere  in  der
Nichtung  Triest  für  die  Umfassung  der  Hermadastellung
  Raum  zu  gewinnen,  bezweckien  die  innerhalb
verhältnismäßig  kurzer  Zeitabschnitte  aufeinanderfolgenden
  nächsten  drei  Offensiven.

ie  siebente  Isonzoschlacht  (14.—17.  Sept.
1916),  in  der  20  Infanteriebrigaden,  15  Bersaglieribataillone
  u.  eine  Kavalleriedivision  gegen  die  österr.=ungar.
  Defensivstellung  hinter  dem  Vallone  anrannten,
  brachte  einen  Raumgewinn  von  3  km  Breite  auf
1  km  Tiefe  bei  Lokvica  und  Merna,  die  achte
Isonzoschlacht  (9.—12.  Okt.  1916)  einen  noch  ge-109



ringfügigeren  südöstlich  von  Görz  u.  eine  Ausbuchtung
ihrer  Stellung  bei  Oppacchiasella,  die  neunte
Isonzoschlacht  (29.—31.  Okt.  1916)  trotz  gründ.
lichster  Vorbereitung  durch  schweres  Artilleriefeuer  u.
noch  größerem  Aufwand  an  Kräflen  keinen  einzigen
Punkt  von  entscheidender  strategischer  Bedeutung,  obwohl
  entsprechend  dem  höheren  Einsatz  auch  größere
taktische  Erfolge  —  Vertojba  und  Höhenkamm  bei
Nova  Vas,  Eindringen  bis  zu  4  km  Tiefe  in  den
Raum  Lukatic-Veliki  Hribar  —  erstritten  wurden.
  An  den  Brennpunkten  des  erbitterten  Ringens,
bei  Jamiano,  das  genommen  und  wieder  verloren
wurde,  u.  vor  dem  wichtigen  Costanjevica  brach  sich
der  Massenansturm.  Gleichzeitige  größere  Demonstrationen
  im  Norden  u.  Süden  des  Plateaus  blieben
ohne  jedes  Ergebnis.  Der  Winterfeldzug  an  der  Julischen
  Front  1916/17  zeitigte  einige  kleinere  Teilunternehmungenöstlich
  von  Görzz,die  die  italien.  Stellungen
etwas  verbesserten.  Ein  überraschender  gleichzeitiger
üÜberfall  auf  Santa  Catterina,  San  Marco  u.
San  Pietro  am  9.  Febr.  1917  wurde  am  11.  von
den  Italienern  wieder  wettgemacht.  Während  der
verhältnismäßigen  Ruhe,  die  an  der  Julischen  Front
bis  Mai  herrschte,  führten  beide  Teile  alle  verfügbaren
lebendigen  Kräfte  geran  und  bauten  ihre  Fronten  in
dicht  verzweigten  Befestigungssystemen  mit  außerordentlich
  siesen  Verteidigungszonen  gewaltig  aus.

Eine  Artillerieschlacht  (11.—  13.  Mai  1917)  von  bisher
  ungeahnter  Stärke  leitete  den  ital.  Vorstoß  zur
zehnten  Isonzoschlacht  (14.  Maibis  6.  Juni  1917)
ein,  die  in  drei  Phasen  zerfiel:  14.—20.  Mai  Bestür.
mung  des  österr.-ungarischen  rechten  Flügels  auf  dem
Plateau  von  Bate,  23.—30.  Mai  Durchbruchsversuch
in  der  Wippachmulde,  4.—-6.  Juni  Gegenangriff  des
Verteidigers  bei  Jamiano.  Währenddem  fanden  an
der  übrigen  Front  Tolmein  bis  zum  Meere  mehr  oder
wenigerheftige  Demonstrationsangriffe  u.  hinhaltende
Gefechte  statt.  Die  erste  Phase  brachte  wichtigen  Raumgewinn
  auf  dem  linken  Isonzo-Ufer  im  Raumdes
großen  Flußknies  bei  Plava,  wo  die  ital.  Angriffe
bisher  stets  abgewiesen  worden  waren,  ferner  einige
beherrschende  Höhen  (Kuk,  Vodicehöhe,  Höhe  6183.
deren  Einnahme  erst  den  Angriff  auf  die  Heiligenberge
  im  Zentrum  der  österr.  Siehung  (oante  Santo.
Monte  San  Gabriele)  ermöglichte.  Bei  Auzza  und
Ajba  wandte  der  Verteidiger  die  von  Norden  drohende
Flankierung  des  Plateaus  Bainsizza-Heiligengeist
  nochmals  ab;  hier  wurden  die  vorgedrungenen
tal.  Abteilungen  auf  das  rechte  Flußufer  zurückgeworfen.
  Die  aus  Görzvorbrechenden  Sturmkolonnen
rannten  gegen  die  Sperrstellungen  im  Rosenthal
an,  um  geden  Aisovizza  u.  Schönpaß  in  der  Wippachmulde
  durchzubrechen;  hier  im  Zentrum  blieb
den  Italienern  jeder  Erfolg  versagt.  Hingegen  drückten
  sie  in  der  zweiten  Paf-  der  Schlacht,  wo  sie  das
Schwergewicht  des  Angriffs  auf  den  Raum  Wippach-Duino
  verlegten  und  hierfür  ihre  gesamte
3.  Armee  einsetzten,  die  starken  österr.-ungar.  Linien
am  Fajtiprib-Costanjevica-Jamiano-Medeazza
  um  3¼  km  zurücck,  gelangten  nahe  an  die
Hermadastellung  bei  Selo  und  nahmen,  zugleich
unterstützt  von  Kriegsschiffen  u.  schwersten  englischen
Schiffsgeschützen.  den  Schulterpunkt  der  Hermada
gegen  das  Meer,  San  Giovanni.  Das  waren
schwerwiegende  Erfolge,  da  hiermit  die  Umfassung
der  Hermada  von  Norden  und  Südwesten  in  unmittelbare
  Nähe  gerückt  schien.  Während  der  folgenden
  Atempause  schickte  sich  Cadorna  bereits  zur  ope-
        <pb n="122" />
        110

rativen  Auswirkung  des  erfochtenen  taltischen  Gewinns
  an,  als  die  österr.-ungar.  Heeresleitung  am
4.  Juni  zu  einem  überraschenden,  gewaltigen  Gegenstoß
  aus  der  Linie  Kostanjevica-Selo-Brestovica-Medeazza
  (38.  Phase)h  schritt,  der  die  Italiener
in  drei  Tagen  bis  Jamiano  zurückwarf,  den  größten
  Teil  des  ungeheuer  blutig  erkauften  Geländegewinns
  kostete  u.  die  gefährliche  Umklammerung  der
Hermadastellung  abwandte.  Inder  10.  Schlacht  machten
  Verteidiger  und  Angreifer  je  27000  Gefangene.
Auf  40  km  Breite  waren  in  dieser  Schlacht  35  ital.
Divisionen  angesetzt  worden;  ihre  bluligen  Verluste
werden  auf  160  000  Tote  und  Verwundete  geschätzt.
Nach  zehnwöchiger  Ruhepause,  die  nur  kleinere
Vorstellungskämpfe  (1.  Juli  Vertojba,  2.  Juli
Kostanjevica,  15.  Juli  Versich  unterbrachen,  entbrannte
  um  den  Durchbruch  nach  Triest  an  der  Front
Tolmein  bis  zum  Meere  eine  neue,  großangelegte
italienische  Offensive,  die  elfte  Iscnosschlacht
(19.  Aug.  bis  8.  Sept.  1917).  Die  Italiener  gaben
ihr  Bestes  und  Letztes  her,  um  einen  vollen  Sieg  zu
erringen.  Die  Brennpunkte  des  Kampfes  waren  die
leichen  wie  in  der  10.  Schlacht,  auf  ihrem  rechten
lügel  Hermadastellung  u.  Plateau  von  Comen,
  im  Zentrum  die  Wippachmulde  u.  die  Straße
nach  Schönpaß,  auf  dem  linken  Flügel  die  Heiligenberge,
  die  Hochebene  von  Bainsizza-Heiligengeist
  u.  der  obere  Isonzo  von  Canale  bis  Auzza.
uf  48  km  Breite  wurden  48  Divisionen  anges  4,
weit  über  ½  Million  Mann.  Ein  entscheidender  Erfolg
  sollte  durch  freiwillige  Aufgabe  der  Angriffsstellung
  auf  dem  Plateau  der  Sette  Comuni  gesichert
werden,  um  gegen  etwaige  Üüberraschungen  seitens
der  Osterreicher  gewappnet  zu  sein.  Die  Schlacht  nahm
solgenden  Verlauf:  die  wiederum  versuchte  Umfassung
er  Hermadastellung  von  Norden  her  mißlang;
nach  wuchtigem  Vorstoß  über  Jamiano  hinaus  gelangten
  die  Italiener  bis  Selo,  konnten  jedoch  die
Linien  von  Voiscica  nicht  nehmen  u.  wurden  dann
im  Gegenstoß  über  Selo  bis  nahe  an  Jamiano  zurückgedrängt.
  Der  Angriff  in  der  Wippachmulde
und  östlich  von  Görz  blieb  schon  vor  San  Marco
u.  vor  der  Linie  Bukovica-Ranziano  stecken,  hingegen

  brachte  der  von  einer  ganzen  Armee  in  breiter  (

kont  durchgeführte  Angriff  auf  dem  linken  Flügel
die  österr.-ungar.  Truppen  in  eine  bedenkliche  Lage.
Die  Gewinne  aus  der  10.  Schlacht  (Monte  Kuk  und
Vodice)  boten  hier  wertvolle  Flügelstützpunkte  zum
Vorgehen  aus  der  linken  Flanke.  Es  gclang  den  Italienern,
  nach  Forcierung  des  Isonzo  bei  Canale  und
Auzza,  die  Brhhöhe  zu  nehmen,  hierdurch  den  linken
Flügel  auf  die  höhere  Plateaustufe  heraufzuziehen  u.
in  der  Mitte  die  beherrschenden  Punkte  Jelenik,  Kobilik
  zu  besetzen,  wodurch  der  Druck  auf  die  feindl.
Nordflanke  so  mächtig  wurde,  daß  die  österr.-ungar.
Heeresleitung  auf  dem  ganzen  Plateau  Bainsizza-Veiligengeist
  beträchtlich  zurückgehen  u.  eine  neue
Basis  auf  der  Linie  Fodlesche  Polaka  -Monte
San  Gabriele  suchen  mußte.  Der  die  letztgenannte
Kuppe  der  Heiligenberge  flankierende  Monte  Santo
Lig  verloren.  Eine  Ruhepause  der  erschöpften  ital.

ruppen  benutzte  Boroevic,  um  die  neue  Verteidigungslinie
  entsprechend  auszugestalten  u.  mit  eiligst
herangeführten  Reserven  zu  füllen,  so  daß  sich  hier
alle  neuerlichen  Anstürme  brachen.  Die  Schtacht
flaute  dann  allmählich  ab  u.  endete  in  hartnäckigsten
Bestürmungen  des  Monte  San  Gabriele  seitens
der  Italiener,  die  den  Gipfel  wiederholt  eroberten,  um

I.  Kriegsgeschichte

ihn  schließlich  doch  in  feindl.  Hand  lassen  zu  müssen.
Die  Beute  geben  die  Italiener  an  mit  838  Offizieren
und  30700  Mann  an  Gefangenen,  80  Geschützen,
94  Mörsern  und  Minenwerfern,  222  Maschinengewehren,
  11  196  Handfeuerwassen.  Die  Österreicher
u.  Ungarn  nahmen  550  ital.  Offiziere  u.  19  500  Mann
efangen.  Der  Durchbruch  nach  Triest  war  nicht  geungen.
  Die  strategische  Lage  an  den  italienischen
Fronten  blieb  unsicher,  da  der  Gegner  an  der  Tiroler
Front  die  Bewegungsfreiheit  behalten  hatte,  die  ital.
Hauptkräfte  in  Angriffsstellung  auf  verhältnismäßig
schmalem  Raum  durch  eine  Minderheit  gefesselt  standen,
  zu  einer  Zeit,  da  die  im  Osten  geglückte  Schlußoffenssoe
  den  Mittelmächlen  endlich  ermöglichte,  von
der  russ.  Front  Kräfte  nach  der  ital.  Front  zu  werfen.
Die  starke  Menscheneinbuße  zwang  beide  Gegner
u  einer  gründlichen  Neugliederung  ihrer  wichtigsten
Front,  Dienotgedrungene  Ru  Eaustwurdenurupterbrochen
  durch  stetige  örtliche  Kämpfe  um  den  Monte
San  Gabriele.  Die  Italiener  suchten  ihn  von  der
Hochfläche  Bainsizza  aus  zu  fassen.  Dies  führte  27.—
30.  Sept.  1917  zu  den  überfallartig  angesetzten  Gefechten
  von  Podlaka  und  Madoni,  in  denen  die  k.  u.  k.
Truppen  einige  Gräben  verloren,  größeres  Unheil
aber  durch  eiligst  herangeführte  Reserven  verhüteten.
Ansang  Oktober  setzte  an  der  Julischen  Front
überall  intensives  beiderseitiges  Störungs-  und  Vernichtungsfeuer
  der  Artillerie  ein.  Die  ital.  Heeresleitung,
  der  große  feindliche  Verschiebungen  nicht  entangen
  waren,  hatte  bei  Cividale  und  Cormons  eine
tarke  Generalreserve  (20  Divisionen?)  angehäuft,
um  anläßlich  der  defensiv  zu  schlagenden  12.  Isonzoschlacht
  strategisch  angreifen  zu  können.  Trotzdem  gelang
  den  verbündeten  deutschen  und  k.  u.  k.  Truppen
die  völlige  Überraschung  des  Gegners.  Geschickt  ausgeführte
  starke  Angriffe  lockten  einen  Teil  der  ital.
eserven  nach  der  Tiroler  u.  Kärntner  Front,  nureinsünndige,
  aber  mit  neuartigen  Gasgranaten  wirksam
urchgeführte  Artillerievorbereitung  leitele  am  24.Okt.
1917um  7  Uhr  früh  in  der  Linie  Rombon-Flitsch-Karfreit-Tolmein
  auf  30  km  Frontbreite

bie  zwölfte  Isonzoschlacht

24.—  29.  Okt.  1917)  ein.  Hier  stand  die  neue  14.
deutsche  Armee  (schles.,  bayr.,  württ.  u.  österr.  Elitetruppen),
  die  durch  überraschenden  Flankenstoß  in  die
am  Plateau  Bainsizza-Heiligengeist  in  Angriffstellung
  verankerte  2.  ital.  Armee  (Gen.  Capello)  als
Sturmbock  dienen  sollte,  worauf  die  von  Tolmein  bis
zum  Meere  gestaffelten  österr.-ungar.  Armeen  frontal
vorzugehen  u.  die  ital.  Aufstellung  allmählich  aufzurollen
  hatten.  Den  Oberbefehl  hatte  Kaiser  Karl,
unterstützt  von  Generaloberst  v.  Arz  u.  Generalmasor
v.  Waldstätten  vom  österr.-ungar.  Armeeoberkommando;
  die  k.  u.  k.  Isonzo-Armeen  führte  Feldmarschall
  Erzh.  Eugen,  die  deutsche  Armee  Gen.
d.  Inf.  Otto  v.  Beldw.  Der  vorbildlich  geleitete  Anriff

  der  Armee  des  letzteren  erfolgte  so  wuchtig  u.  gebich.
  daß  schon  am  24.  Okt.  mittags  die  Front  von
Rombon  bis  Auzza  an  sieben  Stellen  durchbrochen
war,  der  Gegner  das  östliche  Isonzo=  Ufer  ganz  räumen
  mußte  u.  hierbei  mehr  als  10  000  Gefangene  verlor.
  Trotz  gewaltiger  natürlicher  u.  künstlicher  Hindernisse
  wurde  der  Widerstand  des  Feindes  in  unaufhaltsamem
  Vormarsch  schon  am  25.Okt.  völlig  gebrochen,
die  linke  Flanke  Capellos  aufgerissen  u.  seine  Armee
durch  das  Vordringen  gegen  Cividale  in  ihrer  Rückzugslinie
  schwer  bedroht.  Trotz  ihrer  mächtigen  Ar-
        <pb n="123" />
        <pb n="124" />
        —  —  E  .

1-  -s«.«-3  «,,.  .-»««·,.-.-k«.««-;  Ofsenaive  der

51
Z##ERITALILEN
Joarob.-Descmh#w#

——

.  ,--«.-
  .  »  »  .  m
ri-l  rre  *
».
§iel
—

.  t

Seciruino  ꝰ

.M.
2

M

Gucko.
———

#

n—.——  ——————————————
——d...—————————————————————
d  S#——————  ##  “.  ———
—#####dne##  ueniaen  .
WMQMMWMJWWXTM
·  ·.  »  «  PWJMIEd.-?«l-MMM««M«W,AIMMMThis-HTF
  —  7*7*  "  -  WWFJEWMMMM
S—  .»-..  -  RedmewazMMmcxbi
1i#v  (  e  +u########  —-e  —

Hbliographinchen  imsütul,  Leipnig
        <pb n="125" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

tilleriestellungen  wurden  die  Gipfel  Vrtec,  Kru,
Mrzli  Vrh,  Kolowratrücken,  Matajur  innerhalb
  einiger  Stunden  im  Sturme  genommen.  während
  das  österreichische  Kontingent  der  Armee  Below,
die  Arme'gruppe  Alfred  Kraus,  nördlich  ausgreifend,
  den  Canin  (2600  m)  und  den  Stol  bezwang
und  sich  hierauf  durch  das  Raccolanatal  den  Weg
in  das  in  den  Rücken  der  ital.  Malborghetstellung
  führende  Fellatal  bahnte.  Durch  den  überraschenden
  Vorstoß  Belows  geriet  die  Bainsizzafront
der  2.  ital.  Armee,  in  Flanke  und  Rücken  von  Below
bedroht,  in  der  Front  von  Boroevié  am  25.  Okt.  anzefallen,
  ins  Wanken.  Alles  in  der  11.  Schlacht  ertrittene
  Gelände  ging  binnen  einiger  Stunden  an
die  stürmisch  vordringenden  k.  u.  k.  Truppen  verloren.
In  Unordnung  räumte  die  völlig  geschlagene  2)  ital.
Armee  ihre  Stellungen  u.  büßte  eine  ungeheure  Zahl
von  Gefangenen  u.  Geschützen  ein.  Diese  Katastrophe,
die  sich  erst  am  26.  Okt.  nach  der  Einnahme  des
Monte  Santo,  Kuk,  Vodice  und  der  Vertreibung
der  Italiener  vom  Monte  San  Gabriele  voll
auswirkte,  beeinflußte  auch  die  3.  ital.  Armee  (Herzog
von  Aosta),  die  die  Strecke  von  Salcano  bis  zum
Meer  verteidigte.  Die  viel  umkämpften  Höhen  des
Fajti  Hrib,  Kostanjevica,  Jamiano,  das  in
den  ersten  Schlachten  so  heiß  umstrittene  Plateau  von
Doberdd,  die  böhen  von  San  Michele,  Monte
dei  Sei  Busi,  die  Podgorastellung,  nördlich
hiervon  die  Höhen  von  Oskavija,  der  Monte  Sabotino,
  Plava,  das  Vallonetal,  kurz  der  ganze
Gewinn  der  Italiener  von  zweieinhalb  Jahren  wurde
von  den  Osterreichern  in  ebensoviel  Tagen  zurückgewonnen.
  Am  27.  Okt.  nahmen  die  Deutschen  Cividale,
  am  28.  zogen  die  k.  u.  k.  Truppen  in  Görz
ein,  am  29.  fluteten  die  letzten  ital.  Truppen  vom
rechten  Isonzo-Ufer  landeinwärts  ab,  die  Reste  der
2.  Armee  an  den  mittleren  Tagliamento,  wo  Cadorna
mit  einigen  Reserven  eiligst  eine  Aufnahmestellung
in  der  Linie  Dignano-Pasian,  Schiavonesco-Codroipo
  geschaffen  hatte,  die  3.  Armee  längs  der  adriatischen
  Küste  an  den  unteren  Tagliamento.

Mit  der  Einnahme  von  Udine  durch  die  Deutschen,
von  Cormons  durch  die  Österreicher  und  Ungarn
am  30.  Okt.  war  die  12.  Schlacht,  einer  der  glänzendsten
  Siege  des  Krieges,  ja  der  Kriegsgeschichte,  entschieden.
  Die  Italiener  verloren  bis  zu  diesem  Tage
120000  Gefangene  und  1300  Geschütze.  überlegene
Führung  und  tüchtigere  Durchbildung  der  Truppe
für  schwierige  Aufgaben  auf  Seite  der  Mittelmächte
hatten  ebensolchen  Anteil  an  dem  Ergebnis  wie  Verkennung
  der  strategischen  Überlegenheit  des  Gegners,
Unterschätzung  der  Stärke  der  infolge  der  neu  geschaffenen
  Lage  im  Osten  freigewordenen  Reserven
und  die  seit  Kregsbeyinn  an  Überstreckung  der  Angriffsfront
  krankende  strategische  Lage  auf  Seite  der
Italiener.  Die  Zertrümmerung  der  Fionzfront  traf
Italien  aufs  schwerste  und  zog  das  Zentrum  der
Ententefront  (Einheitsfront!)  aufs  empfindlichste  in
Mitleidenschaft.  Mit  der  Abdrängung  des  Gegners
vom  Isonzo  und  der  unmittelbar  ein  eeden  Verfolgung
  trat  der  Bewegungskrieg  in  seine  Rechte.

3.  Die  Greignisse  an  der  Kärntner  Fronti.
Vom  Kreuzbergsattel,  dem  Ausläufer  der  Ampezzaner
  Dolomiten  bis  zum  Predilpaß,  dem  westlichen
Eckpfeiler  der  Julischen  Alpen,  zieht  sich  in  einer  Aus-1

  Bgl.  die  gegenllberstehende  Karte  sowie  die  in  Bd.  I,  S.  98)9.

111

dehnung  von  etwa  90  km  der  mächtige  Gebirgsstock
der  Karnischen  Alpen  hin.  die  kärntnerische  Front  der
Donaumonarchie.  Das  Gelände  in  diesem  an  Tälern
und  fahrbaren  Straßen  armen  Hochgebirge  gestaltet
sich  für  einen  Vormarsch  aus  der  italienischen  Ebene
noch  schwieriger  als  die  Tiroler  Grenzgebirge  und  der
Karst.  Zudem  sperren  auf  der  österreichischen  Seile
eschickt  angelegte,  moderne  Befestigungsgruppen  am
Fredis,  bei  Malborghet,  bei  Saifnitz  und  Raibl
in  wirksamster  Weise  den  Zugang  der  wenigen,  dafür
aber  um  so  wichtigeren  Straßen  nach  Tarvis,  Geschützstellunger
  am  Plöckenpaß  die  Einbruchstellen
ins  Gail=  und  Drautal.  Auf  italienischem  Boden
dienen  die  Forts  von  Ospedaletto  zur  Sperrung
des  Tagliamento-,  die  Anlagen  bei  Forni-Avoltri
ur  Deckung  des  Piavetals,  die  starken  Werke  von
Pontebba  und  Chiusaforte  zur  Sicherung  der
Fella=  und  Raccolanatäler.  In  steter  Sorge  um  die
fortwährende  Bedrohung  ihrer  Hauptstoßrichtung  am
Isonzo  aus  der  flankierenden  österreichischen  Stellung
in  Kärnten  mußte  die  italienische  Heeresleitung  starke
Kräfte  und  ständige  Reserven  an  der  Kärntner  Front
bereit  halten  und  dort  in  schwierigem  Gelände  auch
ofsensiv  vorgehen,  um  den  Gegner  in  Atem  zu  halten.
Aus  diesem  Grunde  wurde  auf  einem  Nebenkriegsschauplatz
  eine  verhältnismäßig  große  Heeresmacht  —
etwa  8—10  Divisionen  —  gefesselt  und  der  Entscheidung
  an  der  Hauptfront  entzogen,  während  der  Verteidiger
  die  Höhenstellungen  mit  verhältnismäßig  geringem
  Kräfteaufwand  halten  konnte.  Da  ein  Infanterieangrif
  großen  Stils  ausgeschlossen  war,  entwickelten
  die  Italiener  wie  an  der  Tiroler  Front  eine
zahlreiche  schwere  Artillerie.  Der  hier  mehr  als  Diversion
  zu  betrachtende  Gebirgskrieg  wurde  bis  zum
Eintritt  des  Alpenwinters  mit  wechselndem  Erfolge
geführt.  Die  Hauptkämpfe  spielten  sich  am  Kreuzergsattel
  (3.  Juni,  9.  u.  19.  Juli),  am  Monte
Paralba  (11.  Juni)  ab,  wo  es  den  ungarischen  Truppen
  gelang,  ein  beträchtliches  Stück  italienischen  Bodens
  zu  behaupten,  ferner  am  Plöcken  paß  (Monite
Croce  Carnico),  in  dessen  Nähe  am  Großen  u.  Kleinen
  Pal,  am  Freikofel,  durchweg  Bergen  von  über
2000  m  Seehöhe,  um  deren  beherrschende  Gipfel  von
Anfang  Juni  bis  Mitte  August  ununterbrochen  erbittert
  gerungen  wurde,  und  am  Wolayer  See,  wo
die  Italiener  Fortschritte  zu  verzeichnen  hatten.  Die
bedeutendsten  artilleristischen  Anstrengungen  der  Italiener
  konzentrierten  sich  auf  die  Einbruchstellen  am
Predil  und  bei  Malborghet,  doch  gelang  es  ihnen
trotz  stärkster  Beschießung  mit  allen  Kalibern  nicht,
die  österreichischen  Forts  zum  Schweigen  zu  bringen.
Abgesehen  von  hartnäckigen  wechselvollen  Kämpfen
um  den  Kleinen  Pal,  25.—28.  März,  u.  den  Nauchkofel,
  4.—6.  April,  herrschte  während  des  Feldzugs
1916  u.  bis  Okt.  1917  verhältnismäßige  Ruhe.  Starkes
Feuer  auf  die  italienischen  Stellungen,  dem  lebhafte
Infanterieaktionen  folgten,  nötigte  vom  14.Okt.  1917
ab  die  ital.  Heeresleitung  zur  Bereitstellung  namhafter
  Reserven.  Nach  dem  raschen  Zusammenbruch  der
Isonzofront  wurde  die  anschließende  ital.  Kärntnerfront
  zuerst  durch  die  Niederlage  erschüttert.  Die  neu
zusammengestellte  österr.=  ungar.  Kärntner  Armee
(unter  Krobatin)  entriß  der  ins  Wanken  geratenen,
nur  auf  rechtzeitige  Loslösung  vom  Feinde  bedachten
4.  ital.  Armee  in  kurzer  Zeit  die  Grenzstellungen  südöstlich
  von  Tarvis,  Pontebba,  die  ehemals  heiß
umkämpften  Punkte  Plöckenpaß,  Kleinen  u.  Großen
  Pal,  Findenigg,  Mittagskofel;  nur  der
        <pb n="126" />
        112

Monte  Paralba  mußte  infolge  größeren  Widerstands
  erstürmt  werden.

Die  Verfolgung  des  ziemlich  geordnet  frei  zurückgehenden
  Feindes  erfolgte  teils  durch  das  Tal  des
oberen  Tagliamento,  teils  durch  das  des  oberen
Piave,  in  jenem  unter  Mitwirkung  der  nördlichsten
Angriffsstaffel  der  Armee  Below,  der  österr.-ungar.
Armeegruppe  Kraus,  die  durch  das  Fellatal  heranmarschierte
  u.  Resiutta  sowie  die  ständigen  Werke
Gemona  u.  Osoppo  bezwang.  Am  7.  Nov.  war
der  Widerstand  der  sich  tapfer  schiagenden  Nachhuten
auf  den  Gebirgsstraßen  gebrochen.  Einzelnen  Gruppen,
  die  am  oberen  Tagliamento  zwischen  Tolmezzo
u.  Gemonau  an  den  ständigen  Befestigungswerken
des  Monte  San  Simeone  noch  ausharrten,  verlegten
  umfassend  angesetzte  Angriffskolonnen  der  Verbündeten
  den  Weg;  es  wurden  dort  170  Offiziere  u.
17000  Mann  gefangengenommen,  80  Geschütze  erbeutet.
  Die  Verfolger  wandten  sich  dann  westlich,
folgten  dem  Strome  des  zurückflutenden  Gegners  ins
Piavetal,  wo  sich  die  von  der  ehemaligen  Kärntner
und  Dolomitenfront  abgedrängten  Verbände  gegen
Belluno  wälzten.  Die  Sperrwerke  im  obersten
Piavetal,  Vigo  u.  Pieve  di  Cadore,  nahmen
Teile  der  Armee  Krobatin  (94.  Inf.-Div.)  10.—12.
Nov.  ein;  gleichzeitig  mußten  weiter  südlich  bei  Longarone
  starke  Nachhuten,  20  000  Mann,  von  württ.
u.  österr.  Truppen  umstellt,  die  Waffen  strecken.  Das
Gros  der  4.  ital.  Armee  war  jedoch  heil  entkommen
und  bildete  den  Grundstock  der  zwischen  Piave  und
Brenta.  im  nunmehr  gefährdetsten  Raume,  neu
gegliederten  italienischen  Defensive.

4.  Die  Ereignissr  an  der  Tiroler  Front.

Daß  der  italienische  Angriff  auf  das  Trentino
von  zwei  Seiten  erfolgen  würde  gleichwie  im  Jahre
1866,  stand  zu  erwarten,  da  die  geographische  Lage
Südtirols  zu  einer  solchen  Verteilung  der  Kräfte  förmlich
  einladet.  Deshalb  hatte  die  österreichisch-ungarische
  Heeresleitung  beizeiten  in  Südtirol  ein  vorzügliches
  Befestigungssystem  errichtet.  An  der  Westgrenze
  gegenüber  der  Schweiz  liegen  am  Hauptzugange
  zum  Oberinntal  die  Befestigungen  von  Nauders,
  am  Stilfser  Joch  die  von  Gomagoi  und
an  der  Tonalestraße  die  von  Strino.  Den  Hauptstützpunkt
  der  Landesverteidigung  von  Tirol  bildet
die  Festung  Franzensfeste  am  Zusammenflusse
von  Eisack  und  Rienz  und  am  Kreuzungspunkte  der
Brenner=  und  Pustertaler  Bahnstrecke.  Als  Paßsperren
  gegen  Südwesten  dienen  die  vorgeschobenen
Gren  bese  tigungen  Riva  und  Nago  am  Gardasee
und  die  Forts  von  Lardaro  in  Judikarien,  als
Schutz  Trients  gegen  Osten  die  Befestigungen  von
Levico  und  Rocchetta.  Die  übergänge  über  die
Dolomiten,  nordöstlich  von  Trient,  werden  durch  die
Werke  am  Rollepaß  bei  Paneveggio,  ferner  durch
die  Befestigungen  von  Mona,  Pieve  di  Livinallongo,
  Andraz,  Falzarego,  Trai  Sassi  und
Plätzwiesen  gesperrt.  Die  Werke  sind  vollkommen
modern  ausgebaut  und  mit  vorzüglicher  schwerer  Artillerie
  bestückt.  Einen  noch  mächtigeren  Schutzdamm
bietet  das  Alpenmassiv,  das  die  ganze  österreichischitalienische
  Grenze  entlang  läuft.  Auf  italienischer
Seite  sperren  die  ständigen  Werke  von  Bormio  am
Stilfser  Joch  und  Ponte  di  Legno  westlich  vom
Tonalepaß  die  einzigen  für  größere  militärische  Opera-1

  Ugl.  die  Karte  Bd.  II.  S.  989.

I.  Kriegsgeschichte

tionen  in  Betracht  kommenden  Straßen;  das  Ogliotal
wird  durch  das  Fort  Edolo,  das  Chiesetal  bei  Rocca
d'Anfo,  das  Etschtal  bei  Rivoli-Ceraino  durch
Festungswerke  gesichert.  In  den  Dolomiten  sperren
mehrere  Festungsgruppen  den  Austritt  des  Feindes
aus  dem  Gebirgsmassiv  durch  die  Täler  des  Astico,  der
Brenta  und  Piave  (Arsiero  und  Asiago,  Pieve
di  Cadore  und  Vigo).  Diese  höchst  wichtigen  Anlagen
  decken  den  Zugang  zu  den  großen  Straßen,  die
unmittelbar  in  die  oberitalienische  Ebene  nach  Treviso,
Venedig,  anderseits  nach  Vicenza  und  Padua  führen.
Die  italienische  Heeresleitung  scheint  einen  konzentrischen
  Angriff  auf  Trient  sogar  von  drei  Seiten  her
eplant  zu  haben;  darauf  lassen  die  gleichzeitigen  Vorlöße
  verhältmismäßig  starker  Vortruppen  in  Judikarien,
  gegen  das  Sarcatal  und  östlich  von  der
Etsch  im  Abschnitt  zwischen  Etsch  und  Brenta
schließen.  Aber  auch  der  Verleidiger  hatte  eine  solche
Möglichkeit  berücksichtigt,  denn  der  italienische  Angriff
kam  an  allen  drei  Linien  bald  ins  Stocken.  Immerhin
  führten  die  beiderseitigen  Operationen  zu  einem
Gebirgskriege,  wie  er  in  der  Kriegsgeschichte  aller  Zeiten
  einzig  dasteht.

a)  Die  Operationen  westlich  von  der  Etscht.

Als  die  österreichisch-ungarischen  Hauptstellungen
nach  verhältnismäßig  raschem  Vordringen  der  ital.
Vortruppen  in  Judikarien,  wo  die  schwachen  Streitkräfte
  nahezu  kampflos  Storo  und  Condino  aufgaben
  (26.  u.  27.  Mai  1915),  erreicht  waren,  geriet
der  Vormarsch  sofort  ins  Stocken.  Diesen  Kampfhandlungen
  ist  bei  dem  ganzen  Kräfteeinsatz  auch  nur
untergeordnete  Bedeutung  beizumessen.  Hervorzuheben
  wären  die  wechselvollen  Kämpfe  im  Gebiet  des
Stilfser  Jochs  und  des  Tonalepasses  (F.  bis
13.  Juni),  wobei  die  Berteidiger  ihre  Stellungen  behauptelen,
  die  Zusammenstöße  im  Val  Chiese  und
Bal  Doone  in  der  ersten  Julihälfte,  die  Gefechte  bei
Bezecca  im  Ledrotal  am  1.  August  und  die  italienische
  Ersteigung  der  Über  3000  m  hohen  Punta
di  Ercavallo  mit  Gebirgsgeschützen  am  6.  August.
Die  Fortschritte  der  Italiener  am  Gardasee  beschränkten
  sich  auf  die  Besetzung  des  Monte  Altissimo
am  Ostufer  des  Sees,  eines  Ausläufers  des  Monte
Baldo,  und  der  wirkungslosen  Beschießung  von  Riva.

Die  Operationen  nahmen  nach  dem  Scheitern  der
Absicht  eines  schnellen  Vormarsches  gegen  Trient  immer
  mehr  den  Charakter  von  Diversionen  an,  die  den
Zweck  hatten,  Kräfte  des  Feindes  zu  binden.

Der  Feldzug  1916  war  gekennzeichnet  durch  kleinere
  örtliche  wiernehmunge  der  beiderseitigen  Alpentruppen
  in  den  höchsten  Bergregionen;  die  bedeutendste
  war  ein  den  italienischen  Alpini  geglücktes
Unternehmen  in  3500  m  Höhe  im  Adamellomassiv
  1.—4.  Mai  1916.  Einige  schwächere  Vorstöße
  in  Richtung  Nago  u.  Riva  scheiterten  gänzlich.

Das  Jahr  1917  brachte  keine  Veränderung  im  gegenseitigen
  Besitzstand  und  verlief  mit  Ausnahme  der
üblichen  Artillerietätigkeit  und  der  zum  Sport  gewordenen
  kriegerischen  Alpinistik  auf  den  höchsten  Alpenipfeln

  ruhig.  Die  schwerwiegenden  Ereignisse  an  der
sonzofront  (s.  oben,  S.  110)  beeinflußten  die  Lage
nicht  merklich.  Außer  einigen  kleineren  örtlich  abgerenzten
  Aktionen  inn  Val  Daone  anfangs  Novemer,
  im  Ledrotal  Mitte  November  blieb  hier  die  Gefechtstätigkeit
  gering,  da  die  übrigen  Fronten  alle  ver-1

  Bgl.  bie  Karte  Vd.  Il,  S.  99/9.
        <pb n="127" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

fügbaren  Kräfte  beanspruchten.  Am  19.  Dez.  1917
räumten  die  Italiener  nach  Sprengung  der  Brüccke
im  Ledrota  (freiwillig  ihre  vorgeschobenen  Stellungen
  auf  der  nördlichen  Talseite.

b)  Die  Operationen  östlich  von  der  Etscht.

Vom  Austritt  der  Etsch  aus  Tirol  bis  zum  Kreuzbergsattel
  verläuft  die  längste  Kampflinie  der  beiden
Gegner  in  einer  usdebnung  von  nahezu  160  km.
Hier  hat  die  österreichisch=  ungarische  Heecesleitung
auf  die  Verteidigung  einzelner,  Hegen  einen  umfassenden
  Angriff  mit  schwächeren  äften  schwer  zu  behauptender
  Abschnitte  von  vornherein  verzichtet  und
gewisse  Gebiete  Tirols  dem  Feinde  nahezu  kampflos
überlassen.  Die  Italiener  konnten  schon  Ende  Mai
bzw.  in  den  ersten  Junitagen  die  Südspitze  Tirols  mit
Ala  (27.  Mai),  die  Getend  von  Tezze,  ferner  in
ziemlicher  Ausdehnung  das  sog.  Primör  (Fiera  di
Primiero;  29.  Mai)  und  einen  Teil  des  Ampezzotals
bei  Cortina  besetzen.  Der  anfänglich  erfolgreiche  artilleristische
  Angriff  auf  Bielgereuth  und  Lafraun
(Folgaria,  Lavarone;  26.  u.  30.  Mai,  1.  Juni),  der
den  beabsichtigten  Einbruch  nach  Rovereto  oder
Trient  wirksam  einleiten  sollte,  blieb  infolge  ausgezeichneter
  österreichischer  Artillerieabwehr  stecken;
ebenso  scheiterten  mehrere  dort  vorzeitig  eingesetzte
starke  Infanterievorstöße  unter  schweren  Verlusten
(30.  Mai).  Das  Plateau  wurde  hierauf  mit  geringen
Pausen  dauernd  mit  schweren  Geschossen  überschüttet,
doch  gelang  es  den  Italienern  nicht,  die  Artilleriestellungen
  niederzukämpfen,  so  daß  auch  die  Infanterieangriffe
  allmählich  abflauten.  Der  Einsatz  weiterer
Kräfte  im  Suganatal  bei  Borgo,  das  die  Italiener
besetzten,  und  die  hartnächger  orstöße  in  den  Dolomiten,
  um  die  Wände  der  Marmolata  (18.  Juni),
des  höchsten  Gipfels  dieses  Massivs  (3360  m),  die  Tofana
  (83010),  Pieve  di  Livinallongo,  Col  di
Lana  (2464  m),  den  Falzaregopaß,  den  Monte
Cristallo,  Landro,  Schluderbach,  Monte
Piano  rc.,  mit  der  Absicht,  die  nahe  Pustertalbahn
zu  erreichen,  führten  nicht  zum  Ziele,  wohl  aber  zu
einer  bedenklichen  Versettelung  der  Kräfte.  Obwohl
diese  ausgezeichneten  Gebirgstruppen  von  Juni  bis
Aug.  1915  dort  schöne  örtliche  Erfolge  erzielten,  erreichten
  die  Italiener  das  gesteckte  strategische  Endziel,
den  Durchbruch  gegen  Trient  und  im  Norden  die  Besetzung
  des  Pustertals,  nicht.

Trotz  strengen  Alpenwinters  wurde  im  Nov.  und
Dez.  1915  hartnäckig  u.  heftig  um  wichtge  Pässe  u.
beherrschende  Berggipfel  gekämpft,  um  Schluderbach,
  den  Monte  Piano,  die  Tofanaspitzen  u.
namentlich  um  den  Col  di  Lana,  dessen  Gipfel  die
Italiener  18.  April  1916  durch  Minensprengung  eroberten.
  Auf  der  Übrigen  Front,  bes.  auf  den  Grenzkämmen
  der  Sette  Comuni  u.  im  Suganertal
machte  sich  von  Febr.  1916  ab  ein  nervöses  Abtasten
der  österr.-ungar.  Stellungen  stark  fühlbar,  das  sich
mitunter  zu  einem  stärkeren  Druck  verdichtete.  Ein
größerer  Zusammenstaß  bei  Sankt  Oswald  westlich
  von  Borgo,  den  Dankl  12.—14.  April  1916  zu
seinen  Gunsten  entschied,  brachte  den  Italienern  die
Gewißheit  der  Anhäufung  starker  feindlicher  Kräfte
auf  schmalem  Raum.  Trotzbem  wurden  sie  mitten  in
ihren  Vorbereitungen  zu  einer  (6.)  Isonzo-Offensive
allergrößten  Stils  (s.  oben,  S.  109)  durch  eine  aus  dem
Raume  zwischen  Etsch  u.  Brenta  am  14.  Mai  1916

1  Bgl.  die  Karten  Bd.  II,  S.  98/9  und  2045.
Der  Krieg  1914/19.  I11.

113

losbrechende  großzügige  österr.-ungar.  Offensiven  von
unerhörter  Wucht  vollständig  überrascht.  Die  Stoßrichtung
  Relie  in  den  mit  Sperrwerken  aller  Art  befestigten
  Raum  von  Asiago  u.  Arsiero,  der  ital.
Hauptwiderstandslinie  in  den  Vizentinischen  Alpen,
um  nach  deren  Bezwingung  den  ZJugang  zum  Becken
von  Schio  u.  zur  oberitalienischen  Ebene  zu  erschließen.
  Diese  Flankenoperation  größten  Stils  beeinflußte
  die  gesamte  strategische  gu  gebieterisch.  Als
Staffelangriff  auf  dem  Plateau  Vielgereuth-Lafraun
  angesetzt.  warf  der  gewaltige  Stoß,  von  überwältigenden
  Kräften  ausgeführt,  im  ersten  Ansturm
die  Italiener  in  breiter,  vom  Suganertal  (Brenta)
bis  an  die  Etsch  (Val  Lagarina)  reichender  Front
zurück  u.  brachte  sie  in  Verwirrung.  Dank  dem  überraschungsmoment
  und  der  erstklassigen  Artillerie  erzielten
  sämtliche  österr.-ungar.  Kolonnen  bedeutende
Anfangerfolge,  die  aber  nur  auf  dem  linken  Huger
u.  im  Bentlum  operativ  ausgewirkt  wurden;  die  Kolonnen
  des  rechten  Flügels  stießen  schließlich  auf  unüberwindliche
  Hindernisse.  Der  linke  Flügel,  an  die
Brenta  gelehnt,  gelangte  nach  Eroberung  des  Armenterrarückens
  in  das  Sellatal,  bemächtigte
sich  der  hohen  Grenzkämme  Cima  Dieci,  Cima
Undici,  Cima  Dodici,  des  Campoverde  (sämtlich
  über  2000  m),  nahm  die  Cima  di  Caldiera,
den  Monte  Bebio,  die  Mandrielle,  rückte  über
das  Tal  von  Campo  Mulo  bis  zum  Monte  Cucco
und  Castel  Gomberto  vor  und  besetzte  Vorge,
Strigno,  Ospedaletto.  Die  Hcwierigst=  Arbeit
katte  die  Mitte,  unter  dem  Oberbefehl  des  damaligen
rhherzog-Thronfolgers  Karl,  gebildet  aus  dem  3.
und  20.  Korps,  durchweg  Elitetruppen.  Nach  Einnahme
  der  Felsenhöhen  Coston  d'Arsiero,  Cima
di  Campoluzzo,  Laste  Alte,  Cima  d'Agra
eroberte  sie  na  zweitägigem  Kampf  die  ständigen
Panzerwerke  Campo  Molon  u.  Toraro,  während
der  scharf  nachdrängende  Südflügel  die  Maronia
u.  den  Grenzrücken  vom  Monte  NMagge  bis  zur
Cimoa  dei  Laghi  bezwang.  Darauf  gaben  die  Italiener
  ihre  nächste  Hauptlinie  Campolongo-Veren
  amitden  völlig  zerschossenen  Panzerwerken  kampflos
  preis.  Die  nördliche  Zentrumskolonne  eroberte
den  steilen  Kempelberg  u.  bahnte  sich  den  Weg  in
das  Assatal,  worauf  sie  nach  kühner  Erstürmung
des  Monte  Interotto  u.  der  anschließenden  Sperrwerke
  Val  d'Assa,  Casa  Ratti  u.  Punta  Corbin
  am  31.  Mai  in  Asiago  einzog.  Gleichzeitig  besetzte
  die  dem  Thronfolger  unmittelbar  unterstellte
Gruppe  nach  Forcierung  des  Val  Ustico  (Astachtal)
und  Bewingung  der  letzten  Sperrforts  Arsiero.
Der  Fall  der  beiden  Erestigungszentren  war  der
Höhepunkt  der  Offensive;  nun  mußten  die  Fortschritte
des  rechten  Flügels  abgewartet  werden,  der  die  ital.
Stellungen,  die  die  Zugänge  nach  Schio  sperrten,
von  Süden  aufrollen  sollte.  Zwischer  Etsch  und
Brandtal  marschierten  östlich  von  Lindegg  (Lizna)
  mehrere  gleichzeitig  vordringende  Kolonnen  auf
ie  Zugna  Torta,  nach  deren  Erstürmung  gegen
die  starke  ital.  Stellung  auf  der  Coni  Zugnau.  den
Buole-Paß,  doch  konnte  keine  dieser  Höhenstellungen
bezwungen  werden.  Auf  dem  Osthang  des  Brandtales
  drang  eine  zweite  Gruppe  über  die  Hochfläche
von  Moscheri,  erstürmte  Platzer  u.  drang  südlich
bis  Chiesa  (Piazza).  Hier  hemmte  der  mächtige
Schulterpunkt  der  ital.  Defensivstellung,  der  Monte

1  Bgl.  die  Karte  Bo.  U.  S.  2046.
        <pb n="128" />
        114

Pasubio,  weitere  Fortschritte.  Auch  die  anschließenden,
  die  Zugänge  nach  Schio  sperrenden  Höhenkämme
  südlich  vom  Posinatal,  der  Monte  Forni
Alti,  der  Col  di  Komo,  Monte  Alba,  Monte
Spin,  wurden  wegen  ihrer  überragenden  strategischen
  Bedeutung  mit  namhaften,  stets  erneuerten  Reserven
  gespeist,  gegen  die  stärksten  Angriffe  behauptet,
so  daß  die  Offensive  am  rechten  Flügel  völlig  steckenblieb.
  Auch  an  den  übrigen  Frontteilen  versteifte  sich
der  Widerstand  zusehends,  so  daß  der  Bewegungskrieg
  allmählich  in  den  Stellungskrieg  überging.  Die
erste  Juniwoche  zeitigte  noch  einige  schöne  Erfolge,
so  östlich  von  Asiago  die  Erstürmung  des  Monte
Sisemol  u.  des  Monte  Meletta,  östlich  von  Arsiero
  die  Einnahme  des  Monte  Cengio,  Monte
Barco,  Monte  Busibollo,  Monte  Belmonte
u.  die  Besetzung  von  Cesuna,  doch  waren  die  Vorstöße
  südlich  von  Arsiero  gegen  San  Ubaldo  und
Belod'stico  erfolglos,  ebenso  die  Angriffe  auf  den
Monte  Lemerle  und  Monte  Magnaboschi.

Moralisch  wirksam  unterstützt  durch  die  gewaltige
Offensive  Brussiloffs  im  Osten,  die  für  die  Donaumonarchie
  bedenklich  zu  werden  begann,  schritten  die
Italiener  nach  Heranziehung  genügender  Verstärkungen
  von  der  Jonzofront  am  15.  Juni  zur  Gegenoffensive,
  indem  sie  vorsichtig,  aber  methodisch  den
Druck  allmählich  auf  der  ganzen  Frontbreite  verstärkten.
  Angesichts  der  russ.  Fortschritte  u.  der  Unmöglichkeit,
  Verstärkungen  heranzuziehen,  verkürzte  die
österr.=  ungar.  Heeresleitung  vom  25.  Juni  ab  die
Front,  indem  sie  die  ganze  Linie  nach  und  nach  um
etwa  6  km  zurücknahm,  teilweise  kampflos  einen  gre
ßen  Teil  des  gewonnenen  Raumes  aufgebend.  Am
2.  Aug.  1916  fanden  diese  Kämpfe  ihren  vorläufigen
Abschluß;  die  k.  u.  k.  Truppen  zählten  über  1000  Offiziere,
  45000  Mann  und  400  Geschütze,  die  Italiener
nur  102  Offiziere,  5300  Mann  und  10  Geschütze  als
Beute.  Schwerer  als  der  Geländeverlust  wogen  die
Zurückdrängung  in  die  Verteidigung,  die  Einbuße  an
Prestige  und  die  Hebung  des  ital.  Selbstvertrauens.

Infolge  der  großen  Kampfhandlungen  blieben
beiderseits  an  dieser  Front  starke  Kräfte  gebunden,  die
bis  Eintritt  des  Winters  in  örtlich  begrenztem  Gebirgskrieg
  erbittert  um  Stellungsverbesserungen
kämpften.  Die  Initiative  blieb  den  Italienern,  da  die
österr.=  ungar.  Front  nach  Osten  fortgesetzt  Verstärkungen
  abgeben  mußte,  zumal  als  Anfang  August
Rumänien  den  Krieg  erklärte.  Die  Italiener  nahmen
damals.  Pausvegwio,  eroberten  den  Gipfel  des
Cauriol  u.  Gardinal  im  Avisiotal,  hatten  5.—9.
Sept.  wechselvolle  Kämpfe  im  Travenanzestal  zu
bestehen,  während  als  Bergeltung  für  die  Sprengung
des  Col  di  Lana  österr.-ungar.  Truppen  am  22.  Sept.
den  Gipfel  des  Monte  Cimone  (nördlich  von  Arsiero)
  in  die  Luft  sprengten.

Nach  kurzer  Winterruhe  schoben  am  4.  März  1917
die  Italiener  ihre  Linien  im  San  Pellegrinotal
vor  und  betrieben  eifrig  den  Minenkrieg  am  Monte
Sief  (Hoch  Cordevole)  u.  am  Lagazuoimassiv.
Erst  im  Juni  stießen  sie  —  ein  Ablenkungsmanöver
großen  Stils  —  einheitlich  mit  starken  Kräften  auf
der  Hochfläche  der  Sette  Comuni  u.  im  Suganertal
vor.  Am  10.  Juni  griff  die  5.  ital.  Armee  im  Raume

wischen  Asiago  und  Brenta  umfassend  die  güntigen,
  ein  Jahr  zuvor  verlorenen  Höhenstellungen  an.
Sie  suchte  den  Erfolg  auf  ihrem  rechten  Flügel  zwischen
  Asiago  u.  Borgo.  Brennpunkt  der  Gebirgsschlacht
  wor  der  Grenzkamm  südlich  vom  Suganertal,

I.  Kriegsgeschichte

wo  es  anfangsgelang,  den  Agnellapaß,  die  Cima
Dieci  u.  den  Monte  Ortigara  (östl.  von  der  Cima
Undici)  u.  die  Porta  Lepozze  zu  nehmen.  Gleich-Kiig
  wurde  südlich  um  die  österr.  Stellungen  am
onte  Zebio  u.  Monte  Forno  erbittert,  aber  erfolglos
  gekämpft.  Am  24.  u.  25.  Juni  eroberten  die
k.  u.  k.  Truppen  in  kurzem  Gegenangriff  alle  den  10.
u.  19.  Juni  am  Monte  Ortigara  verlorengegangenen
  Stellungen  zurück.  Ende  Juni  u.  im  Laufe  des
Juli  zogen  die  Italiener  freiwillig  ihre  Truppen  auch
vom  Agnellapaß  u.  südlich  davon  in  20  km  Breite  in
eine  rückwärtige  Stellung  zurück  um  ihre  dortige
Front  im  Hinblick  auf  die  beabsichtigte  Endentscheidung
  (11.  Isonzoschlacht)  zu  verkürzen  u.  gegen  mögliche
  Angriffe  südlich  vom  Suganertal  zu  sichern.
Starke  Angriffe  österr.=  ungar.  Truppen  auf  die
Costa-Bella-Stellung  leiteten  anfangs  Oktober
die  Diversionen  an  der  Tiroler  Front  ein;  es  folgten
17.—  19.  Okt.  eruste  Infanteriehandlungen  im  Posinatal,
  nördlich  vom  Monte  Majo,  vom  20.  Okt.
ab  sehr  lebhafter  Feuerkampf  an  der  Trentinofront,
22.Okt.  erhöhte  Kampftätigkeit  beiderseits  vom  Rollepaß,
  im  Marmolatagebiet,  im  Cordevoletal,
am  Monte  Sief  und  Monte  Piano.  Hierdurch
veranlaßt,  sandte  die  ital.  Heeresleitung  den  größten
Teil  der  Reserven  nach  Tirol,  die  anläßlich  des  Durchbruches
  am  Isonzo  schmerzlich  vermißt  wurden.  Anesichts
  der  dort  eingetretenen  Katastrophe  u.  der  Erscltterung
  der  Kärntner  Front  (s.  oben,  S.  110  bzw.
111)  geriet  Anfang  November  die  italienische  Dolomitenfront
  auch  ins  Wanken.  Ander  gesamten  Front
rückten  die  österr.=  ungar.  Truppen  gleichzeitig  vor,
nahmen  nach  kurzem  Widerstand  am  5.  Nov.  alle  feindlichen
  Stellungen  u.  zogen  in  Cortinad'Ampezzo
ein.  Der  eiligst  weichehbe  Feind,  der  rasch  an  Vorsprung
  gewann,  zog  sich  durch  das  Piavetal  zurück,  wo
sich  seine  Verbände  mit  den  von  der  Kärntner  Front
zurückilutenden  vermischten  (s.  oben.  S.  112).  Die
von  den  Dolomiten  herabdrängenden  österr.-ungar.
Truppen  bildeten  den  linken  Flügel  der  starken  Heeresgrupge
  Conrads,  der,  um  dem  nach  Belluno  streenden
  Gegner  eine  Katastrophe  zu  bereiten,  gleicheitig
  sein  Hentrum  im  Suganertal  u.  seinen  rechten
lügel,  seine  stärkste  Abteilung,  im  Raume  Asiago
konzentrisch  vorgehen  ließ.  Während  die  linke  Gruppe
rasch  Boden  gewann,  mitden  deutschen  Gebirgstruppen
Belows,  mit  Krobatin  u.  Kraus  bald  Fühlung  fand
u.  an  der  Einnahme  von  Belluno  u.  Feltre  sowie
der  Bezwingung  der  durch  die  im  Suganertal  flott
vorgestoßenen  zentralen  Streitmacht  umfassend  angegriffenen
  Sperrforts  vor  Primolano  (Monte
isser,  Cima  di  Campo,  Cima  di  Lan)  mitwirken
  konnte,  blieb  der  starke  rechte  Flügel,  nachdem
Asiago  im  Straßenkampf  genommen  war,  vor  den
starken  Stellungen  von  Gallio,  Monte  Longhera,
Monte  Sisemol,  Monte  Fier,  bes.  aber  vor  dem
Melettamassiv  stecken.  Der  feindliche  Widerstand
führte  sogar  zeitweise  zu  Rückschlägen.  Diese  geschickte
Verteidigung  rettete  die  arg  Gefährdete  4  ilalienische
Armee  und  ermöglichte  die  Befestigung  der  Piavelinie.
  Als  es  Conrads  rechtem  Flügel  endlich  gelang,
  sich  gegen  die  Brentaklamm  und  Frenzelaschlucht
  heranzuarbeiteh,  war  es  für  die  Störung.
des  italienischen  Aufmarsches  im  Raume  zwischen
Piave  und  Brenta  zu  spät.  über  die  folgenden
Kämpfe  an  dieser  Front  s.  unten.  S.  116f.

1  Cgl.  bie  Karte  bei  G.  111.
        <pb n="129" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

5.  Zusammonstöße  auf  der  Falkanhalbiusel".

Noch  vor  Eintritt  in  den  Krieg  hatten  die  Italiener
Valona  und  die  Insel  Saseno  besetzt  (19.  bzw.
30.  Okt.  1914),  worauf  griech.  Truppen  in  Südalbanien
  einrückten.  Als  die  Türkei  im  Nov.  1914  in  den
Krieg  eingriff,  suchte  der  in  ital.  Solde  stehende  Essad
Pascha  die  albanes.  Stämme  für  Italien  zu  gewinnen.
  Als  nun  dieses  23.  Mai  1915  an  die  Donaumonarchie
  den  Krieg  erklärte,  besetzten  die  Serben
5.  Juli  Durazzo  und  die  Montenegriner  25.  Juni
1915  Skutari.  Der  katastrophale  Zusammenbruch
des  Serbenheeres,  die  Eroberung  des  Lovcen  u.  die
Entwaffnung  der  Montenegriner  unterbanden  die
Sonderbestrebungen  dieser  Staaten  (Ende  Nov.  1915);
zugleich  schloß  sich  ein  ansehnlicher  Teil  der  Albanesenstämme
  der  zur  Verfolgung  der  Reste  der  Serben  einmarschierenden
  Armee  Koevess  an.  Um  für  die  geflüchteten
  Serben  eine  Konzentrationsbafis  zuschaffen,
die  Straßen  für  eine  spätere  Offensive  in  Stand  zu
setzen  und  den  Aufstand  der  Albanesen  einzudämmen,
waren  am  20.  Dez.  1915  von  den  30,000  in  Valona
gelandeten  Italienern  einige  Bataillone  unter  General
Batazzi  in  Durazzo  zu  Essad  Pascha  gestoßen.  Bei
Valijas,  Preza  und  Bazarsjak  wurden  Essads
Truppen  (Reste  von  serb.  Verbänden  u.  albanesische
Söldner)  am  8.  u.  10.  Febr.  1916  von  Abteilungen
der  Armee  Koevess  geschlagen,  worauf  11.  Febr.  ital.
Einheiten  die  Höhen  westlich  von  Tirana  angriffen,
jedoch  abgewiesen  wurden.  Am  13.  Febr.  begann  der
konzentrische  Vormarsch  der  österr.=  ungar.  Truppen
auf  Durazzo,  der,  geschickt  durchgeführt,  nach  hartnäckigen
  Gefechten  22.—  24.  Febr.  um  die  Vorstellungen
  und  überschreitung  der  Landzunge,  trotz  Teilnahme
  italienischer  Kriegsschiffe  am  Kansese,  mit  dem
Rückzuge  und  der  Einschiffung  der  Italiener  endete,
worcus  die  k.  u.  k.  Truppen  am  26.  Fehr.  in  Durazzo
einmarschierten.  Währenddem  mußte  die  ital.  Heeresleitung
  die  serb.,  montenegrin.  und  dietreugebliebenen
albanes.  Truppen  (immerhin  noch  100  000  Mann)  aus
alban.  Gebiet  evakuieren,  sie  verproviantieren  und
nach  Korfu  befördern,  was  ihr  dank  den  längs  der
albanes.  Küste  gestaffelten  ital.  Truppen  und  der  Mitwirkung
  der  verbündeten  Flotten  ohne  Verluste  gelang.

Nach  der  Einnahme  Durazzos  schob  die  Armee
Koevess  ihre  Vortruppen  über  die  Flüsse  Skumbi  u.
Semeni  bis  an  die  Vojusa  vor,  wo  es  den  Sommer
  über  mit  den  Valona  deckenden  ital.  Kräften  zu
kleineren  Zusammenstößen  kam;  zu  einer  Flankenoperation
  zugunsten  der  im  Raume  der  großen  Seen
(Ochridau.  Presba)  stehenden  Armee  Sarrails  hat
sich  das  ital.  Detacheinent  nicht  entschließen  können,
obwohl  ein  Druck  auf  den  rechten  deutsch  bulgarischen
Flügel  allein  die  Lage  zum  Besseren  der  Entente  hätte
wenden  können.  -  aber  besetzten  die  Italiener
am  11.  Juni  1916,  getreu  ihrer  griechenfeindlichen
Politik,  das  wichtige  Janina.

Das  Jahr  1917  verlief  an  der  albanesischen  Front
ziemlich  ereignislos.  Im  Okt.  u.  Nov.  fanden  zwischen
kleineren  Abteilungen  an  den  Ufern  der  Vojusa,
Susita  u.  Osun  wechselvolle,  für  die  strategische  Lage
bedeutungslose  Kämpfe  um  die  Flußübergänge  statt.

Kleinkrieg  am  Westufer  des  Ochridasees,  wo  der
linke  Flügel  der  Orientarmee  der  Entente  mit  den
ital.  Besatzungstruppen  in  Fühlung  getreten  war,
sowie  das  übliche  Geplänkel  an  der  Vojusa  gaben
dem  ersten  Halbjahr  1918  das  Gepräge,  als  ein  über-1

  Bgl.  die  Karte  Bd.  I,  S.  232.

115

raschender  Angriff  verhältnismäßig  starker  franz.
Truppen  aus  dem  Raume  Kor  das.  Julidie  schwachen
österr.-ungar.  Abteilungen  unter  Umfassung  ihrer
Gebirgsstellungen  zwischen  den  Flüssen  Devoli  und
Osum  zum  Aufgeben  des  oberen  Devoli  und  Rückzug
  an  den  Mittellauf  dieses  Flusses  zwang.  Gleichzeitig
  drangen  die  Italiener  über  die  Vojusa  gegen
Fieri  auf  Berat  vor.  Die  österr.-ungar.  Truppen,
z.  T.  unverläßliche  angeworbene  Albanesen,  mußten
12.  Juli  den  Italienern  den  wichtigen  Brückenkopf
von  Fjeri  überlassen  und,  da  ihre  rechte  Flanke  durch
die  italienische  Valonagruppe  bedroht  war,  den  Widerstand
  auf  ihrem  linken  Flügel  beim  Zusammenfluß
der  Tomorica  und  des  Devoli  gegen  die  Frandolen
  bald  unter  der  ihrem  Zentrum  bei  Berat
rohenden  Umfassungsgefahr  aufgeben,  um  rechtzeitg
den  Unterlauf  des  Skumbi  und  Elbasan  zu  erreichen,
  das  Widerstandszentrum  im  südl.  Albanien.
Bis  Mitte  Juli  hatten  die  Ententetruppen  die  unwegsamen
  Gebirge  südlich  vom  Semeni  geschickt  ungangen
  und  über  30  km  an  Raumtiefe  gewonnen.
In  dieser  mißlichen  Lage  brachte  der  neue  Oberbefehlshaber
  Pflanzer-Baltin  mit  aus  der  ital.
Front  eiligst  herausgezogenen  Verstärkungen  Ende
Juli  Hilfe.  Angelehnt  an  den  rechten  bulgar.  Flügel.
dessen  Vortruppen  am  Presbasee  eifrige  Demonstrationen
  bis  zum  Skumbi  unternahmen,  geif  er
an,  drängte,  den  rechten  Flügel  der  ital.franz.  Gruppe
durch  die  Bulgaren  fesselnd,  deren  Zentrum  und  linken
Flügel  in  die  Defensive,  stieß  dann  bis  in  die  Linie
Fieri-Berat  vor,  durchbrach  die  ital.  Stellungen
am  Semeni  u.  bemächtigte  sich  23.  Aug.  wieder  beider
wichtigen  Brückenköpfe.  Im  September  rückien  die
Osterreicher  bis  nach  Pojani,  wo  ihre  Offensive,  wie
bei  Dobrenj  gegen  die  Kanzosen,  zum  Stehen  kam.
Mufetge  des  Zusammenbruchs  der  bulgar.  Front
mußte  Pflanzer-Valtin  nach  örtl.  Kämpfen  30.  Sept.
eine  Geländestrece  westlich  vom  Ochridasee  räumen
und  anläßlich  des  Rückzugs  der  deutsch-österr.-ungar.
Streilkräfte  aus  Serbien  auch  die  Linie  Fieri-Berat
wieder  aufgeben.  Der  exzentrische  Rüsug  der  aus
Neuserbien  weichenden  Truppen  der  Mittelmächte
gestattet  ihm,  sich  vom  Feinde  zu  lösen  und  über  den
emeni  zurilckzugehen  (L2.Okt.);  doch  wurde  die  Lage
immer  heikler,  als  die  Ententetruppen  rascher  gegen
Novipazar  rückten,  die  Serben  flankierend  Debra
besetzten  und  ein  ital.  Geschwader,  wenn  auch  erfolglos,
  Durazzo  angriff  und  zu  landen  vermochte
(3.  Okt.).  Infolge  des  konzentrischen  Zusammenwirkens
  der  Italiener,  Franzosen  und  Serben  wurde  der
Rückzug  aus  Albanien  immer  mehr  gefährdet,  die
Nachhuten  wurden  über  den  Drin  gedrängt,  Frandosen
  und  Serben  nahmen  8.Okt.  Elbasan,  die  Itaiener
  am  12.  Okt  Kavaja  und  nach  überwindung
des  Calhumanikammes  14.  Okt.  Durazzo,  eine
andere  Abteilung  am  selben  Tage  Tirana.  Nach
verlustreichen  Nachhutgefechten  im  Norden  dieser  Stadt
gelangten  die  österr.-ungar.  Truppen  nach  Ismi,
wurden  dann  über  den  Matifluß  nach  Alessio
verfolgt  und  mußten,  um  rechtzeitig  die  montenegr.
Pässe  und  den  Sandschak  zu  erreichen,  das  wichtige
Skutari  sich  selbst  überlassen.  Die  rasch  folgenden
Italiener  besetzten  nach  Kampf  mit  schwachen  Nachhuten
  30.  Okt.  San  Giovanni  di  Medua,  nach
Niederkämpfung  der  Taraboschstellung  31.  Okt.
Skutari.  Vor  der  unvermeidlichen  Waffenstreckung
rettete  die  Armee  Pflanzer-Baltin  nur  der  Wassenstilstand
  von  Anfang  November  (vgl.  unten,  S.  119).
g*
        <pb n="130" />
        116

6.  Verfolgung  bis  zum  Piavet.

Zu  Beginn  des  nach  dem  Durchbruch  am  Isonzo
vom  24.—30.  Okt.  1917  einsetzenden  Bewegungskrieges
  zeigte  die  ital.  Heeresleitung  nur  geringe  Operationsfähigkeit.
  Es  gelang  ihr  nicht,  die  durcheinander

eratenen  Verbände  rechtzeitig  zu  ordnen  und  das  östl.
liamento-Ufer  durch  Sperrstellungen  zwischen
Codroipo  und  Pozzuolo  wirksam  zu  verteidigen,
um  der  3.  Armee,  die  sich  längs  der  Meeresküste  an  die
unteren  Tagliamentolbergänge  heranschob,  einen  geordneten
  Rückzug  zu  ermöglichen.  Bei  San  Daniele
del  Friuli,  Pasian,  Schiavonesco,  Pozzuolo
wurden  die  Trümmer  der  2.  Armee,  frisch  herangeführte
  Reserven  von  den  auf  Codroipo  vordringenden
deutschen  und  österr.=  ungar.  Divisionen  teils  durchbrochen,
  teils  umfaßt  u.  zur  Waffenstreckung  gezwungen-
  Diese  Erfolge  konnten  auch  tapfere  Nachhuten,
es.  Kavallerie,  nicht  hindern.  Als  die  3.  Armee  den
Unterlauf  des  Tagliamento  am  1.  Nov.  erreicht  hatte,
schwenkten  ansehnliche  Teile  der  bei  Codroipo  stehenden
  deutschen  Truppen  plötzlich  nach  Süden,  während
gleichzeitig  Boroevic  längs  des  Lagunengebiets  die  den
unteren  Tagliamento  eben  überschreitende  3.  Armee
im  Rücken  faßte.  Bei  Latisana  en  den  hochgehenden
  Fluß  gepreßt,  versuchten  die  Reste  der  3.  Armee  in
dem  une  amen  Reisfeldgebietevergebens  wirksamen
Widerstand;  der  von  den  Deutschen  von  Norden  einsetzende
  Druck  führte  chlielich  zu  einer  vollständigen
Einschließung  der  noch  gecen  den  Üübergang  marschierenden
  ital.  Verbände.  Während  die  im  Brückenkopf
von  Latisana  kämpfenden  Kräfte  über  den  Tagliamento
  geworfen  wurden,  mußten  über  60000  Mann
die  Waffen  strecken  (1.  Nov.  1917).  Nachüberwältigun
heftigen  Widerstandes  in  den  Nachhutstellungen  be
Bertiolo-Codroipo  u.  Erstürmung  der  Brückenkopfstellungen
  von  Dignano  und  Pinzano  durch
deutsche  Jäger  mußte  nach  nur  zweitägigen  Kämpfen
die  ital.  Heeresleitung  das  östl.  Tagliamento-Ufer
räumen.  Nach  wirksamer  Artillerievorbereitung  überschritten
  am  4.  u.  5.  Nov.  die  Verfolger  den  Fluß  in
seinem  mittleren  Laufe  (Codroipo)  trotz  Hochwassers
und  erreichten  im  Kampf  mit  Nachhuten  am  7.  u.
8.  Nov.  die  Livenza,  die  am  9.  in  breiter  Front
passiert  wurde.  Erst  am  Piave  lleß  General  Diaz,
der  Cadorna  ersetzte,  haltmachen.  Die  erschöpften
Truppen,  durch  eiligst  herangeführte  Reserven  der
Territorialarmee  (Landsturm)  verstärkt,  setzten  sich
am  rechten  Ufer  in  vorbereiteten  Stellungen  fest,  um
die  Linie  zum  Schutze  Venedigs  zu  verteidigen.

7.  Die  verkürze  Einheitsfront  (November  1917
bis  Juni  1918)1.

Der  neuen  ital.  Heeresleitung  war  es,  als  die  französischen
  u.  engl.  Hilfstruppen  mit  reichlichem  Kriegsmaterial
  in  Eilzügen  an  der  Etsch  angelangt  waren,
geglückt,  sich  in  einer  verkürzten  Defensivfront  strater*7r

  wieder  aufzurichten,  ebenso  auch  die  Hauptkräfte

er  4.  Armee,  die,  nach  Räumung  der  Dolomiten--  und
Kärntner  Front  (s.  oben)  und  nach  Opferung  größerer
Staffeln,  durch  die  Alpentäler  (Cordevole,  Boita,  oberes
  Piavetal)  über  Belluno  einen  leidlichen  Rückug
  bewerkstelligt  hatte,  uit  den  Resten  der  2.  u.  3.
heee  nebst  Landsturmreserven  zusammenzuschieben,
während  die  1.  Armee  an  der  Trientiner  Front  (s.  oben)
dem  Vorrücken  der  aus  dem  Raume  Asiago  vorbrechenden
  Armeegruppe  Conrad  erfolgreichen  Wider-1

  Val.  die  Karte  dei  S.  111.

I.  Kriegsgeschichte

tand  entgegensetzte.  Die  neue  verkürzte  einheitliche

ront  zog  sich  von  der  Piavemündung  längs
des  rechten  Flußufers  bis  zum  Piaveknie  bei  Feltre,
  von  dort  über  Fonzaso  an  die  der  Brenta  bei
Primolano  vorgelagerten  ständigen  Befestigungswerke,
  die  im  Raume  Asiago  in  die  alte  Front  (Aug.
1916)  einmündeten.  Unter  dem  feindl.  Druck  war
diese  Linie  am  10.  Nov.  erreicht.  Unter  dem  Zwange,
drei  desorganisierte  Armeen  neu  u  gliebc,  eine
Reihe  von  Brigaden  frisch  aufzustellen,  den  Geschützpark
  des  ganzen  Heeres  neu  zu  gruppieren,  den  entmutigten
  Truppen  Kampfesfreudigkeit  wiederzugeben,
mußte  Diaz  nach  drei  Seiten  zugleich  Front  machen:
der  rechte  Sugel  hatte  die  Piavemündung  in  Anlehnung
  an  die  Venedig  vorgelagerten  Lagunen  bis  San
Dona  di  Piave,  4  entrum  den  Piavelauf  von
San  Dona  bis  zum  Montello  zu  halten,  der  linke
Flügel  vom  Austritt  des  Piave  aus  den  Benezianischen
  Alpen  bis  Asiago  dem  Druck  der  drei  aus  dem
oberen  Piavetal  Feltre  und  der  Brenta  zustrebenden
Kampfgruppen  Krobatin,  A.  Kraus  u.  den  Gebirgetruppen
  der  Armee  Below,  westlich  davon  der  im
Sug  anertal  u.  aus  dem  Raume  Asiago  vordringenden
  Herresgruppe  Conrad  die  Spitze  zu  bieten.  In
dieser  überaus  schwierigen  Lage  führte  die  ital.  Heeresleitung
  mit  Scharfblick  die  einzig  richtigen  Entschlüsse
mit  unleugbarem  Geschick  aus.

Die  Mitte  November  von  österr.-ungar.  Truppen
an  der  unteren  Piave  unternommenen  Üübergangsversuche
  (San  Andrea,  Salottuol)  wurden  als  Diversionen
  erkannt  und  durch  eine  zwischen  der  alten
und  neuen  Piavemitndung  hervorgerufene  künstliche
Überschwemmung  weiter  Gebiete  sehr  erschwert,  die
dortigen  feindlichen  Stellungen  durch  Artillerie  der  in
den  Lagunen  postierten  Kriegsfahrzeuge  gefährdet;  die
Übergangsversuche  im  Zentrum  Folina,  Fagaro)
wurden  geschickt  vereitelt,  die  bei  Zenson  übergegangene
  Ssterr.  Abteilung  abgeschnürt;  der  Montello,
ein  eigenartiges  Hügelgebiet  (bis  zu  300  m)  am  linken
Piaveufer  gegenüber  Conegliano,  wurde  als  ausgezeichnete
  Artilleriestellung  den  engl.  Hilfsstreitkräften
als  Verteidigungsabschnitt  Überlassen.  Bis  zur  Herstellung
  eines  Ausgleichs  der  Kräfte  —  das  ital.  Heer
Kite  seit  24.  Okt.  an  Gefangenen  250000  Mann,  an

eschützen  2300  verloren  —  sah  sich  die  ital.  Heeresleitung
  zur  passiven  Verteidigung  des  Piaveabschnitts
gezwungen.  Gegenüber  steter  Flankenbedrohung  aus
dem  Raume  zwischen  Brenta  und  oberem  Piade
verteilte  Diaz  seine  Hauptkräfte  u.  verläßlichsten  Truppen
  sowie  das  franz.  Hilfskontingent  unter  Fayolle
mit  großem  Geschick  und  widerstand,  nach  Bassano
langsam  weichend,  erfolgreich  weit  Überlegenen  Kräften,
  so  daß  ein  schlagartiger  Einbruch  in  die  linke
Flanke  der  Piaveverteidigung  verhindert  wurde.  Hinzu
  kamen  die  von  den  Gegnern  zu  überwindenden

ewaltigen  natürlichen  Hindernisse  u.  die  hier  doppelt
jü  baren  denkbar  schlechtesten  Witterungsverhältnisse.
  —  Bezüglich  der  Operationen  zwischen  Piave
und  Brenta  bis  Mitte  November  vgl.  oben,  S.  114.

Da  die  Verbündeten  zeofuen  behorrlich  an  ihrem
Plane  festhielten,  die  Piavefront  von  Nordwesten  her
einzudrücken  u.  aufzurollen,  entwickelte  sich  am  Brechpunkt
  der  ital.  Front  (Piaveknie-Frenzelatal)
eine  Schlacht  großen  Stils  um  die  dortigen  Bergstellungen.
  Die  Kämpfe  dauerten  trotz  strengem  Alpenwinter
  bis  Jahresschluß  mit  unverminderter  Heftigkeit
  fort.  Brennpunkte  des  heißen  Ringens  waren  zw
schen  oberem  Piave  u.  Brenta  im  November  die  Gipfel
        <pb n="131" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

Monte  Prassolan,  Monte  Peurna,  Monte
Tomba,  die  von  deutschen  u.  österr.  Truppen  16.—
18.  Nov.  erobert  wurden,  die  Piave-Üübergänge  Vidor
und  Quero,  die  in  der  Hand  der  Verbündeten  blieben,
  Monte  Pertica,  Monte  Fontana  Secca,
Monte  Spinuccia  (20.  u.  21.  Nov.  genommen),
Monte  Casone.  Monte  Solarolo,  Col  della
Beretta,  alles  Höhen  vor  dem  Grappamassiv,
als  Schlüssel  der  ital.  Stellung  und  Gelenkstelle  der
ganzen  Front  von  höchster  strategischer  Bedeutung.

Die  Heeresgruppe  Conrad,  die,  wohl  zahlenmäßig
die  stärkste  der  Verbündeten,  im  Raume  Asiago  einige
Zeit  ganz  ins  Stocken  geraten  war  (vergebliche  Bestürmung
  des  Monte  Tondarecar,  Monte  Meletta,
Monte  Sisemol),  arbeitete  sich  erst  Anfang  Dezember
  aus  dem  hartnäckigst  verteidigten  Raume  Gallio-Foza
  heraus  u.  nahm  5.—9.  Dez.  in  äußerst  erbitterten,
  verlustreichen  Kämpfen  endlich  das  Melettamassiv,
  wobei  die  Italiener  gegen  15  000  Gefangene
u.  93  Geschütze  einbüßten,  und  konnte  nun  auch  an  der

eplanten  Bezwingung  des  Grappamassivs  mitwirken.

m  dieses  von  Westen  zu  fafen,  schob  Conrad  seine
Kräfte  an  die  Frenzela-  u.  Brentaschlucht  heran;
doch  kamen  seine  Angriffe  am  Sasso  Rosso  u.  Col
del  Rosso  zum  Stehen,  worauf  die  Verbündeten  den
Schwerpunkt  ihrer  Angriffe  gegen  das  Grappamassiv
wieder  auf  ihren  linken  Flügel  verlegten;  in  unerhört
  heftigen  Kämpfen  suchten  sie  die  Stellung  11.—
19.  Dez.  von  drei  Seiten  östlich  von  der  Brenta  zu
entwurzeln.  Trotz  bewundernswerter  Erfolge  (Erstürmung
  des  Col  Caprile,  Col  della  Beretta,
Monte  Asolone,  Osteria  di  Lepre  durch  Gruppe
Kraus)  u.  Erbeutung  von  mehr  als  9000  Gefangenen
  konnte  der  ital.  Widerstand  nicht  gebrochen  werden.
  Im  Zentrum  und  am  linken  Flügel  der  österr.
Aufstellung  führten  die  Italiener  die  Verteidigung
sogar  aktiv  durch  stets  erneuerte,  wenn  auch  ergebnislof-
  Angriffe  auf  Monte  Solarolo,  Col  dell  Orso
sowie  gegen  Monte  Fontana  Secca,  Monte
Spinuccia,  Monte  Tomba.  In  der  zweiten  Dezemberhälfte
  setzten  sie  ihre  starken  Gegenangriffe  auf
die  entrissenen  Höhenstellungen  vergeblich  fort,  wehrten
  jedoch  am  mittleren  u.  unteren  Piave  schwächere
flbergangsversuche  der  Osterreicher  ab.  Zu  Weihnachten
  gelang  der  Gruppe  Conrad  trotz  heftigstem  Widerstande
  die  Eroberung  des  Col  del  Rosso  und  des
Monte  di  Bal  Bella,  wobei  über  9000  Gefangene
gemacht  wurden.

In  den  schweren  Gebirgskämpfen  des  Nov.  u.  Dez.
1917  verloren  die  Italiener  gegen  40000  Gefangene
u.  mußten  eine  Reihe  wichtiger  befestigter  Stellungen
aufgeben,  doch  gelang  es  ihnen,  das  Lauptzie  es
Gegners,  den  Durchbruch  an  den  gefährdetsten  Punkten,
  Frenzelaschlucht.  Brentaklamm,  Grappamassiov,
  zu  vereiteln  und  somit  die  Piavestellung  zu
halten.  Sie  erkämpften  sich  überdies  die  Zeit,  2
ginter  dem  Piave  neu  einzurichten,  ihre  rlückwärtigen

erbindungen  neu  zu  ordnen,  das  durch  schwerste  Niederlagen
  erschütterte  Heer  neu  zu  gliedern  und  aufzufüllen,
  das  bedrohte  Venedig  rechtzeitig  zu  räumen,  die
französisch-englische  Hilfe  zu  organisieren,  die  Etschlinie
  zu  befestigen,  dies  alles  unter  steter  gefährlicher
Rankenbedrohung  durch  einen  Überlegenen,  siegesgewohnten
  Feind,  zweifellos  eine  ungeheure  Leistung
der  italienischen  Heeresleitung.

Noch  vor  Jahresschluß  (30.  Dez.  1917)  fiel  der
französischen  Hilfsarmee  durch  geschickten  Überfall  der
Monte  Tomba  in  die  Hände.  Im  Januar  1918

117

kämpften  die  Italiener  um  die  Sperrstellungen  deiderseits
  der  Brenta.  Am  14.  und  15.  griffen  sie  den
ganzen  Abschnitt  vom  Monte  Fontana  Secca
über  den  Monte  Pertica  und  Monte  Asolone
auf  dem  östlichen,  bis  zum  Col  del  Rosso  und
Monte  di  Val  Bella  auf  dem  westl.  Brenta-Ufer
an  und  setzten  sich  auf  den  wichtigen  Höhen  östlich
und  westlich  von  der  Frenzelaschlucht  am  28.u.  29.
dauernd  fest.  Gleichzeitig  mußten  die  österr.  ungar.
Truppen  am  unteren  Piave  bei  Capo  Sile  zurückgehen
  u.  am  mittleren  Piave  den  Brückenkopf  Zenson
am  rechten  Ufer  aufgeben.  Diese  altive  Defensive
zeigte,  daß  die  ital.  Armee  ihre  Standfestigkeit  wieder  ·

ewonnen  hatte.  Die  Kämpfe  von  Februar  bis  Mitte
Fum  brachten  keine  wesentlichen  Berschiebungen  im
Geländebesitz  auf  den  Voralpen.  Der  Krieg  ging  hier
#um  Stellungskampf  über,  der  sich  vom  Piavedurchruch

  südlich  von  Quero  über  die  Brenta,  die  Hochebene
  von  Asiago,  den  Monte  Pasubio  bis  an
die  Etsch  erstreckte.

8.  Die  Offenstve  der  Gsterreicher  im  Jum  19181.

Die  hohe  Spannung  —  infolge  der  Gesamtlage
rüstelen  beide  Gegner  zu  einer  gosenhe  Offensive
  —  löste  sich  am  15.  Juni  durch  den  Generalangriff
der  österreichisch-ungar.  Armeen  in  breitester  Front
von  der  Piavemün  dung  bis  zur  Hochebene  der
Sieben  Gemeinden.  Während  die  starken  Stoßgruppen
  am  Piave,  die  Armee  Wurm  im  Raume

apo  Sile,  die  Heeresgruppe  Boroevic  bei  San
Dona  di  Piave,  die  Armee  Erzherzog  Josef
am  Montello,  durch  gelungenen  übergang  Über  den
hochgehenden  Fluß  und  Festsetzung  auf  dem  rechten
Ufer  schöne  taktische  Erfolge  erzielten,  war  den  Österreichern
  auf  dem  strategisch  wichtigsten  Abschnitt,  den
Sette  Comuni  und  dem  Raume  zwischen  Brenta
und  Piave,  bes.  im  Grappagebiet,  das  8-gück
  nicht  hold.  Dort  stieß  der  fehlerhaft  angesetzte

ngriff  der  Heeresgruppe  Conrad  auf  einen  zur
Offensive  bereitgestellten  äußerst  starken  Gegner,  der
sofort  zum  Gegenangriff  schritt  und  den  anfänglichen
Geländegewinn  auf  ein  Minimum  reduzierte.  Die
Verluste  der  Heeresgruppe  Conrad  (Armee  Scheuchenstuel)
  waren  so  erschreckend  hoch,  daß  sie  sich  nur
mehr  defensiv  behaupten  konnte.  Infolge  dieses  Versagens
  auf  der  Flanke  war  die  österr.-ungar.  Offensive
  —  die  deutschen  Kontingente  (Below)  waren  seit
geraumeer  Zeit  an  die  franz.  Front  gezogen  —  zum
Mißerfolg  gestempelt.  Daran  konnten  die  bis  20.  Juni
fortgesetzten  tapferen  westlichen  Vorstöße  der  österr.
ungar.  Piave-Armeen  nichts  ändern.  Nach  größeren
Teilerfolgen  der  Armee  Wurm  am  Sile  und  bei
Fossalta,  ihrem  Vordringen  am  Kanal  la  Fossetta,
dem  Vorrücken  des  Erzherzogs  Josef  bis  nach  Ciano
und  Sovilla  am  Montelko  versteifte  sich,  als  die  Gefahr
  im  Gebirge  beschworen  war,  allmählich  der  ital.
Widerstand.  Alle  verfügbaren  Reserven  wurden  an
der  Piavefront  zu  Gegenangriffen  verwendet,  die  am
20.  Juni  den  feindl.  Angriff  zum  Stehen  brachten.
Übergangsversuche  österr.  Reserven  bei  Candel#  und
San  Andrea  scheiterten.  Da  überdies  der  Piave.
dessen  Brücken  an  den  Übergangspunkten  unter  ital.
Feuer  lagen,  infolge  starker  Regengüsse  im  Gebirge
und  Schneeschmelze  reißend  angeschwollen  war,  wodurch
  jeder  Nachschub  unmöglich  war,  mußte  die
österr.-ungar.  Heeresleitung  die  Piave--Armeen  auf

1  Ugl.  die  Karte  dei  S.  111.
        <pb n="132" />
        118

das  linke  Flußufer  zurücknehmen.  was  unter  schweren
Nachhutkämpfen  u.hohen  Verlusten  am  21.—23.  Juni

elang.  Das  ital.  Heer  stieß  nicht  nach,  beschränkte
ich  vielmehr  auf  zwei  örtlich  abgegrenzte  Teiloffensiven,
  deren  eine,  am  20.  Juni  in  den  Sieben  Gemeinden
  angesetzt,  den  französ.  und  brit.  Truppen
vor  Asiago  einige  beachtenswerte  Erfolge  brachte
(Pennar,  Canove,  Bertigo).  während  die  Jtaliener
  selbst  die  am  15.  Juni  verlorengegangenen  Höhen
(Monte  di  Bal  Bella,  Col  del  Rosso,  Col
L'Echelle)  säuberten  und  Anfang  Juli  nordwestlich
vom  Grappa  im  San  Lorenzotal  gelungene  Vorstöße
  machten;  die  zweite  im  Mündungsgebiet  des
Piave,  2.  Juli  am  Sile  einsetzend  (Cavazuccherina,
  Chiesanuova,  Redevoli,  Grisolera),
brachte  bis  zum  7.  Juli  das  ganze  Piavedelta  in  ital.
Gewalt  und  säuberte  das  rechte  Flußufer  vom  Feinde.

Die  hiermit  beendete  große  Schlacht  soll  nach  österr.
Schätzungen  die  Allierten  150000  Mann  (davon
50000  Gefangene)  gekostet  haben,  während  die  Italiener
  die  österr.-ungar.  Verluste  auf  200000  Mann
(davon  33  000  Gefangene)  veranschlagen.  Das  militärische
  Prestige  der  Donaumonarchie  erlitt  starke  Einbuße,
  die  Moral  der  vielsprachigen,  nicht  in  bester  Harmonie
  lebenden  Volksstämme  einen  bedenklichen  Riß,
dagegen  wurde  die  allgemeine  Lage  des  bisher  unglücklichkämpfenden
  Verteidigers  aufs  günstigste  breinstußt

In  den  Monaten  Aug.,  Sept.  bis  Mitte  Oktober  war
die  ital.  Front  nur  im  Gebirge  der  Schauplat  von
Kämpfen,  u.  zwar  in  Form  von  Teilvorstößen,  die  die
Front  der  Verbündeten  vor  den  starken  österr.-ungar.
Sperrstellungen  verbessern  sollten,  was  den  Franzosen
und  Briten  im  Raume  Asiago  im  allgemeinen  gelang
(Canove,  Asiago,  Zocchh,  während  die  Italiener
an  den  alten  Angriffspunkten  (Monte  Asolone,
Pertica,  Solarolo,  Cornonestellung  am
Südhang  des  Sasso  Rosso)  wiederholt  anrannten,
  ohne  durchschlagende  Erfolge  zu  erzlelen.  Die
franz.-brit.  Angriffe  sollten  offenbar  einen  entscheidenden
  Stoß  auf  den  Monte  Sisemol  vorbereiten,  der
bisher  allen  Angriffen  getrotzt  hatte,  die  ital.  Vorstöße
beherrschende  Punkte  für  den  entscheidenden  Angriff
erringen;  denn  alles  rüstete  sich  zum  Endkampf.

Die  Verbündeten  hatten,  der  allgem.  Kriegslage
entsprechend,  die  Initiative  an  sich  gerissen.  Die  neue
ital.  Offensive  erfolgte  im  richtigen  psychologischen
Moment  gegen  eine  Wehrmacht,  die  kein  geschlossenes
Land  mehr  hinter  sich  hatte.  Auf  ital.  Seite  kämpften
  tschechoslowakische  Truppen  im  Divisionsverband.
In  Ungarn  hatten  kroatische  Truppen  gemeutert,  die
Losreißung  Kroatiens  und  Slawoniens  von  Ungarn
verklindet,  die  Angliederung  Bosniens,  der  Herzegowina
  und  der  slowen.  Gebietsteile  der  Monarchie  auf
ihr  Panier  geschrieben  und  sich  geweigert,  gegen  die
aus  Albanien  und  Serbien  anmarschierenden  Ententetruppen
  zu  kämpfen.  Angesichts  dieser  Bedrohung
  Südungarns  proklamierte  die  ungar.  Volksvertretung
  die  völlige  Trennung  von  Osterreich  (17.
Okt.  1918,  vom  König  am  25.  Okt.  genehmigt)  und
stellte  an  die  bisher  gemeinsame  Heeresleitung  das
kategorische  Verlangen,  die  ungar.  Truppen  unverzüglich
  zu  entlassen.  Mangelhafte  Ernährung  und
Bekleidung,  Kriegsmüdigkeit  des  Hinterlandes  beeinflußten
  die  sonst  günstige  strategische  Lage  des  in
Italien  aufmarschierten  Feldheeres,  das  in  seinem
Gefüge  und  inneren  Halt  schwer  erschüttert  war.  Sie
wurde  infolge  Bedrohung  der  Balkanflanken  von  Tag
zu  Tag  schlechter.

I.  Kriegsgeschichte

9.  Die  italienische  Gffensive  im  Gkioder  1918“.

Heftigstes  Artilleriefeuer  am  23.Okr#  leitete  zwischen
assfoschlucht  und  Adria  die  am  24.  (dem  Jahrestag
  der  12.  Isonzoschlacht)  einsetzenden  Infanterie-Angriffe
  ein,  die  im  Gebirge  und  im  Raum  südlich
vom  Montello  losbrachen.  Der  Versuch  der  Alliierten,
  die  österr.-ungar.  Front  im  ersten  Anprall  über
den  Haufen  zu  werfen.  scheiterte,  doch  gelangen  einige
Einbrüche,  die  Gelegenheit  boten,  die  Front  nach  und
nach  aufzurollen.  Der  Angriff  im  Gebirge  im  Raume
Asiago,  Monte  Sisemol,  Sasso  Rosso,  am
Grappa  drang  trotz  Bodengewinnes  nicht  durch,
veranlaßte  aber  den  Gegner,  schleunigst  gesammelte
Reserven  an  die  bedrohten  Punkte  zu  werfen.  Zur
Ablenkung  des  Feindes  vom  Hauptoperationsziel  angesetzt,
  deckte  er  den  Piaveübergang  südlich  vom  Montello
  bei  der  Insel  Grave  digapadopoli,  wo
britische  und  ital.  Truppen  der  10.  Armee  glücklich
landeten  und  von  dort  aus  strahlenförmig  in  die  feindliche
  Front  eindrangen.  Während  vom  25.—30.  Okt.
starke  Kräfte  die  noch  immer  gefährdete  Gebirgsflanke
durch  hinhaltende  Kämpfe  sicherten,  setzten  weitere
fünf  ital.  Armeen  —  die  2.  bei  Quero,  die  3.  bei
San  Dona  und  Zenson,  die  8.  und  12.  bei  Vidor
und  Bigolino,  die  11.  bei  Fagare  und  Ponte  di
Piave  —über.  Die  Reste  der  10.  Armee  forcierten  den
Fluß  bei  Falze  und  Ponte  Priulaj  ihre  Einbruchstelle

  gegenüber  dem  Montello  gab  den  Ausschlag  für

ie  Aufrollung  der  ganzen  Front.  Durch  die  offene
Bresche  erreichten  das  14.  britische  und  das  11.  und
18.  ital.  Korps  die  Monticanolinie,  überschritten
die  Suseganabahn  und  bemächtigten  sich  des  wichtigen
  Zugangs  zu  den  Priulabrücken,  während  von
Valdobiaddene  aus  die  8.  u.  12.  ital.  Armee  zur
Umfassung  schritten

Am  29.  Okt.  wich  die  gesamte  österr.=  ungar.  Linie
am  Piave  zurück.  Ein  Porlamentär  wurde  ins  ital.
Hauptquartier  zwecks  Waffenstillstandsverhandlungen
entsendet,  die  zunächst  abgelehnt  wurden,  da  die  ital.
Heeresleitung  nach  den  großen  Erfolgen  nicht  freiwillige
  Räumung,  sondern  Zurückeroberung  des  italienischen
  Bodens  erstrebte  und  die  Besetzung  von
Trient  und  Triest  noch  vor  Bekanntgabe  der  Waffenstillstandsbedingungen
  durchgeführt  haben  wollte.
Auch  war  ihr  nicht  verborgen  geblieben,  daß  die
Kampfkraft  der  k.  u.  k.  Truppen  nicht  die  frühere  war;
viele  Regimenter,  bes.  ungar.  Landwehr,  hatten  ihre
Posten  eigenmächtig  und  Emogflos  geräumt.  Mittlerweile
  gelangte  die  rechte  ital.  Stoßgruppenach  Oderzo,
das  Zentrum  nach  Sacile,  der  linke  Flügel  über
Vittorio  nach  Serravalle;  der  Livenza-Abschnitt
  war  erstritten,  reiche  Beute  an  Gefangenen,
Geschützen  und  Material  gemacht.  Hätte  die  österr.
ungar.  Armee  nicht  geradezu  die  Daseinsberechtigung
verloren,  so  wäre  die  kühne  Operation  kaum  geglückt,
da  sie  unter  Flankenbedrohung  von  Norden  erfolgte.
die  der  Einbruch  zwischen  Gebirgs=  und  Piave-Armee
nicht  aufhob.

Doch  auch  im  Gebirge  mußte  die  bisher  wacker
kämpfende  Front  schließlich  Raum  geben,  die  4.  ital.
Armee  nahm  die  Grappastellungen  zwischen  Piave
und  Brenta,  die  6.  Armee  die  oft  umkämpften  Höhen
bei  Asiago,  Sasso  Rosso,  das  Melettamassiv,
den  Monte  Sisemol  und  drang  ins  Val  di  Nos,
die  4.  Armee  ins  Suganertal.  Nun  kam  auch  die
bisher  unerschütterte  Kront  westlich  von  Asiago  ins

1  gl.  die  Karte  det  S.  111.
        <pb n="133" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Italien  gegen  Osterreich-Ungarn

Wanken;  vor  der  1.  ital.  Armee  wichen  die  Berteidiger
am  Pasubio  und  im  Etschtal  in  rückwärtige  Stellungen.
  Das  29.  ital.  Korps  drang  über  Rovereto
nach  Trient,  dessen  Außenwerke  rasch  fielen  und
bemächtigte  sich  der  heiß  ersehnten  Stadt,  hierdurch
den  Rückzug  vieler  feindlicher  Abteilungen  gefährdend.
Erst  als  der  Küstenabschnitt  bis  zur  Tagliamentomündung
  in  ihren  Händen,  der  Fluß  ülberschritten
und  ital.  Reiterei  in  Udine  eingerückt,  die  Provinz
Belluno  gesäubert  war,  erklärte  sich  die  ital.
Heeresleitung  am  3.  Nov.  1918  zu  einem  Waffenstillstand
  unter  sehr  harten  Bedingungen  bereit.

Am.  Nov.  1918,  nachm.  3  Uhr,  cbgeschlossen,  enthielt
  er  die  ausdrückliche  Bedingung,  daß  die  Feindseligkeiten
  erst  24  Stunden  später  einzuslellen  seien.
In  der  allgemeinen  Verwirrung  hat  nun  das  österr.=ungar.
  Oberkommando  diese  Bestimmung  unverzeihlicherweise
  den  Unterbefehlshabern  nicht  mitgeteilt,
so  daß  die  weiter  kampflos  vorrückenden  ital.  Gruppen
zahlreiche  österr-  ungar.  Abteilungen  u.  viel  Kriegsmaterial
  abfingen.  Da  sich  jedoch  manche  Einheit  zur
Wehr  setzte,  gab  es  noch  viele  blutige  Opfer.  Vom
Nationalrat  um  Desetzung  der  Stadt  ersucht,  nahm
am  3.  Nov.  ein  ital.  Geschwader  von  Triest  Besitz;
am  gleichen  Tage  hatte,  dem  allg.  Vorrücken  sich  anschließend,
  die  7.  ital.  Armee  den  Tonalepaß  forciert,
  wo  die  Italiener  bereits  im  Sommer  namhafte
Fortschritte  gemacht  hatten,  und  den  Abstieg  ins  Vermiglianatal
  vollogen  so  daß  bei  Abschluß  des  Waffenfeällitandes
  die  ital.  Armeen  an  allen  Fronten  ihre
Ziele  erreicht  hatten.  Rückhaltlos  ist  anzuerkennen,
daß  die  Anordnungen  der  ital.  Heeresleitung  im  Hinblick
  auf  die  Erkämpfung  des  Endsieges  in  richtiger
Erkenntnis  der  Lage  unter  zweckmäßt  ster  Verwendungaller
  verfügbaren  Streitkräfte  im  gi  Mhten  Moment
  getroffen  und  planmäßig  ausgeführt  wurden.
Doch  hat  anderseits  die  innere  Ferrüttng  des  österr.=ungar.
  Heeres  den  Sieg  besonders  leicht  gemacht.  In
den  Endkampf  haben  auf  ital.  Seite  57  Divisionen
eingegriffen  (davon  3  brit.,  2  franz.,  1  tschechoflowak.
Div.  und  das  32.  amer.  Inf.-Reg.),  deren  Effektivstärke
  an  Kämpfern  —  die  Division  durchschnittlich  zu
14000  Mann  —  800000  Mann  betragen  haben  mag.
Siewaren  in  10  Armeen  verteilt.  Nach  ital.  Meldungen
soll  die  österr.-ungar.  Armee  24.  Okt.  bis  4.  Nov.  1918
an  Gefangenen  weit  über  10000  Offiziere  und  gegen
412000  Mann  und  7000  Geschütze  sowie  Vorräte  und
Kriegsmaterial  im  Werte  von  mehreren  Milliarden
Kronen  eingebüßt,  somit  ihren  Zerfall,  der  mit  dem
des  Reiches  zusammenfiel,  mit  der  größten  Niederlage
  des  Weltkrieges  bezahlt  haben.

Kämpfe  zur  Seei.

Im  Seekriege,  der  infolge  der  kurzen  Küstenentwicklung
  der  Donaumonarchie  auf  das  Adriatische
Meer  beschränkt  war,  hatte  Osterreich-Ungarn  außer
dem  zur  See  üÜberlegenen  Italien  auch  die  Mittelmeerflotten
  der  Westmächte,  bes.  die  französische,  und
zum  Schluß  die  kleine  üächiige  griechische  Flotte  zu
Gegnern.  Die  österr.-ungarische  Flotte  mußte  1s
daher  auf  den  Schutz  der  heimischen  Häfen  und  Küsten
und  auf  die  Rolle  des  Verteidigers  beschränken.  Die
Schlachtflotte  hat  sich  demgemäß  vornehmlich  in  den
heimischen  Gewässern  aufgebalten,  durch  Minenfelder
den  Angriff  feindlicher  Geschwader  auf  ihre  Opera-1

  CGgl.  die  Karte  Bo.  Il,  S.  116.7.

119

tionsbasis  Pola  und  die  wichtigsten  Häfen  Istriens
und  Dalmatiens  mit  Erfolg  abwehrend.  So  kam  es
während  des  ganzen  Krieges  zu  keiner  einzigen  Seeschlacht.
  In  der  Adria  traten  nur  Aufklärungsschiffe,
schnelle  kleine  Kreuzer,  Torpedojäger,  Torpedoboote
und  Unterseeboote  in  Tätigkeit.  Letzteren  bot  die
dalmatinische  Küste  mit  ihren  zahlreichen  Buchten
und  vorgelagerten  Inseln  die  denkbar  geeignetste  Basis.
  Doch  verhinderte  die  zu  geringe  Anzahl  von
Booten,  die  schon  für  die  Bekämpfung  der  seindlichen
Kriegsschiffe  nicht  ausreichten,  noch  viel  weniger  für
den  Handelskrieg  genügten,  ein  zufriedenstellendes  Erebnis.
  Die  österr.-ungar.  Flotte  war  zu  schwach,  um
ie  volle  Beherrschung  der  Adria  durch  die  feindlichen
Flotten  zu  verhindern,  woran  auch  die  wenigen  zur
Unterstützung  entsandten  deutschen  Unterseeboote
nichts  ändern  konnten.  Der  italienische,  nicht  unerhebliche
  Truppentransport  in  die  albanischen  Häfen
und  die  Überführung  der  serbischen  Armee  (100000
Mann)  nach  Korfu  konnten  unbehindert  erfolgen,
feindliche  Kanonenboote  an  den  letzten  Isonzoschlachten
  mitwirken,  schwerste  Küstenbatterien  an  der  Isonzound
  Piavemündung  armiert  und  der  ganz  erhebliche
Truppen.,  Munitions-  u.  Nachschubtransport  für  die
Orientarmee  ungestört  durch  die  Otrantostraße  geleitet
  werden.  Wo  es  zwischen  kleineren  Aufklärungseschwadern

  zum  Kampfe  kam,  haben  beide  Gegner
tets  tapfer  gefochten.  Erst  gegen  Schluß  des  Krieges
haben  Hungerrevolten  und  nationalistische  Meutereien
die  bisher  musterhafte  Haltung  der  österr.-ungar.
Flotte  beeinträchtigt.

Die  bedeutendsten  Unternehmungen  waren  die  Ausfahrt
  der  österr.-ungar.  Flotte  unmittelbar  nach  erfolgter
  ital.  Kriegserklärung  (23.u.  24.  Mai  1915)  und
die  Bombardierung  der  bedeutendsten  Häfen  der  ital.
Ostküste  von  Venedig  bis  Barletta,  serner  das  Seegefecht
  vor  Durazzo  29.  Dez.  1915,  in  dem  die  OÖsterreicher
  zwei  moderne  Torpedojäger  einbüßten.  An  der
Beschießung  der  Hafenstädte  und  feindlichen  Schiffe
wirkten  au  beiden  Seiten  die  Marineluftstreitkräfte
hervorragend  mit.  Von  der  bei  Kriegsbeginn  vorhandenen
  Tonnage  an  Kriegsfahrzeugen  (400000)  hat  die
österr.-ungar.  Marine  rund  60000  t  eingebüßt,  also
15  Proz.  des  Schiffsraumes,  die  ital.  Kriegsmarine  von
560000  t  rund  75000  t  oder  ca.  13,5  Proz.;  außerdem
  verlor  leptere  30000  t  an  Hilfskreuzern  (gegen
15  Proz.).  Die  österr.-ungar.  Marine  brachte  überdies
  den  französ.  Seestreitkräften  einen  Verlust  von
16000  t  bei,  den  britischen  einen  solchen  von  über
5000  t  und  vernichtete  auch  mehrere  Hilfskreuzer  beider
  Seemächte  von  zusammen  10000  t.

Anläßlich  der  Mustösung  des  alten  Reiches  sind  die
Schiffe  der  ehemaligen  k.  u.  k.  Kriegsmarine  durch
Verfügung  des  Monarchen  in  den  Besitz  des  neuen
füdslawischen  Staates  übergegangen.

Berluste.  An  größeren  Einheiten  verlor  Österreich-Ungarn
  im  Seekriege  die  Großkampfschiffe  Szent
Istvan  (1914,  20000  t;  durch  ital.  Torpedo  in  der
Adria  Juni  1918)  u.  Viribus  Unitis  (1911,  20000t;
von  ital.  Offizieren  im  Hafen  von  Pola  durch  Minen
versenkt  1.  Nov.  1918);  den  gepanzerten  Küstenverteldiger
  Wien  (1895,  5600  t;  durch  ital.  Unterseeboot
  in  der  oberen  Adria  10.  Dez.  1917);  die  Kreuzer
  Zenta  (1897,  2300  t;  im  Kampfe  mit  einem
#  Geschwader  durch  Geschützfeuer  16.  Aug-  1914
bei  Castellastug  an  der  montenegr.  Küste)  u.  Kaiserin
Elisabeth  (1890,  4000  t;  im  Hafen  von  Tsingtau  freiwillig
  vernichtet  7.  Nov.  1914).
        <pb n="134" />
        120

Die  italienische  Kriegsmarine  verlor  das
Großkampsschiff  Lionardo  da  Vinci  (1911,  22380t;
vor  Tarent  durch  Explosion  2.  August  1916);  die
Schlachtschiffe  Benedetto  Brin  (1901,  13400  t;  im
Hafen  von  Brindisi  durch  Explosion  27.  Sept.  1915)
u.  Regina  Margheritai1901,  13  400t;  vor  Valona  am
12.  Dez.  1916  durch  Mine);  die  Panzerkreuzer
Amalsi  (1908,  10  400t;  vor  Venedig  durch  österr.-ungar.
  U-Boot  7.  Juli  1915)  und  Giuseppe  Garibaldi

C.  Der  Krieg  in  den  Kokonient
vom  Kais.  Bezirksamtmann  a.  D.  Dr.  Karstedt  in  Steglitz

Allgemeine  Lage.

Die  Berteidigung  der  deutschen  Kolonien,  insbesondere
  der  afrikanischen,  war  wesentlich  dadurch  erschwert,
daß  es  vom  Augenblick  des  Kriegsausbruchs  an  unmöglich
  war,  dem  Schutzgebiet  von  Deutschland  her
nennenswerte  Mengen  an  Kampfmitteln  zuzuführen.
Nur  nach  Deutsch-Ostafrika  gelang  es  1915  und  1916
je  einen  Dampfer  zu  entsenden.  Infolge  der  englischen
Blockade  waren  die  Verteidiger  ausschließlich  auf  das
angewiesen,  was  bei  Kriegsausbruch  im  Lande  selbst
vorhanden  war.  Bald  fehlte  es  am  Notwendigsten,
an  Medikamenten,  Munition,  Bekleidungsstücken  usw.,
die  bis  dahin  ausschließlich  von  Europa  her  geliefert
worden  waren.  Und  was  aus  Landesmitteln  hergsstelt
  werden  konnte,  war  nur  bescheidener  Ersatz.

rotzdem  ist  auch  auf  kriegswirtschaftlichem  Gebiet  im
den  Kolonien  Glänzendes  geleistet  worden.  Es  gelang,
in  Kamerun  wie  in  Deutsch-Ostafrika  das  so  notwendige
  Chinin  zu  gewinnen  und  zu  verarbeiten.  Sogar
Schießpulver  wurde  aus  den  im  Lande  vorhandenen
Rohstoffen  hergestellt.  Alte  Salutkanonen  wurden
mit  den  primitivsten  Mitteln  zu  Feldgeschützen  umgebaut,
  und  mit  den  in  den  Händen  der  Eingebornen
befindlichen  Vorderladern  wurden  Hilfstruppen  ausgerüstet.
  Dielängst  verschwundene  Webtechnik  der  Einebornen

  wurde  wieder  hervorgeholt,  um  Kleider  und

niformen  herzustellen,  und  ein  System  weitestgehender
  Kriegswirtschaft  suchte,  ähnlich  wie  in  Deutschland,
  die  Nahrungsmittel  zu  arsassen  und  zu  rationieren.
  Schlimm  war  es  um  die  Verkehrsmittel  bestellt.
Telephon-  und  Telegraphenanlagen  waren  nur  in  geringem
  Umfang  zochden  zsomußte  an  vielen  Stellen
Stacheldraht  zum  Telegraphenbau  benutzt  werden,
während  Flaschenhälse  die  Isolatoren  ersetzten.  Daß
diese  Kriegswirtschaft  sowohl  in  Kamerun  als  auch  in
Ostafrika  durchführbar  war,  ist  in  erster  Linie  der  Tatsache
  zu  verdanken,  daß  rückhaltlos  auf  die  Treue  der
Eingebornen  gebaut  werden  konnte.  Von  Einzelerscheinungen
  abgesehen,  haben  sie  sich  ko  stärkster
Verlockungen  nirgends  zu  Verrätereien  fortreißen
lassen.  Im  Gegenteil,  ihr  Andrang  zu  den  Hilfsabteilungen
  war  so  stark,  daß  sie  aus  Mangel  an  Waffen
in  Scharen  abgewiesen  werden  mußten.  Dem  Gouverneur
  von  Deutsch-Ostafrika  hatten  sogar  Stämme
aus  dem  portugiesischen  Ostafrika  ihre  Hilfe  angeboten.

1  Über  die  geographisch-ftrategischen  Verhältmisse  der  Kolonten,
die  Stärke  der  beteiligten  Truppen  auf  deutscher  Seite  usw.
f.  Bb.  IL  S.  146  ff.;  vgl.  ferner  bie  Karte  „Koloniale  Kriegsschau-Pläges
  Bd.  II,  S.  1489.

I.  Kriegsgeschichte

(1899,  7350  t;  vor  Ragusa  durch  österr.-ungar.  U-Boot,
  18.  Juli  1915).  —  Ferner  wurde  der  franz.
Panzerkreuzer  Leon  Gambetta  (1901,  12250  t)
durch  österr.-ungar.  U--Boot  vor  Kap  Santa  Maria  di
Leuca  am  27.  Upril  1915  torpediert,  schließlich  ebenfalls
durch  österr.-ungar.  U-Boot  ein  brit.  Klein.  geschütz
ter  Kreuzer  der  Liverpoolklasse  (1909,  4800  t)  30
Meilen  westlich  von  San  Giovanni  di  Medua  am  9.
Juni  1919  (der  Verlust  wird  von  England  bestritten).

Eine  Mitwirkung  der  Marine  hat  in  bescheidenem
Maß  nur  in  Ostafrika  durch  den  Kreuzer  Königsberg
und  nach  dessen  Vernichtung  durch  seine  Mannschaft
und  die  des  Vermessungsschiffs  Möwe  stattgefunden.

Der  gesamte  Kolonialkrieg  wird  deutscherseits  durch
die  Unzulänglichkeit  der  Verteidigungsmittel  gekennzeichnet.
  Nirgends,  selbst  in  Kiautschou  nicht,  war
man  im  LPrringsten  auf  einen  modernen  Gegner  eingerichtel
  amerun  kämpfte  mit  den  alten  71er  Jägerüchsen,

  deren  rauchstarkes  Pulver  im  Busch  den
Schützen  sofort  verrät.  In  Ostafrika  war  die  Umbewaffnung
  der  Truppe  mit  dem  98er  Gewehr  bei
Kriegsausbruch  gerade  eingeleitet.  Maschinengewehre
waren  kaum  oder  nur  in  wenigen  alten  Modellen  vorhanden.
  Geschütze  fehlten  namentlich  in  den  tropischen

olonien  so  gut  wie  völlig.  Automobile,  Nachrichtentrupps
  usw.  waren  nicht  vorhanden.  Demgegenüber
verfügte  der  Gegner  überall  über  die  modernsten
Kampfmittel  bis  zum  Flugzeug.  Das  läßt  das  Heldenbafte
  des  Kampfes  Kameruns  und  insbes.  Lettow-Vorecks

  in  Ostafrika  erst  recht  würdigen.  Ohne  Rast  und
Ruh'  mehr  als  vier  Jahre  in  tropischem  Klima  im
Felde  stehend,  hat  die  ostafrikanische  Truppe  ein  Beispiel
  der  Willenskraft  gegeben,  das  unübertroffen  ist.

Die  Ereignisse  in  den  einzelnen  Folonien.

Tego.  Sofort  nach  Kriegsausbruch  wurde  zwischen
der  französischen  Verwaltung  von  Dahomey  und  der
der  englischen  Goldküste  ein  Abkommen  über  den  Angriff
  auf  Togo  getroffen,  demzufolge  die  Franzofen
an  der  Küste  entlang  vorrückten,  während  die  Engländer
  stärkere  Truppenmengen  auf  Kriegsschiffen  von
der  Goldküste  nach  Lome  brachten.  Lome  wurde
Empstos  am  8.  August  von  den  Engländern  besetzt.
Die  Verteidigung  war  deutscherseits  ins  Innere,  in  die
Gegend  von  Kamina  verlegt  worden.  Bei  Kamina,
6  ku  östlich  von  Atakpame,  befand  sich  die  im  Frühjahr
  1914  eröffnete  Funkenstation,  die  unter  anderm
den  Verkehr  zwischen  Deutschland  und  Südwestafrika
vermittelte.  Nach  einer  Reihe  von  örtlichen  Kämpfen
am  Chra,  35  km  südlich  von  Kamina,  wurde  von  der
Verteidigung  die  Zerstörung  des  Funkenturmes  verfügt,
  da  die  Aussichtslosigkeit  weiteren  Widerstandes
klar  war,  und  die  Truppe  kapitulierte  am  26.  Aug.

Kamerun.  Auch  hier  eröffnete  die  französische
Regierung  vom  französischen  Kongo  her  unter  Bruch
der  Kongoakte  die  Feindseligkeiten  unmittelbar  nach
Kriegsausbruch.  Am  7.  Aug.  bereits  wurde  der  nichtsahnende
  Zollposten  Singa  in  Neukamerun  von  einer
stärkeren  französischen  Truppe  angegriffen  und  besetzt.
Bieichzeitig  hatten  die  Franzosen  im  Tschadseegebiet
von  Fort  Lamy  aus  den  Angriff  aufgenommen  und
versucht,  Kusseri  zu  nehmen.  Dieser  Angriff  miß-
        <pb n="135" />
        Der  militärische  Berlauf  des  Krieges:  Der  Krieg  in  den  Kolonien

glückte.  Anfang  Oktober  gingen  auch  die  Engländer
von  Nigerien  aus  gegen  die  Nordwestgrenze  Kameruns
vor,  während  eine  andere  Abteilung,  von  verräterischen
Dualaleuten  geführt,  an  der  Küste  entlang  in  Kamerun
eindrang.  Die  erstere  Truppe  erlitt  eine  Reihe  von
Mißerfolgen,  die  ihrem  Vorgehen  ein  Ziel  setzte.
Duala  wurde  von  den  ersten  Tagen  des  September
an  von  feindlichen  Kriegsschiffen  blockiert.  Nachdem
am  26.  Sept.  französische  Verstärkungen  von  Dakar
eingetrossen  waren,  drang  ein  englisches  Kriegsschiff
in  die  Bucht  von  Duala  ein  und  beschoß  den  unverteidigten
  Ort.  Der  Beschießung  folgte  am  27.  die
Besetzung  durch  Engländer  und  Franzosen.

Anfang  Dezember  1915  waren  sämtliche  offenen
Küstenorte  einschließlich  Buea  und  Edea  von  den
Gegnern  besetzt;  im  Innern  hatten  sie  dagegen  keinen
Erfolg  erzielt.  Die  Stadt  Garua  war  troß  stärkster
engl.  Angriffe  (11  Off.  u.  300  Mann  engl.  Verluste)

ehalten  worden.  Damit  war  einstweilen  ein  gewisser
Stillstand  eingetreten.  Erst  nachdem  englischer-  und
französischerseits  große  Massen  von  Truppen  und
Trägern  herbeigeführt  worden  waren,  wurde  der  Angriff
  gegen  das  Innere  aufsgenommen.  Am  10.  Juni
1915  mußte  Garua  nach  verschiedenen,  nur  teilweise
  geglückten  Durchbruchsversuchen  kapitulieren,
am  27.  Juni  wurde  Ngaundere  u.  am  24.Okt.  Banjo

eräumt.  Die  deutschen  Truppen  zogen  sich  auf  die
Hauptverteidigun  um  Jaunde  zurück.  Unabhängig
von  dieser  hielt  sich  die  3.  Kompagnie  der  Schutztruppe
im  Norden  der  Kolonie  in  Mora  gegen  die  Engländer.

Gegen  die  kleine  deutsche  Truppe,  die,  ungenügend
ausgerüstet,  an  mehreren  Fronten  gleichzeitig
kämpfen  hatte,  hatten  England  und  Frankreich  Gdlichlich
  80000  Mann  im  Felde  stehen.  Auf  deutscher
Seite  trat  nun  mehr  und  mehr  Mangel  an  den  notwendigsten
  Dingen  ein,  der  um  so  größer  wurde,  je
enger  sich  der  Ring  um  die  -Jaundefestunge  legte.
Ende  1915  mußte  jeder  weitere  Widerstand  als  nutzlos
  erkannt  werden,  und  die  noch  vorhandenen  Verteidiger
  in  Stärke  von  900  Weißen  und  14000schwarzen
Trägern  und  Soldaten  wurde  in  der  einzigen  noch
offenen  Richtung  auf  das  spanische  Rio-Muni-Gebiet
in  Bewegung  gessgt  das  sie  in  den  ersten  Januartagen
1916  betraten.  Hier  wurden  sie  entwaffnet  und  interniert.
  Die  Morastellung  hielt  sich  bis  zum  18.
Febr.  1916,  bis  die  Munition  ausgegangen  war.

Dentsch-Südwestafrika.  Deucshersclts  verhielt
man  sich  bei  den  geringen  Kräften  und  den  langen,
überall  bedrohten  Grenzen  zunächst  abwartend.  Die
Union  war  durch  die  Anzeichen  eines  Burenaufstandes
unter  Delarey  und  Dewet  gleichfalls  in  ihren  Entschlüssen
  Pinder:  so  daß  der  ganze  August  1914ruhig
verlief.  t  am  15.  Sept.  wurde  englischerseits  ein
Überfall  auf  die  deutsche  Station  Ramensdrift  am
Oranje  unternommen.  Die  Antwort  darauf  war  die
Aufhebung  der  britischen  Besatzungen  in  Stolzenfels,
Nakab  und  Rietfontein.  Um  stärkere  feindliche  Kräfte
in  die  Falle  zu  locken,  wurden  die  deutschen  Truppen
absichtlich  nach  Norden  zurückgenommen.  Es  glückte
durch  diese  List,  am  26.  Sept.  300  Engländer  bei
Sandfontein  abzuschneiden  und  nach  hariem  Gefecht
zur  Übergabe  zuzwingen.  Daraufhin  stellte  der  Gegner
seine  Angriffe  von  Süden  her  zunächst  ein  und  verlegte
das  Hauptgewicht  auf  den  Vorstoß  von  Lüderitzbucht
aus,  wo  er  vom  9.  Sept.  an  unter  dem  Schutz  von
Kriegsschiffen  8000  Mann  gelandet  hatte.  Die  deutsche
Truppe  war  infolgedessen  nach  Aus  zwischen  Lüderitzbucht
  und  Keetmanshoop  verlegt  worden.  Dort  schuf

121

sie  sich  eine  starke  Stellung,  aus  der  sie  später  nicht
herausgeworfen,  sondern  herausmarschiert  worden  ist.

Inzwischen  waren  deutsche  Beamte  und  Offiziere
bei  einem  Besuch  portugiesischen  Gebiets  von  portugiesischem
  Militär  in  Naulila  ermordet  worden.  Die
unter  Major  Frankes  Führung  eingeleitete  Strafexpedition
  gegen  Angola  führte  zur  Einnahme  des
portug.  Forts  Naulila.  Währenddessen  verlor  aber
die  deutsche  Schutztruppe  insolg  Unglücksfalls  ihren
Kommandeur  v.  Heydebreck;  Nachfolger  wurde  der
auf  dem  Rückmarsch  von  Angola  begriffene  Franke.

Die  Engländer  hatten  sich  einstweilen  auf  die
wiederholte  Beschießung  von  Swakopmund  beschränkt.
Von  Lüderitzbucht  aus  vorzudringen,  war  ihnen  nicht
gelungen.

Erst  am  16.  Dez.  1914,  nachdem  der  Burenaufstand
niedergeworfen  war,  gingen  die  Engländer  von
Lüderitbucht  aus  in  breiter  Front  vor.  Am  24.  Dez.
erschienen  Schiffe  vor  Walfischbai,  das  früher  von
deutscher  Seite  besetzt  worden  war.  Große  Truppenmengen
  wurden  gelandet,  und  Botha,  der  inzwischen
die  Führung  übernommen  hatte,  begann  mit  dem  Bau
einer  Bahn  von  hier  nach  Swakopmund.  Dadurch
wurde  die  Stellung  im  Süden  des  Landes  bei  Aus

änzlich  unhaltbar,  wenn  die  Truppe  sich  nicht  der

efahr  aussetzen  wollte,  in  zwei  Teile  gerissen  zu
werden.  Der  gesamte  Süden  der  Kolonie  wurde  deshalb
  geräumt  und  alles  Vieh,  Material  usw.  nach

orden  abtransportiert.  Die  Lage  wurde  für  die  Berteidigung
  um  soschwerer,  als  inzwischen,  von  England
ausgeheg.  die  Bastards  sich  erhoben  hatten  und  raubend
  und  mordend  das  Land  verheerten.

Der  Gegner  hatte,  von  der  Swakopmundbasis  vorehend,

  Mitte  Febr.  1915  bei  Felseneck  das  Lager  der
Kastenschutztompagnie  überfallen.  Zur  Verschleierung
der  rückwärtigen  Bewegungen  war  eine  neue  Stellung
zwischen  Otavibahn  und  Swakop  bezogen  worden.
Ende  Februar  griff  der  Gegner  sie  mit  überlegenen
Kräften  an,  und  es  gelang  ihm  dank  seiner  reichen
Transportmittel,  einen  Teil  der  Stellung  abzuschneiden
  und  zur  Übergabe  zu  zwingen.  Der  Angriff  auf
den  anderen  Teil  mißlang  zwar,  sie  mußte  jedoch  auch
geräumit  werden,  so  daß  damit  der  Gegner  Praktich

en  Namibgürtel  von  Swakopmund  völlig  überwunden
  hatte.  Damit  war  Windhuk  unmittelbar  gt.
fähree,  und  die  Truppenleitung  entschloß  sich  deshalb,

ie  Hauptstadt  aufzugeben  und  sich  weiter  nach  Norden
  zurückzuziehen.  Alles  Material  usw.  wurde  nach
Tsumeb  befördert.  Botha  schob  sich  währenddessen
mit  seinen  Truppen  immer  weiter  an  der  Bahn  entlang,
  so  daß  er  bereits  am  4.  Mai  1915  Karibib  besetzen
  konnte.  Eingeleitete  Waffenstillstandsverhandlungen
  hatten  zu  keinem  Ergebnis  geführt.

In  drei  Kolonnen  ging  Botha  nunmehr  gegen  die
letzten  deutschen  Stellungen  im  Norden  vor,  die  in
um  so  schwierigere  Lage  geraten  waren,  als  sie  ihren
letzten  Vorteil,  die  Otavibahn,  hatten  aufgeben
müssen.  Dazu  kam,  daß  auf  deutscher  Seite  die  Zugund
  Reittiere  aus  Mangel  an  Nahrung  völlig  er.
schöpftwaren,  während  Bothas  übermacht  um  sostärker
wirkte,  als  er  ausgiebigen  Gebrauch  von  großen  Automobilkolonnen
  machen  konnte.  Eine  linke  Kolonne
des  Gegners  in  Stärke  von  4000  Mann  marschierte
Über  Omaruru  und  Outjo  nach  Namutoni,  wobei  sie
so  gut  wie  keinen  Widerstand  fand.  Botha  selbst  ging
mit  15000  Mann  rechts  und  links  der  Otavibahn  bis
Otavi  vor,  dann  nach  Otavifontein  u.  griff  hier  einen
Teil  der  Truppe  mit  großer  Übermacht  an.  Um  nicht
        <pb n="136" />
        122

abgeschnitten  zu  werden,  mußte  diese  Truppe  kämpfend
  auf  die  Hauptstellung  bis  km  514  zurückgehen.
Der  rechte  Flügel  des  Feindes  mit  4000  Mann  rückte
von  Okahandia  über  Waterberg  nach  Tsumeb  vor.
Luch  hier  mußte  die  neue  Deckung  der  deutschen  Stellung,
  um  nicht  umzingelt  zu  werden,  zurückgehen,  um
so  mehr,  als  sie  nicht  eimmal  mehr  über  Artillerie  verfügte.
  Danach  war  vorauszusehen,  wann  die  deutschen
  Truppen  durch  Hunger  zur  Übergabe  gezwungen
sein  würden.  Der  Gouverneur  trat  deshalb  mit  Botha
in  Übergabeverhandlungen  ein,  die  am  9.  Juli  1915
zur  Kapitulation  des  Restes  der  Truppe  in  Stärke  von
31400  Mann  führten.

Deutsch-Ostafrika.  Sofort  nach  Kriegsausbruch
beschoß  ein  englischer  Kreuzer  Daressalam  und  andere
Hafenorte.  Gleichzeitig  nahmen  die  Engländer  am  13.
Aug.  den  vom  Ausbruch  des  Krieges  noch  nicht  unterrichleten
  deutschen  Dampfer  Hermann  v.  Wissmann
auf  dem  Njassasee  fort.  Daraufhin  besetzten  die  Deutschen
  die  englische  Station  Taveta  am  Kilimandscharo.
In  der  nächsten  Zeit  kam  es  zu  einer  Reihe  von  Grenzgefechten,
  wobei  deutscherseits  verschiedene  Vorstöße
gegen  die  Ugandabahn  erfolgten.  Im  Westen  und

dordwesten  schützte  sich  die  Verteidigung  durch  Vernichtung
  des  einzigen  auf  dem  Tanganjikasee  befindlichen
belgischen  Dampfers  und  durch  Besetzung  belgischer
Grenzposten.  Am  20.  Sept.  gelang  es  dem  deutschen
Kreuzer  Königsberg,  den  engl.  Kreuzer  Pegasus,  der
die  Hafenplätze  wiederholt  bsschofen  hatte,  vor  Sansibar
  zu  vernichten.  Im  weiteren  Verlauf  des  Kriees

  wurde  Königsberg  allerdings  genötigt,  vor  den

erfolgern  Schutz  im  Rufidschi  -Delta  zu  suchen,  wo
er  in  Sommer  des  nächsten  Jahres  vernichtet  wurde.

Inzwischen  hatte  England  stärkere  Kräfte  aus  Indien
  zufammengezogent  die  am  2.  Nov.  1914  einen
umfangreichen  Angriff  auf  Tanga,  den  Endpunkt
der  Usambarabahn,  unternahmen.  Trot  stärkster  englischer
  überlegenheit  Lelan  es  der  Verteidigung  unter
General  v.  Lettow-Vorbeck,  den  Angriff  abzuschlagen
und  die  Truppen  unter  Zurücklassung  zahlreicher
Toter  und  Verwundeter,  Gefangener  sowie  eines  umfangreichen,
  sehr  willkommenen  Materials  zum  Rückzug
  auf  die  Schiffe  zu  zwingen.  Ein  gleichzeitiger
großangelegter  englischer  Angriff  Über  die  Grenze  von
Britisch-Ostafrika  scheiterte  unter  großen  Verlusten  am
3.  Nov.  am  Longido.  Ende  1914  war  das  gesamte
Schutzgebiet  wieder  vom  Feinde  frei.

Im  Januar  1915  unternahmen  die  Engländer
einen  neuen  Angriff  größten  Umfangs  auf  Tanga,
diesmal  zu  Lande  von  Mombassa  her.  Auch  dieser
wurde  in  schweren  Kämpfen  am  18.  und  19.  Jan.  bei
Jassini  abgeschlagen.  Den  Mangel  an  Munition  und
modernen  Wafsen,  vor  allem  Geschützen,  unler  dem
die  Verteidigung  zu  leiden  gehabt  hatte,  gelang  es
teilweise  wenigstens  durch  einen  Blockadebrecher  abzustellen,
  der  Anfang  1915  in  Deutsch-Ostafrika  eintraf,
  und  ugh  Beschießung  seine  Ladung  nördlich
von  Tanga  löschen  konnte.  Ein  weiterer  Blockadebrecher
  traf  1916  in  der  Sudibucht  ein.  Diesem  gelang
  es  sogar,  nach  Abgabe  seiner  Ladung  wieder
auszubrechen  und  nach  Java  zu  entkommen.

Den  deutschen  Angriffen  gegen  Britisch  -Ostafrika
war  weniger  Glück  beschieden,  obgleich  es  wiederholt
Streiftruppen  gelang,  bis  an  die  Ugandabahn  vorzustoßen
  und  ihre  Kunstbauten  zu  vernichten.  Umgerehrt
  hatte  aber  auch  Mitte  Juli  ein  großer  engl.

ngriff  auf  das  Kilimandscharogebiet  keinen  Ersosg

I.  Kriegsgeschichte

Vorübergehend  konnten  die  Engländer  nur  Bukoba
am  Viktoriasee  beseßen  und  es  teilweise  zerstören.
Die  zahlreichen  Mißerfolge,  die  ihre  Einwirkung
auf  das  Ansehen  Englands  in  Afrika  nicht  verfehlten,
hatten  in  England  inzwischen  eine  Stimmung  erzeugt,
die  zum  schärfsten  Vorgehen  gegen  Ostafrika  nötigte.
Gemeinsam  mit  Belgien  wurden  die  Vorbereitungen
getroffen.  Mit  der  Führung  wurde  egisscherseius
eneral  Smuts,  auf  belgischer  General  Tombeur
beauftragt.  Am  28.  März  1916  begann  Smuts  seinen
Vormarsch  mit  zwei  starken  Divisionen  gegen  die
deutsche  Hauptstellung  unter  Lettow-Vorbeck  zwischen
  Taveta  und  Rombo  am  Kilimandscharo.
Durch  Umgehung  ihres  linken  Flügels  zwang  er  die
Verteidigung  zum  Zurückgehen  zunächst  auf  die  Kitovoberge.
  Die  große  engl.  übermacht  drängte  mit  Hilfe
modernster  Kriegsmittel,  vor  allem  auch  Kavallerie,
die  Verteidigung  immer  weiter  küstenwärts.  Gleichzeitig
  schickte  Smuts  berittene  Truppen  durch  die  Steppe
auf  Kondoa-Irangi  vor,  das  am  20.  April  besetzt
wurde.  Sein  eigner  Vormarsch  war  infolge  großer
Verluste  u.  Krankheiten  sowie  einer  Reihe  erfolgreicher
deutscher  Gegenstöße  zeitweilig  am  Gebirgsstock  von
West--Usambara  zum  Stocken  gekommen.  #n  7.  Juli
aber  konnte  er  nach  Wiederaufnahme  des  Vormarsches
  entlang  der  Pangani-  und  der  Usambaraberge
Tango  besetzen,  von  wo  aus  er  an  der  Küste  entlang
operierte.  Gleichzeitig  war  die  Truppe,  die  Kondoa-Jrangibesetzt
  hatte,  nach  längerer  Festlegung  durch  die
Verteidigung  südwärts  vorgestoßen  und  hatte  am  29.
Juli  die  Mittellandbahn  bei  Dodoma  erreicht.  Nach
Osten  abschwenkend,  besetzten  sie  26.  Aug.  Morogoro,
so  daß  nunmehr  auch  Daressalam  unhaltbar  geworden
  war.  Am  4.  Sept.  wurde  es  den  Engländern
überlassen,  die  schon  vorher,  an  der  Küste  nach  Süden
vorgehend,  Panganiu.  Bagamoyo  besetzt  hatten.
Gleichzeitig  mit  den  Engländern  hatten  die  Belgier
vom  Westen  und  Nordwesten  her  die  Offensive  aufenommen,
  und  es  war  ihnen  trotz  hartnäckigstem
iderstand  einer  Ueinen  deutschen  Truppe  gelungen,
den  ganzen  Westen  und  Nordwesten  der  Kolonie  zu  besetzen.
  Am  19.  Sept.  1916  zogen  sie  in  Tabora  ein.
2#  gleicher  Zeit  waren  englische,  in  Muanga  gelandete
ruppen  auch  auf  Tabora  in  Marsch  gesetzt  worden.
Wider  Erwarten  gelang  es  den  Verteidigern  des
Nordwestens  der  Kolonie  und  Taboras  unter  dem
sächs.  General  Wahle,  sich  mit  Lettow-Vorbeck  im
Süden  der  Kolonie  zu  vereinigen,  obwohl  sie  mehrfach
von  den  Engländern  eingekesselt  gewesen  waren.
Nachdem  bis  zum  Herbst  1916  sämtliche  Küstenplätze
  der  Kolonie  sowie  alle  Eisenbahnen  verloren
waren,  war  die  Verteidigung  Deutsch-Ostafrikas
praktisch  zu  Ende.  Das  Weitere  war  ein  Buschkrieg,
der  den  von  allen  Hilfsquellen  abgeschnittenen,  nur
auf  eine  kleine  Truppe  sich  stützenden  Lettow-Vorbeck
zum  gehetzten  Wild  machte,  um  so  mehr,  als  inzwischen
auch  Portugal  den  Krieg  erklärt  hatte,  so  daß  der  Ring
um  ihn  völlig  geschlossen  war.  Mehr  und  mehr  nach
Süden  gedrängt,  wo  es  ihm  sogar  gelang,  die  Portu.
giesen  vernichtend  zu  schlagen  und  die  Kolonie  von
ihnen  zu  säubern,  vermochteer  Anfang  Dezember  1916
den  Ring  erneut  nach  Süden  hin  auf  portugiesisches
Gebiet  zu  durchbrechen.  Eine  Reihe  von  scharfen  und
erfolgreichen  Schlägen  gegen  die  portugiesische  Truppe
vermochte  das  Ende  aber  nicht  mehr  abzuwenden.
Lettow-Vorbeck  konnie  zeitweise  300  km  tief  nach  Portugiesisch-Ostafrika
  hinein  vorstoßen.  Im  Herbst  1918
war  er  in  Rhodesia  eingedrungen  und  hatte  Kassama
        <pb n="137" />
        30  wexllyC  O  "

10
———  #"s  —  —  —

Artab.  E  #*##  600

2

4  «  *  2  "  .  *

*i  1  5  ·  —  .  77

---·  «.s-««-,—-«.-.-7«,-Is-ss-WÆWI«.·—«

V  #.  T.—  -  «  ..-«

  IIFHITÄFÄSY

EHYZL  EIN-z-IIEHII

  Movln

can-sa-"

  KNäaäua  untor  OUOr

"1  -

2#  8

Ae'l.  A  NriScurn

i  ——  S#####ddec  !s§
sbAaFRRAAN  BND,  8Z
(NlON  OF  SOL'TIIAIMC-O  1%

2  1  t  (N-„
  Vestab  1:330  000000  O  7  R  KW

—i
200  -
AMllousnter.  %  71%4

x  d.-roderur#renr##Lnt  Adsschmerent.
“  ———  !“mdi  29
EEEACOCOCURCGÆIOCCCSCI  Mat  atene

hun  #•  —  —  —  —

ĩ  k-  :  *8
Seisenuenalenn  2*8  ""  »m«  «

Ic«x1..xtm.111»  »i-;  ist«-»

i«settchusnj
2

#mi“#  —*  "*
-  bgpstotlt  *
Pt-  mn.  Torusn  #ar'
D.

n—t  —  ——323  —  3
Ceôösler#-  *!*  Nurz###.  E

—uNN  ———.  *

20  Usu.L#.  ön  30

An  1  W  W—

7
2

—#

*02

8  K

"  rne  .  Sixlin  I#,  s—[(r  —

.  *—*.  ß  urues—  ——.  %  9  2½

"„  Aurk  V  hrc  s  M’r  c  f#%
W  4%0%½%%  .  ½  #  4

4½½

—  Mahsab  „J:  6000  000
-“

—  HBelgischer

3  #  V.  1.  V
„  *i  #  4  u  *  —  —  HB

*“*  —
.-IL


EM
*  *  „  *.
6n  —1  1)—JP
a  *  E

r  -

m«  rh-  »k(
XII  20
D  a  71  J

"  -

nst  —s
3S-nrkaaliel

+½

4

i1
1

i——..

„Schr-  ven  "„
r*-  *  *X  *R

1
14  7%%  .„Unianln  r**is  v  n

ANN3  #
NUr###km  "  .
YOU-m  4“%  %%%%  #·—
'  447%  10  —
r.  d  47  I##
6  ##nu  n  nl16
———-m’i*
  1.  r*tyibrrrz

2——  -  MI
zr  1  1*  ceen
4  nuran  *sv  —iies  —*

—N—–  *  Se
*  E

——  ·-  -
ngan  R.  S  X.NI  "K

Arnulk/4

45½0  i-——.——
  E  Kilhr  11  1
Kolonlalbe  sitz:
—O##nzüsisch“b#n)

Joriselurr  ne,  1—
nlicnischertu.rugiesischln
5  NSanisekhurr,  #
Acoiccwis#kze  #nck  1111%  1  v
Ahlülrzungen:  8  AAf  BSB1
l————————  32
E——t—ttl—————
8.-Grantdh  -hrt  5—  U  ns#-aiu#

Hlllogrupkhischen  Innstlack,  Lapzig.
        <pb n="138" />
        <pb n="139" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Der  Krieg  in  den  Kolonien

in  Nordost-Rhodesia  besetzt.  Von  hier  wollte  er  auf
Brokenhill  vorgehen.  JBerfolgder  Waffenstillstandsbedingungen
  streckte  er  am  15.  Nov.  mit  30  Offizieren,
125  anderen  Europäern  und  1165  farbigen  Soldaten,
1  Feldgeschütz,  24  Maschinengewehren  und  14  anderen
  leichten  Geschützen  die  Waffen.  Ein  Heldenkampf
ohneegleichen  hatte  sein  Ende  erreicht,  dem  sogar  die

egner  ihre  Anerkennung  nicht  versagten.  Unbesiegt
ist  v.  Lettow-Vorbeck  geblieben.  Seine  Leistungen  in
einem  ungleichartigen  Kampf  und  sein  Organisationstalent
  stellen  ihn  für  immer  in  die  erste  Reihe  unserer
Führer  im  Krieg!

Die  Südsceinselu.  In  Neuguinea  war  es  im
Laufe  des  Juli  1914  gelung  n,  in  Bitapaka  die  funkentelegraphische
  Anlage  ferligzustellen.  Um  sie  mußte
sich,  da  Rabaul  und  Herbertshöhe  den  Geschützen  der
feindlichen  Schiffe  offenlagen,  die  Verteidigung  konzentrieren,
  die  im  übrigen  bei  den  geringen  Kräften
nur  in  sehr  bescheidenem  Umfang  einsetzen  konnte.

Am  11.  Sept.  früh  liefen  englische  und  australische
Torpedoboote  in  den  Hafen  von  Rabaul  ein,  denen
eine  Reihe  von  Kreuzern  und  Unterseebooten  sowie
ein  Truppentransportdampfer  folgten.  In  Herbertshöhe
  wurden  britische  Matrosen  gelandet.  Den  Anreifern

  gegenüber  war  die  Verteidigung  in  um  so
süwierrn,  als  verräterische  Zöglinge  der  englischen
  Mission  den  Australiern  Hilfsdienste  leisteten.
Angesichts  der  Unmöglichkeit,  die  Funkenanlage  auf
die  Dauer  zu  verteidigen,  wurde  diese  am  Abend  des
11.  Sept.  zerstört.  Nach  einer  Reihe  von  örtlichen
Buschkämpfen  und  einer  starken  Beschießung  der  gesamten
  Umgebung  von  Rabaul  und  Herbertshöhe
durch  die  Kriegsschiffe  war  der  deutsche  Gouverneur,
um  zwecklosen  Zerstörungen  vorzubeugen,  genötigt,
in  Verhandlungen  mit  den  Angreifern  einzutreten.
Am  21.  Sept.  1914  fand  in  Verfoll  dieser  Verhandlungen
  die  Übergabe  des  Schutzgebietes  unter  ehrenvollen
  Bedingungen  statt.  Die  Besetzung  der  übrigen
Teile  von  Neuguinea  bot  danach  für  die  Engländer
und  Australier  keine  Schwierigkeiten  mehr.  Friedrich-Wilhelms-Hafen
  wurde  Ende  September  von  ihnen
besetzt,  ebenso  am  21.  Sept.  Nauru.

Vor  Jap  erschienen  am  12.  Aug.  zwei  englische
Kriegsschiffe,  die  sich  auf  die  Zerstörung  der  Funkenstation
  beschränkten.  Am  7.Okt.  besetzten  dann  Japaner
die  Insel,  ebenso  wie  kurz  nacheinander  die  Marianen
  und  Palauinseln.  Vor  Angaur  war  wie  vor
Jap  bei  Kriegsbeginn  ein  engl.  Kriegsschiff  erschienen
undhatteden  Funkenturmzerstört.  Nach  Hinterlassung
einer  Notiz,  wonach  das  ganze  Schutzgebiet  im  Namen
des  Königs  von  England  okkupiert  sei,  war  das  Schiff
wieder  ausgefahren.  Das  hat  die  Japaner  aber  nicht
abgehalten,  später  ihrerseits  Angaur  zu  besetzen.
Ponape  ist  am  7.  Okt.  von  japanischen  Streitkräften
in  Besitz  genommen  worden,  Truk  am  12.  Okt.  und
Jaluit  am  29.  Sept.  Diese  Besetzungen  mußten  sich
nach  Lage  der  Dinge  sämtlich  kampflos  vollziehen.

In  Samoo  bestand  eine  zur  Verteidigung  fähige
und  geeignete  Truppe  überhaupt  nicht.  Mit  dem
Vorgehen  gegen  das  Schutzgebiet  hatte  die  englische
Regierung  die  Regierung  von  Neuseeland  beauftragt.

123

Ein  Expeditionskorps  (53  Offiziere,  1351  Mann)
verließ  Neuseeland  am  19.  Aug.  auf  zwei  Transportschisfen.
  Am  29.  Aug.  traf  der  Transport,  der  von
fünf  Kriegsschiffen  begleitet  war,  vor  Samoa  ein,
das  nach  Landung  von  1500  Mann  kampflos  besetzt
  wurde.

Kiautschon.  Am  1.  Aug.  1914  wurde  Kiautschou
durch  kaiserliche  Verordnung  in  Kriegszustand  versetzt.
  Am  nächsten  Tage  —i  der  Aufruf  der
Reservisten,  am  8.  Aug,  der  der  Land-  und  Seewehr.
Gleichzeitig  hatten  die  deutschen  Konsulate  in  ganz
China  die  ansässigen  Deutschen  zur  Gestellung  in
Tsingtau  ausfgefordert.  Das  Kreuzergeschwader  verließ
  Kiautschou  bald  nach  Kriegsausbruch,  so  daß  nur
kleinere  Fahrzeuge  zurückblieben.  Unter  den  zum  Verteidigungsdienst
  verfügbaren  Kriegsschiffen  befand
sich  auch  der  alte  österreichische  Kreuzer  Kaiserin  Elisabeth,
  dessen  Besatzung  Seite  an  Seite  mit  der  deutschen
  Verteidigung  bis  zum  Ende  gekämpft  hat.

England  allein  hat  gegen  Kiautschou  nichts  unternommen.
  Am  15.  Aug.  aber  schkoß  es  mit  Japan
ein  Abkommen,  das  das  Vorgehen  gegen  Kiautschon
zum  Gegenstand  hatte.  Am  19.  Aug.  bereits  hatte
der  japanische  Botschafter  in  Berlin  das  Ultimatum
gestell.  wonach  Kiautschou  bis  zum  15.  Sept.  ohne

egenleistung  an  Japan  übergeben  werden  sollte.
Am  23.  Aug.  lehnte  die  deutsche  Regierung  eine  Beantwortung
  ab.  Schon  am  20.  Aug.  hatte  der  Gouverneur
  den  japanischen  Staatsangehörigen  befohlen,
das  Schutzgebiet  bis  zum  22.  zu  verlassen.

Bereils  vor  Ablauf  des  Ultimatums  rüstete  man  in
Japan  im  größten  Umfang,  und  schon  am  27.  Aug.
lag  das  zweite  japanische  Geschwader  vor  Tsingtau
bereit.  Zu  Lande  wurde  der  Angriff  von  60  000  Japanern
  und  2000  Engländern  eröffnet.  Er  litt  aber
anfangs  stark  unter  den  Regengüssen  und  den  schlechten
Wegen.  Erst  Ende  September  begann  die  volle  Einschließung,
  wobei  Japan  und  England,  unbekümmert
um  die  chinesische  Neutralität,  durch  chinesisches  Gebiet
marschierten  und  es  teilweise  besetzten.  Trotz  zahlenmäßiger
  mehrfacher  überlegenheit  errangen  die  Anreifer

  aber  keinen  nennenswerten  Erfolg.  Der  erste
Fa##m  auf  die  Tsingtauwerke  kostete  sie  2500  Mann,
so  daß  Japan  Verstärkungen  nachziehen  mußte.  Erfelgreich-
  Ausfälle  der  Belagerten  konnten  aber  das
Endschicksal  um  so  weniger  hinausschieben,  als  den
modernen  Angriffsmitteln  die  Verteidigungsmittel  in
keiner  Weise  gewachsen  waren.  Auch  zur  See  begnügte
man  sich  auf  Seite  der  Belagerten  nicht  mit  der  Verteidigung.
  So  unternahm  das  alte  Torpedoboot  890
einen  Angriff  auf  die  jabonische  Flotte,  bei  dem  es
gelung,  den  japanischen  Kreuzer  Takotschiha  zu  vernichten.
  Als  sich  die  Belagerer  immer  näher  an  die
Stadt  herangearbeitet  hatten  und  weitere  Berteidigung
nur  zur  völligen  Zerstörung  des  Ortes  hätte  führen
müssen,  ergab  sich  die  kleine  Besatzung  in  Stärke  von
rund  3500  Mann  am  7.  Nov.  1914.  Sie  wurde
kriegsgefangen  nach  Japan  abgeführt.

Literatur:Der  Krieg  in  den  deutschen  Schutzgebieten,
Beihefte  zum  amtl.  -Deutschen  Kolonialblatt-;  ferner  regelmäßige
  Berichte  von  O.  Karstedt  in  der  -Deutschen  Kolonialzeitungs,
  Jahrg.  1914—18.
        <pb n="140" />
        124

D.  Der  Krieg  in  Borderasien
von  Dr.  Gaston  Bodart  in  Wien

I.  Die  Kämpfe  um  die  Vardanellen.

Mit  dem  Eintritt  der  Türkei  in  die  Reihe  der  kriegführenden
  Staaten  rückte  die  militärische  Bedeutung
der  Dardanellen  wieder  in  den  Vordergrund.  Diese
verwundbarste  Stelle  des  türk.  Reiches  wurde  bald  zu
einem  Operationsziel  der  elisch-französischen  Seestreitkräfte
  im  Mittelmeer.  Die  ersten
gen  beschränkten  sich  auf  mehrfache  Beschießungen
(3.  Nov.  1914  u.  19.  Febr.  1915)  der  äußeren  Forts
(Cephalla,  Kum-Kalé,  Sed-ül-Bahr)  durch
8  Panzerschiffe  älteren  Typs  auf  18  km  Entfernung,
wobei  die  Verbündeten  diese  Befestigungen  so  weit
niederkämpften,  daß  ein  Einfahren  in  die  äußere
Meerenge,  allerdings  beschränkt  durch  treibende  und
feste  Minen,  möglich  wurde.  Ju  weiteren  Eriolgen
reichten  die  vorhandenen  Mittel  nicht  aus,  so  daß  das
Flottenkommando  (engl.  Bizeadmiral  Carden,  frang
Konteradmiral  Guêpratte)  es  für  zweckmäßiger  hielten,
  sich  auf  den  Inseln  Lemnos  und  Tenedos  eine
Flottenbasis  zu  schaffen  und  den  Hauptangriff  bzw.
die  Forcierung  der  Meerenge  mit  weit  stärkeren  Kräften
  durchzuführen.

Dieser  erfolgte  am  18.  März  1915,  nachdem  von
der  festen  Minensperre  beseitigt  worden,  was  erreichbar
war,  burch  16Schlachtschiffe  (12  engl.,  4  franz.;  darunter
  jedoch  nur  2  modernen  Typs)  und  einer  entsprechenden
  Unzaht  von  kleineren  Kreuzern,  Torpedofahrzeugen
  und  Unterseebooten.  Im  ganzen  waren
38  engl..  20  franz.  Schiffseinheiten  unter  Führung
des  neuen  Oberbefehlshabers,  des  engl.  Bizeadmirals
de  Robeck,  beteiligt.  Auf  türk.  Seite  war  die  Gefechtspause
  zur  fortifikatorischen  Verstärkung  gut  ausgenutzt
worden.  Deutsche  Ingenieure  hatten  die  bestehenden
Befestigungen  modernisiert,  die  angerichteten  Schäden
  ausgebessert,  neue  Ergänzungswerke  gebaut.
Oberster  Leiter  der  Dardanellenverteidigungwar  Feldmarschall
  v.  d.  Goltz;  an  den  Meerengen  selbst  befehligten
  der  deutsche  Admiral  v.  Usedom  und  Dschewad
  Pascha,  das  Geschwader  der  deutsche  Konteradmiral
  Souchon;  deutsche  Marine=  u.  Fußartillerieabteilungen
  bedienten  die  Geschütze,  von  denen  die
modernen  Typen  der  schweren  deutschen  Fuß=  und
Schiffsartillerie  angehörten.  Der  Kampf  dauerte  fast
den  ganzen  Tag  und  führte,  wenn  auch  einzelne  türkische
  Werke  vorübergehend  zum  Schweigen  gebracht
wurden,  zu  einem  vollen  Erfolge  der  Verteidigung.
Drei  Schlachtschiffe  von  12—15000  t,  darunter  ein
französisches,  wurden  das  Opfer  der  Treibminen,
mehrere  andere  durch  Artilleriefeuer  so  schwer  beschädigt,
  daß  sie  aus  der  Kampffone  ausscheiden  mußten.
  Die  verabredete  gleichzeitige  Aktion  der  russ.
Schwarz-Meer-Flotte  gegen  den  Bosporus  unterblieb
  aus  Mangel  an  Wagemut  des  russ.  Kommandanten.
  Die  Schlappe  der  Verbündeten  hatte  die  überlegenheit
  der  Landbefestigungen  gegenüber  der  schwimmenden
  Schiffsartillerie  auch  der  größten  Kaliber
deutlich  erwiesen,  so  daß  die  schon  im  Vorbereitungsstadium
  befindliche  Mitwirkung  eines  Landungskorps
von  den  Alliierten  endgültig  beschlossen  wurde.

Die  aus  den  Dominions  Indien,  Australien  und
Neuseeland  in  Agypten  angelangten,  ursprünglich  für
die  französische  Front  bestimmten  britischen  Truppenkontingente
  wurden  daselbst  angehalten,  neue  Ein-1

  UGagl.  die  Karte  Bd.  I#.  S.  132.

nternehmun-  8

I.  Kriegsgeschichte

heiten  aus  dem  Mutterland  eiligst  dorthin  verschifft,
2  franz.  Divisionen  unter  General  d'Amade  (später
Gouraud,  nach  dessen  Verwundung  unter  Bailloud)
im  April  in  der  Mudrosbai  auf  Lemnos  mit  den
brit.  Truppen  vereinigt.  Den  Oberbefehl  über  das
ganze  Expeditionskorps,  Landungstruppen  und  Marine,
  führte  der  Kommandant  der  brit.  Streitkräfte
im  Mittelmeer,  General  Sir  Jan  Hamilton.  Die
Effektivstärke  der  Landungstruppen  betrug  bei  Beinn
  der  Operationen  Ende  April  60000  Mann,  ohne
die  Schiffsbesatzungen;  im  August,  dem  Kulminationspunkt
  des  Angriffs,  hatte  die  Gesamtzahl  der  auseschifften

  Truppen  200000  erreicht.  Da  die  Schiffskefagungen
  mit  mindestens  20000  Mann  angenomtmen
  werden  können,  so  dürften  an  der  Expedition

egen  220000  Mann,  darunter  70000  Mann  Ko-Fostnttruppen.
  teilgenommen  haben.  Die  türk.  Streitkräfte
  (5.  Armee)  unter  dem  deutschen  General  Liman
v.  Sanders  umfaßten  bei  Beginn  4  Armeekorps  (2.,
3.,  4.,  7.)  zu  je  3  Div.  und  5  Kav.-Brigaden;  hierzu
stießen  späterhin  das  1.  Korps  (83  Div.)  von  der  Kaukasusfront,
  2  Div.  des  8.  Korps  und  etwa  10  Reservedivisionen,
  so  daß  für  die  Abwehr  ungefähr
300000  Mann  eingesetzt  worden  sind.

Die  Landung  begann  am  25.  April  vor  Sonnenaufgang.
  Vor  Beginn  wurde  zur  Täuschung  des
Gegners  über  die  Hauptlandungsstelle  das  ganze
Küstengebiet  von  Gallipoli  und  den  Dardanellen
von  verschiedenen  Geschwadern  ciner  intensiven  Be.
arbeitung  durch  die  schwere  Schiffsartillerie  unterzogen,
  die  Landunz  selbst  an  nicht  weniger  als  sieben
verschiedenen  Punkten  gleichzeitig  ins  Werk  gesetzt,
so  bei  Jenikiötl  nahe  der  Landenge  von  Bulair,  in
der  Suvlabucht  und  südlich  davon  bei  Gaba
Tepe.  von  wo  aus  der  kürzeste  Weg  zur  Kehlseite  der
europäischen  Befestigungen  der  Chanak-  Enge  führt,
ferner  an  der  Südwestspitze  der  Halbinsel  bei  Kap
Tekke,  Kap  Helles  und  in  der  Mortobai  unmittelbar
  östlich  von  Sed-ül-Bahr;  die  franz.  Truppen
Engen  an  der  asiatischen  Küste,  bei  LKum-Kalé,  an

nd  und  griffen  zunächst  in  südlicher  Richtung  gegen
Jenischer  aus,  hatten  dort  heftige  türkische  Gegenangriffe
  abzuweisen  und  wurden,  da  der  Zweck  der
Demonstration  erreicht  war,  bald  an  das  europäische
Ufer  Übergeschifft,  wo  sie  bis  zum  Schluß  den  äußersten
  rechten  Flügel  bildeten.  War  die  Landung  dank

en  guten  Vorbereitungen  sowie  dem  kräftigen  Ein.
wirken  und  Zusammenarbeiten  der  Flotte  im  großen
und  ganzen,  wenn  auch  unter  starken  Verlusten,  geglückt,
  so  war  dies  mit  dem  öberralschungemoment
nicht  in  gleichem  Maße  der  Fall.  Bei  Gaba  Tepe
hatten  die  australischen  und  neuseeländischen  Truppen
anfänglich  einen  sehr  harten  Stand,  weil  die  Türken
dort  überlegene  Kräfte  gegen  sie  vorführten,  ebenso
ging  es  den  engl.  Divisionen  in  der  Mortobai.

iese  kamen  erst  vorwärts,  nachdem  vom  Kap  Tekke
her  flankierend  gewirkt  werden  konnte.  Die  schwierigen
  Landungsoperationen  waren  am  29.  Aprilk  abeschlossen;
  von  den  Landungsstellen  wurden  Jeniiöi,
  Suvlabucht  und  Kum-Kalé  aufgegeben.

Nach  dem  ersten  Festsetzen  auf  der  Halbinsel  find
die  Verbündeten  nur  äußerst  langsam  vorwärts  gekommen;
  sie  hatten  dem  an  Zahl  überlegenen,  seiner
Basis  so  nahen,  von  ihnen  unterschätzten  Gegner  viel
tuvie  Zeit  gelassen,  seine  Stellungen  zu  organisieren.
Es  entwickelte  sich  an  den  Brennpunkten  des  Kampfes,
Krithia  und  Sari  Bair,  ein  Stellungskrieg,  der
dem  an  der  Westfront  in  nichts  nachstand  und  un-
        <pb n="141" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Vorderasien

geheure  Opfer  kostete.  Auf  beiden  Seiten  mußte  man
zum  Minen-  und  Sappenkriege  greifen.  Auch  die
Tätigkeit  der  großen  Kriegsschiffe  war  lahm  gelegt
worden,  und  zwar  durch  das  Erscheinen  deutscher
U.Boote  in  den  Dardanellengewässern.  Die  Torpedierung
  einiger  Panzerschiffe  zwang  zu  vorsichtigeren
Bewegungen  und  reichlichem  Schutz  durch  Torpedoboote.
  Das  ergab  eine  gewisse  Schwerfälligkeit  und
die  Beschränkung  des  Aktionsradius.  Da  die  Angriffe

egen  Krithia  und  Sari  Bair  trotz  anerkennenswerter

apferkeit  der  Truppen  von  Mal  bis  Juli  nicht  vom
Flecke  kamen,  entschlossen  sich  die  Verbündeten,  7
frische  Divisionen  in  der  Suvlabucht  zu  landen  und
quer  durch  die  Halbinsel  durchzustoßen,  um  hierdurch
die  Krithia-  und  Sari  Bair-Stellung  der  Türken  aufzurollen.
  Die  Landung  wurde  Anfang  August  glücklich
  bewerkstelligt,  doch  brach  sich  der  Ansturm  6.—10.
und  21.—28.  August  an  der  überaus  starken  Anafartastellung
  und  den  unermüdlichen  Gegenan-Esssen

  der  heldenhaft  kämpfenden  Ottomanen.  Die
9#  nung  der  Alliüerten,  der  Munitionsmangel,  der
infolge  der  rumän.  Weigerung,  auf  dem  Donauwege
Munition  zu  befördern,  eingetreten  war,  würde  die
Türken  zur  Aufgabe  des  Widerstandes  zwingen.  erwies
  sich  als  trügerisch,  sobald  durch  die  siegreiche
Balkanoffenfive  und  den  Anschluß  Bulgariens  die
Offnung  des  Landweges  von  Deutschland  nach  Konstantinopel
  erzwungen  war.

Nachdem  der  Oberbefehlshaber  Hamilton  durch
General  Monro  ersetzt  worden  war,  beschränkte  sich
die  beiderseitige  Tätigkeit  auf  Störungs=  und  Vernichtungsfeuer
  und  gewaltsame  Erkundungen;  größere
Unternehmungen  fandennicht  mehr  statt.  Die  Reise  des
brit.  Höchstkommandierenden  Kitchener  an  diese  Front
hatte  das  Ergebnis,  daß  Großbritannien  und  Frankreich
  das  Unternehmen  als  aussichtslos  aufgaben

Die  Wiedereinschiffung  der  Truppen  ging  staffelweise
  vor  sich,  begann  im  Oktober  und  war  am
8.  Jan.  1916  beendet.  Die  lberaus  schwierige  Aufgabe,
  muster  auig  und  mitgrößtem  Geschick  vorbereitet,
  wurde  ohne  Verluste  an  Menschen  durchgeführt;
die  völlig  überraschten  Gegner  erbeuteten  nur  rovian
und  Kriegsmaterial,  darunter  kein  einziges  Geschütz.
Die  Zahl  der  beiderseits  gemachten  Gefangenen
war  im  Gegensatz  zu  den  anderen  Fronten  gering,
dafür  der  Prozentsatz  der  Toten  und  Verwundeten
ungeheuer;  das  Expeditionskorps  hat  über  60  Proz.
seines  Bestandes  eingebüßt,  nahezu  40  000  an  Toten,
ühber  90000  an  Verwundeten.  Die  offiziellen  engl.
Listen  weisen  ohne  die  Flottenverluste  6053  Offiziere,
114476  Mann  auf  (davon  1785  beme  31737  tot).
Nicht  viel  wenigerdürsten  die  Türken  eingebüßt  haben.
Der  gänzliche  Mißerfolg  des  großangelegten  Unternehmens
  tat  dem  Prestige  der  beiden  Westmächte  schweren
  Abbruch  und  hob  das  der  Türkei  außerordentlich,
wobei  allerdings  nicht  außer  acht  zu  lassen  ist,  daß
diese  ihren  schönen  Erfolg  neben  den  bewunderungswürdigen
  Leistungen  ihrer  in  der  Defensive  unverleichlich

  tüchtigen  Truppen  der  genialen  deutschen
ührung  und  der  deutschen  Artillerie  verdankt.

II.  Saukasisch  armenischer  #riegsschauplatz!.

110914.1  Bereits  Ende  August  begann  die  Pforte
im  strategisch  bedeutsamsten  Abschnitt  der  kaukasischen
Front,  im  Naum  um  Erserum,  eine  Armee  aufzustellen,
  die  bei  Beginn  der  Feindseligkeiten  im  Novem-1

  Bagl.  die  Karten  Bd.  II,  S.  132  und  116/7.

125

ber  aus  3  Korps  (9.,  10.  und  11.)  undirregulären  kurdischen
  Kontingenten  bestand.  Die  traditionell  langsame
  Mobilmachung  der  türkischen  Streitkräfte,  auf
diesem  schon  durch  Bodenbeschaffenheit,  Eisenbahnund
  Straßenmangel  sowie  Entfernung  von  der
Hauptbasis  überaus  schwierigen  Kriegsschauplatz  ga
besonders  erschwert,  gab  den  anfangs  numeris
schwächeren,  jedoch  eher  operationtfähgen  Russen
die  Initiative.  Die  gewaltigen  Anstrengungen  Rußlands
  in  Europa  ließen  von  den  drei  kaukasischen
Korps  zu  jener  Zeit  nur  eines  zurück,  das  im  Verein
mit  4  Reservedivisionen  und  dem  kaukasischen  Kosakenkorps
  Anfang  November  die  ganze  verfügbare  Streitmacht
  des  russischen  Oberbefehlshabers  Generals
Judenitsch  darstellte.  Den  Oberbefehl  über  die
Türken  führte  im  November  der  in  türkischen  Diensten
stehende  deutsche  General  Posseldt  Pascha,  vom
Dezember  an  der  Kriegsminister  und  Bizegeneralissimus
  der  türkischen  Heere  Enver  Pascha.

Der  russische  Vormarsch  erfolgte  aus  ziemlich  breiter
Front,  auf  dem  rechten  Flügel  und  in  der  Mitte  mit
Truppen  aller  Waffen,  auf  dem  linken  vornehmlich
mit  Reiterei.  Die  schwachen  türkischen  Grenztruppen
wurden  auf  türkisches  Gebiet,  namentlich  bei  Olt
und  Id,  Köpriköi  und  Kara  Kilissa,  zurü
gedrän  t.  Auf  der  wichtigen  Straße  Kars-Erserum

men  die  Russen  11.  und  12.  Nov.  um  Köpriköl,
S  Tagemärsche  von  Erserum,  vor  starken  türkischen

äften  zum  St  d  weiteren  energischen  Operationen
  reichten  die  russischen  Streitkräfte  nicht  aus,
namentlich  gegen  Erserum,  das  den  Türken  den  gleichen
  Schutz  bot,  wie  Kars  den  Russen.  Dieser  Stillstand
  ermöglichte  es  der  türkischen  Heeresleitung,  die
Ausgestaltung  ihrer  3.  Kankasusarmee  zu  vervollständigen
  und  zu  einer  Gegenoffensive  Überzugehen.

Durch  Heranholen  bedeutender  Verstärkungen
(Teilen  des  1.  Korps  auf  dem  Seewege  über  Trapezunt,
  Teilen  des  Saghdabkor  (18.])  und  arabischer
Kontingente)  hatten  die  Türken  die  lberlegenheit  an

ahl  (150000  Mann  gegen  1000000  Russen)  erlangt.

ie  Russen  mußten,  auf  der  ganzen  Linie  ener  4
angegriffen,  im  Laufe  des  Dezember  alles  besetzte
Gebiet  und  ganz  beträchtliche  Teile  eigenen  Bodens
räumen.  Mit  dem  kleineren  Teile  ihrer  Kräfte,  dem
rechten  rur  gaben  sie  das  Tschorochtal  preis  und
wichen  bis  Ardahan  hin  aus,  mit  dem  linken  Flügel
ins  Arastal,  während  das  starke  Zentrum  vom  9.
und  10.  türk.  Korps,  die  über  Olty,  Id,  Köpriköi,  das
Plateau  von  Sewin  und  die  unwegsamen  Gebirge
trotz  Winterkälte,  Schneestürmen  und  Versagen  des
Proviant=  und  Munitionsnachschubes  vorstürmten,
bis  nach  Sarzcanuft  (Endpunkt  der  russ.  Bahnstrecke,
60  km  von  Kars)  zurückgedrängt  wurde.  Während
sich  die  beiden  türk.  Korps  vor  der  dortigen  starken
russ.  Stellung  22.—26.  Dez.  durch  frontale  Angriffe
erschöpften,  wandte  Judenitsch,  dem  mittlerweile  bedeutende
  Verstärkungen  von  Kars  her  zugekommen
waren,  das  Blatt  zu  seinen  Gunsten.  Ein  gleichzeitig
einsetzender  Gegenstoß  auf  der  ganzen  Linie  brachte
die  Türken  zum  Weichen.  Der  rechte  *V  Flügel  be.
mächtigte  sich  wieder  Irdahans  und  stieß  ins  Tschorochtal
  hinab,  der  linke  ging  bis  Khorasan  vor  und
fesselte  dort  das  11.  türk.  Korps,  während  die  Mitte
bei  Sarykamisch  dem  10.  türk.  Korps  durch  frontalen
  Gegenstoß,  dem  9.  durch  Umfassung  schwere
Niederlagen  beibrachte.  Die  Reste  der  belden  türk.
Korps  wichen  nach  Preisgabe  des  größten  Teils  ihrer
Artillerie  bis  in  die  Aufnahmestellung  von  Kara-
        <pb n="142" />
        126

Urgan,  an  das  Plateau  von  Sewin,  zurück,  geboten
aber  den  auf  der  Straße  nach  Erserum  vordrängenden
  russischen  Vortruppen  einstweilen  Halt.

Während  dieser  Hauptoperationen  hat,  um  die
glaubensverwandten  Perser  zum  heiligen  Krieg  zu
entflammen,  eine  Nebenoperation  türkischer  Truppen
in  Persien  stattgefunden.  Als  die  Russen  Anfang  November
  im  Wilajet  Wan  einfielen  und  Bajasid  besetzten,
  drangen  türk.  Kräste  unter  Halil  Bey  in  die
persische  Provinz  Aserbeidschan  ein;  der  Angriff  auf
die  seit  1909  von  rusfischen  Truppen  besetzten  Gebiete
wurde  bis  in  das  nördliche  Kurdistan  und  die  fruchtbare
  Ebene  südlich  vom  Urmiasee  vorgetragen.  Im
Einverständnis  mit  dem  Parlament  und  der  Regierung
Persiens  rückten  die  türk.  Truppen  in  das  Innere
des  Landes  und  verdrängten  die  russ.  Vortruppen  aus
Sautschbuleok  und  Miandoab.

11915.1J  Die  türkischen  Streitkräfte,  die  sich  bei
Kara-Urgan  auf  der  Straße  Kars-Erserum  den  verfolgenden
  Russen  nochmals  stellten,  wurden  im  Januar
1915  empfindlich  geschlagen,  und  zwar  diesmal  auf
Grund  einer  geschickt  angesetzten  Flankenbewegung
aus  dem  Raume  Olty;  doch  ehlang  es  ihnen,  sich  an
der  wichtigen  Heeresstraße  bei  Sewin  nochmals  vorulegen.

  Der  strenge  Winter  machte  aber  den  großen

perationen  ein  Ende.  An  der  ganzen  Front  setzte
dann  bis  Mai  eine  Art  Grenzkrieg  ein,  in  dem  sich
beide  Parteien  in  stark  verschanzten  Stellungen  gegenüberlagen,
  die  Hauptgruppen  an  der  großen  Heerstraße
  von  Kars  nach  Erserum,  im  Raume  Kodek-Sewin,
  eine  nordwestliche  Flügelgruppe  in  der  Gegend
von  Olty,  eine  südöstliche  zwischen  Alaschgerd  und
Kara-Kilissa,  eine  vierte  Gruppe  im  Tschorochtale.  In
diesem  Stellungskriege,  der  sich  vorwiegend  auf  gewaltsame
  Erkundungen  beschränkte,  hat  es  keine  der
Parteien  zu  nennenswerten  Erfolgen  gebracht.  Beiderseits
  fehlte  die  Kraft  zu  einer  durchgreifenden  Offensive,
  da  die  damalige  Bedrohung  der  Dardanellen  und
die  Karpathenfront  türkische  wie  russische  Kräfte  von
der  kaukasischen  Front  abzogen.

Erst  gegen  Ende  Mai  setzte  eine  energischere  Gefechtstätigkeit
  ein,  als  es  den  Russen  gelungen  war,
ihre  Stellungen  auf  der  Linie  Batum-Tschorochtal-Olty-Arkins-
  Alaschgerd  etwas  vorzuschieben  und
mit  Kosakenabteilungen  im  Gebiete  zwischen  Wanund
  Urmiasee  vorzudringen  und  die  Stadt  Wan  zu
besetzen.  Letztere  Operation  hing  mit  den  gleichzeitigen
Ereignissen  in  Persien  zusammen.  Dort  hatte  eine
östlich  vom  Urmiasee  operierende  türk.  Kolonne  die
Russen  aus  Täbris  verdrängt,  Ende  Januar  aber
den  wichtigen  Handelsplatz  wieder  an  die  Feinde  verloren;
  westlich  vom  See  waren  die  türkischen  Streitkräfte
  bis  gegen  Choi  vorgedrungen,  von  den  überraschend
  über  Serai  und  Kotur  vorbrechenden
Truppen  des  russischen  Generals  Baratoff  bei  Dilliman
  geschlagen  und  nach  Süden  gedrängt  worden.
Dieses  russische  Vorgehen  löste  dann  wieder  eine  türkische
  Gegenoffensive  aus,  die  östlich  vom  Urmiasee  von
Erfolg  begleitet  war,  westlich  vom  See  jedoch  scheiterte.

Die  im  September  1915  erfolgte  Ernennung  des
Großfürsten  Nikolai  Nikolajefnsch  zum  Oberbeseglshaber
  an  der  kaukas.  Front  ließ  eine  gesteigerte  Kampf.
tätigkeit  vermuten,  doch  kam  es  hier  bis  Jahresschluß

u  keiner  größeren  Kampfhandlung.  In  Persien
türmten  am  11.  Dez  die  Truppen  Baratoffs  den
Sultan-Bulak-Paß  und  öffneten  damit  den  Weg
nach  Hamadan,  dassienebst  Sultanabad  besetzten.
11010.J  Die  siegreiche  Abwehr  der  englisch-franzö-I.

  Kriegsgeschichte

sischen  Dardanellenexpedition  und  der  Niederbruch
Serbiens  hatten  es  der  türk.  Heeresleitung  ermöglicht,
die  kaukasische  Front  bedeutend  zu  verstärken.  Gegen
Ende  1915  verfügte  der  Befehlshaber  der  3.  Armee,
Kiamil  Pascha,  über  200  Bataillone,  von  denen  18
im  Tschorochabschnitt,  112  im  Raume  von  Erserum,
40  an  den  Euphratquellen,  30  im  Wanabschnittstanden.
Hierzu  kamen  noch  irreguläre  Kurden=  und  Arabersormationen.
  Für  eine  weit  ausgreifende  Offensive
aber  fehlte  es  noch  erheblich  an  Proviant,  Munition.
Ausrüstungs=  und  Artilleriematerial.  Großfürst
Nikolai  Nikolajewitsch,  dem  der  tüchtige  Judenitsch
als  Stabschef  beigegeben  war,  gebot  damals  ein.
schließlich  des  in  Persien  detachierten  Korps  Baratoff
über  7  Korps,  von  denen  zwei  unter  Liakoff  im
Tschorochtal  und  an  der  Meeresküste,  eines  unter
Prgwalsar  bei  Olty,  zwei  halbwegs  zwischen  Kars
und  Erserum,  eines  im  Wandistrikt  standen.  Um  den
Türken  leine  Zeit  für  die  Vorbereitungen  zulassen,  beschloß
  er,  mitten  im  Winier  auf  der  ganzen  Linie  überraschend
  und  unaufhaltsam  vorzudringen.  Der  Vorsot
  begann  Mitte  Januar.  Die  Hauptgruppe  drängte

ie  türk.  Vortruppen  in  einem  Anlauf  bis  Köprik5i
und  nahm  die  Aufnahmestellung  im  Sturm  die  füdöstliche
  Gruppe  drückte  die  Türken  südlich  von  Aras

urück.  Troß  dieses  Erfolges  der  Russen  hielt  Kiamil

ascha  ein  weiteres  Vordringen  gegen  Erserum  in
dieser  Jahreszeit  für  ausgeschlossen  und  ließ  sich  vom
Gegner,  der  nun  unter  Mitwirkung  der  Oltygruppe
über  die  vereisten,  über  2500  m  hohen  Gebirgsstöcke
bei  —240  seinen  konzentrischen  Vormarsch  auf  Erserum
  unentwegt  fortsetzte,  völlig  überraschen.  Am
10.  Febr.  standen  die  Russen  vor  dem  Fortsgürtel.
Da  die  Mitnahme  von  Belagerungsartillerie  angesichts
  der  Jahreszeit  und  des  gebirgigen  Terrains  unmöglich
  war,  befahl  Judenitsch  den  Sturm  der  Forts.
Dieser  wurde  am  15.  Febr.  von  sibirischen  Truppen
unter  den  denkbar  schwierigsten  Bedingungen  unternommen
  und  bei  neun  Forts  glücklich  durchgeführt
Am  16.  hielten  die  Russen  ihren  Einzug  in  Erserum,
ein  Erfolg  von  ebenso  großer  strategischer  wie  moralischer
  Bedeutung;  denn  die  starke  Festung  galt  als
der  Schlüssel  Kleinasiens.  Gleichzeitig  schritten  die
Operationen  der  südöstlichen  Gruppe  rüstig  vorwärts,
am  19.  Febr.  eroberten  die  Russen  Musch,  am
2.  März  Bitlis,  womit  der  Ausgang  ins  Tigristal
und  die  Bedrohung  der  Baghdadbahn  (Nisib,  150  km
von  Bitlis)  erkämpft  waren.  Im  Tschorochtal  kamen
die  Russen  nur  schrittweise  vorwärts,  dank  der  umsichtigen
  Verteidigung  Halid  Beys.  Die  türk.  3.  Armee
hatte  in  wenigen  Tagen  über  30000  Mann  eingebüßt
und  unersetzliche  Verluste  an  Artillerie  erlilten.

Das  nä  Gste  ie  der  Russen  war  nun  Trapezuni,
das  unter  Mitwirkung  der  das  Schwarze  Meer  beherrschenden
  russ.  Flotte  von  der  unter  ständigen  Gefechten
längs  der  pontischen  Küste  vorgehenden  Armee  Liakoff
am  18.  April  eingenommen  wurde.  Auch  dies  war
ein  sehr  harter  Schlag  für  die  Türkei,  die  damit  ihren
besten  Hafen  verlor  und  für  den  Nachschubdieust  auf
den  langwierigen  und  beschwerlichen  Landweg  angewiesen
  war.  Die  bei  Erserum  geschlagenen  türk.
Truppen  wichen  westwärts  gegen  Erzinghian,  von
Judenitsch  langsam  verfolgt.  Eiligst  und  unter  uneheuren

  Anstrengungen  von  der  europäischen  Front
herangezogene  Verstärkungen  (gegen  150000  Mann)
wurden  im  Mai  von  den  Türken,  nunmehr  unter  Führung
  von  Vehib  Pascha  und  dem  deutschen  General
Gresmann,  an  der  ganzen  Front  eingesetzt.  Nach  An-
        <pb n="143" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Vorderasien

fangserfolgen  gegen  Judenitsch  (bei  Mamachalun)
und  südlich  von  Trapezunt  (bei  Gümüschchane,
Dschewislik,  Platanay)  erwies  sich  die  Stoßkraft
der  auf  so  weitem  Raume  verzettelten  Kräfte  als  zu
schwach;  Judenitsch  nahm  Mitte  Juli  Erzinghian,
die  Nordgruppe  eroberte  Gümüschchane  und  drängte
die  Türken  auf  40  km  von  Trapezunt  zurück,  sänberte
das  Tschorochtal  ganz  vom  Feinde  und  besetzte  das
wichtige  Baiburt.  Nach  der  Aufgabe  Erzinghians
wichen  die  türk.  Truppen  nicht  nach  Westen,  sondern
gegen  Südosten,  verstärkten  namentlich  ihre  Wanseefront,
  um  die  Bedrohung  der  Baghdadbahn  abzuwenden,
  wobei  ihnen  die  Plätze  Charput  und  Diarbekr
wirksamen  Rückhalt  boten.  In  ihren  Unternehmungen
in  diesem  Sektor  waren  die  Türken  glücklich;  sie
warfen  die  Russen  aus  Musch  und  Bitlis  wieder
hinaus  und  drängten  sie  bis  an  den  Wansee  zurülck.
Auch  die  bedrohliche  Vereinigung  Baratoffs  mit  den
brit.  Streitkräften  an  der  Irakfront  wurde  abgewendet,
da  es  den  Türken  gelang,  den  Kosakenführer,  der  in
Persien  bereits  über  Kermanschah  hinaus  vorgedrungen
  und  im  Mai  mit  den  Engländern  durch  Patrouillen
  in  Verbindung  getreten  war,  bei  Khanikin
zum  Stehen  zu  bringen  und  im  August  aus  Kermanschahund
  Hamadan  zu  verdrängen.  Zurselben

eit  versuchten  starke  türk.  Krüfte  an  der  breiten  Front
rzin  ghian  —  Musch  auf  die  russ.  Stellungen  einen
Flankendruck  auszuüben;  es  kam  dort  zum  Stellungskriege
  mit  wechselvollen,  hartnäckigen  Kämpfen  um
Kighi  und  Ognut,  doch  blieben  diese  Gefechte  ohne
Einfluß  auf  die  allgemeine  Lage.

11917.1  Der  an  den  Hauptfronten  dieses  Kriegs-(Gaudlatzes
  den  Herbst  1916  hindurch  andauernde
Stillstand  in  den  eigentlichen  Operationen  währte
das  ganze  Jahr  1917.  Er  wurde  in  erster  Linie  durch
russ.  Truppenverschiebungen  an  die  gefährdete  rumänische
  Front  veranlaßt  und  durch  die  große  Staatsumwälzung
  im  russ.  Reiche,  die  ihren  zersetzenden
Einfluß  auch  auf  die  nunmehr  von  General  Przewalski
  befehligte  Kaukasusarmee  ausübte.  Doch
machten  auch  die  Türken  keine  größeren  operativen
Anstrengungen,  weil  sie  ebenfalls  den  schlagfertigsten
Teil  der  Streitkräfte  in  anderer  Weise  verwenden
mußten.  Allerdings  gestattete  die  russische  Untätigkeit
der  Pforte  die  Abgabe  mehrerer  Divisionen  an  die
rumänische  und  sogar  an  die  ost  alhiche  Front.  So
waren  es  meist  Kurdenbanden,  die  eine  mehr  auf  den
Kleinkrieg  gerichtete  Tätigkeit  gegenüber  den  russischen
Kosakendetachements  entfalteten.  —  Etwas  mehr  Bewegung
  herrschte  auf  dem  persischen  Kriegsschauplatz,
wo  im  Hinblick  auf  die  Schlappe  im  Vorjahr  und  das
geplante  Zusammenwirken  mit  der  in  Mesopotamien
unaufhaltsam  vorrückenden  britischen  Expeditionsarmee
  das  Korps  Baratoff  nicht  unbeträchtliche  Verstärkungen
  erhalten  hatte,  die  es  ihm  ermöglichten,
Hamadan,  Kermanschah  wieder  zu  besetzen  und  die
türkisch--persischen  Streitkräfte  bis  Über  die  türkischpersische
  Grenze  vor  sich  herzutreiben.  Die  demoralisierende
  Wirkung  der  russischen  Revolution  auch
auf  das  Korps  Baratoff  verhinderte  jede  weitere  operative
  Tätigkeit  im  Felde  und  somit  die  beabsichtigte
Vereinigung  mit  den  Engländern  in  Mesopotamien.

11918.)  Durch  den  Friedensschluß  von  Brest
Litowst  begab  sich  Rußland  des  erkämpften  türkischen
Gebietsbesitzes,  ohne  die  wertvollen  Pfänder  als  Kompensationsobjekt
  zu  verwerten.  Da  die  Türkei  aus
dem  Wortlaut  des  Friedensvertrages  für  die  früheren
Sandschaks  Batum,  Ardahan,  Kars  ein  Besetzungserx.



127

recht  ableiten  konnte,  wurde  aus  der  ehemaligen  anatolisch-armenischen
  Front  eine  türkische  Okkupationsfront.
  Der  türkische  Vormarsch  säuberte  die  anatolischen
  Gebiete  von  den  zurückgebliebenen  russischen
Heerestrümmern.  Er  vollzog  sich  in  östlicher  und
nördl.  Richtung  in  drei  Gruppen,  deren  erste  Ziele
Erserum,  Trapezunt  und  Wan  waren.  Die  beiden
erstgenannten  wurden  verhältnismäßig  rasch  und  ohne
nennenswerlen  Widerstand  besetzt.  Als  weitere,  noch
wichtigere  und  namentlich  für  die  auf  Grund  des
Selbstbestimmungsrechtes  der  Nationen  neuerstandene
kaulasische  Sonderrepublik  empfindlichere  Okkupationsobjekte
  boten  sich  hierauf  Batum  am  Schwarzen
Meere,  Ardahan,  Kars  und  Baku  am  Kaspischen  See.
Ihre  Besitznahme  durch  die  Türken  hat  längere  Zeit
erfordert,  namentlich  infolge  stärkeren  Widerstandes,
der  insbes.  von  armenischen  Kampfformationen  geleistet
  worden  ist,  da  die  Armenier,  ebenfalls  auf  das
Selbstbestimmungsrecht  pochend,  unter  keinen  Umständen
  wieder  unter  die  Botmäßigkeit  der  Türkei  zurückzukehren
  wünschen.  Im  Brester  Friedensschluß
hatte  sich  Rußland  (wie  die  Pforte)  ausdrücklich  verpflichtet,
  alle  Truppen  aus  Persien  zurückzuziehen,
verzichtete  also  endgültig  auf  seine  bisherige  Interessensphäre
  in  Persien.

III.  Die  Kämpfe  am  Persischen  Golf  und  in  Mesopotamient.


Um  dem  gefürchteten  deutschen  Drange  nach  Osten-(Baghdadbahn)
  einen  Riegel  vorzuschieben,  wandelle
England  die  bereits  1912  aufgestellte  Fiktion  von  der
Unabhängigkeit  des  Sultanats  Koweit  in  einen  faktischen
  Besitztitel  um  und  brachte  Anfang  November
1914  von  dieser  Basis  aus  den  Persischen  Golf  in
britische  Gewalt.  Ein  angloindisches  Expeditionskorps,
  ursprünglich  aus  sechs  indischen  Infanterie-  und
einer  Kavalleriebrigade,  marschierte  unter  General
Nixon  den  Schatt-el-Arab  aufwärts,  bemächligte
sich  mit  Unterstützung  der  Kriegsschiffe  nach  Kampf
mit  türkischen  Vorhuten  am  23.  Nov.  Basras,  der
früheren  Hafenstadt  Baghdads  und  Ausgangspunktes
der  arabischen  Einfälle  in  Indien.  Neben  militärischen
und  politischen  Beweggründen  spielten  bei  dieser
Expedition  auch  wirtschaftliche  Interessen  mit,  da  die
Konzession  der  neuen  Bewässerung  des  Irak  und  die
Ausbeutung  der  ergiebigen  Petroleum-  und  Naphthaquellen,
  die  auf  dem  nahegelegenen  persischen  Gebiete
längs  des  Karunflusses  liegen,  in  Händen  englischer
Gesellschaften  sind.

Von  Basra  aus  zweigte  eine  Gruppe  de5  Expedi.
tionskorps  über  Muhammera  nach  dem  Karungebiet
  ab,  um  dieses  zu  besetzen,  obwohl  es  neutraler,
persischer  Boden  war.  Die  türkischen  Vorhuten  wichen
langsam  auf  das  Gros  zurücck,  das  die  Einnahme  des
wichtigen  Ortes  Korna  am  Zusammenfluß  des  Euphrat
  und  Tigris  nicht  mehr  zu  hindern  vermochte
(9.Dez.),  jedoch  den  britischen  Vormarsch  durch  Gegenangriffe
  (20.  und  21.,  30.  Jan.  1915)  dort  vorläufig

um  Stehen  brachte.  Erst  dem  wirksamen  Eingreifen

er  englischen  Kanonenboote  gelang  es,  den  Widerstand
  zu  brechen  (Treffen  bei  Schaiba  und  Sobeir,
12.—14.  April  1915).  Es  zog  hierauf  eine  Kolonne
am  Euphrat,  die  andere  am  Tigris  flußaufwärts,
immer  in  Verbindung  mit  Kanonenbooten  und  Flußdampsern.
  Die  türkische  Heeresleitung  hatte  mittlerweile
  trotz  aller  Schwierigkeiten  in  Baghdad  ihre

1  Vgl.  die  Karten  Bd.  II.  S.  209  und  110/7.
        <pb n="144" />
        128

6.  Armee  (13.  und  Teile  des  6.  u.  12.  Korps)  unter
Nureddin,  von  Januar  an  unter  Halil  Pascha
konzentrieren  können  und  begegnete  dem  Vormarsch
an  beiden  Flüssen.  Die  britische  Tigriskolonne  (Div.
Townshend)  kam  verhältnismäßig  rasch  vorwärts,
drängte  die  entgegengeworfenen  türkischen  Kräfte  vor
Amarga  zurück  und  besetzte  29.  Sept.  1915  den  wichtigen
  Punkt  Kut-el-Amara,  die  Euphratkolonne
(Div.  Gorringe)  erlitt  14.  Juli  1915  bei  Kalaat
al  Nedschin  und  Kaba  Tulmain  eine  Schlappe,
siegte  jedoch  24.  Juli  vor  Nasrje  und  nahm  diesen
Ort.  Durch  die  leicht  errungenen  Vorteile  Üübermütig
emacht,  drang  Townshend  in  Unterschätzung  des
Feindes.  ohne  Verstärkungen  abzuwarten,  unaufhaltsam
  gegen  Baghdad  vor,  traf  22.  Nov.  bei  den  Ruinen
von  Ktesiphon  auf  vier  wohlverschanzte  türlische
Divisionen,  erlitt  eine  schwere  Niederlage  und  mußte
unter  dem  Druck  der  verfolgenden  Türken,  an  deren
Spitze  nun  der  von  der  Dardanellenfront  herbeigeeilte
Feldmarschall  v.  d.  Gol  tz  stand,  bis  an  seinen  Etappenstützounkt
  Kut-el-Amara  zurückweichen,  wo  er  von
Üüberlegenen  türkischen  Kräften  eingeschlossen  wurde.
Der  an  Stelle  des  Generals  Nixon  mit  dem  Oberbefehl
  der  Expeditionstruppen  betraute  General
Percy  Lake  tat  alles,  was  in  seinen  Kräften  stand,
um  von  seiner  Basis,  von  El  Garbi,  aus  Townshend
  zu  entsetzen.  In  Überraschend  kurzer  Zeit  wurden
  hierfür  fünf  Divisionen,  darunter  die  kurz  zuvor
  von  den  Dardanellen  eingetroffene  13.  englische
Division  Maude,  bereitgestellt  und  als  Tigriskorps
General  Aylmer  unterstellt.  Dieses  stieß  Anfang
Januar  1916  bei  Scheich-Saad  zum  erstenmal
auf  die  die  Einschließung  von  Kut-el--Amara  deckende
türkische  Kräftegruppe  und  vermochte  diese  unter  fortwährenden
  Gefechten  bis  gegen  El  Gussa,  also  bis
auf  Tagesmarschentfernung  von  den  Stellungen  der
Div.  Townshend  zurückzudrücken  und  gelangte  auf
dem  nördlichen  Ufer  nach  Durchstoßen  der  ersten  türkischen
  Verteidigungslinie  bis  Fellahieh,  während
die  auf  dem  südlschen  Ufer  vorgehende  Kolonne
(Dounghusband)  ungefähr  auf  die  gleiche  Höhe
gelangte  und  bereits  die  zweite  türkische  Linie  bedrohte;
  allein  zu  einem  Durchbruch  dieser  und  der  noch
widerstandsfähigeren  östlichen  Es-Sinn-Stellung
reichten  die  durch  starke  Verluste,  ungünstige  Witterung
und  Kriegsseuchen  schwer  beanspruchten  Kräfte  nicht
mehr  aus.  Man  mußte,  obwohl  nur  noch  10km  vom
Ziele  entfernt,  die  z.  T.  schon  erkämpften  Stellungen
wieder  aufgeben,  sich  auf  den  Ausgangspunkt  Amara
zurückziehen  und  die  tapferen  Verteidiger  von  Kuteel-Amara
  dem  unabwendbaren  Schicksal  überlassen.
Von  Hungerbezwungen,  übergab  Townshend  am  26.
April  1916  Kut-el-Amara  mit  13000  Mann,  der
schwerste  Schlag  für  das  englische  Prestige  im  Verlaufe
  des  Krieges.  Ein  von  Kermanschah  aus
gegen  Baghdad  vorgetriebener  russischer  Entlastungsvorstoß
  (Korps  Baratoff  in  Persien)  gelangte  bis
über  die  Grenzlinie,  wurde  aber  dann  durch  türkische
Gegenwirkung  bis  gegen  Hamadan  zurückgedrängt.
3  erwarten  stand,  daß  England  alles  aufbieten
werde,  um  die  Scharte  gründlich  auszuwetzen.  Innerhalb
  der  nächsten  sieben  Monate  bereitete  General
Maude  ungleich  sorgfältiger  eine  zweite,  weit  stärkere
undbesser  ausgerüstele  Expedition  vor.  Zuerst  wurden
die  rückwärtigen  Verbindungen  verbessert,  ausgebaut
und  sicherge  tellt.  Zu  diesem  Zwecke  schaltete  Basra
als  ausreichende  Operationsbasis  aus.  Zwischen
Basra  und  dem  Operationsheere  wurden  nach  den

I.  Kriegsgeschichte

Grundsätzen  Kitcheners  bei  seiner  Chartumunter--nehmung
  Feldbahnen  gebaut  und  die  Tigrisflottille
entsprechend  vermehrt  und  ausgerüstet.  Die  türkische
Kut--Stellung  wurde  von  Maude  methodisch  von  zwei
Seiten  her,  von  Osten  und  von  Süden,  angefaßt  und
unter  fortwährendem  artilleristischem  Druck  der  Kanonenboote
  am  23.  Februar  1917  bezwungen.  Die
dadurch  erschütterte  türkische  Armee  hat  dem  weiteren
Vormarsche  der  Engländer,  deren  rechter  Flügel  bis
Kengawer  von  der  russischen  Gruppe  Baratoff  gedeckt
war,  keinen  nennenswerten  Widerstand  geleistet.  Nach
llberwindung  der  letzten  türkischen  Stellung  im  Flußwinkel,
  gebildet  von  der  Einmündung  des  Didschalad
in  den  Tigris,  mußte  Baghdad  von  der  türkischen
Armee  geräumt  werden.  Am  11.  März  hielten  die
Engländer  ihren  Einzug  in  der  Kalifenstadt.  Mittlerweile
  eingetroffene  türkische  Verstärkungen  hatien  das
Vordringen  Maudes  nicht  mehr  aufhalten,  nur  verbögern
  können.
kachdem  eine  Verbindung  mit  den  Russen  durch
Besetzung  von  Bakuba  hergestellt,  Feludscha  eingenommen
  und  eine  Sicherung  den  Euphrat  aufwärts
  gegen  Hit  vorgeschoben  worden  war,  führte  der
weitere  englische  Vormarsch  gegen  Mosul.  Durch  ein
gleichkeitiges  Vorgehen  der  Hauptkolonnen  zu  beiden
eiten  des  Tigris  und  das  siegreiche  Treffen  bei
Istabulat  (21.  April  1917)  wurde  Samarra  erreicht
  und  eingenommen,  das  Zurückweichen  der  zwei
geschlagenen  kürkischen  Korps  auf  Mosul  erzwungen.
Nach  längerem,  durch  die  klimatischen  Verhältnisse
gebotenem  Stillstand  in  den  Unternehmungen  gelang
es  Maude,  einen  türkischen  Versuch,  von  der  Euphratseite
  aus  einen  Stoß  in  seine  linke  Flanke  zu  unternehmen,
  um  seine  rückwärtigen  Verbindungen  zu
efährden,  im  Keime  zu  ersticken.  Der  starke  tlürkische
udhratposten  bei  Ramadieh,  zuerst  im  Frontalangriff
  der  Vorhut  vergeblich  bestürmt  (11.  Juli  1917),
wurde  28.  Sept.  mit  ausreichenden  Kräften  angefallen,
durch  Umzingelung  mit  berittenen  Truppen  isoliertund
zur  Übergabe  gezwungen,  wobei  der  türk.  Führer  Achmed
  Bey  und  3500  Mann  in  Gefangenschaft  gerieten.
Der  am  19.  Nov.  an  einer  Kriegsseuche  verstorbene
tüchtige  britische  Oberbefehlshaber  Maude  wurde  durch
General  Marshall  ersetzt.  Nördlich  von  Samarra
wurden  die  Türken  langsam  von  Stellung  zu  Stellung
gedrängt,  auf  der  Straße  Baghdad  -Mosul  nahmen
die  Engländer  im  Februar  1918  Tekrit  am  Tigris
und  befegien,  im  März  den  Euphrat  aufwärts  drängend,
  den  Karawanenknotenpunkt  Hit.  Bei  Baghdaije
  wurden  Ende  März  die  zu  früh  frontmachenden
  Türken  umfaßt  und  geworfen.  Im  April  erreichte
die  Tigriskolonne  Kifri,  Überschritt  bei  Tus-Churmati
  den  Aksufluß.  zwang  die  Türken  zur  Räumung
  von  Kerkuk  und  zum  Zurückweichen  an  den
Zab.  Hiermit  war  die  Hälfte  des  Weges  Baghdad-Mosul
  überschrilten.  Gleichzeitig  wurden  fliegende
britische  Kolonnen  durch  Südpersien  vorgetrieben,  die
zum  Kaspischen  Meere  strebten,  um  die  infolge  des
durch  die  Revolution  veranlaßten  Abzuges  der  Russen
unterbrochene  Verbindung  mit  Transkaukasien  herustellen.
  Im  Mai  1918  räumten  die  britischen  Streitäfte
  die  vorgeschobenen  Stellungen  von  Kerkuk
und  Tekrit  wieder  und  konzentrierten  sich  gegen  den
Didschalah  und  Samarra.  Nach  Ausbau  der
Feldbahn  bis  Tekrit  im  August  1918  drangen  britische
Kolonnen  wieder  langsam  gegen  Kerkuk  vor.  Mitte
Oktober  vermochten  sie  die  Thrten  aus  ihrer  starken
Stellung  bei  Fatah  rittlings  des  Tigris  am  Dschebel
        <pb n="145" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Vorderafien

Hamrin  zu  vertreiben  und  ganz  auf  das  westliche  Ufer
zu  werfen,  sowie  den  übergang  über  den  Zabfluß
nahe  bei  der  Mündung  zu  erzwingen.  Auch  auf  diesem
  Kriegsschauplat  gelang  es  den  Engländern,  den
Feldzug  durch  einen  entscheidenden  Sieg  zu  beenden.
Die  Türken  griffen  am  26.  Okt.  bei  Kalat  Shergat
am  rechten  Tigrisufer  entschlossen  an,  stießen  auf  unüberwindlichen
  Widerstand  und  mußten  einen  geschickt
angesetzten  Gegenangriff  weichen.  Die  mit  Kavallerie
unverzüglich  eingeleitete  wirksame  Verfolgung  brachte
den  britischen  Truppen  bis  zum  30.  Oktober  über
8000  Gefangene  ein.  Einer  englischen  Streifkolonne
war  es  gelungen,  Baku  am  Kaspischen  See  zuerst
zeitweilig,  später  endgültig  in  Besitz  zu  nehmen.

Hiermit  wir  die  völlige  Beherrschung  Persiens  und
die  absolule  Sicherung  der  Baghdader  Grundstellung
erreicht.  Weiteren  Fortschritten  machte  der  Waffenstillstand
  vom  30.  Okt.  1918,  am  31.  Okt.  in  Kraft
tretend,  ein  Ende.

IV.  Die  Kämpfe  am  Suczkanal,  auf  der  Sinaihalbinsel,
  in  Palästina  und  Syrien!.

Eine  der  Lebensadern  Großbritanniens,  den  Suezkanal,
  abzuschnüren  und  in  Verbindung  damit  den
Vasallenstaat  Agypten  wiederzuerobern,  war  bel
Eintritt  in  den  Krieg  eins  der  Hauptziele  der  Türkei.
England  hatte  den  von  der  Pforte  ernannten,  ihm  mißliebig
  gewordenen  Khediven  Abbas  Hilmi  für  abgesetzt
erklärt  und  den  ihm  ergebenen  Prinzen  Hussein-Kamel.
  Enkel  des  früheren  Khediven  Ismail  Pascha,
zum  Khediven  ernannt.  Das  für  den  gedachten  Zweck
in  Palästina  bereitgestellte  türkische  Heer,  die  4.  Armee
unter  Dschemal  Laf  cha,  mit  dem  deutschen  Stabsoffizier
  Kreß  v.  Kressenstein  als  Generalstabschef,
hatte  das  Wüstengebiet  der  Sinaihalbinsel  auf  drei
verschiedenen  Wegen  zu  durchqueren  und  den  Kanal
gleichzeitig  an  drei  seiner  empfindlichsten  Stellen  anzufallen.
  Obwohl  türkische  Vorhuten  bereits  am
22.  Nov.  1914  am  Kanal  erschienen  waren,  verzögerle
sich  der  Vormarsch  des  Gros  infolge  der  mangelbotten
  Vorbereitung  und  der  Schwierigkeit  des  Nachchubs
  bis  in  den  Januar  hinein.  Hierdurch  fiel  das
wichtige  Moment  der  überraschung  aus;  die  Engländer
  gewannen  Zeit,  die  notwendigen  Verteidigungsmaßnahmen
  zu  treffen  und  ein  dem  Invasionsheer
an  Stärke  überlegenes  Heer  zu  versammeln.  Der
britische  Oberbefehlshaber,  General  Maxwell,  verlegte
  die  Verteidigung  auf  die  Kanallinie  selbst  und
stlitzte  sie  auf  die  große  artilleristische  Feuerkraft  und
die  Beweglichkeit  der  im  Kanal  liegenden  Kriegsschiffe.
Den  65000  Mann  Dschemals  konnte  Maxwell  Ende
Januar  1915  fünf  Divisionen  indischer  und  neuseeländischer
  Truppen  (90000  Manny  entgegenstellen.

Bei  El  Katieh  und  El  Kubri  kam  es  am  28.  Jan.

u  Zusammenstößen  weit  vorgeschobener  türkischer
Pockeuppen  mit  angloindischen  Sicherungsposten.
Beide  Gefechte  verliefen  für  jene  ungünstig.  Stärkere
türkische  Kräfte  Hriffen  am  7.  und  9.  Febr.  die  Stellungen
  von  El  Kantara,  Ismailia  und  Tussum
an,  wurden  aber  von  den  Briten,  besonders  durch  überlegenes
  Artilleriefeuer,  leicht  abgewiesen.  Die  Folge
war,  daß  die  Türken  wieder  in  die  Wüste  zurückwichen
und  behufs  Erleichterung  eines  weiteren,  mit  schwerer
Artillerie  durchzuführenden  Angriffs  eine  Feldbahn
durch  das  Wüstengebiet  zu  bauen  begannen.

Es  trat  nun  ein  Stillstand  in  den  Unternehmungen

Bgagl.  die  Karten  Bd.  II,  S.  135  und  116)/7.
Der  Krieg  1911/19.  11I.

129

ein,  der  bis  in  die  Mitte  des  Jahres  1916  währte  und
nur  durch  gelegentliche  forcierte  Erkundungsunternehmen
  ins  Wüstengebiet  zwischen  dem  Suezkanal
und  der  türkisch-ägyptischen  Grenze  unterbrochen
wurde,  so  daß  die  Lage  über  entscheidungslose  Aktionen
nicht  hinauskam.  Dadurchenistand  für  beide  Parteien
eine  fortgesetzte  Bindung  nicht  unbedeutender  Kräfte.
die  man  anderen  Ortes  sehr  gut  hätte  gebrauchen
können.  Eine  dauernde  Unterbrechung  des  Schiffsverkehrs
  im  Kanal  ist  trotz  der  türkischen  Bedrohung
nie  eingetreten.  Andrerseits  gelang  es  der  englischen
Diplomatie  und  wahrscheinlich  mehr  noch  dem  englischen
  Golde,  der  Pforte  einen  neuen  Gegner  aufzubürden.
  Der  Großcecherif  von  Mekka,  der  höchste  geistliche
  Würdenträger  der  heiligen  Stadt,  erhielt  von
England  den  Titel  als  -König  von  Arabien=  zuerkannt,
  weil  er  als  abgesagter  NW:  der  Jungtürken
dem  Kalifat  in  Konstantinopel  die  Berechtigung,  gegen
die  Ententemächte  den  Heiligen  Krieg  zu  verkünden,
abgesprochen  und  Arabien  als  von  der  Pforte  unabhängigen
  Staat  proklamiert  hatte.  Die  Araberstämme
entrollten  nun  die  Grüne  Fahne  des  Propheten  nicht
für,  sondern  gegen  Konstantinopel.  Diese  von  Osten
drohende  Flankierungsgefahr  veranlaßte  Dschemal
Pascha,  einen  zweiten  Zug  gegen  Aaypten  zu  unterlassen,
  zumal  auch  in  Syrien  Anzeichen  der  Unzufriedenheit
  und  ernste  Unruhen  zu  beobachten  waren.

Nach  Fertigstellung  der  Feldbahn  auf  der  Trasse
der  1799  von  Bonaparte  benutzten  syrischen  Karawanenstraße
  trat  der  neue  britische  Oberbefehlshaber,
Sir  Murray,  mit  einem  kombinierten  Geschwader
von  Kriegs=  und  Handelsschiffen  in  steter  Verbindung
bleibend,  an  der  Spitze  eines  für  die  Expedition  nach
Syrien  musterglültig  ausgerüsteten  Heeres  im  Dezember
  1916  den  Vormarsch  an  die  ägyptisch-türkische
Grenze  an.  Die  britische  Angriffsoperation  führte  in
erster  Linie  zur  Besetzung  von  El-Arisch  und  zur
Einnahme  von  Rafa.  Im  März  1917  gelangten
die  Engländer  kampflos  bis  Gaza.  Ein  Versuch  des
Generals  Dobell,  den  wichtigen  Platz  durch  Handstreich
  zu  nehmen,  mißlang  unter  schweren  Verlusten;
der  am  folgenden  Tage  unternommiene  starke  Angriff
der  Türken  auf  die  englische  Stellung  scheiterte  gleichfalls
  (1.  Schlacht  bei  Baza,  27.  u.  28.  März  1917).
In  einer  2.  Schlacht  um  den  historisch  denkwürdigen
Ort  (17.  April)  drangen  die  Briten  wieder  nicht  durch,
erstritten  sich  jedoch  Stellungen,  von  denen  aus  der
Stellungskrieg  gegen  die  starke  türkische  Linie  Gaza-Beerseba
  mit  mehr  Aussicht  auf  Erfolg  geführt
werden  konnte.  Dem  britischen  Vormarsch  längs  der
Meeresküste  entsprach  ein  solcher  im  Innern  der  Sinaihalbinsel,
  zu  dem  Zweck,  das  Gebiet  von  den  türkichen
Postierungen  an  der  Mekkapilgerstraße  zu  säubern
und  für  die  längs  der  Hedschasbahn  von  Süden  her
erwartete  Unterstützung  durch  den  arabischen  Aufstand
den  Weg  frei  zu  machen.

Nachdem  sich  die  Gegner  7  Monate  lang  in  ihren
Stellungen  gegenübergestanden  hatten,  eröffnete  der
von  der  Westfront  berufene  neue  Oberbefehlshaber
General  Allenby  die  Operationen  31.  Okt.  1917
durch  die  Eroberuny,  des  strategisch  hochwichtigen
Punktes  Beerseba,  des  früheren  kürk.  Hauptetappenortes
  beim  Vormarsch  nach  Agypten,  jetziger  Kopfstation
  für  die  Deckung  von  Palästina.  Dadurch
wurde  die  Grzastellung  unhaltbar.  Ein  unverzüglich
mit  dem  linken  Flügel  und  der  Mitte  einsetzender
Angriffbrachte  Allenby  in  den  Besitz  der  gesamten  türlischen,
  von  der  Meeresküste  über  Baza  bis  Beerseba.
        <pb n="146" />
        130

reichenden  Stellungslinie.  In  Gaza  rückten  die  Briten
am  7.  Nov.  ein.  Die  sofortige  energische  Versolgung
der  auf  der  Straße  Gaza-Jassa  und  in  der  Richtung
der  Bahnlinie  Beerseba-Jaffa  und  gegen  Hebron  zurückweichenden
  türkischen  Streitkräfte  führte  an  der
Küstenstraße  bald  zur  Besetzung  von  Askalon,  im
judäischen  Terrassengebirge  zur  Annäherung  an  die
Bahnverbindung  Jaffa—Jerusalem.  Nach  kurzem
Widerstand  im  Einschnitt  des  Wadi  Surar  wichen
die  Türken  nördlich  aus,  so  daß  am  17.  Nov.  Jaffa
widerstandslos  besetzt  werden  konnte.  Ein  Umgehungsversuch
  gegen  die  Straße  Jerusalem-—Nablus  scheiterte
am  türkischen  Widerstand;  doch  gelang  es  schließlich
dem  brit.  Feldherrn,  Jerusalem  durch  mehrere  Kolonnen
  einzukreisen  und  am  9.  Dez.  1917  unter  Mitwirkung
  französischer  und  italienischer  Kontingente
der  über  Hebron  vorgehenden  Kolonne  einzunehmen,
ein  Ereignis  von  weit  höherer  moralischer  als  militärischer
  Bedeutung.  Dem  Vormarsch  nach  Norden
leisteten  die  Türken  in  der  Linie  Jericho-Ramallah
(Sperrstellung  an  der  Straße  Jerusalem  —  Nablus)
gortnächsten  Widerstand.  Es  kam  dort  und  im
ordantal,  in  dem  Allenby  die  Herstellung  einer
unmittelbaren  taktischen  Verbindung  mit  der  von
Engländern  geführten  arabischen  Hedschasgruppe  anstrebte,
  um  an  der  Hedschasbahn  Fuß  zu  fassen  und,
estlutzt  auf  diese,  gegen  Damaskus  zu  operieren,  zu
angwicrigen  Stellungskämpfen,  die  bis  in  den  April
1918  mit  wechselndem  Erfolg  andauerten.  Nach  der
Ankunft  deutscher  Verstärkungen  gelang  es  dem  Gegner.
  Allenbys  rechten  Flügel  3.  Mai  bei  Es  Salt  zu
umfassen  und  mit  Verlust  über  den  Jordan  zurülckzuwersen.
  Die  hinhaltenden,  zeitweise  hartnäckigen
Kämpfe  im  Jordantal  verschafften  Allenby  Zeit,  die
Bahnverbindung  Kairo-Jerusalem  fertig  auszubauen
und  seine  Verbände  auszufrischen.  Um  bei  der  bevorstehenden
  Eroberung  Syriens  ein  gewichtiges  Wort
mitzusprechen,  ließ  Frankreich  eine  frische  Division  zu
Allenbys  Truppenmacht  stoßen.

E.  Der  Seekrieg  1917/18
von  Korvettenkapitän  Scheibe  in  Berlin

I.  Der  uneingeschränkte  U-Footkrieg.

Der  Enischluß,  den  Wirtschaftskrieg  auch  deutscherseits
  in  entschiedenster  und  schärfster  Form  aufzunehmen,
  reiste  aus  der  politisch-militärischen  Lage  der
zweiten  Hälfte  des  Jahres  1916.  Der  glückliche  Ausgeng
  des  rumänischen  Feldzuges  hatte  die  möglichen

egner  unter  unseren  neutralen  Grenznachbarn  um
eine  wichtige  Macht  vermindert.  Die  große  Gefahr
eines  mit  der  sicheren  Niederlage  Deutschlands  endenden
  Erschöpfungskrieges,  zu  dem  sich  die  Gesamtlage
seit  Ende  1915  zu  entwickeln  drohte,  hatte  er  nicht  abzuwenden
  vermocht.  Der  Vorschlag  der  Mittelmächte
vom  12.  Dez.  1916  zu  einer  allgemeinen  Aussprache
über  einen  Verständigungsfrieden  war  von  den  Gegnern
  schroff  zurückgewiesen  worden.  Dabei  hatte  sich
der  auf  einen  vollen  Sieg-  und  Gewaltfrieden  eingestellte
  Zukunftsplan  der  Westmächte  abermals  deutlich
  gerigt  Die  amerikanische  Formel  eines  Friedens
„  ohne  Sieger  und  Besiegtene  mußte  als  endgültig  ab-I.

  Kriegsgeschichte

Am  18.  Sept.  1918  begann  der  große  englischfranzösische
  Angriff  auf  die  türkischen  Linien  zwischen
dem  Jordan  und  dem  Meer,  westlich  flankiert  durch
Artilleriefeuer  zahlreicher  Kriegsschiffe,  östlich  von  der
Hedschasbahn  durch  die  aufständischen  Araberstämme
unter  dem  neuen  König  Hussein.  Die  mit  üÜberwältigender
  Übermacht,  namentlich  an  Reiterei,  die  um
dortigen  Gelände  treffliche  Dienste  leisten  konnte,
wuchtig  und  zielbewußt  vorgetragene  Offensive  führte
diesmal  zu  einem  vollen  Ersolg.  Schon  am  ersten
Tage  wurden  die  türkischen  Linien  in  8  km  Tiefe
durchstoßen;  der  Hauplkampf  fand  am  19.  zwischen
Rafat  und  der  Küste  statt  und  führte  zu  einem  durch
Umfassung  gekrönten  vollständigen  Durchbruch  der
türkischen  Verteidigungsstellung.  Die  beiden  türkischen
Korps  (7.  und  8.)  wurden  nahezu  vernichtet.  Am
22.  Sept.  wurde  der  Uübergang  über  den  Jordan
erzwungen,  am  26.  Nablus  beseht,  die  britische
Kavallerie  rastlos  zur  Verfolgung  eingesetzt.  Die
Trümmer  der  türkischen  Armee  wichen  teils  über
Tiberias,  teils  über  Aman  gegen  Damaskus,  das
am  30.  September  von  einer  australischen  Kavalleriedivisioneingenommen
  wurde.  Die  französischen  Kräfte
wandten  sich  gegen  Beirut,  das  sie  am  6.  Oltober
einnahmen.  Die  eiligst  unter  Liman  von  Sanders
herangeführten  türkischen  Reserven  vermochten  im  Oktober
  das  Blatt  nicht  mehr  zu  wenden,  sondern  versielen
  der  allgemein  um  sich  greifenden  Demoralisation
  des  türkischen  Heeres.

Es  war  zweifellos  der  größte  und  vollständigste
Sieg,  den  Ententeheere  im  Verlaufe  des  Krieges  errungen
  haben;  denn  er  halte  die  vollständige  Vernichtung
  des  Gegners  zur  Folge,  der  neben  70000  Gefangenen
  auch  die  gsamte  Artillerie,  darunter  die
bis  zum  Schluß  tapfer  ausharrenden  österreichischungarischen
  Batterien,  verlor.  Nachdem  die  Briten
26.  Okt.  das  wichtige  Aleppo  besetzt  hatten,  bat  die
Pforte  um  Wassenstillstand,  der  am  30.  Okt.  1918  in
Mudros  abgeschlossen  wurde.

gelehnt  gelten.  Inwieweit  die  angeblichen  Absichten
der  Vereinigten  Staaten  auf  Friedensvermittlung
nach  der  bisher  gezeigten,  den  Mittelmächten  wenig
wohlwollenden,  ja  nach  eigenem  Urteil  unneutralen
Haltung  ehrlich  gemeint  waren,  mußte  nach  2½jährigem
  vergeblichem  Warten  auf  eine  grundsätzliche
Sinnesänderung  der  amerikanischen  Regierung  zum
mindesten  als  zweifelhaft  gelten.  Es  wäre  eine  unverantwortliche
  Unterlassung  der  militärischen  leitenden
  Siellen  gewesen,  wenn  sie  die  Entscheidung  üter
Glück  und  Bestand  des  Deutschen  Reiches  in  dieser
Lage  untätig  abwartend  dem  Walten  unberechenbarer
Zusäqle  anvertraut  hätten.  Ihre  Pflicht  war  es,  der
Reichsleitung  und  dem  Kaiser  den  Einsatz  des  letzten
noch  bleibenden  starken  Kriegsmittels,  des  uneingeschränkten
  Unterseeboothandelskrieges  zu
empfehlen,  obwohl  unentschlossenes  Hinwarten  ihn
des  für  den  militärischen  Erfolg  wichtigsten  Moments
der  Überraschung  beraubt  hatte.  In  diesem  Kriegs
mittel  boten  sich  nach  wirtschaftlich-fachmännischem:
und  mililärischem  Urteil  außerordentliche  Erfolgs
aussichten,  die  einen  Sieg  oder  wenigstens  einen  glück
licheren  Ausgang,  als  der  Erschöpfungskrieg  neh
        <pb n="147" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Der  Seekrieg  1917/18

men  mußte,  in  den  Bereich  der  Möglichkeit  rückten.
Bei  weiterem  Beharren  in  der  bisher  eingenommenen
Haltung  hätte  nur  der  innerpolitische  Zusammenbruch
bei  einem  der  uns  feindlichen  Bölker  oder  aber  der
Friedensschritt  der  Vereinigten  Staaten  eine  günstige
Wendungherbeiführen  können.  Die  Erwägungen  über
die  Möglichkeiten  der  Entwicklung  und  damit  auch  die
Entscheidung  über  die  Annahme  des  zneingeschränt  ten
U-Bootkrieges  waren  rein  politischer  Natur  und
mußten  daher  der  politischen  Leitung  überlassen
bleiben.  Militärisch  brauchte  man  die  Unterstützung
unserer  Feinde  durch  ein  amerikanisches  Heer  nicht  zu
unterschätzen  und  konnte  doch  zu  dem  Entschluß  gelangen,
  das  in  dem  Unternehmen  liegende  Wagnis
einzugehen,  wenn  man  erkannt  hatte,  daß  der  Erschöpfungskrieg
  auch  so  dasselbe  Ende  nehmen  mußte,
das  schlimmstenfalls  bei  einer  Verschätzung  der  amerikanischen
  Hilfe  vielleicht  eintreten  konnte.

Der  uneingeschränkte  U-Bootkrieg  ist  eines  der  gewaltigsten
  keicherischen  Unternehmen,  das  je  gewagt
worden  ist.  Vom  militärischen  Erfolge  ausgehend,
umfaßt  er  mit  seinen  Wirkungen  die  verwickelten  Probleme
  des  Verkehrswesens,  der  gesamten  Versorgung
und  Volkswirtschaft,  insbes.  der  Volksernährung,  der
Warenverteilung,  der  inländischen  Erzeugungskraft
und  der  staatlichen  Vorrats=  und  Zwangswirtschaft,
und  zwar  unter  den  ungewöhnlichen  und  unübersichtlichen
  Verhältmissen  des  Krieges,  sowie  endlich  die  weiten
  Gebiete  der  politischen  und  der  mitlelbaren  und  unmitltelbaren
  psychischen  Einflüsse.  Es  ist  danach  ohne
weiteres  klar,  daß  er  kein  reines  Rechenexempel  war,
wenngleich  möglichst  genaue  Berechnungen  angestellt
werden  mußten,  um  unter  gewissen  Annahmen  wenigstens
  ein  ungefähres  Bild  des  zu  erwartenden  Verlaufes
  zu  erhalten.  Entsprechend  der  Vielgestaltigkeit
der  Frage  wurden  die  Erwägungen  und  Untersuchungen,
  die  den  wichtigen  Entschluß  vorbereiteten,  auf
eine  breite  Grundlage  gestellt.  Der  Admiralstab  gab
als  durchschnittliches  monatliches  Versenkungsergebnis
  600000  Brutto-Reg.-Ton.  an.  über  die  mit
diesem  Ergebnis  voraussichtlich  zu  erreichenden  wirtschaftlichen
  Wirkungen  wurde  eine  große  Zahl  von
Sachverständigen  aller  Zweige  des  deutschen  Wirtschaftslebens
  gehört.  Die  Offentlichkeit  beteiligte  sich
lebhaft  an  den  eingeleiteten  Erörterungen.  Daß  keine

vollkommene  übereinstimmung  der  Meinungenerzielt  geg

wurde,  ist  bei  der  Eigenart  des  Problems  erklärlich.
Auf  jeden  Fall  entschied  sich  eine  überwiegende  Mehrheit
  in  positivem  Sinne.  Aus  Volk  und  Heer  heraus
wurde  die  Herbeiführung  einer  baldigen  Entscheidung
des  Krieges  in  dem  richtigen  Empfinden  der  Aussichtslosigkeit
  eines  Erschöpfungskampfes,  bisweilen
wohl  auch  aus  Gefühlsmomenten,  gefordert.  Das  Ergebnis
  der  Erwägungen  an  verantwortlicher  Stelle
war  die  Note  vom  31.  Jan.1917,  in  der  erklärt  wurde,
daß  vom  1.  Febr.  1917  ab  die  deutschen  Seestreitkräfte
  innerhalb  eines  bestimmt  umgrenzten
  Sperrgebietes  um  Großbritannien,
  Frankreich  und  Italien  sowie  im  östlichen
  Mittelmeer  jedem  Seeverkehr  ohne
weiteres  mit  allen  Waffen  entgegentreten
würden  1.  Damit  waren  für  ein  wirklich  aussichtsreiches
  Arbeiten  des  U-Bootes  die  einzig  möglichen
Grundlagen  geschaffen.  Die  strategische  Offensive
  war  der  Seekriegführung  zugewiesen.
Das  Heer  stand  in  der  Defensive.

1  Den  Wortlaut  der  Note  f.  Bd.  II.  S.  16f.

131

Das  Vorhandensein  einer  Hochseefloite,  die  unmittelbare
  Angriffe  der  Gegner  auf  die  UBoot-Stützpunkte
zu  verhindern  und  die  Wege  durch  die  seindlichen  Sperren
  vor  der  eigenen  Küste  freizuhalten  imstande  war,
bildete  für  die  Durchführung  des  U-Bootkrieges  eine
unerläßliche  Voraussetzung.  Ihr  strategisches  Verhalten
  hatte  sich  mit  seinem  Beginn  ganz  nach  den  mit
ihm  auftretenden  militärischen  Forderungen  zu  richten,
  die  die  Hochseeflotie  weit  mehr  als  bisher  neit  wich.
tigen  Aufgaben  an  die  heimischen  Gewässer  banden.

Das  materielle  Ergebnis  der  ersten  sechs  Monate
der  U-Boolkriegführung  übertraf  die  von  militärischer
  Seite  gegebenen  Zusicherungen  ganz  erheblich,
obwohl  unsere  Feinde  zwei  Jahre  Zeit  zu  Gegenvorbereitungen
  gehabt  hatten.  Auch  die  angenommene
  abschreckende  Wirkung  auf  die  neutrale  Schiffahrt
trat  zunächst  in  dem  erwarteten  Umfang  ein;  um  sie
auch  später  dauernd  aufrechtzuerhalten,  hätte  es  der
rückhaltlosen  politischen  Unterstützung  bedurft.  Maßgebende
  Stimmen  aus  England  ließen  erkennen,  dast
man  sich  aufs  schwerste  bedroht  fühlte.  Diese  Grundstimmung
  änderte  sich  auch  nicht  wesentlich,  als  etwa
vom  September  ab  infolge  besserer  Organisation  der
Gegenmaßnahmen,  insbes.  durch  Einführung  des  Geleitzugssystems,
  die  monatlichen  Versenkungsziffern
von  einem  Durchschnitt  von  800000  Brutto-Reg.-Ton.
auf  650  —700000  Brutto-Reg.-Ton.  sanken.  Bis
Ende  1916  hatte  man  in  England  bei  nur  vorübergehend
  gestörter  Überseezufuhr  nicht  nur  fast  normal
leben,  sondern  Lebensmittelvorräte  schaffen  können.
Der  U-Bootkrieg  änderte  sehr  bald  die  Lage  von  Grund
auf.  Man  sah  sich  zu  Abwehrmaßnahmen  großen  Stils
genötigt,  wie  Einfuhr.,  Verbrauchs=  und  Betriebsbeschränkungen,
  Vergrößerung  der  Getreideanbaufläche,
  Nahrungsmittelrationierung  sowie  Regierungsaufsicht
  über  Schiffahrt,  Schiffbau  und  andere  wichtige
  Betriebe.  Während  das  Heer  in  Frankreich  gut
versorgt  blieb,  verursachte  die  zunehmende  Knappheit
in  der  Ernährung  der  Zivilbevölkerung  unter  der  englischen
  Arbeiterschaft  wachsende  Beunruhigung.  Das
englische  Reedereigeschäft  erlitt  schwere  Ausfälle  und
wurde  in  manchen  Fahrten  vollkommen  vernichtet.
Am  schwierigsten  gestaltete  sich  die  Lage  in  Italien.
Hier  zwang  die  Kohlenknappheit  sogar  zur  Einstellung
von  wichtigen  Rüstungsbetrieben.  In  den  Industrieenden
  des  Nordens  kam  es  zu  Unüßen.

Auf  militärischem  Gebiete  machten  sich  die  Wirkungen
  des  U.Bootkrieges  in  der  Vernichtung  einer
bedeutenden  Menge  Kriegsmaterials  fühlbar.  Allein
bis  Ende  Dezember  1917  wurden  ohne  die  durch
Minen  erziciten  Erfolge,  soweit  unter  den  schwierigen
Verhältnissen  festzustellen  war,  wenigstens  27  Transportdampser
  und  565  Schiffe  mit  Kriegsmaterial,
darunter  97  Schiffe  mit  fertiger  Munilion  und  sonstigem
  Kriegsbedarf  vernichtet.  Weitere  starke  Einwirkungen
  lagen  in  der  Bindung  von  schätzungsweise
1½  Million  kriegsverwendungsfähiger  Leute  int  Abwehrdienst
  und  im  Schiffsreparaturwesen,  in  der  Festlegung
  von  weit  über  15000  Geschützen  bis  zum  15  cm-Kaliber
  einschließlich  zur  Bewaffnung  der  Handelsflotte
  und  der  Abwehrfahrzeuge  sowie  in  der  Entziehung
  großer  Mengen  von  Material,  insbes.  von
Stahl  dud  Schiffbau  und  Reparaturen,  die  sonst  der
Rüstungsindustrie  zur  Verfügung  gestanden  hätten.
General  Sarrail  schrieb  das  Scheitern  seiner  Offensive
  im  Jahre  1917  den  Schädigungen  des  U-Bootkrieges
  zu.  Besonders  verschärft  wurde  die  Lage  unserer
Gegner  durch  die  um  die  Jahreswende  1917/18  in

*ö
        <pb n="148" />
        132

den  Vereinigten  Staaten  eintretende  Transporikrise.
Die  auf  dem  Gebiete  der  Schiffsraumbeschaffung  vorliegenden
  Schwierigkeiten,  die  durch  die  Notwendigkeit
  vermehrter  Heerestransporte  von  den  Vereinigten
Staaten  nach  Europa  erheblich  gesteigert  wurden,
fanden  ihren  äußeren  Ausdruck  in  der  gewaltsamen
Beschlagnahme  des  im  feindlichen  Zugriffsbereich  befindlichen
  beträchtlichen  Teiles  der  holländischen  Handelsflotte
  durch  unsere  Gegner  am  18.  März  1918.
Sie  haben  sich  zu  dieser  Maßnahme,  die  in  Holland
tiefe  Erbitterung  und  starke  Erregung  auslöste,  ebenso
wie  zu  der  in  den  folgenden  Monaten  durchgeführten
Erpressung  in  ihrer  Gewalt  befindlichen  Schiffsraumes
  anderer  Neutraler  bestimmt  nur  unter  dem
Zwange  der  Not  entschlossen.  Während  sich  die  monatlichen
  Versenkungsziffern  fast  bis  zum  Sommer
1918  auf  ungefähr  gleicher  Höhe  hielten,  setzte  um
diese  Zeit  ein  allmähliches  langsames  Sinken  ein.
Ursache  waren  die  sich  sehr  stark  entwickelnde  Gegenwirkung“
  Minen-  u.  Netzsperren,  Flugzeuge,  U-Boots.
fallen),  die  durch  die  Sommermonate  begünstigt  wurde,
und  eine  Verminderung  der  Minenwirkung,  die  man
durch  ein  am  Schiffe  angebrachtes  Minenschutzgerät
erreichte.  Die  Lösung  der  amerikanischen  Transportkrise,
  Verbesserungen  der  Seeverkehrs-Organisationen
und  Tieferladen  der  Schiffe  bis  über  die  Sicherheitsgrenze,
  sollen  später  die  durch  das  Geleitzugwesen  hervorgerusene
  Rusnutßzungsverschlechterung  nicht  nur
ausgeglichen,  sondern  auch  noch  weitere  Räumteersparnis
  gebracht  haben.

Um  dem  im  Laufe  des  Krieges  fertiggestellten  U#
Kreuzer  mit  seiner  erheblich  größeren  Dampfstrecke
außerhalb  des  Bereichs  der  wachsenden  Gegenwirkung
ein  ertragreiches  Tätigkeitsgebiet  zuschaffen,  wurdedas
Sperrgebiet  durch  Vergrößerungen  und  neue  Teile
um  die  als  feindlicher  Stützpunkt  ausgeb  zuten  Azoren
(22.Nov.  1917)  und  um  Madeira  und  Dakar  (5.  Jan.
1918)  erweitert.  Von  der  großen  Erfolg  versprechenden
  Eröffnung  des  U--Bootkrieges  auch  an  der  amerikanischen
  Ostlüste  wurde  aus  politischen  Rücksichten
Abstand  genommen.

Die  Verluste  an  U.  Booten  waren  zunächst  hinter
den  Erwartungen  zurückgeblieben,  hatten  sich  dann
langsam  gesteigert  und  waren  vom  Frühjahr  1918
ab  nicht  unerheblich.  Der  U--Bootbau  hing  in  erster
Linie  von  der  Beschaffung  einer  genügenden  Anzahl
geschulter  Arbeiter  ab,  zu  deren  Gestellung  das  Heer
nicht  in  der  Lage  war.  So  verlangte  die  Durchführung
  des  von  der  deutschen  Seekriegsleitung  im
Spätsommer  1918  in  Aussicht  genommenen  stark  erweiterten
  U-Bootbauplanes  die  Entlassung  von  über
100000  Mann  aus  dem  Heeresdienste.  Als  man  sich  zu
dieser  Maßnahme  entschloß,  die  von  Beginn  des  Jahres
  1919  ab  eine  erhebliche  Steigerung  des  U.  Bootbaues
  bis  zum  Dreifachen  der  bisherigen  Leistungen
zur  Folge  gehabt  hätte,  trat  der  entscheidende,  uns  ungünstige
  Umschwung  an  der  Westfront  ein.

Die  Rechtmäßigkeit  des  uneingeschränkten  U.
Bootkrieges  wird  vielfach  bestritten.  Seine  Rechtfertigung
  liegt  sowohl  in  seiner  Wesenseigentümlichkeit
wie  in  der  Entwicklung,  die  zu  seiner  Annahme  führte.
Während  England  von  Beginn  des  Krieses  an  durch
Erweiterung  des  Bannwarerechtes  ins  Ungemessene
und  schließlich  durch  die  Kriegsgebietserklärung  vom
4.  Nov.  1914  die  Bestimmungen  der  Londoner  Seerechtsdeklaration,
  die  von  ihm  zunächst  als  grundsätzlich
  bindend  anerkannt  worden  war,  illuforisch  gemacht
  und  dadurch  den  Zustand  einer  Blockade  der

I.  Kriegsgeschichte

Mittelmächte  geschaffen  hatte,  ohne  daß  eine  solche
rechtmäßig  bestand,  hielten  sich  Deutschland  und  seine
Verbündeten  fünf  Monate  hindurch  streng  an  die
Abmachungen  der  Deklaration.  Als  es,  um  den  unbedingt
  erforderlichen  Ausgleich  in  der  wirtschaftlichen
Versorgungslage  zu  schaffen,  eine  der  englischen  inhaltsgleiche
  Kriegsgebietserklärung  für  die  Gewässer
um  England  erlies  und  in  diesem  Kriegsgebiet  den
U--Bootkrieg  eingeschränkt  führte,  trat  England  mit
der  sog.  Blockadeerklärung  vom  11.  März  1915  hervor,
  nach  der  jedes  mit  Deutschland  verkehrende  Schiff
und  jede  Ware  deutschen  Ursprungs  oder  deutscher
Bestimmung,  selbst  wenn  sie  neutrales  Eigentum  war,
auch  auf  neutralen  Schiffen  weggenommen  werden
konnte.  Da  der  Begriff  der  Blockade  auf  diese  rechtswidrige
  Maßnahmen  nicht  anzuwenden  war  —  wäre
sie  doch  bei  der  Freiheit  der  deutschen  Zufuhren  in
der  Ostsee  nicht  einmal  rechtswirksam  gewesen  —,  so
wurde  sie  als  Repressalie  gegen  den  deutschen  U-Bootkrieg
  im  Kriegsgebiet  bezeichnet.  Nachdem  Deutschland
  den  U.  Bootkrieg  im  Kriegsgebiet  mit  dem  24.  April
1916  aufgegeben  und  dies  der  Regierung  der  Vereinigten
  Staaten  bekannt  gegeben  hatte,  wäre  England
verpflichtet  gewesen,  die  Repressalie  aufzuheben,  wenn
es  gerecht  verfal,  cen  wollte.  Dies  geschah  indessen
nicht.  Im  Gegenteil  führten  England  und  seine  Verbündeten
  ihrerseits  den  uneingeschränkten  U-Bootkrieg
im  Adriatischen  Meer  und  in  der  Ostsee  weiter.  Die
Vereinigten  Staaten  unternahmen  trotz  ihrer  feierlichen
  Proteste  gegen  das  englische  Vorgehen  und  trotz
ihrer  Erklärung,  daß  es  eine  „  unneutrale-Handlung
bedeuten  würde,  wenn  man  dieses  Verfahren  Englands
dulden  wolle,  keinerlei  Schritte  zur  Aufhebung  der
englischen  Seesperre.  Somithandeltedie  deutsche
Regierung  in  gutem  Recht,  als  sieam  31.  Jan.
1917  unter  dem  Zwange  der  allgemeinen
Kriegslage  den  uneingeschränkten  U.  Bootkrieg
  erklärte.

Wesentlich  für  den  Entschluß  zur  Aufnahme  des
uneingeschränkten  U.  Boothandelskrieges  war  die
Beurteilung  der  Möglichkeit  eines  enischeidenden
  militärischen  Eingreifens  der  Vereinigten
  Staaten  an  der  Westfront.  Es  gab
zwei  verschiedene  Methoden  der  Verwendung  des  U-Boots,
  umdie  amerikanischen  Truppen-  und  Materialtransporte
  möglichst  einzuschränken:  Entweder  man
setzte  die  U-Boote  auf  die  Transporte  selbst  an,  oder
man  führte  den  Krieg  gegen  den  Frachtraum  im
allgemeinen,  d.  h.  gegen  den  Gesamtseeverkehr,  nach
Kräften  weiter  und  versuchte  die  Möglichkeiten  der
Truppen=  und  Materialbeförderung  über  den  Ozean
durch  Schiffsraummangel  einzuschränken.  Die  erste
Methode  gewährte  nicht  die  Sicherheit,  daß  man  genügend
  Transporte  faßte,  denn  es  ist  ohne  weiteres
einleuchtend,  daß  es  ausgeschlossen  war,  den  rund
1400  Seemeilen  breiten  Streifen  von  der  Nordspitze
Englands  bis  Gibraltar,  auf  dem  sich  die  amerikanischen
  Transporte  den  europäischen  Küsten  nähern
konnten,  mit  U-Booten  wirksam  zu  überwachen.  Beschränkte
  man  sich  darauf,  Teilstrecken  des  in  Frage
kommenden  Seegebiets  mit  U.  Booten  zu  besetzen,  —
war  man  nicht  sicher,  stets  die  von  Transporten  gerade
  befahrenen  Wege  zu  treffen.  Traf  man  sie,  so
war  es  dem  Gegner  ein  leichtes,  wenn  ihm  das  Auftreten
  von  U-Booten  in  einer  bestimmten  Gegend
gemeldet  wurde,  die  Transporte  mit  Hilfe  funkentele-Kophssch
  Übermittelter  Befehle  umzuleiten  und  die

usschiffungen  an  einem  anderen  Küstenplatz  vorzu-
        <pb n="149" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Der  Seekrieg  1917/18

nehmen.  Gleichzeitig  mußte  man  U-Boote  von  den
Haupterkehrsgebieten  wegziehen.  Die  zweite  Methode,
die  der  Fortführung  des  Rechtraung#heges  mit  allen
Mitteln,  versprach  unter  den  herrschenden  Umständen
nicht  nur  Erfolg,  sondern  hatte  außerdem  den  großen
Borteil,  daß  man  dabei  vom  Hauptziel  des  UBoothandelskrieges
  nicht  abzuweichen  brauchte.  Aus  diesem
Grunde  wählte  man  sie.  Der  für  Truppentransporte
in  entscheidendem  Umfange  notwendige  Frachtraum
konnte,  regelrechte  Transporte  mit  Troß  und  Nachschub
  vorausgesetzt,  bei  einigermaßen  gleichbleibenden
Versenkungsergebnissen  nicht  aufgebracht  werden  auch
dann  nicht,  wenn  die  Verbündeten  den  noch  nicht  zu
ihrer  Verfügung  stehenden  neutralen  Frachtraum,
etwa  ¼  Million  Brutto-Reg.-Ton.,  beschlagnahmten.
  Die  Verbündeten  waren  sich  darüber  nicht  im
Zweifel  und  entschlossen  sich  deshalb  zur  Anwendung
eines  sehr  gewagten  Aushilfsmittels.  Sie  sicherten
sich  durch  wirtschaftlichen  und  politischen  Druck  große
Heereslieferungen  von  den  europäischen  Neutralen,
vor  allem  an  Lebensmitteln  aus  Spanien,  schafften
an  Material  herbei,  was  man  zur  Durchführung  der
großen  Sommer=  und  Herbstoffensive  1918  brauchte,
undbeförderten  aus  Amerika  lediglich  Menschenmassen
mit  nur  persönlicher  Ausrüstung  nach  Frankreich.  Die
roße  Gefahr,  die  in  diesem  gewagten  Gewaltmanöver
ag,  kennzeichnete  der  Vorsitzende  des  Schiffahrtsausschusses
  der  Handelskammer  der  Vereinigten  Staaten,
Edward  A.  Filene,  folgendermaßen:  „  Auf  Verlangen
der  Bundesgenossen  senden  wir  jetzt  Mannschaften  in
unvernünftigen  Mengen  nach  Frankreich.  Wir  senden
sie,  ohne  genügenden  Schiffsraum  für  ihren  Nachschub
u  haben.  Buchstäblich  setzen  wir  das  Leben  unserer
ngen  aufs  Spiel  in  der  Annahme,  daß  Amerika  den
notwendigen  Schiffsraum  bereitstellen  können.  Lloyd
George  führte  in  einer  am  7.  Dez.  1918  in  Leeds  gehaltenen
  Rede  aus,  man  habe  mit  der  Einleitung  der
gewaltigen  Transporte  im  März  1918  die  Versorgung
mit  Lebensmitteln  und  notwendigen  Rohstoffen  aufs
Spiel  gesetzt.  Ahnlich  äußerte  sich  die  große  Mehrzahl
der  feindlichen  Pressestimmen.  Das  Wagnis  gelang,
lediglich  nach  dem  Enderfolg  beurteilt.  Dabei  bleibt
aber  die  Frage  offen,  wie  sich  die  Lage  bei  dem
notwendig  werdenden  Nachschub  weiterhin  entwickelt
haben  würde,  wenn  von  unserer  Westfront  den  feindlichen
  Angriffen  der  gewohnte  hartnäckige  Widerstand
entgegengesetzt  worden  wäre  und  Etappe  und  Heimat
dem  Frontheer  durch  die  Revolution  nicht  alle  Möglichkeiten
  zur  Fortsetzung  des  Kampfes  abgeschnitten
hätten.  Die  Gegner  hatten  alles  auf  eine  Karte,  auf
eine  Entscheidung  1918,  auf  das  Gelingen  ihrer  großen
  Offensive  im  Sommer  und  Herbst  dieses  Jahres
gesetzt,  deren  Kraft  bereits  im  Oktober  sichtlich  zu  erlahmen
  begann.  Wirtschaftlich  drohte  für  den  Winter
eine  Kohlenkrise,  wie  sie  der  Krieg  noch  nicht  gesehen
hatte.  Es  ist  in  diesem  Zusammenhange  wesentlich,
das  Urteil  eines  leitenden  englischen  Staatsmannes,
Winston  Churchills,  zu  hören,  das  er  über  die  Lage
unserer  Gegner  in  den  verschiedenen  Phasen  des  großen
  Krieges,  besonders  aber  die  Wirkung  des  uneineschränkten
  U-Boothandelskrieges,  und  über  die  Aussichen
  fällt,  die  sich  für  den  Verband  bei  weiterer
Fortrdauer  des  Krieges  bis  1919  eröffneten.  Er  schreibt
im  -Sunday  Pictorial-  vom  12.  Jan.  1919:
„Darf  ich  es  sagen?  Bir  sind  nur  gerade
durchgekommen.  Je  mehr  wir  über  den  Kampf

1  No#wm  Vork  Woride  vom  ##.  Mai  19198.

133

erfahren,  um  so  mehr  erkennt  man,  an  welchem
kleinen,  dünnen,  gefährlichen  Fädchen  unser
  Erfolg  hing  (on  what  small  narrow  perilous
  margins  our  success  turned).  Beim  ersten
Ansturm  wäre  Frankreich  beinahe  vernichtet  worden.
Nur  ein  wenig  mehr,  und  der  Unterseeboothandelskrieg
  hätte,  anstatt  Amerika
an  unsere  Seite  wi  führen,  uns  alle  durch
Hungerzuunbedingterübergabegezwungen.
  Selbst  nach  dem  21.  März  war  die  Gefahr
iußerst  groß,  für  Paris  wie  für  die  Kanalhäfen.
Es  war  ein  gleiches  Wettrennen  bis  zum
Ende.  Aber  am  Endesind  wir  sicher  durchgekommen,
  weil  die  ganze  Nation  unverwandt
  zusammenarbeitete,  weil  unser  Bolk
kerngesund  war  in  allen  mannhaften,  tüchtigen
Eigenschaften,  und  weil  wir  die  Gerechtigkeit  der
Welt  auf  unserer  Seite  hatten.  Seien  wir  dankbar!
Kalten  wir  immer  die  Unbequemlichkeiten  und
rgerlichkeiten,  die  wir  jetzt  erleiden,  gegen  das,
was  so  leicht  hätte  über  uns  kommen  können,  wenn
wir  geschlagen  worden  wären  oder  wenn  der
Krieg  sich  noch  ein  weiteres  Jahr  hingezoen
  hätte.=LOedenfallo
  blieb  bis  zum  Waffenstillstandsangebot
das  U-Boot  für  die  Lage  unserer  Feinde  eine  offen
eingestandene  Gefahr  und  wurde  als  solche  noch  immer
  bezeichnet,  als  man  bereits  von  dem  bevorstehenden
  Sieg  im  Landkriege  sprach.  Nicht  ohne  Grund  forderte
  die  amerikanische  Antwortnote  auf  das  deutsche
Waffenstillstandsangebot  seine  unverzügliche  Eintellung
  als  Voraussetzung  weiterer  Verhandlungen.
ls  deutscherseits  der  Ot  erung  ohne  Gegenleistung
entsprochen  wurde  und  der  U--Bootkrieg  am  21.  Okt.
1918  aufhörte,  wurde  er  als  noch  wirksame  Kriegshandlung
  unterbrochen.  überwunden  war  er  nicht.

II.  Hie  Ereignisse  in  der  Gst-  und  Nordsee.

Die  Eroberung  der  baltischen  Inseln  Osel,  Moon
und  Dagö.

Um  die  linke  Flanke  unserer  Mrent  egen  umfassendes
  Vorgehen  von  Norden  her  zu  sichern  und
für  etwa  notwendig  werdende  weitere  Operationen
in  Livland  und  Estland  günsti  e  Ausgangsstellungen
3  schaffen,  faßten  die  oberste  Veeres  eitung  und  der

ldmiralstab  den  gemeinsamen  Entschluß,  durch  Eroberung
  der  Inseln  Osel,  Moon  und  Dagd  den
Meeresbusen  von  Riga  in  ihre  Hand  zu  bekommen.
Das  Unternehmen  forderte  die  unbemerkte  Verschiffung
  einer  starken  gemischten  Armeeabteilung  im
engsten  Bereiche  der  versammelten,  noch  kaum  geschwächten
  russischen  Flotte,  überraschende  Landung
der  Truppen  an  einer  besetzten  und  befestigten  Küste
unter  dem  Schutze  der  Hochseeflotte  und  die  Unterstühung
  des  Vorgehens  der  Landungstruppen  durch

ie  Seestreitkräfte  in  gesperrten  und  stark  befestigten
Gewässern.  Unter  diesen  sehr  erschwerenden  Voraussehungen
  hatte  es  in  der  Vorgeschichte  des  Krieges
keine  Vorgänge  gegeben.  Die  unter  ähnlichen  Verhältnissen
  ausgeführte  Landung  großen  Stils  der  Verbandstruppen
  auf  Gallipoli  im  Frühjahr  1915  war
vollkommen  mißglückt  und  konnte  nur  als  warnendes
Beispiel  dienen.  Dazu  kam,  daß  gemeinsame  Unternehmen
  von  Heer  und  Flotte  in  solchem  Umfange  im
Frieden  nicht  geübt  waren,  die  Operation  also  aus
dem  Stegreif  durchgeführt  werden  mußte.  Daß  sie
gelang,  spricht  für  die  Richtigkeit  ihrer  Anlage  und  die
        <pb n="150" />
        134

Meisterschaft  ihrer  Ausführung.  Mil  Rücksicht  auf
Sperren  und  Befestigungen  wählte  man  als  geeignetsten
  Hauptlandungsplatz  die  Taggabucht  an  der  Nor
westspitze  der  Insel  Osel.

Als  Flankenschutz  der  Hauptgruppe  sollten  3000
Mann  Nadfahrertruppen  an  der  Nordküste  bei  Pamerort
  ausgeschifft  werden  mit  dem  Auftrage,  in  parallelem
  Vorgehen  mit  der  Hauptmacht  sich  im  Handstreich
  des  Brückenkopfes  von  Orrissar  zu  bemächtigen,
um  den  russischen  Besatzungstruppen  der  Insel  Osel
ein  Entweichen  nach  der  Insel  Moon  unmöglich  zu
machen  und  den  Übergang  dorthin  für  die  deutschen
Truppen  zu  sichern.  Durch  umfassendes  Vorgehen
von  Norden  sollte  die  Haupteinsahrt  nach  dem  Rigaischen
  Meerbusen  für  die  deutschen  Seestreitkräfte  geöffnet
  werden,  die  dann  einen  freien  Schiffahrtsweg

—
1——  #  Apon  brzn
  r  14q  ———
–.  DidV  V  .  –—
—  J  —  Juu  ·

J—  ..-,———«---z  -

·—-s"fkl.!s"«"«r!s-I

  —  —

—A  —

nach  Arensburg  an  der  Südseite  der  Insel  herzustellen
hatten.  Der  zweite  Teil  der  Aufgabe  umfaßte  den
Übergang  nach  Dagö  und  Moon  und  die  Eroberung
dieser  Inseln.  Die  im  Moonsund  liegenden  russischen
Seestreikkräfte.  zwei  ältere  Linienschisse,  Panzerkrenzer,
Kleine  Kreuzer,  Kanonenboote,  Zerstörer  u.  Torpedoboote,
  sollten  nach  Möglichkeit  abgefangen,  ihr  Entkommen
  nach  Norden  durch  Angriff  von  Süden  aus
dem  Rigaischen  Meerbusen  heraus  und  Sperrung  des
Nordausganges  des  Moonsundes  verhindert  werden.

Die  gemischte  Landungsabteilung  wurde  in  Liban
geammete,  Die  zur  Verschiffung  verfügbaren  17

ampfer  mit  insgesamt  153664  Brutto-Reg.-Ton.
reichten  zur  gleichzeitigen  überführung  der  rund
23000  Köpfe,  5000  Pferde,  150  Maschinengewehre,
64  Geschütze  und  12  Minenwerfer  starlen  Abteilung
mit  Troß,  sowie  mit  Munition  und  Proviant  für
30  Tage  nicht  aus.  Die  Landung  mußte  in  zwei
Stasseln  vorgenommen  werden.

Nachvorbereitenden  Arbeiten  konnte  die  Leitung  den
Beginn  der  Operation  auf  den  Morgen  des  11.  Okt.
festsetzen.  Das  Auslaufen  der  deutschen  Seestreitkräfte
unter  dem  Oberbefehl  des  Vizeadmirals  Erhardt
Schmidt  —  Panzerkreuzer  „Moltle,  3.  und  4.  Geschwader
  (10  Linjenschisse),  2.  und  6.  Aufklärungs-I.

  Kriegsgeschichte

gruppe  (Kleine  Kreuzer),54  Torpedoboole,  6U-Boote,
Minensuch=  und  Räumdivisionen,  U.Bootsabwehrformationen,
  Troßschiffe  —  der  Transportflotte  sowie
der  zugehörigen  Troßschiffe  erfolgte  planmäßig.

Am  12.  Okt.  3  Uhr  vormittags  lag  die  Flotte  vor
der  Taggabucht  zu  Anker.  Ausschiffung  und  überraschende
  Landung  eines  auf  den  Schiffen  mitgeführten
Vortrupps,  der  den  Befehl  hatte,  einen  Brückenkopf
für  die  Landung  zu  bilden,  ging  ebenso  glatt  vonstatten,
  wie  die  der  Radfahrertruppen  bei  Pamerort:
8  Uhr  15  Min.  begann  bereits  das  Ausladen  der  inzwischen
  eingelaufenen  Transportflolte  in  der  Taggabucht.
  Wähxend  ein  Teil  der  Seestreitkräfte  den  Auftrag
  hatte,  gegen  Sworbe  zu  demonstrieren,  nahm  das
Gros  der  Linienschiffe  Bombardementsstellungen  vor
den  Befestigungen  von  Pamerort,  Ninnast  u.  Hundsort
  ein.  -Bayern-  und  -Großer  Kurfürst  liefen  auf
Minen,  konnten  aber  ihre  Aufgabe  durchführen.  Bei
den  sich  anschließenden  Kämpfen  um  die  Herrschaft  im
Kassar  Wik  wurde  am  14.  Okt.  der  russische  Zerstörer
Grome  genommen.  Ani  gleichen  Tage  4  Uhr  nachmt.
begann  auf  Bitten  der  Landungstruppen  die  Beschie.
ßung  der  Befestigungen  von  Sworbe.  Der  Feind  gab
we  auf  und  zerstörte  sie.  Am  Morgen  des  16.Okt.  war
die  Ha'binsel  in  der  Hand  unserer  Truppen.  Gleichzeitig
  arbeiteten  sich  die  Seestreitkräfte  einen  Weg  durch
die  Minensperren  der  Haupteinfahrten  zum  Rigaischen
Meerbusen.  Am  16.  morgens  standen  unsere  Schiffe
vor  Arensburg,  abends  vor  dem  Südeingang  des
Moonsundes.  Damit  war  Osel  umstellt,  dem  nach
dem  Südostteil  der  Insel  gedrängten  Feinde  das  Entweichen
  über  See  unmöglich  gemacht.  Am  17.  Olt.
morgens  drangen  Schiffe  des  3.  Geschwaders  unter
ihrem  Führer,  Vizeadmiral  Behncke  in  den  Moon.
sund  ein,  kämpften  die  Batterien  nieder  und  vernichlteten
  das  russische  Linienschiff  =  Stawa-.  Als  in  der
Nacht  vom  17.  zum  18.  Oklober  unsere  Radfahrertruppen
  nach  Moon  übersetzten,  war  auch  diese  Insel
von  unseren  Seestreitkräften  umstellt,  die  russische  Besatzungstruppe
  abgeschnitten.  Die  Besetzung  Dagös
ersolgte  am  18.  und  19.  Oktober,  nachdem  vorher  das
Landungskorps  der  Suchslottille  an  der  Südspitze
einen  Brückenkopf  genommen  hatte.  Den  übrigen  im
Moonsund  liegenden  russischen  Seestreitkcäften  den
Weg  nach  Norden  erfolgreich  abzuschneiden,  gelan
leider  nicht,  da  das  Minensuchen  nördlich  von  Dag
durch  schlechtes  Wetlier  aufgehalten  worden  war.  Nur
»U.  C.  58  erzielte  einen  Treffer  gegen  den  Panzerkreuzer
  „Bogatyr“.  »U.  C.  60=  vernichlete  einen
Transportdampfer.  Unsere  Großflugzeuge  besetzten
die  Inseln  Abro  und  Runö.

Am  19.  Okt.  war  die  Unternehmung  siegreich  beendel.
  Heer  und  Flotte  hatten  reibungslos  zusammengearbeitet.


Gefecht  bei  Helgoland  17.  Nov.  1917.

Zum  ersten  Male  seit  dem  28.  Aug.  1914  unternahm
  am  17.  Nov.  1917  ein  englischer  Kreuzerverband,
  u.  a.  eine  Division  der  neuesten  im  Kriege  gebauten
  englischen  Schlachtkreuzer,  einen  Vorstoß  in
die  Deutsche  Bucht.  Er  richtete  sich  gegen  leichte  deutsche
Streitkräfte,  die  elwa  90  Seemeilen  nordwestlich  von
Helsgoland  beim  Minensuchen  beschäftigt  waren.  Beim
Insichtkommen  der  englischen  Schisse  wichen  sie  in
südöstlicher  Richtung  auf  das  ihnen  zur  Unterstützung
  beigegebene  Linienschiffstressen  aus.  Als
dieses,  nur  zwei  Linienschiffe,  in  den  Kampf  eingriff,
drehte  der  englische  Verband,  der  sechs  Großkampf-
        <pb n="151" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Der  Seekrieg  1917/18

schiffe  zählte,  ab  und  zog  sich  zurilck.  Auf  deutscher
Seite  ging  ein  Vorpostenboot  verloren.  Auf  den
englischen  Schiffen  wurden  Tresser  beobachtet.

Bernichtung  von  Geleitzügen  in  der  Nordsee.

Am  17.  Okt.  und  12.  Dez.  1917  wurden  von  leichten
  deutschen  Streitkräften  in  der  Nordsee  zwischen
Norwegen  und  England  Geleitzüge  vernichtet,  und
zwar  am  17.  Okt.  10  Dampfer  und  die  beiden  begleilenden
  englischen  Torpedobootszerstörer-Mary  Roser
und  .Shongbar=  durch  2  deutsche  Kleine  Kreuzer,
und  am  12.  Dez.  auf  der  Höhe  von  Udsire  6  Handelsschiffe.
  4  Bewachungsfahrzeuge  und  der  englische
Zerstörer  =  Partridge-,  während  es  dem  zweiten  Zerstörer
  gelang,  schwer  beschädigt  nach  Brandesund  zu
entkommen.  Auf  deutscher  Seite  fochten  4  Torpedoboote.
  Am  gleichen  Tage  brachten  deutsche  Torpedoboote
  unter  der  englischen  Küste  vor  der  Tynemündung
  2  große  Dampfer  und  2bewaffnete  Patrouillensahrzeuge
  zum  Sinken.

III.  Greignisse  an  der  standrischen  RKüste.

Außer  einigen  kühnen  Vorstößen  unserer  Torpedoboote
  und  Motorbvote  in  den  englischen  Kanal  und
nach  den  englischen  und  französischen  Kanalhäfen,  bei
denen  der  englischen  Kanalbewachung  schwerer  Schaden
  zugefügt  wurde,  sind  die  englischen  Sperrversuche
gegen  Ostende  und  Zeebrügge  in  der  Nacht  vom  22.

um  23.April  und  am  10.  Mai  1918  erwähnenswert.
7  ist  kaum  erklärlich,  daß  bei  der  Nähe  der  engülschen
Küste  und  der  Wichtigkeit  der  flandrischen  U-Bootsstützpunkte
  solche  Sperrversuche  nicht  schon  früher  gemacht
  worden  sind.  Man  unternahm  sie  erst,  als  die
auf  die  U-Bootsstützpunkie  abzielenden  großangelegten
  Landangriffe  an  der  flandrischen  Front  mißglückt
waren.  Das  Unternehmen  am  22./23.  April  hatte
gleichzeitig  Zeebrügge  und  Ostende  zum  Ziel.  Nach
einstündiger  Beschießung  unserer  Küstenbatterien  und
dichter  Einnebelung  des  ganzen  Küstenstriches  versuchten
  unter  Mitwirkung  von  Zerstörern  und  Torpedomotorbooten
  zwei  Ausschiffe  frühere  Fährdampfer,
  in  Zeebrügge  die  alten  englischen  geschützten
Kreuzer  Iphigenias,  .  Intrepide  und  „Thetis-,  in
Ostende  die  Kreuzer  -Brillant-  und  =  Sirius=  in  den
Hafeneinfahrten  zu  versenken.  Gleichzeitig  wurde  der
Hals  der  Zeebrügger  Mole  durch  das  englische  Unterseeboot
  -C3.  zerstört,  das,  mit  Sprengstoff  gefüllt.  in
die  Luft  flog.  nachdem  es  von  seiner  Besaßung  verlassen
  war.  Darauf  versuchte  der  englische  Kreuzer
Vindictive=  an  der  Mole  anzulegen  und  diese  mit
400  Mann  zu  entern.  Das  schneidige  Unternehmen
brach  unter  dem  zusammengefaßten  Feuer  unserer
Batterien  und  zweier  an  der  Mole  liegender  Torpedoboote
  im  Nahkampfe  Mann  gegen  Mann  mit  der  Molenbesatzung
  unter  schwersten  Verlusten  für  den  Feind
zusammen.  Der  englische  Kreuzer  legte  ab  und  verschwand.
  Die  drei  mit  Zement  gefüllten  Sperrschiffe
erreichten  die  Hafeneinfahrt  und  wurden  versenkt,
sperrten  jedoch  trotz  geschicklen  seemännischen  Verfah--rens
  die  Einfahrt  nicht.  Der  Sperrversuch  qegen  Ostende
  mißlang  vollkommen.  Die  Sperrschisse=  Brillante
  u.-Sirius=  strandeten  brennend  östlich  von  der
Mole.  Die  Engländer  verloren  zwei  Torpedobootserstörer

  sowie  zahlreiche  Torpedomo“orboote  u.  hatten
schwere  Personalverluste.  Das  kühne  Unternehmen
fand  unter  Leitung  des  Vizeadmirals  Roger  Keyesstatt.

Der  zweite  Sperrversuch,  am  10.  Mai  1918,  richtete
sich  nur  gegen  Ostende.  Bessere  navigatorische  Vor-135



bereitungen  und  Hilfsmittel  brachten  den  Kreuzer
„Vindictive=  dem  Erfolge  etwas  näher.  Er  sank
außerhalb  der  Fahrrinne,  ohne  diese  zu  sperren,
außerdem  ein  Torpedomotorboot,  beide  durch  unser
Abwehrfeuer  schwer  beschädigt.  Das  zweite  Sperrschiff
  -Sappho=  drehte  im  Abwehrfeuer  ab.

Die  Ausfahrt  unserer  U-Boote  war  durch  die  Sperrversuche
  nicht  verhindert.

IV.  Greignisse  im  Mittelmeer".

In  der  Erkenntnis,  daß  ein  überraschender  Vorstoß
gegen  die  in  den  Buchten  der  Insel  Imbros  liegenden
  englischen  Seestreitkräfte  einen  guten  Erfolg  versprach,
  und  daß  es  darauf  ankam,  schwere  engkische  Seestreitkräfte
  im  Mittelmeer  zu  binden,  unternahm  die
Mittelmeerdivision  unter  ihrem  Chef,  Vizeadmiral
v.  Rebeur-Paschwitz,  am  20.  Jan.  1918  mit  dem
Panzerkreuzer  =  Sultan  Bawus  Selime  (°Goebene),
dem  geschützten  Kreuzer  -Midilli=  („Breslaue)  und
vier  stärkeren  Torpedobooten  einen  Vorstoß  in  Richtung
  des  Liegeplatzes  der  englischen  Streitkräfte  bei
Imbros.  An  der  Nordostspitze  der  Insel  wurden
nach  kurzem  Feuergefecht  die  englischen  Monitore
„Raglane  (1915  gebaut,  5000  t)  und  M  28.  (1915

ebaut,  500t)  und  ein  Transportdampfer  nach  kurzem
Feuergefecht  vernichtet  sowie  sonstiger  Schaden  verursacht.
  Auf  dem  Heimwege  lief  -Midilli=  auf  Minen
und  sank  nach  10  Minuten,  ihren  tapferen  Kommandanten,
  Kapitän  z.  S.  v.  Hippel,  und  den  größeren
Teil  der  Besatzung  mit  sich  in  die  Tiefe  ziehend.  Auch
»Sultan  Yawus  Selim  erhielt  mehrere  Minentreffer,
konnte  aber  den  Rückmarsch  fortsetzen,  ein  Zeichen  für
die  vorzügliche  Bauart  des  Schiffes.  Nachdem  es
einige  Tage  auf  Grund  gesetzt  war,  um  vorläufige
Dichtungen  vorzunehmen,  lief  es  am  27.  Jan.  wieder
in  Konslantinopel  ein.

Nach  der  am  1.  Mai  vollzogenen  Besetzung  von
Sewastopol  traf  nach  gefährlicher  Fahrt  durch  russische
  Minenfelder  am  2.  der  Panzerkreuzer  „  Sultan
Dawus  Selime  mit  dem  Kleinen  Kreuzer  =  Hamidijeund
  einigen  Torpedobooten  in  diesem  Hafen  ein  und
beteiligte  sich  an  der  Uüberwachung  und  Herstellung
der  Ordnung  auf  den  Anlagen  der  Festung.  7  ältere
Linlenschiffe,  2  geschützte  Kreuzer,  10  zerßerer  und
14U.  Boote  derrussischen  Schwarzen-Mcer-Flotte  wurden
  vorgefunden,  außerdem  noch  eine  Anzahl  von
Hilfsschiffen  und  40  Transportschiffe.  Der  kleine
türkische  Kreuzer  -Mediüdije-,  der  am  5.  April  1915
vor  Odessa  auf  eine  Mine  gelaufen  und  gesunken,
dann  aber  von  den  Russen  wieder  gehoben  war,  wurde
bei  dieser  Gelegenheit  zurlickerobert.  Die  russischen
Streitkräfte  wurden  vorläufig  in  deutsche  Verwaltung
genommen,  die  beiden  neuesten  russischen  Großkampfschiffe=
  Swobodnaja  Rossija=  (früher  =  Jekaterina  II.  «)
und  Wolja-  (früher  -Imperator  Alexander  III.)
entkamen  in  Begleitung  einiger  neuzeitiger  Zerstörer
nach  Nowo  Rossijsk.  Bei  Rückkehr  dieses  Flottenteils
nach  Sewastopol  wurde  =  Swobodnaja  Rossija=  von
einem  eigenen  Zerstörer  angegriffen  und  versenkt.
»Wolja«  erhielt  später  vorübergehend  deutsche  Besatzung.



V.  Der  Krenzerkrieg.

Der  ersten  kühnen  Kreuzerfahrt  des  Hilfskreuzers
„Möwe:  war  zu  Beginn  des  Jahres  1917  unter  der
erprobten  Führung  ihres  alten  Kommandanten,  Korvettenkapitäns
  Grafen  zu  Dohna-Schlodien,  eine

1  über  die  Kämpfe  in  der  Adria  vgl.  S.  119s#.
        <pb n="152" />
        136

zweite,  ebenso  schneidig  durchgeführte  und  wohlgelungene
  gefolgt.  Sie  erstreckte  sich  über  das  ganze  Gebiet
des  Atlantischen  Ozeans  bis  in  die  Höhe  von  Kapstadt.
Am  22.  März  1917  kehrte  die  „Möwe,  mit  einer
Beute  von  25  Schiffen  mit  insgesamt  122002  Brutto-Reg.-Ton.
  in  die  Heimat  zurück,  die  sie  in  viermonatiger
  Kreuzfahrt  vernichtet  oder  aufgebracht  hatte.
Einige  der  Schiffe  dienten  der  Heimbeförderung  der
Besatzungen  und  Reisenden.  Noch  am  10.  März  war
sie  mit  dem  stark  bewaffnetlen  englischen  Dampfer
„Otaki.  7420  Brutto-Reg.-Ton.)  in  ein  ernstes  Gefecht
  verwickelt  worden,  in  dem  sie  nicht  unerhebliche
Beschädigungen  erlitt  und  auch  einige  Leute  der
braven  Gesahung  verlor.

Ab  und  zu  waren  vom  Ausland  Nachrichten  über
ein  gebeimisvolles  Schiff,  einen  bewaffneten  Segler,
der  im  Atlantischen  Ozean  sein  Wesen  getrieben  hatte,
auch  nach  Deutschland  gelangt.  Es  handelte  sich  dabei
  um  den  Hilfskreuzer  Seeadler=  unter  Führung
des  Kapitänleutnants  Grasen  v.  Luckner.  In  verwegenen
  Fahrten  hatte  dieses  nur  1571  Tonnen  große,
mii  einem  Hilfsmotor  versehene  Schiff—  früheres  amerikanisches
  Vollschiff-Paß  of  Balmahae  —,  nachdem
es  am  21.  2  1916  Deutschland  verlassen,  bereits
nach  einem  Vierteljahr  11  Schiffe  mit  zusammen
25009  Brutto-Reg.-Ton.  vernichtet  und  die  im  ganzen
  285  Köpfe  umfassenden  Besatzungen  durch  einen
französischen  Segler  in  Brasilien  landen  lassen  Anfang
  Oktober  1917  gaben  englische  Berichte  nähere
Kunde  üÜber  das  weitere  Schicksal  des  Schiffes.  Es
war  nach  dem  Stillen  Ozean  gegangen,  um  dort  zwischen
  Australien  und  Amerika  Kreuzerkrieg  zu  führen.
Nach  Vernichtung  von  drei  amerikanischen  Seglern
lief  es  die  einsame  Insel  Mopeha  an,  um  nach  achtmonatiger
  ununterbrochener  Seefahrt  notwendige
Reparaturen  vorzunehmen.  Nach  dem  Aufschen  wurde
es  wrack.  Graf  Luckner  verließ  am  21.  Aug.  1917
mit  mehreren  Leuten  der  Besatzung  die  Insel  auf
einer  bewaffneten  Barkasse,  um  für  weitere  Unternehmungen
  ein  neues  Schiff  zu  suchen.  Dabei  wurde
er  von  australischen  Seestreitkräften  aufgespürt  und

efangengenommen.  Mehrere  verwegene  Fluchtver-Hcze
  mißglückten.  Der  Rest  der  Besatzung,  der  auf
Mopeha  zurückgeblieben  war,  bemächtigte  sich  des  französischen
  Seglers  =  Lutecee  von  120  Tonnen  und  ging
am  5  Sept.  mit  ihm  in  See,  erlitt  bei  den  Osterinseln
Schiffbruch,  setzte  dann  nach  schweren  Entbehrungen
auf  dem  chilenischen  Schoner  -Falcon=  seine  Fahrt
fort  und  wurde  schließlich  Anfang  März  1918  in
Talcahuano  (Chile)  als  schiffbrüchig  ausgenommen.

Ebenso  rätselhaft  wie  die  Nachrichten  über  den
„  Seeadler=  klangen  Meldungen  über  Schiffsverluste
unserer  Gegner  in  der  Nähe  des  Kaps  der  Guten  Hoffnung,
  bei  Ceylon,  Bombay,  Colombo  und  Aden,  die
angeblich  durch  Minen  verursacht  worden  waren.  Das
Dunkel,  das  in  der  Offentlichkeit  über  diesen  kaum  erklärlichen
  Meldungen  schwebte,  wurde  erst  gelichtet,
als  am  18.  Febr.  1918  der  deutsche  Hilfskreuzer=  Wolfglücklich
  in  die  Heimat  zurückgelangte.  Die  Fahrt
dieses  Schiffes  unter  Führung  des  Fregattenkapitäns
Karl  Augüst  Nerger  gehört  sowohl  meilitärisch  wie
seemännisch  und  menschlich  zu  den  höchsten  Leistunen,

  die  die  Geschichte  der  Schiffahrt  kennt.  Die
reuzfahrt  hatte,  am  30.  Nov.  1916  beginnend,  fast
15  Monate  gedauert.  Wenigstens  35  Handelsschiffe
von  insgesamt  mindestens  210000  Brutto-Reg.=Ton.
  waren  dem  =  Wolf“  zum  Opfer  gefallen,  außerdem
  waren  einer  der  neuesten  japanischen  Panzer-I.

  Kriegsgeschichte

kreuzer  -Haruna=  und  ein  anderes  feindliches  Kriegs.
schiff  durch  Minen  schwer  beschädigt  worden.  =  Wolf.
hatte  am  10.  Dez,  den  freien  Ozean  erreicht  und  bereits
  am  16.  Jan.  1917  vor  südafrikanischen  Häfen
die  ersten  Minen  gelegt.  Dann  wandie  es  sich  nach
dem  Indischen  Ozean  und  legte  vor  Ceylon,  Colombo
und  Bombay  Minensperren.  Darauf  setzte  er  seine
Reise  durch  die  Südsee  südlich  von  Neuseeland  bei
den  Antipoden,  Bounty=  und  Cook-Inseln  vorbei
nach  den  Sonntags-Inseln  fort,  wo  er  am  22.  Mai
“v“  Ausbesserungen  vor  Anker  ging.  Dann  führte
hn  seine  Fahrt  über  die  Fidschi--,  Salomon-Inseln,
Neuguinea,  vor  die  Einfahrt  von  Singapore,  die  er
mit  Minen  verseuchte,  weiter  über  Colombo  nach
Madagaskar  und  Mauritius,  von  wo  er  die  Heimfahrt
  um  Südafrika  herum  und  an  Trinidad  vorbei
antrat.  Der  von  „Wolf=  unterwegs  ausgerichtete
Hilfskreuzer  =  Iltis=  wurde  in  der  Höhe  von  Perim
nach  Zusammentreffen  mit  englischen  Streitkräften
durch  seine  Besatzung  gesprengt.

Den  außerdem  noch  in  Dienst  gestellten  Hilfskreuzern
  -Greif=  und  -Leopard=  (der  frühere  Dampfer
»Varrowdale.·)  war  das  Glück  nicht  hold.  „Greifwurde
  am  29.  Fedruar  1916  in  ein  Gefecht  verwickelt
und  versenkt.  „Leoparde  ereilte  in  der  nördlichen
Nordsee  am  16.  März  1917  das  gleiche  Schicksal.  Ihre
beiden  Kommandanten,  Kapitän  z.  S.  Tietze  und
Korvettenkapitän  v.  Laffert,  starben  den  Heldenkod.

Kücholim.

Die  Teilnahme  Englands  am  Kriege  stellte  die
militärische  Leitung  vor  die  Frage,  ob  eine  Entscheidung
  auf  dem  Lande  allein  erkämpft  werden  könne
oder  ob  die  Mittel  des  Seekrieges  hierfür  unentbehrlich
  seien.  Die  deutsche  Flotte  war  gegenüber  dem
Zusammenschluß  aller  größeren  Seemächte  der  Welt
nicht  imstande,  der  überseezufuhr  nach  Deutschland  die
Wege  offenzuhalten.  Sie  besaß  die  eine  längere  Kriegführung
  ermöglichende  Seeherrschaft  in  der  Ostsee
und  in  der  Deutschen  Bucht  der  Nordsee.  Die  Ozeane
aber  waren  ihr  durch  die  vereinigten  Hochseeflotten  der
Feinde  verschlossen.  Deutschland  verfügte  nach  den  zu
Kriegsbeginn  vorliegenden  Erfahrungen  über  kein
Mittel,  dem  feindlichen  Seehandel  entschieden  Abbruch
  zu  tun.  Die  deutschen  Auslandskreuzer  und
Hilfskreuzer  vermochten  ohne  jeden  Stützpunkt  in  den
Weltmeeren  nur  eine  Zeitlang  und  später  vorübergehend
  in  ktodesmutigen  Fahrten  das  Feld  zu  behaupten.
  Dagegen  bestand  am  Anfang  unter  gewissen  Voraussetzungen
  Aussicht  für  das  deutsche  Heer,  den  Krieg
erfolgreich  zu  beenden.  Englands  Seeherrschaft  war
indessen  auf  dem  Festlande  nicht  zu  brechen.  Die  deutsche
Flotte  häite  gegen  sie  angesetzt  werden  müssen  zu
einem  Zeitpunkt,  an  dem  das  Siärkeverhältnis  der
deutschen  Schlachtflotte  zur  englischen  das  günstigste
war,  d.  h.  Herbst  1914.  Erst  die  militärischen  Erfahrungen
  des  Krieges  zeigten,  daß  man  im  U-Boot
ein  Mittel  in  der  Hand  hatte,  mit  dem  man  zwarnicht  die
Freiheit  des  Meeres  für  den  eigenen  Überseehandel  erkämpfen,
  wohl  aber  einen  unter  Umständen  entscheidenden
  Schlaggegen  diefeindlichen  UÜberseezufuhren  führen
konnte.  Die  Eigenart  des  U-Bootes  als  Kriegsmittel
bedingte  für  die  volle  Auswertung  aller  in  ihm  ruhenden
  Kräfte  seine  uneingeschränkte  Berwendung  und
damit  eine  sehr  ungebundene  Form  der  Seehandelskriegführung.
  Diese  aber  war  durch  politische  Bedenken
  gehemmt.  Nur  wenn  man  über  sie  hinwegging,
  war  die  Möglichkeit  gegeben,  das  U.  Boot  als
        <pb n="153" />
        Der  militärische  Verlauf  des  Krieges:  Der  Seekrieg  1917/18

entscheidendes  Kriegsmittel  einzusetzen.  Der  U-Bootkrieg
  in  eingeschränkter  Form  blieb  mehr
oder  minder  ein  Mittel  der  Unterstützung,  der  Aushilse.
  Die  Frage,  ob  man  zu  dieser  Aushilfe  greifen
müsse.  tauchte  bereits  im  Herbst  1914  auf,  als  nach
dem  Stillstand  unserer  Offensive  in  Frankreich  die
Hoffnung,  den  Krieg  mit  einem  kurzen  Schlage  zu
beenden,  geschwunden  war.  England  traf  unter  Lord
Kücheners  Leitung  energische  und  großzügige  Vorbereitungen
  zur  Aufstellung  eines  Millionenheeres.
Dieses  konnte  vor  1916  nicht  in  Frankreich  versammelt
  sein.  Unterdessen  bot  sich  der  deutschen  Kriegsleitung
  die  Aussicht,  durch  Zusammenfassung  aller
Kräfte  des  Landheeres  zu  einer  großangelegten  Offensive
  Leen  Rußland,  dieses  niederzuwerfen  und  so
den  Krieg  vor  Bereitstellung  des  englischen  Heeres  an
der  Westfront  im  Osten  zu  Ende  zu  führen.

Der  im  Februar  1915  einsetzende  U.  Bootkrieg  nur
gegen  feindliche  Handelsschiffe  und  schließlich  nur
gegen  Fracht  dampfer  war  mit  diesen  durch  die  politische
  Leitung  sofort  nach  seinem  Einsetzen  geforderten
Einschränkungen  zur  Aussichtslosigkeit  verurteilt.  Eine
Drohung  der  Bereinigten  Staaten  bereitete  ihm  bereits
  im  Juni  1915  nach  dem  Lusitania-Zwischenfall.
ein  frühes  Ende.  Kurze  Perioden  seines  Wiederauflebens
  im  Frühjahr  und  Herbst  1916  änderten  an
seinem  Charakter  nichts.  Er  scheiterte  teils  an  der
Haltung  der  Bereinigten  Staaten,  also  an  politischen
Rücksichten,  teils  in  Einer  Form  als  Kreuzerkrieg  an
der  Unmöglichkeit,  ihn  gegen  die  verschärften  Gegenmaßnahmen
  des  Feindes  unter  erträglichen  eigenen
Verlusten  weiterzuführen.  Bei  unserer  politischen  Stellungnahme
  war  nicht  zu  erwarten,  daß  der  U-Bootin

  aussichtsreicher,  d.  h.  uneingeschränkter  Form
jemals  Wirklichkeit  werden  würde.  Diese  Sachlage
mußte  auf  die  Frage  der  Vorbereitungen  zu  seiner
Führung  selbstverständlich  zurückwirken.  Eine  wirklich
ins  Gemwicht  fallende  Vermehrung  der  U-Bootbauten
war  wegen  der  erforderlichen  Arbeitskräfte  nur  unter
erheblichen  Opfern  des  Heeres  zu  leisten,  die  dessen
Handlungsfreiheit  berührten.

Als  sich  die  auf  die  große  im  Mai  1915  begonnene
deutsch-österreichische  Offensive  gegen  Rußland  gesetzten
  Hoffnungen  nicht  erfüllten,  indem  ihr  Erfolg  nicht
kriegsentscheidend  war,  eröffnete  sich  für  Deutschland
die  hoffnungslose  Aussicht  eines  Erschöpfungskrieges.
Es  war  zweifelhaft  geworden,  ob  die  Mittel  der  Landkriegführung
  gegen  den  durch  das  enlische  Heer  verstärkten
  Feind  zur  Erringung  eines  baldigen  durchschlagenden
  Enderfolges  noch  als  ausreichend  gelten.
konnten.  Mit  diesem  Augenblick  war  die  Regierung
vor  die  Wahl  der  Annahme  des  uneingeschränkten
  UBootkrieges  als  einer  letzten  militärischen
Reserve  oder  aber  der  Anbahnung  eines  Friedens  gestellt.
  Der  uneingeschränkte  U-Bootkrieg  wurde  auf
Grund  der  herrschenden  politischen  Auffassung  der
Lage  abgelehnt.  Diese  ging  dahin,  daß  der  zu  erwartenden
  Kriegserklärung  der  Vereinigten  Staaten  diejenige
  der  europäischen  kontinentalen  Grenznachbarn
Deutschlands  folgen  werde.  Deren  Eintritt  in  die  Reihe
unserer  Feinde  würde  aber  die  deuische  Heeresleitung
vor  Aufgaben  gestellt  haben,  die  sie  mit  den  ihr  zur
Verfügung  stehenden  Kräften  nicht  hätte  lösen  können.
Daß  die  politischen  Schlußfolgerungen  zum  Teil  fehlgingen,
  daß  die  Haltung  der  europäischen  Neutralen
nur  durch  die  europäische  Lage  bestimmt  wurde,  zeigte
sich  ein  Jahr  später.  Die  UBootzahl  hätte  bei  der
Anfang  1916  noch  geringen  Gegenwirkung  und  der

137

infolgedessen  vorliegenden  Möglichkeit,  den  Krieg  nicht
nur  ulit  dem  Torpedo,  sondern  auch  mit  dem  Geschütz
zu  führen,  zur  Sicherstellung  eines  etwa  gleichen
onats-Versenkungsergebnisses,  wie  es  1917  erreicht
wurde,  zum  mindesten  aber  von  600000  Brutto-Reg.=Ton.
  ausgereicht.  Als  die  in  der  U.Bootkriegsfrage
getroffene  Entscheidung  ablehnend  ausfiel,  trat  Großadmiral
  v.  Tirpitz  von  seinem  Posten  zurück.

Der  glückliche  Uusgang  des  rumänischen  Feldzuges
änderte  an  den  Aussichten  für  den  Kriegsausgang
nichts,  wenn  er  auch  die  Bedenken  der  Rücksichtnahme
auf  die  europäischen  Neutralen  erheblich  verminderte.
Nachdem  das  deutsche  Friedensungebot  der  Mittelmächte
  vom  12.  Dez.  1916  bei  den  Gegnern  auf
schroffe  Ablehnung  gestoßen  war,  und  ihre  Haltung
einen  ausgesprochenen  Sieges=  und  Vernichtungswillen
  deutlich  hatte  erkennen  lassen,  entschloß  sich  die
Reichsleitung  zur  Anwendung  des  letzien  ihr  verbleibenden
  mililärischen  Machtmittels,  zur  Annahme  des
uneingeschränkten  U-Bootkrieges.  Dieser  aber  brauchte
Zeit,  um  zu  wirken.  Ein  kostbares  Jahr  war  verloren.

Der  1.  Febr.  1917  seellte  die  Kriegsentscheidung  auf
die  Offensive  zur  See  und  veränderte  damit  die  militärische
  Grundlage  des  Krieges.  Diejenigen,  die  unberechtigterweise
  an  eine  kurzfristige  entscheidende  Wirkung
  des  U-Bootkrieges  geglaubt  hatten,  sahen  sich
Fetäuscht.  Gleichwohl  wird  auch  von  maßgebender

telle  des  Gegners  bezeugt,  daß  er  1917/18  die  Niederlage
  auf  einem  schmalen  Wege  umging.

ur  einen  Monat  nach  Einleilung  des  uneingeschruntten
  U-Bootkrieges,  im  März  1917,  trat  mit
em  Ausbruch  der  russischen  Revolution  ein  Ereignis
ein,  das  für  die  Gestaltung  der  allgemcinen  militärischen
  Lage  eine  grundlegende  Anderung  voraussehen
ließ,  und  das  wohl  auf  die  im  Januar  gefaßten  Entschlüsse
  maßgebend  eingewirkt  hätte,  wenn  Zeichen
seines  Nahens  nur  um  ein  weniges  früher  aufgetreten
wären.  Freilich  ließ  zu  Anfang  die  Entwicklung  der
Dinge  in  Rußland  noch  kein  klares  Urteil  über  ihren
weiteren  Verlauf  zu.  Bom  Augenblick  des  großen
Szenenwechsels  bis  zu  dem  seiner  militärischen  tatsächlichen
  Auswertung  verging  noch  ein  volles  Jahr.

Die  durch  das  Freiwerden  der  Kampftruppen  des
Ostheeres  neubelebte  Hoffnung.  im  Westen  entscheidend
  auftreten  zu  können,  ließ  die  Landkriegführung
ihre  frühere  Slellung  wieder  einnehmen.  Dem  U-Bootkrieg
  mußten  damit  Kräfle  vorenthalten  bleiben,
die  er,  insbes.  im  Hinblick  auf  einen  ausreichenden
U-Bootbau,  durchaus  benötigt  hätte,  um  seine  Wirkungen
  auf  ausschlaggebender  Höhe  zu  halten.  Einer
päteren  Kritik  muß  es  vorbehalten  bleiben,  zu  prülen,

  ob  ein  solcher  Wechsel  in  der  Zuweisung  der
entscheidenden  Rolle  in  diesem  Stadium  des  Krieges
richtig  war.  Unsere  mit  großen  Mitteln  am  21.  März
1918  begonnene  Offensive  an  der  Westfront  und  ihre
Fortsetzung  im  Laufe  des  Sommers,  geriet  im  Juli
unter  beginnenden  Anzeichen  einer  inneren  Zersetzung
der  Truppe  ins  Stocken.  Das  aus  gleichen  Ursachen
sich  erklärende  Versagen  einzelner  Truppenteile  verschaffte
  der  im  Juli  einsetzenden  Gegenoffensive  des
Feindes,  der  mit  ungeheuren  Mitteln  und  infolge
der  amerikanischen  Truppenverschiffungen  mit  unerwartet
  starken  Kräften  auftrat,  erhebliche  Erfolge.
Die  Absicht,  das  Heer  in  günstige  Verteidigungsstellungen
  zurückzunehmen  und  den  U-Bootkrieg  durch
Hebung  der  U-Bootbautätigkeit  zu  wesentlich  höherer
Wirkung  zu  steigern,  scheiterte  an  dem  sich  schnell  vollziehenden
  Verfall  der  inneren  Kräfte  des  deutschen
        <pb n="154" />
        138

Volkes.  Der  vollkommene  Zusammenbruch  in  der
Nevolution  nahm  der  Kriegsleitung  die  Möglichkeit,
durch  hinhaltenden  militärischen  Widerstand  zu  Lande
und  Verstärkung  der  U  Bootkriegwirkung  wenigstens
die  schwersten  Folgen  der  Niederlage  abzuwenden.
Die  politischen  Voraussetzungen  des  Krieges,  der
in  einer  für  Deutschland  denkbar  unglücklichen  außenpolitischen
  Gruppierung  begann  stellte  die  militärische
Führung  von  vornherein  vor  kaum  zu  lösende  Aufgaben.
  Die  Teilnahme  Englands,  das  im  feindlichen
Verband  den  politischen  Entschluß  zum  Kriege  ausschlaggebend
  beeinflußt  hatte,  ließ  nach  geschichtlichen
überlieferungen  und  den  von  der  englischen  Politik
angestrebten  Zielen  eine  Methode  der  Kriegführung
erwarten,  die  die  Entscheidung  nicht  in  ritterlicher
Auffassung  auf  dic  rein  melilärische  Auseinandersetzung
  der  gegnerischen  Heere,  sondern  auf  eine  Bekämpfung
  des  gegnerischen  Volkstums,  auf  eine  Vernichtung
  seiner  wirtschaftlichen,  physischen  und  moralischen
  Kräfte  stellte.  Den  in  dieser  Kampfesweise
angewandten  wirtschaftlichen  und  politischen  Kampfmitteln,
  der  Aushungerung  und  der  Umsturzpropaanda,
  die  das  deulsche  Volk  an  seinen  verwundbarlen
  Stellen  trasen,  ferner  der  Ungunst  der  geographischen
  Lage  und  der  rohen  überlegenheit  der  8
und  der  Mastzinen  ist  Deutschland,  sind  seine  Bundesgenossen

  schließlich  erlegen,  nicht  der  höheren  Feldherrenkunst

  oder  der  größeren  soldatischen  Tüchtigkeit
der  Feinde.  Die  englische  Flotte  errang  einen  billigen,
nicht  einen  ruhmvollen  Sieg.  Ihr  Führer,  Admiral
Jellicoe,  erhielt  nach  dem  Kriege  den  Beinamen  nicht
nach  einer  siegreichen  Schlacht,  wie  Nelson  und  Jervis,
  sondern  den  eines  Viscount  of  Scapa,  des  Liegehafens,
  der  Etappe  der  englischen  Flotte  auf  den  Ork-Die

  Friedensschlüsse  des  Weltkrieges
von  Dr.  Johannes  Hohlfeld  in  Leipzig

Durch  den  Londoner  Vertrag  vom  5.  Sept.  1914  verpflichteten
  sich  England,  Frankreich  und  Rußland
gegenseitig,  keinen  Sonderfrieden  zu  schließen  und  sich
in  keine  Sonderverhandlungen  mit  dem  Gegner  einzulassen.
  Dieser  Vertrag,  dem  die  sämtlichen  alliierten
und  assoziierten  Regierungen  später  beitraten,  ist  das
entscheidende  Hindernis  für  eine  rechtzeitige  Beendigung
  des  Krieges  gewesen,  indem  er  jede  ernste
Fühlungnahme  zwischen  den  Parteien  unmöglich
machte.  Er  legte  den  Alliierten  die  Verpflichtung
zum  Ausharren  bis  zum  endgülligen  Sieg  auf,  da
anders  die  in  gegenseitigen  Verträgen  garantierten
Kriegsziele  nicht  zu  erreichen  waren.  Jeder  Versuch
eines  Verbündeten  (wie  eiwa  Montenegros  im  Jan.
1916),  durch  Anstreben  eines  Sonderfriedens  wider
den  Stachel  dieses  Vertrages  zu  löken,  wurde  niedergeschlagen,
  jeder  ehrliche  Versuch  Neutraler,  den  Fricden
  zu  vermitteln,  oder  jedes  Angebot  des  Gegners
wurden  als  Friedeneintrige,  als  Versuch  zu  Sonderverhandlungen
  verdächtigt  und  dadurch  vereitelt.

1.  Die  Friedensschlüsse  zu  Brest  Litowst.
Am  28.  Nov.  1917  lud  der  Volkskommissar  für  Auswärtiges
  der  russ.  Howietregierung.  Trotzki,  durch
Funkspruch  die  Völker  der  Kriegführenden  zu
Verhandlungen  über  einen  Waffenstillstand  und  allgemeinen
  Frieden  auf  der  Grundlage  Friede  ohne
Entschädigung  und  Annexionen  und  auf  Grund  des

I.  Kriegsgeschichte

ney  Inseln,  wo  sie  in  untältig  abwartender  Haltung
die  linsste  Zeit  während  des  Krieges  gelegen  hatte.

Die  deutsche  Hochseeflotte  hat  sich,  soweit  ihr  die
Gelegenheit  gegeben  wurde,  ehrenhaft  und  gegen  vielfache
  übermacht  mit  Erfolg  geschlagen.  Während  sie
bis  Ende  des  Jahres  1916  in  Erfüllung  des  in  ihr
ruhenden  militärischen  Selbstzwecks  zu  selbständigen
großen  Unternehmungen  angesetzt  wurde,  mußte  sie
vom  Februar  1917  ab  vollkommen  in  den  Dienst  der
zur  Zeit  wichtigsten  Aufgabe,  des  uneingeschränkten
U-Boothandelskrieges,  gestellt  werden.  Nicht  nur.
daß  ihr  zu  rein  militärischen  Operationen  die  unentbehrliche
  Mithilfe  der  jetzt  im  Handelskrieg  benötigten
U  Boote  fehlte,  ihre  Schwächung  hätte  eine  Gefährdung
  des  U-Bootkrieges  bedeulet.  Sie  mußte  die
U.  Bootstltzpunkte  vor  Angriffen  schützen  und  dem
U.  Boot  die  Wege  durch  die  Feindachen  Sperren  in  der
Nord-  und  Ostsee  offenhalten.  Schließlich  diente  sie
der  U-Bootflolte  als  Ergänzungsformation  ihres
Mannschafis-,  vor  allem  ihres  Offiziersbestandes.  Als
sie  nach  dem  Aufhören  des  U-Bootkrieges  kurz  vor
Abschluß  des  Waffenstillstandes  noch  einmal  zu  einem
sicheren  Schlage  angesetzt  werden  sollte,  um  den  rechten
Flügel  unseres  zurückgehenden  Heeres  zu  decken,  verweigerte
  ein  Teil  der  Mannschaften  den  Dienst.

Unsere  Auslandskreuzer  haben  trotz  ihrer  auf  die
Dauer  aussichtslosen  Lage  bis  zum  bitteren  Ende
todesmutig  gekämpft  und  dem  Feinde  schweren  Schaden
  zugefügt.  Der  I.  Bootkrieg  wurde  durch  den
Wassenstillstand  unentschieden  abgebrochen.

Im  allgemeinen  haben  sich  Material  und  Personal
unserer  Marine  dem  der  Feinde  als  überlegen  erwiesen.
  Unsere  Flotte  ist  militärisch  undesiegt  geblieben,
  bis  sie  durch  Deutsche  besiegt  wurde.

Selbstbestimmungsrechts  der  Bölker“  ein.  Bereits
tags  darauf  nahm  der  deutsche  Reichskanzler  Graf
Hertling  im  Reichstag  diese  Formel  als  geeignete
Grundlage  zu  Friedensverhandlungen  an:  Österreich-Ungarn
  erflärte  sie  in  einer  Antwortnote  als  diskutable
  Grundlage,  nur  lehnte  der  österr.  Ministerpräsident
  Seidler  die  Anwendung  des  Selbstbestimmungsrechts
  der  Völker  auf  Osterreich  ab.  Bulgarien
hatte  nach  den  Feldzügen  in  Serbien  und  Rumänien
alle  seine  nationalen  Ziele  erreicht,  es  konnte  darum
durch  den  Ministerpräsidenten  am  1.  Dez.  in  der  Sobranje
  die  Annahme  des  Angebots  erklären.  Endlich
  stimmte  am  6.  Dez.  auch  der  türk.  Außenminister
Messimi  Bei  in  der  Abgeordnetenkammer  den  russischen
  Vorschlägen  zu.

Nochwährenddieses  Gedankenaustausches  gelangten
die  bereits  am  26.  Nov.  durch  den  Volksbeauftragten
Krylenko  eingeleiteten  Waffenstillstandsverhandlun
gen  zum  Abschluß;  am  5.  Dez.  wurde  in  Brest  Litowsk
ein  vom  7.—17.  Dez.  12  Uhr  mittags  laufender  Wassenstillstand
  unterzeichnet.  Nachdem  Rußland  nochmals
die  Entente  vergebens  zur  Teilnahme  an  den  Verhandlungen
  eingeladen  hatte,  wurde  am  15.  Dez.  in
Brest  Litowst  der  endgültige  Waffenstillstandsvertrag,
zunächst  auf  die  Zeit  vom  17.  Dez.  1917  bis  14.  Jan.
1918  mittags  12  Uhr,  mit  siebentägiger  Kündigungsfrist
  vom  21.  Tage  ab,  abgeschloßeen=  ohne  sonstige
Bedingungen  für  Rußland.  Ein  Zusatzvertrag  regelte
die  sofortige  Inangriffnahme  des  Austausches  der
Zivilgefangenen  und  der  dienstuntauglichen  Kriegsgefangenen.
        <pb n="155" />
        Hohlfeld:  Die  Friedensschlüsse  des  Weltkrieges

Am  22.  Dez.  eröffnete  Prinz  Leopold  von  Bayern
in  Brest  Litowit  die  offiziellen  Friedensverhandlungen.
Der  russ.  Delegierte  Joffe  entwickelte  das  russische
Programm  in  6  Punkten:  1)  Keine  Annecxionen,
2)  BWiederherstellung  der  beiderseitigen  unverletzlichen
Unabhängigkeit,  3)  Selbstbestimmungsrecht,  auch  der
vorm  Kriege  nicht  selbständigen  Völker,  4)  Schutz  der
Minderheiten,  5)  keine  Kriegsentschädigungen,  6)  Anwendung
  der  Grundsätze  1  4  auf  die  kolonialen
Fragen;  keine  wirtschaftliche  Vergewaltigung.  Namens
  der  Verbündeten  nahm  Graf  Czernin  am  25.
Dez.  diese  Vorschläge  nochmals  als  Grundlage  an,
jedoch  sollte  diese  Annahme  den  übrigen  Kriegführenden
  gegenüber  nicht  einseitig  für  unbeschränkte  Zeit
verpflichtend  sein.  Punkt  3  und  4  zum  Gegenstand
der  Verhandlungen  zu  machen,  lehnten  die  Mittelmächte,
  als  innerhalb  des  Selbstbestimmungsrechts
der  Völker  liegend,  ab.  Zu  Punkt  5  wünschten  sie
den  Verzicht  auf  Erstattung  der  Kriegskosten  auch  auf
die  Kriegsschäden  ausgedehnt.  Zu  Punkt  6  lehnten
sie  die  Ausdehnung  des  Selbstbestimmungörechts  der
Völker  auf  die  deutschen  Kolonien  ab.  Trotz  der  bestehenden
  Meinungsverschiedenheiten  im  einzelnen
erklärte  die  russ.  Delegation  darauf,  daß  sie  die  Möglichkeit
  zu  allgemeinen  Friedensverhandlungen  für  gekommen
  erachte  und  deshalb  eine  Unterbrechung  der
Berhandlungen  bis  4.  Jan.  1918  vorschlage.  Die
Verhandlungen  über  diejenigen  Punkte,  die  nur  Rustland
  und  die  verbündeten  Mächie  berührten,  wurden
unterdessen  weitergeführt  und  bis  zum  28.  Dez.
dahin  erledigt,  daß  eine  Einigung  über  die  Wiederherstellung
  des  Vertragszustandes  sowie  die  Freilassung
und  Heimbeförderung  der  Gefangenen  erzielt  wurde.
Bezchlich  der  besetzten  Gebiete  verlangte  Rußland  gegenseitige
  Räumung,  während  Deutschland  diese  nicht
auf  die  wegen  des  Selbstbestimmungsrechts  u.  der  bereits
  vorliegenden  Beschlüsse  der  Fremdvölker  von  Rußland
  abzutrennenden  Gebiete  ausgedehnt  wissen  wollte.

Die  Lage  veränderte  sich  jetzt  ganz  plötzlich  dadurch
ungönstig.  daß  die  russ.  Regierung,  entgegen  der
bindenden  Abrede  zur  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen
  am  4.  Jan.  1918  in  Brest  Litowsk,  am  2.  Jan.
1918  die  Verlegung  der  Verhandlungen  nach  Slockolm

  vorschlug  und  zugleich  erklärte,  die  deutschen
envorschläge  vom  25.  Dez.  liefen  dem  Selbstbestimmungsrecht
  der  Völker  zuwider.  Graf  Hertling  lehnte
die  Verlegung  im  Reichstag  am  4.  Jan.  ab.  Eine
Funkspruchnote  des  Vierbundes  vom  5.  Jan.  stellte
den  Ablauf  der  zehntägigen  Frist  für  den  Beitritt  der
Ententestaaten  zuden  Verhandlungen  sest.  Die  geschäftige
  Hast,  mit  der  diese  Feststellung  erfolgte,  legte  den
Verdacht  nahe,  daß  den  Vierbundmächten  die  Ausschließung
  allgemeiner  Friedensverhandlungen  in  diesem
  Augenblick  willkommen  war,  und  in  der  Tat  hat
Graf  Czernin  später  diesen  Verdacht  gegen  die  deutsche
Oberste  Heeresleitung  ausgesprochen.  Jedenfalls
wurden  unmittelbar  darauf  in  Beantwortung  der  rufsischen
  Einladung  zu  allgemeinen  Friedensverhandlungen
  die  feindlichen  Kriegsziele  in  einer  ganzen
Reihe  hochoffizieller  Staatsmännerreden  enthüllt,
von  denen  die  Wilsons  mit  den  14  Punkten  (vyl.
S.  360)  die  größte  Bedeutung  erlangle.  Diese  14
Punkke  nahm  Graf  Hertling  unter  Ablehnung  von
Einzelheiten  am  24.  Jan.  1918  im  Reichstag  an,
Graf  Czernin,  der  sie  ein  Friedensangebot  nannte,
am  selben  Tage  in  der  österr.  Delegation.  Wilson
fühlte  sich  dadurch  ermuligt,  in  einer  Botschaft  an
den  Kongreß  vom  11.  Febr.  in  weiteren  vier  Punkten

139

die  Grundsätze  für  die  Verhandlungen  darzulegen,  die
wiederum  Hertling  am  25.  Febr.  annahm.  Aber
hierauf  erfolgte  keine  Antwort  mehr:  nicht  umsonst
hatte  Wilson  im  6.  seiner  14  Punkte  ausgeführt,  "6P4
die  Behandlung  Rußlands  in  den  kommenden  Wochen
eine  klare  Probe  auf  den  guten  Willen  und  das  Verständnis
  der  Mittelmächte  für  Rußlands  Nöte  zum
Unterschied  von  den  eignen  Interessen  sein  werde;
der  Geist,  in  dem  die  Verhandlungen  in  Brest  Litowst
gesührt  wurden,  und  ihr  Ergebnis  im  Brest  Litowsker
Friedensvertrag  ließen  ihn  zu  der  Ansicht  kommen,
daß  Deutschlands  Gewalthaber  nicht  nach  der  Gerechtigkeit,
  sondern  nach  der  Alleinherrschaft  strebtene,
daß  darum  Gewalt  bis  zum  Ausizersten  diese  selbstsüchtige
  Herrschaft  in  den  Staub  schmettern  müsse.
Damit  war  die  Hoffnung,  die  sich  an  die  Brest  Lltowsker
  Verhandlungen  lie  einen  allgemeinen  Frieden
  anknüpften,  endgültig  dahin.

Nach  Wiederaufnahme  er  Verhandlungen  in  Brest
Litowsk  am  9.  Jan.  erklärteder  deutsche  Staatssekretär
des  Auswärtigen,  v.  Kühlmann,  für  die  Vierbundmächte,
  daß  die  einseitige  Bindung  durch  die  Erklärungen
  vom  25.  Dez.  nfolge  Schweigens  der  Ententemächte
  hinfällig  geworden  sei.  Dorauf  nahm
Trotzki,  der  jetzt  selbst  die  russ.  Delegation  führte,  die
Forderung,  in  Brest  Litowsk  zu  bleiben,  am  10.  Jan.
an:  auf  einen  Sonderfrieden  mit  Rußland  beschränkt,
wandten  sich  die  Verhandlungen  nunmehr  den  Kommissionsberatungen
  üÜüber  die  besetzten  Gebiete  zu,  in
denen  bezüglich  der  Räumung  und  der  Abstimmungsmodalitäten
  ein  Überbrickbarer  Gegensatz  hervortrat.
Trotkis  Abreise  nach  Petersburg  brachte  eine  neue
Unterbrechung  der  Verhandlungen  vom  18.—31.  Jan.
Dann  wurde  bis  zum  9.  Febr.  ohne  irgendrine  Aussicht,
  zu  einer  gemeinsamen  Grundlage  zu  gelangen,
weiterverhandelt.  Am  10.  Febr.  fragte  v.  Kühlmann
formell  an,  ob  Trotzki  noch  -irgendwelche  Milteilungen
  zu  machen  habe,  die  zu  einer  befriedigenden  Lösung

eitragen  könnten-,  worauf  dieser  sofort  erwiderte,
Rußland  gebe  den  Krieg  auf  und  benachrichtige  hiervon
  alle  Bölker  und  ihre  Regierungen.  Er  gebe  Befehl
  zur  vollständigen  Demobilisierung  aller  Armeen.
Seine  Regierung  lehne  es  aber  ab,  die  deutsch-österr.=ungar.
  Bedingungen  zu  sanklionieren,  sie  verzichte  auf
die  Unterzeichnungeines  Friedensvertrags.  Kühlmann
erwiderte,  daß  mit  dem  Nichtzustandekommen  des
Friedens  der  Waffenstillstand  hinfällig  werde,  also  der
Kriegszustand  wieder  einträte.  Tropzki  lehnte  es  ab,
am  nächsten  Tage  eine  Antwort  der  Vierbundmächte
überhaupt  nochentgegenzunehmen,  undreiste  ab.  Nach
Ablauf  der  Kündigungsfrist  begannen  die  Feindseligkeiten
  am  18.  Febr.  mittags  12  Uhr  aufs  neue.

Es  war  bis  dahin  aber  doch  wenigstens  zu  einem
Abschluß  des  Friedens  mit  der  Ukraine  gekommen.
  Nachdem  die  ukrainische  Regierung  am  28.  Dez.
1917  den  deutsch  russ.  Waffenstillstand  anerkannthatte,
wurden  nach  Eintreffen  einer  ukrainischen  Delegation
unter  Führung  des  Staatssekrelärs  Holubowyist  (ab
1.  Febr.:  Sewrjul)  vorläusige  hersandlung  aufgenommen.
  Holubowytsch  bekannte  sich  am  10.  Jan.
1918  in  einer  Vollsitzung  der  Friedenskonferenz  zu
dem  Grundsatze  eines  demokratischen  Friedens  ohne
Annexionen  und  Enischädigungen,  worauf  Trotzki  die
ukrainische  Kommission  anerkannte;  namens  der  Verbündeten
  tat  Graf  Czernin  am  12.  Jan.  das  gleiche.
Bereits  am  20.  Jan.  war  über  die  Gundlagen  eines
abzuschsiesenden  Friedensvertrags  volle  Einigung
erzielt,  so  daß  die  Bevollmächtigten  zur  Berichterstat-
        <pb n="156" />
        140

tung  abreisen  konnten.  Da  trat  Joffe  plötzlich  am
28.  Jan.  brieflich  mit  der  Forderung  hervor,  an  Stelle
der  Abgeordneten  der  ukrain.  Nationalregierung  die
Abgeordneten  der  ukrain.  Sowjetregierung  im  Rahmen
  der  russ.  Delegation  als  bevollmächtigte  und  berechtigte
  Vertreter  der  Ukraine  anzusehen;  Trotzki
wiederholte  am  30.  Jan.  mündlich  das  Ansinnen,  doch
wies  dies  Graf  Czernin  für  die  Verbündeten  zurück.
Die  Verhandlungen  wurden  darauf  in  einer  Woche
zu  Ende  geführt  und  der  Friede  zwischen  der  Ukraine
und  dem  Bierbund  am  9.  Febr.  morgens  2  Uhr  unterzeichnet,
  am  17.  März  von  der  Rada  ratiftziert.

Die  wesentlichen  Bestimmungen  des  Vertrags  waren
bie  solgenden:  Artikel  I  stellt  die  Absicht,  künftig  in  Frieden
und  Freundschaft  zu  leben,  fest.  Art.  11  legt  die  beiderseiltigen
  Grenzen  längs  der  alten  österr.-russ.  Grenze  und  weiter
längs  der  Linie  Tarnograd-Krasnostaw-Radin-Mielniki-Krushand
  est.  Art.  III  bestimmt  die  Ränmung  der  besetzten

biete  sofort  nach  Ratifizierung  des  Vertrags,  Art.  IV.
die  Aufnahme  der  diplomatischen  und  konsularischen  Beziehungen,
  Art.  V  den  Berzicht  auf  Ersatz  der  Kriegskosten
Art.  VI  die  Freigabe  der  Kriegsgefangenen.  In  Art.  Vii
wird  die  sofortige  Wiederaujnahme  der  wirtschaftlichen  Be-Fschunger
  festgesetzt;  bis  zum  31.  Jul  1918  soll  ein  gegeneitiger
  Austausch  der  landwirtschaftlichen  und  industriellen
Produkte  statifinden.  Art.  VIII  überweist  die  Negelung  der
Rechtsbeziehungen,  der  Amnestiefrage,  der  Handelsschiffe
und  der  Kriegsgefangenen  einem  Sondervertrag,  der  einen
wesentlichen  Bestandteil  des  Hauptertrags  bilden  soll;
Art.  IX  bezeichnet  den  Vertrag  als  unteilbares  Ganzes,
Art.  X  endlich  enthält  Bestimmungen  über  die  Maßgedlichkeit
  des  Originaltextes.  Bereits  am  12.  Febr.  ließ  die  engl.
Regierung  amtlich  verkünden,  daß  sie  sich  nicht  an  den  soeben
  geschlossenen  Vertrag  gebunden  erachte.  Unbeklimmert
aber  um  diesen  Protest  stimmte  der  deutsche  Bundesrat  am
19.  Febr.  dem  Friedensvertrag  zu,  ebenso  am  22.  Febr.
der  deutsche  Reichstag.

Ein  Zusatzprotokoll  vom  4.  März  regelte  die  Einzelheiten
  der  poln.-ukrain.  Grenze.  —  Dieser  erste  Friedensvertrag
  von  Brest  Litowst  war  das  Muster  eines
auf  ehrliche  Verständigung  gerichteten  Vertrags  ohne
Entschädigungen  und  Annexionen  unter  Wahrung
des  Selbstbestimmungsrechts  der  Völker  —  nur  die
Zusprechung  des  Cholmer  Gebietes  mit  starker  poln.

evölkerung  an  die  Ukraine  war  ein  böser  Schönheitsfehler,
  der  den  Ubertritt  der  poln.  Abgeordneten
des  österr.  Neichsrats  zur  Opposition  verschuldete.
Wurde  der  Vertrag  beiderseits  ehrlich  durchgeführt,
so  konnte  er  die  Grundlage  eines  trefflichen  freundnachbarlichen
  Verhältnisses  werden,  für  Deutschland
der  heißersehnte  „Brotfriede-,  für  die  Ukraine  die
Magna  Charta  ihrer  Selbständigkeit.  Daß  es  nicht
dazu  kam,  lag  allein  an  der  Schwäche  der  ukrain.
Regierung.  Indem  sie  sich  am  16.  Febr.  genötigt
sah,  die  neuen  Freunde  gegen  die  Umtriebe  der  Roten
Garden  zu  Hilfe  zu  rufen,  zwang  sie  die  deutsche  Regierung,
  die  Durchführung  des  Friedensvertrags
selbst  in  die  Hand  zu  nehmen  und  durch  fast  völlige
Besetzung  des  Landes  sicherzustellen.  Dadurch  wurde
der  deutsche  Soldat  wider  seinen  Willen  zum  Beherrscher
  und  Bedrücker  des  Volkes,  auf  dem  nun  der  Krieg
schwer  lastete,  statt  daß  ihm  der  arlehnte  Friede  wurde.

Unterdessen  war  der  Krieg  gegen  Großrußland  wieder
  in  Gang  gekommen  und  hatte  den  Deutschen  rasche
und  große  Erfolge  gebracht.  Am  19.  Febr.  erklärte
sich  der  Rat  der  Volkskommissare  durch  Funkspruch
angesichts  der  geschaffenen  Lage  bereit,  den  Frieden
unter  den  Bedingungen  zu  unterzeichnen,  welche  von
den  Delegationen  des  Vierbundes  in  Brest  Litowsk
getelt  wurden;  die  Antwort  auf  die  deutschen  Begungen

  werde  unverzüglich  erfolgen.  Am  23.  Febr.

I.  Kriegsgeschichte

wurden  in  10  Punkten,  die  Rußland  binnen  48  Stunden
  anzunehmen  habe,  folgende  Bedingungen  dem  rusfs.
Kurier  durch  General  Hoffmann  übergeben:

1)  Künftiges  Leben  in  Friede  und  Freundschaft,  2)  das
Deutsche  Reich  und  Osterreich-Ungarn  bestimmen  im  Benehmen
  mit  deren  Bevölkerungen  das  künftige  Schicksal  der
westruss.  Randgebiete,  3)  Livland  und  Estland  werden  von
der  Roten  Garde  geräumt  und  von  deutschen  Polizeitruppen
besetzt,  4)  Rußland  schließt  Frieden  mit  der  Ukraine  und
räumt  Finnland  und  Ukralne,  5)  Nußland  siellt  die  Rückgabe
  der  ostanatolischen  Gebiete  an  die  Türkei  sicher  und
erkennt  die  schaftung  der  Kapitulationen  an,  6)  unverzüg
liche  Demobilisation  des  russ.  Heeres  und  der  russ.  Flotte;
Wiederaufnahme  der  Handelsschiffahrt,  außer  im  Schwarzen
Meer,  7)  Wiederaufnahme  der  Handelsbeziehungen,  8)  Wiederaufnahme
  der  rechtspolitischen  Beziehungen;  Ersatz  von
Zivilschüden  nach  dem  deutschen,  von  Aufwendungen  für
Kriegsgefangene  nach  dem  ruff.  Vorschlag,  9)  Einstellung
jeder  Agitation  gegen  die  verbündeten  Regierungen,  ihre
Staats=  u.  Heeresemrichtungen,  10)  Annahme  dieser  Bestimmungen
  binnen  48  Stunden,  Unterzeichnung  des  Friedens
in  Brest  Litowst  binnen  3  Tagen,  Ratifizierung  binnen  wei:
terer  2  Bochn.

Der  Rat  der  Volksbeauftragten  nahm  am  21.  Febr.
in  einer  Vollsitzung  des  ausführenden  Hauptausschusses
  mit  126  Gegen  85  Stimmen  (26  enthalten,
2  abwesend)  diese  Bedingungen  an;  darauf  wurde  am
1.  März  der  Entwurf  des  Friedensvertrags  in  Brest
Litowst  den  russ.  Brvollmächtigten  überreicht,  am
3.  März,  ohne  daß  diese  eine  Einwendung  dagegen
erhoben,  4  Uhr  nachmittags  unterzeichnet  und  am
16.  März  von  der  russ.  Regierung  ratifiziert.  Der
deutsche  Bundesrat  erteilte  am  17.,  der  Neichetagam
22.  März,  die  bolschewistische  Versammlung  in  Moskau
  (mit  453  gegen  30  Stimmen)  am  15.  Märg  ihre
Zustimmung.  29.  März  erfolgte  in  Berlin  der  Austausch
  der  Ratifikationsurkunden.  Der  Vertrag  enthielt
  keine  Entschädigungsforderung  und  keine  direkie
Annexion.  Er  begründete  nur  die  Möglichkeit,  einbine
  russische  Randstaaten  unter  Zustimmung  ihrer

evölkerungen  dem  Deutschen  Reich  anzuschließen.
Aber  der  Vertrag  war  durch  ein  Ultimatum  erzwungen
  worden  —  in  einem  Augenblicke,  da  die  russische

egierung  ihre  Bereitschaft  erklärt  hatte,  auch  ohne
Zwang  die  Forderungen  der  Mittelmächte  anzunehmen.
  Der  Grund  hierfür  lag  allein  in  der  kategorischen
  Erklärung  der  deutschen  Heeresleitung,  keinen
Tag  länger  mehr  warten  zu  können.

2.  Der  Friede  zu  Bukarest.

Gleichzeitig  wurde  eine  Liquidation  des  Krieges  mir
Rumänien  erzwungen.  Bereits  am  9.  Dez.  1918
war  der  Waffenstillstand  durch  einen  zu  Fokschani
abgeschlossenen  Vertrag  auch  auf  Rumänien  ausgedehnt
  worden,  seitdem  aber  war  man  dem  Frieden
nicht  näher  gekommen.  Erst  seit  dem  21.  Febr.  wurden
  mit  dem  rumänischen  General  Averescu  unverbindliche
  Vorbesprechungen  gehalten,  die  aber  trotz
einer  Unterredung  des  Grafen  Czernin  mit  König
Ferdinand  (27.  Febr.)  scheiterten;  darauf  kündigte  der
Vierbund  am  2.  März  den  Waffenstillstand  und  verlangte
  Unterzeichnung  des  Vorfriedens  bis  zum  5.
März  mittags  12  Uhr.  Ein  Kronrat  in  Jassy  beschloß
am  2.  März  die  Wiederaufnahme  der  Verhandlungen,
worauf  am  5.  März  in  Schloß  Buftea  bei  Bukarest
  der  Vorfriede  unterzeichnet  wurde.  Rumänien
  stimmte  darin  der  Abtretung  der  Dobrudscha  an
den  Vierbund,  den  von  Osterreich-Ungarn  geforderten
Grenzberichtigungen,  der  Lage  entsprechenden  wirtschaftlichen
  Maßnahmen,  der  Demobilisation  von  acht
rumän.  Divisionen,  der  Räumung  des  besetzten  österr.
        <pb n="157" />
        Hohlfeld:  Die  Friedensschlüsse  des  Weltkrieges

Gebietes,  dem  Durchmarsch  von  Vierbundtruppen
durch  Moldau  und  Bessarabien  und  der  Entlassung
der  Ententeoffiziere  aus  rumän.  Diensten  zu.  Die
Verhandlungen  über  den  endgültigen  Frieden  erlitten
zunächst  durch  einen  Regierungswechsel  in  Rumänien
erneuten  Aufschub  und  wurden  erst  am  22.  März  in
Schloß  Cetroceni  bei  Bukarest  wieder  ausgenommen.
Am  26.  März  waren  die  wichtigsten  Bestimmungen
des  endgültigen  Vertrags  paraphiert,  doch  verzögerten
die  schwierigen  wirtschaflichen  Verhandlungen  den
Abschluß  noch  bis  zum  7.  Mai,  an  dem  der  Friedensvertrag
  von  Bukarest  unterzeichnet  wurde:

Das  I.  Kapitel  des  Vertrags  vertündet  die  W.ederherstellung
  von  Friede  und  Freundschaft,  1I  ordnet  die  Demobilisierung
  der  rumänischen  Streitkräfte  an,  III  regelt  die
Gebietsabtretungen  (Süddobrudscha  an  Bulgarien,  Norddobrudscha
  an  den  Vierbund,  Grenzberichtigungen  gegen
Ungarn  und  Oteerreich  (5600  qkm),  IV  spricht  den  Verzicht
  von  Kriegsentschädigungen  aus  (doch  hat  nach  dem
Zujatzvertrag  Rumänien  die  Deutschen  und  Neutralen,  die
in  Rumänien  Kriegsschäden  erlitten  haben,  zu  entschädigen),
V  ordnet  die  Räumung  der  beietzten  Gebiete,  VI  die  Donauschiffahrt,
  VII  vertündet  die  Gleichstellung  der  Religion  sbekennenisse
  in  Rumämen,  VIII  überweist  die  Wiederherstellung
  der  wirtschaftlichen  und  rechtlichen  Beziehungen  Sonderverträgen,
  die  einen  wesentlichen  Bestandteil  des  Vertrags
bilden.  Das  gleichzeitig  abgeschlossene  Petroleumabkommen
verlich  der  Olländereien-Pacht-G.  m.  b  H.  auf  30  Jahre
das  auoschließliche  Recht  zur  Ausnutzung  der  rumämischen
Staatsländereien  zwecks  Aufsuchung,  Gewinnung  und  Verarbeitung
  von  Erdölen,  Erdgas,  Erdwachs,  Asphalt  und
allen  anderen  Bitumina  und  erteilte  einer  zu  gründenden
Handelsmonopolgesellschaft  ein  staatliches  Handelsmonopol
ür  Erdöle.  Das  deutsch-rumänische  Wirtschaftsabkommen
ah  vor  allem  die  Ausfuhr  der  gesamten  rumänischen  Ernteüberschüsse
  nach  Deutschland  vor.  Die  rumänische  Kammer
nahm  am  28.,  der  Senat  am  29.,  der  deutsche  Bundesrat
am  4.,  der  disha  am  25.  Juni  den  Bertrag  an.

Auch  dieser  Vertrag  war  durch  ein  Ultimatum  erzwungen,
  wennschon  zwischen  diesem  und  der  Unterzeichnung
  sehr  eingehende  Verhandlungenlagen.  Seine
wirtschaft  ichen  Bestimmmungen  waren  so  einschneidend,
  daß  von  einem  Frieden  ohne  Entschädigungen
nicht  gut  gesprochen  werden  kann;  die  Annexionen
hielten  sich  im  Rahmen  des  Selbstbestimmungsrechts
der  Völker.  Doch  legte  die  Regelung  der  Dobrudschafrage
  den  Grund  zu  der  völligen  Abkehr  Bulgariens
vom  Vierbund.

3.  Weitere  Ostfriedensverträge.

Auch  mit  dem  Bukarester  Frieden  war  das  Gesamtwerk
  der  östlichen  Friedensschlüsse  noch  nicht  zum  Abschluß
  gekommen.  Am  7.  März  1918  schloß  Deutschland
  mit  Finnland  in  Berlin  Prieden  auf  folgender
Grundlage:  Deutschland  anerkennt  Finnlands  Selbsüändigkeit
  und  unterstützt  es  in  seinen  dahingehenden
Bestrebungen;  Finnland  verpflichiet  sich,  kein  Gebiet
an  eine  andere  Macht  abzutreten  und  kein  Servitut
darauf  legen  zu  lassen,  es  :  denn  unter  Zustimmun
Deutschlands.  Am  selben  Tag  erfolgte  der  Ubschiß
eines  deulsch-finn.  Handels=  und  Schiffahrtsabkommens.
  Der  Vertrag  wurde  22.  März  vom  Reichstag
angenommen.  Ein  weiterer,  am  13.  Juni  1918  abgeschlossener
  russ.  ukrain.  Vorfriedensvertrag
zu  Brest  Litowsl,  dessen  Verhandlungen  am  12.  März
begonnen  und  25.  Mai  zum  Abschluß  eines  Waffentillstandes
  geführt  hatten,  blieb  infolge  des  bald  wieer

  aufflammenden  Kampfes  ohne  praktische  Bedeutung.
  Eine  solche  gewannen  auch  nicht  der  30.  April
1918  vom  poln.  Landtag  angenommene  deutschpoln.
  Friedensvertrag  und  die  sogenannten  Brest
Litowsker  Zusatzverträge,  wohl  aber  kommt  letzteren

141

wegen  ihrer  politischen  Wirkung  hohe  Bedeutung  zu.
Die  durch  die  neueren  militärischen  Unternehmungen
Deutschlands  in  einzelnen  Randstaaten  (Lipland,  Estland,
  Ukraine,  Kaulasus)  veränderten  Verhältnisse
machten  nämlich  neue  Verhandlungen  erforderlich.
deren  Ergebnis  der  deutsch-cuss.  Ergänzungsvertrag,
das  deutsch-russ.  Finanzabkommen  und  das  deutschrussische
  Privatrechtsabkommen  zur  Ergänzung  des
Friedensvertrags  von  Brest  Litowsk  waren,  die  am
27.  Aug.  1918  in  Berlin  abgeschlossen  und  2.  Sept.
1918  ratifiziert  wurden.  Gegenstand  des  Vertrags
war  die  Ordnung  der  staatlichen  Verhältnisse  der
baltischen  Länder,  deren  Selbständigkeit  endgültig
besiegelt  wurde,  Georgiens  und  der  übrigen  Kaukafusebiete,

  sowie  die  Pauschalierung  der  gegenseitigen

inanzverpflichtungen,  die  für  Deutschland  einen  Forderungsüberschuß
  von  6  Milliarden  Mark  ergab.  Die
Verträge  erweckten  weitgehenden  Widerspruch  und
Protest.  In  Deutschland  selbst  lehnte  sie  die  sozialdemokratische
  Presse  schroff  ab;  die  Türkei  war  verdrossen.
  daß  Deutschland  hinter  ihrem  Rücken  über
den  Kaukasus  Verträge  abschloß.

Auf  der  Grundlage  der  Ostfriedensverträge  begaunen
  sich  die  russ.  Verhältnisse  langsam  zu  festigen.
Finnland  erwählte  am  9.  Okt.  1918  den  Schwager
des  deutschen  Kaisers,  Prinzen  Friedrich  Karl  von
Hessen,  zum  König;  der  vereinigte  Landesrat  von  Livland.
  Estland,  Riga  und  Olel  beschloß  am  28.  April
1918  zu  Riga,  aus  diesen  Ländern  einen  einheitlichen
monarchischen  Staat  mit  dem  König  von  Preußen  in
Personalunion  mit  Preußen  an  der  Spitze  zu  bilden;
die  Ukraine  unter  Heitman  Skoropadski,  Georgien,
Kurland,  Liiauen,  Polen  fingen  an,  als  selbständige
Staaten  Wurzel  zu  fassen.  Es  war  die  Aufgabe  der
deutschen  Politik,  als  die  Entwicklung  im  Westen  zum
Abschluß  des  Krieges  drängte,  nach  Möglichkeit  die
im  Osten  geschaffene  Grundlage  festzuhalten,  um  das
Chaos  zu  vermeiden.  Noch  am  12.  Sept.  sprach  sich
Vizekanzler  v.  Payer  in  Stutigart  für  unbedingte
Herausgabe  Belgiens,  aber  Festhalten  am  Ostfrieden
aus  —  aber  am  24.  Sept.  stellte  die  sozialdemokratische
  Fraktion  im  Hauptausschusse  des  Reichstags  als
eine  Mindestforderung  für  ihren  Eintritt  in  die  Regierung
  auf,  daß  die  Friedensschlüsse  von  Brest  Litows#t
und  Bukarest  kein  Hindernis  des  allgemeinen  Friedens
sein  dürften.  Diese  Forderung  erhoben  die  Mehrheilsparteien
  am  30.  Sept.  zum  Grundsatz,  und  der  Reichskanzler
  Prinz  Max  von  Baden  nahmihn  am  .Okt.  an.

4.  Der  Wasffenstillstand  zu  Compitgne.

„Der  8.  August  (1918),  der  Tag  des  großen  engl.=franz.
  Einbruchs  bei  der  2.  Armee,  brachte  den  einwandfreien
  Beweis,  daß  unsere  moralische  Kampfkraft
gelitten  hatte-(Oberst  Bauer).  Foch  hatte  dies  erkannt
und.  obwohl  ohne  Reserven,  den  Generalangriff  befohlen.
  Der  8.  Aug.  war  der  schwarze  Tag  des  deutschen
  Heeres  in  der  Geschichte  des  Krieges=  (Ludendorff).
  Sechs  bis  sieben  deutsche  Divisionen  wurden
vollständig  Herschlagen-  Die  deutsche  politische  wie
militärische  Leitung  war  sich  klar,  daß  der  Krieg  nicht
mehr  zu  gewinnen  war.  In  einem  Kronrat  zu  Spa
am  14.  Aug.  1918  forderte  der  neue  Staatssekretär
des  Außern,  v.  Hintze,  die  Einleitung  neutraler  Vermittlung;
  die  Heeresleitung  und  der  Kaiser  stimmten
dem  zu.  doch  sollte  damit  bis  nach  einem  deutschen  Erfolg
  gewartet  werden;  auch  konnten  sich  die  militärischen
  Stellen  noch  nicht  enischließen,  schon  jetzt  auf  das
belgische  -Fausipfand  zu  verzichten.  Vorbesprechun-
        <pb n="158" />
        142

en  mit  holländischen,  schweizerischen  und  spanischen
Biytomaten  blieben  darum  erfolglos.  Am  Tage  nach
dem  Kronrat,  am  15.  Aug-  legte  Baron  Burian  im
deulschen  Hauptauartier  den  Plan  eines  Aufrufs
»An  alle  kriegführenden  Mächte  vor.  Es  gelang,
die  Oslerreicher  unter  Hinweis  auf  die  geplante
neutrale  Vermittlung  zunächst  davon  abzubringen.
Als  am  14.  Sept.  Baron  Burian  dennoch  seinen
Appell-An  Alle  richtet  (worauf  Lansing  prompt  antwortete,
  die  Entente  habe  keinen  Grund,  sich  über
längst  klar  Ausgesprochenes  erneut  zu  äußern),  versuchte
  v.  Hintze  nunmehr  schleunigst,  die  neutrale  Vermittlung
  in  Gang  zu  bringen  —  aber  er  traf  auf
taube  Ohren:  nach  der  österr.  Note  und  dem  unmitteldar
  folgenden  bulgarischen  Zusammenbruch  war
dieser  Weg  verschlossen.  Darauf  tauchte  am  21.  der
Plan  eines  direkten  Angebots  auf,  dem  Hindenburg
am  22.  beistimmte.  Am  28.  Sept.  erklärte  ihm  Ludendorff,
  daß  nunmehr  der  Augenblick  gekommen  sei,  in
sofortige  Verhandlungen  einzutreten  und  Waffenstill.
stand  zu  schließen.  Als  v.  Hiutze  am  29.  wieder  im
Hauptauarlier  weilte,  wies  er  telegraphisch  das  Auswärtige
  Amtan,  in  Wien  und  Konslantinopel  ein  Friedensangebot
  an  Wilson  auf  Grund  der  14  Punkte  vorzuschlagen;
  Wilson  solle  gebeten  werden,  nach  sofortigem
  Waffenstillstand  die  Friedenskonferenz  nach
ashington  einzuladen.  Die  Verhandlungen  mit  den
Verbündeten  und  die  Neubildung  der  deutschen  Regierung
  verzögerten  die  Aktion.  Als  die  Regierung
es  Prinzen  Max  von  Baden  indessen  auch  am  1.  Okt.
noch  nicht  zustande  gekommen  war,  verlangte  Ludendorff
  abends  telegraphisch  die  unverzligliche  Herausgabe
  des  Angebots:  248  Stunden  könne  die  Armee
  nicht  noch  warten.:  Und  am  2.  Okt.  verlangte
Hindenburg  die  Herausgabe  der  Erklärung  für  die
folgende  Nacht,  wenn  die  Regierungsbildung  noch
nicht  zustande  käme;  andernfalls  könne  bis  zum  nächsten
  Morgen  gewartet  werden.  Am  3.  erfolgte  die  Ernennung
  des  Prinzen  Max  zum  Reichskanzler.  Darauf
erfolgte  am  4.  Okt.  die  Absendung  einer  österreichischungarischen,
  in  der  Nacht  zum  5.  Okt.  einer  deutschen
Note,  die  Wilson  ersuchten,  die  Herstellung  des  Friedens
  auf  der  Grundlage  seiner  14  Punkte  und
seiner  späteren  Kundgebungen  in  die  Hand  zu  nehmen
und  alle  Kriegführenden  zur  Entsendung  von  Bevollmächtigten
  einzuladen.  Lansings  Antwort  an  Deutschland
  vom  B.  Okt.  forderte  die  bedingungslose  Annahme
der  14  Punkte  Wilsons  und  seiner  späteren  Kundgebungen,
  die  Näumung  der  besetzten  Gebiete  und  eine
Erklärung  darüber,  ob  der  Kanzler  für  die  Gewalten
spreche,  die  bisher  den  Krieg  geführt  hätten.  Nach
einem  am  9.  Okt.  mit  der  Obersten  Heeresleitung  hergestellten
  Einvernehmen  nahm  die  deutsche  Regierung
am  12.  Okt.  die  beiden  Forderungen  an  und  erklärte,
daß  der  Reichskanzler  im  Namen  der  deutschen  Regierung
  und  des  deulschen  Volkes  spreche.  Nunmehr
forderte  Lansing  in  seiner  Antwort  vom  14.  Okt.,  daß
der  Waffenstillstand  durch  -Sicherheiken  und  Bürgschaften=
  die  gegenwärtige  militärische  überlegenheit
der  Alliierten  aufrechterhalten  müsse,  und  daß  er  zur
Voraussetzung  haben  müsse,  daß  die  deutschen  Streitkräfte
  ihre  ungesetzlichen  und  unmenschlichen  Handlungen=
  nicht  mehr  fortsetzten.  Ferner  verlange  Wilson
  auf  Grund  seiner  Rede  vom  4.  Juli  1918  vor
dem  Friedensschluß  die  Vernichtung  oder  Herabsetzung
t  tatsächlicher  Machtlosigkeit  von  jeder  Willkür  und
acht,  die  für  sich  allein  und  heimlich  den  Frieden
der  Welt  stören  könne:  eine  solche  Macht  aber  sei  die

I.  Kriegsgeschichte

Lsbrge  deutsche  Regierung.  Die  Erwiderung  des
Staatssekretärs  Solf  vom  20.  Okt.  nahm  die  Forderung
  der  Erhaltung  des  augenblicklichen  Krästeverhältnisses
  an,  schlug  die  Prüfung  der  Anschuldigung  wegen
  ungesetzlichen  und  unmenschlichen  Handlungen
durch  neutrale  Kommissionen  vor,  machte  (trotz  Widerspruchs
  der  Heeresleilung)  das  Zugeständnis  des
Verbots  der  Versenkung  von  Passagierschiffen  durch
Unterseeboote  und  erklärte,  daß  die  deutsche  Regierung
jetzt  tatsächlicher  Vertreter  des  Volkes  sei,  in  dessen
Namen  sie  handle.  Lansing  antwortete  bereits  am
23.  Okt.,  Wilson  habe  den  deutschen  Vorschlag  nunmehr
  an  seine  Verbündeten  weitergegeben;  er  betone
aber,  daß  der  Waffenstillstand  ein  solcher  sein  müsse,
daß  er  eine  Erneuerung  der  Feindseligkeiten  deutscherseits
  unmöglich  machen  und  den  Alliterten  die  unbeschränkte
  Macht  sichern  müsse,  die  Einzelheiten  des  von
der  deutschen  Regierung  angenommenen  Friedens
u  gewährleisten  und  zuerzwingen.  Ferner  liege,  trotz
er  Verfassungsänderung,  die  entscheidende  Initiative
in  Deuischland  noch  immer  bei  denen,  die  bisher  die
Herren  Deutschlands  gewesen  seien.  Die  Vereinigten
Staaten  könnten  nur  mit  Beherrschern  Deutschlands
auf  verfassungsrechtlicher  Grundlage  verhandeln;  bei
Verhandlung  mit  den  miilitärischen  Beherrschern  und
militärischen  Autokraten  müßten  sie  Übergabe  verlangen.
  Nachdem  hierauf  am  26.  Okt.  durch  Reichsgesetz
  die  Militär-  denzwilgewalten  und  durch  Kabinettsorder
  das  Mililärkabinett  dem  Kriegsministerium
unterstellt  und  durch  Verfassungsänderung  zur  Kriegserklärung
  Zustimmung  von  Bundesrat  und  Neichstag
  erforderlich  gemacht  worden  war  —  darauf  trat
Ludendorff  zurück  —,  antwortete  Solf  am  27.  Okt.,
daß  auch  die  letzte  Forderung  erfüllt  worden  sei.  Ant
selben  Tag  brach  der  Vierbund  auseinander,  indem
  gleichzeitig  die  Türkei  und  Osterreich  um  Sonderfrieden
  baten.  Nunmehr  teilte  Lansing  am  5.  Nov.
mit,  daß  Marschall  Foch  von  den  Allüerten  bevollmächtigt
  sei,  über  den  Waffenstillstand  zu  verhandeln.
Aber  er  machtie  zugleich  davon  Mitteilung,  daß  die
Alliierten  sich  bezüglich  der  Auslegung  der  Freiheit
der  Meere“  volle  Freiheit  vorbehallen  müßten,  daß
ferner  die  Alliierten  unter  Wiederherstellung  der  besetzten
  Gebiete  die  Schadenersatzleistung  durch  Deutlschland
  verstünden.  Durch  die  ausbrechende  Revolution
ezwungen,  mustte  die  deutsche  Regierung  diese  offenundige
  Verschiebung  der  vereinbarten  Grundlagehinnehmen;
  ohne  die  Note  vom  5.  Nov.  zu  beantworten,
nahm  sienunmehr  ohne  weiteres  die  Waffenstillstandsverhandlungen
  auf.  Foch  stellte  am  9.  Nov.  den
deutschen  Bevollmächtigten  (v.  Gündell,  Erzberger,
Graf  Oberndorff,  v.  Winterfeldt,  Vanselow)  in  34
Paragraphen  folgende  Bedingungen:

1)  Einstellung  der  Feindseligkeiten  6  Stunden  nach  Unterzeichnung;
  2)  Räumung  der  besetzten  Gebiete  im  Westen  und
Luxemburgs  und  Elsaß-Lothringens  binnen  15  Tagen;
3)  Rücksührung  der  verschleppten  Bewohner  der  besetzten
Gebiete  bennen  15  Tagen;  4)  Abliefserung  von  5000  Kanonen,
  25000  Maschinengewehren,  3000  Minenwerfern  1700
Jagd=  und  Bombenabwursgeschügen;  5)  Räumung  des
linkörheinischen  Geblels  und  der  Brückenkopfe  Mainz,  Koblenz,
  Köln  mit  30  km  Radius  und  einer  10  km  breiten
neutralen  Zone  rechts  des  Rheins  binnen  31  Tagen;  6)  Verbot
  irgendwelcher  weiteren  Zerstörung,  Verschleppung  oder
Strasverfolgung  in  den  besetzten  Gebieten;  7)  Auslieferung  von
5000  Lokomotiven,  150000  Eisendahnwagen  binnen  31  Tagen,
  5000Las#kraftwagen  binnen  36Tagen,  derelsaß-lothringischen
  Eisenbahnen  mit  Material  binnen  31  Tagen,  Rückgabe
der  den  Alliierten  abgenommenen  Lastkühne  8)  Rückgängigmachung
  aller  vorbereiteten  schädlichen  Maßnahmen  in
        <pb n="159" />
        Hohlfeld:  Die  Friedensschlüsse  des  Weltkrieges

den  besetzten  Gebieten;  9)  Requisitionsrecht  der  Aliierten
im  besetzten  Gebiet,  Unterhaltungspflicht  der  deutschen  Regierung
  tür  die  Besatzungbtruppen;  10)  Rückgabe  sämtlicher
Kriegsgefangenen  ohne  Gegenseitigkeit,  Aufhebung  des  Gefangenenaustausches;
  11)  Verpflegung  der  transportunfähigen
  Kranken  und  Verwundeten  im  besetzten  Gebiet  durch
deutsches  Personal  und  mit  deutschem  Material;  12)  sosortige
  Rlcklehr  der  deutschen  Truppen  aus  Osterreich-Ungarn,
  Rumänien  und  der  Türkei;  aus  Rußland,  sobald  es
die  Alliierten  verlangen;  13)  sofortiger  Beginn  der  Truppenabförderung
  aus  den  russ.  Gebielen:  14)  Einstellen  aller
Reaquisitionen  ufw.  in  Rußland  und  Rumänien;  15)  Verzicht
  auf  die  Friedensverträge  von  Brest  Litowst  und  Bukarest
  und  ihre  Zusatzverträge;  16)  freier  Zugang  für  die
Alliierten  nach  Rußland  über  Danzig  und  die  Weichsel;
17)  Abzug  aus  Deutsch-Ostafrika;  18)  Rückgabe  aller  Zwilinternierten,
  Geiseln,  Angeklagten  und  Verurteilten  binnen
einem  Monat  ohne  Gegenseltigkeit;  19)  sofortige  Rückgabe
aller  aus  den  besetzten  Gebieten  stammenden  Gelder  sowie
des  russ.  und  rumän.  Goldes  an  die  Alliierten;  20)  sofortige
  Einstellung  der  Feindseligkeiten  zur  Sce;  21)  Rückgabe
aller  Kriegsgefangenen  der  Kriegs=  und  Handrleslotten
ohne  Gegenseitigkeit;  22)  Auslieferung  sämtlicher  Unterseeboote
  binnen  14  Tagen;  2.1))  Abrüstung  und  Internierung
von  6  Panzertrenzern,  10  Linienschiffen,  8  Kleinen  Kreuzern,
50  neuesten  Zerstbrern  binnen  7  Tagen,  Abrüstung  der  übrigen
  Kriegsschiffe;  24)  Angabe  aller  Minenfelder  und  Sperren
außerhalb  der  deutschen  Territorialgewässer;  25)  Besetzung
tcher  Forts  usw.  in  den  Meerengen,  die  zur  Ostsee
,  durch  die  Allirerten,  Zerstörung  und  Auffischung
aller  Mmen  und  Sperren;  26)  Fortbestand  der  Blockade;
27)  Stlllegung  sämtlicher  Luftstreitträfte;  28)  Zurlicklassung
alles  Hafenmaterials,  aller  Schiffe,  Marineflugzeugvorräte
usw.  an  der  belgischen  Küste;  29)  Räumung  der  Häfen  des
Schwarzen  Meeres;  30)  Rückgabe  aller  Handelsschiffe  der
Alluierten,  31)  Verbot  der  Zerstörung  von  Schiffen  oder
Material  vor  der  Anslieferung;  32)  Aufhebung  aller  an
Neutrale  erlassenen  Handelsverbote  mit  den  Alliierten;
33)  Verbot  der  überführung  deuscher  Handelssch.  ffe  unter
neutraler  Flagge:  34)  Festsetzung  des  Waffenst.  Ustands  auf
36  Tage,  jederzeitige  Kündigung  binnen  46  Siunden.
Vergebens  bat  Solf  Wilson  um  Milderung  dieser  Bedingungen;
  als  auch  Hindenburg  für  Abschluß  eintrat,
  erfolgte  am  11.  Nov.  1918,  nachmittags
5  Uhr  franz.  Zeit,  im  Walde  bei  Compieègne
die  Unterzeichnung  des  Vertrages.  worauf
Solf  in  einer  Note  vom  12.  Nov.  Wilson  um  Einleitung
  von  Friedensverhandlungen  ersuchte.

5.  Die  Waffenstillstände  zu  Saloniki,  Mudros
und  Padna.

Nachdem  am  15.  Sept.  1918  die  bulgarische  Armee
in  Mazedonien  entscheidend  geschlagen  worden  war,
erbat  Ministerpräsident  Malinoff  für  Bulgarien
am  25.  Sept.  von  General  Franchet  d'Esperey  einen
Waffenstillstand,  der  am  29  zu  Salonili  abgeschlossen
  wurde.  Die  Bedingungen  lauteten  auf  sofortige
  Demobilisierung,  Auslieferung  großer  Vorräte
an  Wafsen  und  Gerät,  Verzicht  auf  die  1915  eroberten
Gebiete,  Bruch  mit  Deutschland  und  Osterreich  Ungarn
und  Einmarsch  der  Sieger  in  Bulgarien.  Darauf
dankte  am  4.Okt.  Zar  Ferdinand  zugunsten  des  Kronprinzen
  Boris  ab.

Durch  den  Ausfall  Bulgariens  isoliert,  in  Syrien
  vernichtend  geschlagen,  sah  sich  darauf  auch  die
Türkei  gezwungen,  allein  Waffenstillstand  und  Frieden
  nachzusuchen.  Nachdem  sie  noch  am  5.  Oktober
den  Präsidenten  Wilson  gemeinsam  mit  den  Verbündeten
  um  Waffenstillstand  und  Frieden  gebeten  hatte,
mußte  sie  am  27.  Okt.  durch  ihren  Gesandten  Selim
Fuad  Bei  in  Bern  England  und  Frankreich  um  Abschluß
  eines  Sonderwaffenstillstandes  und  Sonderfriedens
  ersuchen.  Am  30.  Okt.  kam  darauf  ein  Waf-143



fenstillstand  zu  Mudros  unter  folgenden  Bedingungen
  zustande:

Offnung  der  Dardauellen  und  des  Bosporus,  Besetzung
der  Forts  an  Dardanellen  und  Bosporus,  bedingungslose
übergabe  aller  Kriegsgefangenen,  sofortige  Demobilisterung,
Auslieferung  aller  Kriegsschiffe,  Freiheit  für  die  Allrierten,
alle  strategischen  Punkte  zu  besetzen,  falls  es  die  Lage  ersordert,
  Besetzung  der  Taurus-Tunnelaulagen,  Räumung
Persiens  und  des  Kaukasus,  Kontrolle  der  drahtlosen  Stationen,
  der  Eisenbahnen,  Besetzung  von  Batmn,  eventuell
von  Baku,  Auslieferung  aller  Garnisonen  in  Hedschas,  Assprien,
  Demen,  Syrien,  Mesopotamien,  Zurückziehung  aller
Truppen  aus  Kilikicn  (außer  Polizeitruppen),  Auslieferung
aller  türkischen  Offiziere  und  aller  Häfen  in  Tripolis  und  der
Kyrenaika,  Eutfernung  aller  Deutschen,  Aufgabe  aller  Beziehungen
  zu  den  Mittelmächten,  Besetzungsrecht  der  Verbündeten
  in  Armenien,  Einstellung  der  Feindseligkeiten  am
31.  Olt.,  12  Uhr  mittags.

Osterreich-Ungarn  endlich  hatte  am  18.  Okt.  eine
dahingehende  Antwortnote  Lansings  auf  seine  Note
vom  4.  Okt.  erhalten,  daß  seit  dem  Erlaß  der  14
Punkte  die  Vereinigten  Staaten  den  Kriegszustand
zwischen  den  Tschechoslowaken  und  dem  deutschen
und  österreichisch  ungarischen  Reiche  als  bestehend  und
den  tschechoflowakischen  Nationalrat  als  kriegführende
Regierung,  ebenso  die  nationalen  Aspirationen  der
Jugoslawen  anerkannt  habe,  daß  daher  diese  Völker,
deren  bloße  Autonomie  nicht  mehr  genlige,  die  Entscheidung
  haben  müßten,  ob  eine  Aktion  der  österr.=ungar.
  Regierung  ihre  Aspirationen  befriedige.  Am
27.  Okt.  wurde  der  deutschfeindliche  Pazifist  Hofrat
Lammasch  zum  österr.  Ministerpräsidenten  und  Graf
Andrassy  zum  österr-  ungar.  Außeuminister  ernannt.
Dieser  nahm  in  einer  Note  vom  gleichen  Tage  nicht
nur  die  neue  Bedingung  an,  sondern  er  erklärte  auch
die  Bereitschaft  der  österrr.-ungar.  Regierung,  ohne
das  Ergebnis  anderer  Verhandlungen  abzuwartene.
in  Waffenstillstandsverhandlungen  einzutreien.  Kaiser
Karl  hatte  es  tags  zuvor  dem  deutschen  Kaiser  als
lunabänderlichen  Entschluß«  mitgeteilt,  binnen  24
Stunden  ein  solches  Sonderangebot  zu  machen.  Der
Verrat  trug  schlechte  Früchte,  denn  die  Bedingungen
des  am  2.  Nov.  zu  Padua  abgeschlossenen  Waffenstillstandes
  waren  darum  nicht  einen  Deut  billiger:

I.  Zu  Lande:  1)  Sofortige  Einstellung  der  Feindseligkelten:
2)  gänzliche  Demobilisierung,  Verminderung  der  Wehrmacht
au3  20  Divisionen,  Ablieferung  der  Hälfte  des  Divisionsund
  Korpsarilleriematerials:  3)  Räumung  der  deseßten
Gebiete  und  bis  zur  Linie:  Umbrailspitze-Etsch=  und  Eisackqnelle
  -  Brenner—  Toblacher  Berg-Tarvisberg-Predilpaß-Triglav-Schneeberg-Castua
  sowie  Dalmatiens:  4)  ungegehmderte
  Bewegung,  Besetzungs=  und  Regquisitionsrecht
der  alliierten  Truppen  in  der  ganzen  Monarchie;  5)  Abzug
aller  deutschen  Truppen  binnen  15  Tagen;  6)  die  vorläufige
Verwaltung  der  geräumten  Gebiete  wird  den  lokalen  Gewalten
  unter  Kontrolle  der  Stationekommandanien  der  Al-Uierten
  anvertraut;  7)  Heimsendung  der  Kriensgefangenen
ohne  Gegenseitigteit;  8)  die  zurückbleibenden  Verwundeten
sind  von  österr.  Personal  und  mit  österr.  Material  zu  verpflegen.
  II.  Zur  See:  1)  Sofortige  Eiustellung  aller  Feindseligkeiten;
  2)  Uübergabe  von  15  österr.  und  aller  deutschen
U-Boote,  Abrüstung  der  übrigen;  3)  Auslieferung  von  3
Schlachtschiffen,  3  leichten  Kreuzern,  9  Torpedobootszerstörern,
  allen  Minenlegern,  6  Donaumonitoren,  Demobilisierung
  und  Abrüstung  der  übrigen  Kriegsschifse;  4)  Freiheit
  der  Schiffahrt  in  der  Adria,  auf  der  Donau  und  ihren
Nebenflüssen,  Besetzung  und  Schleifung  der  Donaubefestigungen
  nach  Belieben;  5)  Aufrechterhaltung  der  Blockede;
6,  Internierung  aller  Marineluftstreitkräfte;  7)  Evakuierung
der  Küste  außerhalh,  Osterreich-Ungarns;  8,  Besetzung  aller
Land=  und  Seebefestigungen;  9)  Rückgabe  aller  Handelsschiffe
  der  Alliierten;  10)  Verbot  jedweder  Zerstörung  von
Material  vor  der  übergabe;  11)  Rückgabe  aller  Gefangenen
ohne  Gegenseitigkeit.
        <pb n="160" />
        144

6.  Die  Wassenstillstandsverträge  zu  Trier.

Die  vier  Waffenstillstandsverträge  beraubten  die
Mittelmächte  jeder  Wehrmacht,  trennten  sie  und  gaben
sie  der  Willkür  der  Entente  preis,  vor  allem  deshalb,
weil  für  Beginn,  Art  und  Ziel  der  eigentlichen  Friedensverhandlungen
  keine  Angaben  gemacht,  geschweige
denn  Sicherheiten  gegeben  waren.  Für  Deutschland
fiel  noch  erschwerend  ins  Gewicht  die  Abgrenzung  des
Waffenstilstands  dessen  Erneuerung  allein  vom  guten
  Willen  des  Gegners  abhängig  olieb.  Gleich  bei
der  ersten  Verlängerung.  am  13.  Dez.  1918  zu  Trier
bis  zum  17.  Jan.  1919,  nachm.  5  Uhr  abgeschlossen,
machte  Marschall  Foch  von  dieser  Möglichkeit  Gebrauch,
  indem  er  wegen  der  nicht  vollständigen  Erfüllung
  der  Ablieferung  des  Kriegsmaterials  als  neue
Bedingung  das  Recht  der  Alliierien  durchdrückte,  um
sich  jederzeit  neue  Sicherheiten  zu  verschaffen,  die  neutrale
  Zone  nördlich  des  Kölner  Brückenkopfes  und
bis  zur  neutralen  Grenze  nach  sechs  Tage  zuvor  erfolgter
  Anzeige  zu  besetzen.  Bei  den  Verhandlungen

ur  weiteren  Verlängerung  forderte  Foch  am  15.Jan.

ie  strafweise  Ablieferung  von  50  900  landwirtschaftlichen
  Maschinen,  sämtlich  mit  Ersatzstücken  für  18
Monate,  ferner  Bestrafung  der  an  der  völkerrechtswidrigen
  Behandlung  der  Kriegsgefangenen  schuldigen
  Personen.  Als  Garantie  behielt  sich  die  Entente
die  Besetzung  des  Straßburger  Brückenkopfes  vor.
Endlich  follten  die  aus  Belgien  und  Frankreich  entfernten
  Maschinen  auf  Verlangen  zurückgegeben  weren.

  In  dem  am  16.  Jan,  unterzeichneten  Vertrag
wurden  auch  diese  Bedingungen  angenommen.  Am
8.  Febr.  erzwang  die  Entente  in  einem  zu  Brüssel  abeschlossenen

  Vertrag.  die  Ablieferung  der  deutschen
Lendelefsote=  gegen  Lieferung  der  unentbehrlichsten
Lebensmiitel,  das  gesamte  Lebensmittel-,  Schiffahrtsund
  Finanzabkommen  wurde  am  14.  März  in  Brüssel
  abgeschlossen  und  unterzeichnet.  Endlich  am  15.
Febr.  wurde  der  Waffenstillstand  mit  Deutschland
fristlos  verlängert;  die  deuische  Forderung  der  Ablieferung
  der  Kiegsgesangenen  sowie  der  Aufhebung
der  Blockade  und  Rheinsperre  wurde  abgelehnt.

7.  Der  Friedensvertrag  zu  Bersailles.

Am  18.  April  1919  erfolgte  die  Einladung  der  Entente
  an  Deutschland  zur  -Friedenskonferenz“  —  mehr
als  6  Monate  nach  seinem  Waffenstillstandsersuchen!
Selbst  seitdem  Wilson  zur  persönlichen  Teilnahme  an
den  Verhandlungen  in  Brest  eingetroffen  war,  dem
13.  Dez.  1918,  waren  vier  volle  Monate  vergangen.
Solange  hatte  die  Friedenskonferenz  der  Entente  für
sich  allein  und  hinter  verschlossenen  Türen  in  Paris
verhandelt.  Es  waren  große  Gegensätze.  die  zwischen
den  Zielen  der  verschiedenen  Verbündeten  klafften,
und  die  bis  zur  Zulassung  der  Feinde  zu  den  Verhandlungen
  beseitigt  werden  mußten.  Und  selbst  nach
so  langen  Verhandlungen  war  es  nur  dadurch  möglich,
  die  Einheit  der  Entente  zu  wahren,  daß  man  sich
auf  keine  mündlichen  Verhandlungen  mit  den  Gegnern
  einließ.  und  daß  man  einem  „Rat  der  Viere:
Wilson-Lloyd  George  ·  Cleutenceau-Sonnino,  vollständige
  Vollmacht  erteilte.  So  war  ein  neues  Bündel
  Wilsonscher  Grundsätze  über  Bord  gegangen:
Nichts  mehr  von  gleichem  Recht  der  kleinen  Nationen,
öffentlicher  Diplomatie,  Verständigung.  Es  versteht
sich,  daß  der  Bölkerbundentwurf  der  Entente,  der
am  15.  Febr.  veröffentlicht  wurde,  auf  dem  Gedanken
anfgebaut  war,  daß  die  alliierten  und  assoziierten  «
Staaten  den  Grundstock  des  Bundes  bilden  sollten

I.  Kriegsgeschichte

und  die  Aufnahme  der  ehemals  feindlichen  Staaten
hinausgeschoben  wurde;  der  ausführende  Rat  sollte
aus  den  Vertretern  der  fünf  Ententegroßmächte  und
vier  andern  Vertretern  bestehen,  womit  die  Vorherrschaft
  der  Entente  gesichert  war.  So  Überreichte  Cle.
menceau  7.  Mal  namens  der  alliterten  u.  assozlierten
Regierungen  dem  deutschen  Außenminister  Grafen
Brockdorff-Ranzzau  das  Friedensinstrument,  440  Artikel
  auf  208  Seiten  umfassend.  14  Tage  sollten  die
Deutschen  Zeit  haben,  das  Werk  zu  studieren  und

schriftlich  zu  beantworten.  Esstellte  sich  als  Maxtmal.
programm  in  jeder  Richtung  dar.

Der  1.  Teil  (a  Pakt  der  Gesellschaft  der  Nationen.)
  bestimmt,  daß  der  Völkerbund  von  den  alliierten
und  assoziierten  Staaren  gebildet  werde,  Neutrale  können
binnen  2  Monaten  bettreten,  zur  Aufnahme  der  bisher  feindlichen
  Staaten  ist  ½-Majorität  erforderlich.  Der  2.  Teil
(·Grenzen  Deutschlands.)  trennt  die  Kreise  Eupen,
Montijois  und  Malmedy,  Elsaß-Lothringen,  Oberschlesien,
die  Provinzen  Posen  und  Weswreußen  b.Ss  auf  schmale
Grenzgebiete,  den  Südwesten  Oswreußens,  den  größten
Teil  Schleswigs  und  das  Gebiet  um  Memel  vom  Deutschen
Neich  ab.  Der  3.  Teil  („Politische  Bestimmungen
über  Europa.  )fordert  von  Deutschland  die  Anerkennung
der  Aufhebung  der  Neutralität  Belgiens,  die  Enrscheidung
des  Völkerbundes  über  die  Kreise  Eupen  und  Malmedy
nach  vorheriger  Volksabstimmung,  Aufhebung  der  Konvention
  mit  Luxemburg,  das  Verbot  des  JFestungsvaues  bis
50  km  Sstlich  des  Rheins,  schuldenfreie  Abtretung  der  Ko
lengruben  des  Saarreviers  an  Frankreich,  15  jährige  sideikommissarische
  Verwaltung  des  Saargebiets  durch  den  Bölkerbund,
  darauf  Entscheidung  durch  Volksabstimmung  und
Flmauf  der  Kohlengruben  in  Gold,  falle  die  Bevölterung
Anschluß  an  das  Deutsche  Reich  wünscht,  schuldenfreie  Rückgabe
  Elsaß-Lothringens  an  Frantreic,  das  Recht  Frankreichs,
  alles  dentsche  Privateigentum  in  Elsaß-Lothringen
*  liquidieren,  Anertennung  der  Unabhängigkeit  Osterreichs,

es  tschechoslowakischen  Staates  und  Polens,  Abtretung
eines  oberschlesischen  Gebietsstreifens  an  die  Tschechoflowakei,
der  im  2.  Teil  aufgeführten  Teile  Posens  und  West=  und
Olwreußens  an  Polen,  Volksabstimmung  im  übrigen  Regierungobezirk
  Allenstein  und  dem  Kreis  Oletzko  sowie  den
westpreußischen  Kreisen  Stuhm,  Rosenberg,  Marienberg  und
Marienwerder  östl.  der  Weichsel,  Verzicht  auf  das  Gebiet
um  Memel  zugunsten  der  Alliierten  und  des  Gebietes  um
Danzig  zugunsten  der  zu  errichtenden  Freistadt  Danzig,  Abstimmung
  in  Schleswig  nördlich  der  Schlei  und  Eider  in
3  Zonen  über  die  Zugehörigkeit  zu  Dänemark  oder  Deutschland,
  Schleifung  der  Befestigungen  auf  Helgoland,  Verzicht
auf  den  Frieden  von  Brest  Luowst  und  eventuelle  Entschädigung
  KRußlands  nach  den  Grundsätzen  dieses  Verwags.
Der  4.  Teil  („Deutsche  Rechte  und  Interessen
außerhalb  Deutschlands.  fordert  den  Verzicht  auf  alle
Kolonien  und  zugunsten  Chinas  aufseine  Pr  vilegien  m  China.
Im  5.  Teil  („Bestimmungen  über  Landheer,  Seemacht
  und  Luftfahrte)  wird  verlangt  die  Herabsetzung
der  Armee  auf  100000  Mann,  Auflösung  des  Großen  Generalstabs,
  Herabsetzung  der  Zahl  der  goll-,  Forst=  und
Küstenschutzbeamten  auf  ½  von  1913,  Herabsetzung  der  Munitions=
  und  Wassenvorräte  auf  102000  Gewehre,  40,8  Mill.
Gewehrpatronen  usw.,  Auslieferung  alles  übrigen  Materials,
  Abschaffung  der  allgemeinen  Wehrpflicht,  Berbot  von
militär.  Vereinen,  Militärmissionen  und  Mobilmachungsmaßnahmen,
  Herabsetzung  der  Marine  auf  6  Panzer,  6
leichte  Kreuzer,  12  Zerstörer,  12  Torpedoboote,  15000  Mann,
Ablieferung  aller  übrigen  Kriegsschiffe,  weder  Verstärkung
noch  Veränderung  der  Küstenbefestigung,  keine  Sktrkeigunge
und  Artillerie  zwischen  Ostsee  und.  Nordsee,  Kontrolle
Funkenstationen  Nauen,  Hannover  und  Berlin,  Berbot  der
Errichtung  neuer  Stationen.  Der  6.  Teil  („Kriegsgeangene
  und  Gradstätten.)  verschiebt  die  Auslieferung

er  deutschen  Kriegsgefangenen  bis  nach  Intrafttreten  des
Vertrages.  Im  7.  Teil  ('Strafbestimmungene.)  wird
Deutschland  die  Auslieferung  aller  Personen,  die  gegen  den
Kriegsgebrauch  gehandelt  haben,  mit  Einschluß  Kaiser  Wilhelms
  II.,  nach  einer  von  der  Entente  vorzulegenden  Liste
        <pb n="161" />
        Hohlfeld:  Die  Friedensschlüsse  des  Weltkrieges

auferlegt.  Der  8.  Teil  (Wiedergutmachungen«)  verlangt
  die  vollständige  Ersatzleistung  für  den  der  Zivilbevölkerung
  und  ihrem  Eigentum  verursachten  Schäden,  mit  Einschluß
  der  Pensionen,  Kriegsunterstützungen  und  der  Anleihen
  Belgiens  bei  seinen  Verblndeten  samt  5%  Zinsen;
Deutschland  leistet  sofort  40,  bis  1.  Mai  1921  weitere  20,
bis  1926  weitere  40  Milliarden  Mark  in  Gold  zahlbare
steuerfreie  Schuldverschreibungen  und  überläßt  der  Reparations-Kommission
  sofort  50  %  seiner  Vorräte,  bis  1925
25  0  seiner  Produktion  an  Farben,  chemischen  sowie  pharmazeutischen,
  Produkten,  die  von  ihr  geforderten  Vorräte
an  Baustoffen,  Möbeln  usw.,  ferner  Kohlen  (10  Jahre  lang
7  Mill.  t  an  Frantreich,  außerdem  den  Unterschied  in  der
Förderung  der  nordfranz.  Distrikte  zwischen  der  jetzigen  und
der  Friedensleistung;  8  an  Belgien;  an  Italien  steigend
von  4½  bis  8/,  Mill.  t).  Ferner  liefert  es  an  Belgien  und
Frankreich  700  Zuchthengste,  35.000  Stutenfüllen,  4000
Stiere,  140000  Milchkühe,  40000  Stück  Jungrind,  1200
Böcke,  120000  Schafe,  10  000  Ziegen  und  15000  Mutterschweine.
  Der  9.  Teil  (Finanzielle  Bestimmungene)
  überträgt  die  Festsetzung  aller  von  Deutschland  zu
leistenden  Zahlungen  einem  interalliierten  Ausschuß,  der
bis  1.  Mai  1921  seine  Beschlüsse  Deutschland  mitzuteilen
hat,  verbietet  die  Goldausfuhr,  legt  Deutschland  die  Unterhaltungskosten
  der  Besatzungsarmee  auf,  regelt  die  Beteiligung
  der  annektierenden  Staaten  an  der  deutschen  Staatsschuld
  und  zieht  alle  deutschen  Privatrechte  im  Ausland  zur
Deckung  der  Wideccerstellungakoften  heran.  Teil  10
(Wirtschaftliche  Bestimmungen  statuiert  die  Meistbegünstigung
  für  Einfuhr  und  Ausfuhr  der  Alliierten  in
Deutschland,  5jährige  Zollfreiheit  für  die  elsaß-lothringische,
Zjährige  für  die  ehemals  deutsche,  polnische  Industrie,  eventuell
  5jährige  für  die  Luxemburgs.  Deutschland  darf  keine
Eimführ  den  Alliierten  verbieten,  sondern  nur  allgemeine
Einfuhrverbote  erlassen.  Teil  11  regelt  die  Luftfahrt.
Teil  12  („Häfen,  Wasserstraßen,  Eisenbahnen.)
spricht  die  Internationalisierung  der  Elbe  aus  von  der  Moldaumündung
  an,  der  Moldau  von  Prag  an,  der  Oder  von
der  Oppamündung  an,  des  Njemen  von  der  Grodnomündung
  an,  der  Donau  von  Ulm  an  und  fordert  von  Deutschland
  12  Kabel.  Der  13.  Teil  (oArbeit.)schafft  eine  Organisation
  zur  Verwirklichung  der  besseren  Lebensbedingungen
der  Arbeiterschaft  durch  Gründung  einer  Generalkonferenz
und  eines  Internationalen  Arbeitsbureaus.  Der  14.  Teil
enthält  unter  „Bürgschaften  für  die  Durchführungdie
  Besetzung  des  Rheinlandes  auf  15  Jahre,  und  der  15.
(„Verschiedene  Bestimmungen,)  verpflichtet  Deutschland
  zur  Anerkennung  der  mit  seinen  ehemaligen  Verbündeten
  zu  (Gliesenden  Verträge  sowie  der  Aufhebung
der  Verträge  über  Savoyen  von  1815.

Diese  Bedingungen  bedeuteten  die  Erdrosselung
Deutschlands  und  lösten  lähmendes  Entsetzen  aus,
nicht  nur  in  Deutschland.  Aus  dem  tiefsten  Innern
des  deutschen  Volkes  brach  die  Ablehnung  dieses
*Schandfriedens  hervor,  und  Ministerpräsident
Scheidemann  sprach  das  =  Unerfüllbar  und  Unannehmbar=
  in  der  Nationalversammlung  (12.  Mai).
Zwecks  Milderung  der  Bedingungen  wurde  inzwischen
verhandelt.  Tag  für  Tag  beinahe  Überreichte  Graf
Brockdorff-Rantzau  als  Führer  der  deutschen  Delegation
  seine  Protestnoten  —  alle  vergebens.  Mündliche
  Verhandlungen  wurden  wiederholt  abgelehnt.
Am  29.  Mai  übergab  Brockdorff-Rantzau  den  Rest
seiner  Gegenvorschläge,  die  die  Entente  am  16.  Juni
mit  einem  ötägigen  Ultimatum  beantwortete,  in  dem
sie  nur  die  Volksabstimmung  in  Südschleswig  aufgab,
eine  solche  in  Oberschlesien  und  Rückkauf  der  Saargruben
  auch  in  andern  Werten  als  Gold  zuließ,
Deutschland  eine  Frist  von  4  Monaten  zur  Aufstellung
  fester  finanzieller  Vorschläge  gewährte  und  Revifion
  der  wirtschaftlichen  Bedingungen  nach  Deutschlands
  Aufnahme  in  den  Völkerbund  in  Aussichtstellte.
Die  Frist  wurde  auf  Ansuchen  auf  7  Tage  verlängert.

Die  Reichsregierung  verfügte  noch  über  die  Mehr-Der

  Krieg  1910/19.  III.

145

heit  in  der  Nationalversammlung.  Waren  beide  der
überzeugung,  daß  der  Friedensvertrag  den  Untergang
Deutschlands  bedeutete,  so  mußten  sie  die  Unterschrift
verweigern.  Dieser  Ansicht  war  zwar  die  Regierung,
aber  sie  wartete  auf  die  öffentliche  Meinung.  Von
links  her  agitierte  die  U.  S.  P.  D.  für  Annahme,  das
entrum  folgte  Erzberger;  da  änderten  auch  die
ehrheitssozialisten  ihre  Meinung.  Demokratische
Kompromißvorschläge  scheiterten  —  so  ging  die  Regierung
  Scheidemann.  Bauer  übernahm  das  Ministerium,
  aus  Zentrum  u.  Mehrheitssozialdemokratie  gebildet.
  Einletzter  Versuch,  das  Schmählichste  abzuwenden,
  scheiterte:  eine  unter  Vorbehalt  bezüglich  des
Schuldbekenntnisses  u.  der  Auslieferung  der  deutschen
Führergeleistete  Unterschriftlehnte  die  Entente  noch  am
22.  Juni  ab.  So  erfolgte  ani  23.  Juni  die  bedingungslose
  Annahme.  Am  28.  Juni,  nachmittags  3  Uhr,  wurde
der  Vertrag  im  Spiegelsaal  zu  Versailles  unterzeichnet.
Am  9.  Juli  1919  stimmte  die  deutsche  Nationalversammlung
  der  Ratifizierung  des  Vertrages  zu,
worauf  am  12.  Juli  die  Aufhebung  der  Blockade  verklindet
  wurde.  Wochen  vergingen,  bis  endlich  am  29.
Aug.  die  Kommission  für  den  Kriegsgefangenentransport
  von  der  Entente  ernannt  wurde.  Da  der  Vertrag
  nach  Ratifikation  durch  mindestens  drei  alliierte
Großmächte  rechtskräftig  werden  sollte,  war  seine  unveränderte
  Annahme  (durch  England,  Frankreich,
Italien)  in  jedem  Falle  sichergestellt,  auch  wenn,  wie
die  Senatoren  Knox  und  Lodge  wollen,  die  Verein.
Staaten  einen  Sonderfrieden  schließen  sollten.  England
  ratifizierte  den  Vertrag  am  31.  Juli,  Italien
am  6.,  Frankreich  am  14.  Okt.,  zahlreiche  Kleinstaaten
ugleich  oder  bald  darauf.  In  den  Verein.  Staaten
#"„  t  die  Ratifikation  noch  aus.  Es  verging  aber  seit
er  Unterzeichnung  fast  abermals  ein  hal  es  Jahr,
bis  durch  Austausch  der  Ratifikationsurkunden  (10.
Jan.  1920)  der  Friedenszustand  hergestellt  und  die
Heimreise  der  deutschen  Kriegsgefangenen  zugestanden
wurde.  Der  im  Vertrag  vorgesehene  Arbeitskongreß
tagte  29.  Okt.  bis  1.  Dez.  1919  in  Washington  ohne
die  Deutschen.  Die  Versenkung  der  deutschen  Flotte,
die  am  21.  Juni  1919  in  Scapa  Flow  in  Unkenntnis
der  Lage  von  der  deutschen  Besatzung  unter  Admiral
von  Reuter  durchgeführt  worden  war,  nahm  die  Entente
  zum  Borwand  einer  letzten  Erpressung  in  der  Anerkennung
  des  sog.-Schlußprotokolls--,  das  Auslieferungvon
  400000t  Hafenmaterial  forderte.  Trotz  deutschen
  Gegenvorstellungenverlangte  der  Oberste  Ratam
8.  Dez.  die  unverzügliche  bedingungslose  Unterzeichnung
  des  Protokolls,  die  am  10.  Jan.  1920  erfolgte.

8.  Der  Friedensvertrag  zu  Saint-Germain.

Osterreichs  bevollmächtigte  Vertreter  wurden  am
2.  Mai  1919  vom  Obersten  Rat  dec  Alliierten  zu  den
Friedensverhandlungen  nach  Saint-Germain  eineladen.

  Hier  wurden  am  2.  Juni  dem  Staatsanzler
  Renner  die  Bedingungen,  mit  Ausnahme  der
militärischen,  der  Wiedergutmachungs-,  finanziellen
und  gewisser  Grenzklauseln,  überreicht.  In  seiner
Antwort  vom  6.  Juni  legte  Renner  die  Unerfüllbarkeit
  der  auferlegten  Bedingungen  dar,  am  18.  Juni
wies  er  die  Identifizierung  Deutsch  --Osterreichs  mit
dem  alten  Osterreich=  Ungarn  überhaupt  zurück,  am
24.  protestierte  er  gegen  den  vorläufigen  Ausschluß
OÖsterreichs  aus  dem  Völkerbund  und  die  wirtschaftlich-finanziellen
  Bestimmungen,  und  am  18.  Juli  ersuchte
  er  um  völlige  Aussonderung  der  Auseinandersetzung
  Deutsch-Osterreichs  mit  den  übrigen  ehemaligen

10
        <pb n="162" />
        146

Kronländern  aus  dem  Friedensvertrag.  Die  darauf
20.  Juli  überreichten  endgültigen  Bedingungen  der
Entente  wies  Renner  6.  Aug.  wiederum  als  ganz  unerfüllbar
  zurück.  Erst  am  2.  Sept.  1919  wurden
ihm  die  endgültigen  Bedingungen  (14  Teile  in  381
Artikeln)  überreicht.

Ein  Geleitschreiben  Clemenceaus  bezeichnet  zunächst
Deutsch-Osterreich  als  Rechtsnachfolger  des  allen  Reiches.
In  den  politischen  und  militärischen  Bedingungen  wird  sodann
  Deutsch-Osterreich  nur  unter  dem  Namen  „Republik
Osterreich-(Képublique  d'’Autriche)  anerkannt.  Der  Staat
soll  bestehen  aus  Ober=  und  Niederösterreich,  den  deutschen
Gebieten  Westungarns,  dem  größten  Teil  Steiermarks  und
Kärntens  (mit  zwei  das  Klagenfurter  Becken  umfassenden  Abstimmungszonen)
  sowie  Nordtirol.  Nur  ein  Söldnerheer  von
30000  Mann  wird  gestattet,  Kriegs-u.  Luftflotte  sind  auszuliefern.
  Osterreichs  Unabhängietkeit  wird  für  unveräußerlich
erklärt,  außer  mit  Zustimmung  des  Rates  des  Bölkerbundst.
Osterreich  darf  seine  Unabhängigkeit  beeinträchtigende  Handlungen
  nur  mit  Zustimmung  des  Völkerbunds  vornehmen.
In  den  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Bestimmungen  wird
dem  Wiedergutmachungsausschuß  völlig  freie  Hand  gelassen,
eine  einseitige  Meistbegünstigung  auf  5  Jahre  begründet,
die  Zufuhr  von  Kohle  durch  Polen  und  Tschechoflowakei
gegen  Lieferung  von  Rohstoffen  sichergestellt,  das  in  feindlichen
  Staaten  befindliche  Vermögen  liquidiert,  die  Auslieserung
  der  Handels=  und  Fischerflotte  sowie  von  19  100
Stück  Vieh  als  1.  Rate  auferlegt,  Berzicht  auf  Unterseeund
  Telegraphenkabel  gefordert,  endlich  den  Alliierten  ein
Pfandrecht  auf  alle  Staatseinnahmen  zugesprochen.  Die
in  Deutsch-Osterreich  und  dem  früheren  Ausland  befindlichen
Kriegsanleihen  u.  Banknoten  fallen  allein  Osterreich  zur  Last.

Die  österr.  Nationalversammlung  protestierte  am
6.  Sept.  einstimmig  gegen  die  Verletzung  des  Selbstbestimmungsrechts
  und  nahm  darauf  mit  97  gegen
23  Stimmen  den  Antrag  auf  Unterzeichnung  an.
Darauf  wurde  der  Vertrag  10.  September,  11  Uhr
vormittags,  durch  Staatskanzler  Renner  und  die  Delegierten
  er  alliierten  und  asoziierten  Regierungen,
mit  Ausnahme  der  Rumäniens  und  Jugoslawiens,
unterzeichnet.  Die  österr.  Nationalversammlung  beschloß
  17.Okt.  die  Ratifizierung  des  Vertrags,  worauf
Präsident  Seitz  26.  Okt.  unterzeichnete.  Zur  Erlangung
  von  Mehl  und  Kredit  begab  sich  Renner  10.
Dez.  erneut  nach  St.-Germain,  worauf  Frankreich
22.  Dez)  den  Besitzstand  Osterreichs  garantierte.

9.  Die  Friedensverhandlungen  zu  Baucresson
und  Neuilly.

Die  für  den  13.  Juni  nach  Baucresson  eingeladenen
  türk.  Delegierten  wurden  am  28.  Juni
mit  Dank  für  ihr  Erscheinen  unverrichtetersache
wieder  heimgeschickt.  Die  nationale  Bewegung  in
Anatolien,  die  militärische  Schwäche  der  Alliierten  im
Orient  und  ihre  Uneinigkeit  verhinderten  bisher  eine
Aufnahme  der  Verhandlungen.

Die  bulg.  Delegation  endlich  traf  am  27.  Juli
in  Neuillh  ein  und  überreichte  tags  darauf  ihre
Vollmachten,  erhielt  aber  erst  am  19.  Sept.  im  Chä-1

  Die  Entente  verlangte  gleichzeitig  von  Deutschkand  Abänderung
  des  Artikels  62,  der  Reichsverfassung  GRecht  der  Teilnahme
  Deutsch-Osterreichs  am  Reichsrat).  Die  deutsche  Antwort
vom  5.  Sept.  wies  das  Ansinnen  zurück,  worauf  die  Entente
12.  Sent.  eine  protokollarische  Erklärung  sorderte,  daß  jeder  Paragraph
  der  Verfassung,  der  mit  dem  Frieden#svertrag  in  Wiberspruch
stehe,  null  und  nichtig  sei.  Der  Ausschuß  für  auswärtige  Angelegenheiten
  nahm  18.  Sept  diese  Forderung  an.

I.  Kriegsgeschichte

teau  de  Madrid  zu  Neuilly  den  Friedensvertrag  aus
gehändigt.  Darin  wurde  Serbien  eine  Grenzberichtigung
  in  Richtung  Sofia  und  das  Knie  der  Strumiga,
  Griechenland  Thrazien,  Bulgarien  ein  Zugang
um  Meere  (Dedeagatsch)  zugesprochen.  Von  der  Dobrudscha
  war  überhaupt  keine  Rede.  An  Stelle  der  allemeinen
  Wehrpflicht  tritt  ein  Söldnerheer  von  20000
ann.  Bulgarien  zahlt  2,25  Milliarden  Fr.  Entschädigung,
  seine  Schuld  an  Deutschland  ist  ihm  erlassen.
  Bulgarien  erklärte  sich  14.  Nov.  zur  Unterzeichnung
  bereit  u.  ratifizierte  14.  Jan.1920  den  Vertrag.
Ungarn  wurde  nach  Sturz  der  Räteregierung  am
27.  Juli  vom  Obersten  Rat  der  Alliierten  zu  Verhandlungen
  eingeladen.  Am  15.  Jan.  1920  wurden
der  ungar.  Delegation  unter  Führung  Graf  Apponyis
in  Neuilly  die  Friedensbedingungen  überreicht.  Rumäniens
  maßlose  eigenmächtige  Waffenstillstandsbedingungen
  erschwerten  die  Berhandlungen,  da  es,
trotz  der  Sperrung  seiner  Zusfufr.  durch  die  Alliierten
(30.  Aug.),  lange  nicht  von  diesen  abging.

10.  Berhandlungen  mit  Rußland.

Mit  Rußland  hat  die  Entente  zwar  1918  die  diplomatischen
  Beziehungen  abgebrochen,  im  Juni  1918
an  der  Murmanklüste,  1919  auf  der  Krim  Truppen

elandet,  aber  eine  Kriegserkärung  ist  niemals  erfolgt.
Lennoch  bedarf  es,  nach  Aufhebung  der  Friedensverträge
  von  Brest  Litowsk  und  Bukarest,  zur  Wiederherstellung
  klarer  internationaler  Beziehungen  zu
Anhland  erhandlungen  zwischen  der  Entente  und
der  Sowietregierung.  achdem  Rußland  am  21.  Jan.
1919  der  Ententefriedenskonferenz  zu  Versailles  ausdrücklich
  seine  Anerkennung  versagt  hatte,  beschloß
diese  am  22.  Jan.  1919,  sämtliche  russ.  Staaten  für
den  15.  Febr.  nach  der  Prinzeninsel  im  Marmarameer
  zu  Verhandlungen  einzuladen.  Am  6.  Febr.
nahm  der  Volkskommissar  für  auswärtige  Angelegenheiten,
  Tschitscherin,  auch  die  Einladung  für  Sowjetrußland
  an.  Aber  Clemenceau  drückte  die  Rücknahme
der  Einladung  durch,  da  die  Entente  neuerlich  ihre
Hoffnungen  auf  Koltschak  setzte.  Vergebens  trat  der
amerikan.  Delegierte  William  Bullitt  für  Lenins  Vorschläge
  ein.  Auch  die  balt.  Länder,  Finnland  und
die  Ukraine  zogen  darauf  ihre  Zusagen  zurück.

Erst  12.  Sept.  1919  kam  die  Friedensfrage  im  Osten
wieder  in  Fluß,  als  Tschitscherin  an  die  balt.  Länder
u.  Finnland  sowie  an  die  Entente  mit  Friedensvorschlägen
  herantrat.  Darauf  begannen  16.  Sept.  in
Dorpat  Verhandlungen  zwischen  Rußland  und  den
balt.  Ländern.  Finnland  lehnte  15.Okt.  das  Angebot
ab.  Seit  28.  Nov.  finden  in  Stockholm  engl.-russ.
Verhandlungen,  wuicchst  über  Gefangenenfragen,
zwischen  O'Grady  und  Litwinoff  statt.

Literatur:  „Vorgeschichte  des  Waffenstillstandes=  (Deutsches
  Weißbuch,  Berl.  1919);  Ludendorff,  Entgegnung
auf  das  amtliche  Weißbuch.  Vorgeschichte  des  Waffenstillstandes
  (3  Hefte,  das.  1919):t  Puriig.  Deutscher  Geschichtskalender
  (Sonderbände,  Leipz.  1918/19),  Materiallen,
betr.  die  Friedensverhandlungen  (10  Bde.,  Charlottenb.
1919);  Bericht  über  die  Tätigkeit  der  österr.  Friedensdelegation
  in  St.  Germain-en-Laye--  (2  Bde.,  Wien  1919);
J.  Hohlfeld,  Der  Kampf  um  den  Frieden  (Leipz.  1919);
W.  Schndnh.  Kommentar  zum  Friedensvertrag  von
Versailles  (Berl.  1920).
        <pb n="163" />
        EUROTA.
Malistab  146  3600  0

.„M“  /FWima  n#t  #et

—  —  —  TL  rer  14  akf  3.  ————

5

.

0

——

7  10  nisch.  Fa

Mri’“

—
        <pb n="164" />
        <pb n="165" />
        II.  Technik  und  Kriegführung

Die  Gefechtslaktikl  im  Kandkrieg
von  Hauptmann  a.  D.  Oesele  in  Würzburg

Allgemeines.

Die  Formen  des  Kamopfes  zu  Land  werden  neben
der  Gefechisaufgabe  durch  die  eigene  und  gegnerische
Waffenwirkung,  das  Gelände,  die  Kampfkraft  und
Ausbildung  sowie  den  Geist  der  Truppe  bestimmt.
Diese  Gesichtspunkte  für  das  Gefecht  sind  in  den  verschiedenen
  taktischen  Vorschriften  niedergelegt  und  geben
  die  Richtschnur  für  die  Ausbildung  und  das  Verhalten
  von  Führer  und  Truppe  ab.

Zweck  des  Kampfes  ist  die  Vernichtung  des  Gegners.
Diesen  Zweck  erreicht  am  besten  der  Angriff,  weil
durch  ihn  der  Wille  des  Gegners  gebrochen  wird.
Deshalb  muß  die  Truppe  steis  von  rücksichtslosem
Drange  nach  vorwärts  beseelt  sein,  koste  es,  was  es
wolle.  Das  erfordert  freilich  hohen  moralischen  Wert
derselben.  Aber  eine  gut  ausgebildete  und  gut  geführte,
  willensst  erke  Truppe  hat  selbst  unter  schwierigen
  Verhältnissen  und  gegen  einen  überlegenen  Feind

ussicht  auf  Erfolg.

Die  Hauptwaffe  ist  die  Infanterie;  sie  führt  aber
das  Gefecht  meist  nur  in  Verbindung  mit  den  anderen
Waffen  durch.  Mit  der  Artillerie  gemeinsam  kämpft
sie  den  Gegner  nieder,  nachdem  sie  die  Artillerie  beim
Eintritt  in  den  Kampf  gesichert  hat.  Hauptaufgabe
der  Artillerie  ist  wirksamste  Unterstützung  der  Infanterie;
  sie  richtet  daher  ihr  Feuer  gegen  Ziele,  die
der  Infanterie  am  gefährlichsten  sind.  Schwere  Artillerie
  bekämpft  die  erkennbare  gegnerische  und  richtet
ihr  Feuer  gegen  Infanterie  in  oder  hinter  Deckungen

und  namentlich  gegen  stärker  ausgebaute  Stützpunkte.

Den  letzten  Widerstand  des  Gegners  bricht  die  Infanterie;
  sie  trägt  die  Hauptlast  des  Kampfes  und  bringt
die  größten  Opfer.  Dabei  haben  die  Maschinengewehre
den  infanteristischen  Feuerkampf  unmittelbar  zu  unlerstützen
  und  an  entscheidenden  Stellen  ihre  vernichtende
  Feuerkraft  zur  Geltung  zubringen.  Eineäußerst
wirksame  Ergänzung  der  Artillerie  bilden  die  Minenwerfer,
  die  zugleich  der  Infanterie  als  kräftige  Unterstützung
  dienen.  Flieger  helfen  durch  den  Luftkampf
und  das  Eingreifen  in  den  Erdkampf  der  kämpfenden
Truppe;  Panzerkraftwagen  bahnen  der  vorstürmenden
  Infanterie  den  Weg  oder  brechen  durch  massiertes
  Feuer  den  feindlichen  Widerstand.  Pioniere  und
Nachrichtentruppen  unterstützen  durch  technische  Arbeiten
  und  Aufrechterhaltung  des  Verkehrs  die  Durchführung
  der  Kampfaufgaben.

Die  Gefechtsführun  wird  durch  Gefechtszweck
und  Kriegslage  bestimmt.  Ein  Gefecht  kann  angriffsweise,
  verteidigend  oder  hinhaltend  geführt,  einem
Gefecht  kann  aber  auch  durch  Abmarsch  ausgewichen

werden.  Beim  Angriff  ist  zu  unterscheiden,  ob  es  sich
um  ein  Begegnungsgefecht  oder  um  einen  geplanten
Angriff  gegen  einen  zur  Verteidigung  entwickelten
Feind  oder  gegen  eine  befestigte  Feldstellung  handelt.
Einem  flegreichen  Gefecht  folgt  die  Verfolgung  des
Feindes,  bei  ungünstigem  Verlaufe  kommt  es  zur
Entscheidung  oder  zum  Rückzug.  Wenn  es  die  Lage
erfordert,  kann  ein  Gefecht  auch  abgebrochen  werden.
Häufig  sind  Orts-  und  Waldgefechte.

Die  Entschlüsse  des  Führers  hängen  sehr  von  der
Aufklärung  und  dem  Gelände  ab.  Häufig  gibt  erst
die  Einleitung  des  Gefechtes  die  für  die  Art  der  Durchführung
  erforderliche  Kenntnis.  In  der  Aufklärungstätigkeit
  unterscheidet  man  zwischen  Fern-,
Nah-  und  Gefechtsaufklärung  sowie  Nahsicherung.
Die  Fernaufklärung  fällt  in  großen  Verhältnissen
den  Luftschiffen,  Flugzeugen  und  der  Heereskavallerie
zu,  sonst  ist  sie  Sache  der  Aufklärungsflieger  und  der
Divisionskavallerie.  Die  Nahaufklärung  hat  die
erstere  durch  Feststellung  der  für  die  taktische  Entscheidung
  wichtigen  Einzelheiten  zu  ergänzen  und  gegen
  überraschunger  zu  schützen;  zu  ihr  gehört  auch
die  Artillerieaufklärung  durch  Artillerieflieger  und
Fesselballone.  Sie  geht  allmählich  in  die  Gefechtsaufklärung
  über,  an  der  sich  alle  Waffen  beteiligen.
Jede  Aufklärung  muß  die  gewonnene  Fühlung  mit
dem  Gegner  aufrechterhalten;  das  gilt  bes.  für  die
Aufklärung  nach  dem  Gefecht.  Fern=  u.  Nahaufklärung
  müssen  durch  die  Nahsicherung  der  ruhenden,
manschierenden  u.  fechtenden  Truppe  ergänzt  werden.

Geschickte  Ausnutzung  des  Geländes  ist  von
weittragender  Bedeutung.  Schon  beim  Anmarsch  und
bei  den  einleitenden  Bewegungen,  noch  mehr  im  feindlichen
  Feuer  muß  durch  gute  Geländebenutzung  dem
Feinde  die  Beobachtung  erschwert  werden.  Offenes
Gelände  zwingt  zwecks  Minderung  der  Verluste  zu

rößeren  Abständen;  bedecktes  Gelände  gestattet  ihre

erkürzung  und  ermöglicht  langes  Beibehalten  geschlossener
  Pormen.  Die  freie  Ebene  ist  dem  Angriff
ungünstig;  die  Derteidigung  aber  sucht  sie  zur  Sicherung
  guten  Schußfeldes.  Volle  Ausnutzung  der  Geländegestaltung
  und  -bedeckung  ist  aber  nicht  nur  für
den  Feuerkampf  der  Infanterie  und  Artillerie,  sondern
  auch  für  das  überraschende  Eingreifen  der  Kavallerie
  höchst  wichtig.

Künstliche  Deckungen,  Hindernisse,  Scheinanlagen
und  Masken,  rechtzeilig  am  richtigen  Platze  hergestellt,
leisten  der  Truppe  wichtige  Dienste.  Solche  Feldbefestigungen
  erleichtern  es,  mit  schwächeren  Kräften
  einem  überlegenen  Gegner  standzuhalten,  um  an
anderer  Stelle  mit  desto  stärkeren  Kräften  angreifen

u  können,  Zeit  zu  gewinnen  oder  einen  wichtigen
öbesitz  zu  behaupten.  Aber  die  Anlage  von  Deckun-10“
        <pb n="166" />
        148

gen  darf  nie  die  Freude  am  unaufhaltsamen  Angriff
lähmen;  darum  darf  die  Truppe  nicht  davor  zurückscheuen,
  die  im  modernen  Gefecht  unentbehrliche  Spatenarbeit
  gelegentlich  auch  nutzlos  gemacht  zu  haben
und  bereits  hergestellte  Befestigungen  bei  Anderung
der  gage  aufzugeben.  über  Ausdehnung  und  Stärke
der  Feldbefestigungen  entscheiden  taktische  Lage,  verfügbare
  Zeit  und  Kräfte,  dann  auch  der  Zustand  der
Truppen,  Bodenverhältnisse,  Witterung  usf.  Weitgehend
  werden  sie  daher  in  der  Verteidigung  angewendet.
  Der  Angreifer  dagegen  muß  mit  einfachen
Schanzarbeiten  auszukommen  suchen.  Beim  Angriff
auf  befestigte  Feldstellungen  bietet  aber  das  Schanzzeug
  allein  das  Mittel,  die  Truppe  trotz  der  gesteigerten
  Widerstandskraft  des  Verteidigers  kampfkräftig
an  den  Feind  heranzubringen,  ihn  aus  geschaffenen
Deckungen  durch  Feuer  zu  erschüttern  und  schließlich
durch  den  Sturm  völlig  niederzuringen.

Beim  Vormarsch  zum  Gefecht  wird,  wenn  man
sich  dem  Feinde  nähert,  die  Gefechtsbereitschaft  durch
Aufmarsch,  Entfaltung  und  Entwicklung  erhöht.  Der
Aufmarsch  ist  der  übergang  aus  der  Marschkolonne
in  eine  breitere  Form  ge  Hlossener  Verbände.  Entfaltung
  ist  Herstellung  einer  breiteren  Front  durch
Zerlegen  der  Marschkolonne  in  mehrere  Kolonnen,
wobei  die  Truppen  strahlenförmig  auseinandergezogr
  werden.  Diese  Entfaltung  kann  auch  aus  der

ersammlung  erfolgen.  Kann  aber  die  Notwendigkeit,
  ins  Gefecht  einzutreten,  übersehen  werden,  so
vermeidet  man  den  Aufmarsch  in  die  Versammlungsform,
  weil  er  meist  Zeit-  und  Kräfteverlust  bedeutet.
Die  Entwicklung  ist  die  Gliederung  der  Truppe  für
den  Kampf  unter  Bildung  von  Schützenlinien;  sie
geht  meist  aus  der  Entfaltung  hervor,  kann  aber  auch
aus  der  Marschkolonne  oder  aus  der  Versammlung
erfolgen,  so  besonders  im  Begegnungsgefecht;  aber
hier  ist  derjenige  Gegner  im  Vorteil,  der  durch  Verschleierung
  seiner  Maßnahmen  bereits  teilweise  entfaltet
  in  den  Kampf  treten  kann.

Ausdehnung  und  Gliederung  der  Truppe
im  Gefecht  sind  abhängig  vom  Gefechtszweck,  dem
Gelände  und  der  etwa  vorhandenen  Anlehnung.  Sie
sind  verschieden,  je  nachdem  die  Truppeselbständig  oder
im  Verbande  mit  anderen  kämpft,  angreift  oder  verleidigt
  oder  den  Gegner  nur  zeitweise  beschäftigen  muß.
Für  die  Breitenausdehnung  ist  außer  der  eigenen
Stärke  und  Absicht  auch  die  Ausdehnung  der  seindlichen
  Front  maßgebend.  Kämpft  die  Truppe  selbständig.
  so  ist  siein  Frontausdehnung  und  Gliederung
am  wenigsten  gebunden,  muß  aber  ihre  beiden  Flanken
  gegen  Umfassung  schützen.  Ist  die  Truppe  auf
beiden  Seiten  angelehnt,  dann  richtet  sich  die  Gliederung
  nach  dem  verfügbaren  Raum.  Ist  sie  aber  nur
auf  einer  Seite  angelehnt,  so  kann  sie  ihre  Front  zwar
freier  ausdehnen,  muß  sich  aber  zur  Deckung  der  nicht
angelehnten  Flanke  nach  der  Tiefe  gliedern;  dies  geschieht
  am  weckmähigsten  durch  Staffelung,  d.  h.
seitliches  Hinausschieben  der  rückwärtigen  Abteilungen.
  Die  Artillerie  bildet  das  Gerippe  des  Kampfes;
von  ihrer  Stellung  hängt  meist  die  Gruppierung  der
übrigen  Streitkräfte  ab.  Durch  das  Zurückhalten  einer
Reserve  sichert  sich  der  Führer  die  wanptsächlichste
Einwirkung  auf  den  Gang  des  Gefechtes.  Durch  ihren
Einsatz  kann  er  den  Schwerpunkt  des  Kampfes  nach
der  gewollten  Stelle  verlegen,  Schwankungen  des  Gefechtes
  ausgleichen  und  die  Entscheidung  herbeiführen.
Ihren  Platz  findet  die  Reserve  deshalb  meist  da,  wo
die  Entscheidung  voraussichtlich  fällt  oder  gesucht  wird.

II.  Technik  und  Kriegführung

Der  Anugriff.

Der  Angriff  besteht  im  Vortragen  des  Feuers  an
den  Feind,  wenn  nötig  bis  auf  nächste  Entfernung.
Im  Nahkampf  wird  der  Gegner  niedergerungen  und
im  Sturmanlauf  überwunden.  Das  Angriffsverfahren
  ist  im  allgemeinen  folgendes:  Infanterieschützen
  gehen  vor  Eröffnung  des  Infanteriefeuers
so  nahe  als  möglich  an  den  Feind  heran  und  beginnen
  dann  den  Kampf  mit  wirkungsvollem  Feuer.
Dabei  wird  deckungslose  Ebene  nach  Möglichkeit  vermieden
  oder  nur  von  schwächeren,  lose  gefügten  Kräf.
ten  zum  Vorgehen  benutzt,  während  die  Hauptkräfte
sich  möglichst  gedeckt  nähern.  Ist  das  Gelände  aber
hierzu  ungeeignet,  so  muß  auch  der  entscheidende  Angauf
  über  die  offene  Ebene  geführt  werden;  denn

ünn  besetzte,  wenn  auch  breite  Gefechtsfronten  führen
  nicht  zur  Überlegenheit  und  somit  auch  nicht  zum
Erfolg.  Ist  trotz  dem  der  Truppe  innewohnenden
Angriffsgeiste  weiteres  Vordringen  nicht  möglich,  so
wird  das  Erreichte  mit  Aufbietung  aller  Kräfte  festgehalten.
  Zurückgeschlagene  Teile  machen  spätestens
in  der  nächsten  Deckung  wieder  Front,  und  heraneilende
  Unterstützungen  reißen  die  Weichenden  wieder
mit  vor.  Ist  aus  der  ersten  Feuerstellung  das  Feuer
aufgenommen,  so  beginnt  von  hier  aus  unter  gegenseitiger
  Feuerunterstützung  das  Heranarbeiten  an  den
Feind  bis  auf  Sturmentfernung.  Wie  dies  im  einzelnen
  zu  geschehen  hat,  hängt  ganz  von  den  Verhält
nissen  ab.  Ein  Haupterfordernis  bleibt,  daß  die  Feuer
linie  durch  rechtzeitiges  Heranführen  von  Verstär
kungen  und  Munition  bei  voller  Kraft  erhalten  wird.
Hat  die  Infanterie  sich  an  den  Feind  herangearbeitel
und  ihn  genügend  erschüttert,  so  kann  sie  zum  Sturm
schreiten  und  in  die  feindliche  Stellung  einbrechen.

Die  Maschinengewehre,  die  sich  nach  Kräften
an  der  Erkämpfung  der  Feuerüberlegenheit  beteiligen
und  besonders  durch  überraschendes  Feuer,  das  von
vernichtendem  Einfluß  sein  kann,  wirken,  gehen  auch
vor  Eröffnung  des  Feuers  so  dicht  wie  möglich  an
den  Feind  heran,  um  den  Kampf  wirkungsvoll  zu
beginnen.  Vorteilhaft  für  sie  sind  überhöhte  oder
seitliche  Siellungen.  Während  des  Sturmanlaufes
bestreichen  siedie  Einbruchstelle;  bei  feindlichem  Gegenstoß
  fällt  ihnen  hauptsächlich  der  Feuerkampf  zu.  Nach
dem  Sturm  werden  sie  rasch  in  die  feindliche  Stel
lung  vorgezogen,  um  gegen  Rückschläge  zu  sichern  und
zum  Verfolgungsfeuer  schnell  zur  Hand  zu  sein.

Die  Artillerie  nimmt  zunächst  den  Feuerkampf
mit  der  feindlichen  Artillerie  auf;  gleichzeitig  zwingt
die  Infanterie  durch  ihr  Vorgehen  den  Feind,  seine
Truppen  zu  zeigen  und  dem  Artilleriefeuer  auszu
setzen;  die  Artillerie  hält  die  gegnerische  nieder  und
vereinigt  ihr  Feuer  zu  vernichtender  Wirkung  (Vernichtungsfeuer)
  auf  den  Teil  der  feindlichen  Stelluns,
  der  gestürmt  werden  soll.  Einzelne  Batterien
begleiten  den  Angriff  bis  auf  nahe  Entfernung,  dadurch
  auch  die  moralische  Kraft  der  Infanterie  erhöhend
  und  Rückschlägen  vorbeugend  Beim  Sturm
der  Infanterie  verlegt  die  Artillerie  ihr  Feuer  in  das
Gelände  hinter  die  feindliche  Schützenlinie,  um  das
Vorführen  von  Reserven  zu  erschweren  (Sperrfeuer).
Im  Bedarfsfall  wird  ein  länger  dauerndes  Schnellfeuer
  (Trommelfeuer.)  abgegeben,  an  dem  sich
unter  Umständen  alle  Kaliber  beteiligen.  Dies  gilt  besonders
  für  große,  mehrere  Tage  dauernde  Angriffsschlachten,
  wo  durch  die  aufs  höchste  gesteigerte  Feuerwirkung
  der  Artillerie  die  Zermürbung  des  Feindes
        <pb n="167" />
        Oefele:  Die  Gefechtstaktik  im  Landkrieg

herbeigeführt  wird.  Vorbedingung  für  erfolgreiche
Artilleriewirkung  ist  natürlich  rechtzeilige  und  ausgiebige
  Nachführung  von  Munition.

Die  Minenwerfer,  in  der  Kampfzone  der  Infanterie

  untergebracht,  helfen  ihr,  durch  Zerstörung  Kr

der  feindlichen  Stellung  den  Weg  zu  bahnen.  Ihre
hervorragende,  vernichtende  Wirkung  ermöglicht  oft
überhaupt  erst  den  Sturm.  Bei  Unternehmungen
Koben  Stils  werden  ganz  bedeutende  Massen  von

inenwerfern  zu  gewaltigen,  verheerenden  -Feuerüberfällen:
  eingesegt.

Im  Nahkampf,  an  den  schwierigsten  Stellen  und
wo  es  den  anderen  Feuerwaffen  nicht  gelingen  will,
den  Gegner  zu  erschüttern,  greifen  auch  Flammenwerfer
  ein.  überraschend  schleudern  sie  aus  allernächster
  Nähe  ihr  brennendes  Ol  gegen  die  zu  nehmende
  Stellung  und  räuchern  sie  aus.

Eine  weitere,  angriffstechnisch  und  moralisch  nicht
zu  unterschätzende  Litse  für  die  stürmende  Infanterie
sind  die  gepanzerten  Sturmwagen  (Tanko).
Sie  gehen  mit  den  Sturmtruppen  vor  und  bahnen
ihnen  den  Weg  durch  die  feindlichen  Stellungen,  indem
  fie  alle  Geländeschwierigkeiten  überwinden.  Unter
ihrem  Schutz  kann  die  Infanterie  besser  an  die  feindlichen
  Stellungen  herankommen.  Bei  großen  Angriffen
  fahren  den  Sturmtruppen  ganze  Ketten  solcher
nach  allen  Seiten  schießenden  Panzerwagen  voran.
Daneben  greifen  sie  auch  stark  ausgebaute  Stützpunkte,
Maschinengewehrnester  usw.  an,  diese  anfahrend  und
aus  nächster  Entfernung  niederkämpfend.

Auch  die  Pioniere  tragen  ihr  gut  Teil  zur  Durchführung
  des  Angriffs  bei.  Sie  unterstützen  die  Infanterie
  beim  Heranarbeiten  an  die  feindliche  Stellung,
  beim  Wegräumen  der  Hindernisse  und  beim
Sturm.  Dabei  sind  unter  Umständen  schwierige  pioniertechnische
  Arbeiten  auszuführen,  wenn  es  sich  z.  B.
darum  handelt,  das  Angriffsfeld  in  anstrengender,
lange  dauernder  Nachtarbeit  herzurichten,  Verbindungen
  aus  der  vorderen  Linie  nach  rückwärts  anzulegen,
  Sturmgassen  in  die  feindliche  Stellung  herzustellen
  usw.

Die  Luftstreitkräfte.  Der  Gegner  kann  weder
artilleristisch  noch  infanteristisch  niedergekämpft  werden,
  bevor  die  überlegenheit  in  der  Luft  erkämpft  ist.
Deshalb  säubern  vorher  die  Jagdflieger  den  Himmel
  im  Luftkampf  von  feindlichen  Luftstreitkräften,
hierin  von  den  Fliegerabwehrkanonen  tatkräftig
  unterstützt.  In  den  Endkampf  greifen  dann
die  Schlachtflieger  ein,  indem  sie,  in  niedrigen
Höhen  fliegend,  die  feindlichen  Stellungen  und  Truppenansammlungen
  mit  Bomben,  Wurfminen  und
Maschinengewehrseuer  überschütten.  Vor  dem  Sturm
versuchensie,  die  dichtbesetzten  Stellungen  des  Feindes
möglichst  zu  erschüttern;  beim  Sturm  selbst  begleiten
sie  die  stürmende  Infanterie.  Außerdem  bringen  sie
seuernde  feindliche  Batterien  zum  Schweigen,  reißen
an  den  Hauptbrennpunkten  des  Kampfes  die  stürmende
  Truppe  über  die  letzte  feindliche  Gegenwirkung
nach,  greifen  heraneilende  Reserven  und  Nachschubkolonnen
  des  Gegners  an,  zersprengen  sie  vor  ihrem
Eingreifen  und  verwirren  den  Rückzug.  Militärische
Ziele  hinter  der  feindlichen  Front  werden  gleichzerti
von  Bombenflkiegern  mit  Bomben  belegt.  Vgl.
„Laftkrieg-,  S.  156.

Die  zur  Durchführung  des  Angriffs  erforderliche
dauernde  Verbindung  zwischen  der  Angriffstruppe
und  den  rückwärtigen  Führern  und  Unterstühungen
sowie  zwischen  den  nebeneinander  fechtenden  Verbän-149



den  wird,  wo  angängig,  durch  Befehlsorgane  und
Berittene,  meist  aber  durch  Winke  und  andere  technische
  Hilfsmittel  der  besonderen  Nachrichtentruppen
  hergestellt.  Vgl.  darüber  Nachrichtenwesen  im
iege«,  S.  163.

Das  Begegnungsgefecht  entwickelt  sich  aus  der
Tiefe  der  Marschkolonne.  Erhalten  die  Gegner  erst
durch  die  gegenseitige  Berührung  nähere  Kenntnis
voneinander,  so  bestimmt  die  bereits  gewonnene  Aufklärung
  Zeitpunkt,  Art  und  Ort  der  Entfaltung.  Bei
ungenügender  Aufklärung  ist  rasches  Handeln  am
Platz.  Wer  zuerst  seine  Kräfte  entwickelt  hat,  ist  gewöhnlich
  Sieger.  Die  Vorhut  sichert  dem  Gros  Zeit
und  Raum  zur  Gefechtsentwicklung;  dieses  wird  nach
Möglichkeit  einheitlich  zum  Angriff  eingesetzt,  wenn
nicht  seine  nach  und  nach  eintreffenden  Teile  sofort
in  den  Kampf  geworfen  werden  müssen,  um  einen
von  der  Vorhut  errungenen  Vorteil  festzuhalten  oder
auszubeuten.  Der  Artilleriekampf  wird  möglichst
gleichzeitig  mit  dem  Vorgehen  der  Infanterie  begonnen,
  damit  der  Gegner  im  unklaren  bleibt.  Davon
wird  jedoch  abgesehen,  wenn  die  Vorhut  zur  Lösung
ihrer  Aufgabe  der  Unterstützung  der  Artillerie  bedarf
oder  diese  die  Verhältnisse  beim  Feind  klären  soll.

Beim  Angriff  auf  einen  zur  Verteidigung
entwickelten  Feind  hat  der  Angreifer  Zeit  zur  Erkundung;
  diese  wird  daher  mit  zunehmender  Annäherung
  an  den  Feind  immer  eingehender.  Die
Annäherung  geschieht  mitunter  in  der  Dunkelheit.
Die  Artillerie  geht  in  Stellung  und  sucht  die  Feuerüberlegenheit
  zu  erringen.  Die  Truppen  werden  möglichst
  nahe  an  der  feindlichen  Stellung,  der  feindlichen
Waffenwirkung  und  möglichst  auch  der  Sicht  ent.

en,  bereitgestellt.  Das  Vorgehen  in  diese  -Bereil-7
  ung«  geschieht  unter  Umständen,  besonders  in
unülbersichtlichem  Gelände,  von  Abschnitt  zu  Abschnitt.
Dann  erfolgt  der  Angriff,  wobei  möglichst  gleichzeitiger
  Beginn  des  Infanteriefeuers  auf  der  ganzen
Angriffslinie  angestrebt  wird.

Der  Angriff  auf  eine  mit  allen  Mitteln
der  Feldbefestigung  verstärkte  Stellung  kann
meist  nur  unter  dem  Schutze  der  Nacht  und  mit  Angriffsarbeiten
  erfolgen.  Gegen  starke,  rräfti  verteidigte
  Stellungen  muß  der  Angreifer  tagelang  kämpfen
und  mehrfach  Feuerstellungen  ausheben.  Gegenüber
besonders  widerstandsfähigen  und  nachhaltig  verteidigten
  Stellungen  nähern  sich  die  Formen  *  Angriffs
  denen  des  Kampfes  um  Festungen  (ogl.
„:Festungen  und  Festungskrieg:,  Bd.  II,  S.  292).
Bei  einem  solchen  Angriff  werden  zunächst  die  feindlichen
  Vortruppen  möglichst  bis  auf  die  Hauptstellung
zurückgeworfen.  Dann  erfolgt  die  sorgfältige  Erkundung
  der  feindlichen  Stellung,  des  Angriffefeldes,  der
Artilleriestellungen,  der  Anmarsch=  u.  Annäherungswege
  usf.  Die  Angriffsartillerie,  vor  allem  schwere
Artillerie,  nimmt,  geschützt  durch  Infanterievortrup-=pen,
  die  an  die  feindliche  Stellung  herangefühlt  und  sich
eingegraben  haben,  möglichst  bald  den  Geschützkampf
unter  einheitlicher  Leitung  auf.  Die  Angriffsinfanterie
wird  bei  Dunkelheit  lautlos  in  die  zur  Eröffnung  des
Feuerkampfes  ausersehene  Stellung  vorgeführt,  die,
wenn  möglich,  auf  Sturmentfernung  vor  der  feindlichen
  liegt.  Meist  ist  dies  jedoch  nicht  in  einem  Zuge
möglich.  Dann  gräbt  sich  die  Infanterie  dort  ein,
wo  sie  zum  Halten  gezwungen  wird,  und  arbeitet  sich
allmählich  heran,  indem  sie  schrittweise  vorgeht  und
sich  immer  wieder  erneut  eingräbt.  Dieses  Heranarbeiten
  wird  durch  Feuer  von  Artillerie,  Maschinen-
        <pb n="168" />
        150

ewehren  und  benachbarter  Infanterie  wirtsam  unterstützt.
  Die  Angriffsarbeiten,  d.  h.  die  Deckungs-  und
Feldbefestigungsarbeiten  (Näheress.=  Pionierwesene,
Bd.  II,  S.  270),  sind  dabei  verschieden,  je  nachdem  ob
die  Stellung  nur  vorübergehend  benutzt  oder  in  ihr
der  Kampf  unter  wirksamem  feindlichen  Feuer  längere
Seit  geführt  werden  muß.  Bei  lang  andauernden
Kämpfen  werden  die  Stellungen  immer  stärker  und
zu  äußerst  widerstandsfähigen  Kampfanlagen  ausgebaut.
  Die  Artillerie  setzt  ir.  Feuer  fort  und  steigert
es  vor  dem  Sturm  gegen  die  feindliche  Artillerie  wie
auch  gegen  die  feindliche  Stellung  zu  größter,  vernichtender
  Heftigkeit.  Die  anderen  Waffen  halten  den
Feind  in  seinen  Deckungen  so  nieder,  daß  die  Hindernisse
  beseitigt  werden  und  der  Sturm  erfolgen  kann.
Dieser  setzt  meist  aus  der  Sturmstellung  bei  Tagesgrauen
  ohne  vorherigen  Feuerkampf  der  Infanterie
überraschend  und  schnell  ein;  er  kann  aber  auch,  den
Umständen  entsprechend,  in  die  Nacht  verlegt  werden
und  unmittelbar  aus  der  Annäherung  erfolgen;  die
Entscheidung  fällt  im  Handgemenge.  Die  eroberte
Stellung  wird  unverzüglich  für  die  eigene  Verteidigung
  eingerichtet  und  mit  Maschinengewehren  beseßt.
Die  gegen  früher  außerordentlich  gesteigerte  Wirkung
  der  neuzeitlichen  Feuerwaffen  hat  im  jetzigen
Kriege  zu  weitgehender  Verwendung  stark  befestigter
Feldstelungen  geführt  und  mit  dem  Angriff  auf  diese
den  Schützengrabenkrieg  gebracht.  Zwei  einander
  parallellaufende,  auf  nächste  Entfernung  sich
ge  enüberliegende  Linien  von  stark  ausgebauten
Schützengräben,  die  im  Westen  von  der  Nordsee  bis
zur  Schweizer  Grenze  und  im  Osten  von  der  Ostsee
bis  zur  rumänischen  Grenze  eine  ununterbrochene
Kampffront  bildeten:  das  war  eine  Neuerscheinung
des  Krieges,  wie  sie  sich  ähnlich  noch  nie  gezeigt  hatte.
Und  eine  Folgeerscheinung  dieses  Stellungskrieges,
wie  sie  sonst  nur  im  Festungskrieg  zutage  trat,  ist  die
Tatsache,  daß  infolge  des  Gegenüberstehens  auf  so
nahe  Entfernungen  der  Kampf  unausgesetzt,  oft  Tag
und  Nacht  hindurch,  andauerte.  Nähered  s.  2  Stellungskrieg
  und  Nahkampfmittele,  Bd.  L,  S.  273ff.
Den  sichersten  Erfolg  verbürgt  die  Verbindung
von  frontalem  mit  umfassendem  Angriff.  Hierbei
  wird  der  Feind  in  der  Front  gefesselt  und  seine
Flanke  entscheidend  angegriffen,  wobei  die  umfassenden
  Truppen  von  weither  gegen  die  feindliche  Flanke
geführt  werden;  schwieriger  e  die  Umfassung  bei  der
Entfaltung  oder  durch  zurückgehaltene  Reserven.
Dringen  die  umfassenden  Truppen  in  die  Stellung
des  Gegners  ein,  so  wird  die  feindliche  Front  meist
aufgerollt.  GleichzeitigeUmfassun  beider  feindlicher
Flügel  führt  zur  Einkreisung  (Schlacht  von  Tannenberg
  24.—30.  Aug.  1914,  Masurenschlacht  68.—13.
Sept.  1914,  Schlacht  am  Tagliamento  31.  Okt.  1917).
Im  Weltkrieg  war  das  Heranführen  von  Truppen
gegen  die  Flanke  des  Gegners  meist  nicht  möglich,
weil  der  Raum  hierzu  fehlte.  Der  Schützengrabenkrieg

  ließ  vielmehr  nur  rein  frontal  geführte  Angriffe

zu.  Gelingt  solcher  Vorstoß  in  größerem  Umfang,
so  führt  er  zum  Durchbruch  (Gorlice  2.  Mai  1915,
Zabrocze  19.  Juli  1917,  Isonzo  24.  Okt.  1917,  Tagliamento
  31.  Okt.  1917,  Bapaume-Péronne  21.—25.
März  1918).

Die  Verteidigung.

Die  Verteidigung  bezweckt  Abwehr  und  beschränkt
sich  daher  auf  Behauptung  der  Stellung.  Eine  Verteidigung
  jedoch,  die  nicht  nur  den  Angriff  abweisen,

II.  Technik  und  Kriegführung

sondern  entscheidenden  Sieg  herbeiführen  will,  muß
mit  angriffsweisem  Verfahren  gepaart  sein.

Die  Verteidigungsstellung  wird  somit  so  gewählt.
daß  sie  den  Feind  zum  Angriff  zwingt  und  bei  Umgehungsversuchen
  dem  Verteidiger  den  beabsichtigten
Zeitgewinn  oder  günstige  Bedingungen  für  ein  eigenes
  angriffsweises  Verfahren  schafft.  Sie  muß  deshalb
  freies  und  weites  Schußfeld,  Bewegungsfreiheit
in  und  hinter  der  Stellung  und  sichere  Anlehnung
für  wenigstens  einen  Flügel  haben.  Nicht  angelehnte
Flügel  werden  durch  Reserven  geschützt.

Die  Stellungen  der  am  Verteidigungskampf  be
teiligten  Waffen  müssen  sich  den  Kampfbedingungen
dieser  Waffen  und  ihrem  Zusammenwirken  anpassen:
Die  Feldartillerie  muß  ihr  Feuer  in  die  Angriffsrichtung
  vereinigen  und  den  Infanterieangriff  bis
auf  die  nächsten  Entsernungen  bekämpfen  können:
hierzu  werden  oft  einzelne  Batterien  oder  Geschütze
bis  in  die  Nähe  der  Infanteriestellung  oder  in  diese
vorgeschoben.  Die  schwere  Artillerie  geht  da  in
Stellung,  wo  sie,  ihrer  Hauptaufgabe  entsprechend,
den  Anmarsch  und  die  Artilleriestellungen  des  Angreifers
  unter  Feuer  nehmen  kann.  Die  Infanteriestellung
  befindet  sich  in  angemessener  Entfernung
  vor  der  Artillerie  und  nunß  gute  Feuerwirkung
auf  nahe  Entfernung  zulassen.  Maschinengewehre
werden  hauptsächlich  zur  frontalen  und  flankierenden
Bestreichung  wichtiger  Linien  und  zur  schnellen  und
kräftigen  Verstärkung  des  Infanteriefeuers  an  bedrohten
  Punkten  verwendet.  Minenwerfer  bekämpfen
  die  gegnerischen  und  schießen  die  feindlichen
Stellungen  und  Angriffsarbeiten  zusammen;  daher
haben  sie  ihre  Siellung  in  nächster  Nähe  der  Infan
terie.  Flieger-  und  Tankabwehrgeschütze  werden
  dort  in  Stellung  gebracht,  wo  sie  am  besten  ihre
Kampfziele  unter  wirksames  Feuer  nehmen  können,
und  nach  Bedarf  eingesetzt.  Jagd-,  Schlacht-  und
Bombenflieger  sind  bei  der  Verteidigung  im  allgemeinen
  in  eeicher  Weise  tätig  wie  beim  Angriff.

Jede  Verteidigungsstellung  ist  in  Abschnitte  geteilt,
  die  bestimmten  Truppenverbänden  zur  Besetzung
zugewiesen  sind.  Jede  Abschnittsbesatzung  sorgt  für

ie  unausgesetzte  Beobachtung  des  Vorgeländes  mit
allen  ihr  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  und  scheidet
sich  ihre  eigene  Abschnittsreserve  aus.

Eine  Verteidigungsstellung  wird  mit  allen  Mitteln
  verstärkt.  Der  Ausbau  richtet  sich  nach  der
verfügbaren  Zeit  und  danach,  ob  die  Siellung  zähe
verteidigt  oder  in  ihr  nur  vorübergehend  Widerstand

eleistet  werden  soll.  Im  allgemeinen  richtet  jeder
Lrupenverband  seinen  Abschnitt  zur  Verteidigung
her.  Über  die  dabei  auszuführenden  Feldbefestigungsarbeiten
  u.  die  Heranziehung  der  Pioniere
s.  „Pionierwesen  #,  Bd.  II,  S.  270  ff.,  u.  Stellungsfrieg
  und  Nahkampfmittels,  Bd.  I,  S.  273ff.
nterstützungen  und  Abschnittsreserven
werden,  damit  sie  f  die  Abwehr  des  feindlichen  Angriffs

  rechtzeitig  zur  Hand  sind,  so  nahe  herangehalten,

  wie  es  die  feindliche  Waffenwirkung  gestattet.
Fehlt  es  an  Schutz  im  Gelände,  so  werden  Deckungen
und  gedeckte  Annäherungswege  geschaffen.

Zur  Herbeiführung  der  Entscheidung  durch  den
Angriff  wird  eine  Hauptreserve  zurückgehalten;  je
stärker  diese,  desto  größer  die  Aussicht,  die  Verteidi-Lung
  mit  einem  entscheidenden  Sieg  abzuschließen.

ie  wird  da  bereitgestellt,  von  wo  aus  sie  nach  der
feindlichen  Angriffsrichtung  und  dem  Gelände  am
besten  zum  Angriff  vorgeflchrt  werden  kann.
        <pb n="169" />
        Defele:  Die  Gefechtstaktik  im  Landkrieg

Schnell  und  sicher  muß  der  Nachrichtendienst
in  der  Stellung  und  nach  rückwärts  arbeiten;  seine
Anwendung  ist  natürlich  in  der  Verteidigung  viel
#ingehender  als  im  Angriff.  Bgl.-Nachrichtenwesene,
S.  163.

Die  Neuartigkeit  der  langen  Verteidigungslinien
erfordert,  daß  sie  fortifikatorisch  stark  genug  gemacht
werden,  damit  bei  Durchbruchsversuchen  des  Gegners
  die  Reserven  Zeit  haben,  heranzukommen  und
ihn  wieder  hinauszuwersen.  Daher  begnügt  man  sich
nicht  mehr  mit  einer  Verteidigungslinie,  sondern  man
baut  hinter  der  vordersten  noch  eine  ganze  Anzahl
befestigter  Stellungen,  die  dem  Verteidiger
immer  wieder  als  Aufnahmeestellungen  dienen.  Durch
dieses  System  von  Verteidigungsanlagen  ist  eine
Verteidigungszone  geschaffen,  durch  die  das  Angriffstempo
  beim  Gegner  verzögert  wird.

Auch  unser  Verteidigungsverfahren  hat
infolge  der  mit  Kewalügem  Aufwand  artilleristischer
und  technischer  Mittel  geführten  Angriffe  eine  Anderung
  erfahren.  An  die  Stelle  der  aus  einer  Linie  bestehenden
  Verteidigungsfront  ist  die  Abwehrzone
mit  schwach  besetzten,  vorderen  Linien  getreten.  In
dieser  Kampfzone  wird  die  ganze  Verteidigung
beweglich  geführt;  die  Starrheit  der  bisherigen
Abwehr  ist  also  durch  taktische  Biegsamkeit  ersetzt.
Und  die  Abwehr  des  feindlichen  Angriffs  selbst  erfolgt
  in  der  Hauptsache  durch  den  in  der  Kampfzone
vor  sich  gehenden  Gegenstoß.  Diese  neuartige,  auf
den  Gegenstoß  aufgebaute,  bewegliche  deutsche  Abwehrtaktik
  hat  sich  als  äußerst  wirksam  erwiesen.  Sie
macht  für  die  Verteidigung  selbst  von  der  gruppenweisen
  Verwendung  der  Infanterie  und  vom  verheerenden
  Maschinengewehrfeuer  ausgedehnten  Gebrauch.
  Die  einzelnen  beherrschenden,  kräftigen  Stellungen
  sind  durch  unzählige,  gut  versteckte,  dem  Vernichtungsfeuer
  der  Artillerie  nur  schwer  erreichbare
Maschinengewehre  miteinander  verbunden.  Hat  der
Angreifer  nachlangwierigem,  blutigem  Ringenschließlich
  diese  Linie  durchbrochen,  so  muß  er  zunächst  gewärtigen,
  bei  weiterem  Vordringen  von  nicht  aufgefundenen
  Maschinengewehr=  und  Schützennestern  mit
wirkungsvollem  Feuer  im  Rücken  gefaßt  zu  werden.
Erschöpft  auf  freiem  Felde  angelangt,  sieht  er  sich
dann  plötzlich  einem  überraschenden  Gegenstoß  völlig
frischer,  von  vernichtendem  Artilleriefeuer  unterstützter
  Kräfte  fast  schutzlos  preisgegeben.  In  diesem  mit
Wucht  geführten  Gegenschlag  brechen  die  an  sich  schon
dezimierten  Sturmwellen  des  Angreifers  zusammen
und  werden  wiederum  zurückgejagt.

Die  Berfolgung.

Die  Verfolgung  bezweckt  die  Vernichtung  des  Gegners,
  nachdem  er  geschlagen  ist;  sie  ist  die  Krönung
des  Sieges.  Ohne  kräftige  Verfolgung  steht  der  Gegner
  in  kurzer  Zeit  wieder  kampfbereit  gegenüber.
Sein  neuer  Widerstand  muß  dann  durch  erneuten
Kampf  gebrochen  werden.  Deshalb  wird  die  Niederlage
  des  Feindes  durch  Feuer  und  schärfstes  Nachdrängen
  zur  völligen  Auflösung  gesteigert.  Bietet
der  zurückgehende  Feind  ein  gutes  Ziel,  so  wird  er
beschossen;  entzieht  er  sich  der  Feuerwirkung,  so  wird
alles  darangesetzt,  wieder  näher  an  ihn  heranzukommen,
  um  ihm  durch  Feuer  oder  mit  der  blanken  Waffe
zu  Leibe  zu  gehen.  Bei  der  Verfolgung  wetteifern
alle  Waffen  in  dem  Bestreben,  dem  Feicde  Aboruch
zu  tun,  und  tragen  auch  ohne  Befehl  in  rücksichtsloser
Selbsttätigkeit  zum  Erfolge  bei.

Der  Rückzug.

Beim  Rüchuf  handelt  es  sich  darum,  sich  vom
Gegner  loszulösen  und  dabei  die  Entfernung,  auf
der  man  das  Feuergefecht  mit  ihm  führt,  immer  zu
vergrößern.  Die  Ausführung  des  Rückzuges  wird
durch  den  Zustand  der  eigenen  Truppen  und  das  Verhalten
  des  Gegners  bestimmt.  Selten  nur  wird  es
möglich  sein,  sich  unbemerkt  vom  Feinde  loszulösen;
in  der  Regel  muß  der  Rückzug  im  feindlichen  Feuer
angetreten  werden.  Junächst  wird  die  Masse  der  Infanterie
  in  breiter  Front  in  Marsch  gesetzt,  wobei  ihr
das  Loslösen  vom  Feind  durch  die  anderen  Wassen
ermöglicht  werden  muß.  Dazu  bleiben  die  Artillerie,
mindestens  ein  Teil  derselben,  die  Kavallerie  und
unter  Umständen  auch  Teile  der  Infanterie  am  Feind.
Die  Artillerie  richtet,  unter  Nichtbeachtung  der  feind.
lichen,  ihr  Feuer  auf  die  vorgehende  feindliche  Infanterie
  und  darf  dabei  selbst  den  Verlust  der  Geschütze
  nicht  scheuen.  Die  Kavallerie  muß  sich  auch
dann  opfern,  wenn  sie  damit  nur  kurzen  Zeitgewinn
erzielt.  Diese  Truppen  werden  erst  nachgezogen,  wenn
die  Masse  der  Infanterie  einigen  Vorsprung  hat.
Flieger  überschütten  den  vorgehenden  Gegnermitwirkungsvollem
  Feuer.  Während  die  Infanterie  dann  in
ununterbrochenem  Rückzuge  bleibt,  gehen  Artillerie
und  Maschinengewehre  in  eine  verteidigungsfähige
(oft  auch  seitliche)  Aufnahmestellung,  hinter  der  die
abziehende  Truppe  Zeit  und  Raum  zur  Wiederherstellung
  findet.  Die  berittenen  Waffen  folgen  erst  später
in  beschleunigter  Gangart.  Mit  dem  wachsenden  Abstand
  vom  Feinde  erhält  die  Truppe,  sofern  sie  nicht

em  Gegner  in  einer  neuen  Stellung  entgegentreten
will,  die  Möglichkeit,  die  Marschform  anzunehmen.
Das  Nachdrängen  des  Gegners  muß  aber  nicht  nur
durch  das  Rückzugsgefecht,  sondern  auch  sonst  mit
allen  Mitteln  erschwert  werden.  Deshalb  wird  das
Gelände,  das  der  nachdrängende  Gegner  durchschreiten
mus,  durch  Zerstörungen  ungangbar  u.  unbrauchbar
gemacht.  Anderseits  kann  beim  Rückzug  jeder  Zeitverlust
  verhängnisvoll  werden.  Darum  wird  nach  Kräften
  für  Gangbarkeit  des  Rückzugsgeländes,  ein  ausreichendes
  Wegenetz  und  zahlreiche  übergänge  über
etwaige  Flußläufe  durch  die  Pioniere  Sorge  getragen.

Als  besondere  Kampfarten  kommen  in  Betracht:
Das  hinhaltende  Gefecht,  um  Zeit  zu  gewinnen.
z.  B.  um  in  großen  Verbänden  die  Entwicklung  zu
ermöglichen  oder  um  den  Feind  zu  beschäftigen,  bis
das  Eingreifen  einer  Nebenkolonne  oder  Umgehungsabteilung
  wirksam  wird.  Das  (seltenere)  Scheingefecht,
  das  den  Gegner  über  die  eigene  Absicht
täuschen  soll  (Führung  in  jeder  Lage  anders).  Ferner:
  Nachtgefechte,  die  hauptsächlich  der  Kampf
um  befestigte  Stellungen  bringt.  Da  bei  ihnen  der
Zufall  eine  große  Rolle  spielt,  sind  nur  einfachste
Formen  unter  schärfster  Mannszucht  anwendbar.—
Beim  Ortsgefecht  werden  massive,  zäh  verteidigte
Ortlichkeiten  meist  zu  Brennpunkten.  Dringt  der
Feind  in  die  Ortschaft  ein,  so  wird  jeder  Abschnitt,
jedes  Gehöft  verteidigt.  Reserven  werfen  ihn  mit  der
blanken  Waffe  wieder  hinaus.  Der  Angreifer  läßt
den  Sturm  ausgiebig  durch  Artillerie,  namentlich  mit
Steilfeuer,  vorbereiten.  Ist  der  Ortsrand  genommen,
so  folgen  die  eingedrungenen  Abteilungen  dem  Feinde
bis  zum  jenseitigen  Rande  und  richten  diesen  zur  Verteidigung
  ein.  —  Waldgefechte  sind  besonders

1

schwierig,  wenn  es  sich  um  ausgedehnte  Waldungen
        <pb n="170" />
        152

handelt.  Der  Angreifer  wendet  sich  hauptsächlich  gegen
vorspringende  Teile  des  Waldes  und  stößt  nach  dem
Eindringen  in  breiter,  dichter  Schützenfront  mit  dichtauf
  folgenden  Unterstützungen  und  gestaffelten  Reserven
  möglichst  bis  zum  jenseitigen  Waldsaum  durch.

Die  Artillerie  im  Kriege
von  Hauptmann  a.  D.  Oesele  in  Würzburg
Hierzu  Tafeln  Geschütze  [IV..

Der  nun  beendete  Krieg  stand  in  weitgehendem
Maße  unter  dem  gece  artilleristischer  Leistung.
Dabei  kennzeichnet  ihn  besonders  die  Mannigfaltigtert
und  die  ungeheure  Masse  der  verwendeten  Geschüze.
Früher  nahm  man  in  das  Feld  nur  leichte  Artillerie
mit,  die  so  beweglich  ist,  daß  sie  die  anderen  Truppen
in  jedem  Gelände  und  in  jeder  Gangart  begleiten
kann;  die  schweren  Geschütze  dienten  ausschließlich  dem
Festungerrieg.  Jetzt  ist  zum  erstenmal  auch  im  Feldkrieg
  die  schwere  Artillerie  in  ausgedehntem  Maße
dazugetreten,  die  nicht  die  hohe  Beweglichkeit,  aber
um  so  größere  Wirkung  besitzt.  Die  gesteigerte  artilleristische
  Leistung  tritt  aber  nicht  nur  zutage  durch  den
Einsatz  neuer,  ungeahnt  wirkungsvoller  Geschütze;
sie  zeigt  sich  vor  allem  in  den  gewaltigen  Artillerieschlachten,
  bei  denen  Tausende  von  Geschützen  aller
Kaliber  gleichzeitig  und  ununterbrochen  auf  die
gegnerischen  Stellungen  hämmern.  Daher  ist  auch
der  Munitionsverbrauch  für  Angriff  und  Abwehr
ins  Ungeheure  gestiegen;  die  Munitionsergänzung
spielt  a“  eine  äußerst  wichtige  Rolle.

Aufgaben,  Diele  und  Perwendung  der  Artillerie.

Die  Artillerie  hat  der  Infanterie  den  Weg  zum
Siege  zu  bahnen,  indem  sie  alle  sich  deren  Vorgehen
entgegenstellenden  Hindernisse  beseitigt  oder  dem  vordringenden
  Feinde  durch  ihr  Feuer  unüberwindliche
Hemmnisse  bereitet.  Sie  muß  das  feindliche  Feuer
zum  Schweigen  bringen  oder  wenigstens  schwächen,
dann  aber  auch  den  vorgehenden  oder  sich  verteidigenden
  Gegner  zu  vernichten  oder  wenigstens  zu  erschüttern
  trachten.  Dabeistellen  sich  ihr  die  verschiedenartigsten
  Ziele  entgegen:  ungedeckte,  sich  bewegende
Truppen  mit  leichtem  Kriegsgerät,  Deckungen  verschiedener
  Stärken  und  andere  widerstandsfähige
Ziele  und  endlich  Ziele  in  der  Luft.

Nicht  alle  zu  bekämpfenden  Ziele  kann  die  Artillerie
mit  gleichem  Geschütz  und  Geschoß  beschießen.  Je
nachdem  ein  Ziel  von  vorne  oder  von  oben  getroffen
werden  muß,  verwendet  man  Flach=  oder  Steilfeuergeschütze.
  Die  verschiedene  Entfernung  der  Ziele  erfordert
  verschiedene  Reichweiten;  ihre  verschiedenartige
  Widerstandsfähigkeit  führt  zur  Verwendung
verschieden  großer  und  schwerer  Gsschosse  und  damit
verschiedener  Geschützkaliber.  Luftziele  verlangen  Geschütze
  mit  großem  Höhenrichtfeld  und  schneller  Richtungsänderung.
  Gegen  lebende  Ziele  müssen  Geschosse
zur  Anwendung  kommen,  die  beim  Zerspringen  so
viele  und  so  große  Sprengteile  ergeben,  daß  sie  Menschen
  und  Pferde  außer  Gefecht  zu  setzen  imstande  sind.
Gegen  unbelebte  aufrechte  und  wagerechte  Ziele  können
  nur  Geschosse  dienen,  die  das  Ziel  beim  Auftreffen
durch  ihre  Kraft  zerstören  oder  in  ihm  beim  Platzen
eine  zertrllmmernde  Wirkung  ausüben.  Der  Bewegungskrieg
  verlangt  große  Beweglichkeit  der  Geschütze,

II.  Technik  und  Kriegführung

Der  Verteidiger  sucht  den  eingedrungenen  Angreifer
durch  Vorstöße,  insbes.  gegen  die  Flanken,  wieder
Busguwersen  und  setzt  diese  Angriffe  gegen  die

lanken  auch  bei  den  Kämpfen  im  Innern  des  Waldes
  mit  Nachdruck  fort.

während  bei  Geschützen  in  dauernder  Aufstellung  von
solcher  abgesehen  werden  kann.

Die  Artillerie  verwendet  daher  zur  Bekämpfung
der  Ziele  des  Feldkrieges  vor  allem  leicht  bewegliche,
stets  feuerbereite  und  Ghnelleuernde  Feldgeschütze,
und  zwar  gegen  lebende,  sich  bewegende  Ziele  die
Feldkanonen,  gegen  Ziele  hinter  oder  unter  feldmäßig
  hergestellten  leichten  Deckungen  die  leichten
Feldhaubitzen.  Im  Gebirgskrieg  werden  Feldgeichsr
  e  von  noch  größerer  Beweglichkeit  benutzt.

as  Feldheer  bedarf  aber  auch  schwerer  Geschütze.
Dies  sind  einmal  schwere  Haubitzen  und  Mörser
verschiedenen  Kalibers  zum  Feuer  gegen  die  Deckungen
der  befestigten  Feldstellungen  und  ständigen  Befestigungsanlagen;
  dabei  bekämpft  man  Bähgung
modernster  Art  mit  Steilfeuergeschützen  allerschwersten
  Kalibers,  wie  sie  bisher  höchstens  für  die
Küstenverteidigung  dienten.  Dann  sind  es  schwere  Kanonen
  zur  Bekämpfunglebenderund  ungedeckter  Ziele
auf  die  weitesten,  von  den  Feldkanonen  nicht  mehr  erreichbaren
  Entfernungen  und  weittragende  Flachbahngeschütze
  größten  Kalibers,  wie  sie  sonst  nur  bei
der  Schiffsartilleriein  Gebrauchsind,  zum  Fernfeuerauf
gewaltige,  bisher  nicht  gekannte  Entfernungen.  Auch
diese  schweren  Geschütze  haben,  mit  Ausnahme  der
allerschwersten  und  der  in  fester  Aufstellung  befindlichen
  Festungsgeschütze,  entsprechende  Beweglichkeit.
Zur  Bekämpfung  der  Luftfahrzeuge  gibt  es  eigens
konstruierte  Luftabwehrgeschütze,  ebenso  zur
Abwehr  der  Tanks  (s.  Panzerwagen)  ihrer  Aufgabe
besonders  angepaßte  Tankabwehrgeschütze.

-*mO  ê§5¾ä  *  :.
1.  Schrapnell.  E  'TT
2.  Granate  .

3.  Granate
mit  Aufschlagzünder.

4.  Granate  mit
Verzöyerungszünder.

Gegen  alle  lebenden  Ziele,  soweit  sie  sich  nicht  hinter
steilen  Deckungen,  unter  Eindeckungen  oder  innerhalb
hochstämmiger  Waldungen  befinden,  und  gegen  Luftiele

  verwendet  die  Artillerie  das  vor  oder  über  dem
Biel  explodierende  Schrapnell,  dessen  Kugeln  in
einem  mächtigen  Streuungskegel  mit  großer  Wirkung
nach  der  Tiefe  geschleudert  werden  (Textfig.  1).  Gegen
        <pb n="171" />
        Geschütze  I.

1.  7.7  cm-  Infl.-Ceschütz  L/20.6  in  Feuerstellung  (Rhein.  Metall-  u.  Masch.-Fabr.).

3.  15  cm-Kanone,  Geschütz  in  Feuerstellung  (Rhein.  Metall-  u.  Masch.-Fabr.).

Biblliographlsches  Insiltut  in  Lelpalg.
        <pb n="172" />
        .  r*—½
„%  *s5  —

l
*'  -  “  .  ·  1  "
rbnnse  —  1  1
4

—*
N  —  6.
4  UANN  .«
,:;-«s.·sl  —

□l———5  ——.—

14#7N7T  I  LIT
6  W  Aal.  7.  *  n

.

———  ———
1

1
n  "##%%  t
iI9%  "  ##  c  f.  1  ·  r#

□———
1  :::
.  —  (  .
sosoossdsos  I
·..·ssoi.ss·-Is  «  .

□

**:
st
r—W
·
4

1.  Lolchter  Minenwerkfer  der  Rhein.  Metnll-  u.  Masch.-—



»  .
Fabr.  (Zuoi  Leæikounstichuort,  Mintenuerfer.

2.  Sprengstücke  3.  Sprengstücke
ciner  Granaie.  cines  Schrapnells.

——

.—–.mmm—(m  ..Nn—nNN’  *“’  —  **
Schwere  8.  cn-  Kraltwazen-Flugabwehrkanone  in  Feuerstellung  mit  700%  Rohrerhöhung
(Krupp).  Zwecks  Flleperschm:z  hemalt.

2

–5

½  ½-5.

  10,5  cm  -  Gebirashaubitze  L/12  fu  Feuerstellung  (Rhein.  Metall-  u.  Masch.-Fabr.).

6.  5  cm-  Flugabwehrkanone  L/40  in  Feuerstcllung  auf  Radbahn  (Rhein.  Metall-  u.  Masch.-Fabr.).
        <pb n="173" />
        Oefele:  Die  Artillerie  im  Kriege

lebende  Ziele,  die  dicht  hinter  steilen  Deckungen  oder
unter  schwachen  Schutzwehren  geschützt  sind,  kommt
die  Über  oder  hinter  dem  Ziel  platzende  Granate
zur  Anwendung,  deren  Sprengstücke  in  einem  großen
Kegelwinkel  quer  zur  Flugbahn  nach  allen  Seiten
geschleudert  werden  (Textfig.  2).  Zur  Beschießung  der
in  hochstämmigen  Waldungen  befindlichen  Truppen
und  der  Schildbatterien  dient  die  im  Ausschlag
platzende  Granate  mit  ihren  nach  allen  Seiten  mit
Kufer  Wucht  auseinandergeschleuderten  Splittern
(Textfig.  3).  Zum  Zerstören  widerstandsfäh  er  Ziele
wird  die  durch  ihre  Durchschlagskraft  und  Erengwirkung
  im  Ziel  wirkende  Granate  verwendet.  Kommt
es  dabei  auf  große  Eindringtiese  und  möglichste  Ausnutzung
  der  Sprengwirkung  an,  so  werden  Minengranaten
  mit  Verzögerung  verfeuert,  die  krepieren,
  wenn  sie  schon  eine  Strecke  weit  ins  Ziel  eingedrungen
  sind  (Textfig.  4).  Gegen  Panzerziele  verwendet
  man  zum  Durchschlagen  des  Panzerbleches
besonders  konstunterte  Panzergranaten,  gegen
Luftziele  eigene  Streu=  und  Brandgeschosse,  im
Gaskampf  Gasgranaten.

In  diesem  Kriege  ist  die  schwere  Artillerie  in
den  Vordergrund  getreten.  Schon  im  Beginn  des
Krieges  haben  unsere  schweren  und  schwersten  Steilseuergeschütze
  bei  Niederkämpfung  der  für  uneinnehmbar
  gehaltenen  Festungen  die  Bedeutung  und  Notwendigkeit
  wirkungsvoller  schwerer  Artillerie  erwiesen.
Und  noch  zuletzt  haben  unsere  weittragenden  Ferneschütze

  mit  ihren  riesenhaften  Schußweiten  bei  der
Beschießun  von  Paris  gezeigt,  wie  wertvoll  weitreichende
  schwere  Kanonen  find.  Aber  abgesehen  von
diesen  besonderen  Leistungen  artilleristischer  Technik
hat  die  schwere  Artillerie  auch  in  der  Feldschlacht  eine
ungeahnte  Bedeutung  erlangt.  Die  ausgedehnte  Anwendung
  der  Feldbessstigunk  und  der  Stellungskrieg
haben  das  Auftreten  von  Zielen,  gegen  welche  leichte
Feldgeschütze  Erfolg  haben  können,  auf  verhällnismäßig
  seltene  Fälle  beschränkt.  Die  horizontalen
Linien  der  Schützengräben  mit  ihren  widerstandsfähigen
  Deckungen  und  Unterständen  können  nur
durch  schwere  Steilfeuergeschütze  zerstört  werden,  und
die  ungedeckten  Ziele  weit  hinter  der  feindlichen  Front
sind  nur  durch  weittragende  schwere  Flachbahngeschütze
zu  erreichen.  Artilleristische  Erfolge  sind  daher  heutzutage
  im  Angriff  wie  in  der  Verteidigung  nur  durch
eine  überlegene  schwere  Artillerie  zu  erzielen.

Der  Angriff  bedarf  heute  viel  mehr  als  früher  einer
kräftigen  Feuerunterstützung  und  wirkungsvollen
Vorbereitung  durch  die  Artillerie.  Genügt  im  Bewegungskampf
  im  allgemeinen  die  Tätigkeit  der  Feldartillerie
  in  dem  vor  ihr  liegenden  Abschnitt  des
Kampfgebietes  zum  Niederhalten  und  Sturmreifmachen
  des  Gegners,  so  fordert  der  Stellungskampf
weit  stärkere  artilleristische  Mittel,  um  der  eigenen
Infanterie  das  Stürmen  zu  ermöglichen.  Gegenüber
einer  äußerst  widerstandsfähig  befestigten  Stellung
wird  daher  eine  mächtige  Angriffsartillerie  unter  einheitlicher
  Leitun  engese  t,  um  mit  vereinten  Kräften
gleichzeitig  einen  Teil  des  Frontabschnittes,  diesen  aber
dafür  hageldicht,  mit  Geschossen  zu  belegen.  Hierzu
werden  zunächst  die  Abteilungen  und  Regimenter  der
Feldartillerie  herangezogen.  Dazu  kommen  dann  aber
vor  allem  die  größeren  und  weit  wirkungsvolleren
Kaliber  der  schweren  Artillerie,  und  diese  werden
wiederum  ausgiebig  verstärkt  durch  mobil  gemachte
Schiffs=  und  Festungsgeschütze.  Diese  verschiedenen
Batterien  und  Regimenter  werden  im  Angriffsab-153



schnitt  unmerklich  Vereinige  um  nachgenauem  Planin
länger  dauerndem  Schnellfeuer,  demso  Trommelfeuer,
  die  gegnerische  Stellung  umzupflügen  und  zu
erstören  und  durch  Sperrfeuer  hinter  die  feindliche
Front  einen  Feuerwall  zu  legen.  der  ein  Vorkommen
von  Unterstützungen  unmöglich  macht.
Dementsprechend  fällt  auch  in  der  Verteidigung
der  wirkungsvollste  Teil  des  Feuerkampfes  der  schweren
Artillerie  zu.  Die  Verteidigungsartillerie  muß  das
Feuer  eines  großen  Teiles  der  Angriffsartillerielahmlegen
  und  von  ihrem  eigentlichen  Ziel  ablenken;  je
länger  ihr  das  gelingt,  desto  weiter  wird  das  Zerstörungsfeuer
  der  Angriffsartillerie  und  damt
auch  der  Angriff  selbst  hinausgeschoben.  Dann  gilt
es  aber  auch,  die  vordersten  Stellungen  und  die  An.
grüffsarbeiten  sowie  die  Bereitstellungen  und  andere
Ingriffsvorbereitungen  des  Gegners  zu  beschießen
(Störungsfeuer).  Diese  Aufgaben  können  bei
den  großen  Entfernungen  und  der  Art  der  Ziele  auch
nur  weitreichende  Kanonen  und  schwere  Steilfeuergeschütze
  erfüllen.

Geschütze  und  Geschosfse.

Von  den  neuzeitlichen  artilleristischen  Feuerwaffen
fordert  man  große  Schußweite,  hohe  Feuergeschwindigkeit,
  gute  Treffsicherheit  und  große  Wirkung  am  zZiel.

Für  die  Herstellung  der  Geschützrohre  kommt  fast
nur  noch  Stahl  (Nickelgußstahl,  Chromstahl,  Manganstahl)
  in  Frage;  außer  ihm  wird  für  leichte  Rohre  in
einigen  Ländern  auch  sog.  Schmiedebronze  verwendet.
  Der  Aufbau  des  Rohres,  die  künstliche
Metallkonstruktion,  ist  verschieden:  Deutschland,  ÖOsterreich,
  Frankreich,  Rußland  u.  a.  haben  Mantel=  und
Mantelringrohre;  England  hat  Drahtrohre
(vgl.  Bd.  I.  S.  235  u.  236);  Italien,  Amerika  führen
beide  Rohrarten.  Das  Kennzeichen  der  modernen
Geschütze  sind  der  Rohrrücklauf  und  die  Schugschilde,
  daher  Standfestigkeit  beim  Schuß  und  großt
Feuerbereitschaft.  Außerdem  sind  die  meisten  Geschütze
Schnelladegeschütze,  haben  also  einen  Verschluß
mit  selbsttätiger  Auswerfevorrichtung.  Kanonen  sind
vielfach  sogar  als  Schnellfeuer=  und  Selbstladegeschütze
  eingerichtet  indem  der  Rohrrücklauf  zu
aulomatischer  Betätigung  des  Verschlusses  verwertet
wird.  Die  Richt=  und  Zielvorrichtungen,  meist
feine,  mit  den  Höhen=  und  Seitenrichtmaschinen  verbundene
  Fernrohrvisiere,  ermöglichen  ein  rasches  und
genaues  Richten  der  Geschütze  nicht  nur  aus  verdeckter
Stellung,  sondern  auch  gegen  verdeckte  Ziele.  Die
Lafetten,  die  nicht  nur  als  Schießgerüst,  sondern
auch  als  Fahrgestell  dienen,  sind  je  nach  Verwendung
und  Beweglichkeit  entweder  Räderlafetten  oder  für
feste  Aufstellung  gebaut.  Die  Fortbewegung  der
leichteren  Geschütze  erfolgt  durch  Tierbespannung  oder
Tragetiere,  für  die  größeren  Kaliber  vorzugsweise
ducch  mechanischen  8  (Lastkraftwagen,  Straßen.
lokomotiven,  Dampfpflugmaschinen  usw.).  Bei
schweren  Geschützen  wird  die  Beweglichkeit  durch  Radgürtel
  (vogl.  Taf.  II,  Fig.  3)  erleichtert,  die  gleichzeitig
  beim  Schießen  als  Bettung  dienen.

Die  Geschosse  der  Artillerie,  Granaten  wie
Schrapnells,  sind  Sprenggeschosse,  die  durch  den  Geschoßzünder
  nach  Bedarf  über  dem  Ziel,  beim  Auftreffen
  am  Ziel  oder  erst  im  Ziel  zur  Wirkung  gebracht
werden.  Beide  sind  zylindrische  Hohllörper,  meist  aus
Stahl,  mit  parabolischer  Sae  Das  Schrapnell
enthält  außer  einem  wenig  brisanten  Sprengstoff  noch
Stahlkugeln  (Taf.  III,  Fig.  2  und  Taf.  IV,  Fig.  3),
        <pb n="174" />
        154

die  Granate  nur  eine  Ladung  aus  sehr  brisantem
Explosivstoff  (Taf.  III,  Fig.  1).  Sprenggranaten
sind  dickwandig,  damit  sie  möglichst  viele  Sprengstücke
  liefern  (Taf.  IV,  Fig.  2),  Minengranaten
dagegen  dünnwandig,  um  zur  Erzielung
artigen  Wirkung  eine  möglichst  große  Sprengladung
aufnehmen  zu  können.  Honzrgranaken  haben
besondere  Panzerköpfe.  Brandgeschosse  zum  Beschießen
  von  Luftballonen  sind  mit  leicht  entzündbarem
  Brandstoff  gefüllt  und  mit  sehr  empfindlichen
Zündern  versehen.  Gasgranaten  sind  mit  betäubenden,
  stickenden,  auch  giftigen  Gasen  gefüllt,  die
beim  Platzen  des  Geschosses  entweichen  und  das  beschossene
  Gelände  vergasene.  Der  Geschoßzünder  ist
gewöhnlich  in  die  Geschoßspitze  eingeschraubt,  nur
Geschosse,  die  im  Aufschlag  mit  verzögerter  Zündung
wirken  sollen,  haben  Bodenzünder.

Die  Feldkanonen  sind  in  allen  Staaten,  mit
Ausnahme  von  England,  nur  in  einem  Kaliber  vorhanden,
  das  zwischen  7,5  und  7,7  cm  liegt.  England
hat  zwei  verschiedene  Kaliber:  7,6  em  bei  der  reilenden,
8,8  cm  bei  der  fahrenden  Artillerie.  Die  englische
8,a  cm-Kanone  ist  unter  allen  die  schwerste,  freilich
auch  von  sehr  hoher  ballistischer  Wirkung.  Letzteres
gilt  auch  von  der  französischen  und  russischen  Kanone,
aber  auch  sie  sind  verzältnismäßig  schwer;  die  reitenden
  Batterien  haben  daher  Geschütze,  die  durch  Verkürzung
  der  Rohre  leichter  gemacht  sind.  Die  deutsche
7.7cm-Feldkanone  (Taf.  I,  Fig.  2)  zeichnet  sich  durch
besondere  Nohrlänge  und  damit  durch  große  Schußweite
  aus.  Das  Gewicht  der  Feldschrapnells  liegt
Losschen  6,35  (Türkei)  und  7,25  kg  (Frankreich);  das
Schrapnell  der  englischen  7,6  cm-Kanone  wiegt  nur
5.7  kg,  das  der  8,8  cm-Kanone  dagegen  8,#  kg;  das
Gewicht  der  Füllkugeln  schwankt  zwischen  9  und  12  g,
ihre  Zahl  beträgt  nahezu  300,  bei  den  englischen
8,3  cm-Schrapnells  um  rund  50  Kugeln  mehr.

Die  leichten  Feldhaubitzen  —  Kaliber  9,5  bis
10,5  cm,  Geschoßgewicht  von  11  bis  16  kg  —  sind
in  Deutschland  (10,5  cm;  Taf.  II,  Fig.  1),  Osterreich,
Frankreich  und  Belgien  einpefübrt  Sie  sind  nur
wenig  schwerer  als  die  Feldkanonen  und  ebenso  beweglich.
  Frankreich  besas  bei  Ausbruch  des  Krieges
keine  leichten  Feldhaubitzen,  hat  aber  später  solche  von
0,5  em  eingestellt.

Mittlere  Feldhaubitzen  —  Kaliber  11,7  bis
12,2  em,  mit  Geschossen  von  17  bis  25  kg  —  werden
in  Rußland,  England,  Frankreich,  Serbien  und
Japan  geführt.  Ihre  Beweglichkeit  ist  für  den  Bewegungskrieg
  zu  gering,  um  mit  Sicherheit  auf  ihr
Eingreifen  rechnen  zu  können,  ihre  Wirkung  gegen
ständige  Befestigungen  nicht  ausreichend.  Frankreich
hat  erst  im  Kriege  eine  12  em  Gaubitze  eingestellt.

Schwere  Feldhaubitzen  —  Kaliber  15  bis
15,5  cm,  Geschoßgewicht  40  bis  45  kg  —  sind  bei  fast
allen  Feldheeren  in  Gebrauch,  vor  allem  in  Deutschland,
  Osterreich,  Frankreich,  England,  Rußland,
Serbien.  Ihre  hohen  Geschoßgewichte  und  großen
Sprengladungen  machen  sie  geeignet  zur  Zerstörung
auch  der  festesten  im  Feldkriege  vorkommenden  Ziele.
Die  deutsche  schwere  15  cm-Feldhaubitze  (Taf  Ul,
Fig.  2),  das  Hauptgeschütz  der  deutschen  schweren
Artillerie  des  Feldheeres,  wird  in  Wirkung  und
Schußweite  von  keiner  anderen  übertroffen;  ihre  Beweglichkeit
  ist  trotz  ihres  Gewichtes  sehr  bedeutend.
Die  15,5  cm-Rimailho-Haubige,  das  ursprüngliche
  Hauptgeschütz  der  französischen  schweren  Artillerie,
ist  schwerfällig  und  muß  für  den  Marsch  in  zwei  Teile

r  minen--  H

II.  Technik  und  Kriegführung

erlegt  werden;  die  Franzosen  haben  daher  während
es  Krieges  neue  15  cm-Haubitzen  zur  Einführung
gebracht.
Als  Gebirgsgeschütze  dienen  Kanonen  und
aubitzen  vom  Kaliber  der  Feldkanonen  und  leichten
Feldhaubitzen  (Taf.  IV,  Fig.  5),  jedoch  zum  Auseinandernehmen
  eingerichtet,  damit  sie  in  mehreren
Traglasten  fortgeschafft  werden  können.  Diese  große
Beweglichkeit  ist  aber  nur  um  den  Preis  einer  herabesetzten
  Leistung  zu  erreichen.  Auch  ihre  Geschosse
ind  meist  etwas  leichter  als  die  der  Feldgeschütze,  daher
auch  weniger  wirkungsvoll.

Schwere  Steilfeuergeschütze  (Haubitzen  und
Mörser)  sind  im  Kaliber  von  21  bis  42  cm  in  Gebrauch.
  21  cm  Steilfeuergeschütze,  wie  z.  B.  der
deutsche  21  cm.  Mörser  (Taf.  II,  Fig.  3;  Geschoßgewicht
  etwa  120  kg)  und  die  französische  21  cm-Haubitze
  (Geschoßgewicht  etwa  100  kg),  werden  in
zwei  Teile  zerlegt  (Rohr  auf  besonderem  Rohrwagen,

äderlafette  als  eigenes  Fahrzeug)  mit  schwerem
Pferdezug  oder  durch  Kraftzug  fortbewegt;  in  der
Feuerstellung  haben  sie  Ra#gürtel  und  unterhelnl  te
RNohrmatten  als  Bettung.  Auch  die  24  cm-  a#
(Geschoßgewicht  150—  190  kg)  feuern  unmittelbar
von  den  Rädern  ab.  Die  schwersten  noch  mit  Räderlafetten
  versehenen  Steilfeuergeschütze  sind  die  28  cm-Mörser;
  sie  verfeuern  Granaten  von  220  bis  345  kg;
zum  Transport  werden  sie  in  mehrere  Teile  zerlegt,
von  denen  jeder  für  sich  gefahren  wird.  Nochschwerere
Mörser  und  Haubitzen  werden  in  fester  Aufstellung
von  einer  besonderen,  meist  eisernen  Bettung,  die
Sgens  eingebaut  wird,  abgefeuert.  Zum  Transpor#t
bedürfen  sie,  ebenfalls  unter  Zerlegung  in  mehrere
Lasten,  des  mechanischen  Zuges.  Die  ösierreichischen
30,5em-Motor-Mörser  (Taf.  II,  Fig.3),  bei  denen
die  drei  Lasten  (Rohr,  Lafette  und  Bettung)  als  ein
Lastkraftzug  fortbewegt  werden,  sind  besonders  beweglich.
  Steilfeuergeschütze  von  30,5  bis  38  cm
Kaliber  werfen  Geschosse  bis  nahezu  700  kg  und  haben
ganz  gewaltige  Wirkung.  Die  größten  Kaliber  sind  die
deutschen  und  österreichischen  42  cm-Geschütze  mit
ihren  alles  zermalmenden  Riesengeschossen  und  ihrer
ungeahnten  Treffsicherheit.  Aber  auch  diese  mächtigen
Geschütze  können,  in  Teile  zerlegt,  mit  ihrem  Zubehör,
also  Bettung,  Drehvorrichtung,  Kran,  Munition,
durch  Eisenbahn  oder  mechaniften  Zug  fortbewegt
werden.  Ihr  schußfertiger  Einbau  nimmt  dann  allerdings
  einige  .  in  Anspruch.

chwere  Flachbahngeschütze  (Kanonen)  sind,
soweit  sie  dem  Bestand  der  Artillerie  des  Heeres  anehören,
  in  den  Kalibern  von  10,5  bis  15  cm  (Taf.  J.
Fe.  3)  in  Verwendung.  Außerdem  sind  aber  auch
schwere  und  schwerste  Langrohrgeschütze  der  Schiffsartillerie
  in  Benutzung  genommen,  die  Kaliber  bis  zu
38  cm  aufweisen.  Die  schweren  Kanonen  bis  zum
15  cm-Kaliber  sind  alle  fahrbar.  10  cm-Kanonen
werden  in  ihrer  Räderlafette  gefahren  und  von
Pferden  gezogen;  ihre  Beweglichkeit  kommt  der  der
schweren  Pülbhnbbien  gleich.  Vom  12  cm-Kaliber
ab  werden  Rohr  und  Lafette  in  getrennten  Fahrzeugen
befördert,  und  zwar  meist  mittels  Kraftzuges.  15  cmschwere
  Kanonen  sind  in  der  Beweglichkeit  den  21  cm-Mörsern
  gleich.  Diese  Flachbahngeschütze  verfeuern
Geschosse  von  16  bis  40  kg  auf  10  bis  über  12  km.
Bemerkenswert  ist  dabei  die  außerordentliche  Tiefenwirkung
  der  Schrapnells,  deren  Füllkugeln  zwischen
11  und  16  g  schwanlen.  Die  schweren  großkalibrigen
Schiffsgeschütze  (vgl.  =  Seekriege  Bd.  I.,  S.  235  u.  ff.)
        <pb n="175" />
        Oefele:  Die  Artillerie  im  Kriege

sind  für  die  Verwendung  beim  Heer  meist  als  Eisenbahngeschütze
  gebaut,  also  auf  einem  vielachsigen
Eisenbahnwagen  montiert,  und  stehen  auf  einem
Strang  einer  mehrfingerigen  Eisenbahnklaue,  von
deren  Verzweigungen  aus  sie  durch  Veränderung  ihres
Plahes  schießen.  Die  Höchstleistung  dieser  weittragenden
  Flachfeuergeschütze  haben  die  Küstengeschütze
(Taf.  III,  Fig.  H  sowie  insbes.  die  Kruppschen  Fernkanonen
  letztere  saben  wohlgezieltes  Wirkungsfeuer
auf  weit  über  100  Entfernung  ab.

Die  Luftabwehrgeschütze  sind  Kanonen,  die
sich  durch  sehr  gestreckte  Flugbahnen  und  große  Reichweiten
  auszeichnen;  sie  müssen  ein  dauerndes  Verfolgen
  des  sich  schnell  bewegenden  Zieles  gestatten.
Von  ihnen  haben  die  eigentlichen  Flak  Fliegerabwehrkanonen)
  meist  das  Kaliber  der  Feldkanonen
und  benutzen  vielfach  auch  deren  Munition;  es  werden
aber  auch  kleinere  Rohrweiten  (Taf.  IV,  Fig.  6)  sowie
anderseits  rößere  sehr  weittragende  Kaliber  von  8bis
10  (Taf.IV,  Fig.  4)  und  12em  verwendet,  namentlich
gegen  aftschg.  Zur  Erreichung  der  unerläßlichen
großen  Feuergeschwindigkeit  sind  sie  alle  Schnellfeuergeschütze
  mit  selbsttätigen  Verschlüssen.  Sie  werden
auf  Kraftwagen  (vgl.  Taf.-Kraftwagen  IV.,  Fig.  6
in  Bd.  I.  S.  281)  oder  in  Räderlafetten  fortgeschafft,
oder  sind  auf  Tinlehenor  Lafetten  montiert.  Die  Blugzeuge
  selbst  führen  außer  Maschinenpewehren  z.
Geschütze  von  kleinem  Kaliber  (Taf.  III,  Fig.  5)  mit.

Die  Tankabwehrgeschütze  sind  Feldgeschütze,
die  eigene,  gegen  die  Panzerungen  der  Tanks  besonders
  wirkungsvolle  Geschosse  mit  Panzerköpfen
verfeuern.  Insantertegeschüte  (Taf.  I,  Fig.  1)
werden  der  Infanterie  beigegeben  und  im  Stellungskrieg

  verwendet.
Das  Schieffen.

Die  Artillerie  feuert  meistens  in  direkt,  steht  also
verdecktin  der  Tiefe,  hinter  Hügeln,  Wäldern,  Dörfern
u.  a.,  die  sie  der  Sicht  des  Feindes  entziehen.  Das
gilt  jetzt  auch  für  die  Feldartillerie,  der  allerdings
erst  die  neuen  technischen  Richt=  und  Beobachtungsmittel
  das  Schießen  aus  verdeckten  Stellungen  ermöglicht
  haben.  Der  Schutz,  den  Gerät  und  natürliche
Deckungen  bieten,  wird  durch  künstliche  Deckungen
ergänzt.  Dabei  handelt  es  sich  um  Schutz  nicht  nur

egen  die  feindliche  Feuerwirkung,  sondern  auch  um
lieger  deckung,  d.  h.  Schutz  gegen  gegnerische
Fliegerbeobachtung.

Die  Artillerie  sieht  also  meistens  das  Ziel,  das  sie
beschießen  soll,  nicht.  Sowohl  die  Höhen=  wie  die
Seitenrichtung  werden  nach  der  Karte  und  nach  Hilfszielen
  bestimmt.  Dem  Richtkanonier  wird  befohlen,
um  wieviel  Grad  er  das  Rohr  erhöhen  und  um  wieviel
  er  von  der  allgemeinen  Richtungslinie  oder  vom
Hilfsziel  abweichen  soll.  Da  die  Batterie  das  Ziel
nicht  sieht,  so  muß  von  einer  anderen  Stelle  aus  die
Lage  der  Schüsse  zum  Ziel  beobachtet  werden,  damit
die  notwendigen  Lorreßuren  vorgenommen  werden
können.  Deshalb  werden  Beobachtungsstellen
auf  die  Höhen  vorgeschoben  oder  in  der  Nähe  der
Batterie  auf  hohen  Punkten  errichtet.  Nicht  immer
können  jedoch  diese  Beobachtungsstellen  ihre  Aufgabe
erfüllen,  z.  B.  nicht,  wenn  verdeckt  stehende  feindliche
Batterien  zu  beschießen  oder  einzelne  Stützpunkte,
Unterstände  oder  sonstige  Teile  befestigter  Stellungen
zu  treffen  und  zu  zerstören  sind.  Aber  gerade  h#r
hängt  es  von  einer  guten  Beobachtung  ab,  daß  das
Ziel  von  der  Artillerie  richtig  gefaßt  werden  kann.

155

Von  vorne  ist  die  Lage  des  Zieles  nicht  zu  erkennen;
bei  großen  ausgedehnten  Schlachtstellungen  ist  auch
eine  seitliche  Beobachtung  ausgeschlossen,  und  Beobachtungspatrouillen
  können  gleichfalls  nicht  heraneschoben

  werden.  Wenn  hohe  Beobachtungspunkte
.  B.  ein  Kirchturm),  die  auch  über  die  Deckungen  hin
wegzusehen  gestatten,  fehlen,  so  erfolgt  die  Beobachtung
aus  Fesselballonen  und  Flugzeugen.  Aufgabe
der  Artillerieflieger  ist  es  dabei,  nicht  nur  die
Stellung  der  feindlichen  Batterie  zu  erkunden,  sondern
auch  das  Feuer  der  #enen  aufdie  gegnerische  Artillerie
zu  leiten  und  seine  Wirkung  im  V##ttbild  festzuhalten.

Um  eine  sichere  Schußbsobachtung  und  korrektur
-  ermöglichen,  erfolgt  das  Einschießen,  d.  h.  das

schießen  der  genauen  Entfernung,  immer  mit  Geschossen,
  die  den  Sitz  des  einzelnen  Schusses  im  Ziel
gut  erkennen  lassen.

Beim  Schießen  gegen  Luftziele  ist  eine  Beobachtung
  der  Einschläge  nicht  möglich.  Hier  muß  daher,
um  ein  wirksames  Feuer  zu  erzielen,  ein  besonderes
Schießverfahren  Pla  greisen,  bei  dem  mit  besonderen
Ziel-  und  Richtmitteln  auch  ohne  unmittelbares  An
pisieren  des  Geschützes  auf  das  Ziel  gefeuert  und  trotz
des  Mangels  an  verwertbarer  Beobachtung  die  erfor
derliche  Schußkorrektur  vorgenommen  werden  konn.
Wegen  der  raschen  Lageveränderung  des  Zieles  ver.
einigt  man  das  Feuer  mehrerer  Geschlütze  auf  ein  Ziel.
Zur  Abwehr  von  Fliegergeschwadern  wird  Sperrfeuer
angewendes,  das  infolge  seiner  großen  Streuung  den
Fliegern  den  Durchbruch  unmöglich  macht.

Munttions-Verbrauch  und  GErgänzung.

Der  heutige  Artillerie-Feuerkampf  verschlingtriesige
Munitionsmengen.  Die  Eigenschaften  der  neuzeil.
lichen  Feuerwassen  bedingen  an  sich  schon  einen  hohen
Munitionsbedarf.  Aber  auch  die  Art  der  “**“  ihre
schwere  Erkenntlichkeit,  die  Ausnutzung  der  Deckungen
auf  seiten  des  Gegners  fordern  troßz  der  erhöhien
Wirksamkeit  der  Geschütze  und  Geschosse  einen  wesentlich
  erhöhten  Munitionsaufwand.  Dazu  kommt  das
unerläßliche  Streben  nach  Feuerüberlegenheit  und
entscheidender  Feuuerwirsung  durch  örtliche  und  zeit
liche  Zufammenfaslung  der  Wirkung.  Und  Vorbedingung
  dieser  Feuertaktik  ist  wiederum  reichlicher  Munitionseinsatz.
  Das  Trommelfeuer  namentlich,  eine  auf
dieser  Feuertaktik  beruhende  artilleristische  Erscheinung
des  Weltkrieges,  verbraucht  Munitionsmengen,  die
ganz  ungebeuerüich  sind.  Durch  die  Größe  der  eingesetten
  (rtilleriemassen  und  durch  die  lange  Dauer

er  Schlachten  wird  der  Munitionsverbrauch
aber  ins  Unermeßliche  gesteigert.  Rechtzeitige  und
hinreichende  Versorgung  mit  Munition  ist  daber  eine
Lebensbedingung  für  die  Kampfkraft  der  Artillerie.
Sie  ist  aber  nur  möglich,  wenn  die  erforderliche
Munition  nicht  nur  hert  estellt,  sondern  auch  der
Truppe  zugeführt  wird.  über  die  Nachführung  der
Munition  ins  Operationsgebiet  und  ihre  Bereitstellung
dort  gibt  der  Aussatz  =  Etappenwesene  in  Bd.  II,
S.  261  näheren  Aufschluß,  ebenso  über  den  Munitions
nachschub  im  Operationsgebiet.

Die  Munitionsergänzung  bei  der  Truppe
selbst  geht  im  allgemeinen  wie  folgt  vonstatten:

Bei  der  Feldartillerie  hat  jedes  Geschütz  in  der
Feuerstellung  neben  sich  den  zugehörigen  Munitionswagen
  stehen.  Geschütz-und  Munitionswagenprotzen
sind  in  Deckung  hinter  der  Stellung  aufgestent  ihre
Munition  ist  vorher  entnommen  und  neben  den  Geschützen
  niedergelegt.  Der  weitere  Munitionsbedarf
        <pb n="176" />
        156

wird  in  erster  Linie  aus  der  zur  Gefechtsbatterie  gehörigen
  Staffel,  demnächst  aus  der  zu  jeder  Abteilung
gehörigen  leichten  Munitionskolonne  gedeckt.  Dabei
werden  leere  Munitionswagen  der  Gefechtsbatterie
gegen  volle  der  leichten  Munitionskolonne  ausgetauscht.
  Ist  ihr  Heranführen  an  die  Feuerlinie  nicht
möglich,  so  wird  die  Munition  an  die  Geschütze  herangetragen.
  Unter  dringenden  Umständen  fahren  bespannte
  Munitionswagen  auch  im  feindlichen  Feuer
bis  in  die  Feuerlinie  vor.  Die  leeren  leichten  Munitionskolonnen
  werden  aus  den  Artillerie-Munitions-=kolonnen
  gefüllt,  und  zwar  soweit  angängig  auf  dem
Gefechtsfeld.  In  eiligen  Fällen  werden  Artillerie-Munitionskolonnen
  oder  Teile  von  ihnen  an  die  Feuerlinie
  herangezogen.  Nach  dem  Gefecht  wird  der  Ersatzbedarf
  der  Batterien  und  leichten  Munitionskolonnen
aus  den  Artillerie-Munitionskolonnen  gedeckt.

Auch  bei  der  schweren  Artillerie  haben  einzelne
Kaliber  den  Munitionswagen  in  der  Feuerstellung
stehen;  sonst  ist  die  Munition  bei  den  Geschützen  nieder-II.

  Technik  und  Kriegführung

gelegt.  Der  Ersatz  erfolgt  aus  der  Stassel  und  den
leichten  Munitionskolonnen,  deren  Ergänzung  aus
den  schweren  Artillerie-Munitionskolonnen  vorgenommen
  wird,  sofern  diese  nicht  die  Munition  unmittelbar
  in  die  Feuerstellung  bringen.  Der  Munitionsnachschub
  bei  der  schweren  Artillerie  ist  nicht  einfach,
  denn  die  Granaten  ihrer  Geschütze  sind  so’schwer,
daß  nur  ganz  wenige  in  einem  Munitionswagen
Platz  finden.  Es  wird  daher  von  Munitions-Kraft.
wagen  ausgedehnter  Gebrauch  gemacht.

In  Stellungskrieg  ist  durch  Anlage  ständiger
Munitionsdepots  im  Kampfgebiet  in  nächster  Nähe
der  Feuerstellungen  der  Munitionsersatz  wesentlich
erleichtert.  Im  Gebirgskrieg  erfolgt  der  Munitionsnachschub
  auf  den  oft  recht  schwierigen  Bergpfaden
  durch  Tragetiere  und  das  Vortragen  der
Munition  an  die  Geschütze  durch  die  Mannschaften
selbst.  Bei  Stellungskämpfen  im  Gebirge  wird  der
Munitionstransport  vielfach  auch  durch  Drahtseilbahnen
  und  Aufzlige  bewirkt.

Der  Luftkrieg
von  Reg.-Rat  Dipl.-Ing.  Paul  Neiniger  in  Friedrichshagen
Hlerzu  Tafeln  Lustkrieg  1  und  lle.

Um  den  Luftkrieg  als  Sondergebiet  des  Weltkrieges
richtig  zu  würdigen,  muß  man  8  die  vielfachen  Verwendungszwecke
  der  Luftfahrzeuge  vor  Augen  halten.
Diese  dienen  der  Erkundung,  der  Nachrichtenübermittlung,
  dem  Transport,  dem  Angriff,  der  Abwehr.
Hauptaufgabe  ist  der  Erkundungsdienst;  hier  hat
das  Luftfahrzeug  die  Kavallerie,  die  Infanterie-,  Radfahrer=
  und  Kraftfahrerpatrouillen  zum  großen  Teil
ausgeschaltet.  Zur  Nahaufklärung  gehören  die
Zielermittlung  sowie  die  Beobachtung  der  artilleristischen
  Feuerwirkung.  Hierzu  wird  vornehmlich  der
Fesselballon  und  das  schnelle,  nicht  oder  leicht  bewaffnete,
  mit  wenig  Betriebsstoff  versehene  Flugzeug
verwendet.  Die  Beobachtungsergebnisse  werden  vom
Fesselballon  durch  Fernsprecher  übermittelt,  vom
Flugzeug  durch  Abwurf  oder  besondere  Signalmittel
(Meldewimpel,  Nauchbombe,  Leuchtpistole.  Rußapparat,
  Auspufspfeife,  Spiegelsignale,  drahtlose  Telegraphie).
  Die  Fernaufklärung,  früher  Sache  der
Kavallerie  in  größeren  Verbänden,  liegt  jetzt  fast  ausschließlich
  den  schwereren  Flugzeugen  mit  großem
Aktionsradius  und  stärkerer  Bewaffnung  sowie  den
Luftschiffen  ob.  Sie  wird  häufig  mit  dem  Bombenangriff
  auf  feste  Ziele,  wie  Städte,  Truppen=  und
Munitionslager,  verbunden.  Die  Meldung  erfolgt
durch  drahtlose  Telegraphie  oder  persönlichen  Bericht
des  Beobachters.  Auch  die  photographische  Aufnahme
des  zu  erkundenden  Gebietes  vom  Luftfahrzeug  aus
mittels  besonderer  Kameras  spielt  für  die  Aufklärun
eine  bedeutende  Rolle.  Zur  Erkundung  gehört  auch
die  Aufspürung  von  Unterseebooten  durch  Wasserflugzeuge.
  —  Far#  reinen  Nachrichtenübermittlung
  dienen  schnelle  Flugzeuge  nur  dann,  wenn
Fernsprechkabel  und  drahtlose  Anlagen  zerstört  sind.
Zu  reinen  Transportzwecken  wird  das  Flugzeug
nicht  viel  verwendet,  nur  zum  Heranschaffen  höherer
Führer  an  wichtige  Punkte,  von  Ärzten,  Verbandsmaterial,
  Infanteriemunition  und  Proviant,  zum
Fortschaffen  Verwundeter,  Aussetzen  und  Wiederholen
  von  Spionen  und  mit  besonderen  Aufgaben
betrauten  Personen  hinter  den  feindlichen  Linien.

Die  Verwendung  als  reines  Kampfmittel  ist
neben  der  Erkundung  das  wichtigste  Anwendungsebiet
  der  Luftfahrzeuge.  Zum  Angriff  auf  größere
Hieie  am  Erdboden  und  auf  Schiffe  dienen  Abwurf.
geschoss  und  zwar  vornehmlich  Spreng-und  Brandomben.
  Ihre  Größe  und  Zahl  richtet  sich  nach  dem
Angriffsobjekt  und  der  Tragfähigkeit  des  Luftfahrzeuges.
  Im  allgemeinen  haben  die  größten  Sprengbomben
  ein  Gewicht  von  6-—  10  Zentnern  (s.  Taf.  I,
Fig.  2),  doch  sind  vereinzelt  bereits  20-Zir.-Bomben
verwendet  worden.  Da  für  das  sichere  Treffen  des
Zieles  Eigengeschwindigkeit  und  Flughöhe  des  Luftfahrzeuges
  sowie  Windstärke  und  Windrichtung  zu
verücksihtigen  find,  haben  die  Luftschiffe  und  Bombenflugzeuge
  besondere  Ziel-  und  Abwurfeinrichtungen.
Zum  Angriff  auf  Truppenkörper  hat  man  auch  (ohne
besondere  Erfolge)  Fliegerpfeile  verwendet,  unten
Peige  oben  mit  Luftführungsrillen  versehene  Stahl.
stäbe  von  Bleistiftstärke,  die  lediglich  durch  ihr  Fallgewicht
  geschoßartig  wirken  und  in  großer  Zahl  abgeworfen
  werden  (vgl.  Fig.  8  auf  Tafel-Kriegs-Chirurgie
  II4  in  Bd.  II,  S.  301).  Für  den  Kampf  gegen
feindliche  Luftfahrzeuge  dient  vornehmlich  das  Maschinengewehr,
  bisweilen  auch  Revolverkanonen  und
leichte  Schnellfeuergeschütze.  Vorbedingung  für  ein
wirksames  Maschinengewehrfeuer  ist  freies  Schußfeld.
Bei  Flugzeugen  mit  einer  weit  vorn  liegenden  Zunschraube,
  der  häußigsten  Anordnung  bei  den  Spezialflugzeugen
  für  den  Luftkampf,  den  Jagdflugzeugen,
muß  das  Maschinengewehr  durch  den  Propellerkreis
hindurchfeuern.  Um  ein  Zerschießen  der  Propellerflügel
  zu  vermeiden,  hat  man  diese  in  Frankreich  anfänglich
  mit  keilförmiger  Lanzerung  versehen,  so  daß
den  Propellerflügel  treffende  Geschosse  seitlich  abgleiten.
  Später  wurß=  das  Maschinengewehr  vom  Motor
derart  zwangläufig  gesteuert,  daß  ein  Geschoß  nur
dann  die  Gewehrmündung  verlassen  kann,  wenn  sich
kein  Propellerflügel  vor  ihr  befindet.  Während  man
die  vom  Beobachter  zu  bedienenden  Abwehrmaschinen.
ewehre  der  Bombenflugzeuge  möglichst  allseitig
chwenkbar  anordnet,  hat  man  in  letzter  Zeit  bei  Einsitzerjagdflugzeugen,
  um  den  Führer  von  der  doppelten
Tätigkeit  des  Steuerns  und  Zielens  zu  entlasten,  das
Maschinengewehr  festeingebaut,  so  daß  das  Zielen  nur
durch  Steuern  des  Flugzeuges  erfolgt.  Diese  Kampf-
        <pb n="177" />
        Luftkrieg  l.

1.  Deutsches  Zeppelin-Lustschilt  L.  3.

3.  Französlscher  Spad-Kampfdoppeldecker.

4.  Französischer  Nieuport-Kampfdoppeldecker  (Beutellugzeug  mit  deutsche  2.  Deutsche  Rlesen-Abzelchen).
  juftbomde.

Bibliographlsches  Institut  in  Leipzig.
        <pb n="178" />
        Luftkrieg  Il.

-

Allz#lgee

I1.  Deutsches  Heeresflugzeug  L.  V.

i  —  -  s-·

G.  1914.

2.  Deutscher  Kampfdoppeldecker  1917/18  (Fokker  D  III).

““M

6  ⅞

—

3.  Amerlkanischer  Curtiß  -Dreidecker.

———2-l-4.

  Amerikanftsches  Curtlß-  Flugboot.

5.  Deutsches  Gotha-Croßllugreug.
        <pb n="179" />
        Reiniger:  Der  Luftkrieg  157

oder  Jagdflugzeuge  dienen  auch  häufig  als  sog.
„Infanteriefliegerr,  indem  siebei  Sturmangriffen
der  Infanterie  in  niedrigen  Höhen  voranfliegen  und
den  Gegner  unter  Maschinen  ewehrfeuer  nehmen.
Der  Abwehr  feindlicher  Quftfahrzeug:  von  der  Erde
aus  dienen  Spezialgeschütze  mit  langen  Rohren,  die
ein  Seitenrichtfeld  von  3600,  ein  gres  Höhenrichtfeld
  und  große  Feuergeschwindigkeit  besitzen.  Sie
sind  in  Deutschland  zu  sog.  Fl  abt  Bögen  vereinigt.
Die  Bahn  ihrer  Geschosse  macht  sich  durch  Rauchstreifen
  kenntlich,  wonach  Korrekturen  vorgenommen
werden  können.  Die  Geschütze  sind  entweder  ortsfest
oder  auf  Kraftwagen  montiert.  Zur  Aufspürung
herannahender  feindlicher  Flugzeuge  dienen  Scheinwerfer
  und  Horchapparate.

Für  den  modernen  Luftkrieg  kommen  nur  drei
Luftfahrzeugarten  in  Betracht,  der  Fesselballon,
das  Luftschiff  und  das  Flugzeug.  Als  Fesselballon
  wurde  in  den  ersten  Kriegsjahren  vornehmlich
noch  das  deutsche  System  Parseval-Sigsfeld  verwendet,
  bei  dem  zu  dem  statischen  Auftrieb  des  Füllgases
noch  der  dynamische  Auftrieb  des  Windes  gegen  die
schräg  gestellte  Unterfläche  des  Ballons  hinzutritt
(Drachenballon).  Mit  Rücksicht  auf  die  infolge  wechselnder
  Windstärke  sehr  veränderliche  Auftriebskraft
und  die  infolgedessen  schwankenden  Beanspruchungen
des  Fesselkabels  hat  man  später  Systeme  verwendet
bei  denen  die  Angriffspunkte  von  Auftrieb,  Last  und
Fesselkabel  so“  angeordnet  sind,  daß  der  Ballon  stets
in  horizontaler  Lage  bleibt  und  ruhiger  steht.  Zu
jedem  Fesselballon  gehört  ein  Bedienungstrupp  mit
fahrbarer  Kabelwinde  (Motorantrieb)  und  fahrbaren
Gaserzeugern.  Der  Beobachter  ist  stets  mit  einem
Fallschirm  ausgerüstet.  —  Um  ortsfeste  kriegswichtige
Anlagen  (Fabriken  u.  dgl.)  herum  werden  zum  Schutze
gegen  Flieger  in  zuemlich  dichten  Abständen  kleine  unbemannte
  Fesselballone  an  dünnen  Drähten  aufgelassen,
  die  gegebenenfalls  noch  durch  andere  Drähte
netzartig  untereinander  verbunden  sind.

on  den  Luftschiffen  haben  im  Weltkrieg  nur
die  deutschen  eine  Rolle  gespielt,  und  zwar  die  beiden
Starrschifftypen  Zeppelin  (s.  Taf.  I,  Fig.  1)  und
Schütte-Lanz.  Ihre  Konstruktion  ist  im  allgemeinen
die  aus  Friedenszeiten  her  bekannte  Kölieven.  In
ihren  Einzelelementen  haben  sich  beide  Typen  während
des  Krieges  einander  stark  genähert.  So  verwenden
die  Schütte-Lanz-Werke  kei  Volzgerüst  mehr,  sondern
wie  Zeppelin  ein  leichtes  Metallgerüst  (Duralumin).
Die  Zeppelin-Schiffe  haben  sich  in  Gondelaufhängung
und  Propellerantrieb  der  Bauweise  der  Schütte-Lanz-Schiffe
  angepaßt.  Da  die  ständig  steigende  Abwehr  die
Luftschiffe  zwang,  immer  größere  Höhen  aufzusuchen,
haben  sich  ihre  Abmessungen  gewaltig  vergrößert,  bis
über  80  000  chm  Tragkörperinhalt.  Derartige  Ausmaße
  waren  für  das  unstarre  Parseval-System  sowie
für  die  halbstarren  M.  Schiffe  (Typ  Groß-Basenach)
ausgeschlossen,  weshalb  sie  im  Kriege  keine  Rolle  spielen
  konnten.  —  Von  den  Feinden  besaßen  nur  Frankreich
  und  Italien  eine  nennenswerte  Luftschifsflotte,
jenes  halbstarre  Schiffe  der  Bauart  Lebaudy.  und  unstarre
  nach  den  Systemen  Cläment-Bayard,  Astra  und
Zodiac,  dieses  die  halbstarren  M=  und  P-Schiffe  sowie
ein  unstarres  in  Deutschland  gebautes  Parseval-Schiff.
Kriegsmäßige  Verwendungsversuche  führten  aus  den
angeführten  Gründen  durchweg  zu  Mißerfolgen.  Die
Versuche  der  Entente,  den  erfolgreichen  deutschen  Starr-1

  Flugzeug-Abwehr-Kanene.

schifftyp  nachzubauen,  sind  völlig  fehlgeschlagen.  Bei
dem  hohen  Stande  der  Abwehrmittel  fanden  Luftschiffe
  gegen  Kriegsende  fast  nur  noch  für  Fernaufklärung
  über  See  kriegsmäßige  Verwendung.

Die  weitaus  größte  Bedeutung  unter  den  Luft.
waffen  hat  im  Kriege  erwartungsgemäß  das  Flugseuß
  gehabt;  völlig  unerwartet  aber  war  die  beispiellose
  Weiterentwicklung.  Die  Zahl  der  Flugzeuge.
ihre  Abmessungen,  Motorenleistung,  Geschinft  keit,
Trag-  und  Steigfählgleln  sind  in  ungeahntem  Maße
gesteigert  worden.  Während  man  vor  dem  Kriege
einen  einheitlichen,  möglichst  vielseitig  verwendbaren
Typ  zu  schaffen  suchte,  ergab  der  Krieg  die  Notwendigkeit,
  Spezialflugzeuge  zu  bauen  und  die  gleichen
  Zwecken  dienenden  Typen  zu  besonderen  Klassen
organisatorisch  zu  vereinigen.

1Frankreich.)  Von  unseren  Gegnern  war  Frankreich
  derjenige,  von  dem  alle  Welt  zu  Kriegsbeginn
eine  ausschlaggebende  Vorherrschaft  in  der  Luft  erwartete,
  war  es  doch  schon  an  Zahl  der  Flugzeuge
den  vereinigten  Gegnern  weitaus  überlegen.  Diese
Erwartungen  erwiesen  sich  aber  bald  als  falsch.  Die
französische  Luftflotte  bestand  zum  größeren  Teil  aus
leichten  Aufklärungseindeckern,  zum  kleineren  Teil
aus  schweren  bewaffneten,  vielfach  Lepanzerten  Doppeldeckern
  für  Bombenwurf  und  Kampf.  Von  den

„  Eindeckern,  deren  Abmessungen  zur  Erzielung  möglichster

  Leichtigkeit  in  der  Regel  nur  mit  1½  facher
Sicherheit  (gegenüber  sechsfacher  der  deutschen  Flugeuge)
  berechnee  und  die,  fast  durchweg  Einsitzer,  auf
urze,  schnelle  Flüge  mit  geringer  Belastung  zugeschnitten
  waren,  schied  der  größte  Teil  wegen  mangelnder
  Festigkeit  und  zu  geringer  Tragfähigkeit  bald  als
kriegsunbrauchbar  aus,  insbes.  wurde  die  Verwendung
  von  Blériot,  R.  E.  P.  (Robert  Esnault  Pelterie),
Deperdussin=  und  Nieuport-Eindeckern  verboten,  was
die  Flotte  um  etwa  600  Flugzeuge  schwächte.  Als
kriegsbrauchbar  erwies  sich  nur  der  Vorane-Saulnier-Eindecker,
  der  als  normaler  Eindecker  mit
an  den  Rumpf  angesetzten  Flügeln  oder  als  sog.
Parasol--Eindecker  mit  über  dem  Rumpf  durchehender
  Tragfläche  ausgeführt  wurde.  Auch  die
föweren  gambfroppelkheer(H.Farman,  M  Farman,
  Voisin,  Bathiat--Sanchez)  waren  trog  ihrer  Bewaffnung
  nicht  in  der  Lage,  die  sie  an  Geschwindigkeit
und  Steigfähigkeit  Üübertreffenden  deutschen  Flugzeuge,
die  bald  über  Paris  erschienen,  abzuwehren.  Diese
schweren  französischen  Flugzeuge  hatten  keinen
Rumpf,  sondern  nur  eine  kurze,  nach  vorn  weitaus.
ladende  Gondel  mit  an  der  Spitze  angeordnetem  Maschinengewehr
  oder  Schnellfeuergeschütz.  Der  Propeller
  arbeitete  als  Druckschraube  hinter  den  Traggülen.
  Der  Stenerschwan,  wurde  von  einem  leichten

itterträger  getragen.  Die  zu  geringe  Geschwindigkeit
  der  rumpflosen  Flugzeuge  führte  bald  zur
Anwendung  der  bei  einigen  un  zwassneten  Aufklärungsdoppeldeckern
  (Goupy.  Ponnier,  Caudron,  Bré-Uet)
  schon  früher  ausgeführten  Bauweise  mit  zwichen
  den  Tragflächen  durchlaufendem,  nach  hinten
sich  verjüngendem  Rumpf  für  Kampfflugzeuge.  Da
hier  bei  vorn  liegender  Zugschraube  durch  den  Propellerkreis
  geschossen  werden  mußte,  was  damals  noch
Schwierigkeiten  machte,  baute  Dorand  schon  1914
einen  als  erstes  Großkampfflugzeug  anzusprechenden
  Typ  mit  durchgehendem  Rumpf,  zwei  seitlichen,
  mit  Panzermänteln  verkleideten  Motoren  und
Druckpropellern;  der  Mittelrumpf  trug  vorn  das
Maschinengewehr.  Wieder  rumpflos  war  der  nächste,
        <pb n="180" />
        158

ebenfalls  zweimotorige  Großkampfflugzeugtyp,  ein
Caudron-Doppeldecker,  bei  dem  die  erforderliche  Geschwindigkeitserhöhung
  durch  günstige  Profilformen
erzielt  wurde.  Weiterhin  wurden,  als  der  Luftkampf
im  Stellungskriege  einsetzte,  wieder  gepanzerte,  schnelle
Eindecker  (Blériot,  Deperdussin,  Morane,  Nieuport
u.  a.)  herausgebracht,  deren  Maschinengewehr  infolge
Panzerung  der  Propellerflügel  durch  den  Propellerkreis
  schießen  konnte.  Das  Auftreten  des  deutschen,
den  genannten  Typen  weitaus  überlegenen  Fokker-Eindeckers
  zwang  aber  die  Franzosen  wieder  zur  Weiterarbeit.
  Es  entstanden  die  kleinen  leichten  Doppeldecker,
  die  sog.  Kavalleriteflugzeuge  (Caudron,
Goupy,  Ponnier,  Nieuport  u.  a.;  s.  Taf.  I,  Fig.  4)  mit
ausgeprägter  Massenkonzentration  und  infolgedessen
groszer  Wendigkeit.  Das  Maschinengewehr  wurde  zunächst
  auf  die  obere  Tragdecke  gesetzt  und  feuerte,  von
Beobachter  oder  bei  Einsitzern  vom  Führer  mittels
Hebelgestänge  bedient,  über  den  Propellerkreis  hinweg;
  später  ging  man  nach  deutschem  Vorbild  (Fokker)
zur  automatischen  Steuerung  des  im  Rumupf  fest  einebauten
  Maschinengewehrs  durch  den  Motor  über.
iese  kleinen  Doppeldecker  mit  windschnittigem,  fast
völlig  geschlossenem  Rumpf  mit  vorn  liegender  Zugschraube
  zeichneten  sich  durch  t  geringe  Spannweite
  (6—  8  m),  weitgehende  Herabmindung  des
Luftwiderstandes  und  infolgedessen  hohe  Geschwindigkeit
  (etwa  150  km  St.)  sowie  vorzügliche  Steigfähigkei
  aus.  Weit  übertroffen  wurden  sie  aber  noch
durch  den  nächsten  Typ,  den  Spad-Doppeldecker
(s.  Taf.  J,  Fig.  3),  der  als  Einsitzer,  später  auch  als
Zweisitzer  eine  Geschwindigkeit  von  200  km  /St.  und
eine  Steigfähigkeit  von  über  300  m  Min.  erreichte.
Erzielt  wurde  diese  Leistung  weniger  durch  die  Konstruktion
  des  Flugzeuges  als  durch  den  neuen  Hispano-Suiza-Motor,
  der  sich  sowohl  den  Umlaufmotoren
Guöme,  Clerget  und  Le  Rhöne  wie  den  Standmotoren
  Anzani,  Renault  und  Salmson  weitaus  überlegen
  erwies.  —  Unter  den  französischen  Bombenflugzeugen
  herrschen  die  Breguet-Doppeldecker.
Sie  wurden  entweder  als  rumpflose  Flugzeuge  mit
Gitterschwanzträger  oder  mit  durchlaufendem  Rumpf
erbaut.  Zur  Abwehr  besaßen  sie  ein  oder  mehrere
Maschinengewehre.  Die  Breguet-Flugzeuge  zeichneten
  sich  vor  allem  durch  gute  Trag=  und  Steigfähigkeit
  aus.  —  Auch  den  Bau  von  sogenannten  Riesenflugzeugen
  hat  man  in  Frankreich  aufgenommen.
So  baute  Voisin  einen  Doppeldecker  von  32  m  und
einen  Dreidecker  von  43  m  Spannweite.  Von  Leistungen
  dieser  Riesentypen  hat  man  nichis  gehört.  —
Die  Organisation  des  französischen  Heeresflugwesens
entspricht  der  deutschen,  d.  h.  die  Flugzeuge  sind  ihrem
Verwendungszweck  entsprechend  in  Staffeln  (Eskadrillen)
  unterteilt.  Zu  Anfang  des  Krieges  bestand
neben  dem  Heerrsflugwesen  noch  ein  Luftfreischärlerlorps,
  das  aber  den  Erwartungen  nicht  entsprach.  —
Das  französische  Marineflugwesen  hat  im  Kriege  keine
hohe  Entwicklungsstufe  erreicht,  da  der  Küstenschutz
von  amerikanischen  und  englischen  Wasserflugzeugen
übernommen  wurde.  An  eigenen  Typen  wurden  in
diesem  Dienst  Wasserflugzeuge  mit  Schwimmern
der  Typen  Bréguet,  Borel,  Caudron,  M.  Farman
und  Voisin  sowie  Flugboote  der  Bauart  Donnet
Levsque  und  F.  B.  A.  (Franco-British-Aviation)
verwendet.
1Esgland.)  Da  das  Marineflugwesen  im  Vordergrund
  gestanden  hatte,  war  England  bei  Kriegseginn
  mit  brauchbaren  Wasserflugzeugen  teils  eige-II.

  Technik  und  Kriegführung

ner,  teils  amerikanischer  Konstruktion  für  den  Küsten-Schauß
  ut  versehen.  Dagegen  stand  der  vernachlässigte
Lan  ugzengbau  fast  völlig  unter  französischem  Einfluß.
  Im  Laufe  des  Krieges  aber  hat  sich  auch  die
englische  Landflugzeugindustrie  leistungskräftig  entwickelt.
  Zunächst  wurden  die  französischen  Heeresflugzeuge
  nachgebaut:  die  Vickers-  und  Bristol-Eindecker
  nach  dem  Vorbild  der  leichten  französischen  Eindecker,
  die  Typen  Graham  White,  Samuel  White
und  Vickers  nach  den  schweren  französischen  Kampfdoppeldeckern
  (Farman,  Voisin),  ebenso  leichte  Doppeldecker
  (Bristol,  Sopwith,  Avro,  B.  E.  (British  Experimentall
  u.  a.)  nach  den  leichten  französischen  ahe
(Goupy,  Caudron  usw.).  Da  außer  dem  Green-Motor
  ein  brauchbarer  Flugmotor  zu  Kriegsbeginn  nicht
vorhanden  war,  mußte  man  auf  die  französischen
Typen  zurückgreifen  (Gnöme,  Le  Rhöne,  Clerget,
Salmson).  Erst  später  erzielten  auch  die  englischen
Motoren  Sunbeam  und  Wolseley  gute  Leistungen.
Sehr  in  Mißkredit  kam  die  englische  Flugtechnik  anfangs
  durch  die  Erzeugnisse  der  königlichen  Flugzeugwerke
  (R.  A.  F.—  Royal-Aircraft-Factory),  dielange
aus  dem  Experimentieren  nicht  herauskamen;  ihre
schlecht  durchkonstruierten  Versuchstypen  verursachten
viele  Unglücksfälle.  Später  hat  aber  auch  die  R.  A.  F.
sehr  brauchbare  Typen  geschaffen;  sie  steht  neben  den
Bristol-  und  Sopwith-Werken  an  erster  Stelle.  Letztere
  haben  wohl  von  vornherein  die  leistungsfähigsten
  Flugzeuge  herausgebracht.  Vor  dem  Kriege  bauten
  sie  in  erster  Linie  Wasser--,  bes.  Schwimmerflugzeuge,
  aber  auch  Flugboote  nach  dem  Kurzgondelt
mit  Gitterschwanz.  Schon  1913  wurde  auch  der  Landflugzeugbau
  ausgenommen  und  während  des  Krieges
u  hoher  Vollendung  gebracht.  Ganz  hervorragend  ist
er  letzthin  herausgebrachte  einsitzige  Kampfdreidecker
  der  Sopwith-Werke.  Er  hat  nach  vorn  gestaffelte,
  in  Oblom  Abstand  voneinander  angeordnete,
schmale  Tragsächer,  Zm  Spannweite,  5,2  m  Rumpflänge,
  100  P.  S.-Clerget-Umlaufmotor  und  fest  einebautes
  Maschinengewehr  und  gilt  dem  französischen
pad  als  Hleicwerüig.  Daneben  haben  sich  in  letzter
Zeit  als  Kampfflugzeuge  Bristol  und  De  Havilland
hervorgetan;  letzteres  fällt  durch  die  eigenartige  Rückwärtsstaffelung
  der  Tragdecken  (die  untere  liegt  erheblich
  vor  der  oberen)  auf.  —  Erfolgreiche  Wasserflugeuge
  sind  noch  die  Typen  Short,  Graham  White,
Sammer  White,  Blackburne,  Sloane  und  Perry  Beadle,
während  im  Landflugzeugbau  neben  den  schon  erwähnten
  die  Avro-,  Märtans  de-,  Vickers=  u.  Handly-Page-Werke
  Erfolge  hatten.  Letztere  bauten  vornehmlich
  riesige  Bombenflugzeuge.  Ein  solches  fiel  infolge
Verirrens  unversehrt  in  deutsche  Hände,  ein  Doppeldecker
  von  30  m  Spannweite,  20  m  Rumpflänge,
zwei  Motoren  von  je  260  P.  S.  mit  vierflügeligen  .
schrauben,  bewaffnet  mit  drei  Maschinengewehren.
Die  Tragzelle  ist  dreiteilig  die  Außenteile  sind  an  den
Rumpf  anklappbar.  Nebst  Betriebsstoff  für  500  km
Aktionsradius  kann  eine  Bombenlast  von  etwa  20
Zentnern  mitgeführt  werden.

[  Italien.1  Dieses  hat  während  der  9  Monate  seiner
  Neutralität  nach  Kriegsbeginn  eifrigst.  vor  allem
auch  im  Flugwesen,  gerüstet.  Da  es  bewährte  eigene
Typen  nicht  gab,  baschrände  man  sich  zunächst  auf
Ankauf  und  Nachbau  franzöfischer  und  englischer
Flugzeuge.  Auch  die  Motoren  waren  ausschließlich
ausländisches  Erzeugnis;  erst  später  entstanden  die
brauchbaren  Typen  Isotta  Fraschini,  Chiribiri.  Bugatti
  und  Fiat.  Von  den  wenigen  rein  italienischen
        <pb n="181" />
        Reiniger:  Der  Luftkrieg

Flugzeugen  haben  sich  besonders  die  zu  Kriegsbeginn
noch  im  Versuchsstadium  befindlichen  Caproni-Apparate
  später  bewährt,  durchweg  Großflugzeuge
für  Kampf  und  Bombenwurf.  Der  erste  kriehsbhüunchbare
  Typ  war  ein  Doppeldecker  von  23  m  Spannweite
  mit  drei  Guôme-Motoren  von  je  100  P.  S.,  von
denen  der  mittlere  eine  Druckschraube,  die  beiden  seitlichen
  Zugschrauben  antrieben.  Die  Seitenmotoren
waren  in  durchlaufenden,  den  Steuerschwanz  tragenden
  Rümpfen  angeordnet,  der  Mittelmotor  in  einer
kurzen,  nur  nach  vorn  weitausladenden  Führergondel
mit  an  der  Spitze  eingebautem  Maschinengewehr.
Dieser  Doppeldeckertyp  wurde  in  seinen  Einzelheiten
dann  weiter  vervollkommnet  und  in  großer  Zahl  erbaut,
  die  Maschinenleistung  wurde  auf  200  F.  S.  für
jeden  Motor  erhöht.  Später  entstand  ein  Dreidecker
mit  gleicher  Rumpf=  und  Motorenahorbnung.  bei
dem  jeder  Motor  eine  Leistung  von  300  P.  S.  besaß.
An  sonsugen  Landflugzeugen  sind  noch  die  Kampfdoppeldecker
  Pomilio,  S.  I.  A.  (Societa  Italiana  Aviazione)
  und  S.  V.  A.  (Secieta  Verduccio  Ansaldo)
u  erwähnen,  die  sich  stark  an  deutsche  und  englische
orbilder  anlehnen.  S.  V.  A.  hat  das  gleiche  Fuagzeug
  auch  als  Wasserflugzeug  mit  Schwimmern  herausgebracht;
  es  wurde,  cbenso.  wie  die  Flugboote  der
Bauart  Savoia  und  Machhi,  in  einigen  Exemplaren
in  der  Marine  verwendet,  die  sich  im  übrigen  französischer,
  englischer  und  amerikanischer  Wasserflugzeuge
  bediente.

[Rußlanvd.)  Dieses  hat  von  den  Großmächten  der
Entente  im  Kriegsflugwesen  am  wenigsten  geleistet.  Bei
der  Heeresluftflotte  wurden  größtenteils  französische
Flugzeuge,  bei  der  Marine  englische  und  amerikanische
sowie  Donnet  Levêéque=  u.  F.B.  A.-Flugboote  benutzt.
An  Eigenkonstruktionen  sind  nur  die  Sikorsky-Riesenflugzeuge
  zu  nennen,  die  schon  vor  dem
Kriege  versucht,  dann  weiter  ausgebaut  wurden,  durchweg
  Doppeldecker,  von  denen  der  Typ  Le  Grand  37m
Spannmweite  und  25  m  Rumpflänge  besaß.  Wegen  der
Schwerfälligkeit  dieser  Maschine  ging  man  später  mit
den  Abmessungen  wieder  etwas  zurück.  Der  Antrieb
erfolgt  durch  vier  nebeneinander  angeordnete  Motoren
  mit  Zugschrauben,  und  zwar  zunächst  100  P.  S.
Argus-,  dann  150  P.S.-Gnöme-  und  später  200  P.  S.=Salmson-Motoren.
  Der  Rumpf  bildete  eine  völlig
geschlossene  Kabine  mit  drei  hintereinander  liegenden
Räumen.  Die  Bewaffnung  bestand  aus  Maschinengewehren
  und  Schnellfeuergeschützen.  Infolge  schlechter
  Massenkonzentration  wenig  wendig,  waren  sie  den
leichteren  deutschen  Apparaten  weitaus  unterlegen.
Von  dem  noch  größeren  Riesendoppeldecker  von  Hackel
mit  drei  Rümpfen,  42  m  Spannweite  und  900  P.  S.=Motoren
  hat  man  keine  Leistungen  gehört.

LAmerika.]  In  den  Vereinigten  Staaten  stand  zu
Kriegsbeginn  zwar  der  Wasselplugzeugbau  schon  in
hoher  Blüte,  der  Landflugzeugbau  steckte  dagegen
völlig  in  den  Kinderschuhen.  Als  aber  die  ersten
Kriegsmonate  einen  gewaltigen  Verbrauch  an  Flugzeugen
  zeigten,  entstand  eine  große  Zahl  neuer  amerikanischer
  Flugzeugfabriken,  und  bald  gingen  große
Massen  fertiger  Flugzeuge,  meist  Kopien  der  bewährten
  europäischen,  vor  allem  deutschen  Bauarten,  nach
Frankreich  und  England.  Der  größte  Teil  dieser  in
größter  Eile,  mit  mangelnder  Erfahrung  und  echt
amerikanischer  technischer  Leichtfertigkeit  ausgeführten
Maschinen  war  kriegsunbrauchbar.  Besonders  fehlte
lange  ein  brauchbarer  Flugmotor.  Die  besten  Landfluggeuge
  wurden  noch  von  den  erprobten  Wasser-159



flugzeugfirmen  geliefert,  insbes.  den  Curtiß-Werken
in  Buffalo  und  Dammondsport,  danach  auch  den
Wright-Martin-,  Thomas=  und  Burgeß-Werken.  Bevorzugt
  wurde  zunächst  der  Bauleichter  Aufklärungs.
doppeldecker  mit  Rumpf.  Als  gute  Curtißsche  Eigenkonstruktion
  bemerkenswert  ist  ein  völlig  verspannungsloser
  Doppeldecker  (richtiger  1/-Decker)  mit
wesentlich  kleinerer  unterer  Tragfläche,  bei  der  die
Tragzelle  nur  durch  eine  einzige  Strebe  von  windschnittigem
  Profil  beiderseits  abgestützt  ist,  von  deren
Fußpunkt  sich  eine  weitere  schräge  Strebe  zum  Ende
der  Fahrgestellachse  hinzieht.  Der  Dreidecker  (s.  Taf.  II,
Fig.  8)  zeigt  ebenfalls  nur  eine  einige  Strebe  auf
jeder  Tragzellenseite,  außerdeim  ein  leichtes  Spannkabelkreuz.
  Der  Motor  ist  bei  beiden  Typen  in  den
fast  völlig  geschlossenen  Rumpf  eingebaut.  Mit  nur
100  P.  S.-Motor  sollen  beide  Flugzeuge  eine  Geschwindigkeit
  von  fast  200  km  'St.  erreicht  haben.  Auch
einen  größeren,  nach  denselben  Prinzipien  gebauten
Dreidecker  mit  zwei  gleichgroßen  oberen  und  einer
kürzeren  unteren  Tragfläche  hat  Curtiß  serienweise
eliefert.  Die  in  großer  Zahl  an  der  Westfront  erchienenen
  Erkundungs-Doppeldecker  Wright-Martin,
Thomas-Morse,  Aeromarine,  Mayo,  Srortevant
Lawson,  Wittemann  und  Lewis,  Lanzius  Aircraft  u.  a.
sind  Rumpfdoppeldecker  normaler  Bauart.  Bei  Kampfflugzeugen
  ingen  einige  Konstrukteure  zur  Erzielung
freien  Schußfel  es  eigene  Wege.  Beim  Sturtevant-Doppeldecker
  wurde  je  ein  verkleideter  Maschinenewehrstand

  auf  der  unteren  Tragfläche  angeordnet.
Liee  weit  nach  außen  verlegten  Massen  ergaben  jedoch
  für  Steuerfähigkeit  und  Stabilität  schwere  Nachteile,
  so  daß  diese  Bauart  bald  verlassen  wurde.  Beim
Gallaudet-Doppeldecker  wurden,  um  trotz  durchgehen.
den  Rumpfes  die  Anordnung  einer  zentralen  Druckschraube
  und  Einbau  des  Maschinengewehrs  an  der
Gondelspitze  zu  ermöglichen,  die  Propellerflügel  (vier)
an  einem,  den  pindekformigen  Rumpf  umgreifenden.
von  innen  angetriebenen  Ring  befestigt.  Im  letzten
Kriegsjahre  wurden  hauptsächlich  Kampfflugzeuge  der
englischen  Bauarten  Bristol  und  De  Havilland  mit
amerikanischem  Freiheitsmotor=  geliefert.  —  Von
Wasserflugzeugen  brachte  Curtiß  mehrere  neue  Flugboottypen
  heraus,  die  in  größerer  Zahl  geliefert  wurden,
  u.  a.  ein  Dreidecker  (s.  Taf.  II,  Fig.  4).  Daneben
  behaupteten  sich  erfolgreich  die  Wasserflugzeuge
der  Wright-Martin-,  Thomas--,  Burgeß-,  Sturtevant.,
Gallaudet-Werke  u.  a.—  Auch  an  Luftmotoren  wurde
später  eine  Anzahl  guter  Typen  geschaffen,  wie  die
Standmotoren  Curtiß,  Thomas,  Sturkevant,  Düsenberg,
  Wells  Adams,  Maxi,  Roberts,  Aßmussen,
Harriman,  van  Blerk,  Hall  Scott,  sowie  die  Umlaufmotoren
  Gyro-Duplex,  Trebert  und  Macomber.  Der
Mitte  1917  herausgebrachte  Freiheitsmotor,  der
alles  bisher  Dagewesene  weit  übertreffen  sollte,  erwies
  sich  nur  unter  günstigen  Bedingungen  als  brauchbar
  und  keineswegs  den  bewährten  deutschen  und
französischen  Motoren  überlegen.

IDeutschland.]  Gegenüber  den  gewaltigen  Luftkampfmitteln
  der  Entente  waren  die  Mittelmächte
fast  allein  auf  die  deutsche  Flugzeugindustrie  angewiesen,
  die  allerdings  in  hoher  Blüte  stand.  An  erstllassigen
  Flugzeugsirmen  waren  damals  vorhanden:
Ago-Flugzeugwerke,  Bin.-Johannisthal  (Typbezeichnung
  Ago);  Albatros-Werke,  ebendort  (Albatros):
Allg.  Elektr.-Gesellschaft,  Berlin  (A.  E.  G.);  Automobil-
  und  Aviatik  A.-G.  Mühlhausen  Aviatik.:
        <pb n="182" />
        160

Deutsche  Flugzeugwerke  G.  m.  b.  H.,  Leipzig  (D.  F.  W.,
Roland);  Euler-Werke,  Frankf.  a.  M.  (Euler);  Flugzeugbau
  Friedrichshafen  G.  m.  b.  H.,  Friedrichshafen
(Friedrichshafen);  Fokker-Flugzeugwerke  G.  iu.  b.  H.,
Schwerin  (Fokker);  Halberstädter  Flugzeugwerke,
Halberstadt  (Halberstadt);  Hannoversche  Waggonfabrik,
  Hannover  (Hannover);  Hansa=  und  Brandenburgische
  Flugzeugwerke,  Brandenburg  (Hansa);
Kondor-Flugzeugwerke  G.  m.  b.  H.,  Essen  (Kondor);
Luft-Fahr  elgesellschaft  m.  b.  H.,  Blu.-Johannisthal
(L.  F.G.);  Luftverkehrsgesellschaft,  ebendort  (L.  V.  G.);
Otto-Werke,  München  (Otto);  Flugmaschine  Rex  G.
m.  b.  H.,  Köln  (Rex);  Rumpler--Werke,  Johannisthal
(Rumpler).  Zu  Kriegsbeginn  besaß  Deutschland  daber
  bereits  eine  stattliche,  wenn  auch  zahlenmäßig  der
französischen  unterlegene  Heeresluftslolte.  Die  nach
einheitlichen  Grundsätzen  konstruierten,  unter  schärfsten
  Bedingungen  erprobten  Flugzeuge,  größeren  Teils
Doppeldecker  (s.  Taf.  II,  Fig.  1),  kleineren  Teils
Tauben-Eindecker,  stellten  einen  zunächst  nur  für
Erkundung  bestimmten  Typ  dar,  waren  durchweg
Zweisitzer  u.  mit  erstklassigen  100  P.S.-Motoren  ausgerüstet.
  Sie  besaßen  die  damals  hohe  Geschwindigkeit
von  100—  120  km  /St.  Die  Steigfähigkeit  betrug  bei
den  Eindeckern  800—1000  m,  bei  den  Doppeldeckern
1500—  1800  m  in  10  Minuten.  Zwar  unbewaffnet,
wußten  sie  sich  bei  ihren  weiten  Erkundungs-  und
Bombenflügen  den  schwerfälligen  gepanzerten  Kampfdoppeldeckern
  der  Franzosen  leicht  zu  entziehen.

Den  zur  Abwehr  dicser  Flugzeuge  von  den  Franzosen
  neu  herausgebrachten  gepanzerten  Kampfeindeckern
  mit  Maschinen  zie  egstand  als  Überlegener
  Gegner  bald  ein  deutsches  Großkampfflugzeug
(Ago)  mit  zwei  Rümpfen,  zwei  Maschinengewehren,
zwei  Motoren  von  je  165  P.  S.  und  einer  Geschwindigeit
  von  150  km/St.  Der  reine  Stellungskampf
drachte  als  Jagdflugzeug  zur  Abwehr  der  nunmehr
wieder  erscheinenden  leichten  französischen  Eindecker
zur  rechten  Zeit  den  leichten,  überaus  wendigen  und
schnellen  Fokker-Eindecker,  bei  dem  zum  ersten
Male  das  Maschinengewehr,  vom  Motor  gesteuert,
durch  den  Propellerkreis  schoß.  Damit  hatte  Deutschland
  auf  längere  Zeit  die  vollkommene  Luftkampfüberlegenheit.
  Erst  das  Auftreten  der  leichten  französischen
  und  englischen  Doppeldecker  (Kavallerieflugzeuge)
  gab  den  Gegnern  einen  gewissen  Vorsprung,
der  aber  bald  durch  Schaffung  ähnlicher  deutscher
Typen  ausgeglichen  wurde.  Der  kleine  leichte  Kampfdoppeldecker
  (s.  Taf.  II,  dig  2;  Foller,  Albatros,
Rredrichhafen,  alberstadt.  .  F.  G.,  L.  V.  G.,  Pfalz,
D.  F.  W.  [Rolands)  ist  dann  während  des  Krieges
das  bevorzugte  deutsche  Jagdflugzeug  geblieben.
Diese  Doppeldecker  besitzen  fast  völlig  geschlossenen
Rumpf,  der  bis  dicht  an  die  obere  Tragfläche  herangeführt
  ist,  geringe  Spannweite  und  Tragzellenhöhe,
vorzügliche  Massenkonzentration,  windschnittige  Form
aller  freiliegenden  Teile,  eine  Geschwindigkeit  von
160—200  km  /St.  und  eine  Steigfähigkeit  von  etwa
1000  m  in  3  Minuten.  Sie  tragen  das  Klassenzeichen!
  D.  Im  letten  Kriegsjahr  fand  neben  den  leichten
  Doppeldeckern  noch  ein  Fokker-Dreidecker  als

1  Klasseneintellung  der  deutschen  Heeresflugzeuge:  Klasse  A
Altere  Eindecker  für  Ausklärung  ohne  Bewaffnung;  B  ältere

Doppeldecker  für  Aufklärung  und  Bombenwurf  ohne  Bewassnung:

C  moderne  Doppeldecker  für  Aufllärung  und  Bombenwurf  und
Kampf  mit  Bewafsnung;  Dmoderne  Kampfdoppeldecker;  E  Kampf-II.

  Technik  und  Kriegführung

Kampfflugzeug  Verwendung.  —  Auch  die  deutschen
Großkamo  und  Vombenstuggeuge  haben  höchste
Leistungsfähigkeit  erreicht,  wovon  die  zahlreichen  Geschwaderangriffsflüge
  weit  in  Feindesland  hinein,
nach  Paris,  London  usw.,  zeugen.  Besonders  be
währt  haben  sich  auf  diesem  Gebiet  die  Gotha--Flugzeuge
  (s.  Taf.  II,  Fig.  5),  ein  Schrecken  unserer  Geg
ner;  daneben  die  Ago-,  A.  E.  G.-,  Albatros-  und
Friedrichshafen-Doppeldecker.  Sie  hatten  eine  Spannweite
  von  etwa  24  m,  zwei  Moltoren  von  je  250  P.  S.
in  besonderen  Motorgondeln  mit  Druckschrauben  und
vermochten  neben  Betriebsstoff  für  500  km  eine
Bombenlast  von  8—10  Zentnern  zu  tragen.  Später
wurden  die  Ausmaße  und  an  allen  die  Tragfähigkeit
noch  erheblich  vergrößert.  Die  Bewaffnung  bestand
in  der  Regel  aus  drei  Maschinengewehren,  von  denen
eins  an  der  Rumpfspitze,  die  beiden  anderen  am  hinteren
  Rumpfkörper,  eins  über,  das  andere  unter  dem
Rumpf,  eingebaut  waren.—  Aucheigentliche  Riesen
flugzeuge  hat  man  in  Deutschland  gebaut  (R.Typ:
Bauarten  Siemens-Schuckert,  A.  E.  G.,  Schütte-Lanz),
Spannweite:  41  m.,  Rumpflänge:  22  m.  Motorenanordnung
  u.-stärke  waren  verschieden;  bei  den  ersten
R-Flugzeugen  wurden  vier  Motoren  von  je  300  P.  S.
paarweise  hintereinander  geschaltet;  diese  gewaltige
Maschinenkraft  wurde  später  noch  beträchtlich  erhöht.
so  daß  ein  solches  Flugzeug  gleichstarke  Maschinen  besitzt
wie  ein  mittelgroßer  seegehender  Dampfer.  Da  die
R-Flugzeuge  größtenteils  erst  gegen  Kriegsende  zur
Vollendung  kamen,  sind  sie  nicht  mehr  besonders  hervorgetreten.
  —  Die  deutschen  Marineflugzeuge
hatten  sich  weniger  im  Luftkampf  als  im  Erkundungsdienst
  zu  betätigen;  hier  haben  sie  sich  in  jeder  Hinsicht
  bewährt.  Verwendet  wurden  hauptsächlich
Schwimmerflugzeuge  der  Typen  Albatros,  Aviatik,
D.  F.  W.,  Friedrichshafen  und  Rumpler,  daneben  aber
auch  einige  Flugboote  (Ago,  D.  F.  W.).  —  Daß  das
deutsche  Eluhwilen  von  vornherein  so  Bedeutendes
leisten  konnte,  verdankt  es  in  erster  Linie  der  schon  im
Frieden  hochentwickelten  Motorenindustrie  Die  Standmotoren
  Argus,  Benz,  Mercedes,  Maybach,  N.  A.  G.,
Rapp,  Werner  und  Pfleiderer  sowie  die  Umlaufmotoren
  Stahlherz-Schwade  und  Oberursel  sind  den  besten
ausländischen  Luftmotoren  mindestens  ebenbürtig.
Deutschland  hat  fast  bis  zum  Kriegsende  die  uneheure

  zahlenmäßige  überlegenheit  der  Feinde  an

uftkampfmitteln  durch  diehervorragende  Güte  seiner
Luftwaffen  und  Luftkämpfer  wettgemacht  erst  in  den
letzten  Kriegsmonaten  ist  es  auch  im  Luftkrieg  rein
durch  die  Masse  der  Gegner  erdrückt  worden.

Osterreich-Ungarn.  Die  österreichischen  Flugzeugfabriken

  bauten  fast  ausschließlich  deutsche  Typen:
als  rein  österreichisches  Heeresflugzeug  ist  eigentlich
nur  der  Lohner-Pfeil-Doppeldecker  zu  erwähnen,  der
auch  als  Dasserflugzeug  mit  Schwimmern  verwendet
wurde.  Daneben  benutzte  die  österreichische  Marine
im  Küstenwachdienst  an  der  Adria  vornehmlich  Agound
  D.  F.  W.-Flugboote  sowie  andere  deutsche
Schwimmerflugzeuge.  Auch  an  der  bulgarischen
und  türkischen  Front  wurden  ausschließlich  deutsche
Heeresflugzeuge  verwendet.

eindecker  U.  B.  Fokker);  &amp;amp;  Großflugzeuge  für  Bombenwurf  und
Kampf,  bewaffnet;  R  Riesenslugzeuge.  Zu  diesen  Buchstaben
tritt  eine  Ziffer,  die  innerhalb  der  Typen  die  Flugzeuge  nach
Gattung  und  Alter  unlerscheidet  (.  B.  Fokker  D7).
        <pb n="183" />
        <pb n="184" />
        Schematische  Darstellung
der  Kampfgliederung  einer  Infanterie-Dwision]

im  Korpsverband.
ngen  Malæmongelo  ——.—.——ss“JsJs3

———x
*
**—*'d

i
———

.’*n—-n—

v

42
I
«  «
*
„
".  "ä

17/U7
—
1

—i

1

—.

A  .  l
7

à  ½

l

3—
1

?7  ½
*  I
—  7.—

*  #  */v

TArmeekor

«  H«  :k.,
„Oiwision-—

N.
1
2

J

—  24  *
———  "“#  —
"“  —--–

  —.

—%

#  –.

gzeschenerhksorunqù.:
–·4%%  Grende
–  %%%%
—
–  rm——————
—  0033%%  —
nn“t“  ——ssss

68  8  %%%%C  rueuttz

——..—

Schotrenaroben  m  Mndemæ
————“-s
——n——  “J“  9
tE—F]  NE..———NM
N,  A.O%  "%¼%%
usm—im——s  —-“—4

P
—  ½r  *

1u
i

—G  ·  Rogss  besechrssfond

—34=-«

  ,.  .
..«  (
½  *  ·
1.—
"  "  DsPf

’5.
*

4

½#

9

7

"

8

4.  e
Bugade-He

2—
—  S

E

X  8—  —
—

———“——
irbriethrht  t
5
—D  2%%%%
Ktdrgucuser
——“
r  ,  Ouer
————“——
rlooenr-lit
        <pb n="185" />
        Oefele:  Der  Kampfbereich  eines  Armeekorps

Der  Kampftbereich  eines  Armeekorps
von  Hauptmann  a.  D.  Oesele  in  Würzburg

Hiermu  Tasel  „Kampfgliederung  einer  Infankeriedioision  im
Korpsverbande.

Das  Feldheer  besteht  aus  Armeen,  die  Armce  aus
Armeekorps.  Das  Armeekorps,  ein  größerer  Truppenverband
  aller  Waffen,  unter  einem  Generalkommando,
  setzt  sich  zusammen  aus  Truppen,  Kolonnen
und  Trains.  Die  Truppen  haben  den  Kampf  zu  führen
  und  für  Aufklärung,  Sicherung  und  Verbindung
zu  sorgen.  Die  Kolonnen  und  Trains  dienen  der
Versorgung,  dem  Nach=  und  Abschub  der  Truppen.

Der  Stellungskrieg  mit  seiner  eigenartigen  Kampf-=führung
  becinflußt  weitgehend  die  Zusammensetzung
und  Kampfgliederung  des  Armeekorps.  Im  Stellungskrieg
  liegen  sich  die  beiden  Gegner  in  stark  befestigten
  und  zäh  verteidigten  Stellungen  gegenliber.
Aus  diesen  Stellungen  heraus  muß  der  Angriff  unternommen,
  in  diesen  Stellungen  der  seindliche  Angriff
abgewiesen  werden.  Angriff  und  Abwehr  erfordern
besonders  wirkungsvolle  Kampfmittel  und  damit  besondere
  Truppen,  zwingen  aber  auch  zu  besonderer
Verteilung  der  Kräfte.

Zusammensetzung  eines  Armeekorps.  Ein  Armeekoups
  besteht  in  der  Regel  aus  2—3  Infanteriedivisionen,
  besonderen  Korpstruppen,  Munitions-=kolonnen
  und  Trains.

Eine  Infanteriedivision  setzt  sich  vor  allem
zusammen  aus  den  Kampftruppen,  nämlich

JInlk  und  Feldart.-Verbänden  (meist  2  Inf.-Brig.  u.
1  *  r*nm  wobei  jedem  Inf.-Bataillon  und  jeder
Feldurt.-Abt.  Maschinengewehriruppen  angegliedert  sind,

schwacher  Kav.  (gewöhnl.  1  Eskadron)  zur  Verwendung
als  Stabswache,  Feldgendarmerie,  Meldcreiter  usw.,

Pioniertruppen  mit  e.nem  Pionierpart,

leich  en,  mittleren  und  schweren  Minenwerfer-Truppen.

Für  die  Nachrichtenverbindung  sorgen  die  Fernsprechund
  Funlerabtellung  sowie  ein  Briestaubenschlag.
Dann  verfügt  die  Division  über

Juf.=  und  Art.-Munitionskolonnen  bzw.  Mun.-Depots
  für  die  Munitionsergänzung,

Proviant=  und  Fuhrpartkolonnen  bezw.  Verpflegungs-=magazine
  für  die  Versorgung  mit  Lebensmineln,

eme  Sanitätskompagnie  zur  Errichtung  des  Hauptverbandplaspes
  und  von  Verwundetensammelstellen  und

ein  Feldrekrutendepot  für  den  Mannschaftsersatz.

Uußerdem  sind  der  Division  gewöhnlich  noch  zu-Leteilt:


Schwere  Artillerie  =  Verbände  (Kanoncn-,  Haubitzenund
  Morser-Bakterien  verschied.  Kalibers  zwischen  9  und
21  cm,  denen  gleichfalls  Maschinengewehre  beigegeben
sind)  zur  Verwendung  als  Mittelariillerie,

die  #unehörigen  schweren  Artillerie-Munitionskolonnen
bzw.  Munirionsdepots,

Auftlärungsfl.eger

Fesselballone  zur  Beobachtung  und

einige  Feldlazarette.

Die  besonderen  Korpstruppen  sind:

Weitere  Verbände  schwerer  Artillerie,  nämlich  Batterien
  langer  10  u.  15  em-Kanonen,  21  cm-Mörser  usw.,
kurz  aller  Geschütze,  die  Schußweiten  über  10  km  haben
und  nicht  den  Divisionen  unterstellt  sind,  mit  beigegebenen
  Maschinengewehren,  als  Fernkampfartillerie  oder  als
Ariilleriereserve,.

die  zugehör.,  schweren  Artillerie  =  Munitionskolonnen
bzw.  Mun.-Depots,

einige  Batterien  schweres  und  schwerstes  Flachfener
(24bis  3cm-Langrohre,  Elenbahngeschut  und  schwerstes
  Steilfeuer  (24,  30,  42  cm-Mäörser).

Fliegerverbände  (Aufklärungsflieger,  Schlachtstaffeln,
Jagbstaffeln),

Der  Krieg  1917/19.  III.

161

eine  Luftschisserabtellung,  deren  Ballonzüge  auf  bie
Div  .sionen  verteilt  sind,

Fliegerabwehr-Verbände  aus  Kraftwagen-Geschützen
und  bodenständigen  Fliegerabwehr-Kononen  (z.  T.  Maschinenkanonen)
  sowie  Fliegerabwehr-Maschinengewehr-=Ableilungen
  mit  Scheinwerferzügen,  -

und  Nachrichtentruppen,  nämlich  weitere  Fernsprechund
  Funkerabteilungen  sowie  Brieftaubenschläge.

Eine  Bildstelle  verarbeitet  die  photographischen  Erkundungsergebnisse
  der  Flieger,

eine  Kartenstelle  stellt  die  für  die  Kampftätigkeit  erforderlichen
  Karten  her,

eine  Frontwetterwarte  übermittelt  Wetterbeobachtungen
  den  daran  interessierten  Truppen.

Zu  den  Munitionskolonnen  und  Trains

gehören  außer  den  schon  angeführten  noch  folgende
anitätsformationen,  Munitionskolonnen  u.  Trains:

Feldlazarette  nach  Bedarf,
rr#.  Sanitätsdepot  zur  Ergänzung  der  Sanitäts-Auskung,



einige  Sanitäts  =  Krastwagenkolonnen  für  den  Rücktransport
  der  Verwundeten  in  die  Etappe  und  zum  Vorbringen
  der  Sanitätsmittel  in  das  Sanitätsdepot,

Pferdelazarett,

Pierdedepot  für  Pferdeersatz,

Munitionsdepots  für  die  aus  der  Etappe  herangeführte
  Munition,  vielfach  mit  Geschützreparaturwerkstätten,

weitere  Verpflegungs=  und  Fuhrparkkolonnen,

ein  Korpsproviankamt,

einige  Feldbäckereien,

ein  Pion  er-Hauptpark  als  Hauptniederlage  von  Plomergerät,
  Werkzeug,  Baustafsen  usw.,

ein  Piomer=  und  Minenwerfer-Munitlonsbepot  zur
Ergänzung  der  Schanzgeräte,  von  Sprengmunition,  Midinwersermunttion
  usjw.

Außerdem  verfügt  das  Armeekorps  über
Armierungs=  und  Straßenbau-Kompagnien,
Gefangenen-Kompagnien  zu  Straßen=  und  Bahnbauarbeiten

  sowie  "

Feldpostanstalten.

Kampfsliederung  eines  Armeekorps.
(Siehe  hierzu  die  Tafel.)

Das  Kampfgebiet  eines  im  Rahmen  der  Armee
kämpfenden  Armeekorps  hat  eine  Frontbreite  von
5—7  km.  Hiervon  ist  jeder  Division  ihr  eigener
schmaler,  aber  tiefer  Gefechtsstreifen  zugewiesen,  in
dem  sie  ihre  Kräfte  nach  der  taktischen  Lch  dem  Gelände
  und  ihrer  Wirkungsfähigkeit  einsetzt.  Die  Korpstruppen
  finden  nach  Bedarf  im  ganzen  Gefechtsraum
des  Korps  Verwendung.  Die  Tängkeit  der  Versorgungsformationenerstrecktsich
  bis  zurück  an  die  Grenze
des  Etappengebietes  und  geht  in  die  Tätigkeit  der
Etappenbehörden  und  -formationen  über  (vgl.-Etappenwesen-,
  Bd.  II.  S.  261  ff.  insbes.  S.  267).

Ganz  vorn  am  Feind  liegen  in  stark  ausgebauten
Stellungen  die  Infanterie-Kampftruppen.  Jede
Abteilung  (Regiment,  Bataillon,  Kompagnie)  hat
ihren  abgegrenzten  Gefechtsabschnitt.  Um  alle  Voränge

  beim  Feinde  wahrzunehmen  und  die  Gefechtstellung
  im  Falle  eines  Angriffes  rechtzeitig  zu  besetzen,
  muß  man  den  Gegner  dauernd  beobachten,  das
Vorgelände  bewachen  und  sichern.  Deshalb  ist  über
die  eigentliche  Kampfstellung  hinaus  eine  Postenlinie

  aus  Inkanterieposten  und  Maschinengewehren

ins  Gelände  vorgeschoben,  d.  h.  meist  in  die  Trichter
eingebaut,  die  selbst  ausgebaut  und  auch  mit  Unterschlupfen
  versehen  sind.

Zwischen  der  vordersten  Postenlinie  und  der  Hauptverteidigungslinie,
  im  sog.  Vorfeld,  befinden  sich
als  Siherbngsabzeilung  ,  gleichfalls  im  Gelände
und  durch  künstliche  Befestigung  gedeckt,  Feldwachen.

11
        <pb n="186" />
        162

mit  beigegebenen  Maschinengewehren.  Auch  sonst  sind
Maschinengewehre  an  günstigen  Stellen  zu  Überraschendem
  Feuer  eingebaut.

Die  Infanterie-Kampfstellungisteine  Schützengrabenstellung
  mit  Deckungs-  und  Verbindungsgräben,
  Unterschlupfen  und  Unterständen,  Annäherungsgräben
  usw.  (vgl.  -  Stellungskrieg  und  Nahkampf-=mittele,
  Bd.  I,  S.  273  ff.).  In  die  vordersten  Schützengräben
  sind  möglichst  viele  Maschinengewehre  eingebaut.
  Die  Infanterie-Kampftruppen  liegen  nur
während  des  Gefechtes  oder  wenn  es  die  Gefechisbereitschaft
  erfordert,  kampfbereit  in  den  vordersten
Gräben.  Andernfalls  befindet  sich  die  Grabenbesatzung
gedect  in  den  Unterschlupfen,  jederzeit  zur  Abwehr

ereit.  Die  Unterstützungen  und  Reserven  ruhen

leichfalls  in  Deckungsgräben  und  Unierständen  und
goben  je  nach  Entfernung  von  der  vordersten  Linie
versch.  Alarm=  und  Gefechtsbereitschaft.  Regiments.,
Brigade=  u.  Divisionskommandeure  haben  ihreeigenen
ständigen  Gefechtsstände,  von  denen  aus  sie  den  Truppenverband
  leiten;  sie  scheiden  sich  aus  ihren  Infanterietruppen
  eine  Kampfreserve  (Regiments-,  Brigade-,
  Divisionsreserve)  aus,  die  zurückgezogen  wird
(vielfach  in  die  Nähe  des  Geiechtsstandeh)  Auch  der
kommand.  General  behält  seine  Korpsreserven  zurück.

Einzelne  Teile  der  Kampftruppen  sind  in  Ruhe  und
lösen  regelmäßig  nach  mehreren  Tagen  die  Grabenbesatzung
  ab.  Bei  bevorstehendem  Angriff  werden
alle  Kräfte  zum  Stoß  herangezogen.  Zur  Verbindung
mit  der  Nebenabteilung  sind  an  den  seitl.  Grenzen  der
einzelnen  Gefechtsabschnitte  verschieden  große  Abteilungen,
  die  -Nahtkommandos,  aufgestellt;  sie  haben
etwa  entstehende  Lücken  gleich  auszufüllen,  auch  für
Flankenabriegelung  zu  sorgen,  wenn  der  Feind  nebenan
  eingedrungen  ist.

In  engster  Verbindung  mit  der  Infanterie  stehen
die  Minenwerfer:  leichte  in  unmittelbarer  Nähe
der  Infanterielinie,  mittlere  mehr  rückwärts,  schwere
noch  weiter  dahinter.  Auch  in  ihrem  Kampfgelände
sind  zahlreiche  Maschinengewehre  als  wirkungsvolle
Abwehrwaffe  verstreut.

Diezur  unmittelbaren  Unterstützung  der  Infanterie
dieser  beigegebemnen  Infanterie-Begleit-Batterien
  stehen  so  nahe  hinter  den  vorderen  Infanterielinien,
  daß  ein  Zusammenwirken  beider  Waffen  jeder-6
  Möglich  ist.  Einzelne  Batterien  oder  Geschütze  sind

ogar  in  der  Infanteriestellung  eingegraben.  Zuweilen
ind  auch  offene  Batteriestellungen  bei  der  vordersten
Infanterielinie  vorbereitet,  in  die  die  Geschütze  zu
eigenem  Angriff  oder  zur  Abwehr  eines  feindlichen
Sturmes  einfahren.  Dasgleiche  gilt  für  die  der  Tankabwehr
  dienenden  Tankbatterien.

Die  übrigen  Batterien  der  Feldartillerie  (Feldkanonen
  und  leichte  Feldhaubitzen)  bilden  die  Nahkampfartillerie
  hinter  dem  Gefechtsbereich  der
Infanterie.  Dahinter  sind  die  schweren  Flach=  und
Steilfeuergeschütze  der  Mittelartillerie,  dem  Gelände
  angepaßt,  sowie  die  schweren  Batterien  der
Fernkampfartillerie,  hinter  dieser  die  Geschüte
des  ganz  schweren  Flach=  und  Steilfeuers
(Langrohre,  Eisenbahngeschütze,  schwerste  Mörser)
verteilt.  Alle  Geschütze  sind  feindlicher  Sicht  und  Beobachtung
  ento  en  und  feuern  aus  verdeckten  Stellungen.
  Wo  nicht  genügende  Deckung  vorhanden  ist,
sind  die  Geschütze  in  den  Boden  eingeschnitten  und
gegen  Fliegerbeobachtung  maskiert.  Die  gesamte  Arlillerie
  steht  unter  einheitlicher  Leitung;  Nahkampf-,
Mittel=  und  Fernkampfartillerie  haben  wiederum  ihre

II.  Technik  und  Kriegführung

eigenen  Kommandeure.  Divisionskommandeure  und
unter  Umständen  auch  der  kommandierende  General
behalten  Artilleriereserven  an  geeigneten  Plätzen.

Die  Kavallerie  ist  zur  Ausübung  ihres  Stabs-.
wach-,  Gendarmerie=  und  Meldedienstes  auf  die  Stäbe
u.  Truppenteile  verteilt;  ein  Rest  befindet  sich  bei  den
Ortskommandanturen  im  rückwärtigen  Korpsbereich.

Die  Pioniertruppen  sind  im  ganzen  Gefechtsstreifen
  der  Divisionen  verteilt;  ihre  Depots  bzw.  Parks
liegen  hinter  den  Artilleriestellungen;  Pionier-Zwischendepots
  sind  weiter  vorn,  etwa  in  Höhe  der  Nahkampfartillerie,
  angelegt.

Auch  die  Nachrichtentruppen  sind  zwecks  schneller
  übermittlung  auf  das  ganze  Gefechtsgebiet  verteill
Alle  Teile  des  Kampfbereiches  sind  durch  Fernsprechleitungen
  verbunden.  In  der  vordersten  Kampf

tellung,  bei  den  Kampftruppenkommandeuren,  auf

en  Gefechtsständen,  bei  rückwärtigen  Reserven  und
Führern  sind  Funkentelegraph=  oder  Erdtelegraph-Stationen
  für  drahtlosen  Nachrichtenaustausch
  errichtet.  Die  Divisionsstäbe  u.  das  General
kommando  verfügen  über  Brieftauben,  die  im  Bedarfsfall
  Posten,  Patrouillen,  Sturmtrupps,  Fliegern
usw.  mitgegeben  werden  und  die  Nachrichten  an  die
Stabssitze  zurückbringen.

Fliegerabteilungen  zur  Aufklärung.  artilleri
stischen  Erkundung  und  Feuerleitung  haben  ihre  Flughäfen
  im  rückwärtigen  Teil  des  Divisions-bzw.  Korpsbereiches.
  Meist  liegen  mit  ihnen  zusammen  die
Schlachtstaffeln,  diese  zeitweise  zu  Schlachtstaffelgruppen
  vereinigt.  Von  den  Jagdstaffeln  haben
mehrere  zusammen  (Jagdgruppe)  einen  Flughafen.
Die  Fliegerverbände  eines  Korps  stehen  unter  einem
Führer  im  Korpshauptaquartier;  bei  ihm  befindet  sich
auch  die  Bildstelle.  Bombenstaffeln,  zu  Bombengeschwadern
  vereinigt  und  dem  Armee-Oberkommando
  unterstellt,  liegen  weit  rückwärts  in  Höhe  des
Armeeflugparkes.  Im  Raume  der  Flughäfen  des
Korps  ist  ein  Flieger  -  Zwischendepot  eingerichtet.

Die  Aufstiegplätze  der  Fesselballone  richten  sich
nach  der  taktischen  Lage.  Im  Stellungskrieg  liegen
sie  hinter  der  schweren  Artillerie,  also  etwa  6—  10  km,
beim  Angriff  etwa  2—3km  hinter  der  vord.  Linie.  In
Höhe  des  Armee-Oberkommandos  liegt  der  Feldlustschifferpark
  zur  Ergänzung  des  Luftschiffermaterials.

Die  Fliegerabwehr-Formationen,  innerhalb
  des  Korps  gleichfalls  unter  einheitlichem  Kontmando,
  sind  im  ganzen  Gelände,  hauptsächlich  um
besonders  durch  Flieger  gefährdete  Räume,  verteilt;
die  Scheinwerfer  befinden  sich  immer  bei  den  Flieger-Abwehrkanonen.
  Kraftwagen-Fliegerabwehrkanonen
ermöglichen  raschen  Einsatz  von  Geschützen  an  plößlich
  bedrohten  Punkten.

Für  die  Verwundeten  haben  die  einzelnen  Truppenteile
  Berbandplätze,  wo  erste  ärztliche  Hilfe  geleistet
  wird.  Sie  liegen  unmittelbar  hinter  den  Stellungen
  der  betr.  Truppenteile  im  Gelände  gedeckt;
auch  der  Abtransport  nach  rückwärts  erfolgt  gedeckt.
Weiter  rückwärts,  hinter  den  Stellungen  der  Mittelartillerie,
  gleichfjalls  gegen  Sicht  und  Feuer  gedeckt.
liegen  die  von  den  Sanitätskompagnien  errichteten
Hauptverbandplätze  mit  ausgiebigerer  ärztlicher
Hilfe,  von  wo  aus  die  Verwundeten  in  die  Feldlazarette
  befördert  werden.  Diese  sind  außerhalb
des  unmittelbaren  Gefechtsbereiches  in  Ortschasten
oder  in  Anlehnung  an  solche  eingerichtet  und  nach
Bedarf  durch  Zelte,  Baracken  usw.  erweitert  (vgl.
„Einrichtung  und  Aufgaben  der  Feldlazarette-,  Bd.  1,
        <pb n="187" />
        Schäfer:  Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege

S.  308  ff.).  Um  die  Feldlazarette  für  den  Vormarsch
baldigst  wieder  verfügbar  zu  machen,  werden  sie  nach
Bedarf  von  den  Etappenbehörden  durch  Ablösung
des  Personals  und  Ersatz  der  Ausrüstung  in  Kriegslazarette
  umgewandelt.  über  Rückbeförderung
der  Verwundeten  usw.  in  die  Heimat  sowie  über
Zuführung  der  Sanitäts=  und  Veterinärmittel
  ins  Sanitätsdepot,  zu  Feldlazaretten  und
Truppen  vgl.=  Etappenwesene,  Bd.  II,  S.  261  ff.  —
Pferdelazarett  und  Pferdedepot  liegen  gleichfalls
  außerhalb  Schußweite  in  Ortsunterkunft,  in  der
Regel  rückwärts  der  Divisions-Stabsquartiere.

Hioisions-Munitionsbepots,  aus  denen  die
Infanterie=  und  Artillerietruppen  ihren  Schießbedarf
empfangen,  liegen  an  geeigneten  Plätzen  hinter  den
Artilleriestellungen,  weitere  Munitionsdepots
mit  Geschütpreparaturwerkstätten  weiter  rückwärts,
außerhalb  des  Gesfechtsbereiches.  Munitionskolonnen
  befördern  die  Munition  in  die  Divisionsdepots,
  u.  U.  sogar  bis  in  die  Feuerstellungen.

Divisions-Verpflegungsmagazinemit  Lebensmitteln
  und  Futter  liegen  auch  im  Raume  hinter
der  schweren  Artillerie  und  werden  durch  die  Verpflegungskolonnen
  aus  dem  weit  rückwärts
liegenden  Korpsproviantamt  gefüllt.

ie  Feld  bäckereien  sind  außerhalb  des  Gefechtsbereiches

  in  Ortsunterkünften  eingerichtet.  Eine  Feldbäckereikolonne
  bäckt  in  24  Stunden  den  Tages--Brotbedarf
  für  eine  Division.  Das  Brot  wird  durch
Proviantkolonnen  in  die  Verpflegungsmagazine
geschafft,  das  Backmaterial  aus  der  Etappe  durch

Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege

von  Haus  Schäfer  in  München,  s.  Zt.  Divisions-Nachrichten-Kommandeur


Unter  dem  Nachrichtenwesen  soll  hier  die  Gesamtheit
  der  Hilfsmittel  und  Einrichtungen  verstanden
werden,  die  zum  Zwecke  der  Kriegführung  Nachrichten
  über  räumliche  Entfernungen  befördern.  Die
eine  Gruppe  von  Nachrichtenmitteln  überträgt  nur
den  Inhalt  der  Nachricht  mittels  Drahtleitungen  (Telegraph,
  Fernsprecher)  oder  drahtlos  (Funkerei,  Erdtelegraphie,
  Blinken,  Leucht-  und  Schallsignale,  Sichteichen);
  bei  der  zweiten  Gruppe  wird  die  Urschrift
*  Nachricht  oder  eine  Skizze  selbst  übermittelt
(Läufer,  Meldereiter,  Radfahrer,  Brieftaube,  Meldehund,
  Nachrichtengeschosse).  Während  bei  jener  die
Zwecke  der  Strategie  wie  der  Taktik,  der  Verwaltun
wie  des  Privatwerkehrs  der  Heeresangehörigen  berücksichtigt
  werden  sollen,  beschränkt  sich  die  Erörterung
bei  dieser  auf  die  Verwendung  für  die  Zwecke  der
Taktik;  damit  scheiden  also  aus:  Kurierposten,  Kraftradstafetten
  im  hinteren  Operations-  und  im  Etappenebiet,
  übermittlung  des  Schriftverkehrs  der  Befehls-Bellen,
  Verwaltungsbehörden  und  im  inneren  Dienst
der  Truppe,  schließlich  die  Beförderung  der  Privatnachrichten
  der  Heeresangehörigen  (Feldpost;  s.  S.
169  f.).  Die  Möglichkeit,  Ferngespräche  und  Funksprüche
  mitzuhören,  hat  in  zweifacher  Richtung  das
Gebiet  des  Nachrichtenwesens  erweitert:  erstens  durch
den  Abhördienst  und  zweitens  durch  die  Schaffung  von
Geheimschriftmitteln.  Unter  den  aufgeführten  Nachrichtenmitteln
  sind  einige  lediglich  geeignet,  bestimmte
vereinbarte  Zeichen  (Signale)  zu  übermitteln:  Leucht-163



Etappentransportmittel  (val.  Bd.  II,  S.  266)
nachgeführt.  "

Der  Pionier-Hauptpark  und  das  Pionierund
  Minenwerfer-Munitionsdepot  liegen
rückwärts  an  einem  für  den  Antransport  des  Materials
  und  der  Munition  günstig  gelegenen  Ort.

Eisenbahnen  (Bolltahnen  blheen  bis  etwa  8—
6  km  an  die  vordere  Linie  heran,  Feldbahnen  mit
Benzinlokomotiven  oder  Pferde=  oder  Handbetrieb
auch  bis  in  die  vorderste  Linie,  bes.  solche  für  den
Schießbedarf  der  schweren  Geschütze  und  der  schweren
Minenwerfer.  An  den  übergangspunkten  vom  Vollbahn=
  zum  Feldbahnbetrieb  sind  eigene  Umschlagestellen
  errichtet.

Die  Feldrekrutendepots  sind  meist  außerhalb
des  Gefechtsbereiches  in  Ortsunterkunft  an  der  Grenze
des  Operationsgebiekes  aufgestellt.  Armierungs-à
und  Straßenbaukompahnien  sind  ebenfalls  rückwärts
  in  der  Nähe  ihrer  Arbeitsstätten  untergebracht,
ebenso  die  Gefangenenkompagnien,  die  auch  zum
Straßen=  und  Bahnbau  verwendet  werden.  Die  Gefangenen
  werden  auf  Sammelplätzen  bei  den  Divisionen
  und  beim  Korps  gesammelt  und  nach  Vernehmung
  den  Gefangenen-Kompagnien  zugewiesen.

Für  den  Feldpostdienst  im  Operationsgebiet  des
Korps  sind  im  Korpshauptquartier  ein  Festpostamt,
in  den  Divisions-Stabsquartieren  Feldpostexpeditionen
  errichtet.  Einlieferung  und  Abholung  der
Postsendungen  erfolgt  durch  die  Truppenteile  (vol.
?  Etappenwesen-,  Bd.  II,  S.  268,  sowie  =  Die  Feldpost.,
  Bd.  III,  S.  169).

—..  —

und  Schallsignale,  Sichtzeichen,  während  die  anderen
jede  beliebige  Nachricht  befördern  können.

I.  Organisatlon.

Nach  der  neuen  Organisation  vom  25.  Juli  1917
wird  die  Telegraphentruppe  Nachrichtentruppe
benannt.  Die  einzelnen  Nachrichtenverbände  unterstehen
  den  Kommandobehörden,  denen  sie  zugehören,
waffentechnisch  jedoch  den  Woffenvorgeseglen  der
Nachrichtentruppe.  Höchster  Waffenvorgesetzter  ist  der
Chef  des  Nachrichtenwesens,  der  dem  Chef  des
Generalstabs  des  Feldheeres  unmittelbar  untersteht.
Ihm  sind  die  Nachrichtengenerale  (Brigadekommandeure)
  untergeben,  von  denen  zunächst  auf
jedem  Kriegsschauplatz  (Westen,  Osten,  Südosten)
einer  vorhanden  war.  Im  Sommer  1918  erhielt  der
Westen  zwei  Nachrichtengenerale.  Der  nächstniedere
Wasfepvorgeseze  ist  der  Armeenachrichten-Kommandeur
  (Reg.-Kommand.)  bei  einem  -.  O.  K.;  ihm  unterstehen
  unmittelbar  zwei  Armeefernsprech-Abteilungen,
die  Armee  =  Funker-Abt.,  der  Armee-Nachrichtenpark,
  die  Meldehundstaffel.  Dem  Gruppen-Nachrichten
  -Kommandeur  (selbständigen  Btl.-Kdr.)  bei
eineut  Gen.-Kdo.  unterstehen  unmittelbar  die  Gruppen-Fernsprech-Abt.
  und  die  Gruppen-Funkenstation.  Die
Nachrichtenstäbe  bis  zum  Gruppen-Nachrichten-Kdr.
einschl.  besitzen  zur  Bearbeitung  der  Abhorch=  usw.
Tätigkeit  eine  Auswertungsstelle.  Dem  Divisions-Nachrichten-Kdr.
  bei  einer  Division  unterstehen  die
Divisions--Fernsprech-Abt.  und  die  Divisions-Funken-Abt.
  Brieftaubenschläge  werden  den  verschiedenen
Nachrichten-Kommandeuren  jeweils  zugeteilt  und
unterstellt.  Außer  den  Nachrichten  -Kommandeuren

11*
        <pb n="188" />
        164

bestehen  Nachrichten-Referenten  bei  den  Heeresgruppen
und  im  Stellungskrieg  bodenständige  Offiziere  der
Nachrichtentruppe.  Schließlich  gibt  es  noch  die  Nachrichtenformationen
  des  Großen  Hauptquartiers  und
der  Heeresgruppen,  die  zur  Verfügung  des  Nachrichtenchefs
  stehenden  Bau-,  Betriebs-,  Stations-  und
Blinkzüge  sowie  senstige  Sonderformationen.

Der  Herisions-7  achrichtenJ=  Kommandeur  (Divkonach)
  macht  Vorschläge  für  den  Einsatz  und  das
Zusammenarbeiten  sämtlicher  Nachrichtenformationen
der  Division,  insbes.  auch  fr  das  Zusammenwirken
mit  den  Truppen-Nachrichten-Abteilungen,  und  überwacht
  deren  Tätigkeit  nach  den  von  der  Division  gegebenen
  Weisungen.  Die  Truppen-Nachrichten-Ableilungen
  der  Infanterie  bestanden  aus  je  einem  Zug
für  den  Reg.-Stab  und  für  jedes  Bataillon;  die  vier
Züge  waren  beivielen  Divisionen  zu  einer  Nachrichtenkompagnie
  im  Regiment  zusammengefaßt.  Für  die
anderen  Truppengattungen  bestand  keine  klare  Regelung.
  Bei  der  Artillerie  war  ein  Nachrichtenoffizier
beim  Feldartillerieregiment  und  beim  Fußartilleriebataillon
  vorhanden.  Artillerie=  Funkertrupps  versahen
  den  Dienst  an  den  Artillerie-Antennen.  Der
Mannschaftsmangel  behinderte  die  Durchführung  der
Organisation  bei  der  Truppe  empfindlich.

Die  Ausbildung  der  Nachrichtentruppe  erfolgte
außer  bei  den  Ersatztruppenteilen  in  Lehrgängen  in
Armee=  und  Heeres-Nachrichtenschulen  und  auf  dem
Nachrichtenübungsplatz  bei  Namur,  die  der  Truppe  bei
den  Rekrutendepots,  in  Lehrgängen  beim  Divkonach
und  auf  Ubungeplätzen.  Die  Organisation  beim
Feinde  war  ähnlich.

II.  Cechnik.

1.  Telegraphie.  Im  vorderen  Operationsgebiet  begegnet
  man  nur  dem  Fernsprecher,  dem  Telegraphenapparat
  erst  zwischen  Division  und  Generalkommando,
doch  auch  hier  nur  im  Stellungskrieg.  Verwendet  wird
dabei  der  Klopfer,  bei  dem  die  Morsezeichen  nach
dem  Gehör  aufgenommen  worden.  Weiter  rückwärts
werden  die  verschiedensten  Telegraphenapparate  verwendet,
  z.  B.  der  Hughesapparat  und  der  Schnelltelegraph.
  Als  Leitungen  wurden  die  Fernsprechleitungen
(blanke  Drähte)  benutzt.

2.  Fernsprechwesen.  Als  Stromguelle  dient  das
Feldelement,  ein  Zink-Kohle-Trocken-Element.  Benutzt
  wurden  als  Heeresapparate  der  Feldferns
  zum  Anruf  mit  Summer  und  Wecker
(Klingel)  sowie  der  Armeefernsprecher  zum  Anruj
  mit  Summer,  später  auch  mit  Wecker;  daneben
wurden  erbeutete  Postapparate  und  Apparate  der
Reichstelegraphenverwaltung,  wie  z.  B.  der  Tischapparat,
  viel  verwendet.  Als  Vemirngeinrichlung
dienten  Vermittlungskästchen,  Schauzeichensummerschrank
  sowie  Klappenschränke  und  Vermittlungsämter
aller  Art.  Als  Leitungsmaterial  wurde  rückwärts
bis  10  km  von  der  vorderen  Linie  blanker  Eisendraht
verwandt,  Bronzedraht  aus  Rohstoffmangel  nur  noch
für  bes.  wichiige  lange  Leitungen.  Im  vorderen
Gebiet  wurde  Armeekabel,  ein  dünnes,  schwach
isoliertes  Kabel,  sowie  Feldkabel,  ein  dickeres,  auch
besser  isoliertes  Kabel,  benutzt.  Der  außerordentliche
Mangel  an  Kabel  zwangschließlich  (1918),  dünnen,  nur
durch  einen  Emailleüberzug  isolierten  Kavalleriestahldraht
  mit  zu  verwenden.

Die  früheren  Kabel-Einfachleitungen  (mit  der  Erde
als  Rückleitung)  wurden  durch  den  übergang  zum
Stellungskrieg  zurückgedrängt;  die  zunehmende  Be-II.

  Technik  und  Kriegführung

deutung  des  Fernsprechers  verlangte  den  Bau  zahlreicher
  Leitungen.  So  drang  der  Bau  blanker  Doppelleitungen
  an  friedensmäßigen  Gestängen  bis  fast  in
die  Kampfzone  vor,  so  daß  die  Grenzlinie  schließlich
8—10—12  km  von  der  vorderen  Linie  verlief.  Im
Bewegungskrieg  wurden  die  Kabelleitungen  ba  d  durch
blanke  Doppelleitungen  ersetzt.  So  erstanden  im  hin  -
teren  Gebiet  Doppelleitungen,  um  am  gleichen  Gestänge
  eine  Anzahl  von  Leitungen  anzubringen,  wobei
  mit  Einzelleitungen  die  gegenseitige  Beeinflussung
ein  Sprechen  unmöglich  machen  würde.  Im  vorderen
  Gebiet  zwang  der  feindliche  Abhördienst  zum
Ausbau  von  Doppelleitungen,  um  möglichst  zu  verhindern,
  daß  Sprechströme  in  die  Erde  ge  angen.
Zum  gleichen  Zweck  wurden  auch  besondere  Apparate

ebaut,  die  dem  Feinde  durch  Störströme  das  Mitören

  unmöglich  machen  sollten.  Um  die  Leitungen
der  Werkung  des  feindlichen  Feuers  zu  entziehen,  verlegte
  man  Erdkabel  in  offene  oder  wieder  zugeworfene
Gräben,  auch  in  die  Lauf-  und  Schützengräben  der
Stellung.  Bei  Leitungen  von  auch  nur  kurze  Zeit  andauernder
  Bedeutung  ist  beim  Bewegungskrieg  sorgfältigster
  Bau  auf  Stangen  unbedingt  nötig,  da  sonst
eigne  Truppen  usw.  die  ganze  Arbeit  zunichte  machen,
wodurch  überhaupt  die  Fernsprechleitungen  oft  mehr
als  durch  feindliches  Feuer  beschädigt  werden.  —  Um
der  Fliegerbeobachtung  und  dem  feindlichen  Feuer  zu
entgehen,  mußten  bei  der  Linienführung  ausgeprägle
Geländepunkte,  Dörfer,  Straßen  usw.  vermieden
werden.

3.  Abhorchdienst.  Zum  Abhorchen  ist  nötig,  daß
elektrischer  Strom  in  die  Erde  dringt;  dies  geschiebt
bei  Einfachleitungen,  bei  der  die  Erde  als  Rückleitung
dient,  ohne  weiteres,  bei  Doppelleitungen,  wenn  beschädigte
  Stellen  der  Isola'ion  mit  der  Erde  in  Berührung
  kommen.  Beim  Abhorchen  werden  an  den
verschiedensten  Stellen  des  elektrischen  Feldes  sog
Horch-  oder  Sucherden  in  den  Boden  gesteckt:
durch  Prüfung  mit  dem  Suchschalter  erhält  man
die  günstigst  gelegenen  Punkte.  Das  Abhorchen  kann
auch  durch  reine  Indusion  feindlicher  Leitungen  auf
bis  in  die  Nähe  vorgetriebene  Horchleitungen  —
stehengebliebene  Leitungsreste  oder  liegengebliebene
unterirdische  Kabel  als  Horcherden  beim  Kindlichen
Rückmarsch  —  erreicht  werden.

Die  aufgefangenen  schwachen  Ströme  mülssen,  damit
  sie  im  Fernhörer  verständlich  sind,  erst  verstärkt
werden,  wozu  sog.  Verstärkerlampen  dienen.

Die  Sucherden  sind  möglichst  nahe  an  die  feindliche
Stellung  heranzutreiben  (Minenstollen,  Sappen.  nahe
der  feindlichen  Stellung  verlaufende  eigene  Stillung,
Vortreiben  ins  Vorgelände;  Ausnutzung  von  Wasserläufen,
  Kanälen,  Eisenbahnschienen);  doch  sind  auch
Sucherden  weiter  rückwärts  erforderlich,  da  oft  nur
so  genügend  große  Spannungsunterschiede  auftreten.
Störungen  treten  auf  durch  Erd.,  Starkstromgeräusche
und  durch  die  Funkentelegraphie.

4.  Erdtelegraphie.  Sie  ist  aus  den  Abhorchstationen
  hervorgegangen.  Aber  man  fängt  hier  nicht
einen  ungewollt  in  die  Erde  gelangenden  Strom  auf,
sondern  schte  einen  Summerstrom  in  Morsezeichen
in  die  Erde  und  fängt  ihn  auf  der  Gegenstation  durch
eine  Abhorchstation  auf.  So  vereinigt  das  Erdtelegraphengerät
  einen  Sender  (in  Wechselstrom  verwandelter
  Gleichstrom  einer  Sammlerbatterie)  und
einen  Empfänger;  dadurch  ist  der  Wechselverkehr
zwischen  zwei  Stationen  möglich.  Die  Reichweite
(abhängig  von  der  Anordnung  der  Stationen,  von
        <pb n="189" />
        Schäfer:  Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege

der  geologischen  Bodenschichtung  u.  a.  m.)  ist  im
allgemeinen  2—3  km.  Neben  den  bei  den  Abhorch-Kattonen
  erwähnten  Störungen  treten  auf:  Störungen

urch  eigene  Fernsprechleitungen,  absichtliche  durch
den  Feind,  gegenseitige  zweier  Sendestationen,  wofür
jedoch  verschiedene  Abhilfen  vorgesehen  sind.

5.  Funkentelegraphie.  Zur  sankentelegraphischen
Verbindung  zwischen  zwei  Orten  sind  ein  Sender  und
ein  Empfänger  erforderlich.  Bei  der  Sendestation
hat  man  zunächst  den  Maschinenkreis  mit  Gleichstrom--erregermaschine
  und  Wechselstromgenerator;  bei
Akkumulatorenbetrieb  wird  der  Gleichstrom  in  Wechselstrom
  umgewandelt.  Hier  wird  also  die  elektrische
Energie  erzeugt  und  über  einen  Transformater  dem
sog.  Stoßkreis  zugeleitet,  dessen  hauptsächlichste
Teile  der  Stoßkreiskondensator,  die  Funkenstrecke  und
die  Selbstinduktion  sind.  Der  Kondensator  wird  aufgeladen,
  und  die  elektrischen  Ladungen  gleichen  sich  bei
bestimmter  Spannung  über  Selbstindultion  und
Funkenstrecke  aus.  Hier  springt  ein  Funken  über,  der
ein  Hin=  und  Herschwingen,  eine  oszillatorische  Entladung
  darstellt;  es  entstehen  hochfrequente  elektromagnetische
  Schwingungen.  Diese  werden  auf  den
Antennenkreis  übertragen,  zu  dem  Antenne  mit
Gegengewicht,  Antennenverlängerungsspule  und  Variometer
  gehören,  Um  ein  Hin  ·  und  Herpendeln  der
elektrischen  Energie  zu  unterbinden,  wird  diesog.  Löschsunkenstrecke
  verwandt,  bei  der  jeder  den  Stoßkreis
schließende  Funken  sofort  wieder  gelöscht  wird.  Die
Welle,  die  von  der  Antenne  ausgeht,  wird  durch  die
Kapazität  (Länge),  den  Widerstand  und  die  Selbstinduktion
  des  Luftleiters  bestimmt.  Damit  Stoß-  und
Antennenkreis  innige  Energieübertragung  verbürgen,
müssen  sie  gleiche  Eigenschwingungen  besitzen:  der
Stoßkreis  muß  auf  den  Antennenkreis  abgestimmtsein,
mit  ihm  -in  Resonanz  stehen.  Die  elektromagnetischen
  Schwingungen  werden  von  der  Antenne  ausgestrahlt,
  wie  Licht,  Wärme,  Schall.  Die  Schwingungen
  (elektromagnetische  Wellen)  werden  durch  den
Tther  vermittelt,  sie  treffen  auf  die  Empfangsantenne.
Diese  muß  nun  wieder  auf  die  Sendeantenne  abgestimmt
  sein,  mit  ihr  in  Resonanz  stehen,  dann  schwingt
siemit.  Im  Antennenkreis  der  Empfangsstation  treten
die  Schwingungen  um  so  stärker  auf,  je  besser  diese
Abstimmung  ist.

Aus  dem  Antennenkreis  werden  die  Schwingungen
dem  sog.  Detektorkreis  zugeführt.  Hier  werden  die
elektromagnetischen  Schwingungen  durch  den  Detektor
  umgeformt  und  dem  hetn  zugeleitet,  wo  sie,
in  Morsezeichen  abgehört,  den  Funkspruch  ergeben.
Wenn  nötig,  werden  die  Empfangsströme  durch  den
Lautverstärker  verstärkt.

In  funkentelegraphischen  Dienst  des  Heeres  werden
die  verschiedensten  Stationen  verwendet:  Festungsund
  Großstationen;  Kraftwagengroßstationen;
schwere  Funkenstationen,  bespannt  und  auf  Kraftwagen
  (Reichweite  300  km),  Gruppen-Funkenstationen
(180  km);  die  leichten  Stationen  als  Divisionsfunkenstationen,
  bespannt  und  auf  Kraftwagen  (100  km);
schließlich  im  Bereich  der  Divisionen  die  tragbaren
Funkengeräte,  wovon  das  große  (G.-Fuk)  41—6  km,
das  mittlere  (M.Fuk)  2—3  km,  das  kleine  (K-Fuk)
0,5—1  km  Reichweite  hat.  Daneben  gibt  es  Gebirgssunkenstationen,
  Hafen  -  und  Gefechtsstationen  der
Flieger-Abteilungen,  Flugzeugbordstationen,  Empfangsanlagen
  der  Artilleriefunkertrupps  u.  a.  m.

Vurch  die  starke  Häufung  von  Funkenstationen  im
vorderen  Gebiet  ist  die  gegenseitige  Störungsmöglich-165



keit  sehr  groß.  Sie  wird  verstärkt  durch  die  Stationen
der  Flieger,  des  Luftschutzdienstes  und  den  feindlichen
Funkenverkehr.  Sehr  wesentlichistimvorderen  Kampfgebiet
  die  Antennenfrage.  Statt  mit  Hochantenne
muß  im  Gebiet  des  feindlichen  Feuers  mit  Niedrigantenne(ungefähr
  2m  Höhe)  oder  gar  Erdantenne
(auf  der  Erde)  gearbeitet  werden,  wodurch  die  Reichweite
  erheblich  vermindert  wird.  Die  Antenne  muß
gerichtet  werden,  d.  h.  sie  wird  entgegengesetzt  der
Richtung  der  Gegenstation  gestreckt,  wodurch  die  elektrischen
  Wellen  sich  hauptsächlich  in  der  Richtung  zur
Gegenstation  fortpflanzen.  So  ergibt  sich  größere
Störungsfreiheit  gegenüber  Stationen,  die  nicht  zu
der  gleichen  Empfangsstation  arbeiten.  Auch  kann
man  umgekehrt  den  Standort  von  Funkenstationen
mit  einer  Genauigkeit  von  2—3  Grad  bestimmen  (Aufgabe
  der  Richtempfangsstationen).

Für  den  Richtempfang  machen  sich,  wie  überhaupt
bei  der  Funkentelegraphie,  verschiedene  Einflüsse  hindernd
  geltend,  insbes.  wirken  Berge  (velektrischer  Schatten-.)
  und  Wasserläufe  stark  ein.  Luftelektrische  Störunen

  (Gewitterbildungen)  und  sonstige  atmosphärische
Störungen  (Tag  und  Nacht)  können  stark  hindernd
auftreten.  Die  Heldverhältnise  mit  feuchten  Stollen
wirken  nachteilig  auf  die  Apparate;  das  Vorschaffen
der  Sammler  (Akkumulatoren)  zu  den  vorderen  Stationen
  ist  häufig  erschwert  und  schädigt  die  Sammler.

6.  Blinkwesen.  Zum  Geben  der  Blinkzeichen  (in
weißem,  grünem  und  rotem  Licht)  wurden  zuerst  behelfsmäßige
  Lampen  verwendet,  dann  Blinkgeräte
(G.Blink,  M-Blink,  K-Blink  und  L-Blinkh  geschaffen,
die  Glühlampen  mit  zu  Batterien  vereinigten  Taschenlampen
  als  Lichtquelle  verwenden,  während  das  Licht
des  Azetylen-Sauerstoff-Geräts  (A-8S-Gerät)  dadurch
erzeugt  wird,  daß  eine  Azetylen  =  Sauerstoff.  Stichflamme
  einen  Kalk.  Zer-Glühkörper  zum  Leuchten  er.
bitzt.  Bei  allen  Geräten  werden  die  Lichtstrahlen  durch
Spiegel  gesammelt  und  zur  Gegenstation  geleitet.
Günstigste  Reichweiten  sind:  A-S-Gerät  75  km  nachts,
25  km  am  Tage;  G-Blink  18km  bei  Tag,  20—30  km
bei  Nacht;  M-Blink  Tageslampe  4  km  bei  Tag,  8  bis
10  km  bei  Nacht.  Nachtlampe  8  km;  K--Blink  (nicht
bewährt)  bei  Tag  0,skm,  bei  Nacht  2-4  km;  L  Blink

für  Verkehr  mit  Luftfahrzeugen)  dei  Tag  5  km,  bei

dacht  10  km.  Bodendunst,  Nebel,  Nauch  und  Qualm
der  Schlacht  können  das  Blinken  behindern,  ja  unmöglich
  machen.  Die  Anwendung  setzt  günstiges  Gelände
  mit  guten  Sichtpunkten  voraus.

7.  Leuchtsignale.  Zur  Anwendung  gelangten
weiße  Leuchtpatronen  und  rote,  gelbe  und  grüne
Signalpatronen,  aus  der  Leuchtpistole  verschossen,
dann  weiße,  rote,  gelbe,  grüne  Granatsignale,  aus
dem  Signalwerfer  oder  dem  Granatwerser  verschossen,
schließlich  1918  hochsteigende  Granatsignale  ser
»Palmibaum«),  aus  dem  Granatwerfer  verschossen.
Es  war  nur  die  Farbe  maßgebend,  nicht  die  Abarten
(Doppelstern,  Verästelung  usw.).  Rote  Leuchtzeichen
sind  sehr  gut  zu  erkennen,  dagegen  werden  grüne  und
vor  allem  gelbe  leicht  mit  weißen  verwechselt.  Die
Granatsignale  sind  infolge  ihrer  größeren  Steighöhe
weit  besser  geeignet,  die  Rauch-  und  Staubwolken  der
Schlacht  zu  durchdringen,  als  die  gewöhnliche  Signalpatrone.


Zur  Bezeichnung  der  eigenen  Linie  für  den  Flieger
wurden  für  die  Nacht  Leuchtsatzfeuer  entzündet.

8.  Sichtzeichen.  Das  Winken  kam  nahezu  nicht
vor.  Sichtzeichen  wurden  verwendet  im  Verkehr  zwischen
  Erde  und  Flugzeug.  Fliegertücher  kenn
        <pb n="190" />
        166

zeichnen  die  eigene  Linie  für  den  Flieger,  Tuchzeichen
dienen  zur  Bezeichnung  der  Befehlsstellen,  zum  Geben
von  festgelegten  Zeichen  an  den  Insantericslieger  und
an  den  Artillerieflieger  beim  Einschießen.

9.  Schallsignale.  Zur  Anwendung  gelangen
BVlasinstrumente  —  Signalhörner,  Hand-  und
Preßluftsirenen,  Autohuppen  —  und  Schlaginstrumente
  —  Glocken,  Gongs,  Eisenschienen.  Auch  Maschinengewehrfeuer
  dient  als  Signalmittel.

10.  Nachrichtengeschosse.  In  dem  Hohlgeschoß
wird  die  geschriebene  Meldung  untergebracht;  ein
beigefügter  Bränder  kennzeichnet  die  Stelle  des  Niedergehens
  des  Geschosses  durch  Rauch.  Wald  oder
Sumpf  schließen  die  Anwendung  aus,  Wind  beeinflußt
  die  Richtung.  Die  Meldewurfgranate
wurde  aus  dem  Granatwerfer  (Reichweite  bis  zu
1000  m),  die  Nachrichten  mine  aus  dem  leichten
Minenwerfer  (Reichweite  bis  1350  m),  die  Rauchmeldepatrone
  der  Flieger  zum  Abwurf  von  Fliegermeldungen
  aus  der  Signalpistole  abgeschossen.

11.  Die  Brieftaube.  Die  seit  alter  Bei  bekannte
Eigenschaft  der  Brieftaube,  von  Abflugstellen,  zu
denen  sie  gebracht  wird,  rasch  zu  ihrem  Schlage  zurückzufliegen,
  wird  dazu  benutzt,  Meldungen  und
Slkizzen  aus  vorderer  Linie  durch  die  Artilleriefeuerzone
  zurückzubringen.  Der  Schlag,  ein  Wagen  zur
Unterbringung  der  Tauben,  wird  möglichst  bei  der
Dienststelle  aufgestellt,  der  er  dient,  gewöhnlich  bei
der  Division.  Die  Tauben  werden  in  regelmäßiger
Abwechslung  nach  vorn  gebracht  und  dort  durch  die
Taubenträger  gepflegt,  bis  sie  nach  spätestens  zwei  Taen

  zum  Rückflug  nach  ihrem  Schlage,  wo  sie  Futter
sinden,  aufgelassen  werden.  Die  Taube  braucht  für
1  km  ungefähr  1  Minute  reine  Flugzeit;  dazu  kommt
die  Zeit  zum  Fertigmachen  der  Meldung,  die  in  Aluminiumhülse
  am  Ständer  befestigt  wird,  die  Zeit  des
Eingehens  der  Taube  in  den  Schlag,  des  Abnehmens
der  Me-ldung  und  der  Zustellung  an  die  Kommandostelle.
  Auch  in  den  günstigsten  erhältnissen  beträgt
die  Gesamtzeit  mindestens  ½  Stunde.  Die  Orientierungsfähigkeit
  der  Taube  hängt  von  der  Sicht  ab.
Sie  fliegt  nicht  bei  Nacht,  Nebel,  HLunst  oder  schlechter
Witterung;  schneebedecktes  Gelände  erschwert  die
Orientierung.  In  der  Mauser  bedarf  sie  der  Schonung.
  Durch  Raubvögel  ist  sie  gefährdet.  Sie  fliegt
auch  nur  einseitig  von  der  Abflugstelle  zum  Schlag,
wenn  auch  Versuche  über  wechselseitigen  Verkehr  Anfangserfolge
  aufwiesen.  Ein  Siellungswechsel  des
Schlages  legt  diesen  auf  ungesähe  vier  Wochen  lahm,
was  die  Verwendung  beim  Rückmarsch  außerordentlich
  einschränkt  und  beim  Vormarsch  besondere  Vorkehrungen
  erforderlich  macht.  Große  Vorzüge  sind  dagegen
  die  Unabhängigkeit  der  Taube  vom  Gelände,
von  der  Nähe  des  Feindes,  vom  feindlichen  Feuer,
ferner  Billigkeit,  leichte  Beschaffung  und  Ausbildung.

12.  Der  Meldehund.  Er  läuft  zwischen  Führer
und  Gegenführer  hin  und  her,  nachdem  er  die  zu
durchlaufende  Strecke  (nicht  mehr  als  2  km,  durch
zwei  fesistehende  Meldepunkte  begrenzt)  einmal  geführt
  wurde.  Die  Meldung  wird  in  einer  Meldekapsel
  am  Halsband  besttigl.  Die  Bewährung
hängt  auf  das  innigste  mit  den  Personen  der  Führer
zusammen.  Die  Ausbildung  beruht  darauf,  den
Hund  sschußfest-  vs  machen,  indem  ihm  durch  blinde
Schüsse  der  Glaube  beigebracht  wird,  daß  das  Schießen
  ihm  nicht  gefährlich  ist.  An  Rassen  wurden  verwendet:
  der  deutsche  Schäferhund,  der  Dobermannpinscher,
  der  Airedale-Terrier  und  der  Rottweiler;

II.  Technik  und  Kriegführung

Rassereinheit  ist  keine  Voraussetzung.  Die  Meldehunde
  gehörten  zu  den  Nachrichtenmitteln  der  Infanterieregimenter.


13.  Der  Mensch  war  als  Läufer,  Reiter,  Radund
  Motorradfahrer,  bei  entsprechenden  Verhältnissen
auch  als  Skiläufer,  zur  Nachrichtenübermittlung  tätig.

III.  Me  allgemeine  Verwendung  der  Machrichtenmittel
  im  Friege.

Das  Fernsprech=  und  Telegraphenneg#  wies  eine  tiefgehende
  Gliederung  auf;  insbes.  war  das  Net  für  stralegische
  und  taktische  Zwecke  von  dem  allgemeinen  Netz
steeng  geschieden,  es  hatte  besondere  Leitungen  und  beondere
  Vermittlungsstationen,  die  sog.  Stabsvermittlungen.
  Neben  dem  strategischen  und  dem  allgemeinen
Neg  waren  Sondernegze  (Luftschutz-,  Artillerie.,  Fliegerneh
  usw.)  vorhanden.  Nur  diese  Trennung  ermögichte
  genügend  rasche  Bedienung  und  die  Sicherung
von  freien  Leitungen  für  die  wichtigsten  Zwecke.  Der
Fernsprechverkehr  des  rückwärtigen  Gebietes  diente
auf  den  strategischen  Linien  den  Zwecken  der  Heeres
führung,  auf  den  allgemeinen  Linien  den  vielseitigen
Bedürfnissen  des  modernen  Heeres  und  seiner  Verbin.
dung  mit  der  Heimat.  Verpfiegungs.  Munitions.,  Bekleidungs-,
  Gerätenachschub,  Ersatz.  u.  Verschiebungstransporte,
  Abschub  von  Kranken  und  Verwundeten.
Schiffahrt,  politische  Angelegenheiten,  Privatverkehr
des  Heeres,  all  das  brachte  eine  so  riesige  Belastung  der
Fernsprechanlagen,  daß  sich  für  den  modernen  Krieg
das  Wrchendenzein  des  Fernsprechers  und  des  Teleraphen

  als  unbedingte  Voraussetzung  ergeben  hat
Fm  gesamten  Fernsprechnetz  einschließlich  Operationsgebiet
  laen  am  Ende  des  3.  Keigsjahres  (Juli  1917)
920000  Leitung  (23facher  Erdumfang),  davon
60  Proz.  im  Westen.  Im  ganzen  waren  bis  dahin
ins  Feld  geliefert  2700000  km  Leitungsmaterial
(67facher  Erdumfang  oder  7fache  mittlere  Entfernung
des  Mondes  von  der  Erde),  an  Apparaten  rund
260000,  dazu  über  31000  Vermittlungsschränke.  In
dem  Bereich  einer  Armee  des  Westens  lagen  im  Frühjahr
  1918  rund  22000  km  Leitung,  täglich  wurden
400  Telegramme  erledigt,  98000  Ferngespräche
vermittelt.  Vergleichsweise  betrug  im  Kriege  187071
die  Gesamtleistung  der  Nachrichtentruppe  1800  km
Feldleitung,  800  km  feste  Leitung,  830  km  wiederbergestelle
  Leitungen.
em  Fernsprecher  brachte  die  Funkentelegraphie
im  rückwärtigen  Gebiet  eine  wesentliche  Entlastung
bei  der  übermittlung  solcher  Nachrichten,  die  von  einem
Zentralpunkt  möglichst  weitreichend  verbreitet  werden
sollten  (Heeresberichte,  Uhrzeit,  Wettermeldungen).
Im  Großverkehr  bot  sie  die  einzige  Möglichkeit,  nachdem
  wir  auch  unsere  Kabelverbindungen  verloren
hatten,  mit  der  neutralen  Außenwelt  in  Verbindung
zu  bleiben,  mit  Spanien,  mit  Amerika,  solange  es
neutral  war,  in  der  ersten  Zeit  des  Krieges  mit  unseren
  Kolonien.  Nurausnahmsweise  kam  sie,  abgesehen
von  der  Zeit  der  großen  Vormärsche,  für  die  übermitllung
  von  sonstigen  Nachrichten  im  rückwärtigen
Gebiet  in  Frage.

IV.  Verwendung  und  Ginsatz  der  Machrichtemmittel
im  Stellungskrieg.

Die  Grundlage  der  Entwicklung  der  Nachrichtenmittel
  bot  der  lange  Stellungskrieg.  Ihre  Verwendung
für  Angriff  und  Rückzug  geschieht  in  Sonderformen.
Für  den  Ausbau  des  taktischen  Nachrichtennetzes  find
die  nachstehenden  Grundsätze  maßgebend:
        <pb n="191" />
        Schäfer:  Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege

„Besonderer  Wert  muß  der  gesicherten  Unterstützung  der
Insanterie  durch  die  Artillerie  bei  Kämpfen  um  das  Vorfeld
  sowie  um  die  Hauptwiderstand  Slinie  und  in  der  Tiefen-Zone
  beigelegt  werden.  In  der  höchsten  Feuerspannung  des
Schlachtkages,  dem  seindlichen  Ungriff,  in  der  schnelles
Eingreifen  der  Artillerie  für  die  schwerringende  Infanterie
Sieg  oder  Unterliegen  bedeuten  kann,  ist  es  wichtiger,  die  Verbindung
  von  der  vordersten  Kampfzone  zur  Artillerie  aufrechtzuerhalten,
  als  den  Infanterie-Abschniitkommandeur  und
den  Divisionsstab  mit  laufenden  Meldungen  zu  versehen.=Im

  Operationsgebiet  waren  die  Fernsprechnetze
streng  zu  gliedern.  Neben  dem  allgemeinen  Netz  beanden

  folgende  Sonderneßze:  Gemeralstabsneg  mit

tabsvermittlungen,  Artillerienetz,  Netz=  für  Lichtund
  Schallmeßtrupps,  Fliegernetz,  Luftschiffernetz,
Flaknetz,  Minenwerfernetßz.  häusig  noch  Pioniernetz.
  Gesondert  davon  war  das  Eisenbahnnetz,  das
von  der  Eisenbahntruppe  gebaut,  unterhalten  und
betrieben  wurde,  während  alle  übrigen  Fernsprechnetze
  unter  Aufsicht  der  Nachrichtentruppe  standen.
Die  verschiedenen  Netze  müssen  untereinander  in  möglichst
  zahlreicher  Verbindung  stehen.  An  Abwehrfronten
  ist  in  der  Vorbereitung  der  Abwehrschlacht
auch  das  rückwärtige  Leitungsnetz  rechtzeitig  auszubauen.
  Der  u-  der  höheren  Stäbe  muß  so  weit
urückliegen,  daß  nicht  schon  der  kleinste  feindliche
infangserfolg  den  Umbau  des  Netzes  nötig  macht.
Die  Gesehlostchlen  der  Artillerie  wurden  grundsätzlich
mit  den  entsprechenden  Befehlsstellen  der  Infanterie
wsammtengelegt.  Während  im  ruhigen  Stellungseg

  die  Aufrechterhaltung  zahlreicher  Verbindungen
möglich  und  notwendig  war,  verlangte  die  geringe
Mannschaftszahl  im  Großkampf  die  Beschränkung
auf  die  wichtigsten  Leitungen.  Diese  waren  mit  allen
Mitlteln  instandzuhalten,  denn  der  Fernsprecher  bietet
allen  anderen  Nachrichtenmitteln  gegenüber  den  Vorzug
  mündlicher  Besprechung.  An  den  Hauptleitungen
wurden  Störungssucherposten  planmäßig  eingekellt,
  eingebaut  und  mit  notwendigstem  Material
versehen;  ihr  Opfermut  hielt  häufig  auch  im  schwersten
Feuer  wichtige  Leitungen  aufrecht.  Immerhin  bedarf
der  Fernsprecher  in  den  Beschußbereichen  stets  der  Ergänzung
  durch  drahtlose  Nachrichtenmittel.

Um  die  Gefahr  des  Abhorchens  durch  den  Feind

zu  verringern,  war  Anlage  von  Doppelleitungen  und
gute  Instandhaltung  der  Isolation  erforderlich.  Der
Fernsprechverkehr  in  der  Abhörzone  wurde  auf  das
notwendigste  eingeschränkt,  Querverbindungen  in  der
Gefahrzone  wurden  nicht  zugelassen;  bei  besonderen
Kampfhandlungen  ließ  man  sogar  die  vorwärts  der
Regimenter  befindlichen  Leitungen  ablegen.  Es  durfte
Wichtiges  nur  in  Geheimsprache  gesprochen  werden.
Die  hrreichen  drahtlosen  Nachrichtenmittel  verlangten
  dieselbe  Schupfmaßnahme  Das  Ferngespräch
kann  abgehört,  die  Erd=  und  Funkentelegraphie  kann
mitgehörk,  die  Blinkzeichen  können  mitgelesen  werden,
Brieftauben  und  Meldehunde  können  in  Feindeshand
fallen.  Daher  waren  alle  Meldungen  zu  chiffrieren:
  Das  Schlüss  eeft.  bezeichnete  Buchstaben,
Worte,  häusige  Sätze  usw.  durch  dreistellige  Zahlen
und  gab  damit  eine  Kurzschrift,  für  die  durch  weitere,
schnellwechselnde  Verschlüsselung  die  Geheimhaltung
gesichert  wurde.  Daneben  verwandten  die  Funkenlationen
  das  ähnliche  Satzbuch,  das  jedoch  statt
Hahten  drei  Buchstaben  verwendete.  Daneben  bestanden
  die  allgemeinen  Chiffrierverfahren  der  Kommandobehörden.


Die  drahtlosen  Nachrichtenmittel,  die  sich  auch
untereinander  in  richtiger  Weise  ergänzen  müssen,

167

hatten  im  wesentlichen  die  Verbindung  zwischen  Infanterie
  und  Artillerie  zu  sichern.  Zwischen  Kampftruppenkommandeuren,
  artilleristischen  Befehlsstellen,
Sperrfeuerleitbatlerien  und  Tankabwehrgeschützen
durfte  die  Verbindung  nicht  abreißen.  Die  Sperrfeuerleitbatterie
  mußte#benfalls  ausreichend  mit  Nachrichtenmitteln
  versehen  sein.

Schon  1915  wurde  die  Einrichtung  von  Blinkverbindungenbetrieben,
  bei  denen  durch  Geben  von
Morsezeichen  eine  Lichtverbindung  hergestellt  wird.
Die  Blinkverbindung  gewann  bes.  dort  Bedeutung,  wo
das  Gelände  Höhen  und  Tiefen  aufwies,  also  gute
Sichtverbindungen  besaß,  und  zwar  bis  über  den  Talnebel
  hinaus.  Die  Gebegeschwindigkeit  beim  Blinken
ist  langsam  und  verschlechtert  sich  durch  Einbau  von
Zwischenstationen.  Die  Blinkverbindungen  haben
5.  durch  Überbrückung  der  Feuerräume  wertvolle

ienste  geleistet,  im  ganzen  aber  standen  vor  allem
in  der  letzten  Zeit  diese  Dienste  nicht  im  Verhältnis
zum  Personalaufwand.  Ein  Nachteil  war  die  Sichtbarkeit
  der  Stationen,  so  daß  der  Feind  die  Möglichkeit
  der  Feuerbekämpfung  hatte  und  die  allgemeinen
Zeichen  mitlesen  konnte.

Von  größerer  Bedeutung  wurde  die  Erdtelegraphie.
  Sie  schuf  die  Möglichkeit  verhältnismäßig  zuverlässiger
  Verbindungen  zwischen  den  wichtigsten
Befehlsstellen.  Vorzüge  sind  geringerer  Raumbedarf
und  größere  Zuverlässigkeit;  ein  Zusammenschluß
von  Erdtelegraphen=  und  Funkenstationen  zu  einem
Betriebsnetz  war  praktisches  Bedürfnis.  Große  Bedeutung
  hatte  die  übermittlung  besonderer,  festgelegter
kurzer  Signale  für  Sperrfeuer-,-Vernichtungsfeueroder
  später  „Feuerschutz  dicht  vor  der  Postenliniee
und  -Feuerschutz  vor  der  Hauptwiderstandslinie  Ie,
ferner  für  -Feind  bereitet  Angriff  vore,  „  Ga#angriff-,
  =  Tank  naht-,  -Feuer  vorverlegen,  Feuer
zurückverlegene.  Die  Signale  waren  von  allen  Nachrichtenmitteln
  sofort  zu  wiederholen.  Kennbuchstaben
gabrn  die  Bezeichnung  des  Abschnitts  innerhalb  des

ivisionsbereichs  an.

Besonders  zu  erwähnen  ist  die  Verwendung  der
Funkentelegraphie  als  Hilfsmittel  im  Zusammenwirken
  mit  Artillerieflieger  und  Artillerie.  Das  übliche
  Verfahren  war  dabei,  daß  der  Flieger  Schußanforderungen
  und  Korrekturen  durch  Funkspruch
an  die  Empfangsanlage  der  Artillerie  oder  die  Antenne
  der  Fliegerabteilung  auf  dem  Gefechtsfeld  gab;
die  megenzeichen  von  Land  erfolgten  meist  durch

Auslegen  von  Tüchern  in  verabredeten  Zeichen.  Daneben

  war  Funkenwechselverkehr  in  Gebrauch,  bei  dem
die  Gegenzeichen  ebenfalls  durch  Funkereigegeben  wurden.
  Vereinzelt  kam  Schußanforderung  mit  Leucht.-zeichen
  und  Korrektur  durch  Meldeabwurf  vor.  Jui
Zusammenarbeiten  von  Fliegern,  Artillerie-und  Nachrichtentruppe
  war  das  Fliegereinschießen  mit  Funkenkelegrapste
  bereits  ziemlich  vervollkommnet.  Auch
das  Einschießen  bei  Nacht  gegen  Ziele  weit  hinter  der
Front  ist  sowohl  mit  Pcktie  Funkenverkehr
wie  auch  bei  Geben  der  Landzeichen  durch  Leuchtzeichen
  Ceuchtsatzeuer)  gelungen.  —  Neben  dem
Einschießen  von  Batterien  hatte  der  Artillerieflieger
noch  den  Feind  und  seine  Artillerietätigkeit  zu  überwachen
  und  Feuer  der  überwachungsbatterien  ebenfalls
  durch  Funkspruch  anzufordern,  wobei  zur  Kennzeichnung
  der  Geländestellen  besondere  Kartennetze
mit  abgekürzten  Ortsbezeichnungen  dienten.  Der
Infanterieflieger  ##  hatte  die  Führung  üÜber  den
Vorgang  auf  dem  Kampffelde  zu  unterrichten,  insbes.
        <pb n="192" />
        168

bei  eigenem  oder  feindlichem  Angriff;  seine  Meldungen
  erfolgten  durch  Funkspruch  an  die  besonders  bezeichnete
  Isl-Antenne.  Die  Feststellung  der  vorderen
Linie  und  der  Befehlsstellen,  eine  der  Hauptaufgaben
des  Ifl,  wurde  ermöglicht  durch  Auslegen  von  Fliegertüchern
  und  rrfolgte  durch  Photographie  oder  Eintrag
in  Karte.  Für  die  Nacht  standen  Masnestumfackern
und  Leuchtsatzfeuer  zur  Verfügung.  Um  allen  Fliegern
  Erstattung  von  Meldungen  durch  Abwurf  bei  den
Stäben  zu  ermöglichen,  wurden  hier  Meldeabwurfstellen
  eingerichtet.  —  Die  Luftschutzoffiziere  verfügten
ebenfalls  über  eine  Funkenstation;  sie  gaben  ihre  Meldungen
  an  das  Armee-Oberkommando  und  an  die
Empfangsstationen  der  Jagdgruppen,  Schlachtgruppen
  und  Bombengeschwader.

Das  zur  Verbindung  zwischen  Erde  und  Flugzeug
oder  Ballon  häufig  vorgeschlagene  Blinken  von  der
Erde  diente  mit  Erfolg  nur  zur  Kennzeichnung  der
Lage  von  Befehlsstellen.  Die  französischen  Flieger
verwandten  verschiedentlich  zum  Geben  von  Zeichen
vom  Flugzeug  farbige  Karchwollen.  Auch  das  Maschinengewehr
  konnte  diesem  Zweck  dienen.  Für  den
Verkehr  vom  Ballon  aus  wurden  bei  den  Franzosen
Klappzylinder  beobachtet,  die  durch  Auf=  und  Zuklappen
  Morsezeichen  gaben.  Bei  der  Tankwaffe  besaß
  jede  Kompagnie  einen  besonderen  Signaltank  mit
Funkentelegraphie,  Brieftauben  und  farbigen  Scheiben;
  letztere  dienten  dem  Verkehr  der  Tauks  untereinander
  und  mit  der  Infanterie.

Aus  der  Möglichkeit  des  Mithörens  von  Funk=  und
Erdtelegraphensprüchen,  des  Abhorchens  von  Ferngesprächen,
  des  Mitlesens  anderer  Nachrichtenmittel
ist  der  Beobachtungsdienst  entstanden,  der  alle
Ergebniss  dieser  Art  in  besonderen  Auswertungsstellen
  auswertet.  Zur  Lösung  der  verschlüsselten
Sprüche  mußten  durch  scharfsinnige  Untersuchungen
die  Chiffriersysteme  der  Gegner  ermittelt  werden.  Um
die  Möglichkeit  des  feindlichen  Mithörens  zu  mindern,
  wurde  der  Verkehr  der  Erdtelegraphie-  und
Funkenstationen  aufs  Notwendigste  beschränkt;  beim
Geben  wurde  eine  möglichst  geringe  Energie  angewendet,
  was  gleichzeitig  die  gegenseitigen  Störungen
einschränkte.  Auch  wurde  der  Rufname  der  Funkenstationen
  täglich  gewechselt,  um  die  gegnerische  Beobachtung
  zu  erschweren.  Bei  bevorstehendem  Angriff
hinter  den  Fronttruppen  bereitstehende  Divisionen
dürfen  nicht  funkentelegraphisch  senden,  da  hierdurch
Tiefenstaffelung  und  Schwerpunkt  des  Angriffs  verraten
  werden  kann.  überhaupt  darf  keinerlei  Anderung
  des  erd-  und  funkentelegraphischen  Verkehrs
Rückschlüsse  auf  taktische  Absichten  zulassen.  Anderseits
  hat  man  durch  rein  funkentelegraphische  Maßnahmen
  den  Feind  in  großem  Umfange  getäuscht,
4  B.  bei  der  Offensive  gegen  Italien  1917  und  bei

er  roßen  Märzossensive  im  Westen  1918.

Die  Leucht-  und  Schallsignale  wurden  von
Posten  abgegeben,  die  G  ammenhängende  Ketten  bildeten.
  Die  akustischen  Signale  waren  in  zwei  Gruppen

eschieden;  die  eine  umfaßte  die  geschlagenen  Schallnstrumente
  (Gong,  Glocken  usw.),  nur  für  den  Gasalarm,
  die  zweite  alle  übrigen  Schalllignalmitel-  sie
diente  zur  Weitergabe  des  allgemeinen  Alarms,  insbes.
bei  Nebel,  der  die  Anwendung  optischer  Signale  einschränkte.
  Die  Schallsignale  waren  von  geringerer
Bedeutung  im  Vergleich  zu  den  Lichtsignalen,  die  das
sicherste  und  rascheste  Nachrichtenmittel  zur  Anforderung
  von  Sperr=  und  Vernichtungsfeuer  oder  später

von  „Feuerschutz  Vorfelde,-Feuerschutz  Hauptwider-II.

  Technik  und  Kriegführung

standslinie  I4  und  Feuerschutz  Hauptwiderstandslinie
  II.  darstellten.  Die  verschiedenen  Farben  wechselten
  unregelmäßig  ab.—  Die  Nachrichtengeschosse
wurden  nur  in  verhältnismäßig  beschränktem  Umfang
  verwendet,  im  vorderen  Kampfabschnitt  bes.  zur
Verbindung  zwischen  Kompagnien  und  Kamuftruppenkommandeuren.
  Mit  Brieftauben  wurden  nur
besonders  wichtige  Punkte  —  Beobachtungsstellen,
Kampftruppenkommandeure  —  reichlich  ausgestattet.
Erwähnt  seien  Versuche  mit  Einschießen  durch  Brieftauben
  im  abgekürzten  Schießverfahren  sowie  die
Mitnahme  von  Tauben  durch  Seeflieger,  die  sie  beim
erzwungenen  Niedergehen  auf  die  See  aufließen,  um
Hilfe  herbeizurusen.  Wie  erheblich  die  Zahl  der  verwendeten
  Brieftauben  war,  geht  daraus  hervor,  daß
allein  März,  April  und  Mai  1918  rund  34000  junge
Tauben  ins  Feld  gingen.

Der  Hund  diente  im  deutschen  Heere  lediglich  als
Meldehund  und  ausnahmsweise  als  Traghund  zur
überbringung  von  kleineren  Lasten  (Brieftauben,
Munition);  Ruee  Verwendung  als  Ziehhund  wurde
angesichts  des  großen  Pferdemangels  erwogen.  Der
Feind  verwendete  den  Hund  außerdem  noch  als
Postenbegleit=  und  Wachhund  sowie  als  Ungriffshund.
Die  Meldchunde  wurden  eingesetzt,  um  von  Kompagnien
  und  Beobachtungsstellen  zu  den  Kampftruppenkommandeuren
  und  von  diesen  zu  den  Regimentsgefechtsständen
  Nachrichten  und  insbes.  Skizzen  zu
übermitteln.  Wenn  sich  auch  die  Hunde  zum  Teil  sehr
gut  bewährt  haben,  so  ist  dieses  zurhlierü
wegen  des  Ausfalls  von  Hunden  durch  Verwundung
und  Schußscheu  doch  nicht  unbedingt  zuverlässig.  Der
Einsatz  in  vorderster  Linie  ist  wegen  des  überlaufens
nicht  zu  empfehlen.  Bis  zu  30  Meldegänge  wurden
in  einem  Tage  von  guten  Hunden  geleistet.  Der
Meldehund  soll  Läufer  im  vorderen  Feuerbereich  ersetzen
  und  dadurch  Menschenleben  ersparen.

Der  Augriff.  Für  den  Angriff  kommt  zunächst
der  vorausschauende  Entwurf  des  Fernsprechnetzes
in  Frage.  Sorgfältige  Ausbildung  der  Nachrichtentruppe
  muß  vorausgehen.  Ohne  Feitverns  müssen
die  rückwärtigen  Fernsprechverbände  nach  vorwärts
treben,  um  den  vorderen  Verbänden  die  Fernsprecheitungen

  abzunehmen  und  sie  für  weitere  Aufgaben

frei  zu  machen.  Besondere  Bedeutung  gewann  das
Zusammenarbeiten  mit  den  Funkenstationen,  insbes.
solange  die  Fernsprechleitungen  nochnicht  fertiggestellt
waren.  Die  Funkenstationen  waren  gewöhnlich  bei
einem  Infanterieregiment,  der  Brigade  oder  dem
Meldekopf,  die  häufig  örtlich  vereinigt  waren,  und
bei  der  Division  eingesetzt.  Nach  vorn  schlossen  sich
Erdtelegraphenstationen  an.  Für  das  Vorwärtsschreiten
  der  Funkenstationen  war  durch  gegenseitiges
überschlagen  eine  ständige  Verbindung  zu  sichern.

Die  Signalpatronen  dienten  hauptsächlich  zur
Kennzeichnung  der  erreichten  Linie  durch  die  vordere
Kampftruppe  und  zur  Anforderung  von  Feuerschuß.
Die  Brieftaube  wurde  mit  Erfolg-  angewendet;  d
Schwierigkeit  lag  darin,  daß  die  Schläge  nicht  nachgeschoben
  werden  konnten,  so  daß  sich  die  Entfernung
Hrischen  Abflugstelle  und  Schlagstand  vergrößerte.

auben  wurden  dann  mit  Kraftwagen  oder  auch  mit
Flieger  nach  vorne  gebracht.

Der  Hauptteil  der  Ausgaben  der  Nachrichtentruppen
  für  Angriff  und  Durchbruchsschlacht  lag  in  sorgfältiger
  Vorbereitung  des  geplanten  Nachrichtennetzes,
richtiger  Einteilung  der  Kräfte  und  ihrer  rechtzeiligen
Bereitstellung,  in  der  Vorsorge  für  Mensch,  Tier,
        <pb n="193" />
        Wittiber:  Die  deutsche  Feldpost

rät  und  Beförderungsmöglichkeiten.  Die  Schwierigkeiten
  lagen  ferner  weniger  in  der  Zeit  des  eigentlichen
  Borwärtsstürmens,  da  dann  die  feindliche
Gegenwirkung  gering  war;  die  Schwierigkeiten  und
Störungen  traten  hauptsächlich  auf,  wenn  der  Angrisf
  zum  Stehen  kam  oder  die  Fortführung  einer
neuen  Vorbereitung  bedurfte.  Insbes.  als  wir  im
Sommer  1918  aus  dem  Angriff  in  die  Verteidigung
gedrängt  wurden,  als  der  vordere  Abschnitt  ständig
unter  schwerem  Feuer  lag,  und  das  nach  rückwärts
führende  Nachrichtennetz  noch  nicht  ausgebaut  war,
hattedie  Nachrichtentruppe  Außerordentliches  zuleisten.

Der  Rückzug.  In  die  Zeit  der  größten  Anstren-#ng-
  der  Nachrichtentruppe  nach  dem  Übergang  zum

tellungskrieg  fielen  die  immer  wiederholten  Angrisse
des  Gegners.  Nun  kamen  die  riesigen  Anforderungen
der  Abwehrschlachten  und  des  Rückzuges.  Nur  noch
beschränkt  waren  die  Mittel  der  Nachrichtentruppe.
Ihr  Mannschaftsbestand  war  zusammengeschrumpft,
Ersatz  wenig  zu  bekommen,  Gerät  fehlte  in  weitgehendem
  Maße,  insbes.  Kabel,  und  immer  wieder
waren  neue  Nachrichtennetze  nach  hinten  weiter  zu
bauen,  damit  dem  Heer  der  Rückhalt  und  die  Ver-169



bindung  mit  der  Führung  gesichert  war.  Die  Zahl
der  Fernsprechleitungen  wurde  auf  ein  Mindestmaß
herabgesetzt;  die  meisten  Erdtelegraphenstationen
waren  in  den  Kämpfen  verlorengegangen,  insbels.
die  ausgebildeten  Mannschaften;  die  Funkenstationen
waren  schwach  besetzt.  Die  Brieftaubenschläge  mußten
  ständig  zurückgenommen  werden,  die  Lanben
waren  daher  nicht  mehr  eingeflogen.  An  Meldehunden
  waren  große  Verluste  eingetreten.  So  standen
  nur  wenige  Nachrichtenmittel  mehr  zur  Verfügung.
  Aber  trotz  alledem  erfüllie  die  Nachrichtentruppe
  bis  zum  letzten  bitteren  Ende  ihre  Pflicht  und
schaffte,  wenn  auch  nur  mehr  in  beschränktem  Umfange,
  die  für  das  Heer  und  seine  Verteidigung  erforderlichen
  Verbindungen.

In  allen  Abschnitten  des  Krieges  war  die  Nachrichtentruppe
  demt  deutschen  Heere  eine  treue  Gehilfin.
Sie  war  das  Bindeglied  der  Massen,  die  den  festen
Wall  der  Verteidigung  bildeten;  sie  schuf  die  Nervenstränge,
  die  den  Willen  des  Feldherrn  auf  das  Heer
übertrugen  und  das  angreifende  Heer  wie  einen  Pfeil
vorwärts  schnellten;  sie  bot  in  den  Tagen  der  Not
und  des  Rückzugs  treue  Hilfe,  zu  bergen,  was  zu
bergen  war.

Die  deutsche  Feldpost
von  Dr.  Wittiber  in  Berlin-Steglitz

Mit  der  Mobilmachung  des  Heeres  ist  auch  die  Feldpost
  in  Wirksamkeit  getreten.  Ihre  Aufgabe  ist,  den
amtlichen  und  privaten  Postverkehr  zwischen  Feldheer
und  Heimat  zu  besorgen.  Sie  ist  verhältnismäßig
jungen  Ursprungs.  Anfägt=  finden  sich  schon  im
Altertum  bei  den  Heldzügen  llexanders  d.  Gr.  (330
v.  Chr.).  Die  Anfänge  des  Feldpostwesens  der  Neuzeit
dürften  in  der  Mitte  des  17.  Jahrh.  zu  suchen  sein,  wo
bei  den  französischen,  am  Oberrhein  kämpfenden  Truppen
  an  bestimmten  Tagen  Soldatenbriefe  angenommen
  und  durch  benachbarte  französische  Postanstalten
weitergesandt  wurden.  Das  erste  preußische  Feldpostamt
  wurde  1716  im  vorpommerschen  Kriege  errichtet.
Den  Grund  zu  den  heutigen  Feldposteinrichtungen
legte  Friedrich  d.  Gr.  1813  hatte  jedes  preußische
Korps  ein  Feldpostamt  und  jede  Brigade,  der  heutigen
Division  entsprechend,  eine  Feldpostexpedition.  Im
deutsch-franz.  Kriege  waren  tätig:  ein  Feldoberpostamt,
  5  Armeepostämter,  15  Feldpostämter  für  die  einzelnen
  Armeekorps  mit  je  drei  Feldpostexpeditionen  für
sede  Infanterie-  und  Kavalleriedivision  sowie  für  die
Korpsartillerie  und  ferner  5  Etappenpostdirektionen.

Der  Aufbau  der  Feldpost,  der  sich  187071  bewährt
hat,  ist  im  Kriege  1914—18  beibehalten  worden.  Besonderheit
  und  Schwierigkeit  des  Feldpostbetriebes  erneben
  sich  daraus,  daß  die  meisten  Feldpostanstalten  mit

hrer  Truppe  herumziehen.  Die  angekommenen  Sendungen
  werden  von  den  Truppenteilen  abgeholt  und
verteilt.  Ein  richtiges  Bestellgeschäft  durch  Postbeamte
  besteht  nur  vereinzelt,  z.  B.  beim  Feldpostamt
des  Gr.  Hauptquartiers.  Auch  die  Soldatensendungen
nach  der  Heimat  werden  durch  die  Truppenteile  gesammelt
  und  der  Feldpost  zugeführt.  Feldpostanstalten
haben  das  Gr.  Hauptquartier,  die  Armee-Oberkom--mandos,
  die  Generalkommandos  und  die  Divisionsstäbe,
  dagegen  nicht  die  Brigaden,  Regimenter  usw.

Leiter  des  Feldpostwesens  auf  den  Kriegsschauplätzen

  ist  ein  Feld-Oberpostmeister,  der  auch  die  Feldpostanstalten

  überwacht.  Er  gehört  mit  den  beiden
Feld-Oberpostinspektoren  zum  Gr.  Hauptquartier.  Für
jede  Armee  hat  ein  Armee-Postdirektor,  dem  mehrere
Armee-Postinspektoren  für  den  Aussichtsdienst  zugeteilt
  sind,  die  Postverbindungen  der  Armee  mit  der
Heimat  herzustellen  und  zu  erhalten.  Zu  dem  Zwecke
vrrih  er  über  ein  Polt-Pferde=  und  Wagendepot.
Nach  Bedarf  erhält  er  Weisungen  vom  Chef  des  Generalstabs
  der  betr.  Armee;  im  Übrigen  steht  er  als
Etappenbehörde  zur  Verfügung  des  Etappeninspek.
teurs.  An  mobilen  Feldpostanstalten  gibt  es  im  Bereich
  einer  Armee  bei  jedem  Generalkommando  eines
Armeekorps  ein  Feldpostamt  (unter  einem  Feldpostmeister)
  und  eine  Feldpostexpedition  (unter  einem
Feld-Oberpostsekretär)  bei  dem  Armee  Oberkommando
und  bei  jedem  Divisionsstabe.  Das  übrige  Feldpostpersonal
  besteht  aus  Feldpostsekretären,  Feldpostschaffnern,
  Feldpostillonen  und  Trainsoldaten.  Solange
das  Heer  nicht  allzuweit  von  der  Grenze  entfernt  ist.
wirken  die  heimischen  Postanstalten  bei  der  Zuführung
mit.  Beim  Vormarsch  richten  die  Armee-Postdirektoren
  Feldpoststationen  (früher  Feldpostrelais)
an  den  Etappenstraßen  ein.  Zwischenglieder  zwischen
den  ortsfesten  Ausgangsanstalten  der  Heimat  und  den
beweglichen  Unstalten  bei  den  Feldtruppen,  öfter  auch
nur  Umschlagstellen  für  den  Beförderungsdienst.
Die  Feldpostanstalten  unterstehen  bezüglich  des
technischen  Dienstes  dem  Reichspostamt,  die  bayerischen
  und  württembergischen  auch  ihren  heimatlichen
obersten  Postbehörden.  Sonst  unterstehen  die  Feldpostexpeditionen
  im  Korpsbereich  dem  Feldpostamte
beim  Generalkommando,  die  Feldpostexpeditionen
außerhalb  eines  Korpsverbandes  dem  Armee-Post.-direktor
  und  das  Feldpostamt  des  Gr.  Hauptquartiers
dem  Feld-Oberpostmeister.  Als  Militärbehörden  sind
die  Feldpostanstalten  den  Truppenbefehlshabern  untergeordnet.

Einen  geregelten  Postengang  an  der  Front  einurichten
  und  aufrechtzuhallen,  ist  sehr  schwierig.
elbst  im  Stellungskriege  ist  das  nichtimmer  möglich.
weil  die  Etappenstraßen  mit  den  wichtigsten  Heeres.
        <pb n="194" />
        170

bedürfnissen  sehr  belastet  sind.  Den  Verkehr  nach  dem
Heere  vermitleln  in  der  Heimat  23  Postsammel.
stellen,  auf  die  alle  Orte  eines  bestinunten  Bezirks
ihre  Feldpostsendungen  für  die  mobilen  Truppen  leiten.
(Die  im  Inlande  verbleibenden  sog.  stabilen  Sendungen
  und  die  meisten  Feldpostsendungen  nach  den
besetzten  Gebieten  werden  mit  der  gewöhnlichen  Post
unmittelbar  versandt.)  Bei  den  Sammelstellen  wird
die  Nachrichtenpost  zunächst  von  den  Päckchen  geschieden,
  nach  Divisionen,  Regimentern,  Bataillonen,
Kolonnen,  Verwaltungsstellen  usw.  —  es  handelt  sich
dabei  um  17000  —18000  Einheiten  —  sortiert,  in
Briefbunde  zusammengefaßt  und  in  Säcken  oder  Bunden
  mit  der  Aufschrift  der  Feldpostanstalt  und  des
Leitpunktes  verpackt.  Von  den  Sammelstellen  geht
die  Feldpost  täglich  —  meist  in  mehreren  langen  Postzügen
  —  nach  den  einzelnen  Leitpunkten,  d.  s.  Postämter
  in  der  Nähe  der  Grenze,  von  wo  aus  sie  nach  der
Anweisung  der  Armee-Postdirektoren  weiter  ins  Feld
geleitet  wird.  Welchen  Feldpostanstalten  und  Leitpunkten
  die  einzelne  Post  zuzuführen  ist,  ersehen  die
Sammelstellen  aus  den  Feldpost-Üübersichten  und  aus
Verzeichnissen,  die  das  Reichspostamt  auf  Grund  der
Meldungen  der  Armee  -Postdirektoren  zusammenstellt.
Die  Zusammenfassung  des  Verkehrs  bei  den  Sammelstellen
  beschleunigt  die  Abfertigung;  auch  brauchen
die  Fenpontüberfichten  nur  wenigen  Dienststellen  zuzugehen,
  was  zur  Geheimhaltung  der  Truppenbewegungen
  sehr  erwünnscht  ist.

Die  Feldpost  —  ohne  Friedensformation  —  wurde
erst  mit  der  Mobilmachung  gebildet,  woraus  sich  bei
Kriegseintritt  Schwierigkeiten  ergaben.  Zwar
waren  die  Beamten  schon  im  Frieden  bezeichnet,  auch
standen  die  meisten  Ausrüstungsgegenstände  bereit;
die  Einrichtungen  reichten  jedoch  für  einen  so  gewaltigen
  Krieg  nicht  aus.  Namentlich  fehlte  es  anfangs
an  Lastkraftwagen,  was  die  Zuführung  der  Post  zum
Heere  sehr  erschwerte.  Der  Mangel  wurde  indes  schnell
beseitigt.  Herbst  1918  waren  rund  1200  Kraftwagen
vorhanden,  auch  Briefpostwagen  mit  Sortierfächern
für  die  Bearbeitung  der  Post  während  des  Marsches.
Verzögerungen  im  Feldpostverkehr  zu  Beginn  des
Krieges  sind  ferner  hauptsächlich  der  allgemeinen  Briefsperre
  für  alle  privaten  Sendungen  nach  der  Heimat
zuzuschreiben.  Die  Sperre  erstreckte  sich  zur  Verschleierung
  des  deutschen  Aufmarsches  gleichzeitig  auf  alle
mobilen  Truppen  und  war  anfänglich  in  der  Heimat
nicht  bekannt,  weshalb  der  Feldpost  die  Schuld  an  dem
Ausbleiben  der  Nachrichten  zugeschoben  wurde.  Briefsperren
  sind  im  Laufe  des  Krieges  häufig,  aber  stets
nur  für  Teile  des  Heeres,  angeordnet  worden.  Auf
den  Postbetrieb  wirkten  die  Sperren,  die  meist  mit
größeren,  geheimgehaltenen  Truppenverschiebungen
sulommenhingen,  sehr  nachteilig  ein,  weil  sich  im
Felde  und  bes.  bei  den  Sammelstellen  die  Massen
stauten.  Anfangs  waren  auch  unrichtige  Aufschriften
eine  Quelle  vieler  Unzuträglichkeiten;  die  Sammelstellen
  beanstandeten  täglich  bis  zu  35.000  Stück  solcher
Feldsendungen.  Besserung  trat  ein  durch  Vereinfachung
  der  Aufschriften  und  durch  die  Angabe  der
Feldpostnummer.

Die  Feldpost  ist  ihrer  Natur  nach,  soweit  sie  dem
privaten  Verkehr  der  Heeresangehörigen  dient,  hauptsächlich
  nur  für  den  einfachen  Nachrichten  verkehr
bestimmt.  In  Militärdienstangelegenheiten  werden
allerdings  auch  eingeschriebene  Hotge  und  Briefe  befördert;
  sonst  vermittelt  die  Feldpost  private  Briefe,
Postkarten  und  Geldsendungen  von  und  nach  dem

II.  Technik  und  Kriegführung

Heere  und  den  Bezug  von  Zeitungen  für  Heeresangehörige.
  Die  Zahl  der  Sendungen,  für  die  die
Pchwermultung  eine  Gewähr  übernimmt  und  die  im
Betriebe  einzeln  nachgewiesen  werden,  muß  mit  Rück
sicht  auf  die  schwierigen  Verhältnisse  möglichst  be
schränkt  bleiben.  Ebenso  kann  die  Feldpost  einen
Paketdienst  nicht  übernehmen.  Dies  wurde  im  Anfange
  des  Krieges  bei  Eintritt  der  kälteren  Jahreszeit
sehr  bedauert.  Deshalb  wurde  das  ursprüngliche
Meistgewicht  für  Briefe  (250  g)  auf  500  g  erhöht,
anfänglich  nur  für  einzelne  Wochen,  um  die  Beförderung
  der  Päckchen  bewältigen  zu  können.  Gleichzeitig
wurde  ein  Paketverkehr  nach  der  Front  in  der  Weise
eingerichtet,  daß  die  bei  den  Postanstalten  aufgelieferten
  Palete  militärischen  Paketsammelstellen  (Paketdepots)
  zug  sührt  wurden,  von  wo  aus  die  Heeresverwaltung
  sie  weiterbeförderte.

Gebühren  werden  für  militärische  Sendungen
nicht  erhoben;  für  die  privaten  wird,  soweit  sie  nicht
rein  gewerbliche  Angelegenheiten  der  Absender  oder
der  Empfänger  betreffen.  Portofreiheit  oder  Portoermäßigung
  Lewährt.  Die  Vergünstigungen  stehen
auch  den  im  Dienste  der  deutschen  Heeres=  oder  Zivilverwaltung
  in  den  besetzten  Gebieten  und  auf  den
Kriegsschauplätzen  tätigen  reichsdeutschen  Personen,
Unternehmungen,  Vereinen,  Anstalten  usw.  zu.

Der  in  diesem  Kriege  bewältigte  Verkehr  übertrifft
  an  Zahl  der  Sendungen  und  räumlicher  Ausdehnung
  der  Postkurse  alle  Leistungen  der  Feldpost
in  früheren  Kriegen.  1870/71  haben  die  Feldpost
anstalten  durchschnittlich  346000  Sendungen  täglich
und  rund  90  Millionen  im  ganzen  bearbeitet.  Diesc
Arbeit  wurde  jetzt  in  4—5  Tagen  getan.  An  Briefen,
Päckchen,  Postanweisungen  in  beiden  Richtungen  wurden
  von  Beginn  des  Krieges  bis  Ende  Dez.  1918  mehr
als  26  Milliarden  befördert;  davon  gingen  etwa  10,5
vom  Heere  nach  der  Heimat  und  etwa  15,5  Milliarden
in  umgekehrter  Richtung.  Die  tägliche  Post  nach  der
Front  bestand  aus  etwa  80000  Sack  im  Gewichte  von
fast  2  Mill.  kg.  Im  Reichspostgebiet  (ohne  Bayern
und  Württ.)  liefen  täglich  durchschnittlich  in  beiden
Richtungen  1915:  14,3—18,7,  1916:  18,“,  1917:  17,
und  1918:  19  Millionen  Sendungen,  dazu  etwa  4,2
Millionen  stabile  Feldpostsendungen,  im  ganzen  also
23,2  Millionen  Briefsendungen  täglich.  Damit  war
der  Verkehr  des  letzten  Friedensjahres  (etwa  17  Millionen)
  um  36,5  v.  H.  übertroffen.  Berücksichtigt  man
den  ganzen  Briefverkehr,  so  steigt  die  Mehrleistung
auf  69  v.  H.  Die  Zahl  der  Päckchensendungen  ist  von
(191  5  2,6  Millionen  auf  (l918)  1,9  Millionen  täglich

esunken.  Während  diese  früher  überwiegend  zum
geloheere  gingen,  stieg  in  der  letzten  Zeit  die  Zahl  der
Päckchen  nach  der  Heimat.  Feldpostanweisungen
wurden  bis  Ende  Juli  1917:  57  Millionen  mit  einem
Betrage  von  2457  Millionen  Mk.  bearbeitet,  Feldpakete
  bis  Ende  1917:  34,5  Millionen  Stück  befördert,
und  zwar  23,8  aus  dem  Reichspostgebiet  nach  dem
Heere  und  11.3  Mill.  in  ankommender  Richtung.  Die
Zahl  der  Arbeitskräfte  bei  den  Postsammelstellen  wuchs
von  rund  3000  sehr  schnell  auf  etwa  13000;  davon
waren  rund  90  v.  H.  Aushelfer.  Feldpostanstalten
waren  mehr  als  600  vorhanden.

Auch  der  Schnellnachrichtenverkehr  (Teleraph,

  Fernsprecher)  ist  dem  privaten  Bedürfnis  der
Heerezasgehörigen  in  beschränktem  Umfange  zur  Verfügung
  gestellt  worden.  Telegramme  konnten  sei  Jan-1915
  gewechselt  werden,  private  Ferngespräche  (vom
Feldheere  zur  Heimat)  waren  seit  Jan.  1918  zulässig.
        <pb n="195" />
        Blücher:  Schieß-  und  Sprengstoffe

Schließlich  seien  noch  die  Posteinrichtungen  in  den
besetzten  Gebieten  und  der  Kriegsgefangenenverkehr
  erwähnt.  Die  Post=  und  Telegraphenverwaltungen
  in  den  Generalgouvernements  Belgien  und
Warschau  und  im  Gebiete  des  Oberbefehlshabers  Ost.
die  die  früheren  Landespostbehörden  ersetzten,  dienten
dem  Postverkehr  der  deutschen  Dienststellen  und  der
Besatzungstruppen,  in  gewissen  Grenzen  auch  dem
der  Landesbewohner.  Der  innere  Verkehr  wurde  unter
Berücksichtigung  der  Gesetze  und  Vorschriften  der
früheren  Landesregierung  nach  Anordnung  des  Generalgouv
  neur  eldständig  geregelt;  im  zwischenstaatlichen
  Verkehr  galten  die  internationalen  Post=  und

elegraphenverträge  sowie  die  sonstigen  Abkommen.

Der  Kriegsgefangenenverkehr  wird  nach  besonderen
  Vereinbarungen  von  neutralen  Staaten  vermittelt,
  z.  B.  von  der  schweizerischen  Postverwaltung
mit  Frankreich,  Italien,  Serbien,  Griechenland;  von
der  niederländischen  mit  England,  Portugal,  Amerika,
  Japan,  China;  von  der  schwedischen  mit  Rußland
  und  Rumänien.  Zulässig  sind  offene  Briefe,

171

Briefe  mit  Wertangabe,  Postpakete  bis  ölg  und  Postanweisungen.
  Alle  Gefangenensendungen  werden
portofrei  befördert  (Haager  Landkriegsordnung,
Art.  16),  auch  von  den  vermittelnden  neutralen  Staaten.
  Der  Postverkehr  der  Kriegs-  und  der  bürgerlichen
  Gefangenen  in  Deutschland  umfaßte  1916
monatlich  durchschnittlich  16,5  Millionen  Sendungen
(9,8  ankommende  und  6,7  abgehende)  und  1917:
18  Mill.  Sendungen  (10,5  bzw.  7.5).

Fast  die  Hälfteder  männlichen  Postbeamten  war  zum
Heeresdienst  eingezogen;  ungeübte,  häufig  wechselnde
Aushilfen  traten  an  ihre  Stelle.  Wenn  es  trotzdem
gelang,  den  um  fast  70  v.  H.  gegen  den  Frirderostnen
gesteigerten  Berkehr,  der  sich  in  ganz  anderen  Bahnen

ewegte  und  auch  durch  die  Einschränkung  im  Zugverkehr
  usw.  sehr  stark  gehemmt  wurde,  im  allgemeinen
glatt  zu  bewältigen,  so  ist  das  ein  Beweis  dafür,  daß
jeder,  draußen  und  drinnen,  seine  Pflicht  bis  zum
äußersten  erfüllt  und  so  dazu  beigetragen  hat,  den

uten  Ruf  der  deutschen  Reichspost  und  der  deutschen
Feldpost  zu  erhalten.

Schieb-  und  Sprengftoffe
von  Ing.-Chemiker  H.  Blücher  in  Leipzig

Die  Einführung  des  Schießpulvers  bezeichnet  das
Ende  des  Mittelalters  —  das  zeigt  am  besten,  von  wie
einschneidender  Bedeutung  gerade  diese  Erfindung,
die  den  Krieg  in  seiner  neueren  Form  überhaupt  erst
ermöglichte,  gewesen  ist.

Spreng=  oder  Explosivstoffe  sind  entweder
einbn  zusammenges,  te  Verbindungen  oder  bloße
Gemische  mehrerer  borxer  die  durch  Erhitzung  oder
Erschütterung  zu  einer  plötzlichen  chemischen  Umsetzung
unter  starker  Entwicklung  von  Wärme  und  Verbrennungsgasen
  (Hebracht  werden  können.  Das  Wesentliche
  ist  dabei  der  schnelle  Verlauf  dieser  Umsetzung
und  das  hohe  Maß  freiwerdender  Arbeitskraft,  verkörpert
  durch  die  entstehenden  Gase  und  Dämpfe,
deren  Druck  noch  durch  die  gleichzeitig  erzeugte  hohe
Wärme  erhöht  wird.  So  entwickelt  1kg  Schießbaumwolle
  etwa  860  1  Explosionsgase,  wenn  man  diese
auf  normalen  Druck  und  eine  Temperatur  von  05
umrechnet,  gleichzeitig  aber  gewaltige  Wärmemengen,
so  daß  die  genannte  Sprengstoffmenge  eine  Arbeitsfähigkeit
  von  fast  625000  Meterkilogramm  ergibt.
Das  bedeutet  die  Leistung  einer  Maschine,  die  eine
Last  von  625000  kg  um  1m  zu  heben  hat.  Mehr
als  9000  Atmosphären  Druck  entstehen  bei  dieser
Explosion.  Das  sind  ungeheuerliche  Werte,  und  es
hat  langer  Arbeit  bedurft,  um  so  starke  Quellen  chemischer
  Energie  in  gewollter  Weise  nutzbar  zu  machen.

Die  Natur  bietet  keine  Explosivstoffe  fertig  dar,
wohl  aber  die  Einzelbestandteile,  aus  denen  sie  gemischt
  oder  hergestellt  werden  können.  Dabei  ist  die
bloße  mechanische  Mischung  natürlich  einfacher,  leichter
zu  finden  und  durchzuproben  als  die  chemische  Bindung;
  durch  bloße  Mischung  gebildete  Explosiostoffe
sind  auch  die  zuerst  erfundenen  gewesen.

Das  berühmte  griechische  Feuer  des  Altertums,
dessen  Zusammensetzung  noch  immer  ungewiß  ist,
war  kein  Sprengstoff,  sondern  nur  ein  Brandsatz.
Wahrscheinlich  war  es  ein  Gemisch  von  gebranntem
Kalk,  Schwefel,  Kohle,  Pech,  Harz,  Erdöl  und  insbes.
Salpeter  Leßterer,  der  sich  in  Form  salziger  Ausscheidungen
  vielfach  in  der  Natur  findet,  ist  die  Grundlage

  der  älteren  Explosivstoffe,  ja  mittelbar  aller  solcher
  Stoffe  überhaupt.  Infolge  des  gebrannten  Kalks
erhitzte  und  entzündete  sich  das  griechische  Feuer  bei
Berührung  mit  Wasser;  es  wurde  daher  zu  Angriffen
auf  Schiffe,  aber  auch  zu  Lande,  und  zwar  brennend
in  Form  von  Wurtgeschossen,  benutzt.

Seit  der  Verwendung  des  griechischen  Feuers  durch
die  Byzantiner  (um  670)  mehren  sich  die  Mitteilungen
über  Brandsätze,  die  augenscheinlich  Salpeter  enthielten.
  Dieser  wird  dann  auch  von  den  Chinesen
benutzt,  zuerst  zur  Belustigung  (Feuerwerk),  dann
auch  für  kriegerische  Brandsätze.  Aber  die  überlieferungen,
  daß  in  China  auch  eine  Art  Schießpulver,
also  ein  Geschoßtreibmittel,  gebraucht  worden  sei,  sind
sehr  unklar  und  werden  durchaus  angezweifelt.

Etwa  im  13.  Jahrh.  beschreibt  Marcus  Graecus
Zusammensetzungen  aus  Salpeter,  Kohle  und
Schwesel,  die  dem  Schießpulver  schon  nahestehen,
aber  nach  der  Beschreibung  auch  nur  als  Brandsätze
dienen  sollten.  Diese  wurden  freilich  nunmehr  schon
durch  die  Kraft  des  entzündeten  Gemisches  fortge
schleudert,  jedoch  nur  in  Form  einer  Rakete,  d.  h.  das
Gemisch  wurde  in  eine  Hülse  gebracht  und  diese  an
dem  einen,  nicht  ganz  geschlossenen  Ende  entzündet.
Die  Triebkraft  der  Verbrennungsprodukte  wird  also
verwendet,  aber  die  schnell  verlaufende  Explosion  unter
starker  Drucksteigerung  fehlt  noch  immer.

Anfang  des  14.  Jahrh.  wird  der  letzte  Schritt  getan:
man  ladet  den  Brennsatz  in  eine  Röhre  und  darllber
ein  Geschoß  —  das  Treibmittel  ist  erfunden,  wahrscheinlich
  von  den  Arabern.  Für  die  schnelle  Verbreitung
  zeugt,  daß  schon  1339  Kanonen  in  Frankreich  im
Gebrauch  sind.  Daß  in  Deutschland  ein  Mönch  Berthold
  Schwarz  Mitte  des  14.  Jahrh.  sich  um  die  Erfindung
  oder  Verbesserung  des  Schießpulvers  verdient
gemacht  hat,  wie  die  Sage  wissen  will,  ist  nicht  erwiesen.

Viele  Jahrhunderte  bildete  dieses  erste  Schießpulver
  in  kaum  geänderten  Mischungsverhältnissen
den  einzigen  Sprengstoff.  Erst  im  19.  Jahrh.  sind
andere  binzugekommen,  und  auch  als  Geschoßtreibmittel
  ist  dieses  ehrwürdige  Pulver  schließlich  von
anderen  Erzeugnissen  zurückgedrängt  worden,  die

rösere  Energie  entwickeln,  dafür  aber  weniger  Rauch.
mmerhin  wird  es  noch  viel  von  Jägern  benutzt,  und
        <pb n="196" />
        172

auch  für  manche  Sprengzwecke  bleibt  es  vorläufig
unersetzbar.  Man  bezeichnet  dieses  Schießpulver  als
Schwarzpulver  nach  seinem  Aussehen,  die  neueren
  Geschoßtreibmittel  dagegen  als  rauchlose  oder
rauchschwache  Pulover.

Nicht  jeder  Explosivstoff,  der  starke  Sprengwirkungen
  entfaltet.  kann  ohne  weiteres  als  Geschoßtreib.
mittel  dienen;  besonders  gilt  dies  nicht  mehr  für  die
neueren  Explosivstoffe  mit  ihren  Erwaltig  geskeigerten
Wirkungen.  Hier  hat  man  Schießstoffe  und
Sprengstoffe  zu  unterscheiden.  Jene  werden  als
Geschoßtreibmittel,  diese  zu  Sprengungen  benuftz.
Geht  die  chemische  Umsetzung  zu  schnell  und  unter  zu
starker  Drucksteigerung  vor  sich,  so  ist  der  Explosivstoff,
  den  man  dann  brisant  nennt,  als  Geschoßtreibmittel
  unbrauchbar:  die  Umsetzung  würde  schon  vollzogen
  sein,  bevor  das  Geschoß  Zeit  fände,  das  Nohr
zu  verlassen,  und  dieses  würde  zertrümmert  werden.
Deshalb  kann  man  nicht  mit  Dynamit  aus  einem
Gewehr  schießen.  Bei  den  eigentlichen  Sprengstoffen
macht  man  auch  wieder  Unterschiede  und  benutzt  z.  B.
zur  Beseitigung  des  Felsens  einer  Hafeneinfahrt  einen
Sprengstoff,  der  das  Gestein  in  möglichst  kleine  Teile
zertrümmert,  dagegen  für  die  Gewinnung  von  Sandsteinblöcken
  und  8  den  Abbau  von  Steinkohle  einen
Sprengstoff  mit  mehr  drückender  und  schiebender
Wirkung,  weil  hier  staubfeine  und  kleinbröckelige
Sprengstücke  möglichst  nicht  entstehen  sollen.

Schwarzpulver.

Das  gewöhnliche  Schießpulver  wird  im  Durchschnitt
aus  74—75  Teilen  Salpeter,  10  Teilen  Schwesel  und
16—15  Teilen  Kohle  gemischt.  Der  Salpeter  liefert
dabei  den  Sauerstoff  zur  Verbrennung  der  beiden
anderen  Bestandteile.  Die  Kohle  it  Holzkohle,  bei  den
besten  Sorten  aus  Faulbaumholz,  sonst  auch  von  Erle,
Pappel,  Weide  u.  a.  Naturschwefel  liefern  Amerika
(Louisiana)  und  Italten;  künstlich  gewinnt  man
Schwefel  aus  den  Reinigungsmassen  der  Gasanstalten,
aus  Rückständen  der  Sodafabrikation.  aus  Schwefelkies,
  neuerdings  auch  aus  Gips;  Deutschland  mußte
während  des  Krieges  seinen  ganzen  Schwefelbedarf
auf  solchen  Umwegen  decken.  Der  Salpeter  ist  Kalisalpeter
  (salpetersaures  Kalium),  wie  er  sich  an
manchen  Orten  als  Auswitterung  findet.  Doch  genügt
diese  Quelle  schon  seit  langem  nicht  mehr,  und  man
bedient  sich  deshalb  des  Konversionssalpeters,
d.  h.  eines  Kalisalpeters,  der  durch  chemische  Umsetzung
aus  Natron=  oder  Chilesalpeter  (salpelersaurem
Natrium)  hergestellt  wird.  Im  Kriege  fehlte  uns  auch
der  Übrigens  als  Düngemittel  viel  gebrauchte  Chilesalpeter,
  und  wir  hätten  schon  nach  wenigen  Monaten
keine  Schieß=  und  Sprengstosse  mehr  erzeugen  können,
wenn  wir  nicht  Luftsalpeter  in  gewalligem  Umfange
  hergestellt,  d.  h.  den  Stickstoff  der  Lust  nutzbar
gemacht  hatten  (über  die  Methoden  hierfür  s.  Bod.  I,
S.  297—299).

Diese  Bestandteile  werden  sehr  fein  gepulvert,  sorgfältig
  gemischt,  und  zwar  in  Ledertrommeln  mittels
Holzkugeln.  Man  erhält  so  gleichmäßig  Fraues
Mehlpulver,  wie  es  zu  Zündschnuren  und  in  der
Feuerwerkerei  verwendel  wird.  Schießpulver  erhält
man  aus  dem  Mehlpulver,  indem  man  es  unter  Anfeuchtung
  nochmals  vermahlt,  dann  in  hydraulischen
Pressen  verdichtet,  die  Preßkuchen  zerkleinert  und  nun
körnt.  Erst  durch  die  Körnung,  bei  der  man  verschiedene
  Nummern  unterscheidet,  erhält  das  Pulver
den  Charakter  eines  Schieß-  und  Sprengmittels.  Die

II.  Technik  und  Kriegführung

Pulverkörner  werden  poliert,  oft  unter  Zusatz  von
Graphit,  und  nochmals  getrocknet.

Für  Heereszwecke  wird  Schwarzpulver,  wile  schon
erwähnt,  kaum  noch  gebraucht.  Aber  mittelbar  diente
es  auch  jetzt  der  Kriegführung,  weil  es  in  den  Bergwerken
  noch  immer  seinen  Platz  behauptet,  wenn  auch
nicht  mehr  für  die  Gewinnung  aller  Bergprodukte.
Auch  für  die  Anlage  von  Tunnels  usw.  ist  es  noch
nicht  verdrängt.  Vielfach  wird  das  Schwarzpulver  für
solche  Sprengzwecke  zu  größeren  Würfeln  oder  Prismen
  zusammengepreßt  (prismatisches  Pulver).

Oft  hat  man  versucht,  schießpulverartige  Gemische
unmitteldar  mit  Chilesalpeter  herzustellen,  der  billiger
und  in  größeren  Mengen  verfügbar  ist.  Aber  das
salpetersaure  Natrium  zieht  viel  leichter  Feuchtigkeit
an  als  das  Kaliumsalz,  so  daß  sich  die  Mischungen  für
längere  Aufbewahrung  und  zu  Schießzwecken  nicht
eignen.  Wohl  aber  benutzt  man  ein  Gemisch  aus
etwa  75  Teilen  Nitronsalpeter,  10  Teilen  Schwefel
und  15  Teilen  Holzkohle  als  Sprengsalpeter  in
Bergwerken.  Nochbesser  ist  das  ähnliche  Petroklastit,
bei  dem  die  Holzkohle  durch  Steinkohlenpech  ersetzt  ist;
auch  enthält  es  1  Prozent  Kaliumbichromat,  und  von
den  74  Proz.  Salpeter  sind  69  Proz.  Natronsalpeler
und  5  Proz.  Kalisalpeter.

Schießbaumwolle.

Erst  gegen  die  Mitte  des  19.  Jahrh.  wurde  die
Alleinhserschaft  des  Schwarzpulvers  gebrochen,  und
war  durch  die  ces.  Nitrokörper,  die  man  durch
inwirkung  von  Salpetersäure  auf  verschiedene  organische
  Stoffe  erhält.  Da  Salpetersäure  aus  Salpeter
  hergestellt  wird.  ist  dieser  also  auch  hier  wic  beim
Schwarzpulver  unentbehrlich.

Im  Jahre  1846  erfand  Schönbein  in  Basel  und
unabhängig  von  ihm  Böttger  in  Frankfurt  a.  M.  die
Schießbaumwolle.  Man  gewinntsie  durch  Einwirkung
eines  Gemisches  von  Salpetersäure  und  Schwefelsäure
auf  gereinigte  und  entfettete  Baumwolle  (Watte).  In
dem  Säuregemisch  (Nitriersäure)  hat  die  Schwefelsäure
  das  bei  der  Umssetung  gLebildete  Wasser  an  sich

u  reißen,  also  eine  Verdünnung  zu  verhindern.

rüher  nitrierte  man  in  Töpfen,  jetzt  in  schnell  bewegten
  Schleudertrommeln  Kiteie  Grzentrifugen);
dabei  muß  eine  bestimmte  Temperatur  eingehalten
und  stärkerexrhitun  durch  Kühlen  verhindert  werden.
Nach  halbstündiger  Säurewirkung  wird  die  Baumwolle
  mit  Wasser  gewaschen  und  erscheint  dann  nach
dem  Trocknen  äußerlich  gegenüber  reiner  Watte  gar
nicht  verändert,  ist  dies  aber  chemisch  durchaus,  denn
wenn  man  ein  Flöckchen  Schiesbaumwolle  anzündet,
so  verbrenntsieblitzschnell  mit  heller  gelbroter  Flamme,
und  wenn  man  mit  dem  Hammer  darauf  schlägt,
verpusft  (detoniert)  sie  mit  scharfem  Knall.  Enthält
  Schießbaumwolle  auch  nur  winzige  Säurespuren,
so  neigt  sie  sehr  zur  Selbstentzündung;  man  begnügt
sich  daher  nicht  mit  einmaligem  Auswaschen,  sondern
kocht  sie  mit  Wasser,  zerkleinert  sie  in  einem  Papierholländer
  (Zerreißmaschine)  aufs  feinste,  wäscht  und
kocht  wieder,  um  sie  endlich  zu  trocknen.  Meist  wird
sie  für  die  Verwendung  als  Sprengmittel  zu  Scheiben
oder  Zylindern  gepreßt,  wobei  die  Preßkörper  oft  einen
Innenkanal  für  die  Aufnahme  der  Zündkapsel  erhalten.

  Durch  Eintauchen  in  ein  Lösungsmittel  (Essigäther)

  und  nachfolgendes  Trocknen  kann  man  die
Preßtkörper  oberflächlich  gelatinieren,  d.  h.  ihnen  eine
wasserdichte  Haut  geben.

Baumwolle  ist  sehr  reine  Holzfaser  (Zellulose),  und
        <pb n="197" />
        Blücher:  Schieß=  und  Sprengstoffe

die  Schießbaumwolle  bezeichnet  man  (chemisch  nicht
anz  richtig)  als  Nitrozellulose.  Nach  der  Zuammensetzung
  des  Säuregemisches,  nach  der  Länge
und  Temperatur  der  Nitrierung  bildensich  verschiedene
Nitrozellulosen.  Neben  der  eigentlichen  Schießbaumwolle
  kann  man  z.  B.  die  Kollodiumwolle  erzeugen,
  die  keine  so  starke  Sprengkraft  hät  und  sich  in
einem  Gemisch  von  Alkohol  und  Ather  auflöst;  die
Lösung,  Kollodium  genannt,  hinterläßt  beim
Trocknen  ein  elastisches  Häntchen  und  wird  in  der
Photographie  und  Chirurgie  benutzt  Auch  Kunstseide
und  Zelluloid  macht  man  daraus,  aber  auch  für  die
Sprengtechnik  hat  die  Kollodiumwolle  die  größte
Bedeutung  (s.  unten).

Gegenüber  dem  Schwarzpulver  entfaltet  Schießbaumwolle
  als  Explosivstoff  gewaltige  Kräfte.  Denn
hier  handelt  es  sich  um  wirkliche  chemische  Bindung,
nicht  um  ein  bloßes  Gemisch.  Dagegen  ließ  sich  die
Schießbaumwolle  nicht,  wie  man  gchofft  hatte,  als
Geschoßtreibmittel  verwenden,  denn  sie  explodiert  zu
heftig,  u.  die  Zersetzungsgeschwindigkeit  ist  so  groß,  daß
die  Rohrwandungen  der  Waffen  beschädigt  werden.
Um  so  größere  Bedeutung  gewapn  die  Schießbaum  ·
wolle  für  Sprengzwecke.  Sie  bildet  noch  jetzt  die  am
meisten  gebrauchte  Füllung  für  Torpedos  u  Seeminen,
und  fürc  Pioniersprengungen  steht  sie  in  hoher  Gunst.

Aus  diesem  Grunde  und  weil  die  Nitrozellulosen
für  die  Erzeugung  von  rauchlosem  Pulver  unentbehrlich
  sind,  bildete  in  diesem  Kriege  die  Blockade  für  die
Mittelmächte  eine  schwere  Gefahr,  wurde  doch  dadurch
fast  jede  Emfuhr  von  Baumwolle  unterbunden.  Es
ist  ader  den  deutschen  Chemikern  gelungen,  aus  Nadelholz
  eine  ebenso  reine  und  zarte  Zellulose  zu  machen,
wie  es  die  Baumwolle  ist,  und  bereits  seit  Mitte  1915
wurde  in  Deutschland  kein  Kilogramm  der  Baumwollvorräte
  mehr  durch  Nitrierung  zum  Explosivstoff
umgewandelt.  Man  konnte  also  die  noch  vorhandene
Baumwolle  für  häusliche,  lechnische  und  chirurgische
Zwecke  aufsparen.

Nitroglyzerin.

Das  Nitroglyzerin  oder  Sprengöl  wird  durch
Einlaufenlassen  von  reinem  Glyzerin  in  ein  Gemisch
von  Salpetersäure  und  Schwefelsaure  hergestellt.  Auch
hier  sind  Zusammensetzung  der  Mischsäure  sowie
Zeitdauer  u.  Temperatur  der  Nitrierung  wichlig.  Man
nitriert  unter  Kühlung  mit  Wasser  oder  Luft  und
läßt  dann  das  Gemiisch  ruhig  stehen,  wobei  das  Nitro-Klyzerin
  als  Ol  sich  oben  ansammelt  und  abgezogen
werden  kann;  mehrmaliges  Waschen  beschließt  den
Prozeß.  Das  Nitroglyzerin  —  auch  hier  ist  die  Bezeichnung
  als-Nitroe  körper  nicht  ganzrichtig  —  wurde
1846  in  Turin  enddeckt,  aber  erst  1863  von  dem
Schweden  Alfred  Nobel  für  Sprengzwecke  nutzbar
Hemacht.  Es  ist  ein  giftiges  Ol,  das  bei  Stoß  oder

chlag  leicht  explodiert  und  deshalb  gefährlich  zu
bandhaben  ist.  Besonders  drohen  Explosionen  beim

iederauftauen  von  gefrornem  Nitroglyzerin.  Deshalb
  zieht  man  neuerdings  für  manche  Zwecke  ein
schwächer  nilriertes  Produkt,  das  Dinitroglozerin,
vor,  das  nicht  so  leicht  gefriert,  auch  gegen  Stoß  und
Schlag  unempfindlicher  ist  als  das  eigentliche  Nitro-Ilyzerin
  (Trinitroglyzerin).

Die  furchtbaren  Sprengwirkungen  des  Nitroglyzerins
  ließen  sich  anfangs  kaum  nutzbar  machen.

vte  spielt  diese  Verbindung  die  größte  Rolle  in
Form  von  Dynamit  und  Sprenggelatine,  ferner  als
Bestandteil  vieler  rauchschwacher  Pulversorten.

173

Dynamit  und  Sprenggelatine.

Um  das  Nitroglyzerin  verfandfühig,  auch  in  der
Anwendung  weniger  gefährlich  zu  machen,  ließ  es
Nobel  von  einer  geeigneten  festen  Masse,  nämlich
Kieselgur  (Infusorienerde),  zu  einer  plastischen  Masse
aufsaugen,  nachdem  er  vorher  dafür  einfachen  Sandversucht
  hatte;  er  nannte  die  Masse  Dynamit.
Später  ging  er  noch  einen  Schritt  weiter  und  schuf
außer  dem  Gurdynamit  auch  Dynamite  mit  wirksamem
  Aufsaugungsstoff,  bei  denen  dieser  also  die
Sprengwirkung  unterstützt.  So  wurden  Salpeter,
Kohle  und  Holzmehl  zur  Aufsaugung  benutzt,  wichtiger
aber  war  der  Vorschlag,  Nitroglyzerin  mit  3—4  Proz.
Kollodiumwolle  zu  mischen.  Hierbei  gelatinierte  das
Nitroglyzerin,  und  das  zähe  Gelatineöl  hält  es  fest
gebunden.  Mit  Salpeter  und  Holzmehl  verknetet  ergibt
  es  die  Gelatinedynamite,  die  besonders
sprengkräftig  sind,  weil  sie  Nitroglyzerin  mit  Schießbaumwolle
  oder  mit  Kollodiumwolle  vereinigen.  Noch
gewaltiger  wirkt  die  von  Nobel  1875  erfundene
Sprenggelatine.  Sie  wird  durch  Auflösen  von
7—10  Proz.  Kollodiumwolle  in  93—90  Proz.  Nitroglyzerin
  erhalten;  Zumischpulver  finden  keine  Anwendung.


Rauchschwache  Pulver.

Explosivstoffe,  die  bei  der  Verpuffuny  keinen  festen
Rückstand  hinterlassen,  entwickeln  auch  keinen  Rauch,
was  für  Heereszwecke  wichtig  ist.  Da  aber  immer
noch  eine  Wasserdampfwolke  sichtbar  bleibt,  spricht
man  besser  von  rauchschwachem,  nicht  von  rauchlosem
  Pulver.  .

Von  den  vergeblichen  Versuchen,  Schießbaumwolle
als  Geschoßtreibmittel  einzuführen,  war  schon  die
Rede.  Troß  der  Mißerfolge  blieben  auf  diesem  Gebiete
immer  Forscher  tätig.  Endlich  gelang  es  1886  Vieille
in  Paris,  ein  solches  Geschoßtreibmittel  zu  schaffen.
indem  er  Schießbaumwolle  mittels  eines  Lösungsmittels
  vollständig  gelatinierte,  die  Masse  zu  dünnen
Platten  auswalzte  und  sie  in  Streifen  schnitt.

Die  heutigen  rauchschwachen  Pulver  teilt  man  in
Nitrozellulosepulver  und  Nitroglyzerinpulver
  ein.  Jene  stellt  man  noch  ähnlich  wie
Vieille  dar,  und  zwar  dient  als  Gelatinierungsmittel
für  hochnitrierte  Nitrozellulosen  (Schießbaumwolle)
Azeton,  für  niedrig  nitrierte  (Lollodiumwolle)  Ather-Alkohol;
  auch  Essigäther  findet  Verwendung.  Nach
der  Form  der  Pulverteilchen  unterscheidet  man  Blättchenpulver,
  Filit  (Fadenpulver)  u.  a.  m.

Die  Nitroglyzerinpulver  bssteben  aus  Nitroellulosen

  und  Nitroglyzerin,  entsprechen  also  der

Mobelschen  Sprenggelaline.  So  wird  Ballistit  aus
gleichen  Teilen  löslicher  Nitrozellulose  und  Nitroglyzerin
  hergestellt,  während  Kordit  65  Proz.  Schießbaumwolle,
  30  Proz.  Nitroglyzerin  und  5  Proz.  Vaseline
  enthält.  Nitroglyzerinpulver  sind  kräftiger  als
Nitrozellulosepulver,  greifen  aber  auch  die  Rohre
stärker  an;  jene  werden  daher  insbes.  für  schwere
Geschütze,  diese  für  Gewehre  und  leichte  Geschüctze  verwendet.


Andere  Pulversorten  müssen  hier  Übergangen
werden.  Für  alle  ist  von  größter  Wichtigkeit  khre  chemische
  Unveränderlichkeit,  d.  h.  die  Fähigleit,  lange
ohne  Zersetzung  zu  lagern.

Pilrinsäure  und  Trinitrotoluol.

Pikrinsäure,  chemisch  Trinitrophenol,  ist  als
gelder  Farbstoff  seit  1771  bekannt,  aber  erst  1873  als
        <pb n="198" />
        174

Sprengstoff  vorgeschlagen  und  1886  als  solcher  eingeführt
  worden.  Suesst  benutzte  man  ein  Gemisch
von  gepulverter  Pikrinsäure  mit  gelatinierter  Kollodiumwolle,
  später  reine  geschmolzene  Pikrinsäure,  die
Turpin  wegen  ihrer  gelben  Farbe  Melinit  nannte
und  zur  Füllung  von  Granaten  empfahl.  Man  stellt
sie  durch  Nitrieren  von  Phenol  (Karbolsäure),  jedoch
auf  einem  Umwege,  her.  Das  Umschmelzen  (bei  1230)
der  festen  (kristallisierten)  Säure  muß  sehr  vorsichtig
geschehen,  um  Explosionen  zu  vermeiden.

Pikrinsäure  gehört  zu  den  brisantesten  Sprengstoffen,
  d.  h.  zu  denen  mit  größter  Zersetzungsgeschwindigkeit.
  Brisante  Stoffe  sind  als  Geschoßtreibmittel
  unbrauchbar,  wirken  aber  um  so  stärker  zertrümmernd.
  Deshalb  wurde  geschmolzene  Pikrinsäure,
für  sich  oder  mit  anderen  Stoffen  gemischt,  bald  die
wichtigste  Füllung  für  die  wirksamsten  Sprenggranaten
(Brisanzgeschosse);  in  Deutschland  nannte  man
sie  Sprengmunition  88,  in  England  Lyddit,  in
Japan  Schimose,  in  Österreich  Ekrasit  (letzteres
jetzt  etwas  anders  zusammengeseßt).

Trinitrotoluol  steht  chemisch  der  Pikrinsäure
nahe,  ist  aber  in  der  Handhabung  ungefährlicher,  auch
haltbarer  und  weniger  giftig  (für  die  Herstellung
wichtig!).  Deshalb  hat  es  als  Granatenfüllung  die
Oberhand  gewonnen.  Die  Nitrierung  des  Toluols
gelingt  nicht  auf  einmal,  vielmehr  gelangt  man  zunächst
  zum  Dinitrotoluol,  das  dann  für  sich  mit
Salpeterschwefelsäure  weiter  behandelt  wird.  Für
Trinitrotoluol  gibt  es  sehr  verschiedene  Bezeichnungen,
so  Trotyl,  Trinol,  Trolite,  Trilite,  Triplastit.
  Das  Plastrotyl  enthält  noch  verschiedene  Beimengungen.


Soustige  Spreugstoffe.

Unter  den  sonstigen  Explosivstoffen  sind  die  Sicherheitssprengstoffe
  besonders  wichtig.  Man  benutzt
sie  im  Bergbau,  besonders  bei  Gewinnung  der  Kohle,
wo  oft  Grubengase  (Schlagwetter)  auftreten,  die,  mit
Luft  gemischt,  furchtbar  explodieren,  wenn  sie  durch
Licht,  Sprengschüsse  u.  a.  m.  entzündet  werden,  ja
feiner  Kohlenstaub  allein  kann  mit  Luft  ein  explodierbares
  Gemisch  bilden.  Als  wettersicher  bezeichnet
man  nun  Sprengstoffe,  die  keine  Schlagwetterexplosionen
  veranlassen,  was  von  verschiedenen  Umständen
  abhängt.  Zu  den  Sicherheitssprengstoffen
gehören  z.  B.  die  Wetterdynamite,  d.  h.  Gemische
von  Gurdynamiten  oder  Gelatinedynamiten  mit
Salzen,  die  viel  Kristallwasser  enthalten  oder  in  der
Hitze  Gase  entwickeln.  Als  solche  Salze  dienen  Kalisalpeter
  und  namentlich  Ammmonsalpeter  (salpetersaoures
  Ammoniak).  Einen  guten  Ruf  genießen  die
Karbonite:;  so  enthält  Kohlenkarbonit  25  Proz.
Nitroglyzerin,  34  Proz.  Kalisalpeter,  1  Proz.  Barytsalpeter
  und  40  Proz.  Mehl,  dagegen  Gelatinekarbonit
  41  Proz.  Ammonsalpeter,  7  Proz.  Gelatine
und  25  Proz.  Kochsalz  im  Gemisch  mit  Nitroglyzerin.
Die  im  Bergbau  viel  verwendeten  Ammonsalpetersprengstoffe
  bestehen  aus  Ammonsalpeter
und  koblenstosthalliger  Substanz  (Harz,  Mehl,  Fett),
mit  oder  ohne  Zusatz  von  etwa  4  Proz.  Nitroglyzerin.
Dazugehören  Ammonkarbonit  (82  Proz.  Ammonsalpeter,
  10  Proz.  Kalisalpeter,  4  Proz.  Mehl,  4  Proz.

elatiniertes  Nitroglyzerin),  Roburit,  Dahmenit,
Bestfalit.  Dorfit  u.  a.  m.,  sowie  die  Trinitrotoluol
  enthaltenden  Gemische  Donarit,  Astralit,
Fulmenit,  Aldorfit  u.  -a.
Eine  besondere  Klasse  bilden  die  Aluminium-II.

  Technik  und  Kriegführung

sprengstoffe,  die  metallisches  Aluminkum  im  Gemisch
  mit  Ammonsalpeter  enthalten;  dazu  gehören  die
Ammonale.  Ferner  seien  die  Chloratsprengstoffe
  erwähnt,  die  chlorsaure  oder  überchlorsaure
Salze  enthalten.  Dazu  gehört  z.  B.  Cheddit  aus
79  Proz.  Kaliumchlorat,  15  Proz.  Dinitrotoluol,
2  Proz.  Nitronaphthalin,  4  Proz.  Rizinusöl,  das  aber
keineswegs  als  Sicherheitssprengstoff  gelten  kann.
Eine  Sonderstellung  beansprucht  als  Sprengstoff
die  flüssige  Luft  im  Gemisch  mit  Holzkohlenpulver.
Wird  diese  Masse  (Oxyliaquit),  in  der  der  verflüssigte
Sauerstoff  der  Luftwirksamist,  durch  eine  Sprengkapsel
entzündet,  so  erfolgt  eine  sprengkräftige  Explosion.
Das  Verfahren  ist  namentlich  während  des  Krieges
für  den  Bergbau  sehr  wichtig  geworden.  Verbesserungen
  beziehen  sich  auf  den  Ersatz  der  gepulverten  Holzkohle
  durch  Petroleum  (in  Kieselgur)  u.  a.  m.  Neuere
Formen  von  Sprengpatronen  mit  flilisiger  Luftstellen
Kowastit  und  Marsit  dar.  Die  flüssige  Luft  wird
entweder  der  bereits  in  das  Gestein  eingesetzten  Patrone
  zugeführt  oder  unmittelbar  vorher  unter  starker
Kühlung  der  Patrone,  um  vorzeitige  Verdampfung
der  stussigen  Luft  zu  vermeiden.  Im  übrigen  besteht
ein  Vorzug  der  Luftsprengung  darin,  daß  unentzündet
ebliebene  Sprengschüsse  (Versager)  nicht  später  Un-*
  anrichten  können,  eben  weil  die  Patronen  durch
erstüchtigung  der  flüssigen  Lust  schnell  unwirksam
werden.

Zündsätze.

Die  Zündung  der  Explosivstoffe  kann  durch  Wärmezufuhr,
  Schlag  und  Stoß  geschehen.  Wärmezufuhr
erfolgt  bei  der  Funkenzünku#gg  und  der  Glühzündun
(durch  elektrisch  glühend  gemachten  Draht);  be
manchen  Sprengstoffen  ist  plötzliche  und  starke  Erhitzung
  zur  Explosion  nötig,  während  allmähliche
Wärmezufuhr  nur  zum  Abbrennen  führt.  Auch  bei
der  Schlag=  und  Stoßzündung  ist  wohl  die  plötzliche
Erwärmung  wirksam.  Den  Anstoß,  der  die  explosible
Zere  ung  des  Sprengstoffes  vewirkt,  nennt  man

nitialimpuls,  und  zur  Entzündung  der  meisten
Sprengstoffe  werden  heute  besondere  Initialsprengstoffe
  benutzt,  d.  h.  Zündsätze,  die  leicht  explodieren,

abei  sehr  brisant  sind  und  ihre  Explosion  durch
mechanische  Stoswirkung  auf  den  Hauptsprengstoff
übertragen.  Erst  durch  diese  indirekte  Zündung  ist
es  gelungen,  viele  Mischungen  und  Verbindungen  als
Sprengstoffe  nutzbar  zu  machen.

Man  verwendet  die  Zündsätze  oder  Detonatoren
in  Form  von  Zündhütchen  oder  größeren  Zündkapseln,
  einseitig  geschlossenen  Kupferhülsen,  die  eine
kleine  Menge  des  Detonators  enthalten.  Der  wichtigste
Initialzündsatz  ist  das  Knallquecksilber,  zu  deisen
Darstellung  man  eine  Lösung  von  Queckfilber  in
Salpetersäure  mit  Alkohol  behandelt.  Es  istein  weißes,
auf  Stoß  und  Schlag  ungemein  leicht  und  heftig  explodierendes
  Pulver,  das  übrigens  nicht  rein  zur
Füllung  der  Sprengkapseln  dient,  sondern  als  Knuallsatz,
  d.  h.  mit  chlorsaurem  Kalium  gemischt.  Auch
andere  Zusätze  werden  gemacht,  um  an  dem  teuren
Knallauecksilder  zu  sparen,  z.  B.  Trinitrotoluol.  Einen
Ersatz  des  Knallquecksilbers  bilden  die  sog.  Azide,
insbes.  Silberazid;  während  des  Krieges  wurden
sie  in  Deutschland  viel  verwendet,  da  an  Quecksilber
starker  Mangel  herrschte.

Die  kleinen  Zündhütchen  der  Gewehrgeschofse  werden
durch  Schlag  entzündet,  ebenso  die  Detonatoren  in
Geschossen  für  Geschltze.  Bei  Handgranaten  wird  die
        <pb n="199" />
        Haehner:  Arztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge

Zändung  durch  Ziehen  an  einem  Reißdraht,  also  durch
eibewirkung,  eingeleitet.  Große  Sprengkapseln  entzündet
  man  elektrisch  durch  überspringende  Funken
oder  glühend  gemachten  Draht,  oder  durch  eine  in  die
Sprengkapsel  eingeklemmte  Zündschnur.  In  jedem
Fall  ist  die  Menge  des  Initialzündsatzes  im  Verhältnis
zum  Hauptsprengstoff  nur  sehr  gering;  in  den  letzteren

175

wird  die  Sprengkapsel  so  eingelegt,  daß  der  Initialimpuls
  sicher  übertragen  wird.  Auf  diese  Weise  werden
Geschoßtreibmittel  ebenso  entzündet  wie  Granatfül.
lungen,  Seeminen  ebenso  wie  Patronen  für  Felssprengungen
  usw.  —  kurz  die  Einführung  der  Detonatoren
  1864  durch  Nobel  machte  den  Aufschwung
der  Sprengtechnik  erst  möglich.

Trzlliche  Kriegsbeschädigtenfürforge
von  Stabsarzt  Dr.  Haehner  in  Bonn

A.  Allgemeines.

Mit  der  Zahl  der  Opfer  des  Krieges,  mit  dem  Anwachsen
  der  Menge  der  Verwundeten,  die  nach  ihrer
Heilung  zum  weiteren  Heeresdienste  untauglich  waren,
wurde  auch  die  Frage  immer  brennender,  wie  denen
zu  helfen  sei,  die  bei  der  Verteidigung  des  Vaterlandes
ihre  Gesundheit  geopfert  und  damit  einen  Teil  ihrer
Arbeiksfähigkeit  eingebüßt  hatten.  Die  Unterbringung
in  Invalidenhäusern  oder  Entschädigung  mit  bescheidenen
  Geldmitteln  wie  früher  ging  jetzt  nicht  mehr
an.  Dazu  waren  erstlich  der  Opfer  zu  viele,  dann
aber  widersprach  es  auch  dem  sozialen  Geiste  der  Zeit,
eine  so  große  Fülle  von  Arbeitskraft,  wie  sie  selbst  in
den  B-Heauolten  noch  vorhanden  ist,  einfach  brach
liegenzulassen  und  nicht  wieder  nutzbar  zu  machen.
Schon  frühzeitig  bildete  sich  daher  eine  Organisation,
die  die  verschiedensten  Kräfte  zu  gemeinsamer  Arbeit
bei  der  Rückführung  der  Kriegsbeschädigten  in  das
wirtschaftliche  Leben  zusammenzufassen  suchte:  die
Kriegsbeschädigtenfürsorge.

Diese  Fürsorge  umfaßt  im  großen  zwei  Gruppen,
die  rein  ärztliche  und  die  wirtschastliche.  Die  ärztliche
geht  der  wirtschaftlichen  voran,  denn  die  Frage  der
wirtschaftlichen  Fürsorge  ist  zur  Kösungerst  reif  nach
der  Heilung  der  Wunden.  Neben  der  Wundbehandlung
  muß  aber  auch  schon  frühzeitig  die  ärztliche
Verufsberatung  einsehen.  Diewirtschaftliche  Fürsorge
  *  dann  diesen  Weg  weiter.  Sie  hilft  dem
28  chãdigten  durch  Beratung  und-  Vermittlung
bei  eiwa  notwendig  gewordenem  Berufswechsel  und
der  Wahl  einer  Arbeitsstelle.  Außerdem  bietet  sie  ihm
Gelegenheit  und  Mittel  zur  Fortbildung  in  seinem  alten
Berufe  oder  zur  Vorbildung  für  einen  neuen.  So
müssen  ärztliche  und  wirtschaftliche  Fürsorge  Hand  in
Hand  arbeiten  und  auch  zeitlich,  wenn  irgend  möglich,
nebeneinander  wirksam  sein.  Aufgabe  des  Arztes
allein  ist  es,  nach  der  Art  der  Verletzung,  nach  der
voraussichtlichen  Einschätzung  der  Arbeilsminderung
oder  gar  Arbeitsunfähigkeit  den  Beschädigten  zu  beraten,
  wobei  der  Arzt  bemüht  bleibt,  den  Verletzten
nach  Kräften  seinem  alten  Berufe  zuzulenken.

Ein  wichtiger  Faktor  hierbei  ist  die  Willensschulung
der  Kriegsbeschädigten;  von  ihr  hängt  zum  größten
Teile  der  Ersolg  der  Fürsorge  ab.  Nur  die  tatige
Mithilfe  des  Kriegsbeschädigten  gewöhnt  ihn  an  das
Ersatzglied;  sie  ist  enischeidend  für  die  Wiederaufnahme
  der  Arbeit  und  bes.  auch  für  die  gesundheitliche
  Wiederherstellung.  Dabei  ist  immer  wieder  zu
betonen,  daß  mit  Erhöhung  der  Arbeitsfähigkeit  nicht
die  Sorge  um  Herabminderung  der  staatlichen  Rente
sich  einzustellen  braucht.

Diese  Art  Fürsorge  betrifft  vornehmlich  die  äußerlich
  Verletzten.  Zwar  ist  schon  während  der  eigentlichen
  Wundheilung  stets  die  Aufmerksamkeit  darauf

·—

Frecctet-  nicht  nur  eine  glatte  Heilung  zu  erzielen.
ondern  von  vornherein  Schädigungen  vorzubengen.
die  durch  ungünstige  Narbenbildungen,  Versteifungen
der  ruhig  gesiealten  Gelenke,  Schwund  der  Muskulatur
infolge  einer  im  Interesse  der  Heilung  notwendigen
längeren  Ausschaltung  der  Bewegungen  eintreten.
Ost  aber  lassen  sich  diese  unwillkommenen  Folgezustände
  leider  nicht  vermeiden.  Derartige  Folgen  von
Verwundungen  werden  bes.  orthopädisch  bzw.  medikomechanisch
  nachbehandelt,  und  zwar  in  den  orthopäd.
Stationen  staatlicher,  kommunaler  und  privater  Heilanstalten.
  Hier  lernt  der  Kriegsbeschädigte  den  richtigen
  Gebrauch  von  seinem  Kunstglied.  In  Kurorten
und  Bädern  ist  für  weitere  Nachbehandlung  gesorgt.

Die  unblutigen  mechanischen  Behandlungsmethoden
  geschehen  durch  verschiedene  Verbände,  Apparate
und  die  sog.  funktionelle  Therapie.  Wichtige  Hilfsmittel
  dieser  modernen  unblutigen  Chirurgie  sind  vor
allem  die  verschiedenen  Arten  der  Mechanotherapie.
der  sog.  Heilgymmastik,  die  Massage,  Bäder  und
Elektrizität.  Mit  der  Mechanotherapie,  d.  h.  der  Beandlung

  von  Bewegungsstörungen  durch  mechanische

zw.  masehimelle  Bewegungsapparate,  muß  die  manuelle
  Bewegungstherapie  einsetzen,  denn  in  keinem
Falle  ist  das  feine  Gefühl  der  Hand  des  Behandeln
den  vollkommen  durch  die  Maschine  ersetzbar.  Die
Mechanotherapie  wird  hauptsächlich  ausgeübt  in  den
Zandersälen  oder  einstituten.  Hier  sind  Apparate
aufgestellt  teils  für  aktive  oder  passive  Bewegungen.
teils  für  andere  mechanische  Einwirkungen  oder  zu
rein  orthopädischen  Zwecken.  Der  Nachteil  der  Apparate
  für  passive  Bewegungen  liegt  darin,  daß  ihre
Kraft  nicht  immer  dem  einzelnen  Zweck  entsprechend
angewandt  werden  kann.  Kreilbunngen  kräftigen  die
Musleln  und  fördern  die  aktive  Beweglichkeit  der  Gelenke.
  Die  medikomechanische  Kur  muß  so  früh  wie
möglich  begonnen  werden,  denn  die  durch  Ersatzglieder
verursachten  Beschwerden  liegen  oft  nur  an  mangelnder
  Vorbereitung  und  Übung  des  Verletzten.  Von
großem  Werte  ist  die  Verbindung  von  Medikomechanik
mit  Heißluftbehandlung  und  Massage.

Eine  neuartige  Fürsorge  erfolgt  durch  die  Speziallazarette
  mit  Kriegsbeschädigten  -Schulen  und
Werkstätten,  die  den  Verletzten  wieder  arbeiten
lehren  und  Freude  an  der  Arbeit  gewinnen  lassen,
womit  zugleich  die  vielfach  niedergedrückte  Stimmung
des  Kranken  behoben  wird,  indem  er  erkennt,  daß  er
trotz  schwerster  Verwundung  noch  zu  tüchtiger  Arbeit
befähigt  ist.

Den  Schulen  fiel  im  ganzen  die  Aufgabe  zu,  die
allgemeine  und  therretische  Berufevildung  fortzus  etzen;
in  den  Werkstätten  trat  die  praktische  Durch=  und
Weiterbildung  in  den  Vordergrund.  Sie  lehrten  die
Verletzten,  die  verstümmelten  oder  künstlichen  Glieder
bei  der  Arbeit  gebrauchen,  sie  gaben  ihnen  die  Möglichkeit
  zur  Erlernung  eines  neuen  Berufes,  zugleich
die  durch  langes  Krankenlager  geminderten  Kräfte
stärkend.  Sie  verhüteten  oder  verringerten  wirksam
        <pb n="200" />
        176

etwaige  Schädigungen,  wie  Gelenkversteifungen  u.  ö.,
durch  regelmäßige  übungen.  Dauernde  ärztliche  Kontrolle
  bei  der  Arbeit,  ein  genauer  Stundenplan,  der
Sorge  trägt  für  die  notwendigen  Ruhepausen  und
Abwechslung,  ein  stufenweises  Vorgehen  von  leichter
uschwererer  Arbeit,  verhindern  eine  einseitige  oder  gar
schödliche  überanstrengung.  Dabei  konnte  sich  auch
der  Arzt  am  besten  überzeugen,  ob  der  Verletzte  mit
Erfolg  den  wirtschaftlichen  Kampf  in  seinem  Berufe
wieder  aufnehmen  kann,  oder  ob  nicht  ein  Berufswechsel
  anzuraten  ist.  Die  Angliederung  solcher  Lazarettschulen
  bzw.-werkstätten  an  große  Krankenhäuser
wird  angestrebt.

II.  Technik  und  Kriegführung

ausbilden  können,  wozu  relchliche  Geldmittel  aus  Stftungen
  zur  Verfügung  stehen.

Bei  all  diesen  Einrichtungen  ist  die  Mithilfe  des
Arztes  gesichert.  Das  Zusammenarbeiten  von  ärztlicher
  und  wirtschaftlicher  Fürsorge  und  Beratung
hat  sich  als  äußerst  glücklich  und  se  engreich  für  die
Kriegsbeschädigten  erwiesen.  Dadurch  und  durch  die
weitgehende  Unterstützung  von  seiten  der  privaten
und  arbeitgebenden  Kreise  konnte  erst  eine  derart  großzügige
  Fürsorge  ins  Leben  gerufen,  weiler  ausgebaut
und  wirtschaftlich  nutzbringend  gestaltet  werden.

B.  Annliche  Glieder.

Doch  nicht  nur  für  die  industriellen  Arbeiter,  sons  Schon  während  der  Wundbehandlung  Kriegsverdern

  auch  für  die  landwirtschaftlichen  ist  in  diesen
Speziallazaretten  durch  die  Anlage  größerer  landwirtschaftlicher
  Betriebe  gesorgt,  in  denen  außer  der  Ausübung
  der  sog.  Arbeitstherapie  vor  allem  auch  die  Erlernung
  des  Gebrauchs  der  künstlichen  Glieder  bei  den
landwirtschaftlichen  Verrichtungen  eine  Rolle  spielt.

Für  leichter  Verletzte  oder  Genesende,  die,  wenn
auch  nicht  alle  als  felddienstfähig,  so  doch  zu  irgendeiner
  militärischen  Verwendung  wieder  eingestellt
werden  konnten,  wurden  die  sog.  Genesungskompagnien
  geschaffen,  die  einzelnen  Ersatztruppenteilen
  angegliedert  waren.  Sie  stellten  ein  Sammelbecken
  dar  Kur  alle  aus  den  Lazaretten  entlassenen
Genesenden,  in  ihnen  wirkten  Arzt  und  militärische
Vorgesetzte  zusammen.  Auch  die  Genesungskompagnien
  dienten  der  Nachbehandlung.  hauptsächlich  ihrer
Aufgabe  gemäß  zur  Wiederherstellung  der  Dienstfähigkeit.
  In  ihnen  fanden  neben  den  äußerlich  Beschädigten
  auch  die  innerlich  krank  Gewesenen  Weiterbehandlung,
  für  die  dieselben  Heilmethoden  wie  für
die  Verwundeten  in  Betracht  kamen.  Und  ebenso  wie
es  für  diese  bestimmte  Speziallazarette  gab,  so  auch
für  die  innerlich  Kranken.  Lungenkranke  fanden
Aufnahme  in  den  zahlreichen  Lungeuheilstätten  nicht
nur  Deutschlands,  sondern  auch  des  Auslandes,  bes.
der  Schweiz;  Nierenkranke  erhielten  spezielle  diätetische
Behandlung  in  den  für  ihre  Krankheit  bes.  eingerichteten
  Lazaretten  oder  Abteilungen.  Die  Kriegsneurotiker,
  d.  h.  die  an  mehr  oder  weniger  schweren  nervösen
  Leiden  Erkrankten,  deren  Zahl  nicht  gering,  deren
Behandlung  oft  äußerst  langwierig  und  zuweilen
leider  erfolglos  ist,  kamen  in  bes.  Neurotikerstationen,
wo  sie  durch  psychische  Beeinflussung,  Oypnose  oder
elektrische  Therapie  behandelt  wurden.

Vor  recht  schwere  Aufgaben  sind  die  Heilstätten  gestellt,
  in  denen  die  durch  Kopfschuß  Beschädigten  Aufnahme
  finden.  Durch  die  Zerstörung  wichtiger  funktioneller
  Gehirnteile  treten  oft  die  schwersten  Schädigungen
  auf.  Da  heißt  es  durch  unermüdliche  Arbeit,
durch  genaueste  individuelle  Beschäftigung  des  Lehrers
mit  dem  Verletzten  zu  ermitteln,  was  noch  an  Gehirnfunktionen
  vorhanden,  was  wieder  zu  erwecken  ist,
womit  man  helfend  und  ausgleichend  eintreten  kann.
Vom  einfachsten  Inielligenzdefekt,  dem  Vergessen  von
Rechnen,  Schreiben,  Lesen,  der  einfachsten  Wortbildung,
  bis  zu  den  schwersten  psychischen  Defekten  sind
alle  Sibeungen  vorhanden.  Und  leider  scheitert  oft
die  größte  Mühe  des  Arztes  und  Lehrers  an  der  nicht
wieder  gutzumachenden  Schädigung  durch  die  Verwundung.
  Diese  Verletzten  gehören  zu  den  ärmsten
und  beklagenswertesten  Opfern  des  Krieges.  Neben
ihnen  sind  die  Kriegsblinden  insofern  noch  glücklicher,
als  sie  sich  in  den  besonderen  Blindenheilanstalten
durch  geeignete  Hilfsmittel  wieder  zu  einem  Berufe

letzter  werden  heute  zahlreiche  Verfahren  angewandt,
die  außzer  einer  glatten  auch  eine  möglichst  gedrauchsfähige
  Heilung  des  verleßten  Gliedes  erstreben.  Am
meisten  sind  unter  den  Verwundungen  die  Knochenzerschmetterungen
  gefürchtet;  diese  mit  ihren  oft  notwendigerweise
  verstümmelnden  chirurgischen  Einriffen,
  z.  B.  der  Absetzung  des  betreffenden  Gliedes,
Heellen  einen  Hauptteil  der  Kriegsverletzungen.  Hier
nun  gelingt  es  der  mit  der  Heilkunst  verbundenen
Technik  in  weitem  Umfang,  aus  scheinbar  ganz  oder
teilweise  arbeitsunfähigen  Verletzten  wieder  Arbeiter
jeglichen  Berufs  zu  schaffen,  die  sich  wirtschaftlich  auf
eigene  Füße  zu  stellen  vermögen.  Ermöglicht  werden
solche  Erfolge  durch  die  Forischritte,  die  der  Bau  der
Kunstglieder  (Prothesen)  insbes.  im  Kriege  erfahren
  hat.  Ersatz  verlorener  Glieder  ist  bis  in  das
früheste  Mittelalter,  ja  sogar  bis  in  das  Allertum
urück  bekannt.  Doch  waren  es  meist  einfache  Holzeine,
  Stelzfüße,  für  die  Ritter  auch  Eisenhände.
Bei  diesen  konnten  die  Finger  einzeln  gegen  die  Hand
ebeugt  werden  und  blleben  in  jeder  gewünschten
tellung  stehen,  ein  Druckknopf  ließ  die  Finger  wieder
in  Streckstellung  zurückspringen.  Eine  solche  Hand,
die  von  der  gesunden  regiert  wurde,  war  in  der  Lage,
schwere  Gegenstände  zu  heben  und  festzuhalten,  Schild
und  Zügel  zu  führen.  Die  berühmteste  derartige
Hand  ist  die  eiserne  Hand  Götz  von  Berlichingens.
Von  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  an  werden  auch
ärztlicherseits  bei  Gliedverlusten  Ersatzstücke  und  Behelfe
  empfohlen  und  beschrieben.  Aber  später  schritt
die  Entwicklung  im  Bau  von  Kunstgliedern  nur  langsam
  weiter;  einen  neuen,  äußerst  fördernden  Anstoß
erhielt  sie  mit  durch  die  vortrefflichen  Leistungen  des
Orthopäden  Friedrich  v.  Hessing  (geb.  1838,  gest  1918)
und  einen  gewaltigen  Aufschwung  dann  durch  den
jetzigen  Krieg.  In  Kliniken,  Lazaretten  und  den  diesen
angeschlossenen  und  anderen  Werkstätten  wurde  an
der  Verbesserung,  Vereinfachung  und  Verbilligung
der  Kunstglieder  gearbeitet.  Dadurch  wurde  erreicht,
daß  es  kaum  eine  noch  so  schwere  Verstümmelunggibt.
welche  den  Betroffenen  dauernd  und  vollständig  erwerbsunfähig
  macht.  Selbst  wer  beide  Füße  oder
Hände  verloren  hat,  kann  dazu  gebracht  werden,  daß
er  unabhängig  von  fremder  Hilfe  nicht  nur  die  Erfordernisse
  des  täglichen  Lebens  ausführt,  sondern
sich  auch  durch  eigene  Arbeit  sein  Brot  verdient.

Der  Gang  der  Anpassung  von  Prothesen  ist  verschieden,
  je  nachdem  es  sich  um  solche  der  unteren  oder
der  oberen  Gliedmaßen  handelt.  Die  Anmessung
eines  künstlichen  Beines  bedarf  längerer  Vorbereitung
auch  nach  vollständiger  Heilung  der  Wunde.  Die
dicken  Muskelmassen  des  Oberschenkels  verlieren  int
Laufe  der  *  beträchtlich  an  Umfang:  bevor  Stillstand
  im  Muslelschwund  eingetreten  ist,  läßt  sich  ein
        <pb n="201" />
        Haehner:  Ärztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge

Kunstbein  nicht  anfertigen,  denn  die  Hülse,  die  den
Amputationsstumpfumschließt,  würde  keinen  genügenden
  Halt  geben.  Dann  sinkt  der  Stumpf,  und  Druckschmerzen
  an  der  Stumpfnarbe  verleiden  dem  Verletzten
  das  Tragen  des  Kunstgliedes,  so  daß  der  Zweck,
ihn  wieder  arbeitsfähig  zu  machen,  vereitelt  wird.
Solange  muß  sich  also  der  Invalide  mit  Krücken,
gewöhnlichem,  leicht  wechselbarem  Stelzfuß  (Fig.  1)
oder  am  besten  mit  vorläufigen  Kunsttpliedern
  begnügen.  Dochist  diese  Zeit  nicht
verloren,  da  der  Verletzte  mit  diesen  vorläufigen
  Apparaten  bis  zur  Fertigstellung
seines  endgültigen  Kunstgliedes  gehen  lernt
und  arbeiten  kann.  Die  provisorische  Prothese
  besteht  in  einem  einfachen  Apparat  mit
gepolstertem  22  der  leicht  verkleinert
werden  kann,  feststellbarem  #iegelenl.  steifem
  Fußgelenk  und  beweglichem  Vorderfuß.
9“m  nach  der  Größe  des  Stumpfes  ist  das
unstglied  mehr  oder  weniger  schwierig  anzufertigen
  bzw.  sein  Gebrauch  zu  erlernen.  Je
kürzer  der  Stumpf,  um  so  größer  die  Anforderungen
  an  die  Gebreuchsfähhigseit  und  Vervollkommnung
  des  künstlichen  Gliedes.  Erschwerend
  bei  Oberschenkelamputationen  ist,
uSIu-  daß  für  die  Beweglichkeit  des  Kunstbeines
jfuß.“  das  natürliche  Kniegelenk  durch  ein  künstliches
  ersetzt  werden  muß.

Ist  ein  durch  Messungen  festgestellter  Stillstand  im
Muskelschwund  eingetreten,  so  wird  auf  den  Gipsabguß
  des  Stumpfes  eine  passende  Hülse  gearbeitet.
Der  untere  Beckenrand  (Sitzhöcker)  muß  auf  dem
oberen,  gut  gepolsterten  Prothesenrand  ruhen;  dadurch
wird  die  Schwere  des  Körpers  auf  diesen  Stützpunkt
verlegt  und  der  Stumpf  entlastet.  Zum  Festhalten
des  Kunstbeines  dient  ein  um  den  Leib  geführter  Gurt,
der  mittels  Scharniers  beweglich  mit  jenem  verbunden,
vielfach  noch  durch  ein  über  die  Schulter  geführtes
Band  weiter  befestigt  ist.  Die  äußere  Form  des  künstlichen

  Beines  G#.  entspricht  der
des  natürlichen.  Die  Bewegung  im
künstlichen  Kniegelenk  geschieht  durch
Schwingung  des  Unterschenkels,  häug
  unterstützt  durch  eine  am  Knietück
  und  Unterschenkelteil  befestigte
Gummigurtfeder,  deren  Spannung
gereelt  werden  kann.  Beim  Beugen
es  Unterschenkels  gleitet  der  Gurt
von  dem  Knieteil  seitlich  ab,  so  daß
die  Federung  beim  Sitzen  auseschaltet
  und  ein  Vorschnellen  des
ßes  verhindert  ist,  während  sie
beim  Strecken  wieder  in  die  alte  Lage
zurückgleitet.

Einfacher  gestaltet  sich,  schon  durch  Fortfall  des
schwierigen  künstlichen  Kniegelenks,  der  Ersatz  des
amputierten  Unterschenkels  bzw.  Fußes.  Die  seitlichen
Schienen  sind  bei  diesen  Stücken  an  einer  der  Form
der  Unterschenkelknorren  anmodellierten  Metallhülle
befestigt,  auf  deren  starke  Polsterung  sich  die  Unterschenkelknochen
  stützen.  Der  umpolsterte  Stumpfbleibt
unbelastet  und  wird  an  einem  breiten  Gummibandebei
jedem  Heben  deslinterschenkels  abgefangen.  Die  Tragebefestigung
  erfolgt  oberhalb  des  Kn  Pelente  durch
eine  gepolsterte  Lederhülle,  die  mit  den  Seitenschienen
des  Unterschenkels  verbunden  ist.  Der  künstliche  Fuß
steht  entweder  mit  dem  künstlichen  Unterschenkel  durch
ein  einfaches  Gelenk  in  Verbindung,  was  am  vorteil-Der

  Krieg  1914/19.  Ul.

2.  Kunstbein.

177

haftesten  ist,  oder  aber  es  sind  bei  einem  knöchelgelenkfreien
  Fuße  ein  oder  zwei  Sohlengelenke  angebracht,
um  ein  gutes  Abrollen  des  Fußes  zu  gewährleisten.
Die  Fußsohle  trägt  einen  Filzüberzug.

Wesentlich  schwieriger  ist  der  Ersatz  von  Arm  und
Hand.  Die  Anpassung  des  künstlichen  oberen  Gliedes
erfordert,  was  den  Heilverlauf  anbetrifft,  nicht  eine
derartige  Vorbereitung  wie  die  des  künstlichen  Beines.
Um  das  Abschwellen  des  Stumpfes  zu  befördern,
wird  dem  Amputierten  eine  Stumpfmanschette  angefertigt,
  die  allmählich  das  untere  Ende  des  Stumpfes
wulstartig  vordrängt.  über  der  Manschette  wird
dann  später  das  Gipsmodell  hergestellt.  Der  Wulst
am  Stumpfende  dient  dazu,  das  leichte  Herausgleiten
des  Stumpfes  aus  der  Prothese  zu  verhindern.  Eine
besondere  Abhärtung  des  unteren  Stumpfendes  ist
nicht  notwendig,  da  der  Kunstarm  den  Stumpf  selbst
nicht  58  Der  künstliche  Arm  und  vor  allem  die
künstliche  Hand  müssen  den  Verletzten  befähigen,  darin
den  Ersatz  des  nicht  nur  für  das  werktätige,  sondern
für  das  tägliche  Leben  schlechthin  unentbehrlichsten
Gliedes  seines  Körpers  zu  finden.

Der  künstliche  Arm,  wie  er  bisher  bestand,  verdeckte
nur  den  unschönen  Eindruck  des  fehlenden  Armes,
schloß  aber  wirklichen  Gebrauch  aus,  abgesehen  vom
Erfassen  und  Einklemmen  leichter  Gegenstände.  Die
großen  Schwierigkeiten  der  Schaffung  eines  wirkich
  gebrauchsfähigen  Kunstarmes  beweisen  die  zahlreichen
  Modelle,  an  deren  Vervollkommnung  noch
stetig  weiter  gearbeitet  wird.  Der  künstliche  Arm  muß
einfach  herzustellen,  dauerhaft,  leicht  auszubessern  sein,
vor  allem  aber  jeden  Kriegsbeschädigten,  auch  den.
weniger  geschickten,  zur  Arbeit  befähigen.  Die  un.
geheuren  Schwierigkeiten  dieser  Aufgabe  sind  noch
nicht  vollkommen  gelöst.  Ein  Einheitsarm,  zu
allen  Arbeiten  geeignet,  wird  sich  kaum  finden  lassen.
Daher  sucht  man  für  die  verschiedenen,  nach  großen
Gruppen  geordneten  Berufszweige  Spezialarme  zu
schaffen:  je  einen  für  Industriearbeiter,  für  landwirtschaftliche
  und  für  Kopfarbeiter.

Auch  beim  künstlichen  Arm  ist  zu  unterscheiden,  ob
es  sich  um  Unterarm=  und  Handersatz  allein,  oder  um
einen  solchen  des  ganzen  Armes  handelt.  Erschwerend
kommt  hinzu,  dat  nicht  nur  Beuge-  und  Streckbewegungen,
  sondern  auch  die  Drehbewegungen  des  Unterarmes
  durch  das  künstliche  Glied  ersetzt  werden  müssen.
Beim  Ersatz  des  ganzen  Armes  ist  die  Länge  des
Amputationsstumpfes  wichtig.  Während  beim  Beinersatz
  der  Stumpf  durch  das  Gewicht  des  Körpers  in
die  Prothese  hineingedrängt  und  dadurch  der  feste  Zusammenhan
  zischen  Körper  und  künstlichem  Glied

egeben  wird,  ist  es  beim  künstlichen  Arm  umgekehrt:

ie  Prothese  hängt  vom  Körper  ab;  es  muß  uß  durch
besondere  Vorrichtungen  dafür  gesorgt  werden,  daß
der  feste  Zusammenhang  gewahrt  wird,  und  zwar
auch  beim  Tragen  schwerer  Lasten.  Eine  starke  Befestigung
  an  der  Schulter  ist  für  jeden  Oberarmersatz
das  Haupterfordernis;  die  Art  dieser  Befestigung  bereitet
  nicht  geringe  Schwierigkeiten.  Ist  sie  lose,  so
schlüpft  ein  kurzer  Stumpf  leicht  aus  dem  Apparat
heraus,  und  der  künstliche  Arm  macht  den  Eindruck
eines  am  Körper  zwecklos  befestigten  Anhängsels.  Dabei
  darf  das  etwa  erhaltene  Schultergelenk  nicht  in
der  Beweglichkeit  gestört,  die  Hebung  des  Armes  über
die  Horizontale  hinaus  also  nicht  unmöglich  gemacht
werden.  Bei  der  Abnahme  des  Armes  im  Schultergelenk
  oder  bei  so  kurzem  Stunf,  daß  eine  Erhebung
des  Armes  nicht  möglich  ist,  wird  der  künstliche  Arm

12
        <pb n="202" />
        178

mittels  einer  genan  gearbeiteten  Schulterlederkappe
durch  Gurte  oder  ein  festes  Mieder  am  Oberkörper
besestigt  Bei  längerem  Stumpf  genülgt  die  Schnürung
  der  Oberarmhülle,  um  festen  Halt  zu  geben.
Der  ekest  ung  der  Prothese  am  Rumpf  durch  Gurte
bedienen  ¾6l  einzelne  Modelle,  z.  B.  der  vielgebrauchte
amerikanische  Carnesarm  dazu,  durch  in  die  Leder-5
  des  Ersatzgliedes  hineinlaufende  Schnüre  die

ewegungen  der  Schulter  und  des  Rumpfes  zu  Beu-Lungen
  und  Streckungen  des  Unterarms  bzw.  zur

chließung  und  Offnung  der  künstlichen  Hand  zu  benutzen.
  Die  erforderlichen  Rumpf-  und  Schulterbewegungen
  werden  nach  UÜbung  so  unauffällig  ausgefüurt.
  aß  die  körperliche  Schädigung  kaum  bemerkar

  ist  und  der  künstliche  fast  wie  ein  natürlicher  Arm  d

bewegt  wird.
Das  künstliche  Ellbogengelenk  ist  entweder  ein  einsaches
  feststellbares  Scharniergelenk  oder  ein  Kugelelenk.
  Letzteres  bietet  die  Möglichkeit,  durch  leichte
Hondgrifs=  dem  Arm  für  eine  bestimmte  Gebrauchsverwendung
  die  erforderliche  Stellung  und  Feststellung
der  Gelenke  zu  geben,  dagegen  den  Nachteil,  daß  es
auf  die  Dauer  eine  unverrückbare  Feststellung  nicht
P*vß  die  bei  gewissen  Arbeitsverrichtungen  unerläßi


Ist  das  Ellbogengelenk  erhalten,  handelt  es  sich  also
um  eine  einfache  Unterarm-Handprothese,  so  genügt
eine  gut  passende  Ledermanscheite  um  den
Oberarm,  um  der  ¶  Prothese  den  nötigen  Halt
zu  geben  (Fig.  3)  An  das  Ersatzstück.  das  als
1  E  Arbeitsprothese  direlt
«  an  das  Stumpfende  des

Armes  angeschlossen  sein
S  Ar  beitsarm  für  Unter-  kann,  werden  die  den  einarmamputierte.

  zelnen  Arbeitsverrichtungen
  entsprechenden  auswechselbaren
  Ansatzstücke  (Fig.  4)  angebracht:  Greifklauen,
  Klemmen,  Haken,  Quetschen  u.  dgl.
cher  Weise
lassen  sich
auch  Eßgeräte
  wie

Gabel  und  Messer  an  dem  Ersatzstück  befestigen.
Besonders  für  armamputierte  Landwirte  ist  von
einem  Landwirt  (Keller)  eine  Zind  nach  eigenen  Erfahrungen
  konstruiert.  Diese  Kunsthand  (Kellerder
  selbsttälig  durch  zwei  kräftige  Spiralfedern,  die  im
Handinnern  liegen,  geschlossen  wird.  Die  Finger  sind
ebeugt,  besonders  stark  der  kleine  Finger.  Durch  diese
Fingeranordnung  ist  die  Handhaltung  zwanglos  und

In  glei-4.
  Ansatzstücke.  „Q
Löffel,
hand)  ist  eine  Holzhand  mit  beweglichem  Daumen,

eignet  sich  gut  zum  Tragen.  Um  die  Fing
  widerstandsfähiger  zu  machen,  haben

ing-  und  Mittelfinger  nochmals  Holzeinlagen,
  der  kleine  und  der  Zeigefinger  je
eine  Stahldlecheinlage.

Außerhalb  der  Arbeit
  wird  vielfach  an
den  Arbeitsarm  eine
künstliche  Hand  zur  Verdeckung
  des  körperlichen
Schadens  angesetzt,  die
jedoch  auch  zu  einzelnen
Handgriffen  geeignet  ist.  Neben  dem  Arbeitsarm
wird  oft  ein  Schönheitsarm  gebraucht,  der,  leichter

5.  Arbeitsarm  als  Schdnheitsarm.


II.  Technik  und  Kriegführung

gearbeitet,  mit  fester  künstlicher  Hand  ausgestattet  ist
und  keine  Vorrichtung  für  Arbeitsansatzstücke  bietei.
Doch  wird  meist  der  Arbeitsarm  gleichzeitig  als  Schönheitsarm
  (Fig.  õ)  eingerichtet,  indem  man  eine  Stahloder
  Ledermanschette  anfügt.
Ein  ganz  anderes  Prinzip  der  Gebrauchsfähigkeit

eunstlicher  Glieder  nutzt  die  in  dem  Stunpf  zurückebliebenen

  Muskelkräfte  für  die  Bewegungen  einer
ünstlichen  Hand  aus.  In  eindeutiger  Forbr  wurde
dieser  Vorschlag  erstmalig  von  dem  Italiener  Vanghetti
  gemacht,  und  es  wurden  daraufhin  auch  Operationen
  mit  Erfolg  ausgeführt,  doch  konnte  sich  das
Verfahren  nicht  einbürgern.  Im  Jahre  1916  veröffentlichte
  Professor  Sauerbruch  seine  Methode,  mit
er  er  den  Beweis  erbrachte,  daß  die  Muskelkraft  des
Amputationsstumpfes  erfolgreich  für  dem  Willen  des
Prothesenträgers  unterworfene  Bewegungen  einer
künstlichen  Hand  herangezogen  werden  kann.
Sauerbruch  schafft  operativ  starke  Muske.
wülste,  die  er  durch  teilweise  Loslösung  der
Muskeln  vom  Knochen  frei  beweglich  macht.
Die  Muskelwülste  werden  durchbohrt,  der
Kanal  mit  Haut  umkleidet  und
dann  durch  den  Kanal  ein  Elfenbeinstift
  durchgezogen  (Fig.  6);  der
Stift  steht  durch  Schnüre,  die  in
den  Lederhüllen  der  Prothese  über
Rollen  gleiten,  mit  einer  künstlichen
  Hand  in  Verbindung.  Die
Schnüre  übertragen  so  jede  Bewegung
  der  Muskelwülste  auf  die  Finger.  Die  Hauptschwierigkeit
  liegt  in  der  Herstellung  einer  entsprechen
den  künstlichen  Hand  (Fig.7),  doch  ist  durch  dauernde
Weiterarbeit  ein  erheblicher  «
Fortschritt  gegenüber  demer-  "«·
sten  Modell  bereits  erzielt.
Zur  erfolgreichen  Betätigung
  der  Muskulatur  ist  eingehende
  übung  und  Kräftiang
  der  Wülste  erforderlich.

b  und  inwieweit  die  willkürlich
  bewegbare  Hand  die
anderen  Kunstglieder  zu  erbehen
  verma,,  ist  nochstrittig.
Ein  anderer  Vorschlag  versucht
  denselben  Erfolg  auf  unblutige  Weise  dadurch  zu
erreichen,  daßz  oberhalb  eines  durch  Vorbereitungen
gekräftigten  Wulstes  der  Oberarmmuskulatur  eine  einfache
  Manschette  angebracht  wird.  Durch  Zusammenziehung
  der  Muskeln  wird  die  Manschette  weiter  nach
oben  verschoben  und  übt  dadurch  einen  Zug  auf  die
mitihrin  Verbindung  stehenden  künstlichen  Finger  aus.
Vorläufig  behaupten  die  Üblichen,  nicht  durch  Muskelkraft
  bewegten  künstlichen  Glieder  noch  das  Feld.

Um  aus  den  zahlreichen  Erfindungen  auf  dem  Gebiete
  des  Baues  von  Kunstgliedern  das  Brauchbare
herauszuschälen  und  nutzbar  zu  machen.  hat  die
Heeresverwaltung  mit  dem  Verein  Deutscher  Ingenieure
  eine  besondere  Prüfstelle  für  Ersatzgliederin
  Charlottenburg  ins  Leben  gerufen.  Diese  Prüsstelle,
mit  allen  technischen  Mitteln  ausgestattet,  vereinigt
Arzte,  Ingenieure  und  Orthopädiemechaniker  zu  83
meinsamer  Arbeit.  So  ist  zu  erwarten,  daß  die  bis
jetzt  mit  großem  Gewinn  beschrittenen  Wege  weiter  verfolgt
  werden  zum  Heile  unserer  Kriegsbeschädigten,  zu
Nutz  und  Frommen  der  wirtschafrlichen  Wiedererstarlung
  unseres  Vaterlandes.

6.  Muskelwulst
mit  Elfenbeinstift

7.  Künstliche  Hand
für  Sauerbrucharm.
        <pb n="203" />
        Blücher:  Ersatzfaserstoffe

Ersatfaserstoffe
von  Ing.-Chemiker  O.  Blücher  in  Leipzig

Mit  in  der  ersten  Reihe  der  blühenden  Erzeugungstätigkeiten
  Deutschlands  steht  die  Faserstoffin  dustrie,
  beschäftigte  sie  doch  bei  Kriegsausbruch  im
ganzen  reichlich  1  Million  Arbeiter.  Aber  sie  stand
nicht  auf  sicherem,  gesundem  Grund,  denn  der  größte
Teil  der  Rohstoffe,  die  sie  jährlich  im  Wert  von  1/  bis
2  Milliarden  Mark  verbrauchte,  wurde  aus  dem  Auslande
  bezogen.  Hieran  war  zu  einem  großen  Teil
Deutschlands  Industrie  unschuldig,  denn  Baumwolle
wächst  nun  einmal  nicht  in  unsern  gemäßigten  Breiten,
muß  vielmehr  aus  Amerika,  Agypten  und  Indien
eingeführt  werden.  Ebensowenig  will,  allen  erneuten
Versuchen  zum  Trotz,  der  Maulbeerspinner  bier  gedeihen,
  um  uns  mit  Seide  zu  versorgen;  wir  sind  da
auf  Italien,  Japan  und  China  angewiesen.  Auch  die
eimische  Wolle  deckte  nur  zum  geringsten  Teil  unsern
edarf,  so  daß  der  größte  Teil  aus  Australien,  Amerika
und  Südafrika  bezogen  wurde.  Jute  führten  wir  aus
Indien,  Ramiefaser  aus  China  ein.  Immerhin  können
wir  uns  von  großer  Schuld  nicht  freisprechen,  denn
der  früher  blühende  Flachs=  und  Hanfbau  war  in
Deutschland  vor  dem  Kriege  bis  auf  kümmerliche  Reste
verschwunden,  und  wir  stellten  Leinwand  und  Hanfricke
  fast  nur  noch  aus  russischen  Rohstoffen  her.  Die
dustrie  hat  es  nicht  verstanden,  den  deutschen
andwirt  beim  Anbau  dieser  wichtigen  Nutzpflanzen
#  ermutigen,  zog  vielmehr  so  lange  die  bequeme
infuhr  fremden  Materials  vor,  bis  der  deutsche
Bauer  sich  andern  Erzeugnissen  zugewandt  hatte.  bis
ihm  der  Anbau  und  die  Verarbeitung  der  Faserstoffe
fremd  geworden  waren.  Freilich,  unsere  Zeit  war
über  die  Hausverarbeitung  mittels  Spinnrades  längst
hinausgewachsen,  aber  um  so  mehr  wäre  es  Pflicht
der  Industrie  gewesen,  dem  Landwirt  die  Rohfasern
günstigen  Bedingungen  abzunehmen.  Auch  daß

ie  deutsche  Schafzucht  immer  mehr  zurückging,  war
ein  Unglück,  wenn  auch  Deutschland  natürlich  nie
seinen  ganzen  Wollbedarf  selbst  hätte  erzeugen  können.

Bald  nach  Kriegsausbruch  stockte  jede  Einfuhr,  und
Deutschlands  Textilindustrie  war  auf  sich  allein  angwiesen-
  Zuerst  wurden  die  großen  Bestände  an

ohstoffen,  Halb=  und  Fertigerzeugnissen  beschlagnahmt
  und  nach  der  Wichtigkeit  des  Verbrauchs  verteilt;
  Hleichzeitig  vereinigten  sich  Wissenschaft  und
Techni  emeinsamen  Beratungen  und  Versuchen,
wie  der  Rohstoffnot  zu  steuern  sei.  Es  war  dies  nicht
nur  für  die  Dauer  des  Krieges  wichtig,  sondern  noch
mehr  für  die  Zeit  danach,  für  die  man  einen  schweren
Wirtschaftskampf  voraussah.

Die  Bestrebungen  bewegten  sich  nach  verschiedenen
Richtungen.  Einmal  mußten  wir  heimische  Rohstoffe,
die  bereits  eingeführt  und  bewährt  waren,  in  versürttem
  Maße  heranzlehen.  Es  wurde  also  der  Anau

  von  Flachs  und  Hanf  üÜberall  Vnterstägz  und

verbessert;  man  benutzte  dabei  Moor=  und  Odlandebiete,
  richtete  Lehrkurse  für  die  Anbauer  ein  und

chuf  große  Aufbereitungsanstalten,  wodurch  die  Verarbeitung
  der  Pflanzen  zur  Faser  auf  fabrikmäßige
Grundlage  gestellt  und  vervollkommnet  wurde.  Die
Erfolge  sind  ermutigend,  ist  doch  z.  B.  die  Anbaufläche
von  Hanf,  die  1914  nur  noch  30  ha  (in  ganz  Deutschland)
  betrug,  bis  1917  auf  rund  3000  ba  gewachsen.
Immerhin  bedeutet  das  nur  einen  kleinen  Anfang;  mit
Widerständen  und  Mißfällen  ist  zudem  zu  rechnen.
Gleichzeitig  bemühte  man  sich,  die  allerdings  schon

179

weit  ausgebildete  Verarbeitung  der  Faserstoffe  noch  zu
vervollkommnen,  um  der  gleichen  Rohstoffmenge  einen
größeren  Anteil  an  Nutzfaser  zu  entziehen.  Dennselbst
geringsügt  e  Verbesserungen  führen  bei  dem  großen

esamtverbrauch  schon  zu  wesentlichen  Ersparnissen.
Namentlich  wird  Altmaterial  (Lumpen,  Tauenden
usw.)  in  grattem  Umfange  wieder  mitverarbeitet,
und  selbst  beste  Kleiderstoffe  werden  heute  kaum  noch
ohne  Zusatz  von  Kunstwolle  hergestellt.

Alle  diese  Bestrebungen  konnten  aber  nur  geringe
Hilfe  bringen,  selbst  wenn  man  damit  rechnet,  daß
leider  unsere  Ausfuhr  an  fertigen  Faserstofferzeugnissen
  ins  Ausland  für  die  Zukunft  stark  erschwert
und  beschränkt  werden  wird.  Deshalb  bemühte  man
sich  um  so  eifriger,  neue  Rohstoffe  für  die  Textilindustrie
  zu  ersinden  oder  nutzbar  zu  machen.

Unter  den  Ersatz  faserstof  16n  gibt  es  natürliche
und  künstliche.  Nicht  in  allen  Fällen  handelt  es  sich
um  neue  Vorschläge,  vieles  war  schon  vor  dem  Kreg#
versucht  worden,  ja  manches  befand  sich  bereits
hoffnungsvollem  Aufstreben,  während  allerdings  das
meiste  wieder  verlassen  worden  war,  da  es  sich  im
Frieden  nicht  durchzuringen  vermochte,  sei  es  infolge
unvorteilhafter  Verfahren,  sei  es  gegenüber  dem  Wettbewerb
  der  billigen  ausländischen  Rohmaterialien.

über  400  Pflanzen  hatte  die  -Kriegskommission  zur
Gewinnung  neuer  Spinnfasern=  auf  ihre  Verwertbarkeit
  zu  untersuchen.  Die  Mehrzahl  erwies  sich  als
nicht  verwendbar.  Manche  erschienen,  wie  Eibisch  und
Malve,  Meerrettich  und  Hopfen,  Weidenröschen  und
Honigklee,  Distel  und  Kartoffelkraut,  nicht  von  vornherein
  aussichtslos,  wurden  aber  wieder  aufgegeben,
weil  sie  sich  nicht  bewährten  oder  weil  nicht  genug
Material  zu  beschaffen  war.  Etwas  bessere  Erfahrungen
  machte  man  mit  Lupinen,  noch  bessere  mit  der  bei

er  Schälung  der  Weiden  abfallenden  Rinde,  die  als
Juteersatz  zu  Garnen  und  Geweben  gut  geeignete  Fasern
  ergibt.  Aber  über  Versuche  ist  man  bis  jetzt  mit  der
Weidenrinde  nicht  hinausgekommen,  ebensowenig
mit  der  aus  Kiefernnadeln  hergestellten  Waldwolle.

Ginster.  Die  Ginsterfaser  wurde  schon  während
  der  Kontinentalsperre  erprobt;  jetzt  hat  man
sie  mit  ermutigendem  Erfolge  neu  versucht.  Ginster
läßt  sich  auf  Odland,  ja  selbst  auf  Bergeskuppen  anbauen;
  zur  Gewinnung  der  Fasern  wird  die  Pflanze
mit  Lauge  aufgelockert,  worauf  man  den  Faserbast
mit  Maschinen  herausklopft  und  reißt.  Die  dem
Flachs  ähnelnde  Faser  hat  man  mit  diesem  und  Hanf,
Baumwolle  und  Kunstwolle  zusammen  versponnen.
Wahrscheinlich  wird  der  Ginster  als  Spinnpflanze
noch  eine  größere  Rolle  spielen.

Nessel.  Was  man  bis  vor  kurzem  „Nesselgewebe
nannte,  waren  Baumwollerzeugnisse,  die  nur  im  Charakter
  den  Nesselfasern  berhangener  Zeiten  ähnelten.
Die  heimische  Brennessel  war  früher  zu  Stricken,
Netzen  und  Geweben  verarbeitet  worden,  doch  hatte
sie  sich  als  Faserpflanze  nicht  behauptet.  Daran  schuld
waren  die  lästigen,  das  Ernten  erschwerenden  Brennhaare,
  die  sehr  verschiedene  Pflanzenlänge  und  der
nach  Standort  und  Jahr  ungleichmäßige  Gehalt  an
Spinnfasern.  Jetzt  entzieht  man  der  Pflanze  durch
Behandeln  mit  ammoniakhaltigem  Wasser  und  ein
dem  Flachsrotten  ähnliches  Verfahren  bequem  die
Faser.  Am  L#hwierigsten  erscheint  noch  die  Rohstoffbeschaffung,
  da  das  Sammeln  der  wilden  Nessel  sehr
schwankende  Erträgnisse  von  recht  ungiei  gutem
Material  gibt.  Ein  regelrechter  Anbau  dagegen  läßt
sich  auf  allen  möglichen,  sonst  kaum  ausnuzbaren

12•
        <pb n="204" />
        180

Odflächen  ins  Auge  fassen.  Die  Nesselfaser  steht
der  Leinenfaser  nccher  als  der  Baumwolle  und  übertrifft
  diese  erheblich  an  Festigkeit  und  Schönheit.  Für
Wäsche  usw.  eignet  sie  sich  ausgezeichnet.  Mit  Wolle
zu  gleichen  Teilen  versponnen,  gibt  sie  ein  vorzügliches
weiches  Garn,  das  von  reinem  Schafwollgarn  kaum
zu  unterscheiden  ist  und  sich  auf  Kleiderstoffe  verspinnen,
  zu  Strlümpfen  verstricken  läßt  u.  a.  m.

Typha.  Eine  der  aussichtsreichsten  Ersatzfaserpflanzen
  ist  das  Rohrkolbenschilf  (Typha).  Nicht  der
federige  Inhalt  (Früchte)  der  Kolben,  wie  man  oft  annimmt,
  sondern  Stengel  u.  Blätter  dienen  der  Fasergewimnung
  wobei  ein  Aufschließungsprozeß  angewandt
  wird.  Die  Pflanze,  die  man  in  einer  breit=  und
einer  schmalblätterigen  Art  benutzt,  wird  bis  3  m  hoch
und  bedeckt  in  Seen  und  Flußmündungen  oft  weite
Strecken.  Auch  ist  der  Anbau  leicht  und  wird  bereits
im  großen  betrieben.  Die  sehr  feste  und  zähe  Typhafaser
  kann  bis  zu  2  m  Länge  gewonnen  werden,
gehört  also  zu  den  längsten  aller  Kasern,  sie  läßt  sich
rein  und  mit  Hanf  und  Flachs  zusammen  verspinnen,
und  zwar  bis  zu  hohen  Feinheitsgraden.  Neben
Stricken,  Decken,  Gurten  und  Filzen  hat  man  daraus
Kleiderstoffe  hergestellt,  deren  Färb-,  Wasch=  und
Haltbarkeit  sehr  befriedigt.  Alles  wird  von  den  Anbaumöglichkeiten
  abhängen.

Im  Gegensatz  zum  Rohrkolbenschilf  scheint  das
Schilfrohr  (Phragmites)  zur  Gewinnung  von  verspinnbaren
  Fasern  ungeeignet  zu  sein.

Torffaser.  Was  zum  Spinnen  als  -Torffasere
verwendet  wird,  sind  Bestandteile  der  Hochmoore,  und
zwar  die  vertorften  Blattreste  des  Scheidigen  Wollgrases
  (Eriophorum  vaginatum),  bie  im  Torf  strähnige
  Büschel  (Locken  «)  bilden;  sie  lassen  sich  am  besten
aus  den  jüngeren  Hochmoortorfen  gewinnen.  In  besonderen
  Aufbereitngzanstallenwirden  siemechanisch
—  trocken  oder  naß  —  von  den  anhaftenden  Torfteilchen
  befreit;  der  so  erhaltene  =  Halbstoff#  wird  ungebleicht
  zu  groben  Garnen,  Decken  u.  Seilen  verarbeitet.
Dagegen  wird  die  Torffaser  zur  Herstellung  feinerer
Garne  und  Gewebe  mit  Kunstwolle,  Baumwollabfällen
  oder  Juteresten  zusammen  verarbeitet;  so  erzeugt
  man  wollähnliche  Mischstosse  von  guter  Verwendbarkeit
  für  Arbeiterkleidung  u.  a.  m.  Bis  vor
kurzem  haiten  alle  Torffasererzeugnisse  eine  charakteristische
  braune  Farbe;  jetzt  ist  es  gelungen,  diese  Faser
—  allerdings  unter  gewisser  Verringerung  der  Festigkeit
  —  auch  zu  bleichen,  die  dann  weiter  beliebi

efärbt  werden  kann.  Die  anfangs  gerügte  starke
Slaubentwickelung  der  Torffasergewebe  ist  beseitigt.

Verwendbar  ist  nur  Torf  der  Hochmoore.  Verfügbar
  sind  schier  unbegrenzte  Mengen;  nur  bietet  die
Arbeiterrage  in  den  in  Betracht  kommenden  Gegenden
  große  Schwierigkeiten,  wodurch  auch  der  hot
Preis  der  Torffaser  bedingt  wird.

Straufa.  Die  Stranfa-Faser,  aus  Strohhergestellt,
soll  namentlich  Jute  ersetzen.  Am  besten  eignet  sich
Roggenlangstroh;  es  wird  zwischen  Walzen  zerquetscht
und  gespalten,  mit  alkalischer  Lauge  behandelt,  gespült
und  getrocknet.  Diese  Noh-Stranfa  wird  ähnlich  wie
Jute  einem  Erweichungsverfahren  unterworfen.
Allein  versponnen  gibt  die  Strohfaser  gröbere
Garne  für  Seilerwaren,  Säcke.  Packtücher  und  Matten;
mit  Hede  (Werg)  zusammen  verarbeitet  man  sie  zu
etwas  feineren  Garnen  für  Decken,  Planen  usw.  Mehrere
  Fabriken  für  Stranfagewinnung  sind  im  Bau.

Papiergarne.  Diese  stehen  nach  der  Produktionsmenge
  als  Kunststoff  obenan.  Verwendet  wird  ein

II.  Technik  und  Kriegführung

besonderes  Zellulosepapier,  dessen  Rohstoff  also  Holzellulose
  (Zellstoff)  ist.  Diese  gewinnt  man  aus  Ho
urch  Kochen  unter  Druck  entweder  mit  Natronlauge
(Natronverfahren)  oder  mit  Sulfitlauge,  einer  Lösung,
in  der  schweflige  Säure  wirksam  ist  (Sulfitverfahren).
Für-Spinnpapiere#ist  Aatronzellulos  eambesten,  doch
vermag  man  jetzt  auch  Sulfitzellulose  zu  benutzen.  Die
zu  einer  feinfaserigen  Masse  (Zeug)  zerkleinerte  Zellulose
  rührt  man  mit  Wasser  zu  einer  -Stoffmilche  an.
Gleichzeitig  wird  die  Masse  geleimt,  was  bei  fast  allen
Papieren  außer  Filtrierpapieren  nötig  ist  und  im  Frieden
  meist  mit  amerikanischem  Harz  gestahe  jetzt  mußten
  Teerleim,  Abfalleim  u.  Lohharz  als  Ersatz  dienen.
Das  Zeug  durchläuft  die  Papiermaschine,  wird
dabei  a  mährich  vom  Wasser  befreit  und  setzt  den
Faserbrei  auf  Sieben  als  Papier=  ab;  dieses  wird
auf  der  Maschine  gleich  getrocknet,  geglättet  und  zu
Rollen  aufgewickelt.  Die  breite  Papierbahn  in  Rollensorm
  wird  nun  mittels  besonderer  Maschinen  in
schmale,  endlose  Streifen  geschnitten,  die  den  Papierrollen
  der  Telegraphenapparate  gleichen.  Die  Breite
der  Streifenrollen  (2  Teller-)  richtet  sich  nach  der  gewünschten
  Garnstärke  und  geht  von  1½  bis  etwa
8  mm.  Zum  Verspinnen  der  Papierbänder  dienen
verschiedene  Maschinen,  insbes.  die  Tellerspinnmaschinen,
  aber  auch  Flügel=  und  Ringspinnmaschinen.
Es  handelt  sich  übrigens  nicht  um  wirkliches  Verspinnen,
  sondern  die  geschnittenen  Papierstreifen
werden  nur  spiralig  verdreht,  und  die  Papiergarne
tellen  ein  zusammengerolltes  Röhrchen  dar;  je  besser
ieses  verschlossen  und  je  gleichmäßiger  es  ist,  um  so
besser  auch  die  Garne  und  die  Erzeugnisse  daraus.
Man  verarbeitet  Papiergarne  auf  Bindfäden  und
Taue  und  verwebt  sie  auf  Erzeugnisse  der  verschiedensten
  Art  und  Feinheit:  *  *  und  Teppiche,
lanen  und  Fenstervorhänge,  reibriemen  und
leiderstoffe,  Mullbinden  und  Wäsche,  Matratzendrelle
und  Pferdedecken  usw.  usw.  werden  daraus  hergestellt.
Zuerst  waren  fast  alle  Urteile  der  Verbraucher  un.
günstig,  woran  unvollkommene  Arbeitsmethoden,  un-Feigunte
  Papiere,  unzweckmäßige  Weiterverarbeitung,
orurteil  und  Anfeindung  schuld  waren.  Der  größte
Mangel  besteht  in  der  Empfindlichkeit  gegen  Wasser;
dagegen  helfen  alle  versuchten  Tränkungen  nicht  so  gut
wie  eine  bestimmte  Art  und  Größe  des  =  Dralls  also
der  Verdrehung  des  Streifens,  um  daraus  in  sich  vollkommen
  abgeschlossene  Papierröllchen  #übilden-  Jetzt
gLur  es  Papiergewebe,  die  oftmaliges  Waschen,  selbst
ehandlung  mit  kochendem  Wasser  gut  vertragen.
Beim  Waschen  wird  auch  der  zweite  große  Fehler  sehr
verringert:  die  Starrheit  und  Härte  der  Papiergewebe.
Allerdings  bringt  ein  so  junger  Industriezweig  noch
sehr  ungleich  gute  Erzeugnisse  auf  den  Markt,  und
der  nach  langwierigen  Versuchen  zu  einem  guten  Verfahren
  gelangte  Großfabrikant  leidet  oft  genug  unter
dem  ungünstigen  Ruf,  den  die  schlechten  Gewebe  eines
andern  velschaldet  haben.  Selbstverständlich  sind
auch  viele  Mißgriffe  in  der  Verwendung  der  Papiergarne
  vorgekommen;  für  Taschentücher  dürften  sie  sich
nie  einführen,  dagegen  haben  sie  sich  namentlich  für
Teppiche,  Läufer  und  Wandbekleidungen  gut  bewährt.
Beachtung  verdienen  mehrere  Arten  von  Mischeweben,
  so  insbes.  Textilose  und  Textilit.  Zur
rzeugung  von  Textilose  wird  die  Papierbahn  mit
andern  Spinnfasern  (Lumpen,  Baumwolle=  und
Juteabfällen)  beklebt,  worauf  das  geschilderte  gerschneiden
  zu  Tellern  und  das  Verspinnen  erfolgt.  Aus
Textilosegarn  stellt  man  ausgezeichnet  brauchbare,
        <pb n="205" />
        Blücher:  Ersatzfaserstoffe

auch  gut  färbbare  Kleiderstoffe,  Wäschezeuge,  Gardinen
u.  a.  m.  her.  Textilit  unterscheidet  sich  von  Textilose
dadurch,  daß  hier  das  Papierband  mit  einem  andern
Faserstoff,  wie  Baumwolle,  Flachs  usw.,  zusammen
versponnen,  gewissermaßen  um  diesen  herumgewunden
wird.  Das  Erzeugnis  ähnelt  mehr  als  Textilose
reinem  Papiergewebe,  ist  aber  viel  fester  als  solches.
Bei  beiden  Mischerzeugnissen  werden  sonstige  Fasern
nicht  ganz  erspart,  nur  in  sehr  verningerter  Menge
verbraucht,  aber  schon  dies  hat  großen  Wert,  namentlich
  wenn  man  auch  die  Zusätze  aus  Ersatzfaserstoffen,
38  aus  Nessel,  Ginster  usw.,  zu  wählen  vermag.

ährend  des  Krieges  konnten  gerade  diese  guten  Erzeugnisse
  kaun  hergestellt  werden,  weil  die  Zusatzfasern
gespart  werden  mußten.

Zellstoffgarne.  Auch  diese  werden  aus  Zellstoff
(Holzzellulose)  gewonnen.  Aber  der  Umweg  über  die
trocknen  Papierbahnen,  die  dann  zerschnitten  werden,
wird  vermieden;  man  bildet  unmittelbar  auf  der  Papiermaschine
  getrennt  nebeneinanderliegende  schmale
Papierstreifen,  die  noch  feucht  als  Faserbändchen  mittels
  sog.  Nitschelwerke  zu  fadennudelartigen,  zylindrischen
  Fäden  zusammengedreht  werden.  Aus  diesem
»Vorgarn«  spinnt  man  sofort  weiter  die  Garne,  die
nun  erst  lufttrocken  werden.  Im  einzelnen  gibt  es
mehrere  Herstellungsverfahren;  die  eine  Fabrik  bezeichnet
  das  Erzeugnis  als  Zellulon,  eine  andere
als  Zellgarn.  Eigenschaften  übertreffen  die
der  Papiergarne  bedeutend.  Es  werden  Gewebe  aller
Art  und  Feinheit  hergestellt,  die  sich  auch  gut  färben.

Noch  bessere  Eigenschaften  zeigen  die  Zellstoff-Mischgarne,
  die  aus  sonstigen  Faserstoffen  (Baumwolle,
  Flachs,  Wolle)  direkt  mit  Zellstoff  zusammen
versponnen  werden.  Die  Weichheit  der  aus  solchen
Mischgarnen  gewebten  Zeuge  macht  fie  z.  B.  zu  Unterlleidung
  sehr  geeignet.  Sie  sollen  aber  bei  der  Verarbeitung
  viel  von  dem  zugesetzten  Zellstoff  verlieren;
läßt  sich  das  nicht  beseitigen,  so  könnten  sich  diese
Mischerzeugnisse  nicht  behaupten,  deren  Verwendung
ja  sowieso  nur  eine  Teilersparnis  bedeutet.

Stapelfaser.  Am  höchsten  unter  den  reinen
Kunstfaserstoffen  stehen  diejenigen,  bei  denen  man
keine  gegebene  Faserform  buß  sondern  solche  neu
schafft.  Beim  Papier=  u.  Zellsto  sarn  dienten  immer
noch  die  Zellulosefäserchen  zur  lldung  der  Spinnmasse.
  Ganz  anders  ist  es  bei  der  schon  lange  bekannten
  Kunstseidee:  sie  ist  keine  „Seidenmasse-,  sondern
durch  chemische  Mittel  in  Lösung  gebrachte  Zellulose.
Man  spritzt  diese  Lösung  durch  feine  Düsen  in  eine
Erhärtungsflüs  grei.  worin  die  austretenden  Teilchen
  zu  zarten  Fäden  erstarren  und  sofort  zu  mehreren
zusammen  versponnen  werden.  über  die  Verfahren
der  Kunstseidegewinnung  s.  Bd.  I.  S.  302.  Nicht  erwähnt
  ist  dort  die  in  letzter  gat  besonders  wichtig  gewordene
  und  jetzt  vornehmlich  hergestellte  sog.  Biskoseseide,
  bei  der  die  Lösung  der  Zellulose  durch
ein  Gemisch  von  Schwefelkohlenstoff  mit  Alkali  erfolgt.
Die  Kunstseide  hat  sich  längst  einen  geachteten  Platz
im  Wirtschaftsleben  errungen,  berägt  doch  die  Welterzeugung
  mehr  als  ½  der  Naturseide.  Deutschland
erzeugte  vor  dem  Kriege  jährlich  2500—30004#  Kunsteide
  für  Krawatten,  Blusenstoffe,  Bänder,  Seidenpitzen,
  Borten  u.  a.  m.

181

Kann  man  die  Kunstseide  nicht  gut  als  neuen  Ersatzfaserstoff
  befeichnen.  so  um  so  mehr  die  Stapelfaser
  (Zellulosegarn;  Glanzstoff).  Ihre  Erzeugung
beruht  auf  denselben  Grundsätzen  wie  die  der  Kunstseide,
  d.  h.  auch  hier  wird  Zellulose  gelöst  und  aus
Düsen  in  eine  Erhärtungsstüssigkeit  gespritzt.  Der
Unterschied  besteht  darin,  daß  die  Kunstseide  endlose
Fäden  bildet,  während  die  Fäden  der  Stapelfaser  in
Stücke  geschnitten  werden.  Wie  man  vom  Stapelder
  Wolle  und  Baumwolle  spricht,  worunter  die  Länge
der  einzelnen  Faser  verstanden  wird,  so  hat  man  es
also  bei  dem  neuen  Erzeugnis  mit  Fäden  bestimmter
Länge  zu  tun.  Man  geht  von  einer  ähnlichen  Zelluloselösung
  wie  bei  der  Viskoseseide  aus,  bedarf  aber
nicht  so  weitgehender  Reinigung.  Die  Lösung  wird
aus  zahlreichen  nebeneinanderstehenden  Düsen  gleicheitig

  in  die  Erhärtungsflüssigkeit  hineingepreßt;  die

Fäder  werden  in  parallelen  Schichten  auf  Spulen
ewickelt  und  dann  mehrfach  durchschnitten.  Die
erverarbeitung  gleicht  der  der  Wollspinnerei.

Die  Garne  und  Gewebe  aus  Stapelfaser  stehen  im
Charakter  zwischen  Seide  und  feiner  Wolle.  Sie
machen  einen  ausgezeichneten  Eindruck,  sind  gut  färbbar,
  dagegen  zunächst  noch  wenig  widerstandsfähig
beim  Waschen.  An  der  Beseitigung  dieses  Mangels,
den  man  übrigens  schon  wesentlich  verringert  hat,
wird  eifrig  gearbeitet.  Inzwischen  hilft  man  sich  durch
Herstellung  von  Stapelfaser-Mischgeweben.

Die  Stapelfaser  hat  überall  die  größte  Beachtung
gesunden,  was  sich  durch  das  ganz  hervorragende

ussehen  der  daraus  geschaffenen  Gewebe  ohne
weiteres  erklärt.  Immerhin  ist  es  übertrieben,  wenn
man  daraus  die  Hoffnung  schöpfte,  daß  die  Stapelfaser
  uns  für  immer  aus  der  Stoffknappheit  erretten
und  von  jeder  Einfuhr  an  Wolle,  vielleicht  sogar  auch
an  Baumwolle,  unabhängig  machen  könnte.  Derartige
  Hoffnungen  hat  man  646C  ar  schon  für  die  Zeit
des  Krieges  geäußert,  wo  der  Mangel  an  Chemikalien
jede  umfangreichere  Stapelfaser=  Erzeugung  verbot.
Aber  auch  nach  dem  Kriege  werden  wir  nie  so  große
Chemikalienmengen  verfügbar  machen  können,  um
mit  der  damit  hergestellten  Stapelfaser  unsern  ganzen
Bedarf  an  Auslandsfaserstoffen  auch  nur  entfernt  zu
decken;  denn  Deutschland  hat  1913  über  580000t
Baumwolle  und  fast  200000  t  Schafwolle  (Gesamtwert
  zusammen  über  1  Milliarde  Mark)  eingeführt,
von  andern  Faserstoffen  ganz  zu  schweigen.

Was  von  der  begrenzten  Herstellungsmöglichkeit
der  Chemilkalien  gesagt  ist,  gilt  aber  keineswegs  vom
Holz,  dem  Ausgangsstoff  aller  Papier=  und  Zellulosearne

  sowie  Kunstfäden.  Bisher  werden  für  alle  Eratzfaserstoffe
  zusammen  kaum  6  Proz.  des  gesamten
deutschen  Holzverbrauchs  verarbeitet,  und  selbst  wenn
diese  Menge  auf  das  Drei=  und  Vierfache  steigen  sollte,
wäre  das  nicht  bedenklich.  Der  Wert  des  Holzes  wird
durch  Verarbeitung  zu  Spinnfasern  um  das  15=  bis
25  fache=  gesteigert.  so  daß  schon  die  oben  genannten
6  Proz.  den  Rohwert  des  gesamten  deutschen  Holzverbrauches
  (etwa  35  Mill.  chm  jährl.)  erreichen.  Daher
  ist  es  z.  B.  gerechtfertigt,  wenn  man  im  Bauwesen
  Holz  immer  mehr  durch  Eisen  ersetzt.  Die  Befürchtungen
  aber,  daß  die  Entwicklung  der  Kunstfasersto
  nduPtrie  nur  durch  Raubbau  an  den  deutschen
Holzbeständen  möglich  sei,  sind  nicht  begründet.
        <pb n="206" />
        Tezikonteil

Vorbemerkung.  Der  sfolgende,  alphabetisch  geordnete  Lerikontell  ergängt  durch  kriegsgeschichtliche,  politüsche,  technische
u.  a.  Artikel  die  voraufgehenden  Aufsätze  des  Werkes  sachlich  und  zeitlich,  bringt  ferner  in  neuen  Beiträgen  alles  Wesentliche
über  den  Kriegksausgang,  bes.  auch  biographische  Notizen,  und  ermöglicht  durch  entsprechende  H#nweise  nunmehr  die  Benuzung  des
ganzen  Werkes  als  eines  lextkaltlschen  Nachschlagebuches,  was  für  die  früheren  Bände  nur  zum  Teil  burch  deren  Register
erreicht  werden  konnte;  soweit  diese  nicht  in  die  folzenden  lexikaltschen  Einzelartikel  verarbeitet  zu  werden  brauchten,  erfüllen  ste
als  ergänzende  Hinwelie  weiter  ihre  Ausgabe.  —  Verweisungen  ohne  Bandangabe  beziehen  sich  auf  den  vorliegenden  3.  Band.

A

Aa  (Kurländische  Aa).  Fluß  in  den  russ.  Gouv.
Kurland  und  Kowno.  Im  Gebiet  der  Aa  spielten  sich
Sommer  1915  und  Jan.  1917  hartnäckige  Kämpfe
ab;  vgl.  S.  65.

#.  A.,  Abkürzung  für  Auswärtiges  Amt.

Aalandsinseln,  s.  Mlandsinseln.

Abbas  II.,  Khedive  von  Agypten,  s.  Agypten.

Abblasen  von  Gas,  s.  Gaskampf.

AnC-Allianz.  Die  Vereinigten  Staaten  schlugen
am  15.  Febr.  1914  eine  internationale  Kommission
zur  Regelung  der  Streitigkeiten  zwischen  Argentinien,
Brasilien  und  Chile  vor  und  erklärten  sich  selbst  zur
Annahme  einer  Vermittlung  durch  diese  drei  Staaten
im  Streite  mit  Mexiko  bereit.  Die  ABC-Staaten  zogen
eine  eigne  Regelung  ihrer  Angelegenheiten  vor:  am
25.  Mai  1915  kam  ein  Schiedsgerichtsvertrag  zwischen
  ihnen  zustande,  der  die  Grundlage  eines  engeren
Zusammenschlusses  bilden  sollte.  Brasilien  erstrebte
jedoch  die  Vorherrschaft  im  lateinischen  Amerika.  Da
es  diese  aus  eigener  Kraft  nicht  erringen  konnte,  gab  es
der  panamerikanischen  Politik  der  Vereinigten  Staaten
nach  und  sank  zum  Trabanten  Wilsons  herab.  Es
brach  am  11.  April  1917  die  Beziehungen  zum  Deutschen
  Reiche  ab,  und  damit  war  die  A.  praktisch  gesprengt,
  da  Argentinien  und  Chile  dem  Beispiel  Braleng
  nicht  folgten.

Abdul  Hamid,  türk.  Sultan,  1876  durch  Verschwörung
  auf  den  Thron  gekommen,  27.  April  1909
entthront  und  gefangengesetzt,  starb  10.  Febr.  1918.

Aberglaube.  Zustände  der  Gefahr  und  der
Wunsch,  den  unberechenbaren  Zufällen  des  Krieges
nicht  schutzlos  preisgegeben  zu  sein,  sind  dem  Hang
zum  Aberglauben  in  besonderem  Maße  günstig.  Von
jeher  waren  daher  Hepsleute  ebenso  wie  Seeleute
abergläubisch.  Im  Weltkriege  waren  vielfach  noch
Himmelsbriefe  und  andere  Amulette  verbreitet,  besonders
  aber  der  Glaube  an  Prophezeiungen  über
den  Verlauf  des  Krieges  und  über  den  Friedensschluß.
Okkultistische  und  spiritistische  Zeitschriften  und  Broschüren
  brachten  in  wissenschaftlicher  Aufmachung
astrologische,  kabbalistische,  spiritistische  und  sonstige
Prophezeiungen,  die  durch  den  tatsächlichen  Verlauf
der  Ereignisse  ad  absurdum  geführt  sind.  Daneben
entwickelten  sich  volkslümliche  Prophezeiungen,  die,
auf  uralten  Volksglauben  zurückgehend,  in  verschiedenen

  Abänderungen  meist  darauf  hinausliefen,  daß
der  ersehnte  Friede  nicht  mehr  allzu  fern  sei.  S.  auch
Bd.  I.  S.  323.  Vgl.  Hellwig,  Weltkrieg  und  A.
Leiwz  1919  Zurbon  euzedie  Prophegeiun  en  zum
Weltkrieg  1914—1915  (Köln  1915);  Stübe,  Der
Himmelsbrief  (Tüb.  1918).

Abessinien.  Anfang  Oktober  1916  wurde  durch
einen  von  den  Berbandsmächten  angezettelten  Staatsstreich
  der  christlichen  Großen  unter  dem  Oberbischof
Abuna  Matthäos  der  junge  Kaiser  Lidsch  Jeassu  abgesetzt
  und  in  Magdala  in  Schoa  eingeschlossen.  Dessen
Vater,  Ras  Milael.  marschierte  zur  Verteidigung  seiner
Rechte  auf  Adis  Abeba.  besetzte  Ankober  und  beträchtliche
  Landstriche,  fiel  jedoch  am  27.  Okt.  Am  6.  Sept.
1917  unterlag  Lidsch  Jeassus  Armee  bei  Dessie.  Die
neue  Kaiserin  Woisero  Zuditä,  Lidsch  Jeassus  Mutter
und  Meneliks  Tochter,  wurde  am  11.  Febr.  1917  gekrönt.
  Als  Thronfolger  wurde  Dedschaswatsch  Taffaris,
  der  Sohn  des  Ras  Makonnen,  bestimmt.  Meneliks
  Velter,  der  Ras  Wolde  Georgis  von  Gondar,
Amhara  und  Semien,  wurde  am  14.  März  1917
König  von  Athiopien.  Vgl.  G.  K.  Rein,  Abessinien.
Bd.  1  (Berl.  1918).

Abkehrschein,  s.  Bd.  II,  S.  401.

Ablaincourt,  Dorf  im  franz.  Depart.  Somme,
Okt.  bis  Dez.  1916  heftig  umlämpft.

„Aboukir-,  britischer  Panzerkreuzer,  12190  t,
wurde  von  „U  9.  versenkt;  vgl.  Bd.  I.  S.  255.

Abrüstung,  1)  Verringerung  des  stehenden  Heeres
auf  die  zur  Grenzverteidigung  und  Aufrechterhaltung
der  Ordnung  im  Innern  unbedingt  erforderlichen
Streitkräfte;  vgl.  S.  142f.  —  2)  Übergang  aus  dem
Kriegs-  in  den  Friedenszustand,  s.  Demobilmachung.

Abruzzen,  Herzog  der,  Ludwig,  Prinz  von
Savoyen,  geb.  29.  Jan.  1873  in  Madrid,  zweiter
Sohn  des  damaligen  Königs  Amadeus  I.  von  Spanien,
  1910  ital.  Konteradmiral,  1915  Vizeadmiral  und
bis  7.  Febr.  1917  Oberbefehlshaber  der  ital.  Flotte.

Abwesenbeitssteuer,  in  den  besetzten  Gebieten
den  flüchtigen  Einwohnern  auferlegte  Steuer,  um
deren  Rückkehr  zu  erwirken;  vgl.  Bd.  I,  S.  431.

Adalbert,  Prinz  von  Preußen,  drikter  Sohn
Kaiser  Wilhelms  II.,  geb.  14.  Juli  1884,  1915  Korvettenkapitän,
  vermählte  sich  3.  Aug.  1914  mit  Prin.
zessin  Adelheid  von  Sachsen-Meiningen
        <pb n="207" />
        Adamello  —  Agypten

Hildburghausen  (geb.  16.  Aug.  1891),  nahm  beim
Marinekorps  am  Krieg  in  Flandern  u.  bei  der  Hochseeflotte
  an  der  Expedition  nach  Osel  teil;  A.  schrieb:-Mit
meinem  Bataillon  im  vordersten  Graben  (Berl.  1917).

Adamello,  Gebirgsmassiv  der  Ostalpen,  August
1915  und  Mai  1916  Schauplatz  erbitterter  Kämp
(Lagoscuropaß  2968  m,  Bedole  3009  m);  vgl.  auch
Bd.  II,  S.  99  (nebst  Karte)  u.  102.

Adana,  Stadt  und  Golf  in  Kleinasien,  wurde  am
26.  März  1919  auf  Grund  des  Londoner  Vertrags
vom  26.  April  1915  von  Italien  besetzt.

Adeverul,  rumänische  Zeitung,  s.  Bd.II,  S.33.

Adler,  Viktor,  österr.  Sozialist,  geb.  24.  Juni
1852  in  Prag,  gest.  11.  Nov.  1918  in  Wien,  Herausgeber
  der  „G#lchteite  und  der  „Arbeiterzeitung,  seit
1905  Führer  der  deutsch-österreich.  Sozialdemokratie,
war  31.  Okt.  bis  11.  Nov.  1918  Ministerpräsident
Deutsch-Osterreichs.

Admiralschiff,  s.  Flaggschiff.

Adolf  Friedrich  VI.,  Großherzog  von  Mecklenburg-Strelig,,
  geb.  17.  Juni  1882,  gest.  24.  Febr.
1918  (Selbstmord),  folgte  seinem  Vater  Adolf  Friedrich
  am  11.  Juni  1914.

Ador,  Gustav,  schweiz.  Politiker,  geb.  1845,  im
Weltkrieg  Präsident  des  Internation.  Komitees  vom
Roten  Kreuz,  seit  1917  Mitglied  des  Bundesrats,
1919  dessen  Präsident.

Adria  srkatisches  Meer),  Teil  des  Mittelmeeres
  zwischen  Italien  und  dem  Balkan,  spielte  als
Seekampfschauplatz  im  Kriege  eine  große  Rolle.  Bal.
darüber  Bd.  II,  S.  118  u.  257  u.  Bd.  III,  S.  119.  Die
ital.  Irredentisten  erhoben  seit  Mitte  des  19.  Jahrh.
Ansprüche  auf  die  Adriagebiete  (mare  nostroe);  vgl.
Bd.  II.  S.  37.  Durch  den  Frieden  von  St.  Germain
(2.  Sept.  1919)  fiel,  wie  schon  im  Londoner  Vertrag
vom  26.  April  1915  zugesichert,  der  größte  Teil  der
adriatischen  Kliste  mit  Fiume  an  Italien.

Adrianopel.  über  die  bulgarisch-kürkische  Grenzänderung
  bei  A.  vom  25.  Sept.  1915  vgl.  Bd.  II,  S.  64.

Aeroplan,  Flugzeug.

Afahanistau.  Der  Emir  Habib  Ullah  (gei-3.
  Ich  1872,  auf  dem  Thron  seit  1901)  war  wie  seine
Söhne  und  sein  Bruder,  der  Reichsstatthalter  Naßr
Ullah,  ausgesprochen  türkenfreundlich.  Ob  der  Emir
im  Herbst  1914  durch  Naßr  Ullah  mit  4000  Mann
Peschawar,  den  Schlüssel  Indiens,  besetzen  ließ,  ist  noch
nicht  bestätigt.  Bestimmt  hatte  A.  mit  den  Russen  im
Oktober  heftige  Grenzkämpfe.  Die  Russen  gedachten
anscheinend  aus  A.  ein  zweites  Persien  zu  machen,
während  die  Engländer  den  Emir,  der  ihnen  in  Indien
am  Hesäbrüchsten  werden  konnte,  selbst  fürchteten.  Des
Emirs  Sohn  Bahadur  Khan  soll  im  Nov.  1914  mit
170000  Mann  die  ind.  Grenze  besetzthaben.  Rußland
wußte  im  April  1915  sogar  von  Erklärung  des  heiligen
Krieges  durch  den  Emir  gegen  England  zu  berichten.
Der  englische  General  Sir  Percy  Syker  besetzte  am
12.  Juni  1915  Kerman  in  Persien,  um  eine  Verbindung
  Afghanistans  mit  dem  Deutschen  Reich  unmöglich
  zu  machen.  Dennoch  gelang  es  dem  deutschen
Legationssekretär  Dr.  v.  Hentig  am  30.  Sept.  1915,
A  in  diplomatischer  Mission  zu  erreichen.  Im  August
fielen  die  Bunerwals  in  Peschawar  ein,  und  am  5.  Sept.
lieferten  10000  Mohmands  den  Engländern  eine  regelrechte
  Schlacht.  Trotzdem  nannte  der  Vizekönig  von
NW#dien  ord  Hardinge,  ebenso  wie  sein  Nachfolger,

ord  Chelmsford  (seit  1916),  den  Emir  geflissentlich
Freund  und  Verbündeten.  Im  Februar  1919  traf  die
Nachricht  von  der  Ermordung  des  Emirs  ein;  Nach-183



folger  wurde  unter  englischem  Einfluß  nicht  der  gesetzliche
  Thronerbe,  sondern  Naßr  Ullah  Khan.  Ams.  Aug.
1919  wurde  die  Unterzeichnung  des  Friedense  mit  ¾
durch  England  gemeldet  (nähere  Nachrichten  durch
letzteres  unterdrückt).  Vgl.  W.  O.  v.  Hentig,  Meine
Diplomatenfahrt  ins  verschlossene  Land  (Berl.  1918).

Afrika  (hierzu  Karte).  Der  deutsche  Kolonlalbesitz
  in  A.,  ausführlich  geschildert  in  Bd.  II.  S.  146  ff.
war  gleich  zu  Kriegsbeginn  von  den  Engländern  bedroht,
  die  alles  daransetzten,  sich  seiner  zu  bemächtigen.
Triruboi  behandelt  der  Aussatz#  Sdn.
S.  120  ff.,  die  deutsche  Kolonialpolitik  vor  dem  Kriege
Bd.  U,  S.  12  ff.  —  Die  Teilnahme  der  englischen
Kolonlen  am  Weltkrieg  wird  Bd.  II,  S.  44  f.  dargestellt.

Agadir,  Hafen  in  Südmarokko,  bekannt  durch  die
Entsendung  des  deutschen  Kreuzers  Panther  am
1.  Juli  1911,  die  in  der  Vorgeschichte  des  Krieges  eine
Rolle  spielte;  vgl.  Bd.  I,  S.  130.

Agence  Havas,  franz.  Telegraphenbureau,  1839
von  Charles  Havas  in  Paris  gegründet,  seit  1879
Aktiengesellschaft,  ist  außer  in  Frankreich  und  seinen
Kolonien  bes.  in  den  romanischen  Ländern  und  Südamerika
  verbreitet.  Vgl.  Bd.  I.  S.  374.

Agence  Milll,  das  türk.  Telegraphenbureau.

Agence  Telégraphblque  Bulgare,  das  bulgarische
  Telegraphenbureau.

Agencias  Stefani,  das  ital.  Telegraphenbureau.

Agentur  #ü  Kriegsgesangene.  August  1914  in
Genf  unter  Leitung  des  Nationalrats  Ador  gegründete
  Auskunfts-  und  Verkehrsstelle  mit  Zweigstellen
in  Kopenhagen,  Moskau  und  Wien.

Agio,  Aufgeld;  Betrag,  um  den  der  Kurswert  von
Geld  oder  Wertpapieren  den  Nennwert  übersteigt.  Bei
Kriegsbeginn  nahm  der  Agiohandel  in  den  Grenzbezirken
  bedrohlich  überhand,  weshalb  23.  Nov.  1914
ein  Verbot  sing  vgl.  Bd.  I.  S.  388.

Agrarpolitik.  über  die  Beeinflussung  der  Landwirtschaft
  durch  den  Krieg  s.  Bd.  I,  S.  419ff.  sowie  die
einschlägigen  Artikel  dieses  Bandes,  bes.  -Landarbeitere,
  »Innere  Kolonisation-,  „Milchwirtschafte.

Agopten.  Seit  1882  war  der  frankes  Einfluß  in
K.  durch  England  beseitigt;  vgl.  Bd.  I.  S.  100.  Nach
Ausbruch  des  —  riß  der  englische  Generalresident
General  Maxwell  die  Re  ierungsgewalt  an  sich.  Der
Khedive  Abbas  M.  hielt  ach  in  Konstantinopel,  wo  er
am  25.  Juli  bei  einem  Attentat  durch  einen  jungen
Agypter  leicht  verwundet  worden  war,  auf  und  verblieb
  auch  dort  unter  dem  Schutz  des  Sultans.  Die
Aufforderung  Englands  vom  29.  Sept.,  sich  an  einen
neutralen  Ort  (Florenz,  Neapel  oder  Palermo)  zu
begeben,  wies  er  zurück.  England  ließ  nun  die  Maske
fallen,  beschlagnahmte  die  öffentlichen  Gelder,  übertrug
  am  24.  Sept.  Maxwell  die  Regierung  und  nahm
Abbas  Hilmis  England  ergebenen  Vetter  Lussein  emal
  sum  Khediven  in  Aussicht,  worauf  sich  Abbas
Hilmi  (3.  Nov.)  als  im  Krieg  mit  England  befindlich
erklärte.  Dieses  hatte  N.  tatsächlich  schon  von  Kriegs.
ausbruch  an  als  englische  Kolonie  behandelt.  Deshalb
  hatte  Deutschland  am  5.  Aug.  1914  die  Neutralitätserklärung
  A.s  zurückgewiesen.  England-Agypten
hatte  am  8.  Aug.  mit  Verhängung  des  genaüsan
des  und  der  Kriegserklärung  an  das  Deutsche  Reich
geantwortet,  Nunmehr  übernahm  der  König  von

ngland  4.  Nov.  die  Souveränität,  ernannte  Prinz
Hussein  Kemal  zum  Khediven  (dieser  erhielt  19.  De
den  Titel  Sultan),  Übertrug  aber  Maxwell  die  milit
rische  Gewalt.  Am  17.Dez.  wurde  das  englische  Protektorat
  erklärt,  am  19.  Dez.  Mac  Mahon  zum  britischen
        <pb n="208" />
        184

Oberkommissar  ernannt,  am  20.  Abbas  Hilmi  förmlich
  des  Khedivirats  entsetzt  (vgl.  Bd.  II,  S.  63).  Der
türkische  Sultan,  dessen  Oberhoheit  ignoriert  wurde,
antwortete  am  30.  Dez.  mit  der  Anordnung  einer
Strafverfolgung  gegen  Hussein  Kemal  (Todesurteil
17.  Nov.  1916  durch  das  Kriegsgericht  in  Aleppo).

England  hielt  in  A.,  das  mit  dem  Suezkanal  das
Rückgrat  seiner  Weltherrschaft  bildet,  bereits  im  Frieden
die  Zügel  der  militärischen  Herrschaft  so  straff,  daß  die
Hoffnung  auf  erfolgreiche  Erhebung  des  ägyptischen
Volkes  nur  gering  war.  Tatsächlich  kam  es  im  August
1914  nur  zu  kleineren  Unruhen,  vor  allem  an  der
Bahnstrecke  Kairo-Alegandria  und  im  Sudan,  wo  ein
neuer  Machdi,  Mabur,  aufstand.  Die  Türken  drangen
zwar  anfangs  mehrfach  bis  zum  Suezkanal  vor,  der
wiederholt,  so  am  30.  Jan.  1915,  gesperrt  werden
mußte.  Dann  aber  warfen  die  Engländer  so  gewaltige
Truppenmassen  nach  M.,  daß  sie  das  geknechtete  Land
fest  in  der  Hand  hatten.  Ein  Attentat  aus  den=  Sultanam
  8.  April  1915  in  Kairo  bewies  die  gefährliche  Stimmung,
  die  unterirdisch  wühlte.  Hussein  Kemal  mußte
am  13.  April  seine  Residenz  nach  Alexandria,  dem  englischen
  Hauptwaffenplatz,  verlegen.  Am  5.  Sept.  erfolgte
ein  weiteres,  wiederum  erfolgloses  Attentat  in  Kairo,
diesmal  auf  den  Wakufminister  Fathi  Pascha.  Die
Unterseebootgefahr,  die  um  die  Jahreswende  1915/16
#  Sperrung  des  Suezkanals  führte,  die  Angriffe  der

ürken  gegen  die  ägyptische  Grenze,  vor  allem  aber
das  Fiasko  des  Dardanellenunternehmens  ließen  Anfang
  1916  die  Freiheitsbewegung  zu  hoffnungsreicher
Stärke  anschwellen.  Die  Senussi  drangen  von
Tripolitanien,  dessen  sie  sich  zum  großen  Teil  bemächtigten,
  über  die  Westgrenze  vor,  nahmen  Siwa,
Sollum  und  Said  Berane  im  Febr.  1916  und  näherten
  sich  dem  Niltal.  Erst  am  14.  März  gewannen
die  Engländer  unter  General  Peyton  Sollum  zurück.
Die  Stimmung  im  ganzen  Lande  wurde  unter  diesen
Umständen  sehr  aufrührerisch,  nur  durch  ein  Schrekkensregiment
  konnten  sich  die  Engländer  behaupten
(Erschießung  von  400  meuternden  Soldaten  usw.).
Sultan  Ali  Dinar  von  Darfur  erhob  sich  gegen  die
Feinde  des  Sultans.  Die  Lage  im  Sudan  blieb  anhaltend
  ernst.  Die  Ersezung  axwells  durch  General
  A.  Murrey  (24.  März)  sprach  deutlich  genug.
Der  Scheinsultan  Hussein  Kemal  starb  am  9.  Okt.
1917  in  Kairo.  Da  sein  Sohn  Kemal  ed-Din  die
Nachfolge  verweigerte,  folgte  ihm  sein  Bruder,  Prinz
Achmed  Fuad  (L).  Die  ###tice  Nationalpartei
nahm  an  der  Stockholmer  Sozialistenkonferenz  teil,
wo  ihr  Präsident  Mohammed  Farich  Bei  am  20.  Okt.
1917  die  Lösung  der  ägypt.  Frage  in  der  Friedenskonferenz
  verlangte.  Das  Ministerpräsidium  hatte
während  des  Krges  Hussein  Ruschdi  Pascha  inne.
Über  den  türk.  Feldzug  gegen  A.  vgl.  S.  129.

Englands  Weigerung,  eine  Nationalversammlung
einzuberufen  und  eine  selbständige  ägypt.  Friedensdelegation
  in  Versailles  zuzulassen,  führte  März  1919
zum  Ausbruch  eines  heftigen  Aufstandes,  den  der
neue  Oberkommandierende,  Allenby,  niederwarf.

Vgl.  Rotbuch  der  ägypt.  Regierung  über  auf  den

Krieg  bezligl.  Dokumente  u.  Dekrete  vom  3.  Aug.  bis
30.  Nov.  1914;  M.  v.  Hagen,  England  und  A.  Mit
besonderer  Rücksicht  auf  Bismarcks  Agyptenpolitik
(Bonn  1915);  E.  Meyer,  Deutschland  und  A.(Stuttgart
  1915);  U.  Steindorff,  K.  in  Vergangenheit
und  Gegenwart  (Berl.  1915);  A.  Hasenclever,
Geschichte  Agyptens  im  19.  Jahrhundert.  1798—1914
(Halle  a.  S.  1917).

Ailly  —  Albanien

Ailly,  Ort  im  franz.  Dep.  Meuse,  westlich  von
Apremont,  war  seit  Nov.  1914  der  Schauplatz  langwieriger
  Kämpfe.  Vgl.  S.  72,  73,  75.

Aisne,  linker  Nebenfluß  der  Oise  im  nördlichen
Frankreich,  260  km  lng  über  die  Kampfhandlungen
an  der  A.  vgl.  Bd.  I,  S.  191  sowie  Bd.  III.  S.  10,
26,  42,  72,  86  f.,  101,  104.

Akademischer  Hilfsbund,  während  des  Krieges
in  Berlin  gegründete  Vereinigung  studentischer  Verbände
  und  akademischer  Berufsverbände  zur  Fürsorge
für  kriegsbeschädigte  Akademiker.

Aktionsradius,  Strecke,  dieein  Fahrzeug  (Schiff.
Lustschiff,  Flugzeug)  zurücklegen  kann,  bevor  es  seine
Betriebsstoffe  ergänzen  muß.

Aktivisten,  im  Weltkrieg  gegründete  schwedische
Partei,  deren  Ziel  der  militärische  Anschluß  Schwedens
an  die  Mittelmächte  und  die  Durchführung  einer  ak.
tiven  Außenpolitik  war.  Den  Anschluß  an  Deutschland
  betrieben  auch  die  flämischen  und  die  polnischen
  A.  (Prinz  Radziwill  u.  a.).

Ala,  Stadt  in  Südtirol,  Bez.  H.  Rovreit,  an  der
Etsch,  Grenzstation  der  Bahn  Bozen-Verona,  wurde
28.  Mai  1915  von  den  Italienern  besetzt  und  7.  Juni
von  Garibaldinern  geplündert.

Alandsinseln,  Inselgruppe  am  Eingang  des
Bottnischen  Meerbusens,  1426  alkm,  seit  1809  im
Besitze  Rußlands,  das  durch  den  Pariser  Friedensvertrag
  von  1856  verpflichtet  wurde,  auf  ihnen  keine
Befestigungen  aufzuführen.  Noch  1908  erhob  England
  Einspruch  gegen  Iswolskis  Absichten.  Da  nach
Kriegsausbruch  ein  engl.-franz.  Einspruch  wegfiel,
befestigte  Rußland  seit  Nov.  1915  die  Inseln,  woegen

  sich  in  Schweden  unter  Führung  Gustav  Stef-*
  im  Mai  1916  eine  lebhafte  Erregung  geltend
machte.  Da  aber  die  aktivistische  Partei  die  öred=Regierung
  nicht  aus  der  Neutralität  zu  drängen
vermochte,  entbehrten  die  schwed.  Proteste  jeder  Wirtung.
  Am  2.  Febr.  1918  erbaten  die  Bewohner  der
K.  Schutz  und  Vereinigung  mit  Schweden.  Nach  Genehmigung
  durch  den  schwed.  Reichstag  ging  am  23.
Febr.  1918  ein  schwed.  Bataillon  nach  den  K.  ab.  Am
5.  März  1918  landeten  deutsche  Seestreitkräfte  bei
Ecker5,  um  einen  Stützpunkt  für  Truppentransporte
nach  Finnland  zu  gewinnen,  nachdem  Schweden  seine
Truppen  zurückgezogen  hatte.  Am  10.  Juni  1919
wurde  mit  den  Entfestigungsarbeiten  durch  deutsche
und  finn.  Arbeiter  begonnen.

Alano  di  Piave,  Gemeinde  der  ital.  Provinz
Belluno,  Distrikt  Feltre,  am  Piave.  Hier  erzwangen
die  Italiener  am  29.  Okt.  1918  den  Durchbruch  durch
die  österr.-ungar.  Gebirgsstellung.

Albanien.  über  die  albanische  Frage  vgl.  Bd.  II,
S.  60.  Die  Stellung  des  Fürsten  Wilhelm  von  A.
war  bereits  im  Laufe  des  Juli  1914  unmöclich  geworden:
  Griechenland  hatte  am  10.  Juli  die  auf
Grund  der  Londoner  Abmachung  geräumten  Gebiete
A.s  wieder  besetzt,  am  12.  war  der  Kriegsminister
Mufid  Bei  zurückgetreten,  am  22.  hatten  die  Aufständischen
  den  Rücktritt  des  Fürsten  gefordert,  am
26.  Juli  Überreichten  die  holländ.  Offiziere  ihre  Entlassungsgesuche,
  da  sie  ihre  Aufgabe  nicht  zu  erfüllen
vermöchten.  Der  Ausbruch  des  Weltkrieges  l  dem
künstlichen  alban.  Staatswesen  den  Rest.  Nachdem
am  1.  Sept.  bereits  eine  Abteilung  Aufständischer
in  Durazzo  eingerückt  war,  verließ  Fürst  Wilhelm
tags  darauf  das  Land,  um  in  den  deutschen  Großen
Generalstab  einzutreten.  Er  übergab  die  Regierungsgeschäfte
  der  Kontrollkommission  und  Turkhan  6.
        <pb n="209" />
        Albert  —  Alpini

scha.  Die  Aufständischen  bemächtigten  sich  am  6.  Sept.
völlig  Durazzos  und  wählten  am  23.  Sept.  Mustafa
Bei  zum  vorläufigen  Präsidenten.  Am  12.  Okt.  riß
der  aus  Italien  zurückgekehrte  Essad  Pascha  die
Macht  an  sich.  Am  28.  Okt.  traf  ein  italien.  Geschwader
  vor  Valona  ein,  um  die  Insel  Saseno  zu  besetzen.
Der  alban.  Zankapfel  lag  wieder  zwischen  Osterreich
und  Italien.  Am  29.  Okt.  besetzten  die  Griechen  Argyrokastro
  und  Premeti  —  Zographos,  der  Präsident
der  autonomen  Regierung  von  Epirus,  gab  am  9.  Nov.
die  Vereinigung  von  Epirus  mit  A.  bekannt  —,  am
24.  Dez.  die  Italiener  mit  einem  Bersaglieriregiment
Valona.  Anfang  Jan.  1915  kam  es  zwischen  Essad
und  den  Aufständischen  zu  mehrtägigen  Kämpfen
bei  Durazzo,  das  vom  diplomatischen  Korps  am  7.
Jan.  verlassen  wurde.  Am  6.  April  beschossen  die
Aufständischen,  6000  Mann  stark,  sogar  die  Stadt
mit  Feldgeschützen.  Italiens  Eintritt  in  den  Krieg
klärte  dann  die  Lage.  Im  Londoner  Vertrag  vom
26.  April  1915  sprachen  Frankreich  und  Großbritannien
  dem  neuen  Verbündeten  das  volle  Eigentumsrecht
  an  Valona,  der  Insel  Saseno  und  eines  zur
Sicherung  des  Besitzes  genügenden  Gebietes  zu  und
stellten  ihm  das  Recht  der  Leitung  der  äußeren  Beiehungen
  A.s  in  Aussicht.  Die  Niederwerfung  Seriens
  und  Montenegros  gestattete  den  Mittelmächten
im  Januar  1916  die  Besezun  der  nordalbanischen
Gebiete;  durch  den  Zusammenstoß  mit  den  von  Awlona
  vorgeherden  Italienern  entstand  hier  eine  neue
Front  (üÜber  den  Krieg  in  A.  s.  S.  115).  Am  3.  Juni
1917  verkündete  der  italienische  General  Ferrero  in
Awlona  die  Unabhängigkeit  von  ganz  A.  unter  italien.
Protektorat,  um  die  Tchliamann  des  österr.-ungar.
Kommandanten  vom  23.  Jan.  zu  entkräften.  —  Vgl.
Gopkeviéc,  Albanien  (2.  Aufl.,  Berl.  1918);  Ders.,
Geschichte  von  Montenegro  und  A.  (Gotha  1919).

Albert,  Stadt  im  franz.  Dep.  Somme.  In  der
Gegend  um  A.  fanden  Sept.  1914  bis  Jan.  1915
und  1918  schwere  Kämpfe  statt.  Vgl.  S.  22,  45,  104.

Albert,  König  der  Belgier,  geb.  8.  April
1875  in  Brüssel,  Sohn  Philipps  von  Flandern  (gest.
1905)  und  der  Marie  von  Hohenzollern  (geb.  1845),
folgte  1909  als  A.  I.  seinem  Oheim  Leopold  II.
A.  ist  seit  2.Okt.  1900  vermählt  mit  der  Herzogin  Elisabeth
  von  Bayern  (geb.  1876;  Kinder:  Leopold,  geb.
3.  Nov.  1901  in  Brüssel,  Karl,  geb.  1903,  und  Marie,
geb.  1906).  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Albion,  kelt.  Name  der  großbrit.  Inseln,  seit  6.
Jahrh.  bekannt.  Perfides  A.,  zuerst  in  der  Chronikder
Este  gebraucht,  in  der  die  in  päpstl.  Diensten  stehenden
engl.  Reiter  mitperfda  gens  Britonumbbezeichnet  sind.

lbrecht,  Herzog  von  Württemberg,  Sohn
des  Herzogs  Philipp  von  Württemberg,  geb.  23.  Dez.
1865  in  Wien,  1898  Generalmajor,  als  Generalleutnant
  Führer  der  26.  Div.,  1906  des  XI.,  1908  des
XIII.  Armeekorps,  1913  Generaloberst  und  Generalinspekteur
  der  6.  Armeeinspektion,  wurde  bei  Kriegsausbruch
  Führer  der  4.  Armee,  1916  Generalfeldmarschall
  und  Führer  der  Heeresgruppe  in  Lothringen
und  im  Elsaß.  Er  war  seit  24.  Jan.  1893  vermählt
mit  Erzherzogin  Margareta  Sophia  von  Osterreich,
Schwester  des  ermordeten  Erzherzogs  Franz  Ferdinand,
  438  13.  Mai  1870,  gest.  24.  Aug.  1902,  die  ihm
sechs  Kinder  gebar  (ältester  Sohn:  Philipp  Albrecht,
geb.  14.  Nov.  1898).  —  Bild  s.  Bd.  1  bei  S.  187.

Aleppo,  Hauptstadt  des  gleichnamigen  türk.  Wilajets
  in  Kleinasien,  wichtiger  Handelsplatz,  wurde
26.  Okt.  1918  von  den  Engländern  genommen.

185

Alessio  (Ljes),  nordalban.  Küstenstadt,  nahe  der
Drinmündung,  25.  Juni  1915  von  den  Montenegrinern,
  29.  Jan.  1916  von  österr.-ungar.  Truppen
besett-  29.  Okt.  1918  von  den  Italienern  genommen.

lexander,  König  von  Griechenland,  geb.
20.  Juni  1893  in  Tatoi  bei  Athen  als  zweiter  Sohn
Konstantins,  gelangte  nach  dessen  Abdankung  12.
Juni  1917  1  den  Thron.  Vgl.  Griechenland.

Alexander  Karagecorgewitsch,  Kronprinz
von  Serbien,  zweiter  Sohn  Peters  I.,  geb.  4.  Dez.
(a.  St.)  1888  in  Cetinje  (Montenegro),  wurde  auf
Grund  des  am  28.  März  1909  erfolgten  Verzichtes
seines  ältern  Bruders  Georg  Thronfolger.  Bei  Ausbruch
  des  ersten  Balkankrieges  1912  als  Oberst  Führer
der  1.  Armee,  mit  der  er  die  Türken  bei  Kumanowa
und  Monastir  besiegte,  focht  A.  1913  gegen  die  Bularen

  und  wurde  nach  dem  zweiten  Balkankriege
Pauptinspertor  des  gesamten  Heeres.  1914  wurde  er
Oberbefehlshaber  der  serb.  Truppen  und  Vertreter
des  Königs,  1918  Prinzregent  des  Südslaw.  Reiches.

Alexandrowst,  russ.  Hafenstadt,  Gouv.  Archangelsk,
  wurde  März  1917  von  den  Engländern  besetzt.

Alexejeff.  M.  W.,  russ.  General,  Prof.  an  der  Militärakademie
  in  Letersburg.  1904/5  Generalquartiermeister
  der  3.  mandschur.  Armee,  1908  Stabschef  des
Militärbezirks  Kiew,  April  1915  Oberbefehlshaber  der
Nordwestfront,  Sept.  1915  Generalstabschef  des  Zaren.
Nov.  1916  zurückgetreten,  März  bis  Juni  1917  Oberbefehlshaber
  des  gesamten  russ.  Heeres,  starb  Okt.  1918
in  Jekaterinodar.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Algeciras.  Die  Marokkokonferenz  von  A.  fand
im  Jan.  1906  statt,  vgl.  Bd.  I.  S.  21,  96.

Alldeutsche.  1891  wurde  der  „Allgemeine  deutsche
  Verbande  als  nationaler  Schutz=  u.  Agitations.
verein  gegr.,  der  1894  den  Namen  Alldeutscher
Verband  annahm.  Vorsitzender  war  bis  1907  Prof.
Hasse  in  Leipzig,  seitdem  Rechtsanwalt  Claß  in  Mainz.
Verbandszeitschrift  die  „Alldeutschen  Blätter«.  Vgl.
Bd.  l,  S.  126,  Bd.  II,  S.  1,  5;  ferner:  Zwanzig  Jahre
Alldeutscher  Arbeit  und  Kämpfe-(Leipz.  1910);  Hobohm
  u.  Rohrbach,  Die  Alldeutschen  (Berl.  1919).

Allenby,  Edmund  Henry  Hynman,  agt-General,
  geb.  23.  Upril  1861,  1888—93  in  Südafrika,
1902  Kommandeur  des  5  irischen  Lanciersregiments,
1905  der  4.  Kavalleriebrigade,  skäter  Inspekteur  der
Kavallerie,  1914  Befehlshaber  der  engl.  Kavallerie
in  Flandern,  leitete  April  1917  die  Arras-Offensive,
wurde  Juli  1917  Oberbefehlshaber  der  Sinaifront,
eroberte  17.  Nov.  Gaza,  9.  Dez.  Jerusalem  und  bis
Okt.  1918  den  größten  Teil  Palästinas.  März  1919
wurde  er  Oberbefehlshaber  in  Agypten.

Allgemeiner  Deutscher  Sprachverein.  über
seine  erhöhte  Tatiglei  seit  Kriegsbeginn  vgl.  Sprachreinigung
  Bd.  L,  S.  354.

Alliierte  und  assoziierte  Regierungen,  offizielle
  Bezeichnung  der  in  der  Entente  (s.  d.)  zusammengeschlossenen
  23  Staaten.

Allizé,  H.,  franz.  Diplomat,  1909—14  Gesandter
in  München,  1918  in  Wien,  wo  er  den  Anschluß
Deutschösterreichs  an  das  Deutsche  Reich  verhinderte.

Alpenkorps,Deutsches,  1914  gegr.,  bestand  aus
der  117.  u.  200.  Inf.-Div.  Es  kämpfte  1914  im  Ar.

onnerwald,  1915  unter  Krafft  v.  Delmensingen  in

talien,  1916  in  Rumänien  (vgl.  Bd.  II.  S.  227  ff.),
1917  unter  Ritter  von  Tutschek  in  Italien,  1918  in
Frankreich  und  Serbien.  Z

Alpini,  italien.  Alpenjäger,  vor  dem  Krieg  75
Kompagnien  in  7  Regimentern  mit  22  Bataillonen.
        <pb n="210" />
        186

Alt,  Fluß  in  Rumänien,  s.  Aluta.

Alt  ·  Autz,  Ort  im  russ.  Gouv.  Kurland,  südwestlich
von  Mitau.  Hier  wurden  die  Russen  von  der  Armee
Below  17.  Juli  1915  geschlagen;  vgl.  S.  59.

Altkirch,  Kreisstadt  im  Oberelsaß,  an  der  Ill.
Am  8.  Aug.  1914  hielt  der  deutsche  Grenzschutz  eine
aus  Belfort  vorrückende  Brigade  bei  A.  fest;  dieses
wurde  von  den  Franzosen  besetzt.  Seit  Januar  1915
hielten  die  Deutschen  ihre  Stellungen  westlich  von  A.

Altmünsterol,  Dorf  im  Oberelsaß,  nordwestlich
vom  Rhone-Rhein  -Kanal.  Am  2.  Aug.  1914  eröffneten
  die  Franzosen  die  Feindseligkeiten  g#en
Deutschland  durch  Überschreiten  der  Grenze  bei  A.

Alt-Serbien,  das  Gebiet  des  serbischen  Staates
vor  dem  Balkankrieg.

Aluminium.  über  die  Herstellung  s.  Bd.  I,  S.
297;  Über  die  Verbrauchsregelung  vgl.  Sparmetalle.

Aluta  (Alt),  1.  Nebenfluß  der  Donau  in  Siebenbürgen
  und  Rumänien,  556  km  lang.  Das  Tal  der
A.  spielte  bei  den  Kämpfen  um  den  Rotenturmpaß
und  den  Eintritt  in  die  Walachei  (Sept.  bis  Dez.
1910)  eine  hervorragende  Rolle;  vgl.  Bd.  II,  S.  229ff.

Amade,  Albert  Gérard  Léon  d'  franz.  General,
  geb.  24.  Dez.  1856,  1887—91  Militärattaché  in
China,  1901—04  Militärattache  in  London,  1907—
1909  Divisionsgeneral  des  Landungskorps  in  Marokko
  (Casablanca),  1911  Armeekorpsführer.  1914
unternahm  A.  mit  dem  6.  Korps  den  ersten  Angriff
auf  Deutschland  und  führte  dann  das  Alpenkorps;
1915  war  er  bis  Mai  Führer  des  Landungsheeres
vor  den  Dardanellen.

Ambunlanz,  frühere  Bezeichnung  für  ein  bewegliches
  Lazarett  für  erste  Hilfe  in  der  Schlacht.

Amerongen,  Gemeinde  in  der  niederländ.  Provinz
  Utrecht,  Aufenthaltsort  Kaiser  Wilhelms  II.  (seit
10.  Nov.  1918)  und  seiner  Gemahlin  bis  April  1920.

Amieus,  Hauptstadt  des  franz,  Depart.  Somme,
wurde  2.  Sept.  1914  vorübergee  von  den  Deutschen
besetzt.  über  den  Vorstoß  auf  A.  1918  vgl.  S.  22.

mmonsalpetersprengstoffe,  s.  Schieß=  und
Sprengstoffe,  S.  171ff.

Amnestie-Erlaß.  Am  12.  bzw.  19.  Aug.  1914
erfolgte  eine  allgemeine  Begnadigung  in  bezug  auf
die  erleßung  der  Wehrpflicht  und  die  unerlaubte
  usmanderung  (Verhehen  nach  §  140
und  §  360,  gif  8  BStGB.).  Am  27.  Jan.  1915
erließ  der  Kaiser  Verordnungen  über  die  Niederschlang

  von  Untersuchungen  gegen  Kriegsteilnehmer,
#a6.  am  27.  Jan.  1916  erweitert  wurden,  sowie  einen
A.  für  Disziplinarvergehen,  und  von  Militärgerichten
verhängte  Geld-  und  Freiheitsstrafen  (bis  sechs  Monate).
  Weitere  Amnestie-Erlasse  brachte  die  Revolution
  1918;  vgl.  Deutsches  Reich,  S.  219.

Ampezzotal,  in  den  Ampezzaner  Dolomiten,
Tirol,  gelegenes  Tal,  das  einem  Teil  der  4.  ital.  Armee
bei  Kriegsbeginn  als  Einbruchsstelle  diente,  wurde
von  den  österr.-ungar.  Truppen  29.  Mai  bis  8.  Juni
1915  geräumt,  Ende  Okt.  1917  wieder  besetzt.  Vgl.
auch  Bd.  II,  S.  104.

Amselfeld,  Hochebene  in  Serbien,  berühmt  durch
zwei  Türkenschlachten  im  14.  und  15.  Jahrh.  Hier
leisteten  23.—28.  Nov.  1915  die  Reste  des  serb.  Heeres
den  letzten  vergeblichen  Widerstand  und  flüchteten  Über
Prizren  nach  Montenegro  u.  Albanien.  Vgl.  S.  68.

Auaforta,  Golf  von  (Suvla-Bucht),  Meerdusen
  an  der  Westküste  von  Gallipoli,  nordöstlich  von
Sidd-el  Bahr.  Nach  erfolglosen  Angriffen  gegen  die
türk.  A.-Stellung  räumten  die  Unsen  Aug.  1915

Alt  —  Annunzio

belandeten  Engländer  am  20.  Dez.  1915  ihre  Stelung;
  vgl.  S.  125.

Aueöna,  mittelital.  Stadt  am  Adriatischen  Meer,
bedeutender  Hafen  und  Festung.  Nach  erfolgreichen
Luftangriffen  im  Mai  und  Juni  1915  zerstörten  die
Osterreicher  am  27.  Juli  militärische  Anlagen  an  der
ital.  Ostküste  von  A.  bis  Pesaro.

Anere,  kl.  Fluß  im  nordöstl.  Frankreich.  —  Über
die  Kämpfe  zwischen  Somme  u.  A.  von  1916  bis  1916
val.  Bd.  II,  S.  215,  219  ff.,  Bd.  III,  S.  21  f.,  82.

Anudenne,  Stadt  in  der  belg.  Prov.  Namur,  nahe
der  Maas,  wurde  21.  Aug.  1914  wegen  Franktireurangriffen
  auf  deutsche  Truppen  zerstört.

audrässy,  Julius,  Graf,  ungar.  Staatsmann,

gebP  30.  Juni  1860,  1893—  95  Unterrichtsminister,
904  Führer  der  Dissidenten,  1906—10  Minister  des
Innern,  milderte  den  Konflikt  zwischen  Krone  und
Volk,  gründete  1913  eine  neue  Oppositionspartei,
wurde  24.  Okt.  1918  Minister  des  Außern,  schloß  den
Waffenstillstand  mit  Italien  u.  trat  2.  Nov.  zurück.  A.
schrieb:  Wer  hat  den  Krieg  verbrochen?.  (Leipz.  1915).

Anugerapp,  Fluß  in  Ostpreußen,  224  km  lang,
bildete  1914/15  die  deutsche  Verteidigungslinie  gegen
die  Russen;  vgl.  S.  54.

Angerburg,  ostpreuß.  Kreisstadt,  an  der  Ange
rapp,  nahe  dem  Mauersee.  —  Die  Umgebung  von  A.
war  September  1914  Schauplatz  der  großen  Schlacht,
in  der  die  russ.  Wilnaarmee  durch  Hindenburg  eine
vollständige  Niederlage  erlitt;  vgl.  S.  31.

Ang  ellten#aus  lisse,  in  Hilfsdienstbetrieben
1916  errichtete  Ausschüsse  (vgl.  Bd.  II,  S.  401),  gingen
  1919  in  den  Betriebsräten  auf;  s.  Arbeiterund
  Soldatenräte.

Auhalt.  Die  1914  eingeführte  Gemeinde-,  Stadtund
  Dorfordnung  trat  während  des  Krieges  in  Kraft.
1917  wurde  ein  Gemeindeabgaben=  und  ein  Gerichtskostengesetz
  erlassen.  Eine  Wahlrechtsreforn  des
Landtags  vorzunehmen,  lehnte  die  Regierung  1917
ab.  —  Herzog  Eduard  von  A.  starb  am  13.  Sept.
1918  in  Berchtesgaden,  57  Jahre  alt  für  seinen  minderjährigen
  Nachsolger,  Herzog  Joachim  (geb.  1901),
verzichtete  der  Regent  Aribert  (geb.  1864)  am  12.  Nov.
1918  auf  den  Thron.  Die  Regierungsgewalt  ging
an  einen  parlamentarischen  Staatsrat  über.  Bei  den
Wahlen  Fur  Landesversammlung  am  15.  Dez.  wurden
  22  Mehrheitssozialisten,  12  Demokraten  und  2
Konservative  gewä  lt.  Abg.  Peus  (Soz.)  wurde
Landtagspräsident.  Von  den  Braunschweiger  Unabhängigen
  genährte,  auf  Vereinigung  A.s  mit  Braunschweig
  gerichtete  Bestrebungen  wurden  unterdrülckt.

Annexionen.  Die  Frage  der  A.  (Aneignung;
Einverleibung  fremden  Staatsgebietes)  hat  in  der
deutschen  Kriegszielbewegung  der  Jahe  1915—18
eine  große  Rolle  g##bielt,  als  Annexionisten  galten
  besonders  die  Alldeutschen  und  die  rechtsstehenden
Parteien  im  Gegensatz  zu  den  Vertretern  eines  „Verständigungsfriedens-,
  d.  h.  eines  Friedens  ohne  A.
und  Entschädigungen.  Die  Forderung  der  ersteren
ging  darauf  hinaus,  daß  im  Falle  des  deutschen  Sieges
die  angrenzenden  Länder  (insbes.  Belgien,  Polen,
Kurland,  Litauen)  eine  politische  Organisation  eralten

  sollten,  die  Deutschland  davor  sichert,  daß  seine
egner  die  Kräfte  der  betr.  Länder  gegen  Deutschland
verwenden  können.  Vgl.  Deutschland,  S.  216.

Annunzio,  Gabriele  d'  ital.  Dichter,  geb.  1864,
trat  während  des  Weltkrieges  durch  seine  kriegshetze
rische  Tätigkeit  hervor,  wurde  Fliegeroffizier  und  besetzte
  12.  Sept.  1919  mit  einem  Freikorps  Fiume.
        <pb n="211" />
        Ansiedlung  —  Arbeiter-  und  Soldatenräte

Ausiedlung.  Die  deutsche  A.skommission
wurde  Juni  1919  polnisch  (Präsident  Karasiewicz).
Als  polnische  Behörde  führt  sie  deutschen  Besitz  durch
zwangsweise  Enteignung  in  polnische  Hände  über.

Antenne,  Luftleiter  für  die  drahtlose  Telegraphie,
dient  zum  Aussenden  und  Auffangen  elektrischer  Wellen.
  Die  A.n  werden  auf  Schiffen  wagerecht  zwischen
den  Masten  gespannt,  bei  Landstationen  von  hohen
Türmen  oder  Masten  Schräg  zur  Erde  geführt,  meist
nach  verschiedenen  Seiten  (Schirm-A.).  Im  Felde
benutzt  man  einfache  Drähte  an  Masten  oder  wagerecht
  über  dem  Boden  (Erd-A.).  Weiteres  s.  »Nachrichtenwesen-,
  S.  163.

Anthoine,  Fran  gois  Paul,  franz.  General,  geb.
28.  Febr.  1860  in  Lothringen,  1908  Oberst,  1914
Generalstabschef  der  2.  Armee,  kämpfte  bei  Verdun,
an  der  Somme,  wurde  März  1917  Führer  in  der
Champagne  (4.  Armee),  Juli  an  der  Lys  (1.  Armee),
Aug.  1917  am  linken  engl.  Angriffsflügel.

ntideutscher  Bund  (Antigerman  League),  von
engl.  Industriellen  und  Kaufleuten  Aug.  1915  gegr.
Vereinigung  zur  Durchführung  eines  allgemeinen
Boykotts  deutscher  Waren  und  Verdrängung  deutscher
  Angesteller  aus  engl.  Betrieben.

Antillen,  Verkauf  der,  s.  Dänisch-Westindien.

Anutivari,  befestigte  Stadt  im  südl.  Montenegro,
5  km  vom  Adriat.  Meer  entfernt.  Der  Hafen  wurde
1915von  den  Österr.  mehrfach  beschossen,  22.  Jan.  1916
besetzt,  im  Nov.  1918  von  den  Italienern  genommen.

utizimmerwaldianer,  in  Rußland  die  Gegner
der  Zimmerwalder  sozialistischen  Richtung.

Antwerpen,  Hauptstadt  der  gleichnamigen  belg.
Provinz,  mit  300000  Einw.,  bedeutender  Hondelsplatz
  und  estungersten  Ranges.  üÜber  die  strategische
Bedeutung  vgl.  Bd.  I.  S.  152  u.  163.  Nach  der  Eroberung
  A.s  (vgl.  Bd.  III,  S.  43f.)  wurde  General
v.  Huene,  gen  Hoiningen,  Gouverneur  von  A.,
Admiral  v.  Schröder  Kommandant  der  Festung.  —
Am  16.  Nov.  1918  wurde  A.  von  der  Entente  besetzt.

A.  O.  K.,  Abkürzung  für  Armee-Oberkommando.

Aosta,  Emanueh,  Krinz  von  Savoyen,  Herog

  von  A.,  ital.  General,  geb.  13.  Jan.  1869  in

enua,  führte  1915  —18  die  3.  (stärkste)  Armee  am
unteren  Isonzoabschnitt,  nahm  9.  Aug.  1916  Görz,
wurde  1.  Nov.  1917  bei  Zatisana  geschlagen.

Apia,  Haupthafen  der  deutschen  Samoainseln,  an
der  Nordküste  der  Insel  Upolu,  mit  etwa  1400  Einw.,
Sitz  des  deutschen  Gouverneurs  und  wichtiger  Handelsgesellschaften,
  wurde  29.  Aug.  1914  von  einem
austral.-neuseeländ.  Landungskorps  besetzt.

othekerwagen,  Gefährt  zur  Beförderung

einer  Feldapotheke,  oft  auch  als  Apothekerauto

ausgebildet;  vgl.  Bd.  I,  S.  311  u.  283.  260.

„(Appam.,  brit.  Dampfer,  7781  t.  Vgl.  Bd.  II,  S.

ponyi,  Albert,  Graf,  ungar.  Politiker,  geb.

29.  Mai  1846  in  Wien,  1878  —  99  Führer  der  gemäßigten

  Opposition  (seit  1904  „  Nationalparteie),

1905—06  der  verein.  Opposition,  1906  —10  Minister

für  Kultus  und  Unterricht,  trat  dann  wieder  zur  Opposition
  (Unabhängigkeitspartei)  über.

Apremont,  Gem,.  im  franz.  Dep.  Meuse,  östlich
St.  Mihiel,  war  Nov.  1914  bis  April  1915  Mittelpunkt
heftiger,  wechselvoller  Kämpfe;  vgl.  S.  73,  75.

"Arabic.-,  brit.  Dampfer,  der  am  19.  Aug.  1915
60  Seemeilen  südlich  von  Kinsale  (Irland)  von  einem
deutschen  Unterseeboot  versenkt  wurde.  Die  Torpedierung
  gab  Anlaß  zu  einem  Notenwechsel  zwischen
Deutschlch  und  den  Vereinigten  Staaten,  durch  den

187

eine  Milderung  des  Unterseebootkrieges  herbeigeführt
wurde.  Vgl.  Vereinigte  Staaten,  S.  357.

Arabien.  Unter  Ausnutzung  des  türk.-arab.
Rassegegensatzes  und  der  Rivalität  zwischen  dem  Sultan
  und  dem  Großscherifen  in  Mekka  wiegelten  die
Engländer  A.  gegen  die  Türken  auf.  1915  noch  erlitten
  die  Engländer  empfindliche  Schlappen  durch
türk.  Truppen  bei  Aden  (4./5.  Juli)  und  durch  Bergtämme
  von  Hodramam  bei  Mokalla  (5.  Nov.);  anernteils

  wurde  die  Ayeshamannschaft  Mückes  am  1.
April  1915  durch  aufständische  Araber  hart  bedrängt.
1916  nahm  der  Abfall  der  Araber  größeren  Umfang
an:  Der  Großscherif  Hussein  sagte  sch  in  einer  Proklamation
  vom  Sultan  los,  der  Stamm  der  Anazah
bei  Nedschd  unter  seinem  Emir  Abd  ul-Asis  Ibn  Saud
trat  auf  englische  Seite  über.  Dagegen  bewahrte  der

eistliche  Fürst  von  Medina,  Jmäm  Jachia,  dem  Kaifen

  die  Treue,  ebenso  der  Stamm  der  Schammar
unter  Ibn  Raschid  Bei  Nedschd.  Als  die  Türken
1918  über  Gaza-Jerusalem  von  den  Engländern
mrülgedrängt  wurden,  machten  ihnen  die  aufstänischen

  arab.  Scheichs  durch  Vorstöße  über  die  Hedschasbahn
  in  der  linken  Flanke  viel  zu  schaffen.  Mit
dir  Zurlcwerfung  der  Türken  über  Damaskus  hatten
die  Engländer  A.  fest  in  ihrer  Hand:  die  Landbrücke
Kairo-Kalkutta  war  erobert.

Arangielovac,  Flecken  im  serb.  Kreis  Kragujevac,
etwa  60  km  südlich  von  Belgrad.  In  der  Schlacht
bei  A.,  vom  3.  bis  9.  Dez.  1914,  siegten  die  1.  und  3.
serb.  Armee  über  die  5.  (Frank)  und  6.  (Potiorek)
österr.-ungar.  Armee.  Potiorek  wurde  bis  über  Valjevo
  hinaus  gedrängt  und  unter  sehr  erheblichen  Verlusten
  zum  Rückug  über  die  Save  gezwungen,  worauf
auch  Frank  zum  Rückzug  auf  Belgrad  und  schließlich
zur  Räumung  der  Hauptstadt  (14.  Dez.)  veranlaßt
wurde.  Am  26.  Okt.  1915  wurden  die  serb.  Stellungen
  bei  A.  von  der  Armee  Gallwitz  durchstoßen.

ras  (der  alte  Araxes),  bedeutendster  Nebenfluß
der  Kura,  1000  km  lang,  bildet  die  Grenze  zwischen
Rußland  und  Persien.  Juli  1915  spielten  sich  am
Oberlauf  des  A.  heftige  Kämpfe  zwischen  Türken  und
Russen  ab,  die  mit  dem  Rückzug  der  Russen  endeten.

Arbeiterdichter.  Als  A.  traten  im  Kriege  besonders
  hervor:  Barthel,  Bröser  und  Lersch  (s.  d.).

Arbeiterausschüsse,  auf  Grund  des  Hilfsdienstgeiees
  errichtete  Ausschüsse;  vgl.  Bd.  II,  S.  401.  —

er  Befugnisse  u.  Tätigkeit  der  A.  seit  der  deutschen
Revolution  s.  Arbeiter-  und  Soldatenräte.

Arbeiter=  und  Soldatenräte  (A.=  und  S.-Räte),
  zuerst  in  der  russ.  Revolution  1917  gebildete
Ausschüsse  von  Soldaten  und  Arbeitern  zur  Durchführung
  der  Revolutionsziele.

Rußland.  Am  12.  März  1917  traten  im  Taurischen
  Palais  in  Petersburg  unter  Tscheidse  die
Vertreter  der  revolutionären  Arbeiter  und  Soldaten
der  Hauptstadt  zusammen.  Nach  dem  Muster  dieses
Ausschusses  bildeten  sich  bald  im  ganzen  Lande  A.,
und  vom  11.  bis  18.  April  tagte  im  Taurischen  Palais
  ein  Delegiertenkongreß,  der  von  82  Städten  und
vielen  Truppenkörpern  beschickt  war.  Am  20.  Mai
wurde  ein  allruss.  Kongreß  der  A.  einberufen,  der
am  16.  Juni  unter  Tscheidses  Vorsitz  zusammentrat.
Im  Herbst  erlangten  die  Bolschewisten  das  übergewicht:
  am  9.  Okt.  wurde  Trotzki  zum  Vorsitzenden
gewählt  und  am  7.  Nov.  die  provisorische  Regierung
gestürzt;  tags  darauf  übernahmen  Trotzki  und  Lenin
  als  Volksbeauftragte  die  Leitung  der  russ.  Riterepublik.
  Vgl.  Rußland.
        <pb n="212" />
        188

Deutschland.  Im  Nov.  1918  bildeten  sich  A.
nach  russ.  Muster  auch  in  ganz  Deutschland;  doch  behielten
  ##er  die  Mehrheitssozialisten  die  Oberhand:
der  zu  Weihnachten  in  Berlin  tagende  Kongreß  bestätigte
  die  provisorische  Regierung  und  übertrug  ihr
die  Exekutive.  Nur  in  wenigen  Städten  wurden  runabhängigee
  A.  gewählt,  die  kommunistischen  Spartakusleute
  haben  nirgends  die  Mehrheit  errungen.
Während  nun  die  Politik  der  Radikalen  darauf  ausging,
  in  der  zweiten  Revolution=  den  A.n  in  der
PRäteverfassunge  die  entscheidende  Rolle  wieder  zu
verschaffen,  zielte  die  Politik  der  Regierung  dahin,
den  nach  Ausschaltung  der  Soldatenräte  (infolge  Auflösung
  der  Armee)  allein  übriggebliebenen  Arbeiterräten
  ein  festumgrenztes  Arbeitsgebiet  in  der  Mitwirkung
  bei  der  wirtschaftlichen  Gesehgebung  und  der
Regelung  des  Produktionsprozesses  (Sozialisierung)
zu  geben;  diese  sogenannte  =  Verankerung  des  Räteedankens

  in  der  Verfassung=  wurde  während  der
rfassungsberatung.  in  der  Nationalversammlung
Lurcgefübr.  Die  Betriebsarbeiterräte  werden  in
Bezirksarbeiterräten  zusammengefaßt,  die  wieder  in
einem  Reichsarbeiterrat  vertreten  sind.  Die  Versuche  der
Unabhängigen  u.  Kommunisten,  im  Berliner  Januaraufstand
  1919  unter  Liebknecht  und  der  Münchener
Räteherrschaft  unter  Leviné  im  Frühjahr  1919  durch
die  Diktatur  des  Proletariats  der  Räteverfassung  zur
Herrschaft  zu  verhelfen,  scheiterten.  Wesentlich  trug
dazu  bei  die  Weigerung  der  Entente,  mit  einem  bolschewistischen
  Deutschland  zu  verhandeln  oder  ihm
Lebensmittel  zu  senden.  Das  Betriebsrätegesetz  war
um  die  Jahreswende  1919/20  im  Parlament  und
in  der  öffentlichen  Meinung  heftig  umstritten.

In  Österreich  machte  der  harte  Nationalitätenkampf
  eine  gleiche  Entwicklung  wie  in  Rußland  von
vornherein  unmöglich,  in  Böhmen  bildeten  sich  gar
keine  A.  In  Ungarn  traten  in  Budapest  und  einigen
Provinzstädten  in  den  A.n  bolschewist.  Bestrebungen

rvor,  die  am  21.  März  1919  unter  Bela  Khun  und

legander  Garbei  die  Oberhand  gewannen;  die  Räterrschaft
  dauerte  bis  zum  1.  Aug.  In  Bulgarien
ildeten  sich  bereits  im  Oktober  A.,  ohne  daß  jedoch
die  Bolschewisten  ans  Ruder  kamen.  A.  bildeten  sich
ferner  1918/19vorübergehend  in  Italien,  der  Schweiz,
Holland,  Dänemark,  England  und  Brasilien.  Charalteristisch
  für  die  A.  war  in  allen  Ländern  das  Vorherrschen
  der  Soldaten  vor  den  Arbeitern.

Arbeiterschut.  über  die  einschlägigen  deutschen
Maßnahmen  vgl.  Bd.  L,  S.  394  f.;  Über  die  Entwicklung
  der  E5  Arbeitergesetzgebung  vgl.  Bd.  II,
S.  4su  (sorgee,  S.  175.

Arbeitsarm,  s.  Arztliche  Kriegsdeschädigtenfür-Arbeitsbeschaffung,

  für  Kriegsbeschädigte,  s.  d.

Arbeitsgemeinschaf  „Bezeichnung  für  die  aus
Arbeitgebern  und  -nehmern  gebildeten  Kommissionen
zur  Arbeitsbeschaffung  für  Kriegsbeschädigte  und  (seit
1919)  zur  Verhandlung  über  Lohnfragen.  —  Sozialdemokratische
  A.,  ursprüngl.  Name  der  späteren
  Fraktion  der  Unabhängigen,  s.  Sozialdemokratie.

Arbeitslosenfürsorge.  Um  der  Arbeitslosikeit
nach  Kriegsbeginn  zu  steuern,  wurde  am  6.  Aug.
1914  der  Reichsarbeitsnachweis  gegründet,  der
alle  Arbeitsnachweise  umfaßte.  Ihm  schloß  sich  der
Kriegsausschuß  der  deutschen  Industrie  an,
dem  unter  anderm  die  Verteilung  staatl.  Lieferungsaufträge
  an  notleidende  Kreise  oblag.  Gleichzeitig
schufen  Staat,  Gemeinden  und  Private  neue  Erwerbsmöglichkeiten
  durch  Einführung  von  Notstandsarbei-Arbeiterschutz

  —  Argentinien

ten  und  führten  gemeinsam  mit  den  Arbeiterorganisationen
  die  Arbeitslosenunterstützung  durch.  Vgl.
insbes.  Bd.  I,  S.  400  u.  407  sowie  S.  382  ff.,  ferner
Bd.  II,  S.  388  ff.,  für  Osterreich  Bd.  II,  S.  409f.
Die  gewaltige  Arbeitslosigkeit  bei  Kriegsende
zwang  die  Reichsregierung  zur  Einführung  einer
rbeitslosenunterstützung,  die  aber  eine  starke
Rückwirkung  auf  die  Arbeitsflucht  ausübte,  da  die
Unterstüßung  vielfach  höher  war  als  die  Löhne,  besonders
  in  Land=  und  Hauswirtschaft.  Trotz  eines
Arbeiterbedarfs  von  600000  Mann  in  der  Landwirtschaft
  wurden  Ende  Jan.  1919  Millionen  von
Arbeitslosen  unterstützt.  Daraus  ergab  sich,  daß  eine
notwendige  Ergänzung  der  Arbeitslosenversicherung
der  Arbeitszwang  ist.  Die  Arbeitslosen  waren
vielfach  die  Träger  radikaler  Forderungen,  so  in  Hamburg
  u.  a.  Vgl.  auch  Bd.  II,  S.  393  ff.  Die  Zahl
der  Arbeitslosen  betrug  Mitte  Juli  1919  in  140  größeren
  deutschen  Städten  450000,  in  England  im
Juni  1919:  606  125,  in  Belgien  Anfang  Juli800000,
in  Dänemark  Ende  1918:  54000.  —  S.  auch  Arbeitspflicht.
  —  Die  Arbeitslosenversicherung  beschäftigte
  zuletzt  1913  den  Reichstag,  wurde  aber  bisher
  noch  nicht  reichsgesetzlich  eingeführt.  Sie  besteht
in  Großbritannien  (Gesetz  von  1911),  in  Norwegen
(1906),  Dänemark  (1907)  und  den  schweiz.  Kantonen
Basel,  Genf  und  St.  Gallen.
Arbeitsmarkt,  s.  Bd.  II,  S.  388  ff.
Arbeitspflicht.  Eine  Reichsverordnung  vom  15.
Jan.  1919  verpflichtet  die  Arbeitslosen,  eine  ihnen
nachgewiesene  Arbeit  anzunehmen.  Gemeinden  und
Gemeindeverbände  müssen  die  Unterstützung  versagen
oder  entziehen,  wenn  der  Arbeitslose  sich  weigert,
eine  ihm  nach  seiner  körperlichen  Beschaffenheit  zuzumutende
  Arbeit  zu  übernehmen.  6.
Archangelsk,  Hauptstad-  und  Hafen  des  russ.
Gouv.  A.,  an  der  Dwinamündung  ins  Weiße  Meer,
wurde  2.  Aug.  1918  von  den  Engländern  besetzt.
Argentinien.  A.s  Politik  im  Weltkriege  wurde
durch  das  Bestreben  geleitet,  Wilsons  panamerikan.
Bevormundung  standzuhalten  und  dem  immer  mehr
in  die  Gefolgschaft  der  Union  geratenden  Brasilien
vt  enüber  die  Gleichberechtigung  zu  wahren  (vgl.
C=  Allianz),  und  zugleich  von  dem  Wunsche  bestimmt,
  nach  dem  Kriege  wieder  zu  den  Mittelmächten
freundschaftliche  Handelsbeziehungen  aufzunehmen.
Erschwert  wurde  diese  Politik  durch  die  bhängigleit
des  Landes  von  der  nordamerikan.  Kohle=  und  Eisenzufuhr.
  Von  großer  Wichtigkeit  war  dabei  die  Hal.
tung  A.s  vor  allem  wegen  der  Rückwirkung  auf
das  Mutterland  Spanien.  A.  antwortete  am  7.  Febr.
1917  auf  die  Ankündigung  des  uneingeschränkten
Unterseebootkrieges  durchang  maßvoll,  es  werde  seine
Haltung  streng  den  Geboten  des  Völkerrechts  anpassen
und  bedaure  den  Schritt  der  deutschen  Regierung.
Wilsons  Einladung  zum  Abbruch  der  Beziehungen
leistete  A.  keine  Folge;  die  Bemühungen  des  Außenministers,
  mit  den  noch  neutralen  Staaten  ein  Einvernehmen
  bezüglich  des  Krieges  zuerzielen  (12.  Mai),
wurden  durch  ilson  vereitelt.  Da  drohten  drei
Telegramme  des  deutschen  Gesandten  in  Buenos
Aires,  Grafen  Luxburg  an  die  Reichsregierung,  die
das  Staatsdepartement  in  Washington  ausgefangen
hatte  und  am  8.  Sept.  1917  veröffentlichte,  plötzlich
die  guten  Beziehungen  zu  Deutschland  zu  zerstören.
Darin  hatte  Luxburg  den  (nicht  befolgten)  Rat  erteilt,
im  Sperrgebiet  betroffene  argentin.  Dampfer  entweder
  spurlos  verschwinden  oder  ungehindert  pas-
        <pb n="213" />
        Arges  —  Aserbeidschan

sieren  zu  lassen.  Graf  Lurburg  erhielt  die  Pässe  zugestellt
  und  wurde  durch  Graf  Dönhoff  ersetzt.  Senat
und  Deputiertenkammer  forderten  den  sofortigen  Abbruch
  der  diplomatischen  Beziehungen,  der  Präsident
weigerte  sich  aber  dessen  und  verkündete  am  18.  Mai
1918  Friede  und  Freundschaft  mit  allen  Völlern«.

Nach  Ableben  des  Präsidenten  Saenz  Pesia  (11.
Aug.  1914)  übernahm  Vizepräsident  de  la  Plaza
die  Pegierung.  Am  13.  Juni  1916  wurde  der  Liberale
  Hippolito  Irigoyen  zum  Präsidenten  und  Telegio
Lusia  zum  Vizepräsidenten  für  1916—22  gewählt.
Ein  großer  Streik  der  Hafenarbeiter  im  Jan.  1919
führte  in  Buenos  Aires  zur  Terrorisierung  der  Stadt,
worauf  General  del  Lepiane  die  Militärdiktatur  verkündete.
  Der  Kongreß  Eunen  15.  Jan.  dem  Kriegszustand
  zu.  Vgl.  O.  Krause,  A.s  Wirtschaft  während
  des  Weltkrieges  (Berl.  1919);  H.  Waetge,  A.
und  seine  Stellung  in  der  Weltwirtschaft  (das.  1919)
E.  Daenell,  Ringen  der  Weltmächte  um  Mittelund
  Südamerika  (das.  1919).

Arges,.  I.  Nebenfluß  der  Donau  in  Rumänien,
war  30.  Nov.  bis  5.  Dez.  1916  Schauplat  einer  Entscheidungsschlacht,
  die  als  Teilhandlung  der  Schlacht
vor  Bukarest  anzusehen  ist.  Vgl.  Bd.  II,  S.  232f.

Argetoiann,  Führer  der  rumän.  Friedensdelegierten
  in  Bukarest  1918.

Argonnen,  Waldgebirge  in  der  franz.  Landschaft
A.,  das  nach  Westen  in  die  Tiefebene  der  Champagne,
nach  Norden  in  die  Ardennen  übergeht  (vgl.  Bd.  I,
S.  150).  Die  Stellungskämpfe  in  den  A.  waren
äußerst  zähe  und  hartnäckig.  Einzelheiten  s.  Bd.  I,
S.  wt  sowie  III,  S.  100.  (Vgl.  Bd.  J,  S.  254.

„Ariadne-,  Kleiner  deutscher  Kreuzer,  2600  t.

Ari  Burun,  Vorgebirge  an  der  Westküste  der
Halbinsel  Gallipoli,  seit  Frühjahr  1915,  bes.  Ende
Aug.  hart  umkämpft,  bis  die  engl.-franz.  Truppe  von
den  Türken  19.  Dez.  1915  zur  Räumung  ihrer  Stellungen
  ezwungen  wurden.

nsch  El,  ägypt.  Stadt  und  Fort  am  Mittelmeer,
  wurde  10.  Nov.  1914  von  den  Türken,  22.  Dez.
1916  von  den  Engländern  besetzt.

Armeelastzug,  nach  besonderen  Vorschriften  gebaute
  Lastwagen,  die  zusammen  von  einem  Kraftwagen
  gezogen  werden.  Vgl.  Bd.  I,  S.  281f.

rmeemnsikinspizient,  im  Kriege  geschaffener
Dienstgrad  für  den  Leiter  des  deutschen  Militärmusikwesens.
  Erster  A.  wurde  Prof.  Th.  Grawert.

Armeeoberkommando  (M.  O.  K.),  oberste  Kommandobehörde
  einer  Armee;  in  Osterreich=  Ungarn
oberste  Kommandogewalt  des  Heeres:  operierendes
Oberkommando  und  Etappenkommando.

Aemeeseitungen,  s.  gheiegszeitungen.

Armenien,  Hochland  in  Vorderaslen,  etwa  zwei
Drittel  auf  türk.  Boden  (Näheres  s.  Bd.  II,  S.  136f.),
war  im  Weltkrieg  auch  Schauplatz  kriegerischer  Ereignisse;
  vgl.  Bd.  III,  S.  125.  über  die  Rolle  der  armen.
Bestandteile  der  Türkei  s.  Bd.  II,  S.68,  über  die  christliche
  Missionstätigkeit  Bd.  II,  S.  362.  Im  Waffenstillstand
  von  Mudros  wurde  A.  von  der  Türkei  abgetrennt.
Vgl.  Rustem  Bey,  La  guerre  mondiale  et  la  question
  turco-arménienne  (Bern  1918);  J.  Lepsius,
Deutschland  und  A.  1914—1918  (Potsd.  1919).

Armenterra,  etwa  1500  m  hoher  Bergrücken  in
Tirol,  zwischen  Suganer  u.  Sellatal,  4  km  südl.  von
Burgen  (Borgo),  war  Ausgangspunkt  der  Offensive
des  österr.-ungarischen  linken  Flügels  gegen  Italien
am  15.  Mai  1916.  Vgl.  S.  113.

Armentieres,  Stadt  im  franz.  Dep.  Nord,  mit

189

etwa  30000  Einw.,  nordwestlich  von  Lille,  bedeutend
durch  seine  Baumwoll=  u.  Leinenindustrie.  Die  in  der
Umgebung  von  A.  gelegenen  Stellungen  wurden  von
den  Deutschen  dauernd  behauptet.  Bei  der  deutschen
Ofkensive  1918  wurde  A.  den  Engländern  am  11.
April  entrissen,  mußte  aber  am  2.  Okt.  wieder  aufgegeben
  werden.  Vgl.  S.  22  ff.  76,  99.

Trmierung,  die  Ausrilstung  von  Schiffen  und
Festungswerken  mit  Geschützen,  entweder  dauernd
oder  bei  Kriegsgefahr.  Vgl.  Bd.  II,  S.  291.  —  Armierungssoldat,
  zu  Befestigungs.  und  Erdarbeiten
usw.  verwendeter  Soldat  (Schipper),  der  als  arbeitsverwendungsfähige
  bezeichnet  wird.

Armstrongwerke,  von  George  Armstrong  gegründete
  Geschützfabrik  in  Elswick  (Northumberland),
mit  Niederlassungen  in  Italien  und  Indien.

Arnauten,  türk.  Bezeichnung  der  Albanesen,  etwa
1,9  Mill.  Köpfe.  Während  der  Osfensioe  egen  Montenegro
  Januar  1916  schlossen  sich  weelaach  A.  den
österr.-ungar.  Truppen  an  und  hatten  regen  Anteil
an  dem  Vorstoß  gegen  Cetinje.

Arras,  Hauptstadt  des  franz.  Dep.  Pas--de-Calais,
mit  bed.  Spitzenfabrikation.  Von  den  alten  Festungswerken
  war  1914  nur  noch  die  Zitadelle  erhalten.  —
Der  Versuch  der  Franzosen  Sept.  1914,  den  deutschen
  rechten  Lerrestiügel  zu  umgehen,  dehnte  die
Front  bis  nördlich  von  A.  aus.  Die  feindlichen  An.
griffe  Okt.  1914  bis  Ende  Jan.  1915,  Mai  bis  Okt.
1915  und  März  bis  April  1917  wurden  abgeschlagen.
Vgl.  Bd.  I.  S.  221  und  Bd.  III.  S.  12,  84  ff.,  99.

fTefiero,  Marktflecken  der  ital.  Provinz  Vicenza,
wichtiger  Stützpunkt  der  Grenzbefestigung  am  Zusammenstoß
  des  Posina=  und  Asticotales,  wurde  30.
Mai  1916  von  den  Österreichern  genommen,  27.  Juni
1916  wieder  geräumt;  vgl.  S.  113f.

Artige  du  Journet,  d',  franz.  Admiral,  führte
seit  1915  das  Geschwader  an  der  fyr.  Küste  und  war
Okt.  bis  Dez.  1916  Oberbefehlshaber  der  gesamten
Streitkräfte;  er  erzwang  die  Auslieferung  der  griech.
Flotte,  ließ  Athen  besetzen  und  trat  Febr.  1917  zurück.

Artillerie,  s.-Die  Artillerie  im  Kriege-,  S.  152.

Artois,  Landschaft  u.  ehem.  Prov.  (Grafschaft)  im
nordwestl.  Frankreich  (vgl.  Bd.  I,  S.  150),  Schauplatz
geößerer.  Kampfhandlungen  im  Weltkrieg;  vgl.  Bd.  1,

.  221  sowie  Bd.  III,  S.  12fff.,  45,  71.  104.  g  75.

Urztliche  Kriegsbeschädigtenfürsforge,  s.  S.

Arz  von  Strausßzenburg,  Artur,  Freiherr,
österr.ungar.  General,  geb.  16.  Juni  1857  zu  Hermannstadt
  (Nagy-Szeben)  in  Siebenbürgen,  1902
Oberst,  1906  im  Kriegsministerium,  1908  General.
major,  dann  Kommandeur  der  15.  Inf.-Truppendivision,
  1912  Feldmarschalleutnant,  1913  Sektionschef
  um  Kriegsministerium.  Aug.  1914  wurde  A.
wieder  Führer  der  15.  Infanteriedivision,  Okt.  des
6.  Korps.  1915  General  der  Infanterie,  kämpfte  A.
zumeist  unter  deutschem  Oberbefehl  (Mackensen)  und
hat  an  der  großen  Maioffensive  sowie  an  den  Verfolgungskämpfen
  in  Russ.-Polen  1915  hervorragenden
  Anteil,  namentlich  bei  der  Eimnahme  von  Brest
Litowst.  Aug.  1916  wurde  A.  Oberbefehlshaber  der
1.  Armee  in  Siebenbürgen  und  bereitete  als  Chef  des
österr.-  ungar.  Generalstabes  (seit  März  1917)  die
12.  Jionzischlache  vor.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  181.

Aseptik,  s.-Kriegschirurgie-,  Bd.  II,  S.  300.

Aserbeidschan,  nordwestlichste  Provinz  Persiens,
mit  der  Hauptstadt  Täbris.  Dez.  1914  ergriffen  die
Russen  von  A.  aus,  an  der  Grenze  des  Wilajets  Wan,
die  Offensive  gegen  türk.  Gebiet.  Der  türk.  Gegen-
        <pb n="214" />
        190

angriff  führte  zum  Rückzug  der  Russen  und  zur  Besetzung
  des  wichtigen  russ.  Stützpunktes  Saudschpulac,
  nach  dessen  Einnahme  die  Türken  mit  pers.
Kurden  den  größten  Teil  der  Provinz  A.  besetzten.
Die  besonders  Mitte  Jan.  1915  hartnäckigen  Kämpfe
wangen  die  Russen  zum  Rückzug  nach  ihrem  letzten
Bustuchtzort  Choi.

Afiago-  Zentralpunkt  der  ital.  Grenzbefestigung
in  den  Sieben  Gemeinden,  wurde  30.  Mai  1916  von
den  Osterreichern  genommen,  25.  Juni  geräumt,  aber
10.  Nov.  1917  von  der  Armee  Conrad  wieder  erobert.
Nach  erfolgreichen  Angriffen  brit.-franz.  Truppen
auf  der  Hochebene  von  A.  (8.,  9.  u.  24.  Aug.,  5.  u.
12.  Okt.  1918)  setzte  hier  24.  Okt.  der  Hauptangriff
der  6.  ital.  Armee  ein,  der  29.  Okt.  die  österr.-ungar.
Truppen  zur  Räumung  des  Hochplateaus  zwang.
Bgl.  S.  113f.  u.  118.

Asienkorps,  2.  Juli  1917  unter  General  v.  Falkenhayn
  aufgestellte  Armeegruppe,  ursprünglich  zur  Befreiung
  Bagdadsbestimmt,  dann  aberin  WMaästna  einesetzt,

  seit  Frühjahr  1918  unter  dem  Oberbefehl  des
enerals  Liman  v.  Sanders.  Nach  dem  Zusammenbruch
  der  türk.  Armee  in  Syrien  leistete  das  A.  heldenhaften
  Widerstand  und  setzte  seinen  Rückmarsch  unter
unsäglichen  Schwierigkeiten  bis  Konstantinopel  fort,
von  wo  es  auf  Ententeschiffen  Frühjahr  1919  nach
Deutschland  abtransportiert  wurde.  Die  ehemal.  An-Ahorigen
  schlossen  sich  1919  in  einem  Bund  der
ienkämpfer-zusammen.  Vgl.  Simon-Eberhard,
Mit  dem  A.  zur  Palästinafront  (BVerl.  1919).

Asguith  Herbert  Henry,  engl.  Staatsmann,
geb.  12.  Sept.  1852  in  Morley  (England),  Rechtsanwalt,
  1892—95  Minister  des  Innern  unter  Rosebery,
  dann  wieder  Rechtsanwalt,  1905—08  Schatzkanzler,
  wurde  1908  Premierminister  u.  Erster  Lord
des  Schatzamts,  1914  außerdem  bis  zum  6.  Aug.
Kriegsminister,  trat  6.  Dez.  1916  zurück  und  übernahm
  (bis  1918  u.  seit  Febr.  1920)  die  Führung  der
Liberalen  im  Unterhaus.—  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  175.

Assa,  linker  Nebenfluß  des  Astico  (Astach)  in  den
Sieben  Gemeinden,  mit  dem  Assatal  (Vald'Assa),
eine  der  Einbruchsstellen  in  der  österr.-ungar.  Maioffensive
  1916.

Associated  Press,  s.  Bd.  I.  S.  374.

Astach  (ital.  Astico),  größerer  Quellfluß  des  Bachiglione,
  auf  der  Hochebene  von  Lafraun.  Sein  Oberlauf
  (Val  Astico)  war  Haupteinbruchsstelle  in  die
Sieben  Gemeinden  bei  der  österr.  Maioffensive  1916.

Astverhau,  Wegsperre  aus  gefällten  dünnen  Bäumen,
  die  mit  Latten  und  Haken  am  Boden  befestigt
und  mit  Draht  verflochten  werden.

Athen,  Hauptstadt  von  Griechenland,  24.  Juni
1917  von  engl.-franz.  Truppen  besetzt;  vgl.  auch  Grie-Aihiopien,

  Königreich,  s.  Abessinien.  (chenland.

Auberive,  Gemeinde  im  franz.  Dep.  Marne,  an
der  Suippe,  Herbst  1915  viel  umkämpft.  Vgl.  S.  86.

„Audacious",  engl.  Linienschiff,  27000t,  dasam
27.  Okt.  1915  an  der  Nordküste  Irlands  durch  eine
deutsche  Mine  vernichtet  wurde;  vgl.  Bd.  I,  S.  257.

Auffenberg,  Moritz,  Freiherrvon,  österr.-un-#r
  Heerführer,  geb.  22.  Mal  1852  in  Troppau,  1892

berst,  1905  Feldmarschalleutnant,  führte  1906—11
das  15.  Armeekorps  u.  trat  1912  zurück;  zu  Beginn
des  Krieges  Führer  der  4.  Armee  (Sieg  bei  Zamose-Komarêm,
  daher  A.-Komaroy),  nahm  Okt.  1914  seinen
  Abschied.  A.  schrieb  =  Aus  Osterr.-Ung.  Teilnahme
am  Weltkriege  (Berl.  1920).—  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  47.

Aufklärnng,  Ermittlung  der  Versammlungsorte

Asiago  —  Auslandspresse

und  der  Bewegungen  der  feindlichen  Truppen;  val.
„Gefechtstaktik  im  Landkrieg-,  S.  147,  u.  Nachrichtenwesen-,
  S.  164  f.  Über  die  Verwendung  von  Fluggeugen
  zur  A.  s.  .  Luftkrieg-,  S.  156.—  orich  che

und  A.soffiziere,  s.  Vaterländischer  Unterricht.
Vgl.  W.  Nicolai,  Nachrichtendienst,  Presse  u.  Volksstimmung
  im  Weltkrieg  (Berl.  1920).

Aufrollen,  entweder  durch  Flankenangriff  oder
durch  Durchstoßen  der  feindlichen  Front  die  angrenzenden
  Stellungen  unhaltbar  machen,  führt  bei  vollem
Erfolg  vom  Siellungskrieg  zur  Feldschlacht.

Aufsatz,  Visiereinrichtung  für  Geschüze,  jetzt  meist
miteinem  Fernrohr  ausgestattet  Fernrohraufsatz).

Aufschkagzünder,  »Artillerie  im  Kriege-,  S.  152.

„Augsburg.,  Kleiner  deutscher  Kreuzer,  4350  t;
vgl.  Bd.  J,  S.  262.

Auguste  Viktoria,  bis  Nov.  1918  deutsche  Kaiserin
  und  Königin  von  Preußen,  geb.  22.  Okt.  1858
in  Dolzig,  vermählt  27.  Febr.  1881,  führte  das  Protektorat
  über  den  Vaterländ.  Frauenverein,  das  Zentralkomitee
  der  deutschen  Vereine  vom  Roten  Kreuz.
den  Evang.-krchl.  Hilfsverein  für  Armen--  u.  Kranken.
pflege,  den  Evang.  Kirchenbauverein  für  Berlin  u.  a.
Am  6.  Aug.  1914  richtete  sie  einen  Aufruf  an  die  deutschen
  Frauen  zu  werktätiger  Kriegshilfe  und  unterstützte
tatkräftig  die  Fürsorgebestrebungen.  November  1918
ging  sie  mit  ihrem  Gemahl  nach  Amerongen.

Augustowoo),  Kreisstadt  im  westruss.  Gouv.  Suwalki,
  am  A.-Kanal,  spielte  in  den  Kämpfen  Winter
1914/15  eine  große  Rolle;  vgl.  Bd.  I,  S.  198  u.  202.

Ausbläser,  eine  beim  Schuß  unversehrt  gebliebene
Schrapnellhülle,  kommt  namentlich  da  vor,  wo  Geschütze
  mit  großer  Anfangsgeschwindigkeit  und  hohem
Gasdruck  feuern.

Ausländer.  Die  Rechtsstellung  feindlicher  A.
wurde  zuerst  von  England  durch  Erlaß  von  Zahlungs-
  und  Handelsverboten,  Zwangsliquidation
ihrer  Unternehmungen,  Internierung,  Vermögenskonfiskation
  und  Zwangsverwaltung  außerordentlich
eingeschränkt;  Frankreich  und  Rußland  schlossen  sich
an,  Deutschland  und  OÖsterreich-Ungarn  ergriffen  Repressipmaßnahmen
  gleicher  Art.  Die  übrigen  in  den
Krieg  eintretenden  Staaten  folgten.  Vgl.  auch  Kriegsverschollenheit.
  —  Gegen  die  Ausländerei  im
deutschen  Wesen  setzten  im  Kriege  Bestrebungen  bes.
auf  religiösem  und  sprachlichem  Gebiete  ein,  deren
Anfangberfolge  aber  mit  der  Zeit  nachließen;  vgl.
hierüber  Bd.  1.,  S.  324  und  352f.

Auslandsdeutsche,  s.  Deutschtum  im  Auslande.

„Auslandskunde-,  in  Berlin  1918  gegründeter,
  aus  der  1915  gegr.  Auskunftsstelle  Vereinigter
Verbände  hervorgegangener  Verein  zur  Förderung
der  A.  (Vors.  Poensgen).  —  Eine  Denkschrift  über
die  Förderung  der  Auslandsstudien  gab  1917  das
preuß.  Kultusministerium  heraus  (vgl.  Intern.  Monatsschr.
  f.  Wiss.,  Kunst  u.  Techn.,  11.  Jahrg.,  Nr.  5).

Auslandsmoratorium,  für  die  vor  dem  Kriege
gegen  feindliche  Ausländer  eingegangenen  Verpfiich
tungen  im  Anschluß  an  das  deutsche  Hohlungsperbot
vom  30.  Sept.  1914  (Österreich-Ungarn  22.Okt.  1914)
festgelehuer  ahlungsaufschub  ohne  Zinsenpflicht.

uslandspresse.  Um  den  Nachrichtenbureaus.
und  Zeitungen  beachtenswerte  politische  und  wirtschaftliche
  Aufsätze  der  A.  schnell  zugänglich  zu  machen,
gab  die  Abteilung  „Fremde  Presse  des  Kriegspresseamts
  (s.  d.)  täglich  bzw.  halbwöchig  -Nachrichten  der
A.,  heraus  (vgl.  auch  Bd.  l,  S.  352),  die  unter  Einhaltung
  der  Zensurbeschränkungen  benutztwerden  durften.
        <pb n="215" />
        Ausmanövrieren  —  Baden

Ansmanövrieren,  in  der  Seeschlacht  den  Gegner
  durch  überraschende  Schistgbewegun  en  in  unhünstige
  Stellung  bringen.  Vgl.  Bd.  J,  S.  291.

Sstoßrohr,  sow.  Lancierrohr.

Australien.  In  A  war  seit  1900  der  imperialistische
  Gedanke  zum  Durchbruch  gekommen,  die  Einrung

  der  allgemeinen  Wehrpflicht  scheiterte  aber
am  Widerstand  der  Arbeiterpartei,  die  bei  den  Wahlen
1915  die  Mehrheit  gewann;  doch  blieb  Ministerpräsident
  Hughes  der  lauteste  Vertreter  des  britischen  Imperialismus.
  Er  löste  1917  wegen  der  Wehrpflichtbill
das  Parlament  auf  und  gewann  bei  den  Neuwahlen
die  J  die  herbeigeführte  Bolksabstimmun
Fprach  sich  jedoch  Lehen  die  Wehrpflicht  aus,  worau
8.  Jan.  1918  der  Arbeiterführer  Tudor  das  Ministerpräsidium
  übernahm.  A.  besetzte  bei  Khiegsenöbrach

emeinsam  mit  Japan  die  deutschen  Südseebesitzungen,
teiligte  sich  mit  zuletzt  270000  Mann  am  Kriege  in
Europa  (43000  Tote)  und  trat  mit  besonderer  Schärfe
rücksichtslose  Führung  des  Wirtschaftskrieges  und

nnexion  der  deutschen  Kolonien  ein.  —  Vgl.  Bd.  D,
S.  46  f.;  ferner  A.  Manes,  Australische  Politik  vor
und  in  dem  Eelttrieg  (Dresd.  1918).

Antomobil,  s.  Bd.  I,  S.  279ff.

Antomobilkorps,  Freiwilliges,  bestand  aus
Mitgliedern  des  Kaiserl.  Automobilklubs  und  ähnlicher
Vereinigungen.  Die  Mitglieder  nahmen  in  eigenen
Kraftwagen  am  Kriege  teil  und  besaßen  Offtziersang.

Auzza,  Dorf  in  der  Grafsch.  Görz,  4  km  nordöstl.
von  Canale,  am  I.  Ufer  des  Isonzo,  wurde  in  der  11.
Isonzoschlacht  von  den  Italienern  erobert,  in  der  12.
von  der  14.  deutschen  Armee  (Below)  zurückgewonnen.

191

av.,  militär.  Abk.  für  arbeilsverwendungsfähig.

Avala,  565  m  hoher  Bergrücken  in  Serbien,  15  km
südlich  von  Belgrad,  wurde  14.—16.  Okt.  1915  von
den  Verbündeten  erobert.

Avarnadi  Galtieri,  Giuseppe  Herzog  d,  gest.
31.  März  1916,  1904—15  ital.  Botschafter  in  W

Averescu,  rumän.  Heerführer,  fiel  August  1916
mit  der  2.  Armee  in  Siebenbürgen  ein,  erhielt  Sept.
das  Kommando  an  der  Dobrudschafront,  nach  der
Schlacht  bei  Hermannstadt  wieder  den  Oberbefehl  über
die  2.  Armee,  im  Dez.  über  die  gesamten  rumän.  Streitkräfte,
  W  Ende  Juli  1917  die  Offensive  gegen  die
deutsche  Gruppe  Gerok  und  hielt  gegen  Erzherzog
Joseph  zähe  stand  (Aug.  1917).  Nach  dem  Waffenstillstand
  von  Fokschani  trat  A.  zurück  und  war  Febr.  bis

ärz  1918  Ministerpräsident.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

AUviatik,  Flugwesen.

Avocourt,  franz.  Dorf  bei  Verdun.  Der  Waldb
von  A.  wurde  Mitte  März  1916  von  den  Deutschen
genommen,  im  Au  r  wieder  aufgegeben.

Avre,  l.  Nebenft#  der  Somme,  mündet  oberhalb
Amiens.  Das  Gebiet  der  A.  war  Mai  und  August
1918  heftig  umkämpft;  vgl.  S.  22.

„Ayesha-,  Dreimast-Gaffelschoner,  wurde  von
dem  Landungskorps  der  »Emden«  (s.  d.)  9.  Nov.
1914  bei  den  Kokosinseln  beschlagnahmt,  zum  Hilfskreuzer
  ausgerüstet  und  nach  Übertritt  der  Besatzung
auf  den  deutschen  Dampfer-Choising=  versenkt;  s.  auch
Bd.  L,  S.  271.  Vgl.  v.  Mücke,  Ayesha  (Berl.  1915).

Az,  „Abkürzung  für  Aufschlagzünder,  s.  Zünder.

Azoren,  portug.  Inseln  im  Atlant.  Ozean,  wurden
Okt.  1918  von  den  Amerikanern  militärisch  besetzt.

B

Baba  Ludowa,  s.  Ludowa-Höhe.

Babunapaß,  wichtiger  Gebirgslbergang  in  Serbien
  zwischen  Veles  und  Prilep,  wurde  16.—19.  Nov.
1915  von  Teilen  der  Armee  Gallwitz  und  der  2.  bular.

  Armee  erobert.

Baden  (deulscher  Bundesstaat).  Schon  vor
dem  Kriege  war  auch  in  B.  die  Frage  einer=  Neuorientierung=
  aufgetreten;  die  Zweite  Kammer  sprach  sich
19.  Mai  1914  für  Einführung  der  Verhältniswahl  aus.
Als  die  Erste  Kammer  18.  Juni  nur  einer  Einfühumg
  der  Verhältniswahl  in  den  drei  großen  Städden
  1“#  widersprach  die  Regierung  nicht.  Dartber
  hinaus  gedieh  die  Frage  zunächst  nicht.  1916
nahm  die  Regierung  einen  ihr  von  der  Kammer  angetragenen
  parlamentarischen  Beirat  von  acht  Mitgliedern
  zur  Mitarbeit  an.  Aus  der  Galegebume  sind

u  erwähnen:  Wiederherstellung  der  Gesandtschaft  in
nchen  (1914),  Förderung  des  Kleinwohnungsbaues
  (1914  und  1917)  und  die  Bewilligung  einer
Unterstützung  der  Gemeinden  bei  der  Einführung  der
Arbeitslosenversicherung  mit  200000  Mk.  aus  Staatsmitteln
  (1914)  sowie  die  Neugestaltung  des  Fortbildungsschulwesens
  (1917).  Die  Kriegsmaßnahmen
entsprachen  denen  der  übrigen  Bundesstaaten:  1914
wurde  die  Regierung  zum  Erlaß  von  provisorischen
Gesetzen  ermächtigt,  1915  ein  Landespreisamt  errichtet,
  1916  wurden  die  Lebensmittelkarten  eingeführt,
1917  die  Gewährung  von  —  Errichtung
  von  Mittelstandshilfskassen,  Verkauf  und  Zertrümmerung
  landwirtschaftlicher  Güter,  Verleihung
des  Bürgerrechts  an  Kriegswitwen,  Mandatsverlängerungen

  usw.  geregelt.  —  Am  22.  Dez.  1917  trat  der
Staatsminister-(Ministerpräsident)  v.  Dusch  zurück;
das  Ministerpräsidium  übernahm  der  Minister  des
Innern  Freiherr  v.  Bodman.

Oktober  1918  wurde  unter  den  Parteiführern  Einigkeit
  über  die  Verfassungsreform  erzielt.  Der  GEroß
herzog  stellte  14.  Nov.  den  Sozialdemokraten  Geiß  an
die  Spitze  des  Ministeriums  und  verzichtete  am  23.  Nov.
für  sich,  den  Prinzen  Max  und  dessen  Nachkommen
auf  die  Krone.  Die  vorläusige  Regierung  betraute
eine  Kommission  unter  Oberlandesgerichtspräsident
Zehnter  (Zentrum)  mit  der  Ausarbeitung  einer  Verfassung.
  Januar  1919  wurden  zur  Landesversammlung
  6  Deutschnationale.  40  Zentrumsmitglieder,  25
Demokraten  und  36  Sozialdemokraten  gewählt.  Durch
Volksabstimmung  wurden  13.  April  die  von  der  Landesversammlung
  angenommene  Verfassung  und  die
Umwandlung  der  Landesversammlung  in  einen  ordentlichen
  Landtag  mit  Geltungsdauer  bis  15.  Okt.
1921  gebilligt.  Eine  Landesversammlung  der  A.=  u.
S.-Räte  in  Durlach  7.  Mai  lehnte  eine  Rätediktatur
ab;  eine  weitere  beschloß  19.  Aug.  Auflösung  der
Arbeiterräte  und  Einführung  der  Betriebsräte  und
Volkssekretariate.

B.  wurde  im  Kriege  sehr  häufig  und  hart  von  feindlichen
  Fliegern  heimgesucht,  vor  allem  Freiburg
8.  April  1915,  22.  Juni  1916  (Fronleichnam!),

arlsruhe  (15.  Juni  1915,  22.  Juni  1916  (Fronleichnam;
  257  Opfer!l,  22.  Aug.  1918  (Jahrhundertfeierl),
  Donaueschingen  (29.  Juli,  13.  Sept.  1915),
Mannheim  (24.  Dez.  1917)  usw.

r
        <pb n="216" />
        192

Bäder  wurden  an  vielen  Stellen  hinter  der  Front
geschaffen,  ortfest  in  Schulen,  Wäschereien,  verlassenen
Brauereien  u.  a.  oder  verschiebbar  in  Badewagen
mit  Tierbespannung,  in  Badeautos  (pgl.  Bd.  I,
S.  283)  und  in  Form  ganzer  Bäderzüge.  Auch
errichtete  man  Badebaracken,  für  die  eine  Lokomobile
  Warmwasser  bereitete  und  beim  Transport  die  auf
Wagen  verladenen  Zeltbahnen  für  ein  Ba  dezelt  fortschaffte.
  Vgl.  „  Gesundheitsdienst  im  Krieger,  Bd.  I,
S.  303  ff.  und  -Seuchenbekämpfunge,  Bd.  II.  S.  30  ff.

Badouviller,  Ort  im  franz.  Dep.  Meurthe-et-Moselle,
  südöstlich  von  Lunecville.  —  Der  deutsche
Angriff  erreichte  Ende  Febr.  1915  das  Gelände  zwischen
  Verdinal  und  Brémenil  östlich  von  B.,  wobei
die  deutsche  Front  in  20  km  Vreite  etwa  8  km  vorgetragen
  wurde.  Vom  23.  Aug.  bis  Mitte  Sept.  1914
war  B.  vom  21.  deutschen  Armeekorps  besetzt.

Bagdad,  Hauptstadt  des  Wilajets  B.  in  der  asiat.
Türkei,  am  Tigris,  wichtiger  Handelsplatz  an  der
Bagdadbahn,  Hauptsammelpunkt  der  türk.  Truppen
im  Nov.  1914.  Nachdem  General  Townshend  Nov.
1915  bis  30  km  südlich  von  B.  vorgedrungen  war,
brachten  die  Türken  den  engl.  Vormarsch  zum  Stehen
und  zwangen  die  Engländer  durch  den  Sieg  bei  Ktesiphon
  zum  Rüchug  Bei  dem  erneuten  Vordringen
(vgl.  Karte  in  Bd.  II  bei  S.  203)  wurde  B.  11.  März
1917  von  den  Engländern  genommen.  Vgl.  S.  128.

Baiburt,  türk.  Stadt  im  Wilajet  Erzerum  (Armenien),
  Juli  1916  von  den  Russen  besetzt,  19.  Febr.
1918  von  den  Türken  wiedergewonnen.

Bailleul,  Stadt  im  franz.  Dep.  Nord,  am  16.
April  1918  von  den  Deutschen  besetzt;  vgl.  S.  25.

Bainsizza-Heiligengeist,  Hochebene  in  derösterr.
Grafschaft  Görz,  wurde  in  ihrem  westl.  Teil  von  den
Italienern  in  der  11.  Isonzoschlacht  erobert,  von  den
österr.-ungar.  Truppen  in  der  12.  zurückgewonnen.
Vgl.  S.  110.

Baker,  Newton  Diehl,  amerikan.  Staatsmann,
geb.  1870  im  Staate  Virginia,  Rechtsanwalt,  bis  1915
städt.  Oberanwalt  (Bürgermeister)  von  Cleveland,
unterstiltzte  Wilson  bei  der  Präsidentenwahl  u.  wurde
als  dessen  Schüdling  Kär  1916  Wiegsnnsster.

Bakteriologie,  Lehre  von  den  Bakterien  (Spaltpilzen),
  insbes.  von  den  Krankheiten  verursachenden
UArten,  kam  im  Kriege  zu  besonderer  Bedeutung.  Bakteriolog.
  Laboratorien  wurden  an  größeren  Etappenorten
  errichtet;  auch  begleiteten  transportable  Laboratorien
  die  Heeresteile.  Vgl.  Bd.  I,  S.  283  u.  304
und  Bd.  II,  S.  307.

Bakn,  russ.  Gouv.-Hauptstadt  in  Transkaukasien,
HKandebz=  und  Kriegshafen  am  Kaspischen  Meer,  wurde

nde  Mai  1918  von  den  Engländern  besetzt.

Balfour,  Arthur  James,  brit.  Staatsmann,

eb.  25.  Juli  1848  in  Schottland,  1887  erster  Staatsekretär
  für  Irland,  1892—95  Führer  der  Opposition,
1895—1906  Erster  Lord  des  Schatzamts,  1902  Ministerpräsident,
  1915  Erster  Lord  der  Admiralität  und
Witg  des  Kriegskabinetts,  Dez.  1916  Staatssekretär
des  Auswärtigen,  27.  Okt.  1919  Präsident  des  Geh.
Rats.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Balkau.  Die  Probleme  des  Balkans,  wie  sie  si
während  des  Krieges  darstellten,  und  die  Aussichten,

die  sie  im  Hinblick  auf  einen  für  Deutschland  günstigen  S

Ausgang  boten,  sind  in  Bd.  II,  S.  ö7  ff.  ausführlich
dargelegt.  Die  Schlußfolgerungen  für  das  Deutsche
Reich  (S.  61)  bedürfen  nach  der  Niederlage  Deutschlands
  wesentlicher  Anderungen,  die  heute  noch  nicht
abzusehen  sind.  Die  Umgestaltung  durch  die  Balkanch

  Aug.  1915  die  schiffprüchige

Bäder  —  Baranowitschi

kriege  ist  Bd.  1I.  S.  56  f.  u.  Bd.  II,  S.  69  u.  78ff.  geschildert.
  —  Juli  1917  tagte  eine  Konferenz  der
Ententestaaten  über  die  Balkanfragen.

.  Balkanzeitung,  von  April  1917  bis  Oktober  1918
in  Sofia  herausgegebene  deutsche  Zeitung  (Herausgeber
  Kurt  kn

Balkanzug,  Schnellzug  zwischen  Berlin  und  Konstantinopel,
  verkehrte  vom  nan  1916  bis  Septem
ber  1918  zweimal  wöchentlich  in  72  Stunden.

Ballistit,  s.-Schieß  und  Sprengstoffe-,  S.  171.

Ballonabwehrgeschütze,  veraltete  Bezeichnung
für  hastabehrpeschüfe

Ballonett,  bei  Luftballonen  und  unstarren  Luftschiffen
  ein  kleiner,  innerhalb  der  großen  Außenhülle
untergebrachter  Ballon,  in  den  man  Luft  hineinpreßt,
um  den  allmählich  eintretenden  Gasverlust  des  großen
  Ballons  auszugleichen  und  Einbeulungen  der
Außenhülle  zu  verhindern.

Balten.  über  die  geschichtl.  kulturelle  und  wirtschaftl.
  Entwicklung  s.  »  Die  deutschen  Ostseeprovinzene,
Bd.  I.  S.  84  f.,  ferner  auch  S.  43  (Deutschtum),  75
Golit.),  155  (ethnograph.).  Vgl.-Baltische  Studien-(Stettin,
  bis  1919  21  Bde.).  Zur  Kriegsliteratur  der
B.  f.  Bd.  II,  S.  387.  —  Die  Bestrebungen  zwecks  Ansiedlung
  Deutscher  im  baltischen  Gebiet  fanden  große
Labechohung  seitens  der  Deutsch-baltischen  Gesellschaft,
  die  15.  Mai  1917  unier  Vorsitz  des  Here9
  Joh.  Albrecht  zu  Mecklenburg  gegründet  wurde.

n  in  die  Baltische  Landeswehr-,  die  -Eiserne  Brigadee
  und  andere  Freiwilligenformationen  eintreten.
den  deutschen  Soldaten  versorach  die  lettische  Landes.
regierung  1919  Bürger-  und  Siedlungsrecht.  Als
sie  im  August  ihr  Versprechen  nicht  einlöste,  verweigerten
  die  deutschen  Truppen  unter  Graf  v.  d.  Goltz
ihren  von  der  Entente  gewünschten  Abtransport.  Dieser
  erfolgte  schließlich  im  Nov.  1919.

Baltschik,  bulgar.  Hafenstadt  am  Schwarzen  Meer.
Der  Kreis  B.  wurde  im  Bukarester  Frieden  1913  an
Rumänien  abgetreten.  Am  5.  Sept.  1916  wurde  die
Stadt  von  bulgar.  Truppen  zurückerobert.

Ban  de  Sapt,  Vogesengemeinde,  Sept.  1914  bis
Juli  1915  hart  umkämpft.  Die  von  den  Franzosen
tark  ausgebaute  „Höhe  631.  wurde  22.  Juni  von

en  Deutschen  erobert  und  gehalten,  bis  starke  übermacht
  sie  am  8.  Juli  zur  Räumung  zwang.

Bapanme,  Stadtundchemalige  Festung  im  fron
Dep.  Pas-de-Calais.  Am  25.  Sept.  1914  wurde  ein

ewaltiger  Vorstoß  der  Franzosen  auf  B.  zurückgewor.
Fa.  Dann  spielte  B.  bes.  in  der  Sommeschlacht  Juli
bis  Nov.  1916  eine  Rolle  (vgl.  Bd.  II,  S.  218),  wurde
17.  März  1917  auf  dem  blusschen  Rückzug  (vgl.  S.  84)
geräumt,  kam  bei  der  großen  deutschen  Offensive  1918
8  S.  21)  am  24.  März  wieder  in  deutschen  Beitz,
  mußte  aber  am  28.  Aug.  endgültig  aufgegeben
werden  (vgl.  S.  104).

Baracke,  eingeschossiges  Gebäude  aus  Brettern,
Gipsdielen,  Wellblech  oder  mit  Gewebe  (Leinwand,
Jute)  bekleideten  Gerüsten,  dient  zu  Lazaretten,  Verbandsräumen,
  für  die  Unterkunft  von  Truppen  usw.

„Baralong-,  englischer  Hilsstreuzer.  der  am  19.

satzung  des  deutschen
»U  nach  dessen  Versenkung  erschoß.  Vgl.  Bd.  II,
24

Baranowitschi,  Ort  im  russ.  Gouv.  Minft,  wichtiger
  Eisenbahnknoten,  wurde  22.  Sept.  1915  von
den  Deutschen  besetzt.  Zu  den  Kämpfen  im  Rahmen
der  russ.  Offensive  im  Sommer  1916  vgl.  Bd.  II.  S.
208  ff.  Am  23.  April  1919  rückten  die  Polen  in  B.  ein.
        <pb n="217" />
        Baratoff  —  Bayern

Baratoff,  Fürst,  russ.  General,  seit  Okt.  1916
russ.  Befehlohaber  in  Persien.  (verkehr.

J  Zahlungsverkehr,  s.  Zahlungs-Bari

  (B.  delle  Puglie),  befestigte  ital.  Hafenstadt
  am  Adriatischen  Meer,  wurde  19.  Juni  1915  von
der  österr.-ungar.  Flotte  erfolgreich  beschossen.

Barletta,  südital.  Kreisstadt  am  Adriat.  Meer,
nahe  der  Ofantomündung,  wurde  von  den  Osterreichern
  in  der  Nacht  vom  23.  zum  24.  Mai  1915  erfolgreich
  beschossen.  Vgl.  Bd.  I,  S.  251  (24.  Mai).

Barleux,  franz.  Dorf  südl.  von  Péronne,  das  in
der  Sommeschlacht  1916  heftig  umkämpft  wurde;
vgl.  Bd.  II,  S.  214f.

Barrenkopf,  Berg  in  den  Vogesen,  nördlich  von
Münster,  war  seit  Mitte  Febr.  1915  heiß  umstritten.
Im  Juli  1915  entspannen  sich  Nahkämpfe  um  die
Kammlinie,  die  3l-  Aug-  in  deutschen  Besitz  kam.  Vgl.
Münster  sowie  Bd.  I,  S.  204.

Barreds,  Maurice,  franz.  Schriftsteller  u.  Politiker,
  geb.  1862  in  Charmes  (Frz.-Lothringen),  schrieb
die  Trilogie  Le  roman  de  I’énergie  nationalee  u.  a.,
wurde  Juli  1914  Präsident  der  Patriotenliga  und  war
im  Kriege  einer  der  größten  Deutschenhetzer  (glänzend
geschriebene  Kriegsbetrachtungen  im  „Echo  de  Parise,
als  Buch  „L'Ame  française  et  la  guerre.).

Barrett,  Sir  Arthur  Arnold,  engl.  General,
geb.  3.  Juni  1857,  1909—12  Generaladjutant  in  Indien,
  1911  Generalleutnant,  hatte  Oktober  1914  bis
April  1915  den  Oberbefehl  über  die  indischen  und
englischen  Landungstruppen  im  Irak  inne.

artenwerffer,  von,  deutscher  General,  war
1914—18  Chef  der  politischen  Abteilung  des  Großen
Hauptauartiers.

Barthel,  Max,  Kriegsdichter,  geb.  17.  Nov.  1893
in  Loschwitz  bei  Dresden,  schrieb  -Verse  aus  den  Argonnen=
  (Jena  1916);  Freiheit!e  (das.  1916).

Barthon,  Léon,  franz.  Staatsmann,  geb.  25.
Aug.  1862  in  Oloron--Sainte-Marie,  gemäßigter  Republikaner,
  seit  1889  Deputierter,  im  Kabinett  Méline
Minister  des  Innern,  1894  Minister  der  öffentl.  Arbeiten,
  setzte  1913  das  Gesetz  der  dreijährigen  Dienstzeit
  durch,  inszenierte  1914  die  Verleumdungsfehde
gegen  Caillaux  und  war  1919  Vorsitzender  des  Frieensausschusses

  der  Kammer.

Barzilai  (eig.  Bürzel),  Salvatore,  ital.  Politiker
  und  Journalist  jüd.  Herkunft,  geb.  5.  Juli  1860
in  Triest,  gest.  Mitte  Mai  1919,  als  Redakteur  der
„Tribuna=  in  Deutschland,  England  und  Frankreich
tätig,  wurde  15.  Juli  1915  Minister  der  »unerlösten
Provinzene  (vgl.  Irredenta,  Bd.  II,  S.  34  ff.).

Basra  (Bassora),  türk.  Handelsstadt,  Endpunkt
einer  Zweigbahn  der  Bagdadbahn,  wurde  am  22.
Nov.  1914  von  den  Engländern  besetzt.

Batocki-Friebe,  Adolf  Tortilowicz  von,
deutscher  Stantsmann,  geb.  81.  Juli  1868  in  Bledau,
1900  Landrat  des  Kr.  Fischhausen,  seit  1910  Vertreter
des  Landschaftsbezirks  Samland  im  preuß.  Herrenhaus,
  Präs.  der  Landwirtschaftskammer,  17.  Sept.
1914  bis  1916Oberpräs.  von  Ostpreußen,  war  22.  Mai
1916  bis  5.  Aug.  1917  Präs.  des  Kriegsernährungsamtes
  und  Jan.  1918  bis  Anfang  1919  wieder  Oberpräs.,
  seit  Ende  1919  Honorarprofessor  an  der  Universität
  Königsberg.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  251.

Battenberg,  Ludwig  Alexander,  Prinz
von,  engl.  Admiral,  geb.  24.  Mai  1854  in  Graz  als
Sohn  des  Frinzen  Alesander  von  Hessen,  1911  Zweiter,
  1912  —14  Erster  Seelord.

Batum,  Hauptstadt  und  Festung  im  russisch-kaukas.

Der  Krieg  1914/19.  III.

193

Gouv.  Kutais,  am  Schwarzen  Meer,  bed.  Petroleumausfuhrplatz,
  wurde  nach  mehrfachen  Angriffen
10.  Dez.  1914  von  türk.  Seestreitkräften  in  Brand
geschossen  und  14.  April  1918  von  den  Türken  besetzt.

Bauer,  10  Gustav.ozialdem  Bolitker  geb.  .  Jan.
1870  in  Darkehmen  (Ostpr.),  seit  1893  Bureauvorsteher
  eines  Rechtsanwalts,  1903—08  Sekretär  des
Zentralarbeitersekretariats  in  Berlin,  1908  2.  Vors.
der  Generalkommission  der  Gewerkschaften  Deutsch
lands,  seit  1912  im  Reichstag,  wurde  5.  Okt.  1918
Staatssekretär  des  Reichsarbeitsamts,  Febr.  1919
Reichsarbeitsminister,  21.  Juni  Ministerpräsident,
13.  Aug.  Reichskanzler  u.  27.  März  1920  Reichsschatzminister.
  —  2)  Max,  Oberst,  leitete  als  artilleristischer
Beirat  der  Heeresgruppe  Krondrins  die  Offensive  1918,
war  März  1920  am  Putsch  Kapps  beteiligt  und  schrieb:
»Der  Irrwahn  des  Verständigungsfriedens.  (Berl.
1919).  —  3)  Otto,  sozialdem.  Politiker,  s.  Osterreich.

Baukunst.  über  die  B.  im  Kieges.  Bd.  I,  S.344.

Baumverhau,  Hindernis  im  Waldgelände,  hergestellt
  durch  Umschlagen  von  Bäumen,  so  daß  sie  noch
am  Stammende  hängen.

Baumwolle.  Vgl.  Bd.  II.  S.  351  und  435  sowie
»Ersatzfaserstoffe«,  Bd.  III,  S.  178  ff.

Bayern.  1)  Kriegszeit.  Nach  Hertling  wurde
16.  Nov.  1917  Kabinettschef  v.  Dandl  Ministerpräsident
  u.  Minister  des  Außern.  Am  b.  Okt.  1916  starb
der  Präsident  der  Abgeordnetenkammer  v.  Orterer,
der  »ungekrönte  König  von  B.-;  wenige  Tage  darauf,
11.  Okt.  1916,  der  1913  des  Thrones  für  verlustig  erllärte
  König  Otto  1  1848)  zu  Fürstenried.  —  Auch
in  B.  rollte  der  Krieg  die  Frage  einer  inneren
Neuorientierung  auf.  Am  27.  Okt.  1915  verzichtete
  die  Regierung  auf  die  Begründung  zu  Artikel
  12  des  Gemeindegesetzentwurfs,  in  dem  Sozialdemokraten
  als  zu  Gemeindeämtern  unwürdig  bezeicner
  wurden,  und  am  19.  Nov.  1915  auf  den  Eisenahnerrevers

  (Verpflichtung  gegen  Streikteilnahme).
Dagegen  sprachen  sich  Regierung  und  Parlament
scharf  gegen  eine  Reihe  radikaler  sozialdemokratischer
Neuordnungsanträge  aus  (18.Okt.  1917).  Das  neue
Gemeindebeamtengesetz  wurde  1916  nach  langen  Beratungen
  wurchgebracht.  Von  Gesetzen  sind  ferner
zu  erwähnen:  Niederschlagung  von  Strafverfahren

egen  die  Kriegsteilnehmer  (1915),  Einrichtung  der
Fgendwehr  (1916),  Kriegersiedlungsgesetz  (1916),
Walchenseeprojekt  (Errichtung  eines  Kraftnetzes  für
das  eihchrongz.  B.,  31  Mill.  Mk.  Kosten,  630  Mill.
Kilowattstunden  jährlich;  1916);  Vorlagen  über  die
Großschiffahrtsstraße  Aschaffenburg  -  Passau  (1917;
Kosten:  655  Mill.  Mk.),  über  Grundstückshaftung
(1917)  durch  die  Volksvertretung.  Auf  dem  Gebiete
der  Kriegswirtschaft  sind  vor  allem  zu  erwähnen:
die  Erhöhung  der  Staatssteuer  auf  125  Froz.  zur
Deckung  der  Kriegskosten  vom  8.  Juli  1915,  die  Einführung
  der  Fleischkarte  und  Errichtung  einer  Fleischversorgungsstelle
  (25.  April  1916),  die  Erhebung  eines
15prozentigen  (Kriegs-)  Steuerzuschlags  auf  Einkommen
  von  2100—3000  Mk.  u.  eines  30prozentigen  Zuschlags
  auf  solche  über  8000  Mk.  (12.  Juli  1916),  die
Errichtung  eines  Kriegsamtes  im  Kriegsministerium
(22.  Dez.  1916),  der  Erlaß  eines  Richterschubgesetzes
(Stellvertretung  der  Richter  im  Kriege;  26.  März
1917),  die  Errichtung  einer  Landes-Lebensmittelstelle
(Febr.  1917),  die  Bewilligung  von  Teuerungszulagen
(7.  März  ru  In  #  rs  *  2
wirtschaftsgesetzgebun  ich  B.  scharf  nach  außen
ab,  98  Reichs,  besonders  in  Sachsen,  mehr-13
        <pb n="218" />
        194

fach  lebhafter  Einspruch  erhoben  wurde;  auch  gegen
die  „Fremden,  zeigte  sich  B.  sehr  abweisend,  in  den
Lebensmitteldebatten  der  Abgeordneten  (3.  März
1916,  Febr.  u.  März,  10.  Okt.  1917  usw.)  wurden  oft
die  schärfsten  Maßnahmen  gegen  das  Zuströmen  der
Fremden  in  Kurorten  gefordert.

2)  Die  Revolution.  Die  persönliche  Unbeliebtheit
  des  Königs,  die  vielfach  partikularistische  Verstimmung
  in  B.  und  die  seit  langem  geübte  Agitation
der  Unabhängigen  Sozialdemokratie  in  München  begünstigten
  den  Ausbruch  der  Revolution  in  B.  noch
vor  Berlin.  Nach  einer  Versammlung  am  7.  Nov.
1918  auf  der  Theresienwiese  zog  die  revolutionierende
Menge  vors  Schloß,  tags  darauf  bereits  wurde  die
Wittelsbacher  Dynastie  nach  740jährigem  Bestehen
entthront,  die  gerade  100  lährige
brochen.  Der  unabhängige  Sozialist  Kurt  Eisner  (geb.
1867),  ein  Hoptsünter  des  Massenstreiks  im  Januar
1918,  wurde  Ministerpräsident.  Am  4.  Jan.  1919
wurde  das  bayrische  Staatsgrundgesetz  veröffentlicht,
am  9.  Januar  der  Landtag  gewählt:  Die  bayrische
Volkspartei  (Zentr.)  erhielt  58,  die  deutsche  Volkspartei5,
  die  Mehrheitssozialdemokraten  51,  die  Mittelstandspartei
  22,  die  Unabhängige  Sozialdemokratische
  Partei  3,  der  Bauernbund  17  *  Am  Tag
des  Zusammentritts  des  Landtags  (21.  Febr.)  wurde
Eisner  ermordet  und  Minister  Auer  im  Landtag
schwer  verwundet.  Kultusminister  Hoffmann  bildete
eine  neue  Regierung,  der  Rätekongreß  eine  Gegenregierung
  unter  Segitz,  diese  trat  die  Geschäfte  nicht
an,  so  daß  die  Unabhängigen  zunächst  noch  an  der
Regierung  Hoffmann,  die  nach  Augsburg  geflohen
war,  sesttt  ten.  Unter  dem  Druck  der  drohenden
"„zweiten  Revolution  beschloß  der  Landtag  am
11.  März  die=  Verankerunge  des  Rätesystems  in  der
Verfassung.  Am  17.  März  nahm  der  Landtag  das
vorladusige  Staatsgrundgesetz  an,  am  18.  März  auch
das  Ernächtigungsgeset  ur  Abschaffung  der  Fideikommisse
  und  des  Adels.  Die  zweite  Revolution  kam
trotzdem:  Die  Münchener  Unabhängigen  und  Spartakisten
  erhoben  sich  unter  Führung  derrussisch-jüdischen
Bolschewisten  Axelrod,  Levinée  und  Levien  und  proklamierten
  am  7.  April  die  „Räterepublike.  Diese  wurde
am  4.  Mai  durch  Reichsexekution  bezwungen,  nachdem
  die  Übereilten  Sozialisierungsmaßnahmen  unter
Neurath,  bes.  aber  die  Verbrechen  der  Rotgardisten
(Weiselerschießung)  die  Vertreter  des  Terrors  völlig
in  Mißkredit  gebracht  hatten.  Am  21.  Mai  trat  der
Landtag  in  Bamberg  wieder  zusammen.  Die  am
18.  versuchte  Ausrufung  einer  Pfälzer  Republik
mißglückte.  Am  31.  Mai  wurde  ein  Koalitionskabinett
  Hoffmann  gebildet;  die  endgültige  Verfassung
nahm  der  Landtag  am  12.  Uunst  mit  195  gegen
3  Stimmen  an.  Am  17.  August  siedelte  die  Negierung
wieder  nach  München  über;  4.  Okt.  wurde  ein  bayrischer
  Staatsgerichtshof  errichtet.  —  Die  Vollstälung
  1919  ergab  7047378  Einw.

catty,  David,  Fun-  Admiral,  geb.  1871,  nach
Teilnahme  an  den  Feldzügen  im  Sudan  und  in
China  (1898/1900)  Kapitän  zur  See,  1910  Konteradmiral,
  führte  seit  1912  das  erste  Kreuzergeschwader.
  B.  befehligte  die  engl.  Streitkräfte,  die  den
ersten  Vorstoß  in  die  Deutsche  Bucht  am  27./28.  Aug.
1914  unternahmen,  hatte  in  der  Schlacht  am  Skagerrak
  (31.  Mai  1916)  das  Kommando  der  Aufklärungsschiffe,
  wurde  Nov.  1916  Oberbefehlshaber  der  engl.
Schlachtflotte,  Okt.  1919  Erster  Lord  der  Admiralität.
—  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  175.

erfassung  zer-  f

Beatty  —  Belgien

Beau-Sejour,  Gehöft  in  der  Champagne  nordöstlich
  von  Le  Mesnil,  franz.  Dep.  Marne,  war  Mitte
März  bis  Okt.  1915  heftig  umkämpft.

Beaverbrook,  William  Lord,  englischer  Politiker,
  geb.  25.  Mai  1879,  wurde  Febr.  1918  als  Nachfolger
  Carsons  Propagandaminister  u.  Kanzler  des
Lersogtums  Lancaster.

eerseba,  strategischer  Ort  in  Süd-Palästina,
südöstl.  von  Gaza.  Mit  der  Eroberung  des  Gebietes
von  B.  eröffneten  die  Engländer  Okt.  1917  den  Bormarsch
  gegen  Nord-Palästina.  Vgl.  S.  129.

Befestigungsbauten  usw.,  s.  Bd.  I,  S.  289,
über  Feldbrfestigungen  s.  Bd.  L,  S.  274.

Bebelfsmittel,  von  Truppen  an  Ort  und  Stelle
vorgefundene  Stoffe  und  Geräte,  die  für  die  Krieg-Ührung
  Verwendung  finden,  sind  insbes.  für  Pionierarbeiten
  wichtig.  L.  Bd.  II,  S.  272.

Behucke,  Paul,  deutscher  Admiral,  geb.  13.  Aug.
1866,  war  im  Kriege  stellvertretender  Chef  des  Admiralstabes
  der  Marine.

eirüt,  türk.  Stadt  am  Mittelmeer,  mit  540000
Einw.,  wichtigster  Handelshafen  Syriens,  wurde
6.  Okt.  1918  von  den  Engländern  genommen.

Bekleidungsbeschaffungsamt,  20.  Nov.  1914  in
Berlin  errichtete  Behörde  mit  Textil-,  Leinen-,  Woll-,
Leder-  und  Metallabteilungen  zur  Beschaffung  der
Heeresausrlstung.

2W  t23

elagerung,  vgl.-Festungen  und  Festungskrieg,
Bd.  II,  F2  —

Belagerungsgeschütze,  sind  weittragende  Flachbahngeschütze
  sowie  schwere  und  schwerste  Steilfeuer-=geschütze.
  Vgl.-Artillerie  im  Kriegec,  S.  154,  sowie
„  Festungen  und  Festungskrieg-,  Bd.  II,  S.  286  ff.

Belagerungszustand,  rechtlicher  Ausnahme-1ustand,
  bei  dem  die  vollziehende  Gewalt  auf  die

ilitärbefehlshaber  übergeht.  Vgl.  Kriegszustand.

Belfort,  franz.  Festung  zur  Berteidigung  der  Burgundischen
  Pforte,  des  Durchganges  wischen  Wasg
  und  Jura  (vgl.  Bd.  I,  S.  Kurz  nach

egsausbruch  drangen  Teile  der  Besatzung  von  B.

in  das  Oberelsaß  vor,  wurden  aber  am  10.  Aug.  1914

aus  ihren  Stellungen  westlich  von  Mülhausen  zurückeworfen.

  —  Die  Festung  wurde  mehrfach  von  deut-*
  Fliegern  mit  Bomben  belegt.

Belgien.  über  Geschichte,  geogr.  u.  wirtsch.  Verhältnisse
  usw.  vgl.  Bd.  I,  S.  suft  Die  Rolle,  die
B.  in  der  Vorgeschichte  des  Krieges  spielte,  ist  in  Bd.  J,
S.  128  ff.  dargestellt,  der  Notenaustausch  zwischen
Deutschland  und  B.  Bd.  I,  S.  140f.  wiedergegeben.
Üüber  die  Verletzung  der  belgischen  Neutralität  vgl.
Bd.  D,  S.  414,  über  die  Auffassung  der  Entente  auch
Bd.  II.  S.  168.—  Die  Vorstellung,  daß  ohne  Wieder-——
  B.s  eine  Wiederherstellung  von  Recht  und

reiheit  unmöglich  sei,  verdichtete  sich  im  Laufe  des
Krieges  zu  einer  weltbewegenden  politischen  Idee,  deren
unae  Verfechter  Wilson  und  Lloyd  George  waren.

Die  Regierung  des  Landes  ruhte,  da  Deutschland
bis  in  den  Herbst  1918  den  allergrößten  Teil  des  Landes
  besetzt  hielt,  fast  völlig  in  den  Händen  der  am
1.  Sept.  1914  errichteten  deutschen  Zivilverwaltung.
  Erster  Generalgouverneur  war  Generalfeldmarschall
  Colmar  Frhr.  v.  d.  Goltz,  ihm  folgte  28.  Nov.
1914  Generaloberst  Frhr.  v.  Bissing  (  ch.  18.  April
1917),  dann  Generaloberst  Frhr.  v.  Falkenhausen.
über  die  Berwaltungstätigkeit  vgl.  Bd.  I.  S.  480ff.
Zur  Bestreitung  der  laufenden  Berwaltungskosten
legte  der  Generalgouverneur  dem  Land  eine  monat-
        <pb n="219" />
        Belgrad  —  Below

liche  Kaution  von  40,  später  50  (seit  1.  Dez.  1916),
ulßt  (24.  Mal  1917)  60  Mill.  Fr.  auf.  Als  Notenank
  wurde  23.  Dez.  1914  die  „Société  générale  de

Belgique  errichtet,  der  Nationalbank  wurde  das  Recht

der  Notenausgabe  entzogen.  Vom  23.Okt.  1914  abzog

die  deutsche  Verwaltung  Steuern  fürihre  Rechnung  ein.

Den  sich  im  Auslande  aufhaltenden  belgischen  Flüchtlingen,

  die  trotz  Aufforderung  bis  zum  1.  März  1915

nicht  zurückkehrten,  wurde  der  zehnfache  Steuerbetrag

auferlegt  (16.  Jan.  1915).  Am  26.  Febr.  1915  stellte
der  Generalgouverneur  eine  Reihe  von  Banken  unter

Zwangsverwaltung.  Das  am  14.  Mai  1914  vom

Senat  angenommene  Schulgesetz,  das  den  allgemeinen

  Schulzwang  vorsah,  setzte  der  Gouverneur  durch

Verordnung  vom  10.  März  1915  in  Kraft.  Zur  Lösung

  bestimmter  wirtschaftlicher  Fragen  setzte  er  im

Mai  1915  eine  Wirtschaftskommission  ein.  Am  8.

Juli  1915  wurde  die  Beschlagnahme  des  Getreides

verfügt.  Der  unhaltbare  Zustände  herbeiführenden

Arbeitsverweigerung  durch  die  zurückgebliebene  Bevölkerung

  suchte  eine  Verordnung  vom  25.  Aug.  1915

Herr  zu  werden,  die  lebhafte  Proteste  von  seiten  der

engülschen  (7.  Juli  1916),  belgischen  (Mitte  Nov.  1916)

und  amerikanischen  Regierung  (deutsche  Antwort  11.

Dez.  1910)  hervorrief.  Eine  Verordnung  vom  12.  Jan.

1916  ordnete  den  Abbau  des  von  der  belgischen  Regierung

  verkündeten  Wechselmoratoriums  an.  —  Große

Schwierigkeiten  machte  den  Veneralgomwerneurer  der

Kardinalerzbischof  Mercier  von  Mecheln,  der  sich

in  seinen  Hirtenbriefen  (1.  Jan.  1915,  12.  März  1916,

13.  Juni  1917)  über  alle  Gesetze  Nlaubte  himnwegsetzen

zu  dürfen.  Vgl.  hierzu  auch  Bd.  I,  S.  329  u.  330.—

Dem  Verlangen  des  am  4.  Febr.  1917  in  Brüssel  zusammengetretenen

  „Vlaamschen  nationaalen  Landtags

  u.  des  von  ihm  gewählten  =  Rats  für  Flanderne,
den  der  Reichskanzler  am  3.  März  empfing,  entsprechend,
  trennte  der  Generalgouverneur  am  24.  März

1917  B.  in  zwei  Verwaltungsbezirke:  Flandern

(Provinzen  Antwerpen,  Limburg,  Ostflandern,  Westflandern,

  Kreise  Brüssel  und  Löwen;  Sitz  in  Brüüssel)

und  Wallonien  (Kreise  Hennegen.  Lüttich,  Luxemburg,
  Namur,  Kreis  Nivelles;  Sitz  Namur).  Gegen
diese  Einrichtung  legte  die  belgische  Regierung  in  Le

Havre  am  26.  Aug.  1917  Protest  ein.

Die  königliche  Regierung  stellte  sich  durch  Hinzuwahl
  der  Liberalen  Hymans  und  Goblet  und  des
Sozialdemokraten  Vandervelde  am  4.  Aug.  1914
auf  eine  breitere  nationale  Grundlage.  Nachdem  am
31.  Aug.  die  Königin  mit  ihren  Kindern  von  Antwerpen
  nach  England  gegangen  war,  wurde  der  Sitz  der
Regierung  am  17.  Okt.  nach  Le  Havre  verlegt;  sie
mußte  am  23.  Okt.  mangels  Einnahmen  die  Zahlungen
  einstellen  und  war  zänsig  völlig  auf  die  von
den  Verbündeten  gewährten  Vorschüsse  angewiesen;
als  Gegenleistung  verlangte  England  am  24.  Nov.
1916  anläßlich  des  Abschlusses  einer  4  Mill.  Pfd.
Sterl.-Anleihe  die  Verpfändung  des  Kongostaates.
Die  Regierung  ließ  am  28.  Juli  1916  in  den  neutralen
  Ländern  ein  neues  Militärgesetz  verkünden,
durch  das  allgemeine  Einziehungen  verfügt  wurden;
eine  Verordnung  vom  5.  März  1917  führte  die  Todesstrafe
  wieder  ein.  Der  Ministerpräsident  de  Brocqueville
  übernahm  am  15.  Juli  1917  das  Ministerium
des  Außern,  Vandervelde  das  des  Innern,  General
Deceuninck  das  des  Krieges.  De  Brochqueville  schuf
am  30.  Juli  1917  nach  englischem  Vorbild  ein  eneerec
Kriegskabinett.  Am  3.  Juni  1918  wurde  der  Flame
Cooreman  (geb.  1852)  Ministerpräfident.

195

Am  6.  Dez.  1918  hielt  König  Albert  seinen  Einzug
in  Brüssel.  Die  flämischen  Altioisten  wurden  streng
verfolgt,  die  flämische  Universität  in  Gent  sofort  aufehoben,

  am  17.  Jan.  1919  alle  Deutschen  ausgewieen.
  Trotzdem  fanden  beim  Güldensporenfest  am  16.
Juli  in  ganz  B.  flämische  Kundgebungen  statt.  Die
im  Frieden  von  Versailles  erworbenen  Gebiete  wurden
  sofort  besetzt.  Bei  den  Kammerwahlen  am  16.
Nov.  1919  kamen  73  Katholiken  (—  26),  70  Sozialisten
  (+  30),  34  Liberale  (—  11)  und  9  Parteilose
in  die  Kammer;  in  den  Senat  wurden  43  Katholiken,
  50  Liberale  und  20  Sozialisten  gewählt.  —
Val.  A.  Schulte,  Von  der  Neutralität  B.s  (Bonn
1915);  K.  Hampe,  Das  belgische  Bollwerk  (Stuttg.
1918);  -B.8  Geschichte  in  Vergangenheit  und  Gegenwart-=
  (Leipz.  1915);  Handausgabe  der  Gesetz=  und
Verordnungsblätter  für  die  okkupierten  Gebiete  B.s,
bearb.  v.  O.  Spengler  (Brüss.  1916  ff.);  2.  Gehring
u.  H.  Waentig,  B.s  Volkswirtschaft  (Leipz.  1918);
„  Belgische  Aktenstücke-(Berl.  o.  J.);  FZur  europäischen
  Politik=  (das.  1919).—  Vgl.  auch  Bd.  II.  S.  385.

Belgrad  (serb.  Beograd),  Hauptstadt  von  Serbien,
  mit  90000  Einw.,  starke  Donaufestung,  am  Zusammenfluß
  der  Donau  und  Save  und  an  der  Bahn
Budapest—-Konstantinopel.  B.  wurde  2.  Dez.  1914
von  der  5.  österr.-ungar.  Armee  (Frank)  eingenommen,
  13.  u.  14.  Dez.  infolge  des  serbischen  Sieges  bei
Arangjelovac  geräumt,  nach  gelungenem  übergang
über  Donau  (vgl.  Bd.  I.  S.  230)  und  Save  von  der
3.  österr.-ungar.  Armee  (Koevess)  6.—10.  Okt.  1915
erobert.  B.  war  bis  Ende  1918  Sitz  des  österr.-ungar.
Generalgouverneurs,  wurde  31.  Okt.  von  den  Verbündeten
  geräumt,  1.  Nov.  von  der  1.  serb.  Armee
wieder  besetzt  und  Hauptquartier  des  Oberkommandanten
  der  Orientarmee,  General  Franchet  d'Esperey.
Hier  fanden  im  Okt.  1918  die  Waffenstillstandsverhandlungen
  mit  der  neuen  ungar.  Regierung  statt.

Belluno,  ital.  Stadt  im  Piavetal,  10.  Nov.  1917
von  Truppen  der  deutschen  Armee  Below  erobert,
kam  Nov.  1918  wieder  in  ital.  Sestt

Below,  1)  Fritz  von,  preuß.  General,  geb.  23.
Sept.  1858  in  Danzig,  gest.  im  Nov.  1918  im  esten,
1901  Oberst,  1904  Generalmajor,  1908  Generalleutnant
  und  Führer  der  1.  Garde-Inf.-Div.,  1912  General
  der  Inf.  (21.  A.-K.),  1914  im  Verbande  der  6.
Armee  (Westen),  1915  der  10.  Armee  (Osten),  trug
durch  gewaltige  Morschleiftungen  seiner  Truppen  zum
Siege  in  der  Masurenschlacht  bei  und  war  1916  bis
1918  Führer  der  1.  Armee  im  Westen.  —  2)  Otto
von,  preuß.  General,  Geb-  18.  Jan.  1857  in  Danzig,
1905  Oberst  und  1909  Generalmoajor,  seit  1912  Führer
der  2.  Division  in  Insterburg,  führte  1914  das  zum
Grenzschutz  in  Ostpreußen  bestellte  1.  Reservekorps,
wurde  30.  Aug.  komm.  General,  7.  Nov.  Führer  der
8.  Armee,  die  bis  Febr.  1915  die  Angerapp-Linie  hielt.
Hierauf  erfocht  er  mit  Eichhorn  in  der  Schlacht  in  Masuren
  (7.—15.  Febr.  1915)  den  Sieg  über  die  Russen.
Ende  Mai  Oberbefehlshaber  der  deutschen  Njemen-Armee,
  leitete  er  Juli  den  Bormarsch  in  Kurland  ein  u.
nahmnach  dem  Sieg  bei  Schawli  im  Sept.  den  Brückenkopf
  von  Friedrichstadt.  Okt.  1915  erhielt  er  wieder  die
8.  Armee,  Herbst  1916  das  Heeresgruppenkommando
in  Mazedonien,  Herbst  1917  den  Oberbefehl  der  14.Armee,
  mit  der  er  die  Offensive  in  Italien  durchkämpfte,
und  1918  die  17.  Armee,  die  den  großen  Sieg  bei
Arras  erfocht.  Im  Juni  1919  war  B.  Führer  der
Herresgrupe  Nord  in  Westpreußen  u.  wurdeimselben

onat  verabschiedet.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  194.

13“
        <pb n="220" />
        196  Benedetto  Brin

»Benedetto  Brin-,  Name  eines  ital.  Linienschiffes,
  13  430  t,  s.  Brindisi.

Benedikt  XV.,  eig.  Giacomo  della  Chiesa,
geb.  21.  Nov.  1854  in  Pegli  (Ligurien),  1878  Priester,
1883  Sekretär  der  päpstl.  Nunziatur  im  Madrid,  1887
Kabinettssekretär,  1891  Unterstaatssekretär  des  Heiligen
  Stuhles,  1902  diensttuender  päpstl.  Geheimkämmerer,
  Substitut  und  Sekretär  der  Chiffern  im  Staatssekretariat,
  1907  Erzbischof  von  Bologna,  1914  Kardinal,
  wurde  3.  Sept.  1914  zum  Papst  gewählt.  B.
veranlaßte  Jan.  1915  den  Austausch  militäruntauglicher
  Kriegsgesangener  bei  den  Kriegführenden  und
versuchte  im  April  durch  einen  Aufruf  an  die  Vereinigten
  Staaten  den  Frieden  zu  vermitteln,  aber  ohne
Erfolg.  Ebenso  blieb  ein  Friedensaufruf  vom  Juli
an  die  Oberhäupter  der  kriegführenden  Staaten  erfolglos.
  Als  Vorbedingung  eines  dauerhaften  Friedens
  forderte  B.  Freiheit  und  Unabhängigkeit  der
Kirche.  Sein  Friedensaufruf  vom  15.  Aug.  1917erlief
trotz  anschließender  diplomatischer  Fühlungnahme
Englands  über  die  belgische  Frage  ohne  Ergebnis.  S.
auch  Bd.  II,  S.  365  ff.  Vgl.  Ritter  v.  Lama,  Payst,
Weltkrieg  und  Völkerfriede  (Hagen  1919);  Stucker,
Die  Kundgebungen  Papst  Benedikts  XV.  zum  Weltfrieden
  (Freiburg  i.  B.  1917).

Benzinmotor,  s.  Verbrennungsmotoren.

Beobachtungsmine,  s.  Seeminen.

Beobachtungsstand,  auf  Kirchtürmen,  Bäumen
usw.  eingerichteter  Standort  für  Beobachtungsposten,
der  seine  Wahrnehmungen  durch  Fernsprecher  nach
hinten  meldet.  Vgl.  »Artillerie  im  Kriege,  S.  152.

Berane,  Gemeinde  in  Montenegro,  am  Lim.  Hier
wurden  2.  Dez.  1915  die  Montenegriner  von  der
Armee  Koevess  Über  den  Lim  geworfen,  der  Ort  9.  Jan.
1916  genommen,  Ende  Okt.  1918  beim  Anmarsch  der
Serben  geräumt.

Berat,  Stadt  in  Südalbanien,  am  Semeni,  wurde
am  19.  Febr.  1916  von  den  österr.-ungar.  Truppen
besetzt,  Mitte  Juli  1918  von  ital.  Truppen  genommen,
  23.  Aug.  von  Pflanzer-Baltin  wieder  erobert,
2.  Okt.  geräumt.  Kriegsbeschädigte.

Veratungsstellen  für  egSinvalide,  s.

Berchtold,  Leopold,  Graf,  österreich.  Staatsmann,
  geb.  18.  April  1868  in  Buchlau  (Mähren),  1893
im  Ministerium  des  kaiserlichen  Hauses,  1894  bei  der
Botschaft  in  Paris,  1899  in  London,  1903—11  in
Petersburg,  1912  österr.  Min.  des  Außern.  Im  Sept.
1912  führte  er  in  Buchlau  die  Verhandlungen  mit
dem  deutschen  Reichskanzler,  die  die  völlige  übereinstimmung
  Deutschlands  und  Osterreichs  in  der  Balkanfrage
  feststellten.  B.  hat  am  Ausbruch  des  Weltkrieges
hervorragenden  Anteil,  wie  das  österr.  Rotbuch  über
den  Kriegsausbruch  (1919)  bewiesen  hat.  Jan.  1915
trat  er  zurück  und  war  von  April  1916  an  Obersthofmeister
  des  Erzherzog-Thronfolgers  bzw.  Kaisers
Karl.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  46.

Bereczk,  Stadt  in  Ungarn,  Siebenbürgen,  am
Ojtozbach  und  am  Fuße  des  Ojtozpasses,  im  Norden  des
Bereczker  Gebirges(vgl.  Bd.  II,  S.  141),  dienteder
2.  rumän.  Armee  Aug.  u.  Sept.  1916  als  Einbruchstelle,
  den  Verbündeten  im  Herbst  als  wichtige  Ausfallstellung
  im  Ojtoztal.  Ende  Juli  1917  vollführten
die  Rumänen  ihren  letzten  großen  Vorstoß,  der  im
B.er  Gebirge  zum  Stehen  kamt.

Beresina,  rechter  Nebenfluß  des  Njemen,  im  russ.
Gouv.  Wilna,  mündet  nordöstl.  von  Novogrodek.  —
In  der  letzten  Hälfte  des  Sept.  1915  war  das  Gebiet
der  B.  der  Schauplatz  erbitterter  Kämpfe.

—  Bersaglieri

Berg,  Friedrich  von,  preuß.  Staatsmann,  geb.
20.  Nov.  1866  in  Markienen  (Ostpreußen),  1903
Landrat  des  Kreises  Goldap,  1906  Vortrag.  Rat  im
Zivilkabinett  des  deutschen  Kaisers,  1909  Landeshauptmann,
  1916  Oberpräsident  von  Ostpreußen,  war
Jan.  bis  Okt.  1918  Chef  des  Zivilkabinetts  des  Kaisers.

Berkefeld-Filter,  Hohlzylinder  aus  poröser  Infusorienerde
  (Kieselgur),  durch  den  mittels  Pumpe
Wasser  hindurchgedrückt  wird,  um  es  keimfrei  zu
machen.  Die  B.  unterstützen  in  Gegenden  mit  schlechtem
  Wasser  die  Trinkwasserversorgung  des  Heeres.

Berlin.  über  die  politischen  Vorgänge  in  B.  vgl.
Deutsches  Reich,  S.  219.—  In  B.  wurde  7.  März  1918
der  deutsch-finnische  Friede  geschlossen.  Vgl.  S.  231.

Bermondt-Awaloff,  kaukasischer  Fürst,  russ.
Oberst,  kämpfte  1917—19  in  Westrußland  gegen
die  Bolschewisten,  zuletzt  gemeinsam  mit  den  du
baltischen  Truppen,  wurde  Mitte  Nov.  1919  entscheidend
  geschlagen  und  über  die  deutsche  Grenze  gedrängt,
  wo  er  interniert  wurde.

Bernhard,  Herzog  von  Sachsen-Meiningen.
  geb.  1.  April  1851,  1895—1903  Kommn.  des  6.

.-K.,  sodann  Generalinspekteur  der  2.  Armeeinsp.,
1909  Feldmarschall,  schied  1912  aus  dem  Dienst  und
war  vom  25.  Juni  1914  bis  10.  Nov.  1918  als  Bernhard
  III.  letter  regierender  Lerdog

Bernhardi,  Friedrich  von,  deutscher  General
u.  Militärschriftsteller,  geb.  22.  Nov.  1849  in  Peters.
burg,  nahm  1871  am  Kriege  teil  (erster  deutscher  Offizier,
  der  in  Parts  einritt),  1891—94  Militärattache
in  Bern,  1898—1901  Abteilungschef  im  Großen
Generalstab,  1904  Div.-,  1907  Armeekorps-Komm.,
1909  als  General  der  Kav.  zur  Disposition  gestellt.
B.  schrieb  über  Ausbildung  der  Kavallerie,  ferner
„Grundlagen  und  Elemente  des  modernen  Krieges-(1912),
  -Deutschland  und  der  nächste  Krieg  (1912),
ein  vielgenanntes  Buch,  das  die  Feinde  zur  Aufgetung
  ihrer  Völker  mißbrauchten.  Als  Führer  eines

rmeekorps  erstürmte  B.  Okt.  1915  den  russ.  Brückenkopf
  Zarecze  am  Stochod  u.  war  1918  in  der  Schlacht
bei  Armentieres  siegreich.

Bernstein,  Eduard,  deutscher  Sozialdemokrat,
geb.  6.  Jan.  1850  in  Berlin,  1866—78  Bankbeamter,
  seit  1872  für  den  Sozialismus  tätig,  1878—88
in  der  Schweiz,  nach  Ausweisung  bis  1901  in  Lon.
don,  redigierte  1881—90  den  Sozialdemokrate,
kehrte  1901  nach  Deutschland  zurück,  war  1902—06
und  1912  bis  1918  Reichstagsmitglied.  In  seinen
Schriften  (bes.  -Zur  Theorie  und  Geschichte  des  Sozialismus-)
  wandte  er  sich  gegen  die  Kautskysche
(radikale)  Auslegung  des  Marxismus  und  vertrat
den  revisionistischene  Standpunkt,  ging  1915  zu  den
Unabhängigen  über,  mahnte  aber  zur  Besonnenheit.
Nov.  1918  bis  1.  Jan.  1919  war  er  Unterstaatssekretär
  im  Reichsschatzamt.

Berunstorff,  Johann-Heinrich,  Graf  von,
deutscher  Diplomat,  geb.  14.  Nov.  1862  in  London.
war  1902—06  deutscher  Botschaftsrat  in  London,
dann  Generalkonsul  in  Kairo,  1908—17  Botschafter
in  Washington,  1917—18  in  Konstantinopel.  B.  trat
energisch  für  eine  Friedensvermittlung  Wilsons  ein.

Berry-an-Bac,  Gemeinde  an  der  Aisne,  nordwestlich
  von  Reims,  war  Jan.  und  Mai  1915  sowie
Mai  1918  heftig  umkämpft.

Bersaglieri,  ital.  Jägertruppe,  1836  nach  franz.
Muster  gebildet,  vor  dem  Kriege  12  Regimenter  zu
3  Bataillonen  mit  je  4Komp.  (z.  T.  Radfahrerkomp.),
im  Kriege  ein  Regiment  in  jedem  Armeekorps.
        <pb n="221" />
        Berta,  dicke

Berta,  dicke,  s.  Dicke  Berta.

Berthelot,  franz.  General,  1918  Führer  der  4.
Armee  (westlich  von  Reims).  (Kriegobeschädigte.

Berufsberatung  für  Kriegsinvalide,  s.

Bernufsbildungswerkstätten,  Organisationen
für  Kriegsbeschädigte  zum  Zwecke  der  Anpassung  an
den  früheren  oder  Erlernung  eines  neuen  Berufes
während  der  Heilbehandlung;  vgl.  „  Arztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge,
  S.  175.

Beschlagnahme  von  Nahrungsmitteln,  Rohstoffen
  und  Gebrauchsgegenständen  zur  Sicherstellun
der  Volksernährung  und  des  Heeresbedarfs,  s.  Bd.  1,
S.  425  f.,  Bd.  II,  S.  419.  —  B.  von  Konterbande  s.
Bd.  I,  S.  368.

Beseler,  Hans  von,  preuß.  General,  geb.  27.  April
1850  in  Greifswald,  1897  Oberst,  1898  Regintentskommandeur,
  1899  Oberquartiermeister  im  Generalstab,
  1900  Generalmajor,  1903  Generalleutnant  und
Komm.,  der  6.  Div.,  1904  Chef  des  Ing.=  und  Pionierkorps,
  wurde  1907  General  der  Inf.,  1911  zur
Disposition  gestellt.  B.  eroberte  9.  Okt.  1914  Antwerpen,
  19.  Aug.  1915  Nowo-Georgiewsk  und  war
27.  Aug.  1915  bis  Nov.  1918  Generalgouverneur
von  Polen.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  186.

Besetzung.  Die  Bestimmungen  über  die  militär.
B.  feindlichen  Gebiets  sind  nach  Landkriegsrecht  g.
regelt  (s.  Bd.  L.  S.  366);  sonstige  Leitsätze  für  die  B.
enthält  die  Landkriegsverordnung  nach  der  Haager
Konvention  (s.  Bd.  J,  S.  429  f.).

Besetzungsmarken,  s.  Kriegsbriefmarken.

Beskidenkorps,  deutsches,  28.  März  1915

ebildetes  Korps  (3  Divisionen)  unter  General  v.  d.
Narwitz,  tat  sich  mehrfach  ruhmvoll  hervor  (Kobilahöhe
  2.  April  1915),  bestand  bis  31.  Dez.  1917.

Beßarabien,  füdruss.  Gouv.  zwischen  Dnjestr,
Pruth,  Donau  u.  Schwarzem  Meer,  1915/16  Schauplatz
  der  Kämpfe  zwischen  Osterr.  und  Russen;  wurde
im  #ren  von  Falarest  Rumänien  zugesprochen.

Béthincourt,  franz.  Dorf  nordweßtl.  von  Verdun,
März  1916  heftig  umkämpft;  vgl.  Bd.  II,  S.  198.

Bethmann  Lollweg,  Theobald  von,  deutscher
  Reichskanzler,  geb.  29.  Nov.  1856  in  Hohenfinow,
  1886  Landrat  des  Kreises  Oberbarnim,  1896
Oberpräs.  in  Potsdam,  1899  Oberpräs.  der  Provinz
Brandenburg.  1905  preuß.  Min.  des  Innern,  1907
Staatssekr.  des  Innern,  Vizepräs.  des  Staatsmin.
und  Stellvertreter  des  Reichskanzlers,  14.  Juli  1909
bis  14.  Juli  1917  Reichskanzler.  Über  seine  Politik
s.  Deutsches  Reich,  S.  215.  B.  schrieb  =  Betrachtungen

um  Weltkrieg=  (Berl.  1919).  Vgl.  F.  Thimme,
7  Kriegsreden  (Berl.  1919);  Hans  Frh.  v.  Liebig,
Die  Politik  v.  B.3  (Münch.  1919).  —  Bild  s.  Bd.  1
bei  S.  23.

Béthune,  Hauptstadt  eines  Arrond.  im  franz.
Dep.  Pas-de--Calais.  —  Nach  der  Beschießung  B.s
durch  die  Deutschen  Mitte  Nov.  1914  entwickelten
sich  bei  B.  schwere  Kämpfe  mit  Franzosen  und  Engländern,
  denen  weitere  Mai  1915  und  April  1918
folgten;  vgl.  S.  24.

eton,  Gemenge  aus  Zement  mit  Steinbrocken,
Kies  und  Wasser,  das  steinhart  erstarrt  und  durch
Gießen  oder  Stampfen  zu  Platten,  Gewölben,  Decken,
Brücken,  auch  ganzen  Gebäuden  geformt  werden  kann,
insbes.  wenn  es  Einlagen  aus  Eisen  erhält  (Eisen-B.).
  Im  Kriege  ist  der  B.  wichtig  für  den  Festungsbau,
  zur  Schaffung  gesicherter  B.-Unterstän  de  Lar
Laf-  „Schützengräben  II-,  Bd.  I,  S.  274),  zur  Herstellung
  der  Bettung  schwerster  Geschütze  u.  a.  m.

—  Biserta  197

Betriebsräte,  s.  Arbeiter-  und  Soldatenräte.

Bettung,  feste  Unterlage  aus  Holz,  Beton  usw.
für  Geschütze,  s.  Artillerie  im  Kriege:,  S.  152.

Beute,  §.  Kriegsbeute.

Bezugsscheine.  Um  den  Verbrauch  der  immer
eringer  werdenden  Vorräte  an  Wäsche  und  Beeidungsstücken
  einzuschränken,  wurde  1.  Aug.  1916

laut  Verordnung  über  die  Regelung  des  Verkehrs
mit  Web-,  Wirk=  und  Strickwaren  die  Bezugsscheinpflicht
  eingeführt  u.  Dez.  1916  auch  auf  Schuhe  aus.
gedehnt.  26.  Aug.  1919  aufgehoben.

Biaches,  srz.  Dorf  westl.  v.  Peronne,  spielte  in  der
Sommeschlacht  1916  eine  Rolle  (s.  Bd.  II,  S.  214  f.).

Bialla,  Stadt  im  ostpreuß.  Regbez.  Allenstein,
an  der  Bahn  Johannisburg-Lyck.  Hier  wurde  8.
Aug.  1914  der  russ.  Versuch,  die  Grenze  zu  Überschreiten,
  abgewiesen.  Febr.  1915  entwickelten  sich
um  B.  hartnäckige  Kämpfe,  die  zur  Winterschlacht  in
Masuren  (7.—15.  Febr.)  führten.

Bialowieska-Wald,  Urwald  im  russ.  Gouv.
Grodno,  1224  qkm,  vom  Narew  durchflossen,  war
#ug  Sept.  1915  Schauplatz  F  Känipfe;  vgl.  S.  64.

ialystok  (Bjelostok),  Kreisstadt  im  westruss.
Gouv.  Grodno,  an  der  Biala  und  der  Bahn  Peters.
burg—Warschau,  wurde  25.  Aug.  1915  nach  hartem
Kampfe  von  der  Heeresgruppe  Hindenburg  besetzt.

Biebrz,  Fluß  in  Polen,  sow.  Bobr.

Bielsk,  Kreisstadt  im  russ.  Gouv.  Grodno,  südlich
von  Bialystok.  Die  Bahnlinie  Bialystok-Brest  Litowfl.
die  Gallwitz  am  18.  Aug.  1915  bei  B.  erreichte,  wurde
beiderseits  B.  am  21.  von  den  Deutschen  überschritten,
nachdem  B.  am  20.  Aug.  genommen  war.

Bigelow,  Poultney,  amerikan.  Rechtsanwalt
u.  Journalist,  geb.  10.  Sept.  1855,  legte  durch  seine
seit  1895  einsetzenden  Verleumdungen  des  deutschen
Kaisers  mit  den  Grund  zu  der  in  den  Verein.  Staaten
weitverbreiteten  Auffassung,  die  den  Kaiser  als  einen
Pkriegswütigen=  Herrscher  („Emperor  hot  for  war-)
betrachtete.  Unter  Ausnutzung  früherer  Jugendbeziehungen
  zum  Kaiser  und  unter  Verdrehung  des
deutschen  Ausdrucks  -Oberster  Kriegsherr-,  den  B.
als  „War  Lord=  („Herr  des  Krieges  5)  deutete,  bezeichnete
  er  den  Überfall  und  die  Besiegung  der  Franzosen
  als  das  einzige  Lebensziel  des  Kaisers.  Schließlich
  verfaßte  B.  1916  ein  Buch  über  Deutschland  und
Preußen,  in  dem  er  die  Verleumdungen  fortsetzt.

Bild=  und  Filmamt  (abgek.  -Bufa.),  1917  von
der  Obersten  Heeresleitung  zwecks  Aufnahme  u.  Verbreitung
  wichtiger  u.  belehr.  Kriegsvorgänge  errichtetes
  Amt,  1918  dem  i*363JJ  unterstellt.

Bilek  (Bileca),  österr.-ungar.  Grenzfestung  in  der
Herzegowina,  von  den  Österreichern  1914  erfolgreich
verteidigt,  Jan.  1916  Ausgangspunkt  ihrer  Offenfive.

Binder,  Heinrich,  Kriegsberichterstatter  des
Berliner  Tageblatts«  im  Großen  Hauptqauartier,

eb.  5.  Juli  1878  in  Kaiserslautern,  Redakteur,  versaßte:
  »Mit  dem  Hauptquartier  nach  Westen.  (1915,
5.  Aufl.),  =  Antwerpen,  Rückblicke  und  Ausblicke-(1916),
  Der  große  Krieg  in  Wort  u.  Bild-(Reutl.,
30  Hefte),  »Die  Schuld  des  Kaisers  (1919).
indestrich-Amerikaner,  die  Deutschs  und
Irisch-Amerikaner;  gegen  sie  wandte  sich  Wilson  in
einer  heftigen  Rede  am  3.  Nov.  1916.

Bir  es  Seba,  Ort  in  Palästina,  sow.  Beerseba.

Biserta,  befest.  Hafenstadt  in  Tunis  (Nordafrika).
—  Am  7.  Nov.  1915  wurde  auf  der  Höhe  von  B.  der
ital.  Postdampfer  -Ancona=  (s.  d.)  von  einem  österr.
U-Boot  versenkt,  wobei  208  Personen  ertranken.
        <pb n="222" />
        198

Bismarck-Archipel,  deutsche  Inselgruppe  im
westl.  Großen  Ozean,  nordöstl.  von  Neuguinea,  wurde
11.  Sept.  1914  von  austral.-engl.  Truppen  besetzt.

Bissing,  Moritz  Ferdinand,  Freiherr  von,
preuß.  General  der  Kavallerie,  geb.  30.  Jan.  1844
in  Ballmannsdorf,  gest.  18.  April  1917,  1870/71
Adjutant  beim  Oberkommando  der  3.  Armee,  führte
1901—07  das  7.  Armeekorps,  Mitglied  des  preuß.
Herrenhauses,  wurde  28.  Nov.  1914  Generalgouver--neur
  von  Belgien,  1915  Generaloberst.  Er  ersetzte  in
den  fläm.  Gebietsteilen  Belgiens  wallonische  durch
fläm.  Beamte,  eröffnete  die  fläm.  Universität  in  Gent,
schuf  zwei  nach  Nationalität  und  Sprache  getrennte
Verwaltungsgebiete  und  widmete  den  belg.  Kunstschätzen
  besondere  Pflege.  Vgl.  Belgien.

istritz,  1)  (Bistrica,  Goldene  B.)  r.  Nebenfluß
des  Sereth  in  den  Ostkarpathen.  Das  Tal  der  B.,
das  die  sogen.  Dreiländerecke  (Zusammenstoß  der
Grenzen  von  Bukowina,  Ungarn  und  Rumänien)
durchzieht,  war  als  eines  der  wichtigsten  Einfallstore
in  die  Waldkarpathen  ständiges  Kampfobjekt  russischer,
  später  auch  rumän.  Heere.  Trotz  wiederholter
erbitterter  Angriffe  gelang  es  weder  Russen  noch
Rumänen,  den  strateg.  Durchbruch  zu  erzwingen.  —
2)  (Bystryca)  l.  Nebenfluß  des  Wieprz  in  Woien.
Bei  dem  Bormarsch  des  Erzherzogs  Joseph  Ferdinand
über  Krasnik  wurden  die  Russen  am  23.  Juli  1915
“-s  Räumung  ihrer  Stellungen  zwischen  Weichsel  u.

ezwungen.

itlis,  Hauptstadt  des  türk.-astat.  Wilajets  B.  im
armen.  Hochland,  wurde  Anfang  März  1916  von
den  Russen  besetzt,  Ende  Juli  nach  schwerem  Kampf
zurückerobert.  Vgl.  S.  126.

Bitolia  (Bitolje),  Stadt  in  Mazedonien,  spw.
Monastir.

Bifxschote,  Gem.  nördl.  v.  Dpern,  wurde  30.  Okt.
1914  von  den  Deutschen  genommen  u.  war  während
der  engl.  Offensive  Anf.  Okt.  1918  heftig  umkämpft.

Belogeaden,  Stadt  in  Westbulgarien,  Kreis
Vidin.  Mit  dem  Angriff  auf  die  Grenzhöhen  von
Koritzkaglava  westlich  von  B.  eröffnete  Serbien  Okt.
1915  die  Feindseligkeiten  en  die  Bulgaren.

Bielostok,  Stadt  in  land,  s.  Bialystok.

Bielowescher  Wald,  spvw.  Bialowieska-Wald.

Bielsk,  Stadt  in  Rußland,  svw.  Bielfk.

Blämont,  Kantonshauptort  im  franz.  Dep.
Meurthe-et-  Moselle.  Am  27.  Febr.  1915  nahmen
die  Deutschen  die  stark  befest.  franz.  Meurthelinie;
die  eroberten  Stellungen  bei  B.-Bionville  wurden
gegen  die  Angriffe  der  Franzosen  behauptet.

lankenberghe,  bedeutendes  Seebad  in  der  belg.
Provinz  Westflandern,  wurde  15.  Okt.  1914  von  den

Blaubuch,  s.  Buntbücher.  ([Deutschen  besetzt.

Blindenfürsorge,  s.  Kriegsbeschädigte.

Blindgänger,  nicht  explodiertes  Artilleriegeschoß
(Granate  oder  Schrapnell).  Im  Kampfgebiet  werden
die  B.  noch  auf  Jahre  gefährliche  Fundstücke  bilden.

Blinken,  das  übermitteln  von  Nachrichten  durch
eine  helle  wunkifärmige  Lichtquelle,  deren  Strahlen
in  dem  Blinkgerät  durch  einen  Spiegel  Eignalspiegel)
  in  die  Ferne  geworfen  werden;  den  Morsezeichen
  entsprechend  werden  im  Blinkwesen  kurze
und  lange  Lichtblitze  (Blinkzeichen)  benutzt.  Weiteres
  s.  „Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege,  S.  165;
vgl.  Heliograph.

Bliß,  Tasker  Howard,  amerikan.  General,  geb.
1.  Det  1853  in  Lewisburg  (Pennsylvanien),  1898
im  Feldzug  gegen  Spanien  Stabschef  des  Generals

Bismarck-Archipel  —  Bochhe  di  Cattaro

Wilson,  dann  auf  den  Philippinen,  wurde  1902  Bri.
adegeneral,  1909  Stellvertretender  Chef  des  Generaltabs,
  1911  Befehlshaber  in  Südkalifornien  während
der  mexikan.  Unrußzen,  1918  militär.  Vertreter  der
Ver.  Staaten  beim  Obersten  Kairat  in  Versailles.
Blockade.  Rechtliches  s.  Bd.  I.  S.  369.  —  England
begann  die  B.  gegen  Deutschland  am  1.  Aug.  1914
durch  Aufhebung  der  Lond.  Deklaration,  die  mittelbare
  B.,  die  Deutschland  durch  Zwangsmaßnahmen
gegen  die  Neutralen  treffen  sollte,  durch  die  Order  in
ouncil  vom  11.  März  1915.  Die  Neutralen  mußten
scheinbar  neutrale  überwachungsausschüsse  einrichten,
die  allein  das  Recht  zur  Einfuhr  Üüberseeischer  Waren
erhielten  und  diese  nur  in  neutralen  Ländern  verkaufen
  durften.  Der  „N.  O.  T.-  und  die  .S.  S.  S.=wurden
  in  Holland  und  der  Schweiz  als  staatliche
Versorgungs=  und  Aufsichtsbehörden  Percchter  und
in  den  stan  inavischen  Ländern  ähnliche  Maßnahmen
erzwungen.  Vgl.  Bd.  I,  S.  266.

Das  deutsche  Reichsgesunbheitsamt  wies  März
1919  in  einer  Denkschrift  die  Schädigung  der  deutschen
Volkskraft  durch  die  feindliche  B.«  nach.  Danach  hat
das  deutsche  Volk  statt  der  notwendigen  tägl.  3300
Wärmekalorien  seit  Herbst  1916  mit  1300  bis  1000
Kalorien  auskommen  müssen.  Die  Folgen  dieser
Unterernährung  äußerten  sich  in  einer  Zunahme  der
Sterbefälle  in  der  Zivilbevölkerung:

1915  1ole  1917  1918

Zahl  der  Opfer  der  B.  38  235  121  174  259627  293  750

ahl  der  Opfer  auf

—  l—  isess8  "9""  14  32  30
Die  Gesamtzahl  der  Blockadeopfer  ist  mit  800000
nicht  zu  hoch  berechnet.  Die  B.  wurde  auch  nach
Eintritt  des  Waffenstillstandes  aufrechterhalten  und
erst  nach  Ratifizierung  des  Versailler  Vertrags  durch
Deutschland  am  12.  #um  1919  aufgehoben.

Blonie,  Stadt  im  russisch-poln.  Gouv.  Warschau,
an  der  Bahn  Warschau-Sochaczew.  Beim  Angriff
der  Armeen  des  Prinzen  Leopold  von  Bayern  auf
Warschau  entspannen  sich  Mitte  Juli  1915  hartnäckige
Kämpfe  um  die  B.-Stellung,  die  die  Russen  am  20.
Juli  räumten.

Blos,  Wilhelm,  geb.  5.  Okt.  1849  in  Weinheim,
seit  1872  sozialdem.  Journalist,  1877—78,  1881—87,.
1890—1906  und  seit  1916  Mitglied  des  Reichstags,
wurde  9.  Nov.  1918  württemberg.  Ministerpräsident,
7.  März  1919  Staatspräsident.

„Blücher-,  deutscher  Großer  Kreuzer,  15  800  t;
vgl.  Bd.  I,  S.  259.

Blücherstern,  der  Stern  zum  Großkreuz  des
Eisernen  Kreuzes  (s.  d.).

Bobr,  rechter  Nebenfluß  des  Narew,  in  den  russischpoln.
  Gouv.  Grodno,  Suwalki  und  Lomsha,  150  kur
lang.  Im  Gebiet  des  B.  folgten  auf  den  Übergang
der  Russen  vom  23.  Dez.  1914  hartnäckige  Kämpfe.
Weitere  übergangsversuche  scheiterten  Anfang  März
1915.  Nach  der  Eroberung  der  Festung  Lomsha  erreichten
  die  Armeen  Scholtz  und  Gallwitz  am  10.  Aug.
1915  die  B.-Narew-Linie.

Boecche  di  Cattaro,  sjordartige  befestigte  Bucht
im  südlichen  Dalmatien,  mit  der  Stadt  Cattaro.  —
Am  19.  Sept.  1914  unternahm  ein  französ.  Geschwader
  von  18  Einheiten  mit  montenegrin.  Streitkräften
einen  erfolglosen  Angriff  auf  die  B.;  auch  der  Ende
Dez.  von  den  Montenegrinern  unternommene  Angriff
  scheiterte  vollständig.  Am  6.  Jan.  1916  eröffneten
  Teile  der  Armee  Koevess  im  Gebiete  der  B.  den
Angriff  auf  die  montenegrin.  Grenzstellungen.
        <pb n="223" />
        Boche  —  Bolschewismus

Boche  (franz.),  liederlicher  Mensch,  Taugenichts,
wurde  im  Weltkrieg  hauptsächlichster  franz.  Schimpfname
  für  die  Deutschen.

Böhmen,  s.  Tschechoflowakische  Republik.

Böhm-Ermolli,  Eduard  von,  österreichischungar.
  General,  geb.  21.  Febr.  1856  in  Ancona,
1897  Oberst,  1907  Feldmarschalleutnant,  1912  kommandierender
  General  in  Krakau,  1916  General--oberst,
  1918  Feldmarschall.  1914  nahm  B.  als  Führer
der  2.  Armee  an  den  Abwehrkämpfen  in  Galizien  hervorragenden
  Anteil,  und  verhinderte  Dez.  den  Einbruch
  des  Feindes  in  Preußisch-Schlesien.  Sein  Anfang
  1915  zum  Entsatz  von  Przemysl  unternommener
Vorstoß  mißglückte,  doch  wehrte  die  2.  Armee  die  russ.
Angriffe  an  der  Karpathenfront  ab.  Im  Mai  siegte
B.  bei  Grodek  und  nahm  22.  Juni  Lemberg,  8.  Srt.
Dubno.  1916/17  wehrte  B.  die  Vrussikoff  und  Kerenski-Offensive
  ab  und  befehligte  1918  die  österr.=ungar.
  Truppen  in  der  Ukraine.  —  Bild  s.  Bd.  II
bei  S.  181.

Boehn,  Hans  von,  preuß.  General,  geb.  2.  Juni
1853  in  Stolp,  1896—1902  dienstt.  Flügeladjutant  des
Kusers,  1902  Oberst,  1907  Kommandant  von  Berlin,
  1913  als  General  d.  Kav.  zur  Disposition  gestellt.
Als  Führer  des  9.  Res.-Korps  an  der  Sommeschlacht
Okt.  1916  ruhmvoll  beteiligt,  wurde  B.  1917  Führer
der  7.  Armee,  mit  der  er  26.  Mai  1918  den  Chemin
des  Dames  nahm  u.  über  die  Aisne  u.  Vesle  vorstieß.
Zum  Generaloberst  ernannt,  war  er  seit  Ende  Mai
1918  Führer  der  Heeresgruppe  zwischen  Marne  u.  Oise.

Bois  Brulé,  Wald  im  franz.  Dep.  Meuse,  südlich
von  Saint-Mihiel,  wichtiger  Stützpunkt  der  Franzosen,
  wurde  um  die  Jahreswende  1914/15  nach
schwerem  Kampf  von  den  Deutschen  genommen.

Bojadschijeff.,  Kliment,  bulgar.  General  geb.
um  1865  in  Ochrida,  kämpfte  als  Führer  der  4.  Div.
(Schumla)  im  Balkankrieg  an  der  Tschataldschalinie,
wurde  1913  Kriegsminister,  1914  Armeeinspekteur  in
Rustschuk,  später  Generalstabschef.  Herbst  1915  übernahm
  B.  die  Führung  der  1.  Armee,  mit  der  er  durch
das  Timok-  und  Moravatal  vorrückte  und  die  Serben
nach  Albanien  drängen  half.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  63.

Bole,  schwimmendes,  am  Grunde  verankertes  Seezeichen,
  oft  mit  Leuchtfeuer  (Leuchtboje)g.

Bojovié,  Peter,  serb.  General,  geb.  4.  Juli  1858
in  Misevici  (Sandschak  Novipasar),  1901  Oberst,  im
ersten  Balkan  1912  Stabschef  der  1.  Armee,  nach
der  Schlacht  bei  Kumanowa  General,  focht  im  zweiten
Balkankriege  gegen  die  Bulgaren  und  wurde  Aug.
1913  Stabschef  des  Armee-Hauptinspektors,  1914
Oberbefehlshaber  sämtlicher  Truppen  in  den  neu  erworbenen
  Gebieten.  B.  befehligte  seit  Sept.  1914  die
1.  Armee,  Okt.  1915  die  Gruppe  bei  üsküb,  flüchtete
dann  nach  Albanien,  führte  die  serb.  Truppen  von
Korfu  nach  Saloniki  und  leitete  1916  den  Vormarsch
auf  Monastir.

Boelcke,  Oswald,  deutscher  Fliegeroffizier,  geb.
19.  März1891  in  Halle-Giebichenstein,  seit  April  1915
Kampfflieger,  schoß  40  Flugzeuge  ab  und  stürzte  insolge
  Unfalls  am  28.  Okt.  1916  tödlich  ab;  vgl.  2B.8
Feldberichte  (Gotha  1916).  —  Bild  bei  S.  215.

Bolimow,  Stadt  im  russ.-poln.  Gouv.  Warschau,
an  der  Rawka,  Jan.  u.  Juni  1915  heftig  umkämpft.

Bolivien.  B.s  wirtschaftliche  Lage  war  1914
nicht  günstig,  besserte  sich  aber  im  Kriege  sehr  infolge
der  außerordentlich  großen  Metallausfuhr  nach  den
Vereinigten  Staaten,  besonders  an  Zinn,  das  1917
auf  808  &amp;amp;  für  die  Tonne  stieg.  Diese  Ausfuhr  führte

199

*7  einer  starken  politischen  Abhängigkeit,  die  in  dem
bbruch  der  Beziehungen  zum  Deutschen  Reiche  bei
Beginn  des  uneingeschränkten  Unterseebootkrieges  am
13.  April  1917  ihren  Ausdruck  fand.  B.  erließ  18.
Jan.  1918  ein  Handelsmarkengesetz.

Bolo  Pascha,  s.  Frankresch  S.  234f.

Bolschewismus  (russisch  =  Maximalismus,
Streben  nach  #mehre)  seit  1903  die  radikale  Richtung
der  russischen  Sozialdemokratie,  die  im  Gegensatz  zum
Menschewismus  (Minimalismus)  das  unverstümmelte
  (maximalistische)  Programm  des  reinen  Marismus
  (Diktatur  des  Proletariats,  Vernichtung  des

apitalismus  und  der  Bourgeoisie,  Bekämpfung  des
rieges  durch  Massenstreik)  vertritt.  Die  Theorie
des  B.  leugnet  Staat,  Nation,  Grenzen  usw.  sie  geht
im  Gegensagz  zur  Demokratie  von  der  Ansicht  aus,  daß
die  Menschen  ungleich  seien  und  daher  verschiedene
Rechte  haben  müssen.  Der  primitive  Mensch  (Handarbeiter,
  Bauer  usw.)  sei  besser  als  der  kultivierte,
daher  stehe  jenes  Arbeit  1  als  dieses.  Das  wirtschaftliche
  Ziel  des  B.  ist  der  reine  Kommunismus,
  Beseitigung  nicht  nur  des  Kapitalismus,  sondern
  auch  der  Industrie  als  der  Feinde  der  Arbeiterschaft
  und  der  Bildung  als  eines  Machtmittels  der
Bourgeoisie.  —  In  den  beiden  ersten,  auf  breiter
demokratischer  Grundlage  gewählten  Reichsdumas
waren  die  Bolschewisten  for  vertreten,  in  der  dritten
und  vierten  nur  schwach.  Dagegen  gewann  der  B.
1917  in  dem  nach  Ausbruch  der  Revolution  gewählten
Arbeiter-  und  Soldatenrat  (.  d.)  allmählich
die  Mehrheit.  Nachdem  ein  bolschewistischer  Putschversuch
  in  Petersburg  am  16.  Juli  misglückt  war,
drängten  die  Sowjietführer  Lenin  und  Trotzki  die
provisorische  Regierung  im  Nov.  1917  völlig  beiseite
und  errichteten  eine  bolschewistische  Räteregierung
unter  dem  leitenden  Grundsatz  der  Diktatur  des  Proletariats
  durch  den  Terror.  Diese  bekämpft  den  Gedanken
  einer  Nationalversammlung,  da  allein  die
Räte  die  Vertreter  des  zur  Herrschaft  berufenen  Proletariats
  seien.  Die  bildungsfeindliche  Tendenz  trat
immer  stärker  hervor.  Die  »roten  Gardene  alsterroristische
  Truppen  des  Proletariats  stützten  den  B.,
vor  dem  die  Menschewiki  kapitulierten.

Die  äußere  Politik  der  russ.  Räterepublik  verfolgte
das  Ziel  der  Weltrevolution.  Der  Botschafter
in  Berlin,  Joffe,  trat  in  nahe  Beziehungen  zu  den
Führern  der  Unabhängigen  Sozialdemokratischen
Partei  und  des  Spartakusbundes,  und  der  Massentreik
  der  ersteren  im  Jan.  1918  ging  sicher  auf  russ.

rsprung  zurück,  der  Aufstand  des  letzteren  in  Berlin
im  Jan.  1919  war  im  wesentlichen  mit  rufs.  Geldern
und  Waffen  in  Szene  gesetzt,  die  Münchener  Räterepublik
  im  April  1919  wurde  von  russ.  Sendboten

eleitet  (ogl.  Bayern).  Ebenso  wurde  der  B.  nach

ulgarien  und  Ungarn  (s.  d.)  verpflanzt;  selbst  in
Kopenhagen,  England,  der  Schweiz,  Brastlien  kam  es
zur  Bildung  von  Arbeiter=  und  Soldatenräten.  In
Deutschland  waren  zunäch  die  nach  russ.  Vorbilde
gewählten  A.=  u.  S.-Räte  die  Träger  der  Revolution,

och  rissen  die  von  den  Mehrheitssozialisten  gebildeten
Regierungen  mehr  und  mehr  das  Heft  an  sich  (vgl.  Arbeiter=
  und  Soldatenräte).

In  Rußland  hat  inzwischen  der  um  die  Macht
ringende,  im  Innern  hart  bedrängte  B.  seit  1919
wesentlich  veränderte  Gestalt  angenommen:  am  auffälligsten
  ist  die  schroffe  Diktatur  auf  militärischem
und  wirtschaftlichem  Gebiete;  Kameradendiebstahl
wird  mit  dem  Tode  bestraft,  die  Akkordarbeit  ist  in
        <pb n="224" />
        200

den  verstaatlichten  Werkstätten  wieder  eingeführt  uff.
—  Vgl.-Revolutionäre  Streitfragen.,  hrsg.  vom  Generalfeir
  zum  Studium  u.  zur  Bekämpfung  des  B.
(Berl.  1918  ff.);  Bolschewismus=  (:  Süddeutsche  Monatshefte.,
  Jan.  1919);  Paquet,  Der  Geist  der  russ.
Revolution  (Leipz.  1919);  v.  Freytag-Loringhoven,
  Geschichte  und  Wesen  des  B.  (Bresl.  1919).

Bombe,  früher  das  aus  glatten  Geschützen  verfeuerte
  Hohlgeschoß  mit  Sprengladung  und  Brennzünder.
  Im  Weltkrieg  wurden  anfangs  ährnliche
Hohlkugeln  aus  Minenwerfern  usw.  verfeuert;  vgl.
Bd.  I.  S.  278,  Fig.  7  u.  S.  —  Mit  B.n  bezeichnet  man
insbes.  die  aus  Flugzeugen  oder  Lufischifen  abgeworfenen
  Explosionskörper  (Luftbomben),  die  Sprengwirkung
  entfalten  (Sprengbomben)  oder  Brände
verursachen  (Brandbomben).  Diese  bringen  beim
Auftreffen  ihre  schwer  löschbaren  Brennsätze  (mit  Thermit,
  Benzin,  Petroleum  u.  a.  m.)  zur  Entzütndung.
Aus  Flugzeugen  (Bombenflugzeugen)  abgeworfene
  Fliegerbomben  haben  meist  mäßige
Größe,  wiegen  aber  uweilen  auch  1  Ztr.  und  mehr,
die  Luftschiffbomben  sogar  bis  20  *  und  darüber.
  Oft  trägt  die  B.  am  Hinterende  flügelähnliche
Vorsprünge,  wodurch  sie  mit  dem  Kopf  zuerst  auftasst
  Vgl.  Der  Luftkriege,  S.  156.

orcolapaß,  1200  m  hoher  Grenzpaß  zwischen
Südtirol  und  Oberitalien,  am  Eingang  ins  Posinatal,
  wurde  20.  Mai  1916  von  österr.  Truppen  besetzt,
von  den  Italienern  14.—18.  Juli  1916  vergeblich
bestürmt,  2.  Nov.  1918  genommen.

Bordcaux.  Vom  3.  Sept.  bis  7.  Dez.  1914  hatte
die  französ.  Regierung  ihren  Sitz  in  B.,  das  sie
8.  Sept.  zur  Hauptstadt  Frankreichs  erklärte.

Bordgericht  Gordstand  gericht,  Bordkriegsgericht),
  s.  Kriegsstrafgerichtsbarkeit.

Bordstation,  Einrichtung  für  drahtlose  Telegraphie
  auf  Schiffen.

Borgo,  Bezirkshauptort  in  Südtirol,  s.  Burgen.

Borkum.  Die  Insel  B.  wurde  im  Krieg  zur
Festung  ausgebaut  und  war  dauernd  stark  belegt.

Boroevié  von  Bojna,  Svetozar,  österr.-ungar.
General,  geb.  1856  in  Umetie  (Kroatien),  1897  Oberst,
1908  Feldmarschalleutnant,  1913  General  der  Inf.
und  komm.  General  in  Kassa,  1916  Generaloberst,
1918  Feldmarschall.  B.  kämpfte  bei  Zamosc  und
Komarow  (28.  Aug.  bis  1.  Sept.  1914),  entsetzte  ats
Führer  der  3.  Armee  Przemysl,  behauptete  die  westlichen
  Karpathenpässe  bis  Mai  1915  und  rollte  das
Zentrum  der  russ.  Karpathenarmee  auf.  Seit  Jun
1915  Oberbefehlshaber  der  5.  (Isonzo=  Armee,
kämpfte  B.  sämtliche  Isonzoschlachten  durch  und  befehligte
  seit  1917  die  Heeresgruppe  an  der  Karst=  bzw.
Piavefront.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  181.

Borzymow  (Borsy  mon,  Ort  im  russ.  Gouv.
Warschau,  östl.  v.  Lowicz,  stark  befestigter  Stützpunkt
der  russ.  Hauptstellung,  2.  Jan.  1915  genommen.

Boselli,  Paolo,  ital.  Staatsmann,  geb.  1838  in
Savona  (Ligurien),  kam  1870  ins  Parlament,  war
seit  1888  mehrfach  Minister,  13.  Juni  1916  Ministerpräsident,
  trat  26.  Okt.  1917  zurück.

Bosporus,  die  aus  dem  Schwarzen  Meer  ins
Marmarameer  führende  Meeresstraße,  ist  28,5  km
lang  und  bis  3,3  km  breit.  Am  Südeingang  liegt
auf  europäischer  Seite  Konstantinopel  mit  Pera,  auf
asiatischer  Seite  Skutari.  —  Wegen  der  völkerrechtl.
Bestimmungen  lÜber  die  Durchfahrt  durch  den  B.  vgl.
Bd.  I,  S.  361,  Über  die  B.-Frage  Bd.  II.  S.  61f.,
Über  die  Kämpfe  vorm  und  im  B.  Bd.  III,  S.  124.

Bombe  —  Brandt

Botha,  Louis,  Burengeneral,  geb.  27.  Sept.
1862,  gest.  28.  Aug.  1919  in  Kapstadt,  1897  Volksratsabgeordneter,
  wurde  im  Kriege  gegen  England
nach  dem  Tode  Jouberts  (27.  März  1900)  Höchstkommandierender
  der  Transvaalburen  und  schlug  sich
23.—28.  Aug.  bei  Belfast  und  Dalmanutha  gegen
Pebnfache  Üübermacht.  1907  wurde  B.  Premterminfer

er  Transvaalkolonie,  1910  erster  Ministerpräsident
der  Südafrikanischen  Union.  Im  Sept.  1914  beschloß
B.  in  Übereinstimmung  mit  dem  Parlament  die  Teilnahme
  am  Kriege,  griff  nach  Beendigung  des  Burenaufstands
  Januar  1915  Deutsch-Südwestafrika  an,
dessen  Verteidiger  am  9.  Juli  1915  der  übermacht
Bothas  bei  Otavi  erlagen  (vgl.  Südafrikanische  Union
und  Bd.  II,  S.  44  f.  sowie  Bd.  III,  S.  121f.).

Bothaland,  engl.  Bezeichnung  für  Deutsch.  Südwestafrika
  nach  Eroberung  durch  die  Engländer.

othmer,  Felix,  Graf  von,  bayr.  General,
Ho-  10.  Dez.  1852  in  München,  1900  Oberst,  1905
ivisionskomm.,  1909  Generalkapitän  der  Leibgarde-Hartschiere,
  1910  General  der  Inf.,  1914  Führer  des
2.  bayr.  Reservekorps,  1915  Oberbefehlshaber  der  Südarmee,
  mit  der  er  an  der  Wiedergewinnung  Galtzens
teilnahm.  Ende  August  1915  erzwang  er  den  üÜbergang
  über  die  Strypa  und  schte  sich  am  Sereth  fest,
zo  sch  aber  9.  Sept.  an  die  Strypa  zurück  und  verteidigte
  sich  erfolgreich  in  der  Neujahrsschlacht  1915/16.
4.  Febr.  1918  erhielt  er  die  19.  Armee.  April  1918
wurde  B.  Generaloberst.—  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  195.

Bottnischer  Meerbusen.  über  seine  Bedeutung
vgl.  Bd.  II,  S.  107  f.  u.  111.

Bouchavesnes,  franz.  Dorf  südöstl.  von  Combles,
war  in  der  Sommeschlacht  1916  (vgl.  Bd.  II,  S.  219)
u.  in  der  deutschen  Offensive  März  1918  (vgl.  Bd.  III,
S.  21)  heftig  umkämpft.

Bourenilles,  Gemeinde  im  frz.  Dep.  Meuse,  in
den  Ost-Argonnen.  Hier  spielten  sich  Mitte  Juli  1915
schwere  Kämpfe  um  die  franz.  Hauptstellung  ab.

„Bonvet.,  franz.  Unierschiff  das  18.  März  1915
vorm  Bosporus  sank;  vgl.  Bd.  I,  S.  267.

Boyen,  Festung  im  ostpreuß.  Regbez.  Allenstein,
Kreis  Lötzen,  am  Löwentinsee,  benannt  nach  General
L.  H.  L.  v.  B.  (1771—1848),  war  vom  11.  Aug.  bis
4.  Sept.  1914  von  den  Russen  umzingelt.

Bräila,  rumän.  Festung  und  Hchenfadt  an  der
Donau,  etwa  16  km  oberhalb  der  Serelhmündun
im  Dobrudschafeldzug  1916—17  starke  Brückenkopfstellung
  der  russ.-rumän.  Armee  Sacharoff,  wurde
von  der  Donauarmee  (Deutsche,  Bulgaren  und  Osmanen)
  u.  der  3.  bulgar.  Armee  Nerezoff  4.—5.  Jan.
1917  erobert.  Vgl.  Bd.  II,  S.  235.  (S.  156.

Brandbombe,  s.  Bombe;  vgl.=  Der  Luftkrieg-,

Brandertaktik,  Verwendung  von  mit  Brenntoffen
  geladenen  Wasserfahrzeugen  zur  Entzündung
eindlicher  Schiffe.  Vgl.  Bd.  I.  S.  286.  Im  Frühjahr
  1918  wurde  die  B.  von  den  Engländern  gegen
Ostende  und  Zeebrügge  angewandt,  indem  sie  mit
Brand=  und  Sprengstoffen  beladene  alte  Schiffe  gegen
den  Molenkopf  auflaufen  ließen.  Vgl.  »Der  Seekrieg
1917—19,  S.  135.

Brandgeschofse,  aus  7  und  Minenwerfern
  geschleuderte  oder  aus  Luftschiffen  und  Flugeugen

  abgeworfene  Geschosse,  die  leicht  brennbare
*+ê  stoffe  enthalten  und  beim  Auftresfen  Brände  verursachen.
  Vgl.  Bombe,  Wurfminen  sowie  -Die  Artillerie
  im  Kriege-,  S.  152  u.Der  Luftkriege,  S.  156.

Brandt,  Rolf,  Kriegsberichterstatter  der  „Täglichen

  Rundschaue  im  Osten,  geb.  1.  Febr.  1886  in
        <pb n="225" />
        Brandtal  —  Braunschweig

Berlin,  Feuilleton-Redakteur,  verfaßte  außer  Dichtungen
  =  Fünf  Monate  an  der  Ostfronte  (1915  u.  ö.)
und  -Der  große  Vormarsch=  (1916  u.  ö.).
Brandtal  (Laintal,  ital.  Leno  di  Vallarsa),
Tal  in  Südtirol  mit  Pasubio  als  Ausgangs-,  Rofreit
als  Endpunkt,  war  Mai  1916  Schauplatz  des  österr.
Vormarsches  am  rechten  Flügel  und  wurde  Juli  1916
bis  zur  Zugna  Torta  geräumt.
rauting,  Hjalmar,  schwed.  Sozialdemokrat,
geb.  23.  Nov.  1860  in  Stockholm,  erst  Astronom,  seit
1883  Sozialist,  begründete  1887  das  Blatt  =  Sozialdemokraten
  -,  1889  mit  andern  die  sozialdemokratische
Partei,  seit  1897  im  Reichstag,  agitierte  für  Reform
der  Wahl,  die  1911  nach  dem  allgemeinen,  direkten,
gleichen,  geheimen  Proportionalwahlrecht  stattfand
und  64  Mandate  für  die  Sozialdemokraten  ergab.
Zur  #bung  der  finanziellen  Kräfte  seiner  Partei  gründete
  B.  mit  andern  die  =  Neue  Bank-,  deren  drohender
  Zusammenbruch  1915  nur  durch  kurzfristige  Geschäfte
  mit  Rußland  vermieden  wurde.  Im  Kriege
agitierte  erheftig  gegen  die  deutsche  Eroberungssuchteund
  lehnte  eine  Verständigung  mit  den  deutschen  Sozialdemokraten
  ab.  19.  Okt.  1917  wurde  er  Finanzminister,
  trat  aber  Jan.  1918  zurück.  Vgl.  Schweden.
Brasilien.  Am  3.  März  1914  wurde  Wenzislao
Braz  mit  großer  Mehrheit  zum  Präsidenten  gewählt.
Die  wenig  günstigen  Wireschaftsverhältnssss  trieben
bei  Kriegsausbruch  dem  Staatsbankrott  entgegen.
Die  Lage  besserte  sich  erst  etwas,  als  B.  mit  Rothfhur
ein  Finanzabkommen  traf.  Außerdem  wurde  ein  Moratorium
  verkündet,  das  vierteljährlich  verlängert
werden  mußte.  Jan.  1915  traten  im  Staate  Rio  zwei
Präfidenten  auf,  erst  im  März  gelang  es  dem  Gouverneur,
  die  Unruhen  zu  unterdrücken.  Frühjahr
1916  war  Rio  abermals  der  Schauplatz  einer  revolutionären
  Bewegung,  die  aber  verpuffte.
Weitgehende  Sympathien  mit  Frankreich  und  eine
Eefrige  Propaganda  zugunsten  der  Entente  forderten
den  Bruch  mit  den  Mittelmächten,  doch  bot  die  Person
  des  am  17.  Nov.  1914  wieder  ans  Ruder  gekommenen
  neutralitäts=  und  deutschfreundlichen  Außenministers
  Lauro  Müller  gewisse  Garantien.  Auch
nach  Beginn  des  uneingeschränkten  Unterseebootkrieges
  blieb  B.  zunächst  neutral;  es  protestierte  am  7.  Febr.
1917gegen  den  Unterseebootkrieg  und  machte  Deutschland
  für  alle  daraus  entstehenden  Schädigungen  haftbar.
  Infolge  der  Versentung.  des  Dampfers  „Parand.
  brach  es  am  16.  April  die  diplomatischen  Beziehungen
  zu  Deutschland  ab,  erkärte  sich  aber  noch
am  28.  April  im  Kriege  der  Vereinigten  Staaten  mit
dem  Deutschen  Reiche  ausdrücklich  neutral.  Am  2.  Mai
ließ  es  mitteilen,  daß  es  genötigt  sei,  brasilianische
Matrosen  auf  den  deutschen  Schiffen  zu  stationieren.
Tags  darauf  erklärte  der  Präsident  die  deutsche  Entschuldigung
  im  Falle  „Parand=  für  ungenügend.
Lauro  Müller  trat  zurück;  Außenminister  wurde
Souza  Dantas,  dann  Milo  Picanha.  Nachdem
am  20.  Mai  der  brasilian.  Dampfer  „Tijuca-“  an  der
Bretagne-Küste,  im  Sperrgebiet,  versenkt  worden  war,
wurde  Ende  Mai  ein  Gesetz  angenommen,  durch  das
die  ausführende  Gewalt  zwecks  Verteidigung  der  brasilianischen
  Schiffahrt  zur  Benutzung  der  in  den  Häfen
liegenden  44  deutschen  Schiffe  (232  416  t),  zur  Verlöndigung
  mit  den  Alliierten  und  zum  Widerruf  der
eutralitätserklärung  ermächtigt  wurde.  Am  28.
Juni  wurde  die  Neutralitätserklärung  aufgehoben.
Merkwürdigerweise  legte  im  Sept,  der  Präsident  Braz
sein  Amt  nieder;  der  Vizepräsident  Santos  üÜber-201



nahm  die  provisorische  Präsidentschaft.  Erst  am  25.
Okt.  bestätigten  Kammer  und  Senat  —  nach  Versenkung
  des  früheren  deutschen  Dampfers  =  Macao.  —
einstimmig  den  Kriegszustand.  Darauf  sprengte  die
Besatzung  das  deutsche  Kanonenboot  „Eber-,  das  in
Bahia  interniert  war,  in  die  Lufst.  Am  14.  Nov.  1917
wurde  das  Verhaltungsgesetz  gegen  Deutsche  angenommen,
  durch  das  die  Regierung  ermächtigt  wurde,
den  Belagerungszustand  zu  verhängen,  Verträge  für
nichiig  zu  erklären,  Handelsverbote  zu  erlassen  und
feindl  r  Ausländer  zu  internieren.  15.  Nov.  1918
wurde  Alves  zum  Präsidenten,  Moreira  zum  Vizepräsidenten
  gewählt.  Nach  dem  Tode  Alves  (15.  Jan.
1919)  übernahm  Moreira  die  Präsidentschaft.  Noch
am  14.  Sept.  1918  erklärte  B.  Osterreich-Ungarn  den
Krieg.  Einer  bolschewistischen  Bewegung  wurde  die
Regierung  im  Jan.  1919  Herr.  I.  Moltmann,
Deutsche  Siedlung  in  Süd-B.  (Gotha  1918);  Schüler,
  Brasilien  (4.  Aufl.,  Stuttg.  1919).
Bratiann,  1)  Joan  J.  C.,  rumän.  Staatsmann,
geb.  1864  in  Florica,  Ingenieur  der  Staatseisendahnen,
  1895  Deputierter,  1897  Minister,  war  1910
Leiter  der  liberalen  Partei  und  folgte  Sturdza  als
Vors.  des  Ministerrates.  Er  trat  1911  zurück,  wurde
aber  Jan.  1914  wieder  Ministerpräsident  u.  Kriegsminister.
  Das  Kriegsministerium  trat  er  29.  Aug.
1916  an  seinen  Bruder  ab,  mit  dem  er  10.  Febr.  1918
urülcktrat.  Über  seine  Haltung  vor  und  während  des
2  es  vgl.  Bd.  II,  S.  83  f.  Am  12.  Dez.  1918  wurde
B.  Minister  des  Außern.  —  Bild  s.  bei  S.  226.  —
2)  Vintilla,  Bruder  des  vorigen,  29.  Aug.  1916
bis  10.  Febr.  1918  rumän.  Kriegsminister.
Braun,  F.,  Edler  von,  deutscher  Staatsmann,  geb.
1863  in  München,  1910  Oberregierungsrat  im  bayr.
Ministerium  des  Innern.  1912  Ministerialrat  u.  Vorsteher
  der  landwirtsch.  Abteilung.  Bei  Errichtung  des
Kriegsernährungsamtes  wurde  er  Vorstandsmitglied,
1917—19  Unterstaatssekr.  im  Reichsernährungsamt.
Braunschweig.  Herzog  Ernst  August  (geb.  1887,
regierte  seit  1913)  übertrug  während  seiner  Abwesenheit
  im  Felde  der  Herzogin  die  Regierung;  er  stiftete
27.  Aug.  1914  ein  braunschweigisches  Kriegsverdienstkreuz.
  Am  22.  Mai  1915  wurde  ein  Landesernährungsamt
  errichtet.  —  Am  8.  Nov.  1918  drangen
revolutionäre  Matrosen  in  das  Braunschweiger  Schloß
und  zwangen  den  Herzog  zum  Rücktritt.  Während
in  dem  am  4.  Dez.  zasannseentrelenden  Landes--Arbeiter=
  und  Soldatenrat  die  Unabhängigen  und  Kommunisten
  die  Mehrheit  innehatten,  wurden  in  den
Landtag  am  22.  Dez.  13  Demokraten,  16  Mitglieder
des  Landeswahlverbands,  17  Mehrheitssozialisten
und  14  Unabhängige  gewählt.  Dennoch  wollte  die
vom  Landes-Arbeiter-  und  Soldatenrat  eingesetzte  Reierung
  unter  Präsident  Menges  nicht  zurücktreten;
ie  propagierte  durch  Aufruf  vom  13.  Jan.  den  Gedanken
  einer  „Mittelnorddeutschen  Bundesrepublikund
  schriit  zur  offenen  Empörung  gegen  die  Reichsregierung
  (14.  Jan.).  Am  20.  Jan.  brach  in  Braunschweig
  der  Generalstreik  aus.  Der  Verfassungsentwurf
  der  Regierung  vom  6.  Febr.  1919  war  auf  dem
Gedanken  der  Räterrepublik  aufgebaut.  Der  am  10.
Febr.  unter  dem  Präsidium  des  Mehrheitssozialisten
Jasper  zusammentretende  Landtag  sprach  sich  gegen
eine  Nordwestdeutsche  Bundesrepublik  aus.  Der  Landes-A.=
  und  S.-Rat  wählte  am  23.  Febr.  eine  neue,
aus  je  4  Mehrheitssozialisten  und  Unabhängigen  bestehende
  Regierung  unter  dem  Vorsitz  des  Unabhängigen
  Oerter.  Diese  Regierung  wurde  aber  nach  Be-
        <pb n="226" />
        202

setzung  Braunschweigs  durch  Reichstruppen  am  17.
April  durch  den  Befehlshaber  General  Maercker  abgesetzt;
  erst  am  30.  April  gelang  die  Neubildung  der
Reglerung  unter  Vorsitz  des  Landtagspräsidenten
Jasper;  am  20.  Juni  traten  die  unabhängigen  Mitlieder
  aus  der  Regierung  aus,  in  die  nun  die  Demoraten
  eintraten.  Bei  den  Magistratswahlen  im  Sept.
1919  erlitten  die  Unabhängigen  eine  Niederlage.

Bredow,  Ingenicut.  geb.  1878,  seit  1903  in  leitender
  Stellung  bei  der  TelefunkengesellIchaft.  zuletzt
als  Direktor,  tätig,  organisierte  den  drahtlosen  Verkehr
  zwischen  Deulszla  und  dem  Auslande  während
des  Krieges  und  wurde  März  1919  Leiter  des  deutschen
  Reichsfunkenwesens.

Bregalnuica,  rechter  Nebenfluß  des  Vardar  in
Südserbien.  Am  16.  Okt.  1915  erreichte  ein  Teil  der
bulgar.  Armee  Todoroff  die  B.  und  erkämpfte  sich  am

olgenden  Tage  den  Austritt  in  die  Ebene  von  Kotana.
dach  dem  Fall  Istips  gingen  die  Serben  über  den
Vardar  zurück,  so  daß  das  Tal  der  B.  20.  Okt.  in
bulgar.  Besitz  kam.
remen.  B.  brachte  als  erster  deutscher  Staat  am
26.  Mai  1915  eine  Kriegsgewinnsteuer  ein,  da  aber
das  Reich  diese  Steuer  beanspruchte,  zog  B.  sie  zurück.
1915  stiftete  der  Senat  im  Einverkehmen  mit  der
Bürgerschaft  ein  -Hanseatenkreuze  für  Kriegsverdienste.
  1917  (April  bzw.  Mai)  setzten  Senat  und
Bürgerschaft  Ausschüsse  zur  Beratung  einer  Verfassungsrevision
  ein.  —  Am  6.  Nov.  1918  beschloß  die
Bürgerschaft  die  Einführung  des  allgemeinen,  gleichen,
direkten  und  geheimen  Wahlrechts  für  Männer,  aber
am  9.  Nov.  riß  der  radikale  Arbeiter-  und  Soldatenrat
  die  Regierungsgewalt  an  sich  und  richtete  am  18.
Nov.  eine  formicche  Kampfansage  an  die  Reichsregierung.
  Er  sprach  sich  am  9.  Dez.  gegen  die  Wiederbesetzung
  von  Senat  und  Bürgerschaft  aus  und  beschloß
  am  28.  Dez.  die  Bewaffnung  des  Proletariats.
Am  10.  Jan.  riefen  die  Kommunisten  die  -Sozialistische
  Republik  Bremene  aus  und  gewannen  bereits
die  Oberhand,  als  am  28.  Jan,  die  Division  Gerstenderg
  im  Auftrag  der  Reichsregierung  in  B.  einrückte.
Am  4.  Febr.  war  die  Besetzung  durchgeführt,  Oberst
Gerstenberg  verhängte  den  Belagerungszustand  über
die  Stadt,  eine  neue  provisorische  Regierung  wurde
gebildet  (Vorsitzender:  Rhein).  Die  am  4.  April  endlich
  zusammengetretene  bremische  Nationalversammlung
  wählte  am  10.  April  ein  18köpfiges  Senatskollegium
  (10  Mehrheitssoz.,  8  Demokraten).

„Bremene,  1)  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  3250  t,
der  am  17.  Dez.  1915  in  der  östlichen  Ostsee  von
einem  feindlichen  Unterseeboot  versenkt  wurde;  vgl.
Bd.  II.  S.  256.  —  2)  Deutsches  Handels-U-Boot,
wurde  auf  seiner  ersten  Amerikafahrt  Ende  1916  versenkt;
  vgl.  Handels-U-Boot.

Brenta  (Brint),  Küstenfluß  in  Oberitalien,  fließt
bis  zum  Eintritt  auf  ilal.  Gebiet  durch  das  Suganatal.
  Der  Oberlauf  bis  zum  Knie  bei  Valstagna  war
1915.—18  der  Schauplatz  langwieriger  Kämpfe.

„Breslau,  deutscher  Kleiner  Kreuzer  (erbaut
1911,  4550  t),  s.  „Goebene.

Brest  Litowfk  (Brzese  Litewsli),  Kreisstadt
und  Festung  ersten  Ranges  im  russ.  Gouv.  Grodno,
am  Zusammenfluß  von  Bug  und  Muchawiez,  bildet
den  südöstlichen  Eckpfeiler  des  poln.  Festungsnetzes.
ber  die  Einnahme  von  B.  I  S.  63,  über  die
Sedensschlil#  von  B.  f.  S.  138ff.  Am  29.

an.  1919  wurde  B.  von  den  Bolschewisten  besetzt.

Brialmont,  Henri  Alexis,  belg.  Militärschrift-Bredow

  —  Bröger

leller  und  Festungsbaumeister,  geb.  25.  Mai  1821  in
enloo,  gest.  21.  Juli  1903  in  Brüssel,  bis  1886  Chef
des  belg.  Geniewesens,  schuf  u.  a.  die  belg.  Maasbefestigungen
  sowie  die  von  Antwerpen  u.  Bukarest.

Briaud,  Aristide,  franz.  Staatsmann,  geb  28.
März1862  in  Saint-Nazaire,  Advokat,  Sozialist,  1905
Kultusminister,  1908  daneben  Justizminister,  führte
die  Trennung  von  Staat  und  Kirche  durch,  war  1909
bis  1911  Ministerpräsident,  1912  Justizminister  und
1913  vorübergehend  wieder  Ministerpräsident.  Ende
Olt.  1915  bildete  er  das  schon  sehr  große  Kabinett
der  Nationalen  Verteidigung“  in  ein  noch  größeres
mit  24  Mitgliedern  um,  in  dem  er  Vorsitz  und  Außeres
  Übernahm,  veranlaßte  das  Salonikiunternehmen
und  trat  März  1917  zurück.  —  Seine  Erwiderung  auf
das  deutsche  Friedensangebot  vom  12.  Dez.  1916
s.  Bd.  II,  S.  174  f.;  Bild  4  Bd.  I  bei  S.  53.

Briefmarken,  s.  Kriegsbriefmarken.

Briefraub.  über  völkerrechtswidrigen  B.  ogl.
Bb.  II.  S.  337.

Brieftauben,  der  Nachrichtenbeförderung  dienende
  Tauben.  Bgl.-Das  Nachrichtenwesen  im  Welt
kriegee,  S.  166.

riey,  Arrondissementshauptstadt  im  franz.  Dep.
———  nordwestl.  v.  Metz,  mit  bedeuten.
dem  Eisenbergbau,  Hauptort  des  Minettegebietes
(Eisenerzgebietes)  von  Lothringen,  wurde  von  Truppen
  der  6.  deutschen  Armee  6.  Aug.  1914  besetzt.

Brindisi,  Kreishaupt=  und  Hafenstadt  in  der  ital.
Provinz  Lecce  (Apulien),  am  Adriat.  Meer,  bed.  Hanvelesbla
  wurde  19.  Juni  1915  von  den  Osterr.  erfolgreich
  beschossen.  Am  27.  Sept.  1915  sank  das  ital.
Linienschiff-Benedetto  Brin=  in  B.  infolge  Explosion.

Brint,  oberital.  Küstenfluß,  svw.  Brenta.

Brisant,  bei  Sprengstoffen:  im  geringsten  Ki
raum  unter  starker  Gasentwicklung  verpuffend.  Brisante
  Sprengstoffe:  Dynamit,  Sprenggelatine,  Schießbaumwolle,
  Melinit,  Trinitrotoluol,  Knallquecksilber.
Vgl.  Schieß=  und  Sprengstoffe4,  S.  171ff.

Brisanzgeschosse,  mit  brisanten  Sprengstoffen

efüllte  großkalibrige  Granaten,  aus  Mörsern  verfuert.
  für  stärkste  Sprengwirkung.

Britisch-Nordrhodesia,  diente  England  als  Aufmarschgebiet
  8  en  Deutsch-Ostafrika.

Britisch  Hafrika,  *  Westafrika,  s.  Bd.  II,
S.  45,  -Stüdafrika,  s.  Südafrikanische  Union.

British  Empire  League,  s.  Bd.  I,  S.  110.

British  War  Mission,  die  engl.  Kriegsvertretung
  in  Amerika,  die  dort  an  der  Vereinheitlichung
der  Kriegsziele  arbeitete;  vgl.  auch  Bd.  II,  S.  343.

Brockdorff-Rautau,  Ulrich,  Graf  von,  deutscher
  Staatsmann,  geb.  29.  Mai  1869  in  Schleswig,
1897  Botschaftssekretär  in  Petersburg,  1901—05  in
Wien,  1907  Botschaftsrat,  1909  Generalkonsul  in
Budapest,  1912—18  Gesandter  in  Kopenhagen,  20.
Dez.  1918  Staatssekretär  des  Außern,  März  1919
Leiter  der  deutschen  Delegation  für  die  Friedensverhandlungen
  in  Versoailles,  trat  20.  Juni  1919  zurück.
—  Bild  bei  S.  214.  (S.  195.

Brocqueville,  de,  belg.  Staatsmann,  s.  Belgien,

Brody,  Bezirksstadt  in  Ostgalizien,  auf  der  Podolischen
  Platte,  an  der  Bahn  Lemberg-Kiew,  nahe  der
russ.  Grenze,  Ende  Aug.  1914  von  starken  russ.  Kräften
besetzt,  1.  Sept.  1915von  Böhm-Ermollizurückerobert.

röger,  Karl,  Kriegsdichter,  geb.  10.  Märf  1666
in  Nürnberg,  Sozialdemokrat,  schrieb  die  Gedichte:
„Kamerad,  als  wir  marschiert!e  (Jena  1916;  darin
„Bekenntnis),  -Soldaten  der  Erde=  (das.  1918).
        <pb n="227" />
        Bronsart  von  Schellendorf  —  Buchenstein

Bronsart  von  Schellendorf,  Bernhard,  deutscher
  General,  geb.  1.  März  1866,  1914—16  Chef  des
Generalstabs  der  türkischen  Obersten  Heeresleitung,
1916—17  der  1.  Armee,  1917—18  der  Heeresgruppe
Gallwitz.

Brot.  Die  im  Kriege  immer  geringer  werdenden
Getreidevorräte  führten  bald  zur  Streckung=  des  zum
Brotbacken  verwendeten  Mehles.  Kriegsbrot  (K.
Brot)  wurde  nicht  aus  reinem  Getreidemehl  gebacken,
sondern  enthielt  Kortoftelmehh  Kartoffelflocken  oder
gekochte  und  geriebene  Kartoffeln.  Außerdem  wurde
das  Roggenmehl  durch  stärkere  Ausmahlung  gewonnen,
  d.  h.  es  durften  durch  Reinigung  nur  wenig  Bestandteile
  als  Kleie  ausgeschieden  werden.  Zahlreiche
andere  Vorschläge,  nahrhaftes  =  Ersatzbrote  zu  schaffen,
  blieben  erfolglos,  so  auch  die  Versuche,  Strohmehl
  verdaulich  *l  machen  und  auf  B.  zu  verbacken.—
Allgemein  wurden  die  meisten  Arten  von  Kriegsbrot
  schlecht  vertragen  und  haben  viele  Magen-  und
Darmkrankheiten  verschuldet,  noch  häufiger  bestehende
Leiden  der  Verdauungsorgane  verschlimmert.

Brottarte.  Durch  die  Blockade  (s.  d.)  war  Deutschland
  genötigt,  sich  aus  eigener  Ernte  zu  versorgen.
Das  erheischte  eine  aihert  sparsame  Wirtschaft  mit
dem  Brotgetreide  und  damit  die  Festsetzung  des  auf
den  Kopf  der  Bevölkerung  fallenden  Anteils.  Seit
dem  25.  Jan.  1915  wurden  daher  polizeiliche  Ausweise,
  B.n,  ausgegeben  (im  besetzten  Polen  Okt.  1915
eingeführt),  die  die  gleichmäßige  Verteilung  regelten
(ogl.  Bd.  I.  S.  425  u.  427  sowie  S.  386  Anm.).  Für
Schwerarbeiter  wurden  gleichzeitig  Zu  satz-B.n  verteilt.
  Später  (Okt.  1916)  führte  die  Notwendigkeit,
den  Verkehr  mit  Brot  auch  über  die  einzelnen  Gemeinden
  hinaus  zu  ermöglichen,  zur  Einführung  von
Reichsreisebrotkarten,  nachdem  schon  vorher
einzelne  Bundesstaaten  Reisebrotmarken  ausgegeben
hatten.  Der  vielfach  vorkommenden  Fälschung  mußte
durch  bessere  grapüce  Ausführung,  durch  Wechsel
der  Papierfarbe,  besonderer  Zeichen  usw.  begegnet
werden.  —  In  Österreich  wurde  die  B.  zuerst  in  Wien
(11.  April  1915)  eingeführt.  Die  Mehlknappheit  zwang
auch  die  feindlichen  Länder  zur  Einführung  der  B.,

.  B.  Italien  März  1917;  ebenso  die  neutralen  Länger:

  15.  Jan.  1917  Schweden,  1.  April  Dänemark,
21.  Aug.  die  Schweiz,  1.  Nov.  Norwegen,  1.  Juni
1918  (bis  1.  Juni  1919)  Frankreich.

Brückenbauten,  s.  Bd.  II,  S.  272f.

Brückenkopf,  Befestigung,  die  eine  Brücke  gegen
feindliche  Angriffe  zu  decken  hat.  Die  Hauptverschanung

  eines  B.es  liegt  jenseits  des  Flusses  und  muß  von
en  diesseitigen  Werken  (Batterien)  unterstützt  werden.
Wegen  der  großen  Schußweite  schwerer  Geschügze  können
  B.  ziemlich  weit  entfernt  von  den  zu  schützenden
Übergängenschon  im  Frieden  dauerndangelegt  werden.

Brückentrain,  Gerät  und  Ausrüstung  zur  Erbauung
  von  Kriegsbrücken  durch  die  Pionkere.  Vgl.
Bd.  II,  S.  273f.

Brudermann,  Rudolf,  Ritter  von,  österr.=ungar.
  General,  geb.  9.  Jan.  1851  in  Gyöngyös
(Ung.),  1891  Oberst,  1907  General  der  Kav.,  1912  Armeeinspektor.
  Bei  Ausbruch  des  Krieges  an  der  Spitze
der  3.  Armeee,  verteidigte  B.  Ostgalizien  gegen  die  Rufsen.
  Zur  Räumung  Lembergs  gezwungen,  wurde  B.
seines  Kommandos  enthoben,  Mäcz  1915  beurlaubt.

Brügge,  Hauptstadt  der  belg.  Provinz  Westflandern,
  mit  53  600  Einw.,  war  14.Okt.  1914  bis  19.Okt.
1918  von  den  Deutschen  besetzt  und  Sitz  des  deutschen
Marinekorpskommandos.

B.  9.  Juni  1915  zurück.  Er  bekä

203

:  Brummer.-,  volkstümliche  Bezeichnung  für  die
deutschen  42  cm-Geschütze,  vgl.  »Die  Artillerie  im
Kriege,  S.  164.

Brusati,  ital.  General,  Führer  der  1.  Armee  im
Trentino,  Erster  Generaladjutant  des  Königs,  wurde
Mai  1916  zur  Disposition  gestellt.

Brüssel,  Hauptstadt  Belgiens,  wurde  am  20.  Aug.
1914  von  den  Deutschen  besetzt  und  war  seit  25.  Aug.
1914  Sitz  des  Generalgouvernements  Belgien,  seit
24.  März  1917  auch  des  Verwaltungsbezirks  Flandern
  (s.  Belgien).  Am  6.  Dez.  1918  biet  König  Albert
  seinen  feierlichen  Wiedereinzug.

Brussiloff,  Alexei  Alexejewitsch,  russ.  Heerführer,
  geb.  19.  April  1853,  1902  Leiter  der  Petersburger
  Offiziersreitschule,  1906  Div.-Kommandeur,
1909  kommandierender  General.  Zu  Beginn  des  Krieges
  Korpsführer,  erhielt  B.  nach  der  Schlacht  bei  Lemerg

  Sept.  1914  den  Oberbefehl  über  die  8.  Armee,  mit
der  er  in  Ungarn  einfiel.  Seine  Versuche,  die  österr.=ungar.
  Frontzu  durchbrechen,  scheiterten,  Anfang  Mai
1915  mußte  er  über  den  San  zurückgehen  und  verlor
Przemysl.  1916  Oberbefehlshaber  der  Südfront,
leitete  B.  die  Offensive  in  Wolhynien  und  Ostgalizien
und  eroberte  den  größten  Teil  der  Bukowina  sowie  die
wolhyn.  Festungen  Dubno  u.  Luzk.  Vom  4.  Juni  bis
1.  Aug.  1917  war  er  Oberbefehlshaber  der  gesamten
russ.  Streilkräfte.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Brustwehr,  Vorderwand  des  Schützengrabens.

Bryan,  William  Jennings,  amer.  Politiker,
geb.  19.  März  1860  in  Salem  (Illinois),  1890  Konreßmitglied,

  unterlag  1896,  1900  und  1908  bei  der
Präfidentenwahl,  wurde  1913  Staatssekretär  und
machte  Juli  1913  Vorschläge  zur  Erhaltung  des  Weltfriedens.
  Infolge  eines  Konflikts  im  Kabinett  wegen
Abfassung  der  Lusitania-Note  an  Deutschland  trat
fte  die  Kriegslieferungen
  an  die  Entente,  das  Verteidigungsprogramm
Wilsons  und  den  Friedensvertrag  von  Hersoles.

Brzezanyg,  Bezirksstadt  in  Ostgalizien,  an  der
Zlota  Lipa.  August  1914setzten  die  Russen  starke  Kräfte
über  B.  gegen  die  österr.  Südflanke  ein  und  zwangen
diese  zum  Rückzug.  Juli  bis  Aug.  1915  sowie  während
  der  russ.  Offensive  Juli  1917  war  das  Gebiet
um  B.  heftig  umkämpft.  Vgl.  S.  66,  93.

Brzeziny,  Stadt  im  russisch-poln.  Gouv.  Petrokow,
  —t  von  Lodz.  Bei  den  Kämpfen  um  Lodz  war
Mitte  Nov.  1914  die  2.  und  5.  rufs.  Armee  bei  B.
vom  linken  deutschen  Flügel  teilweise  eingeschlossen.
Die  vollkommene  Umtlammerung  verhinderten  die
Russen  durch  Heranziehung  bed.  Reserven  über  Warschau
  und  führten  gegen  die  Deutschen  einen  Umehungsangriff

  aus.  Das  25.  Reservekorps  unter

eneral  Frhr.  v.  Scheffer-Boyadel  und  die  3.  Gardediviston
  Litzmann,  die  vier  Tage  von  4½  russ.
Korps  eingeschlossen  waren,  unternahmen  in  der  Nacht
vom  23.  zum  24.  Nov.  einen  kühnen  Durchbruchsversuch
  in  Richtung  B.,  der  vollkommen  gelang  und
25  Geschüz=  und  12000  Gefangene  einbrachte.  Vgl.
Bd.  L,  S.  195  f.  sowie  Bd.  1II,  S.  52f.;  v.  Wulffen,
Die  Schlacht  bei  Lodz:  Durchbruch  nach  B.  (Oldenb.

Bsura,  Fluß  in  Foen,  s.  Bzura.  (1918).

Buchenstein  (Livinalongo),  Tal  und  Gemeinde
im  oberen  Cordevole  (Südtiroler  Dolomiten;  vgl.
Bd.  II,  S.  104),  war  Juni  1915  eine  der  Einbruchs.
stellen  der  Italiener,  deren  weiterem  Vordringen  die
österr.=  ungar.  Truppen  widerstanden.  Bei  Zurücknahme
  der  ital.  Doltmitenfront  wurde  B.  Anfang
Nov.  1917  von  den  Osterreichern  wieder  besetzt.
        <pb n="228" />
        204

Bücherwoche,  s.  Reichsbuchwoche.

Buczacz,  Stadt  in  Galizien,  an  der  Strypa,  war
Jan.  1916  von  den  Russen  bedroht,  die  die  Armee
Bothmer  7.  Jan.  zurückwarf  (vgl.  S.  77).

Buddecke,  Hans  Joachim,  deutscher  Fliegeroffizier,
  geb.  22.  Aug.  1890  in  Berlin,  1910  Leutnant,
Sept.  1914  Flieger  an  der  Westfront,  Ende  1915  in
der  Türkei,  seit  1916  bedeutendster  Flieger  an  den
Dardanellen,  Anfang  1918  als  Hauptmann  wieder
an  der  Westfront,  Führer  einer  Jagdstaffel,  fiel  10.
März  1918  im  Luftkampf.  B.  schrieb:  „El  Schahin
(Der  Jagdfalke),  (Berl.  1918).

Budna,  Hafenstadt  in  Dalmatien,  BezH.  Cattaro.
Am  11.  Jan.  1916  eroberten  österr.-ungar.  Truppen
die  hartnäckig  von  den  Montenegrinern  verteidigten
Höhenzüge  nördlich  von  B.,  das  sie  am  12.  besetzten.

Buea,  Regierungssitz  von  Kamerun,  wurde  im
Nov.  1914  von  den  Engländern  besetzt.

Bufa,  Abk.  für  Bild=  u.  Filmamt.

Buftea,  rumän.  Schloß  nordwestl.  von  Bukarest;
hier  wurde  am  5.  März  1918  der  deutsch--  rumän.
Präliminarfriede  geschlossen;  vgl.  S.  140.

Bug,  Vorderfläche  des  Schiffskörpers.

Bug  (Westlicher  Bug),  rechter  Nebenfluß  der
Weichsel,  aus  Galizien,  mündet,  750  km  lang,  bei
Nowogeorgiewst  Die  von  Auffenberg  bei  Zamosz

eschlagenen  Russen  zogen  sich  Ende  Aug.  1914  über

holm  am  B.  entlang  zurück.  Anfang  Sept.  1914
entspann  sich  eine  Riesenschlacht,  die  sich  von  der
Weichsel  über  den  Wieyrz  bis  zum  B.  ausdehnte.  Anfang
  Juli  1915  ging  Mackensen  auf  den  B.  bis  zum
Raum  östlich  vom  B.  in  Richtung  Kowel  vor.  Unter
dem  Drucke  der  am  B.  vorgehenden  Bugarmee
unter  Linsingen  räumten  die  Russen  ihre  Stellungen
und  zogen  sich  auf  Brest  Litowst  zurück.  Am  27.  Aug.
eröffnete  Böhm-Ermolli  im  obern  B.-Gebiet  die
Offensive  und  erkämpfte  diesen  Abschnitt  in  zwei  Tagen.
Bgl.  Pehlemann,  Die  Kämpfe  der  Bug-Armee
(Oldenb.  1918).

Bukarest,  Hauptstadt  von  Numänien,  mit  346000
Einw.,  als  eine  der  größten  ständigen  Lagerfestungen
Europas  mit  18  Forts  und  18  Zwischenwerken  von
Brialmont  ausgebaut,  sollte  vor  dem  Kriege  noch  bedeutend
  verstärkt  werden.  Als  die  Heere  des  Vierbundes
  Ende  November  1916  ihren  Vormarsch  auf
B.  aufnahmen,  entschloß  sich  die  rumän.  Heeresleitung

  zur  Schlacht  bei  B.  (vgl.  Karte  Bd.  II,  bei  S.

222).  Diese  (30.  November  bis  6.  Dezember  1916)
erfiel  in  drei  Abschnitte:  die  Kämpfe  der  deutschm
  Gruppe  Morgen,  die  von  Norden  her  gegen
Ploesti  vordrang;  die  Kämpfe  der  Rumänen  gegen
das  von  Nordwesten  her  (Pitesti)  beiderseits  des  Arges
auf  B.  marschierende  deutsche  Alpenkorps  Krafft  v.
Delmensingen  und  die  Schlacht  am  unteren  Arges
geen  die  von  Westen  vordringende  deutsche  Gruppe

ühne,  das  von  Südwesten  anrückende  verstärkte  Kavalleriekorps
  Schmettau  und  die  im  Süden  den  Halbkreis
  schließende  Donauarmee.  Die  Streitkräfte  der
Verbündeten  standenunterdem  Oberbefeh  Mackensens,
der  hier  eine  Umfassungsschlacht  größten  Stils  schlug.
Nachüberwindung  der  rumän.  Hauptkräste  am  unteren
Arges  durch  die  Donauarmee  traten  die  von  Umklammerung
  bedrohten  rumän.  Kamdfgrupen  rechtzeitig
den  Rückzug  an.  Neben  grober  erlusten  hatten  sie
in  der  Schlacht  selbst  und  auf  der  Verfolgung  über
27000  Gefangene  eingebüßt  und  die  Hauptstadtpreisgeben
  müssen,  die  am  6.  Dez.  ohne  Kampf  besetzt
wurde.  Vgl.  auch  Bd.  II,  S.  232f.

Bücherwoche  —  Bulgarien

B.  war  1.  Dez.  1916  bis  1918  Sitz  der  deutschen
Militärverwaltung  in  Rumänien  unter  General  Tülff
v.  Tschepe  u.  Weidenbach.  In  B.  wurde  7.  Mai  1918
der  Friede  Rumäniens  mit  den  Mächten  des  Vierbundes
  unterzeichnet;  vgl.  S.  140  f.

Bukowina,  Herzogtum  und  östlichstes  Kronland
Isterreich-Ungarns-  mit  der  Hauptstadt  Czernowitz
(vgl.  Bd.  I.  S.  158,  160).  Seit  Ende  Aug.  1914  war
die  B.  der  Schauplatz  äußerst  bestiger  Kämpfe,  da  die
Russen  über  die  B.  schnell  nach  Ungarn  gelangen
wollten.  Hauptsächlich  von  General  Pflanzbr.Batin
  verteidigt,  war  sie  Aug.  bis  Sept.  1914,  Nov.
1914  bis  Febr.  1915  und  Juni  1916  bis  Sept.  1917
von  den  Russen  besetzt.  Vgl.  Bd.  II,  S.  210  sowie
Bd.  III,  S.  55.  Durch  den  Frieden  von  St.  Germain
  kam  die  B.  1919  an  Rumänien.

Bulair,  Linie  von,  türk.  Befestigung  auf  der  Dardanellenhalbinsel,
  s.  Bd.  II,  S.  133  u.  Bd.  III,  S.  124.

Bulgarien.  über  die  allgemeinen  Verhältnisse
des  Landes  und  des  Volkes  gibt  die  Abhandlung  in
Bd.  II,  S.  77  ff.  Aufschluß,  ebenso  die  Ausführungen
Bd.  II,  S.  321.  B.s  politische  Stellung  vor  und
während  des  Krieges  ist  Bd.  II.  S.  58  u.  61  sowie
74  f.  im  Hinblick  auf  eine  für  die  Mittelmächte  siegreiche
Beendigung  des  Krieges  ekennzeichnet;  der  veränderten
  Lage  trägt  der  hluh  dieses  Artikels  Rechnung.

B.,  das  sich  nach  den  Balkankriegen  finanziellerholt
hatte,  hielt  sich  bei  Ausbruch  des  Krieges  vorsichtig
zurück,  erklärte  sofort  seine  Neutralität,  verkündete  nur
am  8.  Aug.  ein  dreimonatiges  Moratorium  und  am
15.  den  Belagerungszustand.  Auch  der  Eintritt  der
Türkei  in  den  Krieg  ließ  die  Neglerung  nicht  von  ihrer
Neutralitätspolitik  abgehen.  Eine  Proklamation  des
serb.  Thronfolgers  vom  17.  Dez.  1914,  die  Mazedonien
  konstitutionelle  Freiheiten  versprach,  löste  in
B.,  das  Mazedonien  als  bulgarisches  Land  ansieht,
helle  Entrüstung  aus.  Nach  Italiens  Eintritt  in
den  Krieg  gewann  B.  ganz  außerordentlich  an  weltpolitischer
  Bedeutung.  Die  Entente  bemühhte  sich,  es
auf  seine  Seite  zu  ziehen  und  versprach  ihm  griechisches,
serbisches  und  rumänisches  Gebiet;  doch  konnte  sie
Serbien  nicht  zu  einer  sofortigen  Abtretung  Mazedoniens
  bewegen,  so  daß  der  Plan  scheiterte.  Radohlon
  off  gestand  am  20.  Juli,  daß  er  gleichzeitig  mit

er  Entente  und  der  Türkei  verhandle,  da  sich  B.
allein  von  seinen  resose  lenken  lasse.  Ende  August
wurde  dann  bestätigt,  daß  eine  Einigung  mit  der  Türkei
  zustande  ge  kommen  war:  B.  verzichtete  auf  Kirkkilisse
  und  erhielt  dafür  einen  Landstreifen  im  westl.
Thrazien  (vgl.  Bd.  II,  S.  64).  Gleichzeitig  trat  der
ententefreundliche  Kriegsminister  Fitscheff  zurück,  an
seine  Stelle  trat  Oberst  Schekoff.  Am  19.  Sept.
wurden  fünf  Divisionen  mobilifiert,  am  21.  folgte  die
allgemeine  Mobilmachung.  Wie  bei  der  Türkei  und
Rumänien  erzwang  auch  in  B.  Rußland  die  Entscheidung:
  es  forderte  in  einem  Ultimatum  am  4.  Okt.
binnen  24  Stunden  Abbruch  der  Dzichungen  zu
den  Feinden  der  slawischen  Sache  und  Rußlandsund
  Entlassung  aller  fremden  Offiziere.  Da  die
bulgarische  Antwort  vom  5.  Okt.  ungenügend  war,
brach  Rußland  die  diplomatischen  Beziehungen  ab.
Am  8.  Okt.  wurde  Schekoff  Oberbefehlshaber  der
Feldarmee,  der  Inspekteur  der  Artillerie,  Generalmajor
Naidenoff,  Kriegsminister  und  der  frühere  Bürgermeister
  von  Sofia,  Christo  Popoff,  Minister  des
Innern.  Am  12.  Okt.  Überschritten  serbische  Truppen
die  bulgarische  Grenze.  B.  antwortete  am  14.  mit  der
Kriegserklärung  (vgl.  Bd.  III,  S.  67  f.  ).  Mit  Griechen-
        <pb n="229" />
        Bullard  —  Buntbücher

land  wollte  B.  Differenzen  vermeiden  und  traf  deshalb
  am  15.  Nov.  ein  Abkommen,  durch  das  eine  neutrale
  Zone  zwischen  den  beiden  Heeren  längs  der
Grenze  geschaffen  wurde.  Unter  dem  Eindrucke  der  erfolgreichen
  Politik  Radoslawoffs  rollte  sein  Gegner
Daneff  die  Fahne  seiner  Partei  für  künftige  Zeiten  zusammen
  (Sobranje,  2.  März  1916).  Von  Engl.  in  Szene
gesetzte  Bestechungen  von  bulgar.  Politikern  führten
nicht  zum  Erfolg  (vgl.  Bd.  II,  S.  340).  Die  Finanzlage
  verschlechterte  sich  naturgemäß;  Deutschland  und
Osterreich-Ungarn  zahlten  für  die  Kriegsdauer  an  B.
monatlich  vorschußweise  50  Mill.  Lewa  zu  5  Prozent.

Als  1916  der  Krieg  gegen  Rumänien  ausbrach
(1.  Sept.  Kriegserklärung  B.  s  an  Rumänien),  war  die

eit  gekommen,  auch  in  der  Dobrudscha  die  nationale

inheit  zu  erkämpfen.  Die  proßen  Erfolge  der  Armeen
  Mackensen  (vgl.  Bd.  II,  S.  221  ff.)  setzten  die
Mittelmächte  bereits  am  12.  Dez.  in  die  Lage,  ihren
Gegnern  den  Frieden  anzubieten.  Der  darin  ausge
grafhese  Verständigungsgedante  befremdete  in  B.
tark;  es  trat  eine  Abkühlung  des  Bundesverhältnisses
ein,  die  in  der  Aufrechterhaltung  der  diplomatischen
Beziehungen  zu  Amerika  ihren  Ausdruck  fand.  Dann
brachte  der  Friede  zu  Bukarest  vom  7.  Mai  1918,  der
die  Norddobrudscha  einem  Kondominium  der  Verbündeten
  unterstellte,  eine  direkte  Enifremdung,  der  Minister
  Radoslawoff  zum  Obfer  fiel.

Am  17.  Juni  1918  wurde  der  Ententefreund  Malinoff
  Ministerpräsident.  Trotz  Bitten  der  deutschen
Obersten  Heeresleitung  tat  B.  nichts  für  die  weitere
Ausbildung  seines  Heeres,  General  Lukoff  u.  a.  be-Fgünstigten
  sogar  die  feindliche  Propaganda.  Das  sich
in  Parteigezänk  auflösende  Heer  wurde  am  15.  Sept.
durch  Generalangriff  der  Armee  Franchet  d'Esperey
über  den  Haufen  gerannt;  7  deutsche  Divisionen  leisteten
  bei  Nisch  Anfang  Okt.  einen  letzten  vergeblichen
Widerstand.  B.  bat  um  Waffenstillstand,  den  es  am
29.  Sept.  in  Saloniki  erhielt  (s.  Bd.  III,  S.  143).  Zar
Ferdinand  dankte  am  4.  Okt.  zugunsten  des  Kronprinzen
  Boris  ab,  der  sich,  trotz  bolschewistischer  Unruhen,
  nach  Besetzung  seines  Landes  durch  die  Entente
behauptete.  B.  unterzeichnete  am  27.  November  1919
auf  dem  Rathaus  zu  Neuilly  den  ihm  diltierten  Frieden
  (vgl.  oben,  S.  146),  der  ihm  die  Herausgabe  der
1912  —  13  gemachten  Eroberungen  und  2250  Mill.
Fr.  Kriegsentschädigung  auferlegte.  —  Wie  die  Türkei
führte  auch  B.  den  Gregor.  Kalender  ein  (mit  dem
1.  April  1916).  —  Vgl.  K.  Kaßner,  B.,  Land  und
Leute  (Leipz.  1916);  Helmolts  Weltgeschichte,  2.  Aufl.,
Bd.  4das.  161  ;B.  Antanoff,  B.  vom  Beginn  seines
geschichtlichen  Bestehens  bis  auf  unsere  Tage  (679  bis
1917;  Berlin  o.  J.);  Weigand,  Vulgarist  Bibliothek
  (9  Bde.,  Leipz.  1919);  Georgov  u.  a.,  Die  bulgarische
  Nation  und  der  Weltkrieg  (Berl.  1919).

Bullard,  Robert  Lee,  amerikan.  General  und
Militärschriftsteller,  geb.  15.  Jan.  1861  in  Youngsboro
  (Alabama),  1911  Oberst,  seit  Okt.  1918  Oberbefehlshaber
  der  2.  amerik.  Armee  in  Frankreich.

Bullecourt,  franz.  Ort  südöstl.  von  Arras,  war
während  der  engl.  Arras-Offensive  April-Mai  1917
der  Brennpunkt  schwerer  Kämpfe.  *  S.  14.

Bülow,  1)  Karl  von,  preuß.  General,  geb.  24.
März  1846  in  Berlin,  1893  Oberst,  1896  Direktor  des
Ventralden  im  Kriegsmin.,  1897  Generalmajor,  1900

eneralleutn.,  1901  Divisionskomm.,  1902  Generalquartiermeister,
  1903  komm.  General,  1904  General
der  Inf.,  1912  Generaloberst  und  Generalinsp.  der
3.  Armeeinsp.  (Hannover).  1914  Führer  der  2.  Armee

205

Gesten  27.  Jan.  1915  Generalfeldmarschall,  erfocht
entscheidende  Siege  bei  Namur  u.  St.  Quentin,  erwang
  Anfang  Sept.  den  Marnellbergang,  brach  aber
ie  Schlacht  an  der  Marne  (s.  d.)  ab  und  bezog  befestigte
  Stellungen  an  der  Aisne,  die  er  gegen  feindliche
  Durchbruchsversuche  hielt.  Juni  1916  nahm  B.
seinen  Abschied.  Er  schrieb-Mein  Bericht  zur  Marneschlacht
  (Berl.  1920).  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  187.
—  2)  Bernhard,  Fürst  von,  deutscher  Staalsmann,
  geb.  3.  Mai  1849  in  Klein-Flottbeck  (Holtein),
  1880  Botschaftssekretär  in  Paris,  1883  Boichaftsrat
  in  Petersburg,  1888  Gesandter  in  Bukarest,
  1893  Botschafter  beim  Quirinal,  Okt.  1897
Staatssekretär,  war  vom  17.  Okt.  1900  bis  14.  Juli
1909  deutscher  Reichskanzler,  preuß.  Ministerpräsident
und  Min,  des  Ausw.  Am  4.  Dez.  1914  übernahm  er
in  Rom,  zu  dessen  polit.  Kreisen  er  auch  als  Gatte  der
Geinzessin  Camporeale,  Stieftochter  des  ital.  Ministers
  Minghetti,  die  besten  Beziehungen  unterhielt,  den
Posten  des  deutschen  Botschafters,  um  die  durch
die  unklare  Stellungnahme  Jtaliens  entstandenen
Schwierigkeiten  zu  beseitigen.  Er  vermochte  aber  der
zum  Krieg  drängenden  Regierung  nicht  zu  begegnen
und  verlich  am  24.  Mai  1915  Rom  (vgl.  Bd.  L,  S.9ff.).
r„i  Bulwark.,  brit.  Linienschiff,  15  240  t,  s.  Sheerneß
  sowie  Bd.  1I,  S.  257.

Bunau-Varilla  (eigentlich  Varillat),  Maurice
  Jules,  franz.  Zeitungsbesitzer,  erwarb  1901  den
»Matin«  (s.  Bd.  II,  S.  332),  den  er  alsbald  in  den
Dienst  des  gehässigsten  Chauvinismus  stellte,  den  Haß
gegen  Deutschland  mit  allen  Mitteln  schürend.

und  der  Frontsoldaten,  s.  Frontsoldaten.

Bundeshilfsverein  Berlin,  3.  Aprik  1916  gegr.
Verein,  der  in  Wechselseitigkeit  mit  gleichen  Vereinen
in  Wien  und  Budapest  zum  Wiederaufbau  zerstörter
Ortschaften  der  Verbündeten  beitrug  (Berlin  für  Görz,
Wien  für  Ortelsburg,  Budapest  für  Gerdauen).

Bunker,  Lagerraum  für  Kohlen  auf  Dampfsschissen.

Buntbücher,  von  den  Regierungen  herausgegebene
  und  mit  verschiedenfarbigen  Umschlägen  versehene
  Bücher  (Denkschriften),  die  diplomatische  Verhandlungen
  und  Briefwechsel  enthallen  (vgl.  Bd.  II,
S.  380).  Im  folgenden  sind  die  wichtigeren  B.  zur
Vorgeschichte  und  zum  Verlauf  des  Krieges  aufgeführt.


Blaubücher  wurden  herausgegeben:  von  England
  am  5.  Aug.  1914  über  die  Vorgeschichte  des
Krieges  vom  20.  Juli  bis  4.  Aug.  1914  (White
Paper;  2.  erweiterte  Ausgabe  28.  Sept.  1914;  vgl.
Bd.  L,  S.  132);  von  Serbien  umn  Nov.  1914  über
die  Zeit  vom  29.  Juni  bis  16.  Aug.  1914  (vgl.  Bd.  1,
S.  139);  von  Schweden  am  22.  Jan.  1916  über
Kriegsmaßnahmen  u.  am  19.  Aug.  1916  über  engl.
Beschlagnahme  schwedischer  Post.

Gelbbücher  gab  Frankreich  heraus:  am  1.  Dez.
1914  über  die  Vorgeschichte  des  Krieges  vom  17.
März  1913  bis  5.  Aug.  1914  (vgl.  Bd.  I.  S.  132);
2.  Aug.  1916  über  das  Verhalten  der  deutschen  Behörden
  im  besetzten  franz.  Gebiet.

Graubücher  veröffentlichten:  Belgien  über  die
Ereignisse  vom  24.  Juli  bis  29.  Aug.  1914  (ergänzt
Anfang  Aug.  1915;  vgl.  Bd.  1.  S.  132)  und  Jan.
1916  als  Erwiderung  auf  das  deutsche  Weißbuch  vont
2.  Mai  1915;  Deulschland  im  Nov.  1915,  mit  Berichten
  der  belg.  Gesandten  in  Berlin,  Paris  und
London  von  1905—14.  "

Grünbücher  ließen  erscheinen:  Italien  am  20
Mai  1915  zur  Rechtfertigung  seiner  Kriegserklärung
        <pb n="230" />
        206

(vgl.  Bb.  I,  S.  132);  Brasilien  im  März  1918  über
seine  internationalen  Beziehungen  1914—17.

Hrangedücher  veröffentlichten:  Rußland  am
7.  ug.¾  1914  über  die  Vorgeschichte  des  Krieges  1914
(vgl.  Bd.  I.  S.  132);  die  Niederlande  am  31.  Okt.
1915  über  die  Wahrung  der  Neutralität  und  23.  Juli
1916  über  die  Neutralitätspolitik  seit  Okt.  1915.

Rotbücher  gaben  heraus:  Osterreich-Ungarn
am  3.  Febr.  1915  sur  Vorgeschichte  des  Krieges  vom
29.  Juni  bis  24.  Aug.  1914  (vgl.  Bd.  I.  S.  132),
am  13.  Juli  1915  über  die  Beziehungen  zu  JItalien
vom  20.  Juli  1914  bis  23.  Mai  1915  und  die  Auslegung
  des  Art.  7  des  Dreibundvertrages  (vgl.  Bd.  1,
S.  132),  am  11.  Okt.  1916  über  die  Beziehungen  zu
Rumänien,  am  25.  Okt.  über  die  Verletzungen  des
Völkerrechts;  Deutsch-Osterreich  1919/20  über
den  Ksgaausbruch  (3  Teile,  zusammengestellt  von
Goos);  England-Agypten  am  29.  Jan.  1915.

Weißbücherwurden  veröffentlicht:  von  Deutschland
  am  3.  Aug.  1914  über  die  Borgeschichte  des
Krieges  (2.  erweiterte  Ausgabe  vom  2.  Mai  1915;
Text  s.  Bd.  I.  S.  141  ff.,  vgl.  Bd.  I,  S.  132),  am
2.  Mai  1915  über  die  völkerrechtswidrige  Führung
des  B  Franktireurkrieges,  1919  über  die  Vorgeschichte
  des  Waffenstillstandes  und  Über  die  Vorgeschichte
  des  Krieges  „Deutschlandsschuldig.)  2.  Febr.
1920  über  die  Friedensbestimmungen,  die  Ostgebiete
betr.,  und  über  deutsch  polnische  Beziehungen;  von
Osterreich-Ungarn  am  26.  Mai  1915  über  die
Beziehungen  zu  Stalien,  von  England  am  5.  Aug.
1914  ein  „White  Paper-  als  Blaubuch  (vgl.  oben
und  Bd.  L,  S.  132),  im  Nov.  1914  über  den  Abbruch
der  diplomatischen  Beziehungen  zur  Türkei,  am  20.
Febr.  1915  über  den  Schristwechsel  König  Georgs
mit  Poincaré  vor  Ausbruch  des  Krieges,  am  18.  März
1915  über  die  Kriegführung  zur  See  (Rechtfertigun
der  Blockade),  am  2.  Mai  1915  über  den  Zeitverlust
in  der  Munitionsindustrie  und  beim  Schiffbau,  am
4.  Jan.  1916  über  die  Maßnahmen  zur  Abschneidung
der  deutschen  Ein=  und  Ausfuhr;  von  der  Südafrikan.
  Union  am  3.  März  1915  über  den  Burenaufstand;
  von  den  Vereinigten  Staaten  am  28.
Aug.  1916  über  die  Beziehungen  zu  England;  von
den  Niederlanden  am  10.  Febr.  1917  über  die
diplomatische  Korrespondenz  mit  Deutschland  und
Osterr.-Ungarn  betr.  den  uneingeschränkten  U-Boot-Krieg;
  von  Portugal  am  93.  Jan.  1917  Über  seinen
Eintritt  in  den  Krieg;  von  Griechenland  am  18.
Aug.  1917  über  die  Übergabe  des  Forts  Ruppel  an
die  Mittelmächte.

Bureau  de  renseignement  sur  les  Prisonniers
  de  guerre,  s.  Kriegsgefangene.

Burenaufstand,  s.  Südafeikanische  Union  und
Bd.  II,  S.  44  f.

Burgen  (Borgo),  Stadt  in  Südtirol,  Hauptort
des  Suganertals,  war  vom  11.  Juni  1915  bis  22.
Mai  1916  von  den  Italienern  besetzt  und  gehört  seit
Dez.  1918  zu  Italien.

Burgfriede,  im  parlamentarischen  Leben  Abmachung
  der  Parteien,  den  Parteikampf,  insbes.  den
Wahlkampf  der  im  Krieg  erforderlichen  Einigkeit
der  Volksvertretung  unterzuordnen.  Bei  im  Zeichen
des  B.  ns  vorgenommenen  Neuwahlen  verzichten  die
Parteien  auf  Aufstellung  eigner  Kandidaten  zugunsten
derjenigen  Partei,  die  zuletzt  das  Mandat  innehatte.
Im  deutschen  Reichstag  wurde  der  B.  bis  1917  leidlich

Bureau  de  renseignement  sur  les  Prisonniers  de  guerre

Bzura

innegehalten.  Zum  Bruch  kam  er  durch  die  Aufstellung
  einer  Sonderkandidatur  der  Unabhängigen  Sotaldemokraten

  bei  der  Neuwahl  in  Oschatz  1917  und

urch  die  Bildung  einer  geschlossenen  Reichstagsmehrheit
  aus  Zentrum,  Sozialdemokraten  und  Fortschrittlicher
  Bolkspartei  bei  Beratung  der  Resolution  vom
19.  Juli  1917  (s.  Deutsches  Reich).  —  über  den  kirchlichen
  B.n  val.  Bd.  I.  S.  328.

Burgundische  Pforte,  s.  Bd.  I,  S.  148f.

Burianu  von  Rajecz,  Stefan,  Graf  lseit  1918)
von,  österr.-ungar.  Staatsmann,  geb.  16.Jan.  1851
in  Stampfen  bei  Preßburg,  Konsul  in  Alexandrien,
Bukarest,  Belgrad,  1882—86  in  Moskau,  1886—95
Generalkonsul  bzw.  Gesandter  in  Soßa,  dann  in
Stuttgart,  1897  in  Athen,  1903—12  Reichsfinanzminister
  und  mit  der  Verwaltung  Bosniens  betraut,
wurde  13.  Jan.  1915  Min.  des  Ausw.,  deckte  die  unaufrichtige
  =  Neutralitätspolitik=  der  Verein.  Staaten
auf,  wurde  Nov.  1916  wieder  Finanzminister  und  war
April  bis  Okt.  1918  zugleich  Min.  des  Ausw.  Seine

olitik  war  von  unerschütterlicher  Bündnistreue  zu

eutschland  geleitet.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  46.

Burus,  Hohn,  engl.  Handelsminister,  geb.  Okt.
1858  in  London,  anfangs  Fabrikarbeiter,  seit  1886
Arbeiterführer,  wurde  1888  in  den  Londoner  Grafschaftsrat
  gewählt,  1892  Unterhausmitglied,  1905
Präs.  des  Lokalverwaltungsamtes  im  Min.  Campbell-Bannerman,
  Febr.  1914  Handelsmin.  und  trat  am
6.  Aug.  1914  zurück.  Er  verurteilte  die  Politik  Greys
und  protestierte  gegen  die  Haltung  Englands.

Busk,  Stadt  in  der  ostgaliz.  #.  ur  h.  Kamionka
Strumilowa,  am  Bug.  Der  Raum  von  B.  war  Ende
.  1914  Schauplatz  einer  großen  Schlacht.

tte  de  Tahure,  Berg  in  Frantkeeic,  s.  Tahure.

Butterkarte,  s.  Lebensmittelkarten.

Buzau  (Buzeu),  Nebenfluß  des  Sereth  in  Rumänien.
  Die  Kämpfe  am  oberen  B.  Mitte  Okt.  1916
endeten  mit  dem  Rückzug  der  Rumänen;  am  12  Dez.
erreichte  die  deutsche  9.  Armee  den  B.,  der  bis  zum
14.  von  den  Rumänen  verteidigt  wurde,  besetzten  am
14.  Dez.  die  Stadt  B.  und  überschritten  den  Fluß
am  16.  Dez.;  der  am  Unterlauf  von  den  Russen  ausgebaute
  Brückenkopf  wurde  4.  Jan.  1917  erstürmt.

Boyng,  Julian  Hedworth  George.  engl.  General,
  geb.  11.  Sept.  1862,  1884  im  Sudan,  1899  bis
1902  in  Südafrika,  1905  Brig.-Kommandeur,  1910
Div.-Kommandeur,  1912  Besebis  aber  der  ägypt.
Streitkräfte.  August  1914  war  B.  Führer  des  ägypt.
Expeditionskorps,  dann  auf  Gallipoli,  1916  Kommandeur
  des  kanad.  Korps  in  Flandern,  führte  Nov.
1917  und  Frühjahr  1918  die  8.  engl.  Armee  bei
Cambrai  und  im  Entscheidungskampf  1918  die  engl.=N’


—  n  Polen,  s.

B2z,  Abkürzung  für  Brennzünder.

Bzura  (Bsura),  linker  Nebenfluß  der  Weichsel  in
Polen,  entffringt  bei  Lodz,  155  km  lang,  mündet  bei
Wyschegorod.  Nach  der  Schlacht  bei  Lodz  gingen  die
Deutschen  7*7  die  untere  B.  vor,  worauf  sich  Dez.
1914  um  die  B.=  und  Rawka-Abschnitte  hartnäckige
Kämpfe  entwickelten.  Die  rusfs.  Durchbruchsversuche
am  B.-Abschnitt  Jan.Febr.  1915  scheiterten.  Nach
Wiederaufnahme  der  deutsch-BSsterr.  Offensive  gaben
die  Russen  die  B.=  und  Rawka-Abschnitte  Mitte  Juli
1915  auf  und  zogen  sich  in  die  Blonie-Stellung  zurück.
  Vgl.  S.  53.
        <pb n="231" />
        Cakak  —  Carson

207

C

Cakak,  Hauptstadt  des  serb.  Kreises  Rudnik,  an  der
Morava,  1.  Nov.  1915  von  der  Armee  Koevefs  beeg.
Cadorna,  Luigi,  Graf,  ital.  Heerführer,  Sohn
von  Raphael  C.  der  sich  im  Krimkriege  auszeichnete,
1870  die  Einnahme  Roms  leitete  und  Gouverneur
von  Rom  war,  geb.  4.  Sept.  1850  in  Pallanza,  1892
Oberst,  1905  Generalleutnant,  1910  Chef  des  4.  Armeekorps
  in  Genua,  war  an  der  Organisation  des  ital.
Heeres  hervorragend  beteiligt  und  seit  1911  zum  Chef
des  Generalstabes  bestimmt.  Vom  Mai  1915  bis
1.  Nov.  1917  war  C.  Oberbefehlshaber  des  gesamten
ital.  Heeres;  nach  der  12.  Isonzoschlacht  wurde  er  zur
Disposition  gestellt  und  seines  Grades  und  seiner
Pension  für  verlustig  erklärt.  —  Bild  s.  bei  S.  226.
Caillaux,  Joseph,  franz.  Politiker,  geb.  30.  März
1863  in  Le  Mans,  1898  und  1906  (unter  Clemenceau)
Finanzmin.,  Gegner  der  indirekten  Steuern,  Parteiführer
  der  sozialist.  Radikalen,  1911  Ministerpräsident
und  Min.  des  Ausw.,  schloß  den  Marokkovertrag
mit  Deutschland,  wurde  März  1913  durch  Barthou
abgelöst,  Dez.  unter  Doumergue  wieder  Finanzmin.,
dann  vom  Direktor  des  -Figaro-,  Calmette,  auf  Anstiften
  der  Kriegshetzer  in  der  Regierung  verleumdet,
so  daß  C.  Frau  diesen  erschoß,  aber  freigesprochen
wurde.  Die  Angriffe  Clemenceaus  auf  C.  wegen
Flaumacherei  und  verdächtiger  Beziehungen  zu  den
Defaitisten  (Malvy,  Bolo  Pascha  uiw.)  im  „Homme
enchainé=  führten  schließlich  nach  Aufhebung  seiner
Immunität  als  Abgeordneter  (22.  Dez.  1917)  zur  Verhaftung.
  Erst  am  2.  Aug.  1919  war  die  Voruntersuchung
  gegen  C.  abgeschlo  en  u.  im  Febr.  1920  begann
der  Prozeß  vor  dem  Staatsgerichtshof.  291lFrankrich
Caillette-Wald,  auf  dem  westl.  Maasufer,  vor
Verdun,  wurde  1.  Juni  1916  v.  d.  Deutschen  erstürmt.
Caineni,  Ort  (Roterturmpaß);  s.  Bd.  II,  S.  227  ff.
Calais,  Hafenstadt  und  Seung  im  franz.  Dep.
Pas-de-Calais,  mit  bed.  Tüllfabrikation,  polit.  und
wirtschaftlich  wichtig  (ugl.  Bd.  I.  S.  162/3),  war  im
Kriege  Ausladehafen  und  Hauptetappenstation  der
Engländer  u.  wurde  verschiedentlich  v.  deutschen  Luftschiffen
  beschossen,  bes.  17.  Nüch  1915,  11.  Juli  1916.

Calonder,  Felix,  schweiz.
in  Schuls  Ginterengadin)  1913  Bundesrat,  Minister
des  Innern,  Förderer  des  Völkerbundgedankens,
wurde  für  1918  Bundespräsident  der  Schweiz.

Cambrai,  Arrondissementshauptstadt  im  franz.
Depart.  Nord,  war  vom  27.  Aug.  1914  bis  9.  Okt.
1918  von  den  Deutschen  besetzt.  Über  die  Kämpfe  bei
C.  vgl.  S.  21,  45,  98,  105.

Campdes  Romains,  franz.  Fort  an  der  Maaslinie,
  bei  St.  Mihiel,  war  vom  25.  Sept.  1914  bis
12.  Sept.  1918  in  deutschem  Besitz;  vgl.  S.  43.

Campolongo,  ital.  Panzerwerk  in  den  Sieben
Gemeinden,  auf  1710  m  hoher  Kuppe,  9  km  westl.  von
Asiago,  23.  Mai  1916  von  österr.  Truppen  erobert.

Campomolon,  permanentes  ital.  Panzerwerk  im
Raume  Arsiero,  auf  1855  m  hoher  Kuppe,  wurde
18.  Mai  1916  von  österr.  Truppen  erstürmt.

Campo  Mulo,  Val  di,  ital.  Gebirgstal  in  den
Sieben  Gemeinden,  nordöstlich  von  Asiago,  wurde
5.—7.  Juni  1916  den  Italienern  nach  hartem  Kampf
entrissen,  Ende  Juni  von  ihnen  wieder  genommen.

Campoverde,  Corno  di,  2129  m  hoher  Gipfel
in  den  Sieben  Gemeinden,  wurde  24./25.  Mai  1916
von  österr.-ungar.  Kräften  erstürmt.

taatsmann,  geb.  1856

Cämpulung  (Kimbolung),  rumän.  Kreisstadt
in  der  Großen  Walachei,  südwestl.  vom  Törzburger
Paß,  wurde  29.  Nov.  1916  v.  d.  Deutschen  genommen.

Canale,  Dorf  in  der  österr.  Provinz  Görz  und
Gradisca,  17  km  nördl.  von  Görz,  am  linken  Innnoufer,
  1915  und  1917  viel  umlänft-Canin,

  Monte,  Gipfel  der  Cadorischen  Alpen,  an
der  ital.  görzischen  Grenze,  2572  m,  westl.  von  Flitsch,
wurde  Ende  Okt.  1917  von  österr.-ungar.  Truppen
erobert;  s.  12.  Isonzoschlacht,  S.  111.

Cant  (engl.,  Scheinheiligkeit),  das  Bestreben,
eigensüchtige  Ziele  moralisch  zu  begründen,  tritt  als
politische  Eigenschaft  bes.  bei  den  Engländern  hervor;
vgl.  Bd.  II,  S.  326  sowie  Einleitung  des  Aufsatzes
»Englische  Weltpolitike,  Bd.  JL,  S.  102.

Capelle,  Eduard  von,  deutscher  Admiral,  geb.
10.  Okt.  1855  in  Celle,  1889  an  Bord  der  Leipzigbei
  der  deutschen  Expedition  nach  Ostafrika  zur  Unterdrückung
  des  Araberaufstandes,  1891  ins  Reichsmarineamt
  berufen,  1904  Direktor  des  Verwaltungsdepartements,
  1906  Konteradmiral,  1909  Vizeadmiral
und  1913  Admiral.  Juni  1914  wurde  C.  Unterstaatssekretär,
  Nov.  1915  zur  Disposition  gestellt,  März
1916  als  Nachfolger  Tirpitz  Staatssekretär  des  Reichsmarineamts
  und  trat  Okt.  1918  zurück.  —  Bild  f.
Bd.  II  bei  S.  250.  (2.  Armee  (Isonzo).

Capello,  italienischer  General,  1917  Führer  der

Capo  Sile,  Gemeinde  der  ital.  Provinz  Venedig,
am  Sile  und  am  Kanal  Taglio  del  Sile.  9.  Dez.  1917
wurde  der  Brückenkopf  von  C.  durch  Honveédtruppen
erstürmt,  14.—18.  Jan.  1918  von  den  Italienern
wiedergenommen  und  mit  kurzer  Unterbrechung  (16.
Juni  bis  2.  Juli)  behauptet.

Caprile,  Col,  Gebirgspaß  vor  dem  Grappamassiv
  zwischen  Brenta  und  Piave,  wurde  14.  Dez.
1917  von  österr.-ungar.  Truppen  erstürmt,  Ende  Okt.
1918  v.  d.  Ilalienern  genommen.  (s.  Bd.  II,  S.35.

Carbonari,  ital.irredentistische  Geheimgesellschaft,

Carency,  franz.  Dorf,  Dep.  Pas-de-Calais,  südl.
von  der  Lorettohöhe.  Kriegsereignisses.  Bd.  1I,  S.  222  ff.

Carlowitz,  Adolf  von,  sächs.  General,  geb.  25.
März  1858  in  Riesa,  1912  General  à  la  suite  bes
Königs,  1913  Generalleutnant,  1914  Kriegsminister,
Okt.  1914  Korpsführer,  Aug.  1918  Führer  der  9.,
Sept.  der  2.  Armee.

Carmen  Solva,  Königin  von  Rumänien  (s.  d.).

„Carmenzüge-,  die  nach  dem  Handelsabkommen
vom  April  1916  deutsche  Waren  nach  Rumänien  ausführenden
  Eisenbahnzüge.  [sorgee,  S.  178.

Carnesarm,  s.  »Arztliche  Kriegsbes  äbigtenfür

Carol,  König  von  Rumänien,  s.  Karl;  Carol,
Kronprinz  von  Rumänien,  s.  Ferdinand.

Carp,  Petrache  (Peter  C.),  rumän.  Staatsmann,
eb.  29.  Juni  1837  in  Jassy,  gest.  22.  Junt  1919  in
zibanesti,.  1870  Min.  des  Ausw.,  1890  sowie  1892

bis  1895  Ackerbauminister,  1900—01  Finanzminister
und  Wistergräsüarnt  versuchte  als  Vertreter  deutschfreundlicher
  Politik  vergeblich,  Rumäniens  Anschluß
an  die  Entente  zu  vereiteln.

Carson,  Sir  Edward,  geb.  9.  Febr.  1854  in
Dublin,  Rechtsanwals,  spielte  als  Führer  der  Unionisten
  (Ulsterleute)  in  der  irischen  Frage  eine  große
Rolle  (vgl.  Bd.  1,  S.  114),  wurde  Mai  1915  Attorney
  General,  trat  16.  Olt.  zurück  und  war  Juli  1917
bis  Jan.  1918  Mitglied  des  Kriegskabinetts.
        <pb n="232" />
        208

Casa  Ratti,  ital.  Panzerwerk  bei  Arsiero,  26.  Mai
1916  von  den  Ocsterreichern  erobert;  vgl.  S.  113.
Casement,  Sir  Roger,  ir.  Politiker,  geb.  1.  Sept.
1864,  98—05  engl.  Konsul  in  Portug.-Westafrika  u.
im  Kongofreistaat,  später  Generalkonsul  von  Haiti
und  San  Domingo,  seit  1909  Generalkonsul  in  Rio
de  Janeiro,  eifrigster  uneigennütziger  Vorkämpfer  für
die  Bildung  und  Befreiung  des  ir.  Volkes,  sollte  auf
Betreiben  des  engl.  Min.  des  Außern,  Grey,  durch
seinen  vom  brit.  Gesandten  in  Christiania,  Findlay,
gedungenen  Diener  ermordet  werden.  Bei  dem  Versuch,
  zu  Beginn  des  ir.  Aufstandes  aus  Deutschland
nach  Irland  zu  gelangen,  wurde  C.  April  1916  vor
der  Landung  gefangengenommen,  wegen  Hochverrats
28.  Juni  zum  Tode  verurteilt  und  3.  Aug.  hingerichtet.
  Ges.  Schriften  erschienen  München  1916.  Vgl.
Rothenfelder,  C  in  Deutschland  (Augsb.  1917).
Casinn,  rechter  Nebenfluß  des  Trotus  in  der  Moldau,
  mündet  bei  Onesti.  —  Das  strategisch  wichlige  C.“=tal
  war  Ausgangspunkt  der  Offensive  des  Erzherzogs
Joseph,  die  am  28.  Dez.  1916  begann  und  nach  Anfangserfolgen
  bei  Mon  Casin  10.  Jan.  1917  zum
Stehen  kam.  Die  Rumänen  drangen  28.  Juli  1917
in  30  km  breiter  Front  gegen  Westen  vor,  wobei  ihr
Zentrum  im  Cltal  bis  über  die  Quellen  vorstieß.
Cafiunlui,  Monte,  rumän.  Berg  an  der  siebenbürg.
  Grenze,  zwischen  Ojtoz=  und  Casinutal,  war
Jan.  und  Juli  4.  1917  heftig  umkämpft.  «
Castel-mayttridres,Marquisde,fkanz.
General,  geb.  1851,  1909  Div.-Kommandeur,  1913  in
den  oberen  Kriegsrat  berufen  und  zu  Beginn  des  Kriees
  Kriegsmbnster,  Jan.  1915  Oberbefehlshaber  des
Fanz.  Zentrums,  12.  Dez.  1915  Generalstabschef  der
Armee,  15.  Dez.  1916  Führer  der  nördl.  Heeresgruppe.
Casus  foederis  (lat.),  Bündnisfall,  der  &amp;amp;  gemeinsamem
  Handeln  verpflichtet.  Vgl.  Bd.  I,  S.  22.
Cattaro,  österr.  Kiegshafen  in  Dalmatien,  an
der  Bocche  di  C.  (vgl.  Bd.  II,  S.  122),  mehrfach
erfolglos  bombardiert.  C.  spielte  als  Unterseebootbasis
  und  Ausgangspunkt  des  Angriffs  auf  den  Lov-Een
  eine  wichtige  Rolle.
Cengio,  Monte,  Berg  in  den  Sieben  Gemeinden,
1351  m,  östlich  von  Arsiero,  wurde  31.  Mai  1916

von  den  Osterreichern  erstürmt,  25.  Juni  von  den

Italienern  zurückgewonnen.

Cerna  (Crnarjeka),  linker  Nebenfluß  des  Wardar,
  in  Mazedonien,  mündet  füdöstl.  von  Köprüll.  —
Am  13.  Nov.  1915  warfen  die  Bulgaren  einen  franz.
Vorsloß  durch  Gegenangriff  zurück,  überschritten  die  C.
und  nahmen  am  14.  Nov.  die  französ.  Stellungen  auf
dem  östl.  Ufer.  Nach  Eroberung  von  Kréova  (26.  Nov.)
wurde  den  Serben  die  letzte  Stellung  an  der  C.  entrissen
  u.  am  27.  Nov.  die  obere  C.  von  den  Bulgaren
Überschritten.  Die  Franzosen  räumten  6.  Dez.  den  C.-—
Wardarbogen.  Sept.-Okt.  1916  und  Mai  1917  bildete
der  C.-Bogen  das  Zentrum  der  frz.-serb.  Offensiven.
Der  feindliche  Vorstoß  Sepl.  1918  führte  zur  endgültigen
  Eroberung  des  C.-Gebietes.  Vgl.  S.  90,  101.

Cernavoda  (Tschernawoda),  Stadtim  rumän.
Dep.  Constanza;  wurde  25.  Okt.  1916  von  den  Bulgaren
  erobert;  vgl.  Bd.  II,  S.  222  ff.

Cer  Plauina,  Bergkette  im  nordöstl.  Serbien.
Durch  Erstürmung  der  stark  befestigten  Linie  C.—
Misar  zwangen  die  Österreicher  die  Serben  am  10.
Nov.  1914  zum  Rückzug  auf  Valjevo.

Cetinje,  Haupt=  und  Residenzstadt  Montenegros,
wurde  am  14.  Jan.  1916  von  der  Armee  Koevess  genommen.
  Vgl.  S.  70.

Casa  Ratti  —  Chile

Cetroseni,  Ort  bei  Bukarest,  wo  6.  März  bis  7.
Mai  1918  die  deutsch-rumän.  Friedensverhandlungen
geführt  wurden.  Der  Friedensvertrag  selbst  wird
nach  Bukarest  benannt.  der  belg.  Armee.

Cenninck,  belg.  General,  1918  Oberbefehlshaber

Champagne,  Landschaft,  früher  Provinz,  im
Osten  Frankreichs,  zwischen  Isle-de-France  und
Lothringen,  mit  bed.  Weinbau  (val.  Bd.  I.  S.  150
sowie  die  Karten  bei  S.  205  u.  207),  war  bes.  Anfang
  1915  („Winterschlacht  in  der  C.),  im  Frühjahr
und  Sommer  1917  und  Herbst  1918  der  Schauplatz
großer  Kämpfe;  vgl.  S.  71ff.,  76,  86/87,  108,  105.

Chautilly,  Stadt  im  franz.  Dep.  Oise,  am  Walde
von  C.,  war  von  Herbst  1914  bis  Jan.  1917  Sigtz  des
französischen  Hauptauartiers.

Chapitrewald,  Hügelland  nordöstl.  von  Verdun,
war  Juni  1916  hart  umkämpft;  vgl.  S.  79.

Charlemout,  starkes  Sperrfort,  an  der  Maas,  bei
Givet,  31.  Aug.  1914  von  den  Deutschen  erobert.

Charleroi,  Arrondissementshauptstadtin  der  belg.
Provinz  Hennegau,  an  der  Sambre,  Mittelpunkt  eines
großen  Kohlenbeckens,  wurde  Ende  Aug.  1914  von
der  Armee  Bülow  genommen.

Charleville,  Stadt  im  franz.  Dep.  Ardennen,
war  1914—16  Hauptquartier  der  deutschen  Obersten
Heeresleitung,  1916—18  des  deutschen  Kronprinzen.

Charlottenkreuz,  württ.  Kriegsauszeichnung;
vgl.  Bd.  I.  S.  357.

Chaulnes,  Stadt  im  franz.  Dep.  Somme,  in  der
Sommeschlacht  1916  umkämupft  (vgl.  Bd.  II,  S.  218),
wurde  26.  März  1918  von  den  Deutschen  erobert.

Chäteau-Thierry,  Stadt  im  frz.  Dep.  Aisne,  an
der  Marne,  südlichster  Punkt  des  deutschen  Vormar--sches
  Legen  die  Marne,  wurde  1.  Juni  1918  besetzt.
Vgl.  S.  28.

Chelmsford,  Frederic  J.  N.  Thesiger,  Baron,
  engl.  Staatsmann,  geb.  12.  Aug.  1868,  1905—
1909  Gouverneur  von  Queensland,  1909—13  von
Neusüdwales,  seit  1916  Vizekönig  von  Indien.

Chemie.  über  die  C.  im  Kriege  vgl.-Die  deutsche
chemische  Industrie  im  Weltkriege,  Bd.  J,  S.  295  ff.;
:  Schieß=  und  Spengstoffet.  Bd.  III,  S.  171  und  -Ersatzfaserstosse,
  Bd.  III,  S.  179.

Chemin  des  Dames  (Damenweg),  1770  angelegte
  Promenade  füdl.  von  Laon,  parallel  zur  Aisne.
1917  (frz.  Offensiven  im  Mai  und  Okt.)  war  der  C.
Brennpunkt  schwerer  Kämpfe.  Die  Ende  Mai  1918
begonnene  Offensive  brachte  den  C.  in  den  Besitz  der
Deutschen,  die  ihn  Anfang  Okt.  wieder  verloren.  Bgl.
S.  86/87,  101.

Cherson,  Hauptstadt  des  gleichnam.  ruff.  Gouv.,
96000  Einw.,  am  Dnujepr,  wurde  20.  März  1918
beim  Vormarsch  gegen  die  Bolschewisten  von  den
Deutschen  besetzt.

Chersones,  thrakischer,  svw.  Gallipoli.

Chiesa,  Giacomo  della,  s.  Benedikt  XV.

Chiffrieren,  in  Geheimschrift  Übertragen;  s.
„Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege-,  S.  167.

Chile.  Die  politischen  wie  die  wirtschaftlichen  Beziehungen
  C.3  waren  bei  Ausbruch  des  Weltkrieges

Unstig.  Zu  England,  das  C.  einst  wirtschaftlich  er-Fcloffen
  hat,  bestand  eine  alte  Hinneigung,  aberebenso
hatte  sich  zu  Deutschland  ein  sehr  gutes  Verhältnis

estaltet,  das  in  der  Entsendung  einer  deutschen  Miitärmission
  Ausdruck  fand.  Den  Vereinigten  Staaten
ehenübeer  beobachtete  C.  eine  korrekte,  aber  zurück-1o“
  ende  Politik,  da  es  seine  Unabhängigkeit  gegenüber
  deren  panamerikanischen  Ansprüchen  sicherzu-
        <pb n="233" />
        China

stellen  wünschte.  Von  gewichtigem  Einfluß  auf  die
Politik  des  Staates  waren  stets  die  wirtschaftlichen
Beziehungen.  C.  wünschte  vor  allem  die  bedeutende
Salpeteraus  fuhr  nach  Deutschland  nach  dem
Kriege  wieder  in  Fluß  zu  bringen  und  deshalb  es  nicht
mit  der  deutschen  Regierung  zu  verderben,  vor  allem
weil  aus  den  Salpeterausfuhrzöllen  der  Staatshaushalt
  genährt  wird.  Die  Verletzung  der  chilenischen
Neutralität  durch  ein  englisches  Geswader.  das  am
14.  März  1915  in  der  Cumberlandbai  der  Insel  Masa-tierra
  (Juan-Fernandez-Gruppe)  den  nur  500  m
von  bersüste  ankernden  deutschen  Kreuzer  =  Dresdenangriff,
  siel  darum  um  so  schwerer  ins  Gewicht;  auf
den  energischen  Protest  der  Regierung  entschuldigte
sich  England.  Bei  Verkündung  des  uneingeschränkten
Unterseebootkrieges  beschränkte  sich  C.  1917  auf  dieformelle
  Einlegung  eines  Protestes  und  die  Erklärung,
es  behalte  sich  alle  Rechte  innerhalb  der  auch  weiter
zu  beobachtenden  strengen  Neutralität  vor.  Wie  bei
dem  Präsidentenwechsel  1916  —  an  Stelle  von  Barros
Luco  (1910  —15)  trat  Jan  Luis  di  San  Fuentes
(1916—20)  —  wiederholte  C.  seine  bei  Kriegsausbruch
  abgegebene  Neutralitätserklärung  beijeder  neuen
Kriegserklärung  und  jedem  Kabinettswechsel,  auch  nach
Einsetzung  eines  nationalen  Sammlungskabinetts  im
Juli  (Tocornal)  und  Okt.  1917  (Suarez  Musjica).  —
Während  des  Krieges  gewannen  die  Japaner  auf
dem  chilenischen  Markt  an  Boden.  Anfang  1919  geriet
  C.  in  ernsten  Konflikt  mit  Peru.

China.  Die  chines.  Regierung  erklärte  am  8.  Aug.
1914  ihre  Neutralität  am  europäischen  Kriege,  verbürgte
  sich  aber  nicht  dafür;  sie  ließ  daher  die  Belagerung
  Tsingtaus  durch  die  Japaner  ruhig  hingehen
und  wies  die  Verwahrung  Rußlands  wegen  der  Vertärkung

  seiner  Grenztruppen  am  7.  Nov.  1914  zurück.
m  einen  kriegerischen  Konflikt  mit  Japan  zu  vermeiden,
  zog  C.  seine  Truppen  aus  der  Provinz  Schantung
  am  5.  Dez.  zurilck,  forderte  aber  am  14.  Jan.
1915  den  Abzug  der  japanischen.  Japan  lehnte  ab
und  erhob  am  10.  Febr.  maßlose  Gegenforderungen
Verpachtungsverbot,  Bergwerkskonzessionen,  Bahnauten,
  teilweise  Polizeigewalt,  Kolonisation  usw.).
Juanschikai  weigerte  sich,  die  von  Japan  geforderten
Vertragshäfen  in  der  Südmandschurei  und  Ostmongolei
  zu  öffnen,  und  verlangte  die  Rückgabe  Tsingkaus
  an  C.  und  die  Wiederherstellung  des  Status  quo
ante  in  Schantung.  Da  keine  Vereinbarung  erzielt
wurde,  landete  Japan  Truppen  an  mehreren  Küstenpunkten,
  die  Verhandlungen  gingen  aber  weiter.  Am
27.  April  überreichte  Japan  24  revidierte=  Forderungen.
  C.  machte  am  1.  Mai  bedeutende  Zugesländnisse,
  die  Japan  aber  noch  immer  für  ungenügend
erklärte;  auf  sein  Ultimatum  vom  7.  Mai  unterwarf
sich  C.,  und  am  25.  wurde  der  chinesisch-japanische
Vertrag  unterzeichnet.  —  Am  7.  Juni  wurde  ein  Vertrag
  zwischen  Rußland,  C.  und  der  Mongolei  über  die
Autonomie  der  äußern  Mongolei  abgeschlossen.

Im  Innern  wurde  1914  trotz  des  Einspruchs  der
Entente  die  monarchische  Bewegung  immer  stärker.
Am  5.  Nov.  stimmte  die  Mehrbee  aller  Provinzen
für  die  Errichtung  der  Monarchie,  am  11.  Dez.  wurde
Juanschikat  zum  Kaiser  gewählt.  Deutschland,
Osterreich  -  Ungarn.  die  Niederlande,  Skandinavien,
Brasilien  und  die  Vereinigten  Staaten  erkannten  die
neue  Staatsform  an,  aber  im  Süden  wühlte  Japan
rücksichtslos  gegen  Juanschikais  Herrschaft.  So  sahsich
die  Regierung  am  2.  Jan.  1915  abermals  zum  Aufschub
  der  Errichtung  der  Monarchie  genötigt.  Die

Der  Krieg  1914/10.  In.

209

Provinz  Jünnan,  von  der  ursprünglich  die  monarchistische
  Bewgung  ausgegangen  war,  bildete  jetztden
Mittelpunkt  des  Widerstandes.  Kaum  waren  die  Aufständischen
  hier  bezwungen,  als  die  Provinz  Kwangst
ihre  Helbständigleln  erklärte.  Ermüldet  verzichtete
Juanschikai  22.  er  auf  den  Thron  und  ernannte
Hüüschischang  zum  Ministerpräsidenten.  Am  5.  April
erklärten  sich  die  Stadt  Kanton  und  die  Provinz  Kwantung
  für  selbständig,  am  12.Tschekiang.  Durch  Ernennung
  des  entschiedenen  Republikaners  Tuantschidjut
zum  Ministerpräsidenten  am  22.  April  unter  gleichzeitiger
  Neuformierung  des  ganzen  Kabinetts  konnte
dann  Juanschikai  nochmals,  auster  in  den  fünf  auf.
ständischen  Provinzen,  im  Lande  Nuhe  schaffen.  Am
5.  Juni  starb  Iuanschikai  plötzlich.  Sein  Stellvertreter
  Liyuanhung  wurde  provisor.  Präsident,  bis  am
2.  Nov.  der  Militärgouverneur  von  Nanking,  Sengtartscheng,
  zum  Präsidenten  der  Republik  gewählt  wurde.

Ein  Zusammenstoß  zwischen  chines.  und  japan.
Truppen  in  Tschengtschiatung  am  13.  Aug.  1916  gab
Japan  Gelegenheit,  erneut  Ansprüche  gegen  C.  geltend
  zu  machen.  Die  Annahme  der  21  von  Okuma
jetzt  aufgestellten  Punktehätte  vollkommene  Abhängigkeit
  C.s  von  Japan  bedeutet.  Die  Vereinigten  Staaten
  protestierten  auf  Grund  des  Root-Takahira-Vertrages
  von  1908,  in  dem  sich  Japan  und  die  Verein.
Staaten  zur  gegenseitigen  Mitteilung  von  allen  beabsichtigten
  Veränderungen  in  C.  verpflichtet  hatten.
Darauf  verlangte  Japan  Bestrafung  der  Schuldigen,
Entschuldigung  und  Einsetzung  japanischer  Polizeiverwaltung
  in  Südmandschurei  und  Ostmongolei.
Diese  Forderungen  nahm  C.  am  26.  Jan.  1917  an.
Am  14.  Febr.  1917  erhob  der  chines.  Gesandte  in
Berlin  gegen  den  uneingeschränkten  Unterseebootkrieg
Einspruch,  und  am  14.  März  wurden  die  Beziehungen
mit  Deutschland  abgebrochen.

Im  Mai  rfolgte  auf  Verlangen  des  Abgeordnetenhauses
  eine  Umbildung  des  Kabinetts  und  die  Entlassung
  des  Premierministers  Tuantschidjul;  am  28.
wurde  Litschingschi  Ministerpräsident.  Am  selben
Tage  erklärten  sich  aber  die  Militärgouverneure  der
Provinzen  Fengtien,  Anhoi,  Hunan  für  selbständig  u.
wiederholten  ihr  Verlangen  nach  Auflösung  des  Parlaments.
  Auch  der  bisherige  Ministerpräsident  verweigerte
  den  Gehorsam  und  ging  nach  Tientsin.  Am
3.  Juni  stellte  die  Militärpartei  unter  Absetzung  von
Präsident  und  Parlament  eine  eigene  Regierung  auf
mit  Hfüschitschang  als  Diktator  und  Wangschitscheng
als  Ministerpräsidenten,  und  die  Provinz  Tientsin
erklärte  sich  für  unabhängig.  Auf  die  Forderung  des
Genera#s  Tschanghsun  wurde  das  Parlament  am  20.
aufgelöst,  worauf  am  25.  Juni  die  aufständischen
Gouverneure  ihre  Unabhängigkeitserklärung  widerriefen.
  Diesem  ersten  Militärputsch  solgte  am  1.  Juli
ein  zweiter.  Diesmal  erzwang  General  Schangsun,
der  Führer  der  Militärpartei,  persönlich  den  Rücktritt
des  Präsidenten  Liyuanhung;  er  teilte  darauf  die
Wiedereinsehung  des  Mandschukaisers  Hsuantung
mit,  der  jedoch  bereits  am  8.  Juli  wieder  zurücktrat.
Noch  amselben  Tagenahmen  die  Republikaner  Peking,
General  Schangfun  wurde  im  Himmelstempel  gefangengesetzt.
  Der  Vizepräsident  Fengkuotschang
wurde  nunmehr  Präsident  der  Republik  (endgü#ltig  am
2.  Aug.),  Tuantschidjui  Ministerpräsident.

Die  Kriegserklärung  an  Deutschland  u.  Österreich-Ungarn
  erfolgte  am  14.  Aug.;  als  Kriegsgrund  wurde
der  unein  Eeschränge  Unterseebootkrieg  angegeben  (vgl.
Bd.  II.  S.  91sf.).  Die  Liquidation  der  deutschen

14
        <pb n="234" />
        210

Banlen  und  Geschäfte  wurde  durchgeführt.  Die  Entente
  belohnte  C.  am  9.  Sept.  mit  einem  Abkommen,
in  dem  sie  C.  einen  fünfproz.  Einfuhrzoll  kaestand
eine  Gestundung  der  Vergütung  für  den  Boxeraufstand
  auf  5  Jahre  gewährte  usw.  Am  2.  Nov.  erkannten
  die  Verein.  Staaten  Japans  besondere  Interessen
in  C.  an,  während  Japan  die  offene  Tür  in  C.  zugestand.
  Bereits  4  Tage  später  brachte  Japan  seine
alten  Forderungen  bei  C.  vor:  Monopol  für  Waffenlieferungen,
  japan.  Ratgeber  im  Heer,  Heranziehung
japan.  Kapitals  bei  Arsenalbauten,  Ausbeutung  von
Erzlagern  bei  Nanking.  Am  9.  Sept.  1918  wählte  das
Parlament  den  ehemaligen  Staatssekretär  Juanschikais,
  Hsüschitschang,  zum  Präsidenten.

Die  chines.  Friedensdelegation  in  Versailles  protestierte
  am  5.  März  1919  gegen  die  japan.  Ansprüche
in  Schantung  und  verweigerte  zunächst  die  Unterschrift
  unter  den  Vertrag,  wurde  aber  dann  von  der
Regierung  dazu  ermächtigt.  C.s  Protest  gegen  die
Regelung  der  Schantungfrage  fand  bei  den  Republikanern
  im  amerikan.  Senat  lebhafte  Unterstützung.
—  über  die  Missionen  in  C.  s.  Bd.  II,  S.  364.  Vgl.
P.  Ostwald,  Die  Großmächte  in  Obtafm  W

Chirurgie,  s.Kriegschirurgie-,  Bd.  II,  S.  300  ff.;
vgl.  O.  v.  Schjerning  u.  a.,  Handbuch  der  ärztlichen

Fahrun  en  im  Weltkriege,  9  Bde.  (Leipz.  1920).

hoi,  Stadt  in  Persien,  an  der  Karawanenstraße
Tebriz-Erzerum.—  Die  Mitte  Jan.  1915  in  Aserbei--dschan
  ausgenommene  Offensive  der  Türken  führte  27.
Jan.  zu  einem  Siege  über  die  russ.  Hauptkräfte  bei  C.

Cpolera.  Durch  umfassende  hygienische  Maßregeln
  und  Schußimpfun  mit  einem  besonderen  Serum
  wurde  die  C.,  die  in  Rußland  während  des  Krieges
  z.  T.  stark  wütete,  den  Truppen  der  Mittelmächte
serngehalten  bzw.  für  sie  ungefährlich  gemacht.  Bgl.
Bd.  1.  S.  306  und  Bd.  II,  S.  307  ff.

Cholm,  Kreisstadt  im  russ.-poln.  Gouvernement
Lublin,  an  der  Bahn  Mlawa-Kowel,  wurde  nach  dem
Siege  bei  Zamosc  von  den  Österreichern  am  2.  Sept.
1914  vorübergehend  besetzt  und  kam  durch  die  große
deutsch  österr.  Offenstve  am  31.  Juli  1915  in  den
Besitz  der  Verbündeten.  —  Im  Friedensvertrag  mit
der  Ukraine  zu  Brest  Litowsk  vom  9.  Febr.  1918
wurde  das  Gebiet  von  C.  der  Ukraine  zugesprochen,
wogegen  sich  in  Polen  eine  lebhafte  Protestbewegung
erhob.  Die  österr.  Polen  traten  deshalb  im  Reichskt
  zur  slawischen  Opposition  über.

hotek,  Sophie,  Gräfin  von,  s.  L#obebeerg.

Christentum.  Inwieweit  das  C.  vom  Weltkriege,
bes.  zu  dessen  Beginn,  beeinflußt  wurde,  ist  in  dem
Aufsatz  über  die  religiöse  Bewegung  im  Weltkrieg,
Bd.  I,  S.  323  ff.,  dargestellt.

Christliche  Volkspartei,  s.  Zentrum.

Churchill,  Winston,  engl.  Staatsmann,  geb.  30.
Nov.  1874  in  Blenheim  Palace  (Oxfordshire),  1906
Unterstaatssekretär  im  Kolonialamt,  1908  Handelsminister,
  1910  Staatssekretär  des  Innern,  1911  Erster
Lord  der  Admiralität,  erneuerte  ihr  gesamtes  oberes
Personal,  organisierte  einen  eldmiralstab,  bezeichnete
die  deutsche  Flotte  als  „Luxusflotter  und  setzte  1912
eine  durch  die  deutsche  Flottenvermehrung  begründete
Verstärkung  der  engl.  Seemacht  durch.  Im  Kriege
leitete  er  die  Verhinderung  der  Lebensmittelzufuhr
nach  Deutschland  ein.  Mai  1915  trat  er  zurück.
Juni  1917  wurde  C.  Leiter  des  Luftamts,  Juli  1918
Munitionsminister,  10.  Jan.  1919  Kriegsminister.  —
Bild  s.  bei  S.  226.

Cimone,  Monte,  Berg  in  Oberitalien,  1230  m,

Chirurgie  —  Cockerill-Werke

2  km  nördlich  von  Arsiero,  war  besonders  Juni-Juli
1916  heftig  umkämpft  und  wurde  2.  Nov.  1918  von
der  6.  ital.  Armee  genommen.

Cividale  del  Friuli,  ital.  Distriktshauptstadt  in
Udine,  am  Natisone,  wurde  27.  Okt.  1917  von  der
Armee  Below  besetzt,  wodurch  der  ital.  2.  Armee  der
Rückzug  abgeschnitten  wurde.

Clam-Martinitz,  Heinrich,  Grafvon,  österr.
Staatsmann,  geb.  1.  Jan.  1863  in  Wien,  begleitete
1892—93  Erzherzog  Franz  Ferdinand  auf  seiner
Weltreise,  kam  1894  in  den  böhm.  Landtag,  wurde
1902  lebenslängliches,  1907  erbliches  Mitglied  des
österr.  Herrenhauses,  1913  Obmann  der  Rechten.  Im
Kriege  zuerst  als  Freiwilliger  an  der  Front,  wegen
Krankheit  in  den  Staatsdienst  zurückgekehrt,  wurde
C.  1916  Ackerbauminister  im  Kabinett  Körber,  20.
4%  Ministerpräsiemt  u.  trat  21.  Juni  1917  zurück.

laer,  Eberhard  von,  preuß.  General,  geb.  9.
Aug.  1856  in  Lüben  (Schlesien),  1903  Oberst,  1910
Generalleutnant,  1914  Chef  des  Ingenieur=  und
Pionierkorps  u.  General  der  Infanterie,  Aug.  1914
Führer  des  24.  Reservekorps,  war  Sept.  1914  bis
29.  Juni  1915  Führer  des  7.  Armeekorps.

Clausewitz,  Karl  von,  preuß.  General,  geb.  1.
Juni  1780  in  Burg  bei  Magdeburg,  gest.  16.  Nov.
1831  in  Breslau,  trat  1812  in  russ.,  1814  in  preuß.
Dienste,  war  1815—18  Generalstabschef  des  3.  Korps.
wurde  1818  Direktor  der  allgemeinen  Kriegsschule
und  1830  Inspekteur  der  Artillerie.  Seine  als  -Hinterlassene
  Werke  über  Krieg  und  Kriegführung=  (Berl.
1832  —37,  10  Bde.)  erschienenen  Schriften,  bes.  Von
Krieg=  (10.  Aufl.,  das.  1915),  sind  für  die  Theorie  der
Kriegskunst  von  grundlegender  Bedeutung.

Clemenceau,  Georges,  franz.  Staatsmann.
geb.  28.  Sept.  1841  in  Chäteau  de  I  Aubraie  (Vendéke).
1870—93  Deputierter,  Gründer  der  Blätter  »La
justice:  „L'Aurore,  stimmte  1871  in  der  Kammer
gegen  die  Unterzeichnung  des  Frankfurter  Friedens,
war  1906—09  Ministerpräsident,  dann  Herausgeber
des  Homme  librei  (wegen  der  Zensurverbote  im
Kriege  als  =  Homme  enchainé-),  war  eifrigster  Verfechter
  der  Opposition  gegen  die  Regierung,  aber  auch
der  Revancheidee  gegen  Deutschland.  Frankreich

um  äußersten  Wubrstand  Gusqu'au  bont;  daher

Zus  quauboutisten,  s.  d.)  anzuspornen,  berief  ihn
Poincaré  Nov.  1917  zum  Ministerpräsidenten.  Als
solcher  unterdrückte  er  jeden  Verständigungsgedanlen
mit  diktatorischer  Gewalt  und  leitele  1919,  durch  ein
Altentat  verwundet,  in  gleichem  Sinne  die  Friedenskonferenz
  der  Alliierten,  die  ihm  die  Genugtuung
seines  Lebens,  die  Knechtung  Deutschlands,  brachte.
Im  Nov.  1918  (mit  Foch)  zum  Mitglied  der  Academie
Francaise  gewählt,  1920  als  Präsidentschaftskandidat
musgestell.  versuchte  C.  vergeblich,  eine  Verfassungsänderung
  im  Sinne  einer  Stärkung  der  Stellung
des  Präsidenten  herbeizuführen,  unterlag  bei  der
Wahl  und  trat  zurück.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Cléry,  frz.  Dorf  nordwestl.  v.  Peronne,  heftig  umkämpft
  in  der  Sommeschlacht  1916;  vgl.  Bd.  II,  S.  219.

Cobadinn  (Copadin),  Dorf  in  der  unteren  Dobrudscha,
  südwestlich  von  Constanza.  lag  im  Zentrum
der  Sept.  1916  neugebildeten  russisch=  rumän.  Verteidigungslinie
  Rasova-Tuzla.  über  den  Durchbruch
bei  9  vgl.  Bd.  II,  S.  223.

Cockerill-Werke,  größtes  belg.  Industrieunternehmen,
  in  Seraing  bei  Lüttich,  1816  von  dem  Engländer
  John  Cockerill  gegründet  (1914  elwa  11000
Arbeiter),  liefert  Geschütze,  Panzerplatten,  Lokomo-
        <pb n="235" />
        Col  di  Lana  —

tiven,  Dampfschiffe  usp.  Die  Werle  standen  Aug.
1914  bis  Okt.  1918  unter  deutscher  Leitung.

Col  di  Laua,  Berg  in  den  Südtiroler  Dolomiten,
nahe  der  ital.  Grenze,  südwestl.  von  Cortina  d'Ampezzo,
  war  1915/16  heftig  umkämpft;  vgl.  S.  114.

ombles,  franz.  Städichen  nordwestl.  von  Péronne,
  war  einer  der  Hauptkampfplätze  in  der  Sommeschlacht
  1916  (vgl.  Bd.  Il,  S.  219)  und  wurde  beim
deutschen  Vormarsch  24.  März  1918  erobert.

Combreshöhe,  Bergrücken  in  den  Maashöhen,
im  franz.  Dep.  Meuse,  fsüdl.  v.  Verdun,  war  seit  Nov.
1914  heftig  umkämpft.  Der  Ende  März  1915  einsetzende
  E  Hauptangriff  gegen  die  deutsche  Front
wurde  zum  Stehen  gebracht  ihren  Höhepunkt  erreichten
  die  Kämpfe  am  8.  u.  9.  April.  Die  franz.  Durchbruchsversuche
  vom  Mai  bis  Anfang  Juli  blieben  ergebnislos.
  Vgl.  Bd.  I,  S.  206  f.  sowie  Bd.  III.  S.  7õ.

Comite  Central  de  Secours  et  d’Alimentation,
  Nov.  1914  von  neutralen  Staaten,  denen
sich  die  engl.  und  franz.  Regierung  anschlossen,  gegr.
Unternehmen  zur  Versorgung  der  unbemittelten  belg.
Bevölkerung  mit  Nahrungsmitteln.  Später  beteiligke
sich  das  belg.  Volk  an  den  Unkosten.

Compiegne,  Arrondissementshauptstadtim  frong.
Dep.  Oise,  an  der  Oise.  —  Ende  Aug.  1914  war  C.
vorübergehend  von  Teilen  der  Armee  Kluck  besetzt.
Im  Walde  bei  C.  wurde  11.  Nov.  1918  der  Wassenstillstand
  der  Entente  mit  Deutschland  unterzeichnet.

Courad  von  Hötzendorf,  Franz.  Graf  von,
österr.-ungar.  General  und  Militärschriftsteller,  geb.
11.  Nov.  1852  in  Penzing,  1893  Oberst,  1903  Feldmarschalleutnant,
  1908  General  der  Infanterie,  trat
1911  zurück,  wurde  Armeeinspektor,  Dez.  1912  während
  der  Balkankrise  Chef  des  Generalstabes,  Juni
1915  Generaloberst.  Nov.  1916  Feldmarschall.  Als
Generalstabschef  des  Armeeoberkommandantenlleitete
C.  bis  März  1917  die  Operationen  des  gesamten
österr.=  ungar.  Leeres  und  bereitete  vor  allem  mit
Falkenhayn  die  Durchbruchsschlacht  bei  Gorlice-Tarnow
  (2.  Mai  1915)  vor.  Mai  1917  erhielt  C.  den
Oberbefehl  über  die  Krerre  pe  in  Südtirol  und
wurde  nach  deren  erfolgloser  Offensive  Juni  1918
verabschiedet.  Bgl.  Nowak,  Der  Weg  zur  Katastrophe
  (Berl.  1919).  —  Bild  s.  Bd.  1I  bei  S.  46.

Constanza,  rumän.  Stadt  in  der  Dobrudscha,
am  Schwarzen  Meer,  wurde  23.  Okt.  1916  von  den
Deutschen  genommen;  vgl.  Bd.  II,  S.  224.

Conta,  Heinrich  Karl  Richard  von,  preuß.
General,  geb.  24.  Nov.  1856  in  Tuchel,  1907  Oberst,
1914  Generalleutnant  u.  Komm.  der  1.  Div.,  eroberte
9.  April  1915  den  Zwinin  (Karpathen),  war  1916
Führer  des  4.  Res.-(Karpathen--)  Korps  im  Verbande
der  7.  österr.-ungar.  Armee  (vgl.  Bd.  II,  S.  210  f.),
an  der  Märzoffensive  1918  im  Westen  und  Mai  an
der  Eroberung  des  Chemin  des  Dames  beteiligt.

Contalmaison,  franz.  Dorf  westlich  von  Albert,
im  Juli  1916  hart  umkämpft;  vgl.  Bd.  II,  S.  216.

Copadin,  Dorf  in  Rumänien,  s.  Cobadinu.

Cordevole,  Nebenfluß  des  Piave,  war  im  Tiroler
Oberlauf  Schauplatz  ständiger  Kämpfe.  Das  C.-Tal
wurde  im  Nov.  1917  beim  Abbau  der  Dolomitenfront
  die  Hauptrückzugsstraße  der  Italiener  in  das
Gebiet  von  Belluno;  Nov.  1918  wurde  es  von  der
12.  ital.  Armee  genommen.

Cornilles,  Berg  in  der  Champagne,  südöstlich
von  Reims,  wurde  in  der  franz.  Offensive  Juni-Juli
1917  hartnäckig  umkämpft.  Vgl.  S.  89.

Coronel,  Hafenstadt  in  Chile,  Provinz  Concep-Cristallo,

  Monte  211

ciön,  vor  der  1.  Nov.  1914  Graf  Spee  einen  Seesieg
über  die  Engländer  erfocht;  vgl.  Bd.  I,  S.  269f.
Später  wurde  festgestellt,  daß  die  „Good  Hoper  in  der
Nähe  des  Hafens  von  C.  gesunken  ist,  wobei  Admiral
Cradock  seinen  Tod  fand.  (Bd.  II,  S.  334.

Corriere  della  Sera,  Mailänder  Zeitung,  vgl.

Costanjevica,  Dorf  im  Görzischen,  nordöstlich
von  Monfalcone,  war  einer  der  Brennpunkte  der  letzten
  Isonzoschlachten.  Vgl.  S.  109f.,  111.

Costarica.  Am  1.  Mai  1914  wurde  der  deutschfreundliche
  Alfredo  Gonzales  zum  Präsidenten  g
wählt.  Ein  Militäraufstand  zwang  ihn  am  1.  Febr.
1917,  sein  Amt  niederzulegen  und  das  Land  zu  verlassen;
  der  Kriegsminister  General  Timoco  übernahm
  die  Regierung,  bildete  ein  neues  Kabinelt  und
setzte  für  den  1.  April  Neuwahlen  für  den  Kongreß
an.=  Aus  hohen  Stgatsgründen  und  nationalen  Rücksichten
  ,  d.  h.  von  den  bevormundenden  Vereinigten
Staaten  dazu  gezwungen,  brach  C.  am  26.  Sept.
1917  die  diplomatischen  Beziehungen  zum  Deutschen
Reiche  ab,  ohne  damit  eine  Kriegserklärung  auszusprechen;
  diese  erfolgte  erst  28.  Mai  1918.  14.  Dez.
1919  wurde  Acosta  Präsident  von  C.

Cötes)  Lorraines),  Höhenzug  im  franz.  Dep.
Meuse,  dessen  Ostrand  vom  Kronpr.  von  Bayern  21.
Sept.  1914  überschritten  wurde.  Am  25.  Sept.  durchbrachen
  die  Deutschen  durch  Eroberung  des  Sperrsorts
  St.-Mihiel  die  C.,  die  auch  beim  Ungeif  auf
Verdun  eine  Rolle  hielen  Vgl.  Vd.  II,  S.  196f.
sowie  auch  Bd.  III,  S.  43,  78.

Cotterets,  Ort  im  franz.  Dep.  Aisne,  südlich  von
Soissons,  war  Juli  1918  der  Ausgangspunkt  der
amerikanisch-  englisch-franz.  Ofsensive;  vgl.  S.  103.

Couchy-le-Chäteau,  Ort  im  franz.  Dep.  Aisne,
am  Oise-Aisne-Kanal,  war  Anf.  April  1918  Mittelpunkt
  der  Kämpfe  um  den  Übergang  über  den  Oise-Aisne-Kanal.
  Vgl.  S.  99.

Courcelettes,  Ort  im  frz.  Dep.  Somme,  an  der
Straße  Albert-Bapaume,  war  September  1916  in  der
Sommeschlacht  hartnäckig  umkämpft  und  wurde  25.
Sept.  von  den  Engländern  erobert.

Cradock,  Sir  Christopher,  engl.  Admiral,  geb.
2.  Juli  1862,  1900  bei  der  Chinaexpedition,  1909  Geschwaderchef,
  1910  Konteradmiral,  1913  Befehlshaber
des  Übungsgeschwaders.  Auf  der  Suche  nach  dem
deutschen  Südseegeschwader  traf  C.  1.  Nov.  1914  bei
Coronel  auf  dasselbe  u.  fand  in  der  Schlacht  bei  Coronel
  auf  der  Good  Hope-  den  Tod;  vgl.  Bd.  I,  S.  269.

Craiova,  Stadt  in  der  Kleinen  Walachei,  nahe
am  Jin,  wurde  21.  Nov.  1916  von  den  Deutschen  besetzt;
  vgl.  Bd.  II,  S.  232.

Craonne,  Flecken  im  frz.  Dep.  Aisne,  nordwestl.
v.  Reims,  25.—27.Jan.  1915  u.  Anf.  Mai  1917  heftig
umstritten;  vgl.  Bd.  I,  S.  192  f.  sowie  Bd.  III,  S.  72,  86.

"Creffy-,  brit.  Kreuzer,  wurde  22.  Sept.  1914
durch  „U  9.  versenkt;  vgl.  Bd.  I.  S.  255.

Creusot,  Le,  Stadt  im  franz.  Dep.  Saöne-t-Loire,
  hat  Steinkohlenlager  und  die  von  Eugen
Schneider  (1805  —  75)  gegr.  größten  Eisen  werke
und  Geschützfabriken  (Creusotwerke)  Frankreichs
  (15.000,  im  Kriege  etwa  35000  Arbeiter),  die
hier  und  in  den  Zweigwerken  außer  Geschützen,
Maschinengewehren,  Geschossen,  Panzerplatten  auch
Kriegs  und  Handelsschiffe  herstellen.

Cristallo,  Monte,  Berggipfel  der  Südtiroler  Dolomiten,
  3199  m,  war  Aug.  bis  Okt.  1915  heftig  umkeimpft:
  die  Italiener  besetzteen  schließlich  einige  Spitzen,
räumten  sie  aber  Anfang  November  1917  wieder.

14°
        <pb n="236" />
        212

Crouy,  Gemeinde  nordöstlich  von  Soissons,  frz.
Dep.  Aisne,  auf  dem  rechten  Aisne-Ufer,  bes.  11.  un
12.  Jan.  1915  hart  umkämpft;  vgl.  Bd.  I,  S.  190f.

Csiker  Gebirge,  Zweig  der  Südkarpathen  (val.
Bd.  II,  S.  141),  in  den  Ende  Aug.  1916  die  2.  rumän.
Armee  über  den  Oitozpaß  eindrang,  bis  sie  im  Okt.
durch  Arz  zurückgeworfen  wurde.  Die  Grenzkämme
waren  im  ganzen  Feldzuge  heiß  umstritten.

Cumberland-Bal,  s.  Juan  Fernandez.

Cumieres-Wald,  nördlich  von  Verdun,  wurde
8.  März  1916  von  den  Deutschen  erstürmt  und  gegen
starke  Gegenangriffe  gehalten.

Curreney  Notes,  von  der  englischen  Regierung
nach  Kriegsausbruch  ausgegebene  Staatskassenscheine
(Notstandsgeld)  von  10  Sch#ling  und  1  Pfd.  Sterling.

Curzon,  George  Nathaniel.  Earl,  engl.
Staatsmann,  geb.  11.  Jan.  1859  in  Kedleston,  1891
bis  1892  Unterstaatssekretär  für  Indien,  1895  im
Min.  des  Außern,  1899—1905  Ichekönig  von  Indien,
1915—19  Geheimsiegelbewahrer  und  Mitglied  des
Kriegskabinetts,  seit  10.  Jan.  1919  Präsident  des  Geh.
Rats,  27.  Okt.  1919  Staatssekretär  des  Auswärtigen.

Cypern,  türk.  Insel  im  Mittelmeer,  unter  engl.
Verwaltung  seit  1878,  wurde  von  England  Anfang
Nov.  1914  annektiert  und  im  Dez  zur  engl.  Kolonie
erklärt  (vgl.  Bd.  II.  S.  65  u.  119).

Czartorysk,  Ort  im  russ.  Gouv.  Wolhynien,  am
Styr,  wurde  8.  Okt.  1915  von  den  deutsch-österr.

Crouy  —  Dänemark

Truppen  erobert.  Am  17.  Okt.  leiteten  die  Russen
einen  Angriff  ein,  der  im  Raume  von  C  am  20.  Okt.
zur  Durchbuschung  der  deutsch-  österr.  Front  führte.
enstochow,  Kreisstadt  im  russisch-poln.  Gouv.
Petrökow,  an  der  Warthe  und  der  Bahn  Warschau-Wien,
  wurde  3.  Aug.  1914  von  den  Deutschen  besetzt.
  Der  Raum  von  C.  war  im  Dez.  1914  der
Schauplatz  schwerer  Kämpfe,  die  mit  dem  Zusammen.
bruch  der  russ.  Offensive  *—  Schlesien  endeten.
Gzernin,  Ottokar  Theobald,  Graf  von,
österr.  Staatsmann,  geb.  26.  Sept.  1872  in  Dimokur
öhmen),  1912  lebenslängl.  Mitglied  des  österr.
Herrenhauses,  1913  Gesandter  in  Rumänien,  Dez.
1916  bis  April  1918  Min.  des  Außern,  vertrat  die
Bündnispflicht  gegenüber  Deutschland,  versuchte  vergebens
  eine  Politik  der  Berständigung  (friedliche  Neuordnung
  Europas  mit  allmähl.  Abrüstung)  gegenüber
der  Entente,  vertrat  Osterr.-Ungarn  bei  den  Friedensverhandlungen
  in  Brest  Litowsk  u.  Bukarest.  C.  schrieb:
»Im  Weltkriege-(Berl.  1919).—  Bild  s.  bei  S.  214.
Czernowitz,  Hauptstadt  der  Bukowina,  an  der
Bahn  Lemberg-Jassy.  Der  erste  Vormarsch  setzte  die
Russen  2.  Sept.  1914  in  den  Besitz  von  C.,  das  ihnen
am  20.  Okt.  entrissen  wurde.  Vom  26.  Nov.  bis  17.
Febr.  1915  und  17.  Juni  1916  bis  3.  Aug.  1917
war  C.  wieder  von  den  Russen  besetzt.  Im  Nov.  1918
wurde  C.  von  den  Rumänen  besetzt,  die  deutschen  Universitätslehrer
  wurden  1919  sämtlich  entlassen.

D

clise  gegr.  Londoner  Zeitung,  deutschfeindlich.
amaskus,  türk.  Stadt  in  Syrien,  wichtiger  Handelsplatz,
  wurde  30.  Sept.  1918  von  den  Engländern
Damenweg,  s.  Chemin  des  Dames.  lbesetzt.
Damloup,  Sperrfort  nordöstlich  von  Verdun,  war
vom  2.  Juni  bis  23.  Okt.  1916  in  deutschem  Besitz.
Dammerkirch,  Dorf  im  Oberelsaß,  Kr.  Altkirch,
war  bes.  Ende  1914  der  Schauplatz  hartnäckiger
Kämpfe  und  blieb  dauernd  in  französischem  Besitz.
Dandl,  Otto  von,  bayr.  Staatsmann,  geb.  11.
Mai  1868,  1901  Erster  Staatsanwalt  in  München,
1913  Chef  des  Zivilkabinetts,  war  Nov.  1917  bis  13.
Nov.  1918  Min.  d.  Uuß.  und  Vorsitz.  im  Ministerrat.
Dänemark.  D.  war  im  Kriege  sehr  stark  mit
inneren  Angelegenheiten  beschäfetn.  wodurch  seine
Außenpolitik  mehr  zurücktrat.  Schon  zu  Beginn  des
neuen  Jahrhunderts  war  eine  neue  Verfassung  gefordert
  worden.  Am  15.  Juni  1914  hatte  der  König  das
Landsthing  aufgelöst,  weil  es  durch  die  konservative
Opposition  dauernd  beschlußunfähig  war.  Die  Neuwahlen
  am  10.  Juli  erbrachten  eine  reformfreundliche
Mehrheit,  so  daß  das  Landsthing  am  22.  April  1915
die  Verfassungs-  und  Wahlreformvorlage  annahm,
und  der  verfassungsmäßig  erforderliche,  im  Mai  ohne
ise  „Bestätigungsreichstage  gab
s

Dally  Mall  -  Post.),  1896  von  Northebenfalls

  seine  Zustimmung.  Am  5.  Juni  1916  trat
die  neue  Verfassung  in  Kraft.  Sie  gab  den  Frauen
das  volle  aktive  und  passive  Wahlrecht,  dessen  Altersrenze
  allmählich  (mit  jeder  Wahl  um  1  Jahr)  vom
auf  das  25.  Jahr  herabgesetzt  werden  soll.
Der  Bestätigungsreichstag:  gab  auch  seine  Zugsimmung
  zu  der  bisherigen  äußeren  Politik:  einer
olitik  der  unbedingten  Neutralität,  die  die  Regierung
auch  zunächst  noch  aufrechterhielt.  Aber  in  dem  Handelsabkommen

  vom  27.  Nov.  1915  begab  sich  D.  in
Wöllige  Abhängigkeit  von  England  (dän.  Garantie
für  bestimmungsgemäße  Verwendung  der  Einfuhr
usw.,  woeg  England  sich  nur  zur  Bekanntgabe
der  Gründe  für  die  Aufnahme  dän.  Firmen  in  die
ischwarzen  Listene  verpflichtete).  Ein  Handelsabkommen
  mit  Frankreich  17.  März  1916  war  ebenso  verfaßt.
  Gegen  die  Lreßhet  von  Zeitungen,  wie  Vort
Land.  gegen  Deutschland,  legte  die  deutsche  Regierung
in  aller  Porm  Protest  ein.  Die  Verfassungsfrage
rückte  Juli  1916  wieder  in  den  Vordergrund,  als  der
in  Washington  abgeschlossene  Vertrag  Über  den  Verkauf
  Dänisch-Westindiens  an  die  Berein.  Staaten  bekanntgegeben
  wurde  ghirnee.  8.  Aug.).  Amerika
gestan  als  Gegenleistung  außer  25  Mill.  Dollar  in
ar  D.  eine  Erweiterung  seiner  Vorrechte  in  Grön.
land  zu.  Erst  nach  langem  Verhandeln  gewann  die
Regierung  die  Mehrheit  der  Wähler  für  das  Gesetz
(14.  Dez.),  worauf  auch  der  Reichstag  seine  Zustimmung
  gab.  Darauf  wurde  31.  März  1917  die  dänische
Flagge  niedergeholt  und  die  amerikanische  gehißt.
Obwohl  D.  bei  Neuregelung  des  Heimatlosenwesens
weitgehendes  Entgegenkommen  von  seiten  Preußens
erfahren  hatte  (1916),  griff  die  Deutschfeindlichkeit
der  konservativen  Hetzer  wieder  stärker  um  sich.  Bei
den  Reichstagswahlen  1918  gewann  die  Opposition
sogar  fast  die  Hälfte  aller  Sitze.  Dazu  hatte  der  uneingeschränkte
  Unterseebootkrieg  vom  1.  Febr.  1917  ab  beigetragen,
  gegen  den  die  dreinordischen  Reiche  13.  Febr.
gemeinsam  Einspruch  erhoben  (s.  Skandinavien).
9.—11.  März  1916  u.  26.  Juni  1918  verhandelten
die  Ministerpräsidenten  und  Außenminister  der  Nord.
staaten  in  Kopenhagen  über  die  wirtschaftliche  Lage.
Charakteristisch  war  der  Vorschlag  des  Handelsministers
  vom  17.  März  1916,  die  Nationalbank  solle  von
        <pb n="237" />
        Dänisch-Westindien  —  Delrasse

der  Verpflichuung  zum  Ausprägen  der  eingehenden
Goldbarren  entbunden  werden,  da  Gold  unter  dem
Kurswerte  stünde!  Dieser  Goldstrom  verursachte  aber
anderseits  eine  sehr  starke  Ausfuhr  landwirtschaftlicher
  gseugnsse  (1913:  554  Mill.  Kr.,  1915:  etwa
900  Mi  ).  Die  Folge  war  die  Notwendigkeit,
auch  in  D.  die  Brotkarte  einzuführen  (1.  April  1917:
315  g  tãglich),  Vorräte  an  ausländischem  Weizen  (9.
März  1917)  sowie  an  inländischem  Roggen  u.  Gerste
(6.  1917)  zu  beschlagnahmen.  Die  Entwicklung
des  Unterseebootkrieges  stellte  dann  vor  allem  die
Versorgung  mit  Brennstoff  in  Frage,  so  daß  der
Verbrauch  eingeschränkt  und  die  Regierung  ermächtigt
wurde,  Arbeitslose  zwangsweise  zum  Kohlenbergban
heranzuziehen.  Andere  8  betrafen  die  Errichtung
  von  Mietzinsauss  heen  (April  1916),  die
Einführung  der  Sommerzeit  (1916),  das  Verbot
des  Schiffsverkaufs  ans  Ausland  (Juni  1917)  und
das  Verbot,  Nachrichten  über  Schiffsbewegungen  zu
verbreiten  (März  1917),  sowie  ein  Gesetz,  nach  dem
Ausländer  auch  vor  Ablauf  von  zwei  Jahren  ausgewiesen
  werden  können.  —  Die  Mehrausgaben  im

iege  1914—18  wurden  auf  200—250  Mill.  Kr.
berechnet.  Jan.  1916  wurde  die  Kriegsgewinnsteuer
erhöht,  Sept.  1917  wurden  neue  Steuern  eingeführt.

Bei  den  Neuwahlen  zum  Odelsthing  am  256.  April
1918  wurden  70  Regierungsanhänger  und  69  Mitglieder
  der  Opposition  gewählt,  zum  Lagthing  wurden
  sogar  1571  Wahlmänner  der  Opposition,  nur
1339  radikale  u.  sozlalistische  Wahlmänner  gewählt;
das  neutralitätsfreundliche  Ministerium  Zahle  blieb
aber  im  Amt.  Am  21.  Sept.  1918  kam  ein  Schifffahrtsabkommen
  mit  den  Vereinigten  Staaten  zustande,
  nochdem  D.  gegen  Stellung  von  Schiffsraum
352000  t  Lebensmittel  jährlich  erhalten  sollte.  Der
nordschleswig-deutsche  Reichstagsabgeordn.  Hanssen
arbeitete  energisch  auf  eine  Volksabstimmungin  Schleswig
  hin,  die  die  Entente  auch  im  Friedensvertrag  von
Versailles  in  drei  Zonen  bewilligte:  D.  verzichtete  jedoch
Shüstaauf  die  Abstimmung  in  der  3.  Zone.  Durch  die
Volksabstimmun  —  deutsche,
75151  dänische  Stimmen))fiel  die  erste  schleswigsche
Zone  an  D.  die  zweite  Zone  Elensbury)  sprach  sich
am  14.  März  mit  51075  gegen  13188  Stimmen  für
den  Verbleib  bei  Deutschland  aus.  Bgl.  O.  Scheel,
D.  und  wir  (Tübing.  1915);  Graf  O.  Moltke,  D.,
Deutschlands  neutraler  nord.  Nachbar  (Berl.  o.  J.).

Dänisch-Westindien  (St.  Thomas,  St.  Croix,
St.  John),  wurde  1916  für  25  Mill.  Doll.  von  Dänemark
  an  die  Verein.  Staaten  verkauft,  von  diesen  am
31.  März  1917  übernommen  und  George  Deweys-Islands
  genannt.

Daukl,  Viktor,  österr.-ungar.  General,  *½m  18.
Sept.  1854  in  Udine,  1899—1903  als  Oberst  Chef  des
Direktionsbureaus  des  Generalstabs,  1907  Feldmarschalleutnant
  und  Führer  der  36.  Inf.-Div.,  1912  General
  der  Kav.  und  kommand.  General  in  Innsbruck.
Als  Führer  der  1.  Armee  erfocht  D.  1914  im  Aug.
den  Sieg  bei  Krasnik  und  stieß  im  Okt.  bis  Jwanorod

  vor.  Als  Landesverteidigungs-Kommandant
für  Tirol  und  Vorarlberg  organisterte  D.  den  Tiroler
Landsturm  und  die  Standschützen,  mit  denen  er  Südtirol
  gegen  Italien  erfolgreich  verteidigte.  Anfang
Mai  19l  wurde  er  Generaloberst,  nach  der  österr.
Offensive  in  den  Sieben  Gemeinden  des  Kommandos
enthoben.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  47.
uzig  wurde  gemäß  dem  Versailler  Friedensvertrag
  1919,  Art.  45—45,  Freistaat  unter  einem  engl.

213

Oberkommissar  (Sir  Reginald  Tower)  u.  am  9.  Febr.
1920  v.  den  deutschen  Truppen  u.  Behörden  geräumt.

Dardanellen,  vier  nach  der  Stadt  Dardanos  benannte
  beseliigte  Schlösser  u  beiden  Seiten  des  Hellesdont
  strateg  ch  die  Schlüssel  von  Konstantinopel,  s.
d.  II,  S.  131  f.  —  Über  die  völkerrechtl.  Bestim.
mungen  über  die  Durchfahrt  durch  die  D.  s.  Bd.  I,
S.361  sowie  auch  Bd.  II,  S.  61.  —  Die  kriegerischen
Ereignisse  bei  den  D.  sind  Bd.  I.  S.  267  f.,  Bd.  II,
S.  258ff.  sowie  Bd.  III,  S.  124f.  geschildert.

Dar  es  Salam,  Hptst.  von  Deutsch-Ostafrika,
wurde  4.  Sept.  1916  von  den  Engländern  besetzt.

Darlehnskassen,  s.  Kriegsdarlehnskassen.

Dato,  Eduardo,  span.  Ministerpräsident  bis
Juni  1915,  s.  Spanien.

David,  Eduard,  Mehrheitssozialist,  geb.  11.  Juni
1863  in  Ediger  a.  d.  Mosel,  Gymnasiallehrer  in  Gießen,
  seit  1893  sozialdem.  Redakteur,  wurde  3.  Okt.
1918  ünterstaatsferrerär  im  Auswärtigen  Amt  (bis
11.  Nov.),  7.  Febr.  1919  Präsident  der  Nationalver-.
sammlung,  13.  Febr.  Minister  ohne  Portefeuille,  20.
Juni  (1  Tag)  Reichsministerpräsident,  dann  Reichsminister
  des  Innern,  3.  Okt.  Reichsminister  ohne
Lortefeuille  D.  schrieb:  »Wer  trägt  die  Schuld  am

ege?«  (Berl.  1917).

Debica  (Dembica),  Gem.  in  Galizien,  an  der  Bahn
Krakau-Rzeszow,  wo  9.  Mai  1915  die  russ.  Front  von
den  Verbündeten  durchbrochen  wurde;  vgl.  S.  57.

Deroppet,  Camille,  schweiz.  Staatsmanm,  geb.
4.  Juni  1862  in  Suscevaz,  seit  1911  im  Bundesrat,
war  1915  Vize-,  1916  Bundespräsident.

Defaitismus  (franz.,-Geist  der  Niederlagee),  in
Frankreich  eine  Geistesrichtung  im  Kriege,  die,  am
Hieze  Frankreichs  verzweifelnd,  für  den  vorzeitigen
Frieden  eintrat.  Der  D.  wurde  von  den  Chauvinisten
aufs  schärfste  angegriffen  und  von  der  Regierung  unter
Clemenceau  rücksichtslos  verfolgt.  Als  defaitistisch
wurde  z.  B.  Kaillauz  verhaftet  und  Malvy  verbannt,
Almereyda  in  den  Tod  getrieben  uff.

Deimling,  Bertold  Karl  Adolf  von,  preuß.
General,  geb.  21.  März  1853  in  Karlsruhe,  1902
Oberst,  kämpfte  1904/05  in  Südwestafrika,  1906/07
Komm  der  Schutztruppe,  wurde  1910  Generalleutnant
  u.  Kommandant  der  29.  Div.,  1913—17  komm.
General  des  15.  A.K.,  1914  General  der  Inf.

Delatyn,  galiz.  Flecken  am  Pruth.—  Am  13.  Febr.
1915  erstürmten  die  Osterreicher  die  Höhen  von  D.
und  brachten  hier  Ende  Mai  die  Offensive  der  Russen
am  Pruth  zum  Stehen.

Delbrück,  Klemens  (von),  preuß.  Staatsmann,
geb.  19.  Jan.  1856  in  Halle  a.  S.,  1896  Oberbürgermeister
  von  Danzig.  1902  Oberpräs.  von  Westpreußen,
1905  Handelsmin.,  1909  Staatssekretär  d.  Reichsamts
des  Innern,  trat  Mai  1916  zurück  u.  wurde  Prof.  in
Jena;  Okt.  bis  Nov.  1918  war  D.  Chef  des  kaiserl.
Zivilkabinetts;  als  Mitglied  der  Nationalversammlung
  führt  er  den  linken  Kluget  der  Deutschnationalen.

elcassé,  Théophile,  franz.  Staatsmann,  geb.
1.  März  1852  in  Paris,  Auslandredakteur  der  -  République
  frangaisee,  1889  Deputierter,  1894/95  Kolonialminister,
  trieb  seit  1898  als  Minister  des  Ausw.
deutschfeindl.  Politik,  indem  er  den  Anschluß  Frankreichs
  an  Rußland,  später  an  England,  erstrebte,  mußte
aber  1905  zurücktreten,  da  seine  Abmachungen  mit
England  einen  Krieg  mit  Deutschland  zu  einer  Zeit
heraufbeschworen,  da  Frankreich  nur  unvollkommen
gerüstet  war.  1911—13  war  er  Marineminister,  bis
1914  Botschafter  in  Petersburg.  Bei  Kriegsausbruch
        <pb n="238" />
        214

3.  Aug.  für  einen  Tag  Minister  des  Ausw.,  nahm  er
seit  Neukonstituierung  des  Kabinetts  27.  Aug.  diesen
Posten  erneut  ein,  trat  aber  12.  Okt.  1915  zurück,  indem
  er  die  Truppensendung  nach  Saloniki,  die  er  nicht
billigen  zu  können  vorgab,  zum  Anlaß  seines  Abgangs
  nahm.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  53.

Demarkationslinie,  durch  Vertrag  (bei  Wassenstillstand)
  bestimmte  Linie  zwischen  zwei  Staaten,  die
nicht  überschritten  werden  darf.

Dembica,  Ort  in  Galizien,  s.  Debica.

Demir  Hissar,  Stadt  in  Mazedonien,  im  Strumatal
  und  an  der  Bahn  Dedeagatsch-Saloniki,  wurde
Mitte  Aug.  1916  von  den  Bulgaren  erobert.

Demohilmachung,  die  Herabsetzung  des  mobilisierten
  Heeres  auf  Friedensstärke.  —  Als  wirtschaftliche
  D.  bezeichnet  man  die  Gesamtheit  der  wirtschaftl.
Maßnahmen  der  übergangswirtschaft  aus  den  Zuständen,
  wie  sie  der  Krieg  geschaffen,  in  den  Friedenszustand.
  lwirtschaftliche  Demobilmachung.

Demobilmachungsamt,  s.  Reichsamt  für  die

Demokratie  (griechisch,  „Volksherrschaftr),  als
Staatsform  Gegensatz  zur  Monarchie  wie  zur  Aristokratie.
  In  ihr  steht  die  Staatsgewalt  dem  ganzen
Volk  zu,  wodurch  die  Gleichheit  aller  Staatsbürger
zur  Geltung  kommt  (Ausartung  Ochlokratie).  Bei
der  modernen  repräsentativen  D.  üben  die  gewählten
Volksvertreter  die  Staatsgewalt  im  Namen  des  Volkes
aus.—  Die  D.  als  Parteirichtungerstrebt  diemöglichst
  weitgehende  Beeinflussung  der  Htaaulichen  Gesetzgebung
  und  Verwaltung  durch  den  Volkswillen,  ohne
auf  der  Staatsform  der  D.  zu  bestehen.

Denaturalisierung,  Entlassung  aus  dem  Staatsverband,
  wurde  Okt.  1914  von  den  Engländern  anewendet,

  um  britische  Untertanen  (etwa  6000)  deutcher
  und  österr.-ungar.  Herkunft  zu  internieren.

Deudermonde  (frz.  Termonde),  belg.  Stadt  in
Ostflandern.  wurde  1.Okt.  1914  v.  den  Deutschen  besetzt.

Denkmäler  (für  Krieger),  s.  Bd.  I,  S.  345  f.  sowie
  Heldenehrung.  .  346.

Denkmünzen,  s.  Kriegsmedaillen;  vgl.  auch  Bd.  1,

Deplacement,  s.  Schiffsvermessung.  (249,  257f.

„Derfflinger--,  deutscher  Panzerkreuzer,  K.  Bd.  I,  S.

Desaunexion,  von  den  Franzosen  geprägter  Beriff,

  der  die  Rückgewinnung  Ellos-okregers  auch
ür  einen  -Frieden  ohne  Annexionen  und  Entschädigungen=
  begründen  sollte.  Vgl.  Annexionen.

Desazon,  Mittel  zur  Trinkwasserreinigung,  (.
Bd.  I.  S.  305.

Descla,  Ort  im  Görzischen,  am  linken  Isonzoufer,
wo  die  Italiener  in  der  10.  Isonzoschlacht  den  über-Desertion,

  s.  Fahnenflucht.  lgang  erzwangen.

Desinfektion.  über  die  bei  den  hroßzen  ruppenanhäufungen
  des  Krieges  erforderlichen  Maßnahmen
für  Reinlichkeit  und  D.  zur  Krankheitsbekämpfung  s.
Bd.  L,  S.  306  sowie  Bd.  II,  S.  309.

Detektor,  in  der  Funkentelegraphie  die  Vorrichtung,
  welche  die  ankommenden  elektrischen  Wellen  aufnimmt.
  Weiteres  s.  Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkricher,
  S.  165.

etonieren,  explodieren,  schnell  verpuffen.

Deutelmoser,  Erhard,  deutscher  Generalstabsoffizier,
  1915—16  Chef  des  Kriegspresseamts,  1916
bis  1918  Ministerialdirektor  im  Ausw.  Amt,  schrieb:
„  Zwischen  Gestern  und  Morgen.  Politische  Anregungen=
  (Berl.  1919).

Deutsch-Bulgarische  Gesellschaft,  1916  unter
Vorsitz  von  Herzog  Ernst  Günther  zu  Schleswig-Holstein
  gegr.  Verein  zur  Förderung  der  geistigen

Demarkationslinie  —  Deutsches  Reich

und  wirtschaftlichen  Beziehungen  zwischen  Deutschland
  und  Dusgarten.

Deutsche  Bucht.  über  die  verkehrsgeograph.  und
strateg.  Bedeutung  der  D.u  B.  s.  Bd.  I.  S.  164;  über
den  engl.  Angriff  s.  Bd.  1I.  S.  257.

Deutsche  demokratische  Partei,  16.  Nov.  1919
gegr  liberale  Partei,  aus  Fressinn  und  linkem  Flügel

er  Nationalliberalen  hervorgegangen,  gewann  in  der
Nationalversammlung  75  Sitze  und  bildete  mit  Soialdemokratie

  und  Zentrum  die  Regierungsmehrheit,
stimme  aber  gegen  Annahme  des  Friedensvertrags
von  Versailles  und  schied  deshalb  vorübergehend  aus
der  Regierung  aus.

Deutsche  Fraktion,  1916  gebildete  Reichstagsfraktion
  aus  Reichspartei,  Wirtschaftl.  Vereinigung,
Deutschhannoveranern  u.  Bayr.  Bauernbund,  bes.  um
den  (sonst  zu  kleinen)  Gruppen  die  Teilnahme  am  Seniorenkonvent
  u.  den  Ausschußarbeilen  zu  ermöglichen.

„Deutsche  Gesellschaft  1914-,  28.  Nov.  1915
in  Berlin  gegr.  Vereinigung,  um  rreichsdeutschen
Männern  aus  allen  Berufen  und  Ständen  ohne
Unterschied  der  Partei  die  Möglichkeit  eines  vorurteilsfreien,
  zwanglosen  geselligen  Verkehrs  zu  geben  und
so  den  Geist  der  Einigkeit  von  1914  in  die  Fahre  des
Friedens  hinüberzutragene;  Vors.:  Staatssekr.  Solf.

Deutsche  Liga  für  Völkerbund,  1919  gegr.
deutscher  pazifistischer  Verein  (Sitz:  Berlin),  der  bef.
für  die  Völkerbundidee  wirbt.

Deutschen  Si  s.  Kriegslügen.

Deutscher  Offiziersbund  (D.  O.  B.,  Nov.  1918
in  Berlin  gegr.,  um  die  Interessen  der  Offiziere  der  alten
Armeezu  ertreten,  widmetsich  bes.  der  Berufsfürsorge.

Deutsche  Sprache.  Die  Tatsache,  daß  die  Sprache
das  tiefste  Erziehungs-  und  Erkenntnismittel  ist  und
ein  gesundes  Sprachgefühl  das  Gefühl  des  Vaterländischen
  im  Menschen  entwickelt  u.  stärkt,  bildet  den  Ausgangspunkt
  der  neu  belebten  Bestrebungen,  die  durch
den  Krieg  als  ein  gemeinsames  Erleben  empfundene
und  betätigte  deutsche  Einigkeit  festzuhalten  und  zu
vertiefen.  Nur  durch  die  Srachgemeinschaft  wird  ein
Volk  zusammengehalten,  u.  das  Deutschtum  wird  nur
durch  die  Pflege  der  deutschen  Sprache  gewahrt  werden.
Als  Mittel  zu  solchem  Zwecke  dient  neben  der  Sprachreinigung
  (vgl.  Bd.  I.  S.  352  ff.)  die  Vertiefung  der
deutschen  Volksbildung,  die  das  Verständnis  für  den
Unterschied  des  fremden  vom  deutschen  Wesen  und
damit  die  deutsche  Sprachreinheit  fördert.  —  In  der
Neubildung  deutscher  Worte  und  bes.  in  der  Herüber.
nahme  von  militär.  Sezeichnungen  und  Wendungen
für  den  bildlichen  Gebrauch  in  der  Umgangssprache
hat  der  Krieg  aroen  Einfluß  ausgellbt.  Zu  solchen
Worten  und  Wendungen  wurden  u.  a.:  Trommel-=feuer
  (der  behördl.  Verordnungen)Schützengräben
(des  wirtschaftl.  Kampfes)«,  Wirtschaftl.  Generalstabe,
  „wirtschaftl.  Rüstung-,  =  Mobilmachung  des
Geldes-,  der  Schüler=  (für  die  Ernte,  für  das  Goldsammeln
  usw.),  seelische  Mobilmachung  usw.  —
Soldatensprache.  s.  S.  341.

Deutsches  Reich  (hierzu  Karte  S.  220).  Das
Deutsche  Reich  war  1914  mitten  in  einer  gewaltigen
wirtschaftlichen  Aufwärtsentwicklung  begriffen,  um  so
schwieriger  aber  war  seine  politische  Lage.  Die  Zusammenarbeit
  zwischen  Reichstag  u.  Regierung  war  schon
lange  nur  unter  stetigen  Reibdungen  vor  sich  gegangen.
Der  Gegensatz  zwischen  der  Sozialdemokratie  einerseits
u.  den  rechten  Parteien  (vgl.  Bd.  I,  S.  29  ff.)  und  der
Regierung  anderseits  bestand  unpermindert  fort,  ebenso
  die  elsaß  lothringische  (vgl.  Bd.  II,  S.  16  ff.)  u.  die
        <pb n="239" />
        Deutsche  und  österreichische  Staatsmänner.

tertine.  6  eEerrFberker.  scheldemann.

-

Kunlmann.  "  Czermn.  «  «)  Ekoekckoktt—nsstssu.
        <pb n="240" />
        Deutsche  und  österreichische  Heerführer  usw.

Dohna.  (Phot,  Hoffmann,  Mönchen.)  Erzherzog  Joseph.  (hot.  Szenes,  Budapest.)

Zeppelln.  (bbt.  Priedr.  Möoer,  Moncnen.)  Rlchthosfen.  Anton  Haus.
        <pb n="241" />
        Deutsches  Reich

polnische  Frage  (vgl.  Bd.  1,  S.  88  ff.).  Zudem  wurde
die  preußische  Wahlrechtsreform  immer  wieder  verschoben,
  was  dazu  beitrug,  die  Forderungen  der  Sojaldemokratie
  stetig  zu  radikalisieren.  Wesentlich
schlcchter  noch  war  die  außenpolitische  Lage:  die  Einkreisung
  war  vollendet,  nur  Osterreich-Ungarn  noch,
vielleicht  auch  die  Türkei  standen  Deutschland  zur  Seite
(vgl.  Bd.  I,  S.  23  ff.).  Mancherlei  Erwägungen  rieten
dazu,  lieber  den  Krieg  zu  wagen,  als  einer  völligen
Isolierung  entgegenzugehen,  nachdem  der  Mord  von
Sarajewo  (28.  Juni  1914)  Deutschland  plötzlich  vor
die  Frage  gestellt  hatte,  ob  es  abermals  Ssteraecnh-Ungarn
  sekundieren  oder  es  im  Stich  lassen  sollte.
1)  Außere  Politik  1914—18.  Die  Verteidigungsnotlage
  wurde  zunächst  von  Kaiser  und  Regierun
in  den  Vordergrund  gerückt.  Sie  wurde  gleich  be
dem  ersten  entscheidenden  militärpolitischen  Schritt,
der  Verletzung  der  belgischen  Neutralität,  als
maßgebender  Entscheidungsgrund  angeführt.  Aber
darin,  daß  der  Reichskanzler  Bethmann  Hollweg  am
4.  Aug.  1914  die  Notwehr  nur  zur  Entschuldigung
eines  Unrechts,  nicht  als  Rechtsgrund  anführte  (vgl.
Bd.  J,  S.  147),  fand  England  den  ihm  noch  fehlenden
  äußeren  Anlaß  zur  Kriegserklärung,  und  das
neutrale  Ausland  sah  Deutschland  als  den  friedebrechenden
  Störenfried  an.  In  der  Politik  gegen
Italien  mußte  Deutschland  Zeit  zu  gewinnen  suchen,
eine  Aufgabe,  die  der  als  außerordentlicher  Botschafter
nach  Rom  gehende  Fürst  Bälow  löste.  Noch  im  Herbst
1914  wurde  die  Türkei  zum  Anschluß  gewonnen  und
ein  Jahr  darauf,  von  dem  militärischen  Erfolg  am  Balkan
  unterstützt,  auch  Bulgarien  (u#gl.  Mitteleuropa).
Das  waren  die  einzigen  Erfolge  der  auswärt.  Politik
bis  1918.  Auf  dem  Balkan  konnten  Rumänien  u.  Griechenland
  nicht  neutral  erhalten  werden.  Im  Norden
gelang  es  nicht,  Holland  u.  die  skandinavischen  Staaten
dazu  zu  vermögen,  ihre  neutralen  Rechte  auf  den
Handel  mit  Deutschland  gegen  die  Forderungen  Englands
  aufrechtzuerhalten,  ebenso  stellten  die  Verein.
Staaten  trotz  deutscher  Gegenvorstellungen  den  Handel
  mit  den  Mittelmächten  1915  vonig  ein.
Die  schwankende  Haltung  Deutschlands  in  der  Frage
des  Unterseebootkrieges,  dessen  politische  Bedeutung
  besonders  hervortrat,  berechtigte  die  Neutralen,
die  darin  liegende  formale  Verletzung  des  Völkerrechts
in  den  Vordergrund  zu  rücken.  Vor  allem  gab  die
unsichere  Haltung  der  deutschen  Regierung  1915  und
1916  bei  den  Verhandlungen  mit  den  Vereini  E#en
Staaten  (val.  Bd.  II,  S.  150ff.)  diesen  das  Recht,
bei  jeder  neuen  Gelegenheit  diese  Frage  wieder  aufzuwerfen.
  Der  Beginn  des  uneingeschränkten  Unterseebootkrieges
  1917  mitten  in  den  Friedensvermittlungsvorschlägen
  Wilsons  führte  zum  Kriege  mit
den  Vereinigten  Staaten.  Die  deutsche  Regierung,
stark  becinflußt  von  der  Seekriegsleitung,  glaubte
diese  Eventualität  ruhig  auf  sich  nehmen  zu  können,
da  sie  mit  der  Niederkämpfung  Englands  vor  dem  Eingreifen
  Amerikas  rechnete.  Durch  den  Antrag  eines
Eventualbündnisses  mit  Mexiko  und  Japan  durch
den  Staatssekretär  Zimmermann  (Jan.  1917)  glaubte
sie  sich  auch  hinreichend  gedeckt;  die  Entzifferung  der
hierauf  bezüglichen  deutschen  Telegramme  in  Washing.
lon  bestärkte  aber  Wilson  nur  in  seinem  Enicchluß.
Mexiko  kehrte  sich  seitdem  völlig  von  Deutschl.  ab.  —
Zu  den  südamerikanischen  Staaten,  bes.  mit  Argentinien
  u.  Chile,  hatte  das  Deutsche  Reich  immer  in  guten
Bezlehungen  gestanden.  Der  englische  Kulturkrieg
schadete  allerdings  dem  deutschen  Ansehen  sehr,  aber

215

bis  1917  wurden  freundschaftliche  Befiehungen  aufrechterhalten.
  Brasiliens  Ehrgeiz,  die  Führung  des
lateinischen  Amerika  an  sich  zu  reißen,  trieben  dieses
in  die  Arme  der  Ver.  Staaten,  es  brach  daher  alsbald
die  Beziehungen  zum  Deutschen  Reiche  ab  und  erklärte
den  Krieg.  Argentinien  geiet  durch  die  Verafenllichung
  der  ungeschickten  Telegramme  des  deutschen
  Gesandten  Luxburg  seitens  der  Verein.  Staaten
in  eine  peinliche  Lage,  begnagte  sich  aber,  obwohl
der  Senat  am  21.  Sept.  für  Abbruch  der  Beziehungen
stimmte,  mit  Luxburgs  Abberufung.

Im  fernen  Osten  war  Deutschlands  Weltstellung
einzig  von  seiner  Flotte  abhängig;  wie  der  Sieg  des
Kreuzergeschwaders  bei  Coronel  unter  Graf  Spee  sein
Ansehen  gewaltig  hob,  so  war  der  ruhmreiche  Unterangder

  Auslandsflotte  an  den  Falklandinseln  zugleich

as  Ende  deutscher  Weltgeltung  auf  den  Ozeanen  und
in  den  transozean.  Ländern.  Chinas  Vorliebe  für
die  Ver.  Staaten  zog  es  1917  in  den  Krieg  gegen  das
Deutsche  Reich.  Japan  trat  bereits  1914  in  den
Krieg  ein,  um  sich  Tsingtau  zu  sichern,  war  aber  der
einzige  Feind  des  Deutschen  Reiches,  der  stets  gewisse
Sympathien  fürdie  Deutschen  Übrigbehielt.  Diedeutsche
Diplomatie  hat  auch  zweimal  versucht,  es  zu  sich
herüberzuziehen:  im  Jan.  1917  durch  Vernuttlung
Mexikos  und  im  Okt.  1918  in  unmittelbaren  Verhandlungen
  zwecks  Abschlusses  eines  deutsch--russisch=  japanischen
  Bündnisses.  Diese  Verhandlungen  stockten
aber  infolge  der  deutschen  Revolution.

Solange  die  deutsche  Kriegspolitik  auf  den  Verteidigungskrieg
  eingestellt  war,  hatte  die  Regierung
das  Volk  hinter  sich.  Der  Friede  konnte  also  angebahnt
werden,  sobald  die  unmittelbar  drohende  Gefahr  ab.
gelenkt  war  u.  sich  das  Deutsche  Reich  behauptet  hatte.
Diese  Möglichkeit  lag  aber  im  Herbst  1914  kaum  vor,
denn  Frankreich  befand  sich  nach  dem  -Wunder  an  der
Marne  in  einem  Siegestaumel,  im  Osten  war  Galizien
  vom  Feind  besetzt.  Im  Frühjahr  1915  machte
der  Kriegseintritt  Italiens  einen  Friedensschritt  unmöglich,
  im  Herbste  der  Bulgariens.  Dagegen  bahnte
sich  im  Sommer  1916  eine  Vermittlung  Wilsons
an:  sie  wurde  jedoch  durch  den  Kriegseintritt  Rumäniens,
  dann  durch  die  amerikanische  Präsidentenwahl
  hinausgeschoben.  Nunmehr  ergriff  die  deutsche
Regierung  nach  Niederwerfung  Rumäniens  selbst
die  Initiative  zu  einem  Friedensangebot  auf  der
Grundlage  der  Verständigung  (12.  Dezember;  vgl.
Bd.  II,  S.  164  ff.).  Ehe  die  Entente  noch  antwortete,
erfolgte  Wilsons  Vermittlungsvorschlag,  der,
seit  so  langer  Zeit  vorbereitet,  durch  das  Angebot  der
Mittelmächte  eher  gestört  als  gefördert  wurde.  Beide
Vorschläge  lehnte  die  Entente  ab.  Während  aber  die
Mittelmächte  damit  ihr  Angebot  als  erledigt  ansahen,
setzte  Wilson  seine  Vermittlungsaktion  fort.  Am  23.
Jan.  entwickelte  Wilson  im  amerikan.  Senat  seine  Idee
eines  Friedens  ohne  Sieg«  und  gleichzeitig  ließ  er
in  Berlin  nach  den  Einzelkriegszielen  der  deutschen
Regierung  anfragen.  Die  deutsche  Regierung  antwortete,
  unter  Mitteilung  derselben,  sie  habe  inzwischen
den  Befehl  zur  Eröffnung  des  uneingeschränkten  Unterseebootkrieges
  für  den  1.  Februar  gegeben  und
könne  ihn  nicht  mehr  rückgängig  machen,  sie  bitte  aber
Wilson,  seine  Aktion  fortzusetzen.  Wilson  antwortete
darauf  unverzüglich  mit  dem  Abbruch  der  diplomntischen
  Beziehungen  (4.  Febr.).

Nachdem  Wilson  Partei  geworden  war,  konnle  er
nach  der  Meinung  der  Reichstagsmehrheit  nur  noch
als  Führer  seiner  e  greichen  Partei  vermitteln;  dieser
        <pb n="242" />
        216

Auffassung  gab  19.  Juli  1917  der  Reichstag  in
einer  Resolution  Ausdruch,  in  der  er  sich  zum  Frieden
  ohne  Annexion  und  Entschädigung  bekannte.  Die
Auslegung,  die  der  neue  Reichskanzler  Michaelis  dieser
Friedensresolution  durch  die  Worte  swie  ich  sie  verstehe#
  gab,  ließ  aber  die  Ansicht  zu,  daß  die  Regie-—
  anderer  Meinung  sei;  so  spielte  der  das  deutsche
Volk  zerreißende  Gegensatz  in  der  Kriegszielfrage  bereits
  damals  entscheidend  in  die  ausw.  Politik  bneim
(s.  unten).  Die  durch  Jahr  und  Tag  fortgesetzte  Zwiesprache
  der  Staatsmänner  beider  Parteien  über  die
Kriegsziele  verlief  ergebnislos.  Der  Versuch,  mit  Rußland
  in  Brest  Litows'  zu  einer  Verständigung  zugelangen,
  schlug  infolge  der  Unmöglichkeit,  einen  Boden
gemeinsamer  Grundanschauungen  u  gewinnen,  ins

egenteil  um:  der  Friede  von  re  Litowst,  ebenso
wie  der  zu  Bukarest,  wurde  trotz  tatsächlichen  Verzichts
auf  Annexionen  und  Entschädigungen,  durch  Ultimatum
  der  deutschen  Regierung  erzwungen;  daraus
machte  Wilson  der  deutschen  Regierung  den  Vorwurf
verlogener  Zweideutigkeit,  und  er  weigerte  sich  unbedingt,
  sich  mit  Vertretern  der  autokratischen  Mächtean
  einen  Tisch  zu  setzen.

Als  Okt.  1918  der  neue  Kanzler  Prinz  Max  von
Baden  (Näh.  s.  S.  142)  sich  zum  Waffenstillstandsangebot
  gezwungen  sah,  gelang  es  ihm  nicht  mehr,
die  diplomatische  Führung  in  der  Hand  zu  behalten,
vielmehr  mußte  die  deutsche  Regierung  fie  dem  geschickt
  operierenden  Wilson  vollständig  überlassen  und
so  die  deutsche  Niederlage  diplomatisch  vorbereiten.
Mit  dem  Ende  des  Krieges  (vgl.  S.  107)  brach  auch
die  deutsche  Außenpolitik  zusammen.

2)  Innere  Politik.  Hauptaufgabe  der  inneren
Politik  im  Kriege  war  die  Erhaltung  der  am  4.  Aug.
1914  nebegründeten  nationalen  Einheit.  Diese  Einheit
  wurde  in  den  ersten  Kriegsjahren  unter  der  Devise
  des  „Burgfriedens=  erstrebt,  doch  die  Opposition
von  links  wie  von  rechts  her  erhielt  dauernd  Zuwachs.
Hi  fanden  sich  zwei  Gründe.  Die  lange  Dauer
des  Krieges  forderte  eine  immer  klarere  Formulierung
der  Kriegsziele,  während  die  Haltung  der  Regierung
  immer  unklarer  wurde.  Sie  verließ  die  Verteidigungsparole,
  als  sie  am  2.  Dez.  1914  Sicherungen=
  gegen  die  Wiederkehr  eines  socchen  Angriffs
verlangte.  1916  war  der  Streit  um  die  Kriegsziele
bereits  so  weit  gediehen,  daß  er  die  Nation  in  zwei
Lager  zerriß.  Der  andere  Streitpunkt  war  die  Frage
der  Neuorientierung  mit  ihrem  Kernpunkte,  der
preußischen  Wahlrechtsreform  (s.  Preußen).  Während
in  den  feindlichen  Ländern  durch  Bildung  von  Koalitionskabinetten
  die  Opposition  in  die  Regierung  mit
einbezogen  und  dadurch  mit  verantwortlich  gemacht
wurde,  blieb  im  Deutschen  Reich  und  Preußen  die
oparteilose:  Beamtenregierung  bestehen,  der  jeder  feste
Rückhalt  im  Parlament  fehlen  mußte.  Der  Reichstag
als  Vertretung  des  deutschen  Volkes  war  nur  eine
repräsentative  Vertretung  ohne  wirklich  maßgebenden
Einfluß,  seine  stärkste  Partei,  die  Sozialdemokratie,
hatte  noch  immer  keinen  Vertreter  in  der  Regierung;
eine  Folge  davon  war,  daß  die  Massen  an  die  nationale
  efahr  nicht  mehr  recht  glaubten  und  leichtsing
  durch  Streiks  den  Kriegserfolg  in  Frage  stellten.
Nur  den  beschwörenden  Worten  der  Führer  (19.  April
1917  Brief  Hindenburgs,  25./26.  April  1917  Rundschreiben
  Bethmanns  u.  Aufruf  Groeners  usw.),  gelang
  es  immer  wieder,  sie  zur  Besinnung  zu  bringen.

Dieses  Nebeneinander  von  Regierung  und
Volksvertretung  förderte  im  Inlande  den  Zer-Deutsches

  Reich

lchung  proze,  und  im  Auslande  die  Meinung  von
der  Willkürherrschaft  einer  absoluten  kaiserlichen  Regierung
  gegen  den  Willen  des  Volkes.  Diesem  doppelten
  Zwiespalt  erlag  trotz  Friedensangebot  und
Osterbotschaft  (s.  Preußen)  der  Reichskanzler  v.  Bethmann
  Hollweg  (14.  Juli  1917),  und  sein  Nachfolger
Michaelis  geriet  bereits  am  20.  Juli  durch  seine
Auslegung  der  Friedensresolution,  wie  er  sie  verstand
  ,  in  Konflikt  mit  der  Reichstagsmehrheit,  die
nun  immer  energischer  parlamentarischen  Einfluß  auf
die  Regierung  forderte.  Die  Opposition  von  rechts
verdichtete  sich  zur  Grlndung  der  Vaterlandsparteie
  (2.  Sept.)  unter  der  Führerschaft  v.  Tirpitz'
und  des  Generallandschaftsdirektors  Kapp,  die  von
links  zur  Fraktion  der  Unabhängigen  Sozialdemokratie
  (bisher=  Sozialdemokr.  Arbeitsgemeinschafte)
  am  11.  Mai,  der  im  Juli  bereits  22  Abgeordnete
  angehörten.  Der  Versuch  Michaelis',  wegen  der
auf  deren  Agitation  zurückzuf#ührenden  Meutereien
in  der  Marine  die  Fraktion  der  Unabhängigen  im
Reichstag  bloßzustellen  (9.  Okt.),  mißglückte;  Michaelis
trat  1.  Nov.  zurück.

Die  Tatsache  einer  zweimaligen  Kanzlerkrise  in
vier  Monaten  war  für  das  bisherige  System  so  komkromiktierend,
  daß  die  Reichstagsmehrheit  nunmehr

en  entscheidenden  Schritt  zur  Parlamentarisierung
  durchsetzte:  der  neue  Kanzler  Graf  Hertling
nahm  vor  seiner  Ernennung  mit  ihr  Fühlung  und
nahm  das  Amt  erst  an,  nachdem  er  sich  der  Zustimmung
  der  Mehrheit  zu  seinem  Programme  vergewissert
  hatte.  Er  nahm  sich  die  Führer  der  Mehrheitsparteien
  zur  Seite:  den  Fortschrittler  v.  Payer  als
Vizekanzler,  den  Nationalliberalen  Friedberg  als
stellvertretenden  preußischen  Ministerpräsidenten;  die
Sozialdemokraten  verzichteten  auf  den  Eintritt  ins
Ministerium.  Die  Möglichkeit  eines  glücklichen  Kriegsausganges,
  von  der  Hertling  alles  erhoffte,  bot  sich
im  Grühtahr  1918  zum  letzten  Male,  als  die  Offensive
im  Westen  zu  einem  vollen  Gelingen  zu  führen  schien.
Als  sich  diese  Erwartung  als  Irrtum  herausstellte,
war  auch  Hertling  verbraucht.

Der  neue  Regierungswechsel  bedeutete  einen  weiteren
  Schritt  auf  dem  Wege  zur  Parlamentarisierung
und  Demokratisierung;  das  erste  rein  parlamentarische
deutsche  Reichsministerium  des  Prinzen  Max  von
Baden,  mit  den  Abgeordneten  Erzberger  (Zentrum),
Gröber  (Zentrum),  Scheidemann  (Soz.)  u.  Friedberg
(Nationallib.)  als  parlamentarischen  Ministern  eines
PKabinettsrates-,  hatte  zunächst  die  Aufgabe,  den
aussichtslosen  Krieg  zu  liquidieren.  Die  mit  eilfertier

  Geschäftigkeit  nummehr  vorgenommene  Verfassengsändenung.
  die  den  Kaiser  der  Kommandogewalt
entkleidete,  die  Alleinverantwortlichkeit  des  Kanzlers
beseitigte,  die  Unmöglichkeit,  gleichzeiti.  Bundesrat
und  Reichstag  anzugehören,  aufhob,  die  Entscheidung
  über  Krieg  und  Frieden  Regierung  und  Reichs.
tag  zusammen  auferlegte,  kam  zu  spät;  ebenso  die
Bereitwilligkeit  des  preuß.  Herrenhauses  zur  Durchführung
  der  Wahlrechtsreform  auf  Grund  der  Re-Hierungsvorlagen
  Aus  beispielloser  Höhe  des  Sieges
einen  ebenso  beispiellosen  Zusammenbruch  niedereworfen,
  ließ  sich  das  deutsche  Volk  von  dem  in
ßland  gezüchteten  Geist  der  Niederlage  zur
Selbstzerfleischung  hinreißen.  Die  Revolution
vom  9F.  November,  begründet  im  Zusammenbruch
anz  Mitteleuropas,  ausgelöst  durch  die  Revolte  der
rine,  war  zugleich  eine  politische,  geistige  und  wirtschaftliche
  Revolution:  sie  richtete  sich  zugleich  gegen
        <pb n="243" />
        Deutsches  Reich

die  politische,  geilige  und  soziale  Führung,  gegen
Kaiser  und  Reich,  gegen  die  Bildungsschichten  und
gegen  das  Unternehmertum.  Die  Massen  warfen  sich
em  Utopismus  der  Radikalen  in  die  Arme,  ohne  bei
ihnen  neue  Ideale  zu  finden  (s.  unten,  S.  219).

-  Wirtschaftspolitik.  Der  Kriegsausbruch  stellte
die  deutsche  Verwaltung  vor  die  Aufgabe,  augenblicklich
  die  mit  tausend  Fäden  in  die  Weltwirtschaft  verflochtene
  deutsche  Volkswirtschaft  aus  dieser  loszulösen
und  dabei  nicht  nur  im  Gang  zu  halten,  sondern  ihre
Erträgnisse  in  Landwirtschaf,  und  Industrie  wesentlich
  zu  steigern.  Für  die  Aufgaben  der  deutschen  Kriegswirtschaft
  wurde  eine  ganze  Organisation  von  Behördenerrichtet:
  2.  Aug.  1914  -Reichseinkauf  (später

entraleinkaufsgesellschaft,  Leiter:  Frisch);  Anfang
ug.  1914  eine  gwe=  für  Arbeitsnachweis  beim
Reichsamt  des  Innern;  8.  Aug.  Kriegsrohstoffabteilung
  des  preußischen  Kriegsministeriums  (Vorstand:
Rathenau);  1.  Dez.  eine  Freie  Kommission-  des
Reichstags  über  Kriegsmaßnahmen  (Beirat  für  Volksernährung);
  1915:25.  Jan.  Kriegsgetreidegesellschaft;
12.  April  Reichsstelle  für  Kartoffelversorgung;  12.
Juli  Steinkohlen=  und  Braunkohlenbergbau-Vertriebsgesellschaft
  u.  Reichsfuttermittelstelle;  25.  Sept.
Preisprlfungstellen,  9.  Okt.  Reichskartosffelstelle;  8.
Nov.  Kri  bnsschuß  für  dlanzliche  und  tierische  Fette,
G.  m.  b.  H.;  1916:  20.  März  Reichsbekleidungsstelle;
27.  März  Reichsfleischstelle;  1.  Mai  Reichsstelle  für
Gemüse  u.  Obst;  22.  Mai  Kriegsernährungsa#nt  (Präsident:
  v.  Batocki);  3.  Aug.  Reichskommissariat  für
Übergangswirtschaft  (Senator  Dr.  Sthamer);  2.  Nov.
Kriegsamt  (Vorstand:  General  Groener,  16.  Aug.
1917  Scheüch);  1917:  18.  Jan.  Reichskommissariat
für  Stickstoffwirtschaft;  15.  Febr.  Kriegswirtschaftsämter;
  24.  Febr.  Reichskohlenkommissariat;  26.  Juli
Mieteinigungsämter;  1918:  4.  Aug.  Reichskommissar
für  Wohnungswesen.  Durch  eine  Anzahl  von  Kriegsesetzen
  wirtschaftlicher  Natur,  die  zumeist  vom
undesrat  auf  Grund  einer  am  4.  Aug.  1914  vom
Reichstag  generell  erteilten  Vollmacht  erlassen  wurden,
  wurden  die  Ein--  und  Ausfuhr,  die  Lebensmitteleise,
  der  Geldverkehr,  die  Vorratsstreckung  der
ensmittel  und  Rohstoffe,  die  Bekämpfung  des  gewerbemähigen
  Schleichhandels  (15.  März  1918)  #
regelt  (vgl.  Bd.  I.,  S.  385,  423  ff.,  411  ff.,  408  d
IL  350  ff.  usw.).  Eine  bedeutende  Rolle  in  der  Kriegswirtschaft
  bildeten  die  Vergeltungsmaßnahmen
gegen  feindliche  Ausländer  und  den  feindlichen  Han-Von
  den  hierauf  bezüglichen  Maßnahmen  seien
angeführt:  Erleichterungen  im  Patentrechte  (10.  Sept.
1914),  Zahlungsverbot  gegen  England  (30.  Sept.
1914),  Frankreich  (20.  Okt.  1914),  Internierung  der
englischen  Zivilisten  (6.  Nov.),  Abänderung  der  Prisenordnung
  (18.  April  1915),  Verordnung  über  gewerbliches
  Schutzrecht  feindlicher  Ausländer  (1.  Juli  1915),
Erstreckung  des  Zahlungsverbotes  auf  Italien  (7.
Junt  1917)  und  die  Vereinigten  Staaten  (9.  Aug.
1917).  —  Der  Abbau  der  Zwangswirtschaft  wurde
nach  Nauifizierung  des  Friedensvertrages,  unter  Ablehnung
  der  von  Reichswirtschaftsminister  Wissel  projektierten
  „Planwirtschaft,  durchgeführt.

4)  Gesetzgebung.  Die  erste  Jahreshälfte  1914
brachte  14  Reichsgesetze:  eine  Abänderung  des
Militä  trafgesetbuch  (Herabsetzung  der  Mindeststrafen),
  ein  Gesetz  gegen  die  Gefährdung  der  Jugend,
eine  Novelle  zur  Gewerbeordnung,  ein  Luftverkehrs-Fltz:

  ein  Postscheckgesetz,  Abänderung  des  Reichsnr
  gesetzbuchs  (Duellparagraph  (208  a)  eingeführt),

217

eine  Verordnung  über  den  Waffengebrauch  des  Militärs
  (auf  Grund  der  Zabernaffäre),  eine  Abänderung
des  Handelsgesetzbuchs  (Konkurrenzklauselgesetz),  ein
Spionagegesetz.  Der  Krieg  drängte  die  gewohnte  Gesetzgebungsarbeit
  zugunsten  der  Kriegsgesetzgebung
7  Im  zweiten  Haltjahr  1914  kamen  daher  nur
olgende  G  S  ur  Verabschiedung:  ein  Darlehnskassengesetz,
  Gesetzbetr.  Familienunterstützung,  Wechselund
  Scheckfristverlängerung,  Rechtsschutz  für  an  der
Wahrnehmung  ihrer  Rechte  behinderte  Personen  und
Kriegsversorgung  für  Seilbrame,  Das  Jahr  1915
brachte  ein  Reichsstickstoffhandelsnronopol  (bis  1922),
eine  Verordnung  über  Entlastung  der  Gerichte  (9.
Sept.),  eineneue  militär.  Bekleidungsvorschrift  (3.Okt.)
und  ein  Gesetz  über  Kriegsabgaben  der  Reichsbank.
Aus  der  Reichsgese,  ebung  des  Jahres  1916  sind  zu
erwähnen:die  Hera  gen  der  Invalidenaltersgrenze
auf  65  Jahre,  eine  Erhöhung  der  Tabakabgabe,  die
Einführung  einer  Reichsabgabe  auf  Post=  und  Telegraphengebühren,
  eines  Frachturkundenstempels,  einer
egsgewinnsteuer,  eine  Anderung  des  Vereinsgesetzes
  (Auslegung  des  §  17,  politische  Bereine  betr.),
eine  Kalinovelle,  eine  Warenumsatzsteuer,  eine  neue
Gebührenordnung  für  Rechtsanwälte  und  das  Gesetz.
über  den  vaterländischen  Hilfsdienst.  1917  folgten:
die  Einführung  eines  Zuschlages  zur  Kriegssteuer,
eine  Kohlensteuer,  eine  Neubesteuerung  von  Personenund
  Güterverkehr,  die  Ausdehnung  des  Gesetzes  über
den  vaterländischen  Hilfsdienst  auf  Österreicher  und
Ungarn,  die  Aufhebung  des  Jesuitengesetzes,  des
Sprachenparagraphen  (§  12)  des  Vereinsgesetzes,  das
Kaligesetz,  eine  Ariegsabgabe  von  den  Postgebühren,
die  Errichtung  eines  Reichswirtschaftsamtes,  ein  Gesetz
über  Wiederherstellung  der  Handelsflotte,  die  Errichtung
  eines  Reichswasseramtes.  Das  letzte  Kriegsjahr,
  1918,  brachte  vor  allem  grundlegende  Veränderungen
  der  Reichsverfassung:die  Vermehrung
der  Reichstagsmandate  auf  441,  unter  teilweiser  Einführung
  der  Verhältniswahl,  die  Beschränkung  der
Kaisergewalt,  Aufhebung  des  Verbots  gleichzeitiger
Mandate  iim  Bundesrat  und  Reichstag,  die  Unterstelung
  der  Militärbefehlshaber  unter  die  Zivilgewalt,
as  Erfordernis  der  Zustimmung  des  Reichstags  zur
Kriegserklärung,  die  Gegenzeichnung  des  seiege

.  ministers  bzw.  Reichskanzlers  bei  Ernennung  von

fizieren;  ferner  wurde  der  §  153  der  Gewerbeordnung
aufgehoben,  ein  Reichsfinanzhof  (München)errichtet  u.
eine  große  Reihe  neuer  Steuern  eingeführt:  Branntweinmonopol
  (643  Mill.  Mk.),  Biersteuer  (325  Mill.
Mk.),  Schaumweinsteuer  (20  Mill.  Mk.),  Mineralwassersteuer
  und  Zoll  auf  Kaffee,  Tee,  Kakao  (85  Mill.
Mk),  Erhöhung  der  Postgebühren  u.  Telegraphensätze
(125  Mill.  Meh-  Kriegssteuern  auf  den  Mehrgewinn
von  Gesellschaften  (600  Mill.  Mk.),  Reichsstempel  (214
Mill.  Mk.),  Umsag-  und  Luxussteuer  (1000  Mill.  Mk.),
Bierzoll  (25  Mill.  Mk.),  zusammen  3179  Mill.  Mk.
Ein  Gesetz  een  die  Steuerflucht  sollte  die  Verflüchti.
gung  der  Vermögen  unmöglich  machen,  auf  das  Vermogen
  vom  31.  Dez.  1918  wurde  eine  Steuer  von
4  Milliarden  Mk.  gelegt  sowie  eine  Sondersteuer  vom
Mehreinkommen  eingeführt.

5)  Finanzwesen.  Zur  Bestreitung  der  Kriegskosten
  bewilligte  der  Reichstag  bis  1918  insgesamt
186  Milliarden  Mk.  Ein  erheblicher  Teil  dieser  Kriegsschulden
  wurde  in  lun  istigen  Anleihen  (Kriegsanleihen)konsolidiert;
  —  dieser
neuen  Anleihen,  die  in  steigendem  Maße  unter  sehr
guter  Propagierung  zu  Volksanleihen  wurden,  betrug
        <pb n="244" />
        218

98077  Millionen  Mk.  Die  Kriegskosten  beliefen  sich
1914—18  auf  186  Milliarden  Mk.,  die  monatlichen
Ausgaben  betrugen  im  August  1914:  2047,  im  September:
  970,  im  Oktober  1262,  im  März  1915:  2035
Millidnen  Mk.,  im  Oktober  1916  wurden  3,  im  Oktober
  1917:  4,  im  Oktober  1918:  4,8  Milliarden  Mk.
erreicht.  Der  Gesamtaufwand  1915  betrug  23,  1918
aber  48  Milliarden  Mk.  Das  kursierende  Papiergeld
ohne  Deckung  belief  sich  am  31.  März  1920  auf  58,9
Milliarden  Mk.  Die  Nationalversammlung  bewilligte
20.  Febr.  1919  einen  weiteren  Kredit  von  25  Milliarden
  Mk.,  20.  Aug.  nochmals  9  Milliarden  Mk.  Die
Steuereinnahmen  1914—17  betrugen  10  808  Mill.
Mk.,  1918:  4650  Mill.  Mk.,  die  Schulden  Ende  1918:
102998  Mill.  Mk.  (gegen  4732  Mill.  Mk.  Friedensschuld).
  Die  Keiegsausgaben  bis  Ende  1918  betrugen
146200  Mill.  Mk.  Das  auf  8000  Mill.  Mk.  geschätzte
Heeresgut  wurde  für  3000  Mill.  Mk.  verschleudert.
An  Renten  werden  jährlich  4250,  an  Zinsen  7900  Mill.
Mk.  benötigt.  Der  Etat  für  1913  hatte  mit  einem
Überschuß  von  20,05  Mill.  Mk.  abgeschlossen,  der  für
1914  balancierte  mit  3403  Mill.  Mk.,  1918  war  er  auf
7,33  Milliarden  Mk.  angestiegen;  allein  die  Reichsschuldverzinsung
  erfordete  1918:  5,91  Milliarden  Mk.
Zur  Deckung  des  Mehrbedarfs  wurden  1917  für  1250
Mill.  Mk.  neue  Steuern  (Kohlensteuer,  Kriegssteuerzuschlag,
  Personen=  und  Güterverkehrssteuer),  1918:
3179  Mill.  Mk.  neue  Steuern  u.  außerdem  4  Milliar.
den  Mk  aus  einer  einmaligen  Vermögenssteuer  bewilligt.
  —  Der  Wert  des  deutschen  Geldes  im  Auslande
  sank  dauernd;  in  der  Schweiz  z.  B.  der  der  Mark
von  123,,65  Cts.  im  Frieden  auf  114,50  Ende  1914,
98,75  Ende  1915,  84,62  Ende  1916,  86  Ende  1917,
60  Ende  1918,  35  im  Juni  1919  u.  7,3  im  März  1920.
Um  den  ungeheuren  Anforderungen  des  eigenen  Zinsendienstes
  u.  des  Friedensvertrages  gerecht  zu  werden,
wurde  unter  Reichsfinanzminister  Erzberzer  im  August
1919  eine  große  Finanzreform  durchgeführt:  in
erster  Linie  wurde  dem  gesamten  Vermögen  ein
„Reichsnotopfere  von  10  bis  zu  65  v.  H.  auferlegt.
Ferner  wurde  die  Erbschaftssteuer  erweitert  u.  erhöhte
eine  neue  Vermögenszuwachssteuer  erhoben.  Die
Finanzhoheit  der  Einzelstaaten  ging  durch  die  Reichs.
verfassung  völlig  auf  das  Reich  über.  Der  Haushaltplan
  für  1919  wies  13042  Mill.  Mk.  ordentliche  Einnahmen,
  11263  Mill.  Mk.  laufende  und  1729  Mill.
Mk.  einmalige  Ausgaben  sowie  816  Mill.  Mk.  außerordentliche
  Ausgaben  und  Einnahmen  auf.

6)  Regierung  und  Reichstag.  Der  deutsche
Kaiser  trat  1914,  von  einer  Nordlandreise  (7.—27.
Juli)  zurückgekehrt,  als  oberster  Kriegsherre  an  die
Spitze  der  Armee,  auf  deren  Führung  er  jedoch  keinen
entscheidenden  Einfluß  ausübte.  Seine  Osterbotschaft=
  über  die  preußische  Wahlreform  (7.  April  1917)
u  sein  Handschreiben  an  den  Reichskanzler  Prinz  Max
von  Baden  über  die  notwendigen  Reichsverfassungsänderungen
  (28.Okt.  1918)  bekundeten  seinen  Willen,
künftig  das  „  Kaisertum  als  Dienst  am  Volke  aufzufassen;
  dennoch  verlor  er  in  den  Wochen  des  Zusammenbruchs
  das  Vertrauen  des  Volkes,  zumal  er
sich  selbst  zu  keinem  Entschluß  mehr  aufraffen  konnte.
Er  floh  nach  Holland,  wo  er  im  Schloß  Amerongen
Aufnahme  sand  (11.  Nov.  1918).  Kronprinz  Wilhelm,
  seit  Kriegsbeginn  als  Führer  der  5.  Armee,  dann
als  Oberbefehlshaber  der  Südwestfront  im  Felde,
floh  ebenfalls  nach  Holland.

Mit  dem  Kaisertum  zusammen  stürzte  auch  das
Reichskanzleramt,  dessen  verfassungsrechtliche

Deutsches  Reich

Grundlage  die  Oppositionsparteien  zugunsten  verantwortlicher
  Einzelministerien  immer  heftiger  angegriffen
  hatten:  am  9.  Nov.  übergab  Prinz  Max  die  Reichs-.
kanzlerschaft  an  den  sozialdemokr.  Neichstagsabgeor
neten  Ebert,  der  unter  Aufgabe  des  Kanzlertitels  sich
als  „Volksbeauftragtene  bezeichnete.  —  Von  ungewöhnlicher
  Bedeutung  war  im  Kriege,  bei  der  fast
vollständigen  Inanspruchnahme  des  Kanzlers  durch
die  äußere  Politik,  das  Amt  des  Stellvertreters  des
Reichskanzlers  (Vizekanzler),  das  der  Staatssekretär
  des  Inneen,  Klemens  (v.)  Delbrück,  innehatte,
und  dem  im  wesentlichen  die  gesamte  Führung  der
innern,  besonders  der  Wirtschaftspolitik  und  die  Aufgabe
  des  .Sprechministers-  im  Reichstag  oblag.

elbrück  wurde  am  13.  Mai  1916  durch  Helfferich
ersetzt.  Diesem  folgte  am  11.  Nov.  1917  v.  Payer,
der  mit  dem  Prinzen  Max  von  Baden  1918  zurücktrat.
  Letzterer  umgab  sich  mit  einem  „Kabinettsrat.
  (Erzberger,  Scheidemann,  Gröber,  Friedberg
und  v.  Payer),  dem  wesentliche  Funktionen  des  Kanzlers
  übertragen  wurden,  insbes.  die  eigentliche  Führung
  der  inneren  und  äußeren  Politik.

Die  Reichsämter  hatten  im  Kriege  nachstehende
Besetzung.  Reichsamt  des  Innern:  seit  1909  Del.
brück  (1916),  Helfferich  (1917),  Wallraf  (1918),  Trimborn,
  zuletzt  Preuß.  Staatssekretär  des  Außern  war
seit  1913  Gottlieb  v.  Jagow,  Aug.  1916  Zimmermann,
Aug.  1917  v.  Kühlmann,  Juli  1918  v.  Hintze,  3.  Okt.
1918  Solf  (bis  1919).  Reichsschatzamt:seit  1912  Kühn,
1915  (16.  Febr.  bis  22.  Mai)  Helfferich,  darauf  Graf
v.  Roedern,  1917—18  Schiffer.  Reichsmarineamt  seit
1897  v.  Tirpitz,  1916  v.  Capelle,  1918—19  Ritter
v.  Mann.  Reichspostamt:  bis  1917  Kraetke,  dann  Rild
lin.  Reichsjustizamt:  bis  1917  Lisco,  dann  v.  Krause.
Reichswirtschaftsamt:  1917  Schwander  (bis  20.  Nov.).
1917/18  Stein,  1918/19  Aug.  Müller  Kriegsernäh
rungsamt:  1916  v.  Batocki,  1917  v.  Waldow.  Reichsarbeitsamt:
  1918  Bauer.  —  Preuß.  Kriegsmin.,  dem
im  Kriege  das  Ersatzgeschäft  für  das  ganze  Deutsche
Reich  und  seit  1916  auch  das  Amt  eines  Obermilitärveseblehabere
  für  die  Heimat  oblag,  war  seit  1913
v.  Falkenhayn,  1915  Wild  v.  Hohenborn,  1916  v.  Stein,
1918  Scheüch,  15.  Dez.  1918  Reinhardt.  Chef  des
Generalstabs  war  bis  9.  Dez.  1914  v.  Moltke,  dann
v.  Falkenhayn,  seit  29.  Aug.  1916  v.  Hindenburg,  dem
Ludendorff  als  Generalquartiermeister  zur  Seite  stand.

Der  Reichstag  trat  zusammen  am  4.  Aug.  1914,
2.  Dez.  1914,  10.  März  1915,  18.  Mai  1915,  19.  Aug.
1915,  30.  Nov.  1915,  15.  März  1916,  28.  Sept.  1916,
26.  Sept.  1917,  29.  Nov.  1917,  19.  Febr.  1918.  Durch
Bildung  eines  Hauptausschusses  (Vorsitzender:
Spahn,  1917  Fehrenbach,  1918  Ebert)  suchte  er  stärkeren
  Einfluß  auf  die  Kriegführung  zu  gewinnen.  Für
die  Neuordnung  wurde  1916  ein  28gliedriger  Verfass
  ungsausschuß  gebildet.  Michaelis  nahm  sich
außerdem  noch  einen  ifreien  Ausschuß  beim  Reichskanzlere
  zur  Seite  (28.  Aug.  1917).  Der  Bundesrat
  spielte  als  Verordnungsbehörde  im  Kriege  eine
große  Rolle;  sein  Ausschuß  für  auswärtige  Angelegenheiten
  trat  mehrmals  zusammen.

7)  Parteiwesen.  Im  Sinne  des  Kaiserwortes
»Ich  kenne  keine  Parteien  mehr=  vereinbarten  diese
einen  „Burgfrieden-,  indem  sie  auf  Parteikampf
und  Wahlkampf  für  den  Fall  einzelner  Mandatserlöschungen
  verzichteten.  Mit  der  Zuspitzung  der
innerpolitischen  Lage  wurde  dieser  Burgfriede,  vor
allem  seit  dem  Friedensangebot  im  Dez.  1916  immer
häufiger  durchbrochen.  Vor  allem  die  aus  der  So.
        <pb n="245" />
        Deutsches  Reich

zialdemolratischen  Partei  sich  aussondernde  Sozialdemokratische
  Arbeitsgemeinschaft  (später
Unabhängige  Sozialdemokr.  Partei)  unter  Haase  sagte
sich  von  dem  Burgfrieden  los  und  stellte  bei  Neuwahlen
  (zuerst  in  Oschatz  1917)  Gegenkandidaten  auf.
Weiter  links  von  der  Unabh.  Sozialdemokratie  bildete
sich  eine  Gruppe  Internationale  (unter  Abg.  Rühle)
u.  der  Spartakusbund,  Kommuanistische  Partei  Deutschlands
  (vor  allem  in  Leipzig),  dessen  Führung  später
Liebknecht  übernahm.  Auch  die  Nationalliberale
Partei  spaltete  sich:  ihr  linker  Flügel  trat  der  Reichstagsmehrheit
  der  Juliresolution  1917  bei,  während
die  rechte  Hälfte  unter  Stresemann  sich  den  Konservativen
  zuneigte.  Die  Reichstags-Juliresolution  von
1917  war  das  Ende  des  Burgfriedens.  Nach  dem
Ausbruch  der  Revolution  erfolgte  eine  vollkommen
neue  Parteiorganisation:  die  Konservativen  schlossen
sich  zur  Deutschnationalen  Volkspartei,  der  rechte  Flügel
  der  Nationalliberalen  zur  Deutschen  Volkspartei,
das  Zentrum  zur  Christl.  Volkspartei,  die  übrigen
bürgerlichen  Parteien  zur  Deutschen  demokrat.  Partei
zusammen;  der  mehrheitssoz.  Partei  unter  Scheidemann
  standen  die-Unabhängigene  unter  Haase  und
der  Spartakusbund  unter  Liebknecht  gegenüber.

8)  Die  deutsche  Revolution.  Für  das  Gelingen
der  Revolution  im  Nov.  1918  waren  entscheidend  die
vollständige  Lähmung  der  seelischen  Kräfte  des  deutschen
  Volkes  infolge  des  militär.  Zusammenbruchs  an
der  Westfront,  charakterisiert  durch  die  bedingungslose
Abdankung  aller  Gewalten,  und  die  rücksichtslose  Ausnutzung
  dieser  Lage  durch  die  Unabhängige  Sozialdemokratie.
  In  Kriegsindustrie,  Marine  urd
Heimatheer  trieb  diese  seit  Jahr  und  Tag  eine  ganz
hemmungslose  Agitation  für  Generalstreik  und  Gehorsamsverweigerung
  zwecks  Beendigung  des  Krieges
  und  Errichtung  der  Diktatur  des  Proletariats.
Die  großen  Rüstungsstreiks  im  Frühjahr  1917  und
im  Jan.  1918  sowie  eine  Marinerevolte  im  Sommer
1917  bildeten  die  ersten  Auftakte.  Die  seit  Sommer
1917  in  Gang  gebrachte  Neuordnung=  durch  Parlamentarisierung.
  genügte  ihren  radikalen  Ansprüchen
in  keiner  Weise,  die  Umwandlung  des  Kaisertums  in
eine  rein  repräsentative  Monarchie  im  Oktober  1918
konnte  den  rollenden  Stein  nicht  mehr  aufhalten.
Den  ausschlaggebenden  Anfang  machte  die  Weigerung
der  Hochseeflotte,  zu  einem  entscheidenden  Waffengan
mit  der  engl.  Flotte  in  See  zu  gehen  (30.  Okt.).  Massenarretierungen
  meuternder  Matrosen  führten  am
3.  Nov.  zum  hellen  Aufruhr  in  Kiel,  die  gesamte
Hochseeflotte  kam  in  die  Hand  der  Matrosen,  die  am
4.  Nov.  vom  Gouverneur  von  Kiel  die  Einsetzung
von  Soldatenrätenerzwangen.  Ams.  Nov.  spran
die  Bewegung  nach  Hamburg  und  Lübeck,  am  6.  nac
Vremen-anbrover,  Köln,  Braunschweig,  Leipzig  über.
In  der  Nacht  vom  7.  zum  8.  Nov.  erfolgte  in  München
  die  Ausrufung  der  Republik  und  die  Vertreibung
der  Königsfamilie.  Am  9.  Nov.  ging  die  Garnison
in  Berlin  zu  den  Aufständischen  über,  worauf  Reichskanzler
  Prinz  Max  eigenmächtig  den  Thronverzicht
des  Kaisers  und  Kronprinzen  bekanntgab,  den  die  Sozialdemokratische
  Partei  am  7.  Nov.  in  einem  Ultimatum
  bis  zum  8.  mittags  verlangt  haite.  Am  10.
Nov.  floh  der  Kaiser  nach  Schloß  Amerongen  in  Holland,
  der  Kronprinz  nach  der  Insel  Wieringen  am
Zuidersee.  Im  Hause  des  Monats  traten  die  Monarchen
  aller  Bundesstaaten  zurück  (s.  die  Einzelstaaten).

Am  9.  Nov.  kam  es  in  Berlin  zu  einer  vorläusigen
Einigung  zwischen  den  beiden  sozialdemokratischen

219

Parteien:  es  wurde  eine  aus  Mehrheitssozialisten  und
Unabhängigen  gebildete  Regierung  eingesez.  die  durch
Scheidemann  die  Deutsche  Republik  ausrufen  ließ
u.  die  Regierung  des  Prinzen  Max  zum  Rücktritt  veranlaßte;
  dieser  ersuchte  Ebert,  das  Reichskanzleramt
zu  Üübernehmen.  Nach  Beseitigung  ernster  Meinungsverschiedenheiten
  —  da  die  Unabhängigen  die  Diktatur
des  Proletariats,  die  Mehrheitssozialisten  die  reine
Demokratie  anstrebten  —  bildeten  beide  am  10.  Nov.
die  (aus  Ebert,  Scheidemann,  Landsberg,  Haase,
Dittmann,  Barth  bestehende)  vorläufige  Regierung.
Tags  darauf  trat  der  Berliner  Arbeiter=  u.  Soldatenrat
  zusammen,  die  Regierung  konstituierte  sich  als
Körperschaft  mit  gleichen  Rechten,  als  »Rat  der
Volksbeauftragtenz;  unter  ihnen  arbeiteten  die
bisherigen  Fachminister  als  Beamte  weiter.  Die  erste
Tat  der  neuen  Regierung  war  ein  allgem.  Amnestieerlaß.
  Der  Friede  zwischen  den  beiden  sozialistischen
Parteien  war  nur  von  kurzer  Dauer;  die  Spartakisten
unter  Liebknecht  zogen  die  Unabh.  zu  sich  herüber.
Auf  der  Reichskonferenz  der  Arbeiter=  und  Soldaten
räte  (16.—20.  Dez.  in  Berlin  trat  der  Gegensatzscharf
hervor;  am  23.  Dez.  griff  die  -Volksmarinedivisiondie
  Regierung  mit  Waffengewalt  an,  vom  24.  bis  26.
Dez.  tobten  in  der  Reichshauptstadt  heftige  Straßen-=kämpfe,
  worauf  am  29.  Dez.  die  Unabhängigen  aus
der  Regierung  austraten,  die  sich  durch  Eintritt  der
Mehrheitssozialisten  Noske  und  Wissel  ergänzte.  Am
5.  Jan.  1919  brach  in  Berlin  ein  neuer  Aufstand
der  Unabhängigen  und  Spartakisten  gegen  die  Regierung
  los,  tagelang  herrschte  blutiger  Terror,  von
dem  erst  am  12.  Jan.  die  Truppen  des  Obersten
Reinhard  unter  dem  Generalgouverneur  Noske  die
Reichshauptstadt  befreiten;  die  Gebäude  des  -Vorwärts=
  und  der  Druckerei  Büxenstein  wurden  durch
schweres  Minenfeuer  genommen.

Noch  unter  dem  Eindruck  dieser  -Spartakuswoche:
fanden  am  19.  Jan.  1919  die  Wahlen  zur  Nationalversammlun
  g  (s.  d.)  statt.  Diese  trat  6.  Febr.  im
Nationaltheater  zu  Weimar  zusammen,  wählte  am
7.  den  Sozialdemokraten  David  und  nach  dessen  Eintritt
  in  die  Regierung  am  14.  Febr.  den  Zentrumsabgeordn.
  Fehrenbach  zu  ihrem  Präsidenten,  nahm
am  10.  Febr.  die  Notverfassung  (s.  unten)  an  und
erwählte  am  11.  Febr.  mit  277  von  379  abgegebenen
Stimmen  Friedrich  Ebert  (Soz.)  zum  vorläufigen
Reichspräsidenten.  Nunmehr  trat  die  Regierung
zurlick  und  bildete  sich  am  12.  Febr.  aus  den  Mehrheitsparteien
  (Sozialdemokraten,  Zentrum,  Demokraten)
  neu:  Scheidemann  (Soz.)  wurde  Reichsministerpräsident,
  Preuß  (Dem.)  Reichsminister  des
Innern,  Noske  (Soz.)  Reichswehrminister,  Bauer
(Soz.)  Reichsarbeitsminister,  Schmidt  (Zentr.)  Reichsernährungsminister,
  Gothein  (Dem.)  Reichsschatzminister,
  Giesberts  (Zentr.)  Reichspostminister,  Schiffer
  (Dem.)  Reichsfinanzminister  u.  stellvertr.  Ministerpräsident,
  Wissel  (Soz.)  Reichswirtschaftsminister,
Landsberg  (Soz.)  Reichsjustizminister,  Graf  v.  Brockdorff-RantzauDem
  )Reichsminister  des  Auswärtigen,
David  (Soz.),  Huc  (Soz.)  und  Erzberger  (Zentr.)
Reichsminister  ohne  Portefeuille,  Bell  (Zentr.)  Reichs.
kolonial-,  Koeth  (parteil.)  Demobilmachungsminister.

Bis  dahin  war  die  Staatsmaschine  durch  „  Verfügungen
  der  Volksbeauftragten  mit  Seseches.
kraft--  in  Gang  gehalten  worden;  durch  einfache  Verfügungen
  wurden  die  größten  Veränderungen  der
wirtschaftlichen  und  sozialen  Grundlagen  des  Reiches
vorgenommen  (Aufhebung  der  Gesindeordnung,  Ein-
        <pb n="246" />
        220

setzung  einer  Sozialisierungskommission,  Neuregelung
der  Kommandogewalt  im  Heere,  zwangsweise  Wiedereinstellung
  der  Demobilisierten  in  ihre  alten  Betriebe,
Regelung  der  Wohnungsnot  durch  diktatorisches  Verfügungsrecht
  von  Bezirkskommissaren,  Erlaß  einer
Landarbeiterordnung)  und  durch  das  von  der  Nationalversammlung
  27.  Febr.  angenommene  überangsgesetz

  endgültig  mit  Gesetzeskraft  ausgestattet.

e  No##s  rfaßfun  setzte  an  Stelle  des  Reichstags
  die  Nationalversammlung,  an  Stelle  des  Bundesrats
  den  Staatenausschuß  (Vertreter  der  Freistaaten,
  auf  je  1  Million  Einwohner  1  Vertreter),  an
Stelle  des  Kaisers  den  von  der  Nationalversammlung
gewähsten  vorläufigen  Präsidenten,  an  Stelle  des

eichskanzlers  ein  verantwortliches  Reichsministerium
(mit  11  selbständigen  Ressortträgern).

Der  vom  Staatssekretär  des  Innern,  Preuß,  im
Januar  veröffentlichte  Entwurf  für  die  Reichsverfassung
  wurde  von  der  Regierung  mehr  der  bisbri
  en  bundesstaatlichen  Grundlage  angepaßt,  vom

erfassungsausschuß  der  Nationalversammlung  wiederum
  mehrdemokratisch-unitarisch  gestaltet,  bis  dann,
nach  Ausscheiden  der  Demokraten  aus  der  Regierung,
der  klerikal  =  sozialistische  Doppeleinfluß  der  neuen
Mehrheit  dem  Verfassungswerk  die  endgültige  Gestalt
gab.  Die  Verfassung  Wangte  31.  Juli  mit  262  gegen
75  Stimmen  bei  1  Emthaltung  zur  Annahme  und
wurde  am  13.  Aug.  veröffentlicht.

Unterdessen  hatte  die  Regierung  eine  vollständige
Neubildung  erfahren,  da  die  Demokraten  und  der
Ministerpräsident  Scheidemann  daran  festhielten,  daß
der  Versailler  Friedensvertrag  ((.S.  144  f.  unannehmbar
  sei.  Die  gesamte  Regierung  trat  deshald  am  20.
Juni  zurück  und,  nach  einem  emntägigen  inisterium
David,  bildete  am  21.  Juni  der  bisherige  Arbeitsminister
  Bauer  (Soz.)  eine  neue  Regierung,  in
der  Hermann  Müller  (Soz.)  das  Auswärtige,  David
(Soz.)  das  Innere,  Erzberger  (Zentr.)  den  stellvertretenden
  Vorsitz  und  die  Finanzen,  Wissel  (Soz.)  das
Wirtschafts.,  Schlicke  (Soz.)  das  Arbeits-,  Mayer--Kaufbeuren
  (Zentr.)  das  Cchadministerium,  iesberts
(Zentr.)  die  Post,  Bell  (Zentr.)  das  Verkehrswesen,
Noske  (Soz.)  das  Reichswehrministerium,  Schmidt
(Zentr.)  das  Ernährungsministerium  übernahmen.

Die  neue  Regierung  nahm  sofort  unter  Erzbergers
Führung  eine  große  Finan  zreform  in  Angriff:
er  brachte  eine  Vergnügungs-,  Rayon-,  erweiterte
Erbanfall-,  Schenkungs-,  Nachlaß-,  Tabak-,  Zündwaren-,
  Spielkarten-,  erhöhte  Zuckersteuer  sowie  die
Lorlage  eines  Reichsnotopfers  (12.  Juli)  ein.
Die  Ablehnung  der  von  Wissel  vertretenen  Planwirtschaft
  und  der  Abbau  der  Zwangswirtschaft  veranlaßten
  diesen  8.  Juli  zum  Rücktritt;  der  Ernährungsminister
  Schmidt  übernahm  sein  Ressort  im  Nebenamt.
  —  Am  17.  Juli  stimmte  die  Nationalversammlung
  einem  Reichssiedlungsgesetz,  am  7.  August  dem
Gesetz  Über  eine  außerordentliche  Kriegsabgabe  für
1919  und  über  eine  Kriegsabd  abe  vom  Vermögenszuwachs,
  am  15.  August  dem  Kohlenwirtschaftsgesetz,
am  16.  dem  Kapitalabwanderungsgesetz,  am  18.  dem
Hbfer.  und  Kapitulanten-Abfindungsgesetz,  am  19.
der  Tabaksteuer  und  der  Reichsabgabenordnung,  am
20.  einem  Anleihekredit  von  9  Milliarden  Mk.  und
einer  neuen  Erbschaftssteuer,  am  17.  dem  Gesetz  über
Erhebung  eines  Reichsnotopfers  und  18.  Dez.  1919
einer  Erhöhung  der  Umsatzsteuer  zu.  Gegen  Ichresende
  setzte  eine  von  der  preußischen  Landesversammlung
  ausgehende  Propaganda  für  eine  Anderung  der

Deutsche  Vaterlandspartei  —  Deutsch-flämische  Gesellschaft

Reichsverfassung  im  Sinne  des  Einheitsstaates  neu
ein.  Da  zugleich  der  Kanpf  um  das  Betriebsräteges
  )z;J  Anfang  Januar  1920  die  erbittertsten  Formen
annahm,  wurde  der  Bestand  der  Reichsverfassungernstlich
  in  Frage  gestellt.  Okt.  1919  wurde  ein  neues  Reichsministerium
  für  Wiederaufbau  errichtet,  das  Portefeuille
  erhielt  der  demokratische  Nürnberger  Oberbürgermeister
  Geßler;  gleichzeitig  traten  die  Demo.
kraten  Schiffer  (Justiz)  und  Koch  (Inneres)  neu  in
die  Regierung  ein.  David  wurde  Minister  ohne  Portefeuille.
  Das  Ergebnis  der  im  November  1919  auf.
gelegten  Sparprämienanleihe  (3800  Mill.  Mk.)  war
dürftig.  Der  Reichsetat  für  1918  balancierte  im
ordentlichen  Haushalt  mit  7332,,6  Mill.  Mk.,  im  außerordentlichen
  Haushalt  mit  40726  Mill.  Mk.  Der  ordentliche
  Haushalt  für  1919  schließt  mit  15  310  Mill.
Mk.,  der  außerordentliche  mit  41  344  Mill.  Mk.  ab.

Literatur:  „Deutschland  und  der  Weltkrieg(hrsg.  von
O.  Hintze,  F.  Meinecke,  H.  Oncken  und  H.  Schumacher:  Leipz.
1915,  2  Bde.);  O.  Hoetzsch,  Der  Krieg  und  die  große  Politik
das.  1917—  18,  3  Bde.);  Beiträge  zur  Kegswir#  chaftK4

rsg.  von  der  Volkswirtschaftl.  Abteilung  des  Kriegsernährungsamtes;
  Berl.  1916—18,  43  Hesth-  »Vom  inneren
Frieden  des  beutschen  Volkes=  (hrsg.  von  F.  Thimme;  Leipz.
1916,  2  Bde.).  »Die  Arbeiterschaft  im  neuen  Deutschland-(hrsg.
  von  F.  Thimme  u.  C.  Legien;  das.  1915);  P.  Leusch,
Die  Sozialdemokratie,  ihr  Glück  und  ihr  Ende  (das.  1916),
Fürst  B.  v.  Bälow,  Deutsche  Politik  (Berl.  104  ör  ;  Junius
alter,  Das  deutsche  Reich  auf  dem  Wege  zur  geschichtlichen
Episode  (Neudruck,  Münch.  1919);  A.  6oeSr  e  u.  H.  Groß-=mann,
  Englands  Handelskrieg  und  die  deutsche  Industrie
(Stuttg.  1915  u.  1917,  2  Bde.);  „Recht,  Verwaltung  und
Politik  im  Neuen  Deutschland-  chrsg.  von  A.  Bozi  und  H.
Heinemann;  das.  1916);-Sämtliche  Kriegsgesetze,  =  verordnungen
  und  -bekanntmachungen=  (hrsg.  von  der  Redaktion
des  deutschen  Reichsgesetzbuches  für  Industrie,  Handel  und
Gewerbe;  Berl.  1915ff.);  W.  Kapp,  Die  Maidenkschrift  aus
dem  Jahre  1916  (Gera  1918);  P.  Rohrbach,  Die  alldeutsche
  Gefahr  (Berl.  1919);  W.  Solf.  Weltpolitik  und
Kolonialpolitik  (das.  1918);  K.  Mahler,  Die  Programme
der  polit.  Parteien  in  Deutschland  nach  dem  Kriege  (4.  Aufl.,

ipz.  1919);  Bethmann  Hollwegs  Kriegsreden=  (hroeg.  von
F.  Thimme;  Stuttg.  1918);  Bethmann  Hollweg,  Betrachtungen
  zum  Weltkrieg  (Berl.  1919);  E.  Lubendorff.
Meine  Kriegserinnerungen  (das.  1919);  H.  Delbrück,
Krieg  und  Politik  (bas.,  3  Teile);  K.  Helfferich,  Der  Weltkrieg
  (3  Bde.;  das.  1919);  „Deutsche  Dokumente  zum  Kriegsausbruch
  (Kautsky-Akten)-,  hreg.  v.  Graf  Montgelas  und
Prof.  Schücking  (4  Bde.;  af.  1919).

Deutsche  Vaterlandspartei,  2.  Sept.  1917
unter  Führung  Lerzog  Joh.  Albrechts  von  Mecklenburg,
  des  Generallandschaftsdirektors  Kapp  und  des
Groadmirals  v.  Tirpitz  gegr.  Vereinigung,  die  die
Stärkung  des  Siegeswillens  und  die  Propagierung
eines  Siegfriedens  in  Deutschland  gegenüber  dem  Gedanken
  eines  Verständigungsfriedens  bezweckte.  Sie
wollte  keine  polit.  Partei  sein,  konnte  sich  aber  bei  der

entralen  Stellung  des  Streites  um  die  Kriegsziele  im
arteikampf  schlechterdings  nicht  davon  fernhalten.
Die  Anhänger  der  Reichstagsmehrheit,  besonders  die
Sozialdemokratie,  traten  schroff  gegen  die  D.  V.  auf.
eutsche  Volkspartei,  s.  Nationalliberale  Partei.

Deutsch-finnischer  Verein,  unter  Graf  v.  d.
Goltz  1919  gegründete  Vereinigung  der  deutschen
Finnlandlämpfer,  gibt  die  Zeitschrift  -Deutsch-finnische
  Brücke“  heraus.

Deutsch-finnländische  Gesellschaft,  April  1917
unter  Vorüch  Rud.  Euckens  in  Berlin  gegr.  Gesellschaft
  zu  wechselseitiger  Förderung  kultureller,  wissenschaftl.
  und  wirtschaftl.  Interessen  der  beiden  Länder.

Deutsch-flämische  Gesellschaft,  März  1917  in
Berlin  gegr.  Gesellschaft  zur  Förderung  der  Flamen
        <pb n="247" />
        4  4  *  1
-  .;  -..-  .—  i-  -  —  —  H

RHEIN.  VESTI.
I#p’TKCLBI#

1t  .
T.  2—

v

in  -  2  —  m

#CEBINCWNBEKRLIN
LIi1000000  5  „  4  "„  *

5i

ni
—

.i..n*Po  G  (  —Q.„  &amp;amp;.
“4  —  WV
*—..  **  Na#

,—  2
S.  "  *  56  4

8
2—
*
*

3  1½  I.%  -

Iutsche
A#cenner.  ,

BULLL

l-W-«»«IXCWM««

kj

A  %
—5%%%  □#E  nrze.  ·

—
—

#  SWEHTN  ·-  HAVE-s
sek..««  «  «  «-.  saht-Im  V.  Mrüne  "%  —'6  Z„  «-W
  *  ..  .  t!·s’x«·"71  2  L  4
-  "  ».  “  J#e-  5  *  Not  kumsst.  K#mtn
4  .  LUO  *  —a  4%  #.  ;  Ox-  AIÆU  ,
«  ps·  F  q.  )  alat  (  un  »I-  ".-  -  «  UOUZUFT  5  .  1
„  3  1  "  t  *.  3  .  ä  1—’“  *“  2  3  *
½%  Nilent  «  —  lresns  W—  i  0ost  XX
2352  u  Sts  HRlizen  #t#  7  ——
0  7  E  «  --  —“
—  D  MWarlen##  ——  4  K.  «  Hil  8  ##  n%
.  r  WHNee  7ni  "  f-»  W  !&amp;amp;!-dlr'“  r*  —m[n——  &amp;amp;  Uus  3:  «  I
1  9  MWANF  1  #—  ·  G#  4  ..  —.  Jy  6#  S  1
i  i5  *r  F  “  —  –  □  p  -  «  rin  #  i  -  r-  4  -
4  l  *  *6  !6r#  !
"  *.  *  un  ·  «  ##  6  "  7

EKNDUBTRIBGEHIET.  .  —

8  FEon?:  —  4  2
47  r  1
5  r  Wr  -  K  r  *  Ine.  lr(63  N##.  1
1  n  W  –  1  rn  mbnu  —  J
«  «-  X
eä  —  »  W-.
  **  d  2—  7  K.  N
)  ###  *  –—.  «-  ·-  –  A
r*  r  43  *  -  2  R  J  #WiA%
*  F  —  53  2  —  A#u##s#  Muh  z#  ardt—  Lu44ont.  ê
"„#  5rnd  4k.  ·  «  -  ·"  rerhi!
A  ⁊  *“  —  4nQ  —  *  1.  ——  +  1.  M.  Xa  —2  to  m  .
,.  J2  *  1  4  ßn  ,  k.  i  *  ".  *  ZQ
174  «  "  ·’-  ß  *  5  58  s
"’  4  l  *r  *  *  S  «  E#n
"„  Aen  ;  SX  ——  *W  —
F.  .  „  1  5  D  #.
J  a  —  4p4  .  de
.-  «  1
K#  *7?  —t-  58  .  W  «««-.-—
·«7..«.  9  -  4  ·"-.  s.  «  -  ⁊
*  ——  —  *  35  —  2
E—  2X  «·««··«  «.  1
r—  6r  6  J  *l  -"  .  .—.—  .  —  .
MAM.  —ie  "„  DEUTFSCHESRECIl.
«  .«-  «  --I.!  F  -  MMt-1:7000000
ckspchwspt  W  2  *B  —““—“  =  —1
5ri  «  1  —  «  5  4  V  E  —  EAÆ  .
.«,««"  ·."«J.'  «  ·  s-  ##  /  F  —  ##“n  ·  MCM  I
1—  4  2  aW  ([  au  NBIxHEN  Mabulab  1:300  000.
—  .  u###-  -  hu  «  !  6  2+.Klm
0  .  E-6.—  32.  *  enlind  HnrNUl#  —
keche  is  .  »Es-«  ««-·S  kMNl  9
15.  "-T  -  .·  -  ·  «  -«9  «  W  :  .
2  M###sn  -sries  1  H  DomnbRMA
-  #  *  MeA  2  .-  1  64  7  Rula  E  net  o  t  V
«  .  —  &amp;amp;  —  NI(EI  SM
##s  .  %##u#  "  u  Fwans-  4  ·  iiåtz·
.  .  UTW  ---«F«  »k«  *
.  Bꝛ  t  **  —  2  2  .
-  F  3  3  ohBhERSCHLENISCHES  *  *n  *“d7  à..  VITTI.

Bliogupkunches  Imsstitur,  Leipzig.
        <pb n="248" />
        <pb n="249" />
        Deutschfreisinnige  Partei  —  Dobritsch

im  Kampf  gegen  die  Französierung  und  für  die
deutsch-flämische  Kulturgemeinschaft.
Deutschfreisinnige  Partei,  s.  Bd.  I.  S.  33.
Deutschkonservative  Partei.  Die  Partei,  deren
Ziel  seither  die  Macht  und  Stärke  Deutschlands  war
(vgl.  auch  Bd.  I.  S.  2936),  bekämpfte  im  Kriege  insbef.
  die  Politik  Bethmann  Hollwegs  (sog.  -Kanzlerfronde-)
  und  forderte  festumrissene  Kriegsziele.  In

der  inneren  Politik  bekämpfte  sie  die  preuß.  Wahlvorlage,

  forderte  z.  T.  bereits  1915  zwecks  Herbeiführung
  günstiger  Neuwahlen  die  Auflösung  des  Reichstags,
  unbedingte  Erhaltung  des  Burgfriedens  und
schärfstes  Vorgehen  gegen  die  Propagierung  eines  Verständigungs-
  oder  Verzichtfriedens.  —  In  Preußen
traten  die  der  D.n  P.  nahestehenden  Kreise  auf  einem
in  Berlin  am  18.  Jan.  1914  abgehaltenen  Preußentag
  für  die  Erhaltung  der  preuß.  Vormacht  im  Reiche
ein.  —  Nach  der  deutschen  Revolution  ging  die  D.  P.
in  der  Deutschnationalen  Volkspartei  auf.
„Deutschland.,  s.  Handels-U-Boot.
Deutschnationaler  Ausschuß  für  einen
ehrenvollen  Frieden,  Juli  1916  in  Berlin  gegr.
Ausschuß  zu  dem  Zwecke,  in  einheitliches  Verständnis
  für  einen  ehrenvollen,  die  gesicherte  Zukunft  des
Deutschen  Reiches  verbürgenden  Friedensschluß  zu
weckene.  Gefordert  wurde  ein  Friede,  der  sich  gleich
entschieden  entfernt  hält  von  den  Kopflosigkeiten  der
Friedensmänner  um  jeden  Preis,  wie  von  den  Unersättlichkeiten,
  die  in  den  Kundmachungen  des  Alldeutschen
  Verbandes  zutage  getreten  sinde,  gemäß  der
Rede  des  Reichskanzlers  April  1916:  Vortragung  der
Hressen  im  Osten,  reale  Garantien  im  Westen  (vgl.
Bd.  II,  S.  9).  (konservalive  Partei.
Deutschnationale  Volkspartei,  s.  Deutsch-Deutsch-Neugninea,
  s.  Kaiser-Wilhelms-Land
sowie  Bd.  II.  S.  14/15  u.  148.
Deutsch-Ostafrika.  über  Entwicklung  u.  Geschichte
*  Bd.  II.  S.  14  ff.,  über  strateg.  Lage  u.  Bedeutun
.147  f.,  über  die  Kämpfe  in  D.  Bd.  III.  S.  122.  D.  fie
nach  Art.  119  des  Friedensvertrags  v.  Versailles  an  die
alliierten  Mächte.  —  Die  Tätigkeit  derchristl.  Missionen
in  D.  ist  in  Bd.  II,  S.  361  bzw.  864  geschildert.  *
v.  Lettow--Vorbeck,  Meine  Erinnerungen  aus  D.
(Leipz.  1919);  Schnee,  D.  im  Weltkriege  (das.  1919);
W.  Arning,  Bier  Jahre  Weltkrieg  in  D.  (Hann.  1919).
Deutsch  .Osterreich,  Name  der  Republik  O.  bis
zun  Frieden  von  Saint-Germain,  in  dessen  Vertrag
ieser  Name  durch  die  Bezeichnung  „Republik  Osterreiche
  ersetzt  wurde.
Deutsch-Osterreicher.  Die  Stellung  und  die

Stärke  der  D.  vor  dem  Kriege  ist  Bd.  J.  S.  57  ff.  dargestellt;

  die  Anschlußbestrebungen  Bd.  III,  S.  807.

Deutsch-Osterr.-Ungarischer  Wirtschaftsverband,
  s.  Bd.  I.  S.  411.  S.  85.

Deutsch-schweizerische  Gesellschaft,  s.  Bd.  II.

Deutsch-Stdwestafrika.  Über  Entwicklung  und
Bedeutung  s.  Bd.  II,  S.  147  f.,  über  die  Kämpfe  in  D.
Bd.  III,  S.  121  f.  D.  fiel  gemäß  Art.  119  des  Friedensvertrags
  von  Versailles  an  die  alliierten  Mächte.  —  Die
Tätigkeit  der  christl.  Missionen  in  D.  ist  in  Bd.  II,  S.
361  bzw.  364  ehandelt.  —  Vgl.  R.  Hennig,  Deutsch-Südwest
  im  Weltkriege  (Berl.  1919);  W.  Suchier,
Deutsch-Südwest  im  Weltkriege  (2.  Aufl.,  das.  1919).

Deutschtum  im  Auslande.  Die  Entwicklung
des  D.  s  i.  A.  ist  ausführlich  in  Bd.  I,  S.  39  f.  behandelt.
  —  Besondere  Maßnahmen  zur  Fürsorge  für
rückgewanderte  Auslandedeutsche  wurden  Jan.  1915
getroffen;  vgl.  Bd.  I,  S.  400.  —  In  Stuttgart  wurde

221

Jan.  1917  ein  Museum  und  Institut  für  Auslands.
deutschtum  gegründet.

Deutsch-türkische  Vereinigung,  4.  Okt.  1915
in  Berlin  gegr.  Gesellschaft  zur  Förderung  der  kulturellen
  Arbeitsgemeinschaft  der  beiden  Länder.

Dewet,  Christian  R.,  Burengeneral,  geb.  27.Okt.
1854  auf  Leeuwkop  (Oranje-Freistaat),  im  Krieg  gegen
England  1899  stellvertr.  Kommandant  in  Natal  und
dann  an  der  Westgrenze  General  unter  Cron;je,  seit
Juni  1900  Befehlshabes  der  Oranjeburen,  1907  Ackerbaudirektor
  in  der  Oranjefluß-Kolonie.  D.  organisierte
Okt.  1914  den  Aufstand  der  Buren  gegen  die  Engländer
  und  wurde  wegen  Hochverrats  Fani  1915  in
Bloemfontein  zu  sechs  Jahren  Gefängnis  verurteilt,
21.  Dez.  aber  freigelassen.

Diaz,  1)  ital.  General,  seit  Nov.  1917  Oberbefehlshaber.
  Bild  s.  bei  S.  226.  —  2)  Porfirio,  Expräsident
  von  Mexiko,  starb  2.  Juli  1915  in  Paris.

Dicke  Berta,  volkstüml.  Name  für  die  Kruppschen
42  cm.  Mörser,  s.  Die  Artillerie  im  Kriege-,  S.  154.

Dieselmotor,  mit  Benzin,  Petroleum  oderleichtem
Teeröl  getriebener,  sehr  wirksamer  Verbrennungsmotor,
  treibt  z.  B.  Unterseeboote  bei  Überwasserfahrt.

Dignano,  ital.  Gemeinde  am  Ostufer  des  Tagliamento,
  westl.  von  Udine.  Der  Verlust  des  Brückenkopfes
  von  D.  zwang  die  Italiener  zur  Aufgabe  der
Tagliamentolinie  am  6.  Nov.  1917.

imitrieff,  Radko,  russ.  General,  geb.  in  Gradez
(Südbulgarien),  zuerst  bulgar.  Hauptmann  und  einer
der  Rädelsführer  der  Verschwörung  gegen  Alexander
von  Battenberg,  dann  10  Jahre  in  der  russ.  Armee,
kehrte  nach  Bulgarien  zurück,  war  1912  Korpsführer,
1913  Generalissimus.  Er  ging  dann  wieder  nach
Rußland  und  befehligte  1914  als  russ.  General  die
Belagerungsarmee  vor  Przemysl,  führte  nach  dessen
Fall  seit  April  1915  die  8.  russ.  Armee  in  Galizien,
wurde  bei  Gorlice-Tarnow  von  Mackensen  entscheidend
  geschlagen,  verteidigte  Iwangorod,  Sept.  1915
das  Festungsgebiet  Riga-Dünamünde  u.  legte  Aug.
1917  die  Führung  der  12.  Armee  nieder.

Dinant,  befestigte  Stadt  in  der  belg.  Provinz
Namur,  wurde  23.  Aug.  1914  wegen  Franktireurberfalls
  auf  die  Deutschen  zerstört.

Dittmann,  Wilhelm,  unabh.  Sozialdemokrat,
eb.  13.  Nov.  1874  in  Eutin,  Tischler,  1904  Parteiekretär,
  1909  Redakteur,  seit  1917  Führer  der  Unabhängigen,

  1918  wegen  Streikagitation  in  Haft,  Nov.=Dez.
  1918  Volksbeauftragter  in  der  Reichsregierung.

ibisionismus,  von  Renaudel  im  franz  sozialistischen
  Nationalrat  1916  geprägter  Ausdruck  für
die  Sprengung  der  Einheit  der  sozialistischen  Partei
Frankreichs  durch  Lossagung  der  Minderheit  1916.

Dixmniden  (Diksmuide),  Stadtin  Westflandern,
an  der  Yser,  war  seit  Mitte  Okt.  1914  heiß  umstritten
und  wurde  10.  Nov.  von  den  Deutschen  gestürmt.

Dujestr,  Strom  in  Galizien  u.  Südrußland,  aus
dem  Karpath.  Waldgebirge,  1371  km  lang,  mündet  bei
Akkerman  in  das  Schwarze  Meer.  Der  D.  spielte  in
den  österr.-russ.  Kämpfen  eine  wichtige  Rolle  und  war
bes.  1915  und  1917  hart  umstritten.  Vgl.  S.  57,  94.

Doberdd,  Hochebene  von,  in  Görz  und  Gradisca,
  östlich  vom  unteren  Isonzo,  war  einer  der
Hauptangriffspunkte  der  Italiener  in  den  ersten  sechs
Isonzoschlachten.  Vgl.  S.  108f.

Dobritsch  (Dobriéè),  rumän.  Stadt  in  der  Dobrudscha,
  erst  1913  im  Bukarester  Frieden  von  Bularien

  abgeireten.  wurde  4.  Sept.  1916  von  bulgar.

ruppen  besetzt  (ogl.  Bd.  II.  S.  221).
        <pb n="250" />
        222

Dobrudscha  (rumän.  Dobrogia),  rumän.  Landschaft
  zwischen  Donau  und  Schwarzem  Meer  (vgl.
Karte  Bd.  II  bei  S.  222),  kam  1878  im  Frieden  von
San  Stesano  von  der  Türkei  an  Rußland,  das  sie

egen  Beßarabien  an  Rumänien  abtrat.  Die  D.
peise  im  Rahmen  der  Balkanfragen  eine  wichtige
Rolle  (vgl.  Bd.  II,  S.  58  f.)  u.  wurde,  gographisch  u.
strategisch  äußerst  bedeutungsvoll  (s.  Bd.  II,  S.  123f.
u.  142  f.),  zum  Schauplatz  der  Kämpfe  vom  Sept.  bis
Nov.  1916  (s.  Bd.  II,  S.  221  ff.),  fiel  im  Frieden  von
Bularest  1918  mit  ihrem  südl.  Teil  an  Bulgarien,  der
nördl.  Teil  kam  unter  ein  Kondominium  des  Vierbundes;
  Nov.  1918  fiel  die  D.  an  Rumänien  zurück.

Dodekanesos  (Dodekan),  die  zwölf  der  asiat.
Türkei  vorgelogerten  Inseln,  die  von  Italien  als  Repressalie
  gegen  die  Türkei  besetzt  wurden;  vgl.  Bd.  II,
S.  65  u.  69.

Doggerbank,  Sandbank  in  der  Nordsee,  zwischen
England  und  Dänemark,  515  km  lang,  64  km  breit,
wichitger  Platz  für  Stockfischfang.  Über  die  Seeschlacht
  an  der  D.  s.  Bd.  L,  S.  257f.  Bei  einem
Vorstoß  an  der  D.  versenkten  deutsche  Torpedoboote
in  der  Nacht  zum  11.  Febr.  1916  zwei  engl.  Kreuzer.

Dohna-Schlodien,  Nikolaus,  Burggraf  und
Graf  zu,  deutscher  Seeoffizier,  geb.  5.  April  1879
in  Mallmitz,  1901—  02  beim  Stabe  des  in  Ostasien
stationierten  Kanonenbootes  „Tiger-,  1907  auf  der
„Braunschweige,  1909  Führer  des  Flußkanonenbootes
„Tsingtau=  (vor  Kanlon  stationiert).  Später  Naviationsoffizier
  auf  der  =  Posen-,  1914  Korvettenapitän,
  versenkte  bzw.  beschlagnahmte  als  Führer  der
b„Möwe-  37  Handelsdampfer  von  etwa  191000  t;
vgl.  Möwe-.  —  Bild  s.  bei  S.  215.

Dojran,  Gem.  in  Serbisch  -Mazedonien,  am  D.=See,
  nahe  der  griech.  Grenze,  wurde  am  12.  Dez.
1915  von  der  bulgar.  Armee  Todoroff  erobert.  Die
Stellungen  am  D.-See  spielten  in  den  Kämpfen  von
Dez.  1915  bis  Sept.  1918  eine  bedeutende  Rolle.  Vgl.
S.  70,  00  f.,  105.

Dolomiten,  Südtiroler,  Gruppe  der  Ostalpen
(vgl.  Bd.  II,  S.  100).  Der  mächtige  Gebirgsstock  war
von  Ende  Mai  1915  bis  Anfang  Nov.  1917  der
Schauplatz  ununterbrochenen  Kampfes.  Der  Raumewinn

  der  Italiener  bis  zur  Zurücknahmeihrer  Front
im  Nov.  1917  umfaßte  die  Palagruppe,  das  obere
San  Pellegrino-Tal  bis  zum  Costa  Bella-Massiv,
den  größten  Teil  des  Hoch-Cordevoletals,  Buchenstein,
Falzaregopaß  und  die  Tofanagipfel,  den  Hauptteil
des  Ampezzotals  bis  Schluderbach;  an  den  wichtigen
Einbruchsstellen  (Rollepaß,  Fedajapaß,  Pordoijoch,
Kreuzbergsattel)  blieben  ihre  Angriffe  vergeblich.

Dombrowa,  russ.-poln.  Kreisstadt  an  der  Bahn
Warschau-Wien,  mit  dem  zweitwichtigsten  Kohlenund
  Eisenrevier  Rußlands  (vgl.  Bd.  I,  S.  158),  wurde
von  den  deutschen  und  österr.  Truppen  bald  nach
Kriegsausbruch  besetzt.

Domizlaff,  Georg,  Oberpostdirektor  in  Leipzig,
1914—18  deutscher  Feldoberpostmeister.

Donau.  Die  Hauptkräfte  der  Armeen  Gallwitz
u.  Koevess  überschritten  die  D.  beim  2.  Angriff  gegen
Serbien  7.Okt.  1915  an  der  Insel  Ram,  an  der  Mlava-Mündung,
  bei  Semendria  und  an  der  Zigeunerinsel,
die  deutsch-österr.  ungar.  Orsovagruppe  am  22.  Okt.
Vgl.  Bd.  1.  S.  230  und  Karte  bei  S.  232.

Donon,  Gipfel  der  Vogesen,  im  N.  des  Breuschtales,
  1008  m  hoch,  wurde  21.  Aug.  1914  von  den
Deutschen  genommen.  S.  156  ff.

Doppeldecker,  s.  Flugzeug  sowie  -Der  Luftkriege,

Dobrudscha  —  Drohobycz

Dorna-Watra,  Marktflecken  in  der  Bukowina,
im  Karpath.  Waldgebirge,  strategisch  wichtig,  in  der
Dreiländerecke,  war  im  Weltkriege  vielfach  umkämpft,
bes.  Sept.  und  Okt.  1916.

Donai,  Arr.-Hauptstadt  im  frz.  Dep.  Nord,  36000
Einw.,  war  15.  Okt.  1914  bis  17.  Okt.  1918  von  den
Deutschen  besetzt.

Douaumont,  Fort  und  Dorf  nordöstl.  von  Verdun,
  wurden  25.  Febr.  bzw.  2.  März  1916  von  den
Deutschen  erstürmt  (val.  Bd.  II.  S.  194  und  197f.),
aber  24.  Okt.  1917  wieder  aufgegeben;  vgl.  C.  v.
Brandis,  Die  Stürme  von  D.  (Berl.  1917).

Douglas,  Charles,  engl.  General,  geb.  17.  Juli
1850,  gest.  20.  Nov.  1914,  1900  Generalmajor,  1904
bis  1909  zweites  nulit.  Mitglied  des  Armeerates  und
Erster  Stabsoffizier  des  Heeres,  seit  1912  Oberinsp.
des  Landheeres,  Anfang  des  Krieges  Generalstabschef.

Drachenballon,  drachenartig  gegen  den  Wind

estellter  Fesselballon,  wurde  noch  im  Anfang  des
Pieges  allgemein  verwendet,  dann  aber  durcheine  andere
  Anordung  ersetzt.  Vgl.-Der  Luftkrieg«,  S.  156.

Drahthindernis,  aus  Draht  (Stacheldraht)  oder
Drahtgeflecht  hergestelltes,  an  Pfählen  befestigtes  Hin
dernis  für  den  Stellungskampf,  für  die  Sperrung
von  Straßen  u.  a.  m.,  wird  oft  aus  Drahtgeflecht  zu
Rollen  (Walzen)  gewicket  mitgeführt,  um  rasch  aufgestellt
  werden  zu  können  (Schnellhindernisse).
Zu  schnellem  Aufbau  dienen  auch  Spanische  Reiter
(s.  d.).  Glocken,  Blechteile  usw.  am  D.  machen  die  Annäherung
  von  Feinden  hörbar;  zuweilen  wird  es  auch
mit  hochgespannter  Elektrizität  geladen  (s.  Starkstrom.
zäune).  Vgl.  Bd.  I,  S.  273ff.

Drahtlose  Telegraphic,  svw.  Funkentelegraphie,
s.  auch  »  Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege,  S.  165.

Drahtschneider,  im  Anfang  des  Krieges  am
Vorderteil  von  Kraftwagen  angebrachte  Vorrichtung,
um  von  Freischärlern  über  Wege  gespannte  Drahtseile

u  fangen  u.  zu  zerschneiden,  s.  Taf.  Kraftwagen  I.,
*2  in  Bd.  I,  S.  280.
rahtverhau,  svw.  Drahthindernis.

Dreadnought  (engl.,-Fürchtenichtse),  englisches
Kriegsschiff,  seit  1906  neuer  Typus  von  Linienschiffen.
brachte  eine  vollständige  Umwälzung  in  der  Seekriegs
rüstung  aller  Staaten  hervor.  Vgl.  Bd.  I,  S.  240.

Dreibund,  (.  Bd.  I.  S.  18  ff.  sowie  S.  66  u.  68.
Vgl.  W.  Doerkes-Boppard,  Das  Ende  des  Dreibundes
  (Berl.  1919).

Dreieck,  nasses,  die  Deutsche  Bucht  in  der  Nordsee.

Dreiverband  (Triple-Entente),  Bezeichnung
für  die  Mächtegruppe  England-Frankreich-Rußland.

Dreizehn  Gemeinden,  s.  Sette  Comuni-„Dresden,

  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  3650  t,
s.  Juan  Fernandez.

Drina,  rechter  Nebenfl.  der  Save,  auf  der  Grenze
zwischen  Bosnien  und  Serbien.  Die  5.  österr.-ungar.

rmee  (Frank)  überschritt  12.—15.  Aug.  1914  die  D.,
mußte  jedoch  20.  Aug.  vor  überlegenen  serb.  Kräften
wieder  zurückgehen  u.  versuchte  8.  u.  9.  Sept.  vergebens
einen  neuerlichen  übergang;  lelcheitig  überschritt  die
6.  Armee  (Potiorek)  den  Saß.  eiteres  Vordringen
gegen  Krupanj  wurde  durch  die  Armee  des  serb.  Kronprinzen
  14.—25.  Sept.  (Schlacht  an  der  D.  oder
Schlacht  bei  Krupanj)  vereitelt.  Die  Armee  Köveß
überschritt  die  D.  am  6.  Okt.  1915.

Drohobycz,  Bezirksstadt  in  Galisien  an  der  Bahn
Chyröw-Stryj.  Der  Durchbruch  bei  D.,  das  Okt.  1914
bis  Mitte  Mai  1915  in  russ.  Hand  war,  führte  am
26.  Mai  1915  zum  Rückzug  der  Russen;  vgl.  S.  57.
        <pb n="251" />
        Dryswiatysee

Dryswiatysee,  kleiner  See  südl.  von  Dünaburg,
war  bes.  in  der  russ.  Märzoffensive  1916  heftig  umkämpft.
  Vgl.  Bd.  II,  S.  201.

Dschemal  Pascha,  Achmed,  türk.  General  und
Staatsmann,  geb.  1873  in  Konstantinopel,  Offizier,
Mai  1909  Gouverneur  von  Skutari,  Aug.  Wali  von
Adana,  1911  Generalgouverneur  von  Bagdad,  im
Balkankrieg  1912  Divisionskomm,,  dann  Militärgouv.
(Muhafiz)  von  Konstantinopel,  1913  Min.  der  öff.
Arb.,  1914  Marineminister,  1915  Oberbefehlshaber
der  4.  Armee  und  Statthalter  von  Syrien,  erfocht  die
beiden  Siege  bei  Gaza  (27.  März  und  18.  April  1917),
13.  Juli  1919  in  contumaciam  zum  Tode  verurteilt.
—  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  62.

Dschihãd  (arab.,-Kampf=  Heiliger  Krieg),  der
Glaubenskrieg  der  Mohammedaner  gegen  Andersgläudige
  Der  D.  als  Angriffskrieg  ist  religiöse  Pflicht,

ie  die  Ausbreitung  des  Islams  zum  Zweck  hat,  im
Weltkriege  war  er  Verteidigungskrieg  gegen  die  Engländer
  u.  Franfosen.  als  die  Feinde  des  Islams.  Unerlaubt
  ist  der  D.  gegen  ein  Land,  mit  dessen  Herrscher
der  Fürst  der  Moslems  (Sultan  der  Türkei)  Freundschaftsverträge
  geschlossen  hat.  Der  D.  wurde  durch
Fetwa  des  Scheich  ül.Islam  1.  Nov.  1914  verkündet.
Vgl.  Bd.  II,  S.  71ff.

.  n.,  militär.  Abk.  für  dauernd  untauglich.

Duala,  Hauptort  von  Kamerun,  wurde  27.  Sept.
1914  von  französisch-engl.  Truppen  besetzt.

Dubail,  Augustin  Dvon  Edmond,  frz.  General,
  geb.  15.  April  1851  in  Belfort,  1901  Oberst,  dann
Direktorder  Ecolede  Saint-Cyr,1908  Divisionskomm.,
später  Chef  des  Generalstabes  der  Armee  u.  Führer  des
9.  Armeekorps,  wurde  1913  in  den  obersten  Kriegsrat
  berufen.  Bei  Kriegsausbruch  führte  D.  die  1.
Armee,  1915  die  Heeresgruppe  in  den  Vogesen  und
war  März1916  bis  Mai  1918  Gouverneur  von  Paris.

Dubno,  russ.  Kreisstadt  in  Wolhynien,  am  linken
Ufer  der  Ikwa,  Nebenfluß  des  Styr,  mit  zwei  kleinen
Forts,  schwächster  Platz  des  wolhyn.  Festungsdreiecks,
war  8.  Sept.  1915  bis  14.  Juni  1916  von  österr.  ungar.
Truppen  besetzt  und  wurde  22.  Febr.  1918  von  den
Deutschen  genommen.

Dubois,  Pierre  Joseph,  franz  General,  geb.
12.  Mai  1842  in  Hermonville  (Dep.  Marne),  1895  Direktor
  des  Geniewesens,  1900  milit.  Generalsekretär
der  Presidence  de  la  République,  1906  Platzkommandant
  von  Paris,  1909  Divisionsgeneral,  führte  in
der  Marneschlacht  Sept.  1914  das  9.  Korps  und  seit
März  1915  die  6.  Armee.

Duchonin,  rufs.  General,  war  Sept.  bis  Nov.  1917
Oberbesfehlshaber,  wurde  abgesetzt  und  kurz  darauf
von  Bolschewisten  ermordet.

Duff,  Sir  Beauchamp,  brit.  General,  seit  1916
Oberbefehlshaber  in  Indien  u.  Mesopotamien,  wurde
nach  der  Niederlage  bei  Kiesiphon  abgesetzt.

Duklapaß,  wichtiger  Paß  über  die  Westkarpathen,
im  galiz.  Bezirk  Krofno,  von  den  Russen  nach  Eroberung
  stark  verteidigt,  wurde  Mitte  Dez.  1914  von
Boroevic  mit  deutscher  Hilfe  zurückgewonnen.  Die
russ.  Vorstöße  Jan.  und  Febr.  1915  gegen  den  D.
blieben  erfolglos.  Ein  Gewaltstoß  nach  dem  Fall  von
Przemysl  Ende  März  brachte  die  Russen  nochmals
in  den  Besitz  des  Passes,  doch  verloren  sie  ihn  wieder
durch  die  deutsch-österr.  Maioffensive  1915.

Duleigno,  Hafenstadt  in  Montenegro,  wurde  am
22.  Jan.  1916  von  der  Armee  Koevess  besetzt.

Duma,  die  1905  geschaffene  russ.  Volksvertretung.
Vgl.  Rußland,  S.  326  ff.

223

Dumba,  Konstantin,  österr.-ungar.  Staatsmann,
  1913—15  Botschafter  in  Washington,  wurde
Dez.  1915  abberufen,  weil  er  österreichisch-  ungarische
Staalsangehörige  von  der  landesverräterischen  Arbeit
  in  den  amerikanischen  Munitionsfabriken  fernzuhalten
  suchte.

Dumdumgeschofsfe,  Stahl=  oder  Nickelmanteleschosse,

  deren  harte  Mantelschicht  an  der  Spitze  entsam
  ist,  so  daß  der  Bleikern  bloßliegt.  Solche  Gewehrgeschosse
  verändern  beim  Auftreffen  ihre  Gestalt,
der  Mantel  reißt  und  dringt  mit  seinen  zackigen  Kan
ten  in  die  Weichteile  ein  (vgl.  Bd.  II,  S.  306,  Fig.
4—17).  —  Gegen  die  völkerrechtswidrige  Verwendung
  von  D.n  (vgl.  Bd.  I.  S.  365,  Punkt  5)  protestierte
  Kaiser  Wilhelm  II.  Ende  1914  vergeblich  beim
amerikan.  Präsidenten  Wilson.

Dumping  (von  engl.  dump,  jstürzen-),  das  Stürzen
  (Unterbieten)  der  Preise  durch  Trusts  usw.  als
Kampf  gegen  die  Konkurrenz,  wird  der  deutschen
Schwerindustrie  als  Grund  zu  dem  ausländ.  Hast
gegen  Deutschland,  z.  T.  mit  Recht,  vorgeworfen.

Düna,  russ.  Fluß,  mündet  bei  Riga.  Die  deutschen
Unternehmungen  gegen  die  Dünafront  im  Sommer
1915  schritten  infolge  großer  Geländeschwierigkeiten
nur  langsam  fort  und  führten  Ende  Sept.  zum  Stellungskrieg.
  Erst  im  Sept.  1917  wurde  die  russ.  D.
front  von  den  Deutschen  genommen.  Vgl.  S.  64,  85.

Dünaburg  (russ.  Dwinsk),  Kreisstadt  und
Festung  im  russ.  Gouv.  Witebsk,  an  der  Düna,  wurde
18.  Fedr.  1918  von  den  Deutschen,  im  Sept.  1919
von  den  Letten  genommen.

Dunoajee,  rechter  Nebenfluß  der  Weichsel  in  Galisen,
  von  der  Tatra,  mündet  bei  Opatowiec.  Vor  der

bermacht  der  Russen  zogen  sich  die  Osterr.  Nov.  1914
auf  das  Westufer  des  D.  zurück  und  stützten  sich  auf
Krakau.  Die  Russen  gingen  Dez.  über  den  D.  Die
deutsch=  österr.  Offensive  Mai  1915  brachte  die  Räumung
  der  russ.  D.-Front  bis  zur  Mündung.  Vgl.
Bd.  1.  S.  208ff.

Dünamülnde,  russ.  Festung  am  Rigaischen  Meerbusen,
  wurde  4.  Sept.  1917  von  den  Deutschen  erobert.
  Vgl.  S.  95.  [Bewegung,  s.  Rotes  Kreuz.

Dunant,  Henry,  Begründer  der  Roten-Kreuz-Dünkirchen

  (franz.  Dunkerque),  Hafenstadt  und
Festung  an  der  Nordsee.  Die  englischen  Etappenanlagen
  wurden  bes.  10.  und  28.  Jan.  1915  ausiebig

  mit  Bomben  belegt,  D.  selbst  29.  April  1915
chwer  beschossen.  Dann  erfolgten  öfters  Artillerieund
  Luftschiffangriffe  der  Deutschen  auf  D.

Durazzo,  Haupt=  und  Hafenstadt  Albaniens,  am
Adriat.  Meer,  war  7.  März  bis  3.  Scht.  1914  Sitz
der  Regierung  des  Fürsten  von  Wied.  D.  wurde  Anfang
  Juni  1915  von  den  Italienern  besetzt,  27.  Febr.
1916  von  den  Österreichern  erobert.  Am  2.  Okt.  1918
suchte  ein  ital.  Geschwader  vergeblich  die  Stadt  zu  be
zwingen,  doch  rückten  ital.  Landtruppen  14.  Okt.  1913
in  das  von  Pflanzer-Baltin  geräumte  D.  ein.

Durchzugsrecht  (Etappenrecht,  Heerstraßenrecht),
  Recht  eines  Staates,  durch  fremdes  Gebiet
Truppen  marschieren  zu  lassen.  Ein  erzwungener
Durchmarsch  ist  Kriegsfall  (casus  belli).  Das  D.
wurde  von  Deutschland  1914  in  Luxemburg  und
Belgien  in  Anspruch  genommen,  von  letzterem  aber
verwehrt.  Vgl.  Bd.  1I.  S.  140.  »

Dutasta,  franz.  Diplomat,  1919  Generalselretär
der  Friedenskonferenz  zu  Versailles.

Dwinfk,  russ.  Name  für  Dünaburg.

Dynamit,  f.  -Schieß=  u.  Sprengstoffe-,

—  Dynamit

S.  173.
        <pb n="252" />
        224

Eberhardt  —  Eiserner  Hindenburg

E

Eberhardt,  Magnus  von,  deutscher  General,
geb.  6.  Dez.  1855  in  Berlin,  1911  Generalleutnant
und  Gouv.  von  Straßburg,  Nov.  1918  Führer  der
1.  Armee,  1919  mit  dem  -  Ostpreußens  betraut.

Ebermaier,  Karl,  geb.  1865  in  Elberfeld,  leitete
nach  mehrjähr.  Tätigkeit  in  Deutsch-Ostafrika  und
Kamerun  die  Finanzabteilung  des  Reichskolonialamts
  und  war  1912—14  Gouverneur  von  Kamerun,
1914—16  Kriegsgefangener,  seitdem  in  Madrid.

Ebert,  Friedrich,  geb.  4.  Febr.  1871  in  Heidelberg,
  nach  Besuch  der  Volksschule  Sattler,  wurde  1893
Redakteur  der  Bremer  Boltäteitung.  1900  Arbeitersekretär
  in  Bremen  und  Mitglied  des  Bürgeramtes,
kam  1905  in  den  Vorstand  der  sozialdem.  Partei,
war  auch  Vors.  der  Zentralstelle  für  die  Arbeiterjugend
Deutschlands  und  kam  1912  in  den  Reichstag.  Seit
1913  Vors.  der  Partei,  bemühte  sich  E.  besonders  um
die  Aufrechterhaltung  der  internat.  Parteibeziehungen,
verhandelte  d5  1916  als  Führer  der  sozialdemokrat.
Reichstagsfraktion  mit  den  Führern  der  holl.  Syzial.
demokratie,  nahm  Sommer  1917  am  Stockholmer
Friedenskongreß  teil  u.  trat  Nov.  für  Verständigung
mit  Rußland  ein.  Am  9.  Nov.  1918  übernahm  E.  vom
Prinzen  Maxvon  Baden  das  Reichskanzleramt,  wurde
10.  Nov.  Vors.  des  Rates  der  Volksbeauftragten  und
12.  Febr.  1919  von  der  Nationalvers.  zum  provisorischen
  Reichspräs.  gewählt.  —  Bild  s.  bei  S.  214.

Echtrussische  Leute,  Bereinigung  deutsch=  und
judenfeindlicher  russ.  Chauvinisten.

Eckardstein,  Hermann,  Frhr.  von,  deutscher
Diplomat,  leitete  1899—1901  die  deutsch-englischen
Bündnisverhandlungen,  die  er  in  seinen  Lebenserinnerungen
  u.  politischen  Denkwürdigkeiten  (2  Rde.,
Le-  1919—20)  enthüllte.

„Eeonomiste,  engl.  Wochenschrift  (Herausg.  F.
Hirst),  bewahrte  auch  im  Kriege  Deutschland  gegenüber
  einen  sachlichen  Ton  unter  Hervorhebung  der
wirtschaftlichen  vor  den  militär.  Interessen.

Ecnabdor.  E.  brach  unter  dem  Druck  der  Vereinigten
  Staaten  am  8.  Dez.  1917  die  Beziehungen
zum  Deutschen  Reiche  ohne  Angabe  des  Grundes  ab,
bbnwost  die  Mehrheit  der  Bevölkerung  nicht  ententefreundlich
  gesinnt  war.  Der  gegen  den  Präsidenten
Moreno  25.  Juli  1917  in  der  Plooinz  Manatbi  ausgebrochene
  Aufstand  wurde  20.  Nov.  durch  Festnahme

r  Führer  beendet.  1919  beschlossen  E.  und  Peru,
ihre  Differen  zen  dem  Völkerbunde  zu  unterbreiten.

Edelweißkorps,  Febr.  1917  dem  20.  österr.=ungar.
  Korps  (seitdem:  14.)  verliehener  Ehrenname.

li,  Karl,  Oberst  im  Schweizer  Generalstab,
1916  mit  Oberst  Wattenwyl  wegen  Gefährdung  der
Neutralität  z.  D.  Festellt  (Oberstenaffäre),  verfaßte:
„  Jahre  Weltkrieg=  (Zürich  1917,  2.  Aufl.  1918);
„  Das  dritte  Jahr  Weltkrieg=  (das.  1918);  Berichte
aus  dem  Felde:  1.  Von  der  Isonzofront,  2.  Aus
Ostgalizien  u.  der  Bukowinae  (das.  1917);  Der  Aufmarsch
  und  die  Bewegungen  der  Heere  Frankreichs,
Belgiens  und  Engtan  3  auf  dem  westl.  #ieplha.
plat#s  zum  23.  Aug.  1914,  krit.  Studie  (Berl.  1918).

renhaine,  allen,  s.  Heldenehrung.  8  t

Ehrenkrenze,  zeichen,  s.  Kriegsorden,  Bd.  L  S.

Ehrentäfel,  während  des  Krieges  von  den  Kriegsministerien
  in  der  Presse  veröffentlichte  Darstellungen
besonders  lobenswerter  soldatischer  Leistungen.

Eichenried,  Grenzdorf  in  Posen.  Durch  den  Angriff
  auf  die  Eisenbahnbrücke  über  die  Warthe  bei  E.
n  der  Nacht  vom  1.  zum  2.  Aug.  1914  eröffneten  die
Russen  den  Krieg  gegen  Deutschland.
chborn.  Hermannvon,  preuß.  General,  geb.
13.  Febr.  1848  in  Breslau,  machte  die  Feldzüge  von
1866  und  1870/71  mit,  wurde  1894  Oberst,  1897
Generalstabschef  des  6.  Korps  in  Breslau  und  Generalmajor,
  1901  Divisions-,  1904  Korpskommandeur,
1905  General  der  Inf.,  1918  Generaloberst  u.  Generalinspekteur
  der  7.  Armeeinsp.  in  Saarbrücken.  Bei
Kriegsausbruch  1914  infolge  eines  Unfalles  felddienstunfähig,
  nahm  E.  Jan.  1915  an  der  Schlacht  bei
Soissons  teil  und  erhielt  26.  Jan.  das  Kommando  über
die  10.  Armee,  mit  der  er  unter  Hindenburg  an  der
Winterschlacht  in  Masuren=  (Febr.  1915)  teilnahm.
Er  eroberte  Kowno  am  17./18.  Aug.  und  setzte  nach
Einnahme  der  Festungen  Grodno  und  Olita  den  Vormarsch
  gegen  Osten  fort.  1916—18  führte  E.  außerdem
  die  Heeresgruppe  E.  in  Kurland.  Dez.  1917  zum
Generalfeldmarschall  ernannt,  ging  E.  April  1918  als
Oberbefehlshaber  der  deutschen  Truppen  nach  der
Ukraine,  wo  er  in  Kiew  30.  Juli  1918  einem  Attentat
zum  Opfer  fiel.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  194.
Eiffelturm,  300  m  hoher  eiserner  Turm  in  Paris.
Auf  ihm  befindet  sich  die  bedeutendste  Großstation
(s.  d.)  Frankreichs  für  drahtlose  Telegraphie,  (156  ff.
Eindecker,  s.  Flugzeug  sowie  -Der  Luftkrieg,  S.
Einem,  Karl  von,  genannt  von  Rothmaler,
preuß.  General,  geb.  1.  Jan.  1858  in  Hebberg  (Harz),
seit  1870  im  Heere,  1897  Oberst,  1898  Abteilungschef
im  Kriegsministerium,  1900  Direktor  des  Allg.  Kriegsdep.
  und  Generalmajor,  organisator.  Leiter  der  Chinaexpedition,
  übernahm  1903  als  Generalleutnant  die
Leitung  des  preuß.  Kriegsmin.  (bis  1909),  wurde  1907
General  der  Kavallerie,  erhielt  1909  das  7.  Armeekorps,
  das  er  im  Verbande  der  Armee  Kluck  siegreich
durch  Belgien  führte,  und  wurde  Sept.  1914  Oberbefehlshaber
  der  3.  Armee.  In  der  Winterschlacht  in
der  Champagnee,  Febr.  1915,  hielt  er  sich  gegen  sechsfache
  übermacht  und  wies  1917  u.  1918  alle  franz.
Durchbruchsversuche  ab.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  195.
Einheit,  taktische,  1)  Truppenkörper,  der  taktische
  Gefechtsaufgaben  noch  selbständig  löst  (Kompagnie,
  Batterie,  Schwadron),  sowie  die  Zusammensasung
  mehrerer  Waffengaltungen  zu  einer  gemeinamen
  Handlung:;  2)  Kriegsschiff,  wenn  es  zusammen
mit  andern  (Geszwader,  Plottlla  tätig  ist.
Einheitsgeschoß,,  Vereinigung  von  Sprenggranate
  und  Schrapnell,  mit  Doppelzünder.
Einheitshose,  bei  der  Bekleidungsreform  1915
im  deutschen  Heere  eingeführte  mausgraue  Hose  für
alle  afengattunu.  Festun  II,  G.  20.
uheitswerk,  s.  en  und  Festungskrieg.
Einkreifung,  J  für  die  Pockii
Eduards  VII.  von  England  und  seiner  Helfer  gegenüber
  Deutschland;  vgl.  Bd.  I.  S.  17  u.  128.
Eisenbahnen,  s.  Bd.  II,  S.  294  ff.  sowie  „Das
W  —  Bd.  *  S.  263  u.  266.—  Vgl.  Milirzug.
  Panzerzug,  Lazarettzug.
isengel  9  *  (Ration.
Eiserue  Portion  oder  Nation,  s.  Portion  bzw.
Eiserner  Halbmond,  (.  Bd.  L,  S.  359.
Eiserner  Hindenburg,  s.  Kriegswahrzeichen.
        <pb n="253" />
        Eisernes  Kreuz

Eisernes  Krenz,  urspr.  preuß.  Orden  für  Kriegsverdienst,
  gestiftet  1813  von  Friedrich  Wilhelm  III.,
abgeändert  1838,  erneuert  1870  (1895  vermehrt  durch
drei  Eichblättera  mit  der  Zahl  25  von  Silber)  und
3.  Aug.  1914  für  ganz  Deutschland,  besteht  aus  zwei
Klassen  und  einem  Großkreuz.  Vgl.  Bd.  I,  S.  356
und  Tafel,  Fig.  1.  Die  erste  Klasse  kann  nur  nach
Erwerbung  der  zweiten  verliehen  werden  und  wird
neben  dieser  getragen.  Die  Verleihung  des  Großkreuzes
  (für  eine  gewonnene  entscheidende  Schlacht,
selbständige  von  Erfolg  gekrönte  Führung  einer  Armee
oder  Flotte,  Eroberung  einer  großen  Festung  usw.)  ist
nicht  durch  vorherige  Erwerbung  der  ersten  oder  zweiten
  Klasse  bedingt.  Seit  März  1915  wurde  auch  die
Berleihung  an  Kämpfer  der  verbündeten  Mächte  und
für  Nichtkombattanten  das  weiß  schwarze  Band  in
bes.  Fällen  vorgesehen.  Inhaber  des  E.  K.  von  1870,
die  es  1914—15  wieder  verliehen  bekamen,  erhielten
eine  schwarz=  weiße  Schnalle.  Verliehen  wurden  im
Weltkriege  mehrere  Hunderttausend  Eiserne  Kreuze.
Das  Großkreuz  des  E.  K.  erhielten  Hindenburg,
„Prinz  Leopold  von  Bayern.  Mackensen  und  Ludendorff;
  auch  Kaiser  Wilhelm  II.  legte  es  auf  Veranlas-#ang
  Hindenburgs  an.  Die  höchste  Auszeichnung  des
E.K.,  das  E.  K.  mit  goldenen  Strahlen  (das  als
einziger  vorher  Fürst  Blücher  (daher  Blülcherstern  genannt]
  nach  der  Schlacht  bei  Belle-Alliance  erhielt)
wurde  nur  Hindenburg  (24.  März  1918)  verliehen.

Eisernes  Tor  (türk.  Demirkapuy),  Durchbruchsstelle
  der  Donau  durch  das  Banater  Gebirge.  Die
englte  Stelle,  das  eigentliche  Eiserne  Tor,  wird  oberhalb
  von  Kladovo  durch  die  Felsbank  Prigrada  gebildet.
  —  Der  äußerste  linke  Flügel  der  Armee  Gallwitz
  erzwang  am  23.  und  24.Okt.  1915  den  Übergang
unterhalb  von  Orsova.

Eisner,  Kurt,  sozialist.  Schriftsteller,  geb.  14.  Mai
1867  in  Berlin,  Journalist  ((Frankf.  Zig.«;  »Hess.
Landesztg.  J.  national-sozial  tätig,  wegen  eines  polit.
Artikels  zu  9  Mon.  Gefängnis  verurteilt,  1898—1905
im  -Vorwärts-,  dann  in  Nürnberg  und  München
(Münchener  Poste),  wirkte  bei  Ausbruch  des  Krieges
für  die  Unterstützung  der  Regierung,  griff  aber  seit
Herbst  1914  die  Haltung  der  sozialdemokr.  Parlei  an
und  war  seit  dem  Gothaer  Parteitag  unabhängiger
Sozialist.  In  München  führend,  wurde  er  Jan.  1918
wegen  Aufreizung  der  Arbeiter  der  Rüstungsbetriebe
zum  Streik  des  Landesverrats  angeklagt,  aber  als
Wahlkandidat  für  den  Reichstag  aus  der  Haft  entlassen
und  kam  an  die  Spitze  der  Revolutionsbewegung,
die  8.  Nov.  1918  Königtum  und  Regierung  stürzte.
Als  bayr.  Mini  terprästdent  immer  radikaler  werdend
(vgl.  Bayern),  fiel  E.  einem  Attentat  22.  Febr.  1919
zum  Opfer.—E.  schrieb:  „Peychopathia  spiritualis=(Leipz.
  1892);  „Eine  Junkerrevolte=  (Berl.  1899);
*  Wilhelm  Liebknecht  (das.  1900);  Feste  der  Festlosene
(Dresd.  1905);  -Die  neue  Zeite  (Münch.  1919)  u.  a.

Eitel  Friedrich,  Prinz  von  Preußen,  zweiter
  Sohn  Kaiser  Wilhelms  II.,  geb.  7.  Juli  1883  in
Potsdam,  1911  Statthalter  der  Provinz  Pommern,
1912  Bataillonskommandeur,  nahm  als  Komm.  der
1.  Gardedivision  am  Kriege  teil  und  wurde  1918  zum
vermögensrechtlichen  Sachwalter  des  Kalsers  ernannt.

Eiweiß,  s.  Bd.  I.  S.  299.

El  Arisch,  Stadt  in  Agypten,  §.  Arisch.

Elbasau,  Stadt  in  Albanien,  südöstl.  von  Tirana,
wurde  10.  Juni  1915  von  serb.  Truppen,  12.  Febr.
1916  von  der  bulgar.  Armee  Bojadschijeff  besetzt,  8.
Okt.  1918  von  franz.-serb.  Abteilungen  genommen.

Der  Krieg  1914/19.  11..

Elsaß--Lothringen  225

„Elbinge,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  ging  vor
dem  Skagerrak  verloren  (vgl.  Bd.  II,  S.  253).

Elferspitze  (Cima  Undich),  Grenzgipfelzwischen
Selte  Comuni  und  Sellatal  in  Südtirol,  2228  m,
25.  Mai  1916  von  den  Osterreichern  genommen.

Elsa,  Karl  Ludwig  d',  sächs.  General,  geb.
1.  Sept.  1849  in  Dresden,  1896  Oberst,  1904  Generalleutnant
  und  Generaladjutant  des  Königs,  1908
General  der  Infanterie  und  1910  kommandierender
General  des  12.  Armeekorps.  1917  wurde  E.  Generaloberst
  und  führte  15.  April  1916  bis  Januar
1917  die  Armeeabteilung  A  im  Elsaß.  —  Bild  f.
Bd.  II  bei  S.  195.

Elsaß-Lothringen.  Über  die  polit.,  kulturgesch.
und  wirtsch.  Verhältnisse  von  E.  s.  Bd.  II,  S.  16  ff.—
In  E.  zitterte  die  Erregung  über  den  Fall  Zabern  noch
nach,  als  der  Krieg  das  Land  auf  die  Probe  seiner
Reichstreue  stellte.  Im  ganzen  hat  es  diese  Probe  bestanden,
  Einzelfällc,  wie  die  Desertion  des  Zentrumsabgeordneten
  Wetterlé,  können  nicht  zur  Beurteilung
des  ganzen  Volkes  herangezogen  werden;  dieses  war
der  deutschen  Sache  treu.  wofür  sich  die  Franzosen  in
den  von  ihnen  besetzten  Teilen  mit  Verschleppung  und
Drangsalierung  zahlreicher  Geiseln  rächten,  die  z.  T.
erst  1918  zurückkehren  konnten.  Eine  Verordnung
vom  4.  Febr.  1916  schloß  alle  Elsässer,  die  seit  30.
April  1914  ihren  Wohnsitz  verlassen  und  schuldhaft
nicht  zurückgekehrt  sind,  von  der  Staatsangehörigkeit
aus,  infolgedessen  wurden  bis  30.  Nov.  1916:  3736
ausgebürgert,  und  am  2.  Okt.  1915  wurden  250  Gemeinden
  ihre  deutschen  Namen  wiedergegeben.  Von

roßer  Bedeutung  für  E.  war  die  Liquidation  franz.

igentums  im  April  1917,  da  allein  in  Metz  z.  B.
600  Häuser,  in  Straßburg  150  Häuser,  im  Lande  etwa
53000  ha  franz.  Esgentum  waren.  Die  im  Juli  1918
mit  7,5  Mill.  Mk.  Kapital  gegr.  Gesellschaft  =  Westmark
  sollte  auf  den  liquidierten  Gütern  jiverlässige
Deutsche  ansiedeln  —  es  kam  nicht  mehr  dazu.  Der
Umschwung  an  der  Westfront  belebte  plötzlich  die  frz.
Neigungen  neu.  Vergebens  suchte  der  noch  im  Okt.
gege  „Elsässer  Bund«  die  Reichslande  dem  Deutschen

keiche  zu  erhalten.  Vergebens  auch  wurde  nun  der
Plan  vollständiger  Autonomie  der  Reichslande  gefaßt;
  Statthalter  v.  Dallwitz  trat  deshalb  zurück  und
wurde  durch  den  Straßburger  Bürgermeister  Schwander
  am  22.  Okt.  ersetzt;  Staatssekretär  wurde  der
reichsländische  Zentrumsabgeordnete  Hauß.  Am  25.
Okt.  genehmigte  der  Reichstag  die  Anderungen  der
Verfassung  der  Reichslande,  aber  der  Landtag  verkündete
  jetzt  das  unvergängliche  Recht  der  Rückkehr
zu  Frankreich.

Durch  den  Waffenstillstandsvertrag  vom  11.  Nov.
1918  wurden  die  Franzosen  sofort  Herren  des  Landes;
am  19.  Nov.  zog  Marschall  Petain  in  Metz  ein,  Poincar
  am  10.  Dez.  in  Straßburg.  Die  Altdeutschen,
besonders  die  Straßburger  Professoren,  wurden  unter

urücklassung  ihrer  Habe  rücksichtslos  und  unterchiedslos
  des  Landes  verwiesen.  Durch  den  Friedensvertrag
  zu  Versailles  fiel  E.  ohne  Abstimmung  an
Frankreich.  Auf  Frankreichs  Vorschlag  ernannte  der
Papst  am  28.  April  1919  an  Stelle  von  Bischof  Fritzen
(gest.  1919)  den  Armeebischof  Nuch  zum  Bischof  von
Straßburg  und  -den  Metzer  Generalvikar  Pelf  zum
Bischof  von  Metz.  E.  wurde  am  1.  Febr.  1919  in  das
franz.  Zollgebiet  einbezogen  und  mit  Frankreich  vereinigt.
  Millerand  war  1919—20  Generalgouverneur
  von  E.
Die  Lit.  in  Bd.  II,  S.  21  wäre  u.  a.  zu  ergänzen

15
        <pb n="254" />
        226

durch:  Lienhard,  Das  deutsche  Elsaß  (Stuttg.
1914);  Unser  Recht  auf  E.«,  Sammelwerk  (herausg.
von  K.  Strupp,  Münch.  1918);  Ruland,  E.  und  die
internationale  Lage  (Freib.  i.  Br.  1918).

"Emden,  deutscher  Kleiner  Kreuzer  (erbaut  1908;
3600  t),  der  unter  Fregattenkapitän  Karl  v.  Müller
der  engl.  u.  japan.  Handelsschiffahrt  durch  Versenken
von  Handelsdampfern  (34  engl.,  10  franz.,  7  japan.)
erheblichen  Schaden  zufügte.  Vgl.  Bd.  I.  S.  270f.

Emmich,  Otto  von,  preuß.  General,  geb.  4.  Aug.
1848  zu  Minden  i.  W.,  gest.  22.  Dez.  1915  in  Hannover,
  1894  Kommandeur  des  Jägerbataillons  11,
1897  Oberst,  1905  Generalleutnant,  1909  kommand.
General  des  10.  Armeekorps  in  Hannover,  1912  in
den  erblichen  Adelsstand  erhoben,  erstürmte  7.  Aug.
1914  die  belg.  Festung  Lüttich  und  war  Korpsführer
in  der  Karpathenschlacht.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  180.

Emnpire,  das  engl.  Weltreich  im  Gegensatz  *
„Country-,  dem  Mutterland  Großbritannien.  Vgl.
Bd.  I.  S.  102ff.

Ems.  In  E.  fand  1.—2.  Dez.  1918  ein  Vertretertag
  der  Frontsoldaten  statt,  der  2  für  die  Regierung
Ebert-Haase  erklärte.

England,  s.  Großbritannien.

Englische  Zeitungen,  s.  Bd.  II.  S.  830  f.  sowie
Northelisse  und  Pearson.

Enteignung,  insbes.  von  Lebensmitteln  zur  Abwehr
  wirtschaftlicher  Schädigungen  der  Zivilbevölkerung;
  vgl.  Bd.  1.  S.  425.

Ge  (franz.),  Einverständnis;  im  Kriege  zunächst
  Bezeichnung  für  den  Dreiverband  England-Frankreich-Rußland,
  später  nach  dessen  Erweiterung
durch  Italien  und  die  Verein.  Staaten  überhaupt  für
die  den  Mittelmächten  feindliche  Mächtegruppe.  Als
Entente  cordiale  (Herzliches  Einvernehmen  )  wurde
(nach  dem  Vorgang  Ludwig  Philipps  1843)  bereits
das  durch  das  engl.-franz.  Kolonialabkommen  vom
8.  April  1904  eingeleitete  Bündnis  zwischen  England
und  Frankreich  bezeichnet,  dem  Rußland  am  31.  Aug.
1907  durch  Bereinigung  der  Differenzen  mit  England
  in  Persien  beitrat.  Vgl.  Bd.  I,  S.  128  ff.  sowie
Paul  Rohrbach  u.  J.  Kühn,  Die  Brandstifter  der
E.  (Berl.  1918).

Entfernungsmesser,  Vorrichtung  zur  Bestimmung
  der  Entfernung  ohne  mechanische  Ausmessung.
Das  Prinzip  der  E.  ist  das  der  Dreieckmessung  aus
einer  Seite  und  den  anliegenden  Winkeln,  wobei  die
Seite  (Basis)  in  dem  E.  selbst  liegt  und  das  Dreieck
gieichschentlig  gemacht  wird,  so  daß  nur  ein  Winkel  zu
bestimmen  bleibt;  die  Teilung  gibt  unmittelbar  die
Entfernung  an.  Da  die  E.  um  so  genauer  wirken,
je  länger  die  Basis  ist,  so  vergrößert  man  diese  künstlich
  durch  Spreizen  der  beiden  Schenkel  des  E.8;  letterer
  wird  nach  dieser  Anordnung  dem  Scherenfernrohr
  (s.  d.)  gleich,  ist  also  für  die  Beobachtung  mit
zwei  Augen  bestimmt  (stereoskopische  E.).  Das
Prinzip  der  monokularen  E.  beruht  darauf,  daß
man  entweder  zwei  übereinanderliegende  Bilder  zur
Deckung  oder  zwei  nebeneinander  erscheinende  Bilder
auf  den  gleichen  Abstand  von  einer  Mittellinie  bringt.
Manhat  dazuein  Prisma  durch  Schraubendrehung  zu
verschieben,  und  die  Größe  der  Verschiebung  gibt  ein
Maß  der  Entfernung.

Entlaunsung,  s.  Läuse  sowie  Bd.  I,  S.  307.

Enwer  HPases  türk.  General,  geb.  1882  in  Konstantinopel,
  schloß  sich  als  einer  der  ersten  türk.  Offiziere
  der  revolut.  Bewegung  an  und  spielte  in  dem
Komitee  zu  Saloniki  1908  eine  Hauptrolle.  1909

Emden  —  Ersatzstosse

türk.  Militärattacht  in  Berlin,  nahm  E.  im  selben
Jahre  an  der  Niederwerfung  der  Gegenrevolution  zu
Konstanlinopel  teil  und  organisierte  im  Tripolitan.
Krieg  1911  den  Volkskrieg  gegen  die  Italiener,  war
im  Balkankrieg  Generalstabschef  des  10.  Armeekorps
(Gallipoli)  u.  Führer  bei  dem  jungtürkischen  Putsch
23.  Jan.  1913,  der  die  Fortsetzung  des  Krieges  erzwang.
  E.  nahm  22.  Juli  1913  Kirkkilisse  und  Adrianopel.
  Okt.  1914  wurde  er  Kriegsminister  und  Chei
des  Generalstabs  und  leitete  die  Winteroffensive  int
Kaukasus,  wurde  Anfang  1915  Vizegeneralissimus.
Sept.  Divisionsgeneral.  Nach  dem  Zusammenbruch
floh  E.  ins  Ausland  und  wurde  von  der  neuen  tkürk.
Regierung  in  contumaciam  zum  Tode  verurteilt.  E.
organisierte  darauf  im  Innern  Kleinasiens  den  Volkskrieg.
  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  62.

*“  ges,  les,  s.  Bd.  I.  S.  205.

Epirus,  nordwestlichste  Landschaft  des  alten  Hellas.
Die  nördl.  Bezirke  Argyrokastro  und  Koritza  wurden
Ende  Okt.  1914  von  griech.  Truppen  besetzt  und  April
1916  durch  Griechenland  annektiert.

Erdtelegraphle,  aus  dem  Abhorchen  hervorgegangene
  Art  der  Nachrichtenvermittlung  ohne  Leitungsdraht;
  stait  dieses  wird  die  Erde  benutzt.  Wei.
teres  s.,  Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege“,  S.  164.

Erkenpungsmarke,  metallene  Markemit  Angale
v.  Truppenteil  u.  Stammrollennummer,  bei  Offizieren
(später  allgemein)  auch  des  vollen  Namens,  in  Kriege
von  allen  Militärpersonen  auf  der  Brust  getragen.

Erkundung,  Untersuchung  und  Erforschung  des
Kriegsgeländes,  der  Kriegslage  u.  Kriegsmaßnahmen
beim  Feinde;  vgl.=  Die  Gesechtstaktik  um  Landkricg-,
S.  147.  —  über  den  Erkundungsdienst  durch  Flugzerg
  s.  »Der  Luftkrieg«,  S.  156.

rnährung.  Bald  nach  Ausbruch  des  Krieges
machten  sich  Maßnahmen  notwendig,  die  E.  des  deutschen
  Volkes,  die  durch  die  veränderte  wirtschaftliche
Lage  und  besonders  durch  die  Blockade  (s.  d.)  bedroht
war,  nach  Mögleichkeit  sicherzustellen.  Darüber  s.  Bd.
I.  S.  385  f.,  402  u.  423ff.,  für  Österreich  Bd.  I,  S.
407.  Später  trat  dazu  die  vom  Kriegsernährungsamt
  durchgeführte  ersorgungetüiig  eit,  s.  Bd.  1I,
S.  352f.  sowie  Deutsches  Reich  0).

Ernst,  1)  Prinz  von  Sachsen-Meiningen.
geb.  23.  Sept.  1895  in  Hannover,  Sohn  des  bei  Namur
(23.  Aug.  1914)  gefallenen  Prinzen  Friedrich,  Dragonerleulnant,
  fiel  vor  Maubeuge  18.  Ang.  1914.—
2)  Prinz  zur  Lippe,  Sohn  des  Prinzen  Nudolf.
des  Oheims  des  Fürsten  Leopold  IV.,  geb.  20.  Jan.
1892,  fiel  als  Leutnant  bei  Villers  lez  Guise  bei  St.
Quentin  am  28.  Aug.  1914.

Ersatzfaserstoffe,  s.  den  Aufsatz  S.  2or.

Ersatzglieder  (Kunstglieder),  s.-Urztl.  Kriegs
beschädigtenfürsorge,  S.  176.

Ersatzmetalle,  s.  Sparmetalle

Ersatzstoffe.  Im  Kriege  zwang  die  Absperrung
der  Milkelmächte  vom  Weltmarkt  dazu,  wichtige  Stoffe
durch  andere  zu  ersetzen.  Kriegsers  agstof  fe  wur.
den  daher  aufmannigfachen  Gebieten  eingeführt.  Vgl.
Bd.  L,  S.  296  f.  über  die  wichtigen  Ersatzmetalle  f.
Sparmetalle,  über  -Ersatzfaserstoffe“  s.  Bd.  III,  S.
179.  Sehr  viele  E.  stellten  sich  als  minderwertig,
manche  sogar  als  schädlich  heraus,  insbes.  auf  dem
Gebiete  der  Ersatznahrun  gamitter  So  wurde  Eiersag
  hergestellt,  der  keine  Eiweißstoffe  enthielt,  sondern
  nur  aus  gefärbtem  Maismehl  bestand.  Butter.
Rrechungzm  tier  waren  gefärbte  Mehle  mit  Salz;

leischersatzpräparate  konnten  weder  nach  Her-
        <pb n="255" />
        Die  Staatsoberhäupter  der  Entente  ll.

Kaiser  voshihlltto.  HPräsldent  Wilson.
        <pb n="256" />
        Russische  Staatsmänner  und  Heerführer.

#

—  2  27  ..  Als-Stett  2  .  4  ——

Kerensit.  Brussilork.
        <pb n="257" />
        Ertüchtigung  —  Etsch

kunft  noch  Zusammensetzung  ihre  Bezeichnung  rechtfertigen;
  Salatölers  ;15  war  meist  nur  ein  gefärbter
Pflanzenschleim.  Auch  die  wirklichen  Nahrungsmittel
wurden  immer  schlechter:  der  Butter  und  Margarine
wurden  unzulässige  Mengen  von  Wasser  und  Salz
eingeknetet,  in  die  Würste  unverdauliche  Schlachtabgänge
  hineingearbeitet;  in  vielen  Speisen  wurdeder
nährsthfreiche  Funeer  durch  das  nur  fsüßende  Saccharin
ersetzt,  usw.  Die  Kohlrüben  =  Marmelade  wurde
allgemein  abgelehnt.  Auch  die  meisten  heimischen
Teepflanzen  konnten  sich  kaum  einführen.  Dasselbe
  gilt  von  den  Tabaker  satzmitteln,  insbes.
vom  Hopfen,  der  wegen  schädlicher  Nebenwirkungen
bald  wieder  aufgegeben  wurde,  aber  auch  vom  Buchenlaub
  usw.  Dagegen  haben  sich  gebrannte  Getreidekörner
  als  gasses  Ersatz  viel  mehr  eingeführt,  als
man  erwartete,  wenn  auch  das  belebende  Kaffee-Alkaloid
  Koffein  fehlt.  Sind  auch  viele  E.  minderwertige,
manche  geradezu  betrügerische  Erzeugnisse  gewesen,
so  bedeutet  doch  die  Ersatzmittelindustrie  als  Ganzes
eine  hohe  technische  Errungenschaft.
Ertüchtigung,  Verfahren,  um  Kriegsverletzte  und
Kriegskrüppel  durch  systematisch  geleitete  übungen
wieder  arbeits-  und  erwerbeschig.  zu  machen.  Vgl.
Kriegsbeschädigte  sowie  Arztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge,
  S.  175.  Die  E.  der  männlichen  Jugend
zur  rfähigkeit  wurde  im  Kriege  durch  gesetzliche
Maßnahmen  weitgehend  gefördert,  aber  durch  den
Friedensvertrag  zu  Versailles  verboten.  «
Erzberger,  Matthias,  deutscher  Politiler,  geb.
20.  Sept.  1875  in  Buttenhausen,  zwei  Jahre  Lehrer,
1896  Redakteur  des  -Deutschen  Volksblattes=  in
Stuttgart,  in  der  christlichen  Gewerkschaftsbewegung
tätig,  wurde  1903  in  den  Reichstag  gewählt  (Zentrum).
  E.  bekämpfte  administrative  Mißbräuche  in
den  Kolonien  und  veranlaßte  durch  die  Ablehnung
des  Nachtragsetats  für  Südwestafrika  1906  die  Auflösung
  des  Reichstags.  Im  Kriege  leitete  er  mit  Reichsmitteln
  ein  Propagandabureau  (erfolglos),  war  eifrig
für  eine  Versöhnungspolitik  tätig,  wurde  insbes.  durch
sein  6.  Juli  1917  ausgesprochenes  Verlangen  nach
Friedensverhandlungen  zum  Urheber  der  Friedensresolution
  des  Reichstages  vom  19.  Juli  und  verfaßte
1918  einen  Völkerbundsentwurf.  E.  wurde  3.  Okt.
1918  Staatssekretär  ohne  Portefeuille,  führte  die
deutsche  Weffenställsandskommission.  wurde  von  der
revolutionädren  Regierung  mit  Übernommen  und  erhielt
  am  21.  Juni  1919  das  stellv.  Ministerpräsidium
(bis  3.  Okt.)  und  das  Reichsfinanzministerium.  Er
brachte  im  August  1919  die  großen  Steuervorlagen
ein  und  wurde  von  konservativer  Seite  unter  Führun
  Helfferichs  aufs  schärfste  bekämpft.  Jan.  1920
wuce  E.  durch  Attentat  eines  Schülers  leicht  verletzt
und  trat  nach  Beendigung  des  Prozesses  gegen  Helfferich
  13.  März  1920  zurück.  —  Bild  s.  bei  S.  214.
Erzerum  (Erserum),  Hauptstadt  des  gleichnamigen
  türk.  Wilajets,  an  der  Karawanenstraße  Trapezunt-Täbris,
  spielte  bes.  in  den  türk.-russ.  Kämpfen
Anfang  und  Mitte  1916  eine  Rolle;  vgl.  S.  126f.
Erzinghian,  asiat.-ürk.  Stadt  in  Armenien,  am
ob.  Euphrat,  wurde  25.  Juli  1916  v.  den  Russen  besetzt.
Essad  Pascha,  alban.  Bandenführer,  führte  die
alban.  Abordnung,  die  21.  Febr.  1914  Prinz  Wilhelm
zu  Wied  die  Krone  Albaniens  anbot,  wurde  Mai  wegen
  hochverräter.  Umtriebe  gefangengenommen  und
außer  Landes  gebracht,  kehrte  aber  nach  Vertreibung
des  Fürsten  zurück  und  wurde  Okt.  1914  Präsident
der  Regierung  und  Oberbefehlshaber  (vgl.  Albanien).

227

Es  Salt,  Oase  im  Ostiordanland,  Bezirkshauptort
  in  der  türk.  Prov.  Syrien,  war  Mai  1918  einer
der  Hauptkampfplätze  im  Jordangebiet.  Vgl.  S.  130.

Essen,  von,  russ.  Admiral,  gest.  21.  Mai  1915
in  Reval  (wahrscheinlich  mit  noch  anderen  höheren
Marineoffizieren  ermordet).  Kommandeur  der  russischen
  Flotte  im  Baltischen  Meer  (2Ostseeflotte-),  sollte
die  diszilinlose  russische  Marine  zu  Tatkraft  und
Pflichtbewußtsein  erziehen,  fiel  aber  dem  meuterischen
Geist,  den  er  mit  rücksichtsloser  Strenge  zu  unterdrücken
  suchte,  zum  Opfer.

Es-Sinn-Stellung,  türk.  Hauptstellung  im
Kampf  um  Kut-el-Amara;  vgl.  S.  128  und  die  Karte
Bd.  II,  S.  203.

Estlaud.  Geschichtliches  und  Kulturgeschichtliches
Über  E.  s.  Bd.  I,  S.  74f.  u.  84  ff.  —  Nachdem  am
9.  April  1917  der  russ.  Minister  des  Innern  eine  Kommission
  zur  Ausarbeitung  der  Selbstverwaltung
für  die  Esten  eingesetzt  und  Rußland  das  Selbstbestimmungsrecht
  der  Völker  anerkannt  hatte,  trat  Juli
1917  in  Reval  eine  ong.  Wer  Nationalversammlung
  zusammen,  die  für  Rußland  eine  föderative  republik.
  Staatsform  u.  die  Proklamation  der  Autonomie
für  alle  Völker  Rußlands  forderte.  Nov.  1917  erlangten
  die  Vertreter  der  Stadt-  und  Landgemeinden
die  Loslösung  E.s  von  Rußland,  und  der  estländ.
Landtag  beschloß  die  Einberufung  einer  konstituierenden
  Nationalversammlung.  Namens  der  Ritterschaft
notifizierten  darauf  die  Vertreter  am  28.  Jan.  1918
dem  russ.  Gesandten  in  Stockholm  die  Selbständigkeit
E.s.  Die  Eroberung  Es  durch  die  deutschen  Truppen
Febr.  1918  stellte  E.  vor  eine  ganz  neue  Lage.  Am
25.  wurde  Reval  beset:  am  3.  März  Narwa;z  da
am  selben  Tag  der  Vorfriede  zu  Brest  Litowst  abgeschlossen
  wurde,  Lellen  die  Deutschen  den  Vormarsch
  ein.  Der  Vorfriedensvertrag  entzog  E.  der
russ.  Staatshoheit,  über  sein  Geschick  sollte  die  Bevölkerung
  selbst  im  Einverständnis  mit  den  Mittelmächten
  entscheiden.  Am  18.  April  beschloß  der  Landtag,
daß  E.  unter  deutschen  Schutz  treten  sollte,  und  der
vereinigte  Landesrat  von  Livland,  E.,  Riga  und
Osel  beschtoß  28.  April,  daß  Livland  und  E.  ein  ein-Kritüer
  monarchischer  Staat  in  Personalunion  mit

reußen  werden  sollte.  Der  Kaiser  sicherte  am  14.
Mai  wohlwollende  Prüfung  dieses  Antrags  444  Dagegen
  bat  der  radikale  deutschfeindliche  -Estnische

tationalrate  am  4.  Mai  den.  englischen  Außenminister
  Balfour  um  Schutz  der  Unabhängigkeit  E.s.
In  dem  Brest  Litowsker  Ergänzungsvertrag  vom
27.  August  1918  wurde  E.  aus  dem  russ.  Staatsverband
  entlassen.  Am  15.  Sept.  wurde  die  Universität
  Dorpat  (Jurjew)  feierlich  wieder  eröffnet,  am
1.  Okt.  auch  die  tierärztliche  Hochschule.  Nach  dem
deutschen  Waffenstillstand  verskändigten  sich  die  Balten
mit  den  Esten  und  es  wurde  in  Reval  die  Republik
Esti  ausgerufen.  Am  26.  Febr.  1919  wurden  die
Estländer  bei  Pskow  von  den  Bolschewiken  geschlagen.
Der  Friede  zwischen  Sowjetrußland  und  E.  wurde
2.  Febr.  1920  in  Dorpat  unterzeichnet.

Etappe,  Marschstation  oder  Halteplatz  bei  Militärtransporten;
  Aufstapelungsort  für  Heeresgut  u.  a.  m.
r  »Das  Etappenwesen-,  Bd.  II,  S.  261  ff.  sowie
Bd.  L,  S.  430  (Etabpenperwaltung)

Etsch,  Fluß  in  Südtirol  und  Italien.  Mai  1915
räumten  die  Osterreicher  das  E.-Tal  bis  gegen  Novereto.
  Die  österr.-ung.  Offensive  Juni  1916  blieb
im  E.-Tal  stecken,  das  die  Italiener  Okt.  1918  bis
Trient  besetzten.

157
        <pb n="258" />
        228  Eugen  —

Engen,  Ferdinand  Pius  Bernhard  Felix
Maria,  Erzherzog  von  Osterreich,  geb.  21.  Mai
1863  8;  Groß  ·  Seelowitz  in  Mähren,  1891  Oberst,
1901  kommand.  General  in  Innsbruck  und  Landesverteidigungskommandant
  in  Tirol  und  Vorarlberg,
1908  Generaltruppeninspektor,  1912  beurlaubt.  1915
wurde  E.  Oberbefehlshaber  der  österr-ungar.  Balkanstreitkräste,
  nach  Italiens  Kriegserklärung  Generaloberst
  und  Kommandant  aller  Een  Italien  operier.
Truppen.  Nov.  1916  wurde  E.  Feldmarschall  und
blieb  bis  zum  Ende  des  Kricges  nomineller  Oberbefehlshaber
  gegen  Italien.  —  Bild  s.  Bd.  1  bei  S.  47.

Euphrat,  bedeutendster  Fluß  Vorderasiens  (2770
kun  lang),  nach  der  Vereinigung  mit  dem  Tigris:
Schattel  Arab,  wurde  seit  1915  zum  Kampfgebiet
für  die  Engländer  und  Türken;  vgl.  S.  127.

Enropäisches  Gleichgewich  b„  von  England
Cbalance  ofpower-)  begünstigte  weltpolitische  Lehre,
die  die  europäischen  Festlandsstaaten  durch  gegenseiaige
  Rivalität  zugunsten  Englands  in  Schach  halten
will.  Das  e.  G.  soll  durch  den  Bölkerbund  ersetzt  werden.

Evaknation  (lat.,=  Räumung,  Entleerunge),  die
planmäßige  Zurückschaffung  der  Verwundeten  aus
den  Feldlazaretten  in  die  Reservelazarette  bzw.  die
Krankenanstalten  der  Heimat;  ferner  zwangsmäßige
Räumung  von  Städten,  Landschaften,  entweder  um

Fallschirm

die  Bewohner  in  Sicherheit  zu  bringen  oder  sie  nach
volksärmeren  Gegenden  ##veryssanen.

Evert,  Alexis,  russ.  General,  vor  Kriegsausbruch
Generalstabschef  d.  gesamten  Heeres,  führte  Aug.  1914
die  4.  Armee,  kämpfte  gegen  Dankl  und  bis  Aug.  1915
in  Polen,  dann  im  Wilnaabschnitt  und  befehligte  bis
zum  Schluß  die  Heeresgruppe  zw.  Wilija  und  Pripet.

Explosivstoffe,  t.-Schieß.  u.  Sprengstoffe-,  S.  171.

Exvortzentrale,  staatl.  Zentralstelle  #r  Husam
menfassung  der  Ausfuhr,  wurde  1917  in  den  Niederlanden
  errichtet.

Exterritorialität,,  völkerrechtliches  Berhältmiz,
nach  dem  gewisse  Personen  G.  B.  Gesandte,  Konsuln)
und  Sachen  in  einem  Staate  dessen  Hoheit  (bes.  Gerichtsbarkeit)
  nicht  unterworfen  sind;  vgl.  Bd.  l,  S.  362.

Eydtkuhnen,  Flecken  Nordostpreußens,  war  Mitte
Nov.  1914  und  Anfang  Febr.  1915  Schauplatz  heftiger
  Kämpfe;  vgl.  Bd.  I,  S.  199.

Eyschen,  Paul.  luxemburg.  Staatsmann,  geb.
1845,  gest.  12.  Okt.  1915,  1875  Geschäftsträger  in
Berlin,  1888  Staatsminister,  seitdem  ununterbrochen
an  der  Spitze  der  luxemburg.  Regierung,  machte  sich
sehr  um  die  wirtschaftliche  und  soziale  Wohlfahrt  verdient.
  Wegen  Ablehnung  seiner  Beamtenvorschläge
durch  die  Großherzogin  trat  er  22.  Febr.  1915  zurürcck.
doch  wurde  seine  Demission  nicht  angenommen.

8

Fabeck,  Max  von,  preuß.  General,  geb.  6.  Mai
1854  in  Berlin,  1901  Brigadekommandeur,  1906
Generalleutnant  und  Kommandeur  der  28.  Division,
übernahm  als  kommand.  General  1909  die  Führung
des  15.,  1913  des  13.  Armeekorps,  erhielt  Oktober
1914  eine  Armeegruppe  in  Flandern  im  Rahmen  der
4.  Armee,  wurde  März  1915  Führer  der  1.  Armee
im  Westen,  September  1915  der  12.  Armee  im  Osten,
Oktober  1916  der  8.  Armee  in  Kurland  und  starb
16.  Dez.  1916  in  Partenkirchen.

Faden,  seemänn.  Tiefenmaß:  deutsch  =  1,88  m,
engl.  =  1,  82  m,  franz.  =  1,62  m.

hunenslucht  (Desertion),  eigenmächtige  Enternung
  eines  Soldaten  von  seiner  Truppe  oder  überchreitung
  des  Urlaubs  mit  der  Absicht,  sich  dauernd
der  Dienstpflicht  zu  entziehen,  wurde  nach  deutschem
Militärstrafgesetz  mit  Gefängnis,  bei  wiederholtem
Rückfall,  im  Felde  schon  bei  einfachem  Rückfall,  mit
uchthaus,  in  schweren  Fällen  mit  dem  Tode  bestrast.
eitweilige  unerlaubte  Entfernung  zog  eine
mildere  Freiheitsstrafe  nach  sich.  In  Belgien  wurde
März  1917  Todesstrafe  für  F.  eingeführt.

Fähre,  schwimmenbe  Vorrichtung  zum  übersetzen
von  Truppen  usw.,  s.  Bd.  II,  S.  275.

Fahrtbälle,  schwarze  Segeltuchbälle,  zeigen  auf
Kriegsschiffen  an  den  Masten  aufgehißt  nach  der  Höhe,
in  der  sie  hängen,  die  Schiffsgeschwindigkeit  an.

Faiti  Hrib,  Karsthöhe  (400  m)  im  Görzischen,

wischen  Wippach  und  dem  Meere,  war  in  der  9.—12.
sonzoschlacht  vielfach  umkämpft.

Falkenhausen,  Ludwig,  Freiherrvon,  preuß.
General,  geb.  13.  Sept.  1844  in  Guben,  nahm  an  den
Kricgen  von  1866  und  1870/71teil,  war  1899—1902
kommand.  General  des  13.  Armeekorps,  wurde  Okt.
1914  Führer  der  an  Stelle  der  6.  Armee  neugebildeten
Armeein  Deutsch-Lothringen  und  Jan.  1915  Generaloberst.
  April  1916  mit  dem  Oberkommando  über  den

Küstenschutz  betraut,  dann  Führer  der  6.  Armee  im
Westen,  wurde  F.  Mai  1917  als  Nachfolger  Bissings
Generalgouverneur  von  Belgien.  F.  verfaßte  wichtige
militärstrateg.  Schriften.  —  Sein  Sohn  Friedrich
(geb.  1869)  wurde  Nov.  1915  Unterstaatssekretär  im
Landwirtschaftsministerium  und  leitete  1917——18  die
Verwaltung  im  Gebiet  des  Oberbefehlshabers  Ost.

Falkenhayn,  Erich  von,  preuß.  General,  geb.
11.  Sept.  1861  in  Burg  Belchau  („Kreis  Thorn),  nahm
1900  am  Chinafeldzug  teil  und  verblieb  bei  der  Besahungsbrigade
  bis  1903,  wurde  1906  Chef  des  Generalstabes
  des  16.,  später  des  4.  Armeekorps,  1918
als  Generalleutnant  preuß.  Kriegsminister,  Dez.  1914
Chef  des  Generalstabes  und  Jan.  1915  unter  Ernennung
  zum  General  der  Infanterie  von  seiner
Stellung  als  Kriegsminister  entbunden.  1915  veranlaßte
  F.  den  Durchbruch  bei  Gorlice-Tarnow,

erner  die  Sommeroffensive  gegen  Rußland  und  die

ezwingung  Serbiens.  Nach  der  verunglückten  Offensive
  bei  Verdun  wurde  er  Ang.  1916  durch  Hinden.
burg  ersetzt,  erhielt  die  Führung  der  9.  Armee  gegen
Rumänien  (Schlacht  bei  Hermannstadt  u.  am  Targu
Jiu),  1917  des  Asienkorps,  1918—19  der  10.  Armee.
F.  schrieb:  -Die  oberste  Heeresleitung  in  ihren  wichligsten
  Entschließungen  1914—16.  (Berl.  1919).—
Bild  s.  Bd.  1  bei  S.  186.

Falklandinseln,  brit.  Inselgruppe  im  Atlant.
Ozean,  an  der  Südostküste  von  Südamerika.  —  Am
8.  Dez.  1914  fand  in  der  Nähe  der  F.  eine  deutschenglische
  Seeschlacht  statt;  vgl.  Bd.  I.  S.  270.

allschirm,  schirmartige  Vorrichtung  zum  Herablassen
  des  Luftschiffers  aus  dem  Ballon,  öffnet  sich
beim  Fall,  hat  etwa  10  m  Durchmesser  und  zur  Vermeidung
  des  Pendelns  an  der  Spitze  eine  kleine  Offnung,
  durch  welche  die  Luft  allmählich  entweicht.  Im
Kriege  ist  der  F.  viel  von  den  Beobachtern  in  Fesselballonen
  benutzt  worden,  um  sich  zu  retten,  wenn  der
        <pb n="259" />
        Falzaregopaß  —  Feltre

Ballon  in  Brand  geschossen  wurde.  —  Kleine  F.  werden
  für  Leuchtgeschosse  benutzt,  damit  diese  langsam
herabschweben,  also  länger  erleuchtend  wirken.

Falzarep#opass=  wicht.  Alpenübergang,  2117  m,
in  den  Tiroler  Dolomiten,  wurde  14.  Juli  1915  von
den  Italienern  erobert  und  gegen  Angriffe  der  Osterreicher
  behauptet,  Nov.  1917  geräumt.

milienunterstützung,  s.  Bd.  I.,  S.  397.
ugnetz,  s.  Seeminen  und  U-Bootkrieg.
rbbücher,  sow.  Buntbücher.

arbige  Truppen,  s.  Naturvölker.

Jafersoffe.  Deutschland  betog.  1913  aus  dem
Auslande  932000  t  F.,  davon  über  die  Hälfte  Baumwolle.
  Es  erzeugte  selbst  nur  rund  15300  t,  nämlich
11  600  t  Wolle,  3600  t  Flachs,  100  t  Hanf,  also  nur
etwa  1,5  Proz.  des  Bedarfs.  Als  im  Kriege  die  überseeische
  Zufuhr  stockte,  die  Vorräte  der  besetzten  Gebiete
auch  bald  erschöpft  waren  und  der  Ortent  wenig
liefern  konnte,  mußte  —  neben  äußerst  scharfer  Verbrauchsregelung
  —  versucht  werden,  die  deutschen
Haturschäße  dafür  berangiehen.  Weiteres  s.  den
Ausaaz,  1  ase  ioae  ,  179.

Fassatal,  vom  Aviso  durchströmtes  Tal  in  Südtirol
  (vgl.  Bd.  II,  S.  104),  wo  18.  u.  19.  Juni  1915
die  Italiener  vergeblich  versuchten,  die  österr.  Stellungen
  zu  durchbrechen.

Voustseuerwaffen,  für  einhändigen  Gebrauch
bestimmte  Feuerwassen,  wie  Revolver  und  Pistolen.
Bgl.  Hand=  u.  Faustfeuerwaffen  ,  Bd.  II.  S.  279  f.

Zayolle,  Marie  Emile.  frz.  General,  geb.  1852,
1910  Brigadegeneral,  1913  verabschiedet,  bei  Kriegsausbruch
  wieder  im  Heere,  Herbst  1915  Führer  der
70.  Division  in  den  Loretto-Kämpfen,  seit  Nov.  1915
des  33.  Korps  (Verdunkämpfe),  seit  Mai  1916  der
6.  Armce  (eigentl.  Angriffstruppe  während  d.  Sommeschlacht),
  Anfang  1917  der  4.  Armee  (Champagne).
Juli  1917  übernahm  F.  die  mittlere  Heeresgruppe  von
Reims  bis  St.  Mihiel,  Ende  1917  das  franz.  Hilfskorps
  in  Italien  (Kämpfe  zwischen  Brenta  und  Piave)
und  führte  im  Sommer  1918  eine  Heeresgruppe  zwi-Aisne
  und  Marne.

Fecht,  Nebenfluß  der  Ill  im  Elsaß,  s.  Lauch.  Über
die  Kämpfe  im  Fechttal  Febr.  1915  f.  Bd.  I,  S.  204.

Fehmi,  HLassan,  Kabinettschesim  türk.  Ministerium
des  Innern  (Talaat  Pascha),  einer  der  bedeutendsten
Dichter  der  Türkei  (übersetzer  Goethescher  Dichtungen)
und  ihr  einziger  Kriegsdichter,  starb  Febr.  1916.

Fehrenubach,  Konstantin,  deutscher  Zentrumspolitiker,
  geb.  11.  Jan.  1852  in  Wellendingen  (Baden),
  uurst  (kath.)  Theolog,  dann  Jurist,  1882  Rechtsanwalt
  in  Freiburgi.  Br.,  1885  u.  1901  in  die  peie
dad.  Kammer  gewählt,  1907—  09  deren  Präsident,
seit  1905  im  Reichstag,  1917  Vorsitzender  des  Hauptausschusse#,
  8.  Juni  1918  Reichstagspräsident,  12.
Febr.  1919  Präsident  der  Nationalversammlung.

Felahieh,  Stadt  im  Irak,  am  Tigris,  nordöstlich
von  Kut-el--Amara.  Im  Gebiet  von  F.  spielten  sich
Jan.  bis  April  1916  hartnäckige  Kämpfe  ab,  in  denen
die  Türken  siegreich  blieben.  Vgl.  S.  128.

lbbäckerei,  fahrbare  Brotbäckerei  mit  Teigknetmaschine
  und  Backofen.  Jedes  Armeekorps  hatte  2
F.en  mit  je  12  fahrbaren  Backöfen.

Feldbefestigungen,  s.  Bd.  I.  S.  274  ff.  sowie

Bd.  II.  S.  200  (275ff.

Idbrücke,  leichte  Kriegsnotbrücke,  s.  Bd.  II,  S.

eisenbahn,  leicht  verlegbare  schmalspurige

Bahn,  deren  Schwellen  ohne  Unterbau  auf  die  Erdoberfläche
  gelegt  werden;  vgl.  Bd.  II,  S.  266/267.

229

lbgeistliche,  s.  Mililärseelsorge.  (152.
eldgeschütze,  s.  Die  Artillerie  im  Kriege,  S.
eldgraue,  Vezeichnung  für  die  Soldaten  nach

ibrer  feldgrauen  Uniform.  (164.

Feldhaubitze,  s.-Die  Artillerie  im  Kriege,  S.

Feldjägerkorps,  reitendes,  aus  Forsteleven
(Res.-Offizieren)  für  diplomatischen  Kurierdienst,  in
Rußland  aus  Offizieren  vom  Oberst  abwärts  ohne
Beziehung  zum  Forstwesen,  in  Osterreich  sow.  Jägerruppe.



Feldküche,  fahrbare  Kochvorrichtung  (in  der  Sol.
datensprache-Gulaschkanone  4),  besteht  aus  zweiräder.
Vorderwagen  für  die  Mannschaften,  Vorräte  und  Ersatzteile
  und  zweiräder.  Hinterwagen  mit  der  eigentl.
Kocheinrichtung  und  den  Behältern  für  Brennstoff
und  Gerät,  beide  durch  Protzvorrichtung  verbunden.
Die  Kocheinrichtung  besteht  aus  doppelwandigem
Speisekessel  (175  h  und  Kaffeekessel  (701).  Die
meisten  F.n  waren  für  Pferdebespannung  Angerichtet
(ogl.  Taf.-Feldlazarette  III.,  Fig.  5  in  Bd.I,  S.  308);
über  Küchenautos  s.  Bd.  I.  S.  283.

Feldmann,  Wilhelm,  im  Kriege  Korrespondent
des  „Berliner  Tageblatts  in  Konstantinopel,  geb.
2.  Febr.  1880  in  Wilhelmshaven,  verfaßte  Kriegstage
  in  Konstantinopele  (1913)  und  -Mit  der  Heeresgruppe
  des  Prinzen  Leopold  von  Bayern  nach  Weißrußland
  hinein  (1916).

Feldoberpostmeister,  der  Leiter  des  deutschen
Feldpostwesens  im  Kriege,  1914—18  Oberpostdirektor
Domizlaff  (Leipzig).

Feldpost,  dient  zur  Beförderung  von  amtlichen
und  privaten  Postsendungen  von  und  an  Heeresangehörige.
  Vgl.  Die  deutsche  F.-,  S.  169.  Die
Feldpostämter  wurden  1.  Febr.  1919  aufgelöst.

Feldpostabteilung,  die  Feldpost  besorgende
Gruppe  des  österr-ungar-  Etappen-Oberkommandos.

Felderoptt.  s.  Militärseelsorge.

eldröntgenwagen,  fahrbare  Vorrichtung  für
Untersuchungen  und  Behandlungen  durch  Röntgentrahlen
  (s.  d.),  mit  Röntgenapparat  und  kleinem
ntersuchungsraum  oder  Geräten  zum  Aufbau  eines
Zeltes.  Meist  waren  die  F.  Kraftwagen,  deren  Motor
beim  Stillstand  zur  Stromerzeugung  für  die  Röntgenstrahlen
  diente.  Vgl.  Bd.  I.  S.  283.

Feldsanitätschef,  Leiter  des  gesamten  Feldsanitätsdienstes,
  Mitglied  des  Großen  Hauptquartiers,
war  1914—18  Generalstabsarzk  v.  Schjerning.  —  Im
Olten  war  oberster  Samttätsoffigeer  Obergeneralarzt
v.  Kern.

Felduniform.  Jum  Zwecke  der  Farbanpassung
an  das  Gelände  wurde  bei  den  kriegführenden  Heeren
eine  entsprechend  gefärbte  F.  eingeführt  (vgl.  Bd.  U,
S.  294  sowie  die  Tafeln  daselbst).

Feldvikariat,  apostolische,  oberste  militärgeistliche
Behörde  in  Österreich-Ungarn.  Vgl.  Militärseelsorge.

Feldwebelleutnant,  in  Deutschland  für  die  Daue
des  Krieges  geschaffener  Dienstgrad,  der  zur  Vesetun
von  Leutnantsstellen  verwendet  wurde  und  zu  den
Subalternoffizieren  im  Nange  der  Leutnants  gehörte,
hinter  denen  er  folgte,  mit  den  Gebührnissen  eines  Leutnants.
  Der  Penstonbanspruch  richtet  sich  nach  dem
Offizierspensionsgesetz,  der  Versorgungsanspruch  der
Hinterbliebenen  nach  d.  Militärhinterbliebenengesegz.

Felhbeungen.  s.  Kriegszeitungen.

eltre,  ital.  Stadt  in  der  Provinz  Belluno,  unweit
  des  Piave,  wurde  13.  u.  14.  Nov.  von  deutschen
und  österr.-ungar.  Truppen  besetzt,  31.  Okt.  1918  von
der  4.  ital.  Armee  wiedergenommen.
        <pb n="260" />
        230  Ferdinand  1.

Ferdinand  I.,  König  von  Bulgarien,  geb.
26.  Febr.  1861  in  Wien,  jüngster  Sohn  des  Prinzen
August  von  Sachsen-Koburg,  trat  1886  in  die  Honvedarmee,
  wurde  7.  Juli  1887  von  den  Bulgaren  zum
Fürsten  erwählt,  2.  März  1896  vom  Sultan  als  Fürst
von  Bulgarien  und  Statthalter  von  Ostrumelien  bestätigt,
  5.  Okt.  1908  als  unabhängiger  König  (Zar)
von  den  Mächten  anerkannt.  Zu  Beginn  des  Krieges
trat  F.  für  rückhaltlose  Neutralität  ein,  die  er  trotz
der  russ.  Agitation  im  ersten  Kriegsjahre  bewahrte.
Nach  dem  Zustandekommen  des  bulgarisch-türkischen
Vertrages  im  Sept.  1915  ordnete  er  die  Mobilmachun
an  und  erklärte  am  14.  Okt.  Serbien  den  Krieg.  Noch
dem  Zusammenbruch  der  bulgarischen  Armee  (15.
Sept.  1918)  und  dem  Sonderfriedensgesuch  seiner
Regierung  (26.  Sept.)  dankte  er  am  4.  Okt.  1918  zuunsten
  des  Kronprinzen  Boris  ab  und  lebt  seitdem  in
oburg.  Vgl.  Bulgarien.  —  Bild  s.  Bd.  bei  S.  22.

Ferdinand  I.,  König  von  Rumänien,  geb.
24.  Aug.  1865  in  Sigmaringen  als  zweiter  Sohn
des  Erbprinzen  Leopold  von  Hohenzollern,  1880  zum
Thronerben  proklamiert,  wurde  10.  Okt.  1914  König.
Vgl.  Bd.  II,  S.  84  sowie  Art.  -Rumänien.  —  Bild
s.  bei  S.  226.

Rere-en-Tardenois,  Gem.  im  frz.  Dep.  Aisne,
wurde  29.  Mai  1918  von  den  Deutschen  erobert,  worauf
  die  Franzosen  dem  deutschen  Vormarsch  gegen  die
Marne  südlich  von  F.  starken  Widerstand  entgegensetzten.
  Vgl.  S.  27f.

Fermän  (pers.,Befehle),  in  islam.  Ländern  Erlaß
  des  Landesherrm.

Ferngeschütz  (Fernkanone),  wurde  vom  deutschen
  Heer  1918  zur  Beschießung  von  Paris  auf  etwa
120  km  Entfernung  verwendet.

Fernlenkboot,  ohne  Besatzung  fahrendes  Boot,
durch  elektr.  Wellen  gelenkt  und  geleitet,  trägt  Mast
mit  Antenne,  die  die  elektr.  Wellen  auffängt.  Die
Wellen  gelangen  zu  einem  Wellenferns  Gtter,
der  die  Bewegungen,  Abfeuern  von  Torpedos  und
Geschützen,  Abgeben  von  Leuchtsignalen  u.  a.  veranlaßt,
  entsprechend  den  durch  die  »Geberapparate«  vom
Lande  dem  Empfänger=  an  Bord  des  F.s  mit  gleicher
  Wellenlänge  „gefunkten  Befehlen.  Der  Antrieb
des  Bootes  geschieht  durch  Elektromotor  nebst  Alkumulatorenbatterie.
  Das  F.  wurde  deutscherseits  Herbst
1917  vor  der  belg.  Küste  versuchsweise  zum  Angreifen
engl.  Kriegsschiffe  r*5

ernrohr.  Als  F.  für  Kriegszwecke  benutzt  man
insbes.  Feldstecher  und  Scherenserohr  (l(.  d.);  vgl.
Panoramafernrohr.

Fernsprecher.  über  die  Bedeutung  des  F.s.  im
Kriege  s.  »Das  Nachrichtenwesen  im  Weltkriege-,  S.
164  u.  167.  S.  156.

"wof  elballon,  s.  Luftballon;  vgl.Der  Luftkriege,

estubert,  Gem.  im  franz.  Dep.  Pas-de-Calais,
bei  Béthune,  war  Weihnachten  1914,  bes.  aber  April
1918  Mittelpunkt  hartnäckiger  Kämpfe.  Vgl.  S.  22.

Festung.  über  die  Bedeutung  der  F.en  im  Kriege
s.  „Festungen  und  Festungskriege,  Bd.  II,  S.  286  ff.

Fette,  Feithärtung,  s.  Bd.  I.  S.  300/301.

Fetwa  (arab.),  Rechtsgutachten  eines  Mufti  oder
islam.  Gesetzeskundigen.  Am  13.  Nov.  1914  wurde
in  Konstantinopel  durch  eine  Sondergesandtschaft  des
Scheich  ul-Islam  das  F.  verlesen,  das  den  Heiligen
Krieg  verkündete  (vgl.  Bd.  II,  S.  73).

Feuerschiff,  Wasserfahrzeug  mit  weit  sichtbarer
Bezeichnung  und  hohen  Signalmasten,  wird  als  Seezeichen
  dauernd  verankert.  Nachts  trägt  es  Leuchtfeuer,

r

—  Finnland

tags  zeigt  es  große  Korbbälle,  gibt  auch  oft  Sturmwarnungen.
  Bei  Kriegsausbruch  werden  die  F.e  entfernt
  oder  versetzt,  um  den  Feind  irrezuführen.

Feuerwassen,  Geschosse  durch  den  Druck  entzündeter
  Treibladungen  abschleudernde  Waffen.  Dazgehören
  Hand=  und  Faustfeuerwaffen  (s.  Bd.  II,  S.
279  ff.),  Geschütze  (vgl.  Die  Artillerie  im  Kriegee,
S.  152),  Maschinengewehre,  Maschinengeschütze  und
Minenwerfer.

Fieri,  Gem.  im  südl.  Albanien,  nahe  der  Küste.
Der  dort  von  Osterreichern  ausgebaute  Brückenkopf
wurde  12.  Juli  1918  von  den  Ital.  erobert,  23.  Aug.
von  den  ÖOsterr.  wiedergenommen,  2.  Okt.  geräumt.

Filipescu,  Nicu,  rumän.  Politiker,  Russophile  u.
Interventionist,  ehemaliger  Kriegsmin.,  trat  im  Weltkriege
  durch  seine  deutschseindl.  olitik  hervor,  wurde
30.  Juni  1915  Führer  der  konservativen  Dissidenten.

Filipesti  (Filipescii),  rumän.  Marktflecken  in
der  Großen  Walachei,  in  der  Nähe  des  Buzau,  war
25.  und  26.  Dez.  1916  Brennpunkt  der  Kämpfe  in  der
Schlacht  bei  Rimnic-Sarat.  Vgl.  Bd.  II.  S.  234f.

Filmtrupp,  s.  Kinematographie.

Findeniggkofel,  Grenzgipfel  der  Karnischen  Alpen,
  2021  m  hoch,  östl.  vom  Plökkenpaß,  von  den
OÖsterr.  1915  als  Sperre  zum  Oberen  Gailtal  befestigt,
wurde  gegen  ital.  Angriffe  behauptet.

Findlay,  Mansfeldt  de  Cardonnal,  brit.
Diplomat,  geb.  7.  April  1861,  seit  1911  Gesandter
in  Christiania,  suchte  Dez.  1914  auf  Betreiben  Greys
den  irischen  Nationalisten  R.  Casement  (s.  d.)  in  seine
Gewalt  zu  bringen.  Nach  Veröffentlichung  des  Anschlages
  wurde  F.  1.  März  1915  abberufen.

Flnnland.  Geographisches  s.  Bd.  II,  S.  107  und
110;  über  das  Volk  der  Finnen  Bd.  J,  S.  72ff.  und
S.  84.—  Die  letzten  Jahre  der  russ.  Herrschaft  waren
bhur  F.  die  schlimmsten:  die  Russifizierung  machte  starke

ortschritte,  und  die  letzten  Reste  finn.  Selbständig.-keit
  drohten  dahinzuschwinden.  Noch  am  10.  März
1917  forderte  eine  zarische  Regierungskonferenz  vom
finn.  Senat  die  Durchführung  der  Einheitlichkeit  des
Zollwesens  mit  Rußland  u.  die  Neureglung  des  Kriegskostenanteils
  F.s.  Aber  am  21.  März  stellte  die  provisorische
  Regierung  in  Petersburg  durch  ein  Manifest
die  alte  Berfassung  F.s  wieder  her.  Darauf  trat  am
6.  April  der  Landtag  zusammen  und  wählte  den  So-Zialisten
  Mannes  zum  Präsidenten.  Als  der  fiun.
Senat  F.s  Anteil  an  den  russ.  Kriegökosten  (17  Milliarden)
  strich  (Juni)  und  die  Sozialdemokratie  die
Autonomie  F.verlangte,  lehnte  die  russ.  provisorische
Regierung  dies  mit  der  Begründung  ab,  hierüber  könne
nur  die  Konstituante  beschließen.  Unbekümmert  darum
erklärte  der  Landtag  die  Selbständigkeit  F.s  und
nahm  am  18.  Juli  ein  Gesetz  über  die  Ausllbung  der
höchsten  Staatsgewalt  in  F.  an.  Der  Senat  beschloss
darauf  am  31.  Juli  die  Auflösung  des  Landtags,  und
Kerenski  erklärte  F.  als  Kriegszone  (9.  Aug.).  Als  der
aufgelöste  Landtag  trotzdem  am  28.  Sept.  zusammentrat,
  ordnete  der  neue  Generalgouv.  Nekrasoff  die  gerichtl.
  Verfolgung  der  Abgeordneten  an.  Aber  auch  der
neue,  am  1.Okt.  gewählte  Landtag  blieb  bei  dem  Selbsändi
  keitsbeschluß  bestehen.  Am  7.  Okt.  veröffentlichte

ie  russ.  provisor.  Regierung  einen  Geschentwurf  nach
dem  F.  als  Republik  weiter  zur  russ.  Gesamtrepublik
gehören  sollte.  Dagegen  beschloß  der  Landtag  13.  Nov.,
die  Rechte  eines  Großfürsten  von  F.  selbst  auszuüben
und  ein  Direktorium  einzusetzen.  Wegen  dieses  Veschlusses
  erklärten  die  Sozialisten  am  14.  Nov.  den  allgemeinen
  Ausstand;  sie  schritten  am  16.  Nov.  zum
        <pb n="261" />
        Fischer  —  Fliegerdeckung

Staatsstreich,  lösten  Landtag  u.  Senat  auf,  setzten  unter
Tokoi  einen  neuen  Senat  ein,  bemächtigten  sich  des
Telegraphen  usw.:  der  Bürgerkrieg  war  da.  Der
alte  Landtag  setzte  am  26.  Nov.  den  alten  Senat  unter
dem  aus  Sibirien  zurückgekehrten  P.  E.  Svinhufvud,
  dem  frühern  Landtagspräsidenten,  ein.  Svinhufoud
  machte  den  Regierungen  der  Verbandsmächte
am  8.  Dez.  als  Chef  der  vorläufigen  finnischen  Regierung
  Mitteilung  von  der  übernahme  der  souveränen
Gewalt  durch  den  Landtag  auf  Grund  des  Artikels  38
des  Verfassungsgesetzes  von  1772  und  der  Errichtung
der  unabhängigen  Republik  F.  Bereits  hatten  Schweden,
  Deutschland  und  Frankreich  den  neuen  Staat
anerkannt,  da  brachte  ihn  der  Bürgerkrieg  an  den
Rand  des  Verderbens.  Die  mit  den  russ.  Volftzewisten
verbündeten  Sozialdemokraten  erklärten  den  Generalstreil
  u.  bemächtigten  sich  durch  rote  Garden  Helsingfors'.
  Die  weißen  Garden  der  Regierung  unter  General
  Mannerheim  konnten  sich  zunächst  nur  mit  Mühe
behaupten.  Als  Schweden  die  erbetene  Hilfe  ablehnte,
sagte  sie  Deutschland,  mit  dem  F.  am  7.  März  in  Berlin
  zum  Frieden  gekommen  war,  zu,  worauf  ein  deutsches
  Hilfskorps  unter  Graf  v.  d.  Goltz  die  Aalandsinseln,
  Wiborg  und  Helsingfors  (12.  April)  besetzte,
während  Mannerheim  Tammerfors  nahm  (29.
März);  gemeinsam  schlugen  Goltz  und  Mannerheim
am  4.  Mai  die  Roten  nach  fünftägiger  Schlacht  bei
Tavastehus.  Mit  der  Türkei  wurde  am  11.,  mit
Osterreich-Ungarn  am  30.  Mai  Frieden  geschlossen.
Nunmehr  wählee  der  Landtag  am  19.  Mai  Swinhufvud
  zum  Reichsverweser,  am  10.  Aug.  simmte  er  auf
Grund  der  Verfassung  von  1772  für  die  Monarchie
u.  wählte  am  9.  Okt.  8  Friedrich  Karl  von  Hessen
zum  König;  angesichts  der  veränderten  Lage  verzichtete
  dieser  jedoch  29.  Dez.  auf  die  Wahl.  Die  weitere
Entwicklung  brachte  Anfang  1919  die  staatliche  Gewalt
  in  die  Hände  eines  sozialist.  Arbeiterrates,  der
den  Senat  beseitigte  u.  einen  sozialistischen  Zentralrat
  unter  Mannes  einsetzte.  Am  27.  Mai  beschloß
  die  finnische  Regierung  die  Kriegserklärung  an
Sowjetrußland.  Vgl.  R.  Erich,  Die  fiunische  Frage
(Frankf.  a.  M.  1918);  H.  Söderhjelm,  Der  rote  Aufruhr
  in  F.  im  J.  1918  (Leipz.  1918);  J.  Ohquist,
Das  politische  Leben  F.s  (das.  1918).

Fischer,  Eduard,  Gendarmeriekommandant  der
Bukowina.  Nach  dem  Einbruch  der  Russen  in  die
Bukowina  bildete  F.  in  dem  nicht  besetzten  Teile  des
Landes  eine  eigene  Bauern-Armee,  mit  der  er  am
20.  Okt.  1914  Czernowitz  zurückeroberte  und  sich  dann
der  Gruppe  Pflanzer-Baltin  anschloß.

Fisher,  Sir  John,  brit.  Admiral,  geb.  25.  Jan.
1841,  zeichnete  sich  bei  der  ägypt.  Expedition  1882
aus,  wurde  1890  Konteradmiral,  kommandierte  1897
die  nordamer.  Flottenstation,  1899—1902  das  Mittelmceergeschwader,
  1903  die  Flottenstation  Portsmouth,
wurde  1904  Erster  Scelord,  1905  Admiral  der  Flotte,
1909  zum  Peer  (Lord  F.  of  Kilverstone)  ernannt,
trat  1910  vom  Amt  des  Ersten  Seelords  zurück,  1911
in  den  Mhestand,  wurde  aber  29.  Okt.  1914  wieder
Erster  Seelord  und  trat  19.  Mai  1915  zurück.  F.  gab
1919  Memoiren  heraus.

Fismes,  Gem.  im  frz.  Dep.  Marne,  an  der  Vesle,
wurde  nach  heftigem  Kampf  um  die  Vesle-Übergänge
28.  Mai  1918  von  den  Deutschen  erobert.  Vgl.  S.  27.

Fiume,  ungar.  Hafenstadt  am  Quarnero,  bildete
den  Ausgangspunkt  der  Revolution  in  Osterreich.  Im
Londoner  Vertrag  vom  26.  April  1915  war  den  Italienern
  die  Stadt  F.,  den  Jugoslawen  der  Hafen  zuam

  8.

231

gesprochen.  Als  der  Hohe  Rat  der  Entente  dementgegen
Stadt  u.  Hafen  Jugoslawien  zusprach,  besetzte  d'  Annunzio
  kurzerhand  mit  Freiwilligen  am  12.  Sept.
1919  die  Stadt.  Schon  vorher  war  es  wiederholt  zu
blutigen  Zusammenstößen  der  Italiener  mit  Jugoslawen
  und  Franzosen  gekommen.

Flachsepn#selhüt  s.  „  Die  Artillerie  im  Krieger,

lachs,  s.  -Ersagtzfaserstoffe-,  S.  179.  S.  152.

Fladdermine,  s.  Minen.

laggenwechsel,  die  Hissung  einer  fremden  (neutralen)
  Flagge  (vgl.  Bd.  I.  S.  869).  Die  engl.  Regierung
  empfahl  in  einem  Geheimbefehl  vom  3.  Febr.
1915  den  Reedern  den  F.  als  Abwehr  gegen  die  Unterseebootgefahr
  und  verteidigte  den  Flaggenschwindel
br.  als  erlaubte  Kriegslist.

Flaggoffiziere,  Seeoffiziere  im  Admiralsrang
(Admiral,  Vizeadmiral,  Konteradmiral),  führen  eine
besondere  Kommandoflagge  auf  dem  Flaggschiff.

Flagaschiff  (Admiralschiff),  vom  Führer  eines
Flottenverbandes  befehligtes  Kriegsschiff,  dem  die
übrigen  Schiffe  des  Verbandes  unterstehen.

Flak,  Abkürzung  für  Flieger-Abwehr-Kanone.
So  spricht  man  von  Flakfeuer,  Flakzug  u.  a.  m.
Vgl.  »  Der  Luftkrieg-,  S.  157,  und  -Die  Artillerie  im
Kriegee,  S.  155.

Flamen  (Vlamen),  in  Belgien  die  den  franz.
Wallonen  (s.  d.)  gegenüberstehende  Bevölkerung  germanischer
  Herkunft,  die  bes.  in  den  Provinzen  Ostflandern,
  Antwerpen,  Limburg,  Westflandern  u.  Brabant
vorherrscht.  Ihre  Sprache  besteht  aus  verschiedenen
niederfränk.  Mundarten,  die  vorwiegend  in  diesen  Provinzen
  gesprochen  werden.  Eine  eigentliche  flämische
Schriftsprache  gibt  es  nicht.  über  die  fläm.  Frage
vgl.  Bd.  I.  S.  116  f.  S.  auch  Belgien.

Flammenwerfer,  Nahkampfmittel,  bei  dem  eine
brennende  Flüssigkeit  aus  cinem  Schlauch  herausgepreßt,
  fein  zerstäubt  und  entzündet  wird;  Reichweile
  etwa  20—30  m.  Vgl.  Bd.  I.  S.  279.

Flandern.  Geographisches  und  Wirtschaftliches
s.  Bd.  I.  S.  152.

lattermine  (Fladdermine),  s.  Minen.

leischkarten,  s.  Lebensmittelkarten.

leury,  franz.  Dorf  nordöstlich  von  Verdun,  war
beim  deutschen  Angriff  auf  Verdun  heftig  umkämpft
und  23.  Juni  bis  17.  Dez.  1916  in  deutschem  Besitz.

Flex,  Walter,  Kriegsdichter,  geb.  1887  in  Eisenach,
gefallen  auf  Osel  16.  Okt.  1917,  Literarhistoriker,
veröffentlichte  gehaltvolle  Kriegsdichtungen:  =  Das
Volk  in  Eisene  (3.  Aufl.,  Esse  1915;  zuerst  anonym
  1914);-Sonne  und  Schild=  (Braunschw.  1915;
darin  -Preuß.  Fahneneide  und  -Sturmruf.);  Vom
großen  Abendmahl=  (Münch.  1916,  10.  Aufl.  1918):;
»Der  Wanderer  zwischen  beiden  Welten,  ein  Kriegserlebnis
  (8.  Aufl.,  das.  1917);-Leutnantsdienst-(Lissa
1917);  Im  Felde  zwischen  Nacht  und  r—  (Münch.
1917,  11.  Aufl.  1918;  darin  gute  Balladen);  Die
russische  Frühjahrsoffensive  19164  (Oldenb.  1919).

Flieger,  Insasse  eines  Flugzeuges.  Militärisch
unterscheidet  man  Flugzeugführer  und  Beobachter;
  erstere  müssen  3  Prüfungen  ablegen.  Nach  Erfüllung
  bestimmter  Bedingungen  wurden  an  deutsche
Militärflieger  Fliegerabzeichen  (S.  232)  verliehen.

Fliegeralarm,  durch  Signale  angeordneter  Besehl
  zum  Deckungnehmen,  Hinwerfen  auf  die  Erde.
Vermeiden  von  Hew=  ungen,  Auslöschen  von  Licht
usw.  bei  Annäherung  feindlicher  Flieger.

Güügerbermbr-  s.  Vombe.  ·  ,

liegerdeckung  (Fliegerschutz),  überspannen
        <pb n="262" />
        282

aufgestellter  Geschütze  mit  Drahtgeflecht,  auf  das  Laub
und  Zweige  geworfen  werden,  dient  zum  Schuß  gegen

Abzeichen  für

Flugzeugfuhrer.  Veobachter.

Entdecung  durch  Flieger.  Maskierungen  sowie
Die  Artillerie  im  Kriege-,  S.  155.

Fliegerpfeil,  s.  Luftkriege,  S.  156  sowie  Fig.  8
auf  1#  E1  s-Chirurgie  l1e  in  Bd.  II.  S.  601.

Flirey,  frà-  Veneinde  weste  von  Pont-à-Mousson.
Der  Raum  von  F.  war  seit  Okt.  1914  und  bes.  April
und  Mai  1915  heiß  umstritten.  Bgl.  Bd.  I.  S.  205.

Flitsch,  Marktflecken  in  der  österr.  Grafschaft  Görz,
am  Isonzo.  Das  Flitscher  Becken,  um  das  schon
Anf.  Juni  und  10.—20.  Sept.  1915  heftige  Kämpfe
entbrannten,  war  einer  der  Ausgangspunkte  der  12.
Jschlaht  vgl.  S.  110.

Floß,  Schwimmkkrper  zum  übersetzen  von  Truppen;
  s.  Bd.  II,  S.  275/276.

Flotte.  über  die  Flottenstärke  des  Vierbundes  und
der  Entente  vor  dem  Kriege  s.  Bd.  I.  S.  235,  Über  die
Verteilung  der  Schiffe  bei  Kriegsausbruch  s.  Bd.  J,
S.  243ff.,  bei  Kriegsende  s.  Seemächte.

Flottenstictzpunkt,  befestigter  Seehafen  mit  Lagern
  an  Kohlen,  Schießbedarf  und  Lebensmitteln  und
mit  Gelegenheit  zum  Docken,  dient  zur  Instandsetzung
der  Kriegoschise  und  Auarllstungsteile.

Flottille,  Anzahl  neins  am  operierender  kleiner
Kriegsfahrzeuge,  z.  B.  Torpedobootflottille,
Tauchbootflottille.

lüchtlingsfürsorge,  s.  Bd.  I.  S.  399f.

lugboot,  s.  Flugzeug  sowie  -Luftkrieg-,  S.  158.

lugmotor,  zur  Bewegung  von  Flugzeugen  und
Luftschiffen,  meist  mit  Benzin  angetrieben,  ist  Standmotor
  oder  Umlauf-(Rotations-)  Motorpbei
jenem  stehen  die  Zylinder  still,  bei  diesem  drehen  sie
sich  zur  Kühlung  um  die  Mittelachse.  Standmotoren
sind  zwecks  Luftkühlung  vorn  im  Flugzeug  eingebaut
oder  haben  Kühlung  durch  Wasser.  Vgl.  »Der  Luftkrieg-,
  S.  156  ff.

FIlugzeug,  Luftfahrzeug,  das,  sschwerer  als  Luft-,
durch  schnell  bewegte  gufil  chrauben  (Propeller)
gehoben  und  in  der  Luft  gehalten  wird.  Der  Rumpf,
aus  Holz  oder  Gitterwerk,  bei  Panzerflugzeugen  mit
Stahlblech  umkleidet,  ruht  auf  dem  Fahrgestell,  das
bei  Landflugzeugen  mit  Laufrädern,  bei  Wasserflugzeugen
  mit  Schwimmkörpern  versehen  ist,  falls
nicht  der  ganze  Rumpf  einen  schwimmsähigen  Hohlkörper
  bildet  Elugboot)  Er  trägt  mit  Stoff  bespannte
  Tragflächen,  nach  deren  Anzahl  man
Eindecker,  Doppeldecker  oder  Zweidecker  und
Dreidecker  unterscheidet.  Verstellbare  senkrechte
Stoffflächen  dienen  als  Seitensteuer,  wagerechte  als
Höhen  und  Tiefensteuer.  Der  Flugmotor  setzt
den  gewöhnlich  zweiflügeligen  Propeller  in  Bewegung,
der  meist  vorn  angebracht  ist  und  dann  als  Zug-Fliegerpfeil

  —  Formidable

schraube  wirkt,  dagegen  als  Druckschraube,  wenn
er  am  Hinterende  7  Das  F.  trägt  entweder  nur
eine  Person  (Einsitzer)  oder  außer  dem  Flugzeugführer
  (Pilot)  noch  einen  oder  mehrere  Beobachter
  (Zwei=  bzw.  Mehrsitzer).  —  Weiteres  s.  »Ter
Luftkrieg-,  S.  156  ff.
##  engführer,  s.  Flieger.

lußkanonenboot,  sehe  gehautes  Kanonen.
boot  (s.  d.)  für  Binnenseen  und  Flüsse.

Fluten,  bei  Unterseebooten:  Wasser  in  die  Tanko
einlassen,  um  zu  tauchen.

.  M.  L.,  Abk.  für  (österr.)  Feldmarscholleutuant.

ota  (Fotscho),  Stadt  in  Bosnien,  Kreis  Sarajewo,
  an  der  Drina,  war  Okt.  1914,  Nov.  1915  und
Jan.  1916  heftig  umkämpft,  bis  die  Montenegriner
vor  den  österr.-ungar.  Truppen  weichen  mußten.

Foch,  Ferdinand,  franz.  General,  geb.  2.  Okt.
1852  in  Tarbes,  1870771  Freiwilliger,  1884—91  und
1896  Kriegsschullehrer,  1901  Oberst,  1905  Generalstabschef
  des  5.  Korps,  1907  Brig.-General  der  Artillerie,
  Direktor  der  höheren  Kriegsschule,  1911  Div.=Kommandeur,
  1912  Führer  des  8.  Korps,  1913  des
20.  Korps,  mit  dem  er  1914  an  den  Marnekämpfen
teilmahm.  F.  befehligte  dann  die  9.  Armee  östl.  von
Paris,  hierauf  die  Nordarmee  (Dpern-Abschnitt),  1915
die  10.  Armee  (Lorettoschlacht)  und  hatte  1916  den
Oberbefehl  in  der  Sommeschlacht.  Mai  1917  wurde
F.  Chef  des  Generalstabes,  März  1918  Generalissimus
  der  sran)-enyle  Armeen,  fütrte  die  engl.  franz.
Offensive  Juli  bis  Okt.  ersolgreich  durch,  wurde  Aug.
1918  -Marschall  von  Frankreich=  u.  war  Vorsitzender
der  alliierten  Waffenstillstandskommission.  F.  schrieb:
„Des  principes  de  la  guerre#  (Par.  1903  u.  ö.)  und
„De  la  conduite  de  la  guerre  (das.  1904  u.  ö.)  sowie
  =  Zur  Steuer  der  Wahrheit-,  hrsg.  von  R.  Gädk
(Berl.  1919).  —  Bild  s.  Bd.  U  bei  S.  53.

Fock,.  Gorch,  Kriegsdichter  (eigtl.  Hans  Kinau),
geb.  1880  in  Finkenwärder,  gefallen  am  Skagerrak
31.  Mai  1916,  Verfasser  von  plattdeutschen  See-  und
Fischergeschichten  sowie  des  Romans  Seefahrt  ist
notle,  wurde  durch  den  Krieg  auch  zum  plattdeutschen
Lyriker  und  schuf  das  volkstümliche  Gedicht  von  der
"dicken  Berta  .  Er  veröffentlichte:  „John  Bull,  John
Bulli.,-=  Uns  Mariners=  (beide  Hamb.  1914),-Opem,
Jungs!,.  Zeppelin  kummt!.  (beide  das.  1915);  aus
dem  Nachlaß  Sterne  überm  Meer,  Tagebuchblätter
und  Gedichte  (mit  Lebensbeschreibung,  das.  1917).

Foesani  (Fokschani),  rumän.  Stadt  in  der  Moldau,
  am  Milkow,  Mittelpunkt  der  Befestigungen  der
Serethlinie.  Vom  7.—10.  Jan.  1917  erkämpfte  die
deutsche  9.  Armee  (Falkenhayn)  das  untere  Serethufer
  in  50  km  Breite,  wobei  die  russ.-rumän.  Front
eingerissen  und  F.  eingenommen  wurde.  Mackensens
Durchbruchsversuche  durch  die  russ.  Moldaufron:
nördl.  und  nordwestl.  von  F.  (7.—17.  Aug.  1917)
wurden  durch  Gegenstöße  Tscherbatscheffs  verhindert,
so  daß  die  Rumänen  Zeit  zum  Rückzug  fanden.

Fogaras,  ungar.  Stadt  an  der  Aluta,  wurde  14.
Sept.  1916  von  den  Rumänen  genommen,  5.  Oli.

eräumt.  Das  F.er  Gebirge  war  Sept.  u.  Okt.  1916
auplatz  —  Kämpfe;  vgl.  Bd.  II,  S.  227f.
okker-Eindecker,  s.  :  Der  Luftkrieg-,  S.  160.
olgaria,  Dorf  in  Südtirol,  s.  Vielgereuth.
olina,  ital.  Dorf  am  rechten  Piaveufer,  wo  Boroe
  vic  16.  und  17.  Nov.  1917  vergebliche  und  verluslreiche
  übersngpversuche  machte.

„Formidable-,  engl.  Linienschiff,  15  240  t,  f.

Bd.  L,  S.  257.
        <pb n="263" />
        Fortschrittliche  Volkspartei  —  Frankreich

Fortschrittliche  Volkspartei.  Die  Reichstagsscaktion
  der  F.u  V.  erklärte  Aug.  1915,  sie  halte  es  für
unbedingt  geboten,  das  Reich  durch  militärische  und
wirtschaftliche  Maßnahmen  wie  durch  notwendige  Gebietserweiterungen
  für  die  Zukunft  zu  sichern  und
für  den  Fraedüchen  Wettstreit  der  Bölker  Bedingungen
zu  schaffen,  die  die  Entfaltung  der  vollen  Kraft  des
deutschen  Volkes  gewährleisten.  Am  19.  Juli  1917
trat  die  F.  V.  der  Juliresolution  (s.  d.)  des  Reichstags
bei  und  bildete  mit  Zentrum  und  Sozialdemokratie
die  Reichstagsmehrheit,  die  seitdem  die  Regierung  beherrschte.
  Der  Abg.  v.  Payer  von  der  F.  u  V.  wurde
2.  Nov.  Vizekanzler.  Nach  der  Revolution  ging  die
F.  V.  in  der  Deutschen  demokratischen  Partei  auf.

Vossalta  di  Piave,  ital.  Ort  in  der  Provinz  Benedig-
  nahe  dem  Piave,  war  16.  Juni  1918  übergangseines
  Teiles  der  österr.-ungar.  Armee  Wurm
und  17.—22.  Juni  Schauplatz  wechselvoller  Kämpfe.

öotscha,  Stadt  in  Bosnien,  s.  Fota.
onreaug-Wald,  Juli  1916  in  der  Sommeschlacht
  heiß  umkämpft;  vgl.  Bd.  II,  S.  216.

Fourie,  Josef  Johannes,  Burenkommandant,
Oberleutnant,  nahm  am  Aufstand  der  Buren  gegen
die  Engländer  1914  teil,  wegen  Landesverrats  zum
Tode  verurteilt  und  91.  Dez.  1914  erschossen.

Fäurust.  dArtige,  franz.  Admiral,  s.  Artige.

auchet  d''Esperey,  Louis  Félix,  franz.  General,
  geb.  1850  in  Lons-le=  Saunier,  1908  Brig.-,
1911  Div.-General,  bei  Kriegsausbruch  Führer  des
1.  Korps  in  Lille,  befehligte  die  5.  Armee  in  der  Marneschlacht
  und  kämpfte  in  Frankreich  bis  zu  seiner  Ernennung
  zum  Oberbefehlshaber  der  Orientarmee  in
Saloniki  Juni  1918.  F.  leitete  die  Offensive  gegen
die  bulgar.  Front  (Sept.  1918),  schloß  den  Waffenstillstand
  mit  Bulgarien,  später  mit  Ungarn,  zog
1.  Nov.  1918  in  Belgrad  ein  und  wurde  Oberbefehlshaber
  der  alliierten  Truppen  gegen  die  füdrussischen
und  ungarischen  Kommunisten.  Mai  1919  wurde  er
nach  Odessa  geschickt.

ancçois,  Hermann  von,  preuß.  General,  geb.
31.  Jan.  1856  in  Luxemburg,  1901  Chef  des  Generalstabes
  des  4.  A.-K.,  1903  Oberst,  1911  Generalleutnant,
1918  Kommandcurdes  1.  A.-K.,  zu  Beginn  des  Krieges
Führer  der  ostpreuß.  Grenztruppen,  in  der  Schlacht
bei  Tannenberg  des  rechten  Flügels  der  Armee  Hindenburg,
  Okt.  der  8.  Armee,  Febr.  1915  als  Führer  des
41.  Res.-Korps  an  der  Abwehr  der  franz.  Durchbruchsversuche,
  April  am  Durchbruch  bei  Gorlice-Tarnow
beteiligt,  eroberte  2.  Mai  Gorlice  und  bezwang  die
Nordfront  von  Przemyysl,  in  das  er  3.  Juni  einzog.
1916—18  war  F.  als  Kommandeur  des  7.  A.-K.  Führer
  des  Abschnitts  an  der  Maas  westlich  von  Verdun
(Kämpfe  um  den  „Toten  Mann=  und  die  Höhe  304).
F.  schrieb:  „Zusammenbruch  großer  Heere=  (Berl.
1919).  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  194.

Franuc  Port,  Ort  im  franz.  Dep.  Oise,  bei  Compiègne,
  wo  11.  Nov.  1918  die  Waffenruhe  zwischen
Deutschland  und  der  Entente  abgeschlossen  wurde.

Fraunk,  Liborius,  Ritter  von,  österr.-ungar.
General,  geb.  5.  Okt.  1848  in  Spalato  (Dalmatien),
1892  Oberst,  1903  Feldmarschalleutnant,  1908  Feldzeugmeister
  und  komm.  General  des  7.  Korps  (Temes-—
  1910  Armeeinspektor,  bei  Kriegsausbruch  Führer
der  5.  Armee  an  der  Drinafront,  nahm  2.  Nov.  1914
Schabatz  im  Sturm,  zog  2.  Dez.  in  Belgrad  ein,  das
**  14.  Dez.  wieder  geräumt  wurde.  Unmittelbar

arauf  wurde  F.  seines  Kommandos  enthoben.

Franke,  deutscher  Offizier,  1888  Leutnan,,  seit  1896

233

in  der  Schutztruppe  für  Deutsch-Südwestafrika,  1913
deren  Komm.,  1915  Oberstleutn.—  Bild  s.  bei  S.  215.
Frankreich.  Die  franz.  Politik  vor  dem  Kriege
(vgl.  Bd.  I,  S.  96  ff.  u.  Bd.  II,  S.  325  u.  327)  war.
ebenso  wie  besonders  im  Kriege  selbst,  auf  die  =  Revanche«
  eingestellt;  die  seit  1900  mit  dem  neuen  F.=sich
  verbindende  „Neorevanche  war  die  Mache  weniger
  machtgleriger  Politiker.  Sie  stellten  die  panlateinische
  Lehre  Barres',  die  Glut  des  Neukatholizismus,
  der  die  bonne  Lorraine,  die  bis  dahin  als
hysterisch  verschriene  Jungfrau  von  Orleans,  wieder
in  den  Mittelpunkt  der  Verehrung,  die  Ideen  von  der
französischen  „Kulturmission,  von  der  rnatürlichen
Grenze-,  der  ehistorischen  Grenze-,  vom  politischen
Gleichgewicht-,  vom  Plebiszit  (das  1871  in  Elsaß-Lothringen
  nicht  angerufen  worden  sei)  in  den  Dienst
ihrer  skrupellosen  Parteipolitik,  deren  erstes  Ziel  die
Vernichtung  des  mit  dem  Sndikaligmus  verbündeten
Pazifizismus  und  deren  zweites  Ziel  der-Krieg  war.
Poincaré  und  Delcassé  führten  hüben,  Jaures  und
Caillaux  drüben.  Jaures  starb  durch  die  Kugel  eines
Fanatikers  (31.  Juli  1914;,  sein  Mörder,  Villain,  wurde
80.  März  1919  freigeprocheng,  Caillaux  ging,  als  Defaitist
  verfolgt,  ins  Gefängnis,  ihre  Anhänger  aber  erlagen
  zum  großen  Teil  der  Psychose  der  »nationalen
Einheite,  der  nationalen  Sammlung-  s  sacre).
So  erwuchs  aus  Haß  u.  Liebe  eine  Geistesverfassung,
die  jede  Verständigung  ausschloß,  jede  Selbstbesinnung
ertötete  u.  jeden  =  Defaitismus  als  Verrat  verfolgte.
Der  Eintritt  der  breiten  Massen  in  den  Krieg  war
zögemnd:  erst  die  furchtbare  Gefahr,  die  in  den  Tagen
t  Marneschlacht  Sept.  1914  erstand,  ließ  in  der  Nation
  den  Entschluß  zur  Hingabe  ans  Ganze  reifen.  Die
Kammerwahlen  vom  26.  April  1914  waren  ein  Erfol
der  Radikalen  gewesen,  die  23  Sitze  gewannen.  Au#
das  Kabineit  Doumergue  war  4.  Juni  1914  ein  Kabinett
  Ribot  gefolgt,  13.  Juni  ein  Kabinett  Biviani,
das  sich  am  3.  Aug.  unter  dem  Eindruck  des  Kriegsbeginnes
  in  ein  Konzentrationskabinette  umwandelie.
General  Joffre  wurde  Generalissimus  der  Armeen  in
Frankreich.—  Die  öffentliche  Meinung  war  vor  allem
b  cht  von  dem  Streit  um  die  Einführung  der  dreijährigen
  Dienstzeit;  noch  am  7.  Juli  wurde  in  der  Deputiertenkammer
  die  Wiedereinführung  der  zweijähr.
Dienstzeit  beantragt,  und  Senator  hundert  griff  am
selben  Tage  in  aufsehenerregenden  Enthüllungen  die
schlechte  Rüstung  des  Staales  an.  Die  unglückliche
Einleitung  des  Feldzugs  erhöhte  zunächst  noch  die  allgemeine
  Nervosität.  Das  am  26.  Aug.  neugebildete
abinett  Viviani  verlegte  am  3.  Sept.  den  Sitz  der
Regierung  nach  Bordeaux,  von  wo  sie  erst  am  8.  Dez.
noh  Paris  zurückkehrte.  Die  Sozialisten  spalteten
sich  am  5.  Sept.  bereits  in  zwei  Gruppen,  als  sich  die
Syndikalisten  gegen  die  von  Guesde  geforderte  Massen.
erhebung  wider  den  Feind  aussprachen.  Nach  dem
Rückzug  der  Deutschen  von  der  Marne  an  die  Aisne
vollsog  sich  allmählich  jene  nationale  Sammlung,  die
bis  Kriegsende  die  französische  Nation  zusammenhielt.
Auch  das  Jahr  1915  brachte  mehrfache  Ministerwechsel.
  Wegen  Meinungsverschiedenheiten  mit  dem
Ministerrat  trat  am  12.  Okt.  der  Minister  des  Auswärtigen,
  Delcassé,  zurück;  obwohl  das  Ministerium
Viviani  nach  einer  Interpellation  hierüber  die  Kammermehrheit
  für  sich  hatte,  machte  es  doch  am  29.Okt.
einem  Kabinett  Briand  Platz.  Das  vielgeschmähte
Eiserne  Kreuz  wurde  durch  Stiftung  eines  Kriegskreuzes
  nachgeahmt;  außerdem  wurde  für  die  entlassenen
  Mannschaften  23.  Sept.  eine  Kriegsdenk-
        <pb n="264" />
        234

mũnze«  gestiftet.  Am  3.Dez.  1915  wurde  Joffre  zum
Generalissimus=  aller  nationalen  franz.  Armeen  ernannt.
  Gegen  Jahresende  fanden  eine  ganze  Reihe
von  engl.-franz.  Konferenzen  auf  franz.  Boden  statt.

Im  Hennar  1916  wurde  die  Pariser  Ententediplomatie
  zu  einer  dauernden  Konferenz  unter  Leitung
F.s  zur  gemeinsamen  Beratung  der  Außenpolitik  zusammengefastt.
  Vom  10.—12.  Febr.  weilte  Briand
in  Nom,  um  eine  engere  Zusammenarbeit  mit  Italien
zu  erreichen,  hatte  aber  keinen  Erfolg.  Am  12.  März
tagte  ein  Kriegsrat  der  Entente  im  franz.  Hauptquartier,
  und  es  folgte  26.—28.  März  die  große
Pariser  Ententekonferenz.  Vom  27.—29.  April
tagte  die  zweite  interparlamentarische  Entente-Wirtschaftskonferenz
  (Rußland  und  Japan  waren  nicht
vertreten)  und  am  14.—17.  Juni  die  Pariser
Wirtschaftskonferenz,  auf  der  sämtliche  alliierten
Staaten  vertreten  waren;  der  franz.  Ministerrat  trat
den  Beschlüssen  dieser  Konferenz  am  27.  Juni  bei.
Weitere  Ententekonferenzen  auf  franz.  Boden  führten
dem  leicht  zu  beeindruckenden  Volk  vor  Augen,  daß  F.
die  Seele  der  Entente  war.  Als  die  Anforderungen
an  das  Menschenmaterial  enorm  stiegen,  wurde  ein
militärischer  Vorbereitungsdienst  der  Sechzehnjährigen
eingeführt  (Mai  1916),  im  Dez.  ein  Gesetz  über  die
Mobilisierung  der  Zivilisten  nach  dem  Beispiel  des
deutschen  Hilfsdienstgesetzes  eingebracht.  Die  Erbitterung
  gegen  den  Feind  wuchs  angesichts  dieser
Lasten  ins  Ungemessene,  und  die  Opposition  in  der
Kammer  stieg  auf  160  Stimmen.  Angesichts  dieser
Mißstimmung  trat  das  Kabinett  zurück  und  bildete
sich  am  12.  Dez.  unter  Briand  (Lorit  u.  Außeres)
neu.  Auch  Joffre  wurde  13.  Dez.  von  seinem  Posten
als  Generalissimus  enthoben  und  Nivelle  mit  dem
Kommando  über  die  Nord-  und  Ostfront  betraut,  der
Oberbefehl  aufgelöst.  Für  die  Kriegswirtschaft
wurde  der  gesamte  Schiffsraum  beschlagnahmt;  Einfuhrverbote
  u.  Höchstpreise  wurden  erlassen  sowie  ein
Zentralverpflegungsamt  errichtet.  Der  Bestreitung
des  sich  dauernd  erhöhenden  Zinsendienstes  dienten
Kriegsgewinnsteuer,  Kriegssteuer  für  Nichtmobilisierte,
Erhöhung  der  Posttaxe,  der  Konzert-,  Theater=  und
Kinosteuer,  der  Tabakpreise,  der  Einkommen-,  Mobiliar-,
  Wein.,  Most=  u.  Biersteuer  sowie  neue  Hunde-,
Kaffee-,  Tee=  und  Gewersstenern

Da  die  wichtigsten  Kohlenbezirke  in  den  Händen
der  Deutschen  waren  und  die  engl.  Einfuhr  außerordentlich
  zurückging  und  zudem  ungeheuer  im  Preise
stieg,  ergingen  Febr.  1917  durchgreifende  Maßnahmen
in  der  Bewirtschaftung  der  Kohlen.  Am  4.  April
wurden  sämtliche  requirierten  Fabriken  unter  die
Kontrolle  des  Munitionsministers  gestellt  und  die
Abgabe  von  10  bis  zu  60  Proz.  ihrer  Gewinne  an  den
Staat  verordnet.  Nach  jahrelangem  Kampf  erteilte
am  11.  Mai  der  Senat  endlich  der  seit  1907  umsstrittenen
  Finanzreform  Caillaux  ihre  Zustimmung,
durch  die,  unter  Wegfall  der  Personen.,  Möbel-,  Türund
  Fenstersteuer  (Zustimmung  der  Kammer  hierzu
am  16.  Juli;  durchgeführt  unterm  1.  Jan.  1918),
eine  Einkommensteuer  eingeführt  wurde  (560—80proz.
Kriegsgewinnsteuer,  Erbschaftssteuer,  Schenkungssteuer,
  Quittungs-  u.  Luxussteuer).  Angesichts  der
Kriegskosten  erteilte  der  Senat  am  31.  Mai  seine  Zustimmung
  zu  einer  öproz.  Sondersteuer  auf  außerordentliche
  Kriegsgewinne.  Am  30.  Sept.  wurde  die
Einführung  einer  Kontrolle  der  Handelsflotte  angeordnet.
  Nach  langen  Verhandlungen  kam  am  5.  Sept.
ein  Wirtschaftsabkommen  mit  der  Schweiz  zustande.

Frankreich

Dem  großen  Mannschaftsmangel  aufzuhelfeu
diente  eine  am  4.  Febr.  1917  beschlossene  neue  Durchmusterung
  u.  vor  allem  die  Durchführung  des  vaterländischen
  Hilfsdienstes  am  14.  Febr.  Anläßlich  einer
Interpellation  über  den  Flugdienst  trat  am  14.  März
Lyautey  als  Kriegeminister  zurück;  da  sich  kein  Nachfolger
  für  sein  Amt  fand,  demissionierte  am  17.  das
ganze  Kabinett,  u.  Ribot  bildete  unter  Hinzuziehung

er  Opposition  ein  =  Ministerium  der  patriotischen
Vereinigunge.  Am  27.  Märzstimmte  die  Deputiertenkammer,
  am  30.  März  der  Senat  der  Einstellung  des
Jahrgangs  1918  zu.  Die  Rivalität  zwischen  Generalstab
  und  Kriegsministerium  wurde  am  12.  Mai  durch
eine  Neuabgrenzung  ihrer  Kompetenzen  beseitigt.  An
Stelle  des  -Blutsäufers  (buveur  de  sang)  Nivelle
wurde  am  16.  April  Peétain  mit  dem  Oberbefehl  betraut,
  sein  Stabschef  wurde  am  28.  Juni  Vidalen:
Foch  wurde  Generalstabschef  des  Kriegsministers.  Die
Errichtung  einer  poln.  Armee  unter  General  Haller
in  F.  am  4.  Juni  verfolgte  wohl  mehr  politische  als
militärische  Zwecke.  Am  29.  Juniforderte  die  Kammer
die  Abordnung  von  je  drei  Abgeordneten  zu  jeder
Armee  als  parlamentarische  Kontrollkommission.  —
Es  machte  sich  eine  große  Kriegsmüdigkeit  breit.
deren  Bekämpfung  u.  Niederhaltung  die  ganze  brutale
Energie  der  Leute  um  Poincaré  erforderte.  Am  19.
Jan.  spaltete  sich  die  soz.  Partei  endgültig  in  die  der
Revancheidee  anhängenden  Kriegsverlängerer  und  die
friedensfreundlichen  Syndikalisten.  Daß  die  soz.  Partei
  dann  am  7.  Mai  beschloss,  die  internationale  soz.
Konferenz  in  Stockholm  nicht  zu  besuchen,  kounte
nicht  über  die  Tatsache  einer  erfolgreichen  Friedensdrop
  aganda  hinwegtäuschen.  Ein  Gesetzentwurf,

er  sie  mit  Stumpf  und  Stiel  ausrotten  sollte,  wurde
dann  auch  am  26.  Junieingebracht.  Gleichzeitig  schritt
die  Regierung  zur  Tat  und  ließ  den  Direktkor  des
friedensfreundlichen  „Bonnet  rouge,  Almereyda,
verhaften;  sein  rätselhafter  Tod  im  Gefängnis  am  14.
Aug.  brachte  den  Minister  des  Innern  Malvy  in  den
Verdacht,  die  Ermordung  veranlaßt  zu  haben,  um
einen  unangenehmen  Zeugen  loszuwerden;  Malvy
trat  darauf  am  1.  Sept.  zurück,  worauf  das  ganze
Kabinett  Ribot  am  7.  Sept.  demissionierte.  Da  Ribot
mit  den  Sozialisten  nicht  unter  einen  Hut  kommen
konnte,  bildete  Painlev  am  12.  Sept.  ein  Ministerium
  ohne  deren  Hilfe.  Elf  Unterstaatssekretäre
wurden  ernannt  und  ein  Kriegskomitee  eingesetzt.
Am  1.  Okt.  wurde  Bolo  Pascha  verhaftet,  weil  er  nach
amerikan.  Mitteilung  1916  von  der  Deutschen  Bank
1,6  Mill.  Dollar  achalten  hatie.  Am  16.  Okt.  interpellierte
  die  Kammer  über  den  Fall  Malvy;  das  Kabinett
  demissionierte,  Poincaré  lehnte  aber  ab,  nur
Ribot  machte  am  23.  Okt.  einem  neuen  Minister  des
Außern,  Barthou,  Platz.  Am  10.  Okt.  wurde  der  Präsident
  des  Appellationsgerichtshofes  Monnier  seines
Amtes  entsetzt,  weil  er  für  Bolo  eingetreten  war.
Am  13.  Nov.  lehnte  die  Kammer  nun  Painlevés  Ersuchen
  um  Verschiebung  einer  Interpellation  über  die
Politik  der  Regierung  ab,  worauf  er  endgültig  zurücktrat.
  Der  »alie  Tigere  Clemenceau  übernahm  als
Kriegsminister  die  Neubildung  des  Kabinetts.  Am
29.  Nov.  verwies  die  Kammer  Malvy  vor  einen  Ausnahmestaatsgerichtshof.
  —  Die  Ententebeziehungen
F.s  wurden  1917  in  erster  Linie  durch  den  Beitritt
der  Ver.  Staaten  von  Nordamerika  bestimmt;  sie  als
neue  Verbündete  zu  begrüßen,  wurde  April  eine  aus
Viviani,  Joffre  usw.  bestehende  außerordentl.  Gesandtschaft
  entsandt.  Nach  weiteren  Ententekonferenzen
        <pb n="265" />
        Frankreich  —

wurde  Nov.  ein  Oberster  Kriegsrat  der  Entente
(Versailles)  und  ein  Ententeflottenrat  errichtet.

Das  letzte  Kriegsjahr  brachte  F.  durch  die  deutsche
Offensive  noch  einmal  an  den  Rand  des  Abgrundes;
dennoch  gelang  es  der  rücksichtslosen  Energie  Clemenceaus,
  alles  „Blöken  nach  Friedene,  wie  er  es  nannte
(9.  März),  zu  ersticken:  Malvy  wurde  verbannt  (7.
Aug.),  Caillaux  ins  Gefängnis  gebracht  (14.  Jan.
1918),  Bolo  Pascha  wegen  Kriegsverrats  am  5.  Febr.,
der  Leiter  des  „Bonnet  rouge  ,  Duval,  am  15.  Juli
erschossen.  In  der  soz.  Partei  gewann  im  Juli  Marx'
Schwiegersohn  Longuet  die  Mehrheit  vor  dem  Sozialpatrioten
  Renaudel.  Dennoch  steigerte  sich  die  defaitistische
  Stimmung  keineswegs  bis  zum  Verzicht  oder
gar  zu  bolschewistischen  Neigungen;  in  erster  Linie
dankle  das  F.  dem  glühenden  Patriotismus  seines
Volkes,  sodann  der  bestimmten  Hoffnung  auf  die  ausĩ
  chlahgebende  Wirkung  der  amerikan  Hilfe,  nicht  zuletzt
aber  der  Ernährungslage,  die  wesentlich  günstiger  war
als  in  Deutschland;  war  doch  die  Brotkarte  allgemein
nur  1.  Juni  bis  20.  Juli  1918,  also  7  Wochen,  eingeführt.
  Die  Zusammenfassung  der  gesamten  Ernährungsorganisation
  aller  Ententeländer  in  einem
Londoner  Zentralrat  (24.  Juli)  wirkte  hierbei  wesentlich
  mit.  Die  plötzliche  Wandlung  der  Kriegslage  im
Aug.  und  der  siegreiche  Ausgang  des  Krieges  im  Nov.
gaben  den  Revancharden  die  Oberhand;  Fochs  Rachewille
  triumphierte  in  Spa  und  Clemenceaus  Vernichtungswille
  in  Versailles.  Der  Verständigungswunsch
  der  Sozialisten,  wie  er  vor  allem  am  1.  Mai
1919  in  Paris  hervortrat,  wurde  brutal  unterdrückt.

Sofort  wurde  nach  dem  Waffenstillstand  Elsaß-Lothringen
  besetzt  und  am  1.  Febr.  1919  in  das  franz.
Zollgebiet  einbezogen.  Die  sozialen  Kämpfe  erreichten
in  Riesenstreiks  Anfang  Juni  ihren  Höhepunkt,  ohne
daß  die  Macht  der  Regierung  geschwächt  wurde;  zunächst
  wurde  nur  der  achtstündige  Arbeitstag  für  Bergleute
  erreicht  (11.  Juni),  die  geforderte  Amnestie  und
die  Demobilisation  dagegen  wurde  dauernd  hinausgeschoben.
  F.  verpflichtete  sich  durch  Vertrag  vom  28.
*  1919  England  und  Amerika  zur  Hilfeleistung  im
Falle  eines  deutschen  Angriffs,  verbündete  sich  Belgien
in  einer  Militärkonvention,  erreichte  die  Nufblürdung
der  Kosten  des  Wiederaufbaus  auf  Deutschland  un
gewann  außer  Elsaß-Lothringen  die  Vorherrschaft  im
ganzen  linksrheinischen  Deusschiand.  Die  Deputiertenkammer
  nahm  das  Wahlgesetz  in  der  vom  Senat
beschlossenen  Fassung  am  8.  Juli  endgültig  an  (Listenwahl;:
  Proportionalwahl,  wo  keine  absolute  Mehrheit
erreicht  ist).  Die  Neuwahlen  am  16.  Nov.  unter  Mitbeteiligung
  Elsaß-Lothringens  brachten  Clemenceau
einen  vollen  Sieg.  C.  Überschätzte  jedoch  seine  Macht
und  begann  eine  Propaganda  für  Machtvermehrung
des  Präsidenten.  Seine  Präsidentschaftskandidatur
mußte  er  als  aussichtslos  zurückziehen;  statt  seiner
wurde  am  17.  Jan.  1920  der  Kammerpräs.  Deschanel
zum  Präs.  der  Republik  für  1920—27  gewählt.  Dieser
ernannte  Millerand  zum  Ministerpräs.  u.  trat  am  18.
Febr.  sein  Amt  an.  Expräs.  Poincaré  wurde  Präsident
der  Wiedergutmachungskommission.  —  F.  verlor  im
Weltkriege  1385.000  Tote  (=  3,  8  Proz.  der  Bevölkerung),
  die  Geburtenziffer  sank  gleichseteg  um  etwa  40
Proz.  —  F.s  Kriegsausgaben  bis  1.  April  1919  betrugen
  180,  die  franz.  Staatsschuld  Ende  1918:  177½,
das  Nachkriegsbudget  weitere  18  Milliarden  Fr.

Vgl.  K.  Nötzel,  Der  französische  und  der  deutsche
Geist  (Jena  1916);  J.  Kühn,  Französische  Kulturträger
  im  Dienste  der  Völkerverhetzung  (das.  1917);

Franz  Josef  I.  235

Ders.,  Die  Kriegsziele  der  französischen  Bourgeeisie
in  Mitteleuropa  (Berl.  1918);  „Législation  de  la
nerre  de  1914.  (Par.  1915  ff.);  P.  Rühlmann,
ie  französische  Schule  u.  der  Weltkrieg  (Leipz.  1918);
Curth  u.  Wehberg,  Der  Wirtschaftskrieg  (Jena
1918,  4.  Abt.);  G.  Hanotaux,  Histoire  Ulustrée
de  la  Guerrede  1914  (Par.  1914  ff.);  A.  Schulte,
F.  und  das  linke  Rheinufer  (2.  Aufl.,  Stuttg.  1918).
Franktireurs  (Francs-tireurs),  .Bd.  I.  S.446  ff.
Gegen  das  Treiben  der  (unorganisierten)  F.  mußten
scharfe  „Repressalienz  angewendet  werden:  Ortschaften,
  in  denen  Feindseligkeiten  gegen  deutsche
Truppen,  Transporte,  Eisenbahnen,  Feldposten  usw.
vorkamen,  wurden  boftbflichtg  gemacht,  mit  Kontributionen
  belegt,  Gehöfte,  aus  denen  geschossen  wurde,
eingeäschert,  und  angesehene  Bürger  als  Geiseln  festgenommen
  ;  ferner  wurden  die  Einwohner  entwaffnet.
er  Verkehr  unterbunden,  die  Arbeitslosigkeit  durch
gut  entlohnte)  Beschästigung  (Straßenerhaltung,
iederherstellung  von  zerstörten  Bauwerken,  Aus=  u.
Aufforstungen)  unterdrückt  usw.  —  In  einem  Weißbuch
  legte  die  deutsche  Regierung  am  20.  Mai  1915
Krobsst  gegen  das  Franktireurwesen  ein.  Danach  hat
die  belgische  Zivilbevölkerung  in  zahlreichen  Orten  der
Provinzen  Lüttich,  Namur,  Heuse  au,  Brabant,  Ostund
  Westflandern  gegen  die  deuischen  Truppen  gekämpft,
  namentlich  in  Aerschot,  Andenne,  Dinant,  Löwen
  u.  Orchies,  die  zum  größten  Teil  zerstört  wurden.
Um  sich  der  Verantwortung  zu  entziehen,  stellte  die
belgische  Regierung  den  Volksaufruhr  als  die  Folge
der  von  den  deutstzen  Truppen  angeblich  verübten
Grausamkeiten  hin,  zu  deren  Feststellung  sie  eine  Kommission
  einsetzte,  die  auf  diplomatischem  Wege  eine
„  Greuelhetzegegen  das  deutsche  Heer  ins  Werk  setzte.
Franz  Ferdinand,  Erzherzog  von  Österreich,
  österr.  Thronfolger,  geb.  18.  Dez.  1863  in
Graz,  1894  General,  vermählte  sich  1.  Juli  1900  mit
der  zur  Fürstin  von  Hohenberg  erhobenen  Gräfin
Sophie  Chotek  (geb.  1.  März  1868),  mußte  aber  für
seine  Nachkommen  auf  die  Herrscherwürde  verzichten.
1913wurde  er  Generalinspektor  der  bewaffneten  Macht
OÖsterreich-Ungarns.  Seine  und  seiner  Gemahlin
Ermordung  am  28.  Juni  1914  in  Sarajewo  (s.  d.)
gzo  den  Anstoß  zu  dem  österr.  serb.  Konflikt,  der  den
eltkrieg  heraufbeschwor.

Franz  Josef  I.  Karl,  geb.  18.  Aug.  1830  in
Wien,  gest.  21.  Nov.  1916,  1648  vollährig  und
Kaiser  von  Österreich  und  apostolischer  König
von  Ungarn  und  Böhmen,  hatte  nach  Niederwerfung
  des  ungar.  Aufstandes  und  Erlassung  der  oktroierten

  Verfassunge  zunächst  eine  ruhige  Regierung.

ann  kamen  1859  der  Krieg  Frankreichs  und  Sardiniens
  gegen  Osterreich,  1864  der  Krieg  Osterreichs
und  Preußens  gegen  Dänemark,  der  Krieg  von  1866
auf  dem  böhm.  und  ital.  Kriegsschauplatz  und  die
militärische  Besetzung  Bosniens  und  der  Herzegowina
1878.  Seit  1879  war  die  auswärtige  Politik  bestimmt
  durch  das  Bündnis  mit  Deutschland,  dem  sich
auch  Italien  anschloß  (Dreibund).  Im  Innern  erfolgten
  bedeutsame  Wendepunkte:  Aufhebung  der

erfassung  (August  1851),  Erlassung  des  Okloberdiploms
  (20.  Okt.  1860)  und  des  Februarpatents  (26.
Febr.  1861),  durch  die  eine  Gesamtstaatsverfassung
eingeführt  wurde,  die,  20.  Sept.  1865  sistiert,  nach
der  Krönung  F.  J.s  zum  König  von  Ungarn  (8.  Juni
1867)  durch  die  Staatsgrundgesetze  (21.  Dez.  1867)
in  liberalem  Sinne  erneuert  wurde,  ferner  die  Aufhebung
  des  Konkordats  (1870),  sodann  neue  Kirchen-
        <pb n="266" />
        236

gelsetze.  und  der  Ausgleich  mit  Ungarn  und  schließlich
die  Taaffesche  Ara  1879—93.  Harte  Schläge  für  F.
J  waren  der  Tod  des  Kronprinzen  Rudolf,  die  Erdolchung
  der  Kaiserin  (10.Sept.  1898  in  Genf),  der  Verlust
  mehrerer  Familienmitglieder,  zuletzt  die  Ermordung
  des  Erzherzog-Thronfolgers  Franz  Ferdinand
und  von  dessen  Gemahlin  (28.  Juni  1914),  die  zum
Weltkrieg  führte,  sowie  Hchwerr  innere  Krisen  in  dkerreich
  und  in  Ungarn.  Am  28.  Juli  1914,  dem  Tage
der  Kriegserklärung  Osterreichs  an  Serbien,  erließ  8
J.  einen  Aufruf,  in  dem  er  die  Völler  seines  Reiches
angesichts  der  slawischen  Gefahr  zur  Eintracht  ermahnte;
  den  Treubruch  Italiens  kennzeichnete  er  in
einer  Kundgebung  vom  23.  Mai  1915.  Vgl.  Emmer,
60  Jahre  auf  Habsburgs  Throne  (Wien  1908,2  Bde.);
Arno  Schneider,  Kaiser  F.  J.  I.  (das.  1908).  —
Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  22.
Französisch-AUgnatorialafrika.  Die  Farbigen
aus  F.  wurden  durch  Erlaß  vom  18.  Dez.  1914  zum
Heeresdienst  eingezogen;  vgl.  Naturvölker.
Französisch-Ginterindien.  Die  erpnziesi
der  Farbigen  seit  dem  18.  Dez.  1914  zum  Dienst  an
der  Front  in  Frankreich  rief  eine  andauernde  Gärung
im  Lande  hervor,  die  im  Frühjahr  1915  zur  Verhängung
  des  Belagerungszuftandes  über  Tongking
und  Kotschinchina  führte.  Vgl.  Naturvölker.
Französisch-Westafrika.  Der  Versuch,  Ende
1915  gegen  50000  Mann  zu  rekrutieren,  führte  zu
schweren  Unruhen,  die  erstnach  sechsmonatigem  hartem
Kampf  niedergeschlagen  werden  konnten.
Frauendank.  Unter  dem  Namen  Kriegsspende
deutscher  Frauen=  vereinigten  sich  Februar  1916  etwa
16000  beutscher  Frauenvereine  jeder  Art,  um  in  Angliederung
  an  die  Organisationen  der  Kriegsbeschädigbenfürsorce
  diefinanz.  Unterstützung  d.  Frauen  u.  Kinder
  von  Gefallenen  u.  Kriegsbeschädigten  zu  fördern,
wozu  sich  in  ganz  Deutschland  Landes.,  Provinzialund
  Ortsausschüsse  bildeten.  Ein  in  Sachsen  gegr.  F.
1914  befaßte  sich  bes.  mit  der  Kriegersiedlung  in  Zusammenarbeit
  mit  dem  Heimatdank  (77  Ortsgruppen
mit  50000  Mitgl.  u.  220000  Mk.  Jahresbeiträgen).
Prnenpen  s.  Nationaler  Frauendienst.
ranenfrage.  über  die  zur  F.  gehörigen  Probleme,
  besonders  soweit  sie  Deulschland  betreffen,  sowie
  über  einschlägige  Literatur  s.  Bd.  II,  S.  344ff.;
vgl.  auch  Frauenstädium  und  Frauenwahlrecht.
„Frauenlob-,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  sank  in
der  Seeschlacht  am  Skagerrak,  vgl.  Bd.  II,  S.  252.
Frauenstudium.  Das  F.  hat  im  Kriege  in  ganz
bedeutendem  Maße  zugenommen.  Im  Sommer  1917
betrug  die  Zahl  der  Frauen  an  deutschen  Universitäten
6204  Studierende  (bei  58774  männlichen,  von  denen
ch  aber  46790  beim  Hcere  befanden),  im  Sommermester
  1919  betrug  die  Zahl  7946  Studierende  und
1454  Hörerinnen  (männlich:  79  119  bzw.  9670).
Frauentwahlrecht.  Das  F.  machte  in  verschiedenen
  Staaten  im  Kriege  bedeutende  Fortschritte.
In  Dänemark  wählten  die  Frauen  1915  zum  erstenmal
  zum  Storthing  mit.  In  England  wurde  das
F.  1918  eingeführt;  hier  erhielten  6  Mill.  Frauen
das  Stimmrecht.  In  Deutschland  wurde  das  F.
in  der  Revolution  bei  den  Wahlen  zu  den  Verfassunggebenden
  Versammlungen  des  Reiches  u.  der  Einzelstaaten
  eingeführt,  ebenso  in  Rußland,  Deutschösterreich
  u.  Ungarn;  in  Frankreich  wurde  es  von
der  Senatskommission  am  19.  Juli  1919  verworfen.
Frethalean.  s.  Luftballon.  l(gerangriffe  s.  Baden.
reiburg  i.  B.,  bad.  Kreisstadt.  über  feindl.  Flie-Deut



Französisch-Aquatorialafrika  —  Frenzela

Freie  Bahn  dem  Tüchtigen,  vom  Reichskanzler
v.  Bethmann  Hollweg  am  28.  Sept.  1916  im  Reichs
tag  gerügtes  Schlagwort.

Freie  Vaterländische  Vereinigung,  28.  Febr.
1915  von  versch.  Parteien  und  Ständen  in  Berlin
gear  Vereinigung  (Vors.:  Prof.  Kahl  u.  Geh.  Komm.=at

  Borsig)  zur  Erhallung  der  durch  den  Krieg  erwachsenen
  inneren  Einheit  des  deutschen  Volkes.

Freiheit-,  1918  in  Berlin  gegr.  nabhängige
sozialdem.  Zeitung,  offiz.  Parteiorgan  der  U.  S.  P.  D.

reiheitsanleihe,  Name  der  ersten  amerikanischen
  Kriegsanleihe;  diese  apab  (23.  Juni  1917)
3  Milliarden  Dollar.  —  In  Rußland  wurde  am
19.  April  1917  von  der  provisorischen  Regierung  eine
F.  zur  Zeichnung  aufgelegt.

Freiheit  der  Meere.  über  die  F.  im  Rahmen  der
nationalen  Kriegszielbewegung,  im  Friedensangebot
des  Vierbundes  vom  12.  1916  vgl.  Bd.  II,  S.
5,  6  und  173f.;  Englands  übergriffe  vgl.  Bd.  II,  S.
336.  —  über  die  Gestaltung  der  Dinge  gemäß  dem
Friedensschluß  f.  S.  142.

Freikofel,  Berg  in  Kärnten,  an  der  ital.  Grenze,
östl.  vom  Plöcken,  wurde  6.  Juni  1915  von  den  österr.=ungar.
  Truppen  nach  vorübergehender  Besetzung  durch
die  Italiener  zurückerobert  und  gehalten.

reischärler,  s.  Franktireurs.

iwillige,  s.  Kriegsfreiwillige.  —  Seit  Anfang
1919  wurden  für  den  Grengschu  owie  zur  Aufrechterhaltung
  von  Ruhe  und  Ordnung  im  Lande  neue
F.  n-Regimenter  in  allen  Teilen  Deutschlands  gebildet,
  die  von  den  unabhäng.  Sozialdemokraten  als
„Träger  der  Gegenrevolution  ##  scharf  bekämpft  wurden.
  —  F.nkorpss,  s.  Bd.  II,  S.  447  und  Fremdenlegion.
  —  F.S  Automobilkorps,  s.  Automobilkorps.
  —  F.  Krankenpflege,  s.  Rotes  Kreuz.

Fremdenlegion  (légion  étrangere),  franz.  Freiwilligenkorps,
  meist  aus  Ausländern  (elwa  50  Proz.

46  1831  zur  Eroberung  Algeriens  gebildet,
kämpfte  1870/71  an  der  Loire.  Die  F.  hatte  seit  1897
2  Reg.  zu  je  6  Bat.,  zu  je  4  Feld=  und  2  Depolkomp.  —
Amnestie  für  F.  s.  Amnestie-Erlaß.

Fremdvöfker,  die  in  einem  Nationalitätenstaalt
von  dem  führenden  Volke  beherrschten  Kleinvölker,
bes.  Rußlands;  ihnen  billigte  der  Grundsatz  vom
Selbstbestimmungsrecht  der  Völker  Autonomie  zu.
Vgl.  Bd.  I.  S.  hz  Bd.  I,  S.  387.

Fremdwort.  Über  den  Kampf  gegen  das  F.  in
Deutschland  s.  Bd.  L.  S.  352ff.

Freuch,  Sir  John,  engl.  General,  geb.  28.  Sept.
1852  zu  Ripple  Vale  in  Kent,  1895  Oberst,  zeichnete
sich  im  Burenkriege  1899—1902  aus,  entsetzte  1900
Kimberley,  wurde  1902  Korpskommandant,  1907  Generalinsp.,
  1911  Generalstabschef  der  brit.  Armee,  1913
Feldmarschall.  F.  führte  1914  die  in  Frankreich  kämpsenden
  engl.  Truppen,  die  27.  Aug.  1914  die  Nieder.
lage  bei  St.  Quentin  erlitten,  kämpfte  später  im  Verbande
  des  franz.  Heeres  und  versuchte  im  nördl.  Abschnitt
  der  Westfront  (insbes.  Mai  1915)  die  deutsche
Front  zu  durchbrechen,  leitete  dann  mit  den  Franzosen
eine  Entlastungsoffensioe  ein  und  wurde  Dez.  1915
als  Viscount  oberstkommand.  Feldmarschall  der  brit.
Truppen;  als  solcher  schlug  er  1916  den  Aufstand  in
Irland  nieder.  6.  Mai  1918  wurde  F.  Vizekönig  von
Irland.  Ein  Anschlag  auf  F.  Jan.  1920  blieb  erfolg.
los.  F.  gab  seine  Kriegserinnerungen  heraus.  —  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  175.

Frenzela,  rechter  Nebenfluß  der  Brenta  in  den  Sieben
  Gemeinden.  Das  strategisch  wichtige  F.ttal  war
        <pb n="267" />
        Freytag-Loringhoven  —  F.  Z.  M.  237

Juni  1916  Ausgangspunktderital.  Gegenoffensive  auf
das  Plateau  von  Asiago,  Juni  1918  als  Sperre  zum
Becken  von  Bassano  Hauptangriffs=  u.  Widerstandspunkt
  der  ital.  Alpenfront.  24.—30.  Okt.  1918  fäuberte
  die  6.  ital.  Armee  das  ganze  F.kal  vom  Feinde.

Freytag-Loringhoven,  Hugo,  Freiherr  von,
preuß.  General,  geb.  6.  Mai  1855  in  Kopenhagen,
1904  Abteilungschef  im  Gr.  Generalstab,  1907  Oberst,
1908—-09  Regimentskommandeur,  1910  wieder  im
Generalstab  (Geschäfte  eines  Quartiermeisters),  1911
Generalmajor  und  Oberquartiermeister,  1913  Generalleutnant,
  seit  Kriegsbeginn  Chef  der  deutschen
Militärmission  im  österr.-ung.  Hauptquartier,  wurde
Jan.  1915  Generalquartiermeister,  Sept.  1916  Chef
des  Stellv.  Gen.-Stabes,  April  1918  Gen.  der  Infanterie.
  Er  gab  =  Studien  für  Kriegsgeschichte  und
Taktik=  sowie  Vierteljahrshefte  für  Truppenführung:
heraus  und  schrieb:  Kriegslehren  nach  Clausewitz
aus  den  Feldzügen  von  1818  und  1814-(Berl.  1908),
„Die  Heerführung  Napoleons=  (das.  1910),  =  Die
Macht  der  Persönlichkeit  im  Kriegee  (das.  1911),
„Krieg  und  Politik  in  der  Neuzcit=  (das.  1911),  =  Die
Führung  in  den  neuesten  Kriegene  (das.  1912/13),
„  Geschultes  Volksheer  oder  Miliz?  (das.  1917),
"Folgerungen  aus  dem  Weltkrieg  (das.  1917),-Heerführung
  im  Weltkriege(das.  1920).

Friede  (Frieden),  der  ungestörte  Zustand  der
Ruhe  und  Ordnung  im  Leben  des  einzelnen  und  der
Völker.  Aus  dem  Streben  nach  Erhaltung  dieses  Zustandes
  in  der  Welt  ist  die  Idee  des  Weltfriedens
und  das  Problem  des  ewigen  Friedens  hervorgegangen.
  Nikolaus’  II.  Kundgebung  für  den  Weltfrieden
  1898  führte  zur  Einsetzung  der  Haager  Friedenskonferenz
  1899,  deren  Hauptidee,  die  Abrüstung,
abernicht  verwirklicht  wurde.  Auch  diespäteren  Haager
Abkommen  (1902,  1905,  1907)  brachten  nur  Verbesserungen
  des  Völkerrechts  (vgl.  Bd.  I.  Völkerrecht
usw.).  —  Über  die  Friedensschlüsse  des  Weltgeieges
  s.  S.  138ff.,  über  solche  der  Vergangenheit
Bd.  II  S.  93  ff.,  über  das  Friedensangebot  der  Mittelmächte
  vom  Dez.  1916  Bd.  II,  S.  164ff.

Friedrich,  1)  Maria  Albrecht,  Erzherzog
von  Österreich,  geb.  4.  Juni  1856  zu  Groß-Seelowitz
  (Mähren),  1880  Oberst,  1889  Führer  des  5.  Urmeekorps,
  1894  Feldzeugmeister  und  komm.  General,
1905  Generaltruppeninspektor,  1907  Oberkommandant
  der  Landwehr,  1910  Armeeinspektor,  Juli  1914
Generalinspektor  der  gesamten  bewaffneten  Macht,
1.  Aug.  nominell  Oberbefehlshaber  der  österr.-ungar.
Streitkräfte,  9.  Dez.  Feldmarschall,  15.  Febr.  1917
seiner  Stellung  Fnsben  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  47.
—  2)  Prinz  von  Sachsen-Meiningen,  geb.  12.
Okt.  1861  in  Meiningen,  fiel  als  Generalleutnant
vor  Namur  23.  Aug.  1914.

Friedrich  Karl,  1)  Prinz  von  Preußen,  geb.
6.  April  1893  in  Kleinglienicke.  Fliegeroffizier,  starb
7.  April  1917  in  engl.  Gefangenschaft  an  den  Folgen
einer  Verwundung,  die  er  am  21.  März  erhallen  hatte.
—  2)  Prinz  von  Hessen,  geb.  1.  Mai  1868  (in
Holstein),  Schwager  Kaiser  Wilhelms  II.,  als  Reg.
Komm.  1914  verwundet,  9.  Okt.  1918  als  König  von
Finnland  vom  finnischen  Landtag  gewählt,  verzichtete
aber  29.  Dez.  auf  die  Krone.

Friedrichstadt,  russ.-kurländ.  Stadt  an  der  Düna.
Der  Brückenkopf  von  F.  wurde  3.  Sept.  1915  von
den  Deutschen  eomen  und  behauptet.

Friedrich  Wilhelm,  1)  Kronprinzdes  Deutschen
  Reiches,  s.  Wilhelm.  —  2)  Prinz  zur  Lippe,

geb-  16.  Juli  1858  in  Neudorf,  fiel  als  Oberst  u.  Komm.
es  74.  Inf.-Reg.  beim  Sturm  auf  Lüttich  7.  Aug.
1914  mit  der  Fahne  des  Regiments  in  der  Hand.  —
3)  Prinz  von  Hessen,  fiel  Sept.  1916  beim  Sturm
auf  Curu  Ormon  (Rumänien);  vgl.  Bd.  II.  S.  222.
Fritsch,  Konstantin,  deutscher  Staatsmann,
eb.  25.  Dez.  1857  in  Sprottau,  1892  Mitglied  der
eneraldir.  der  reichsländ.  Eisenbahnen,  1899  Hilfs.
arbeiter  im  Reichseisenbahnamt,  1912  Präsident  der
Generaldir.  der  Eisenbahnen  in  Elsaß-Lothringen,
wurde  Mai  1918  Präs.  des  Reichseisenbahnamtes.

Front,  dem  Feinde  zugekehrte  breite  Seite  einer
Truppenaufstellung.  Frontdienst,  Dienst  bei  den
vorm  Feinde  liegenden  bzw.  zum  Kampf  bestimmten
Truppen,  im  Gegensatz  zum  Dienst  bei  Stäben,  in
der  Etappe  und  Heimat.

Fronutsoldaten,  die  kämpfende  Truppe.  Ein  Vertretertag
  der  F.  (300  Vertreter  von  220  Divisionen)
in  Ems  am  1.—2.  Dez.  1918  stellte  sich  hinter  die
Begierung  Ebert--Haase.  —  Der  Bund  der  F.,  gegr.
Ende  1918  in  Berlin,  erstrebt  -.  Erhaltung  des  feldgrauen
  Feldzugsgeistes  und  Einfluß  der  Kriegsteilnehmer
  auf  die  Politik.  —  In  Rußland  tagte  am  21.
April  1917  in  Minsk  ein  Kongreß  der  F.  der  Westfront.

Fuad  L.,  Achmed,  Sultan  von  Agypten,  folgte
20.  Okt.  1917  seinem  Bruder  Hussein  Kemal  als  Sultan
  von  Englands  Gnaden;  s.  Agypten.

Inminrücken,  Höhenzug  bei  Vaux,  nordöstlich
von  Verdun,  war  Juni  1916  heftig  umstritten.

Fundeunt,  rumän.  Dorf  in  der  Moldau,  am  linken
Serethufer,  von  den  Russen  Dez.  1916  als  Brückenkopfstellung
  ausgebaut,  wurde  19.  Jan.  1917  von
den  Deutschen  erstürmt.

ZFunken,  Nachrichten  mittels  drahtloser  Telegraphie
  übermitteln.  In  der  Soldatensprache:  feuern.

Funkentelegraphie  (drahtlose  Delegraphia,
Nachrichtenübermittlung  durch  frei  in  den  Raum  auseschickte

  clektrische  Wellen,  bedarf  keiner  Fernleitung.

eiteres  s.  „Nachrichtenwesene,  S.  165.  —  Der  Verkehr
  der  deutschen  Großstationen  Nauen  und  Eilvese
wurde  1914  und  1915  so  ausgebaut,  daß  es  bis  zum
Eintritt  der  Ver.  Staaten  in  den  Krieg  möglich  war,
den  Lügenmeldungen  der  Feinde  im  neutralen  Ausland
  durch  Übermittlung  von  drahtlosen  Nachrichten
über  die  amerikan.  Stationen  Sayville  und  Tuckerton
  entgegenzutrelen  und  auch  den  Deutschen  in
Afrika  de  zu  geben.  1916  wurde  eine  weitere
Funkspruchlinie  nach  Spanien  verfügbar  gemacht.  —
Ein  über  das  ganze  deutsche  Reichsgebiet  gehendes
Net  wird  (1919)  vom  Neichspostministerinm  geplant.
nuker-Vedienungstruphe  der  Apparatefürdrahtlose

  Telegraphie.  Vgl.„Nachrichtendienste,  S.  165.

Iunkspruch.  durch  Funkentelegraphie  Übermittelte
Nachricht,  die  durch  Fernsprecher  (Görempfänger)
aufgenommen  wird.

Furka,  Dorf  in  Serbisch-Mazedonien,  westlich  vom
Dojransee.  11.  Dez.  1915  wurde  die  stark  befestigte
engl.-franz.  Stellung  bei  F.  von  den  Bulgaren  erobert.

Vaanzen,  eingerammte  kurze  Eisen  mit  aufrechten
  Spitzen,  dienen  zur  Unterstützung  anderer
Hindernisse;  auch  svw.  Stolperdrähte.

Futter.  Die  Versorgung  der  deutschen  Landwirtschaft
  mit  Futtermitteln  begegnete  im  Kriege
immer  größeren  Schwierigkeiten  (vgl.  Bd.  I,  S.  419
und  421),  zu  deren  Abhilfe  die  Neichsfuttermittelstelle
  (.  d.)  eingerichtet  wurde.

tterhefe,  s.  Bd.  I.  S.  299.
.  Z.  M.,  österr.  Abk.  für  Feldzeugmeister.
        <pb n="268" />
        238

Gabriele,  Monte  St.  —  Gaskampf

G

Gabriele,  Monte  St.,  berh  im  Karst,  war  bes.
in  der  11.Isonzoschlacht  heftig  umlämpft.  Vgl.  S.  110.

Gaede,  Hans  von,  preuß.  General,  geb.  19.
Febr.  1852  in  Kolberg,  gest.  16.  Sept.  1916,  1897
Oberst,  1904  Generalleutnant,  1907  als  General  der
Infanterie  zur  Disposition  gestellt.  1914—16  beschügte
  G.  eine  Armceabteilung  (B8)  im  Unteren  Elsaß
(Schlacht  bei  Mülhausen).

Gälische  Liga,  s.  Bd.  I.  S.  113.

Galizien.  G.  wurde  mit  seinen  unnatüärlichen
Grenzen  von  Beginn  des  Krieges  an  als  Kriegsschauplatz
  (vgl.  Bd.  I.  S.  157  ff.)  ganz  besonders  in  Mitleidenschaft
  gezogen,  und  die  Folgen  der  großen
Kriegsereignisse  (die  S.  45  ff.,  57,  65,  76,  91,  93  sowie
Sd.  S.  213  f.  geschildert  sind)  machten  nach  der  Befreiung
  von  den  Russen  Osterreich  die  Maßnahmen
zum  Wiederaufbau  nicht  leicht  (vgl.  Bd.  II,  S.  411f.).
Seine  Gestaltung  in  völkischer  u.  geschichtl.  Beziehung,
bes.  im  Rahmen  der  poln.  Frage,  sowie  die  neueren
Ereignisse  sind  in  Bd.  II.  S.  26  ff.  behandelt.  —  Nach
dem  Zusammenbruch  der  Mittelmächte  rückten  gleichzeitig
  die  Polen  von  Norden  und  die  ukrainischen
Sowiettruppen  von  Osten  in  G.  ein,  so  daß  sie  bei
Lemberg  aufeinanderstießen.  Noch  am  4.  März  1919
beschossen  die  Ukrainer  die  Stadt  Lemberg,  am  17.
Mai  besetzten  die  Polen  nach  Kampf  Komarno.  Am
31.  Mai  gewannen  die  Polen  mit  den  Rumänen  in
den  Karpathen  Gefechtsfühlung.  Am  25.  Juni  nahmen
  die  Ukrainer  den  Polen  Stanislau,  Brzezany  und
Nizniow  ab  und  drangen  bis  Rohatyn  vor.  So“  ängt
das  Schicksal  G.s  zunächst  allein  vom  Bessenglück  ab,
da  die  im  Friedensvertrag  von  Brest  Litowst  der
Ukraine  gezogenen  Grenzen  durch  dessen  Aufhebung
zunächst  Sesrantig  geworden  sind.

Gallieni,  Joseph,  franz.  General,  geb.  24.  April
1849  in  Saint-Beat  (Haute-Garonne),  gest.  27.  Mai
1916  in  Paris,  längere  Zeit  in  den  Kolonien  (Sencgalgebiet,
  Tongking)  isPm—  1896—1905  Generalgouv.
von  Madagaskar,  1911  Mitglied  des  Obersten  Kriegsrates,
  Aug.  1914  Militärgouv.  von  Paris,  befehligte
die  Pariser  Besatzungstruppen  bei  ihrem  Ausfall  und
Angriff  auf  den  rechten  deutschen  Flügel  am  5.  Sept.
1914  (Marneschlacht)  u.  half  die  Umklammerung  des
franz.  linken  Flügels  bei  Nanteuil  abwenden.  Okt.
1915  bis  März  1916  war  er  Kriegsminister.

Gallio,  Ort  in  Oberitalien,  Sieben  Gemeinden,
nordöstl.  von  Asiago,  bildete  mit  den  umlieg.  Höhen
Nov.  und  Dez.  1917  den  Kernpunkt  des  Angriffs  der
österr.-ungar.  Armee  Conrad.

Gallipoli,  Halbinsel  der  Dardanellenstraße  oder
Meerenge  von  G.,  mit  der  Hafenstadt  G.,  der  Hauptstation
  der  türk.  Flotte  (vgl.  Bd.  L,  S.  131  f.),  spielte
in  den  Angriffstämpfen  der  Ententeflotten  1915  und
1916  eine  bedeutende  Rolle;  vgl.  Bd.  II,  S.  258  sowie
Bd.  III,  S.  124ff.

Gallwitz,  Maxvon,  preuß.  General,  geö.  2.  Mai
1852  in  Breslau,  1897  Abteilungschef  im  Kriegsministerium,
  1903  Direktor  des  Armeeverwaltungsdep.,
  1906  Generalleutnant,  1911  General  der  Artillerie
  und  Inspekteur  der  Feldartillerie,  1913  erblich
geadel.  G.  nahm  mit  dem  Garde--Reservekorps  1914

kamur,  erhielt  8.  Febr.  1915  eine  Armeegruppe  in
Ostpreußen,  aus  der  7.  Aug.  1915  die  12.  Armee  gebildet
  wurde.  Mit  dieser  nahm  er  die  Narewlinie,  Rozan
  und  Pultust,  führte  Okt.  die  11.  Armee  in  Serbien

und  zog  23.  Nov.  in  Pristina  ein.  19.  Juli  1916  erhielt
  G.  die  2.  Armee  im  Westen,  28.  Aug.  1916  zugleich
  die  Heeresgruppe  G.  (Somme)h,.  17.  Dez.  1916
die  5.  Amnec,  1918  eine  Heeresgruppe  bei  Verdun.

Ganughofer,  Ludwig,  Kriegsberichterstatter,  geb.
7.  Juli  1855  in  Kaufbeuren,  1881  —93  in  Wien,  seit
1895  in  München,  Verfasser  von  Hochlandsgeschichten,
auch  Dramatiker  und  Lyriker  (Eiserne  Zither,  Kriegelieder«,
  1914  f.,  u.  a.),  schrieb:  -Reise  zur  deutschen
Front.  (1915;  2.  Teil  u.  d.  T.:  „Die  stählerne
Mauer-,  1915),  „Die  Front  im  Ostene  (1915;  2.
Teil  u.  d.  T.:  „  Der  russische  Niederbruch«,  1915)
sowie  „Bei  den  Heeresgruppen  Hindenburg  und
Mackensen.  (1916).

Ganutscheff,  bulgar.  General,  1915  —18  Bevollmächtigter
  im  deutschen  Hauptquartier,  begleitete
König  Ferdinand  1918  nach  Deutschland.

Garantievertrag,  s.  Bd.  I.  S.  362.

Garden,  engl.  Admiral,  war  Oberkomm.  des  engl
franz.  Geschwaders  vor  den  Dardanellen  März  1915.

Garibaldianer,  von  den  Söhnen  des  ital.  Patrioten
  Garibaldi  gebildetes  Freiwilligenkorps,  focht  z.  B.
in  den  Argonnenkämpfen  Jan.  1915  gegen  Deutschland.
  Infolgeschlechter  Behandlung  undschwerer  Verluste
  kehrten  die  G.  Ende  1915  nach  Italien  zurück.

Garliein,  rumän.  Dorf  nördl.  von  Harsowa,  wo
6.—8.  Nov.  1916  die  russ.-rumän.  Dobrudschaarmee
pegen  den  linken  Flügel  der  Armee  Mackensen  vorstieß,

er  20  km  zurückgenommen  wurde.

Garna,  Bezirkshauptort  in  Nordkamerun,  wo
29.  Aug.  1914  eine  aa  Abteilung  geschlagen  wurde.
Jan.  1915  wurde  G.  durch  starke  engl-franz.  Kräfte
umtklammert  und  nach  monatelangem  Kampf  10.
Juni  genommen.  kampf.

Gasalarm,  Gasangriff,  Gasbomben,  s.  Gas

Gasbraud  (Gasgangrän),  sehr  gefährliche
Wundinfektionskrankheit,  die  mit  dem  Gaskampf
nichts  zu  tun  hat.  Bgl.  Bd.  II,  S.  301.

Gaskampf  (Gasangriff),  die  Verwendung  von
hustenreizenden,  Brechreiz  verursachenden  oder  erstickend
  bzw.  gistig  wirkenden  Gasen.  Anfangs  wurde
komprimiertes  Chlor  aus  Gasbatterien,  d.  h.
nebeneinander  aufgestellten  Stahlflaschen  abgeblasen.
die  bis  fast  zur  Mündung  in  die  Erde  gegraben  waren.
Da  sie  nur  bei  feindwärts
wehendem  Wind  benutzbar  werden
  konnten,  verwandte  man
später  Gasgranaten,  d.  h.
Artilleriegeschosse,  die  beim  Zerspringen
  die  betäubenden  Gase
austreten  lassen  (val.  =  Artillerie
  im  Kriege  -,,  S.  153).  Gasbomben
  wurden  auch  aus
Luftfahrzeugen  abgeworfen,
Gasminenmit  Minenwersern
geschleudert.  Statt  des  Chlors
wurden  dann  andere  brom.  u.
chlorhaltige  Gase  verwendet,
z.  B.  Phosgengas  (s.  Gasvergiftung),  rauchendes
Zinntetrachlorid,  zyanhaltige  und  viele  andere  Verbindungen.
  —  Gegen  die  Wirkung  der  Galse  schütt
man  sich  durch  Gasmasken  aus  Gummi,  Gummi
stoff  oder  anderem  luftdicht  imuprägnierten  Gewebe,  die
über  den  Kopf  gezogen  werden.  Dem  Atmen  dient
eine  von  Zeit  zu  Zeit  erneuerte  Sauerstoffpatrone
        <pb n="269" />
        Gasvergiftung  —  Generalquartiermeister

oder  Patronen,  die  die  Einatmungsluft  von  schädlichen
  Gasen  befreien.  Auch  Pferde  und  Hunde  in
bedrohten  Abschnitten  erhielten  Gasmasken.  —  Bei
drohender  Gasgefahr  wurde  Gasalarm  mit
Glocken,  Pfeifen,  Tamtams  u.  a.  m.  gegeben.  Nach  der
Vergasung=  eines  Abschnittes  waren  noch  länger
andauernde  Vorsichtsmaßregeln  erforderlich,  weil  das
schwere  Gas  sich  in  Vertiefungen,  Kleidungsstücken,
Speisen  usw.  festsetzte.  Vgl.  Bd.  I,  S.  278  sowie  Gasvergiftung.

asvergiftung,  schädliche  Einwirkung  durch

Gase,  die  beim  Gaskampf  (s.  d.)  Verwendung  finden.
Schon  die  Explosionsgase  der  gewöhulichen  rtilleriegeschosse
  tönnen  beim  Einschlagen  großer  Geschosse
in  Keller  oder  tiefe  Unterstände  den  Tod  der  Besatzung
durch  Kohlenoxydvergiftung  bewirken.  Bei  Gasgranaten
  hängen  Stärke  und  Nachhaltigkeit  der  Giftwirkung
  von  der  Art  der  Gase  ab;  besonders  gefürchtet
find  zyanhaltige  Gase  wegen  ihrer  blitzschnellen  Wirkung,
  anderseits  Phosgengas  (vgl.  Gaskanuf),  weil
es  zuerst  keine  spürbaren  Wirkungen  verursacht,  sogar
die  Betroffenen  in  heitere  Stimmung  versetzt,  später
aber  höchst  gefährliche  Lungeneiterungen  veranlaßt.
Heilung  ist  oft  sehr  schwierig  und  langwierig;  zuweilen
scheint  sich  dauerndes  Siechtum  zu  ergeben,  auch
Todesfälle  sind  häufig.

„Gaulois,-,  franz.  Linienschiff,  kämpfte  vor  den
Dardanellen;  s.  Bd.  J,  S.  250  (18.  März)  u.  267.

Gavrelle,  Dorf  im  frz.  Dep.  Pas--de-Calais,  nordöstl.
  von  Arras,  war  einer  der  Hauptkanepfpunkte  in
der  Schlacht  bei  Arras  April-Mai  1917.  Vgl.  S.  14.

Gaza  (Ghaza),  Stadt  in  Südpalästina,  südwesttich
  von  Jerusalem.  Bei  G.  erfocht  der  türk.  General
Dschemal  Pascha  27.  März  und  18.  April  1917  zwei
Siege  über  die  Engländer,  deren  Frühjahrsoffensive
gegen  Palästina  dadurch  scheiterte.  Die  Türken  gaben
am  7.  Nov.  1917  angesichts  drohender  Umfassung  von
Beerseba  her  und  eines  Flottenangriffs  G.  auf.  Vgl.
S.  129.

Gazette  des  Ardennes,  (.  Kriegszeitungen.
Gebirgsgeschütze,  s.=  Die  Artillerie  im  Kriege-,

.  154

Geddes,  1)  Sir  Auckland,  engl.  Staatsmann,
Professor  der  Anatomie  in  Kanada.  seit  Aug.  1917
Minister  des  nationalen  Hilfsdienstes,  10.  Jan.  1919
Minister  für  Wiederaufbau,  25.  Aug.  1919  Präs.  des
Handelsamts,  1920  Botschafter  in  Washington.  —
2)  Sir  Eric,  engl.  Politiker,  geb.  1876  in  Indien,
1916—17  Generaldir.  der  Militäreisenbahnen  u.  Generalinspektor
  des  Transportwesens,  Juli  1917  Erster
Lord  der  Admiralität,  Jan.  1919  Minister  o.  Portef.

Gedenkblatt.  Am  27.  Jan.  1915  stiftete  der  deutsche
  Kaiser  den  Familien  der  Gefallenen  ein  künstlerisches
  G,  entworfen  von  Prof.  E.  Doepler  d.  J.  Ein
anderes  G.  wurde  den  Hinterbliebenen  gefallener
Marineangehöriger  gewidmet.

Gefechtsmast,  auf  großen  Kriegsschiffen  hoher
Stahlrohraufbau,  innen  mit  Treppen,  oben  mit  Geschützen,
  Scheinwerfern  und  Signalgeräten.

iß,  Anton,  Mehrheitssozialist,  bis  1918  bad.
Landtagsvizepräsident,  wurde  Nov.  1918  bad.  Ministerpräsident,
  Jan.  1919  auch  Kriegsminister,  April
1919  bad.  Staatspräsident.

Geisterwald,  Hügelland  i.  Siebenbürgen  zwischen
Fogaras  u.  Kronstadt,  war  Anf.  Okt.  1916  beim  Vormarsch
  der  9.  deutsch.  Armee  Wallenu  Schauplatz

elbbuch,  s.  Buntbücher.  6  iger  Kämpfe.

Geld.  Die  Verhältnisse  des  deutschen  Geldmark-239



tes  bei  Ausbruch  des  Krieges  und  die  ersten  Finanj.
maßnahmen  der  deutschen  Regierung  sind  Bd.  J.
S.  411ff.  sowie  S.  388  u.  382  geschildert.  —  Um  der
Metallgeldknappheit  zu  steuern,  sah  sich  Deutschland
Okt.  1915,  Osterreich-Ungarn  Nov.  1916  zur  Einführung
  von  eisernen  Münzen  veranlaßt.  Die
Fünf.  und  Zehnpfennigstücke  wurden  aus  Siemens-Martin-Stahl
  geprägt.  Zum  Schutz  gegen  Rost
dienten:  das  Passivmachen,  d.  h.  das  Eintauchen  in
bestimmte  Säuren,  die  den  Stahl  so  verändern,  daß  er
nicht  mehr  rostet,  auch  von  schwächeren  Säuren  nicht
mehr  angegriffen  wird,  sowie  das  Sherardisieren,  ein
besonderer  Verzinkungsprozeß  mit  Zinkstaub.  1910
und  1917  kamen  Münzen  aus  Zink  (10-Pfg.-Stücke)
und  Aluminium  (1.Pfg.  -Stücke)  hinzu.  Zinkmünzen
führten  u.  a.  auch  Bulgarien  und  Luxemburg  ein.
Deutsch-Ostafrika,  das  vor  dem  Kriege  keine  eigne
Münze  hatte,  prägte  in  Tabora  Metallgeld  aus  Messing
  von  Geschohhrsen.  Geräteteilen  u.  a.  —  Bald
wurde  auch  die  Ausgabe  anderen  Notgeldes  erforderlich.
  Nicht  nur  in  Deutschland  und  Osterreich.
Ungarn,  sondern  auch  in  den  feindlichen  Staaten
mußten  die  Regierungen,  ferner  Städte,  Gemeinden
und  selbst  private  Unternehmungen  Notgeld  als  Ersatz
  für  das  fehlende  *  eld  herstellen  (vgl.  auch
Bd.  L,  S.  415).  Diese  gedruckten  kurzfristigen  (in
Frankreich  u.  Belgien  langfristigen)  Notscheine  (als
„  Gutscheine,  rbegöwefellchein.,  !  Notstandsgeld
„Kriegsgeld  usw.  bezeichnet)  wurden  in  Werten  von
20  Mark  bis  herab  zu  5  Pfennig  ausgegeben.  Viele
waren  von  Künstlern  (Heinz  Schiestl.  Hhastein,  Fischinger,
  Ehmcke,  Bühler  u.  a.)  entworfen,  bes.  in  Süddeutschl.
  (Augsburg,  Kindenburgim  Algäuu.  a.)  sowie
mithumorvollen  Abbildungen,  Unterschriften  u.  Sprüchen
  versehen  (Bielefeld  mit  einer  Kohlrübe  und  den
Worten  Verbrauch  Winter  1916/17:  30000  Zentner“;
  Selb  „Biegen  oder  brechen,  Siegen  oder  blechen
  usw.).  Banken  gaben  Kriegswechsel  auf  1—
5  Mk.  aus,  die  von  der  Reichsbank  anerkannt  und
zum  Verkehr  zugelassen  wurden.  Diedurch  den  Russeneinfall
  in  Ostpreußen  geschaffene  Notlage  zwang  zur
Ausgabe  von  Papierstücken  aller  Art,  oft  von  zweifelhaftem
  Wert.  Für  den  Gebrauch  in  deutschen  und
öfterr.  Gefangenenlagern  galt  aus  Papier  gefertigtes
Lagergeld,  das  aber  nicht  gesetzliches  Fahrungs.
mittel  war,  damit  nicht  Münz=  oder  Papiergeld  durch
die  Kriegsgefangenen  dem  Verkehr  entzogen  und  Me.
tallgeld  ins  Ausland  verschleppt  wurde.  Offentliche
Sammlungen  von  Notgeld  bergen  besonders  das
Deutsche  Kulturmuseum  für  Buch  u.  Schriftin  Leipzig,
das  Städtische  Museum  für  Handel  und  Industrie  in
Köln,  die  Welikriegsbüchereiin  Berlin.  Vgl.  Schramm,
Deutsches  Notgeld  1914—19  (Leipz.  1619).  —  Vgl.
Zahlungsverkehr,  Valuta.
meinwirtschaft,  s.  Volkswirtschaft.
Gemona,  oberital.  befestigte  Stadt  am  oberen
Tagliamento,  wurde  von  der  österr.-ungar.  Armcegruppe
  Krauß  2.  Nov.  1917  erobert.
Generalfeldpostdirektor,  der  Leiter  des  österr.
ungar.  Feldpostwesens  (Hofrat  Vacklik).
neralissimus,  bei  der  Entente  oberster  Befehlshaber
  der  gesamten  Landstreitkräfte.
Generalkommando,  oberste  Kommando=  und
Verwaltungsbehörde  eines  Armeekorps;  im  Kriege
tritt  an  dessen  Stelle  in  der  Heimat  das  Stellvertretende
  G.,  mit  vollziehender  Gewalt.
Generalquartiermeister,  erster  Gehilfe  des  Generalstabschefs
  im  Kriege,  hat  die  Oberaufsicht  über
        <pb n="270" />
        240

alle  inneren  Geschäfte  des  Generalstabes  und  vertritt
den  Generalstabschef  in  der  Offentlichkeit.  In  Deutschland
  waren  G.  die  Generale  v.  Stein  bis  Mitte  Sept.
1914,  v.  Voigt--Rheg  bis  Ende  Nov.,  Wild  v.  Hohenborn
  bis  Mitte  Jan.  1915,  Frh.  v.  Freytag-Loringhoven
  bis  30.  Aug.  1916,  dann  Ludendorff  (Erster  G.),
Okt.  1918  Groener;  bei  den  einzelnen  Armeen  versehen
  denselben  Dienst  Oberquartiermeisster.  —  In
Österreich  führt  der  G.  den  offiziellen  Titel  Stell.
vertretender  Chef  des  Generafstabe.

Genesungsabteilung,  =  kompaguie,  umgreift
Mannschaften.  die  aus  Lazaretten  entlassen,  aber  noch
nicht  wieder  für  kriegsverwendun  eaeih  erklärt  sind.

Genufer  Abkommen,  Genfer  Konvention,
s.  Rotes  Kreuz  sowie  Bd.  I.  S.  363  f.  (Landkrieg)  u.
366  u.  370  (Seekrieg).

Genossenschaften,  val.  Bd.  I.  S.  415.

Gent,  Hauptstadt  der  belg.  Prov.  Ostflandern,
war  13.  Okt.  1914  bis  Nov.  1918  von  den  Deutschen
besct  21.  Okt.  1916  wurde  die  unter  Beihilfe  der
deutschen  Verwaltung  als  fläm.  Hochschule  wiedererrichtete
  G.er  Universität  eingeweiht,  doch  Dez.
1918  wieder  unterdrückt.

Georg  V.  (Geory  Friedrich),  König  von  Großbritannien,
  zweiter  Sohn  König  Eduards  VII.,  geb.
3.  Juni  1865,  1892  infolge  des  Todes  seines  Bruders
Albert  Viktor  Thronerbe,  erhielt  1901  den  Titel  Her-88
  von  Cornwall,  bereiste  die  britischen  Kolonien  in

ustralien,  Südafrika  und  Nordamerika  und  wurde
Nov.  1901  Prinz  von  Wales,  6.  Mai  1910  König.  Als
Kaiser  von  Indien  ließ  er  sich  12.  Dez.  1911  in  Delhi
krönen.  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  174.  —  Der  Thronolger

  Eduard  Albert,  geb.  23.  Juni  1894,  1910
zrinz  v.  Wales,  war  Adjutant  Frenchs  in  Frankreich.

Georgi,  Friedrich,  Freiherr  von,  österr.=ungar.
  Generaloberst,  geb.  1852  in  Prag,  1910—17
österr.  Min.  für  Landesverteidigung,  reorganisierte
die  österr.  Landwehr,  führte  die  Landwehrartillerie
ein  und  erwarb  sich  bes.  um  die  Mobilisierung  des
Landsturms  im  Kriege  große  Verdienste.

Georgien,  machte  sich  im  Mai  1918  unabhängig;
Rußland  erklärte  sich  in  dem  Brest  Litowster  Ergänzungsvertrag
  vom  27.  Aug.  1918  damit  elnverstanden,
daß  Deutschl.  G.  als  selbständ.  Staatswesen  anerkannte.

Gerard,  James  Watson,  amerikan.  Botschafter,

eb.  1867  in  Neuyork,  1898  Generalstabschef  geten
ba,  1907  Richter  beim  Obersten  Gerichtshof  des
Staates  Neuyork,  5.  Nov.  1913  Botschafter  in  Berlin.
  ging  Herbst  1916  zur  Einleitung  einer  Friedensvermittlung
  durch  Wilon  nach  Amerika.  Nach  seiner
Rückkehr  veranstaltete  die  anrerikan.  Handelskammer
in  Berlin  ihm  zu  Ehren  ein  Festmahl,  bei  dem  er
mit  dem  Staatssekretär  Helfferich  auffallend  herzliche
Trinksprüche  wechselte.  Nach  Erkläcung  des  uneingeschränkten
  D.-Bootkrieges  u.  Abbruch  der  Beziehungen
  trat  er  jedoch  als  Hauptgegner  der  deutschen  Regierung
  in  Amerika  hervor.  er  schrieb:  -My  four
years  in  Germany  (1917;  deutsch:  »Die  Erinnerun.
gen  des  Botschafters  G.-,  Lausanne  1919).

Gerdauen,  ostpreuß.  Kreisstadt,  an  der  Bahn
Insterburg-Thorn,  war  8.  u.  9.  Sept.  1914  Schauplatz
  schwerer  Kämpfe  gegen  die  Wilna-  Armee  (vyl.
Angerburg).

Gerlach,  Kurt  Albert,  Kriegsdichter,  geb.  1886
in  Hannover.  Universitätsdozent  der  Volkswirtschaft
in  Kiel,  schrieb:  »Vom  Tode,  Blätter  aus  dem  Tagebuch
  eines  Sanitäts-Kraftfahrers=  (Kiel  1917),  rhythmische
  Prosa  voll  musikalischer  Kraft.

Genesungsabteilung  —  Gewerkschaften

Gerok,  von,  würtlemberg.  General,  1873  Leutnant,
  1914  als  General  der  Irfanterie  Gouvernen
von  Ulm,  führte  im  Kriege  die  26.  Division,  dami
das  24.  Armeekorps.

Geschäftsaufsicht,  dge  Bd.  I.  S.  389  (Deutschland)
  u.  Bd.  I,  S.  404  (Österreich).

Geschlechtskrankheiten.  Zur  Bekämpfung  der
im  Kriege  erheblich  vermehrten  G.  wurden  von  der
deutschen  Heeresverwaltung  Maßnahmen  getroffen,
die  sich  auf  Belehrungen,  Verhütungsmaßregeln
(Dirnenbeaufsichtigung,  Desinfizierung  der  Mannschaften),
  regelmäßige  ärztliche  Untersuchungen,  Absonderung
  Erkrankter  in  Speziallazaretten,  Disziplinarstrafen
  usw.  erstreckten.  Die  von  den  Versicherungsämtern
  usw.  für  die  Friedenszeit  geplanten  Maßregeln
wurden  durch  die  vorzeitige  Entlassung  Erkrankter
usw.  bei  der  Revolution  unmöglich  gemacht.  —  über
Osterreich  vgl.  Bd.  II.  S.  410.

Geschosse.  Über  die  G.  der  Hand-  und  Faust,
feuerwassen  s.  Bd.  II.  S.  281,  Mantelgeschoß  und
Dumdumgeschosse.  über  die  G.  der  Ceschütze  s.
Schrapnell  sowie  Die  Artillerie  im  Kriege-,  S.  153.
Vgl.  auch  Wurfminen,  Pfeilgeschosse,  chspeschest

Geschütz,  s.  »  Die  Artillerte  im  Kriegee,  S.  153  ff.
und  Bd.  I.  S.  986ff.

Geschwader,  Vereinigung  von  4—GKriegsschiffen
unter  Kommando  eines  G.chefs.  Man  spricht  auch
von  Luftschiff-  und  Flugseng.  Gn,  wenn  mehr
als  3  Einheiten  unter  einem  Befehl  vereinigt  sind.

Geßler,  Otto,  geb.  6.  Febr.  1875  in  Ludwigsburg.
  1905—10  Gewerberichter  in  München,  1911—
1913  Oberbürgermeister  von  Regensburg,  1914—19
Oberbürgermeister  von  Nürnberg,  Demokrat,  dann
Reichsmin.  für  Wiederaufbau,  1920  Reichswehrmin.

Gesteinsbohr-Lehr=  und  Ersatzbataillon,
1915  in  Osterr.-Ungarn  gebildete  Gebirgsformation.

Gesundheitsdieufst,  s.  Hygiene;  vgl.  Bd.  I.  S.

Getreidestelle,  s.  Reichegetreidestelle  (30  ff.
GCetreldewerkehr  ges=  schaft,  s.  Kriegsgetreidegesellschaft.


Gewehr,  s.  Bd.  II,  S.  979ff.

Gewehrgrauate,  zu  deginn  des  Stellungskrieges
eine  Art  Handgranate  mit  Stab,  der  durch  die  Mündung
  in  einen  Gewehrlauf  gesteckt  wurde  (vgl.  Bd.  J,
S.  277).  Später  hatte  die  G.  keinen  Stab,  sondern
eine  Bohrung  und  wurde  aus  einem  auf  die  Gewehrmündung
  ausgesetzten  Schießbecher  abgesenert;  man
schießt  eine  Infanteriepatrone  ab,  deren  Geschoß  das
Bohrloch  der  G.  durchfliegt  und  ihre  Zündung  betätigt;
  die  G.  fliegt  heraus,  u.  zwar  bis  150  m  weit.

ewerkschaften.  über  die  Bedeutung  und  die
Tätigkeit  der  G.  in  Deutschland  unterrichtet  der  Aufsatz
  in  Bd.  II,  S.  393,  dessen  Ausführungen  und
Ausblicken  die  Lage  Mitte  1917  zugrunde  gelegt  ist.
Die  im  Kriege=  angebahnten  und  durch  seinen  Ausgang
  sowie  durch  die  Revolution  bewirkten  sozialen
und  parteipolitischen  Zustände  (vgl.  Bd.  II.  S.397  ff.)
haben  in  den  G.  große  Umwälzungen  hervorgerufen,
indem  die  radikalen  Parteien  #undohän  ige  u.  Kommunisten)
  jetzt  die  G.  als  angebliche  rittmacher
der  Gegenrevolution  offen  bekämpfen.  Die  freien  G.
Böllen  1915:  1,2  Mill.  Mitglieder,  die  christlichen

0,2  Mill.,  die  Hirsch  -Dunckerschen  G.  O,1  Mill.
Mitglieder.  In  England  towse  im  Juni  1916  in  London
  und  im  Sept.  1915  in  Bristol  ein  Gewerkschaftskongreß,
  in  Frankreich  im  Mai  1916  in  Paris.  Ferner
  fanden  Gewerkschaftskongresse  statt:  englische  in
Birmingham  (4.—7.  Sept.  1916)  und  Manchester
        <pb n="271" />
        Ghaza  —  Gompers

(22.—26.  Juni  1917),  ein  deutscher  am  12.  Dez.  1916
in  Berlin,  ein  skandinav.  am  8./9.  Dez.  1916  in  Kopenhagen,
  ein  internation.  in  Stockholm  (9.  Juni  1917).
Nach  dem  Kriege  tagte  ein  erster  internation.  Kongreß
wieder  in  Amsterdam  26.  Juli  bis  2.  Aug.  1919.

Ghaza,  Stadt  in  Palästina,  s.  Gaza.

Ghazi  (arab.,  =  Eroberer  #  »der  Siegreiche-,  auch
Ghasi,  Gazi),  Titel  islamit.  Herrscher,  die  Anders-Aäubige
  besiegt  haben,  wird  auch  siegreichen  türk.

ffizieren  verliehen.  Am  28.  April  1915  nahm
Sultan  Mohammed  V.  den  Titel  G.  auf  Grund  des
Sieges  an  den  Dardanellen  (18.  März  1915)  über  die
Engländer  u.  Franzosen  als  Feinde  des  Islams  an.

Giesberts,  Johann,  Politiker,  geb.  3.  Febr.
1865  in  Straelen  (Regbez.  Düsseldorf),  gelernter
Bäcker,  seit  1899christlicher  Arbeitersekretär,  seit  1905
Reichstagsabgeordneter  (Zentrum),  wurde  3.  Okt.
1918  Unterstaatssekretär  im  Reichswirtschaftsamtt,
13.  Febr.  1919  Reichspostminister.  G.  gehörte  der
Friedensdelegation  in  Versailles  an.

Gilgenburg,  ostpreuß.  Sladt  im  Regbez.  Allenstein,
  zwischen  Gr.  und  Kl.  Damerausee.  Zwischen  G.,
Ortelsburg,  Hohenstein  und  Tannenberg  schlug  Hindenburg
  die  Russen  26.—28.  Aug.  1914  vernichtend;
vgl.  S.  30.  [Dorf;  vgl.  Bd.  II,  S.  219.

Giuchy,  in  der  Sommeschlacht  umkämpftes  franz.

Ginster,  s.-Ersatzfaserstoffe:,  S.  179.

Giolitti,  Giovanni,  ital.  Staatsmann,  geb.  27.
Okt.  1842  in  Mondovi,  1889  Finanzminister,  stürzte
1891  und  1892  die  Ministerien  Crispi  und  di  Rudini
und  wurde  1892  Ministerpräsident,  mußte  aber  Nov.
1893  infolge  der  Bankskandale  zurücktreten,  war  1901
bis  1903  Minister  des  Innern  und  Nov.  1903  abermals
  Ministerpräsident.  März  1905  legte  er  sein  Amt
nieder,  stürzte  Mai  1906  das  Kabinett  Sonnino  und
bildete  ein  neues  Ministerium.  März  1911  wurde
G.  zum  viertenmal  Ministerpräsident  und  trat  1914
zurück.  Seine  Bemühungen  zur  Verhinderun  des
Kriegsausbruchs  im  Mai  1915  blieben  erfolt#os.
Bgl.  Bd.  I.  S.  67  und  70f.

Giornale  d’Italia,  ital.  Zeitung,  gegründ.  1901,
Besitzer:  der  Minister  d.  Auß.  Sonnino,  wichtigstes
Aussichtsratsmitglied  der  Ministerpräs.  Salandra,  war
im  Mai  1915  eins  der  Haupthetzblätter  für  den  Krieg
gegen  Österreich-Ungarn;  vgl.  Bd.  II.  S.  334.

Giuliano,  di  San,  s.  San  Giuliano.

Giurgewo,  rumän.  Stadt,  gegenüber  der  bulgar.
Stadt  Rustschuk,  von  wo  27.  Nov.  1916  die  Donauarmee
  Mackensens  einen  gelungenen  Donauübergang
ausführte  und  G.  eroberte.

Givet,  befestigte  franz.  Grenzstadt,  an  der  Maas,
wurde  31.  Aug.  1914  von  den  Deutschen  erobert.

Giewgieln,  serb.-mazed.  Gemeinde,  am  Vardar,
wurde  12.  Dez.  1915  von  der  bulgar.  Armee  Todoroff
erobert,  17.  Sept.  1918  von  den  franz.-serb.  Truppen
zurückgewonnen.

Gleitslug,  bei  Flugzeugen:  1)  Schweben  gegen
den  Wind;  2)  Nieder  8  mit  abgestelltem  Mo'or.

Gliedersatz,  s.  »Ärztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge«,
  S.  176.  svgl.  Bd.  I,  S.  270.

„  Gneisenau.,  deutscher  Großer  Kreuzer,  11  600  4,

Gnila  Lipa,  linker  Nebenfluß  des  Dnjestr  (Galizien).
  Ende  Aug.  1914  entwickelten  sich  an  der  G.

artnäckige  Kämpfe,  die  den  Nückug,  der  Osterreicher
auf  Lemberg  zur  Folge  hatten.  Die  Armee  Linsingen
durchbrach  30.  Juni  1915  die  feindl.  Stellung  östlich
von  der  G.  bei  Kunicze  und  nördlich  von  Rohatyn.

*  Goeben:,  deutscher  Panzerkreuzer  (23000  t).

Der  Krieg  1014/1#.  III.

241

Kurznach  der  Kriegserklärung  gegen  Frankreich  unternahmen
  G.  und  der  Kleine  Kreuzer  »Breslau«  unter
Führung  des  Vizeadmirals  Souchon  einen  erfolgreichen
  Angriff  aufdie  algerische  Küste  (3.  Aug.),  durchbrachen
  in  der  Nacht  vom  6.  zum  7.  Aug.  1914  die
Kette  des  englisch-franz.  Geschwaders  “  Straße
von  Messina  u.  entkamen  nach  Konstantinopel.  Nach
dem  Ankauf  durch  die  Türkei  nahmen  beide  Kreuzer
unter  dem  Namen  Sultan  Yawus  Selim=  für
G.  und  -Midilli=  für  „Breslau  am  Kampfe  gegen
die  russische  Schwarze-Meer-Flotte  teil;  vgl.  gi  1,
S.  266  ff.  Der  von  der  Besatzung  1919  gemachte
Versuch,  das  internierte  Schiff  zu  versenken,  mißlang.

Goiginger,  österr.  General,  Führer  einer  Armeegruppe
  in  Italien,  mit  der  er  am  15.  Juni  1918  den
Piave  überschritt.

Gold.  Durch  Bundesratsverordnung  vom  Nov.
1915  wurde  die  Aus=  u.  Durchfuhr  von  G.  verboten,
um  den  G.  bestand  der  Reichsbank  (Juli  1914:  1,25,
Febr.  1916:  2,45,  30.  Sept.  1917:2,51,  30.  Sept.  1918:
2,56,  30.  Sept.  1919:  1,12  Milliarden  Mk.)  zu  heben;
den  gleichen  Zweck  verfolgte  der  Ankauf  von  G.  in  den
1914  eingerichteten  G.ankaufsstellen.  Bis  Ende
1919  wurde  an  der  G.währung  festgehalten;  die  Valutaverhältnisse
  zwangen  zu  deren  Aufgabe,  doch
wurde  7.  Febr.  1920  das  Recht  zum  Ankauf  von  G.=und
  Silbermünzen  über  den  Neunwert  allein  der
Reichsbank  zugestanden.  (S.  268.

„Goliath-,  brit.  Linienschiff,  13  160  t,  vgl.  Bd.  1,

Golitzyn,  Fürst,  Mitgl.  des  russ.  Senats  u.  Reichsrats,
  9.  Jan.  bis  15.  März  1917  russ.  Min.-Präsident.

Gologory,  galiz.  Ort  nördlich  Brzezany,  an  der
Zlota  Lipa,  wo  27.  Aug.  1915  österr.-ungar.  Truppen
  der  Armee  Bothmer  die  russische  Front  in  30  km
Breite  durchbrachen.  Vgl.  S.  66.

Goltz,  1)  Colmar,  Freiherr  von  der,  preuß.
General,  geb.  12.  Ang.  1843  in  Bielkenfeld  bei  Labiau,
gest.  19.  April  1916  in  Bagdad,  1883—95  Leiter  der
türk.  Kriegs-  und  Generalstabsschule,  1898  Generalinspekteur
  des  Ing.=  und  Pionierkorps,  1900  General
der  Inf.,  1902—07  Führer  des  1.  Armeekorps,  1908
Generaloberst,  führte  1909/10  die  türk.  Heeresreform
durch,  wurde  1911  Generalfeldmarschall  und  nahm
1913  seinen  Abschied.  Dann  förderte  er  den  Jung-Deutschlandbund
  u.  wurde  Ende  August  1914  Generalgonv.
  von  Belgien.  Nov.  als  Generaladjutant  des
Sultans  dem  türk.  Hauptquartier  zugeteilt,  April
1915  Oberbefehlshaber  der  1.  türk.  Armee  in  Mesopotamien,
  schloß  er  die  brit.  Truppen  bei  Kut  el  Amara
ein.  Er  schrieb:  Die  Operationen  der  zweiten  Armee-(Berl.
  1874  u.  1875);  »Léon  Gambetta  und  seine
Armee-  (das.  1677);  Roßbach  und  Jena-  (das.  1883,
2.  Aufl.  1906);  -Das  Volk  in  Waffen  (5.  Aufl.,  das.
1899);  Krieg=  und  Heerführunge  (das.  1901);  Von
Jena  bis  Preußisch-Eylau  (das.  1907);  Kriegsgesch.
  Deutschlands  im  19.  Jahrh.-  (das.  1910—14,
2Bde.)  u.  a.  Bild  s.  Bd.  Ubei  S.  62.—  2)  Karl,  Graf
von  der,  Generalleutnant  z.  D.,  führte  in  der  Winterschlacht
  in  Masuren  im  Febr.  1915  eine  Landwehr-Div.,
  ging  im  Frühjahr  1918  mit  der  Ostsee-Div.
nach  Finnland,  wurde  im  Nov.  1918  Oberbefehlshaber
  in  den  baltischen  Ländern  und  führte  dort  1919
die  Freiwilligenarmee  gegen  die  Bolschewisten.  G.
schrieb:  „Meine  Sendung  in  Finnland  und  im  Valtikum=
  (Leipz.  1920).  *

Gompers,  Samuel,  amerikan.  Politiker,  geb.
1850  in  London,  Zigarrenarbeiter,  half  die  American
Federation  of  Labour  gründen,  wurde  Vizepräsident

16
        <pb n="272" />
        242

der  National  Civic  Federation  (die  die  Harmonie
zwischen  Kapital  und  Arbeit=  herbeiführen  soll),  bekämpfte,
  als  polit.  Agent  1918  in  Europa  anwesend,
die  friedensfreundl.  Strömungen  in  der  Arbeiterschaft
der  Entente  sowie  die  deuischen  Mehrheitssozialisten.

Goenus,  Georg,  Geistlicher,  geb.  15.  April  1859,
gest.  27.  Juli  1918,  1897  Garnisonpfarrer  in  Berlin,
1901  Mil.-Oberpfarrer,  1905  des  Gardekorps,  war
1914—18  evangel.  Feldpropst  im  Gr.  Hauptquartier.

Goremykin,  Iwan  Lonpinowpitsche  russ.
Staatsmann,  geb.  1840,  1891  Adjunkt  des  Justizministers,
  1896  Min.  des  Innern,  wurde  1899  infolge
der  Studentenunruhen  abgesetzt,  1906  als  Nachfolger
Wittes  Ministerpräsident,  1914  nach  mehrjähr.  Tätigkeit
  im  Reichsrat  wieder  Ministerpräsident,  trat  Febr.
1916  zurück  und  wurde  29.  Dez.  1917  im  Kaukasus
ermordet.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  52.

Görgeny-Gebirge,  Zweig  der  Südkarpathen  in
Siebenbürgen,  wurde  Anfang  Oktober  1916  von  den
Numänen  Überschritten,  die  5.  Okt.  von  der  österr.
Armee  Arz  bis  zur  Grenze  zurückgedrängt  wurden.

Gorlice,  Bezirksstadt  im  westl.  Galizien,  mit  bedeutenden
  Erdölgruben,  berühmt  durch  den  Durchbruch
  G.-Tarnow  am  2.  u.  3.  Mai  1915;  s.  Bd.  1,
S.  208  f.  sowie  Bd.  III,  S.  56.

Görligz,  Stadt  in  der  schles.  Oberlausitz.  Hier  war
von  Sept.  1916  bis  1919  der  größte  Teil  (6000  Mann)
des  4.  griech.  A.-K.  unter  Oberst  Chadzopulos  (gest.  17.
April  1918;  Nachfolger  Oberst  Karakelos)  interniert.

Gorringe,  George  Frederik,  brit.  General,
geb.  10.  Febr.  1868  in  Southwick  (Sussex),  diente  in
Agypten  und  Indien,  nahm  am  Burenkrieg  teil,  war
seit  1912  Brigadegeneral  in  Indien,  übernahm  April
1916  das  Entsatzheer  für  Kut  el  Amara,  das  von  den
Türken  zurückgewiesen  wurde.  1917  wurde  G.  durch
Mdde  ersetzt.

Görzital.  Gorizia),  Hauptstadt  des  österr.  Kronlandes
  Görz  u.  Gradisca  (vgl.  Bd.  II.  S.  101  u.  105
(geogr.]  und  S.  B  polit.]).  Bei  Ausbruch  des  Krieges

egen  Italien  räumte  die  österr.-ungar.  Heeresleitung
ampflos  das  G.er  Gebiet  bis  zum  Isonzo.  G.  wurde
in  der  6.  Isonzoschlacht  (8.  Aug.  1916)  von  den  Italienern
  erobert.  In  der  12.  Isongoschlach,  28.  Okt.
1917,  rückte  die  Urmee  Boroevié  wieder  in  G.  ein.

Gothein,  Georg,  Demokrat,  geb.  15.  Aug.  1857
in  Neumarkt  (Shle,  Bergrat,  dann  Handelskammersyndikus
  in  Breslau,  seit  1901  im  Reichstag,
war  Febr.  bis  Juni  1919  Reichsminister  o.  P.

Gotland,  befestigte  schwed.  Insel  in  der  1
vor  der  2.  Juli  1915  ein  deutsch-russ.  Seegefecht  stattfand;
  s.  Bd.  I.  S.  264  f

Goto,  Simpei,  Baron,  japan.  Staatsmann,
Direktor  der  Sanitätsabteilung  im  Min.  des  Innern,
1897  Zivilgouv.  von  Taiwan,  1906  Leiter  der  füdmandschur.
  Eisenbahngesellschaft,  1800  —  11  Verkehrszoinstert
  1916  Min.  des  Innern,  1918  des  Außzern,
schloß  1918  die  chines.-japan.  Militärkonvention  ab.

Gottberg,  Otto  von,  Kriegsberichterstatter,  geb.
19.  Dez.  1867  in  Magdeburg,  anfangs  Offizier,  dann
Korrespondent  des  Berliner  Lokal-Anzeigers=  in
Neuyork,  seit  1909  in  Berlin,  Reiseschilderer  und
Romanschriftsteller  (z.  B.  »Frontoffiziere«,  1917),
verfaßte:  Als  Adjutant  durch  Frankreich  u.  Belgien-(1915
  u.  ö.),„Kreuzerfahrten  u.  U.  Bootstaten  (1915
u.  ö.),=  Die  Helden  von  Tsingtau=  (1915  u.  ö.).

»Gott  strafe  England,  bes.  -.  Beginn  des
Krieges  in  Deutschland  verbreiteter  Wahrspruch,  der
auch  als  Gruß  benutzt  wurde.

Goens  —  Greater  Britain

Gough,  Sir  Hubert,  engl.  General,  geb.  12.  Aug.
1870,  nahm  am  Uurenkrieg  teil,  wurde  1907  Soer#.
1915  Generalleutnant  und  Korpsführer  (bei  Loos
und  1916  an  der  Sommeg),  war  seit  April  1917  Oberbesehlshaber
  der  5.  Armec.

Gourand,  Henry  Jos.  Eug.,  franz.  General,
geb.  1867,  als  Kolonialoffizier  seit  1892  in  Afrika
(Elfenbeinküste,  Tsadsee,  Marokko,  wo  er  1911  Fez
befreite)  tätig,  1907  Oberst,  1914  Brig.-General,
kämpfte  an  der  Marne  und  in  den  Argonnen,  Mai
1915  als  Nachfolger  d'Amades  an  den  Dardanellen,
wo  er  durch  Granatschuß  einen  Arm  verlor,  später  in
der  Champagne,  wurde  Dez.  1916  Oberbefehlshaber
in  Marokko  und  behauptete  1918  Reims  gegen  alle
deutschen  Angriffe.  loder  leichte  Minenwerfer.

Grabenmörser,  Bezeichnung  für  Granatwerfer

Grabenspiegel,  s.  Sehrohr.

Grabmäler,  für  Krieger,  s.  Heldenehrung.

Grabowiec,  russ.poln.  Gemeinde,  südl.  Cholm,
war  beim  Vormarsch  der  Verbündeten  auf  Cholm
Juli  1915  hartnäckig  umkämyft.

Gradisca,  bairshanto  in  Görz  u.  Gradisca,
am  Isonzo,  wurde  10.  Juni  1915  von  den  Italienern
besetzt,  28.  Okt.  1917  geräumt.

Gradnauer,  Georg,  Mehrheitssozialist,  geb.  16.
Nov.  1866  in  Magdeburg,  studierte  in  Genf,  seit  1890
Redakteur,  15.  Nov.  1918  bis  21.  Jan.  1919  sächf.
Justizminister,  17.  Jan.  1919  bis  5.  Mai  1920
Ministerpräsident.

Gradsko,  Gemeinde  in  Mazedonien,  am  Vardar,
Hauptelappe  der  deutschen  Armee  vor  Saloniki.

Grahovo,  montenegr.  Dorf  östlich  von  Trebinje.
Hier  wiesen  3.  Okt.  1915  die  Montenegriner  die  Osterreicher
  ab.  In  dreitägigem  schweren  Kampfe  brachten
die  österr.-ungar.  Truppen  11.  Jan.  1916  die  stark
befestigten  Höhen  bei  G.  in  ihren  Besitz.

Granate,  s.Die  Artillerie  im  Kriegee,  S.  154.
Vgl.  Gaskampf,  Wurfgranaten.

Grauatsignale,  aus  dem  Granatwerfer  (s.  d.)
oder  Signalwerfer  (s.  d.)  abgeschossene  Leuchtsignale.

Granattrichter,  Erdhöhlung,  die  durch  die  Explosion
  einschlagender  Granaten  oder  Wurfminen
(Minentrichter)  entstanden  ist.

Granatwerfer,  Gerät,  das  kleine  Granaten  50—
300  m  weitschleudert.  Die  Wurfgranaten  haben  einen
geflügelten  Schwanz;  sie  werden  auf  einen  Dorn
(„Stocke)  des  G.  3  gesteckt  und  durch  Federkraft  herausgeschleudert.
  Außer  Sprenggranaten  verfeuert  man
auch  Meldewurfgranaten  zur  Nachrichtenübermittlung,
  ferner  Leuchtsignale.

Grappa,  1779  m  hohes  Bergmassiv  im  Brentaknie.
  Jm  Nov.  und  Dez.  1917  nahmen  die  deutschen
und  österr.-ungar.  Truppen  die  Vorstellungen,  doch
blieb  das  Massiv  selbst  fest  in  der  Hand  der  Italiener,
die  auch  im  Juni  1918  dort  stärkste  Angriffe  abwiesen.
Im  Juli  und  Sept.  1918  erzielten  die  Italiener  Teilerfolge,
  und  24.—  30.  Okt.  durchbrach  die  4.  ital.
Armee  die  österr.-ungar.  Stellungen.

Grautbuch,  s.  Buntbücher.

Graue  Liste,  geheime  Aufstellung  der  neutralen
Firmen,  mit  denen  der  Geschästsverkehr  von  England
als  unerwünscht  bezeichnet  wurde;  s.  Bd.  II,  S.  338;
vgl.  auch  Schwarze  Listen.

Grave  di  Papadopoli,  Insel  im  Piave,  Ausgangspunkt
  des  großangelegten  Piaveübergangs  der
ital.-brit.  Streilkräfte  24.  Okt.  1918.

Greater  Britaln  (engl.,-Größeres  Brikannien-),
s.  Bd.  L,  S.  103  u.  107.
        <pb n="273" />
        Gregorianischer  Kalender  —  Griechenland

Gregorianischer  Kalender,  wurde  1.  April  1916
in  Bulgarien,  1.  März  1917  in  der  Türkei,  17.  April
in  Rumänien,  14.  Febr.  1918  in  Rußland  eingeführt.

„Greif-,  deutscher  Hilfskreuzer,  versenkte  29.  Febr.
1916  den  brit.  Hilfskreuzer  Alcantarat  und  wurde
von  der  Besahzung  gesprengt.  S.  Bd.  II,  S.  260.

Greindl,  J.,  Baron,  belg.  Diplomat,  geb.  1835,
gest.  8.  Aug.  1917  in  Brüssel,  seit  1855  in  diplomatischen
  Diensten,  Gesandter  in  Konstantinopel,  Lissabon
  und  1888—1912  Berlin,  bekannt  durch  seine
von  der  deutschen  Regierung  veröffentlichten  Gesandtschaftsberichte.


Grenuelkommission,  von  den  Engländern  unter
dem  Vorsitz  des  früheren  Botschafters  in  Washington
Lord  Bryce  eingesehte  „Kommission  zur  Untersuchung
der  deutschen  Greuel  in  Belgien-,  veröffentlichte  13.
Mai  1915  ihren  Bericht.  S.  Bd.  II,  S.  340.

Grey,  Lord  (G.  of  Fallodon;  seit  1916),  Edward,
  engl.  Staatsmann,  geb.  25.  April  1862  in
Orford,  1884—85  Privatsekretär  des  Schatzkanzlers
Childers,  1899  Unterstaatssekretär  des  Auswärtigen,
trat  1895  zurick  und  wurde  Dez.  1905  Minister  des
Ausw.  Als  solcher  führte  er  die  Einkreisungspolitik
gegen  Deutschland  durch,  war  aber  gleichzeitig  um
eine  Verständigung  bemüht,  ohne  darum  die  Entente
mit  Frankreich  aufheben  zu  wollen;  diese  Politik  scheiterte
  im  Ausbruch  des  Weltkrieges.  Während  desselben
  trat  G.  energisch  für  den  Gedanken  des  Völkerbundes
  ein  u.  zeigte  sich  einem  Verständigungsfrieden
nicht  abgeneigt.  Er  trat  1916  zurück  und  ging  1919
in  bes.  Mission  nach  Washington.  G.  schrieb:  =  Liga
der  Nationen=  (1918)  und  Fl#-Fishing-  (1899).
Vgl.  Großbritannien.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  175.

Griechenland.  G.s  Haltung  und  Stellung  im
Weltkriege  wurde  in  erster  Linie  durch  seine  geogr.
Lage,  als  küstenreiche  Halbinsel  in  dem  von  der
Entente  beherrschten  östl.  Mittelmeere  (vgl.  Bd.  II,
S.  123),  bestimmt.  Dazu  kam  der  Gegensatz  zwischen
König  Konstantin,  dem  Schwager  des  deutschen
Kaisers,  der  unbedingt  für  Erhaltung  der  Neutralität
eintrat,  und  dem  Ministerpräsidenten  Weniselos,  der
den  Sturz  der  Monarchie  und  das  Bündnis  mit  der
Entente  anstrebte.  Zunächst  aber  war  auch  Weniselos
für  Ablehnung  einer  Unterstützung  Serbiens,  da  das
Land  noch  zu  dringend  der  Ruhe  bedurste;  G.  erklärte
daher  bei  Kriegsausbruch  seine  Neutralität,  gestattete
  die  Bekohlung  der  deutschen  Kreuzer-  Goebenund
  Breslau=  durch  einen  Levantedampfer  im  Piräus
  und  verneinte  den  griech.-serb.  Bündnisfall.

Der  Eintritt  der  Türkei  in  den  Krieg  u.  der  Beginn
des  engl.=  franz.  Dardanellenunternehmens  schufen
aber  für  G.  eine  neue  Lage:  der  großgriech.  =  Traum
von  Uhzanz=  erwachte  zu  neuem  Leben,  u.  der  griech.=türk.
  Gegensatz  verschärfte  sich  durch  die  Räumung
türk.  Küstenstriche,  die  viele  levant.  Griechen  vertrieb.
Die  Schwierigkeiten  der  Dardanellenunternehmung
ließen  die  Entente  das  griech.  Heer  als  gecignete  Reserve
  ins  Auge  fassen,  wofür  Weniselos  die  kleinasiat.
Küstenstriche  versprochen  wurden.  Doch  der  König
lehnte  den  Vorschlag  Weniselos’  ab,  er  siegte  in  dem
entscheidenden  Ministerrat  am  6.  März  1915:  Weniselos
  war  gefallen.  Die  Kammer,  deren  Mehrheit
Weniselisten  waren,  wurde  am  5.  Mai  aufgelöst.  Dimitrios
  Gunaris,  ein  überzeugter  Neutralitäts.
anhänger,  wurde  Ministerpräsident.  Weniselos  konnte
er  durch  Aufdeckung  seiner  Absicht,  Kawalla  an  Bulgarien
  gegen  Beitritt  zum  griech.-serb.  Bündnis  abzutreten,
  unmöglich  machen  (8.  April);  an  Weni-243



selos'  Stelle  übernahm  Rakliwan  die  Leitung  seiner
Partei.  Die  Entente  besetzte  den  Hafen  Mudros  auf
Lemnos,  dessen  Besitz  angeblich  noch  nicht  geklärt  sei,
im  Juli  auch  Mytilene.  Ihr  Ansehen  erlitt  aber  am
18.  März  durch  den  mißgllickten  Flottenangriff  auf
die  Dardanellen  in  G.  einen  schweren  Stoß.  Sie  versuchte,
  die  Griechen  durch  Versprechung  Ostmazedoniens
  an  Bulgarien  zu  schrecken,  und  um  Zeit  zu
gewinnen,  knüpfte  Gunaris  Verhandlungen  an.  Da
erkrankte  der  König  am  8.  Mai  an  einer  Rippenfellentzsndung,
  die  eine  schwierige  Operation  erforderlich
machte  (6.  Vuni).  Die  Gefahr,  in  der  sich  des  Königs
Leben  befand,  ließ  einige  Zeit  den  Kampf  ruhen,  die
erregte  Anteilnahme  des  Volkes  zeigte  des  Königs  Beliebtheit
  im  hellsten  Lichte.  Trotzdem  siegten  bei  den
Neuwahlen  zur  Kammer  (13.  Juni)  die  Weniselisten
lber  die  Königspartei.  Weniselos  verlangte  sofortige
Einberufung  der  Kammer  und  Einsetzung  eines  Regenten
  für  den  kranken  König;  dieser  berief  aber  erst
16.  Aug,  die  Kammer  ein,  und  nachdem  ein  weniselist.
Abgeordneter,  Zariczaianos,  zum  Präsidenten  gewählt
worden  war,  demissionierte  das  Kabinett  Gunaris.
Am  17.  Aug.  1915  wurde  Weniselos  wieder
Premierminister.  Er  hielt  sich  jedoch  zunächst  völlig
#rück  bis  die  bulgar.  Mobilisierung  Ende  Sept.  die
age  Uärte.  Am  5.  Okt.,  wo  der  deutsch-österr.  Anriff
  auf  Serbien  einsetee,  begann  die  Entente,  von
eniselos  eingeladen,  Truppen  in  Saloniki  zu  landen.
  Am  24.  wurde  die  griech.  Armee  mobilisiert.
Als  jetzt  Weniselos  die  Erfüllung  der  Bündnispflicht
gegen  Serbien  verlangte,  lehnte  der  König  ab,  und
Weniselos  stürzte  zum  zweitenmal  (5.  Okt.).  Zafmis
wurde  Premierminister.  Die  neue  Regierung  verneinte
  am  13.  Okt.  den  Bündnisfall  gegen  Serbien.
Da  sie  aber  keine  Kammermehrheit  erlangte,  wurde
sie  7.  Nov.  durch  das  Kabinett  Skuludis  ersetzt,
das  die  Kammer  auflöste.  Die  Entente  blockierte  die
Küste  und  forderte  die  Nichtentwaffnung  der  verbündeten
  und  serb.  Truppen,  Garantien  für  deren
Sicherheit  sowie  Benutzung  der  Verkehrsmittel.  Als
am  24.  Nov.  die  griech.  Regierung  die  Forderungen
annahm,  aber  die  Benutzung  der  Verkehrsmittel  durch
das  Ententeheer  von  den  eigenen  militärischen  Interessen
  abhängig  machte,  stellte  die  Entente  am  27.  neue,
ganz  maßlose  Forderungen:  Räumung  von  Saloniki
urch  die  griech.  Truppen,  freies  Verfügungerecht
über  Eisenbahnen  und  Straßen,  freie  Hand  auf  dem
Meere.  Skuludis  lehnte  diese  Forderungen  ab.  Am
30.  Dez.  entfernte  man  die  Konsulatsbeamten  des
Vierbundes  aus  Saloniki.  Inzwischen  waren  (19.
Dez.)  die  Neuwahlen  zur  Kammer  erfolgt,  die  der
Regierung  einen  Sieg  brachte.  Der  10.  Jan.  1916  in
Athen  bekanntgewordene  Zusammenbruch  der  Gallipoli-
  Expedition  rechtfertigte  die  Politik  des  Königs,
aber  am  gleichen  Tage  besetzte  die  Entente  in  Erfüllung
  -einer  reinen  Pflicht  der  Menschlichkeit  die
Insel  Korfu,  um  die  demoralisierte  serb.  Armee  dort
zu  reorgauisieren;  am  12.  Jan.  sprengte  Sarrail  die
für  1½  Mill.  Drachmen  erbaute  Struma-Eisenbahnbrücke
  bei  Demir-Hissar  ohne  militärische  Notwendigkeit,
  wodurch  die  Verpflegung  der  ostmazedon.  Truppen
  unterbunden  wurde,  und  besetzte,  unbekümmert
um  die  griech.  Proteste,  am  28.  Jan.  die  Hafenfeste
von  Saloniki  bei  Kap  Karaburun.  Im  Frühjahr  verlangte
  die  Entente  freie  Durchfahrt  der  serb.  Armee
durch  den  Kanal  von  Korinth  zum  Schutz  vor  Unterseebootangriffen,
  was  Skuludis  aber  ablehnte.
Als  die  deutschen  u.  bulgar.  Truppen  im  Struma-16*
        <pb n="274" />
        244

tale  am  26.  Mai  1916  vorrückten,  verhängte  Sarrail
den  Belagerungszustand  über  Mazedonien  und  forderte
  bewaffneten  Widerstand;  diese  Forderung  machte
König  Konstantin  durch  Demobilisierung  der  Armee
gegenstandslos.  Als  trotzdem  die  Blockade  andauerte,
  gab  Skuludis  seine  Demission  (19.  Juni).
Dennoch  forderte  die  Entente  am  21.  Juni  mit  Androhung
  der  Landung  vollständige  Demobilisierung,
Einsetzung  eines  parteilosen  Geschäftsministeriums,
Auflösung  der  Kammer  u.  Neuwahlen  binnen  2  Monaten.
  Zaimis  wurde  Ministerpräsident.  Mangel
an  Brot  und  Munition,  die  hilflose  Lage  der  Truppen
in  Ostmazedonien,  die  eigene  Gefahr,  die  drohende
Beschießung  der  Hauptstadt  u.  die  Finanzlage  (1915:
167,  1916:  265  Mill.  Defizit)  zwangen  den  König
zum  Nachgeben.  Wegen  der  Haltung  der  königstreuen
Reservistenverbände  setzte  die  Entente  29.  Juni  die
Abkürzung  der  Demobilisation  umeinen  Monatdurch.
Da  die  Armee  königstreu  blieb,  ging  nunmehr  Frankreich
  zu  offenen  Angriffen  geen  den  König  über.
Vergebens  sandte  dicher  seine  Brüder  Nikolaus  und
Andreas  zur  ufkläcung  über  seine  Politik  in  die
Hauptstädte  des  Vierverbandes;  am  14.  Juli  1916
brannte  die  Sommerresidenz  des  Königs,  Tatoi,  infolge
  eines  Anschlags  nieder.  Der  König  entging
mit  knapper  Not  dem  Tod.  Weniselos  schritt  zur
offenen  Revolution,  indem  er  30.  Aug.  in  Saloniki
mit  Hilfe  kret.  Gendarmen  und  kleinasiat.  Banden  ein
Revolutionskomitee  gründete.  Gleichzeitig  wurden
in  Athen  auf  Verlangen  der  Entente  der  Generalstabschef
  Dusmanis  und  der  Chef  der  Operationsabteilung,
  Oberst  Mataxas,  ihrer  Amter  enthoben,
um  den  deutschen  Einfluß«  auszuschalten.  Um  G.
nun  zum  Bruch  mit  den  Mittelmächten  zu  zwingen,
beschlagnahmte  die  Entente  am  2.  Sept.  alle  im  Piräus
  und  der  Bucht  von  Eleusis  liegenden  deutschen
und  österr.=  ungar.  Schiffe.  Am  2.  Sept.  forderten
England  u.  Frankreich  die  Ausweisung  aller  -  Agenten
  der  feindlichen  Propaganda  und  Spionager  und
die  Kontrolle  über  Post  und  Telegraphie;  auch  diese
Forderungen  nahm  Zaimis  an,  worauf  am  7.  Sept.
1916  die  Angehörigen  der  Mittelmächte  G.  verlieszen.
In  diesen  Tagen  hatte  der  König  in  Tatoi  sich  einer
neuen  Operation  unterzogen.  Ein  inszeniertes  Attentat
  gegen  die  franz.  Gesandtschaft  (9.  Sept.),  das  die
Mussösan  der  Reservistenvereine  rechtfertigen  sollte,
veranlaßte  Zalmis  zur  Demission;  die  Franzosen
legten  in  ihre  Gesandtschaft  und  das  franz.  archäologische
  Institut  Militärwachen.  Ehe  die  Ministerkrisis
  gelöst  war,  erfolgte  die  Besetzung  Kawallas  durch
die  Mittelmächte;  das  dadurch  zwischen  die  kämpfenden
  Heere  geratene  4.  griech.  Korps  erklärte  sich  mit
seiner  Verbringung  na  Ghrli  .  d.)  einverstanden.

Am  16.  Sept.  1916  wurde  der  Theotokist  Kalogeropulos
  Ministerpräsident;  aber  sein  =  Ministerium
  der  Herausforderung=  wurde  von  der  Entente
vollkommen  ignoriert,  weshalb  es  am  4.  Okt.  demissionierte.
  Weniselos  ging  25.  Sept.  nach  Saloniki
und  bildete  dort  mit  dem  Admiral  Conduriotis  eine
„provisorische  Regierung  (auch  -Regierung  der  nationalen
  Verteidigunge  genannt).  Ehe  noch  (8.  Okt.)
der  Athener  Geschichtsprofessor  Lambros  sein  politisch
  farbloses  Kabinett  gebildet  hatte,  verboten  die
veshubenühte=  der  griech.  Regierung  jeden  telegraphischen
  Verkehr  mit  den  Neutralen  und  Mittelmächten.
  Am  10.  Okt.  1916  forderte  der  Admiral  der
Mittelmeerflotte,  d’'Artige  du  Fournet,  die  Auslieferung
  der  griech.  Flotte  bis  zum  11.;  die

Griechenland  —  Griechisch-atholische  Kirche

griech.  Regierung  wich  der  ossenen  Gewalt,  und  die
Flotle  wurde  sofort  von  den  Franzosen  besetzt.  Der
spontane  Ausbruch  der  erregten  Volksleidenschaft  bei
der  Parade  des  Königs  über  die  Flottenmannschaft
am  16.  Okt.  gab  den  Vorwand  ab  für  die  Besetzung
Athens  durch  ein  franz.  Marinedetachement  noch  am
Abend  des  16.  Okl.,  aber  das  Volk  erzwang  am  17.
die  Zurückziehung  der  franz.  Truppen  vom  Theaterdbaas-
  nach  dem  Zappeion.  Dann  forderte  Fournet
die  Entfernung  der  Gesandtschaften  der  Mittelmächte,
serner  unter  Androhung  der  Blockade  die  Auslieferung
von  Geschützen  und  Waffen,  und  als  der  Kronrat
die  Auslieferung  einstimmig  ablehnte,  landete  die
Entente  1.  Dez.  franz.,  engl.  und  ital.  Truppen,  so
daß  es  zum  offenen  Kampfe  kam  und  die  Ententeflotte
die  Beschießung  eröffnete.  Das  Eingreifen  der
Weniselisten  führte  am  2.  zum  Bürgerkrieg,  in
dem  die  Königsparlei  Sieger  blieb;  500  Weniselisten
wurden  verhaftet,  Fournet  mußte  abziehen  (am  10.
abberufen).  Da  am  8.  Dez  die  Blockade  einsetzte,
mußte  die  Regierung  am  15.  das  am  14.  gestellte  Ultimatum
  annehmen,  und  die  Franzosen  besetzten  am  16.
die  Zykladen  und  die  Insel  Zanthe.  Auch  die  neuen
Forderungen  der  Entente  als  Genugiuung  für  die
Ereignisse  vom  1.  Dez.:  Abtransport  aller  Truppen
und  Waffen  nach  dem  Peloponnes,  Verkehrsüberwachung,
  Freilassung  und  Entschädigung  der  Weniselisten,
  etrasung  der  für  die  Ereignisse  am  1.  Dez.
verantwortlichen  Urheber,  Abbitte  der  griech.  Regierung
  usw.,  mußte  der  Ministerrat  am  10.  Jan.  1917
annehmen.  Die  Blockade  blieb  aber  bestehen,  und
die  Weniselisten  gewannen  wieder  die  Oberhand.

Im  Juni  forderte  der  bevollmächtigte  Henker  G.s,
Jonnart,  zur  -Wiederherstellung  der  nationalen  Einheit
  G.s«,  die  Ab  dankung  des  Königs,  da  er  die
Verfassung  verletzt  und  das  Vertrauen  der  Schutzmächte
  verloren  habe,  sowie  den  Verzicht  des  Kronprinzen.
  Einer  späteren  Rückkehr  des  Königs  auf
Wunsch  des  Volkes  stehe  nichts  im  Wege.  König  Konstantin,
  sofort  entschlossen,  zurückzutreten,  begab  sich
nach  der  Schwei  Cugano,  dann  Zürich),  wo  ihn
Professor  Sauerbruch  durch  Operation  von  seinem
Leiden  befreite.  Am  18.wurde  Uthen  von  den  Führern
der  Königspartei  gereinigt,  Gunaris,  Dusmanis,
Mataxas  nach  Korsika  verbracht,  die  Preßfreiheit  aufgehoben;
  am  21.  kam  Weniselos  nach  Athen;  ihn
mußte  der  neue  König  Alexander,  Konstantins
zweiter  Sohn,  als  Ministerpräsidenten  annehmen.
Die  Beziehungen  zu  den  Mittelmächten  wurden  abgebrochen,
  und  die  aufgelöste  Kammer  trat  als  rechtmäßige=
  Volksvertretung  wieder  zusammen.  Im  Aug.
wurden  die  Jahrgänge  1916  und  1917  einberufen;
der  Versuch,  im  Jan.  1918  Truppen  an  der  mazedon.
Front  einzusetzen,  scheiterte  zunächst  infolge  von  Meutereien
  und  Aufständen;  esst  an  der  Generaloffensive
gegen  Bulgarien  hatte  G.  bescheidenen  Anteil.  Weniselos
  ging  dann  als  griech.  Unterhändler  zu  den
Friedensverhandlungen  nach  Paris.

Am  30.  Juli  1919  gab  England  Zypern  an  G.
urück  und  Bulgarien  mußte  im  Friedensvertrag  von

euilly  ganz  Thrazien  an  G.  abtreten.  Ferner  gestattete
  die  Entente  den  Griechen,  am  16.  Mai  Smyrna
als  Fauslpfand  für  ihre  kleinasiat.  Ansprüche  zu  besetzen.
  —  Vgl.  Roquette,  Deutschland  und  G.  (Halle
1916);  Falkenhausen,  Die  Erdrosselung  G.s  (Berl.
1918);  Platytas,  La  Grece  pendant  la  guerre

(Bern  1918).

Griechisch-katholische  Kirche.  über  die  Lage
        <pb n="275" />
        Grippe  —  Großbritannien

der  orthodoxen  Kirchen  in  Rußland  und  auf  dem  Balkan
  s.  Bd.  J,  S.  331.

Grippe  (Influenza),  sehr  ansteckende  Krankheit
mit  Fieber,  Husten,  Katarrhen  der  Atmungswege,
Gliederschmerzen  u.  a.  m.,  dauert  meist  nur  wenige
Tage,  kann  aber  auch  schwere,  oft  tödliche  Lungenund
  Brustfellentzündungen,  anderseits  langwierige
Lungenkatarrhe  im  Gefolge  haben.  Die  G.  verursacht
  von  Zeit  zu  Zeit  Massenepidemien,  so  1874/75,
1889/90  und  während  des  Krieges  1918,  wo  sie  von
Spanien  ausging  (Spanische  G.),  sich  über  ganz
Europa  ausdehnte  und,  besonders  im  Juli  u.  August
bei  den  Deutschen,  die  Kampfkraft  der  Truppen  durch
Massenerkrankungen  stark  beeinträchtigte.

Groccka,  nordserb.  Gemeinde  an  der  Donau,  25  km
südöstlich  von  Belgrad.  Bei  G.  vollführten  Teile  der
Armee  Gallwitz  6.—10.  Okt.  1915  ihren  Donauübergang
  und  nahmen  G.  nach  schweren  Gefechten.

rodek,  galiz.  Bezirksstadt,  an  der  Wereszyca,
Mittelpunkt  der  russ.  G.-Stellung,  war  Mitte  Juni
1915  Schauplatz  erbitterter  Kämpfe  und  wurde  18.
Juni  1915  von  der  Armee  Böhm-Ermolli  erobert.
S.  Bd.  J,  S.  214.

Grodno,  Hauptstadt  des  russ.  Gouv.  G.,  am
Njemen  und  den  Bahnen  Warschau-Wilna  und  G.-Suwalti,
  verbindet  als  Festung  die  Bobr-Narew=  mit
der  Njemenlinie.  Über  die  Eroberung  G.  8  im  Sommer
1915  vgl.  S.  62f.

Groener,  Wilhelm,  württemberg.  General,  geb.
22.  Nov.  1867  in  Ludwigsburg,  1912  Oberstleutnant
und  Abteilungschef  der  Eisenbahnabteilung,  1914
Oberst,  bei  der  Mobilmachung  Chef  des  deutschen  Feldeisenbahnwesens,
  1915  Generalmajor,  27.  Mai  1916
bis  Aug.  1917  Chef  des  Kricgsamts  und  im  Vorstand
des  Kriegsernährungsamtes,  dann  Div.-Komm.  und
Korpsführer,  1918  Stabschef  der  Heeresgruppe  Linsingen
  bzw.  Eichhorn,  Nov.  1918  bis  Sept.  1919  als
Nachf.  Ludendorffs  Generalquartiermeister,  trat  wegen
Unterzeichnung  des  Friedensvertrags  zurück.  —  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  251.

Großbritannien.  —  Auswärtige  Politik.  Englands
  auswärtige  Politik  ist  stets  von  dem  Gedanken
geleitetgewesen:  Freiheit  der  Welt  durch  England!  Nur
die  Staaten,  die  sich  seiner  Leitung  fügen,  sollen  Freiheit
  der  Meere,  des  Handels,  des  Wortes  genießen,  Englands
  Feind  ist  der  Feind  der  Welt.  (über  die  geschichtliche
  Entwicklung  dieser  Politik  vgl.  Bd.  I,  S.  102ff.)
Nach  diesem  Grundsatz  hat  England  seine  Bün  dnisse
sorgsam  gepflegt;  abgesehen  von  Rußland,  das  ihm  nur
locker  verbunden  war,  hat  es  keinen  Verbündeten  im
Kriege  verloren.  Aus  der  großen  Zahl  der  gemeinsamen
  Konferenzen  mit  den  Verbündeten  seien  als
wichtigste  erwähnt:  21.  April  1914  englischer  Königsbesuch
  in  Paris;  5.  Sept.  1914  Unterzeichung  einer
Erklärung  gegen  den  Abschluß  von  Sonderfrieden
in  London  durch  Grey  und  den  franz.  und  russ.  Botschafter;
  19.  Jan.  1916  Ententekriegsrat  in  London;
28.—29.  Mai  1917  engl  franz.  Konferenz  in  London;
7.  Aug.  1917  Ententekonferenz  in  London;  16.  Nov.
1917  Gründung  eines  obersten  Kriegsrats  der  Alliierten
  in  Versailles  (erste  Sitzung:  29.  Nov.  in  Paris),
der  mindestens  einmal  monatlich  zusammentreten
sollte.  Am  22./23.  Jan.  1918  tagte  in  London  eine
Seekonferenz  der  Verbandsmächte.  —  Wie  England
selbst  alles  dem  einen  Keiegszwech  unterordnete,  erwartele
  es  Gleiches  von  den  Verbündeten,  aber  auch
von  den  Neutralen;z  in  rigorosester  Weise  zwang  es
diese  unter  seine  Zwecke  (vgl.  Griechenland,  Nieder-245



lande  usw.);  die  Beschlagnahme  türk.  Kriegsschiffe  am
9.  Aug.  1914  (s.  Türkei),  die  Postüberwachung  der
skandinavischen  Staaten,  die  Enteignung  holländischer
  und  schwed.  Tonnage  1917  sind  die  berühmtesten
Beispiele  dieser  Politik.  (Weiteres  s.  auch  Bd.  II,
S.  335  ff.)  Seinen  Feinden  gegenüber  war  ihm
jedes  Mittel  recht;  mit  seinem  planmäßig  und  kraftvoll
  durchgeführten  Wirtschaftskrieg  (vgl.  Bd.  I,
S.  376  ff.)  und  Aushungerungsplan  durch  eine  sich
liber  jede  völkerrechtliche  Norm  hinwegsetzende  Blokkade
  bezweckte  es  von  vornherein  die  Zermürbung  der
feindlichen  Widerstandskraft  durch  Demoralisation.
Die  wichtigsten  Daten  sind:  1914,  5.  Aug.  Bekanntmachung
  über  Kriegskonterbande,  3.  Okt.  Minenfeldlegung
  in  der  Nordsee  von  51  bis  544°  Grad,  22.Okt.
Verhaftung  aller  wehrfähigen  feindlichen  Ausländer,
3.  Nov.  Erklärung  der  ganzen  Nordsee  als  Kriegsebiet,

  5.  Nov.  Annexion  von  Zypern,  21.  Nov.  Ge-8
  über  die  Handelsbeziehungen  zum  Feinde,  25.  Dez.
neue  Konterbandeliste;  1915,  3.  Febr.  die  Regierung
empfiehlt  den  Handelsdampfern,  unter  neutraler
Flagge  zu  fahren,  1.  März  Note  an  die  Neutralen,  daß
alle  Schiffe  mit  mutmaßlicher  Ladung  für  den
Feind  aufgebracht  werden,  22.  Aug.  Baumwolle  zur
Konterbande  erklärt,  25.  Okt.  die  Londoner  Deklaration
  wird  außer  Kraft  gesetzt;  1916,  1.  März  Handelsverbot
  gegen  gewisse  neutrale  Personen  und  Firmen
(schwarze  Listen),  19.  April  neue  Bannwarenliste,
8.  April  Beanspruchung  des  Rechts  zur  Durchsuchung
der  neutralen  Briefpost,  18.  Aug.  Ausfuhrverbot
nach  Schweden;  1917,  21.  Febr.  Forderung  des  Anlaufens
  engl.  Häfen,  5.  April  Einführung  eines,
2.  Febr.  1918  zweier  fleischlosen  Tage,  7.  April  1918
Einführung  der  Fleischkarte.

Das  englische  Weltreich.  Die  vielfach  hervorgetretene
  Ansicht,  das  engl.  Weltreich  werde  im  Kriege  zerfallen,
  insbes.  werde  Indien  (über  dieses  s.  Bd.  II,
S.  43f.  und  47  ff.)  abfallen,  hat  sich  als  irrig  erwiesen,
  denn  die  imperialistische  Tendenz  zur  einheitlichen
zu  ammenfassung  des  Reiches  machte  außerordentliche

ortschritte.  Von  größter  Bedeutung  war  die  Ein.
ladung  zu  einer  Reichskonferenz  am  25.  Dez.  1916
für  den  21.  Jan.  1917;  diese  Reichskriegskonferen
  ze  trat  im  Kolonialamt  in  London  zusemmen
und  tagte  bis  zum  2.  Mai.  Vom  20.  März  ab  fanden
  eine  Reihe  wichtiger  Konferenzen  des  Kabinetts
mit  Vertretern  der  Kolonien  statt.  Das  wichtigste  Erebnis
  der  Konferenz  war  die  Einsetzung  eines  Reichsriegskabinetts
  (17.  Mai).  Zu  den  Friedensverhandlungenin
  Versailles  wurden  Vertreter  Australiens
  (Hughes),  Südafrikas  (Smuts)  und  Kanadas,
aber  nicht  Agyptens  und  Indiens  herangezogen.  Das
Unterhaus  forderte  am  6.  Juni  1919  einen  parlamentarischen
  Ausschuß  zur  Ausarbeitung  eines  Gesetzentwurfs
  über  einen  Großbritannischen  Bundesstaat.  —
über  Englands  Politik  in  Ostasien  vgl.  Bd.  II,  S.  90,
in  seinem  überseereich  Bd.  II,  S.  42ff.

Innere  Politik.  Die  innerengl.  Politik  war  auch
im  Kriege  von  den  Fragen  beherrscht,  die  bereits
lange  zuvor  zur  Entscheidung  drängten  und  eine  schicksalsschwere
  Konfliktsluft  bildeten,  die  zu  vertreiben
England  in  erster  Linie  mit  in  den  Krieg  eintrat:  die
Wahlrechtsreform,  die  Frage  der  Trennung  von  Staat
und  Kirche  in  Wales,  die  irische  Frage.

Wahlrechtsreform.  Am  15.  Juni  1914  nahm
das  Unterhaus  das  Pluralwahlrecht  in  dritter  Lesung

um  zweiten  Male  an,  am  15.  Juli  lehnte  das  Oberhaug
  die  Vorlage  zum  zweiten  Male  ab.  Am  15.  Aug.
        <pb n="276" />
        246

1916  brachte  die  Regierung,  nachdem  die  Wahlrechtsfrage
  zwei  Jahre  geruht  hatte,  eine  neue  Vorlage  ein,
beten  Kriegsverhältnissen  Rechnung  kag:  verschob
aber  die  Angelegenheit  auf  den  durbst  m  1.  Nov.
scheiterte  eine  Waͤhlerlistenvorlage  im  Unterhaus,  das
die  Sache  damit  als  erledigt  ansah.  Am  28.  Febr.
1917  brachte  die  Regierung  wieder  eine  Wahlrechtsvorlage
  ein.  Das  Unterhaus  nahn  in  dritter  Lesung
am  20.  Juni  das  Frauenstimmrecht  an,  verwarf  dagegen
  am  4.  Juli  die  Verhältniswahl.  Ein  Antrag,
die  Wahlrechtsänderung  nicht  mit  auf  Irland  zu  erstrecken,
  wurde  am  10.  Okt.  abgelehnt;  am  7.  Dez.
erfolgte  dann  die  endgültige  Annahme  der  ganzen
Vorlage  im  Unterhaus;  das  Wahlrecht  wurde  allen
Kriegsteilnehmern  über  19  Jahre,  anderen  Männern
über  21  Jahre  und  allen  Frauen  über  30  Jahre  zuesprochen,

  dagegen  denjenigen  aberkannt,  die  sich  aus

ewissensbedenken  der  Wehrpflicht  entziehen;  beziüglich
  der  Verhältniswahl  blieb  es  bei  der  Ablehnung.
Das  Oberhaus  nahm  am  11.  Jan.  1918  das  Frauenwahlrecht,
  am  24.  das  Verhältniswahlrecht  an,  doch
lehnte  das  Unterhaus  letzteres  abermals  am  30.  Jan.
ab.  Die  Neuwahlen  am  14.  Dez.,  bei  denen  sich  die
Zahl  der  Wähler  von  8  auf  21  Millionen  erhöhte,
brachten  471  Anhänger  der  Regierung  (334  Unionisten,
  127  Liberale,  10  regierungsfreundliche  Arbeiter)
  und  233  Anhänger  der  Opposition  (37  Liberale,
48  unabh.  Unionisten,  65  Arbeiter,  70  Sinn-Feiner
und  12  andere)  ins  Unterhaus.

Kabinett.  Wegen  der  Vorgänge  in  Ulster  (s.  S.
247:  2Die  irische  Fragee)  traten  am  30.  März  1914
der  Kriegsminister  Seely,  Feldmarschall  French  und
Generalleutnant  Ewart  zurück.  Generalstabschef
wurde  der  Generalinspekteur  Sir  Charles  Douglas,
das  Kriegsministerium  übernahm  der  Premierminister
Asquith,  der  es  nach  Kriegsausbruch  an  Feldmarschall
  Kitchener  abgab  (6.  Aug.).  Gleichzeitig  traten
die  Mitglieder  des  Kabinetts,  die  den  Eintritt  G.s  in
den  Krieg  mißbilligten,  zurück:  der  Lordpräsident  des
Geheimen  Nats  Morley  (Nachfolger:  Lord  Beauchamps),
  der  Handelsminister  Burns  (Nachfolger:
RNunciman)  und  der  Parlamentssekretär  Trevelyan.
Dem  Drängen  seiner  Gegner  nachgebend,  trat  29.
Okt.  der  erste  Seelord  Prinz  Ludwig  von  Battenberg
zurück,  sein  Amt  übernahm  Admiral  Lord  Fisher.
Der  Rücktritt  des  letzteren  führte  19.  Mai  1915  zum
Rücktritt  des  ganzen  Kabinetts;  Asquith  übernahm
wieder  die  Neubildung:  Asquith  Vorsitz,  Grey  Auswärtiges,
  Bonar  Law  Kolonien,  Küchener  Kriegslord,
Lloyd  George  Munition,  Balfour  erster  Lord  der  Admiralilät,
  Runciman  Handel,  Churchill  Kanzler  von
Lancaster,  Henderson  Unterricht,  Carson  Attorney
General,  Lansdowne  ohne  Portefeuille.  Um  sich  der
heftigen  Angriffe  der  Opposition  zu  erwehren,  bildete
das  Kabinett  Ende  Okt.  einen  fünfköpfigen  Kriegs--ausschuß
  (engeres  Kabinett),  dem  die  eigentliche
Initiative  übertragen  wurde.  Am  7./10.  Juli  kam
es  wieder  zu  Veränderungen  im  Kabinett:  Lord
Derby  wurde  Unterstaatssekretär  des  Krieges,  Lloyd
George  Kriegsminister,  Montagu  Munitionsminister,
Lord  Curzon  trat  in  das  Kriegskabinett  ein,  Grey
wurde  als  Lord  Grey  of  Fallodon  zum  Peer  ernannt.
Am  23.  Okt.  erhielt  Henderson  das  neugegründete
Amt  eines  Pensionsministers,  zum  1.  Seelord  wurde
29.  Nov.  Admiral  Jellicoe,  zum  Befehlshaber  der
Großen  Flotte  Beatty  ernannt.  Lloyd  George,
der  seit  langem  immer  stärker  als  der  beherrschende
Mann  des  Kabinetts  hervorgetreten  war,  forderte

Großbritannien

Anfang  Dez.  einen  Dreimännerkriegsrat  ohne  Asquith;
  da  dieser  sich  damit  nicht  einverstanden  erklärte,
demissionierte  Llo  d  George  am  3.  Dez.  Asgquith,
der  fühlte,  daß  er  die  Mehrheit  nicht  mehe  süuge  sich
bonte.  folgte  am  5.  Dez.,  und  nun  übernahm  Lloyd
corge,  nachdem  Bonar  Law  abgelehnt  hatte,  die
Bildung  des  Kabinetts.  Der  Kriegsrat  wurde  gebildet
  aus  Lloyd  George,  dem  Lordpräsidenten  des  Ge.
hetmen  Rats  Curzon,  Henderson,  Lord  Milner,  dem
inanzminister  Bonar  Law.  Die  wichtigsten  übrigen
Posten  erhielten:  Balfour  (Außeres),  Lord  Derby
—-  Carson  (1.  Lord  der  Admiralität).  Am  17.
uli  wurde  Carson  Mitglied  des  Kriegskabinetts,
Churchill  Munitionsminister,  Sir  Geddes  erster  Lord
der  Admiralität.  Am  11.  Aug.  1917  trat  Henderson
aus  dem  Kriegskabinett  aus.  Für  Admiral  Jellicoe,
der  die  Peerwürde  erhielt,  wurde  25.  Dez.  1917  Vizeadmiral
  Sir  Roßlyn  Wemyß  erster  Seelord.  Am  20.
Jan.  1918  trat  Carson  aus  dem  Kriegskabinett  aus;
für  ihn  übernahm  am  11.  Febr.  1918  Lord  Beaverbrook
  das  Propagandaministerium,  in  dem  Vrscount
Northcelisse  am  18.  Febr.  1918  das  Unterstaatssekretariat
  für  die  Propaganda  in  feindlichen  Ländern  erbielt.
  An  Stelle  Sir  William  Robertsons,  der  Oberefehlshaber
  in  Ostengland  wurde,  übernahm  am  16.
Febr.  1918  Sir  Heury  Wilson  die  Stelle  eines  Chefs
des  Generalstabs.  Am  9.  Jan.  1919  wurde  Churchill
Kriegsminister,  am  12.  März  Curzon  Außenminister.
—  Am  29.  Okt.  1919  löste  Lloyd  George  das  Kriegskabinett
  auf  und  bildete  eine  neue  Regierung,  in
der  Lord  Curzon  Außenminister,  Balfour  Lordpräsident
  des  Geheimen  Rates  wurde.  Am  12.  Okt.  wurde
Admiral  Beatty  erster  Seelord.

Heer  und  Flotte.  Das  englische  Heer  wurde
alsbald  nach  Kriegsausbruch  um  500000  Mann  vermehrt
  und  bereits  am  2.  Jan.  1915  auf  6  Armeen
erweitert  (1.  Haig,  2.  Smith  Dorrien,  3.  Hunter,
4.  Jan  Hamilton,  5.  Leslie  Rundle,  6.  Bruce  Hamilton),
  das  Oberkommando  erhielt  Marschall  Freuch.
Bereits  im  Januar  1915  wurde  die  Frage  der  allgemeinen
  Wehrpflicht  in  Parlament  und  Presse  lebhaft
erörtert,  da  die  freiwillige  Werbung  nicht  ausreichenden
  Ersatz  lieferte.  Durch  eine  am  11.  Febr.
1915  angenommene  Vorlage  wurde  der  Heeresetat
auf  3  Millionen  Mann  erhöht.  Ende  März  machte
sich  eine  große  Sorge  um  die  Sicherstellung  der  erforderlichen
  Munitionsmengen  bemerkbar,  Lloyd
George  trat  als  Kfr  der  Wehrpflichts-  und  Munitionsbewegung
  entscheidend  hervor;  er  brachte  am
8.  Juni  seine  Vorlage  über  Errichtung  eines  Munilionzminssterlums
  und  24.  Juni  sein  Munitionsgesetz#
ein.  Die  Juli  angenommene  Registrierungsbill

wang  alle  männlichen  Einwohner  zwischen  15  u.  65
Jahrer  ur  Eintragung  in  die  Registrierungsstammrollen.
  Am  11.  Nov.  schlossen  sich  der  Bergarbeiter-,
Transportarbeiter=  u.  Eisenbahnerverband,  1½  Million
  Mann,  gegen  die  Wehrpflicht  zusammen.  Lord
Derby  bezeichnete  zwar  noch  am  14.-Dez.  das  Werbungeresultat
  als  zufriedenstellend,  mußte  aber  bereits
am  20.  Dez.  zur  Einberufung  der  Unverheirateten  bis
zum  22.  Lebenejahre  schreiten.  Am  21.  Dez.  forderte
die  Regierung  die  Erhöhung  des  Heeres  um  1  Million
Mann  und  am  28.  Dez.  die  Einführung  der  Dienstpslicht.
  Die  von  Asquith  5.  Jan.  1916  eingebrachte
Wehrpflichtgesetzvorlage.  nach  der  alle  Unverheirateten
  und  Witwer  zwischen  18  und  41  Jahren
eingezogen  werden  sollten,  wurde  Ende  Jan.  von
beiden  Häusern  angenommen.  Ein  außerordentlicher
        <pb n="277" />
        Großbritannien

Gewerkschaftskongreß  sprach  sich  am  6.  Jan.  gegen
die  Wehrpflicht  aus,  ebenso  am  12.  Jan.  die  Bergarbeiterverbände,
  am  16.  Jan.  die  Bergleute  selbst
und  die  Eisenbahner.  Dagegen  stimmte  am  17.  Jan.
die  sozialistische  Kommission  sür  nationale  Verteidigung
  und  am  26.  Jan.  die  Konferenz  der  Arbeiterpartei
  für  die  Wehrpflicht,  der  Gewerkschaftskongreß
am  27.  Jan.  gegen  die  Vorlage.  Am  20.  April  nahm
das  Kabinett  einen  Kompromshantrag  Hendersons  an,
der  am  27.  April  in  geheimer  Sitzung  dem  Parlament
eingebracht  wurde;  da  aber  der  Widerspruch  unüberwindlich
  war,  zog  die  Regierung  die  Vorlage  wieder
zurück.  Am  2.  Mai  erklärte  Asquith  im  Unterhause,
es  bleibe  nur  noch  die  allgemeine  Wehrpflicht;  tags
darauf  brachte  er  endgültig  eine  diesbezügliche  Vorlage
  ein,  die  am  17.  Mai  vom  Unierhaus  mit  250
gegen  35  Stimmen  und  am  23.  Mai  mit  einigen  Abänderungen
  vom  Oberhaus  einstimmig  angenommen
wurde;  das  Unterhaus  trat  24.  Mai  diesen  Anderungen
  bei,  und  am  25.  Mai  unterzeichnete  der  König  das
Gesetz.  Am  22.  Febr.  1917  brachte  die  Regierung  eine
Hilfsdienstvorlage  nach  deutschem  Muster  ein
(Leiter  bis  August  1917  Neville  Chamberlain,  dann
Sir  A.  Geddes).  Am  1.  März  legte  der  Munitionsminister
  zahlreiche  Betriebe  still,  indem  er  auf  Grund
des  Munitionögesetzes  allen  Männern  zwischen  18
und  61  Jahren  die  Arbeit  in  ihnen  verbot.  Einen
groben  Fortschritt  bedeutete  der  ausdrückliche  Verzicht
er  Gewerkschaften  auf  alle  Feiertage  bis  Kriegsende
am  18.  Juli.  Der  am  24.  Febr.  1917  festgesetzte  Heeresetat
  sah  eine  Stärke  von  5  Millionen  Mann  vor.
Am  11.  Dez.  1917  genehmigte  das  Unterhaus  die  Vermehrung
  der  Flottenmannschaft  um  weitere  50000
Mann.  Durch  Gesetz  vom  25.  Jan.  1918  wurden
weitere  450000  Mann  bewilligt,  am  10.  April  beschloß
  das  Unterhaus  die  Erstreckung  der  Dienstpflicht
bis  auf  das  55.  Lebensjahr.  Im  Okt.  1918  standen
in  Frankreich  noch  4  englische  Armeen  (Plumer,  Home,
Byng,  Rawlinson),  sie  standen  zusammen  mit  den  Armeen
  König  Albert  und  Debeney  unter  Haigs  Oberbefehl.
  Die  Gesamtverluste  Enhlands  betrugen  von
5.7  Millionen  Mobilisierten  aus  England  u.  La  Mill.
Mobilisierten  aus  den  Kolonien  835000  Tote  (11,6
v.  H.  der  Mobilisierten,  1,36  v.  H.  der  Bevölkerung).
riegskosten.  Die  Gesamtktriegsrosten  Englands,
ohne  die  den  Verbündeten  gewährten  Vorschüsse,  be-Zifferten
  sich  auf  7600  Mill.  Pfd.  Sterl.,  die  der  engl.
Kolonien  auf  725  Mill.  Pfd.  Sterl.  Die  Staatsschuld
tieg  von  651  Mill.  Pfd.  Sterl.  1914  auf  4063  Mill.
fd.  Sterl.  am  31.  März  1917.  Von  den  120  Milliarden
  Mark  Kriegskosten  wurden  15  Milliarden  (=  12,5
v.  H.)  durch  Kriegssteuern  gedeckt,  die  Hälfte  davon
durch  die  Kriegsgewinnsteuer.

Volkswirtschaft  und  Handel,  vgl.  Bd.  II,  S.
423  f.  sowie  430  ff.  Juli  1918  erfolgte  der  übergang
zum  Schutzzoll,  indem  das  Kriegskabinett  für  den
Handel  des  Mutterlandes  mit  den  Dominions  und
Kolonien  das  System  der  Vorzugszölle  einführte.

Die  soziale  Frage.  England  wurde  während
des  Krieges  wiederholt  durch  gewaltige  Streiks,  besonders
  der  Transport--,  Eisenbahn=  und  Bergarbeiter,
schwer  erschüttert.  Nach  Kriegsende  nahm  die  Streiklust
  allgemein  in  gefährlichem  Maße  zu,  ohne  daß  es
jedoch  zur  Revolution  kam.  Die  Bergarbeiter  erreichten
  für  sich  die  siebenstündige  Arbeitszeit  (Unterhausbeschluß
  vom  9.  Aug.  1919).  Am  22.  Aug.  1919
wurde  der  Gesetzentwurf  über  allgemeine  Einführung
der  48-Stunden-Woche  veröffentlicht.  Die  Zahl  der

247

unterstützungsberechtigten  Arbeitslosen  wurde  an
23.  März  auf  992232  besifert  Am  6.  Jan.  kam  es
zu  ernsten  Unruhen  der  Urlauber,  die  sich  weigerten.
an  die  Front  zurückzukehren.  Sept.-Okt.  1919  durchtobte
  England  ein  riesiger  Eisenbahnerstreik.

Staat  und  Kirche.  Eine  Vorlage  üÜber  die  Trennung
  von  Staat  und  Kirche  in  Wales  nahm  das
Unterhaus  am  19.  Mai1914  zum  dritienma  in  dritter
Lelung  an.  Nunmehr  konnte  eine  Ablehnung  durch
das  Oberhaus  nicht  mehr  verhindern,  daß  der  Entwurf
Gesetz  wurde.  Das  Unterhaus  erteilte  aber  am  15.
Sept.  einer  Regierungsvorlage  seine  Zustimmung,
nach  der  das  Gesetz  erst  nach  einem  Jahr  bzw.  nach
Kriegsende  in  Kraft  treten  sollte.

Die  irische  Frage  (ogl.  Bd.  I,  S.  111—115).
Irland  stand  bei  Kriegsausbruch  unmittelbar  vor  dem
Ausbruch  der  Revolution,  eigentlich  schon  mitten  drin.
Amg.  März  1914  waren  im  Unterhaus  Bermittlungsvorschläge
  zur  Homerule  eingebracht  worden.  Die
Lage  in  Ulster  spitzte  sich  im  März  so  zu,  daß  der  Kriegsminister
  Oberst  Seely  am  20.  März  militärische  Vorbereilungen
  traf.  Da  es  zu  offener  Gehorsamsverweigerung
  kam,  trat  Seely  und  mit  ihm  Marschall  French
zurück.  Am  25.  Mai  erfolgte  die  dritte  Annahme

er  Homerule  in  dritter  Lesung,  wodurch  sie  automatisch
  Gesetz  wurde.  Am  23.  Juni  wurde  eine  Zusatzbill
  im  Unterhaus  eingebracht,  durch  die  einzelne
Grafschaften  von  Homerule  sollten  ausgenommen
werden  können,  u.  das  Oberhaus  beschloß  am  8.  Juli,
Ulster  auf  unbestimmte  Zeit  davon  auszuschließen.
Am  10.  Juli  trat  eine  provisorische  Ulsterregierung
unter  Sir  Eduard  Carson  zusammen.  Eine  Lomerulekonferenz
  vom  20.  Juli,  gegen  die  die  Arbeiterpartei
  verwahrung  einlegte,  kam  zu  keinem  prak
tischen  Ergebnis.  Am  26.  Juli  wurden  bereits  bei
Howth,  unweit  Dublin,  Waffen  gelandet.  —  Da
brach  der  Weltkrieg  aus,  und  das  Unterhaus  stimmte
am  15.  September  der  Hinausschiebung  der  Durch.
führung  des  Homerulegesetzes  auf  ein  Jahr  zu,  während
  das  Oberhaus  die  zweite  Lesung  des  Ges  es  auf
unbestimmte  Zeit  verschob.  Aber  Irland  kämpfte
weiter  um  seine  Freiheit;  die  Wahl  eines  unabhängien

  Nationalisten  in  Tullamare  (9.  Dez.)  war  ein

ymptom  der  Stimmung,  die  von  Patrioten,  wie  Sir
Roger  Casement,  genährt  wurde;  gegen  diesen
griff  der  engl.  Gesandte  Findley  in  Christianta,  wenngleich
  ohne  Erfolg,  zur  Meuchelwaffe,  wie  Casement

urch  Veröffentlichung  unzweifelhafter  Dokumente
beweisen  konnte  (13.  Febr.  1915).  Am  23.  April  1916
brach  der  Aufstand  in  Irland  los  (s.  Bd.  I,  S.  114f.).
Nach  Niederwerfung  des  Aufstandes  trat  Lloyd  George
mit  Vermittlungsvorschlägen  hervor,  mit  denen
sich  am  10.  Juni  die  irische  Parlamentspartei  in  Dublin
  beschäftigte;  es  wurde  darin  die  Anwendung  von
Homerule  in  den  Teilen  Irlands  vorgeschlagen,  die
dies  wünschten.  Die  Konferenz  der  Nationalisten  von
Ulster  trat  am  23.  Juni  für  diese  Vorschläge  ein,  ebenso,
  am  27.  Juni,  die  irische  Partei  in  Dublin.  Am
29.  Juni  wurde  Sir  Roger  Casement  zum  Tode  verurteilt
  u.  am  3.  Aug.  gehenkt.  Dieirischen  Nationalisten
spalteten  sich  i#n  Juli  in  die  irische  Nationalliga,  die
Lloyd  George  zustimmte,  und  eine  neue  Partei  unter
Ginnel,  die  unversöhnlich  blieb.  Nachdem  am  15.  Juni
die  irischen  Gefangenen  freigelassen  worden  waren,  trat
am  25.  Juli  ein  von  Lloyd  George  vorgeschlagener  trischer
  Konvent  unter  dem  Vorsitz  von  Sir  Plunkett  in
Dublin  zusammen,  ohne  jedoch  zu  einem  Ergebnis
zu  kommen.  Die  Stimmung  blieb  1917  gleich  gefähr-
        <pb n="278" />
        248

lich,  wie  die  Wahl  der  Sinn-  Feiner  Plunkett  und
Mac  Guineß  bewies.  Der  Versuch  Lloyd  Georges,
1918  die  Wehrpflicht  auf  Irland  auszudehnen,  trieb
vollends  die  Massen  den  Sinn.  Féinern  in  die  Arme.
Trotzdem  nahm  das  Unterhaus  17.  April  die  irische
Wehrpflichtbill  an,  worauf  die  irischen  Bahnen
unter  Militärverwaltung  gestellt  und  der  außerordentliche
  Kriegszustand  unter  Feldmarschall  French  in  Irland
  verkündet  wurde.  Freuch  verhaftete  die  Führer
Sinnfeins  (18.  Mai),  löste  den  Sinnfeinverein  auf
(3.  Juli),  ließ  am  18.  Mai  die  zu  Sinnfein  gehörenden
Parlamenismitglieder  verhaften  und  führte  1.  Okt.  die
Dienstpflicht  ein;  nur  der  eintretende  Waffenstillstand
hinderte  ihre  Durchführung.  Am  6.  Jan.  1919  brachen
  neue  Unruhen  aus,  die  zur  Proklamierung  der
Unabhängigkeit  durch  eine  in  Dublin  gebildete  Konstituante
  führte.  Am  19.  Jan.  beschloß  eine  Sinnfeinerversammlung
  in  Dublin  die  Unabhängigkeit  der  irischen
  Republik,  am  15.  März  verhängte  Freuch  über
ganz  Irland  den  Belagerungszustand,  über  Dublin

as  Standrecht.  19.  Dez.  wurde  in  Dublin  gegen
Lord  French  ein  erfolgloses  Bombenattentat  verübt.
Vgl.  F.  Brie,  Der  irische  Aufstand  von  1916  (Berl.
1917);  W.  J.  Bonn,  Irland  und  die  irische  Frage
(Münch.  1918);  E.  Barker,  Ireland  in  the  last  fifty
years  1866—1916  (Oxf.  1917).  S.  a.  Bd.  II,  S.  387.

Vgl.  Hettner,  Englands  Weltherrschaft  und  der
Krieg  (2.  Aufl.,  Leipz.  1915);  Salomon,  Der
britisshe  Imperialismus  (das.  1916);  E.  Schultze,
England  als  Seeräuberstaat  usw.  (Stuttg.  1915);
Curth,  Der  Nahrungsmittel-  und  Rohstoffbedarf
Englands  (Jena  1917);  Schuster  und  Wehberg,
Der  Wirtschaftskrieg,  1.  Band:  England  (das.  1917).
—  Kriegsliteratur,  s.  Bd.  II,  S.  384.

Großes  Hauptauartier,  Sitz  der  Obersten
Heeresleitung  während  des  Krieges.  G.  H.  war  1914
Koblenz,  dann  Luxemburg,  später  Charleville,  1915
Pleß,  1916  Charleville,  seit  Aug.  1916  Kreuznach.
1918  Spaa,  dann  Kassel,  1919  Kolberg.

Großkampfschiff,  s.  Bd.  I.  S.  240.

Großstation,  Sende=  und  Aufnahmestation  für
drahtlose  Telegraphie,  deren  Einrichtungen  für  übermittlung
  auf  die  größten  Entfernungen  geeignet  sind.
Die  deutsche  G.  Nauen  sendet  Wellen  bis  nach  Südamerika
  und  Ostasien;  in  Frankreich  befindet  sich  eine
G.  auf  dem  Eiffelturm.  eine  englische  in  Clifden
(Irland),  die  wichtigste  nordamerikanische  in  Glace
89  (Neuschottland).  "6

rünbuch,  s.  Buntbücher.

Grundmine,  s.  Seeminen.

Guatemala.  Ende  Jan.  1916  wurde  Estrada
Cabrera,  seit  1911  Präsident,  wiedergewählt.  Er
hielt  zu  den  Verein.  Staaten,  nahm  aber  zugleich  auf
das  beträchtliche  deutsche  Kapital  im  Lande  Rücksicht.
2.  Mai  1917  brach  er  zwar  die  Bezichungen  zum
Deutschen  Reiche  ab,  der  Kongreß  betonte  aber,  daß
sich  dies  nur  gegen  die  deutsche  Regierung,  nicht  gegen

Großes  Hauptquartier  —  Haase

die  eng  verbundene  deutsche  Nation  richte.  Die  Vertretung
  der  deutschen  Interessen  übernahm  Spanien.

Gueêmappe,  franz.  Dorf  südöstl.  Arras,  war  bef.
April  1917  einer  der  Hauptangriffspunkte  der  Engländer.
  Vgl.  S.  15.

'(  Guerre  Soziale,  1906—  16  Name  der  seitdem
als  »La  Victoirc  erscheinenden  radikalsozialistischen
franz.  Zeitung.  Vgl.  Bd.  II,  S.  332.

Guendecourt,  in  der  Sommeschlacht  1916  um
kämpftes  franz.  Dorf;  vgl.  Bd.  II,  S.  219.

Guillaumat,  Marie  Louis  Adolphe,  franz.
General,  geb.  1863  in  Bourgneuf,  1903  Geschichtslehrer
  in  Saint-Cyr,  1913  Brig.-General  u.  Leiter  des
Infanteriewesens  im  Kriegsministerium,  bei  Kriegsausbruch
  Div.-Komm.,  1915  Führer  des  1.  A.-K.
in  der  Champagne,  nahm  an  der  Verteidigung  Verduns
  teil,  befehligte  1916  eine  Armee  an  der  Somme.
Aug.  1917  bei  Veroun,  wurde  Ende  1917  Befehlshaber
  in  Saloniki  (als  Nachfolger  Sarrails),  Juni
1918  Militärgouverneur  von  Paris.

Gnillemin,  franz.  General,  seit  Anfang  1917  Chef
der  franz.  Luftstreitkräfte.

Gunillemont,  in  der  Sommeschlacht  1916  heiß
umlämpftes  franz.  Dorf;  vgl.  Bd.  II,  S.  219.

Gulaschkanone,  volkstümliche  Bezeichnung  für
die  deutschen  Feldküchen.

Gumbinnen,  ostpreuß.  Kreisstadt  an  der  Bahn
Insterburg-  Eydikuhnen.  Das  1.  Korps  schlug  20.
Aug.  1914  bei  G.  starke  russ.  Streitkräfte  zurück.

ummi  (Kautschul),  s.  Bd.  I,  S.  301.

Gündell,  Erich  von,  deutscher  General,  geb.  13.
April  1854  in  Goslar,  1900—01  Chef  des  General--stabs
  des  Ostasiat.  Expeditionskorps,  1901—04  des
1.  A.-K.,  1906  Generalmajor  u.  Oberquartiermeister,
1907  Delegierter  zur  Haager  Friedenskonferenz,  1909
Generalleutnant,  1913  Direktor  der  Kriegsakademie,
1918  Mitglied  der  Waffenstillstandskommisston.

Gurko,  russ.  General,  Nov.  1916  Generalstabschef.
  Jan.  1917  Oberbefehlshaber  an  der  russ.-rumän.
Front,  April  Führer  des  russ.  Zentrums,  Juni  der
Südwestfront,  Juli  1918  Kommandant  der  verbündeten
  Truppen  in  Murman.

Gutschkoff,  russ.  Staatsmann,  März  bis  14.  Mai
1917  Kriegsminister  im  ersten  revolulionären  Kabinett
  (Lwoff).

Gupvemer,  erfolgreichster  frz.  Flieger,  wurde  nach
54  Luftsiegen  11.  Sept.  1917  bei  Poelcappelle  von
den  Deutschen  abgeschossen.  lverwendungsfähig.

8  „militärische  Abkürzung  für  garnisondiensl:

vergyöer  Gebirge,  Zweig  der  Südostkarpathen
  (vgl.  Bd.  II,  S.  141,  nebst  Karte),  wurde  von
den  Rumänen  Ende  Aug.  und  Anfang  Sept.  1916  ini
Vormarsch,  8.Okt.  im  Rückzuge  unter  schweren  Kämpfen
  mit  der  österr.-ungar.  Armee  Arz  durchschritten.

Gyroskop,  durch  motorischen  Antrieb  schnell  bewegter
  Kreisel,  zwingt,  in  den  Torpedo  eingebaut,  diesen
  in  der  einmal  genommenen  Richtung  zu  bleiben.

H

Haager  Abkommen,  s.  Bd.  1,  S.  364,  367,  370
und  Bd.  II,  S.  412f.

Haase,  Hugo,  deutscher  Sozialdemokrat,  geb.  29.
Sept.  1863  in  Allenstein,  1890—1911  Rechtsanwalt
in  Königsberg,  seit  1895  Stadtverordneter,  1912  in
Berlin,  1897,  1906,  1912—18  Mitglied  des  Reichstags,
  1911—16  als  Nachfolger  Singers  Vorsitzender

der  sozialdemokr.  Partei,  1913—15  auch  der  Reichs.

tagsfraktion,  1916  Mitbegründer  und  Führer  der  Unabhängigen

  Sozialdemokr.  Partei  Deutschlands,  11.
Nov.  1918  neben  Ebert  gleichberechtigtler  Vors.  des
Rats  der  Volksbeauftragten,  trat  29.  Dez.  zurück  und
wurde  1919  Vors.  der  Fraktion  der  U.  S.  P.  D.  in  der
Nationalversammlung.  H.  starb  7.  Nov.  1919  an  den
        <pb n="279" />
        Haber  —  Hamilton

Folgen  eines  gegen  ihn  verübten  Revolverattentats.
Seine  Reichstagsreden  erschienen  1919.

Haber,  Fritz,  deutscher  Chemiker,  geb.  9.  Dez.  1868
in  Breslau,  1896  Privatdozent,  1906  Prof.  an  der
Technischen  Hochschule  in  Karlsruhe,  1911  Leiter  des
chemischen  Forschungsinstituts  der  Universität  Berlin,
  dann  Direktor  des  Kaiser-Wilhelm-Instituts  für
Physik  u.  Elektrochemie  in  Dahlem,  erhielt  den  Nobelpreis
  1918  für  die  Synthese  des  Ammoniaks.

Habibullah  Chan,  Emir  von  Afghanistan,  geb.
1871,  seit  1901  Regent,  empfing  1915  eine  Abordnung
der  deutschen  Regierung,  die  10  Monate  im  Lande
weilte,  wurde  Febr.  1919  im  Lager  von  Laghman
ermordet.  Vgl.  Afghanistan.

Haig,  Sir  Douglas,  engl.General,  geb.  19.  Juni
1861  in  Cameronbridge  (Schottland),  1903  Generalinspektor
  der  Kavallerie  in  Indien,  1904  General--major,
  1909  Generalstabschef  in  Indien,  nahm  als
Generalstabschef  am  südafrik.  Feldzug  unter  Freuchteil,
führte  1914—  15  die  1.  Armee  in  Flandern,  wurde
Dez.  1915  als  Nachfolger  Frenchs  Oberbefehlshaber
der  engl.  Streitkräfte  an  der  belg.-franz.  Front,  1916
Marschall,  14.  März  1919  Oberbefehlshaber  der
Streitkräfte  Großbritanniens.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

„Haireddin  Barbarossa-,  türk.  Linienschiff
Hfrüher  deutsches  Linienschiff-KKurfürst  Friedrich  Wilelme),

  10000  t,  wurde  am  8.  Aug.  1915  von  einem
engl.  Unterseeboot  versenkt.

Haiti.  Die  seit  Jahren  H.  erschütternden  Aufstände
  dauerten  auch  1914  weiter  an.  Im  Jan.  1915
brach  eine  neue,  gegen  den  Präsidenten  Theodore  gerichtete
  Revolution  aus.  Kurz  vor  der  Präsidentenwahl
  am  6.  Aug.  besetzte  eine  amerik.  Marineabteilung
das  Fort  bei  Pore  au  Prince;  am  13.  wurde  daun
General  d'Artiguenave  vom  Nationalrat  zum  Präsidenten
  gewählt.  Als  darauf  neue  Unruhen  ausbrachen,
  verlangten  die  Ver.  Staaten  am  23.  Aug.
die  Zulassung  der  Vermögens-  und  Finanzkontrolle
durch  amerik.  Beamte;  amerik.  Truppen  hielten  alle
wichtigen  Punkte  des  Landes  besetzt.  Trotzdem  erklärte
sich  der  Kongreß  5.  Mai  1917  einstimmig  gegen  den
Krieg.  Wilson  erzwang  nun  7.  Juni  eine  unverschämte
Note  gegen  den  U-Bootkrieg  an  das  Deutsche  Reich,
so  daß  dieses  die  Beziehungen  zu  H.  abbrach.

Hakki  Pascha,  Ibrahim,  türk.  Staatsmann,
geb.  1868  in  Konstantinopel,  gest.  29.  Juli  1918  in
Berlin,  1908  Minister  des  Innern,  dann  Bolschafter
in  Nom,  1909—11  Großwesir,  war  dann  in  London,
Paris  und  Berlin  als  Vertreter  türk.  Interessen,  seit
Juli  1915  als  Botschafter  in  Berlin  für  die  Festigung
des  deutsch-türk.  Bündnisses  tätig.

Halbmonud,  Nationalabzeichen  der  Türkei  seit  dem
13.  Jaörh=  Der  heutige  H.  mit  einem  Stern  war
das  alte  Wappen  Illyricums  und  wurde  später  vom
Islam  übernommen.  —  Eiserner  H.,  s.  Bd.  I,  S.  359.

Haldane,  Lord,  engl.  Staatsmann,  der  in  den
Verständigungsbesprechungen  zwischen  Deutschland
und  England  vor  dem  Kriege  eine  Rolle  spielle;  vgl.
Bd.  I,  S.  130  f.

Halfpenuy-Blätter,  Bezeichnungderengl.Tageseitungen,

  die  für  einen  halben  Penny  käuflich  sind.
gl.  Northeliffe  und  Pearson.

Halicz  (Halitsch),  galiz.  Stadt  am  Dnjestr,  nach
der  Galizien  benannt  ist,  wurde  nach  langer  Besetzung
durch  die  Russen  am  27.  Juni  1915  zurückerobert.

Halil  Bei,  türk.  Staatsmann,  1914  Kammerpräsident,
  1915—18  Minister  des  AÄußern.

Halil  Pascha,  türk.  Heerführer,  bezwang  29.  Sept.

249

1915  mit  der  6.  Armee  Kut-el-Amara  u.  führte  1916
die  Truppen  im  Kaulafus  und  Persien.

Halim  Pascha,  Said,  Prinz,  türk.  Staatsmann,
  geb.  1859  in  Kairo,  1886  Mitglied  des  Staatsrates,
  1908  Mitglied,  1902  Präsident  des  jungtürk.
Komitees,  Senator  und  Vorsitzender  des  Stadtrats
von  Konstantinopel,  Jan.  1913  Minister  des  Außern,
Juni  1913—17  Großwesir,  veröffentlichte  1916  eine
bedeutsame  konservative  Broschüre  -  Soziale  Krisis.

Haller,  Josef,  poln.  Heerführer,  aus  einer  poln.
Insurgentenfamilie  stammend,  anfangs  österr.  Offiier,

  trat  zu  den  Polen  über  und  organisierte  die  poln.
Legion,  ging  nach  dem  Frieden  von  Brest  Litowsk  zu
den  Russen  und  kämpfte  in  der  Bukowina,  wurde
1918  als  Führer  des  2.  Korps  in  der  Ukraine  von
den  Deutschen  völlig  besiegt,  entkam  aber  im  Flugzeug
und  stellte  sich  der  Entente  zur  Verfügung,  die  ihn
1919  zum  Führer  des  poln.  Ententeheerge  machte,
dessen  Durchzug  Deutschland  gestatten  mußte.

Hamburg.  Erste  Bürgermeister  waren  1914  und
1917  Predöhl,  1915,  1918  und  1919  v.  Melle,  1916
Schröder,  1920  Sthamer  bzw.  Diestel.  Das  Präsidium
der  Bürgerschaft  mit  Schön  als  Vorsitzenden,  wurde
während  des  Krieges  jährlich  wiedergewählk,  die
Bür  keschastwahen  wurden  verschoben.  1915  sliftete
die  Vür  erschaft  ein  „Hanseatenkreuze  für  Kriegsverdienste;
  das  Verbot  an  hamb.  Richter,  fremde  Orden
anzunehmen  und  zu  tragen,  wurde  1915  für  Kriegsauszeichnungen
  aufgehoben.  Die  Kriegsausgaben  bis
1917  beliefen  sich  auf  245  Mill.  Mk.  Die  Bürgerschaft
sprach  sich  11.  Juli  für  ünderung  des  Wahlrechts  aus.

Am  13.  Nov.  1918  übernahm  der  Hamburger  Arb.-=u.
  Sold.-Rat  die  Staatsgewalt,  arbeitete  aber  Ende
Dez.  wieder  mit  Senat  und  Bürgerschaft  zusammen.
Anfang  1919  gewannen  die  radikalen  Elemente  wieder
  die  Oberhand:  am  11.  Jan.  wurde  in  Kuxhaven
die  spartakistische  Republick  ausgerufen,  am  22.  Jan.
ein  siussre  auf  den  Hauptbahnhof  verübt,  am
al.  Jan.  erzwang  der  radikale  deutsche  Seemannsbund
  rückwirkende  Bewilligung  seiner  Forderungen.
Als  der  Große  Arbeiterrat  Anfang  Febr.  die  Emn.
bahner  zur  Stellung  von  Transportzügen  nach
Bremen  zur  Unterstützung  der  dortigen  radikalen  Bewegung
  zwingen  wollte,  traten  die  Beamten  in  den
Gegenstreik,  worauf  die  Spartaliden  mit  neuen  Putschen
  antworteten.  Am  11.  Febr.  wurde  unter  Verhängung
  des  Belagerungszustands  die  Entwaffnung
der  Arbeiter  durchgeführt.  Vom  18.—21.  April  durchtobten
  neue  schwere  Unruhen  H.,  worauf  am  23.  der
Belagerungszustand  verhängt  wurde.  Am  27.  Juni
besetzte  das  Korps  Lettow-Vorbeck  vorübergehend  H.
Bei  den  Bürgerwahlen  am  16.  März  wurden  61
Mehrheitssoz.,  33  Demokraten,  14  Volksparteiler,  13
Unabhängige,  13  Anhänger  des  Wirtschaftsbundes  u.
6  Deutschnationale  gewählt,  zum  Großen  Arbeiterrat
am  23.  März  240  Mehrheilssoz.,  37  Unabhängige,
25  Kommunisten  und  98  Burgerliche  Die  Bürgerschaft
  wählte  am  28.  März  9  bisherige  (bürgerliche)
Mitglieder  und  9  Mehrheitssozialisten  in  den  Senat.
Am  10.  Mai  1919  wurde  die  H.er  Universität  eingeweiht.
  —  Vgl.  Paul  Neumann,  O.  unter  der  Regierung
  des  Arbeiter-  u.  Soldatenrates  (Hamb.  1919).

Hamilton,  Sir  Jan  Standish  Monteith,
brit.  General,  geb.  16.  Jan.  1853  in  Korfu,  diente  in
Afghanistan,  Afrika  und  Indien,  wurde  1891  Oberst,
nahne  am  Burenkrieg  teil  (Verteidigung  von  Ladysmith)
  und  war  1903/04  Generalquartiermeis  ter.  1905
wurde  H.kommand.  General  der  indischen  Südarmee,
        <pb n="280" />
        250

dann  Generalinspekteur  der  Mittelmeerstreikkräfte.
Im  Kriege  versuchte  H.  vergeblich,  die  Dardanellen
zu  forcieren  und  wurde  Oktober  1915  abgesetzt.
Hammann,  Otto,  deutscher  Journalist  u.  Staats.
mann,  geb.  23.  Jan.  1852  in  Blankenhain,  war  1877
bis  1893  Korrespondent,  1894—1916  Vortrag.  Rat,
zuletzt  Direktor  im  Ausw.  Amt  (Pressechef),  veröffentlichte
  3  Bände  =  Erinnerungen  (:Der  neue  Kurse,
-Zur  Vorgeschichte  des  Weltkriegesc,  An  den  Kaiser.).
Hammarfskiöld,  Hjalmar  von,  schwed.  Staatsmann,
  geb.  4.  Febr.  1862,  1891  Professor  der  Rechte
(Völkerrecht)  in  Upsala,  1901  Justizmin.,  1902  Oberlandesgerichtspräsident,
  1905  Kultusminister  und  Gesandter
  in  Kopenhagen,  1907—12  Landesgouverneur
(Oberpräs.)  in  Upsala,  Mitglied  des  Haager  Schiedsgerichtshofs,
  1917  Ministerpräsident,  wies  Febr.  1917
die  Dumutung  des  amerik.  Präsidenten  Wilson  zurück,
die  Beziehungen  zu  Deutschland  abzubrechen.
Hamstern.  Die  im  Krieg  cingetretene  Knappheit
an  Lebensmitteln  veranlaßte  überall  eine  Ausspeicherung
  (Hamsterei)  von  Vorräten,  was  erheblich  zur
Preissteigerung  beitrug.  Die  gesedlichen  Maßnahmen
zur  Verbrauchsregelung  (Höchstpreise,  Bekämpfung
des  Kettenhandels,  Wuchers,  öffentl.  Bewirtschaftung
usw.;  vgl.  Bd.  I,  S.  424  sowie  426  ff.)  führten  bei  der
Unmöglichkeit  einer  durchgreifenden  Kontrolle  nur
zum  Teil  zu  der  beabsichtigten  Wirkung.
Handelskrieg.  Die  Absicht  Englands,  durch  die
Blockade  die  Mittelmächte  auszuhungern,  die  völkerrechtswidrige
  Unterbindung  des  neutralen  Handels
mit  Deutschland  sowie  seine  sonstige  Seekriegführung
(vgl.  Bd.  II,  S.  335  f.)  veranlaße  Deutschland  au
Abwehrmaßnahmen  (vgl.  Bd.  L,  S.  259  .  u.  Bd.  II,
S.  150  ff.),  die  den  H.  immer  mehr  verschärften  und  zu
ungeheuren  Verlusten  der  feindlichen,  aber  auch  der
neutralen  Handelsflotten  führten  (Mai  1916  bereits
über  2  Mill.  t;  vgl.  Bd.  II,  S.  243).  Am  Ende  des
Krieges  betrug  der  Gesamtverlustder  Welttonnage  nach
engl.  Angaben  15  Mill.  t,  bei  10,8  Mill.  t  Neubauten.
Handels-U-Boot,  Tauchboot  sogt  Unterseeboot)
für  den  Handelsverkehr.  Während  des  Krieges  sind
in  Deutschland  zwei  solcher  Fahrzeuge  gebaut  worden,
die  den  Warenaustausch  mit  Amerika  vermitteln  und
die  Blockade  durchbrechen  sollten.  Die  -Bremene  ging
auf  der  ersten  Fahrt  unter,  die  Deutschland  hat
unter  Kapitän  König  zwei  überseeische  Fahrten  (erste
Ankunft  in  Amerika  9.  Juli  1916)  mit  Erfolg  ausgeführt,
  ist  aber  an  weiteren  durch  den  Krieg  mit  den
Ver.  Staaten  gehindert  worden.  Abmessungen  der
Deutschland:  Länge  65  m,  Breite  9  m,  Tiefgang
bei  Überwasserfahrt  4,5  m,  Wasserverdrängung  getaucht
  1900  t,  Tragfähigkeit  750  t.  Bei  überwasserfahrt
  treiben  Dieselmotoren,  bei  Unterwasserfahrt
Elektromotoren,  die  von  Akkumulatoren  gespeist  werden,
  die  Schrauben  an.  Während  der  überwasserfahrt
laden  die  Dieselmotoren  durch  eine  Dynamomaschine
auch  die  Akkumulatoren  wieder  auf.  Als  Ballast  dient
Seewasser,  das  beim  Aufsteigen  des  Bootes  durch  in
Stahlflaschen  mitgeführte  Druckluft  aus  dem  Tank
grrausgebrückt  wird.  Die  .Deutschlande  hatie  29
Mann  Besatzung  bei  überwasserfahrt  betrug  die  Geschwindigkeit
  14  Seemeilen  in  der  Stunde.  Vgl.  P.
König,  Die  Fahrt  der  Deutschland  (Berl.  1916).
Handseuerwaffen,  s.-Hand-  und  Faustfeuerwassene,
  Bd.  II,  S.  279ff.
Handgranaten,  s.  Bd.  I,  S.  276f.  Die  deutschen
H.  waren  zuerst  Kugel=  u.  Diskus-H.  (sast  scheibenförmig);
  bis  zuletzt  gebraucht  wurden  Eier-H.  (ei-Hammann

  —  Haucourt

förmig,  vielfach  eingekerbt)  u.  Stiel-H.  (Blechbüchse
mit  Holzstiel).  Unmittelbar  vor  dem  Werfen  werden
die  H.  „abgezogene,  wodurch  eine  Zeitzündung  in
Tätigkeit  tritt,  die  die  Sprengfüllung
nach  5¼  Sek.  zur  Explosion  bringt.—
Zwecks  verstärkter  Wirkung  bindet  man
mehrere  H.  zu  einem  Bündel  (geballte
Ladung)  zusammen  od.  kettenförmig
aneinander  (gestreckte  Ladung).

*  ar,  Schuppen  für  Flugzeuge.

anseatenk#en  „s.  Bd.  I,  S.  359.

Hardaumont,  Vorwerk  von  Verdun,
  wurde  27.  März  1916  von  den
Deutschen  genommen.

Hardscourt,  Dorf  südwestl.  Com-  "
bles,  wurde  3.  Juli  1916  von  den  Fran=  ###ugrkchan#

osen  erreicht  u.  8.  nach  harten  Kämp-  Handgranate
gen  behauptet;  vgl.  Bd.  II,  S.  215f.

Hardinge  of  Penshurst,  Lord  Charles,  brit.
Staatsmann,  geb.  20.  Juni  1858,  1896  Legationssekretär
  in  Teheran,  1898—1903  Botschaftssekretär.
1904—06  Botschafter  in  St.  Petersburg,  1906—10
und  seit  1916  Unterstaatssekretär  im  Auswärt.  Amt,
war  1910—16  Vizekönig  v.  Indien;  vgl.  Bd.  II,  S.  48.

Harmsworth,  Sir  Alfred,  früherer  Name  von
Lord  Northeliffe  (s.  d.).

Harsova,  rumän.  Stadt,  sow.  Hirsova.

Hartlepool,  befestigte  ostengl.  Hafenstadt,  wurde
16.  Dez.  1914  von  beusschen  Hochseestreitkräften  (vgl.
Bd.  I,  S.  165)  und  9.  Aug.  1915  von  Luftstreitkräften
angegriffen  (vgl.  Bd.  II,  S.  246).

artmannsweilerkopf,  Gipfel  in  den  Vogesen,
Oberelsaß,  nördlich  von  Sennheim,  war  seit  Anfang
des  Krieges  heiß  umstritten.  Am  21.  Jan.  1915  eroberten
  die  Deutschen  den  H.,  verloren  ihn  am  26.
März  und  gewannen  ihn  am  25.  Aprilk  zurück.  Weitern-
  war  der  H.  besonders  im  Mai,  Ende  Juli,  Sept.,

kt.  und  Dez.  hart  umkämpft  und  gelangte  am  22.

Dez.  1915  in  deutschen  Besitz.

Parwich,  befest.  ostengl.  Hafenstadt,  wurde  in  der
Nacht  zum  30.  April  1915  von  deutschen  Flugzeugen
mit  Bomben  belegt,  im  Juni  u.  Juli  mehrfach  angeriffen

  u.  vom  9.  zum  10.  u.  13.  Aug.  von  einem  staren
  deutschen  Luftschiffgeschwader  erfolgreich  beschossen.

Haeseler,  Gottlieb,  Graf  von,  preuß.  General,
  geb.  19.  Jan.  1836  in  Harnekop  bei  Wriezen,
gest.  daselbst  25.  Okt.  1919,  machte  die  Feldzüge  von
1864,  1866  und  1870/71  als  Ceneralstabsofsizkrr  des
Prinzen  Friedrich  Karl  mit,  war  1873—79  Komm.
des  11.  Ulanen  -Reg.,  dann  Chef  der  kriegsgeschichtl.
Abt.  im  Großen  Generalstab,  führte  seit  1886  die  20.
und  6.  Division,  wurde  1889  Oberquartiermeister  u.
war  1890—1903  komm.  General  des  16.  A.-K.  Im
Jahre  1901  wurde  er  Generaloberst,  1903  mit  dem
Range  eines  Feldmarschalls  zur  Disposition  gestellt,
1905  Generalfeldmarschall,  1903  Mitglied  des  preuß.
Herrenhauses  und  lebte  seitdem  auf  Harnekop,  wo  er
sich  besonders  der  Erstehung  der  schulentlassenen  Jugend
  widmete.  Im  Kriege  war  er  dem  Stabe  der  5.

Grmee  an  der  Westfront  zugeteilt.

„Haßgesang-,  zu  Beginn  des  Krieges  allgemeiner
bekannt  gewordenes,  von  Ernst  Lissauer  verfaßtes  Gedicht,
  das  der  damal.  Stimmung  gegen  England  Ausdruck
  verleihen  sollte.  (im  Kriege,  S.  152  u.  154.

Haubitze,  kurzes  Steilfeuergeschütz,  s.  =  Artillerie

Hancourt,  Dorf  im  franz.  Dep.  Maas,  nordwestlich
  von  Verdun,  wurde  6.  April  1916  von  den
Deutschen  erobert;  vgl.  S.  78.
        <pb n="281" />
        Hauptquartier  —  Helgoland

Hauptauartier,  s.  Großes  Hauptquartier.

Haus,  Anton,  österr.--  ungar.  Admiral,  geb.  13.
Juni  1851  in  Tolmein,  gest.  8.  Febr.  1917  in  Wien,
1901  Linienschiffskapitän,  1905  Konteradmiral,  1906
Befehlshaber  der  2.  Flottendivision,  1907  Adjutant
des  Hafenadmirals  in  Pola,  1910  Vorsitzender  des
marinetechnischen  Komitees,  1911  Kommandant  der
1.  Flottendivision,  1912  Flotteninspektor,  1913  Marinekommandant
  u.  Chef  der  Marinesektion  im  Kriegsministerium,
  Juli  1914  Generalinspektor  der  Marine.
Als  der  Krieg  ausbrach,  schützte  H.  durch  geschickte
Anlage  von  Minenfeldern  und  Ausnutzung  der  dalmatinischen
  Küste  die  heimische  Flotte  vor  Schaden
und  griff  die  feindlichen  Stützpunkte  und  Streitkräfte
an.  Mai  1916  erhielt  H.  als  erster  die  neugeschaffene
Würde  eines  Großadmirals.  —  Bild  s.  bei  S.  215.

Hausen,  Max  Klemens  Lothar,  Freiherr
von,  sächs.  General,  geb.  17.  Dez.  1846  in  Dresden,
1892—97  Chef  des  Generalstabes  des  12.  A.-K.,  1900
Führer  des  12.  Korps,  wurde,  seit  1901  General  der
Infanterie,  1902  sächs.  Kriegsminister,  1910  Generaloberst,
  erhielt  1912  den  Vorsie  im  Gesamtministerium
und  trat  1914  zurück.  Bei  Kriegsausbruch  Führer
der  3.  Armee,  wurde  H.  12.  Sept.  wegen  Erkrankung
an  Typhus  vom  Oberbefehl  enibunden.  Gegen  den
fässchuch  erhobenen  Vorwurf,  er  trage  am  Verlust

er  Marneschlacht  die  Schuld,  verteidigte  er  sich  im
Erinnerungen  an  den  Marnefeldzug  (Leipz.  1919).

Havas,  6  Agence  Havas.

Havenstein,  Rudolf,  geb.  10.  März  1857  in
Meserit,  seit  1890  impreuß.  Finanzministerium,  1900
Präsident  der  Seehandlung,  seit  1908  Präsident  der
Relchsbank,  schuf  die  Grundlagen  für  Deutschlands
sinanzielle  Mobilmachung  (Kriegsanleihen).  —  Bild
s.  Bd.  1  bei  S.  23.

Hearst,  William  Randolpyh,  Beiter  des  großen
nach  ihm  benannten  amerik.  internat.  Nachrichtendienstes
  und  Herausgeber  der  H.-Zeitungen  ((.
Bd.  II,  S.  335),  die  sich  im  Kriege  bis  zum  Abbruch
der  Beziehungen  Amerikas  zu  Deutschland  Febr.  1917
nicht  am  engl.  Lügenfeldzug  gegen  Deutschland  beteiligten
  und  denen  daher  England  1916  die  Benutzung
seiner  Posten  u.  Kabel  verdot.  seinem  Oberbefehl.

Heeresgruppe,  Verband  mehrerer  Armeen  unter

Heeringen,  Josias  von,  preuß.  General,  geb.
9.  März  1850  in  Kassel,  1892  Abteilungschef  im  Gr.
Generalstab,  1898  Direktor  des  Armeeverwaltungsdepartements,
  1903—06  Div.-Kommandeur,  dann
Führer  des  2.  Armeekorps  in  Stettin,  1909  Kriegsminister,
  trat  1913  nach  Verabschiedung  der  Heeresvorlage
  zurück  u.  wurde  Generalinspekteur  der  2.  Armeeinspcktien.
  1914  Führer  der  7.  Armee  (Lothringen,  seit
Sept.  1914  Aisne),  wurde  er  1917  Kommandant  der
Küstenverteidigung  u.  Nov.  1918  zur  Disposition  gestellt.
  —  Biebll  Vd.  l  bei  S.  187.

Hegeler,  Wilhelm,  Kriegsberichterstatter  im
Westen,  geb.  25.  Febr.  1870  in  Varel,  schrieb:  Bei
unseren  Blaujacken  u.  Feldgrauen,  flandr.  Erlebnisse-(1916),
  u.  »  Der  Siegeszug  durch  Serbien«  (1916).

Heiliger  Krieg,  s.  Dschihäd  sowie  Bd.  II,  S.  71  ff.

Heimatdank.  Organisation  für  Kriegsbeschädigte
im  Königreich  Sachsen,  Juni  1915  zur  Ergänzung  der
staatl.  Imvalidenversorgung  gegründet,  verfügte  Dez.
1917  über  2.48  Mill.  Mk.  und  veranstaltete  alljährlich
Lotterien.  Die  Vereine  für  H.  in  vielen  größeren
Städten  widmeten  sich  bes.  der  Berufsberatung,  Berufsausbildung
  und  Arbeitsvermittlung.

Heinrich,  Albert  Wilhelm,  Prinz  von  Preu-251



ßen,  geb.  14.  Aug.  1862  in  Potsdam,  1901  Admiral,
1903  Chef  der  Marinestation  der  Ostsee.  Nach  dreijähriger
  Tätigkeit  als  Chef  der  Hochseeflotte  wurde  H.
als  Großadmiral  1909  Generalinspekteur  der  Marine
und  übernahm  bei  Kriegsausbruch  den  Oberbefehl  in
der  Ostsee.  Nach  der  Revolution  hielt  er  fest  zum  Kaiser
  (Kundgebung  vom  1.  Dez.  1918)  und  bat  den
König  von  England  durch  offenen  Brief  vom  3.  Aug.
1919  um  Schonung  des  Kaisers.

„Helae,  deutscher  Kleiner  Krenzer,  2050  t,  wurde
13.  Sept.  1914  südlich  Helgoland  von  dem  engl.
Unterseeboot  -E  9.  torpediert.

Heldenehrung.  Für  die  in  Deutschland  zu  veranstaltende
  und  für  die  Schaffung  von  Kriegsund
  Kriegerdenkmälern  gaben  die  Berliner
königl.  Akademien  der  Künste  und  des  Bauwesens
Febr.  1916  Richtlinien  heraus.  In  vielen  Orten  hat
man  eigene  Kriegerfriedhöfe  angelegt  oder  Heldenbatne
  geschaffen,  um  dadurch  das  Andenken  an  die

obesopfer  für  das  Vaterland  lebendig  zu  erhalten.
Auf  Anregung  des  Gartenbaudirektors  Willy  Lange
(Dahlem)  übernahm  die  Arbeitsgemeinschaft  für
Deutschlands  Heldenhaine  (Berlin-Wannsee)  die  Ausführung
  des  Planes,  an  jedem  deutschen  Ort  entsprechend
  der  Zahl  der  aus  dem  Ort  im  Kriege  Gefallenen
  Heldeneichen  zu  pflanzen,  die  zu  Anlagen
oder  Parks  erweitert  werden  sollen.  Für  Schaffung
von  würdigen  Kriegergrabstätten  ist  bes.  die
„Deutsche  Gesellschaft  für  Gartenkunste  tätig,  die  sich
auch  der  Friedhöfe  in  Feindesland  annahm  (Gartenarchitekten
  Strenger,  Thieme,  Großmann  u.  a.).  Gleichem
  Zwecke  dient  auch  der  Ertrag  aus  dem  Verkauf
einer  von  Prof.  Hosaeus  geschaffenen  Gedenkmünze,
die  durch  die  April  1916  Par.  Staatl.  Veratungsstelle
für  Kriegerehrungen  in  Berlin  vertrieben  wird.

Heldenheime,  Heimstätten  für  Krlegsinvalide,  in
denen  ihnen  dauernde  Pflege  und  freier  Unterhalt  gewährt
  wird.  Ihre  Ausführung  hat  nach  der  Anregung
durch  H.  zum  Busch  (Berlin)  der  Reichsverband  zur
Begründung  von  H.n  für  verstümmelte  und  Ehrenhallen
  für  gefallene  Krieger  übernommen.

Helfferich,  Karl,  deutscher  Staatsmann,  geb.  22.
Juli  1872  in  Neustadt  a.  H.,  1901  Prof.  der  Staatswiss.
  in  Berlin,  1906  als  Direktor  der  Anatol.  Eisenbahn
  nach  Konstantinopel  berufen,  1908  Direktor  der
Deutschen  Bank  und  1913  Delegierter  auf  der  internat.
  Finanzkonferenz  in  Paris  zur  Regelung  der  Balkanfrage:
  1915  Reichsschatzsekretär.  Er  brachte  die  2.
bis  4.  Kriegsanleihe  im  Reichstag  ein  u.  vertrat  eine
Finanzpolitik,  die  das  „Durchhalten  Deutschlands
ermöglichte.  Juni  1916  übernahm  er  die  Leitung  des
Reichsamts  des  Innern,  wurde  Stellvertreter  des
Reichskanzlers,  Juli  1918  kurze  Zeit  als  Nachfolger
Mirbachs  diplomat.  Vertreter  Deutschlands  in  Moskau
  und  bereitete  die  wirtschaftliche  Demobilmachung
vor.  Er  schrieb  u.  a.:  2Deutschlands  Volkswohlstand
1888  —1913.  (Berl.  1913);  „  Der  Weltkrieg=  (3  Bde.,
das.  1919).  —  Bild  s.  Bd.  1  bei  S.  23.

Helgoland,  deutsche  Felseninsel  in  der  Nordsee,
44,5  km  vom  Festland  entfernt,  als  Flottenstltzpunkt
ausgebaut,  erhielt  Hafen  für  Torpedoboote  u.  starke
Befestigungen.  Am  2.  Aug.  1914  wurden  die  Bewohner
  H.8  (1910:  3417)  nach  Altona  gebracht.  Über
das  Seegefecht  beiH.  s.  Bd.  I,  S.  25  4.  —  Auf  Grund
dee  Fri  W—  nersaines  wurden  die  Beestigungen

  auf  H.  ge
m  ½%  Kerreichisch-un  ar.  Kleiner  Kreuzer,
  3545  t,  s.  Bd.  I,  S.  251  (24.  Mai).
        <pb n="282" />
        252

Heliograph,  Blinkgerät  zur  Signalgebung  mittels
  Sonnenlichts,  das  von  einem  Spiegel  aufgefangen,
gegen  einen  zweiten  Spiegel  und  zur  Auffangstation
geworfen  wird.  Durch  Bewegungen  des  zweiten  Spiegels
  oder  verstellbare  Blenden  erzeugt  man  kurze  oder
lange  Lichtblitze,  die  als  Morsezeichen  dienen.  Reichweite
  45—150  km.  Vgl.  Blinken.

Hell,  deutscher  General,  1914  Chef  des  Generalstabs
  des  20.  Armeekorps,  1915  der  10.  Armee,  1916
der  Heeresgruppe  Linsingen,  1917—18  der  Heeresgruppe
  Mackensen.

Hellingrath,  Philipp  von,  bayr.  General,  geb.
1862,  1912  Generalmajor,  1914  Generalleutnant,
1916—18  bayr.  Kriegsminister.

Helm,  kriegerischer  Kopfschutz,  bei
den  deutschen  Truppen  aus  Leder  mit
Metallbeschlag,  früher  schwarz  mit
blanken  Beschlägen,  dann  feldgrau
lackiert  oder  statt  des  Leders  aus

Stahlhelm.  rauem  Filz,  für  die  Fronttruppen
später  allgemein  als  Stahlhelm.

Helfingfors,  Hauptstadt  Finnlands,  am  Finn.
Meerbusen,  wurde  13.  April  1918  von  den  Deutschen
im  Kampf  gegen  die  Bolschewisten  genommen.

Henderson,  Arthur,  engl.  Arbeiterführer,  geb.
1863  in  Glasgow,  Gewerkschaftsbeamter,  1903  Bürgermeister
  von  Darlington,  1903—08  Schriftführer.
1908-—  10  u.  seit  1914  Vors.  der  Labour  Party,  Abstinenzler
  u.  wesleyanischer  Methodist,  Mai  1915  als
Vertreter  der  Arbeiterpartei  Unterrichtsminister  im
Kabinelt  Asquith,  1916  Generalzahlmeister  u.  Min.
für  Arbeiterangelegenheiten,  später  für  Pensionen,
Dezember  1916  im  fünflöpfigen  Kriegskabinett  Lloyd
Georges,  trat  August  1917  zurück.

Hentsch,  Richard,  sächsischer  Generalstabsofsizier,
leitete  als  Chef  der  Nachrichtenabeilung  des  Großen
Hauptquartiers  im  Auftrage  Moltkes  bei  der  1.—4.
Armee  die  Schlacht  an  der  Marne  (7.—10.  Sept.  1914),
war  1916  Oberquartiermeister  bei  der  Heeresgruppe
Mackensen,  dann  Chef  des  Generalstabs  der  Militärverwallung
  in  Rumänien  und  starb  März  1918.

Hergt,  Oskar,  preuß.  Staatsmann,  geb.  22.  Okt.
1869  in  Naumburg  a.  S,  1900  Amtsrichter,  1904
bis  1914  Vortrag.  Rat  im  preuß.  Finanzministerium,
1908  Geh.  Oberfinanzrat,  Anfang  1915  Regierungspräsident
  in  Liegnitz,  1916  in  Oppeln,  1917/18  preuß.
Finanzminister,  seit  Dez.  1918  Vors.  der  Deutschnationalen
  Volkspartei.

Hermada,  Bergrücken  (325  m)  im  Görzischen,
nördl.  von  Duino,  am  Golf  von  Triest,  heftig  umstrittenes
  Angriffsziel  der  Jlaliener  in  den  letzten
Isonzoschlachten  (vgl.  S.  109f.).

Hermannstadt  (madjar.  Nagyszeben),  ungar.
Freistadt  in  Siebenbürgen.  Am  3.  Sept.  1916  bczet.
ten  die  Rumänen  H.,  wurden  aber  in  der  Schlacht
bei  H.  26.—30.  Sept.  entscheidend  geschlagen.  S.
Bd.  II,  S.  227.

Hersing,  Otto,  deutscher  Marineoffizier,  geb.
1886  in  Kreuznach,  seit  1903  in  der  Marine,  vernichtete
  mit  »U  21«  5.  Sept.  1914  auf  dem  Tyne
bei  Newcastle  den  engl.  geschützten  Kreuzer  =  Pathfinder:,
  führte  dann  Handelskrieg  an  der  franz.  Küste
und  in  der  Irischen  See  und  versenkte  mit  =  U  51.
25.  Mai  1915  nach  einer  Fahrt  von  3450  Seemeilen
vor  den  Dardanellen  dieengl.  Linienschiffe  Triumphund
  Majestice  sowie  8.  Febr.  1916  den  franz.  Panzerkreuzer
  =  Admiral  Charner=  im  Mittelmeer.

Hertling,  Georg,  Graf  von,  deutscher  Reichs-Heliograph

  —  Heydebreck

kanzler,  geb.  31.  Aug.  1843  in  Darmstadt,  gest.  4.  Jan.
1919  in  Ruhpolding  (Oberbayern),  1882  Prof.  der
Philosophie  in  München  (Arbeiten  über  Aristoteles
und  Albertus  Magnus  u.—  a.),  1875—90  und  seit  1893
Mitglied  des  Reichstags  (Zentrum),  seit  1891  lebenslängliches
  Mitglied  des  bayr.  Reichsrats,  1909  Vorsitzender
  der  Zentrumsfraktion,  wurde  1912  bayr.
Ministerpräsident  und  Minister  des  Auswärtigen,
leitete  im  Kriege  die  Tagungen  des  Bundesratsaus.
schusses  für  auswärtige  Angelegenheiten  und  war
1.  Nov.  1917  bis  30.  Sept.  1918  Reichskanzler  (vgl.
Deutsches  Reich,  S.  216).  Nach  seinem  Tode  erschienen
„:  Erinnerungen  aus  meinem  Leben-(Kempten  1919).
Sein  Sohn  veröffentlichte:  „Ein  Jahr  in  der  Reichskanzlei
  (Freiburg  i.  B.  1919).  —  Bild  s.  bei  S.  214.

Hervé,  Gustave,  franz.  Sozialist  und  Schriftsteller,
  bis  1908  Anwalt,  Antimilitarist,  seit  Kriegsbeginn
  aber  deutschfeindlicher  Vertreter  des  Kriegsgedankens,
  trat  1916  aus  dem  Vorstand  der  sozialdem.
Partei  aus,  schrieb  im  Kriege  vielbeachtete  Kritiken  in
der  „  Victoire,  früher  „  Guerre  Sozialer,  u.  wurde
als  Kriegshetzer  aus  der  sozialist.  Partei  ausgeschlossen.

Hesse,  General,  Chef  des  deutschen  Feldtelegraphenwesens
  im  Kriege.

Hessen.  Der  Großherzog,  der  Aug.  1914  ins  Feld
ging,  erneuerte  das  „Militärsanitätskreuze  von  1870
(10.  Sept.  1914)  und  stiftete  zwei  neue  Orden:  den
»Stern  von  Brabant=  (21.  Juni  1914)  u.  ein-Ehrenzeichen
  für  Kriegsfürsorger  (19.  Sept.  1915).  —  1914
wurde  ein  neues  Besoldungsgesetz  erlassen,  das  Ordensgesetz
  von  1875  geändert.  Die  Wahlen  für  den
Landtag  u.  die  Gemeindevertretungen  wurden  bis  nach
Kriegsende  verschoben,  das  Finanzgesetz  von  1914  auf
die  weiteren  Kriegsjahre  mit  erstreckt.  1915  wurde
ein  Kriegsausschuß=  der  Kammer  gebildet,  1917  ein
Gesetz  über  Bewilligung  von  Steuerbeihilfen  an  vom
Krieg  betrossene  Personen  erlassen  und  eine  Neuregelung
  der  Einkommensleuer  nach  dem  Kriege  beschlossen.
Nachdem  der  Antrag  der  sozialdem.  Landtagsfraktion
auf  Einführung  der  gleichen,  geheimen,  direkten  u.  allgemeinen
  Verhältniswahl  für  Landtag  und  Gemeindevertretungen
  einem  Ausschuß  der  2.  Kammer  überwiesen
  war,  kündigte  die  Regierung  am  26.  Okt.  1918
eine  entsprechende  Vorlage  an;  ehe  es  dazu  kam,  wurde
sie  am  10.  Nov.  durch  den  am  8.  Nov.  gegründeten
Arbeiter=  und  Soldatenrat  abgesetzt,  der  Großherzog
des  Throncs  für  verlustig  erklärt.

An  die  Spitze  der  Regierung  trat  der  Lesehee,
sozialist  Ulrich.  Bereits  am  10.  Dez.  löste  sich  der
Landes-A.=  u.  S.-Rat  auf,  an  seine  Stelle  trat  ein  auf
alle  Kreise  gestützter  Volksrat.  Am  26.  Jan.  1919wurden
  die  Abgeordneten  zur  Volkskammer  gewählt:  die
Mehrheitssozialisten  erhielten  31,  die  Unabhängigen
1,  die  Demokraten  13,  das  Zentrum  13,  die  Deutsche
Volkspartei  7,  die  Hessische  Volkspartei  5  Sitze.  Am
11.  Febr.  löste  sich  der  Volksrat  auf,  und  am  13.  trat
die  Volkskammer  zusammen;  sie  wählte  den  Mehrheitssoz.
  Adelung  zu  ihrem  Präsidenten  und  Ulrich
zum  Ministerpräsidenten.  Nach  Annahme  der  Notverfassung
  (20.  Febr.)  enlband  der  Großherzog  am
18.  März  die  Beamten  des  Treueides.  Gegen  die  von
Ulrich  begünstigten  großhessischen  Pläne  protestierte
der  preußische  Ministerpräsident  Hirsch  am  16.  Juli.

Hetman  (Ataman),  Titel  der  Kosakenführer,
wurde  1918  von  Skoropadski  als  Titel  des  ukrainischen
  Staatsoberhauptes  wieder  aufgenommen.

Heydebreck,  Joachim  von,  deutscher  Kolonial-=offizier,
  geb.  G.  Okt.  1861  in  Schwedt,  seit  1896  bei  der
        <pb n="283" />
        Heye  —  Hoffmann

Schutztruppe,  1907  Major,  1911  Kommandeur  der
Schutztruppe  in  Deutsch  Hüdwestafrika  Er  starb
9.  Nov.  1914  infolge  Unfalls  in  Kalkfontein.

Heye,  Oberst,  1914  im  Stab  Hindenburgs  Gehilfe
Ludendorffs,  Herbst  1914  Chef  des  Generalstabs  im
Landwehrkorps  Woyrsch,  1917  der  Heeresgruppe  Herzog
  Albrecht,  Herbst  1918  Gehilfe  Ludendorffs  im
Großen  Hauptquartier.

Hilfsdienst,  Baterländischer,  s.  Bd.  II,  S.  40  1  ff.
Nach  deutschem  Muster  wurden  Hilfsdienstgesetze  1917
in  England,  Frankreich  und  Schweden  erlassen.

Hindenburg  (Beneckendorff  und  H.),  Paul
von,  größter  deutscher  Heerführer  des  Krieges,  geb.
2.  Okt.  1847  in  Posen,  1877—  84  im  Generalstab,
1894  Oberst,  1896  Generalstabschef  des  8.  Armeekorps,
  1900—03  Generalleutnant  und  Kommandeur
der  28.  Division,  1904  komm.  General  des  4.  Armeekorps,
  1905  General  der  Infanterie,  wurde  1911  zur
Disposition  gestellt.  15.  Aug.  1914  als  Oberbefehlshaber
  der  8.  Armee  wieder  eingestellt,  erfocht  H.  die
entscheidenden  Siege  bei  Tannenberg,  an  den  Masurischen
  Seen  (Aug./Sept.  1914)  und  in  der=  Winterschlacht
  in  Masuren,  leitete  den  Vorstoß  gegen  Riga,
Dünaburg,  Molodetschno  (Mai  bis  Aug.  1915),  wurde
27.  Aug.  1914  Generaloberst  und  27.  Nov.  1914
Generalfeldmarschall.  H.  erhielt  im  Nov.  1914  den
Oberbefehl  über  die  Armeen  im  Osten  (2Oberost.),
Anfang  Aug.  1916  auch  über  Teile  der  österr.  Front
und  wurde  29.  Aug.  1916  Chef  des  Generalstabs.
Als  solcher  hatte  er  im  Verein  mit  dem  Generalquartiermeister
  Ludendorff  bis  zum  Ende  des  Krieges
die  deutsche  Kriegführung  (Oberste  Heeresleitung)
inne  und  leitete  auch  nach  der  Novemberrevolution
1918  die  Rückkehr  des  Heeres  und  die  Demobilmachung
sowie  1919  den  neuen  =  Grenzschutz  Oste  vom  Hauptquarlier
  in  Kolberg  aus.  H.  trat  3.  Juli  1919  vom
Oberbefehl  zurück,  stellte  sich  4.  Juli  der  Entente  für
den  Kaiser  zur  Verfügung,  wurde  aber  nur  als  Entlastungszeuge
  zugelassen  und  lebt  in  Hannover  im
Ruhestand.  1920  gab  er  =  Aus  mieinem  Leben  heraus.
  Vgl.  Bernhard  H.,  Paul  v.  H.  (Berl.  1915);
P.  Lindenberg,  Das  Buch  vom  Feldmarschall  H.
(Oldenb.  1919).  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  186.

Hindenburg,  seit  4.  Dez.  1915  Name  der  oberschles.
  Stadt  Zabrze;  1920  von  der  Ententekommission
in  Oberschlesien  wieder  geändert  in  Z.

Hindenburghaus,  Okt.  1915  gegr.  Erziehungsheim
  f.  Rriegervollwahsen  in  Ruhlsdorf  (Brandenbdg.).

Hindenburglinie,  in  den  engl.  u.  franz.  Heeresberichten
  (bes.  1917)  oft  angewandte  Bezeichnung  der
deutschen,  von  Hindenburg  angelegten  starken  Befestigungslinien,
  um  die  Erfolge  der  feindl.  Truppen
in  ein  besseres  Licht  zu  rücken.  Der  Name  wurde
deutscherseits  amtlich  nicht  gebraucht.  Vgl.  S.  83.

Hindenburgmuseum,  in  Posen  1917  begr.  Museum
  mit  reichhalt.  Anschauungsmaterial  zum  Kriege
selbst  sowie  seinen  Wirkungen  auf  das  tägliche  Leben.

Hindenburgprogramm,  1916nach  Hindenburgs
Ernennung  zum  Chef  des  Generalstabs  des  Feldheeres
von  dem  neuernannten  ersten  Generalquartiermeister
Ludendorff  durchgeführte  Neuorganisation  des  gesamten
  Heeresnachschubs,  besonders  der  Munitionserzeugung
  und  des  Mannschaftsersatzes  (Vaterländischer
  Hufsdiens).  Vgl.  S.  82.

Hiudenburgspende,  vom  Deutschen  Städtetag
1915  veranstaltete  Sammlung  zur  Beschaffung  von
Pelzkleidung  für  das  Ostheer,  ergab  über  2  Mill.  Mk.
H.  wurde  auch  dievon  den  Selbstversorgern  (gegen  Be-253



zahlung)geleistete  freiwillige  Ablieferung  von  Speckzugunsten
  der  Schwerarbeiter  genannt.  (benenfürsorge.

Hinterbliebenenfürforge,  s.  Kriegshinterblie-Hiutze,

  Paul  von,  deutscher  Admiral  u.  Staatsmann,
  geb.  13.  Febr.  1864  in  Schwedt  a.  O.,  1903
Marineattaché  für  die  skandin.  Staaten  mit  Sitz  in
Petersburg,  1906  Flügeladj.  des  deutschen  Kasbeun
1907  Kapitän  zur  See,  1908  Militärbevollmächtigter
am  russ.  Hofe,  seit  1911  im  diplomat.  Dienst,  1911
bis  1914  Gesandter  in  Mexiko,  1915  in  Peking,  Juni
1917  in  Christiania,  war  9.  Juli  bis  3.  Okt.  1918
Staatssekretär  des  Auswärtigen.

Hipper,  Franz  von,  deutscher  Admiral,  geb.
13.  Sept.  1863  in  Weilheim  (Oberbayern),  1907
Kapitän  zur  See,  1902  Kommandeur  der  2.  Torpedo-Abt.,
  1906  Kreuzerkommandant,  1908  Kommandeur
der  1.  Torpedodivision.  Bereits  vor  seiner  Beförderung
  zum  Konteradmiral  (Jan.  1912)  war  er  mit  der
Wahrnehmung  der  Geschäfte  des  zweiten  Admirals
der  Aufklärungsschiffe  beauftragt.  Unter  dem  Oberbefehl
  des  Admirals  Scheer  war  er  Führer  der  Aufklärungsschiffe
  in  der  Schlacht  am  Skagerrak  und
2.  Aug.  1918  bis  Kriegsende  Chef  der  Hochseeflotte  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  250.

Hirson,  franz.  Stadt  an  der  Oise,  wurde  1.  Sept.
1914  von  der  Armee  Hausen  besetzt.

Hirsova,  rumän.  Stadt  in  der  Dobrudscha,  an
der  Donau,  wurde  26.  Okt.  1916  von  bulg.  Truppen

enommen,  kam  9.  Nov.  in  die  Gewalt  der  Russen,
ie  es  Mitte  26  wieder  räumten.

Hirzstein,  Verg  in  den  Vogesen,  Kreis  Thann,
wurde  21.  Jan.  1915  von  den  Deutschen  genommen
u.  war  Dez.  1915  u.  Jan.  1916  hartnäckig  umstritten.

Hochberg,  Gipfel  in  der  Champagne,  südbstlich
von  Reims,  war  in  der  franz.  Champagne-Offensive
besonders  April  und  Juli  1917  heftig  umkämpft.

Hochseetorpedoboote,  für  hohe  See  geeignete

rößere  Torpedofahrzeuge  von  mehr  als  500  t.  Vgl.

d.  I.  S.  241.

Höchstpreise.  Über  die  zur  Bekämpfung  der
Preistreiberei  festgesetzten  H.  vgl.  Bd.  I.  S.  385,  407,
424,  426  u.  427;  Bd.  II,  S.  352.

Höcker,  Paul  Oskar,  geb.  7.  Dez.  1865  in  Miiningen,
  Romanschriftsteller,  als  HDauptmann  im  Felde,
schr.:  „An  der  Spitze  meiner  Kompagniee  (1914u.  ö.),
„Ein  Liller  Roman  (1917),  das  Liederspiel  „Das
Volk  in  Waffene  (1914)  u.  leitete  die  =  Liller  Kriegs.
zeitunge  (bis  Sept.  1918;  Auslesen  in  Buchform).

Hoek  van  Holland,  niederl.  Hafenort,  vor  dem
22.  Sept.  1914  das  deutsche  -U  9«  unter  Weddigen
die  engl.  Kreuzer  -Cressy-,  =  Aboukir#  und  =  Hogueversenkte.
  Vgl.  Bd.  I.  S.  255.

Höfer  von  Feldsturm,  Franz,  Ritter,  österr.=ungar.
  General,  geb.  9.  Juli  1861  in  Komotau  (Böhmen),
  gest.  1917,  1906  Oberst,  1912  Stellvertreter
des  Chefs  des  Generalstabs  der  gesamten  bewaffneten
Macht  (etwa  wie  der  deutsche  Generalquartiermeister).

Hoffmann,  1)  Arthur,  schweizer.  Bundesrat,  geb.
1857  in  St.  Gallen,  1914  Bundespräsident,  wahrte
die  unbedingte  Neutralität  der  Schweiz,  wurde  aber
von  der  Entente  Juni  1917  wegen  Friedensanbahnung
  zum  Rücktritt  genötigt.  —  2)  Johannes,  sozialdemokr.
  Politiker,  geb.  3.  Juli  1867  in  Ilbesheim
bei  Landau,  1887—1908  Volksschullehrer  u.  Schulverweser
  (1904—098  Lehrer  in  Kaiserslautern),  seit  1908
Mitglied  des  bayr.  Landtags,  seit  1910  des  Stadtrats
von  Kaiserslautern,  seit  1912  des  Reichstags,  8.  Nov.
1918  bayr.  Kultusminister,  wurde  24.  Febr.  1919
        <pb n="284" />
        254

bayr.  Ministerpräsident.  —  3)  Max,  deutscher  General,
  geb.  25.Jan.  1869  in  Homburg  (Kassel),  machte
bei  der  japan.  Armee  den  russ.-japan.  Krieg  mit,  war
dann  im  Gr.  Generalstab,  seit  23.  Aug.  1914  Gehilfe
Ludendorffs,  29.  Aug.  1916  dessen  Nachfolger  als
Generalstabschef  des  Oberkommandos  Ost,  Okt.  1917
Generalmajor,  leitete  die  Verhandlungen  für  den  Brest
Litowsker  Gasienftulstanevertron.  Da  er  die  Anerkennung
  des  Versailler  Friedens  verweigerte,  wurde
er  26.  Juni  1919  zur  Disposition  gestellt.

Hofmann,  Peter,  Freiherr  von,  österr.-ungar.
General,  geb.  1865  in  Wien,  kämpfte  1915  u.  1916
erfolgreich  am  Ostryj,  Stryi,  Halicz  und  im  Strypaabschnitt
  und  befehligte  bei  Kriegsende  eine  Armeeabteilung
  in  der  Ukraine.

Höhe  60,  Bergrücken  in  der  belg.  Provinz  Westflandern,
  südöstlich  von  Zillebeeke,  81.  Okt.  1914  von
den  Deutschen  erobert,  11.  März  bis  Mitte  April  im
Besitz  der  Engländer,  wurde  bes.  in  der  Wytschacteschlacht
  Juni  1917  heftig  umstritten;  vgl.  S.  17  ff.

Höhe  191,  Berg  in  der  Champagne,  nördlich  von
Nassiges.  Höhe  133.  s.  28  —  Höhe  "“bPb#

erg  im  franz.  Dep.  Marne,  s.  Souain.  —  Höhe
301  Berg  in  den  Argonnen;  Kämpfe  s.  Bd.  II,  8
198  und  Bd.  III,  S.  82.

Hoheitsgewässer  Territorialgewässer),
Eigengewässer  eines  Staates,  die  den  Gesetzen  der
Neutralität  und  der  Gebietshoheit  des  Uferstaates
unterstehen:  1)  Küstengewässer  zinerpalb  der  Dreimeilenzone,
  2)  Baien  und  Buchten,  soweit  sie  vom
Ufer  aus  beherrschbar  sind,  3)  Flüsse  und  Binnenmeere
  außer  den  vom  Weltmeer  durch  Engen  getrennten
Teilen  (Schwarzes  Meer).  —  Im  Kriege  verletzten  die
feindlichen  Mächte  mehrfach  die  Rechte  Neutraler  über
ihre  H.  *  Gotland  und  Juan  Fernandez.

Hohenberg,  Sophie,  Fürstin  von,  Gemahlin
des  Erzherzogs  Franz  Ferdinand  von  Osterreich-Este,
geb.  Gräfin  Chotek,  geb.  1.  März  1868  in  Stuttgart,
  erhielt  bei  ihrer  morganatischen  Vermählung
1.  Juli  1900  den  Namen  H.,  wurde  1905  zur  Herzogin
erhoben  und  fiel  28.  Juni  1914  mit  ihrem  Gemahl
dem  Attentat  zu  Sarajewo  zum  Opfer.
22  Wild  von,  s.  Wild  von  Hohenborn.
Hoheustein,  ostpr.  Stadt  an  der  Bahn  Allenstein-Soldau,
  wo  das  Zentrum  der  russ.  Narew-Armee  26.
Aug.  1914  zum  Rückzug  auf  Tannenberg  gezwungen

olland,  s.  Niederlande.  (wurde;  vgl.  S.  30.

Hollebeke,  Dorf  südöstlich  von  Dpern.  Das  Gebiet
  von  H.  war  einer  der  Hauptkampsplätze  in  der
engl.  Offensive  Juli  Aug.  1917  und  in  der  Schlacht
bei  Armentières.  Vgl.  S.  22f.,  87  und  89.

Holtzendorff,  Henningvon,  deutscher  Admiral,

eb.  9.  Jan.  1853  in  Berlin,  gest.  7.  Juni  1919  in
Fronziod,  1898  Chef  des  Stabes  der  Ostseestation,
1901  Oberwerftdirektor  in  Danzig,  1903  Zweiter  Admiral
  des  zweiten  Kreuzergeschwaders,  1906  Chef
des  ersten  Geschwaders  der  boochserfloue-  1907  Vizeadmiral,
  war  1909—13  Chef  der  Hochseeflotte,  leitete,
seit  März  1915  Chef  des  Admiralsstabes,  die  Verwendung
  der  deutschen  Seestreitkräfte,  trat  Juli  1918
wegen  Hahleidens  Grück  u.  wurde  Großadmiral.  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  250.

Holubowicz,  Wslewolod,  führte  1918  als
Staatssekretär  für  Handel  und  Industrie  die  ukrain.
Friedensdelegation  in  Bukarest  u.  war  März  bis  Mai
1918  Mir-Peae  der  Ukraine.  [Großbritannien.

Homerule,  s.  Bd.  I.,  S.  112  u.  114  sowie  Art.

„Homme  libre-  (ederfreie  Manne)  franz.chau-Hofmann

  —  Humber

vinist.  Zeitung,  gegr  Mai  1913,  Organ  Clemenceaus,
das  dieser  nach  dem  Vorgehen  der  franz.  Zensurbehörde
  in  -„Homme  enchainé=  (»der  gefesselte
Mann«)  umbenannte.  Vgl.  Bd.  II,  S.  332.

Honduras.  Im  Gefolge  der  Vereinigten  Staaten
brach  H.  17.  Mai  1917  die  diplomat.  Beziehungen
zum  Deutschen  Reiche  ab  und  erklärte  sich  23.  Juli
1918  als  im  Kriegszustand  mit  Deutschland  befindlich.
Nov.  1919  wurde  General  Gutierrez  Präsid.  von  H.

Honvéd  (ungar.,  „Landesverteidiger-),  reguläre
ungar.  Landwehr  seit  1848,  wurde  1868  Teil  der  aktiven
  Armee,  mit  ungar.  und  kroat.  Kommandosprache
und  nationalen  Abzeichen.

Hoofden,  Teil  der  Nordsee  zwischen  holländ.-belg.
und  engl.  Küste,  s.  Bd.  J,  S.  162,  167f.

Hoover,  Herbert,  amerikan.  Politiker,  seit  11.
Mai  1917  Lebensmitteldiktator  der  Entente,  seit
3.  Jan.  1919  für  die  feindlichen  Länder.

Hoeppner,  Ernst  von,  preuß.  General,  geb.  14.
Jan.  1860  in  Tonnin  bei  Wollin,  seit  1899  im  Gene.
ralstab,  1008—12  Chef  des  Generalstabs  des  7.  A.-K.,
1914—16  Chef  des  Generalstabs  der  3.  Armee,  wurde
Nov.  1916  kommand.  General  der  Luftstreitkräfte,
1919  des  18.  Armeekorps,  trat  14.  Aug.  1919  zurück.

Horcherden,  s.  »Nachrichtenwesen«,  S.  164.

Horchposten,  im  Stellungskampf:  vorgeschobene
Posien,  die  Wohrnehmungen  zu  melden  haben.  Auch
werden  Horchpatrouillen  vorgeschickt.  Ferner
werden  Horchgänge  stolenartig
denen  H.  auf  gners,  Miniertätigkeit  lauschen.  S.
auch  Taf.  -Schützengräben  Ie  in  Bd.  1  bei  S.  274.

Horns  Riff,  Sandbank  an  der  Südwestküste  Jül.
lands.  Bei  H.-Feuerschiff  griffen  17.  August  1915
fünf  deutsche  Torpedoboote  einen  engl.  Kleinen  Kreuzer
und  acht  Torpedobootszerstörer  an  und  brachten  den
Kreuzer  sowie  einen  Zerstörer  zum  Sinken.

Hoskins,  Arthur  Reginald,  engl.  General,
*  30.  Mai  1871,  wurde  Jan.  1917  Nachfolger  des

enerals  Smuts  als  Führer  in  Ostafrika.

Halitorl  iff,  svw.  Lazarenschiff.

ötzendorf,  österr.  General,  s.  Conrad  v.  H.
House,  Edward,  amerikan.  Oberst  und  Pazifist,
ing  1915  u.  1916  in  besonderer  Mission  nach  Europa
baut  Berlin),  1917  zur  Organisierung  des  Krieges
als  Bevollmächtigter  Wilsons  nach  Frankreich,  war
anfangs  auf  der  Friedenskonferenz  dessen  Vertreter
und  starb  16.  Jan.  1919  in  Paris.

Hughes,  1)  Charles  Evans,  amerik.  Politiker,
geb.  1862  im  Staate  Neuyork,  1891—93  Prof.  der

echte  an  der  Cornelluniv.,  führte  1906—10  als  Gouv.
von  Neuyork  mehrere  Reformen  durch,  bekämpfte  die
„Patronage-  (willkürliche  Amtervergebung  an  Günstlinge)
  und  die  polit.  Korruption,  wurde  1910  Mitlied

  des  Obersten  Bundesgerichts,  unterlag  bei  seiner
Präsidentschaftswahl  1908  auf  Betreiben  Roosevelts
seinem  Gegner  Taft,  lehnte  1912  die  Kandidatur  ab
und  unterlag  Nov.  1916  gegen  Wilson.  —  2)  William
  Morris,  austral.  Staatsmann,  geb.  25.  Sept.
1864  in  Wales,  seit  1884  in  Australien,  1904  Außenminister,
  1908—09,  1910—13,  1912—15  Attorney
General,  1915—16  Vertreter  Australiens  in  London,
seit  1916  Ministerpräsident,  eifriger  Vertreter  des
grofbritischen  Imperialismus  und  der  Fortsetzung

es  Wirtschaftskrieges  im  Frieden.

„Humanité.,  franz.  Zeitung,  s.  Bd.  II.  S.  332.

Humber,  Meerbusen  an  der  Ostküste  Englands,
mit  den  Städten  Hull  und  Grimsby,  wurde  4.  zum
5.  Juni  1915,  9.  zum  10.  Aug.  sowie  in  der  Nacht

vorgetrieben,  in
        <pb n="285" />
        Hunde  —  Japan

um  1.  Febr.  und  1.  April  1916  von  deutschen  Luftchiffen
  angegriffen;  vgl.  Bd.  II,  S.  244,  246.
L#  s.  Kriegshunde  und  S.  166  (Meldehund).
urtebise,  franz.  Gehöft  auf  der  Hochebene  von
Craonne,  war  25.  und  26.  Jan.  1915  Schawmlatz
schwerer  Kämpfe;  vgl.  Bd.  L,  S.  192f.

Hufsarek,  Max,  Frr.  H.  von  Heinlein,  österr.
Staatsmann,  geb.  1865  in  Preßburg,  1897  Prof.  für
Kirchenrecht  in  Wien,  1911  Unterrichtsminister,  dann
wieder  Dozent,  war  Juli  bis  Okt.  1918  Ministerpräsident,
  versuchte  vergeblich  die  neue  Bundesstaatsverfassung
  durchzubringen.  [Agypten.

Hussein  Kemal,  1914—  17  ägypt.  Khedive,  s.

Hutier,  Oskar  von,  preuß.  General,  geb.  27.
Aug.  1857  in  Erfurt,  1905  Oberst.  1911  Oberquartiermesseer
  im  Generalstab  der  Armee,  1912  Generalleutnant
  und  Komm,  der  1.  Gardediv.,  nahm  ruhm-255



reichen  Anteil  an  den  Vormarschschlachten  des  Jahres
1914,  1915  kommand.  General  des  21.  Korps,  2.  Jan.
1917  Oberbefehlshaber  der  Armeeabteilung  D,  22.
April  1917  der  8.  Armee  (Einnahme  Rigas),  22.  Dez.
1917  der  18.  Armee  (bei  St.  Quentin;  vgl.  S.  20  ff.).

Hydrogenit,  Wasserstoff  entwickelndes  Gemisch,
wird  zur  Füllung  von  Militärluftschiffen  mitgeführt.

Hydroplan,  1)  Horizontalruder  der  U-Boote;
zwei  solcher  sind  seitlich  am  U-Boot  angebracht  und
bewirken  die  Tiefensteuerung.  Vgl.  Bd.  I.  S.  242.—
2)  (richtiger  Hydrogeroplan)  Wasserflugzeug,
trägt  zwei  Schwimmkörper,  oder  der  Rumpf  selot  ist
bootartig,  vgl.  Flugzeug.

Hygiene,  Gesundheitspflege,  für  die  Kriegführung
von  höchster  Bedeutung,  wurde  als  Gesundheitsdienst
  besonders  ausgebaut;  vgl.  Bd.  I.  S.  303  ff.
und  Bd.  II,  S.  307  ff.

J  u.  3

Jablonicapast,  Gebirgspaß  in  den  Waldkarpathen,
  im  Tale  der  Goldenen  Bistritz,  nach  dem  Einbruch
  der  Russen  20.  Okt.  1914  von  den  Osterr.  zurückerobert,
  dann  vor  überlegenen  russ.  Kräften  geräumt,
12.  Febr.  1915  wieder  besetzt,  war  30.  Nov.  bis  4.
Dez.  1916  nochmals  Schauplatz  heftiger  rufs.  Vorstöße,
auch  im  Jan.  und  Febr.  1917  stark  umkämpft.

J’'aceuse  (franz.,  zich  klage  ane),  1915  in  Lausanne
  erschienene,  vom  feindl.  Ausland  jubelnd  berüßte

  Schmähschrift  (Verf.  Kurt  Grelling),  die  die
uld  Deutschlands  am  Kriege  dartun  sollte.

Jackson,  Sir  Henry  Bradwardine,  engl.
Admiral,  geb.  21.  Jan.  1855  in  Barnsley,  18
Kapitän,  1908—  10  Komm.  des  Mittelmeergeschwaders,
  1911  —  13  der  Kriegsmarineschule,  seit  1912
Chef  des  Marinekriegsstabes,  war  Mai  1915  bis  Dez.
1916  Erster  Seelord  der  Admiralität.

Jade,  Küstenfluß  in  Oldenburg.  Am  4.  Nov.  1914
geriet  der  deutsche  Kreuzer  =  YDork  infolge  Nebels  auf
die  Hafenminensperre  vor  der  Jademündung  und  sank.

Jassa,  türk.  Küstenstadt  in  Syrien,  nordwestl.  von
Jerusalem,  wurde  17.  Nov.  1917  von  den  Engländern

Saad#  eng,  s.  Luftkrieg-,  S.  157.  lbesetzt.

abbstaneel,  ereinigung  mehrerer  unter  gemeinsamem
  Befehl  arbeitender  schneller  Jagdflugzeuge.

Jagoduja,  77  1m  hoher  Berg  in  Serbien,  Brennpunkt
  der  Schlacht  an  der  Drina,  wurde  92.  Sept.
1914  vom  16.  österr.-ung.  Korps  erstürmt.

Jagow,  Gottlieb  von,  deutscher  Staatsmann,
geb.  22.  Juni  1863  in  Berlin,  seit  1895  in  diplomat.
Diensten,  1906  Vortrag.  Rat  im  Ausw.  Amt,  wurde
nach  langjähriger  Tätigkeit  als  Gesandter  bzw.  Botschafter
  in  München,  Rom  und  im  Haag  1913  Staatssekretär
  des  Auswärtigen  Amtes  und  trat  Nov.  1916
zurück.  Er  schrieb:  »Der  Ausbruch  des  Weltkrieges-(Berl.
  1919).  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  23.

Jahn,  Gustav,  geb.  23.  Sept.  1862  in  Neudamm
(Neumark),  Jurist,  1900  im  Reichsschatzamt,  1912
Unterstaatssekretär,  1918  Präsident  des  Reichsfinanzhofes
  in  München.

Jakobeny,  Marktflecken  in  der  Bukowina,  im  Tal
der  Goldenen  Bistritz,  war  1914—  17  wiederholt
Schauplatz  groß  angelegter  Gebirgsoffensiven  der
Russen  und  änen.

Jalomitza  (rumän.,  Jalomita),  Fluß  in  der
Walachei,  wurde  nach  heftigem  Kampfe  12.  Dez.  1916
v.  deutschen  Truppen  überschritten;  vgl.  Bd.  II,  S.  234.

Jaluit,  größte  der  deutschen  Marthallinseln,  90
akm,  seit  1885  bei  Deutschland,  wurde  29.  Sept.  1914
von  den  Japanern  befeht,

Jamiano,  Ort  im  Görzischen,  östl.  von  Monfalcone,
  war  Brennpunkt  des  Kampfes  am  rechien  ital.
Flügel  in  den  letzten  Isonzoschlachten;  vgl.  S.  109ff.

Janina,  Stadt  in  Griechenland,  wurde  11.  Juni
1916  von  den  Italienern  besetzt.  Vgl.  S.  115.

Januschkewitsch,  Nikolai,  russ.  General,  bei
Kriegsausbruch  Chef  des  russ.  Großen  Generalstabs,
Anfang  1915  durch  Alexejeff  ersetzt,  bekundete  1917
im  Ssuchomlinoffprozeß,  daß  er  im  Einvernehmen  mit
Ssasonoff  die  vom  Zaren  am  30.  Juli  1914  befohlene
Rückgängigmachung  der  Gesamtmobilisation  des  russ.
Heeres  hiniertrieben  habe.

Jap,?  eine  der  deutschen  Karolineninseln,  207akm,

wurde  7.  Okt.  1914  von  den  Japanern  besetzt.

Japan.  Auf  Betreiben  Englands  (vgl.  Bd.  II,
S.  B9  ff.)  forderte  J.  in  einem  zynisch  gehaltenen  Ultimatum
  am  20.  Aug.  1914  vom  Deutschen  Reich  die
Räumung  Kiantschaus,  angeblich  im  Interesse  des
Friedens  im  Stillen  Ozean.  Es  wurde  keiner  Antwort
gewürdigt,  der  deutsche  Botschafter  abberufen.  J.
übernahm  gemäß  den  engl.-japan.  Verträgen  vom  12.
Aug.  1905  bzw.  13.  Juli  1911  die  Kriegführung
gegen  Deutschland  im  fernen  Osten.  Es  nahm  im

aufe  des  Okt.  kampflos  die  gesamten  Marianen-,
Karolinen-  und  Marshallinseln  in  Besitz.  Nach  hartem,
verlustreichem  Kampie  fiel  am  7.  Nov.  Tsingtau  (s.  b.).
J.  besetzte  darüber  hinaus  die  ganze  Provinz  Schantung.
  Die  Vereinigen  Staaten  von  Nordamerika  fanden
  sich  damit  ab,  obwohl  sie  erst  im  Okt.  -Wünschegeäußert
  hatten,  J.  solle  keinen  Landbesitz  in  China
erstreben,  die  Kiautschaubucht  an  China  zurückgeben
und  bei  künftigen  Aktionen  vorher  mit  ihnen  in  Verbindung
  treten.  Das  Abgeordnetenhaus,  das  die  Regierung
  bei  ihren  Abenteuern  nicht  unterstützen  wollte,
lehnte  die  Vermehrung  der  Armee  um  zwei  Divisionen
  ab  und  wurde  26.  Dez.  aufgelöst.

Nachdem  bei  den  Neuwahlen  die  opponierende
Marinepartei  der  Seijukal  73  Mandate  verloren  hatte,
wurde  1.  Juni  1915  das  Budget  einschließlich  der
zwei  Divisionen  angenommen.  Ein  Prozeß  gegen  den
erst  im  Jan.  ernannten  Innenminister  Ura  wegen  Bestechung
  brachte  das  ganze  Kabinett  Okuma  am  31.
Juli  zu  Fall.  Zwar  übernahm  Okuma  wieder  die
Neubildung,  doch  der  Außenminister  Kato  wurde
        <pb n="286" />
        256

durch  Baron  Ischii,  Botschafter  in  Paris,  ersetzt.  Die
Bethurgen  zu  Rußland  gestalteten  sich  durch  die  gewaltigen
  Kriegsmateriallieferungen  J.§8  immer  herzlicher.
  Dadurch  wurde  J.  auch  stärker  in  die  allgegemeinen
  Interessen  der  Entente  hineingezogen  und
trat  sogar  19.  Okt.  1915  dem  Londoner  Septembervertrag
  gegen  einen  Sonderfrieden  bei.  Vor  allem
festigte  sich  durch  die  Kriegslieferungen  außerordentlich
  8  wirtschaftliche  und  finanzielle  Stellung.

Das  Jahr  1916  war  erfüllt  von  Maßnahmen,  um
China  botmäßig  zu  machen.  Nach  langen  Verhandlungen
  (s.  China)  war  am  25.  Mai  1915  ein  chines.=japan.
  Vertrag  zustande  gekommen,  in  dem  J.  eine
politische  und  wirtschaftliche  Vormachtstellung  in  der
südl.  Mandschurei,  der  östl.  Mongolei,  in  Schantung
und  der  der  Insel  Formosa  vorgelagerten  Provinz
Fukien,  die  Auslieferung  der  Hanjehping-Gesellschaft
im  Jangtsebecken  erlangt  hatte.  Damit  war  die  Entwicklung
  zu  einer  Schutzherrschaft  über  China  angebahnt.
  Mitte  Jan.  1916  wiederholte  J.  alle  von
Chinanoch  nichterreichten  Forderungen  und  wiederum
am  13.  Aug.  1916,  doch  erhoben  diesmal  die  Vereinigten
  Staaten  Einspruch  (s.  China)  auf  Grund  des
Rool-Takahira-Vertrags  von  1906.  Ehe  es  in  China
weiter  vorgehen  konnte,  bedurfte  J.  der  Rückendeckung
von  seiten  Rußlands.  Diese  geschah  durch  den  3.  Juli
1916  unterzeichneten  russ.-japan.  Vertrag,  der  beide
Staaten  verpflichtete,  an  keiner  gegen  den  andern  gerichteten
  Mächteverbindung  oder  Unternehmung  teilunehmen,

  sowie  zu  gegenseitiger  Hilfe  im  fernen
Osten.  Oluma  machte  am  10.  Okt.  Terautschi,  bisher
  Generalgouverneur  von  Korea,  Plaßz.

Die  Neuwahlen  für  das  am  25.  Jan.  1917  aufgelöste
  Abgeordnetenhaus  am  22.  April  brachten
wider  Erwarten  einen  Sieg  der  mit  der  Regierung
des  gemäßigten  Terautschi  zufriedenen  Seijukai  (163
Sitze)  über  die  Opposition  der  Kenseikai  (122)  und
Kokuminto  (36);  Unabhängige  (seit  26.  Juni  -Erneuerungspartel#
  Isinhai  genannt)  wurden  63  geewählt.

  —  Ein  japan.  Geschwader  unter  Admiral
Sato  wirkte  1917  im  Mittelmeer,  ein  anderes  im
Südatlantik.  Am  18.  Mai  1917  wurde  Charbin  besetzt,
  am  12.  Juni  drohte  J.  mit  neuem  Eingreifen
in  China,  falls  das  Land  nicht  zur  Ruhe  käme.  Es  betrachtete
  China  immer  ungenierter  als  seine  Domäne.
Am  19.  Juni  beschloß  der  Ministerrat  die  Vereinigung
  Koreas  mit  der  Südmandschurei  und  die  Zusammenlegung
  der  korean.  und  südmandschur.  Eisenbahnen.
  Eine  zur  Klarstellung  des  Zwecks  der  amerikan.
  Rüstungen  nach  den  Vereinigten  Staaten  entsandte
  Abordnung  ließ  am  1.  Okt.  durch  ihren  Führer
Graf  Ischii  in  Neudork  die  Monroe-Lehre  für  den
fernen  Osten  verkünden.  Vor  allem  sollte  diese  Botschaft
  wohl  auch  den  Eindruck  verwischen,  den  in  Amerika
  zu  Anfang  des  Jahres  der  Versuch  des  deutschen
Staatssekr.  Zimmermann  gemacht  hatte,  J.  durch  Vermittlung
  Mexikos  zu  Deutschland  herüberzuziehen.

Der  Zusammenbruch  und  Zerfall  des  russ.-sibir.
Reiches  1918  stärkte  J.s  Machtstellung  ungeheuer.
Gemeinsam  mit  England  besetzte  es  Anfang  April
Wladiwostok,  im  Juli  griff  es  unter  General  Kiuko
gemeinsam  mit  Amerika  zugunsten  der  Tschechoflowaken
  in  Sibirien  ein.  Ein  Kronrat  im  Sept.  1918  beschloß
  die  Erhöhung  des  Heeres  von  84  auf  126  Reimenter,

  der  Flotte  auf  24  Linienschiffe,  8  Kreuzer.

nde  Sept.  1918  trat  an  Stelle  des  Ministeriums
Terautschi  ein  Kabinett  Kei  Hara  (s.  d.).

Auf  der  Friedenskonferenz  in  Versailles  trat  das

Jaroslau  —  Jellicoe

imperialistische  J.  dem  Abrüstungsgedanken  unverhohlen
  entgegen;  ebenso  energisch  widersetzte  es  sich
jedem  Verfach  einer  Bevormundung  seiner  Politik  in
China.  Gestltzt  auf  die  Verträge  mit  England  und
Frankreich,  setzte  die  Friedensdelegation  unter  Baron
Makimo  Japans  Absichten  in  Schantung  durch,  wogegen
  sich  in  den  Vereinigten  Staaten  unter  den  repudestanischen
  Senatoren  heftigste  Opposition  geltend
machte;  Chinas  Delegierte  weigerten  sich  sogar  zunächst,
  den  Vertrag  zu  unterzeichnen.  Bisher  liegt
keine  beglaubigte  Nachricht  darüber  vor,  daß  J.,  wie
seine  Gegner  wollen,  Schantung  wirklich  in  absehbarer
Zeit  an  China  zurückgeben  will.  Vgl.  Ostwald,  J.s
Expansionspolitik  1900  —1914  (Verl.  1916);  „Der
nächste  Weltkrieg.  Die  Prophegeiung.  eines  neutralen
Diplomaten=  (das.  [19161);  Th.  Schuchart,  Japans
  Rüstung  für  den  Handelskrieg  (das.  1918).

Jaroslau,  galiz.  Bezirksstadt  am  San,  war  Okt.
und  Nov.  1914  mehrfach  Mittelpunkt  hartnäckiger
Kämpfe.  Der  Brückenkopf  von  J.  kam  14.  Mai  1915
in  Besitz  der  Verbündeten;  vgl.  Bd.  I.  S.  211.

Jassy,  nordrumän.  Kreisstadt,  ehemalige  Hauptstadt
  der  Moldau,  wurde  bei  Bedrohung  Bukarests
Nov.  1916  Sihder  rumän.  Regierung  (bis  Nov.  1918).

Jaünde,  Bezirksort  und  Militärstation  in  Kamerun
  (vgl.  Bd.  II,  S.  146),  mit  dem  Hochland  von  J.
wo  sich  Okt.  1914  bis  Ende  1915  langwierige  Kämpfe
abspielten;  vgl.  S.  121.

Jaureès,  Jean  Léon,  franz.  Politiker  und  Schriftsteller,
  geb.  3.  Sept.  1859  in  Castres,  Prof.,  hervorr.
Vertreter  des  gemäßigten  Sozialismus,  seit  1885  Dep.,
1903  Vizepräs.  der  Kammer,  wurde  von  Raoul  Villain
  einen  Tag  vor  Kriegsausbruch,  31.  Juli  1914.
weil  er  der  Regierung  im  Wege  war,  ermordet.  J.
hatte  steis  den  Chauvinismus  in  Frankreich  bekämpft
und  eine  Annäherung  an  Deutschland  erstrebt  sowie
an  seinem  Todestage  das  Ministerium  des  Außern
vor  übereilten  Schritten  gewarnt.  Sein  Mörder,  Villain,
  wurde  1919  freigesprochen.  Vgl.  M.  Beer,
Jean  J.  (Berl.  1919).

Javorkek,  1549  m  hohes  Bergmassiv  im  Görzischen,
  südöstl.  von  Flitsch,  wurde  im  Juni,  Sept.  und
Olt.  1915  von  den  Italienern  vergeblich  bestürmt.

Idea  Nazionale  ,  ital.  nationalistische  Zeitung,
s.  Bd.  II,  S.  334.  [Bd.  I.  S.  266.

„Jean  Barte-,  fran)  Linienschiff,  23  467  t,  vgl.

Jedinstwo  (russ.,-Einheit-),  eine  neben  Maximalisten
  und  Minimalisten  stehende  kleinere  Gruppe  der
sozialdemokrat.  Partei  Rußlands.

Jekaterinoslatw,  Hauptstadt  des  rufs.  Gouv.  J.,
am  Dnujepr,  wurde  im  Kamipf  gegen  die  Bolschewisten
am  4.  April  1918  von  den  Tousen  besetzt.

Jekoff,  bulg.  General,  s.  Schekoff.

Jellicoe,  Sir  John  Rushworth.,  (seit  1918)  Graf
von  Scapa,  bril.  Admiral,  geb.  5.  Dez.  1859,  1898—
1901  in  China,  befehlidie  1900  dort  die  engl.  Flotie.
gleichzeitig  Stabschef  des  Vizeadmirals  Seymour,
1905—07  Leiter  der  Marineart.,  wurde  bei  Peitsang
schwer  verwundet,  1908  Mitglied  des  Admiralitätsgerichts,
  1910  Komm.  der  atlant.  Flotte,  1911  des
zweiten  Geschwaders  der  Heimatfslotte,  1912  Zweiter
Seelord,  August  1914  Oberbefehlshaber  der  brit.  Seestreitkräfte,
  1915  Admiral,  nahm  mit  dem  Gros  der
brit.  Schlachtflotte  an  der  Schlacht  vorm  Skagerrak
teil,  wurde  Nov.  1916  Erster  Seelord,  Mai  1917  Chef
des  Admiralstabes  und  Dez.  1917  durch  Wemyß  ersetzt.
  J.  wurde  im  April  1920  Generalgouverneur
von  Neuseeland.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  175.
        <pb n="287" />
        Jerusalem  —  Ingenohl

Jerunsalem.  Die  Engländer  besetzten  J.  9.  Dez.
1917;  vgl.  S.  130.

Ilwa,  rechter  Nebenfluß  des  Styr,  wurde  von  der
Armee  Böhm-Ermolli  11.  Sept.  1915  bei  Dubno
überschritten,  worauf  heftige  Angriffe  der  Russen
gegen  die  J.-Front  bei  Kremenec  folgten.

Ilino  brdo,  Berg  an  der  herzegow.-montenegrin.
Grenze,  östlich  Trebinje,  durch  dessen  Eroberung
4.  Nov.  1915  die  Hauptstellung  der  Montenegriner
durchbrochen  wurde.  Vgl.  S.  69.

Illuxt,  russ.  Kreisstadt  am  gleichnamigen  Nebenfluß
  der  Düna,  nordwestl.  von  Dünaburg,  mit  von
den  Russen  stark  befestigtem  Abschnitt,  wurde  23.  Okt.
1915  von  den  Deutschen  genommen.

Immelmann,  Max,  erster  der  im  Kriege  erfolgreichen
  deutschen  Fliegeroffiziere,  geb.  21.  Sept.  1890
in  Dresden,  gefallen  18.  Juni  1916  im  Luftkampf
an  der  Westfront,  1911/12  auf  der  Kriegsschule  zu
Anklam,  dann  Stud.  des  Maschinenbaues  in  Dresden,
  seit  April  1915  bei  einer  Feldfliegerabteilung  im
Westen,  April  1916  Oberleutnant,  schoß  18  feindliche
Flugzeuge  ab.  —  Bild  f.  B.  II  bei  S.  180.

Imperial  Federation  League,  s.  Bd.  l,  S.  110
und  Bd.  II,  S.  43.

Inteerialic##s  (lat.),  die  auf  militärische  Gewalt
  gestützte  Regierungsweise  eines  Monarchen.  —
In  neuerer  Zeit  versteht  man  unter  J.  die  auf  engere
Vereinigung  und  Vergrößerung  des  engl.  Weltreichs
gerichteten  Bestrebungen  (vgl.  Bd.  I.  S.  102  ff.),  dann
allgemein  das  Streben  eines  Staates  nach  Weltmachtstellung.
  Imperialisten,  die  Anhänger  dieser  Politik.
  Vgl.  Steffen,  Weltkrieg  und  J.  (Jena  1915).

Impfung.  über  Schutzimpfung  vgl.  Bd.  II,  S.  310.

„"  Indefatigablee,  brit.  Schlachtkreuzer,  der  31.
Mai  1916  in  der  Seeschlacht  am  Skagerrak  unterging;
s.  Bd.  1II,  S.  250.

Indien  (ogl.  Bd.  II,  S.  47  ff.).  Wenn  auch  die
engl.  Herrschaft  in  J.  fester  verwurzelt  ist  als  allgemi
  angenommen  wurde,  so  war  doch  J.  im  Kriege
Englands  größte  Sorge  und  ist  es  geblieben.  Schon
die  Rekrutierung  zu  dem  indischen  Heer,  das  England
  im  Winter  1914/15  gar  den  franz.  Kriegsschauplatz
  aufstellte,  bereitete  Schwierigkeiten  und  verursachte
  Unruhen  in  Kalkutta,  in  Bengalen  und  im
westl.  Pandschab.  Reibungen  zwischen  Mohammedanern
  und  Hindus  waren  allgemein.  Im  März  1915
gab  ein?  Gesetz  zur  Berteidigung  Indiens-  dem  Generalgouverneur
  Vollmachtzur  raschen  Unterdrückung
von  Aufruhr  aller  Art;  das  bedeutete  den  Belagerungszustand.
  Als  das  Oberhaus  18.  März  die  Zustimmung
  zu  der  vom  ind.  Vizekönig  Lord  Hardinge
empfohlenen  Proklamation  betreffs  Einführung  einer
gesetzgebenden  Versammlung  (Executive  coundil)  in
den  mohammedanischen  Provinzen  Agra  und  Audh
verweigerte,  erlitt  das  Ansehen  der  britischen  Regierung
  in  J.  einen  harten  Schlag.  Ein  Hochverratsprozeß
  (Juni  bis  Sept.  1915)  in  Lahur  gegen  81  Personen,
  in  dem  24  Todesurteile  gefällt  wurden,  deckte
eine  Verschwörung  großen  Stils  auf.  England  hob
zwar  bis  1916:  300000  Mann  aus,  konnte  sie  aber
nicht  dauernd  auf  dem  europäischen  Kriegsschauplatz
verwenden.  Im  August  erhoben  sich  die  Bunerwals,
und  am  5.  Sept.  kam  es  zu  einer  Schlacht  zwischen
Engländern  und  10000  Mohmands.  Sicher  stand
hinter  diesen  Unruhen  Afghanistan,  der  gefährlichste
Gegner  Englands  in  Vorderindien.

m  1.  April  1916  wurde  Lord  Chelmsford  Vizekönig,
  der  zwar  »die  freundschaftlichen  Beziehungen

Der  Krieg  19141/19.  11.

257

u  Afghanistan  und  Persien  sowie  die  derzeitige  Loyaität
  der  Truppen  betonte,letztere  aber  mit  Fersher¾o
gen  auf  Verfassungsänderungen  zubelohnen  für  nötig
erachtete.  Am  1.  Nov.  1916  zog  der  Vizekönig  sogar
die  regierenden  indischen  Fürsten  zu  einer  Konferenz
u  als  Abschlagszahlung  auf  ihre  weitgehenden  Forrrungen
  (Hälfte  der  Sitze  in  den  Regierungskollegien
  für  die  Eingeborenen,  finanzielle  Selbstverwaltung,
  Gleichberechtigung  mit  den  autonomen  Kolonien
usw.).  Wilsons  feierliche  Verkündung  des  Selbstbestimmungsrechts
  der  Völker  weckte  auch  in  J.  lauten
Widerhall;  doch  ließ  Wilson  ein  Kelcgranm  der  Ind.
Nationalpartei  vom  27.Jan.  1917  unbeantwortet.  Am
10.  Febr.  wurde  die  Meldepflicht  aller  männlichen  Einwohner
  zwischen  16  und  50  Jahren  in  Bombay  eineführt,
  und  der  Legislativrat  des  Vizekönigs  mußte
4h  zur  Bewilligung  von  100  Mill.  Pfd.  Sterl.  zu  den
Kriegskosten  des  Brit.  Reiches  verstehen.  Bei  einer
Revolte  des  5.  ind.  Regiments  in  Singapur,  16.  Febr.,
als  es  nach  Flandern  abgehen  sollte,  wurden  300
Engländer  getötct.  Nach  Bengalen  rief  England
japan.  Truppen  zu  Oilfe,  denen  die  Unterdrückung
des  Aufstandes  aber  nicht  vollständig  gelang.  Die
Beteiligung  der  Inder  an  der  Sozialistenkonferenz  in
Stockholm  konnte  auch  ihre  Hoffnungen  nicht  stärken.
—  Um  dem  wachsenden  Begehren  nach  einer  parlamentarischen
  Verfassung  entgegenzukommen.  legteder
Staatssekretär  für  J.,  Montagu,  im  Aug.  1918  dem
Kaiser  ein  ausführliches  Reformprogramm  vor.

Da  J.s  Wunsch  auf  Teilnahme  an  der  Versailler
Friedenskonferenz  unerfüllt  blieb,  legte  sein  größter
Dichter,  Tagore,  seinen  engl.  Adelstitel  ab  (Juni
1919).  Im  April  1919  erschütterten  größere  Auftände
  das  Pandschab;  bei  Straßenkämpfen  in  Amritar
  am  13.  April  ließ  General  Dyer  auf  die  Meuterer
schießen,  wobei  450  getötet,  über  1000  verwundet
wurden.  Zum  erstenmal  seit  1857  gingen  Mohammedaner
  und  Hindus  zusammen.  —  Durch  die  Eroberung
  Mesopotamiens  und  den  im  Aug.  1919  zum
Abschluß  gebrachten  Protektionsvertrag  mit  Persien
(l.  d.)  sowie  die  seit  1914  abgeschlossenen  Bündnisse
mit  den  arab.  Scheichs  stellte  England  die  Landverbindung
  von  Kairo  nach  Kalkutta  her;  zugleich  wurde
durch  die  Niederwerfung  Deutsch-Ostafrikas  das  Ind.
Meer  zu  einem  engl.  Binnenmeer  gemacht.  Eine
Weihnachtsbotschaft  des  Kaisers  1919  wies  auf  die
Bedeutung  des  Sebstverwalungsgesetzes  für  J.  hin.
Vgl.  außer  der  Literatur  Bd.  II,  S.  52,  Staden,
Der  Fretheitskampf  der  indischen  Nationalisten  (hrsg.
vom  Europ.  Zentralkomitee  der  ind.  Nationalisten,
Berl.  1918);  L.  L.  Rai,  Betrachtungen  über  die  politische
  Lage  in  J.  (2.  Aufl.,  Leipz.  1918).

JIndustrie.  ÜMber  die  Einwirkungen  des  Krieges
auf  die  deutsche  J.  und  über  ihre  Anpassung  s.  Bd.  1,
S.  416ff.;  über  die  Leistungen  der  deutschen  chemischen
  J.  Bd.  I,  S.  295  ff.  —  Über  die  engl.  J.  in  den
ersten  Kriegsjahren  vgl.  Bd.  II,  S.  435f.

Infanteric.  über  die  Gesechtstaktik  s.  S.  147  ff.,
über  die  Bewaffnung  Bd.  II,  S.  279  f.,  über  J.geschütze
s.  Maschinengeschütze,  über  J.flieger  s.  Bd.  III,  S.  157.

Infektion,  Ansteckung,  Eindringen  der  Erreger
»ansteckender«  Krankheiten  (Infektionskrankheiten)
  in  den  lebenden  Körper.  Vgl.  Bd.  II,  S.
307  ff.  sowie  Bd.  I.  S.  305ff.

Ingenohl,  Friedrich,  deutscher  Admiral,  geb.
30.  Juni  1857  in  Neuwied,  1910  Bizeadmiral  und
Kommandant  des  zweiten  Geschwaders  der  Hochseeslotte,
  1913—15  Admiral  und  Chef  der  deutschen

17
        <pb n="288" />
        258

Hoch  seeflotte;  J.  war  gegen  die  Einsetzung  der  deutschen
  Flotte  in  einer  Seeschlacht.

Initialzüudung,  Anstoßzünd.,  um  andre  Schießu.
  Sprengstoffe  zur  Explosion  zu  bringen;  vgl.  S.  174.

Initiative,  die  Anregung  zu  einer  bestimmten
Handlung;  Gesetzgebungs-J.,  das  Recht,  Gesetzentwürfe
  einzubringen.  Diese  war  ursprünglich  dem
Landesherrn  vorbehalten,  wurde  später  den  Volksvertretungen
  zugebilligt;  in  England  dem  Parlament
als  Ganzen  wie  auch  seinen  einzelnen  Mitgliedern.
Die  deutsche  Reichsverfassung  1919  verleiht  die  Gesetzgebungs-J.
  dem  Reichsrat,  der  Regierung,  dem  Reichstag
  und  dem  Volk  (ein  Zehntel  der  Wählerschaft).

Innere  Kolonisation.  Die  durch  den  Krieg
herbeigeführten  Ernährungsschwierigkeiten  und  die
bessere  Stellung  des  Selbstversorgers  haben  zur  Erweiterung
  der  i.n  K.  geführt.  Dazu  kamen  die
Werbungen  der  Bodenreformer,  die  die  Kriegerheimstätten
  überaus  populär  machten.  Zudem
wurde  darauf  hingewirkt,  Kriegsverletzten,  denen
die  Wiederaufnahme  ihres  städtischen  Berufes  nicht
möglich  war,  eine  neue  Heimat  und  Erwerbsmöglichkeit
  auf  dem  Lande  zu  schaffen.  Für  diese  Kriegsverletzten
  wurde  durch  das  Kapitalabfindungsgesetz
vom  3.  Juli  1916,  ergänzt  durch  zwei  weitere  Gesetze
vom  26.  Juli  1918,  die  Möglichkeit  geschaffen,  die
Kapitalanzahlung  und  event.  noch  die  Summe  für
das  ganze  oder  einen  Teil  des  Inventars  durch  Kapitalisierung
  eines  Teiles  der  Rente  zu  erhalten,  während
  die  eigentliche  Invalidenrente  als  Grundstock
der  Lebenshaltung  Wrhalten  bleibt.  Die  Berechnun
richtet  sich  nach  dem  Lebensalter,  und  zwar  so,  dah
im  21.  Lebensjahr  das  19½  fache,  im  40.  das  13/  fache,
im  55.  das  87⅛  fache  der  Rente  gezahlt  wird.  Die
kapitalisierten  Rentenbeträge  dürf  nur  zu  Ansiedlungszwecken
  verwendet  werden.

Der  Erfolg  der  Ansiedlung  war  jedoch  während  des
Krieges  recht  gering  und  schließlich  stockte  sie  so  gut
wie  ganz.  Im  Osten  spielten  hierbei  zunächst  politische
Gründe  mit;  die  antipolnische  Ansiedlung  war  aufgegeben
  u.  die  Enteignungsgesetze  waren  aufgehoben
worden.  Im  übrigen  hinderten  innerhalb  des  ganzen
Deutschen  Reiches  die  Baukosten  und  Bodenpreise  die
i.  K.  Die  Steigerung  der  Bodenpreise  war  zurückzuführen
  auf  den  Wunst  Selbstversorger  zu  werden  u.
die  Neigung  der-Neuen  Reichen  ,  ihr  Kapital  in  Land
anzulegen.  Schließlich  machte  aber  eine  Bundesratsverordnung
  vom  15.  März  1918  den  Verkauf  oder  die
sonstige  Verfügung  über  ein  Grundstück  von  mehr  als
5ha  Umfangvon  behördl.  Genehmigung  abhängig,  die
nicht  erteilt  werden  darf,  wenn  durch  die  übertragung
die  ordnungsmäßige  Bewirtschaftung  zum  Schaden
der  Volksernährung  gefährdet  scheint.  Ein  Reichssiedlungsgesetz
  sowie  eine  Kleingarten=  und
Kleinpachtland-Ordnung  wurden  Juliko9  von
der  Nationalversammlung  angenommen.  Vgl.  Keup,
Innere  Kolonisation  (Berl.  1918);  „  Archiv  für  i.  K.=Integritätsvertrag,

  1907  zwischen  Deutschland,
Rußland,  England  und  Frankreich  abgeschlossener
Vertrag,  der  zur  Waffenhilse  für  Norwegen  verpflichtete,
  falls  dessen  Integrität  von  Schweden  angegriffen
wurde.  Da  das  Storthing  1916  eine  Kündigung  des
J.s  ablehnte,  besteht  er  automatisch  10  Jahre  weiter.

Intelligenzstreifen,  im  Kriege  für  ÖOsterreich-Ungarn
  geschaffene,  dem  Einjährig-Freiwilligen-Abzeichen
  ähnliche  Armstreifen  für  ältere  Wehrpflichtige,
  die  ohne  Einjährigenzeugnis  einen  über  den
Durchschnitt  hinausgehenden  Bildungsgrad  besaßen.

Initialzündung  —  Jordan

Intendanz,  Verwaltungsstelle  der  österr.-ungar.
Truppenkommandos  von  der  Division  aufwärts  zur
Erlebigung  des  Verpfiegungs-  u.  Geldwesens,  unter.
stellt  der  ökonomischen  Sektion  im  Kriegsministerium.

Juternationale,  die  in  London  1864  gegr.  internat.
  sozialdemokr.  Arbeiterassoziation  mit  dem  Zweck,
die  Sozialdemokratie  zu  einer  einheitlichen  internat.
Partei  zu  machen,  läste  sich  1871  auf  und  erstand  in
anderer  Form  neu  in  den  internat.  Arbeiterkongressen.
dessen  erster  1889  in  Paris  tagte.  Nach  dem  Kriege
erstand  die  J.  neu  in  der  Sozialistenkonferenz  zu
Bern  (3.  Febr.  1919)  und  der  von  den  russ.  Bolschewisten
  gegrlndeten  sog.  Dritten  J.  zu  Moskau.
Die  Luzerner  Sozialistenkonferenz  Aug.  1919  tagte
sur  Vorbereitung  des  internationalen  Sozialistenongresses

  in  Genf  Febr.  1920.  Noch  während  des
Krieges  vereinigten  sich  die  Unabhüngigen  Sozialisten
1915  zu  Kiental,  die  Mehrheitssozialisten  1917  zu
Stockholm.  über  das  Verhältnis  der  J.  zum  Kriege
vgl.  Bd.  II,  S.  397  ff.  sowie  Art.  Sozialdemokratie.

Jnternierung,  die  Verweisung  auf  neutrales  Gebiet
  übergetretener  Truppenteile  an  einen  bestimmten
Ort  (Internie  rungslager)  durch  die  betreffende
neutrale  Regierung.  Nach  geltendem  Kriegsrecht  befreit
  von  der  J.  allein  Rettung  aus  Seenot.  Eine
neue  Form  der  J.  zeitigte  der  Weltkrieg  nach  den  Erfahrungen
  des  Schwerverwundetenaustausches  in  dem
Abkommen  über  die  J.  bestimmter  Kategorien  von
kranken  und  verwundeten  Kriegsgefangenen  in  neutralen
  Ländern  (Schweiz,  Niederlande  usw.).  Eine
weitere  deutsch  franz.  Abmachung  von  1918  über  den
Kriegsgefangenenaustausch  ließ  die  J.  aller  über
18  Monate  gefangenen  Offiziere  in  der  Schweiz  zu.
Dieser  Vertrag  wurde  aber  durch  den  Wassenstillstandsvertrag
  vom  11.  Nov.  1918  annulliert.

Juvalidenfürsorge,  s.  Kriegsbeschädigte  sowie
»Urztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge-,  S.  175.

„Invineib  e«,  brit.  Schlachtkreuzer,  sank  in  der
Seeschlacht  vor  dem  Skagerrak;  vgl.  Bd.  II,  S.  252.

Joffe,  russ.  Politiker,  führte  bei  den  Friedensverandlungen

  von  Brest  Litowsk  den  Vorsitz  in  der  russ.
bordnung,  März  1918  russ.  Gesandter  in  Berlin,
5.  Nov.  1918  wegen  bolschewist.  Umtriebe  ausgewiesen.

Joffre,  Joseph  Jacques  Césaire,  franz.  General,
  geb.  4.  Jan.  1852  in  Rivesaltes,  nahm  1885  an
den  Expeditionen  nach  Formosa,  Tongking  und  dem
Sudan  teil,  pflanzte  1894  in  Timbuktu  die  franz.
Herrschaft  auf,  befestigte  Diego-Suarezauf  Madagaskar,
  wurde  1901  Brigadegeneral,  dann  Direktor  des
Pionierwesens  im  Kriegsministerium,  1905  Divisions-Eneral,
  1908  Korpskommandeur,  dann  Mitglied  des

bersten  Kriegsrates  u.  Inspektor  der  Militärschulen,
1911  Chef  des  frz.  Generalstabes,  bei  Kriegsausbruch
Oberbefehlshaber  der  Ostheere,  Dez.  1916  als  Marschall
  von  Frankreich  und  Oberbefehlshaber  aller
franz.  Armeen  aus  der  Heerführung  ausgeschaltet.  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  53.

John  Bul,  spöttische  Verkörperung  des  engl.  Nationalcharakters,
  als  vierschrötiger  Kerl  karikiert;  auch
Name  einer  engl.  Wochenschrift  (vgl.  Bd.  II,  S.  331).

Jonathau  ('Bruder  J.),  spöttische  Bezeichnung
für  die  Unions-Amerikaner.

Jonesen,  Take,  rumän.  Politiker,  Hauptführer
der  rumän.  Interventionisten,  1913  Minister  des
Innern,  seit  Nov.  1918  Finanzminister.

Jonnart,  seit  Juni  1917  Kranz.  Oberkommissar
der  Entente  in  Griechenland,  s.  d.,  S.  244.

Jordan,  Fluß  in  Palästina,  zum  Toten  Meer.
        <pb n="289" />
        Joseph  —  Italien  259

Das  Gebiet  des  J.  war  seit  Unfang.  1918  der  Schauplatz
  langwieriger  Kämpfe.  Vgl.  S.  130.

oseph  Außust  Viktor,  Erzherzogvon  sterreich,
  geb.  9.  Aug.  1872  in  Alcsuth  (Ungarn),  Nov.
1914  General  der  Kav.,  focht  in  Serbien  und  in  den
Karpathen  als  Führer  des  7.  Korps  (Temesvar),  mit
dem  er  später  an  der  Isonzofront  kämpfte,  Nov.  1916
Generaloberst  und  Führer  einer  Heeresgruppe  an  der
Ostfront.  1918  des  Zentrums  an  der  Piave,  wurde
28.  Okt.  1918  vom  Kaiser  Karl  als  homo  regins  nach
Budapest  gesandt.  31.Okt.  aber  durch  Karolyi  entfernt,
bemächtigte  sich  nach  Sturz  der  Räteregierung  am
7.  Aug.  1919  erneut  der  Regierung  als  Verweser“,
mußte  aber  mangels  Unterstütung  durch  die  Entente
23.  Aug.  wieder  zurücktreten.  —  Bild  s.  bei  S.  215.

Joseph  Ferdinand  Salvator,  Erzherzog
von  Österreich,  aus  dem  Hause  Toskana,  geb.  am
24.  Mai  1872  zu  Salzburg,  1905  Oberst,  stand  bei
Kriegsausbruch  an  der  Spitze  des  14.  Korps.  In  den
Rückzugskämpfen  bei  Lemberg  führte  J.  eine  Armeegruppe,
  dann  die  4.  Armee  (Sieg  bei  Limanova),  nahm
1915  am  Durchbruch  bei  Gorlice  und  am  Vormarsch
gegen  Brest  Litowsk  teil,  wurde  Anfang  1916  Generaloberst,
  nach  seiner  Niederlage  bei  Luzk  (Juni  1916)
abgesetzt.  1917/16  war  J.  Oberbefehlshaber  der  Luftstreitkräfte.
  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  47.

ostoff,  bulg.  General,  s.  Schostoff.
ek,  montenegrin.  Handelsstadt,  wurde  8.  Dez.
1915  v.  d.  Armee  Koevess  eingenommen.  Vgl.  S.  69.

Frade  (das,  arab.,  =  Wille,),  Kabinettsorder  des
türk.  Sultans  an  den  Großwesir,  dem  die  weitere  Bekanntmachung
  obliegt.  Das  J.  vom  12.  Nov.  1914
enthielt  die  Kriegserklärung  gegen  die  Entente.

Frak-Arabi,  Landschaft  in  der  asiat.  Türkei,  zwischen
  Euphrat  und  Tigris,  in  die  die  Engländer  vom
Persischen  Golf  aus  über  Basra  vordrangen;  vgl.
die  Karte  Bd.  II,  S.  203.  .

rland,  s.  Großbritannien  (die  irische  Frage).

rredenta  (Italia  irredenta,  das  unerlöste  Italien),
  1878  gegr.  Bund,  der  die  Vereinigung  aller
Gebiete  ital.  Sprache  mit  Italien  erstrebt.  S.  Bd.  II,
S.  34  ff.;  vgl.  auch  Bd.  I,  S.  18  ff.  und  65  ff.

»  sistible·,  brit.  Linienschiff,  15  240  t,  sank
18.  März  1915  vor  den  Dardanellen,  s.  Bd.  I,  S.  267.

Isenburg-Birstein,  Fürst,  Franz  Joseph,
geb.  1.  Juni  1869  in  Birstein,  war  1915—17  Chef
der  Militärverwaltung  Litauens,  wurde  von  den
litauischen  Demokraten  bekämpft.

Ifinhai,  1917  von  den  Terautschi  nahestehenden
Unabhängigen,  die  im  japan.  Parlament  43  Sitze  innehaben,
  gebildete  Erneuerungspartei  (val.  Kenseikai).

Ifslam.  Die  Stellung  des  J.s  im  Luricg  ist  in
den  die  Türkei  und  den  Heiligen  Krieg  betr.  Abhandlungen
  Bd.  II,  S.  62  ff.  und  71ff.  gekennzeichnet.

Island.  Am  18.  Juli  1916  wurdedurch  ein  engl.=isländ.
  Handelsabkommen  die  weitere  Zufuhr  nach  J.
sichergestellt,  wofür  England  Vorrechte  beim  Verkauf
des  isländ.  Fischfanges  erhielt.  Jan.  1917  beschloß
das  Althing,  daß  J.  künftig  drei  Minister  statt  einen
haben  sollte,  Arnorsson  trat  zurück,  u.  John  Magnusson
  (Heimsteuerpartei)  wurde  mit  der  Beldung.  eines
Ministeriums  betraut.  Die  beiden  andern  Minister
wurden  Kristjansson  (Selbständigkeitspartei)  und
Jonsson  (Fortschrittspartei).  Durch  ein  im  Juli  1918
getroffenes  Abkommen  wurde  J.  von  Dänemark  als
unabhängiger  und  freier,  mit  Dänemark  nur  durch
Personalunion  verbundener  Staat  anerkannt.  Der
König  führt  künftig  den  Titel  von  Dänemark  und

JIsland-,  Dänemark  nimmt  die  außenpolitische  Vertretung
  Islands  mit  wahr,  ebenso  übt  es  für  J.
Fischereiaufsicht  und  Gerichtsbarkeit  bis  zur  Errichtung
  isländ.  Exekutivorgane  aus.  J.  erklärte  sich
für  dauernd  neutral  und  führte  keine  Kriegsflagge.
Nach  1940  können  die  beiderseitigen  Parlamente  eine
Revision  der  Verfassung  vornehmen.  Diese  Trennung
von  Dänemark  entsprach  nur  Englands  Wünschen,
das  gegen  das  kleine  J.  allein  viel  rücksichtsloser  vorgehen
  konnte  (vgl.  auch  Bd.  II,  S.  87).

Isonzo,  Fuach  in  der  österr.  Grafschaft  Görz  und
Gradisca  (vgl.  Bd.  II,  S.  105),  Schauplatz  der  großen
österr.-ital.  Ison  zo-Schlachten,  s.  Bd.  III,  S.  107ff.

Pascha,  türk.  Staatsmann,  s.  Türkei.

Isset
tip,  Stadt  in  Serbien,  s.  Stip.
en,  Teil  des  österr.-illyr.  Küstenlands.  Die
Ansprüche  der  Italiener  auf  J.  wurden  im  Friedensvertrage
  zu  St.-Germain  (vgl.  S.  145)  befriedigt,  indem
  das  Land  völlig  an  Italien  fiel.

Iswolskii,  Alexander  Petrowitsch,  russ.
Staatsmann,  geb.  18.  März  1856  in  Moskau,  gest.
17.  Aug.  1919  in  Paris,  Gesandter  in  Tokio,  1902  in
Kopenhagen,  1906  Minister  des  Ausw.,  Gegner  der
früheren  ostasiat.  Politik  Rußlands,  auch  panslawist.
Bestrebungen  in  der  Balkanpolitik,  schloß  mit  China,
Japan,  England  Verträge,  half  Febr.  1909  Bulgarien
  die  Entschädigung  für  Erhebung  zum  Königreich
  an  die  Türkei  zahlen,  war  aber  ein  Feind  OÖsterreichs
  und  wurde  1910  Botschafter  in  Paris.  Hier
verstand  es  J.,  Frankreichs  Finanzen  für  Rußlands
Anleihen  auszubeuten,  indem  er  den  Kriegsgedanken
gegen  Deutschland  schürte.  2.  Juni  1917  trat  er  zurück.
  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  52.

Italien.  Wie  die  Besetzung  Tunesiens  durch
Frankreich  J.  1882  in  den  Dreibund  getrieben  hatte,
so  leitete  die  Eroberung  Tripolitaniens  durch  J.
(1911)  jene  Epoche  der  ital.  =  Extratouren=  ein,  durch
die  J.  schließlich  aus  dem  alten  Bund  in  die  Entente
hinübergleiten  mußte  (vgl.  Bd.  I,  S.  65  ff.).  Im
Sinne  dieser  Politik  erklärte  das  Kabinett  Salandra,
das  am  21.  März  1914  das  Kabinett  Giolitti  abgelöst
hatte,  durch  seinen  Außenminister  San  Giuliano
am  2.  Aug.  1914,  J.  werde  gemäß  Geist  und  Wortlaut
  des  Dreibundvertrags.  Neutralität  beobachten,
indem  es  sich  darauf  berief,  daß  Osterreich  -Ungarn
nicht  nach  den  Vertragsbestimmungen  vor  seinem
Schritt  gegen  Serbien  mit  J.  Fühlung  genommen
hätte.  Am  4.  Aug.  wurden  FHeich  zwei  Jahrgänge
(1889  u.  1890)  einberufen.  Durchaus  im  Geiste  des
Dreibundvertrags  lehnte  J.  am  3.  Sept.  1914  das
franz.  Angebot  einer  Anleihe  von  1  Milliarde  Lire
ab,  ebenso  am  23.  Okt.  das  Angebot  des  Zaren,  alle
österr.-ital.  Kriegsgefangenen  nach  J.  zu  überführen.
Aber  bereits  in  den  letzten  Augusttagen  war  Frankreich
  J.s  so  sicher,  daß  es  seine  Truppen  von  der  Südostgrenze
  wegnehmen  konnte.  Der  Tod  des  Außenministers
  San  Giuliano,  der  an  der  unbedingten  Neutralität
  festhielt,  am  16.  Okt.,  war  von  verhängnisvoller
  Wirkung,  weil  in  dem  kurz  darauf  (5.  Nov.)
neugebildeten  Kabinett  Salandra  Sonnino,  ein
Anhänger  der  Interventionisten,  das  Außenministerium
  erhielt.  Am  9.  Dez.  begann  J.  die  Verhandlungen
  mit  Österreich  und,  seitdem  am  17.  Dez.  Fürst
Bülow  den  deutschen  Botschafterposten  übernommen
hatte,  mit  Deutschland  (vgl.  Bd.  1,  S.  69  ff.).  Sie  endeten
  mit  der  Kündigung  des  eben  damals  ablaufenden
  Dreibundvertrags  durch  J.  am  4.  Mai  1915,  der
Üübertragung  außerordentlicher  Befugnisse  an  die  Re-17*
        <pb n="290" />
        260

ierung  und  dem  Eintritt  J.s  in  den  Krieg  (23.  Mai).

ie  Heeresoperationen  leitete  Generalstabschef  Graf
Luigi  Cadorna.  Den  Oberbefehl  über  die  Flotte
führte  der  Herzog  der  Abruzzen,  vom  7.  Febr.  1917
ab  der  Admiral  Thaon  de  Revel.  Am  20.  Aug.  folgte
die  Kriegserklärung  an  die  Türkei,  gegen  die  Stimmen
  mehrerer  Minister;  am  30.  Nov.  1915  trat  J.
dem  Londoner  Abkommen  ggegen  Abschluß  eines
Sonderfriedens  bei.  Nachdem  die  Regierung  11.  Febr.
1916  jeden  Handel  mit  Deutschland  untersagt  hatte,
erklärte  J.,  als  dieses  mit  gleichen  Maßnahmen  antwortete,
  26.  Aug.  1916  auch  an  das  Deutsche  Reich
den  Krieg  (ab  28.  Augusth

Bis  in  den  Spätherbst  1917  führte  J.  »seinen  «
Krieg  allein,  es  zeigte  sich  auch,  abgesehen  von  der  im
eigenen  Interesse  liegenden  Unternehmung  in  Albanien,
  das  Sonnino  am  3.  Juni  1917  in  Valona
eigenmächtig  zum  unabhängigen  Staatswesen  unter
ital.  Schutz  ausrufen  ließ,  nicht  geneigt,  an  den  Unternehmungen
  der  Entente,  vor  allem  in  Salonibi,  teilzunehmen.
  Die  von  J.  beschickten  Ententekriegsräte
(in  Como  17.  Sept.  1915,  in  Rom  5.  Jan.,  15  Oke.,
17.—19.  Mai  1917)  befaßten  sich  auch  weniger  mit
militärischen  als  mit  wirtschaftlichen  Fragen.  Das
wurde  seit  der  großen  österr.-deutschen  Offensive  im
Okt.-Nov.  1917  anders  jetzt  trat  J.  rückhaltslos  für
Herstellung  der  Einheitsfront=  und  gehenseitge
Unterstützung  der  Alliterten  ein.  Cadorna  kam  in
den  bei  einer  am  6.7.  Nov.  in  Rapallo  abgehaltenen
Ententekonferenz  errichteten  Obersten  Kriegsrat  in
Versailles  (er  wurde  1918  degradiert),  Generalleutnant
  Diaz  wurde  Oberbefehlshaber.  Auf  das  Kabinett
  Salandra  folgte  19.  Juni  ein  Koalitionskabinett
Boselli,  auf  dieses  am  30.Okt.  ein  Kabinett  Orlando
(Sonnino  behielt  das  Außere),  das  2.  Nov.  auf  16
Minister  und  18  Unterstaatssekretäre  erweitert  wurde.
Das  Ministerium  Orlando  wurde  18.  Juni  1919  durch
ein  solches  unter  Nitti  ersetzt,  in  dem  Tittoni  (26.  Nov.
Scialoja)  Außenminister  wurde.

Die  Stimmung  des  ital.  Volkes  war  durchaus  nicht
allgemein  irredentistisch--kriegsfreudig;  die  Neigung
zum  Pazifismus  und  Umsturz  war  viel  verbreitet,  vor
allem  hatte  J.,  wie  schon  vor  dem  Krieg,  immer  stark
mit  Streikgefahr  zu  kämpfen.  Charakteristisch  ist  eine
Verordnung  vom  4.Okt.  1917,  die  pazifistische  Propagande
  mit  Zuchthaus  bis  zu  5  Jahren  und  Geldstrafe

is  5000  Lire,  in  schweren  Fällen  mit  den  doppelten
Strafen  bedrohte.  Ein  für  den  1.  Nov.  1917  in  Rom
angesagter  sezialssticher  Kongreß  wurde  verboten.
Während  der  Niederlage  1917  wurde  nur  mit  Mühe
der  innere  Zusammenbruch  vermieden.  Der  überraschende
  Sieg  am  Piave  im  Juni  1918  belebte  die  irredentistische
  Stimmung  neu,  so  daß  der  Pöbel  Roms
am  14.  Aug.  die  deutsche  Gesandtschaft,  den  Palazzo
Caffarelli,  plünderte.  Aber  trotz  dem  schließlichen
Triumph  über  OÖsterreich  =  Ungarn  blieb  die  Arbeiterschaft
  umsturzfreundlich,  wenn  auch  das  leidenschaftliche
  Volk  den  theatralischen  Prolesten  der  Regierung

egen  die  Zusprechung  des  Hafens  von  Fiume  an  die

ugoslawen  zujubelte;  d'Annunzios  Besetzung  der
Stadt  mit  Freiwilligen  am  12.  Sept.  war  aber  selbst
den  italienischen  Politikern  zuviel  theatralische  Pose.
Der  Gedanke  des  Weltstreiks  des  Proletariats  gegen
jeden  Gewaltfrieden  fand  doch  unter  allen  Ländern
der  Entente  in  J.  den  stärksten  Widerhall;  das  bewiesen
  die  Kammerwahlen  Ende  Nov.  1919,  aus
denen  die  Sozialisten  150  Sitze  (statt  bisher  45)  heimbrachten.
  Sie  veranstalteten  alsbald  im  Parlament

Juan  Fernandez  —  Junius  alter

eine  geb-  republikanische  Kundgebung.  Vgl.  Doerkes-Boppard,
  Das  Ende  des  Dreibundes  (Berl.
1916);  Severus,  Zehn  Monate  ital.  Neutralität
(Gotha  1915);  Rühl,  Die  Grundlagen  des  ital.  Imperialismus
  (Berl.  1918).

Inan  Fernandez,  Inselgruppe  im  Stillen  Ozean,
ur  chilen.  Provinz  Valparaiso  gehörig.  —  Am  14.

ärz  1915  wurde  der  deutsche  Kleine  Kreuzer=  Dresdene
  in  der  Cumberlandbucht  der  Robinsoninsel  von
engl.  Kreuzern  angegr  fen  und  von  der  eigenen  Besatzung
  gesprengt.  Der  Notenwechsel  zwischen  Chile  u.
Großbritannien  blieb  ergebnislos.  Vgl.  Bd.  I,  S.  270.

Indenitsch,  russ.  General,  bis  Juni  1917  Chef
des  Generalstabs  der  russ.  Kaukasusarmee,  trat  an  die
Spitze  eines  antibolschewistischen  Freiwilligenkorps
(Nordkorps)  und  bekämpfte  die  Bolschewisten  in  Livland;
  Ende  Okt.  1919  drang  J.  bis  in  die  Vorstädte
Petersburgs  vor,  wurde  aber  von  den  Bolschewisten
geschlagen  und  trat  18.  Nov.  vom  Oberbefehl  zurück.

Jugenderziehnug  u.  fürsorge.  Solange  es

alt,  die  Kampfkraft  der  deutschen  Truppen  und  die
iderstandsfähigkeit  Deutschlands  mit  dem  Ziele
einer  für  Deutschland  ehrenvollen  Beendigung  des
Krieges  aufrechtzuerhalten  und  zu  stärken,  waren  der
Jugenderziehung  in  nationalem  Sinne  (vgl.  Bd.  II.
S.  356  f.  und  358  ff.)  vielerlei  Maßnahmen  amtlicher
  und  nichtamtlicher  Stellen  gewidmet,  die  aber
bei  der  Uneinheitlichkeit  der  Ziele  und  dem  Mangel
an  gleichmäßigem  gesetzmäßigen  Zwange  nur  geringe
Erfolge  zeitigen  konnten.  Die  infolge  der  sehlendsn
männlichen  Aufsicht  immer  weiter  um  sich  greifende
Verwahrlosung  der  deutschen  Jugend  im  Kriege  konnte
auch  durch  die  verschiedenen  Erlasse  der  eralkommandos
  und  Ortspolizeibehörden  (Rauch-,  Strassen-,
  Vergnügungsverbote,  Sparzwang  (3.  April
19161  usw.)  nur  zum  Teil  gehemmt  werden.  Diese
Entwicklung  machte  in  der  Revolution  weitere  Fortschritte.
  Durch  die  Reichsverfassuny  vom  11.  Aug.
1919  ist  die  Iugendfür  org-  künftig  der  Geseygebung
des  Rerches  vorbehalten.  Die  schon  vorm  Kriege  eingeleitete,
  im  Kriege  zu  gutem  Erfolge  weiter  geförderte
militärische  Vorbereitung  der  männlichen  Jugend
durch  systematische  Ertuchtigung  (preuß.  Ministerialerlaß
  vom  16.  Aug.  1914)  ist  durch  Artikel  177  des
Versailler  Friedensvertrages  #verbotene  worden.  —
Osterreich  führte  die  militär.  Jugendvorbereitung  am
2.  Juni  1915,  Frankreich  im  Mai  1916  ein.
3  oflawen,  s.  Südslawisches  Reich.
uliresolution,  am  19.  Juli  1917  vom  Abg.
Fehrenbach  namens  des  Zentrums,  der  Sozialdemokraten
  und  der  Fortschrittlichen  Volkspartei  im  Reichstag
  eingebrachte  und  mit  214  gegen  116  Stimmen
bei  17  Stimmenthaltungen  angenommene  Entschließung
  für  einen  Frieden  der  Verständigung
(vgl.  Deutsches  Reich,  S.  216).

Jungnickel,  Max,  Kriegsdichter,  geb.  1890  zu
Saxdorfbei  Liebenwerda,  schr.  voll  Märchenstimmung
und  Humor:  .Der  Frühlingssoldat,  Kriegszeilen
(Charlottenb.  1915);  „Trotz  Tod  u.  Tränen=  (Münch.
1915);  Das  lachende  Soldatenbuch  mit  der  Denkerstirne.
  (das.  1915);  „Vom  Frühling  und  Allerhande-(das.
  1916);  Draußen  im  Felde  (das.  1916)  u.  a.

Jungschützen,  poln.,  seit  1909  v.  Pilsucki  organ.
polit.-militär.  Vereinigungen  zur  Wahrung  der  poln.
Unabhängigkeitsbestrebungen.  Vgl.  Poln.  Legionen.

Junfrürken,  s.  Bd.  I,  S.  129  u.  Bd.  II,.  S.  69.

unjus  alter  (eder  andere  Junius-,  gen.  nach
dem  Vorbild,  den  1766—72  erschienenen  -Junius-
        <pb n="291" />
        Ju  squauboutisten  —  Kamiönka-Strumikowa

briefene,  in  denen  Sir  Francis  die  englische  Regierung
  schonungslos  angriff),  pseud.  Verfasser  einer
gegen  den  Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg  gerichteten
  Broschüre  -Deutschland  auf  dem  Wege  zur  geschichtlichen
  Episode-,  gegen  die  sich  Bethmann  am
5.  Juni  1916  in  einer  leidenschaftlichen  Rede  (°  Piraten
  der  öffentl.  Meinunge)  wandte.
Jusquanbontisten,  die  Anhänger  der  französ.
polit.  Richtung,  die  nach  dem  Ausspruch  des  Gencrals
Gallieni  und  geführt  von  Clemencau  unter  Ablehnung
jeder  Verstän  igung  die  Fortsetzung  des  Krieges  bis
zum  Ende=  (usqu  au  bout),  d.  h.  der  vollständigen
Zerschmetterung  Deutschlands,  forderten.

261

Iwangorod,  russ.-poln.  Festung  an  der  Mündung
  des  Wieprz  in  die  Weichsel,  Eisenbahn=  und
Straßenknoten,  in  neuerer  Zeit  als  doppelter  Brückenkopf
  und  zuletzt  in  der  Form  einer  Gürtelfestung
(Umfang  20  km)  mit  Fortlinie  ausgebaut.  über  die
Eroberung  J.s  vgl.  S.  61.

Iwanofs,  russ.  General,  bei  Kriegsausbruch  Ober  ·
befehlshaber  der  gegen  Galizien  operierenden  Heeresruppe,

  mit  der  er  bei  Lemberg  siegte,  führte  im  Mai

915  den  Rückzug  nach  Rus  sücch.  galen  aus  und  leitete
ab  Sept.  1915  die  Offensive  in  Wolhynten.  April
1916  durch  General  Brussiloff  ersetzt,  wurde  J.  März
1917  militär.  Diktator.

K

Kaba  Tepe,  Kap  an  der  Westküste  der  Halbinsel
Gallipoli,  nordöstlich  von  Sidd-el  Bahr  (vgl.  Bd.  II,
S.  131),  wo  engl.-franz.  Truppen  April  1915  landeten,
  aber  keine  Erfolge  erringen  konnten.  Am  18.
und  19.  Dez.  wurden  sie  von  den  Türken  zur  Räumung
  ihrer  Stellungen  gezwungen.

Kabel.  Bereits  am  5.  Aug.  1914  wurden  drei
deutsche  Unterseekabel  von  den  Engländern  Lerstüt.
wodurch  der  außereurop.  Nachrichtendienst  Deutschlands
  unterbunden  wurde  (vgl.  Bd.  I.,  S.  352).  Gemäß
  Anlage  VII  zu  Teil  VIII  (Viedergutmachg.  des
Friedemsvertrags  von  Versailles  hat  Deutschland  die
meisten  seiner  Überseekabel  an  die  Allüerten  abzutreten.

abelschunkonvention,  1884  in  Paris  abgeschlossener,
  internationaler  Vertrag  zum  Schutz  der
Tiefseekabel  und  Kabelschiffe.  Kriegführende  Staaten
sind  an  die  K.  nicht  gebunden.

Kadetten,  die  äußerste  Linke  der  russ.  Bourgeoisie,
verballhornt  aus  Konstitutionell-demokratische  Partei.
Vgl.  Rußland.

„  Kaiseriu  Elisabeth-,  österr.=  ungar.  Kleiner
Kreuzer,  4030  t,  vgl.  Bd.  I.  S.  247  (2.  Nov.).

„Kaiser  Wilhelm  der  Große  #  deutscher  Hilfskreuzer,
  wurde  26.  Aug.  1914  von  der  Besatzung  versenkt;
  vgl.  Bd.  I,  S.  272.  —

Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft.  Die  Jan.  1911

ur  Gründung  von  Forschungsinstituten  geschaffene
".  hat  im  Kriege  besonders  in  den  Dahlemer  chemischen
  Instituten  Hervorragendes  für  die  chemische
Industrie  und  die  Kriegführung  geleistet.  "

Kaiser-Wilhelm-Kanal  (vgl.  Bd.  U  S.  107)i  die
Bedeutung  des  K.s  für  die  deutsche  Seekriegführung
lag  in  der  Möglichkeit,  die  Kriegsflotte  rasch  aus  der
Nord-  u.  in  die  Ostsee  herüberzuwerfen.  Auf  Grund  des
Versailler  Friedensvertr.  wurde  der  K.  völlig  entfestigt.

Kaiser-Wilhelms-Land,  der  deutsche  Beüt  auf
Neuguinea  vor  dem  Kriege,  seit  1899  deutsche  Kolonie,
wurde  Sept.  1914  von  austral.  Truppen  besetzt.  Vgl.
Bd.  II,  S.  15  u.  148  sowie  Bd.  III,  S.  123.

Kakowstki,  Alexander  von,  poln.  Staatsmann,

eb.  5.  Febr.  1862  in  Dembing  bei  Przasnysz,  Prie-8
  Prof.  der  Rechte  in  Warschau,  1911  Reltor  der
geistl.  Akademie  in  Petersburg,  1913  Erzbischof  von
Warschau,  wurde  Oktober  1917  Mitglied  des  von  den
Mittelmächten  eingeseßten  poln.  Regentschaftsrates.
Kaledin,  Alexei  Maxim  owitsch,  russ.  General,
eb.  in  Usti-Choper  (Dongebiet),  als  Führer  einer
Kovalleriedkiion  1915  verwundet,  1916  Führer
der  8.  Armee,  eroberte  bei  der  Brussilow-Offensive  Luzk
zurück,  focht  dann  an  der  nördl.  rumän.  Front,  wurde
Mai  1917  entlassen,  dann  zum  Hetman  der  Donkosaken

  gewählt,  machte  sich  in  Nowotscherkask  zum
Beherrscher  des  als  südöstl.  Unione  vereinigten  Dongebietes,
  wurde  Mittelpunkt  der  gegen  die  Bolschewiki
gerichteten  Bewegung  und  tötete  sich  Febr.  1918,  als

ie  Donregierung  sich  den  Sowjets  unterwerfen  wollte.

Kaligesetz,  deutsches  Reichsgesetz  über  die  staatl.
Bewirtschaftung  des  Kalis,  14.  Mai  1917  vom  Reichstag
  angenommen.  Ein  15.  April  1919  angenommenes
K.  regelte  die  Bewirtschaftung  des  Kalis  anderweit.

Kalisch  (Kalisz),  russ.  poln.  Stadt,  wurde  3.  Aug.
1914  von  den  Deutschen  besetzt  und  war  bis  Aug.
häc  *  der  Zivilverwaltung  für  Polen  links  der

el.

Kalkstickstoff,  s.  Bd.  I.  S.  298.

„Kalte  Erde-,  Bergrücken  nördl.  von  Verdun;
Kriegsereignisse  s.  Bd.  II,  S.  198.

Kalogeropulos,  griech.  Staatsmann,  war  Sept.=Okt
  1916  Ministerpräsident,  s.  Griechenland.

Kalusz,  ostgaliz.  Stadt  an  der  Bahn  Stryi-Stanislau,
  wurde,  nachdem  die  Russen  dort  eine  empfindliche
  Niederlage  erlitten  hatten,  von  Teilen  der  Armee
Linsingen  6.  Juni  1915  genommen.

Kalwaria,  Stadt  im  russ.-poln.  Gouv.  Suwalli;
der  Raum  von  K.  war  April  bis  Mitte  Mai  sowie
Juni  und  Juli  1915  hart  umkämnuft.

Kameniea,  Dorf  in  Serbien,  Kreis  Valjevo.  Die
Höhe  bei  K.,  der  Schlüsselpunkt  der  serb.  Stellung
vor  Valjevo,  wurde  14.  Nov.  1914  von  den  österr.=ungar.
  Truppen  erobert,  Mitte  Dez.  geräumt.  Am
24.  Okt.  1915  wurde  K.  wieder  besetzt.

Kamernn.  K.,  dessen  wirtschaftliche  Entwicklun
in  Bd.  II,  S.  15  und  dessen  strategische  Lage  Bd.  U,
S.  146  dargelegt  ist,  wurde  bald  nach  Kicgausbruch
das  Ziel  der  engl.  Angriffe  (vgl.  Bd.  III,  S.  120  f.)  u.
kam  Febr.  1916  in  den  Besitz  der  Feinde,  die  sich  in  die
Verwaltung  derart  teilten,  daß  Frankreich  etwa  vier
Fünftel  (mit  dem  Hafen  Garua,  der  aber  bald  an  England
  kam),  England  ein  Fünftel,  aber  die  wirischaßlich
  besten  Teile  erhielt  (Bezirke  Victoria,  Johann-Albrechtshöhe,
  Ossidinge,  Dschang,  Banjo  usw.).  K.
fiel  nach  Art.  119  des  Versailler  Friedensvertrags  an
die  Alliierten  Mächte.  Deutschland  hat  nach  Art.  124
die  Schäden,  die  Franzosen  in  K.  und  der  Grenzzone
seit  1900  ()  erlitten  haben,  wiedergutzumachen.

Kamina,  Funkengroßstation  in  Togo,  wurde  Ende
Aug.  1914  v.  den  Deutschen  zerstört;  vgl.  Bd.II,  S.  146.

amiönka-Strumilowa,  Bezirksstadt  im  östl.
Galizien,  am  Bug.  Nach  Eroberung  von  Lemberg  erreichten
  die  Osterreicher  28.  Juni  1915  den  Bug  bei
K.  In  diesem  Raume  entwickelten  sich  schwere  Abwehrkämpfe
  gegen  die  Russen;  vgl.  S.  61.
        <pb n="292" />
        262

Kaempf,  Jo  zan  nes,  beutscher  Politiker,  geb.  18.
Febr.  1842  in  Neuruppin,  gest.  25.  Mai  1918  in
Berlin,  Kaufmann,  1899  Direktor,  später  Vors.  des
Aufsichtsrats  der  Darmstädter  Bank,  1902  Präsident
des  Altestenkollegiums  der  Berliner  Kaufmannschaft,
Stadtältester  von  Berlin,  1905  Präs.  des  Deutschen
Handelstages,  auch  im  Präsidium  des  Hansabundes,
olitisch  im  Geschäftsführenden  Ausschuß  der  frei-Hanigen.
  Volkspartei  z  g.  1903  in  den  Reichstag  gewählt,
  1907—09  zweiter  Vizepräsident  des  Reichstags,
wurde  Febr.  1912  erster  Kräsident  des  Reichstags,
  legte  das  Präsidium  nieder,  da  der  Wahlprüfungsausschuh
  sein  Mandat  für  ungülltig  erklärte,
wurde  Nov.  wiedergewählt  und  führte  sein  Amt  im
Kriege  als  berufener  Sprecher  der  Volksvertretung  in
objektiver,  von  allen  Parteien  anerkannter  Weise.

Kampfflugzeng,  s.Luftkriege,  S.  156f.

Kampulung,  s.  Cämpulung.

Kanuada.  über  K.3  wirtschastuc  Lage  zu  Beginn
des  Krieges  s.  Bd.  II.  S.  45f.  —  K.  ersü#e  dem
engl.  Mutterland  gegenüber  seine  Verpflichtungen,
indem  es  bereits  Hate  1914  eigene  Divisionen  aufstellte
  (30000  Mann).  Teen  pazifistischer  Strömungen
  wurde  Nov.  1914  die  Einfuhr  englandfeindlicher
Zeitungen  aus  der  Union  verboten.  Bei  den  Wahlen

ept.  1916  erlangten  die  Liberalen  die  überwiegende
Mehrheit.  Sommer  1917  mußte  angesichts  des  dringend
  nötigen  Mannschaftsersatzes  ein  auf  Auswahlberuhender
  Zwangsdienst  eingeführt  werden.  Okt.  1917
folgte  auf  das  Ministerium  Bordeur  ein  Kabinett
Morgan,  dessen  Programm  lautete:  Fortführung  des
Krieges,  allgemeine  Wehrpflicht,  Frauenwahlrecht,
Kriegsgewinnsteuer  und  Erhöhung  der  Einkommensteuer.
  Sept.  1919  ratifizierte  K.  den  Versailler  Friedensvertrag.
  Vgl.  Egon  Berg,  K.,  das  Land  des  20.
Jahrhunderts  (Dresd.  1919).

anone,  spw.  Flachbahngeschütz,  s.  S.  154.

Kanonenboot,  kleines  Kriegsschiff  für  den  Küstenkrieg
  und  (im  Frieden)  für  den  Auslandödienst,  bis
1000  t  Wasserverdrängung,  mit  leichten  Schnelladekanonen,
  wird  zur  Austtac  benutzt.

Kanonendonner.  Die  Sesallegung  von  Antwerpen
  durch  die  deutschen  42  cm-Mörser  wurde  bis  zu
einer  Entfernung  von  225—230  km  gehört,  jedoch
nicht  immer  so  weit,  und  es  lagen  häufig  zwischen
Gebieten,  in  denen  der  Geschützdonner  deutlich  vernommen
  wurde,  Strecken,  in  denen  nichts  davon  zu
hören  war.  Nach  Dr.  Dörr  erstreckte  sich  ein  inneres
Schallgebiet  bis  auf  etwa  100  km.  Dann  folgte  eine
»Zone  des  Schweigense  von  ungefähr  60  km  Breite.
Daran  schloß  sich  ein  äußeres  Schallgebiet  bis  70  km
Breite.  Später  ist  Ahnliches  bei  Mülhausen,  Verdun,
  Yern  und  Soissons  beobachtet  worden.  über
die  Ursache  der  Erscheinung  gehen  die  Meinungen  auseinander.
  Früher,  woman  von  der-Zone  des  Schweigens=
  nichts  wußte,  sind  Heerführer  häufig  in  den  Verdacht
  der  Pflichtverletzung  gekommen.  Noch  1866  u.
1870  sind  Führer,  die  au  den  K.  hin  losmarschieren
sollten,  wiederholt  ausgeblieben,  und  niemand  wollte
glauben,  daß  sie  von  dem  K.  nichts  gehört  hätten,  weil
dieser  in  größ.  Entfernung  vernommen  worden  war.

Kaperei,  f.-Seekriegsrechte,  Bd.  I.  S.  367.

Kapitalabsindungsgesetz,  3.  Juli  1916  geschaffenes
  Gesetz,  um  Kriegsbeschädigten  und  Witwen  durch
Gewährung  von  Kapitalien  die  Möglichkeit  zu  geben,
Grundstücke  zu  erwerben  oder  vorhandenes  Besitztum
zu  erhalten  (nicht  aber  zur  Einrichtung  von  Handelsoder
  Gewerbebetrieben).  Auf  Grund  einer  Tabelle

Kaempf  —  Karpathenkorps

bewegt  sich  die  Höhe  der  Abfindungssumme  zwischen
dem  18½  fachen  (21.  Lebensjahr)  und  8⅛  fachen  (55.
Lebensjahr)  der  zu  kapitalisierenden  Jahresbezüge.

Kapitulationen,  s.  Türkei,  Bd.  II,  S.  70.

Kapkolonie,  s.  Südafrikanische  Union.

Kara  Burun,  Kap  am  Golf  von  Salonili,  wurde
29.  Jan.  1916  von  den  Franzosen  besetzt.

Karfreit  (ital.  Caporetto),  Gemeinde  im  Görzischen,
  am  oberen  Isonzo,  wurde  von  den  Italienern
Juni  1915  genommen,  24.  Okt.  1917  von  deutschen
Truppen  (Below)  erstürmt.

Karibib,  Bezirkshauptort  in  Deutsch-Südwestafrika,
  an  der  Bahn  Swakopmund-Windhrk,  wurde
6.  Mai  1915  von  den  südafrikan.  Truppen  besetzt.

Karl  I.(Carol),  Königvon  Numänien,  starb
am  10.  Okt.  1914  in  Sinaia;  vgl.  Rumänien  sowie
Bd.  II,  S.  83.

Karl,  Franz  Josef,  Kaiser  von  Österreich
und  König  von  Ungarn,  ältester  Sohn  des  Erzherzogs
  Otto  Franz  Josef,  Bruders  des  ermordeten
Erzherzogs  Franz  Ferdinand,  geb.  17.  Aug.  1887  in
Persenbeug,  seit  21.Okt.  1911  vermählt  mitseinzessin
Zita  von  Bourbon  und  Parmoa  (geb.  9.  Mai  1892
in  Pianore),  bestieg  21.  Nov.  1916  als  Nachf.  Kaiser
Franz  Josefs  I.  den  Thron,  wurde  Febr.  1917  preuß.
Feldmarschall,  trieb  unter  dem  Einfluß  seiner  Frau
selbständig  Politik  im  einseitigen  Interesse  seines  Hauses,
  begnadigte  die  tschechischen  Hochverräter,  dankte
am  11.  Nov.  1918  ab  und  Lung  nach  der  Schweiz.
Vgl.  OÖsterreich-Ungarn.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  47.

Karl  Stephan,  Erz  ersog  von  Österreich,
geb.  5.  Sept.  1860  in  Großseelowitz,  1905  Vizeadmt.
ral,  leitete  im  Kriege  das  österr.  Kriegsfürsorgewesen
und  war  als  Thronkandidat  für  Polen  im  Falle  der
austropolnischen  Lösung  in  Aussicht  genommen.

Karlsruhe.  Bei  dem  franz.  Fliegerangriff  am
14.  Juni  1915  wurde  das  großherz.  Schloß  schwer  beschädigt.
  Am  28.  Juni  1916(Fronleichnamstag)  unternahmen
  die  Franzosen  einen  zweiten  Angriff  auf
K.,  dem  257  Personen  zum  Opfer  fielen.

°Karlsruhe.,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  4190  t.
schädigte  unter  Kapitän  zur  See  Erich  Köhler  den
engl.  Handel  durch  Versenken  zahlreicher  Handels
dampfer  und  sank  4.  Nov.  1914  (vgl.  Bd.  I,  S.  272).

Karl-Truppenkrenz,  Dez.  1916  gestiftetes  öster.
reichisches  Abzeichen  für  die  Fronttruppen.

Karolinen,  deutsche  Jaselgruppe  Mikronesiens.
im  Großen  Ozean  (vgl.  Bd.  II.  S.  14  ff.),  wurde  Sept.
1914  von  den  Japanern  besetzt.

Karolyi,  1)  Julius,  Graf  K.  von  Nagy-K.,
geb.  7.  Mai  1871,  Obergespan  in  Arad,  wo  er  16.  Mai
1919  eine  Gegenregierung  gegen  die  Budapester  Kommunisten
  bildete.  Von  ihm  ging  die  Bewegung  zum
Sturz  der  Räteherrschaft  aus.  —  2)  Michael,  Graf
K.  von  Nagy-K.,  Vetter  des  vor.,  ungar.  Politiker,
geb.  4.  März  1875  in  Budapest,  Majoratsherr  auf
Debrö,  Führer  der  Unabhängigkeitspartei,  schärfster
Gegner  Lukacs'  und  Tiszas,  wurde  31.  Okt.  1918
Ministerpräsident,  tags  darauf  erklärte  er  sich  zum
ungar.  Präsidenten,  lieferte  aber  21.  März  1919  die
Staatsgewalt  an  die  Kommunisten  aus.

Karpathen  (Kriegegeon  s.  Bd.  I,  S.  160,  Bd.  II.
S.  140  f.  sowie  die  Reliefkarte  Bd.  I  bei  S.  200),
einer  der  wichtigsten  Kriegsschauplätze  im  Weltkriege.
wo  sich  die  großen  Schlachten  der  HSe-  1914—16
abspielten;  u  auch  die  Schilderungen  Bd.  I.  S.  199ff.
sowie  Bd.  III,  S.  55.

Karpathenkorps,  für  die  Karpathenkämpfe  zu-
        <pb n="293" />
        Kars  —  Kiew

sammengestelltes  deutsches  Korps,  das  besonders  im
Aug.  1916  hervortrat;  vgl.  Bd.  II,  S.  210  ff.

Kars,  Stadt  und  Festung  in  Russ.-Transkaukasien,
  als  Sperrpunkt  der  Straße  Alexandropol—-Erzerum
  strateg.  bedeutend  (val.  Bd.  II,  S.  137),  war
seit  Nov.  1914  heftig  umkämuft.

"Kartoffelbrotgeist-,  von  den  Engländern  1914
geprägtes  Spottwort  für  den  deutschen  Geist  von
1914,  der.  sich  auch  durch  die  Einführung  des  Karloffel-Brotes
  (K-Brotes)  nicht  klein  kriegen  ließ.

Kasematte,  schußsicherer  Hohlbau  in  Festungswerken
  zur  Unterbringung  von  Truppen,  Geschützen
und  Vorrälen,  dient  auch  in  Form  von  Gängen  dem
Verkehr  in  und  zwischen  den  Befestigungsanlagen.

Kathen,  Hugo  von,  deutscher  General,  geb.  27.
Aug.  1855  in  Freienwalde  a.  O.,  Gouv.  in  Mainz,
März  1914  General  der  Infanterie,  an  der  Sommeschlacht
  hervorragend  beteiligt,  ferner  beim  Übergang
über  die  Düna,  der  Einnahme  von  Riga  (Korpsführer),
  der  Eroberung  der  Insel  Osel  sowie  als  Führer
der  8.  Armee  der  Frühjahrsoffensive  1918  im  Westen.

Katsch,  Hermann,  Kriegsberichterstatter  d.-Tägl.
Rundschau,  geb.  10.  Sept.  1853  in  Eisenach,  war  anf.
Maler  in  München,  dann  Bühnenschriftstell.  in  Berlin.

Katzelmacher,  volkstümliche  österr.  Bezeichnung
für  die  Italiener  (nach  den  Händlern  von  Terrakottafiguren
  (Kätzchen  usw.]  genannt).

Kauffahrteischiffe.  über  die  Bewaffnung  der  K.
durch  England  s.  Bd.  II,  S.  154,  über  den  Notenwechsel
  der  deutschen  und  amerikan.  Regierung  Bd.  II,
S.  156  ff.  (kaukasischen  Grenzgebiete  s.  S.  125  ff.

Kaukasien,  vgl.  Georgien;  Über  die  Kämpfe  im

Kautschuk  (Gummig),  s.  Bd.  I,  S.  301.

Kantsky,  Karl,  Sozialist,  geb.  16.  Okt.  1854  in
Prag,  begründete  1883  die  wissenschaftlich-sozialdemokratische
  Zeitschrift  »Die  neue  Zeite,  die  er  während
des  Bestehens  des  Sozialistengesetzes  von  Zürich  und
London  aus  leitete,  war  seit  1890  in  Stuttgart,  seit
1897  in  Berlin  tätig,  lieferte  1891  den  Entwurf  für
das  -Erfurter  Programme  der  sozialdemokr.  Partei,
schrieb:  „Einfluß  der  Volksvermehrung  auf  den  Fortschritt
  der  Gesellschaft;  „Das  Erfurter  Programm";
„Karl  Marx'  ökonomische  Lehrene  u.  a.  vom  Standpunkt
  der  materialistischen  Geschichtsauffassung.  Seit
Ende  der  1890er  Jahre  wurde  seine  Verfechtung  der
reinen  marxistischen  Lehre  von  Bernstein  angegriffen.
1918  sichtete  K.  als  Unterstaatssekretär  im  Auswärtigen
  Amt  das  diplomat.  Material  zum  Kriegsausbruch
  (11.  Nov.  1918  bis  1.  Jan  1919),  das  aber  die
Schuld  Deutschlands  nicht  erwies  (als  Buch:-Wie  der
Weltkrieg  entstand,  Berl.  1919).  Amtlich  wurde  die
Sammlung  später  von  Graf  Montgelas  und  Prof.

K-Brot,  s.  Brot.  (Schücking  herausgegeben.

Keelinginseln,  s.  Kokosinseln.

Kei  Hara,  japan.  Staatsmann,  Vorsitzender  der
Seijukaipartei,  wurde  als  erster  Nichtadliger  Sept.
1918  Ministerpräsident  und  bahnte  damit  die  parlamentarische
  Regierung  in  Japan  an.  Vgl.  Japan.

Keilberg,  Gipfel  in  der  Champagne,  südöstlich  von
Reims,  war  in  der  franz.  Champagneoffensive,  bes.
April  und  Juli  1917,  heftig  umstritten.

Keim,  August,  deutscher  General  und  Militärschriftsteller,
  geb.  25.  April  1845  in  Hessen,  Leiter  der
Jahrbücher  für  die  deutsche  Armee  und  Marine-,
schrieb  Regimentsgeschichten,  stand  seit  1909  an  der
Spitze  des  Vaterländ.  Schriftenverbandes,  seit  1912
auch  an  der  des  Wehrvereins  und  wurde  Anfang
1915  Gouverneur  der  belg.  Provinz  Limburg.

263

Kellerhand,  s.  -rztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorgee,

  S.  178.

emmel,  beherrschender  Gipfel  südwestlich  von
Mern,  war  vom  25.  April  bis  31.  Aug.  1918  in
deutschem  Besitz;  vgl.  S.  101,  104.

Kenseikai,  japan.  Konstitutionspartei,  die  sich
Mitte  Nov.  1916  aus  den  Mehrheitsparteien  bildete.

Keogh,  Sir  Alfred,  engl.  Mediziner,  Generalstabsarzt,
  geb.  8.  Juli  1857,  1904—  09  Leiter  des
engl.  Mil.-Sanitätswesens,  später  Rektor  der  Akademie
der  Naturwissenschaften  und  Technologie,  war  im
Kriege  Chef  des  besamten  Feldsanitätswesens.

Kerenski,  Alexan  der  Feodorowitsch,  russ.
Politiker,  geb.  1881  in  Wolsk  (an  der  Wolga),  Rechtsanwalt
  in  Peiersburg,  seit  1907  Mitglied  der  Trudowiki
  (Partei  des  kleinen  Mannes),  seit  1912  Mitglied
der  Duma  (für  Saratow),  im  Kriege  als  Vermittler
zwischen  der  bürgerlichen  Opposition  und  den  Sozialisten
  tätig.  wurde  1917  Just  »,  dann  Kriegsminister.
Juli  Ministerpräsident  mit  diktatorischen  Befugnissen,
nach  dem  Zusammenbruch  der  auf  Drängen  der  Entente
unternommenen  K.-Offensive“=  am  Dnjestr  (Juli)
von  den  Bolschewisten  8.  Nov.  1917  gestürzt,  12.  Nov.
bei  Jarstaie  Sselo  geschlagen  und  floh  nach  London.
ild  s.  bei  S.  226.

Kermanschah  (Kirmanschah),  persische  Stadt
nordöstl.  von  Bagdad,  wurde  1.  Juli  1916  von  den
Türken  genommen  und  bis  1917  mehrfach  umlämpft.

Kern,  Berg  in  den  Julischen  Alpen,  sow.  Krn.

Kessel,  Gustav  von,  deutscher  General,  geb.  1.
April  1846  in  Potsdam,  gest.  27.  Mai  1918  in  Berlin.
1891  Oberst  und  Kommand.  der  Schloßgardekomp.,
1892  des  1.  Garderegiments  z.  F.,  1899  Generalleutnant,
  1901  kommand.  General,  1911  Generaloberst,
  beeinflußte  seit  1910  als  Oberbefehlshaber  in
den  Marken  das  öffentliche  Leben  weitgehend.

Kettenhandel.  über  die  Verordnung  zur  Bekämpfung
  des  K.3  vgl.  Bd.  I.  S.  428.

Khaki  (pers.,  staub-,  erdfarbig  «),  geköperter  Stoff
aus  Wolle  und  Baumwolle  für  die  engl.  Uniformen.

Kiantschan,  6.  März  1898  als  deutsches  Pachtgebiet
  auf  99  Jahre  erklärt  (vgl.  Bd.  II,  S.  14,  15,
Lyff.  und  149),  an  der  Südküste  der  chines.  Provinz
Schantung  und  der  K.-Bucht,  mit  der  Hauptstadt
Tfingtau.  Nach  dem  Fall  von  Tsingtau  (7.  Nov.
1914;  vgl.  Bd.  III,  S.  123  und  Bd.  I.  S.  265)  wurde
K.  japan.  Schutzgebiet  für  die  Dauer  des  Krieges  und
kam  im  Frieden  von  Versailles  1919  an  Japan,  das
sich  verpflichtete,  es  später  an  China  zurülckzugeben.

iel.  K.  war  auch  im  Kriege  Haupthafen  der
deutschen  ferslotte  (ogl.  Bd.  II,  S.  108f.).  —  Von
K.  ging  4.  Nov.  1918  mit  der  Verweigerung  der  Ausführung
  des  Befehls  zum  Ausfahren  der  Flotte  die
deutsche  Revolution  aus.  Vgl.  Deutsches  Reich,  S.  219.

Kielee  (Kielcy,  Rirlz#y  Hauptstadt  des  russ.
poln.  Gouv.  K.,  wurde  21.  Aug.  1914  von  den  österr.=ungar.
  Truppen  besetzt,  aber  Nov.  geräumt.  Am  12.
Mai  1915  wurde  K.  wiedererobert  und  war  bis  Ende
Sept.  Sitz  der  österr.-ungar.  Militärverwaltung  für
die  besetzten  Teile  Polens.

Kiental,  Ort  bei  Bern,  wo  24.—29.  April  1916
die  zweite  „Zimmerwalder  Konferenz=  der  unabhäng.
Sozialisten  der  kriegführenden  und  neutralen  Staaten
tagte.  In  Frankreich  wurden  die  radikalen  Sozialisten
  daher  auch  Kientaler  genannt.  *m

Kiew,  Hauptstadt  der  Ukraine,  befestigter  Militär.
bezirk  des  russ.  Heeres,  Hauptausgangspunkt  der  Anmarschlinien
  gegen  Osterreich  und  Sammelplat  aller

—
        <pb n="294" />
        264

Truppen  aus  dem  Innern  Rußlands,  wurde  1.  März
1918  von  den  Deutschen  Henen,  14.  Dez.  1918
von  den  Truppen  des  Direktoriums  besetzt,  später
von  den  Bolschewisten,  Ende  August  1919  von  Petljura
  wieder  genommen.  Petljura  wurde  jedoch  wieder

Kimpolung,  s.  Cämpulung.  (vertrieben.

Kinan,  Hans  (Gorch  Foch,  s.  Fock.

Kinematographie,  hatte  im  Kriege  verschiedene
Aufgaben:  1)  Aufnahmen  von  Kampspandlungen,
von  Arbeiten  der  Truppen  usw.  wurden  für  die  "
bildung  nutzbar  gemacht;  2)  Films  von  schweren
Kämpfen  haben  der  Heimat  erst  den  richtigen  Maßstab
  gegeben  und  ihre  Opferwilligkeit  erhöht;  3)  Aufnahmen
  völkerrechtswidriger  Handlungen  der  Feinde
9  B.  Bombenabwurf  auf  Karlsruhe)  haben  den

illen  zum  Ausharren  Lestärtt.  4)  Films  belehrender
  und  unterhaltender  Art  sind  bis  dicht  hinter  den
Fronten  den  Feldgrauen  vorgeführt  worden.  Die
Aufnahmen  wurden  von  Filmtrupps,  militärisch
ausgebildeten  Fachphotographen  und  Kinofachleuten,
gemacht.  Auf  deutscher  Seite  organisierte  die  Filmpropaganda
  das  unter  dem  Ausw.  Amtstehende,  1916

egr.  Bild-  und  Filmamt.  Die  Feinde  haben  durch
orführung  angeblicher  Greueltaten  deutscher  Truppen
  die  K.  sehr  zur  Verhetzung  mißbraucht.

„King  Edward'VII.-,  engl.  Linienschiff,  16  610t,
wurde  9.  Jan.  1916  durch  eine  von  der  -Möwe=  gelegte
  Mine  versenkt;  s.  auch  Bd.  II,  S.  249.

„King  Stephen-,  engl.  Fischdampfer,  sichtete
2.  Febr.  1916  die  auf  dem  Wrack  von  „L  19.  treibenden
  deutschen  Mannschaften,  nahm  sie  aber  trotz  ihrer
Bitten  nicht  auf,  sondern  ließ  sie  ertrinken.  K.
wurde  25.  April  1916  durch  deutsche  Kreuzer  versenkt.
Vgl.  Bd.  II,  S.  244.

Kirchbach,  1)  Hans  von,  sächs.  General,  geb.  22.
Juni  1849  in  Auerbach,  1895  Oberst,  1902  General-=leutnant,
  war  1907—13  als  General  der  Artillerie
komm.  General  des  19.  Korps,  1914  bis  Dez.  1917
Komm.  des  12  Res.-Korps,  dann  Führer  einer  Armeeabteilung
  in  Litauen,  1918  Generaloberst.—  2)  Günther,
  Graf  von,  preuß.  General,  geb.  9.  Aug.  1850
in  Erfurt,  1897  Oberst,  1907  General  der  Infanterie
und  komm.  General  des  5.  Armeekorps,  1911  Präsident
  des  Reichsmilitärgerichts,  1914  Führer  des  10.
Reservekorps,  29.  Aug.  bei  St.  Quentin  verwundet,
übernahm  Sept.  1916  das  schles.  Landwehrkorps  im
Osten,  April  1917  eine  Armeeabteilung  im  nördl.  Litauen,
  wurde  Dez.  Führer  der  8.  Armee  in  Kurland,
Jan.  1918  Generaloberst  und  Aug.  als  Nachfolger
Eichsorns  Befehlshaber  in  Kiew.

Kirchbach  auf  Lauterbach,  Karl,  Graf  von,
österr.ungar.  General,  geb.  1856  in  Gyöngyös,  zu
Kriegsbeginn  Inspektor  der  österr.  Landwehrkavallerie
und  kommand.  General  des  1.  Korps,  war  bei  der
Maioffensive  1915  Führer  einer  Armeegruppe,  1916
der  7.,  dann  der  3.  Armee,  mit  der  er  die  Stellungen
in  Wolhynien  hielt.  Nov.  1916  wurde  er  Generaloberst,
  1918  General-Kavallerie-Inspektor.

Kirche.  über  die  religiöse  Bewegung  und  die
christliche  K.  im  Weltkrieg  s.  Bd.  I.  S.  322  ff.,  326  ff.,
sowie  Bd.  II,  S.  361  ff.  u.  365  ff.  —  Vgl.  ferner  L.
Geißler,  Die  evangelischen  Gemeinden  in  den  ggebieten
  (3.  Aufl.,  Leipz.  1915;  umfassende  Schilderung
  mit  Kartenskizzen);  Thimme  und  Rolffs,
Revolution  und  Kirche  (Berl.  1919).

Kirlibaba,  Ort  in  der  Bukowina,  strategisch  wichtig,
  Mitte  Jan.  1915  von  den  Russen  besetzt,  wurde
22.  Jan.  von  Pflanzer-Baltin  zurückerobert.  Vom

Kimpolung  —  Knjaschevatz

29.  Nov.  bis  3.  Dez.  1916  begannen  die  Russen  im
K.-Abschnitt  zugunsten  der  Rumänen  eine  groß  angelegte
  Entlastungsoffensive,  deren  Stoß  westl.  K  aufgefangen
  wurde.  Bei  der  Gegenoffensive  der  Mittelmächte
  Ende  Juli  1917  mußten  die  Russen  K.  aufgeben.

Kirmanschah,  Stadtin  Persien,  sow.  Kermanschah

Kissenji,  Ort  in  Deutsch-Ostafrika,  s.  Kivusee.

Kitchener,  Horatio  Herbert,  Earl  of  (seit
1914),  engl.  General,  geb.  24.  Juni  1860  in  Leicestershire,
  1886  Gouv.  von  Suakin  und  1892  Oberbefehlshaber
  (Sirdar)  der  ägypt.  Truppen,  eroberte
1896  Dongola,  1897  Berber,  schlug  8.  April  1898  die
Derwische  am  Atbara  und  2.  Sept,  den  Mahdi  bei
Omdurman,  wofür  er  die  Peerswülde  erhielt,  und
wurde  1899  Generalgouv.  des  Sudan.  Als  Stabschef
Lord  Roberts'  nach  Südafrika,  geschickt,  übernahm  K.
1901  den  Oberbefehl  u.  beendete  den  Krieg,  wofür  er
Viscount  wurde.  Seit  1902  komm.  Genergl  in  Indien,
  trat  er  1905  wegen  Differenzen  mit  Lord  Curzon

urück.  1909  wurde  er  Feldmarschall  u.  Mitglied  des
perial  Defence  Committee,  1911  brit.  Generalkon.
ful  u.  diplomat.  Agent  Großbritanniens  in  Agypten.
5.  Aug.  1914  Kriegsminister,  setzte  er  sich  für  Durchflhrung
  der  Wehrpflicht  ein.  In  der  Nacht  zum  5.  Juni
1916  ertrank  K.  auf  der  Fahrt  nach  Rußland  an  Bord
des  durch  Mine  versenkten  Panzerkreuzers=  Hampshirebei
  den  Orkneyinseln.  —  Bild  s.  Bd.  I  S.  175.

Kivusee,  See  im  Zentralafrik.  Graben,  fließt  zum
Tanganjikasee  ab.  Ende  Sept.  und  Anf.  Okt.  1914  erlitten
  die  Belgier  bei  Angriffen  auf  die  Grenze  des
deutschen  Schutzgebietes  empfindliche  Verluste  und
gaben  weitere  Unternehmungen  nach  der  Niederlage
bei  Kissenji  am  K.  (4.  Okt.)  auf.

Kleiderverwertungsstelle,  Juni  1917in  Berlin
gegründet  zur  Herrichtung  gekaufter  und  freiwillig
abgelieferter  »alter  Sachene,  die  sie  billig  gegen  Bezugsschein
  weiter  veräußerte.

Kleinasien.  Soweit  K.  geograph.  u.  als  Haegzschauplatz
  im  Kriege  eine  Rolle  aepiel  hat,  vgl.  Bd.  II.
S.  125  u.  133  ff.,  über  die  politische  Bd.  II.  S.  65  u.  67  f.

Kleingeld.  über  Mengel  an  K.  im  Fiche  und
Schaffung  von  Notgeld  s.  Geld  sowie  Bd.  I.  S.  415.

Kleinurufsen,  offizielle  russ.  Bezeichnung  der  Ukrainer
  (vgl.  Bd.  I.  S.  82f.);  über  die  K.  in  Galizien  s.
Bd.  II,  S.  27.

Klüber,  von,  Oberstleutnantim  Generalstab.  1917
bis  1918  Chef  des  Generalstabs  der  1.  Armee,  wurde
2.  März  1919  in  Halle  von  Spartakliden  ermordet.

Kluck,  Alexander  von,  General,  geb.  20.  Mai
1846  in  Münster,  Teilnehmer  der  Feldzüge  1866  und
1870  tbei  Colombey  zweimal  verwundet),  1896  Oberst.
1902  Generalleutnant,  1906  General  der  Inf.,  1913
Generalinspekt.  der  neuen  8.  Armeeinsp.,  1914  Generaloberst.
  Im  Kriege  Oberbefehlshaber  der  1.  Armee
im  Westen  (Siege  von  Maubeuge  und  St.  Quentin),
stieß  K.  gegen  Paris  u.  östl.  bis  zur  Marne  vor.  Trotz
erfolgreicher  Abwehr  der  umfassinden  Bewegung  der
Franzosen  in  der  Marneschlacht  zog  K.  seine  Truppen
vor  stark  #berlcgenen  Kräften  bis  an  die  Aisne  zurück
und  hielt  diese  telungen-  März  1915  bei  dem  Besuch
  der  vordersten  Stellungen  verwundet,  gab  K.  sein
Kommando  ab  u.  wurde  Okt.  1916  zur  Disp.  gestellt.
Er  schr.:  FJührung  und  Taten  der  1.  Armee=  (Berl.
1920).  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  187.  S.  174.

Knallauecksilber,  s.  »Schieß  ·  und  Sprengstoffe

Knujaschevatz,  Festung  in  Serbien,  am  Timo#l  fiek
nach  viertäg.  Kampf  25.  Okt.  1915  in  die  Hände  der
Bulgaren  (I.  Armee  Bojadjeff),  denen  die  Serben  auf
        <pb n="295" />
        Knockout  —  Kolubara

den  Höhen  östl.  von  K.  15.—25.  Olt.  1915  hartnäckigsten
  Widerstand  leisteten.

Knockont-,  beim  Boxen  der  letzte  (siegreiche)
Schlag;  danach  verkündete  Lioyd  George  1916  den
Kampf  bis  zum  K.

Kohlenstation,  Überseeischer  Hafen,  der  für
Dampfer  Kohlen  lagert,  auch  Motorschiffen  Treiböl
liefert;  insbes.  auch  soviel  wie  Flottenstützpunkt.

Kohlenwirtschaft.  Die  moderne  Kriegführung
ist  in  doppelter  Hinsicht  in  stärkstenmn  Maße  von  der
Kohlenversorgung  abhängig:  einmal  ist  der  Kohlenverbrauch
  die  Grundlage  es  Eisenbahnverkehrs,
der  erst  die  dauernden  Verschiebungen  von  Millionenheeren
  ermöglicht.  Die  Beförderung  einer  Armee
von  drei  Armeekorps  kostete  340  Maschinen  mit  17000
Wagen  auf  4  Wochen.  Die  gewaltigen  Entfernungen
der  Fronten  —  die  Transporte  aus  Deutschland
brauchten  nach  Frankreich  2,  Rußland  5,  Numänien
10,  Serbien  7,  Italien  4  Tage  —  steigerten  diesen
Bedarf  ganz  ungeheuer.  Zweitens  erforderte  die
Kriegsindustrie,  besonders  für  die  Herstellung  der
Munttion,  Fn  ewaltige  Kohlenmengen.  Die  Steigerung
  der  enförderung  in  Deutschland  von
1887  bis  1913  von  76,2  auf  278,6  Mill.  t  jährlich
kam  zwar  diesem  Bedarf  entgegen,  reichte  aber  bei
weitem  nicht  zu.  Es  machte  sich  darum  im  Kriege  bei
gleichzeitiger  Steigerung  der  Förderung  eine  Senkung
des  gesamten  Nichtkriegsbedarfs  erforderlich.  Erstere
war  bei  dem  zunehmenden  Mangel  an  Arbeitskräften
nur  durch  sog.  Raubbau  möglich,  d.  h.  es  wurde
die  Kohle,  unter  Zurückstellung  aller  Erdarbeiten  zur
Aufdeckung  neuer  Flhze,  dort  rücksichtslos  abgebaut,
wo  sie  nur  zu  erfassen  war.  Dieses  System  mußte
notwendig  in  absehbarer  Zeit  zu  einem  akuten  Mangel
führen,  der  seit  dem  Winter  1916/17  allmählich  eintrat
  u.  bei  Kriegsende,  als  obendrein  große  Kohlenebiete

  von  Deutschland  weggenommen  wurden  und

auerstreiks  die  Förderungsziffer  noch  weiter  herabsenkten,
  zu  einem  vollständigen  Zusammenbruch  der
deutschen  K.  führte.  Die  Senkung  des  Nichtkriegsbedarfs
  wurde  im  Winter  1916/17  bei  Durchführung
des  Hindenburgprogramms  durch  Stillegung  aller
nicht  kriegsnotwendigen  Betriebe  u.  Rationierung
der  Hausbrandkohle  durchgeführt.  Bereits  1915
war  zur  Senkung  des  Gasverbrauchs  die  Sommerzeit
  eingeführt,  ferner  wurden  die  Schulen  zeitweise
geschlossen  (Kohlenferien)  u.  zusammengelegt,  Badeeinrichtungen
  eingeschränkt  usf.  Die  Überwachung
dieser  Maßnahmen  wurde  einem  Reichskommissa  für
Kohlenverteilung  anvertraut,  unter  dem  5  Kohlenausgleichsstellen
  (Kattowitz,  Halle,  Essen,  Mannheim,
Dresden)  u.  bei  den  einzelnen  Stadt=  u.  Kommunalverbänden
  Ortskohlenstellen  (Kohlenämter)  arbeiten.
Gleichzeitig  wurde  der  Kohlenhandel  organisiert.

Die  Ausfuhrlied  sich  nur  in  geringem  Maße  einschränken,
  da  schland  die  Kohle  als  Zahlungsmittel
  für  die  Lebensmitteleinfuhr  aus  den  neutralen
Ländern  benötigte;  die  regelmäßig  mit  diesen  abgeschlossenen
  Wirtschaftsabkommen  b#rten  jedoch  zu
einer  scharfen  Rationierung  der  zur  Ausfuhr  freigegebenen
  Mengen  (s.  Schweiz,  Niederlande).  Die
Einfuhr  böhm.  Braunkohle  war  wesentlich  geringer
und  fiel  zeitweise  völlig  weg,  worunter  besonders  die
sächs.  Industrie  litt.  Die  nordfranz.  u.  belg.  Kohlendistrikte
  waren  für  die  deutsche  K.  nur  von  geringer
Bedeutung,  da  der  größte  Teil  der  Gruben  info  *sv
Zerstörung  nicht  gebrauchsfähig  war,  zumeist  auch  in
der  Kriegszone  lag;  die  Ausbeutung  der  übrigen,  bes.

265

in  Belgien,  war  wegen  Arbeitermangels  gering  und
deckte  noch  nicht  den  Bedarf  der  besetzten  Gebiete.
Ebenso  war  die  Lage  in  Polen  und  Serbien.

In  England  war  die  Lage  der  K.  im  Kriege  etwa
die  gleiche  wie  in  Deutschland.  Frankreich  verlor
bereits  1914  seine  wichtigsten  Kohlendistrikte,  so  daß
hier  am  frühesten  akuter  Mangel  eintrat;  im  wesentlichen
  mußte  England  aushelsen.  Italien,  völlig
auf  engl.  Einfuhr  angewiesen,  litt  besonders  schwer,
zumal  seit  der  Unterseebootkrieg  die  Zufuhr  über
See  ungeheuer  erschwerte.  In  Osterreich-Ungarn
führte  die  Verweigerung  höherer  Löhne  bereits  1916
zu  schwerem  Mangel.  Rußland  half  sich  mit  seinen
gewaltigen  Holzvorräten.

Der  Wiederaufbau  Europas  ist  in  erster  Linie
mit  von  der  K.  abhängig.  In  Erkenntnis  dieser  Tatsache
  sicherte  sich  die  Entente  bei  Friedensschluß  in
doppelter  Hinsicht:  sie  trennte  bedeutende  Kohlendistrikte
  von  den  Mittelmächten  ab  (Tschechoslowakei,
Polen  mit  Oderschlesien,  Saarbecken,  Elsaß-Lothringen)
  u.  legte  ihnen  bedeutende  Lieferungsmengen
zur?  Wiedergutmachung=  auf  (Deutschland  an  Frankreich
  21  Mill.  t,  Bulgarien  an  Serbien  50000t  jährlich).
  Zur  Behebung  der  Weltkohlennot  setzte  der  Interalli#erte
  scern  am  7.  Aug.  1919  einen
Interallilerten  Kohlenrat  ein.

Kohlrübenwinter,  der  Winter  1916/17,  in  dem
infolge  lang  andauernder  Kälte  die  Kartoffelzufuhr  in
den  deutschen  Großstädten  unmöglich  wurde,  so  daß
Kohlrüben  statt  Kartoffeln  gegeben  wurden.

Kokosinseln  (Cocos-,  Keelinginseln),  brit.
Inselgruppe  im  südl.  Ind.  Ozean,  wo  9.  Nov.  1914
der  Kreuzer  „Emden=  von  dem  austral.  Kreuzer
»Sydney«  in  Brand  geschofsen  u.  von  der  eigenen  Besatzung
  auf  Strand  gesetzt  wurde;  vgl.  Bd.  I,  S.  270f.

Köln.  K.  ist  seit  6.  Dez.  1918  mit  dem  dahinter
gelegenen  Brückenkopf  gemäß  den  Waffenstillstandsedingungen

  von  den  Engländern  besetzt.  Die  wieder
errichtete  Universität  K.  wurde  12.  Juni  1919  eröffnet.

„Köln.,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  s.  Bd.  I,  S.  254.

Kolomea,  lebh.  Handelsstadt  im  füdöstl.  Galizien,
am  Pruth,  wurde  nach  längerer  Besetzung  durch  die
Russen  Febr.  1915  von  den  österr.-ungar.  Truppen
gestürmt.  März,  Mai  und  Juni  1915  kam  es  zu
neuen  Kämpfen  nördlich  von  K.

Kolonien.  über  die  deutsche  Kolonialpolitik  und
ihre  Ergebnisse  vgl.  Bd.  I.  S.  26f.  und  Bd.  II,  S.
12ff.  —  Sämtl.  deutschen  Kolonien,  deren  Bedeutung
als  Kiigsschauple  e  Bd.  II,  S.  146ff.  geschildert  ist,
wurden  bald  nach  Kriegsausbruch  das  Ziel  der  feindl.
Angriffe  und  gelangten  schließlich  in  feindl.  Besitz;
vgl.  Bd.  III,  S.  120  ff.  Im  Versailler  Vertrag  verzichtete
  Deutschland  zugunsten  der  Entente  aufalle  seine  K.

Kolonnenbrücke,  s.  Bd.  II.  S.  275.

Kolovrat,  Bergrücken  längs  des  rechten  oberen
Isonzo,  im  Kuk  1243  m,  seit  Juni  1915  im  Besitz
der  Italiener,  wurde  in  der  12.  Isonzoschlacht  am
25.  Okt.  1917  von  deutschen  Truppen  erstürmt.

Koltschak,  russ.  Admiral,  während  des  Krieges
Kommandant  der  Schwarzen-Meer--Flotte,  trat  an  die
Spitze  der  gegenrevolutionären  Regierung  in  Sibirien,
wurde  von  den  Bolschewisten  Aug.  1919  zum  Rückzu
von  Omst  auf  Irkutsk  wungen  u.  7.  Febr.  1920  *
Befehl  des  Irkutsker  witärgusschuffes  ingerichtet.

Kolubara,  Nebenfluß  der  Save  in  Nordserbien,
an  dem  23.—29.  Nov.  1914  eine  fiegreiche  Schlacht
der  6.  österr.-ungar.  Armee  gegen  die  3.  serb.  Armee
stattfand.  Vgl.  ö1.
        <pb n="296" />
        266

Kolumbien.  Im  J.  1914  nahm  der  Kongreß
den  Vertrag  mit  den  Ver.  Staaten  über  den  Panamakanal
  an;  danach  erkannte  K.  die  Selbständigkeit
Panamas  an  und  gestattete  die  freie  Durchfahrt
amerikan.  Truppentransporte  und  Kriegsschiffe  durch
den  Kanal,  wofür  es  25  Mill.  Dollar  und  Vorzugsbestimmungen
  für  die  Einfhr  in  die  Kanalzone  erzielte.
  Die  noch  aus  der  Loslösung  Panamas  herrührende
  Terstimmung  wurde  dadurch  nicht  beseitigt.
K.  hielt  auch  nach  Beginn  des  uneingeschränkten
Unterseebootkrieges  die  diplomat.  Beziehungen  zum
Deutschen  Reiche  aufrecht,  wenn  auch  der  Senat  durch
Beschluß  vom  19.  Okt.  1917  das  Verfahren  der  deutschen
  Unterseeboote  mit  großer  Mehrheit  ausdrücklich
mißbilligte.  Im  März  1917  nahm  der  Kongreß
einen  Antrag  der  Regierung  auf  alusgabe  einer  Anleihe
  von  115  Mill.  Dollar  für  die  Seerüstung  an.

Komitatschi,  urspr.  Mitglied  der  vom  mazedon.
Komitee  nach  dem  russisch-türk.  Kriege  1877.78  ins
Leben  gerufenen  Bandenbewegung,  die  ein  Großbulgarien
  erstrebte.  Die  Organisation  der  K.  ist  den
Bulgaren  in  den  Balkankriegen  1912/13  auf  Nebenkriegsschauplätzen
  zugute  gekommen,  und  seitdem
wurden  alle  Angehörigen  von  Freikorps  und  auch
die  Franktireurs  der  Balkanstaaten  als  K.  bezeichnet.

Kommandoturm,  gepanzerter  Turm  auf  Kriegsschiffen
  für  den  Befehlshaber,  birgt  Steuerungsapparat
  und  Signalgebungsinstrumente.

Kommorienten,  s.  Kriegsverschollenheit.

Kommunistische  Partei  Deutschlauds,  s.
Spartakusbund.

Kongref#polen,  s.  Bd.  I.  S.  88  sowie  S.  76  .

König,  Paul  Lebrecht,  geb.  20.  März  1867  in
Ohre,  Kreis  Meiningen,  ging  1883  zur  See  und  trat
1896  als  Offizier  in  den  Dienst  des  Nordd.  Lloyd,
dem  er,  1911  zum  Kapitän  ernannt,  als  Führer  des
Dampfers-Schleswige  bis  März  1916  angehörte.  K.
führte  das  erste  deutsche,  von  der  Deutschen  Ozeanreederei
  erbaute  Unterwasserhandelsschiff  „  Deutschland=
  (s.  Handels-U-Boot)  22.  Juni  bis  9.  Juli  1916
mit  wertvoller  Ladung  Farbstoffe  von  Bremen  nach
Baltimore  und  brachte  1.—  23.  August  dafür  Gummi
nach  Bremen  zurück.  Nov.-Dez.  1916  unternahm  K.
seine  2.  Fahrt  mit  der  =  Deutschland  nach  Amerika.

„Königin  Luise-,  deutscher  Minenleger,  wurde
6.  Aug.  1914  vor  der  Themsemündung  versenkt;  s.
Bd.  I,  S.  253.  (s.  Bd.  I.  S.  271f.

„Königsberg“,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  3400t,

Konkurs.  Bald  nach  Kriegsausbruch  wurden
Maßnahmen  zur  Vermeidung  des  K.es  notwendig
(s.  Bd.  I,  S.  389  f.).  Eine  Geschäftsaussicht  zur  Abwendung
  des  K.es  wurde  1916  durch  eine  Bundesratsverordnung
  eingeführt.  —  Über  das  K.-Recht  in
Osterreich  vgl.  Bd.  II.  S.  405  f.

Konservative.  üÜber  die  Geschichte  der  Konservat.
Partei  in  Deutschland  s.  Bd.  I.  S.  29  ff.,  in  Ungarn
S.  64.  Weiteres  s.  Deutschkonservative  Partei.

Konstantin,  König  von  Griechenland,  geb.
2.  Aug.  1868  in  Athen,  vermählt  1889  mit  Prinzessin
Sophie  von  Preußen,  1897  Oberbefehlshaber  gegen
die  Türken  in  Thessalien,  1900—  09  Generalinsp.  der
Armee.  Nach  zweijähr.  Aufenthalt  im  Ausland  übernahm
  er  die  Leitung  des  Generalstabs  und  in  den
Balkankriegen  1912/13  den  Oberbefehl,  den  er  nach
Lrmordung  seines  Vaters,  König  Georgs  I.,  18.  März
1913,  als  König  beibehielt.  Am  12.  Juni  1917  wurde
er  von  der  Entente  gezwungen,  zugunsten  seines
Sohnes  Alexander  abzudanken;  s.  Griechenland.

Kolumbien  —  Kosch

Konstanza,  rumän.  Stadt,  s.  Constanza.

Kontaktmine,  s.  Seeminen.

Konterbande,  s.  Bd.  I,  S.  368.

Kontribution,  vom  Feinde  auferlegte  Geld=  oder
Naturalleistung  als  Strafe  oder  Steuern,  darf  nur
auf  schriftlichen  Befehl  unter  Verantwortlichkeit  eines
kommandierenden  Generals  erhoben  werden.

Konzentrationskabinett,  Regierung,  in  der  alle
Parteien  vertreten  sind,  auch  -Kabinett  der  nationalen
Einheite,  wurde  im  Kriege  in  England,  Italien.
Spanien  usw.  gebildet,  um  größeren  Resonanzboden
in  der  Nation  zu  haben.

Konzentrationslager,  im  Burenkrieg  (1899)
von  den  Engländern  erstmalig  errichtete  Sammellager,
  in  denen  die  Zivilbevölkerung  der  Burenstaaten
entgegen  den  Gesetzen  des  Völkerrechts  gefangengehalten
  wurde.  Im  Weltkriege  wurden  von  England
und  Frankreich  deutsche  und  österr.-ungar.  Staatsangehörige
  in  K.  gebracht.  Als  Vergeltungsmaßregel
richtete  Deutschland  Zivilgefangenenlager  (für  Engländer

  in  Ruhleben)  ein.

Köpriköt,  Stadt  im  türkisch-asiat.  Wilajet  Erzerum,
  am  Flusse  Aras.  Am  13.  Nov.  1914  erlitten
die  Russen  bei  K.,  das  11.  Nov.  von  den  Türken  er.
stürmi  worden  war,  eine  schwere  Niederlage.

Koerber,  Ernst  von,  österr.  Staatsmann,  geb.
6.  Nov.  1850  in  Trient,  gest.  5.  März  1919  in  Wien.
1897/98  Handelsminister.  1898  Minister  des  Innern.
war  1900  —04  und  Okt.  bis  Dez.  1916  Ministerpräsident.
  Vgl.  auch  Österreich-Ungarn,  S.  306.
Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  46.

Kordit,  f.-Schieß=  und  Sprengstoffe,  S.  173.

Korfn,  ionische  Insel,  durch  die  Verträge  1863.64
Griechenland  zugesprochen  und  dauernd  neutral  erklärt,
  wurde  11.  Jan.  1916  von  der  Entente  zur
Unterbringung  der  serb.  Armee  besetzt,  wogegen  Osterreich-Ungarn
  vergeblich  protestierte.

Korna  (Kurna),  Stadt  im  türkisch-asiat.  Wilaje
Basra,  am  Zusammenfluß  von  Euphrat  und  Tigris,
wurde  9.  Dez.  1914  von  den  Engländern  eingenom.
men  und  stark  Seestigl.

Korniloff,  Lew  Georgiewitsch,  russ.  General,
geb.  1870  in  Turkestan,  fünf  Jahre  Militäragent  in

hina,  bei  Kriegsausbruch  Div.-Kommandeur,  geriet
Mai  1915  in  österr.  Gefangenschaft,  entfloh  Aug.
1916,  wurde  März  1917  von  der  revolutionären  Reierung

  zum  Kommandeur  des  Petersburger  Mil.=ezirks

  ernannt,  verhaftete  die  Zarenfamilie,  wurde
Mai  Führer  der  8.  Armee  an  der  Südwestfront,  mit
der  er  Juni-Juli  vorübergehende  Erfolge  in  Galizien
  errang,  dann  Oberbefehlshaber  der  Südwestfront
  und  1.  Aug.  als  Nachfolger  Brussiloffs  Höchstkommandierender
  des  russ.  Heeres,  erhob  sich  gegen
Kerenski,  wurde  9.  Sept.  abgesetzt,  marschierte  im
Nov.  mit  Kerenski  gegen  Petersburg,  wurde  aber
12.  Nov.  bei  Barseose  Selo  von  den  Maximalisten
geschlagen  und  erlitt  24.  Dez.  im  Gouvernement  Charkow
  eine  entscheidende  Niederlage.

Kosaken  (Kasaken),  militär.  organisierte  Bölker,
früher  selbständig  und  später  dem  Zaren  unterworfen,
geographisch  benannt  (Donische  K.,  Astrachan-K.,

Lolga-K.,  Kleinrussische  K.,  Ural-K.  u.  a.).
waren  wichtig  für  die  Russifizierung  Sibiriens.  Die
Würde  des  Hawiuings  (Hetman,  Altester)  wurde
hoher  russ.  Beamtentitel.

Kosch,  bei  Kriegsausbruch  Komm.  der  10.  Div.  in
Posen,  wurde  8.Okt.  1914komm.  General  des  1.  A.-K.,
11.  Juni  1915  des  10.  Res.-Korps,  18.  Aug.  1916
        <pb n="297" />
        Kosmaj  —  Kriegerheimstätten

General  der  Infanterie,  28.  Aug.  1916  Führer  der
Donauarmee  in  Rumänien,  mit  der  er  über  Bukarest
gegen  die  untere  Donau  vorbrang  und  Anfang  Jan.
1917  Bräila  eroberte,  April  1918  in  der  Krim.

Kosmaj,  Berg  in  Nordserbien,  südl.  von  Belgrad,
mit  stark  befestigter  Stellung  der  Serben,  wurde  22.
Okt.  1915  von  der  Armee  Koevess  erstürmt.

Kostajuik,  Gemeinde  und  Berg  in  Serbien,  stark
befestigter  Stützpunkt,  wurde  nach  vergeblichem  Sturm
(15.  u.  16.  Sept.)  8.  Nov.  1914  von  den  im  Westen
Serbiens  eingedrungenen  österr.-ungar.  Truppen  erstürmt,
  was  den  Fall  von  Krupanj  zur  Folge  hatte.

Koester,  Adolf,  Kriegsberichterstatter,  Mehrheitssozialist,
  geb.  8.  März  1883  in  Verden,  1912—14  Privatdozent
  der  Philosophie  an  der  Techn.  Hochschule  in
München,  seitdem  in  Blankenese  b.  Hamburg,  22.  April
1919  preuß.  Gesandter  in  Hamburg  und  Staatskommissar
  für  Schleswig-Holstein,  wurde  1920  Reichsmin.
d.  Ausw.  K.  verfaßte  Kriegsnovellen  u.  d.  T.:  TDer
Tod  in  Flanderne  (1914)  und  Brennendes  Blut-(1910),
  sowie  die  Liichsberichte  »Die  stille  Schlacht-(1915),-Wandernde
  Erde  (1917),-Die  Sturmschar
Falkenhayns  (1917)  u.  Mit  den  Bulgaren,  Kriegserlebnisse
  aus  Serbien  und  Mazedonien  (1917).

Kotur,  pers.  Stadt  nahe  der  türk.  Grenze,  Nov.=Dez.
  1914  umkämpft,  wurde  7.  Jan.  1915  von  den
Türken,  18.  März  1916  von  den  Russen  besegzt.

Koevess  von  Koevesfsháza,  Hermann,  Freiherr,
  österr.-ungar.  General,  geb.  30.  April  1854  in

emesvar,  1896  Oberst,  1907  Feldmarschalleutnant,
1911  General  der  Infanterie  und  komm.  General  in
Hermannstadt,  1916  Generaloberst,  Aug.  1917  Feldmarschall.
  An  der  Spitze  des  12.  Korps  focht  K.  auf
dem  nördl.  Kriegsschauplatz,  nahm  4.  Aug.  1915  als
Führer  einer  Armeegruppe  unter  v.  Woyrsch  Iwangorod,
  erhielt  Sept.  eine  Armee  gegen  Serbien  und
eroberte  den  Sandschak  Novipazar  und  Montenegro.
K.  vertrieb  dann  die  Italiener  aus  Durazzo  und  besetzte
  das  nördl.  Albanien.  An  der  Maioffensive  1916
gegen  Italien  hatte  K.  mit  seinem  Vorstoß  bis  über
Arsiero  und  Asiago  den  Hauptanteil.  An  der  Spitze
der  7.  Armee  focht  er  bis  Aug.  1917  in  den  Karpathen,
dann  wieder  in  Italien.  Sept.  bis  Okt.  1918  hatte  er
den  Oberbefehl  in  Serbien  und  Ungarn  inne.  —  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  181.

Kowel,  Kreisstadt  im  russ.  Gouv.  Wolhynien,
Knotenpunkt  der  Weichselbahn,  wurde  23.  Aug.  1915
von  der  Armee  Puhallo  besetzt;  über  die  weiteren
Kämpfe  um  K.  1916  vgl.  Bd.  II,  S.  205  ff.  K.  wurde
8.  Febr.  1919  von  den  Deutschen  geräumt;  seitdem
streiten  sich  PFolen  und  Russen  um  Eeinen  Besitz.

Kowno,  Hauptstadt  und  Festung  im  russ.  Gouv.
K.,  an  der  Mündung  der  Wilia  in  den  Njemen  und
der  Bahn  K.-Eydtkuhnen.  über  die  Eroberung  K.s
im  Aug.  1915  vgl.  Bd.  III,  S.  62  sowie  Bd.  I,  S.  229f.
K.  wurde  Jan.  1919  Sitz  der  litauischen  Regierung.

K.  R.  A.,  amtl.  Abk.  für  Kriegsrohstoff-Abteilung.

Krafft  von  Delmensingen,  bayr.  General,
wurde  1909  Oberst  und  Abt.-Chef  im  bayr.  Kriegsministerium,
  1911  Generalmajor  und  Komm.  der
4.  Artilleriebrigade,  1914  Generalstabschef  des  Kronprinzen
  Rupprecht  (6.  Armee),  1916  Führer  des
Alpenkorps  in  Galizien  u.  Rumänien,  Anfang  1917
Chef  des  Ceneralstabs  der  retprupe  Verzo
Albrecht  (Lothringen),  Nov.  1917  enerclstchbe
der  14.  deutschen  Armee  unter  Otto  v.  Below,  1918
der  17.  Armee  (Arrag).  ([Panzerwagen.

Kraftfahrzenge,  s.  Bd.  I.  S.  279  ff.  Vgl.  auch

267

Kragnjev#e,  Stadt  in  Serbien,  an  der  Lepenica.
wurde  31.  Okt.  1915  von  der  Armee  Gallwitz,  26.
Okt.  1918  von  franz.-serb.  Abteilungen  erobert.

Krakan,  Stadt  und  Festung  in  Westgalizien,  an
der  Weichsel  und  der  Bahn  K.-Lemberg-Wien.  Der
Raum  um  K.  war  Nov.  1914  der  Ausgangspunkt
der  österreich.  Offensive  gegen  die  Russen;  vgl.  S.  53  f.

Kraljevo,  Flecken  an  der  Serb.  Morava,  wurde
6.  Nov.  1915  von  deutschen  Truppen  der  Armee  Koevess
erobert;  30.  Okt.  1918  zogen  die  Serben  in  K.  ein.

Kramersch  (Kramarcz),  Karl,  tschech.  Politiker,
  geb.  27.  Dez.  1860  in  Hochstadt  geunmeng  Jurist,
seit  1891  im  Reichsrat,  1894  im  böhmischen  Landtag,
1897/98  Vizepräs.  des  österr.  Abgeordnetenhauses,
1906  Obmann  des  Tschechenklubs,  Gegner  des  Dreibundes
  und  fanat.  Verfechter  des  Panslawismus,  Mai
1915  wegen  Hochverrats  verhaftet,  Dez.  mit  Vermögensbeschlagnahme
  belegt,  Juni  1916  zum  Tode
verurteilt,  aber  zu  lebenslänglichem  Kerker  begnadigt
und  März  1917  durch  Amncttieerlas  in  Freiheit  gesetzt,
  war  Nov.  1918  bis  Juli  1919  Ministerpräsident.
Vgl.  Wichtl,  K.,  der  wahre  Anstifter  des  Weltkrieges
  (Münch.  1818).

rankenpflege,  s.  Rotes  Kreuz,  Lazarett,  Kriegsbeschädigte,
  ferner  Bd.  I.  S.  311  und  282  ff.

Kräáfunik,  Stadt  im  russ.-poln.  Gouv.  Lublin.  Am
25.  Aug.  1914  erlitten  hier  die  Russen  eine  schwere
Niederlage.  Anfang  Juli  1915  entspannen  sich  im
Raume  von  K.  neue  garinächee  Känipfe,  die  zum  Rückzug
  der  Russen  führten.

rauß,  Alfred,  österr.-ungar.  General  u.  Mil.-Schriftsteller,
  geb.  1862  in  Zara,  1913  Feldmarschallleutnant
  und  Komm.  der  Kriegsschule,  bei  Kriegsausbruch
  Befehlshaber  der  29.  Inf.-Div.,  vernichtete
6.  Sept.  1914  die  serb.  Timokdivision  bei  Mitrowitza
und  betelligte  sich  an  den  Kolubarakämpfen.  Nach
Potioreks  Rücktritt  Generalstabschef  der  5.  Armee
(Erzh.  Eugen)  in  Serbien  und  1915/16  gegen  Italien,
führte  K.  dann  das  1.  Korps  am  Isonzo  und  nach  der
12.  Isonzoschlacht  die  Armeegruppe,  die  die  Italiener
Nov.  1917  bis  an  die  Brenta  zurückwarf.

Kredithilfe,  s.  Kriegsdarlehnskassen  sowie  Bd.  I,

Kreisel,  s.  Gyroskop.  [S.  389  u.  411  ff.

Kremenec,  Stadt  in  Wolhynien,  s.  Ikwa.

Kreß  von  Krefsenstein,  Friedrich,  Freiherr
von,  bayr.  Generalstabsoffizier,  geb.  1868,  1914—17
Oberst  und  Veneralstabsches  in  Palästina,  1918  Führer
  der  deutschen  Kaukasustruppen  in  Tiflis.

Krenzbergsattel,  wichtiger  Alpenübergang  an
der  ital.-kirol.  Grenze,  war  Juni  bis  Okt.  1915  umstritten;
  ein  Einbruch  gelang  den  Italienern  nicht.

Krenzer,  Kriegsschiff  für  den  Aufklärungsdienst
bei  der  Schlachtflotte  und  für  den  Handeskrieg.  Val.
Bd.  L,  S.  241.  —  Krenzerkrieg,  s.  Bd.  1I,  S.  268.

Krenzuacher  Abmachungen,  die  zwischen  den
militärischen  und  politischen  Leitungen  Deutschlands
und  Osterreich-Ungarns  17./18.  Mai  1917  in  Kreuznach
  getroffenen  Vereinbarungen  über  die  Kriegsziele.

Krenz-Pfennig-Sammlung,  Sammlung  des
Roten  Kreuzes,  die  durch  Verkauf  von  Kreuz-  r  ennig-Marken
  zum  Aufkleben  auf  Briefe,  bes.  in
Vahnbofsbuchgandlungen,  Warenhäusern  und  Gastwirtschaften,
  Geld  für  die  Kriegsfürsorge  aufbrachte.

Kriegerehrungen,  s.  Heldenehrung.

Kriegerheimstätten.  Nach  den  Grundsätzen  des
Hauptausschusses  für  K.  (Juni  1915)  sollen  den
Kriegsteilnehmern  Wohnheimstätten,  d.  h.  Kleinhäuser
  mit  Nutzgärten,  und  Wirtschaftsheim-
        <pb n="298" />
        268

stätten,  d.  h.  gärtnerische  oder  landwirischaftliche
Anwesen  für  besonders  geeignete  Bewerber,  gegen
unkündbare  Bodenrente  gegeben  werden.  —  In  der
Heimstättenbewegung  sind  besonders  der  Großberliner
Verein  für  Kleinwohnungswesen,  die  Deutsche  Gesellschaft
  für  Bevölkerungspolitik  und  der  Bund  Deutscher
  Bodenreformer  anregend  und  fördernd  tig
Die  gelegliche  Grundlage  fär  die  Schaffung  von  K.
bot  das  Kapitalabfindungsgesetz  vom  3.  Juli  1916,
das  Kleinsiedlungsgesetz  1919.  Hindenburgs  großer
Plan  einer  Kriegerkolonialsiedlung  in  Kurland  (2.
Juli  1918)  scheiterte  an  den  neuen  Verhältnissen;
ebenso  misllang  der  Plan  des  Grafen  v.  d.  Goltz,  1919
seine  Freiwilligenarmee  in  Lettland  anzusiedeln.  In
Sachsen  wurde  5.  Mai  1916  ein  -Gesetz,  die  Ansiedlung
  von  Kriegsteilnehmtern  betr.  erlassen  und  eine
Landessiedlungsstelle  errichtet.  Nachdem  in  Art.  155
der  Reichsverfassung  vom  11.  Aug.  1919  dem  Reiche
die  überwachung  der  Bodenverteilung  und  -nutzung
übertragen  worden  war,  wurde  im  Dezember  1919  ein
„Reichsheimsstältengesetz=  als  Rahmengesetz  für  diesen
Zweig  der  Gesetzgebung  erlassen.  Vgl.  Beuster,
Städt.  Siedlungspolitik  nach  dem  Ar,ege.  (Berl.  1916).
S.  auch  Innere  Kolonisation  und  Heldenheime.
Kriegführung.  über  die  internationalen  Vereinbarungen
  betr.  der  K.  nach  den  Haager  Abkommen
s.  Bd.  1.  S.  365.
Kriegsabzeichen,  s.  Kriegsorden,  Bd.  I,  S.  355  ff.,
serner  Karl--Truppenkreuz,  ernundeeienabzeäichen.
Kriegsamt,  am  2.  Nov.  1916  errichtete  Abteilung
des  preuß.  Kriegsministeriums,  dem  alle  Angelegenheiten
  für  die  Beschaffung,  Verwendung  u.  Ernährung
der  für  die  Kriegsindustrie  arbeitenden  Arbeiter,  die
Beschaffung  von  Rohstoffen,  Waffen  und  Munition
sowie  die  Ersatzangelegenheiten  übertragen  wurden.
Dem  K.  wurden  unterstellt  das  Arbeitsamt,  die  Feldzeugmeisterei,
  die  Wumba  (Waffen=  u.  Munitions-Beschaffungs-Amt),
  Kriegsrohstoffabteilung,  Fabrikabteilung,
  die  Abteilungen  für  Ersahwesen,  Bollsernährungsfragen,
  für  cgelung  des  Hilfsdienstes  der
Frauen  und  für  Ein=  und  Ausfuhrwesen;  unter  ihm
arbeiteten  bei  den  einzelnen  Generalkommandos
Kriegsamtsstellen.  Erster  Chef  des  K.es  war
General  Groener,  ihm  folgte  16.  Aug.  1917  General
Schefüch.  Am  22.  Dez.  1916  wurde  auch  im  bayrischen
  Kriegsministerium  ein  K.  errichtet.  —  Vgl.  auch
„Deutsche  Organisation  im  Kriegee,  Bd.  II,  S.350ff.
Kriegsanleihe.  Die  alle  bisherigen  Verhältnisse
berschreitende  Ausdehnung  des  Krieges  machte  es
von  vornherein  unmöglich,  die  Kriegskosten  allein  oder
auch  nur  zu  gewissem  Teile  durch  Echöhung  der
Steuererträ  r7!lr  decken  zu  wollen;  auch  die  z.  B.  von
Frankreich,  land,  Osterreich-  Ungarn  ins  Werk
esetzte  vermehrte  Notenausgabe  stellte  nur  einen  Anangsbehelf
  dar.  Es  mußte  vielmehr  überall  auch  zur
K.  gegriffen  werden.
inen  Überblick  über  die  von  Deutschland  auf.-Eletten
  ersten  drei  Ken  gibt  die  Tabelle  in  Bd.  I,
.  414;  die  Ergebnisse  sämtlicher  neun  K.n  waren:
.  K.,  Sept.  1914

Kriegführung  —

1I,18  Mill.  Zeichnungen  4460  Mill.  Mark

2.  K.,  März  1915  2,,00  -  -  90600  -
3.  K.,  Sept.  -  3,07  „  -  12  101

4.  K.,  Febr.  1916  6,20  =  10712  -
5.  K,  Sept.  3,61  -  -  10052  —
6.  K.,  März  1917  7,06  =  -  13122
7.  K,  Seprt.  5,52  „  -  12  626  -
8.  K.,  MärzH  1618  6,87  „  -  15001  -  -
.  A,  Sept.,  2  10443  „

Zusammen:  98077  Mill.  Mark

Kriegsbeschädigte

Die  Zeichnungen  auf  die  von  Osterreich-Ungarn
aufgelegten  K.n  hatten  folgende  Ergebnisse  (in  Millionen
  Kronen):  Osterreich:  Ungarn:

1.  Kriegsanleihe,  Nov.  1919.  2201  1175
2.  -  Mai  1915  2688  1132
8.  -  Oft.  ·  42103#  1970
4.  ·  April  1916.  4520  2000
5.  -  Noo  4407  2800
6.  -  Mai  1917  4900  2500
7.  -  Nov.  -  56802  #600

Zusammen:  28723  14677

striegsauleiheversicherung.  Um  die  Kriegsfinanzierung
  zu  stärken  und  zugleich  dem  Sparer  ohne
besondere  Belastung  die  Vorteile  einer  Kapitalsanlage
durch  Kei,geankeige  zu  verschaffen,  wurde  bei  der  6.
deutschen  Kriegsanleihe  eine  K.  nach  österr.  Vorbild
eingeführt,  wobei  der  Sparer  sich  dadurch  an  der  Anleihe
  beteiligte,  daß  er  eine  Lebensversicherung  abschloß.

Krieg#artikel,  kurze  Pflichtenlehre  für  Soldaten
sowie  Auszug  aus  dem  Militärstrafgesetzbuch.

Kriegsausschuß  der  deutschen  Jndustrie,
s.  Arbeitslosenfürsorge;  vgl.  auch  Bd.  II,  S.  351.—
Ein  österr.  Kriegsausschuß  der  chemischen  Industrie
wurde  Dez.  1914  gegründet.

Kriegsansstellung,  Jan.  1916  mit  Unterstützung
des  preuß.  Kriegsministeriums  vom  Zentralkomitce
der  Vereine  vom  Roten  Kreuz  veranstaltete  Ausstellung
  in  Berlin,  die  als  Wanderausstellung  auch  anderen
  größeren  Städten  zugänglich  gemacht  wurde.

Kriegsauszeichnungen,  s.  Kriegsorden,  Bd.  I.  S.
355  ff.,  u.  Karl-Truppenkreuz,  Verwundetenabzeichen.

Kriegsberichterstatter,  Schriftsteller,  die,  von
der  Heeresleitung  zu  den  Kriegsschauplätzen  zugelassen,
  regelmäßige  (amtlich  geprlifte)  Berichte  über  den
Verlauf  des  Krieges  an  die  großen  Zeitungen  erstattet
und  meistens  auch  Kriegsberichte  in  Buchform  veröf.
fentlicht  haben.  Die  bekanntesten  deutschen  K.  waren:
H.  Binder,  R.  Brandt,  K.  Egli,  W.  Feldmann,  L.  Ganghofer,
  O.  v.  Gottberg.  W.  Hegeler,  P.  O.  Höcker,  J.
Hoppenstedt,  H.  Kassch  A.  Koester,  H.  Kyser,  P.  Lindenberg.
  G.  Frhr.  v.  Ompteda,  W.  Reinhardt,  K.  Rosner,
C.  Roß,  W.  Scheuermann,  K.  H.  Strobl,  Tanner,  G.
Wegener,  A.  Zimmermann;  österr.:  Adelt,  Beermann,
  Bitiner,  Busson,  Geier.  Kirchlehner,  Langstein,
Mach,  Nowak,  Roda  Noda.  Bgl.  Eberhard  Buchner,
Kriegsdokumente  (Bd.  1—8.  Münch.  1914—18).

Kriegsbeschädigte.  Die  allgemeinen  Grundsätze
der  K.  nfürsorge  sind  Bd.  I,  S.  396f.,  für  Osterreich
Bd.  II,  S.  408  f.  dargestellt.  Für  die  in  Preußen  auf
Grund  ministerieller  Erlasse  vom  30.  Jan.  u.  5.  März
1915  gebildeten  Organisationen  zur  K.nfürsorge
  wurden  am  10.  Mai  1915  vom  Ministerium
Richtlinien  aufgestellt.  Danach  traten  neben  die  Behörden
  (Versorgungsämter  bei  den  Generalkommandos,
  Versorgungsabteilungen  bei  den  Ersatzformationen
  und  Bezirkskommandos,  Regierungspräsidenten
  usw.)  die  gesetzlichen  Vertretungen  von  Handel,
Industrie,  Handwerk  und  Landwirtschaft,  die  Organe
  der  Arbeiter=  und  Angestelltenversicherung,  der
nicht  gewerbsmäßigen  Arbeitsvermittlung  und  der
Arzteschaft.  Fürsorgeausschüsse,  an  denen  besonders
  auch  die  Arbeilgeber  beteiligt  wurden,  regelten
im  einzelnen  die  zu  treffenden  Maßnahmen.  Die
Kosten  hatten  Reichs-  und  Provinzmittel,  private  Beisteuern
  usw.  nach  Verhältnis  zu  tragen.  Hauptausgoben
  der  Fürsorgetätigkeit  waren:  Heilbehandung

  (Nachbehandlung  der  Verwundeten  in  den  Lazaretten,
  überweisung  von  Nerven-,  Herz=  und  Lungen-
        <pb n="299" />
        Kriegsbesoldungsordnung  —  Kriegsdarlehnskassen

kranken  an  Sonderanstalten  oder  Kurorte,  Beschaffung
von  Ersatzgliedern  auf  Kosten  der  Heeresverwaltung
Weiteres  s.  Arztliche  Kriegsbeschädigtenfürsorge,

.  175ff.),  Berufsberatung  (durch  Lehrer  an  gewerblichen,
  kaufmännischen  und  landwirtschaftlichen
Fach-  u.  Fortbildungsschulen,  Gewerbeaufsichtsbeamte,
Eigentümer  und  Beamte  industrieller  Betriebe,  Handwerksmeister
  usw.),  Berufsausbildung  (in  übungsund
  Lehrwerkstätten,  durch  gewerbliche,  landwirtschaftliche
  und  kaufmännische  Lehrkurse  sowie  allgemein
bildende  Vorträge)  und  Arbeitsvermittlung  (in
Anlehnung  an  die  öffentlichen  Arbeitsnachweise,  durch
Stellenanzeiger  für  Inpalide  sowie  Fühlungnahme
mit  den  auch  für  höhere  Berufe  in  Frage  kommenden
Verbänden  u.  Vereinigungen).  Eine  Zeitschrift,  =  Die
K.  fürsorge-,  seit  Okt.  1915  in  Berlin,  vermittelte
zwischen  den  einzelnen  Fürsorgeorganisationen  und
wirkte  für  einheitliche  Ziele.

Zur  Vertretung  der  Interessen  wurde  Juni  1918
in  Berlin  ein  Verband  deutscher  K.r  u.  Kriegsteilnehmer
  gegründet.  Der  k.u  Offiziere  nahm
sich  der  1915  gegr.  -Deutsche  Hilfsbund  für  k.  Osfiziere«
  und  der  1918  gegr.  „Deutsche  Offizierbunde
an.  Zur  Erleichterung  des  Fortkommens  wurde  die
Kapitalisterung  der  Renten  (Kapitalabsindungsgeset,
1916)  zugelassen  (vyl.  Kriegerheimstätten  Für  k.
Akademiker  sorgte  der  1914  gegr.  =  Akademische  Hilfsbunde,
  für  die  Kriegsblinden  die  1914  gegr.-Deutsche
Kriegsblindenstistunge.—  Die  Versorgung  der  Hinterbliebenen
  von  K.n  war  durch  Reichsgesetz  vom  31.
Mai  1901  geregelt.  Das  Jahr  1919  brachte  eine
Verordnung  über  sesiale  Kufürforge  (8.  Febr.)  und
die  Errichtung  eines  Ausschusses  für  K.n-  u.  Wigshin.
terbliebenenfürsorge  beim  Reichsarbeitsamt  (Febr.).—
Die  Volksspende  für  K.  (Ludendorffspende,  von
der  revolutionären  Regierung  im  Nov.  1918  in
F.  Volksspende=  umgetauft),  die  im  Mai  1918  150  Mill.
Mk.  brachte,  gibt  bedürftigen  K.n  Unterstützungen
durch  die  örtl.  Fürsorgestellen  des  Wohnbezirks.

Kriegsbesoldungsordunng,  eine  von  den  Kontingentsheeren
  bereits  im  Frieden  erlassene  Dienstvorschrift,
  die  die  mobilen  und  immobilen  Gehälter
und  Löhnungen  regelte.  Der  Reichstag  forderte  bereits
  am  25.  Aug.  1915  (ohne  Erfolg)  die  Vorlegung
eines  Gesetzentwurfs  zur  gesetzl.  Neuregelung  der  K.
Erst  1917  erfolgte  eine  Neuordnung.

Kriegsbente.  Unter  K.  ist  zu  verstehen:  1)  das
Kriegsmaterial,  d.  h.  die  eigentlichen  Kampfmittel
(Waffen,  Ausrüstungsstücke  usw.)  und  die  sonstigen
Hilfsmittel  der  Kriegführung  (Beförderungsmittel,
Vorräte  an  Lebensmitteln  und  Rohstoffen,  technische
Einrichtungen  und  Werkzeuge  usw.);  2)  die  erbeuteten
  Schriftstücke  und  Druckwerke.  Ersteres  verwaltet,
soweit  es  nicht  im  Kriegsgebiet  verwendet  oder  den
Depols  und  Waffenfabriken  zugeführt  wird,  das
Kriegsministerium,  letztere  verwertet  der  Generalstab.
Als  berechtigte  K.  kommen  nach  dem  Abkommen  der
Haager  Konferenz  nur  solche  Gegenstände  in  Frage,
die  den  kriegerischen  Zwecken  selbst  dienen.-  Ohne  weiteres
  gehört  hierher  alles  durch  die  Kriegshandlung
in  die  Hand  des  Gegners  fallende  Kriegsmaterial.
Im  übrigen  ist  die  Wegnahme  feindlichen  Eigentums
untersagt,  außer  in  den  Fällen,  wo  sie  durch  die  Erfordernisse
  des  Krieges  dringend  erheischt  wird.  Den
Kriegsgefangenen  können  daher  Waffen,  Pferde  und
Schriftstücke  militärischen  Inhalts  abgenommen  werden,
  aber  nicht  persönliches  Eigentum.  Ebenso  soll
das  Privateigentum  der  feindlichen  Bürger  und  Ge-269



meinden  sowie  das  Eigentum  der  dem  Gottesdienste,
der  Wohltätigkeit,  dem  Unterrichte,  der  Kunst  und
Wissenschaft  gewidmeten  Anstalten  geachtet  werden.
Dieses  darf  nur  aus  militärischen  Gründen  -beschlag
nahmt=  und  muß  nach  Friedensschluß  zurückgegeben
oder  in  Form  einer  Entschädigung  ersetzt  werden.
Von  dem  feindl.  Staatsvermögen  kann  das  besetzende
Heer  das  bare  Geld  u.  andere  Wertbestände,  Waffenniederlagen,
  Beförderungsmittel,  Vorratshäuser  u.
Lebensmittelvorräte  sowie  Überhaupt  alles  bewegliche
Eigentum  des  Staates,  das  geeignet  ist,  den  Kriegsunternchmungen
  zu  dienen,  in  eigenen  Besitz  nehmen.
—  über  das  Beuterecht  zur  See  s.  Bd.  1,  S.  367.
Kriegsblindenfürsorge,  s.  Kriegsbeschädigte.
Kriegsbriefmarken.  Durch  den  Krieg  sind  die
Briefmarken  in  verschiedener  Weise  verändert  und
erneuert  worden.  In  den  eroberten  Ländern  wurde
entweder  der  Vorrat  der  vorgefundenen  B.  mit  lüberdruck
  neuer  Werte  verwendet  od.  der  erobernde  Staat
führte  seine  eigenen  Briefmarken  mit  entspr.  Überdrucken
  ein.  So  gab  Deutschland  Aug.  1914  die  ersten
Besetzungsmarken  für  Belgien  aus,  deutsche  Marken
mit  schwarzem  Aufdruck  -Belgiene  u.  der  Wertangabe
in  Franken  bzw.  Centimes.  Die  im  Osten  seit  Mai
1915  ausgegebenen  Briefmarken  mit  der  Aufschrift
„Rusfsch-Palrn-  wurden  nach  den  deutsch-österr.  Erfolgen
  durch  solche  mit  dem  Aufdruck  Gen.-Gouv.
Warschau=  bzw.-Postgebiet  Ob.-Osta  ersetzt,  während
für  den  österr.-ungar.  Verwaltungsbezirk  bosnische
riefmarken  mit  dem  überdruck  -K.  u.  k.  Feldpostausgegeben
  wurden.  Für  Serbien  wurden  bosnische
Marken  mit  Aufdruck-Serbiene  verwendet.  Vielfach
wurden  Rote-Kreuz-Marken  ausgegeben,  bei
denen  die  erhobene  Zuschlagsgebühr  dem  Roten  Kreuz
zugute  kam,  oder  Kriegswohltätigkeitsmarkene  mit
Ausschlag  für  die  Hinterbliebenenfürsorge,  so  bes.  in
Osterreich-Ungarn,  in  der  Schweiz,  Deutschland  usw.
Viele  Neuausgaben  von  K.  sollten  durch  Abgabe
an  Sammler  die  Staatseinnahmen  vermehren,  z.  B.
in  Ungarn  und  Belgien  (soweit  es  nicht  besetzt  war).
Besonders  zahlreich  waren  aber  die  Neuausgaben  in
der  Türkei,  die  1914  sieben  verschiedene  Erinnerungsmarken
  anläßlich  der  Uufhebung.  der  Kapitulationen,
1915  über  90  neue  Brief=  und  Wohltätigkeitsmarken,
1916  fünf  Erinnerungsmarken  aus  Anlaß  der  Eroberung
  der  Halbinsel  Sinai  u.  eine  Jubiläumsausgabe
zum  50jähr.  Bestehen  der  türk.  Post  herausgab.  Auch
Stadtpostmarken  wurden  in  den  von  deutschen
Truppen  besetzten  Städten  verausgabt,  z.  B.  in  Valenciennes
  und  Warschau;  ebenso  Kriegsmarken  in
Gefangenenlagern  (Ruhleben)  u.  a.  —  Neue  Ausgaben
von  Briefmarken  überhaupt  riefen  später  die  Umwäl.
zungen  in  den  verschiedenen  europ.  Ländern  hervor
(Moldauregierung,  Polen,  Litauen,  Ukraine,  Jugoslawien
  usw.).
Kriegsbrot,  das  nach  den  Vorschriften  des  Bundesrats
  vom  5.  Jan.  1916  hergestellte  Brot  (s.  d.).
Kriegsbrücken,  s.  »Das  Pionierwesene,  Bd.  II,
Kriegschemie,  s.  Chemie.  (S.  272ff.
Kriegschirurgie,  s.  den  Aufsatz  Bd.  II,  S.  300ff.
Kriegsdarlehuskassen,  s.  Bd.  I.  S.  383,  389,
412.  —  In  Österreich  wurde  eine  Kriegsdar#kehns.
kasse  mit  33  Geschäftsstellen  Sept.  1914  errichtet,
deren  Verwaltung  unter  Oberaussicht  des  Finanzministers
  der  Osterreichisch-Ungarischen  Bank  übertragen
  wurde;  vgl.  Bd.  L,  S.  405  u.  412.  Bis  31.  Juli
1919wurden  an  Darlehen  ausgezahlt  690939330  Kr.,
zurückgezahlt  237  875245  Kr.
        <pb n="300" />
        270

Kriegsdichter.  Als  K.  sind  besonders  hervoretreten:
  Max  Barthel,  Walter  Flex,  Gorch  Fock,
ax  Jungnickel,  Leo  Sternberg,  Oskar  Wöhrle,  Heinrich
  Zerkaulen,  Hugo  Zuckermann  und  die  sog.  Arbeiterdichter
  Heinrich  Lersch,  Karl  Bröger,  Alfons
Petzold  (s.  die  Einzelartikel).  —  Gute  übersichten  über
die  deutsche  Weltkriegslyrik  boten  in  der  „Schönen
Literatur=  (Leipz.  1914  f.)  E.  Jäger  u.  (1915—16)
R.  G.  Haebler,  im  =  Literarischen  Echo=  (Berl.  1914
bis  1918)  J.  Bab.  (sorge.

Kriegselterugeld,  s.  Kriegshinterbliebenenfür-Kriegsentschädigung,

  die  mischädigung  die
der  besiegte  Staat  dem  Sieger  zwecks  latung
seiner  Kriegskosten  zu  zahlen  hat  (vgl.  Bd.  I.  S.  386).
Der  von  Rußland  in  seinem  Friedensangebot  1917
aufgestellte  Grundsatz  eines  Friedens  ohne  K.
wurde  zwar  von  allen  kriegführenden  Regierungen
angenommen,  die  Alliierten  stellten  aber  stalt  dessen
das  Prinzip  der  -Wiedergutmachungen.  (reparations)
  auf,  die  nichts  anderes  als  verschleierte  K.
sind.  S.  auch  Bd.  III,  S.  145.

Kriegserklärung,  die  förmliche  Ankündigun
der  Aufhebung  des  Friedenszustandes  zwischen  zw
Staaten.  Die  K.  wird  vielfach  durch  Abberufung  der
Gesandten  nach  Ablauf  eines  mit  Kriegsandrohung
versehenen  Ultimatums  oder  durch  den  Beginn  der
Feindseligkeiten  ersetzt.  So  eröffnete  im  Weltkriege
Rußland  die  Feindseligkeiten  speen  Deutschland  ohne
vorausgegangene  K.  durch  Angriff  auf  die  deutsche
Eisenbahnbrücke  bei  Eichenried  am  1.  Aug.  1914,
Frankreich  am  2.  Aug.  1914  durch  Besetzung  der
Grenzorte  Gottesthal,  Markirch  und  Metzeral,  endlich
Rußland  am  29.  Okt.  1914  gegen  die  Türkei  mit  dem
Angriff  der  Schwarzen-Meer-Flotte  auf  türk.  Schisfe.
Zwischen  Deutschland  und  Belgien  trat  der  Kriegszustand
  am  3.  Aug.  1914  ein,  nachdem  das  deutshhe
Ultimatum  vom  2.  Aug.  bezüglich  freien  Durchzugs
der  deutschen  Truppen  durch  Belgien,  abgelehnt  worden
  war.  —  Rechtliches  s.  Bd.  I.  S.  864.

Im  Weltkrieg  erfolgten  K.en  1914:  28.  Juli  Österreich-Ungarn
  an  Serbien,  1.  Aug.  Deutschland  an
Rußland,  3.  Aug.  Deutschland  an  Frankreich,  3.  Aug.
Belgien  an  Deutschland,  4.  Aug.  England  an  Deutschland,
  6.  Aug.  Osterreich-Ungarn  an  Rußland,  6.  Aug.
Deutschland  an  Serbien,  7.  Aug.  Montenegro  an
OÖsterreich-Ungarn,  9.  Aug.  Montenegro  an  Deutschland,
  10.  Aug.  Frankreich  an  Österreich=  Ungarn,  12.
Aug.  England  an  Österreich-Ungarn,  23.  Aug.  Japan
an  Deutschland,  24.  Aug.  Osterreich-Ungarn  an  Japan,
  28.  Aug.  Österreich-Ungarn  an  Belgien,  3.  Nov.
Rußland,  Montenegro  und  Japan  an  die  Türkei,
5.  Nov.  England  und  Frankreich  an  die  Türkei,  7.  Nov.
Belgien  an  die  Türkei;  1915:  23.  Mai  Italien  an
Osterreich-Ungarn,  20.  Aug.  Italien  an  die  Türkei,
14.  Okt.  Bulgarien  an  Serbien,  15.  Okt.  England  an
Bulgarien,  16.Okt.  Frankreich  an  Bulgarien,  18."Okt.
Italien  an  Bulgarien,  22.  Okt.  Rußland  an  Bulgorien.
  1916:  9.  März  Deutschland  an  Portugal,  26.

lug.  Italien  an  Deutschland,  27.  Aug.  Rumänien  an
Österreich-Ungarn,  28.  Aug.  Deutschland  an  Rumänien,
  31.  Aug.  Türkei  an  Rumänien,  1.  Sept.  Bulgarien
  an  Rumänien;  1917:  6.  Upril  Verein.  Staaten
an  Deutschland,  14.  Aug.  China  an  Deutschland  und
OSsterreich-Ungarn,  23.  Sept.  Haiti  an  Deutschland,
28.  Okt.  Brasilien  an  Deutschland,  7.  Dez.  1917  die
Vereinigten  Staaten  an  Osterreich-Ungarn;  1918:23.
April  Guatemala  an  Deutschland,  7.  Mai  Nicaragua
an  Deutschland,  24.  Mai  Costarica  an  Deutschland.

Kriegsdichter  —  Kriegsgefangene

Kriegsernährungsamt  (K.  E.  A.),  laut  Ermächtigung
  des  Bundesrats  vom  22.  Mai  1916  vom
Reichskanzler  errichtetes  Reichsamt  zur  Verkehrs-  und
Verbrauchsregelung  aller  Lebens-  und  Futtermittel.
An  die  Spitze  wurde  ein  Präsident  (1916—17  v.  Batocki,
  1917—  18  v.  Waldow,  Nov.  bis  Dez.  1918
Wurm,  13.  Febr.  bis  5.  Sept.  1919  Robert  Schmidt)
gestellt,  dem  ein  »Beirat«  zur  Seite  trat.  Das  K.
wurde  am  5.  Sept.  1919  mit  dem  Reichswirtschaftsamt
  vereinigt.  Vgl.  Bd.  II,  S.  353.  —  Dem  K.  entsprachn
  Osterr.  das  Volksernährungsamttspäter
„  Staatsamt  für  Volksernährunge),  mit  Futtermittelzentrale,
  Zweigstelle  für  Heu  u.  Stroh  u.  Kartoffelstelle.

Kriegsersatzstoffe,  s.  Ersatzstoffe.

Kriegsersatz=  und  Arbeitsdepartement,  am
11.  Dez.  1916  errichtete  Abteilung  des  Vraust  Kriggsamts
  (s.  d.)  zur  Bearbeitung  der  Verteilung  der
Menschenreserven  auf  Heeresdienst  u.  Kriegswirtschaft.

Kriegsfeuerschiffe,  mit  Leuchtfeuern  und  Nebelsignalapparaten
  versehene  bewaffnete  Fahrzeuge,  die
an  besonderen  Stellen  der  Küste  abweichend  von  der
Friedenslage  das  Fahrwasser  bezeichnen.  [Seemächte.

Kriegsstotte,  s.  Bd.  I,  S.  235  u.  242  ff.  sowie  Art.

Kriegsfreiwillige.  Die  Zahl  der  bes.  zu  Beginn
des  Kries  freiwillig  auf  Kriegsdauer  zu  den  Waffen
sich  Meldenden  in  Deutschland  übertraf  die  von  1813
und  1870  absolut  bedeutend  —  1½  Mill.  —,  bes.
Studenten  und  Schüler  der  höheren  Lehranstalten.
Die  K.n  haben  das  Recht,  bei  eintretender  Demobilmachung
  ihre  sofortige  Entlassung  zu  verlangen,  andernteils
  findet  die  Entlassung  älterer  Jahrgänge  vor
Kriegsende  auf  sie  nicht  ohne  weiteres  Anwendung,
wurde  aber  fumeist  der  Binigen  halber  zugestanden.

Kriegsfürsorge.  Neben  die  staatl.  Einrichtungen
für  die  durch  den  Krieg  hervorgerufenen  körperl.  und
wirtschaftl.  Schädigungen.  wie  sie  im  Kriegssanitätswesen,
  den  staatlich  organisierten  Vereinen  vom  Roten
Kreuz  sowie  den  gesamten  Einrichtungen  der  Sozialpolitik
  gegeben  sind,  trat  von  Beginn  des  Krieges  an
sofort  eine  besondere  sowohl  staatliche  wie  private
Organisation,  die  alle  Gebiete  der  K.  umfaßte.  Ausführliches
  darüber  ist  in  dem  Aufsatz  -Kriegssozialpolitik
  in  Deutschlande,  Bd.  I.  S.  391  ff.,  für  Osterreich-Ungarn
  Bd.  II,  S.  407  f.  enthalten.  Einen

roßen  Anteil  an  der  allgemeinen  Kriegswohlahrtspflege
  hatten  insbes.  auch  die  Landesversicherungsanstalten
  durch  Unterstützung  des  Roten  Kreuzes,
  der  Arbeitslosen  u.  Hilfsbedürftigen,  der  Hinterbliebenen
  von  Kriegsteilnehmern  u.  a.  —  S.  auch
Kriegsbeschädigte  sowie  Bd.  I,  S.  431  (K.  in  Belgien)
und  S.  434  (K.  in  Polen).

Kriegsgebrauch,  das  im  Kriege  übliche  und  im
Völkerrecht  Erlaubte;  vgl.  Bd.  I.  S.  360  ff.  u.  429ff.
sowie  Bd.  II,.  S.  446  und  448.

Kriegsgefangene.  über  die  rechtl.  Bestimmunzen
  nach  der  Landkrie  sordnung  gemäß  dem  Haager

bkommen  von  1907  b  Bd.  I.  S.  365  (IV),  nach  dem
Seekriegsrecht  Bd.  I.  S.  370  (VII).  —  Die  Behandlung
  der  K.  n  wurde  durch  Kommissionen  des  Internat.
Komitees  vom  Roten  Kreuz  überwacht.  Schwere  Berstöße,
  besonders  Rußlands  und  Frankreichs,  gegen
die  völkerrechtlichen  Regeln  der  K.  n-Behandlung  (Üüberführung
  nach  Marokko  und  Sibirien,  mangelnde  Ernährung
  und  ärztliche  Versorgung,  Arbeitszwang  in
der  Feuerlinie,  Erpressung  militärischer  Aussagen)
wurden  von  Deutschland  durch  Repressipmaßnahmen
bekämpft,  wofür  die  Entente  im  Waffenstillstandsvertrag
  vom  15.  Jan.  1919  die  Bestrafung  der  dafür
        <pb n="301" />
        Kriegsgeld  —  Kriegsgesetze

Verantwortlichen  verlangte.  —  Auskunft  über  K.  während
  des  Krieges  erteilte  das  in  Zürich  errichtete  Bureau
de  renseignement  sur  les  prisonniers  de  guerre.
Der  Kriegsgefangenenaustausch,  d.  h.  die
gegenseitige  Rückgabe  der  K.n  durch  die  Regierungen
der  88  renden  Länder,  erfolgt  im  allgemeinen  erst
nach  Friedensschluß.  Der  Anregung  des  Papstes  war
ein  vorheriger  Austausch  der  dauernd  kriegsunbrauchbaren
  K.n  seit  Jan.  1915  durch  Vermittlung  der  neutralen
  Staaten  (Schweiz,  Niederlande,  Dänemark,
Schweden)  zu  danken.  Einen  großen  Fortschritt  bedeutete
  die,  deutscherseits  von  General  Friedrich  geleitete,
  deutsch  franz.  Abmachung  von  1918  über  den
Austausch  aller  länger  als  18  Monate  Gefangenen
(im  Waffenstillstandsvertrag  vom  11.  Nov.  1918  wieder
  aufgehoben).  Wesentlich  ist  die  Gegenseitigkeit  einer
derartigen  Gefangenenherausgabe;  indem  die  Entente
beim  Waffenstillstand  sofortige  Herausgabe  aller  K.n
durch  Deutschland  erzwang,  begab  sich  Deutschland
jeder  Möglichkeit  von  Represionkaßnahmen  (vgl.  auch
Internierung).  Die  VBersorgung  und  Weiterleitung
der  1919  heimkehrenden  deutschen  K.  n  übernahm  die
Kriegsgefangenenheimkehr,  die,  vom  Vollsbund
zum  Schutze,der  deutschen  Kriegs=  u.  Zivilgefangenen
geleitet  (9  Mill.  Mk.  wurden  durch  das  Reich,  3  Mill.
durch  Sammlungen  aufgebracht),  in  den  größeren
Städten  Aufnahmestellen  an  den  Bahnhöfen  errichtete.
Um  den  Heimkehrenden  den  Wiedereintritt  ins  Erwerbsleben
  zu  erleichtern,  waren  150  Mill.  Mk.  bereitgestellt.
  Am  15.  Jan.  1919  war  der  Abtransport
der  in  Deutschland  befindlichen  635000  K.n  beendet,
die  in  der  Hand  der  Entente  befindlichen  850000  deutschen
  K.n  wurden  erst  seit  Anfang  Sept.  abtransportiert,
  Frankreich  begann  mit  dem  Abtransport  erst
nach  Austausch  der  Ratifikationen  (10.  Jan.  1920)
trotz  der  wiederholten  inständigen  Bitten  Deutschlands
um  früheren  Beginn  der  Auslieferung.  Literatur  vgl.
Kriegsgeld,  s.  Geld.  lauch  Bd.  II,  S.  383.
Kriegsgeschichte.  Die  Grundlage  der  künftigen
militärischen  Geschichte  des  Weltkrieges  bildet  das  vom
Großen  Generalstab  herausgegebene  Quellenwerk
  „Die  Schlachten  u.  Gefechte  des  Großen
Krieges  1914—18.=  (Berl.  1919),  das  alle  Gefechtshandlungen
  deutscher  Truppen  systematisch  zusammenträgt;
  auch  enthält  es  eine  Liste  der  deutschen  Feldtruppenteile
  usw.  Die  vom  Generalstab  begonnene
Sammlung  -Der  Große  Krieg
stellungen=  (Oldenb.  1917—19)  ist  nach  Erscheinen
von  14  Heften  eingestellt  worden.  Grundlegend  sind
ferner  die  Memoirenwerke  der  großen  Heerführer,
vor  allem  die  der  beiden  Generalstabschefs:  Erich  v.
Falkenhayn,  Die  Oberste  Heeresleitung  1914—16
in  ihren  wichtigsten  Entschliebßungen  (Berl.  1920),
und  Erich  Ludendorff,  Meine  Kriegserinmerungen
1914—18  (das.  1918).  Sehr  aufschkußreich  ist  auch
H.  v.  Kuhl,  Der  deutsche  Generalstab  in  Vorbereitung
  und  Durchführung  des  Weltkrieges  (Berl.  1920).
Kriegserinnerungen  des  ersten  Generalstabschefs  v.
Moktke  wurden  1919  angezeigt,  sind  aber  nicht  erschienen;
  dagegen  Hindenburgs  Memoiren  =  Aus
meinem  Leben=  (Frühjahr  1920).  Von  den  deutschen
Heerführern  haben  Kluck,  Bülow  und  Hausen  ihre
dienstlichen  Berichte  zur  Marneschlacht  veröffentlicht
(vgl.  Marneschlacht).  —  Zusammenhängende  Darstellungen
  des  militärischen  Kriegsverlaufs  begannen
  Hermann  Stegemann  (Geschichte  des  Krieges
(bisher  3  Bde.,  Stuttg.  1917—19.)]),  der  Schweizer
Oberst  Egli  (Zwei  Jahre  Weltkrieg,  Zürich  1917;

in  Einzeldar

271

Das  dritte  Jahr  Weltkrieg,  das.  1918),  Oberst  Fr.
Immanuel  (Ein  Jahr  Krieg,  Berl.  1915;  mehrfach
  fortgesetzt).  Volkstümliche  Darstellungen  lieferten
Anton  Fendrich  (Gegen  Frankreich  und  Albion,
4  Hefte,  Stuttg.  1917)  und  Kurt  Floericke  (Gegen
die  Moskowiter,  das.  1917,  4  Hefte).  —  Für  die  Geschichte
  des  Seekrieges  sind  in  erster  Linie  die  Erinnerungen
  der  Admirale  Alfred  v.  Tirpitz  ("Erinnerungene,
  Leipz.  1919)  und  Hugo  v.  Pohl  (Aus
Aufzeichnungen  und  Briefen  während  der  Kriegszeit-,
Berl.  1920)  grundlegend;  Memoir.  Reinhold  Scheers
erschienen  Frühjahr  1920.  Eine  Geschichte  des  U.Bootkrieges
  begann  Korvettenkapitän  A.  Gayer:  Die
deutschen  U-Boote  in  ihrer  Kriegführung  1914—18,
5  Hefte  (I:  Von  Kriegsanfang  bis  Febr.  1915,  Berl.
1920).  Über  den  Ostseekrieg  vgl.  Wieting,  Der  Ostseekrieg
  1914—18  (Berl.  1918).  Politisch  einseitig,
aber  sehr  lehrreich  ist  Graf  Ernst  v.  Reventlows
Buch  =  Der  Einfluß  der  Seemacht  im  Großen  Krieg:
(Berl.  1918).  über  die  technische  Seite  der  Kriegfühung
  voal.  Die  Technik  im  Weltkriege,  hrsg.  von
M.  Schwarte  (Berl.  1920).  Eine  Gesamtddarstellung
der  Geschichte  des  Krieges  erscheint  im  8.  Bande  der
2.  Aufl.  von  „Helmolts  Weltgeschichte-  (Leipz.
1920).  —  Vonösterreichischer  Seite  erschienen  als
Beihefte  zu  -Streffleurs  Militärblatt=  die  ausgezeichneten
  Osterreichisch-ungarischen  Kriegsberichte-(Wien
1914  ff.).  Den  Einleitungsfeldzug  der  4.  Armee  in
Rußland  im  Herbst  1914  beschrieb  Auffenberg-Komaxôw
  in  Aus  Österreich-Ungarns  Teilnahme
am  Weltkriegz  (Berl.  1914).  Vgl.  auch  A.  v.  Cramon,
  Unser  österr.-ungarischer  Bundesgenosse  im
Weltkriege  (Berl.  1920).

Die  ausländische  Kriegsgeschichtschreibung  steht
Frühjahr  1920)  noch  in  ihren  ersten  Anfängen;  in

ngland  erschienene  bedeutsame  Memoirenwerke
(Lord  French,  Lord  Fisher  u.  a.)  sind  in  Deutschland
noch  nicht  erhältlich.  Von  französischer  Seite
schrieb  der  Historiker  Hanotaux  ein  Lieferungswerk:
„DPhistoire  illustrée  de  la  guerre  de  1914.  (Par.
1914  ff.),  das  zeitlich  stark  bedingten  Wert  hat.

Kriegsgesellschaften  (Kriegsbedarfsaktiengesellschaften).
  Zwecks  Erfassung  und  Sichertellung
  von  Rohstoffen  und  Nahrungsmitteln  machte
ich  eine  allgemeine  durchgreifende  Organisation  nötig,
wie  sie  in  Bd.  II,  S.  350  ff.  dargestellt  ist.  Man  schritt
zur  Bildung  von  K.,  die  schließlich  alle  Bedarfsmittel
umfaßten  und  je  nach  ihrer  Art  dem  Reichsamt  des
Innern,  dem  Kriegsernährungsamt  und  dem  Kriegsamt
  unterstellt  wurden.  Letzteres  leitete  die  Kriegs.
rohstoffabteilung  sowie  die  Kriegsrohstoffgesellschaften.
Nach  Eintritt  des  Waffenstillstandes  wurden  die  (über
60)  K.,  nach  Ablehnung  der  Wisselschen  Planwirtschaft,
unter  Reichswirtschaftsminister  Schmidt  systematisch
abgebaut  und  aufgelöst.

egsgesetze,  auf  den  Krieg  bezügliche  Gesetze
und  Verordnungen;  bes.  die  Bestimmungen  über  die
Verschärfung  der  Strafen  für  militärische  ergehen  und
Verbrechen  im  Kriege,  beruhend  auf  dem  MStGB.
für  das  Deutsche  Reich  vom  20.  Juni  1872.

Als  eigentliche  K.  gelten  die  Strafgesetze  mit  Tatbeständen,
  die  dem  Friedensstrafrecht  fremd  sind:
Kriegsverrat,  d.  h.  Handlungen,  die  mit  dem  Vorsatz
begangen  sind,  der  feindl.  Macht  Vorschub  zu  leisten,
oder  den  deutschen  und  verbündeten  Truppen  Nachteile
  zuzufügen,  ferner  Verabredung  eines  Kriegsverrats,
  unterlassene  Anzeige  des  Vorhabens;  Gefährdung
  der  Kriegsmacht  im  Felde  oder  Förderung.
        <pb n="302" />
        272

des  Feindes  ohne  die  Absicht  des  Verrats  durch  vorsätzliche
  oder  fahrlässige  Berletzung  einer  Dienstpflicht;
verschärfte  Bestimmungen,  in  erster  Linie  Todesstrafe
bei  pflichtwidriger  Kapitulation  durch  Befehlshaber
und  Kommandanten;  Fernbleiben  versprengter  oder
freigewordener  Kriegsgefangener  von  ihrer  Truppe;
übergehen  zum  Feinde,  Fahnenflucht  vom  Posten  vor
dem  Geinde  oder  aus  einer  belagerten  Festung;  Flucht

aus  Feigheit  während  des  Gefechtes,  Verleitung  zur

Flucht  und  andere  verwandte  Fälle;  eigenmächtiges
Beutemachen;  Plünderung;  Verheerung  oder  Verwüstung;
  Beraubung  Gefallener,  Verwundeter,  Kranker,
  Kriegsgefangener;  Marodieren,  d.  h.  Bedrückung
der  Landeseinwohner  durch  Nachzügler;  Entweichen
Kriegsgefangener  unter  Bruch  dezkbrenworns,  Übertrelungen
  der  Eatlassungsbestimmungen.

Als  uneigentliche  K.  gelten  solche,  deren  für  den
Frieden  aufgestellter  Tatbestand  durch  Strafdrohung
verschärft  ist,  falls  sie  im  Felde«  begangen  werden.
Derartige  Strafverschärfungen  sind  vorgesehen  bei
unerlaubter  Entfernung  und  Fahnenslucht;  Ungehorsam
  mit  der  Folge  eines  erheblichen  Nachteils  oder
der  Gefahr  eines  erheblichen  Nachteils;  erschwerter
Gehorsamsverweigerung;  Widersetzung  und  Nöti--gung;
  tätlichem  Angriff  oder  Unternehmen  eines  tätlichen
  Angriffs;  Aufreizung  und  Aufwiegelung;  Erregen
  von  Mißvergnügen  in  Hekiehung  auf  den
Dienst;  Aufruhr;  Wachvergehen;  Verlassen  des  Platzes,
der  Wache,  eines  Kommandos  ohne  Erlaubnis.  Landesverrat
  im  Felde  wird  als  Kriegsverrat  mit  höherer
Strafe  bedroht;  Diebstahl,  Unterschlagung,  Körperwelesung
  u.  Sittlichkeitsvergehen  im  Felde  sind  ohne
Strafantrag  verfolgbar.

Kriegsgetreibegesellschaft,  im  Jan.  1915  in
Deutschl.  gegr.  Gesellschaft,  die  das  im  Reiche  beschlagnahmte
  Getreide  von  den  Landwirten  zu  den  Mühlen
8  bringen,  es  vermahlen  zu  lassen  u.  das  Mehl  dem

erbrauch  zuzuführen  hatte.  Vgl.  Bd.  L,  S.  425  u.
427.  —  Eine  ähnliche  Gesellschaft  war  in  Osterr.-Ungarn
  die  Kriegögetreide-Verkehrsgesellschaft.

Kriegsgewinnstener,  Sondersteuer  auf  den  während
  des  Krieges  erzielten  Vermögenszuwachs,  wurde
zuerst  1915  in  Bremen  eingeführt.  Da  der  eigentliche
„Kriegsgewinne  steuertechnisch  nicht  anders  zu  erfassen
ist,  stellt  die  K.  eigentlich  nur  eine  Vermögenszuwachssteuer
  mit  bes.  scharfer  Erfassung  der  hohen  Vermögensvermehrung
  dar.  (S.  auch  Deutsches  Reich,  Frankreich,
  Großbritannien,  Niederlande,  Osterreich.)

Kriegsgrenel,  s.  Kriegeligen,

Kriegshilfsbureau  des  k.  k.  Ministerinms
des  Innern,  im  Aug.  1914  geschaffene  Zentrale  für
private  Fürsorge  in  erreich  (Unterstützung  der  Familien
  von  Kriegskeilnehmern  und  der  Flüchtlinge  aus
den  vom  Feinde  besetzten  bzw.  evakuierten  Gebieten).

Kriegshilfsmarken,  bes.  in  Osterr.  Ungarn  vom
Kriegsfürsorgeamt  und  anderen  Hilfsorganisationen,
in  Polen  vom  Roten  Kreuzausgegebene  Siegelmarken,
deren  Ertrag  dem  Unterstützungsfonds  für  die  Hinterbliebenen
  gefallener  Leegstellnesmer  usw.  zufloß.

Kriegshinterbliebenenfürsorge.  Neben  den
staatlich  vorgesehenen  Maßnahmen  zur  K.  (vgl.  Bd.  J,
S.  398  f.)  schufen  die  Behörden  für  Jugendfürsorge
in  Deutschland  zahlreiche  Ausschüsse,  denen  mit  Unterstützung
  sozialer  Vereine  die  Organisation  von
Kriegspatenschaften  oblag.  Für  die  während
des  Krieges  geborenen  Kinder,  deren  Vater  gefallen
oder  durch  Kriegsbeschädigung  erwerbsunfähig  war,
wurden  von  den  Ausschüssen  Paten  gewählt,  die

Kriegsgetreidegesellschaft  —  Kriegslügen

einen  beliebigen  Betrag  10—14  Jahre  in  Form
eines  Patengeschenkes  als  Versicherungsprämie  in  die
„Deutsche  Volksversicherung  einzuzahlen  hatten.  Im
Dez.  1916  wurde  ein  Reichsverband  für  Kriegspatenschaften
  zur  Anwerbung  von  Kriegspaten  gebildet.
Für  das  bog  Kriegselterngeld  gelten  die  Be.
stimmungen  des  Militär-Hinterbliebenengesetzes  von
1907.  —  Bgl.  auch  Kriegsverschollenheit.
Kriegshunde,  dienen  im  Boten-,  Wacht.,  Zug=  u.
Sanitätsdienst.  Der  Meldehund  (s.Nachrichtenwesen-,
  S.  166)  überbringt  Meldungen  in  einer  Kapsel
am  Halsband.  Wachthunde  fanden  bei  manchen
Heeren  schon  länger  Verwendung.  So  benuptzte  Osterreich
  schon  seit  Jahren  im  Grenzdienst  Posten  hunde,
die  das  Anschleichen  anderer  Personen  durch  leises
Knurren  anzeigen.  Zughunde  dienen  im  belg.  Heer
und  in  den  Niederlanden  zur  Bespannung  von  Maschinengewehren.
  Als  Sanitätshunde  haben  die
K.  die  größte  Bedmung  erlangt.  Der  Sanitätshund
trägt  nur  ein  Halsband  mit  rotem  Kreuz,  bei  Nacht
noch  ein  Glöckchen.  Zum  Sanitätsdienst  werden  in
der  Regel  nur  vier  Rassen  abgerichtet:  deutscher
Schäferhund,  Dobermannpinscher,  Airedale-Terrier
  u.  Rottweiler.  Findet  der  Hund
einen  Verwundeten,  so  eilt  er  zu  seinem  Herrn  zurück
  und  gibt  ihm  durch  kurzen  Laut  oder  leises  Anstoßen
  Nachricht.  Der  Führer  nimmt  den  Hund  an
die  Leine,  und  dieser  strebt  so  schnell  zu  dem  Ver.
wundeten  zurück,  daß  der  Führer  geradezu  mitgezogen
wird.  Tausende  Verletzte  verdanken  die  Ergastung
ihres  Lebens  allein  dem  Sanitätshund.
Kriegsjahre,  s.  Krie  teilwefmer.
Kriegsinvalide,  s.  Kriegsbeschädigte.
Kriegskabinett,  ein  engerer  Ausschuß  des  Kabinetts
  zur  Behandlung  der  Kriegspolitik;  ein  K.  wurde
z.  B.  1916  in  England,  1917  in  Belgien  und  Frank
reich,  1918  in  Deutschland  gebildet.
eßsrosteu.  Im  Verhältnis  zu  früheren  Kriegen
  hat  der  Weltkrieg  ganz  ungeheure  Summen  an  K.
verursacht;  der  deutsch-französ.  Krieg  1870/71  kostete
Deutschland  1,56  Milliarde  Mark,  Frankreich  4  Milliarden
  K.  und  4  Milliarden  Kriegsentschädigung.
Über  die  K.  der  beteiligten  Staaten  ¾l  die  Einzelländer.
  —  über  die  Aufbringung  der  K.  in  Deutschland
vgl.  Bd.  I,  S.  386  f.,  in  Osterreich-Ungarn  Bd.  I.  S.
404  f.,  sowie  Artikel  Kriegsanleihe.
Kriegskreditbanken.  Die  Errichtung  von  K.
und  Kriegskreditkassen  zur  Gewährung  reinen  Personalkredits
  in  Deutschland  zu  Beginn  des  Krieges
stellte  sich  als  eine  Maßnahme  dar,  die  keinem  sonderlichen
  Bedürfnis  entsprach,  da  solche  Institute  bereits
in  den  Aktienbanken  und  in  den  Genossenschaften  vorhanden
  waren.  In  Österreich  jedoch  war  ihre  Inanspruchnahme
  verhältnismäßig  groß.  Hier  war  die
bedeutendste  die  Niederösterr.  Kreditbank  (Aktiengesell
schaft  mit  6,5  Mill.  Kr.)  und  die  Galizische  Kriegskreditanstalt
  (Grundkapital:  25  Mill.  Kr.).
Kriegsküchen.  Um  der  minderbemittelten  Bevölkerung
  Speisen  zu  mäßigem  Preise  zu  bieten  und  zugleich
  die  Nahrungsmittel  den  Volksmassen  gleichmäßiger
  zugänglich  zu  machen,  richteten  die  Stadtverwaltungen
  vieler  Großstädte  K.  für  Massenspeisungen
  ein,  die  meist  guten  Zuspruch  thatten.
Kriegsleistungen,  s.  Bd.  II,  S.  418  f.
Kriegslieder,  s.  Bd.  II,  S.  368  ff.
Krieolteferungen,  s.  Bd.  I,  S.  384.
Kriegslügen.  Schon  in  den  letzten  Jahrzehnten
vor  dem  Kriege  haben  ausländische  Bücher  u.  Zeitungen
        <pb n="303" />
        Kriegslyrik  —

die  Verhälknisse  in  Deutschland  nur  selten  den  Tatsachen
  entsprechend  dargestellt;  vielmehr  machte  sich
fast  durchweg  das  Bestreben  geltend,  Nachteiliges  oder
Schäden  Deutschlands  in  möglichst  grelles  Licht  zu
setzen  und  das  Gute  zu  verschweigen.  Je  heftiger  die
Gegensätze  waren,  die  zum  Kriege  geführt  haben,  mit
je  größerer  Erbitterung  deshalb  der  Kamopf  geführt
wurde,  je  größere  Volkskreise  durch  den  Krieg  in
Mitleidenschaft  gezogen  wurden,  je  stärker  deshalb
aber  auch  ganze  Völker  an  den  Kriegsereignissen  und
an  dem  endgültigen  Ausgang  des  Kampfes  Anteil
nahmen,  je  länger  das  Ringen  dauerte,  desto  stärker
wurde  auch  die  Abneigung  und  der  Haß  gegen  die
Feinde,  einen  desto  günstigeren  Boden  fanden  deshalb
auch  Greuelbeschuldigungen  und  allerhand  sonstige
phantastische  Ausgeburten  der  Massensuggestion.
Die  Leichtgläubigkeit  u.  der  verblendete  Haß  der  leicht
erregbaren  Romanen,  die  bei  unseren  angelsächsischen
»Veltern«  herrschende  Unkenntnis  über  fremde  Nationalitäten
  und  ihr  Hochmut  sowie  die  Unbildung  des
russischen  Volkes  gaben  für  Erscheinungen  der  Massensuggestion
  einen  weit  besseren  Nährboden  ab  als  das
dem  Deutschen  im  Bluteliegende  Bestreben,  nach  Möglichkeit
  gerecht  zu  sein  und  seine  ihm  oft  genug  zum
Verhängnis  gewordene  Fähigkeit,  sich  in  die  Seelen
fremder  Völker  hineinzudenken  und  hineinzufühlen.
Aber  auch  bei  uns  hat  sich  die  Massensuggestion  bemerkbar
  gemacht,  und  zwar  bes.  in  einer  anfänglichen
übertreibung  der  Schandaten  der  franz.-belg.  Franktireure
  und  der  russischen  Horden  in  Ostpreußen,  in
der  in  den  ersten  Wochen  aufgetretenen  Spionenfurcht,
die  zu  wilden  Jagden  auf  angebliche  Spione,  hier  und
da  auch  zu  Lynchversuchen  geführt  hat.  Diese  Erscheinungen
  machten  aber  bald  wieder  ruhigerer  Betrachtung
  der  Dinge  Platz.  Bei  den  Feinden  dagegen  zog
ein  systematischer  Lügenfeldzug  der  großen  Zeitungen,
  von  den  Regierungen  subventionierte,  die
Verachtung  u.  den  Haß  gegenüber  Deutschland  groß,
der  den  Krieg  gegen  uns  als  eine  im  Interesse  der  gesamten
  Menschhen  notwendige  Kulturtat  erscheinen
lassen  mußte  mit  dem  Zweck,  das  moralische  Ansehen
Deutschlands  in  der  Welt  zu  vernichten.  An  der  Hetze

egen  Deutschland  beteiligten  sich  in  bes.  Maße  auch
O4  franz.  Intellektuellen.  Bergson,  der  Philosoph,
prägte  für  uns  den  Namen  Barbaren  und  Hunnen.
Seitdem  hießen  die  Deutschen  in  den  Zeitungen  nur
noch  la  horde,  les  bandits,  les  apaches,  les  boches,
les  assassins.  So  mußte  eine  Auffassung  unserer
Gegner  vom  Kriege  entstehen,  wie  sie  ausführlich  in
Bd.  II,  S.  323  ff.  dargestellt  ist,  und  Handlungen
mußten  gerechtfertigt  erscheinen,  für  die  bes.  die  engl.
Kampfmethoden  gegen  uns  richtunggebend  waren
(vgl.  Bd.  II,  S.  335  ff.).  Der  Lügenfeldzug  wurde
immer  großzügiger  organisiert  u.  jede  unserer  Kriegshandlungen
  zum  Anlaß  genommen,  durch  Verdrehung
der  Tatsachen  („Kriegsgreuele;  vgl.  auch  Bd.  I.  S.
329)  die  Stimmung  der  feindl.  Völker  gegen  uns
dauernd  in  Siedehitze  zu  erhalten  (vgl.  auch  Bd.  II,
S.  331ff.)  u.  die  deutsche  Widerstandskraft  zu  lähmen.
Vgl.  Avenarius,  Das  Bild  als  Verleumder  (Münch.
1916);  R.  Gaupp,  Wahn  und  Irrtum  im  Leben  der
Völker  (Tüb.  1916);  A.  Hoche,  Seelische  Massenerscheinungen
  im  Kriege  („Deutsche  Revue-,  April
1916);  A.  Meister,  Der  Krieg  und  die  Lüge  (in
Pfeilschifter,  Deutsche  Kultur,  Katholizismus  und
Weltkrieg,  Freib.  i.  B.  1916);  P.  Rohrbach,  Massenverhetzung
  und  Volkskrieg  in  Belgien  (Berl.  1916).

Kriegslyrik,  s.  Bd.  II,  S.  373f.

Der  Arieg  1911/19.  111.

Kriegspsychose  273

Kriegsmaler,  von  der  deutschen  Obersten  Heeresleitung
  zum  malerischen  Festhalten  von  Kriegshandlungen
  im  Kampfbereich  zugelassene  Maler,  darunter:
Max  Bendorf,  Hugo  L.  Braune,  Artur  Kampf,  Adolf
Obst.  Georg  Schöbel,  Max  Slevogt,  Ungewitter,  Ernst
Zimmer,  Ernst  Volbehr,  Hans  v.  Hayek,  Ludwig  Dettmann,
  Otto  Heichert,  Karl  Becker,  Max  Fabian,  Max
Rabes,  Ludwig  Putz.  Als  freie  Maler=  waren  zuglassen
  Fritz  Erler,  Adolf  Heng.  Ferd.  Spiegel,

arl  Beegier  u.  a.  S.  auch  Bd.  I,  S.  349.

Kriegsmedaillen,  zu  Sammelzwecken  und  für
den  Dienst  der  kriegsfürsorglichen  Wohltätigkeit  geschaffene
  Gedenkzeichen,  in  denen  Führer  und  Ereignisse
  im  Wellkriege  verewigt  wurden.  Eine  Sammlung
  solcher  K.  (Kriegsschaumünzen)  veranstaltete
  die  Deutsche  Kriegsausstellung  1916.  Ferner
nennt  man  K.  die  Kriegsauszeichnungen  für  besondere
  Verdienste  im  Kriege;  vgl.  Bd.  I.  S.  356  ff.

Kriegsmetallaktiengesellschaft,  Kriegsgesellschaft
  zur  Versorgung  des  Heeres  mit  Metallen.  Vgl.

Kriegsmünzen,  s.  Geld.  (Metallzentrale.

Kriegsnagelungen,  s.  Kriegswahrzeichen.

Kriegsneurose,  s.  Verletzungsneurose.

Kriegsnotgeld,  s.  Geld.

Kriegsnotgesetze,  s.  Bd.  I.  S.  388  ff.

Kriegsnotspende,  Name  für  die  verschiedenen  im
Kriege  veranstalteten  Sammlungen  von  Privaten,  von
Städten,  Körperschaften  usw.  zur  Unterstützung  von
Kriegerfamilien;  iir  ftoffen  auch  die  Ergebnisse  der
Nagelungen  (val.  Kriegswahrzeichen)  u.  a.  zu.

K  en,  s.  den  Artikel  in  Bd.  I,  S.  355  ff.  u.
die  Tafel  dazu.  —  Im  Laufe  des  Krieges  sind  die  K.
noch  um  eine  Anzahl  vermehrt  worden.  U.  a.  wurde
in  Preußen  als  Kriegsauszeichnung  für  besonders
hohe  Verdienste  neben  dem  Pour  le  merite  auch  der
Schwarze  Adlerorden  verliehen.  In  Bayern
wurde  Jan.  1916  das  König-Ludwig-FKreuz  für
Verdienste  in  der  Heimat  gestiftet.  Vgl.  Die  K.  der
deutschen  Staaten=  (Leipz.  1919).  sorge.

Kriegspatenschaft,  ê  Kriegshinterbliebenenfür-Kriegspresseamt,

  eine  unmittelbar  der  Obersten
Heeresleitung  untersteh.  Dienststelle  in  Berlin,  gegr.
1.  Nov.  1915.  Sie  war  dazu  bestimmt,  das  Zusammenwirken
  der  Obersten  Heeresleitung  mit  den  Heimatbehörden
  auf  dem  Gebiete  des  Pressewesens  zu
erleichtern.  Späterhin  war  das  K.  mit  der  Oberzensurstelle
  verbunden.  Die  von  den  Zentralbehörden  ausgehenden
  Richtlinien  für  die  Handhabung  der  Zensur
wurden  vom  K.  (Oberzensurstelle)  den  Zensurstellen
übermittelt.  Die  für  das  K.  bestimmten  Sendungen
wurden  bei  Mitteilungen  und  Anfragen  allgemeiner
Art  in  der  Auskunftsstelle,  in  Sachen  der  Presseaussicht
  in  der  Oberzensurstelle  und  in  Angelegenheilen
  der  ausländ.  Presse  in  der  Auslandsstelle  erledigt.
  Vorstand  des  K.s  war  1915—16  Major  Deutelmofer.
  1916—18  Major  Hosse.  Okt.  1918  wurde  das  K.
dem  Staatssekr.  Erzberger  unterstellt  und  im  Nov.  aufelöst.

  Org.:  »Deutsche  Kriegsnachrichtene,  -Deutsche
kriegswochenschauc  und  „Nachrichten  der  Auslandspressec.
  Vgl.  auch  =  Zeitungswesen-,  Bd.  I,  S.  351.

Kriegspressequartier,  dem  österreichisch-ungar.
Armee-Oberkommando  angegliederte  Dienststelle  zur
Aufnahme  in=  u.  ausländischer  Kriegsberichterstatter,
Schriftsteller,  Photographen  und  Künstler.

Kriegspsychose,  im  engern  Sinnedurch  den  Krieg
hervorgerufene  Geisteskrankheit  (vgl.  Verletzungsneurose),
  im  weitern  Sinne  die  einseitige  geistie  Einstellung
  eines  ganzen  Volkes  auf  den  Krieg.

18
        <pb n="304" />
        274

strriegoranglisten,  bei  den  Truppenteilen  Listen
der  am  Kriege  teilnehmenden  Offiziere  und  Offizierdiensttuer,
  dienten  als  Ausweise  über  Personalfragen.

Kriegsrecht,  s.  Völkerrecht,  Landkriegsrecht  und
Seekriegsrecht  in  Bd.  I,  S.  360  ff.,  ferner  Kriegsnotgesetze,
  Bd.  I.  S.  388  ff.

Kriegsrente,  Rente  bzw.  Pension  für  Verwundete
und  Kriegsbeschädigte,  vgl.  Bd.  J,  S.  396.

Kriegsrohstoffabteilung,  am  8.  Aug.  1914  auf
Anregung  des  Industriellen  Walter  Rathenau,  der
1914  —15  an  ihrer  Spitze  stand,  beim  preuß.  Kriegsministerium
  errichtete  Abteilung  zur  Sicherung  der
Rohstoffversorgung,  Verteilung  der  Rohstoffe  an  die
Industrie  und  Beschaffung  von  Ersatzstoffen.  Bgl.
auch  Bd.  II,  S.  351  und  Bd.  I.  S.  401  u.  417.

Kriegssammlungen,  Waffen=  oder  Druckschriftensammlungen,
  die  ihre  Entstehung  dem  Weltkrieg
verdanken.  Die  erste  Sammlung  wurde  auf  der  Internationalen
  Ausstellung  für  Buchgewerbe  und  Graphik
  in  Leipzig  August  1914  angelegt.  Die  deutschen
Sammlungen  schlossen  sich  Mai  1918  zu  einem  Verband
  zusammen  zur  Förderung  des  Sammelwesens
unter  besonderer  Pflege  der  Kriegsdrucke  und  Kriegsschriften.
  Die  bedeutendsten  deutschen  Sammlungen
besitzen  die  Preußische  Staatsbibliothek  in  Verlin,  die
Staatsbibliothek  in  München,  die  Deutsche  Bücherei
in  Leipzig,  die  Bibliothek  des  Großen  Generalstabes
in  Berlin,  die  Weltkriegsbücherei  in  Berlin,  die  frühere
Hofbibliothek  in  Stuttgart,  das  Kriegsarchiv  in  Jena;
an  Einblattdrucken,  Notgeldern,  Karikaturen  usw.  ist
besonders  reich  die  Sammlung  des  Deutschen  Kulturmuseums
  für  Buch  und  Schrift  zu  Leipzig.  —  Die
bedeutendsten  franz.  Sammlungen  sind  die  Leblancsche
in  Paris  und  die  Kriegssammlung  der  Stadtbibliothek
  in  Lyon;  die  engl.  Regierung  hat  in  London  ein
„Staatsmuseum  eingerichtet.  Auch  in  Amerika  *
es  amtliche  und  private  Sammlungen,  bes.  die  Neuyorker.
  Vgl.  A.  Buddecke,  Die  K.  (Oldenb.  1917);
Mitteilungen  des  Verbandes  deutscher  K.=  (Leipz.
;  -La  grande  guerre.  Iconographie,  Biblioenn
  ie,  documents  divers  (Par.  1917  ff.).

legssanitätswesen,  s.  Bd.  I,  S.  303  ff.,  Bd.  II.
S.  262  u.  267  sowie  Rotes  Kreuz;  vgl.  auch  Bd.  II,  S.

Kriegsschäden,  s.  Bd.  II.  S.  420  ff.  (300  u.  307.

Kriegsschatz,  in  gemünztem  Gelde  bereitgehaltener
  Barvorrat  zur  Bestreitung  der  Kosten  einer
Mobilmachung,  betrug  vor  dem  Kriege  in  Deutschland
  120  Mill.  Mk.,  die  im  Juliusturm  zu  Spandau
deponiert  waren.  Vgl.  auch  Bd.  I,  S.  383.

Kriegss  amiüngen  s.  Kriegsmedaillen

Kriegsschiffe,  s.  Vd.  I,  S.  240ff.

Kriegsseuchen,  im  Krieg  bes.  droh.  Massenkrankgüten,e
  Cholera,  Ruhr,  Typhus,  Fleckfieber,  Pocken,

est.  Vgl.  Bd.  II,  S.  307  ff.  sowie  Bd.  I,  S.  303ff.

Kriegssparkarte,  zur  übermittlung  der  Löhnungsersparnisse
  der  Kriegsteilnehmer  nach  der  Heimat
  und  zur  Beteiligung  an  den  Zeichnungen  auf
die  Kriegsanleihen  eingeführte  Sparkarten.

Kriegsstammrolle,  von  den  Truppen  im  Kriege
geführte  Listen  aller  Unteroffiziere  und  Pannschchten;
  die  K.n  werden  im  Kriegsarchiv  aufbewahrt.

Kriegsstand.  über  aktiven  u.  passiven  K.  s.  Landkri
  recht  IV,  Bd.  I.  S.  364.

Kriegöstenern.  Von  allen  kriegführenden  Staaten
  hatte  England  sein  Steeersssten  so  ausgebaut,
daß  es  auch  im  Weltkrieg  allein  durch  Erhöhung  der
Steuersätze  die  Kriegskosten  bestreiten  konnte.  Deutschland,
  Osterreich-Ungarn  und  Frankreich  griffen  zu-Kriegsranglisten

  —  Kriegsverluste

nächst  nicht  zu  K.,  sondern  zu  Kriegsanleihen,  nur
Rußland  muste  schon  bei  Kriegsbeginn  wegen  Aufhebung
  des  Branntweinmonopols  Ersatz  in  K.  schaffen.
Aber  auch  die  andern  Länder  konnten  auf  die  Dauer
ohne  K.  nicht  auskommen,  und  Italien  und  die  Ver.
Staaten  führten  schon  bei  Eintritt  in  den  Krieg  K.  ein
(vgl.  die  Einzelländer).
Kriegsstrasgerichtsbarkeit.  Die  K.,  höhere  u.
niedere,  wurde  infolge  der  Anlehnung  der  Gerichtsgewalt
  an  die  Kommandogewalt  außer  von  den  erkennenden
  Gerichten  von  Gerichtsherren,  d.  h.  militärischen
  Befehlshabern,  ausgeübt.  Erkennende  Gerichte
  waren  die  Stand-(Bord.)  und  Kriegsgerichte.
Grundlage  der  Rechtsprechung  war  das  Militärstraf-Peletuuc
  für  das  Deutsche  Reich.  Die  Reichsverfas.
ung  vom  I11.  Aug.  1919  hat  die  Militärjustiz  mit
Ausnahme  von  Kriegszeiten  aufgehoben.
Kriegstagebuch,  von  den  mobilen  Formationen
geführter  Nachweis  der  grieggereigaisse  für  das  Kriegsarchiv,
  dient  als  Unterlage  für  Kriegsdarstellung.
Kriegsteilnehmer,  nach  Erlaß  vom  7.  Sept.  1915
diejenigen  Militärpersonen,  die  an  einer  Schlacht  usw.
bei  den  Deutschen  oder  den  Streitkräften  eines  verbündeten
  oder  befreundeten  Staates  teilgenommen
oder,  ohne  vor  den  Feind  zu  kommen,  sich  mindestens
zwei  Monate  dienstlich  im  Kriegsgebiet  ausgelal.
ten  haben.  Als  Kriegsgebiet  sind  anzusehen:  a)  das
Gebiet  der  Staaten,  mit  denen  das  Deutsche  Reich  und
die  mit  ihm  verbündeten  oder  befreundeten  Staaten  sich
im  Kriege  befinden,  einschließlich  der  Kolonien  dieser
Staaten  und  Luxemburg;  b)  sämtliche  deutsche  Schutzgebiete
  e)  die  Gebietsteile  des  Deutschen  Reiches  und
er  mit  ihm  verbündeten  oder  befreundeten  Staaten,
soweit  in  ihnen  kriegerische  Operationen  staltgesunden
haben;  d)  das  gesamte  Meeresgebiet  und  e)  das  Küsten
gebiet,  soweit  sie  vom  Feinde  gaeährder  sind.  Für  K.
wurden  bei  Errechnung  des  Militärdienstalters  die
Kriegsjahre  1914—18  doppelt  gerechnet.  Eine
Anrechnung  von  Kriegsjahren  auf  Grund  der  Ziffer
2  unterc,  d,  e  findet  nur  für  diejenigen  Personen  stati.
die  sich  in  den  bezeichneten  Gebietsteilen,  im  Fallec
während  der  Dauer  kriegerischer  Operationen,  im
Falle  d,  e  während  ihrer  Gefährdung  durch  den  Feind
aufgehalten  haben.  In  zweifelhaften  Fällen  entscheiden
  die  obersten  Verwaltungsbehörden  des  Heercs
bzw.  die  oberste  Marineverwaltungsbehörde.  Für  K.
wurden  eine  Reihe  Schutzrechte  (Mieterschutz  usw.)
erlassen  (vgl.  Bd.  I,  S.  390  unter  III.),  für  zurlickkehrende
  K.  wurde  eine  Berufsberatung  organisiert.
Durch  Verordnung  der  Reichsregierung  vom  24.  Jan.
1919  wurde  die  Wiedereinstellung  der  K.  in  ihre  Privatstellungen
  während  der  wirtschaftlichen  Demobil-=machung
  angeordnet.  Die  Familien  der  K.  erhielten
cine  besondere  staatliche  u.  kommunale  Unterstützung
(Kriegs-oder  Familienunterstützung;z  vgl.  Bd.  J.
S.  397).  Für  K.  wurde  wiederholt  eine  Amnestie  erlassen
  (1916  Niederschlagung  aller  Verfahren  in  Preußen,
  Bayern,  Baden,  Elsaß-Lothringen,  1918  allgemeine
  Amnestie).  (s.  Bd.  I.  S.  357  und  35.
Kriegsverdienstkrenz,  sächs.  u.  braunschweig.,
Kriegsverluste.  Scheu  vor  der  Bekanntgabe  der
surchtbaren  Wahrheit  ließ  in  fast  allen  Ländern  die
Zahl  der  Verluste  geheimhalten,  doch  dürfte  es  kaum
möglich  sein,  die  Menschenverluste  absolut  genau  festzustellen.
  In  Staaten,  die  keine  amtlichen  Verlustlisten
  ausgeben,  fehlt  die  wichtigste  Unterlage;  man
ist  auf  Schätzungen  angewiesen.  Gegenüber  früheren
Kriegen  sind  die  Todcsfälle  durch  Krankheit  bedeutend
        <pb n="305" />
        Kriegsverpflegungsanstalten  —  Kriegsverschollenheit

geringer  geworden  (7%%  gegenüber  780/,  im  Krimkrieg).
  Die  Sterblichkeit  der  Verwundeten  ist  von  39
auf  10%  zurückgegangen.  Dagegen  sind  die  blutigen
  Verluste  viel  höher  (Tote  268—30%,  Verwundele
  70—72  %).  In  nachstehender  Tabelle  (Angaben
in  Millionen)  übersteigt  die  Zahl  der  Toten  fast  durchweg
  30%  der  blutigen  Verluste,  weil  in  der  Summe
der  Toten  ½  der  Vermißten  enthalten  ist.

Tote  -+  Gesangene  n
a)  Ententestaaten  der  —  +  ½  der  geelemn
mißten  Vermißten
Nußland  2.250  5,  790  2,500  10,  460
Frankreih.  ...  ...  1,900  4,240  —.  6,  790
Großbritannien,800  2,100  .,  200  3,100
Itallen  0,460  1,000  0,5  00  1,90
Serden  0,  120  o,  160  0,  200  ——
Numänden  rO#loso  0,180  .0,  a00  0,4#0
Belgagken  ov  0,160  J—  0,  200
Vereinigte  Stnatenor%40  0,  100  0,010  0,180
Montenegro  0,o008  0,  010  6,020  0,  o46
Griechenlano  0,004  6,010  0,016  0,030
Portugaa  O,oos  0,or½  0,010  o,  o20
Japa  0,o002  0,001  —  0,020
Summe  5,773  18,168  4,  2u6  23,777
d)  Vierbundstaaten
Deutschland  2,15500  1,000  7,680
ÖOsterreich-Ungarn.  1,000  2,000  1,800  4,800
Türetke  0,200  o,  oo  0,  800  1,200
Bulgarten  Oooo  0,  200  0,  150  0,440
Eumme  3,640  1,200  3,230  14,000
Gesamtsumme  9#:e3  2100866  753%  3767

Die  Ententestaaten  hatten  16%  an  Toten,  38%
an  Verwundeten  und  12%  an  Gefangenen,  die  Vierbundstaaten
  17%  an  Toten,  35%  an  Verwundeten
und  16%  an  Gefangenen.  Die  größten  Verluste  hat
Frankreich  mit  21,1  %  an  Toten  u.  54%  an  Verwundeten,
  dagegen  hat  Deutschland  nur  19.6%  an  Toten
und  41%  an  Verwundeten  zu  verzeichnen.  An  Invaliden
  hinterläßt  der  Weltkrieg  3,5  Mill.,  die  sich
aus  1,4  Mill.  gänzlich  Arbeilsunfähigen,  1,75  Mill.
teilweise  Erwerbsunfähigen.  0,35  Mill.  Kriegsinvaliden
  zusammensetzen.  Vgl.  G.  Bodart,  in=  Donauland-(Wien
  1919,  Heft  2).

Kriegsverpflegungsanstalten,  militär.  Stationen
  zur  Verpflegung  der  Truppentransporte.  Jede
Unstalt  hatte  mindestens  acht  Kessel  zur  Ablochung  von
je  800—1000  l,  die  durch  fahrbare  Speisebottiche  an
die  Züge  herangeschafft  wurden  (Verpflegung  bis  zu
40000  Mann  tägl.).  Die  K.  enthielten  außerdem  Unterkunfts-,
  Untersuchungsräume,  Entlausungsanstalten
  u.  Seuchenbaracker.  Gebiet  Bd.  L,  S.  430.

Kriegsverrat,  s.  Bd.  II,  S.  445;  K.  im  besetzten

Kriegsverschollenheit.  Unter  K.  versteht  man
eine  Unterart  der  Verschollenheit.  Während  diese  nach
14  des  BGB.  in  der  RNegel  rechtliche  Wirkungen  erst

nn  hervorzubringen  vermag,  wenn  seit  zehn  Jahren
  keine  Nachricht  von  dem  Leben  des  Verschollenen
eingegangen  ist,  kann  gemäß  §  15  jemand,  der  als
Angehöriger  einer  bewaffneten  Macht  an  einem  Kriege
teilgenommen  hat,  vermißt  worden  und  seitdem  verschollen
  ist,  für  tot  erklärt  werden,  wenn  seit  dem  Friedensschlusse
  drei  Jahre  verstrichen  sind,  oder  wenn,
sofern  ein  Friedensschluß  nicht  stattgefunden  hat,  drei
Jahre  seit  dem  Schlusse  des  Jahres  verstrichen  sind,  in
dem  der  Krieg  beendet  worden  it  Die  Verschollenheit
  muß  mit  dem  Kriege  in  Zusammenhang  stehen,
der  Verschollene  während  des  Krieges  vermist  werden
und  scitdem  die  Nachrichtlosigkeit  sortdauern.  Befand
sich  der  Kriegsteilnehmer  u  einem  untergegangenen

275

Seeschiff  und  ist  er  seit  dessen  Untergang  verschollen,
so  kann  er  für  tot  schon  erklärt  werden,  wenn  seit  dem
Untergang  ein  Jahr  verstrichen  ist  (#  Seeverschollenheite
  nach  8  16  BGB.).

Die  Verschollenheit  ist  die  Voraussetzung  für  die
Todeserklärung,  die  wiederum  die  Grundlage
bildet  für  die  Neuregelung  der  rechtlichen  Verhältnisse.
Sie  erfolgt  durch  2  ufsebotsverfahrer  Friste  6  Monate),
  das  vor  dem  Amtsgericht  auf  Antrag  eines
Berechtigten  (ohne  Anwaltszwang)  eingeleitet  wird
&amp;amp;960—976  3PO.).  Sie  begründet  die  gesegliche  Vermutung,
  daß  der  Verschollene  in  dem  durch  Urteil  festgesetten
  Zeitpunkt  verstorben  sei  (Zeitpunkt  des  Frieensschlusses;

  Schluß  des  Jahres,  in  dem  der  Krieg
beendet  ist;  Zeitpunkt,  in  dem  das  Fahrzeug  untergegangen
  ist).  Der  Gegenbeweis,  daß  der  Verstollene
noch  lebt  oder  zu  einem  anderen  Jeitpunkie  gestorben
ist,  kann  geführt  werden.  Gegen  das  die  Todeserklärung
  enthaltende  Urteil  gibt  es  nur  die  Anfechtungsklage(gegen
  Antragsteller  od.  Staatsanwalt).

Während  der  Anfechtungsklage  darf  der  Chegatte
  des  Verschollenen  keine  neue  Ehe  eingehen,
außer  wenn  die  Anfechtung  erst  zehn  Jahre  nach  der
Urteilsverkündung  erfolgt  ist  (6  1349  BGB.).  Die
Ehe  wird  durch  die  Todeserklärung  an  sich  nicht  aufelöst.

  Geht  aber  der  Gatte  des  für  tot  Erklärten  vor

nstellung  einer  Anfechtungsklage  eine  neue  Ehe  ein,
so  ist  diese  gültig,  voransgssetzt  daß  beide  Ehegatten

uten  Glaubens  sind;  im  entgegengesetzten  Falle

ann,  wenn  der  Verschollene  zwar  die  Todeserklärung,
nicht  aber  die  Eheschließung  erlebt  (§  1348  BGB.).
Die  spätere  Aufhebung  der  Todeserklärung  infolge
ansechtungsrlage  ebenso  wie  die  Rückkehr  des  Verschollenen
  hat  keinen  Einfluß  auf  die  Gültigkeit  der
neuen  Ehe.  Jeder  Ehegatte  der  neuen  Ehe  kann,  sobald
  er  erfährt,  daß  der  für  tot  Erklärte  noch  lebt,
innerhalb  sechs  Monaten  die  neue  Ehe  anfechten.
Diese  Anfechtung  ist  ausgeschlossen,  wenn  der
anfechtungsberechtigte  Gatte  schon  bei  der  Eheschließung
  Kenntnis  vom  Leben  des  Berschollenen  hatte,
oder  wenn  er  trotz  später  erlangter  Kenntnis  von  dessen
Leben  die  neue  Ehe  bestätigt,  endlich  im  Falle  der  Auflösung
  der  neuen  Ehe  durch  den  Tod  (§  1350).  Verwaltung
  und  Nutznießung  des  Mannes  sowie
die  väterliche  Gewalt  eines  fr  tot  Erklärten  endi-##n
  mit  dem  in  dem  Urteil  festgesetzten  Zeitpunkt  des

odes  (§  1420,  1679).  Die  Vormundschaft  im
Falle  der  Verschollenheit  des  Mündels  einerseits,  das
Amt  des  Vormundes  bei  dessen  Verschollenheit  anderseits

  endet  mit  der  Erlassung  des  die  Todeserklärung

  enthaltenden  Urteils  (6  1884,  1885).  Die  Erbfolge
  regelt  sich  nach  dem  im  Urteil  angegebenen
Zeitpunkte  des  Todes  (§  2370).  Überlebt  ein  Kriegsteilnehmer
  den  nach  dem  Urteil  geltenden  Zeitpunkt
des  Todes,  so  kann  er  die  Oerraussabe  seines  Vermögens
  nach  den  für  Erbansprüche  geltenden  Vorschriften
es  BGB.  (82018  ff.  verlangen.  Bei  Todeserklärung
des  Erblassers  läuft  die  fünfjährige  Frist,  innerhalb
deren  Nachlaßgläubizer  ihre  Forderungen  gegen  den
Erben  geltend  zu  machen  haben,  von  der  Erlassung
des  Urteils  mit  Todeserklärung  an.  Bei  mehreren
in  gemeinsamer  Gefahr  Umgekommenen  (Kommorienten)
  scheidet  die  Beerbung  gegemeinander  aus
(620,  1923,  1).  —  Ausländer  können  im  Inlande
nach  deutschem  Gesetz  und  mit  dessen  Wirkung  für
alle  Rechtsverhältnisse  für  tot  erklärt  werden.
Die  Bestimmungen  über  die  Kriegs-  und  Seeverschollenheit
  in  den  §  15  und  16  des  BGB.  entsprechen

18“
        <pb n="306" />
        276

nicht  den  Berhältnissen,  die  der  langandauernde  Weltkrieg
  mit  sich  gebracht  hat,  daher  bar  auf  Grund  des
83  des  sog.  Ermächtigungsgesetzes  vom  4.  Aug.  1914
der  Bundesrat  durch  die  Verordnung  über  die
Todeserklärung  Kriegsverschollener  vom  18.
April  1916  eine  Reihe  von  Ausnahmebestimmungen
erlassen.  Die  Todeserklärung  ist  danach  schon  dann
zulässig,  wenn  von  dem  Leben  des  Verschollenen
ein  Jahr  lang  keine  Nachricht  eingegangen  ist.  Als
Zeitpunkt  des  Todes  ist,  sofern  nicht  die  Ermittlungen
ein  anderes  ergeben,  der  Zeitpunkt  anzunehmen,  in
dem  der  Antrag  auf  Todeserklärung  zulässig  geworden
  ist.  Wird  der  Verschollene  seit  einem  besederen
Kriegsereignis  (Gefecht,  Sprengung,  Schiffsunfall  od.
dgl.),  an  dem  er  beteiligt  war,  vermißt,  so  ist  der  Zeitpunkt
  des  Ereignisses  als  Zeitpunkt  des  Todes  anzunehmen,
  es  sei  denn,  daß  die  Ermittlungen  die  Annahmerechtfertigen,
  der  Verschollene  habe  das  Ereignis
überlebt.  Solange  nicht  die  Todeser  lärung  erfolgtist,
wird  das  Fortleben  des  Verschollenen  bis  zu  dem  Zeitpunkt
  vermutet,  der  nach  dem  Vorstehenden  in  Ermangelung
  eines  anderen  Ergebnisses  der  Ermittlungen
als  Zeitpunkt  des  Todes  anzunehmen  ist.  —  Auch  für
das  Aufgebotsverfahren  sind  Sondervorschriften  getroffen
  worden.  Die  Aufgebotsfrist  ist  auf  einen
Monat  herabgesetzt  worden;  die  öffentliche  Bekanntmachung
  des  Aufgebots  kann  unterbleiben;  erscheint
eine  weitere  Nachricht  nicht  ausgeschlossen,  so  kann
das  Gericht  das  Verfahren  auf  die  Dauer  von  längstens
  einem  Jahr  aussetzen.

Hat  der  Verschollene  die  Todeserklärung  üÜberlebt,
so  kann  er  ihre  Aufhebung  schriftlich  oder  zu  Protokoll
des  Gerichtsschreibers  (also  ohne  Anwaltszwang)  beim
Aufgebotsgericht  beantragen.  Ergeben  sich  Zweifel,
ob  der  Antragsteller  der  für  tot  Erklärte  ist,  so  ist  der
Antrag  zurückzuweisen  und  der  Antragsteller  auf  den
Weg  der  Anfechtungsklage  zu  verweisen.  Andernfalls
wird  über  den  Antrag  durch  Beschluß,  unter  Umständen
  ohne  mündliche  Verhandlung  entschieden.  Wird
die  Todeserklärung  aufgehoben,  so  ist  der  Beschluß
unanfechtbar  und  wirksam  für  und  gegen  alle.  Das
Verfahren  ist  kostenfrei.  In  einem  Achugen  Falle  ist
eine  wesentliche  Vereinfachung  schon  vor  dem
Kriege  reichsgesetzlich  angeordnet  worden.  Nach  §34
des  Militärhinterbliebenengesetzes  vom  17.  Mai  1907
kann  nämlich  den  Hinterbliebenen  eines  im  Kriege  Verschollenen
  das  Witwen=  u.  Waisengeld  oder  die  Kriegsversorgung
  auch  schon  vor  der  Todeserklärung  gewährt
  werden,  wenn  das  Ableben  des  Verschollenen
mit  hoher  Wahrscheinlichkeit  anzunehmen  ist.

Insterreich  sind  während  des  Krieges  die  gesetzlichen
  Bestimmungen  über  die  Verschollenheit  und
war  endgültig,  nicht  bloß,  wie  in  Deutschland,  für  die

eilnehmer  des  gegenwärtigen  Krieges,  geändert  wor.
den.  Danach  (Teilnovelle  zum  Allgemeinen  bürgerlichen
  Gesetzbuch  vom  12.  Okt.  1914)  wird  der  Tod
eines  Abwesenden  vermutet,  wenn  er  im  Kriege  schwer
verwundet  oder  als  Teilnehmer  im  Kriege  vermißt
worden  und  seit  Schluß  des  Jahres  der  Beendigun
des  Krieges  drei  Jahre  verstrichen  sind,  ohne  dah
bis  dahin  eine  Nachricht  von  seinem  Leben  eingegan-F
  ist;  sowie  wenn  er  auf  einem  untergegangenen

chiffe  oder  in  einer  andern  nahen  Todesgefahr  gewesen
  ist  und  seit  Schluß  des  Jahres,  in  das  dieses  Ereignis
  fällt,  durch  drei  Jahre  vermißt  wird.  In  diesen
Fällen  kann  die  Todeserklärung  nachgesucht  werden.

Duständig  für  das  Verfahren  ist,  wie  in  Deutschland
  für  das  Aufgebotsverfahren,  das  Gericht  erster

Kriegswahrzeichen  —  Kriegszeitungen

Instanz.  Für  die  Wiederverheiratung,  des  Ehegatten
des  für  tot  Erklärten  bedarf  es  einer  besonderen,  auf
Antrag  des  zurückgelassenen  Ehegatten  auszusprechenden
  Errlärung,  daß  die  Ehe  als  aufgelöst  zu  betrachten
  sei.  Schließt  der  zurückgebliebene  Ehegatte
nunmehr  erlaubterweise  eine  neue  Ehe,  so  ist  diese
doch  dann  rngüttig.  wenn  der  verschollene  Ehegatte
trotz  der  Todeserklärung  zur  Zeit  der  neuen  Eheschließung
  noch  am  Leben  gewesen  ist.

Kriegswahrzeichen.  Zu  wohltätigen  Zwecken.
besonders  zugunsten  verarmter  Kriegerfamilien,  wurden
  in  zahlreichen  deutschen  Städten  und  Gemeinden
K  aus  Holz  errichtet,  die  mit  eisernen,  silbernen  und
goldenen  Nägeln  genagelt  wurden;  die  für  die  Nagelung
  gezahlten  Beträge  (von  10  Pf.  bis  10  Mk.
slossen  der  Kriegsunterstützung  (Kriegsnotspende)

u.  Das  größte  und  ertragreichste  K.  war  der  -Eiferne
  Hindenburge  in  Berlin.  Auch  in  den  Deutschland
  verbündeten  Ländern  fanden  solche  Topelungen
statt  („Wehrmann  in  Eisen«  in  Wien,  =  Mörser  in
Eisen=  in  Konstantinopel  usw.).

Kriegswirtschaft.  Die  durch  den  Krieg  hervorerufenen

  tiefgehenden  Anderungen  des  Wirtschaftsebens
  führten  zu  einer  besonderen  Art  von  Volksund
  Weltwirtschaft.  die  man  als  K.  zusammenfaßt.
In  welcher  Weise  der  ganze  wirtschaftliche  Betrieb  sich
den  veränderten  Verhältinlifen  anpaßte,  istin  den  volkswirtschaftl.
  Abhandlungen  der  ersten  beiden  Bände
dargestellt.  —  Den  Aufgaben  der  deutschen  Volkswirtschaftzur
  Gesumdung  des  Wirtschaftslebens  auf  Grundlage
  wissenschaftl.  Vorschung  gerecht  zu  werden,  hatsich
das  Deutsche  (Kriegs.)  Wirtschaftsmuseum  in
Leibsig  zum  Ziele  gesetzt.  Vom  Landwirtschaftsrat,
Handelstag  sowie  Handwerks=  u.  Gewerbekammertag
1918  ins  Leben  gerufen,  sammelt  u  sichtet  es  das  ganze
volkswirtschaftl.  Material.  S.  auch  Volkswirtschaft.

Kriegswirtschafts-Aktiengesellschaft.  im  Jan.
1916  gegründete  gemmeinnühige  Handelsgesellschaft
zur  Verwertung  der  für  die  Militärverwaltung  nicht
unmittelbar  verwendbaren  Produkte  und  Vorräte  aus
den  besetzten  feindlichen  Gebieten.

Kriegswucheramt,  im  August  1916  in  Berlin
gegründete  Organisation  zur  Bekämpfung  des  Wuchers
und  unlauterer  Gebarungen  im  Verkehr  mit  Gegenständen
  des  täglichen  Bedarfs.

Kriegszeitungen,  im  engeren  Sinne  die  im  Felde
und  in  der  Heimat  gedruckten  Nachrichten=  und  Unterhaltungsblätter
  für  die  Feldgrauen,  auch  Lazarettund
  Kriegsgefangenenzeitungen,  im  weiteren  Sinne
auch  die  für  die  Einwohner  derbesetzten  Gebiete  herausgegebenen
  Zeitungen  und  Amtsblätter.

1.  Zeitungen  für  die  Feldgrauen.  Die  fast
unübersehbare  Reihe  der  im  Felde  gedruckten  K.  eröffneten
  die  -Gardefeldposte  (Anfang  Sept.  1914)  und
„Der  Landsturm.,  einziges  Militärwochenblatt  auf
Frankreichs  Fluren,  das  seit  Okt.  1914  von  der  3.
Komp.  des  Landsturmbataillons  1  Leipzig  herausgegeben
  wurde.  Die  bedeutendsten  Armeezeitungen
waren:=  Die  Somme-Wacht.  (1.  Armee),  die  Armeezeitung
  der  2.  Armee,  der  „Champagne-Kamerad-(3.
  Armee),  die  K.  der  4.  Armee  (wertvoller  Bilderschmuck),
  die  illustrierte  -Liller  K.-(6.  Armee),  die,  von
Freiherrn  v.  Ompteda  beransgegeben,  seit  Juli  1915
von  P.  O.  Höcker  geleitet,  eine  Auflage  von  80000
erreichte  und  wegen  ihrer  Kriegsflugblätter#  und
»Auslesen«  besonders  beachtenswert  !  die  K.  der
7.  und  der  10.  Armee,  -Zwischen  Maas  und  Mosel-(Armeeabt.
  C),  =  Die  Wacht  im  Ostene  (12.  Armee),
        <pb n="307" />
        Kriegsziele  —  Kriegszustand

die  Feldzeitung  der  Bugarmee  und  die  »Rumänische
Feldposte.  Von  den  Korpszeitungen  seien  genannt:
  Der  Schützengraben  (14.  Reservekorps),
die  K.  des  Korps  Marschall,  =  An  Flanderns  Küster
(Marinekorps),  die  -Nowogrodecker  K.-(25.  Reservekorps);
  von  Divisionszeitungen:  Meldereiter
im  Sundgau.  (8.  Landwehrdivision),  die  Düna--Zeitunge
  (41l.  Inf.-Division),  die  =  Deutsche  K.  von  Baranowitschie
  und  die  -Feldgraue  K.=  (50.  Juf.-Div.);
von  Blättern  kleinerer  Formationen:  die  »K.  der
Feste  Boyen  u.  der  Stadt  Lötzene,  die  :K.  der  Festung
Borkum  ,  -Der  kleine  Minenwerfer-,  Vgl.  A.
Schramm,  Deutsche  K.  (Leipz.  1917);  R.  Hellmann
  und  K.  Palm,  Die  deuischen  Feldzeitungen,
eine  Bibliographie  (Freiburg  i.  Br.  1918,  Nachtrag
1919).—  Viele  geschäftliche  Unternehmungen  schickten
Nachrichtenblätter  ins  Feld;  von  diesen  Firmen-K.
seien  erwähnt:  „Kriegs-Zeitschrift  der  Lamburg.
Amerika-Linie-;  Stollwerks  Feld-  Poste;  „Brandstettersche
  Feldposte  (Leipzig);  -Schultheiß’  Bote-;
Lust.  Kriegsblätter-(Kaffee  Hag,  Bremen);  Kriegsnachrichten
  der  B.  d.  W.-(Buchdruckerei  des  Waisenhauses,
  valle  »Feldspende  des  Ullsteinpersonals«
(Berlin).  —  Auch  viele  Vereinigungen  (akadem.
Verbindungen,  Turn=  u.  Gesangvereine  sowie  kirchl.
Gemeinden,  Schulen  u.  Jugendbünde)  schufen  period.
Druckschriften  fürihre  feldgrauen  Angehörigen-  —In
Osterr.-Ungarn  war  bes.  die-Tiroler  Kriegsztg.“  weitverbreitet,
  auch  gab  das  Kriegsmin.  eine  K.  heraus,  die
in  Wienin  deutscher,  ungarischer,  polnischer,  kroatischer,
ruthenischer,  tschechischer  u.  rumän.  Sprache  erschien.

2.  In  der  Heimat  erschienen  besondere  K.  für  die
Lazarette  u.  die  Kriegsgefangenenlager.  Genanntseien
von  den  Lazarettzeitungen:  die  Bonner,  Frankfurter,
  Hamburgische,  Hessische,  Lübecker;  von  den
Kriegsgefanßenenzeitungen:  „  nLe  Camp  de
Göttingen  »Le  Journal  du  Camp  d'Ohrdruf--;
Le  Héraut-  (Zossen);  „The  wooden  City.  (Göttingen);
  -Onze  Taal-  (fläm.;  Göttingen);  Russkij
Westnik  (Berlin);  Nedjelja-(Wien,  russ.,  im  Auftrage
  des  österr.-ungar.  Kriegsministeriums,  Aufl.
100000);  ElI  Dschihad:  (türk.;  Berlin).  Hierher
wäre  auch  die  für  das  in  Görlitz  internierte  4.  griech.
Korps  herausgegebene  „  Nea  tou  Görlitz  zu  zählen.

3.  Zeitungen  für  diebesetzten  Gebiete  wurden
  herausgegeben  als  Ersatz  für  die  im  deutschen
Heeresinteresse  verbotenen  einheimischen  Zeitungen
und  zur  Bekämpfung  der  feindlichen  Lügenmeldungen.
Seit  1.  Nov.  1914  erschien  in  Rethel,  später  in  Charleville
  für  die  Einwohner  des  besetzten  Frankreichs  und
Belgiens  die  „Gazette  des  Ardennese,  mit  fortlaufender
  Liste  der  franz.  Kriegsgefangenen  und  den
wichtigsten  Kriegsnachrichten  88  Mitteilungen  des
Deutschen  Hauptquartiers  und  des  franz.  Kriegsminiberiums.
  ie  erschien  viermal  in  der  Woche  in  einer

uflage  von  (1917)  175000  Exemplaren  u.  brachte
wöchentlich  eine  illustrierte  Beilage.  Für  das  besetzte
Polen  und  Rußland  sowie  für  die  in  Deutschland
lebenden  Russen  wurde  die  =  Russkija  Iswjestija=  in
russischer  Sprache  herausgegeben,  ähnlich  für  Serbien.
die  „Belgrader  Nachrichten,  für  Rumänien  das-Bukarester
  Tageblatte  und  in  Cetinje  eine  österr.-montenegrin.
  K.  —  Von  den  Amtsblättern,  die  von  den
deutschen  Behörden  außer  in  deutscher  auch  in  der  Landessprache
  des  besetzten  Gebietes  veröffentlicht  wurden,
seien  hier  nur  einige  wenige  genannt:?  Amtsblatt  der
Kaiserlich  Deutschen  Post=  und  Telegraphen-Verwaltung
  in  Belgien“  (Aachen);  „Amtsblatt  des  Ver-277



waltungsrats  der  belgischen  Eisenbahnen=  (Brüssel);
„Gesetz=  und  Verordnungsblatt  für  die  okkupierten
Gebiete  Belgiense  (Generalgouv.  Brüssel);  -Bulletin
de  Lille#;  „Der  Landmann  (Brüssel);  -Verordnungsblatt
  für  die  Kaiserlich  Deutsche  Verwaltung  in
Polen-(Posen);-Verordnungsblatt  für  das  Generalgouvernement
  Warschau-;  Verordnungeblatt  der
eutschen  Verwaltung  für  Kurland=  (Mitau);  desgl.

P  für  Litauen  (Tilsit).  —  Eine  fast  vollständige
Sammlung  aller  von  Deutschland  und  esterreic-Ungarn
  herausgegebenen  K.  vereinigt  die  Kriegsliterawursammiung
  der  Deutschen  Bücherei  in  Leipzig.
Die  zahlreichen  in  Frankreich  erschienenen  8
waren  außer  dem  -Bulletin  des  armées«  dem  Scherz
und  der  Satire  gewidmet,  z.  B.-Echo  des  boyaur-(Laufgrabenecho),
  „-Echo  des  tranchées=  (Schützengrabenecho)
  »Le  Poilu=  (Der  Bärtige),  Le  trogloyte-
  (Der  Höhlenbewohner),  »Le  hareng  verni.
(Der  lackierte  Hering),  -Le  tourne-boche=  (Der  Deutschenwender;
  Nachbildung  von  tourne-broche,  Bratspießwender);
  im  besetzten  Elsaß  gaben  die  Franzosen
  eine  Kriegszeitung  in  deutscher  Sprache  heraus.
Kriegsziele.  Der  in  Bd.  II,  S.  1ff.  dargestellten
nationalen  Kriegszielbewegung,  der  es  um  Stärkung
und  Mehrung  der  Macht  Deutschlands  zu  tun  war,
stand  die  von  den  linksstehenden  Parteien  vertretene
Richtung  gegenüber,  deren  Ziele  in  einem  Frieden
ohne  Annexionen  und  ohne  Entschädigung  gipfelten,
  und  die  einen  -Verständigungsfriedene  auf  der
Basis  des  status  quo  ante  (Zustand,  d.  h.  Grenzen
wie  vor  dem  Kriege)  forderte.  Der  große  Kampf  der
Meinungen  in  Deutschland,  der  besonders  dadurch
immer  neue  Nahrung  erhielt,  daß  die  deutsche  Regierung
  eine  eindeutge  und  auf  Einzelheiten  eingehende
Darlegung  ihrer  K.  durch  die  berufenen  Vertreter  der
auswärtigen  Politik  nicht  geben  konnte  oder  wollte,
artete  immer  mehr  in  einen  Streit  um  die  von  beiden
Richtungen  anders  gedeuteten  Schlagworte  (Annexionen,
  Verzicht,  Verteidigungs-,  Eroberungskrieg)
aus  und  führte  zu  unerquicklichen  Zeitungs=  u.  Flugschriftenkämpfen,
  wobei  jede  Richtung  die  andere  als
unpatriotisch  verdächtigte.  —  Die  K.  der  Entente,
dargelegt  in  ihrer  Antwort  auf  die  Friedensnote  Wilsons
  (vgl.  Bd.  II,  S.  170  ff.),  bilden  die  Fortsetzung
ihrer  gesamten  Politik  der  letzten  Jahrzehnte,  deren
Ziele  aus  der  betr.  Abhandl.  in  Bd.  II,  bes.  S.  327  ff.,
ersichtlich  sind.  ög#  auch  die  einzelnen  Länderartikel.
Kriegszustand,  der  Zustand  tatsächlicher  Aufhebung
  des  friedlichen  Verhältnisses  zweier  oder  mehrerer
  Staaten,  der  durch  Gewaltmaßregeln  oder
Kriegserklärung  eintritt.  Am  31.  Juli  1914  befahl
Kaiser  Wilhelm  in  Anbetracht  der  Mobilmachung  der
russ.  Armee  u.  Flotte  den  Zustandder  drohenden
Kriegsgefahr  auf  Grund  des  Artikels  68  der  Reichs.
verfassung.  Der  K.  zeigt  sich  nach  dem  Kriegsrecht
darin,  daß  die  diplomatischen  Beziehungen  abgebrochen
  und  die  Vertretung  der  Interessen  der  Staatsangehörigen
  in  Feindesland  dem  Vertreter  einer  befreundeten
  Macht  übertragen  werden.  Die  neuern
völkerrechtlichen  Verträge,  wonach  das  Recht,  Angebörigen
  der  gegnerischen  Macht  den  Aufenthalt  im
taatsgebiet  zu  verbieten,  ausgeschlossen  war,  wurden
von  den  Vierverbandsmächten  verletzt  und  zahlreiche
Deutsche  sowie  Ssterreicher  landesverwiesen,  ohne  daß
eine  Gefährdung  des  militärischen  Interesses  nachgewiesen
  war.  Der  Zustand  drohender  Kriegsgefahr  bewirkt
  den  übergang  der  Anordnu  ngsbefugnis  von  den
Zivil=  auf  die  Milrürbehörden,  die  mit  außerordent-
        <pb n="308" />
        278

lichen  Vollmachten  ausgestattet  werden.  Neben  der
Berschärfung  des  Strafrechts  treten  mit  dem  Beginn
des  Kriegszustandes  gewisse  Verkehrs.  u.  Eigentumsbeschränkungen
  sowie  die  Verpflichtung  zu  Kriegsleistungen
  (l.  Bd.  II,  S.  418  ff.)  ein,  auch  können  Ausnahmegerichte,
  z.  B.  Standgerichte,  gebildet  und  zeitweilige
  Aufhebung  gewisser  Verfassungsvorschriften
über  den  Schutz  der  persönlichen  Freiheit  ausgesprochen
  werden.  Beendet  wird  der  K.  durch  Friedensschluß
  oder  Einstellung  der  Feindseligkeiten.  —  Für
Elsaß-Lothringen  galten  besondere  Bestimmunen,

  krast  deren  die  militärischen  Oberbefehlshaber
m  Falle  des  Krieges  oder  drohender  Gefahr  bis  #ur
Entscheidung  des  Kaisers  über  Verhängung  des
Kriegszustandes  die  Auslbung  der  vollziehenden  Gewalt
  ohne  weiteres  übernehmen  konnten.

In  Ermangelung  eines  Gesetzes  Über  den  K.  verhängte
  Osterreich  den  sog.  Ausnahmezustand  u.  erweiterte
  die  Befugnisse  u.  den  Geschäftskreis  der  Militärgerichte.
  Srtasrecht.  im  K.Sgebiet  s.  Bd.  II,  S.  445.

tek,  Karl,  österr-  ungar.  General,  geb.  1861
in  Spalato,  nahm  1914  an  der  Schlacht  bei  Zamosc
teil,  führte  dann  das  17.  Korps,  mit  dem  er  bei  Rawaruska
  eingriff  und  den  Rückzug  der  4.  Armee  an  den
San  deckte.  K.  kämpfte  dann  in  den  Karpathen,  war
bei  der  Maioffensive  1915  der  4.  Armee  zugeteilt,  säuberte
  Mai  1916  das  Suganatal  u.  nahm  an  der  B.  u.
9.  Isonzoschlacht  teil.  Jan.  1917  Führer  des  10.  Korps,
nahm  K.  am  Stellungskrieg  in  Wolhynien  teil,  wurde
Nov.  Generaloberst  und  1918  Armeeführer.

Krithia,  Dorf  im  Südteil  von  Gallipoli,  bei  Siddel
  Bahr,  von  Mai  1915  bis  Jan.  1916  von  engl.=franz.
  Truppen  angegriffen;  vgl.  S.  124f.

Kru,  Bergmassiv  im  Görzischen,  bis  22.15  m,  am
linken  Isonzoufer,  zwischen  Flitsch  und  Tolmein.  Im
Juni  1915  von  den  Italienern  besetzt,  wurde  das  ganze
Massiv  24.  Okt.  1917  von  der  Armee  Below  erstürmt.

Kroatien.  Die  Niederwerfung  Serbiens  im  Winter
  1915/16  ließ  die  Möglichkeit  erstehen,  die  serbokroatischen
  Gebiete  unter  Führung  K.s  zu  vereinen
und  durch  Anschluß  Slawoniens  den  vom  Thronfolger
  Franz  Ferdinand  einst  erstrebten  Trialismus
durchzuführen.  Der  Abgeordnete  Radics  forderte
1916  im  kroatischen  Landtag  offen  die  Emanzipierung
K.s.  Am  16.  Nov.  1916  brachte  die  Landesregierung
eine  das  allgemeine  Stimmrecht  einführende  Landtagswahlrechtsvorlage
  ein.  Der  völlige  Umschwung
der  Lage  1918  vernichtete  die  Anspriiche  der  Kroaten
auf  die  führende  Rolle  im  jugoslawischen  Staate.  Am
29.  Okt.  erklärte  der  Landtag  die  Unabhängigkeit  K.s,
das  darauf  von  den  Serben  besetzt  und  in  das  Südslawische
  Reich  einverleibt  wurde  (s.  Serbien).  —  Vgl.
auch  Bd.  II,  S.  25  u.  59f.

Krobatin,  Alexander,.  Freiherr  von,  österr.=ungar.
  General,  geb.  12.  Sept.  1849  in  Olmütz,  1895
Oberst,  1905  Feldmarschalleutnant,  1910  Feldzeugmeister,
  machte  sich  um  die  Umbewaffnung  der  Artillerie
  verdient.  Seit  1912  Kriegsmin.,  wurde  K.  1915
Freiherr  und  Anfang  1916  Generaloberst,  Mai  1917
Führer  der  4.  Armee  im  Osten,  dann  Oberbefehlshaber
an  der  Kärntner  Front,  Nov.  Feldmarschall.  —  Bild
s.  Bd.  1  bei  S.  46.  ls.  Bd.  I.  S.  272.

„Kronprinz  Wilhelme,  deutscher  Hilfskreuzer,

Kronstadt,  ungar.  Stadt  in  Siebenbilrgen,  wurde
29.  Aug.  1916  von  den  Rumänen  besetzt.  Durch  die
Schlacht  bei  K.  6.—8.  Okt.  1916,  in  der  die  2.
rumän.  Armee  gegen  die  9.  Armee  Falkenhayn  unterlag,
  wurde  die  Stadt  zurückgewonnen.

Keitek  —  Kuba

Krupani,  Flecken  in  Nordserbien,  Kreis  Moraova.
14.—16.  Aug.  1914  von  den  Ungarn  erobert,  14.—
25.  Sept.  1914  Stützpunkt  der  serb.  Kronprinzenarmee
in  der  Schlacht  an  der  Drina,  wurde  6.  u.  7.  Nov.  1914
von  der  6.  sterr.  ungar.  Armee  (Potiorel)  erstürmt.
28.  Okt.  1915  nach  dem  zweiten  österr.  Einfall  in
Nordwestserbien  von  Koevess  besetzt.

Krupp.  Die  riesigen  Anforderungen,  die  an  die
Kruppwerke  im  Kriege  gestellt  wurden,  spiegeln  sich  in
den  Bilanzen  deutlich  wider.  Die  Gewinn=  u.  Verlustzisfern
  waren  (abgerundet  in  Tausend  Mark):

%%%  1½  1916/17  11  5%  11

Gewinnvortrag  16048  14680  11002  9978  98385
Betriebsüberschuß.  11726  45202  99065  95926  113230
Zinsen  400  3561  6930  3783  3142
Versch.  Cinnahmen.  2335  8233  7898  3671  2506
Entnahme  aus  der

Sonderrücklage  20000  —  —
Verlust-Vortrag  922  —  —  —

Zusammen:  54271  71676  114898  112860  128  263

Ab:  Steuern  (i#kl.

Kriegsstener)  17448  17658  30  899  28650  10718
Angestellten=  u.  Arbeiter-Versicherung

  12  505  10908  8804  6935  5802
GWohlfahrtsausgaben  24323  28  508  23712  18141  1582
Noingew.  einschl.  Vortr.  —  19607  51979  509684  93851

Verlust  abzügl.  Bortr.  20  002.

wovon  Rücklagen,  Div.,  Beihilfen,  Stiftungen  usw.
abgingen,  so  daß  sich  als  Verlustvortrag  1918/19:
92449,  als  Gewinnvortrag  1917/18:  16047652,
1916/17:  14679754,  1915/16:  11002  121,  1914/15:
9977678,  1913/14:  9385347,  1912/13:  6926333
Mk.  ergaben.  Die  Dividenden  waren:

1912/13:  14  Proz.  auf  180  Mill.  Mk.  Kapitat  =  25,2  Mill.  Me.

2  i

1918/14:  12  -  -  180  "  "  „  =  216  „
1919/15:  12  -  *  215  -  -  -238,64
1915/16:  12  -  *"  250  -  -  v  —  3000
1916/I17:  10  *  250  -  -  6  -25,0

1917/18:  0  „=  *"  250  "  -  -  —  0,0  „
191919:  0  --  *  250  "  ·*  =  0,0o

Für  1914/15  wurde  der  die  vorjährige  Divldende
übersteigende  Betrag  der  Kriegsfürsorge  als  Kruppstiftung
  (20  Mill.  Mk.)  zugeführt;  spcrr  kam  der
gesetzliche  Einprif  der  Kriegssteuer.  (1756f..

Krüppelfürsorge,  s.  Kriegsbeschädigte  sowie  S.

Krusev#,  befest.  Kreisstadt  in  Serbien,  nahe  der
Morava,  wurde  7.  Nov.  1915  von  der  Armee  Gallwitz
besetzt,  16.  Okt.  1918  von  franz.  Truppen  zurückerobert.

Krylenko,  Abraham,  russ.  Sozialist,  geb.  etwa
1885  in  Lublin,  Jurist,  wegen  sozialist.  Propaganda
verfolgt,  mit  Lenin  März  1917  in  der  Schweiz,  wurde
nach  Ausbruch  der  russ.  Revolution  Volkskommissar
für  Kriegs-  u.  Marineangelegenheiten,  Nov.  1917  bis
Märzl918  russ.  Obrrbeschlshaber  der  Sowjettruppen.

Ktestphon,  Ruinenstadt  am  Tigris,  ca.  50  km  fũdl.
von  Bagdad.  Hier  erlitt  der  engl.  General  Townshend
22.  Nov.  1915  eine  schwere  Niederlage;  vgl.  S.  128.

Kuba.  K.,  wo  die  Vereinigten  Staaten  wie  in  den
anderen  südam.  Staaten  die  Monroedoktrin  in  ihrem
Sinne  betätigten,  war  auch  im  Kriege  von  Revolten
nicht  frei.  Regierungstruppen  u.  Aufstandische  hatten
15.  Febr.  1917  ein  Gefecht  17  Meilen  von  Havanna;
schon  drei  Tage  später  drohte  Wilson  mit  bewaffnetem
Eingreifen,  und  obwohl  6.  März  die  Führer  der  Aufständischen
  von  Regierungstruppen  gefangengenom.
men  wurden,  landete  die  Union  doch  Truppen  in  Sanliopo“
  de  Cuba.  Am  9.  April  mußte  K.  die  Kriegs.
erklärungan  das  Deutsche  Reich  unterzeichnen  zbie  in  K.
internierten  deutschen  Schiffe  wurden  beschlagnahmt.
        <pb n="309" />
        Kucharczewski  —  Kursumlija

Die  verfassungsmäßigen  Bürgschaften  wurden  im
Juli  aufgehoben,  weil  der  neue  Präsident  (für  1917
bis  1921)  Mario  Menocal  mit  dem  Kongreß  nicht
übereinstimmte.  K.  nahm  an  der  Ententekonferenz  in
Paris  am  29.  Nov.  1917  teil.

Kucharczewski,  Jan,  poln.  Schriftsteller  u.  Politiker,
  Dezernent  für  Hochschulen  in  der  poln.  Unterrichtsverwaltung,
  war  Nov.  1917  bis  Okt.  1918  poln.

Küchen,  s.  Feldküche.  [Ministerpräsident.

Kuhl,  Hermann  von,  preuß.  General,  nach  Promotion
  1879  Leutnant,  1909—14  Oberst  und  Oberquartiermeister,
  Abt.-Chef  im  Großen  Generalstab,
1914—16  Generalsstabschef  der  6.  Armee,  1916—18
der  Heeresgruppe  Kronprinz  Rupprecht,  1917  Generalleutnant,
  schr.:  =  Der  deutsche  Generalstab  in  Vorbereitung
  u.  Durchführung  des  Weltkrieges=  (Berl.  1920).

hlmann,  Richard  von,  deutscher  Staatsmann,
  geb.  17.  März  1873  in  Konstantinopel,  1908
Botschaftsrat  in  London,  1914  erster  Sekr.  der  Botschaft
  in  Konstantinopel,  März  1915  Gesandter  im
Haag,  Sept.  1916  abermals  nach  Konstantinopel  entsandt,
  Ag.  1917  Staatssekr.  des  Ausw.,  schloß  als  solcher
  1918  die  Friedensverträge  zu  Brest  Litowst  und
Bukarest,  mußte  aber  wegen  seiner  Stellungnahme  zur
Friedensfrage  (Anhänger  der  Verständigungsidee)
Juli  1918  zurücktreten.  —  Bild  s.  bei  S.  214.

Kühne,  Alfred  von,  preuß.  General,  geb.  2.Jan.
1853  in  Weimar,  1903  Oberst,  1910  Generalleutnant,
1912  zur  Disposition  gestellt,  1914  reaktiviert  und
Komm.  der  13.  Reserve-Div.,  kämpfte  20.  Aug.  vor
Lüttich,  wurde  1916  Korpsführer.  K.  befehligte  ab
August  1916  eine  Armeegruppe  der  9.  Armee  (Falkenhayn)
  in  Siebenbürgen  und  hatte  hervorragenden
Anteil  an  der  Niederwerfung  Rumäniens.  Nach  der
Schlacht  vor  Bukarest  warf  K.  den  Feind  bis  an  den
untern  Rimnik  und  erstürmte  19.  Jan.  1917  den
starken  Brückenkopf  von  Faesin

Kuk,  Berg  im  Görzischen,  s.  Kolovrat.

Kuk,  Karl,  österr.-ungar.  General,  geb.  1.  Dez.
1853  in  Triest,  1900  Oberst,  1908  Komm.  der  Festung
Peterwardein,  1911  Feldmarschalleutnant  u.  Festungskommandant
  von  Krakau,  als  welcher  er  hervorrag.
Anteil  an  der  Abwehr  der  Russen  hatte,  wurde  1915
Feldzeugmeister,  1916—17  Generalgouverneur  der
von  Osterreich-Ungarn  besetzten  Teile  Polens.

Kum  Kale,  Außenfort  am  Eingang  der  Dardanellen
  auf  asiatischer  Seite  (vgl.  Bd.  II,  S.  131f.);
über  die  Kriegsereignisse  s.  Bd.  III,  S.  124.

Kündigungsrecht.  Um  den  aus  §  569  BGB.
im  Kriege  sich  ergebenden  übelständen  zu  begegnen,
erließ  der  Bundesrat  die  Verordnung  über  das  K.
der  Hinterbliebenen  von  Kriegsteilnehmern  vom  7.Okt.
1915.  Sie  ermächtigte  die  Erben,  das  Mietverhältnis
trotz  entgegenstehender  Vertragsbedingungen  unter
Einhaltung  der  gesetzlichen  Frist  zum  ersten  zulässigen
Termin  zu  kündigen,  wenn  der  Mieter  infolge  seiner
Teilnahme  am  Krieze  gestorben  ist.  Das  galt  auch,
wenn  Eheleute  gemeinschaftlich  gemietet  hatten.  Um
die  Interessen  der  Vermieter  zu  wahren  und  eine  vorzeitige
  oder  nicht  gerechtfertigte  Lösung  des  Mietverhältnisses
  zu  verhüten,  kann  der  Vermieter  binnen
einer  Woche  bei  Gericht  Gegen  die  Kündigung  Widerspruch
  erheben.  Das  Gericht  entscheidet  dann  beschleunigt,
  ob  die  Kündigung  wirksam  ist.

Kunst.  über  das  Verhältuis  von  Krieg  und  bildender
  K.  vgl.  Bd.  I.,  S.  344  f.  mit  Tafeln.  —  Für
die  Erhaltung  der  Kunstdenkmäler  in  Feindesland
(Belgien,  Nordfrankreich,  Polen),  soweit  es  nicht  im

279

Kampfbereich  lag,  wurden  1915  Richtlinien  der  deutschen
  Regierung  herausgegeben,  wonach  jede  Art  von
Kunstraub  ausgeschlossen  blieb,  jedoch  Anstalten  6a4
troffen  wurden,  die  Reste  der  Kunsträubereien,  die
z.  B.  Frankreich  aus  der  napoleon.  Zeit  noch  besaß.
zurückzuerhalten.  Die  Zahl  der  durch  Kampfhandlungen
  zerstörten  Kunstdenkmäler  ist  naturgemäß  sehr
roß,  aber  auch  hier  war  für  die  deutsche  Heeresleitung
tets  die  zwingende  Kriegsnotwendigkeit  maßgebend.
Kunstarm,  Kunstbein,  Kunsthand,  s.  Arztliche
  Kriegsbeschädigtenflrsorge-,  S.  176ff.
Kunstfaserstoffe,  s.  Ersatzfaserstoffec,  S.  179.
Kupfer,  wichtigstes  derjenigen  Metalle,  an  denen
Deutschland  im  Kriege  Mangel  litt.  Vgl.  Sparmetalle
sowie  Bd.  I,  S.  296/297  und  Bd.  II,  S.  350.
Kurland.  über  die  ekhnogr.  Verhältnisse  in  K.
vgl.  Bd.  I.  S.  43  u.  74  f.,  Geographisches  I,  S.  84  [l
und  155  f.  sowie  II.  S.  110.  —  Der  Sommerfeldzug
  1915  brachte  ganz  K.  in  die  Hand  der  Deutschen
(vgl.  Bd.  III,  S.64  f.),  denen  sich  der  deutsche  Grundadel
  entschlossen  zuwandte,  während  die  Majorität  der
Letten  sich  abwartend,  z.  T.  feindlich  verhielt.  Eine  allständische
  Versammlung  in  Mitan  beschloß  21.  Sept.
1916  in  einer  Adresse  an  das  deutsche  Oberkommando
Ost,  den  Schutz  des  Deutschen  Reiches  zu  erbitten.  Die
Antwort  kündigte  die  Einberufung  des  Landesrats
an.  Derselbe  wurde  sofort  gewählt  und  tg  am  15.
März  1918  dem  König  vonsPreußen  die  erbliche  Her-#ogswünrde
  K.San.  Unter  Vorbehalt  der  Zustimmung
es  Landtags,  Reichstags  und  Bundestags  nahm
Kaiser  Wilhelm  diesen  Ruf  an.  Es  kam  jedoch  nicht
zur  Ausführung  der  geplanten  Verbindung  mit  dem
Deutschen  Reich,  ebensowenig  wie  zu  Hindenburgs
Siedlungsplänen  (s.  Kriegerheimstätten),  da  die  deutschen
  Truppen  K.  im  Winter  1918/19  räumen  mußten.
  Sofort  gewannen  die  Letten  auf  Grund  ihrer
Majorität  die  Oberhand,  aber  auch  der  bisher  ferngehaltene
  Bolschewismus  überflutete  das  Land,  das
obendrein  unter  der  Vormundschaft  einer  Ententekommission
  in  Libau  steht.  Am  17.  April  stürzte  eine
nach  Libau  in  Ruhe  gebrachte  Abteilung  der  baltischen
Landeswehr  die  leliishhe  provisorische  Regierung.  Der
Ministerpräsident  floh  zur  engl.  Kommission.  Diese
erzwang  darauf  7.  Mai  die  Bildung  einer  paritätischen
Regierung  unter  dem  Letten  Ulmanis,  aus  7  republikanischen
  und  1  rechtsstehenden  Letten,  3  Balten  und
1  Juden  bestehend.  Bgl.  A.  Seraphim,  Geschichte
K.8  (Berl.  1917).
Kurna,  Stadt  in  Mesopotamien,  s.  Korna.
Kuropattkin,  Alexej  Nikolajewitsch,  russ.  General
  und  Militärschriftsteller,  geb.  29.  März  1848,
focht  nach  zehnjähr.  diplomat.  Tätigkeit  in  Kaschgar
(Turkestan,  1867—77)  unter  Skobeleff  bei  Plewna  u.
am  Schipkapaß,  1880—81  in  Turkestan,  wurde  1882
General  und  verwaltete  1890—97  als  Militär=  und
Zivilgouv.  Transkaspien.  1898  wurde  er  Kriegsminister,
  1904  komm.  General  in  der  Mandschurei.
Seit  seiner  Absetzung  nach  der  Niederlage  bei  Mukden
(16.  Mürz  1005)  war  K.  schriftstellerisch  tätig  er
schrieb:  „Kritische  Rückblicke  auf  den  russ.-türk.  Krieg
1877—1878.  (Berl.  1885—90);  Die  Eroberung  von
Turkmenien-(Mülheim  a.  Rh.  1904)  u.  a.  —  Okt.  1915
wurde  K.  Armeeführer  im  Nordheer  unter  Russii,
Nov.  gegen  Bulgarien,  Febr.  1916  der  Nordarmee,
mit  der  er  vergeblich  versuchte,  die  deutsche  Front  zu
durchbrechen.  Aug.  1916  wurde  K.  Gouverneur  von
Turkestan.  „
Kurfumlija,  serb.  Stadt,  an  der  Toplica,  wurde
        <pb n="310" />
        280

mit  den  umliegenden  Höhen  15.—17.Nov.  1915  nach
heftigen  Kämpfen  von  der  Armee  Gallwitz  genommen,
15.  Okt.  1918  von  Ententetruppen  zurückerobert.
Kusmanek  von  Burgnenstätten,  Hermann
Rudolf,  österr.-ungar.  General,  geb.  16.  Sept.  1860
in  Hernmannstadt,  1900  Oberst,  1910  Feldmarschallleutnant.
  Im  Jan.  1914  zum  Kommand.  v.  Przemys
ernannt.  verteidigte  K.  diese  Festung  mit  äßerster
Zähigkeit  im  Okt.  1914  und  Dez.  1914  bis  22.  März
1915,  worauf  er,  durch  Hungersnot  gezwungen,  sie
übergeben  mußte  (s.  S.  55).  K.,  seit  Nov.  1914  General
  d.  Inf.,  kehrte  Febr.  1918  aus  der  Gefangenschaft
zurück  u.  wurde  Generaloberst.  Er  schrieb  mit  M.  R.
v.  Hoen::Der  Sanitätsdienst  im  Kriege-(Wien  1897).
Küstenbefestigungen,  s.  Bd.  I.  S.  237f.
Küstenpanzerschiffe,  früher  schwächer  bewaffnete
und  kleinere  Linienschiffe.  Jetzt  besorgen  den  Küsten-Kusmanek

  von  Burgneustätten  —  Landsturm

schutz  Kreuzer,  Wachtschisse,  Torpedofahrzeuge  und
Unterseeboote.

Küstenstation,  funkentelegraphische  Station  an
der  Küste,  dient  dem  drahtlosen  Verkehr  mit  Schiffen.

Kut  el  Amara,  feste  Stadt  und  Brückenkopf  im
türkisch-asiat.  Wilajet  Bagdad,  am  Tigris,  lag  Sept.
bis  Nov.  1915  im  Bereich  der  türkisch  engl.  Kämpfe,
wurde  vom  1.  Dez.  1915  an  von  den  Türken  belagert
und  26.  April  1916  genommen;  vgl.  S.  128.  Am  25.
Febr.  1917  wurde  K.  von  den  Türken  geräumt.

Kutno,  Kreisstadt  im  russisch-poln.  Gouv.  Warschau,
  wo  die  Russen  15.  Nov.  1914  durch  Mackensen
eine  schwere  Niederlage  erlitten;  vgl.  Bd.  I.  S.  195.

Kuxhaven  (Cuxhaven),  befestigte  Hafenstadt  im
Hamburger  Amt  Ritzebüttel.  über  den  engl.  Fliegerangriff
  vom  25.  Dez.  1914  vgl.  Bd.  L,  S.  257.

v.,  mililär.  Abk.  für  kriegsverwendungsfähig.

L

L,  Abkürzung  für:  1)  Länge  eines  Geschützrohres
im  Verhältnis  zum  Durchmesser  (s.  Kaliber);  2)  Marineluftschiffe.
  mit  einer  kennzeichnenden  Zahl,  z.  B.L8.

„L  19.,  deutsches  Marineluftschiff,  das  2.  Febr.
1916  in  der  Nordsee  versank;  s.  „King  Stephen.

»L  50.v,  deutsches  Marineluftschiff,  das  von  Bulgarien
  aus  Nov.  1917  der  Schutztruppe  in  Ostafrika
Munition,  Arzneimittel  und  Personal  bringen  sollte,
auf  Grund  eines  unwahren  Reutertelegrammes  über
die  Üübergabe  Lettow-Vorbecks  jedoch  zurückgerufen
wurde,  als  es  nach  95östündiger  Fahrt  6755  km  zurückgelegt
  hatte  und  liber  Oberägypten  stand.

La  Basse,  Gemeinde  im  franz.  Dep.  Nord,  füdwestlich
  von  Lille,  war  als  Frontabschnitt  seit  Okt.
1914  der  Mittelpunkt  schwerer  Kämpfe.  Nachdem
wiederholte  Durchbruchsversuche  der  Engländer  Dez.
1914  und  Jan.  1915  mißlungen  waren,  trat  verhältnismäßige
  Ruhe  ein.  Am  9.  Mai  1915  leiteten
die  Franzosen  einen  gewaltigen  Vorstoß  südl.  von  L.
ein,  der  ihnen  Teilerfolge  brachte  (vgl.  Bd.  I,  S.  221  ff.),
und  setzten  Juni  mit  den  Engländern  ihre  Angriffe
fort.  Am  16.  und  17.  Juni  erlitten  letztere  am  Kanal
von  L  eine  empfindliche  Niederlage.

Laborcza,  Quellfluß  in  den  Ostbeskiden.  März-April
  1915  fanden  im  Laborczatale  und  auf  den  beherrschenden
  Höhen  hartnäckige  Kämpfe  statt,  in  denen
die  russ.  Offensive  gegen  Ungarn  zum  Stehen  gebracht

Labyrinth-Stellung,  s.  Neuville.  zwurde.

La  Fere,  Sperrfestung  im  franz.  Dep.  Aisne,
wurde  1.  Sept.  1914  von  den  Deutschen  genommen
über  die  Kämpfe  im  Raum  von  L.  März-April  1918

Lafette,  s.  S.  153.  Le#l.  S.  99f.

Lafraun  (Lavarone),  Dorf  im  füdl.  Tirol,  f.
Vielgereuth  und  Bd.  II,  S.  103.

Lagarde,  Grenzdorf  in  Lothringen,  wo  in  der
Nacht  zum  11.  Aug.  1914  eine  vorgeschobene  franz.
Beigade  von  deutschen  Grenzschutztruppen  geschlagen
wurde;  die  Franzosen  verloren  die  erste  Fahne.

Lake,  Sir  Percy  Henry  Noel,  engl.  General,

eb.  29.  Juni  1855,  1912  Divisionskommandeur  in
Fnzien,  wurde  als  Nachfolger  des  Generals  Nixon
1915  Oberbefehlshaber  der  engl.  Truppen  in  Mesopotamien,
  Aug.  1916  Generalstabschef  in  Indien.

Lammasch,  Heinrich,  österr.  Politiker,  geb.  21.
Mai  1853  in  Seitenstetten,  gest.  8.  Jan.  1920  in
Salzburg,  Prof.  für  Straf-  und  Völkerrecht  in  Wien,
Mitglied  des  internat.  Schiedsgerichtshofs  im  Haag

sowie  des  österr.  Herrenhauses,  deutschfeindl.  Pazisist,
ward  Okt.-Nov.  1918  österr.  Ministerpräsident,  später
Mitglied  der  Friedensdelegation  in  St.-Germain.

Lana,  Col  di,  2464  m  hoher  Berg  in  den  Südtiroler
  Dolomiten,  nördlich  vom  Buchensteintal,  war
vom  8.  Juli  1915  ab  unausgesetzt  erbittert  umkämpft,
bis  die  Italiener  ihn  17.  April  1916  durch  große
Minensprengungen  eroberten.  5.  Nov.  1917  wurde
der  Col  di  L.  von  den  Österreichern  zurückgewonnen.

Lancierrohr,  Ausstoßrohr  für  Torpedos.

Landarbeiter.  Die  Landarbeiterfrage  bot  schon

u  Beginn  des  Krieges  (vgl.  Bd.  I.  S.  420)  große
wierigkeiten.  Je  weiter  der  Krieg  voranschritt,
um  so  geringer  war  die  Zahl  der  männlichen  deutschen
  Arbeiter.  Dazu  kam,  daß  sowohl  bei  Männern
wie  bei  Frauen  ein  starker  Zug  in  die  Kriegsindustrie
mit  ihren  überaus  hohen  Löhnen  einsetzte.  In  Süddeutschland
  griffen  vielfach  die  militär.  Behörden  ein
und  verboten  den  L.  n  das  Verlassen  ihrer  Stelle.
Eine  allgemeine  Regelung  fand  dann  durch  das  Gesetz
  über  den  vaterländischen  Hilfsdienst  stalt,  das  der
Landwirtschaft  wenigstens  die  noch  nicht  abgewanderten
  Arbeiter  erhielt.  Eine  gewisse,  wenn  auch  nicht
allzu  große  Hilfe  fand  sich  auch  in  der  städtischen
Schuljugend  und  in  den  Kriegsverletzten,  die  imstande
waren,  noch  landwirtschaftliche  Arbeit  zu  leisten.
Die  Hilfe  der  Fremdarbeiter  wurde  immer  knapper.
Als  eine  gute  Stütze  bewährten  sich  weiter  die  Kriegsgefangenen.
  —  Nach  Aufhebung  der  Gesindeordnung
vereinbarten  die  Verbände  der  Arbeitgeber  u.  nehmer
am  22.  Nov.  eine  Landarbeiterordnung,  die  der
Rat  der  Volksbeauftragten  30.  Jan.  1919erließ.  Vgl.
Wygodzinfkki,  Die  Landarbeiterfrage  in  Deutschland
  (Tüb.  1917).

Landbaumotor,  (.  Bd.  L,  S.  313.

Landesschütgen,  stehende  Truppen  der  öster.
Landwehr,  ergänzen  sich  aus  Tirol  und  Vorarlberg.
Vgl.  Standschützen.

Landesverrat.  Der  L.  hat  für  den  Krieg  bes.
als  Spionage  Bedeutung  (s.  Bd.  II,  S.  443  ff.);  über
den  L.  im  besetzten  Gebiet  vgl.  Bd.  I,  S.  430.

Landes-Versicherungsanstalten,  s.  Bd.  II,  S.

Lanudkriegsrecht,  s.  Bd.  I.  S.  363ff.  (391.

Laudsturm,  in  Deutschland  nicht  übungs-  und
kontrollpflichtige  Wehrpflichtige  vom  17.—45.  Lebensjahr,
  und  zwar  ersten  Aufgebots  solche,  die  keinen
Heeresdienst  geleistet  haben,  zweiten  Aufgebots
        <pb n="311" />
        Landwehr  —  Lazarettzug

solche,  die  nach  geleistetem  Heeresdienst  im  39.  Lebensjahr
  aus  der  Landwehr  zum  L.  übertreten.  Nachdemuam
2.  Aug.  1914  der  L.  in  den  Bezirken  des  1.,  2.,  5.,  G.,
8.—10.,  14.  -  18.  20.  u.  21.  Armeekorps  aufgerufen
worden  war,  erfolgte  am  15.  Aug.  durch  kaiserliche
Verordnung  das  Aufgebot  im  ganzen  Reich.  —  In
Osterreich-Ungarn  unterlagen  alle  der  1.  Linie
nicht  angehörigen  Wehrpflichtigen  vom  19.—42.  Lebensjahr
  der  Landsturmpflicht,  die  durch  Verordnun
vom  15.  April  1915  für  die  Dauer  des  Krieges  ame
die  Jahrgänge  zwischen  dem  18.  und  50.,  durch  Gesetz
vom  21.  BanP  1916  bis  zum  65.  Lbensjahr  erweitert
wurde.  —  In  Frankreich  entspricht  dem  deutschen  L.
die  Reserve  der  Territorialarmee  vom  34.—48.
Lebensjahr.

Landwehr  (Seewehr).  Als  Teil  der  allgemeinen
Wehrpflicht  dauerte  in  Deutschland  die  Verpflichtung
zur  L.  1.  Aufgebots  fünf  Jahre,  zur  L.  2.  Aufgebots
  bis  zum  vollendeten  39.  Lebensjahr.  Frankreich
  hat  Armée  territoriale,  Italien  Mobilmiliz,
Rußland  Reservetruppen,  Ssterr:  hatie  aktiv  dienende,
gut  ausgebildete  L.,  die  April  1917  den  Namen
„Schützen  erhielt.  Vgl.  Honved.

Landwirtschaft.  Die  Einwirkungen  des  Krieges
auf  die  L.  in  den  ersten  Kriegsjahren  sind  Bd.  I,  S.
412ff.,  die  Landwirtsch.  Maschinen  Bd.  I.  S.  312fff.
behandelt;  über  Erzeugung,  Rationierung  und  sonstige
  Maßnahmen  für  die  wichtigsten  Produkte  (Milch,
Olfrüchte,  Faserstoffe)  sowie  über  innere  Kolonisation
und  Landarbeiter  s.  die  betr.  Artikel.

Der  Rückgang  der  Ernteflächen  und  der  Erträge
ergibt  sich  aus  folgender  Statistik:

Ernteflächen  (in  ha)
1913  1918

Erträge  (in  Mill.  de)
1913  1018

Winterwelzen  1017449  7305904  25,7  13,
Sommerweizen.  148605  92761  3.7  1,6
Winterroggen  4877037  44109403  92.7  61,0
Haser  20648255  2181  488  65,6  31,0
Kartossen.  23829404  1967080  992,,  2s90

Früchte  u.  Futter  ca.  18  Mill.  ca.  16  Mill.  ca.  1114,0  ca.  690%
Vgl.  .  Arbeitsziele  der  deutschen  L.  nach  dem  Kriege-(hrsg.
  von  Braun,  Dade,  Freier  und  Wangenheim;
Berl.  1918).

Langemarck,  belgische  Gemeinde  in  Ostflandern.
Junge  deutsche  Regimenter  eroberten  10.  Nov.  1914
die  engl.  franz.  Stellungen  bei  L.,  das  22.  April  1915

enommen  wurde.  Juli  1917  war  der  Raum  von  L.

tig  umkämpft.  Vgl.  Bd.  L,  S.  216  u.  Bd.  III,  S.  89.

Laugle  de  Cary,  Fernand  Louis  Armand  de,
franz.  General,  geb.  4.  Juli  1849  in  Lorient,  1895
Oberst,  1900  Brigadegeneral  und  Komm.  einer  Kav.=Brig.
  in  Algerien,  1906  Div.-Gen.,  1908  Führer  des
4.  Korps,  nach  Kriegsausbruch  der  4.  Armee  in  Bel.
gisch-Luxemburg.  Nach  der  Schlacht  am  Semois
mußte  L.  an  die  Maas  zurückweichen,  die  er  bis  28.
Aug.  verteidigte,  und  focht  in  der  Marneschlacht  am
rechten  Flügel  (Chälons).  Bis  Anfang  Mai  1916  besehligte
  L.  die  Armeen  des  Zentrums.

Laurezae,  Charles  Louis  Marie,  franz.
General,  geb.  31.  Juli  1852  in  Point-à-Pitre  (Guadeloupe),
  1902  Oberst,  1906  Brigadegeneral,  als  Div.=General
  1911  Komm.  und  Inspekteur  des  Festungsgürtels
  Mcezieres-Reims,  später  Komm.  des  11.  Korps
(Nantes),  1914  Mitcglied  des  Obersten  Kriegsrates,
bei  Kriegsausbruch  Befehlshaber  der  5.  Armee.  In
der  Schlacht  an  der  Sambre  23.  Aug.  1914  geschagen,
stellte  sich  L.  den  Armeen  Kluck  und  Bülow  bei  St.
Quentin-Guise  28./29.  Aug.  1914,  mußte  aber  den
Rückzug  antreten  und  legte  den  Oberbefehl  nieder,  der

281

an  Franchet  d’Esperey  überging.  L.  schrieb:  -Stratégie-,
  imn  »Grand  dictionnaire  militaire-  (1905).
Lausdowile,  Lord  Henry  Charles,  engl.  Politiker,
  geb.  14.  Jan.  1845,  von  der  liberalen  Partei
u  den  Konservaliven  übergetreten,  1880  Unterstaatsseir.
  für  Indien.  1883—88  Generalgouv.  von  Kanada,
1888—94  Vizekönig  von  Indien,  1895—  1905  Mitgl.
der  Regierung  (erst  Kriegs-,  dann  Außenmin.)  schloß.
das  Bündnis  mit  Japan  u.  Frankreich,  war  Mai  1915
bis  Aug.  1916  Min.  ohne  Portefeuille  u.  schrieb  Nov.
1917  einen  Brief  an  den  Daily  Telegraph-,  der  für
Ermäßigung  der  Kriegsziele  u.  gegen  den  Wirtschaftskrieg
  nach  dem  Kriege  eintrat.
ansing,  Robert,  amerikan.  Staatsmann,  geb.
1869,  namhafter  Völkerrechtler,  Juni  1915  bis  Febr.
1920  Staatssekretär  des  Ausw.,  1918  Mitglied  der
amerikan.  Friedensdelegation,  vertrat  seit  Okt.  1919
den  erkrankten  Wilson.  L.  gibt  das  „American  Journal
  of  International  Law“  heraus.  —  Bild  s.  bei
S.  226.

Laon,  befestigte  Hauptstadt  des  franz.  Dep.  Aisne,
wurde  1.  Sept  1914  von  der  Armee  Hausen  genommen,
  13.  Okt.  1918  von  den  Franzosen  zurückerobert.

Lapauow,  Stadt  in  Westgalizien,  Limanowa.

Lastauto  (Lastkraftwagen),  s.  Bd.  I.  S.  281.

Lastzug,  Kraftwagen  mit  einem  oder  mehreren

angehängten  Lastwagen;  s.  Bd.  J,  S.  282.

Louif  aua,  Distriktshauptort  in  d.  ital.  Prov.  Udine,
am  unteren  Tagliamento,  wo  1.  Nov.  1917  60000
Nan  der  3.  ital.  Armee  die  Waffen  streckten;  vgl.  S.

a

L

endes  Gefecht,  s.  Bd.  I.  S.  2922.  (116.
e.  Zur  Bekämpfung  der  L.  gab  man  den
vorderen  Truppen  von  Zeit  zu  Zeit  Säuberungsmöglichkeiten
  und  entlauste  alle  zurückgezogenen
Mannschaften  am  ersten  großen  Etappenplag  in  besonderen
  Entlausungsanstalten  (scherzweise  Lausoleum
  genannt).  Rückkehr  in  die  Hoimat  war  nur
gegen  Entlausungsschein  gestattet.  Vgl.  Bd.  I,  S.  307.

Lavarone,  Gemeinde  in  Südtirol,  s.  Lafraun.

„La  Vietoire,  frz.  Zeitung.  s.  Guerre  Soziale.

Law,  Andrew  Bonar,  engl.  Politiker,  geb.  16.
Sept.  1858  in  Neubraunschweig.  Rechtsanwalt,  1900
ins  Unterhaus  gewählt,  1902—09  parlamentarischer
Sekretär  des  Handelsamts,  seit  1911  als  Voackfolger
Balfours  Führer  der  unionist.  Partei,  Mai  1915  Kolonialminister
  u.  Sept.  Mitglied  des  Kriegskabinetts,
1916  Finanzmin.,  10.Jan.  1919  Lordsiegelbewahrer.

Lawrence,  Sir  H.,  engl.  General,  war  seit  Jan.
1918  Generalstabschef  der  brit.  Armeen  in  Frankreich.

Lazarett,  svw.  Krankenhaus,  insbes.  für  Heeresangehörige.
  Am  nächsten  zur  Gefechtsfront  befinden
sich  die  Feldlazarette  (s.  Bd.  I.  S.  308  ff.).  Beförderungsfähige
  Verwundete  und  Kranke  gelangen
von  da  in  die  Kriegs=  oder  Etappenlazarette  (vgl.
Bd.  II,  S.  263  f.),  weiter  in  die  Reservelazarette
der  Heimat.  Als  solche  dienen  außer  besonders  errichteten
  auch  die  im  Frieden  bestehenden  Garnisonlazarette,
  ferner  von  Vereinen  usw.  unterhaltene
Vereinslazarette  und  Privatlazarette.  —  Oft
sind  Verwundeten=  und  Krankenlazarette  getrennt;
Seuchenlazarette  sind  den  an  ansteckenden  Massenkrankheiten
  (Typhus,  Cholera,  Pocken,  Ruhr,  Fleckfieber
  usw.)  Leidenden  vorbehalten.

Lazarettschiff,  zur  Beförderung  von  Verwundeten,
  Kranken  und  Schiffbrüchigen  sowie  zur  Hilfeleistung
  für  sie  eingerichtet,  gilt  im  Seekrieg  für  unverletzlich
  (vgl.  Bd.  I,  S.  370).  "

Larazettzug,  Eisenbahnzug  zur  Beförderung  von
        <pb n="312" />
        282

Verwundeten  und  Kranken,  enthält  außer  Kranken.
wagen  auch  Operations.,  Desinfektions--,  Apothekenund
  Küchenwagen,  ferner  Wohnwagen  für  Arzte
und  Pfleger.  Ein  L.  besteht  aus  39  Wagen,  darunter
24  Krankenwagen  zu  je  12  Lagerstellen  und  1  Offizier-Krankenwagen
  mit  8  Lagerstellen.  Vgl.  Bd.  II,  S.  266.

Lazarevac  (Lasarewah#),  serb.  Ort  an  der  Kolubara.
  Die  starke  serbische  Verteidigungslinie  L.—
Arangjelovac  wurde  25.  Okt.  1915  von  den  Truppen
der  Mittelmächte  durchbrochen;  vgl.  S.  51.

League  to  enforce  peace,  im  Juni  1915
unter  Vorsitz  von  Taft  in  Philadelphia  gegr.  Liga
zwecks  zwischenstaatlicher  Ordnung  und  zur  Herbeiführung
  des  Friedens.

Lebensmittelkarten.  Die  mit  der  Absperrung
Deutschlands  notwendig  gewordene  Verbrauchsregelung
  der  Lebensmittel  führte  Jan.  1915  zur  Einführung
  von  L.  (oder  Lebensmittelmarken),  von
denen  als  erste  die  Brotkarte  (s.  d.)  ausgegeben
wurde.  Ihr  folgten  bald  Fleisch-,  Fett-,  Butter-,  Eier--,
überhaupt  Nahrungsmittelkarten  aller  Art,  um  das
wirtschaftliche  Durchhalten  zu  ermöglichen.  Eine  umfangreiche
  Sammlung  der  L.  umfaßt  die  Kriegssammlung
  der  Deutschen  Büchereie  in  Leipzig.  Vgl.
auch  Bd.  I,  S.  425.

Lebensmittelkontrolleur,  Titel  des  mit  der
Kontrolle  über  die  Lebensmittel  betrauten  Mitglieds.
des  engl.  Kabinetts  (1916—18  Lord  Devonport);  ähnlich
  in  den  Vereinigten  Staaten  seit  1917  (Hoover).

Leder,  war  während  des  Krieges  bei  den  Mittelmächten
  in  ungenügender  Menge  vorhanden.  über
Lederersaß!  Bd.  L,  S.  302.

Le  Four  de  Paris,  Argonnendorf,  war  seit  Dez.
1914  Schauplatz  schwerer  Kämpfe;  vgl.  Bd.  I,  S.  189.

Legien,  Karl,  deutscher  Sozialdemokrat,  geb.  1.
Dez.  1861  in  Marienburg,  Drechsler,  seit  1890  Vors.
der  Generalkommission  der  Gewerkschaften  Deutschlands,
  machte  die  »freien«  Gewerkschaften  zur  Kerntruppe
  der  polit.  Sozialdemokratie.  1893  —  98  und
seit  1903  im  Reichstag,  im  Kriege  Redakteur  des
Korrespondenzblaties  der  Gewerkschaften,  1919  Mitgl.
der  Nationalversammlung,  schrieb:  =  Die  deutsche  Gewerkschaftsbewegung=
  (Berl.  1911);  =  Aus  Amerikas
Arbeiterbewegunge  (das.  1914)  u.  a.

Le  Havre,  befest.  See-  u.  Handelsstadt  an  d.  Seinemündung,
  wurde  13.Okt.  1914  Sitz  d.  belg.  Regierung.

»Leipzig«,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  sank  8.  Dez.
1914  bei  den  Falklandinseln;  vgl.  Bd.  I.  S.  270.

Lemberg,  Hauptstadt  Galiziens.  über  die  strateg.
Lage  s.  Bd.  I.  S.  159.  Der  Raum  von  L.  war  seit
Ende  Aug.  1914  Schauplatz  einer  großen  Schlacht,
die  zu  der  Räumung,  L.s  u.  dem  Rückzug  der  Osterreicher
  führte;  vgl.  Bd.  III,  S.  47f.  Am  22.  Juni
1915  bog  die  Armee  Böhm--Ermolli  in  L.  ein;  vgl.
Bd.  1.  S.  215  sowie  Bd.  1II,  S.  57.  Herbst  1918
wurde  L.  der  Brennpunkt  der  Kämpfe  zwischen  Polen
und  Ukrainern.

Le  Mesnil,  frz.  Gem.  östl.  Perthes  (Champagne),
seit  Febr.  1915  häußig  von  den  Franzosen  angegriffen.

Leuin,  eigentl.  Wladimir  Iljitsch  Uljanoff,
russ.  Sozialist,  aus  adliger  großruss.  Familie,  geb.
1870  im  Gouv.  Simbirsk,  1895  wegen  revolut.  Umtriebe
  nach  Sibirien  verbannt,  entfloh  ins  Ausland,
trat  1903  auf  dem  Sozialistenkongreß  in  Brüssel  hervor,
  wurde,  seit  1905  Herausg.  der  Zeitung  -Iskrar,
zum  Führer  der  Bolschewiki,  mußte  1907  nochmals
ins  Ausland  fliehen,  trat  später  in  der  „Prawda
Wahrheit)  unter  Bekämpfung  der  gemäßigten  So-Lazarevac



—  Letten

zialisten  en  für  seine  Forderungen  ein  und  gewann
immer  mehr  Anhänger.  L.  kam  1917  aus  der  Schweiz
durch  Deutschland  nach  Rußland,  machte  Juli  1917
einen  mißglückten  Versuch,  sich  Petersburgs  zu  bemächtigen,
  gelangte  7.  Nov.  zur  Macht  und  an  die
Sife  der  Regierung.  L.  ist  der  geistige  Führer  des
Bolschewismus.  Weiteres  s.  Rußland.  —  Bild  f.
bei  S.  226.  "

Lennewaden,  livländ.  Ort  nordwestl.  von  Fried.
richstadt,  dessen  stark  ausgebauter  Brückenkopf  2.  Sept.
1915  von  der  Armee  Below  erobert  wurde.

Leus,  franz.  Stadt  im  Dep.  Pas-de-Calais,  war
bes.  Juni  1917  heftig  umstritten;  vgl.  S.  87.

»Leonardo  da  Vinci-,  ital.  Großkampfschiff,  flog
2.  Aug.  1915  in  Tarent  in  die  Luft;  vgl.  Bd.  II,  S.  247.

Leopold,  Maximilian,  Prinz  von  Bayern,
geb.  9.  Febr.  1846  in  München,  Sohn  des  Prinzregenten
  Luitpold,  nahm  an  den  Kriegen  1866  und
1870/71  teil,  wurde  1873  Oberst,  führte  1881—87
die  1.  Division,  1887—91  das  1.  Armeekorps;  1891
wurde  er  Generalinspekteur  der  4.  Armeeinspektion,
1896  Generaloberst,  1905  Generalfeldmarschall,  Aug.
1916  auch  preuß.  Generalfeldmarschall.  —  Bei  der
deutsch-österr.  Offensive  in  Polen  Mitte  Juli  1915
führte  L.  die  mittlere  Heeresgruppe  u.  zog  am  5.  Aug
in  Warschau  ein.  Zug.  1916  wurde  er  als  Nachf.
Hindenburgs  Oberbefehlshaber  im  Osten  u.  befehligte
den  Abschnitt  von  der  Osisee  bis  füdl.  von  Brody.  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  194.

Lersch,  Heinrich,  rheinischer  Kriegsdichter,  geb.
12.  Sept.  1889,  von  Haus  aus  Kesselschmied,  schuf
von  Vaterlandsliebe  u.  Religiosität  erfüllte  Gedichte:
»Die  heilige  Note  (M.-Gladb.  1915);  „Herz!  Aufglühe
  dein  Blut=  (Jena  1916,  in  vielen  Aufl.);  Abglanz
  des  Lebens.  (2.  Aufl.,  M.-Gladb.  1917);  Vergiß
  du  deines  Bruders  Not«  (2.  Aufl.,  Köln  1917);
„Die  arme  Seele-(M.--Gladb.  1917);  „Hauptmann
und  Soldatene  (das.  1917);  „Deutschland!e  (Jena
1918);  Der  preuß.  Musketier,  drei  Gestalten=  (M.=Gladb.
  1918);  -Schulter  an  Schulter=  (das.  1918);
„Das  Land.  (das.  1918).

Lesbeoufs,  franz.  Ortschaft  südl.  von  Bapaume,
war  in  der  Sommeschlacht  vielfach  umkämpft;  vgl.
Bd.  II,  S.  219.

Leschitzki,  russ.  General,  nach  Kriegsausbruch
Befehlshaber  einer  sibir.  Schützenbrigade,  dann  der
1.  Garde-Inf.-Div.,  wurde  1915  General  der  Inf.,
befehligte  1916  die  9.  Armee  (Brussiloffs  linken  Flügel
zwischen  Pruth  und  Duzjestr),  durchbrach  Anf.  Juni
1916  die  österr.-ungar.  Front  bei  Okna,  eroberte
Czernowitz  u.  die  Bukowina  und  drängte  die  österr.=ungar.
  Truppen  bis  an  die  Karpathenkämme  zurück.
Beim  Zusammenbruch  der  rumän.  Armee  Ende  1916
Oberbefehlshaber  der  russ.-rumän.  Front,  brachte  er
den  deutsch-österr.  Vormarsch  am  Sereth  zum  Stehen.

Les  Eparges,  Ort  in  Frankreich,  s.  Bd.  I,  S.  205.

Leskovac,  serb.  Stadt  an  der  Bahn  Nisch-üsküb,
wurde  8.  Nov.  1915  von  den  Bulgaren  nach  heftigem
Kampfe  besetzt.  Auf  ihrem  Rückzug  wurden  die  deutschen
  und  österr.-ungar.  Truppen  bei  L.  von  franz.
serb.  Abteilungen  ereilt  und  6.—8.  Okt.  1918  in  verlustreiche
  Gefechte  verwickelt.

Letten.  über  das  Volk  der  L.  s.  Bd.  L  S.  74  ff.,  84  f.
Bis  in  den  Nov.  1918  lag  die  politische  Führung  in
den  von  den  L.  bewohnten  ehemals  russ.  Gouvernements
  (Kurland,  Südlivland,  Witebsk)  bei  den  Deutschbalten,
  die  am  15.  März  1918  durch  den  kurländischen
Landesrat  dem  deutschen  Kaiser  die  Herzogskrone  Kur-
        <pb n="313" />
        Lettow-Vorbeck  —  Liebesarbeit

lands  anboten.  Die  im  November  unter  Ullmannis
in  Riga  gebildete  Regierung  der  Republik  Latwija
schloß  am  29.  Dez.  1918  mit  den  im  Lande  stehenden
deutschen  Truppen  unter  Graf  v.  d.  Goltz  einen  Vertrag,
  nach  dem  diese  mit  den  lettischen  und  baltischen
Freiwilligenkorps  zusammen  die  Verteidigung  des
Landes  übernehmen  und  dafür  Bürgerrecht  und
Ansiedlungsrecht  erhalten  sollten.  Dennoch  fiel  am
8.  Jan.  1919  Riga  in  bolschewistische  Hand;  erst  am
21.  März  konnte  Mitau  wieder  genommen  werden,
am  23.  Mai  auch  Riga.  Inzwischen  hatte  sich  das
Verhältnis  der  deutschen  Truppen  zur  Regierung,  die
jetzt  in  Libau  saß,  sehr  verschlechtert.  Am  17.  April
stürzte  baltische  Landeswehr  die  provisorische  Regierung,
  worauf  Ullmannis  unter  engl.  Drucke  eine  paritätische
  Regierung  aus  7  demokratischen  und  1  konservativen
  Letten,  3  Balten  u.  1  Juden  bildete.  Nach
der  Rückgewinnung  Rigas  bat  die  Regierung  Deutschland
  am  23.  Mai  dringend  um  Belassung  der  Truppen
  des  Grafen  Got,  das  gleiche  forderte  die  Entente
am  25.  und  30.  Mal.  Aber  am  19.  Juni  verlangte
die  Entente  wieder  ihre  schnellste  Zurückziehung.  Die
deutschbaltischen  Truppen  räumten  am  5.  Juli  auf
Grund  einer  Vereinbarung  mit  den  Letien  Riga.  Da
die  lettische  Regierung  jetzt  den  Vertrag  vom  28.  Dez.
nicht  anerkennen  wollte,  weigerten  sich  die  Truppen  des
Grafen  v.  d.  Goltz  in  Mitau  am  20.  Aug.,  nach  Deutschland
  zurückzukehren.  Sept.  bot  Rußland  der  lettischen
Regierung  durch  Tschitscherin  den  Frieden  an.

Lettow-Vorbeck,  Paul  von,  deutscher  General,
geb.  20.  März  1870  in  Saarlouis,  nahm  1900  am
Chinafeldzug  teil,  focht  1904  in  Deutsch-Südwestafrika,
  führte  1909  das  2.  Seebataillon,  wurde  1911
Führer  der  Schutztruppe  in  Kamerun,  1914  in  Ostafrika.
  Okt.  1917  Generalmajor,  kämpfte  4  Jahre  lang
unter  schwierigsten  Verhältnissen  gegen  die  Engländer
(vgl.  S.  122  ff.)  u.  wurde  nach  Abschlust  des  Waffenstillstandes
  nach  Deutschland  überführt.  1919  traf  er
wieder  in  Deutschland  ein  u.  wurde  Führer  des  Korps
L.  der  Reichswehrtruppen,  in  Hamburg  März  1920
entlassen.  —  Bild  s.  bei  S.  215.

Leuchtgeschosse,  s.  Bd.  II,  S.  274  u.  279  sowie
Bd.  III,  S.  165  (Leuchtsignale).

Leuchtmassen,  zu  selbstleuchtenden  Anstrichen  u.
Zifferblättern  für  Uhren  und  Kompasse  dienende  .
sammensetzungen,  enthalten  phosphoreszierende  Verbindungen,
  wie  Schwefelkalzium,  Schwefelbarium,
Schwefelantimon,  Kalziumwolframat,  mit  einem
Bindemittel.  Gute  Massen  für  Leuchtzifferblätter
enthalten  Radium  oder  das  billigere  Mesothorium.

Leuchtpistole,  großkalibrige  Pistole  ohne  Zieleinrichtung,
  zum  Abfeuern  von  Leuchtgeschossen.

Leuchtsatzfeuer,  in  Schalen  oder  Rinnen  abgebrannter
  Leuchtsatz  (bengalische  Flamme)  in  verschiedenen
  Farben,  dient  naches  den  Fliegern  zur  Beurteilung
  der  eigenen  Stellungsabschnitte.

Leuchtsignale,  s.  S.  165.

Leuchtspurmunition,  meist  aus  Maschinen.
gewehren  abgefeuerte  Infanteriegeschosse,  deren  Weg
in  der  Luft  eine  perlschnurförmige  Leuchtspur  bezeichnet,
  wird  bei  Fliegerabwehr  benutzt,  um  die  Bahn  der
übrigen  Geschosse  gegenüber  dem  Luftziel  zu  erkennen,
auch  umgekehrt  von  Fliegern  gegen  Erdziele  verwendet.
In  Maschinengewehren  werden  3—5  Leuchtspur.
patronen  zwischen  je  100  und  mehr  gewöhnliche  Geschosse
  eingefügt.  Mann.

L’homme  mort,  Bergrücken  bei  Verdun,  s.  Toter

Liban,  russ.  Hafenstadt  und  Seebad  in  Kurland.

283

Der  1893  erbaute  Kriegshafen  wurde  von  deutschen
Ostseestreitkräften  17.  Nov.  1914  gesperrt,  nachdem  er
2.  Aug.  in  Brand  geschossen  worden  war  (vgl.  Bd.  1,
S.  262).  Am  8.  Mai  1915  wurde  L.  von  der  Armee
Belsow  besett  (vgl.  Bd.  I,  S.  219).  Am  23.  Okt.  1915
wurde  der  deutsche  Große  Kreuzer  =  Prinz  Adalbertbei
  L.  von  einem  engl.  Unterseeboot  versenkt.  —
Seit  Jan.  1919  ist  L.  Sitz  der  lettischen  Regierung
und  einer  Ententekommission.

Liberia,  Negerrepublik  an  der  Westküste  Afrikas.
Eingekeilt  zwischen  England  und  Frankreich,  durch
Wilsons  Weltdiktatur  bedroht,  mußte  L.,  obwohl
deutschfreundlich,  doch  9.  Mai  1917  die  Beziehungen
tum  Deutschen  Reiche  abbrechen.  Im  Juli  enkfernte

ie  Regierung  alle  Deutschen  und  liquidierte  deren
Geschäfte.  Am  4.  Aug  erfolgte  die  Kriegserklärung.

Lichnowsty,  Karl  Max,  Fürtst,  deutscher  Diplomat,
  Pazifist,  geb.  8.  März  1860  in  Kreuzenort,
1884  im  Auswärtigen  Amt,  dann  als  Botschaftssekretär
  im  Ausland,  1904—11  im  Ruhestand,  1912
bis  1914  Botschafter  in  London,  verfaßte  1916  eine
Denkschrift  „Meine  Londoner  Mission,  die  Deutschland
  die  Schuld  am  Weltkrieg  und  dem  Reichskanzler
Bethmann  Hollweg  die  Vereitelung  einer  von  L.  vorbereiteten
  deutsch-engl.  Verständigung  zuschob,  wurde
deshalb  Juli  1918  aus  dem  preuß.  Herrenhaus  ausgeschlossen
  und  ging  nach  der  Schweiz.

Lichtfsignale,  1)  svw.  Leuchtsignale,  s.  Leuchtgeschosse;
  2)  svw.  Blinkzeichen,  s.  Blinken.  —  Vgl.  S.  165.

Liebesarbeit  im  Kriege.  1)  Dieevangelische
L.  Vielfach  stellten  Wohltäligleitsanstalten  ihre  Näume
bzw.  Krankenhäuser  zu  Lazarettzwecken  zur  Verfügung.
Die  Seemannsmission  in  den  Auslandshäfen
mußtemeist  aufhören;  die  in  den  Heimatshäfen  wurde
stark  eingeschränkt.  Die  Herbergen  zur  Heimat
fanden,  da  auch  die  Wandernden  zur  Fahne  geholt
wurden,  meist  für  ihre  Räume  andere  wichtige  Verwendung.
  Kleinkinderschulen  und  Kinderhorte
wurden  je  nach  Lage  des  Arbeitsmarktes  für  die  Mütter
  schwächer  (so  bes.  im  Anfang)  oder  stärker  besucht.
Die  (25)  Krüppelheime  stellten  sich  neben  der  Friedensarbeit
  in  den  Dienst  der  Kriegsbeschädigten,  errichteten
  orthopädische  Lazarette  und  organisierten  die
Berufsberatung.  In  Krakau  bei  Magdeburg  wurde
ein  großes  Soldatenhandwerksheim  errichtet.

üler  nooo  Schwestermder  Diakonissen-Mutterhäuser
  standen  in  der  Kriegskrankenpflege,.  von
ihnen  in  Heimatlazaretten,  ¼  in  der  Etappe,  eine
Anzahl  in  Lazarettzügen  und  im  Bahnhofsdienst.
Der  Evangelische  Diakonieverein  in  Zehlendorf
  hatte  zeitweilig  etwa  700  Schwestern  in  der
Kriegsarbeit  stehen.  Die  Diakonen  der  evang.  Brüderhäufer
  (18)  mußten,  soweit  millstärpslichtig,  in
den  Heeresdienst  eintreten;  nur  etwas  mehr  als  ½
blieben  im  Friedensberuf.  Freiwillig  eintretende  Helfer
wurden  zahlreich  während  des  Krieges  ausgebildet.

Außerordentliches  leistete  die  evang.  L.  in  der  Bereitstellung
  von  Lesestoff.  Der  Zentralausschuß  für
Innere  Mission  in  Berlin  wirkte  bei  der  Gründung
des  „Gesamtausschusses  zur  Verteilung  von  Lesestoff
im  Feld  und  in  den  Lazarettene,  dem  alle  Einzelorganisationen,
  konfessionelle  wie  nichtkonfessionelle,
angehören,  hervorragend  mit.  Ferner  widmeten  sich
deser  Arbeit  der  Evangelisch-kirchl.  Hilfsverein  mit
Frauenhilfe,  der  Evang.  Preßverband  für  Deutschland,
  der  Svangelische  Bund  und  die  Wichernvereinigung,
  mit  Unterstützung  der  Bahnhofsmission.

ine  riesengroße  Zahl  von  Soldaten-(und  Ma-
        <pb n="314" />
        284

rine=  Leimen,  von  der  Militärverwaltung  nachdrücklich
  gefördert,  boten  den  Soldaten  in  Feindesland
ein  Heim;  jeder  größere  Etappenort  bekam  ein  Heim,
die  ganz  großen  mehrere;  auch  dicht  hinter  der  Front
fehlten  1  nicht.  Grundsätzlich  waren  sie  interkonfesfionell;
  nicht  wenige  gründeten  evang.  Ve  reinigungen.
Die  Teilnahme  an  den  religiösen  Darbietungen  war
freiwillig.  Besonders  tätig  waren  in  dieser  Arbeit
die  Nationalvereinigung  evang.  Jünglingsbündnisse
Deutschlands  (Belgien  u.  Nor  Pontresch.  die  Deutschchristl.
  Studentenvereinigung  (Ostfront)  u.  a.

Die  Innere  Mission  tat  viel  zur  Bekämpfung  des
Alkoholismus  und  zur  Förderung  der  Sittlichkeit.
  In  der  Fürsorge  für  die  Kriegsgefangenen
  war  der  Hauptteil  der  Arbeit  interkonfessionell.
Auf  Anregung  des  Zentralausschusses  für  Innere
Mission  wurde  ein  interkonfessioneller=  Hilfsausschuß
für  Gefangenen-Seelsorger  mit  konfessionellen  Abteilungen
  begründet,  der  das  -Deutsche  Komitee  der
Kriegsgefangenenhilfe  der  Christl.  Vereine  junger
Männer.  gründen  half.  Den  deutschen  Evangelischen
im  Ausland  sandte  die  -Evang.  Blättervereinigung
für  Soldaten  u.  kriegsgefang.  Deutsche#  (Bad  Nassau)
reichlichen  Lesestoff.  Der  Lelingenn  deutschen  Akademiker
  nahm  sich  die  -Deutsche  Kriegsgefangenenhilfe-(gegr.
  1915)  an,  zu  der  die  Nationalvereinigung  der
Jünglingsbündnisse  Deutschlands  und  die  Deutsch

ristl.  Siudentenvereinigung  sich  zusammenschlossen.

I.  Wilh.  Scheffen,  Die  L.  für  unsere  Feldgrauen
(Leipz.  1917);  Joh.  Schneider,  Kirchl.  Jahrbuch  für
das  evang.  Deutschland  (Gütersl.  1914  ff.).

2)  Die  katholische  Karitas  baute  im  Weltkrieg
ihre  Organisation  weiter  aus.  Auf  den  Konferenzen
der  deutschen  Bischöfe  1915—17  wurde  autoritativ
der  1897  von  Prälat  Werthmann  gegründete  Deutsche
Karitasverband  als  die  rechtmäßige  Zusammenfassung
  der  in  den  Dibzesankaritasverdänden  zusammengeschlossenen
  örtlichen  u.  fachlichen  Karitasorganisationen
  anerkannt.  Zugleich  wurde  ihm  der  Zentralrat
  als  neuer  Organi  ationsmittelpunkt  eingegliedert
und  durch  neue  Satzungen  sein  Arbeits=  u.  Organisationsprogramm
  festgelegt.  Als  neue  volkstümliche
Zeitschrift  wurden  die  -Caritasstimmene  seit  1917
vom  Karitasverband  herausgegeben.  Die  Zahl  der
Diözesankaritasverbände  stieg  1915—18  von  8  auf
17.  Bayern  gründete  einen  =  Landeskaritasverband.
Ebenso  entstanden  zahlreiche  örkliche  und  fachliche
Karitasorganisationen.  Insbes.  war  die  rege  Karitasarbeit
  auf  dem  Lande  bemerkenswert.  Der  deutsche
Karitasverband  sorgte  für  die  kath.  L.  im  Kriege  zunächst
  durch  Schulung  der  Kräfte,  indem  er  verschiedentlich
  Lehrgänge  für  die  Mitarbeit  in  der
Kriegsbeschädigten=  und  Hinterbliebenen-Fürs
  orge  veranstaltete.  Sodann  richtete  er  in  Freiburg
  i.  B.  eine  zemeinnützige  Hilfs=  und  Beratungsstelle
  für  die  Angehörigen  unserer  Heeresmannschaften-
  mit  Zweigstellen  in  Karlsruhe,  Konganz,
  Mannheim,  Offenburg,  Lörrach-Stetten  ein.

och  viel  umfangreicher  wirkte  die  von  den  Regierungen
  der  kriegführend.  Mächte  anerkannte  kirchl.
Kriegshilfsstelle  in  Paderborne,  die  die  deutschen
  Bischöfe  1915  gründeten.  Sie  gab  Auskunft  u.
Hilfe  in  allen  Fragen,  die  deutsche  Vermißte  und  Gefangene
  sowie  feindl.  Gefangene  in  Deutschl.  betrafen.

Die  kath.  Abteilung  des  Hilfsausschusses
für  Gefangenenseelsorge  betätigte  sich  durch
Beschaffung  u.  Verteilung  geeigneter  Literatur,  Hebung
  des  Mangels  geistiger  Ausbildung  und  durch

Liebesgaben  —  Liga  der  Fremdvölker  Rußlands

Linderung  unvermeidlicher  Härten.  —  Die  Flüchtlingsfürsorge
  nahm  sich  der  von  Haus  und  Herd
dur  den  Krieg  vertriebenen  Elsässer  an,  die  anderwärts
  untergebracht  waren.  —  Umsangreich  war  die
karitative  Vermittlung  von  Landaufenthalt  an
unterernährte  Stadikinder  (1917  über  200000
Pflegestellen).  —  Die  kath.  Gesellenvereine  richteten
Eisenbahnerheime  in  den  Etappengebielen  ein.
Die  kath.  Jugendorganisationen  schufen  danach  Soldatenheime
  (Ende  1916:  250)  mit  Hilfe  von  Vereinsmitteln
  u.  kirchl.  Kollekten.  Sehr  weitgehend  war
die  Kriegskranken=  u.  Verwundetenpflege  in
den  Etappen=  und  Heimatslazaretten.  Der  Nachener
Hilfsverein  der  Genossenschaft  der  Rheinisch-Westfäl.
Malteserdevotionsritter  unterhielt  die  Malteserlazarette
  im  Felde  u.  sorgte  für  Ausrüstungsbeihilfe  von
Feldgeistlichen  u.  Weihnachtsgaben  für  Krieger.  Die
Kriegskrüppelfürsorge  der  St.  Josephsgesellschaft
e.  V.  zu  Bigge  a.  d.  Ruhr  richtete  eine  Klinik  für  Kriegsbeschädigte,
  eine  Verwundetenschule  mit  Berufsberatung
  u.  Stellenvermittlung  ein.  Der  Bonifatiusverein
half  die  durch  die  Russen  in  Ostpreußen  zerstörten  kath.
Kirchen  und  Schulen  wiederaufbauen  und  einrichten.

Um  die  kath.  Kriegsliteratur  zur  Pflege  des
religiösen  Lebens  machten  sich  verdient:  A.  Heine
(„Heimatgrüße-);  H.  Mohr  (Stimme  der  Heimat-)
das  Sekretartat  sozialer  Studentenarbeit  M.-Gladbach
  u.  der  Kath.  Akademikerausschuß  (Gelegenheitsschriften);
  die  Theol.  Fakultät  Paderborn  (Religiöse
Kriegsblätter-)  u.  a.  Der-Arbeitsausschuß  zur
Verteidigung  deutscher  u.  kath.  Interessenwendete
  sich  bes.  gegen  die  einseitigen  Angriffe  des
franz.  Katholikenkomitees  und  seine  Beschuldigungen
barch  Aufklärung  des  kath.  neutralen  Auslandes.
Vgl.  Jahrb.  d.  Caritasverbandes;  9.,  10.  u.  11.  Jahrg.
(Freib.  1915—  18);  H.  Krose,  Kirchl.  Handbuch.,
5.—  7.  Bd.  (das.  1916—18);  F.  Keller,  Heimatmission
  und  Dorfkultur  (das.  1919).

Liebesgaben.  Die  Beschaffung  von  L.  für  die
deutschen  Soldaten  im  Felde  hat  im  Weltkrieg  dank
der  Tätigkeit  des  Roten  Kreuzes  und  anderer  Verbände
  einen  außerordentlich  gerhen  Umfang  angenommen.
  Beim  Zentralkomitee  des  Roten  Kreuzes  gingen
fortdauernd  aus  allen  Teilen  Deutschlands  und  fremden
  Staaten,  in  den  ersten  beiden  Kriegsjahren  auch
aus  Amerika,  Geld  und  Waren  in  großen  Mengen
ein,  die  das  =  Materialiendepote  verwaltete  und  an
die  staatlichen  Abnahmestellen  (Etappeninspektionen,
Armeeverbände,  Truppenteile,  Lazarette,  Bahnhofsstellen
  usw.)  weiterleitete.  Vgl.  Bd.  I.  S.  396.

Liebknecht,  Karl,  Sozialist,  geb.  13.  Aug.  1871
in  Leipzig  als  Sohn  des  Sozialistenführers  Wilhelm
L.,  gest.  16.Jan.  1919  in  Berlin,  1899  Rechtsanwalt,
1907  wegen  Hochverrats  r  1½  Jahr  Gefängnis  verurteilt,
  1908  ins  preuß.  Abgeordnetenhaus  gewählt.
Seit  1912  im  Reichstag,  vertrat  er  die  schärffte  Richtung
  seiner  Partei  und  rief  in  den  Kriegssitzungen
stürmische  Erregung  hervor.  Wegen  Disziplinbruchs
aus  der  Reichstagsfraktion  ausgestoßen,  gründete  L.
die-Sozialdemokr.  Arbeitsgemeinschaft=  1916  wurde
er  wegen  versuchten  Kriegsverrats  zu  4  Jahren  Zuchthaus
  verurteilt.  Im  Okt.  1918  begnadigt,  hielt  er
einen  triumphalen  Einzug  in  Berlin  und  stellte  sich
an  die  Spitze  der  Spartakusbewegung.  In  den  von
ihm  angezetielten  Berliner  Januaraufständen  1919
verhaftet,  wurde  er  auf  dem  Transport  zum  Gerichtsgefängnis,
  als  er  zu  fliehen  beadsichtigte,  erschossen.

Liga  der  Fremdvölker  Rußlands,  richtete  am
        <pb n="315" />
        Lijüanhung  —  Litauen

9.  Mai  1916  eine  Kundgebung  zur  Befreiung  der
Fremdvölker  vom  russ.  Joch  an  Kräsident  Wilson.

Lijäauhung,  chinef.  Staatsmann,  1911  Oberst,
dann  Gouv.  der  Provinz  Hupe,  Republikaner,  Vizepräsident
  unter  Juanschikai,  nach  dessen  Tode  Juni
1916  provisorischer,  bis  Juli  1917  Präs.  von  China.

Lille,  Festung.  und  Hauptstadt  des  franz.  Dep.
Nord.  Auf  den  Einzug  deutscher  Vortruppen  in  L.
(4.  Okt.  1914)  folgte  ein  Feuerllberfall  der  zurückebliebenen

  franz.  Truppen  und  der  Einwohner.  Nach
Eintreffen  von  Verstärkungen  eröffneten  die  Deutschen
den  Angriff  auf  L.,  das  13.  Okt.  1914  besetzt  wurde.
Die  deutsche  Verwaltung  blieb  bis  Okt.  1918.  Vgl.
S.  45,  106.  Die  Entente  griff  die  deutschen  Kriegsmaßnahmen
  in  L.  als  unnötige  und  willkürliche
Härten  heftig  an.  Vgl.  Herms,  L.  vergewaltigt?
(Oldenb.  1920).

Liller  Kriegszeitung,  s.  Kriegszeitungen.

Liman  von  Sauders,  Otto,  General,  geb.  18.
Febr.  1855  in  Stolp,  1904  Oberst,  1911  Komm.  der
22.  Div.,  trat  1913  auf  5  Jahre  als  Chef  einer  Resormmission
  des  türk.  Heeres  in  türk.  Dienste,  führte
als  solcher  das  1.  türk.  Armeekorps,  wurde  aber  infolge
  russ.  Umtriebe  kurz  darauf  dieses  Postens  enthoben
  und  Armeeinspekteur.  Jan.  1914  wurde  er
General  der  Kav.,  Nov.  Oberbefehlshaber  der  türk.
Truppen  im  Kaukasus,  März  1915  Führer  der  5.
türk.  Armee  an  den  Dardanellen,  zwang  8.  Jan.  1916
die  englisch-franz.  Orientarmee  zur  Räumung  der
Halbinsel  Gallipoli,  wurde  1918  Oberbefehlshaber  in
Palästina,  bei  Kriegsende  in  Konstantinopel  interniert,
  1919  freigelaffen.  L.  schrieb  -Fünf  Jahre  Türkeie
  (Berl.  1920).  —  Bild.  s.  Bd.  II  bei  S.  62.

Limanowa,  Bezirksstadt  in  Westgalizien,  mit
Hooßen  Naphthaquellen.  Ende  Nov.  und  Anfang

ez.  1914  spielten  sich  im  Gebiet  L.-Lapanow  große
Kämpfe  ab,  in  deren  Verlauf  die  österr.-ungar.Truppen
sämtliche  Anstürme  der  Russen  abwiesen.  Vgl.  S.  54.

Linde,  Otto  von  der,  Leutnant,  überrumpelte
am  24.  Aug.  1914  mit  vier  Mann  das  Fort  Malonne
bei  Namur  und  zwang  es  zur  Übergabe.

Lindenberg,  Paul,  Kriegsberichterstatter,  geb.
11.  Nov.  1859  in  Berlin,  verfaßte  u.  a.:  „Gegen  die
Russen  mit  der  Armee  Hindenburgs.  (1915  u.  ö.);
„  Beim  Armee--Oberkommando  Hindenburgs=  (1915
u.  ö.);  Unter  Habsburgs  Fahnen  gegen  Italien-(1915
  u.  5.).

Lingekopf,  Berg  in  den  Vogesen,  Oberelsaß,  war
seit  Mitte  Juli  1915  Mittelpunkt  hartnäckiger  Nahkämpfe.
  —  S.  Münster.

Linienschiffe,  s.  Bd.  I.  S.  240.

Linsingen,  Alexander  von,  preuß.  General,
geb.  10.  Febr.  1850  in  Hildesheim,  1897  Oberst,  1905
als  Generalleutnant  Führer  der  27.  Div.,  1909—14
komm.  General  des  2.  A.-K.,  Jan.  1915  Führer  der
deutschen  Südarmee,  Juli  1915  der  Bugarmee,  seit
Sept.  1915  gleichzeitig  Befehlshaber  der  deutsch.  österr.
Südostgruppe  (Heeresgruppe  L.),  mit  der  er  die  russ.
Durchbruchsversuche  (Okt.  u.  Nov.  1915  und  1916/17)
erfolgreich  abwehrte  (Schlacht  bei  Czartoryst),  rückte
März  1918  in  die  Ukraine  ein,  wurde  Generaloberst
und  Juni  1918  Oberbefehlshaber  in  den  Marken
(bis  8.  Nov.).  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  194.

Lippe-Detmold.  Durch  eine  Landtaßsersahwahl
wurde  30.  Jan.  1914  die  konservative  Mehrheit  im
Landtag  aufgehoben.  1915  wurde  eine  Landesbank
für  L.  errichtet.  1916  wurde  eine  Junggesellensteuer
eingeführt,  deren  Ertrag  auf  30000  Mk.  geschätzt

285

wurde,  und  ein  Zuschlag  zur  Einkommen  und  Ergänzungssteuer
  (Ertrag:  272000  Mk.)  bewilligt.  —
12.  Nov.  1918  entsagte  Fürst  Leopold  dem  Thron.
Am  26.  Jan.  1919  wurden  11  Mehrheitssoz.,  4  Demokraten,
  5  Deutschnat.  und  1  vom  Lippischen  Wahlverband
  in  den  Landtag  gewählt.  Dieser  übertrug
nach  seinem  Zusammentritt  am  10.  Febr.  einem  aus
Neumann-Hofer  (Demokrat),  Becker  (Soz.)  u.  Drake
(Soz.)  bestehenden  Präsidium  die  Verwaltung  des
Landes.  Staatsminister  wurde  für  den  zurücktreten.
den  Frhr.  v.  Biedenweg  Geh.-Rat  Ernst.  Am  18.  Juli
nahm  der  Landtag  die  derstaatlichung  des  fürstl.  Hausund
  Familiensideikommisses  ohne  Entschädigung  an.
Lisko,  galiz.  Bezirksstadt  am  San.  Im  Raume
von  L  entwickelten  gich  Nov.  1914  größere  Kämpfe,
in  denen  sich  die  Russen  bis  Ende  Dez.  behaupteten.
Am  10.  Mai  1915  wurde  ihnen  L.  entrissen.
Litanen  (Geschichtliches  s.  Bd.  I.  S.  81  f.  u.  84  f.).
Die  Bewohner  L.8  wurden  von  den  Russen  im  Winter
1914/15  in  großer  Zahl  verschleppt;  die  Litauer  leiteten
  darauf  in  Wilna,  Petersburg  usw.  große  Unterstützungsaktionen
  für  die  Flüchtlinge  ein,  an  denen  sich
auch  die  amerikan.  Letten  beteiligten.  Die  deutsche  Verwaltung
  (unter  Fürst  von  Isenburg)  räumte  den  Litauern
  das  Selbstverwaltungsrecht  in  Schulfragen
ein,  worauf  mehr  als  1000  Schulen  mit  lett.  Sprache,
auch  Gymnasien  errichtet  wurden.  Die  übrigen  Verwaltungszweige
  behielten  die  Deutschen  in  der  Hand.
Die  Litauer  nahmen  an  den  Kongressen  der  unterdrückten
  westruss.  Bölker  in  Lausanne,  Stockholm  usw.
teil,  im  Haag  fand  1916  ein  Kongreß  der  Litauer  statt.
Diesem  erwachenden  Nationalgefühl  kam  der  deutsche
Reichskanzler  am  5.  April  1916  mit  der  Erklärung  entgegen,
  daß  L.  dem  reaktionären  Rußland  nicht  wiedergegeben
  werden  könne.  Dagegen  wollte  Rußland
eine  weitere  Verbindung  des  freien  L.  mit  Rußland.
Die  litauischen  Patrioten  erstrebten  unter  stillschweigender
  Billigung  der  deutschen  Regierung  die  völlige
elbständigkeit  L.s  unter  Anlehnung  an  das  Deutsche
Reich.  Das  „Hauptkomitee  des  litauischen  Volkeserklärte
  sich  1916  für  die  Errichtung  eines  Fürstentums
  Großlitauen  unter  Einbeziehung  der  livischlettischen
  und  der  weißruss.  Gebiete,  der  vom  deutschen
Oberkommando  Ost  berufene  =  Litauische  Landesrat-(Taryba)hsprach
  sich  in  einer  Adresse  an  Prinz  Leopold
v.  Bayern  vom  21.  Sept.  1917  für  ein  seltständiges
Staatswesen  im  mitteleurop.  Staatenbunde,  eine  im
Juni  1917  in  Petersburg  tagende  Litauische  Volksversammlung
  für  einen  unabhängigen,  für  immer  neutralisierten
  Staat  aus.  Der  in  Minst  1917  tagende
litauische  Soldatenkongreß  wünschte  die  Vertagung
der  Frage  auf  den  allgemeinen  Friedenskongreß.  Die
all-  litauische  Konferenz  in  Bern  (31.  Okt.  bis
11.  Nov.  1917)  erkannte  den  litauischen  Landesrat  in
Wilna  als  oberste  Instanz  des  litauischen  Volles  an
u.  bestimmte  Wilna  zur  Hauptstadt.  1918  wurde  mit
der  deutschen  Regierung  üÜber  die  Erricht.  eines  Großherzogtums
  Einigkeit  erzielt;  als  Kandidaten  kamen
der  Herzog  von  Urach  und  Prinz  Friedrich  Christian
von  Sachsen  in  Frage,  auch  eine  Personalunion  mit
Sachsen  wurde  mehrfach  erwogen.  Der  Landesrat
wählte  am  11.  Juli  1918  ohne  vorherige  Verständigung
mit  der  Reichsregierung  den  Herzog  von  Urach,  es  kam
darüber  zu  unerquicklichen  Auseinandersetzungen.  —
Der  Rückmarsch  der  10.  Armee  aus  L.  beraubte  die
deutsche  Regierung  jedes  weiteren  Einflusses  auf  die
Entwicklung  der  litauischen  Verhältnisse.  Während
von  Ostenher  die  Bolschewisten  vordrangen,  überschrit-
        <pb n="316" />
        286

ten  von  Süden  die  Polen  die  Landesgrenze,  die  vor
allem  auf  Wilna  Anspruch  erhoben.  Die  Polen  Wilnas
waren  bereits  am  9.  Sept.  1917  für  eine  poln.  lit.
Personalunion  eingetreten.  Am  3.  Jan.  1919  wurde
die  Regierung  von  Wilna  nach  Kowno  verlegt,  Wilna
von  den  Polen  besetzt.  Vgl.  W.  Gaigalat,  Litauen
(Frankf.  a.  M.  1917).

Ligmann,  Karl,  preuß.  General  und  Militärschriftsteller,
  geb.  22.  Jan.  1850  in  Neu--Globsow
(Kr.  Ruppin),  1901  Divisionskommandeur,  1902—05
Direktor  der  Kriegsakademie.  —  L.  war  mit  der
3.  Gardedivision  23./24.  Nov.  1914  in  ruhmvoller
Weise  an  dem  berühmten  Durchbruch  von  Brzeziny
(s.  d.)  beteiligt  und  führte  dann  das  40.  Reservekorps
im  Osten  in  mehreren  siegreichen  Schlachten  (Winterschlacht
  in  Masuren).  Am  17.  Aug.  1915  eroberte
L.  Kowno,  kämpfte  1917  in  Siebenbürgen,  1918  in
Frankreich  u.  nahm  Aug.  1918  den  Abschied.  —  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  180.

Livenza,  Fluß  in  Venctien,  vom  Monte  Cavallo,
bei  Porto  Santa  Margherita  ins  Adriat.  Mcer  mündend,
  wurde  7.—9.  Nov.  1917  von  den  Truppen  der
Mittelmächte  in  breiter  Front  überschritten.  Der
Widerstand  starker  österr.-ungar.  Nachhuten  im  L.=Abschnitt
  wurde  30.  und  31.  Okt.  1918  von  ital.
Kräften  gebrochen,  die  L.  1.  und  2.  Nov.  von  der  10.
und  11.  ital.  Armce  üÜberschritten.

Livland.  über  das  Deutschtum  in  L.  s.  Bd.  I.  S.
43,  über  die  Bevölkerung  S.  74  ff.,  Geschichtliches  S.
84  ff.,  Geographisches  S.  155  f.  u.  Bd.  II.  S.  110.—
Die  Kämyf=  Sept.-Okt.  1917  (vgl.  Bd.  III,  S.  Löf.)
u.  der  Vormarsch  im  Febr.  1918  (vgl.  Bd.  III,  S.  96)
brachten  L.  in  deutsche  Hand.  Die  livländ.  Ritter=  u.
Landschaft  hatte  bereits  im  Jan.  1918  dem  russ.  Gesandten
  in  Stockholm,  Worowsti,  die  Selbständigkeit
  L.s  notifiziert.  Der  am  3.  März  abgeschlossene
Friedevon  Brest  Litowsst  schied  L.  aus  dem  russ.  Staatsverbande
  aus  und  behielt  die  Regelung  seines  künftigen
  Schicksals  besonderer  Vereinbarung  vor.  Bis
dahin  sollte  L.  von  einer  deutschen  Polizeimacht  besetzt
bleiben.  Diese  Bestimmung  konnten  die  Deutschen  nach
dem  Zusammenbruch  im  Ianmern  im  Jan.  1919  nicht
mehr  erfüllen.  L.  wurde  ein  Teil  der  aus  Kurland
(s.  d.)  und  Livland  gebildeten  Republik  Latwija.

Lizerne,  Dorf  in  Westflandern;  April  1915  heftig
umkämpft,  vgl.  Bd.  I.  S.  217.

Lloyd,  engl.  Zentralstelle  für  Schiffahrtswesen,
Versicherungen  und  Schisfahrtsnachrichten.  ursprünglich
  ein  von  einem  gewissen  L.  begründetes  Kaffechaus
(1688).  In  L.8  Liste  sind  alle  Schiffe  mit  Größenangabe
  usw.  eingetragen.  Von  L.  abgeleitet  sind  Be-Fichnungen
  für  Schiffahrtsgesellschaften,  wie  Nordeutscher

  L.  und  Osterreichischer  L.

Lloyd  George,  David,  engl.  Staatsmann,  geb.
17.  Jan.  1863  in  Manchester,  1890  Gladstonianer
im  Unterhaus,  Anhänger  der  Friedenspartei  und  bed.
liberaler  Volksredner,  1905  Handelsminister,  1908
Schatzkanzler,  schuf  Arbeiterversicherungsgesetz  (1911)
und  Altersrente,  wurde  Mai  1915  Munitions-,  Juni
1916  Kriegsminister,  Dez.  Ministerpräsident.  Er  trat
für  Kampf  bis  zur  Niederboxung  (Knockout)  Deutschlands
  ein,  s  chaß  den  Kriegsrat-  und  vertrat  England
1918  im  „Rat  der  Vier-  auf  der  Pariser  Friedenskonferenze.
  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Lochow,  Ewald  von,  preuß.  General,  geb.  1.
April  1855  in  Petkus  (Kreis  Jüterbog),  Juni  1913
General  der  Inf.  L.  ge  mit  dem  3.  A.-K.  in  der
Januarschlacht  1915  bei  Soissons  (s.  Bd.  J,  S.  190f.)

Litzmann

—  Loos

und  wurde  April  1916  Führer  der  Armecabteilung
rechts  der  Maas.  Im  Dez.  1916  befehligte  er  die
5.  Armee  und  wurde  17.  Dez.  1916  verabschiedet.  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  195.

Lodz,  Kreisstadt  im  russisch  poln.  Gouv.  Petrokow.
  Am  22.  Nov.  1914  wurden  die  Russen  im  Raume
von  L.  eingeschlossen  und  von  Mackensen  in  dreitägiger
Schlacht  geschlagen.  Neue  heftige  Kämpfe  führten
6.  Dez.  1914  zur  Eroberung  von  L.  Vgl.  Bd.  III.
S.  51  ff.  und  Bd.  I.  S.  195f.

Löhlein,  deutscher  Marineoffizier,  wurde  Sept.
1918  Chef  des  U-Boot--Amtes,  1919  Konteradmiral
und  Direktor  des  Allgem.  Marincamts.

Lohmann,  Alfred,  deutscher  Großkaufmann,
eb.  5.  April  1870  in  Bremen,  gest.  5.  Sept.  1919  in
immendorfstrand,  1913—15  Präsident  der  Bremer

Handelskammer,  veranlaßte  die  Gründungder  Deutsch-Oriental.
  Handelsgesellschaft  zur  Vermittlung  des
deutsch-türk.  Handelsverkehrs,  war  Vors.  der  in  der
Kriegszeit  geschaffenen  Baumwoll-Importgesellschaft
in  Bremen  und  gründete  1916  die  Deutsche  Ozeanreederei
  (vgl.  Handels-U.  Boot).

Lome,  Handistadt  von  Togo,  wurde  8.  Aug.  1914
von  den  Engländern  besetzt.

Lomza  (Lomscha),  Gouv.-Hauptstadt  in  Russisch=
  Polen,  am  Narew,  seit  1908  stark  befestigt,  bildet
  mit  Ostrolenka,  Rozan  und  Pultusk  die  Nordwestfront
  des  poln.  Festungsnetzes.  Über  die  Eroberung
von  L.  vgl.  S.  61f.

London.  Die  Wersten  und  Hafenanlagen  von  L.
wurden  im  Kriege  mehrfach  von  deutschen  Luftstreit.
kräften  meist  erfolgreich  mit  Bomben  belegt,  so  bel.
31.  Mai,  1.,  3.,  9./10.,  17./18.  Aug.,  8./9.  Sept.  1915;
13./14.Okt.  fand  ein  starker  Luftangriff  auf  die  innere
Stadt  und  militär.  Anlagen  der  Umgebung  statt;  in
der  Nacht  zum  31.  März  1916  wurde  die  City,  die  Docks
und  Industrieanlagen  angegriffen,  wobei  das  Luft.
schiff  »I.  154  vor  der  Themse  sank.

Londoner  Seerechtsdeklaration  (vgl.  See
kriegsrecht,  Bd.  J,  S.  367),  wurde  8.  Juli  1916  vom
Vierverband  aufgehoben.

Londoner  Vertrag  (Septembervertrag),  am
6.  Sept.  1914  in  London  abgeschlossener  Vertrog,  in
dem  sich  die  Regierungen  Englands,  Frankreichs  und
Rußlands  verpflichteten,  keinen  Sonderfrieden  abzuschließen.
  Dem  L.  V.  traten  später  noch  Italien  (30.
Nov.  1915),  Japan  (19.  Nov.  1915),  Serbien  (30.  Nov.
1915),  Rumänien  (1916  u.  die  Bereinigten  Staaten
von  Nordamerika  (1917  bei.  —  Durch  den  Londoner
Vertrag  vom  26.  April  1915  gewährleisteten  Frank.
reich,  Rußland  und  England  Jialien  seine  nationalen
Ansprüche  gegen  Beitritt  zur  Entente.  Der  Vertrag
wurde  1917  von  Rußland  veröffentlicht.

Longarone,  oberital.  Stadt  am  oberen  Piavc.
Hier  wurden  11.  Nov.  1917  starke  Nachhuten  (20000
Mann)y  der  zurückgehenden  4.  ital.  Armee  von  den
auf  Belluno  marschierenden  Heeresgruppen  der  Verbündeten
  ereilt  und  zur  Waffenstreckung  gezwungen.

Longueval,  franz.  Dorf,  das  bef.  in  der  Somme
schlacht  1916  umkämpft  war;  vgl.  Bd.  II,  S.  216f.

Longwy,  Stadt  und  Festung  im  franz.  Der.
Meurthe-et-Moselle,  ursprünglich  zu  Lothringen,  seit
1768  zu  Frankreich  gehörig,  wurde  von  der  Ar#ntce
des  deutschen  Kronprinzen  25.  Aug.  1914  erober:.

Loos,  franz.  Gemeinde  südwestl.  von  Lille,  war  dei
den  engl.-franz.  Angriffen  Sept.  1915,  Juni-Juli
11½  nund  April  1918  heftig  umstritten;  vgl.  S.  14.

und  87.
        <pb n="317" />
        Lorettohöhe  —  Lüderitzbucht

Lorettohöhe,  Berg  nordwestlich  von  Arras,  war
Mitte  Okl.  1914  heftig  umkämpft.  Am  3.  März  1915
eroberten  die  Deutschen  die  franz.  Stellungen;  im  Mai
1915  tobte  die  =  Lorettoschlacht-,  die  den  Franzosen
nur  einen  geringen  Geländegewinn  brachte.  gl.
Bd.  III,  S.  74  f.  und  Bd.  I.  S.  221  f.  (mit  Karte).

Losnitza,  Gemeinde  in  Serbien,  s.  Loznica.

Loßberg,  Friedrich  Karl  von,  deutscher  General,
  geb.  30.  April  1868  in  Homburg  v.  d.  H.,  bei
Kriegsausbruch  Chef  des  Generalstabs  des  13.  Armeekorps,
  1915  Oberst,  machte  sich  als  Generalstabschef
  der  3.,  2.u.  1.  Armee  umdie  Abwehr  in  der  Herbstschlacht
  in  der  Champagne  1915,  in  der  Sommeschlacht
Juli  1916,  bei  der  6.  Armee  in  der  Arrasschlacht  April
1917  sowie  bei  der  4.  Armee  in  der  Flandernschlacht
Juli  und  Aug.  1917  u.  in  der  Offensive  der  Hceresgruppe
  Boehn  1918  hochverdient.  Aug.  1917  wurde
er  Generalmajor  und  General  àla  suite  des  Kaisers.

Lothringen.  über  L.  als  Kriegsschauplatz  s.  Bd.  1,
S.  149  f.,  über  die  Kriegsereignisse  Bd.  I.  S.  205  ff.,
Bd.  II,.  S.  194  ff.  sowie  Bd.  III,  S.  37.  Im  übrigen
vgl.=  Das  deutsche  Elsaß-,  Bd.  II,  S.  16  f.  und  Artikel
Elsaß-Lothringen.

Lötzen,  ostpreuß.  Kreisstadt  am  Lötzener  Kanal
und  an  der  Bahn  Königsberg-Prostken.  Die  während
  der  Schlacht  an  den  Masurischen  Seen  an  den
Seenengen  bei  L.  ausgebauten  starken  russischen  Stellungen
  wurden  8.  u.  9.  Sept.  1914  genommen.  Dez.
1914  war  L.  der  Schauplatz  heftiger  Kämpfe,  dann
Hauptquartier  Hindenburgs.

Lovéen  (Lowtschen)  stark  befestigter,  strategisch
bedeutsamer  Berg  in  Montenegro,  1759  m  hoch,  südöstlich
  von  Cattaro,  wurde  in  dreitägigem  Kampfe  am
10.  Jan.  1916  von  den  österr.-ungar.  Truppen  unter
Feldmarschalleutnant  Trollmann  genommen.

Löwen  (fläm.  Leuven,  franz.  Louvain),  Arr.=Heuptstade
  in  der  belg.  Provinz  Brabant.  Nachdem

.  22.  Aug.  1914  von  den  Deutschen  besetzt  worden
war,  setzten  Einwohner  am  25.  Aug.  einen  Überfall
auf  die  Besatzungstruppen  ins  Werk.  Die  Deutschen
waren  ae  einer  Strafbeschießung  gebwungen=  der  ein
Sechstel  der  Stadt  zum  Opfer  fiel,  darunter  die  Univ.,
die  Bibliothek  und  die  berühmte  Tuchhalle,  während
das  spätgotische  Rathaus  (erbaut  1447—63)  erhallen
blieb;  die  Peterskirche,  deren  Gemälde  von  Dirck
Bouts  und  Roger  van  der  Weyden  von  deutschen
Ossizieren  gerettet  wurden,  verbrannte  teilweise  durch
Flugfeuer.  Eine  belgische  Protesikommission  veranlaßte
  die  feindlichen  Mächte  zur  Erhebung  zahlreicher
Proteste  gegen  die  planmäßigeZerstörung  von
Kunstschätzen  durch  die  Deutschen.  Vgl.  S.  39  sowie
Franktireurs.

Loewenhardt,  deutscher  Fliegeroffizier,  geb.  1897,
Sept.  1914  Leutnant,  im  Karpathenfeldzug  Führer
eines  Schneeschuhtrupps,  1915  beim  Alpenkorps  und
in  Serbien,  April  1916  Flugzeugbeobachter,  März
1917  als  Kampfflieger  bei  der  Jeg  stassel  Richthofen,
siel  als  Oberleutnant  10.  Aug.  1918.

Lowicz,  Kreisstadt  im  russ.-poln.  Gouv.  Warschau,
  an  der  Bzura,  war  1914/15  mehrmals  der
Schauplatz  großer  Kämpfe;  es  wurde  von  den  Deutschen
  15.  Dez.  1914  genommern.  Vgl.  S.  51ff.

Lozuica,  Gemeinde  im  nordwestl.  Serbien,  Kreis
Podrinje.  Am  14.  Aug.  1914  slegten  hier  Teile  der
5.  österr.-ungar.  Armee,  18.—20.  Sept.  und  7.—9.
Nov.  Teile  der  6.  Armee  über  die  Serben.  Bei  dem
zweiten  Vorstoß  wurde  L.  26.  Okt.  1915  von  der  Armee
  Koevess  beseht.

287

Lubaczow,  galiz.  Gemeinde  an  der  Bahn  Jaroslau-
  Sokal.  Durch  Sturmangriff  wurden  die  russ.
Stellungen  zwischen  L.  u.  Javorow  von  den  Truppen
Mackensens  am  12./13.  Juni  1915  in  50  km  Breite
durchbrochen.  Der  am  14.  Juni  mit  19  Div.  unternommene
  Gegenstoß  der  Russen  blieb  ergebnislos.

Lübeck.  Am  8.  Sept.  1915  wurde  ein  „Hanseatenkreuze
  für  Kriegsverdienste  gestistet.  Der  Senat
erließ  Juli  1915  alle  Strafverfahren  gegen  Kriegsteilnehmer
  im  Gnadenwege.  Durch  Gesel  vom  Sept.
wurde  die  Beschlußfähigkeit  des  Bürgerausschusses  von
20  auf  15  Stimmen  für  die  Kriegsdauer  herabgesetzt.
1917  wurde  eine  Kommission  zur  Beratung  einer
Wahlrechtsreform  eingesetzt  u.  eine  Vermögenssteuer
von  0,,  Mk.  pro  Tausend,  1  Mk.  pro  Tausend  bei  Vermögen
  über  0,3  Mill.  Mk.  beschlossen.  —  Die  Neuwahl
der  Bürgerschaft  nach  der  Revolution  am  9.  Febr.
1919  brachte  42  Sozialdemokraten,  29  Demokraten.
6  Deutschnationale  und  3  Vertreter  des  Landbezirks
ins  Parlament.  He.

„Lübeck-,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  s.  Bd.  I,  S.

Lublin  (Ljüblin),  russ.-poln.  Gorv.-Hauptstadt
an  der  Bistrzyca  und  der  Bahn  Kowel-Mlawa.  —
Nach  dem  Siege  bei  Krasnik  wurden  die  Russen  24.
Aug.  1914  auf  L.  zurückgeworfen,  das  am  25.  Aug.
vorübergehend  besetzt  wurde.  Am  30.  Juli  1915  von
der  Armee  Joseph  Ferdinand  erobert,  war  L.  seit
1.Okt.  1915  Sitz  der  österr.-ungar.  Militärverwaltung
für  die  besetzten  Teile  Polens.

Lubomirski,  Zdislan:  Fürst,  poln.  Staatsmann,
  geb.  4.  April  1868  in  Nishnif-Nowgorod,  1914
Vors.  des  Warschauer  Bürgerkomitees,  bei  Besetzung
Warschaus  durch  die  Deutschen  in  seiner  Stellung
als  Stadtpräsident  belassen,  trat  für  Ausbau  Polens
an  der  Seite  der  Mittelmächte  ein  und  wurde  Okt.
1917  in  den  Regentschaftsrat  berufen;  s.  Polen.

Luck,  Festung  in  Wolhynien,  s.  Luzt.

Ludendorff,  Erich,  preuß.  General,  geb.  9.  April
1865  in  Kruszewnia  bei  Posen,  1905  dem  Admiralstab
  der  Marine  zugeteilt,  1906  —8  Militärlehrer
an  der  Kriegsakademie,  1908  Abteilungschef  im  Gr.
Generalstab,  1911  Oberst,  Wi  1914  Generalmajor
und  Komm.  der  85.  Inf.-Brigade,  bei  Kriegsausbruch
  Oberquartiermeister  der  2.  Armee,  eroberte  als
Generalstabschef  Emmichs  am  6.  Aug.  1914  Fort
La  Chartreuse  mit  der  14.  Inf.-Brigade,  wurde  22.
Aug.  1914  Generalstabschef  Hindenburgs,  Nov.  Ge.
neralleutnant,  Aug.  1916  General  der  Infanterie  und
Erster  Generalquartiermeister.  In  dieser  Stellung
war  er  neben  seiner  organisatorischen  Tätigkeit  in  den
inneren  Geschäften  des  Generalstabes  besonders  an
der  Durchführung  des  Hindenburgprogramms  und
der  Leitung  des  Sommerfeldzugs  1918  beteiligt.  L.
verkörperte  in  sich  den  deutschen  Angriffsgeist;  er  beeinflußte
  durch  seine  Persönlichkeit  stark  den  Geist  des
deutschen  Heeres.  L.  wandtesich  Nov.  1918  nach  Schweden
  (Heßleholmsgard)  u.  kehrte  Frühjahr  1919  nach
Berlin  zurück.  Erschrieb:-Meine  Kriegserinnerungen
1914—18-  (Berl.  1919);  -Französische  Fälschung
meiner  Denkschrift  von  1912=  (das.  1919)  und  eine
„Entgegnung  auf  das  amtliche  Weißbuch.  Vorgeschichte
  des  Waffenstillstands  #(3  Hefte,  das.  1919).
Vgl.  Spickernagel,  L.  (2.  Aufl.,  Berl.  1919);  Buat,
L.  (Par.  1920).  —  Bild  s.  Bd.  1  bei  S.  186.

Ludendorffspende,  s.  Kriegsbeschädigte.  "

Lüderitzbucht  (früher  Angra  Pequeng),  wichtiger
  Hafen  in  Deutsch-Südwestafrika,  wurde  19.  Sept.
1914  von  den  Englöndern  beseßt.
        <pb n="318" />
        288

Ludowa-Höhe,  in  den  Karpathenkämpfen  1916
viel  umkämpfte  Höhe;  vgl.  Bd.  II,  S.  211  |
Ludwig,  Herzog  der  Abruzzen,  s.  Abruzzen.

Ludwigkrenz,  s.  Bd.  I.  S.  356.

Luftballon,  mit  leichtem  Gas  (Leuchtgas,  Wasserstoff)
  gefücle  Hülle  aus  gefirnißter  Seide  oder  Gummistoff,
  kugelig  oder  zigarrenförmig,  mit  Gondel.  Der
Freiballon  hat  als  Kriegsmittel  keine  Bedeutung

ehabt.  Um  so  wichtiger  war  für  die  Aufklärung,
nsbes.  die  Feuerbeobachtung,  der  Fesselballon,
der  dauernd  mit  der  Erde  in  Verbindung  bleibt;  ein
durch  das  Haltetau  hindurchgeführtes  Fernsprechkabel
dient  zu  Meldungen.  Weiteres  f.  S.  157.

Lusthese,  s.  Bd.  I.  S.  299.

Luftkrieg,  s.  S.  156ff.  (og  auch  Bd.  I.  S.  298.

Luftsalpeter,  s.-Schieß.  u.  Sprengstosfe“,  S.  172;

Luftschiff,  mit  Wasserstoff  gefüllter  Luftballon  aus
gummiertem  Gewebe,  von  langgestreckter,  walziger
oder  zigarrenähnlicher  Form,  mit  einer  oder  mehreren
Gondeln,  besitzt  durch  Verbrennungsmotoren  (mit
Benzin,  Benzol  oder  leichten  Teerölen)  angetriebene
Luftschrauben  und  verstellbare  Steuerflächen.  Unstarr
  sind  L.e,  deren  Hülle  nur  durch  den  Druck  des
Gases  ihre  pralle  Form  behält  (Prallschiffe).  z.  B.
das  deutsche  Parseval-L.  Bei  Starr-L.en  umspannt
  die  Hülle  ein  Metall=  oder  Holzgerüst;  das
Füllgas  befindet  sich  nicht  in  der  äußeren  Hülle,  sondern
  erst  in  einer  zweiten  inneren,  oft  auch  in  meh.
reren  voneinander  getrennten  Gaszellen.  Den
Starrschifftyp  verkörpern  das  Zeppelin-L  und
das  Schütte-Lanz-L.  Zwischen  dem  starren  und
dem  unstarren  System  stehen  die  halbstarren  Le,
bei  denen  nur  ein  Teil  der  Hülle  durch  Streben,  Spreizen,
  Träger  oder  Gitterwerk  in  seiner  Lage  erhalten
wird.  Weiteres  über  die  im  Kriege  verwendeten  L.es.
»Luftkrieg«,  S.  157.  —  Über  bedeut.  Leistungen  von
Starr-L.en  s.  »L  59.  (S.  280).  »R  34.  (S.  320).

Luftschiffhallen,  zur  Unterbringung  der  Fesselballone
  und  Luftschiffe,  sind  meist  fest  (unverrückbar)
gebaut  u.  dann  so  gestellt,  daß  ihre  Längsausdehnung
mit  der  vorherrschenden  Windrichtung  Ausommenfällt,
  oder  drehbar,  um  das  Ein=  und  Ausbringen
der  Luftschiffe  je  nach  Windrichtung  zu  erleichtern.
Häufig  werden  L.  bunt  bemalt,  damit  sie  der  Aufmerksamkeit
  feindlicher  Flieger  entgehen  (Fliegerschutz);
  val.  Maskierungen.

Luftstickstoff,  über  Ausnutzung  s.  Bd.  I,  S.
297/298.  loder  Granate.

Lufttorpedo,  mit  Flügeln  versehene  Wurfmine

Lukoff,  bulgar.  General,  Sept.  1916—18  Chef  des
bulgar.  Generalstabes,  verschuldete  den  Zusammenbruch
  der  bulgar.  Armee  und  den  Abfall  Bulgariens.

Luneville,  Arrond.-Hauptstadt  im  franz.  Dep.
Meurthe-et-Moselle.  Das  deutsche  21.  A.-K.  zog  22.
Aug.  1914  in  L.  ein,  das  Mitte  Sept.  vor  Überlegenen
franz.  Kräften  wieder  geräumt  werden  mußte.

Lupkower  Paß;,  wichtiger  Karpathenpaß  in  den
Ostbeskiden,  Bezirk  Lisko,  wo  sich  im  Winter  1914/15
langwierige  Kämpfe  entwickelten.  Trotz  größter  Verluste
  unternahmen  die  Russen  bis  April  1915  immer
wiederholte  Angriffe,  wurden  aber  schließlich  Mai
1915  zum  Rückzug  gezwungen.

"Lusitania“.  Am  7.  Mal1915  wurde  der  Dampfer
„Lusitania-,  eins  der  größten  Schiffe  der  englischen
Cunard-Linie,  an  der  Südküste  von  Irland,  in  der
Nähe  der  drahtlosen  Station  Old  Head  of  Kinsall,  von
einem  deutschen  Unterseeboot  versenkt.  Dabei  kamen
ungefähr  1500  Personen  um,  darunter  über  100

Ludowa-Höhe  —  Luxemburg

amerikan.  Staatsangehörige,  ein  Umstand,  der  zu
langwierigen  diplomatischen  Erörterungen  zwischen
der  deutschen  und  der  amerikan.  Regierung  führte.

Die  L.  war,  worauf  eine  am  28.  Mai  1915  von  der
deulschen  Regierung  an  die  Verein.  Staaten  gerichtete
Note  hinwies,  mit  Regierungsmitteln  als  Hilfskreuzer
  gebaut  und  in  der  von  der  engl.  Admiralität
herausgegeb.-Navy  Liste  ausdrücklich  aufgeführt  sie
muszʒte  aase  als  feindliches  Kriegsschiff  angesehen  werden,
  und  zwar  auch  dann,  wenn  sie  auf  ihrer  Todesfahrt
  nicht  armiert  gewesen  sein  sollte.  Die  L.  hatte
jedoch  bet  ihrer  Abfahrt  von  Neuyork  Geschütze  an
Vord,  die  unter  Deck  versteckt  aufgestellt  waren.  In
derselben  Note  wies  die  deutsche  Regierung  ferner
darauf  hin,  daß  die  L.  auch  auf  ihrer  letzten  Reise
kanadische  Truppen  und  Kriegsmaterial,  unier  diesem
nicht  weniger  als  5400  Kisten  Munition,  an  Bord
hatte.  ÜUbrigen  3  war  vor  Benutzung  der  L.,  abgesehen
von  der  allgemeinen  deutschen  Warnung,  noch  durch
den  Botschafter  Grafen  Bernstorff  besonders  gewarnt
worden.  Die  Warnung  fand  aber  keine  Beachtung,
von  seiten  der  Cunard-Linie  und  der  engl.  Presse  sogar
  Verhöhnung.  —  Im  Juli  1919  wurder#die  von
den  Angehörigen  usw.  der  Passagiere  an  die  Cunard-Linie
  gerichteten  Schadenersatzansprüche  endgültig
abgewiesen,  weil  »die  Versenkung  ausschließlich  durch
ungesetzliches  Vorgehen  der  deusschen  Regierung.  die
sich  dabei  eines  D-Bootskommandanten  als  Werkeuges

  bediente,  verursacht  worden  seie.  —  Bgl.  auch
8  L  S.  261,  und  Bd.  II,  S.  7f.

Lüttich  (fläm.  Luik.  franz.  Liège),  Hauptstadt
der  belg.  Provinz  L.,  von.  Brialmont  1888—92  zur
Festung  ersten  Ranges  ausgebaut.  Über  die  Eroberung
  von  L.  vgl.  S.  35f.

„Lützow.,  eutscher  Schlachtkrenzer,  der  am  Skagerrak
  sank;  s.  Bd.  II,  S.  252fs.

Luv,  die  dem  Winde  zu  ekehrte  Seite  eines  Schiffes.

Luxemburg.  Da  L.  in  das  deutsche  Eisenbahnnetz
  einbezogen  war,  sah  sich  das  Deutsche  Reich  gewungen,

  Hum  Schutz  seiner  Eisenbahnen  L.  zu  desepen
  (2.  Aug.)  und  in  das  deutsche  Aufmarschgebiet
(3.,  4.  u.  5.  Armee)  einzubeziehen.  L.  fügte  sich  unter
Protest.  Deutschland  bezahlte  alle  Schäden,  Quartiere,
Verpflegung  usw.  in  bar,  wozu  eine  =  Deutsche  Zentralstelle
  für  Entschädigungen  in  L.=  Okt.  1914  errichtet
  wurde.  Die  Wirtschaftslage  nötigte  zur  Einführung
  von  Gesetzen,  die  deutschen  Kriegageseten
entsprachen  (Höchstpreise  für  Lebensmittel  usw.,
schlagnahme  der  Hafer-  und  Gerstenernte,  Auspräung

  von  Kriegsgeld).  —  Die  innere  Lage  ge-Haltet
  sich  durch  den  Streit  um  das  1912  eingeführte
Schulgeseh,  ziemlich  schwierig.  Anfang  1915  verweigerte
  die  Großherzogin,  die  sich  außerordentlich  selbtändig
  zeigte,  die  Bestätigung  von  liberalen  Beamten.

yschen  trat  mit  seinem  liberalen  Kabinett  zurück,
bildete  3.  März  ein  neues,  verstarb  aber  12.Okt.,  worauf
  die  Großherzogin  nach  neuen  Differenzen  mit  der
Regierung  und  deren  Rücktritt  (21.  Okt.)  am  5.  Nov.
den  kons.-kath.  Rechtsanwalt  Loutsch  mit  der  Kabinettsbildung
  betraute.  Als  die  liberale  Kammermehrheit
  die  neue  Regierung  mit  einer  Lärmszene  empfing,
löste  die  Großherzogin  11.  Nov.  die  Kammer  auf.  Die
Neuwahlenergaben  eine  knappe  Majorität  der  liberalsozialist.
  Blockarteien.  Die  neue  Kammer  erteilte
11.  Jan.  1916  dem  Ministerium  (mit  26  gegen  25
Stimmen)  ein  Mißtrauensvotum,  worauf  es  zurücktrat.
  Da  der  ehemalige  Justizminister  Vannerus  (gemäßigt-liberal)
  ein  neues  Kabinett  nicht  bilden  konnte,
        <pb n="319" />
        Luxemburg  —  Mackensen

wandte  sich  die  Großherzogin  15.  Febr.  ans  Volk
zwecks  Schafuung,  eines  Koalitionsministeriums,  das
22.  Febr.  unter  dem  Liberalen  Thorn  zustande  kam.
Wegen  des  Ausfalls  der  Ergänzungswahlen  im  Kanton
  Eich  5.  April  1917  trat  das  Ministerium  Thorn
24.  April  zurück,  dem  am  18.  Juni  das  Koalitionsministerium
  Kauffmann  folgte.

Im  riedensverlragzu  Versatäles  verzichtete  Deutschland
  auf  L.s  Zugehörigkeit  zum  Holerein,  ferner
auf  alle  Eisenbahnrechte  und  alle  Vorteile  aus  den
früheren  Verträgen.  Am  11.  Jan.  1919  beschloß  die
Kammer  mit  16  gegen  14  Stimmen  die  Errichtung
der  Republik,  worauf  die  Großherzogin  Maria  Adelam
  15.  Jan.  auf  den  Thron  verzichtete.  Ihre

wester  Charlotte  übernahm  aber  die  Regierung,
und  die  Kammer  stimmte  darauf  wieder  mit  50  gegen
10  Stimmen  der  Tuonbesteicung  zu.  Am  24.  Kreil
begannen  in  Brüssel  Verhandlungen  über  die  wirtschaftliche
  Vereinigung  L.s  mit  Belgien.  Am  18.  Aug.
1919  verlobte  sich  die  Großherzogin  mit  Kring  Fellx
von  Bourbon-Parma.  Bal  dontenville,  1a  nee
et  le  Grand-Duché  de  Luxembourg  (Par.  1917).

Luxemburg,  Rosa,  Sogzialistin,  geb.  25.  Dez.
1870  in  Russisch-Polen,  gest.  (gelyncht)  16.  Jan.  1919
in  Berlin,  als  Studentin  in  der  russ.-poln.  sozialistischen
  Bewegung  tätig,  lebte  seit  Mitte  der  90er  Jahre
in  Deutschland,  wo  sie  einen  Arbeiter  L.  zwecks  Erlangung
  der  Staatsangehörigkeit  heiratete.  1898
leitete  8.  vorübergehend  die  »Sächsische  Arbeiterzeitunge
  und  trat  dann  in  die  Redaktion  der  Leipziger
Volkszeitung  ein.  1905  nahm  sie  an  der  Revolution
in  Russisch-Polen  teil  und  wirkte  dann  in  Deutschland
  stlark  an  ertremozialisiiche  Propaganda  mit.
1914  wurde  sie  wegen  Aufreizung  zum  Ungehorsam
u  einem  Jahr  Gefängnis  verurteilt  und  saß  während

es  Krieges  in  Schutzhaft.  Nach  der  Revolution  gab
sie  mit  Liebknecht  die  „Rote  Fahne,  heraus.

Luzk,  befestigte  Kreisstadt  im  russ.  Gouv.  Wolhynien,
  am  Styr,  bildet  mit  Dubno  und  Rowno  das
og.  „wolhynische  Festungsdreieck,  Durch  die  Offenve

  1915  gelangte  L.  am  27.  Sept.  in  den  Besitz  der
Verbündeten;  vgl.  S.  66.  Am  6.  Juni  1916  (vyl.
S.  77)  eroberten  die  Russen  L.  zurück;  die  Verbündeten
  besetzten  es  wieder  am  18.  Febr.  1918.

Lwoff,  Georgij  Dewgeniewitsch,  Fürst.  russ.
Staatsmann,  gestaltete  die  Organisation  des  Semstwos

289

aus,  war  in  der  ersten  Duma  Führer  der  Partei  der
riedl.  Erneuerunge,  schuf  bei  icgsausbruch  als
orsitzender  des  allruss.  Semstwoverbandes  die  Verwundetenfürsorge,
  gründete  den  Städteverband,
wurde  März  1917  Ministerpräsident  derprovisorischen
Regierung,  später  auch  im  Koalitionskabinett,  trat
aber  Juni  wegen  Differenzen  in  der  Agrarfrage  zurück.
  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Lyautey,  Louis  Hubert  Gonzalde,  franz.
General,  geb.  17.  Nov.  1854  in  Nanch,  focht  in  Afrika
u.  China,  wurde  1900  Oberst,  1907  Div.-Kommand.
in  Oran  (Algerien),  1908  Oberkommissar  der  alger.=marokkan.
  Grenzländer,  1910  Korpskommandant  in
Rennes,  1912  Generalresident  von  Marokko,  wo  er
die  Aufständischen  aus  Fes  vertrieb  und  Marokko  besetzte,
  war  Sept.  1916  bis  März  1917  Kriegesminister.

Lyck,  Kreisstadt  im  preuß.  Regbez.  Allenstein,  hatte
unter  dem  Russeneinfall  in  Ostpreußen  ¾n  Beginn
des  Krieges  ganz  besonders  zu  leiden.  Als  die  Entscheidung
  in  der  Schlacht  an  den  Masurischen  Seen
gefallen  war,  ging  das  12.  russ.  A.-K.  gegen  L.  vor,
um  die  deutsche  Armee  zu  umzingeln,  wurde  aber
von  Generalleutnant  v.  Morgen  9.  Sept.  1914  bei
L.  zeschtagen  und  über  die  Grenze  zurückgeworfen.
Während  der  Winterschlacht  in  Masuren  (12.—
14.  Febr.  1915)  entwickelten  sich  erneut  schwere  Kämpfe
um  die  Seeengen  bei  L.,  die  mit  einem  vollständigen
Siege  Belows  endeten.  Vgl.  Bd.  I.  S.  197  ff.

Lyddit,  s.  »Schieß-  und  Sprengstoffe-,  S.  174.

Lyucker,  Morigtz,  Freiherr  von,  preuß.  General,

eb.  30.  Jan.  1853  in  Spandau,  wurde  1908  Chef
es  Militärkabinetts,  1909  Gen,  der  Inf.,  1918  Generaloberst
  und  Präsident  des  Reichsmiltstärgerichts.

Ly#  (Leie),  Fluß  in  Flandern,  wo  sich  Juli  1917
und  Sept.  1918  schwere  Kämpfe  abspielten;  vgl.  S.
89,  99.  105.

Lysa  Gora,  Gebirgszug  in  den  russisch-poln.
Gouv.  Kielce  und  Radom,  wurde  22.  Aug.  1914  von
österr.-ungar.  Truppen  im  Anschluß  an  die  deutschen
Kräfte  überschritten.  In  den  ersten  Tagen  des  Nov.
1914  fanden  an  der  L.  heftige  Kämpfe  statt,  die  mit  dem
Rückzug  der  Osterreicher  in  Nichtung  Krakau  endeten.

Lysogub,  Fedor  Andrejewitsch,  ukrainischer
Staatsmann,  geb.  6.  Nov.  1862  bei  Tschernigow,
1917  von  Lwoff  ins  Min.  des  Auswärtigen  berufen,
Mai  1918  ukrain.  Ministerpräsident.  S.  Ukraine.

M

Maas  Cranz=  Menuse),  Fluß,  überschreitet  bei
Gwet  vie  belg.  Grenze  und  mündet,  925  km  lang,
in  den  Rheinarm  Waal  (vgl.  Bd.  I.  S.  151).  Die
deutsche  1.  Armee  erkämpfte  sich  den  übergang  über
die  M.  bei  Lüttich  (7.  Aug.),  die  2.  bei  Namur  und
Andenne  (20.  Aug.),  die  3.  bei  Dinant  (23.  Aug.),  die
4.  bei  Mezieres  (27.  Aug.),  die  5.  bei  Stenay  (27.  Aug.),
die  6.  bei  St.  Mihiel  (25.  Sept.);  vgl.  S.  3Z8  ff.  Während
  der  Verdunoffensive  1916  teilten  die  Deutschen
ihre  5.  Armeein  eine  Armeeabteilung  rechts  (v.  Mudra,
seit  April  v.  Lochow)  und  links  der  M.  (v.  Gallwih,
seit  Juli  v.  François).  Am  18.  Sept.  1918  warf  die
amerikanische  Armee  Pershing  die  Deutschen  bei  St.
Midiel  über  die  M.  zurück.

Maashöhen,  Höhenzug  im  franz.  Dep.  Meuse,
südöstlich  von  Verdun.  Die  Stellungen  auf  den  M.
wurden  von  den  Deutschen  Ende  Sept.  1914  nach
dem  Rückzug  von  der  Marneschlacht  besetzt  und  aus-Der

  Krieg  191019.  11.

gebaut.  Ende  März  1915  versuchten  die  Franzosen
den  Durchbruch,  erlilten  jedoch  Niederlagen,  die  sich
im  April  und  Juni  wiederholten.  In  starkem  Gegenangriff
  eroberten  die  Deutschen  26.  Juni  die  franz.
Hauptstellung.  Vgl.  Bd.  I.  S.  205ff.

Machado,  Präsident  von  Portugal,  s.  d.

Maein,  rumän.  Stadt  und  Festung  in  der  Dobrudscha,
  dildete  Ende  1916  den  leypten  Pfeiler  der
russ.-rumän.  Dobrudschafront  und  wurde  3.  Jan.
1917  von  den  Bulgaren  genommen.

Mackensen,  August  von,  preuß.  General,  geb.
6.  Dez.  1849  in  Hausleipnitz  (Provinz  Sachsen),  1897
Oberst,  1903  Generalleutnant,  seit  1903  General  der
Kavallerie  und  komm.  General  des  17.  A.-K.,  wurde
Okt.  1914  Führer  der  9.  Armee  im  Osten,  mit  der  er
die  Siege  bei  Kutno,  Lodz  und  Lowicz  über  die  Russen
erfocht.  Am  17.  Dez.  wurde  er  Generaloberst.  Seit
April  1915  führte  die  deutschen  Truppen  in  West-19
        <pb n="320" />
        290

galizien  (Durchbruch  bei  Gorlice-Tarnow)  u.  wurde
20.  Juni  Generalfeldmarschall.  Bei  dem  weiteren
Vormarsch  in  Rußland  eroberte  M.  26.  Aug.  Brest
Litowsk  und  15.  Sept.  Pinsk.  Herbst  1915  befehligte
er  die  Armeen  gegen  Serbien  und  1916  die  gegen
Rumänien.  Nach  Abschluß  des  Waffenstillstan

wurde  er  im  Nov.  1918  von  den  Franzosen  bei  Neusaß
  interniert  und  Anfang  Dez.  1919  freigelassen.  —
Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  186.  (s.  Bd.  I.  S.  263.

„Magdeburg,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  4450t,

Maggio,  Monte,  Bergrücken,  1857  m  hoch,  an
der  ital.--tirol.  Grenze,  wurde  17.  Mai  1916  von  den
Osterreichern  erstürmt.

Magierahöhe,  Berg  in  Galizien,  südlich  von  Przemysl,
  war  Mitte  Okt.  1914  und  Mai  1915  Mittelpunkt
  heißer  Kämpfe.

Magierotw,  galiz.  Gem.  nordwestlich  von  Lemberg,
  wo  sich  17.  Juni  1915  eine  gewaltige  Schlacht
bei  M.-Grodek  entspann,  die  zu  vollständigem  Durchbruch
  der  russ.  Stellung  führte.  Vgl.  Bd.  1I,  S.  214.

Magnaboschi,  Monte,  1325  m  hoher  Berg  in
den  Sieben  Gemeinden,  10  km  östlich  von  Arsiero,
wurde  17.  Juni  1916  von  den  österr.-ungar.  Truppen
  vergeblich  bestürmt.  Ende  Juni  gin  die  ital.
Ge  enoensiv,  von  M.  aus.  Bd.  II,  S.  211.

agura,  Berg  in  den  Karpathen;  Kämpfe  s.

„Majestie-,  engl.  Linienschiff,  15  140  t,  das  27.
Mai  1915  bei  Sidd-el  Bahr  von  U  51.(Kapitänleutnant
  Hersing)  versenkt  wurde.

Maifeier.  1919  wurde  die  sozialdemokratische  M.
als  Protest  gegen  einen  Gewaltfrieden  abgehalten.
In  Paris  kam  es  dabei  1  blutigen  Zusammenstößen
zwischen  Militär  und  Demonstranten.  Der  1.  Mai
wurde  in  Deutschland  u.  Osterreich  für  das  Jahr  1919
zum  Nationalfeiertag  erhoben.  (Bd.  I,  S.  254.

„Mainz-,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  4350  t,  s.

Majo,  Monte,  permanentes  ital.  Panzerwerk  in
1500  m  Höhe  im  Raum  von  Arsiero,  wurde  Ende  Mai
1916  von  den  Österr.  erstürmt,  30.  Juni  1916  von  den
Ital.  zurnchgewonnen  u.  blieb  seitdem  viel  umkämpft.
Die  1.  ital.  Armee  nahm  den  M.  2.  Nov.  1918.

Malancourt,  franz.  Ort  u.  Stützpunkt  nordöstlich
  von  Verdun,  wurde  6.  Dez.  1914  von  den  Deutschen
  genommen.  Beim  Angriff  auf  Verdun  war  das
Gebiet  um  M.  heftig  umstritten;  vgl.  Bd.  II,  S.  198.

Malinoff,  Alexander,  bulgar.  Staatsmann,
geb.  20.  April  1867  in  Pandakli#  (Bessarabien),  in
Rußland  gebildet.  Rechtsanwalt,  Führer  der  Demokraten
  in  dem  Sobranje,  1908—11  Ministerpräs.,
ententefreundlich,  übernahm  1918  nochmals  die  Leizung
  des  Kabinetts.  Vgl.  Bulgarien.

almö,  Stadt  in  Schweden.  über  die  Dreikönigszusammenkunft
  18.  Dez.  1914  s.  Skandinavien.

Mallonne,  Fort  von  Namur,  wurde  24.  Aug.
1914  von  Leutnant  v.  d.  Linde  und  vier  Mann  durch
Handstreich  genommen.

Malvy,  Louis  Jean,  franz.  Politiker,  geb.
v  58  1  *  in  Figeae.  '*  aus  der  Wnsat
ozialist.  Partei  Caillaux  hervorgegangen,  mehrfa
im  Kabinett,  März  1914  Min.  8  Jiiern  nahm
Sept.  1917  seine  Entlassung,  nachdem  er  der  Begünstigung
  geheimer  Friedenspropaganda  bezichtigt  war,
und  wurde  deshalb  1918  verbannt.  Vgl.  Frankreich.

„Manchester  Guardian.,  bedeutendste  engl.
Provinzzeilung  (gegr.  1855),  mit  vorzügl.  Oandelsnachrichten,
  wahrte  im  Kriege  Deutschland  gegenüber
einen  sachlichen  Ton.

Mangin,  franz.  General,  1905  Stabschef  der

Magdeburg  —  Marmaros-Sziget

Kolonialtruppen  in  Westafrika,  1909  Oberst,  nahm
als  Kommandeur  der  5.  Inf.-Div.  an  der  Marneschlacht
  teil,  wurde  dann  Korpsführer  und  übernahm
Okt.  1916  den  Oberbefehl  über  die  2.  Armee  nördl.
Verdun,  mit  der  er  Okt.  und  Dez.  1916  durch  eine
Trlchicte  Offensive  das  Febr.-März  1916  verlorene
elände  zurückeroberte.  Juli  1918  befehligte  M.  die
Armee  zwischen  Aisne  und  Ourcq,  welche  die  Armee
Boehn  in  der  Flanke  faßte  und  zum  Rückzug  über  die
Marne  bis  zur  Aisne  zwang.  M.  war  Ende  März
1919  zum  Oberbefehlshaber  der  Restitutionsarmee
gegen  die  ungar.  Bolschewisten  bestimmt.
annlichergewehr,  in  Österreich-Ungarn,  Bulgarien,
  Rumänien,  Niederlande  geführtes  Gewehr;
vgl.  Bd.  II.  S.  282/283.

Manonuviller,  stärkstes  franz.  Sperrfort  östlich
von  Luncville,  wurde  27.  Aug.  1914  von  den  Deutschen
  erobert,  Mitte  Sept.  jedoch  geräumt.

Mantelgeschoß,  aus  Bleikern  mit  hartem  Mantel
(Stahl,  Nickel,  Kupfer)  bestehendes  Langgeschoß  der
heutigen  Militärgewehre;  s.  Bd.  II,  S.  281.  Vgl.
auch  n##dumgeschofe.  [S.  236.

Mantelrohr,  zringrohr,  s.S.  153  ff.;  vgl.  Bd.  L,

March,  Peyton  C.,  amerikan.  General,  1914
Oberst,  1917  Brigadegeneral,  1918  Generalstabschef,
verdient  um  die  Ausbildung  und  schnelle  überführung
  der  amerikan.  Truppen  nach  Frankreich.

Marchand,  Thomas,  franz.  General,  geb.  22.
Nov.  1863  in  Thoissey,  1902  Oberst,  focht  1915  erfolgreich
  in  der  Champagne-Offensive,  1916  als
Führer  eines  Kolonialkorps  in  der  Sommeschlacht.

„Mare  nostroe,  ital.  Schlagwort  für  die  irredentist.
  Ansprüche  auf  die  Adria;  vgl.  Bd.  II.  S.  37.

Marghiloman,  Alexander,  rumän.  Staatsmann,
  geb.  1854,  1879  Staatsanwalt,  seit  1884  konservatives
  Parlamentsmitglied,  des  öfteren  Minister,
1913  auf  dem  Friedenskongreß  von  Bukarest  an  den
Sonderverhandlungen  mit  Griechenland  und  Bul.

arien  hervorragend  beteiligt,  trat  im  Kriege  für  Einholiung
  der  rumän.  Neutralität  ein,  drang  aber
Pgenüber  Bratianu  nicht  durch.  Er  lehnte  den  von

ratianu  angebotenen  Eintritt  in  das  Nationalkabinett
  nach  Jassy  ab  und  war  März  bis  Nov.  1918
Ministerpräsident.  Vgl.  Rumänien.

Marianuen,  deutsche  Inselgruppe  im  Gr.  Ozean,
östlich  der  Philippinen  (vgl.  Bd.  II,  S.  15),  wurden
11.  Sept.  1914  von  den  Vepanern  besetzt.

Marine,  die  Einrichtungen  eines  Staates,  um
Seekrieg  zu  flhren  (Kriegsmarine,  Kriegsflotte)  und
Seehandel  zu  treiben  (Handelsmarine,  Handelsflotte).
S.  auch  Flotte.  —  Flottenstärken  s.  Bd.  I.  S.  235
und  242  f.  sowie  Seemächte.

Marineflugzeng,  s.  Flugzeug  und  S.  158ff.

Marinismus,  Vorherrschen  des  Strebens  nach
Seegewalt  und  Vermehrung  der  Kriegsflotte  zwecks
überseeischer  Kolonialpolitik,  bes.  in  England  (ogl.
Bd.  I,  S.  104  ff.).  Vgl.  Militarismus.

Maritz,  Burenoberst,  s.  Südafrikanische  Union.

Maritza,  bulgar.-türk.  Fluß  vom  Rilagebirge
(südöstlich  von  Sosa).  mündet  bei  Enos  ins  Wäicche
Meer  und  bildete  nach  dem  Vertrag  vom  6.  Sept.
1915  die  Grenze  von  Abrianopel  bis  zur  Mündung.
Die  M.  gilt  als  Nationalfluß  der  Bulgaren.

Markirch,  oberelsäss.  Stadt  an  der  Bahn  Schlettstadt-M.,
  wurde  2.  Aug.  1914  v.  den  Franzosen  besetzt
u  nach  heftigen  Kämpfen  Ende  Dez.  von  den  Deutschen

Markkurs,  s.  Valuta  wieder  genommen.

Marmaros-Sziget,  ungar.  Komitatshauptstadt
        <pb n="321" />
        Marne  —  Maskierungen

an  der  Theiß.  Die  in  das  Komitat  M.  eingedrungenen
Russen  wurden  7.  Okt.  1914  von  den  Osterr.  geschlagen,
  die  Stadt  selbst  wieder  genommen.

arne:  rechter  Nebensluß  der  Seine,  525  km
lang.  Ende  Aug.  1914  zogen  sich  die  Franzosen  und
Engländer  vor  den  Armeen  Bülow,  Hausen  und  Herzog
  Albrecht  von  Württemberg  hinter  die  M.  in  stark

estigte  Stellungen  zurück.  Vom  5.  bis  10.  Sept.
1914  ppielle  sich  hier  die  Marneschlacht  ab,  die  den
entscheidenden  Umschwung  im  Kriege  Rerbeisührt  insofern
  sie  den  Westfeldzugsplan  Schlieffens  zum  Scheitern
  brachte.  Am  15.  Juli  1918  Überschritten  die  Deutschen
  mit  der  9.  u.  18.  Armee  abermals  die  M.,  und
zwar  zwischen  Chäteau-Thierry  und  Dormans,  mußten
  sich  aber  wegen  Nachschubschwierigkeiten  aus  ihrer
schmalen,  hartbedrängten  Brückenkopfstellung  über
den  Fluß  zurückziehen.

Marneschlacht,  s.  Marne  und  S.  41  ff.  Vgl.  H.
Stegemann,  Geschichte  des  Krieges,  Bd.  (Stuttg.
1917);  (Friedr.  M.  Kircheisen)  =  Die  Schlachten  an  der
Marne  6.  bis  12.  Sept.  1914.  (Berl.  1916);  K.  Bleibtreu,
  Stegemanns  Weltkrieg  u.  die  M.  (Zürich  1917);
Baumgarten-Crusius,  Die  M.  1914,  insbes.  auf
der  Front  der  deutschen  dritten  Armee  (Leipz.  1919);
v.  Hausen,  Erinnerungen  an  den  Marnefeldzug
(das.  19290);  v.  Bülow,  Mein  Bericht  zur  Marneschlacht
  (Berl.  1920);  Müller-Brandenburg,
Von  der  Marne  zur  Marne  (das.  1919);  Kurt  Hesse,
Das  Marnedrama  des  15.  Juli  1918  (das.  1919);
Bircher,  Die  Schlachten  an  der  Marne  (Bern  1918);
v.  Kluck,  Führung  und  Taten  der  1.  Armee  im  Aug.
Sept.  1914  (Berl.  1920).

Marokko.  über  die  franz.  Politik  betr.  M.  vor
dem  Kriege  s.  Bd.  I.  S.  95f.  u.  102.  —  Aug.  1914
wiesen  die  Franzosen  die  Deutschen  u.Osterreicher  und
ihre  Diplomaten  aus  Tanger  aus  u.  gingen  gegen  die
ansässigen  Deutschen  brutal  vor  (Erschießung  des  Postbeamten
  Seyffert  in  Casablanca  im  Nov.  1914,  Fickers
und  Gründlers  am  26.  Jan.  u.  a.).  Nach  Verkündung
des  Heiligen  Krieges  (s.  Bd.  II,  S.71  ff.)  flammte  die
Aufstandsbewegung  unter  den  Marokkanern  stärker
empor.  Die  Franzosen  erlitten  im  Nov.  1914  bei
Kenifra  eine  schwere  Niederlage,  und  die  Aufständischen
besetzten  21.  März  1915  Meknar  und  Fes.  Gleichzeitig
riefen  die  Yebalakabylen  Raisuli  zum  Sultan  aus.
Am  18.  April  war  auch  Casablanca  u.  Marrakesch  von
den  Franzosen  geräumt.  Die  Franzosen  wurden  dann
der  Lage  zunächst  Herr  u.  hoben  um  die  Jahreswende
15000  Eingeborne  aus.  Die  Folge  war  jedoch  ein
neuer  Aufstand  in  der  ersten  Jahreshälfte  1916,  der  mit
der  Unterwerfung  der  Küstengebiete  endete.  In  Timbuktu,
  der  ganzen  Sahara  u.  am  Tschadsee  hielt  aber
der  Aufruhr  dauernd  an.  In  diese  Gebiete  wagten
die  Franzosen  auch  keine  deutschen  Kriegsgefangenen,
die  sie  rechtswidrig  *  Tausenden  zum  Straßenbau  in
die  heißen  nordafrikan.  Kolonien  verbrachten,  zu  verschleppen.
  Im  Juli  1917  hatten  sie  Kämpfe  mit  den
Stämmen  Riata  und  Uarain.  —  Im  Frieden  zu  Versailles
  verzichtete  Deutschland  auf  alle  Rechte  einschl.
der  Kapitulationen  in  M.,  ferner  auf  die  deutsch-franz.
Verträge  über  M.  von  1906,  1909  und  1911.

Marshall,  Sir  William  Raine,  engl.  General,
geb.  29.  Okt.  1865,  führte  seit  Nov.  1917  die  Armee
in  Mesopotamien  und  drängte  die  Türken  bis  Ende
Okt.  1918  am  Tigris  aufwärts  bis  zum  Zabfluß.

Marshallinseln,  deutsche  Inselgruppe  Mikronesiens
  (vgl.  Bd.  II,  S.  14  f.  u.  91),  wurden  11./12.
Sept.  1914  von  den  Japanern  besetzt.

291

Marwitz,  Georg  von  der,  preuß.  General,  geb.
3.  Juli  1856  in  Klein-Nossin  (Kr.  Stolp),  1904
Oberst,  1905  Generalstabschef  des  18.  A.-K.,  1911
Generalleutnant  und  Führer  der  3.  Div.  (Stettin),
1913  Generalinsp.  der  Kavallerie.  1914  führte  M.
als  Heeres-Kav.-Kommandeur  der  1.  Armee  ein  Kav.=Korps,
  mit  dem  er  im  Sept.  bis  30  km  vor  Paris
streifte,  war  dann  als  Führer  des  38.  Res.-Korps  im
Osten  an  der  Winterschlacht  in  Masuren  hervorragend
beteiligt,  übernahm  April  1915  das  Beskidenkorps  in
den  Karpathen  (Durchbruch  im  Laborczatal)  und
wehrte  1916  mit  seiner  Armeegruppe  in  Wolhynien
die  Brussilowschen  Massenangriffe  ab.  Nov.-Dez.  1917
wies  M.  als  Führer  der  2.  Armee  die  Engländer
bei  Cambrai  siegreich  ab  und  errang  März  1918  gegen
sie  große  Erfolge,  erlitt  aber  bei  Compiègne  am  8.  Aug.
eine  vernichtende  Niederlage  durch  Mangin  u.  wurde
im  Sept.  Führer  der  5.  Armee  bei  Verdun.
Masaryk,  Thomas,  Sschechischer  Politiker,  geb.
7.  März  1850  in  Göding  (Mähren),  seit  1882  Prof.
an  der  tschech.  Universität  in  Prag,  seit  1891  Mitgl.
des  österr.  Abgeordnetenhauses,  1900  Führer  der
tschech.  Volkspartei.  M.  ging  bei  Kriegsausbruch  nach
Paris,  wurde  1915  vom  Amt  suspendiert,  besuchte
Sommer  1918  Wilson  und  gründete  in  Paris  den
tschechoflowakischen  Nationalrat,  den  die  Alliierten
am  18.  Okt.,  am  27.  Okt.  auch  ÖOsterreich-Ungarn  als
kriegführende  Regierung  anerkannten.  Er  kehrte  darauf
  nach  Prag  zurick  und  wurde  Dez.  1918  Präsident
der  tschechoslowakischen  Republik.  M.  schrieb  u.  a.
»Versuch  einer  konkreten  Logik,  »Die  philosophischen
u.  soziologischen  Grundlagen  des  Marxismus-,  =  Der
Selbstmord  als  soziale  allenerscheinung“
Maschinengeschütze,  kleinkalibrige  Geschütze,  die
Laden.  Spannen  und  Feuern  selbsttätig  ermöglichen.
Sie  haben  entweder  mehrere  revolverartig  in  einem
Bündel  gelagerte  Läufe,  so  die  3,1  cm-Revolverkanone
  von  Hotchkiß,  oder  ihre  Anordnung  und  Betätigung
  entspricht  der  des  Waschinengewehrs,  nur
daß  das  Kaliber  bis  etwa  5  cm  beträgt.  M.  derletzteren
Art  werden  als  leichteste  Schiffsbewaffnung  mitgeführt,
  aber  auch  im  Stellungskrieg  als  Nahkampfgesut
  Infanteriegeschüch  verwendet.
Maschinengewehr,  für  Gewehrpatronen  eingerchtete
  Feuerwaffe,  die  außer  dem  Richten  alle
ätigkeiten  des  Schützen  maschinell  besorgt  und  mehrere
  6E7  Schuß  in  der  Minute  abfeuern  kann.
Der  Rückstoß  der  Pulvergase  wird  dazu  ausgenutzt,
den  Verschluß  zu  öffnen,  die  Patrone  einzuführen,
gleichzeitig  die  vorher  abgeschossene  Hülse  auszuwerfen,
  die  Patrone  absufeuern  usw.  Die  Patronen
lagern  zu  je  250  Stück  in  einem  Patronengurt,
der  sich  beim  Schießen  selbsttätig  durch  den  Verschluß
der  Wafsse  hindurchbewegt.  Der  Lauf  ist  von  einem
mit  Wasser  gefüllten  Kühlmantel  umgeben.  Beim
Schießen  lagert  das  M.  auf  einem  Schlitten  oder
auf  einer  Hilfslafette.  Gewicht  mit  Schlitten  30  bis
45  kg.  Das  leichte  M.,  das  auf  eine  Gabelstütze
gesetzt  wird,  wiegt  nur  8—12  kg.
aschinentelegraph,  M#Warat  auf  Schiffen  Zur
elektrischen  übermittlung  von  Befehlen  nach  den  Maschinen
  und  den  Kesselräumen:  Geber  und  Empfänger
haben  Scheiben,  vor  denen  sich  Zeiger  über  Inschriften
(„Langsam  voraus«;  „Halt=  usw.)  bewegen.
Maskierungen,  Anordnungen,  um  kriegerische
Anlagen,  Vorräte  usw.  unkenntlich  zu  machen  oder
als  friedliche  Gegenstände  erscheinen  zuulaslen  So
bemalt  man  Fliegerschuppen  und  Luftschisfhallen  mit

197
        <pb n="322" />
        292

bunten  Farbflecken,  besteckt  Geschützstellungen  mit
deckenden  Zweigen,  läßt  Munitionslager  als  Mühlen
herrichten  usw.  Kriegsschiffe  haben  sich  durch  Bemalung.
  Errichtungeeines  weiteren  Scheinschlotes  usw.
in  friedliche  Handelsschiffe  verwandelt.  Vgl.  Fliegerdeckung.
  U-Bootkrieg.  Scheinanlagen.

Massiges,  Gemeinde  im  franz.  Dep.  Marne,
nordwesilich  von  St.  Menehould.  Das  Gebiet  von  M.
war  seit  Ende  1914  hartnäckig  umstritten,  bes.  in  der
„  Winterschlacht  in  der  Champagne«  und  in  der  franz.
Herbstoffensive  1915;  vgl.  S.  73,  76.

Masuren,  Landschaft  im  östl.  Teile  der  Preuß.
Seenplatte  der  Prov.  Ostpreußen  (vgl.  Bd.  L,  S.  153).
Am  3.  Dez.  1914  wurden  russ.  Kräfte  östlich  von  der
Masurischen  Seenplatte  zurückgeschlagen.  Am  7.  Febr.
1915  begann  die  „Winterschlacht  in  M.-;  vgl.
-Bd.  I.  S.  196  ff.  sowie  Bd.  III,  S.  ö4.

Matajur,  Monte,  1641  m  hohes  Grenzmassiv
zwischen  Italien  und  dem  Görzischen,  wurde  25.  Okt.
1917  von  der  Armee  Below  erstürmt.

„Matin,  Le«,  gemäßigt-republikan.  Pariser  Morgenblatt,
  s.  Bd.  II,  S.  332  sowie  Bunau-Varilla.

Matschin,  rumän.  Stadt,  s.  Makin.

Manubeuge,  Stadt  u.  Festung  im  franz.  Dep.  Nord,
an  der  Sambre,  nahe  der  belg.  Grenze.  Über  die  Eroberung
  von  M.  vgl.  Bd.  III.  S.  41  u.  Bd.  l,  S.  186  ff.

Mande,  Sir  Frederick  Stanley,  engl.  General,
geb.  24.  Juni  1864.  1911  Oberst.  1915  Div.-Komm.
auf  Gallipoli,  seit  Aug.  1916  Oberbefehlshaber  im
Irak,  nahm  11.  März  1917  Bagdad,  zwang  am  28.
Sept.  Achmed  Bey  bei  Namadieh  zur  Übergabe  und
starb  18.  Nov.  1917  in  Bagdad.

Mannoury,  Joseph,  sanz.  General,  geb.  17.
Dez.  1847  in  Maintenon,  1883  —  87  Artillerieprof.
der  Kriegsschule  von  St.  Cyr,  1897  Oberst,  1906
Div.-General  und  Komm.,  der  Festungsart.  in  Paris,
befehligte  als  Korpsführer  das  15.  und  20.  Armeekorps,
  1910—12  Mil.-Gouv.  von  Paris,  trat  Ende
1912  zur  Reserve  Über.  Seit  19.  Aug.  1914  Armeeführer,
  griff  M.  die  Armee  Kluck  bei  Amiens  vergeblich
  an,  gab  aber  am  6.  Sept.  mit  seinem  Vorstoß
gegen  die  Flanke  Klucks  das  Signal  zur  Marneschlacht.
Dann  befehligte  er  den  Abschnitt  von  Soissons,  wo
er  Jan.  1915  eine  schwere  Niederlage  erlitt.  M.  wurde
12.  März  1915  schwer  verwundet  und  war  später
Oberbefehlshaber  der  Armee  in  Paris.

Maura,  Antonio,  s.  Spanien.

Maurepas,  Dorf  im  franz.  Dep.  Somme,  war
in  der  Sommeschlacht  vielfach  umkämpft.

Mausergewehr,  Gewehr  des  deutschen  Heeres,
auch  von  Belgien,  Rußland.  Serbien  und  der  Türkei
  angenommen.  Weiteres  f.-Hand=  und  Faustfeuerwaffene,
  Bd.  II,  S.  279ff.

Max,  Prinz  von  Baden,  geb.  10.  Juli  1867
als  Sohn  des  Kinen  Wilhelm  von  Baden,  Jurist,
dann  Offizier,  1906  Oberst,  1911  als  Generalleutnant
aus  dem  Militärdienst  ausgeschieden,  1914  General
der  Kav.  1907—18  war  er  Kräsident  der  Ersten  bad.
Kammer.  Während  des  Krieges  verwendete  er  sich
besonders  für  die  Gefangenen  und  besserte  ihr  Los  in
Rußland.  Er  hielt  mehrere  programmatische  Reden
tiber  die  Friedensfrage  in  der  bad.  Kammer  u.  wurde
3.  Olt.  1918  deutscher  Reichskanzler.  Als  solcher  führte
er  die  Waffenstillstandsverhandlungen  und  die  Verfassungsänderungen
  im  Okt.-Nov.  durch,  verkündete
am  10.  Nov.  eigenmächtig  die  Abdankung  des  Kaisers
und  übergab  dem  Mehrlrussogialisten  Ebert  die  Regierung
  (vgl.  Deutsches  Reich).

Massiges  —  Mecklenburg

Magximalarbeitstag,  die  gesetzliche  Festlegung
einer  Höchstarbeitsstundenzahl  in  Industrie  und  &amp;amp;
del.  In  Norwegen  genehmigte  am  14.  Aug.  1915
das  Odelsthing  den  M.  von  10  Stunden  bei  einem
wöchentlichen  Maximum  von  54  Stunden,  in  Buchund
  Zeitkungsdruckereien  sowie  groben  Metallhütten
von  48  Stunden.  Das  Gesetz  soll  in  6  Jahren  (1920)
in  Kraft  treten.  In  Deutschland  wurde  der  achtsündige
  M.  1918  durch  Verordnung  der  provisor.

egierung  durchgeführt.  In  Frankreich  stimmte
die  Kammer  dem  Gesetz  über  den  achtstündigen  M.
am  19.  April  1919  zu,  in  England  entschied  sich
das  Unterhaus  am  9.  Aug.  1919  für  den  siebenstündigen
  M.  in  Bergwerken.

Maximalismus,  (.  Bolschewismus.

Maximilian,  Prinzvon  Hessen,  geb.  20.  Dit.
1894,  Sohn  des  Prinzen  Friedrich  Karl  und  der
Prinzessin  Margarete  von  Preußen,  Schwester  Kaiser
Wilhelms  II.,  starb  12.  Okt.  1914  an  einer  am  gleichen
  Tage  bei  Bailleul  erhaltenen  Verwundung.

Maxwell,  Sir  John  Grenfell,  brit.  General,
geb.  12.  Juli  1859,  kämpfte  1882—98  unter  Gordon
und  Kitchener  in  Agypten,  1900—01  im  Burenkrieg,
1902—04  Stabschef  des  3.  Armeekorps,  1908—12
Komm.  der  ägypt.  Streitkräfte,  übernahm  Sept.  1914
den  Oberbefehl  in  Agypten  und  verteidigte  erfolgreich
den  Suezkanal.  Mai  1916  unterdrückte  er  den  Aufstand
  in  Irland  (vgl.  Bd.  I,  S.  115).

Mazedonien.  Über  M.  und  das  Balkanproblem
vgl.  Bd.  II,  S.  58,  über  M.  als  Kriegsschaupla
Bd.  II,  S.  143ff.,  über  die  Kriegsereignisse  Bd.  1II,
S.  70,  89  f.  u.  101f.

Meaux,  franz.  Stadt  an  der  Marne,  35  km  östl.
von  Paris,  bis  wohin  Teile  der  Armee  Kluck  Sept.
1914  vorgestoßen  waren;  vgl.  S.  41.

Mecklenburg.  Am  11.  Juni  1914  starb  Großherzog
  Adolf  Friedrich  V.  von  M.-Strelitz  in  Berlin,
65  Jahre  alt.  Ihm  folgte  der  letzte  Sproß  des  Hauses,
Erbgroßherzog  Adolf  Friedrich  VI.  (geb.  1802),  der
23.  Febr.  1918  durch  Selbstmord  in  Nrustreli
endete.  Da  der  zur  Thronfolge  berufene,  in  Rußla
ansässige  Herzog  Karl  Michael  von  M.-Strelitz  1.
Sept.  1914  die  russ.  Slaatzangesorigeen  erworben
hatte,  erhob  sich  ein  Streit,  ob  dieser  oder  der  Großherzog
  von  M.-Schwerin  Großherzog  werden  sollte.
Zur  Varonun  ihrer  Selbständigkeit  zogen  die  Strelitzer
  den  ruf  ##rris  Herzog  dem  deutschen  Bundesfürsten
  vor.  Die  seit  1907  akute  Frage  einer  Verfassungsreform
  war  1913  am  Widerstand  der  Nitterschaft
  endgültig  gescheitert.  1917  regte  der  Großherzog
  von  Schwerin  in  übercinstimmung  mit  dem
Strelitzer  Großlerzog  eine  Konferenz  ÜUber  die  Verfassungsreform
  an,  die  am  14.  Juni  1917  das  Zweikammersystem
  mit  allgemeiner,  direkter  und  öffentlicher
  Wahl  für  die  2.  Kammer  forderte.  Am  5.  Nov.
1918  betraute  der  Großherzog  die  Ministerien  in
Schwerin  und  Strelitz  mit  den  Vorarbeiten  zu  durchgreifenden
  Verfassungsreformen,  aber  die  ausbrechende
  Revolution  zwang  ihn  am  14.  Nov.  1918  zum
Rückiritt.  In  die  Strelitzer  Landesversammlung
wurden  am  15.  Dez.  12  Sozialdemokraten,  18  Liberale,
2  Handwerker  und  1  Bauernbündler,  zum  Schweciner
Landtag  am  26.  Jan.  1919  31  Sozialdemokraten.
18  Demokraten,  3  Deutsche  Volksparteiler,  8  Deutschnationale,
  1  Mittelstandsparteiler,  1  Dorfbündler
gewählt.  Das  schwerinsche  großherzogliche  Haus  ging
seines  Vermögens  verlustig,  das  streüzsche  behielt
von  80  Mill.  Barvermögen  20  Mill.  M
        <pb n="323" />
        Medjidie  —  Michael  Alexandrowitsch

Medjidie  (Medgidia),  rumän.  Stadt  in  der  Dobrudscha,
  wurde  22.  Okt.  1916  von  der  Armee  Mackensen
  genommen;  val.  Bd.  II,  S.  225.

ehlpulver,  |  »Schieß  ·  u.  Sprengstoffe-,  S.  172.

Mehrheitsparteien,  die  Parteien,  die  dauernd
zusammen  in  einem  Parlament  die  Mehrheit  bilden.

Mehrheitssozialisten,  Bezeichnung  für  die  Anhänger
  der  deutschen  Sozialdemokratie  seit  der  Abtrennung
  der  Unabhängigen;  vgl.  Sozialdemokratie.

Mehrladevorrichtung,  s.  Bd.  II.  S.  281.

Meldehund,  s.  Kriegshunde  u.  S.  166.

Meldewurfgranate,  s.  Granatwerfer  sowie
.  Nachrichtenwesene,  S.  166.

Meletta,  Monte,  1827  m  hohes  Bergmassiv  auf
der  Hochfläche  der  Sieben  Gemeinden,  10  km  nordöstlich
  von  Asiago.  Die  OÖsterreicher  erstürmten  den
M.  7.  Juni  1916,  mußten  ihn  jedoch  Ende  des  Monats
  wieder  räumen.  Der  Angriff  der  Armee  Conrad
14.—  22.  Nov.  endete  mit  empfindlichem  Rückschlag.
5.—12.  Dez.  1917  wurde  der  Angriff  wiederholt  un
der  M.  bezwungen,  am  1.  Nov.  1918  von  der  6.  ital.
Armee  zurückerobert.

Meliuit,  s.  chieß  und  Sprengstoffes,  S.  174.

Memel,  ostpreuß.  Kreisstadt  an  der  Bahn  Insterburg-Memel-Bajoren.
  Russ.  Reichswehrhaufen  und
Inf.  unter  General  Apuchtin  drangen  März  1915
plündernd  in  den  nördlichsten  Zipfel  Ostpreußens  ein
und  besetzten  M.,  wurden  aber  nach  kurzem  Kampfe
vertrieben.  M.  mit  umliegendem  Gebiet  fiel  im  Frieden
  von  Versailles  an  die  Alliierten.

Menschewiki,  s.  Minimalismus.

Mereier,  Desiré,  belg.  Kardinal,  geb.  21.  Dez.
1851  zu  Braine  I  Alleud,  seit  1906  Erzbischof  von
Mecheln,  1907  Kardinal,  wurde  durch  seine  Deutschen-E#
  und  die  Auseinandersetzungen  mit  dem  deutschen

eneralgouverneur  in  Brüssel  bekannt.  Vgl.  Belgien
sowie  Bd.  I,  S.  329.

Mesopotamien.  über  M.  im  Weltkrieg  vnh—
Bd.  II,  S.  63  und  65;  als  Kriegsschauplatz  Bd.  II,
S.  138f.  und  Bd.  III,  S.  127  f.

PMessuageroe-,  röm.  Zeitung,  s.  Bd.  II,  S.  334.

Mestecanesti  (rumän.  Mestecanesciil),  Gebirgsdorf
  in  der  südwestlichen  Bukowina.  Der  Abschnitt
um  M.  einer  der  am  meisten  umkämpften  der  österr.
ungar.  Front,  wurde  gegen  alle  russ.  und  rumän.
Durchbruchsversuche,  besonders  Dez.  1916,  Jan.  und

Metalle,  s.  Sparmetalle.  [März  1917,  gehalten.

Menz.  M.  wurde  oft  u.  stark  von  frz.  Fliegern  angegriffen.
  19.  Nov.  1918  zog  Marschall  Petain  in  M.  ein.

etzeral,  oberelsäss.  Dorf  südlich  von  Münster,
wurde  vor  der  Kriegserklärung  3.  Aug.  1914  von
den  Franzosen  besetzt,  19.  Febr.  1915  von  den
Deutschen  zurückerobert  und  bis  20.  Juni  gebhalten-Mexiko.

  Die  Einmischung  der  Verein.  Staaten,

hervorgerufen  durch  einen  Streit  mit  Huerta  um  den
ur  Genugtuung  für  die  Verhaftung  eines  amerikan.
Zobtmesters  geforderten  Flaggensalut,  führte  Frühjahr
  1914  zur  Besetzung  von  Veracruz.  Am  28.  Mai
wurde  eine  Einigung  dahin  erzielt,  daß  eine  fünf-Wpfige
  Kommission  vorläufig  die  Geschäfte  des  Landes
  übernehmen,  die  Verein.  Staaten  die  provisorische
Regierung  anerkennen  und  ihre  Truppen  zurückziehen
sollten.  Durch  das  Friedensprotokoll  vom  2.  Juli
verschob  die  Union  die  Räumung  von  Veracruz  auf

umbestimmte  *  Huerta  danlte  vertragsgemäß  15.

Juli  ab.  Außenminister  Francesco  Carbajal  übernahm
  die  vorläufige  Präsidentschaft.
is  in  den  Sommer  1915  tobte  ein  allgemeiner

293

Bürgerkrieg,  in  dem  erst  allmählich  Carranza  die
Oberhand  gewann.  General  Villa  ernannte  sich  am
5.  Febr.  selbst  zum  Präsidenten.  Huerta  wurde  am
27.  Juni  auf  dem  Wege  zur  Hauptstadt  von  amerikan.
Truppen  festgenommen.  Am  1.  Aug.  hielt  Carranza
seinen  Einzug  in  M.  Nunmehr  gewann  er  die  Anerkennung
  der  Michte  als  tatsächlicher  Inhaber  der
Gewalt  (19.  Okt.  von  den  Verein.  Staaten  und  den
südamerikan.  Republiken,  am  29.  Dez.  vom  Deutschen
  Reiche).  Nach  Ausbruch  neuer  Unruhen  gelang
Carranza  am  16.  Jan.  1916  die  Gefangennahme
Villas.  Als  Villas  Truppen  im  März  die  Stadt
Columbus  angriffen,  antwortete  Wilson  mit  der  Besetzung
  M.3;  Carranza  war  demgegenüber  machtlos.
Das  Verhältnis  blieb  gespannt;  erst  ein  am  24.  Nov.
1917  in  Atlantic  City  unterzeichnetes  Abkommen  erwirkte
  die  Zurückziehung  der  amerikan.  Truppen.  Im
Mai  und  Juni  gisf  Villa  erneut  amerikan.  Gebiet  an.

Die  auf  die  Monroedoktrin  gestützte  Intervention
der  Verein.  Staaten  hatte  in  M.  durchaus  keine
Sympathien  geweckt.  Je  mehr  sich  das  Land  vom
Bürgerkrieg  erholte,  um  so  bewußter  wurde  die  Reaktion
  gegen  die  Bevormundung  Wilsons  und  umso
offenkundiger  traten  Sympathien  für  Deutschland
hervor.  Als  der  Krieg  mit  den  Verein.  Staaten
in  den  Bereich  der  Wahrscheinlichkeit  rückte,  hoffte
sich  das  Deutsche  Reich  die  Hilfe  M.s  zu  sichern.  Es
ließ  durch  seinen  Gesandten  v.  Eckardt  ein  Bündnis
vorschlagen,  als  dessen  dritten  Teilhaber  M.  Japan
gewinnen  sollte.  Die  Note  siel  in  die  Hand  Wilsons,

er  sie  als  willkommenes  Hetzmaterial  veröffentlichen
ließ.  Carranza  ging  zwar  nicht  auf  die  deulschen
Vorschläge  ein,  schlug  aber  Wilson  am  12.  Febr.
1917  vor,  alle  Neutralen  sollten  durch  Einstellung
des  Handels  mit  den  Kriegführenden  das  sofortige
Kriegsende  erzwingen.  Dieser  Vorschlag  fiel  auf  unfruchtbaren
  Boden,  ebenso  ein  ähnlicher  vom  18.  März.
Nach  der  Kriegserklärung  der  Verein.  Staaten  konnte
Carranza  nach  Lage  der  Dinge  nur  Ms  unbedingte
u.  strengste  Neutralität  erklären  (16.  April).

Die  neue  Verfassung  brachte  große  soziale  und
politische  Veränderungen.  Der  Staat  erhielt  die  Vollmacht
  zur  Bekämpfung  des  Kapitalismus;  Konzessionen
  für  Erdölquellen  und  Schürfrechte  werden  nur
noch  an  Mexikaner  verliehen.  Den  Ausländern  wurde
der  Erwerb  von  Gebiet  innerhalb  50  km  von  der
Küste  oder  100  km  von  der  Grenze  verboten.  Staat
und  Kirche  wurden  vollständig  getrennt,  die  Schulen
des  Religionsunterrichts  enthoben.  Carranza  wurde
12.  März  1917  ohne  Schwierigleiten  wiedergewählt.

Am  24.  Mai  1918  brach  M.  ohne  Angabe  des
Grundes  die  Beziehungen  zu  Kuba  ab.  Da  England
die  Regierung  Carranzas  noch  immer  nicht  anerkannt
hat,  wies  der  Präsident  am  18.  Aug.  1919  den  engl.
diplomatischen  Vertreter  aus  M.  aus.

Meyer-Waldeck,  Alfred,  deutscher  Seemann,
geb.  27.  Nov.  1864  in  St.  Petersburg,  1909  Kapitän
zur  See,  August  1911  Gouverneur  von  Kiautschon,
verteidigte  dieses  1914  heldenhaft  gegen  die  Japaner,
in  deren  Gefangenschaft  er  nach  der  Eroberung  (7.
Nov.)  geriet.  1920  kehrte  M.  nach  Deutschland  zurück.
  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  180.

Michael  Alexandrowitsch,  russ.  Großfürst,

eb.  4.  Dez.  1878  in  St.  Petersburg,  Bruder  des
t  Nikolaus  II.,  bis  zur  Geburt  des  Sohnes  des
Zaren  Thronerbe,  hatte  Sept.  1914  den  Oberbefehl
  über  die  nach  Ungarn  vordringenden  Streitkräfte.
  1917  verzichtete  der  Zar  zu  seinen  Gunsten
        <pb n="324" />
        294

auf  den  Thron,  doch  konnte  er  sich  gegen  die  Revotion
  nicht  zur  Geltung  bringen.  M.  soll  Okt.  1918
im  Gouv.  Perm  von  den  Rotgardisten  verhaftet  und
erschossen  worden  sein.

Michaelis,  Georg,  deutscher  Staatsmann,  geb.
7.  Sept.  1857  in  Haynau,  Jurist,  1885  Dozent  in
Tokio,  1889  Staatsanwalt  in  Schneidemühl,  seit  1892
Regierungspräsident  (Trier,  Arnsberg),  1902  Oberpräsidialrat
  in  Breslau,  dann  Unterstaatssekretär  im
preuß.  Finanzmin.,  1914  Leiter  der  Reichsgetreidestelle,
  Febr.  1917  Staatskommissar  für  Volksernährung,
  Juli  bis  Okt.  1917  Reichskanzler,  März  1918
bis  April  1919  Oberpräsident  von  Pommern.

Midilli.,  Kreuzer,  s.  „Goebenec.

Mielnik,  russ.  Stadt  am  Bug,  wo  derrechte  Flügel
der  Horresgruppe  Prinz  Leopold  von  Bayern  18.  Aug.
1915  den  Bugübergang  erzwang.

Milchwirtschaft.  Unter  den  mannigfachen  Entbehrungen
  des  Krieges  ist  kaum  eine  so  schwer  empfunden
  worden  wie  der  Milchmangel.  Dies  liegt
einmal  daran,  daß  die  Milch  das  Frahtnährmuttel  gerade
  für  die  schwächsten  Teile  der  Bevöôlkerung  (Kinder,
  Kranke,  Frauen.  Greise)  ist,  die  den  Ausfall.
doppelt  empfinden,  weiter  daran,  daß  sie  als  Frischmilch,
  Butter  und  Käse  zugleich  das  verbreitetste  Speisesett
  war.  Im  ersten  Ichre  trat  ein  starker  Ausfall
noch  nicht  ein.  Als  aber  das  ausländische  Kraftfutter
ausblieb  u.  die  Futterernten  wiederholt  schlecht  wurden,
  entwickelte  sich  der  Milchmangel  katastrophal,
zumal  die  einzige  Ersatzquelle  für  tierisches  Fett,  die
Schweine,  dem  Futtermangel  gleichfalls  zu  Millionen
zum  Opfer  fielen.  Eine  für  die  Mehrzahl  des  Volkes
ungemein  empfindliche  Konkurrenz  für  den  Frischmilchverbrauch
  machte  die  starke  und  sehr  zahlungswillige
  Nachfrage  nach  Butter,  für  die  zuletzt  phantastische
  Preise  gezahlt  wurden.  Soblieb  in  den  Städten
(auf  dem  Lande  lag  es  naturgemäfß  besser)  trotz  weiter
Ausbreitung  der  Milchziegenhaltung  eine  verschwindend
  kleine  Menge  Frischmilch  übrig.  Die  Folge  war
eine  ungemein  strenge,  durch  die  Heneiden  durchgeführte
  Regelung  des  Milchverbrauchs  derart,  daß
nur  kleine  Kinder  u.  Schwerkranke  eine  geringe  Milchmenge
  erhielten,  während  die  etwas  größeren  Kinder
jahrelang  ohne  einen  Tropfen  Milch  lieben,  von  den
gesunden  Erwachsenen  ganz  zu  schweigen.  Die  Folgen
dieser  langen  Unterernährung  wird  das  deutsche  Volk
in  verminderter  körperlicher  u.  geistiger  Leistungsfähigkeit
  als  schlimmes  Erbteil  des  Krieges  noch  lange  spüren.
Ein  Wiederaufbau  der  zerstörten  deutschen  Rindviehzucht
  ist  erst  in  jahrelanger  Arbeit  u.  bei  Sicherstellung
der  unbedingt  erforderlichen  Einfuhr  von  Kraftfutter
möglich.  Bis  dahin  wird  die  M.  noch  schweren  Beschränkungen
  unterworfen  sein.  Vgl.  Ruge,  Deutschlands
  Milch=  und  Speisefett-  Versorgung  im  Kriege
(Beiträge  zur  Kriegswirtschaft,  Heft  47/48,  Berl.
1918);  Teichert,  M.  und  Molkereien  (in:  Braun
und  Dade,  Arbeitsziele  der  deutschen  Landwirtschaft
nach  dem  Kriege,  das.  1918).

Militärgeistliche,  pfarrer,  s.  Militärseelsorge.

Militärgerichtsbarkeit.  Nachdem  durch  Art.
106  der  Reichsverfassung  die  M.  außer  für  Kriegszeiten
u.  an  Bord  aufgehoben  worden  ist,  wurden  Dez.  1918
die  Bestimmungen  über  die  M.  entsprechend  abgeänd.
(Aufhebung  der  niederen  Gerichtsbarkeit,  Einführung
der  Zivilverteidigung,  Vertrauensleute  als  nicht  juristische
  Richter).  Für  militär.  Straftaten  sind  fortan
zuständig  Strafkammer,  Schwurgericht,  Reichsgericht.

Militarismus,  Bevorzugung  des  Militärwesens

Michaelis  —  Militärseelsorge

im  staatlichen  Leben,  Vorherrschen  der  auf  die  Rüstungen
  zielenden  Bestrebungen,  wie  es  vor  dem  Kriege
in  allen  Großstaaten  zutage  trat  (vgl.  Bd.  II.  S.  324),
wurde  für  die  Entente  zum  Schlagwort  u.  Beweis  für
Deutschlands  Kriegstüsternhei.  über  die  Lage  der
Dinge  vgl.  Bd.  L,  S.  331  f.  Vgl.  auch  Marinismus.
Militärrente,  Dienstbeschädigungsrente  für
Kriegsteilnehmer,  beträgt  als  Vollrente  (bei  völliger
  Erwerbeunfähigleih  für:  Feldwebel  900  Mk.,
ergeanten  720  Mk.,  Unteroffiziere  600  Mk.  und  Ge.
meine  540  Mk.,  als  Teilrente  (bei  teilweiser  Erwerbsunfähigkeit)
  denjenigen  prozentualen  Teil  der
Vollrente,  der  dem  Maße  des  Verlustes  an  Erwerbsfähigkeit
  entspricht.  Seit  1919  werden  außerdem  Teuerungszulagen
  gezahlt.  Offiziere  erhalten  bei  vollständiger
  Garnison=  u.  Feiodienstumfähigkei  auf  Zeit  oder
auf  Lebenszeit  Pension  mit  Kriegszulage  (Leutnant
97  Mk.  Pension,  100  Mk.  Kriegszulage),  event.  Verstümmelungszulage;
  Teuerungszulagen  (seit  1919)
nur  auf  Utraß  und  im  Bedürfnisfalle.
Militärseelsorge.  Außer  der  Feldpost  ist  in  der
ersten  Zeit  des  Krieges  kaum  eine  andere  Einrichtung
so  lebhaft  angegriffen  worden  wie  die  M.,  namentlich
die  evangelische.  Die  Beschwerden  waren  z.  T.  durch
den  raschen  Vormarsch  veranlaßt,  der  eine  geregelte
ottesdienstliche  Versorgung  unmöglich  machte;  z.  T.
ghatten  sie  allerdings  in  Organisationsschwierigkeiten
ihren  Grund.  Auf  kath.  Seite  scheint  von  Anfang  an
ausreichende  Vorsorge  getroffen  gewesen  zu  sein.  Die
M.  unterstand  der  Militärverwaltung  (Kriegsministerium);
  die  innere  Leitung  lag  in  der  Hand  eines
ev.  und  eines  kath.  Felsprobhes  (im  Kriege:  Wölfing
und  Joeppen).  Diese  letztern  stellten  die  Pfarrer  an
und  nahmen  Versetzungen  vor.  Abgesehen  von  den
Garnisonpfarrern  (meist  Zivilpfarrern  im  Nebenamt)
und  den  Kadettenhauspfarrern  war  für  jede  Division
ein  Pfarrer  vorgesehen;  am  Sitze  jedes  Generalkommandos
  leitete  ein  Militäroberpfarrer  die  M.-Angelegenbeiten
  des  Armeekorps.  Für  den  Felddienst
amen  fast  nur  die  Divisionspfarrer  in  Frage,  deren
Zahl  plangemäß  durch  Zivilpfarrer  vermehrt  wurde.
Für  diesen  Dienst  wurden  bei  der  ev.  M.  Geistliche  verwendet,
  die  Offiziere  des  Beurlaubtenstandes  waren
oder  doch  die  Befähigung  zum  Reserveoffizier  besaßen.
Dazu  kamen  die  sog.  freiwilligen-  Feldgeistlichen,  die
aus  Staatsmitteln  nur  Ausrüstung  und  Verpflegung
empfingen.  Ferner  wurden  die  Etappeninspekleure  ermächtigt,
  für  jede  mobile  Etappenkommandantureinen
Lazarettpfarrer  anzufordern.  Die  kath.  M.  war  entsprechend
  geordnet.  Da  die  katholischen  Geistlichen  von
der  Dienseriuche  befreit  sind,  konnten  Nichtpriester,
insbes.  mit  der  Waffe  dienende,  für  die  Hilfe  in  der
Seelsorge  nicht  in  Frage  kommen.  Dafür  besaß  die
kath.  Kirche  in  ihren  Ordensleuten  eine  geeignete
Reserve.  Jesuiten  mit  deutscher  Staatsangehörigkeit
verrichteten  Aushilfsdienste.  —  In  Osterreich-Ungarn
  war  seit  1773  das  =  Apostolische  Feldvikariate
oberste  militärgeistliche  Behörde.  Bei  jedem  Militärterritorialkommando
  befand  sich  ein  röm.  kath.  Feldsuperior,
  dem  die  Militärgeistlichen  des  Seelsorgebezirks
unterstanden.  Für  Nichtkathol.  bestand  seit  1860  eine
eigene  M.  (dem  15.  u.  16.  Korps  in  Bosnien  u.  Herzegowina
  wurden  mohammedanische  Imams  zugeteilt).
  1914—186  war  Emerich  Bjelik,  Bischof  von
Thasos,  apostolischer  Feldvikar.  —  Vgl.  =  Mitt.  für
die  ev.  Geistlichen  der  Armee  u.  der  Marine«  (Berl.);
e  Kirchl.  Jahrbuch  auf  das  Jahr  1915e  (hrög.  von
J.  Schneider,  Gütersloh  1915).
        <pb n="325" />
        Militärzug  —  Mitteleuropa

Militärzug,  Eisenbahnzug  zur  Beförderung  von
Truppen,  soll  nach  deutscher  (während  des  Krieges
vielfach  durchbrochener)  Vorschrift  110  Achsen  umfassen
  und  1  Bat.  Infanterie  oder  1  Batt.  Artillerie
oder  1½  Schwadron  Kavallerie  befördern.

Milinkoff.  Paul  Nikolajewitsch,  russ.  Staatsmann.
  geb.  28.  Jan.  1859,  bedeut.  Geschichtschreiber,
ausgesproch.  Deutschenfeind  u.  Anhänger  der  russ.  Ansprüche
  auf  Konstantinopel,  wurde  Leiter  des  liberalen
Rjetseh«,  kam  in  die  zweite  Duma  als  Führer  der
Kadetten  u.  war  April  u.  Mal  1917  Min.  des  Außern.
—  Bild  s.  bei  S.  226.

Millerand,  Alexandre,  franz.  Staatsmann,
geb.  10.  Febr.  1859  in  Paris,  Advokat,  Sozialist
(arbeitete  mit  Clemenceau  an  der  -Justice-,  mit
Jaurds  an  der  „Petite  Republique#),  1885  Dep.,
1899—1902  Handelsminister,  1909  —10  Minister
der  öffentl.  Arbeiten,  lenkte  1911  —13  als  Kriegsminister
  ins  militaristische  Fahrwasser  ein.  M.  war
27.  Aug.  1914  bis  29.Okt.  1915  wieder  Kriegsminister
und  wurde  1918  Generalgouverneur  von  Elsaß-Lothringen,
  Febr.  1920  Ministerpräsident.

Minen,  Sprengladungen,  die  mittels  Zündvorrichtung
  zur  Explosion  gebracht  werden.  Landminen
werden  im  Stellungskrieg  benutzt.  Man  treibt  M.=gänge
  (Mlstollen)  bis  zu  einer  M.kammer  vor,  die
mit  der  Sprengladung  gefüllt  wird.  Die  Sprengung
erfolgt  elektrisch  (Funkenzündung)  und  zerstört  die
gegnerischen  M#lagen  oft  in  weitem  Umfang  (Sprengoder
  M.btrichter).  Vor  feindlicher  Winiertätlgiert  schützt
man  sich  durch  Anlage  eines  Netzes  von  M.gängen
M.  'galerien)  und  durch  Zerstörung  des  feindlichen
Stollens  durch  eigene  Sprengung  (2Abaquetschen).
tühber  die  Riesensprengung  der  Engländer  bei  Wytschaete
  am  7.  Juni  1917  vgl.  S.  ln  Bei  Tret=  oder
Flatterminen  (richtiger  Fladderminen)  erfolgt
die  Spreugurg  selbsttätig  beim  Betreten  darüber
lagernder  Bohlen  oder  Brücken  durch  feindliche  Truppen.
  —  Vgl.  Seeminen  und  Wurfminen.

Minenfeld,  s.  Seeminen.  —  Minengrauaten,
s.  S.  154.  —  Minenkrieg,  s.  Minen  u.  Seeminen.

Minenleger,  -sperre  usw.,  s.  Seeminen.

Minenwerfer,  mörserähnliches  Gerät  zur  Verfeuerung
  von  Wurfminen  (s.  d.).  Als  Treibladung
dient  zu  Scheiben  gepreßtes  Ausstoßpulver;  nach  der
Zahl  der  Scheiben  richtet  sich  die  Wurfweite.  Das
Rohr  des  M.8  ruht  auff  einer  Schwenplatte  für  die
Seitenrichtung;  ein  Richtkreis  dient  der  Höhenrichtung,
  zwei  Bremszylinder  nehmen  den  Rückstoß  des
Schusses  auf.  Es  gibt  drei  Kaliber,  die  eine  Schußweite
  bis  etwa  2000  m  zulassen.  Der  leichte  M.  von
7.5  cm  Kaliber  erlaubt  eine  Abstufung  der  Ausstoßladung
  für  200—1300  m  Schußweite.  Abb.  s.  Taf.
„Geschütze-,  Bd.  III,  S.  152.  Vgl.  auch  Bd.  L.  S.  277.

Minette,  oolith.  Eisenerz  in  Luxemburg  u.  Lothringen,
  daher:  Minettegebiet,  das  Eisenerzgebiet
daselbst  (spielte  in  den  Annexionserwägungen  im
Kriege  eine  Rolle).

inimalismus,  die  gemäßigte  Richtung  der
Sozialdemokratie  in  Rußland;  Führer:  Zeretelli,
Tscheidse.  Skobeleff.  Die  Minimalisten  (russ.  Menschewiki)
  spielten  gegenüber  der  kommunistischen
Bauernschaft  (Trudowiki,  Partei  der  Mühseligen,
fälschlich  „Arbeitsgruppe-  genannt)  Kerenskis  u.  den
Maximalisten  (Bolschewisten)  nur  eine  untergeordnete
  Rolle  in  der  Revolution.  Sie  suchten  im  Kriege
Anschluß  an  die  liberale  Kriegspolitik,  gingen  aber
nach  der  Revolution,  durch  den  Terrorismus  der

295

Bolschewisten  gezwungen,  nieist  zu  diesen  über.  Die
Minimalisten  spalteten  sich  1917  in  die  Oboronzi
(Verteidigungspolitiker)  und  die  Internationalisten,
deren  Parteiblatt  die  von  Gorki  herausgegebene
»Nowaja  Schisn--  (Neues  Leben)  ist.  Vgl.  Rußland.

Minoritäre,  in  Frankreich  die  Minderheitssozlalisten.
  Vgl.  Sozialdemokratie.

Minsk,  Hauptstadt  des  russ.  Gouv.  M.,  am  Swislotsch,
  Eisenbahnknotenpunkt,  im  Kriege  ein  großes
Truppenlager,  wurde  21.  Febr.  1918  von  den  Deutschen
  besetzt.  (12.  Aug.  1919  zogen  die  Polen  in  M.  ein.

Mirbach,  Wilhelm,  Graf  von,  deutscher
Staatsmann,  geb.  2.  Juli  1871  in  Ischl,  1899—
1906  Legationssekretär  in  London,  im  Haag,  Budapest
  und  nochmals  London,  bis  1908  in  Petersburg,
bis  1911  in  Paris,  dann  Vortragender  Rat  im  Ausw.
Amt,  1915  in  Athen,  1916  in  Rumänien,  1917  als
Leiter  der  deutschen  Mission  in  Petersburg,  April
1918  als  Gesandter  nach  Moskau  gesandt,  wurde
dort  4.  Juli  1918  ermordet.

Misar,  Ort  in  Serbien,  an  der  Makva,  südöstlich
von  Sabac,  wurde  16.  Aug.  1914  von  den  Österreichern
  vergeblich  bestürmt,  6.—10.  Nov.  von  der  5.
Armee  erobert.

Misik,  Zivojni,  serb.  General,  geb.  7.  Juli  1856,
1901  Generalstabsoberst,  1904  in  den  Ruhestand
versetzt,  1909  im  Kriegöministerium,  führte  die  Neubewaffnung
  der  serb.  Artillerie  mit  franz.  Geschützen
durch.  Im  ersten  Balkankrieg  1912  war  M.  Stellvertreter
  des  Chefs  des  Generalstabes  u.  wurde  1913
General.  1914  hatte  M.  als  Führer  der  1.  Armee
an  der  serb.  Dezemberoffensive,  1916  als  Führer  der
2.  Armee  an  der  Eroberung  Monastirs  hervorragenden
  Anteil.  (s.  Bd.  II,  S.  361ff.

Missionen.  üÜber  die  christlichen  M.  im  Kriege

Mitan  (russ.  Mitawa),  Hauwptstadt  des  rufl
Gouv.  Kurland,  an  der  Bahn  Riga-M.,  wurde  1.
Aug.  1915  von  der  Armee  Below  besetzt,  21.  März
1919  von  der  baltischen  Landeswehr  genommen.

Mitrowitz,  Stadt  im  kroatisch-slawon.  Komitat
Syrmien,  an  der  Save,  war  nach  übergang  der
OÖsterr.  über  die  Save  Sept.  1914  Schauplatz  hesuger
Kämpfe,  in  denen  die  Timokdivision  6.  und  7.  Sept.
vernichtet  wurde.  Am  6.  Okt.  1915  überschritten  die
österr.-ungar.  Truppen  nochmals  bei  M.  die  Save.

Mitrovitza,  serb.  Gemeinde  am  Ibar  und  an
der  Sitnica.  Am  30.  Okt.  1915  war  die  serb.  Regierung
  nach  M.  übergesiedelt.  24.  Nov.  1915  nahmen
österr.=  ungar.  Truppen  M.  und  kreisten  hierdurch  die
serb.  Armee  auf  dem  Amselfeld  vollständig  ein.

Mittagskofel.  2263  m  hoher  Gipfel  der  Karnischen
Alpen,  nordöstl.  vom  Monte  Peralba,  im  Sommer
1915  umkämpft,  kam  in  ital.  Hand,  wurde  aber  31.
Okt.  1917  von  österr.  Truppen  wieder  erobert.

Mittelenropa,  ein  nach  dem  Vorbilde  Friedrich
Lists  von  F.  Naumann  u.  a.  unter  dem  Eindrucke  des
engen  Zusammenschlusses  der  Vierbundstaaten  (vyl.
Bd.  II,  S.  74  ff.)  u.  ihrer  Abschneidung  vom  überseehandel
  ins  Leben  gerufenes  polit.  Programm,  das  die
enge  wirtschaftspolit.,  z.  T.  auch  militärpolit.  Verknüpfung
  aller  Länder  zwischen  Nordsee  u.  Persischem  Golf
anstrebte;  edier  Ziel  war  die  unmittelbare  Landverbindung
  zwischen  Deutschland  u.  einem  mittelafrikan.
Kolonialreich.  Die  wichtigsten  Daten  zur  Geschichte  des
mitteleuropäischen  Planes  sind:  1879  Abschluß  des
Dreibundes,  1897  Jerusalemreise  des  Deutschen  Kaisers,
  1899  Abschluß  des  Bagdadbahnvertrags,  1908
Annexion  von  Bosnien  und  Herzegowina,  1914  Ein-
        <pb n="326" />
        296

tritt  der  Türkei  in  den  Bund  der  Mittelmächte,  1915
Bulgariens  Beitritt,  26.  Okt.  1915  Herstellung  der
direkten  Verbindung  zwischen  Ungarn  und  Bulgarien,
15.Jan.  1916  erstmaliger  Verkehr  des  „Ballanzuges
HamburgKonstantinopel,  18.  Jan.  1916  Kaiserzusammenkunft
  in  Nisch,  5.  Nov.  1916  Proklamation
des  Königreichs  Polen;  die  Friedensschlüsse  zu  Brest
Litowsk  und  Bukarest  schlossen  Rumänien,  die  westrussischen
  Randvölker,  Finnland  und  die  Ukraine  an
M.  an.  Widerspruch  gegen  den  mitteleurop.  Gedanken
erfolgte  vor  alleim  von  ungarischer  Seite,  da  man  dort
aus  dem  engeren  wirtschaftlichen  Zusammenschluß
mit  Osterreich  und  dem  Deutschen  Reich  Nachteile  für
Ungarns  Industrie  fürchtete.  Es  bestanden  bereits
seit  1904  bzw.  1905  Mitteleuropäische  Wirtschaftsvereine
  in  Berlin,  Wien  und  Budapest.  Im  Kriege
wurde  dazu  ein  Deutsch-österr.=  ungar.  Wirtschaftsverband,
  eine  Deutsch-bulgar.  Vereinigung  und  eine
Deutsch-türk.  Vereinigung  gegründet.  Am  5.  Jan.
1914  tagte  in  Budapest  eine  Mitteleuropäische  Wirtschaftskonferenz
  (1916  in  Dresden).  Zwischen  Deutschland
  und  der  Türkei  kam  es  bereits  zum  Abschluß
enger  wirtschaftlicher  Verträge,  die  am  10.  Mai  1917
vom  Deutschen  Reichstag  genehmigt  wurden.  Der  Zusammenbruch
  der  Vierbundmächte  im  Herbst  1918
rstörte  zunächst  die  mitteleuropäischen  Pläne.  Vgl.
.  Naumann,  M.  (Berl.  1915);  F.  Köhler,  Der
neue  Dreibund  (Münch.  1915);  Oncken,  Das  alte  und
das  neue  M.  (Gotha  1917);  Herkner,  Die  wirtschaftliche
  Annäherung  zwischen  dem  Deutschen  Reiche
und  seinen  Verbündeten  (Münch.  1916,  2  Bde.).
Mittelmächte,  die  zwischen  der  Entente  in  der  Mitte
liegenden  Vierbundmächte  Deutschland  und  Osterr.=Ungarn
  (mit  Sulgarien  und  der  Türkei).
Mittelmeer.  Das  M  spielte  im  Weltkriege  wegen
seiner  Lage  (vgl.  Bd.  II,  S.  115  f.)  als  Seekriegsschauplatz
  eine  bedeutende  Rolle.  Siehe  insbes.  Bd.  I,
S.  266  ff.,  Bd.  II,  S.  258  ff.,  Bd.  III,  S.  135.
Mlawa,  Kreisstadt  im  russ.-poln.  Gouv.  Plozk,
an  der  Bahn  Marienburg—M.,  wurde  24.  Dez.  1914
von  den  Deutschen  besetzt.  Vgl.  Bd.  I.  S.  219f.
Mobilmachung,  Umstellen  des  Heeres  aus  der
Friedens-  in  die  Kriegsformation  durch  Einziehung
der  Reserven,  Schaffung  von  Ersatz=  u.  Besatzungstruppen
  sowie  entsprechender  Behörden  nach  dem  vom
Generalstabe  im  Frieden  bearbeiteten  M.  splan.Eine
gob-  Rolle  fällt  hierbei  den  Eisenbahnen  (vgl.  Bd.  II,
.  295)  zu.  —  Über  die  Zeitfolge  der  M.en  zu  Beginn
  des  Weltkrieges  s.  Bd.  I.  S.  133f.  über  finanzielle
  M.  vgl.  Bd.  1,  S.  388  f.  und  412f.
Mohammed  V.,  35.  Sultan  der  Osmanen,  vorher
Prinz  Mohammed  Reschad  Effendi,  geb.  3.  Nov.
1844  in  Konstantinopel,  gest.  daselbst  3.  Juli  1918,
wurde  19.  April  1909  zum  Sultan  ausgerufen.  M.
führte  1912—  13  den  unglücklich  verlaufenen  Krieg
egen  die  Balkanstaaten  und  trat  Nov.  1914  an  der
eite  der  Mittelmächte  in  den  europ.  Krieg  ein.  Am
28.  April  1915  nahm  M.  nach  dem  türkischen  Siege
an  den  Dardanellen  den  Titel  „Ghazi=  an.  —  Bild
s.  Bd.  l  bei  S.  22.—  Mohammed  VI.,  36.  Sultan
der  Osmanen,  vorher  Prinz  Wahid  Ed-Din  Effendi,
Bruder  des  vorigen,  geb.  12.  Jan.  1861  in  Konstantinopel,
  wurde  4.  Juli  1918  Sultan.
Mohilew,  Hauptstadt  des  russ.  Gouv.  M.,  am
Dnjepr,  war  bis  Herbst  1917  russisches  Hauptquartier.
Moldau.  über  die  Bedeutung  der  M.  auf  dem
rumän.  Legsschahla  -1  Bd.  II,  S.  141f.
Moldawa,  Nebenfluß  des  Sereth,  in  Galizien

Mittelmächte  —  Montenegro

und  der  Bukowina.  Hier  spielten  sich  Febr.  1915  hartnächige
  Kämpfe  ab,  in  denen  die  österr.-ungar.  Truppen
  den  russ.  Einbruch  nach  Ungarn  verhinderten.

Möllendorf,  Wichard  von,  Volkswirt,  1919
Unterstaatssekr.  im  Reichswirtschaftsmin.,  schrieb:
„eutsche  Gemeinwirtschaft-(Berl.  1916),  -  Von  einst
zu  einst-(Jena  1917)  u.  a.  und  gemeinsam  mit  Reichswirtschaftsminister
  Wissel  eine  Denkschrift  über  Planwirtschaft.
  [Bd.  I.  S.  257  ff.

„  Moltke-,  deutscher  Panzerkreuzer,  23.000  t,  s.

Moltke,  Helmuth  von,  preuß.  General,  geb.
23.  Mai  1848  in  Gersdorf  (Mecklenburg),  gest.  18.
Juni  1916  in  Berlin,  1902—04  als  Generalleutnant
Kommandeur  der  1.  Gardedivision,  dann  Generalquartiermeister,
  1906  Chef  des  Generalstabes  der
Armee.  Er  leitete  1914  den  Aufmarsch  der  deutschen
Here  mußte  aber  wegen  Erkrankung  (25.  Okt.)  die

eschäfte  an  General  v.  Falkenhayn  abgeben  u.  wurde
Anfang  Jan.  1915  Chef  des  Stellvertretenden  Generalstabes.
  M.  hinterließ  Kriegserinnerungen  (2  Die
„Schuldam  Lriegeg.  deren  Veröffentlichung  aber  bisher
  unterblieb.  —  Bild  f.  Bd.  1  bei  S.  186.

Mombassa,  Hauptstadt  von  Britisch-Ostafrika.
Ende  Aug.  1914  machten  die  Deutschen  einen  Vorstoß
  von  Tanga  aus  gegen  M.,  dessen  Fort  Malobeni
  sie  nach  zahlreichen  Kämpfen  Anfang  Okt.  erreichten.
  Die  Besetzung  der  Stadt  M.  war  den  Deutschen
  aber  unmöglich.

Monastir,  südserb.  Stadt,  wurde  4.  Dez.  1915  von
der  Armee  Gallwitz  erobert,  18.  Nov.  1916  von  der
serb.-frz.  Ortentarmee  zurückgewonnen.  Vgl.  S.  90.

Mouchy,  Gem.  im  frz.  Dep.  Pas-de-Calais,  war
einer  der  Hauptkampfplätze  in  der  Arrasschlacht  1917
u.  der  deutschen  Offensive  irch1o  8.  Bgl.  S.  13u.  89.

Monfalcone,  Stadt  in  Görz  und  Gradisca,  am
Westabhang  des  Karstes,  Nähe  des  Adriat.  Meeres
#a  .  Bd.  II,  S.  105),  wurde  8.  Juni  1915  von  den

talienern  genommen,  27.  Okt.  1917  geräumt.

Monuro,  Charles  Carmichael,  engl.  General,

eb.  15  Juni  1860,  1903  Oberst,  1907—12  Brig.=Koumm.
  in  Dublin,  dann  Komm.  der  Militärschießschule
  in  Luthe  Okt.  1915  wurde  M.  Oberbefehlshaber
  der  Mittelmeerstreitkräfte,  die  er  nach  langwierigen,
  erfolglosen  Kämpfen  um  die  Jahreswende
1915/16  von  Gallipoli  zurückzog,  später  als  Nachfolger
Sir  Douglas  Haigs  Führer  der  1.  brit.  Armee  an  der
Somme,  Juli  1917  Stabschef  in  Indien.

Montdidier,  Stadt  im  franz.  Dep.  Somme.  Am
27.  März  1918  wurde  M.  von  den  Deutschen  besetzt;
ihre  Offensive  kam  hier  zum  Stehen.

Monte  ..  .s.  die  betreffenden  Namen.

Montebelluna,  Stadt  in  der  ital.  Prov.  Treviso,
wichtiger  Eisenbahnknotenpunkt,  bildete  in  der  Schlacht
am  Piave  Juni  1918  eins  der  Hauptangriffsziele  der
österr.-ungar.  Armee  Erzherzog  Joseph,  doch  zwangen
die  Italiener  19.  Juni  die  Osterreicher  zum  Rückzuge.

Montello,  13  km  langer  Hügel  in  der  oberital.
Ebene,  am  Piave.  Am  15.  Juni  1917  überschritten
die  Osterreicher  unter  Erzberzg  Joseph  den  Piave
und  eroberten  den  Ostteil  des  M.,  den  sie  am  23.  Juni
wieder  räumen  mußten.  Von  den  Hängen  des  M.
aus  erfolgte  24.  Okt.  1918  der  großangelegte  Piaveübergang
  der  8.,  10.  und  12.  ital.  Armee.

ontenegro.  Die  Balkankriege  hatten  M.  in
nahe  Beziehungen  zu  Serbien  gebracht,  und  es  kam
eine  Bewegung  auf,  beide  Länder  wenigstens  finanziell
  und  diplomatisch  zu  vereinigen.  Aber  der  Kriegs.
ausbruch  rückte  anderes  in  den  Vordergrund:  am  26.
        <pb n="327" />
        Montmédy  —  Muchtar  Pascha

Juli  erfolgte  die  Mobilmachung  in  M.,  am  7.  Ngdie
  Kriegserklärung  M.8  an  Österreich-Ungarn.  M.
beschränkte  sich  Osterreich-Ungarn  gegenüber  auf  die
Verteidigung  seines  Gebietes,  bes.  des  Lowtschen,
Eate  sich  aber  sehr  begehrlich  gegen  alban.  Gebiet.
8  besetzte  am  3.  Juli  1915  Skutari.  Nach  Erstürmung
  des  Lowtschen  (10.  Jan.  1916)  und  der  Einnahme
  Cetinjes  (17.  Jan.)  war  das  Land  verloren.
Der  König  erwog  die  Möglichkeit  eines  Sonderfriedens;
  die  diplomat.  Vertreter  drohten  aber  5.  Dez.  mit
Abbruchder  Veziehungen  und  Einstellung  aller  Unterstützungen.
  Die  Regierung  verlegte  22.  Jan.  ihren
Sitz  nach  Lyon,  wohin  sich  auch  die  königliche  Familie
begab  (seit  8.  März  in  Bordeaux).  Vorher  aber,  13.
Jan.,  hatte  der  König  und  die  Regierung  in  aller
Form  den  Feind  um  Einstellung  der  Feindseligkeiten
ebeten.  Die  Bedingung  Osterreich-Ungarns,  Waffenfren-
  der  montenegr.  Armee,  wurde  am  16.  angenommen
  und  bis  9.  Febr.  erfüllt,  der  Hertrag  hier-Über
  25.  Jan.  in  Cetinje  unterzeichnet.  Prinz  Mirko
(gest.  1918  in  Wien)  blieb  im  Lande  zurück.  11.  Febr.
erklärte  Ministerpräsident  Matanowitsch  die  Waffenstillstandsverhandlungen
  für  eine  List,  um  eine
Sammlung  der  verstreuten  Armee  zu  ermöglichen.
Aber  Nikita  hatte  das  Vertrauen  seines  Landes  verloren,
  die  Skuptschina  erklärte  ihn  nach  beendetem
Krieg  29.  Nov.  1918  für  abgesetzt.  Gegen  Serbiens
Ansprüche  auf  Einverleibung  machte  sich  starker  Widerspruch
  geltend;  während  die  Laibacher  Nationalversammlung
  am  20.  April  1919  die  Vereinigung
M.s  mit  Jugoslawien  verkündete,  riefen  die  Montenegriner
  am  23.  Aug.  ihr  Land  als  Republik  aus.
ontmédy,  franz.  Festung  im  Dep.  Maas,  an
der  Bahn  Longuyon  -Sedan,  fiel  den  Deutschen
(Kronprinzarmee)  30.  Aug.  1914  in  die  Hände.

Montmirail,  Stadt  im  frz.  Dep.  Marne.  In  der
Linie  M.-Meauxentwickelte  sich  9.  Sept.  1914  zwischen
starken  frz.  Kräften  u.  dem  rechten  deutschen  Flügel  ein
hartnäckiger  Kampf,  in  dem  die  Franzosen  die  Deutschen
  zum  Rüchug  *  die  Aisne  zwangen  Vgl.  S.  41.

Moon,  Insel  in  der  Rigaischen  Bucht,  zwischen
Estland  und  Osel,  wurde  am  18.  Okt.  1917  von  den
Deutschen  genommen;  vgl.  S.  134.

Moratorinm,  durch  staatliche  Verfügung  erteilte
Johlungsfrist.  in  der  der  Schuldner  vom  Gläubiger
nicht  belangt  werden  kann.  Moratorien  wurden  im
Kriege  vielsch  erlassen:  so  in  Bulgarien  (8.  Aug.),
Belgien  (6.  Aug.),  England  (4.  Agg,  bis  3.  Dez.  1914),
Frankreich  (3.  Aug.),  Osterreich,  Ungarn,  Bosnien,
Norwegen,  Schweden,  der  Türkei  usw.  In  den
meisten  Ländern  wurden  die  Moratorien  rasch  wieder
abgebaut.  Im  Deutschen  Reich  wurde  nur  ein
Auslandsmoratorium  im  Vergeltungswege  gegen
England,  Frankreich  und  Nußland  erlassen.  —  Verstecktes
  M.  ist  ein  M.,  dessen  Umfang  nicht  ohne
weiteres  ersichtlich  ist;  z.  B.  räumte  Italien  28.  Mai
1915  insofern  ein  verstecktes  M.  ein,  als  es  allen
Unternehmern,  deren  Vermögen  größer  ist  als  ihre
Schulden,  Zahlungsaufschub  bis  auf  zwei  Monate
nach  Veröffentlichung  des  Friedensschlusses  gewährt.
S.  auch  Bd.  I,  S.  389  (Deutschland)  und  S.  405
(Osterr.-Ungarn).  Vgl.  Koersner  u.  Dickson,  Moratorium
  (Stockh.  1915  ff.,  3  Bde.).

Morava,  r.  Nebenfluß  der  Donau  in  Serbien.
Das  Tal  der  M.,  von  der  siegreichen  1.  bulgar.  Armee
Okt.  1915  durchschritten  (vgl.  Bd.  I.  S.  233),  bildete
Okt  1918  die  wichtigste  Rückzugslinie  der  aus  Serbien
weichenden  deutschen  und  öslerr.-ungar.  Truppen.

297

Morgan,  John  Pierpont,  d.  J.,  amerikan.
Finanzmann,  geb.  1867,  Sohn  des  1913  verstorbenen
Begründers  des  Stahl-  und  des  Schiffahrtstrustes,
verschaffte  den  feindlichen  Regierungen  Geld  und  Munition
  und  begründete  den  amerikan.  Munitionstrust.

Morgen,  Kurt  von,  preuß.  General,  geb.  1.
Nov.  1858  in  Neiße,  führte  1889  —  91  eine  Forschungsexpedition
  in  Kamerun,  zwang  1894  den  Aufstand  in
Kamerun  nieder,  durchquerte  1896—97  Agypten  und
Donpola,  wurde  1897  Militärattaché  in  Konstantinopel,
  nahm  am  thessal.  Feldzug  teil,  kam  1902  in
den  Gr.  Generalstab,  wurde  1908  Oberst,  1914  Generalleutnant
  und  Führer  der  3.  Res.-Division,  seit
Nov.  des  1.,  1917  des  14.  Res.-Korps  im  Osten,  halte
hervorragenden  Anteil  an  den  Schlachten  von  Lodz
u.  Lowicz  sowie  bei  Lyck  und  in  Rumänien.  M.  schr.:
»Meiner  Truppen  Heldentaten=  (Berl.  1919).

Morone,  Paole,  ital.  General,  geb.  1854  in
Torre  Annunziata,  1901Oberst,  später  Generalstabschef
  des  9.  Armeekorps,  1914  Leiter  des  Intendanturwesens
  im  Generalstab,  1915  Korpsführer,  war  April
1916  bis  26.  Okt.  1917  Kriegsminister.

Mörser,  sehr  kurzes  Steilfeuergeschlütz,  s.  S.  154.

Mort  Homme,  Bergrücken  nordwestlich  von  Verdun,
  s.  Bd.  II,  S.  195,  198,  202.

Moskau.  M.  wurde  am  10.  März  1918  durch
Verfügung  Lenins  wieder  Hauptstadt  des  russ.  Reiches.
  Gegenüber  dem  an  der  Peripherie  des  Reiches
gelegenen,  feindlichen  Angriffen  stark  aus  eeeuten
und  von  je  unter  starkem  Einfluß  der  deutschen  Intelligenz
  seependen  Petersburg  hat  M.  den  Vorteil
zentraler  Lage  und  echtrussischen  Charakters.

Motono,  Itschiro,  Baron,  japan.  Staatsmann,
  1899  auf  der  Haager  Friedenskonferenz,  1901
Botschafter  in  Paris,  1905—16  in  Petersburg,
brachte  1915  den  russ.-japan.  Geheimvertrag  zustande
und  war  bis  April  1918  Min.  des  Außern.

Motorbatterie,  Batterie  von  Motormörsern.

Motormörser,  österr.  30,5cm-Steilfeuergeschütz
der  Skodawerke,  dessen  Teile  auf  Kraftfahrzeugen
angeordnet  sind  und  verhältnismäßig  schnell  zusammengesetzt
  werden.  Vgl.  Artillerie  im  Kriegez,  S.
154,  sowie  Tafel  =  Geschütze  IIIe,  Fig.  3.

Motta,  Giuseppe,  schweizer.  Staatsmann,  geb.
29.  Dez.  1871  in  Airolo  (Tessin),  1895  Rechtsanwalt,
1899  im  Nationalrat,  1911  im  Bundesrat,  war  als
schweizer.  Bundespräsident  für  1915  u.  1917  streng
neutral.  1920  wurde  M.  wieder  Bundespräsident.

P(Möwe.,  deutscher  Hilfskreuzer,  4500  t,  Kommandant
  Graf  zu  Dohna-Schlodien,  durchbrach  1.
Jan.  1916  die  engl.  Blockade  und  kehrte  März  nach
einer  Kreuzfahrt  im  Atlant.  Ozean,  wobei  sie  15  feindliche
  Handelsdampfer  aufbrachte  und  versenkte  (außer
»Appam«  und  -Westburn-),  mit  199  Gefangenen
und  einer  Million  Gold  nach  Wilhelmshaven  zurück.
Anfang  1917  war  die  M.  als  -Puymee  im  südlichen
Atlant.  Ozean  erfolgreich  tätig.  Vgl.  Bd.  II,  S.  260.

Mrzli  Vrh,  Bergmassiv  im  Görzischen,  mit
1360  m  hohem  Gipfel,  am  linken  Isonzoufer,  heiß
umkämpft  von  Aug.  bis  Dez.  1915,  wurde  von  den
Italienern  im  südl.  Teil  benrtt,  von  wo  sie  24.  Okt.
—#  2  hmnd.  geb.  1.  Dez,  1867

uchtar  Pascha,  Machmud,  geb.  1.  Dez.
in  Stamdul,  Sohn  v.  Achmed  Muchtar  Pascha  Ghasi,
1910  Marineminister,  1911  außerordentl.  Botschafter
beim  Zaren  in  Livadia,  1912  abermals  Marineminister,
  im  Balkankrieg  Kommandeur  des  3.  Armeekorps,
April  1913  bis  24.  Aug.  1915  Botschafter  in  Berlin.
        <pb n="328" />
        298

Mücke,  Hellmut  von,  Kapitänleutnant,  geb.
25.  Juni  1881  in  Zwickau,  führte  die  Landungsabteilung
  der  =  Emdene  nach  der  Türkei;  vgl.  Bd.  I,  S.  271.

Mudra,  Bruno  von,  preuß.  General,  geb.  1.
April  1851  in  Muskau  (Schlesien),  1898  Direktor  der
Artillerie=  u.  Ingenieurschule,  1899  Chef  des  Stabes
der  Generalinspektion  des  Ingenieur-  und  Pionier-=korps,
  1900  Oberst,  1910  Gouv.  von  Metz,  1911  l*  *7“
des  Ingenieur=  und  Pionierkorps  und  Generalinsp.
der  Festungen,  1913  komm.  General  des  16.  Armeekorps,
  mit  dem  er  1914—  16  in  den  Argonnen  kämpfte.
Seit  20.  Okt.  1916  führte  er  die  8.  Armee,  seit  2.  Jan.
1917  die  Armeeabteilung  A,  seit  18.  Juni  1918  die
1.  und  seit  12.  Okt.  1918  die  17.  Armee.

Mülhausen,  oberelsäss.  Kreishauptstadt,  wurde
8.  Aug.  1914  von  den  Franzosen  besetzt.  Am  10.
Aug.  kam  es  zu  blutigen  Straßenkämpfen;  19.  Aug.
bemächtigten  sch  die  Franzosen  nochmals  der  Stadt,
die  sie  jedoch  25.  Aug.  räumen  mußten.  Vgl.  S.  36f.

Mülller,  1)  Georg  Alexander  von,  deutscher
Admiral,  geb.  24.  März  1854  in  Chemnitz,  1891
Kommandant  des  -Iltis-,  1897  Fregattenkapitän,
1899  Kapitän  z.  S.  und  Chef  des  Stabes  des  Kreuzerpeschwaders
  in  Ostasien,  1906  Chef  des  Marineabinetts,

  1907  Vizeadmiral  u.  Generaladjutant  des

Kaisers,  1910  Admiral,  wurde  15.  Dez.  1918  zur
Disposition  gestellt.  —  2)  Karl  von,  deutscher
Marineoffizier,  geb.  16.  Juni  1873  in  Blankenburg
a.  H.,  1908  Korvettenkapitän,  1914  Fregattenkapitän,
befehligte  seit  1913  den  Kl.  Kreuzer  =  Emdene,  der
dem  feindlichen  Handel  bedeutenden  Schaden  zufügte.
M.  geriet  bei  Untergang  der  -Emdene  9.  Nov.  1914
in  engl.  Gefangenschaft  (Malta)  und  kehrte  Jan.  1918
als  Austauschgefangener  zurück.  Vgl.  Emden.  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  180.  —  3)  Hermann,  deutscher
Sozialdemokrat,  geb.  18.  Mai  1876  in  Mannheim,
Kaufmann,  1899  —  1906  Redakteur  der  =  Görlitzer
Vollszeitung  seit  1906  im  sozialdem.  Parteivorstand,
1916  —18  Mitglied  des  Reichstags,  seit  21.  Juni
1919  Min.  des  Ausw.,  unterschrieb  mit  Kolonial-=minister
  Bell  den  Versailler  Friedensvertrag  u.  wurde
26.  März  1920  Reichskanzler.  —  4)  Max,  hervorragender
  bayr.  Fliegero  bier  erst  Klempnergeselle,
vor  dem  Kriege  Infanterierekrut,  im  Kriege  bald
befördert,  Sept.  1917  Offizier  im  Fliegerbataillon,
siel  1918  bei  der  Jagdstaffel  Boelcke  nach  38  Luftsiegen
  infolge  Flugzeugfehlers.

Mücke  —  Naidenoff

Mumm  von  Schwarzenstein,  Ph.  Alfons,
Freiherr,  deutscher  Diplomat,  geb.  19.  März  1859
in  Frankfurt  a.  M.,  1900  Gesandter  in  Peking,  1906  —
1911  Botschafter  in  Tokyo,  vertrat  1918  Deutschland
bei  der  Ukrainischen  Volksrepublik  in  Kiew.

Munition,  Schießbedarf  für  Feuerwaffen,  über
M.  der  Artillerie  s.  Bd.  III,  S.  153,  Üüber  M.  der  Infanterie
  s.  Bd.  II,  S.  281  u.  Dumdumgeschosse;  vgl.
auch  -Etappenwesen,  Bd.  II,  S.  261ff.  —  Rechtliches
über  die  Munitionslieferungen  der  Vereinigten
Stater  4  Wi7  412f.  glond  G

unitionsgesetz,  von  Lloyd  George  ausgearbeitetes
  engl.  Gesetz  über  die  Regelung  des  gesamten
Heeresnachschubs,  insbes.  der  Munitionserzeugung,
wurde  am  2.  Juli  1915  vom  Unterhaus,  am  4.  vom
Oberhaus  angenommen.  Gleichzeitig  wurde  ein
Munitionsministerium  (erster  Munitionsminister
od  George)  errichtet.  Vgl.  Großbritannien.

unkács,  Hauptstadt  des  ungar.  Komitats  Bereg,
an  der  Latorcza,  war  Ausgangspunkt  und  Hauptetappe
  der  deutschen  Südarmee.

Münster,  oberelsäss.  Stadt  im  Münstertal  und
an  der  Bahn  Kolmar-Metzeral.  Vom  19.  bis  28.
Febr.  1915  war  das  Gebiet  von  M.  beftig  umstritten
(vgl.  Bd.  I.  S.  203  f.).  Im  Juli  und  Aug.  griffen
die  Franzosen  nördlich  von  M.  an,  die  Deutschen  gewannen
  am  30.  Aug.  die  verlorenen  Stellungen  und
die  Kammlinie  Lingekopf-Schratzmänule-Barrenkopf
zurück.  [(Münzgesetzes  s.  Bd.  I.  S.  388.

Münzen,  s.  Geld.  —  Über  die  Anderung  des

Murmanküste,  Nordküste  der  russ.  Halbinsel
Kola,  am  Nördl.  Eismeer,  wirtschaftlich  durch  außerordentlichen
  Fischreichtum,  politisch  durch  Ausbau  des
Hafens  von  Kola  für  die  Kolonisierung  und  als  zu.
künstige  Flottenbasis  wichtig,  wurde  im  Juni  1918
von  engl.  Truppen  besetzt.

Murray,  Sir  Archibald  James,  engl.  General,
  geb.  21.  April  1860,  nahm  am  Burenkrieg  teil.
1912  Inspekteur  der  Infanterie,  Aug.  1914  General  ·
stabschef  der  Armee  French,  März  1915  Chef  des
Reichsgeneralstabs,  1916  Führer  der  brit.  Mittelmeerstreitkräfte,
  siegte  4.  Aug.  bei  Romani  und  befreite  dadurch
  den  Suezkanal  von  der  türk.  Bedrohung.

Mutterschiff  (Dockschiff),  aus  zwei  Einzelschiffen
  mit  portalartigem  Verbindungsbau  bestehendes
Fahrzeug,  um  Unterseeboole  auf  See  auszubessern.
gesunkene  mit  Kranen  zu  heben.

N

5  tengeschosse,  s.  S.  166.
Nachrichtenwesen,  s.  »N.  im  Kriege-,  S.  163ff.
Über  den  internationalen  Nachrichtenaustausch
  s.  Bd.  I,  S.  374  f.  sowie  381.

Nachschub,  Nachbeförderung  von  Ersatztruppen,
Verpflegung.  Munition  usw.  aus  der  Heimat  an  die
Front;  vgl.  Bd.  II,  S.  267.

Nagara,  Kap  und  stärkstes  Fort  der  Dardanellen,
  nördlich  von  Kale  Sultanje.  Zahlreiche  Versuche
der  entiefrang  Schlachtschiffe,  N.  außer  Gefecht  zu
setzen,  blieben  erfolglos.

Nagelung,  s.  Kriegswahrzeichen.

Nagy-Ag,  Nebenfluß  der  Theiß,  aus  den  Waldkarpathen,
  in  dessen  Tal  sich  Dez.  1914  u.  Jan.  1915
gröbere  Gefechie  abspielten,  die  mit  dem  Abzug  der

ussen  endeten.

agypolany,  Ort  im  ungar.  Kom.  Zemplin,  wo

die  österr.=  ungar.  Truppen  Febr.  und  März  1915
zahlreiche  Anstürme  der  Russen  zurückwiesen;  schließlich
  eroberten  sie  7.  Mai  den  Grenzkamm  der  Karpathen
  nördlich  N.

Nahkampfgeschütze,  s.  Maschinengeschütze.

Nahkampfmittel,  s.  -Stellungskrieg  und  Nahkampfmittel-,
  Bd.  I.  S.  273ff.

Nährhefe,  s.  Bd.  I.  S.  299.

Naidenoff,  Kalin,  bulgar.  General,  geb.  25.
Aug.  1863  in  Schiroka-Laka,  1906  Oberst,  1912
stellv.  Insp.  der  Artillerie,  im  Kriege  1912/13  stellv.
Chef  der  Art.  beim  Hauptquartier,  1913  Insp.  der
Art.,  Sept.  1915  Kriegsminister,  1917  Generalleutnant,
  machte  sich  um  die  Modernisierung  der  Artillerie
und  der  techn.  Truppen  verdient  und  gründete  die
Fllegerausbilbungsschule  in  Sosia.  —  Bild  s.  Bd.  D

ei  S.  63.
        <pb n="329" />
        Nakab-Süd  —  Nebel,  künstlicher

Nakab-Süd,  Ort  in  Deutsch-Südwestafrika,  Bez.
Keetmanshoop.  Um  zu  beweisen,  daß  Deutschland
durch  Besetzung  von  N.  die  Feindseligkeiten  gegen  die
Südafrikan.  Union  eröffnet  habe,  legte  die  Südafrikan.
Regierung  dem  Parlament  eine  von  ihr  gefälschte
Landkarte  vor,  in  der  durch  Überdruck  N.  auf  engl.
Gebiet  verlegt  war.

Namur  (släm.  Namen),  belg.  Stadt  u.  Festun
an  Maas  und  Sambre  und  an  der  Bahn  Brüssel-N.
Über  die  Eroberung  N.s  vgl.  S.  38f.

Naucy,  Hauptstadt  des  franz.  Dep.  Meurthe-et-Moselle,
  am  Marne-Rheinkanal,  wurde  Anf.  Sept.
1914  von  deutschen  Truppen  erreicht,  die  jedoch  12.
Sept.  zurückgingen.

Nanesti  (rumän.  Nanescif),  rumän.  Dorf  am
Sereth,  strateg.  Mittelpunkt  des  russ.  Brückenkopfes
von  Fundeni,  wurde  19.  Jan.  1917  von  den  deutschen
  und  österr.-ungar.  Truppen  erstürmt.

Narbenplastik,  s.Kriegschirurgie-,  Bd.  II,  S.  303.

Narew,  rechter  Nebenfluß  des  Bug,  durch  Bobr
und  Augustowschen  Kanal  mit  dem  Njemen  verbunden,
  war  1914  Ausgangslinie  des  russ.  Vormarsches
nach  Ostpreußen,  der  mit  der  Niederlage  bei  Tannenberg
  endete.  über  die  Eroberung  der  Na  re  wlinie  im
Juli  1915  vgl.  Bd.  III,  S.  58  f.  u.  Bd.  I,  S.  228ff.

Narodna  Odbrana,  großserbische  Geheimvereinigung
  unter  dem  Schutz  des  Belgrader  Auswärt.
Amtes,  schürte  die  Wühlerei  gegen  Osterreich-Ungarn,
bereitete  auf  den  Krieg  vor.  Als  Urheber  des  Attentats
  von  Sarajewo  (s.  d.)  lieferte  sie  dazu  Geldmittel,
Wasfen  und  Bomben.  Weiteres  s.  Bd.  I,  S.  136f.

arotschsee,  russ.  See  im  Gouv.  Wilna,  spielte
in  den  Kämpfen  März  1916  eine  wichtige  Rolle;  vgl.
Bd.  II,  S.  199ff.

»Nation«,  in  London  erscheinende  engl.  Wochenschrift,
  die  auch  während  des  Krieges  den  sachlichen
Ton  gegenltber  Deutschland  wahrte.

Nationaler  Frauendienst,  Aug.  1914  bis  Dez.
1919  tätige  Organisation,  gegr.  vom  Bund  deutscher
Frauenvereine  in  Berlin,  der  der  Deutschkatholische
Frauenbund  und  die  sozialdemokr.  Frauenvereine
beitraten,  befaßte  sich  mit  Familienfürsorge,  Arbeitsvermittlung
  und  Unterstützungen.

Nationalfesttag,  von  der  deutschen  Nationalversammlung
  15.  April  1919  für  das  Jahr  1919  auf
den  1.  Mai  festgesetzter  Feiertag,  der  dem  Gedanken
des  Weltfriedens,  des  Völkerbundes  u.  des  internat.
Arbeiterschutzes“  geweiht  war.  In  Finnland  wurde
der  4.  Dez.  zum  N.  erhoben.

Nationalkomitee,  Polnisches,  1)  6.  Sept.  1914
in  Krakan  gegründeeter.  Bund  der  organisierten  Jungschützen
  und  Turner  zu  poln.  Legionen;  2)  25.  Nov.
1914  in  Warschau  gegründete  Vereinigung  zur  Wahrung
  der  russ.  Interessen.  In  der  Krochen  Posen
wurde  3.  Dez.  1918  ein  80köpfiger  Oberster  Polnischer
Volksrat  ins  Leben  gerufen.

Nationalliberale  Partei.  Die  1914  hergestellte
Einheit  der  Partei  ging  im  Streit  um  die  Kriegsziele
1915  verloren,  doch  wurde  im  August  eine  Einigung
im  Zentralvorstand  erzielt,  wonach  ein  Friede  unter
Erweiterung  der  Grenzen  in  Ost  und  West  und  in
Übersee  sowie  militärische  und  politische  Sicherungen
gefordert  wurden.  Der  Streit  um  die  Person  des
Reichskanzlers  und  um  den  Unterseebootkrieg  spaltete
die  N.  P.  abermals  in  zwei  Lager.  Bei  Beratung  der
Juliresolution  1917  stimmte  die  N.  P.  gegen  die  Mehrheit,
  trat  aber  nach  dem  Zusammenbruch  im  Westen
27.  Sept.  1918  auf  den  Boden  der  Juliresolution.

299

Nach  Ausbruch  der  Revolution  fiel  die  N.  P.  auseinander,
  indem  der  linke  Flügel  zur  Deutschen  Demokratischen,
  der  rechte  zur  Deutschnationalen  Volkspartei
  übertrat.  Die  Rumpfpartei  unter  Stresemanns
Führungnahm  den  Namen,  Deutsche  Volksparteic  an.

Nationalliga  der  britischen  Arbeiter,  Liga
jur  Gewinnung  aller  brit.  Bürger  für  eine  umfasende
  nationale  Politik,  erließ  16.  März  1916  ein
Manifest  zum  nationalen  Schutz  des  großbrit.  Reiches
und  bekämpfte  erfolgreich  die  radikalen  Strömungen.
in  der  engl.  Arbeiterschaft.

Nationalstiftung  für  die  Hinterbliebenen
der  im  Kriege  Gefallenen,  1914  unter  dem  Ehrenpräsidium
  des  Reichskanzlers  (später  Hindenburgs)gegründert
  zur  Zusammenzaffung  der  gesamten  iater,

liebenenfürsorge  in  Deutschland.  Angeschlossen  ist
der  N.  die  Kruppstiftung  mit  20  Mill.  Mk.  Kapital.

Nationalversammlung,  Bezeichnung  für  die
bei  polit.  Umgestaltungen  neugewählte  Pefassung.
gebende  Volksvertretung,  z.  B.  die  franz.  N.en  Ende
des  18.  Jahrh.,  ferner  die  deutsche  N.  von  1848  in
Frankfurt  a.  M.,  die  preuß.  N.  von  1848.  —  Die  infolge
  der  Revolution  vom  Nov.  1918  am  19.  Jan.
1919  gewählte  deutsche  verfassunggebende  N.  (421
Mitgl.,  davon  385  Männer,  36  Frauen;  nach  Parteien:
  Deutschnat.  Volkspartei  44,  Deutsche  Volkspartei
  19,  Christliche  Volkspartei  91,  Deutsche  demokr.
Partei  75,  Sozialdemokr.  Partei  163,  Unabh.  sozialdemokr.
  Partei  22,  sonstige  Parteien  7)  tagte  vom  6.
Febr.  bis  21.  Aug.  1919  in  Weimar,  seit  30.  Sept.  in
Berlin  u.  brachte  31.  Juli  1919  die  neue  Verfassung  der
deutschen  Republik  zum  Abschluß.  S.  Deutsches  Reich.

Naturvölker.  über  die  Verwendbarkeit  der  N.
im  Kriege  vgl.  Bd.  I.  S.  120  ff.  England  und  Frankreich
  zogen  die  N.  ihrer  überseeischen  Besitzungen  in
ausgiebigstem  Maße  zum  Kriegsdienst  auf  europ.
Boden  heran.  Nach  annähernder  Schätzung  wurden
80000  Mann  aus  Algier,  41000  aus  Tunis,  10000
aus  Marokko,  120  000  aus  Westafrika  (Senegal,  Niger,
Guinea,  Dahomey,  also  Vollblutneger),  20000  aus
Indochina,  15000  aus  Réunion,  Martinique,  Guadeloupe
  und  Guayana,  10000  aus  Madagaskar,  Tahiti,
  Somaliküste,  Mittelafrika  und  Neukaledonien  eingestellt.
  Die  Gesamtzahl  aller  farbigen  franz.  Kolonialsoldaten
  betrug  nicht  unter  400000  Mann,  die
der  für  die  Westfront  aufgebrachten  farbigen  Truppen
Englands  und  Frankreichs  zusammen  500000,  für
den  mazedon.  Kriegsschauplatz  weitere  100—200000
Mann.  Mit  den  Ersatzablösungen  dürften  über  eine
Million  Farbiger  europ.  Boden  betreten  haben.  Vgl.
H.  Fonck,  Farbige  Hilfsvölker  (Berl.  1918).

Nauen,  Kreisstan  in  der  Provinz  Brandenburg,
40  km  von  Berlin.  Die  dort  befindliche  deutsche  Ureß.
station  für  Funkentelegraphie  mit  fast  300  m  hohem
Antennenturm,  welche  drahtlose  Verbindung  mit
Nord-  und  Südamerika,  Afrika  und  Südsee  ermöglicht,
  wurde  durch  den  Friedensvertrag  von  Versailles
der  Kontrolle  der  Entente  unterworfen.

Naumann,  Friedrich,  deutscher  Politiker,  geb.  25.
März  1860  in  Störmthal  bei  Leipzig,  gest.  24.  Aug.
1919  in  Travemünde,  1886  Pfarrer,  1890  Vereinsgeistlicher,
  1894  freier  Schriftsteller,  seit  1907  als  freisinniger
  Abg.  im  Reichstag,  1919  Vorsitzender  der
Demokratischen  Partei,  Herausgeber  der  Hilfee,
vertrat  im  Kriege  die  Idee  eines  geeinten  -Mitteleuropae
  (Berlin  1915)  und  schrieb  u.  a.  mit  G.
Bäumer  Kriegs-=  und  Heimatchronike.

Nebel,  künstlicher,  wird  auf  Schiffen  aus  bes.
        <pb n="330" />
        300

Nebelbatterien  entwickelt,  im  Stellungskampf  durch
Ubschießen  von  Nebelgranaten  (*  Nebelbomben)  und
Nebelminen  (s.  Wurfminen)  erzeugt,  um  einen  grauen
Dunstschleier  (Vernebelunge)  zu  schaffen,  der  anfahrende
  Schiffe  bzw.  vorgehende  Truppen  verbirgt.

Nederlandsche  Overzee  Trust  Maatschappi##(N.
  O.  T.),  s.  Bd.  I,  S.376  u.  Bd.  II,  S.338.

Negotin,  nordserb.  Stadt  nahe  der  Donau,  wurde
nach  schwerem  Kampf  (18.—24.  Okt.  1915)  von  der
1.  bulgar.  Armee  besetzt;  Ende  Okt.  1918  fiel  sie  in
die  Hände  der  Franzosen.

Reidenburg=  ostpreuß.  Kreisstadt  an  der  Neide
und  der  Bahn  Allenstein-Soldau,  war  nebst  Ortels.
bury  und  Tannenberg  der  Schauplatz  des  Sieges
Hindenburgs  über  die  russ.  Narew-Armee  vom  26.—
28.  Aug.  1914  (vgl.  S.  30).

Nerger,  Karl  August,  deutscher  Marineoffizier,
als  Leutnant  z.  S.  auf  dem  Kanonenboot  »Iltis«  bei
der  Niederkämpfung  der  Takuforts  (China),  1911
Korvettenkapitän,  bei  Ausbruch  des  Weltkrieges  Kommandant
  des  Kreuzers  Stettin-,  dann  des  Hilfskreuzers
  -„Wolfe  (s.  d.),  1917  Fregattenkapitän,  unternahm
  15  Monate  lang  kühne  Kaperfahrten  und  kehrte
23.  Febr.  1918  zurück.  ((s.  b.).

Nero,  Monte,  ital.  Bezeichnung  des  Berges  Krn

Nessel,  s.  -Ersatzfaserstoffe-,  S.  179.

Nethe,  Fluß  in  der  belg.  Prov.  Antwerpen.  Der  N.=Abschnitt
  wurde  nach  Eroberung  der  füdl.  Außenforts
von  Antwerpen  6.  Okt.  1914  überschritten;  vgl.  S.  44.

Nettoyeurs  (franz.,-Reiniger),  von  den  Franzosen
  im  Kriege  geschaffene  Trupps  innerhalb  der  Kompagnieverbände
  mit  der  Aufgabe,  nach  Eroberung  von
Schützengräben  alle  noch  lebenden  Insassen,  Verwundete
  und  sich  Ergebende,  niederzumachen,  damit  kein
lebender  Feind  hinter  der  Angriffstruppe  übrigbleibe-(aufgefundener
  Regimentsbefehl  vom  Sept.  1916).

Netz  (Fan  huewa:  s.  Seeminen  und  U-Bootkrie

#*#*  ber  Torpedoschutznetze  s.  Bd.  J,
S.  239.

Neuschätean,  belg.  Dorf  in  der  Prov.  Luxemburg,
  wo  die  Armee  des  Herzogs  Albrecht  v.  Württemberg
  die  über  den  Semois  vorgedrungene  franz.  Armee
23.  Aug.  1914  vollständig  schlug.  Vgl.  S.  40.

Neuguninea  (Deutsch-Neuguinea),  s.  Kaiser-Wilhelms-Land.


„  Neujahrsschlacht  1916.,  Bezeichnung  für  die
mit  der  russ.  Offensive  24.  Dez.  1915  beginnenden
Kämpfe  in  Ostgalizien  und  an  der  beßarab.  Front,
deren  Ziel  der  Durchbruch  der  österr.-ungar.  Front
und  die  Eroberung  der  Bukowina  waren;  r  S.  76f.

Nenorientierung,  zusammenfassender  Name  für
die  im  Kriege  einsetzenden  Bestrebungen  zur  Umgesaltun
  der  polit.  und  wirtschaftl.  Grundlagen  des

aatlichen  Lebens.  Einschlägige  Literatur  der  ersten
Jahre  ist  in  Bd.  II,  S.  382  ff.  gegeben.

Neurose,  traumatische,  sow.  Verletzungöneurose.

Neutralität  (neulat.),  Unparteilichkeit,  Nichtbeteiligung
  am  Streit  anderer,  insbes.  im  Völkerrecht  die
Nichtbeteiligung  an  einem  Kriege  zwischen  anderen
Staaten  und  das  sich  für  den  neutralen  Staat
ergebende  Rechtsverhältnis.  Die  N.  ist  entweder  freiwillig
  (Dänemark,  Schweden  usw.),  meist  bei  Beginn
des  Krieges  durch  Neutralitälserilärung  verkündet,
oder  vertragsmäßig.  Einigen  Staaten  ist  die  N.  durch
allgemeine  Staatsverträge  dauernd  auferlegt  oder  zugesichert,
  um  im  Interesse  der  Gesamtheit  der  Staalen
  die  Benutzung  der  betr.  Gebiete  als  Angriffsbasis
zu  verhindern  (Neutralisierung:  Schweiz  durch

Nederlandsche  Overzee  Trust  Maatschappi  —  Niederlande

die  Pariser  Akte  der  Alliierten  vom  20.  Nov.  1815,
Belgien  durch  den  Lond.  Vertrag  vom  15.  Nov.  1831,
Luxemburg  durch  den  Lond.  Vertrag  vom  11.  Moi
1867,  Suezkanal  durch  den  Vertrag  von  Konstantinopel
  vom  29.  Okt.  1888).  Die  Pflichten  und  Nechte
der  Neutralen  sind  in  der  Loer-  Friedenskonferenz
von  1899  festgelegt  (vgl.  Bd.  II,  S.  412  ff.).  Auf
Anregung  des  venezolan.  Min,  des  Auswärtigen,  I.
Andrade,  wurden  Sept.  1915  in  Washington  Verhandlungen
  zwischen  den  Vertretern  der  neutralen
Mächte  angebahnt,  um  die  aus  dem  Krieg  sich  ergebenden
  Rechte  und  Ansprüche  der  Neutralen  festzulegen
  und  nach  dem  Kriege  ein  Gesetzbuch  des  internat.
Rechts  zu  schaffsen,  das  den  aus  dem  Krieg  sich  er-Lrbenden
  Forderungen  gerecht  werden  soll.  —  S.  auch

d.  I,  S.  368  ff.  sowie  Bd.  II,  S.  336  ff.  Englands
Neutralitätsbrüche).  Vgl.  ferner  die  Artikel  bei  den
neutralen  Ländern  (Schweiz,  Niederlande  usw.).

Neuve  Chapelle,  Gemeinde  im  frz.  Dep.  Pas-de-Calais,
  westl.  von  Lille,  wurde  von  den  Deutschen  29.
Okt.  1914  genommen,  10.  März  1915  wieder  geräumt.
Die  Maikämpfe  hatten  für  die  Engl.  keine  nennenswerten
  Erfolge,  ebenso  die  Offensive  Sept.  1915.

Neuville,  Gemeinde  im  franz.  Dep.  Pas-de-Calais,
  nördlich  von  Arras.  Bei  dem  engl.-franz.
Durchbruchsversuch  Mai  1915  war  N.  hart  Anirimpft
(vgl.  Lorettoschlacht,  Bd.  I.  S.  223  ff.).  Die  fra
Angriffe  auf  die  sog.  Labyrinthstellung  bei  N.
Juni  1915  scheiterten,  ebenso  die  Durchbruchsversuche
Ende  Sept.  u.  Okt.  1915.  In  der  Arrasschlacht  1917
war  das  Gebiet  von  N.  einer  der  Hauptkampfplägßze.
Vgl.  S.  12,  84f.

Njassa,  See  in  OÖstafrika,  mit  deutschem,  portug.  u.
engl.  Gebietsanteil,  war  Aug.  u.  Sept.  1914  Schauplatz
hartnäckiger  Kämpfe  zwisch.  Deutschen  u.  Engländern.

Nicaragua.  Am  19.  Mai  1917  brach  N.  die  diplomatischen
  Beziehungen  zum  Deutschen  Reiche  ab;  der
deutsche  Gesandte  bei  den  mittelamerikan.  Republiken
konnte  erst  19.  Juni  hiervon  der  deutschen  Regierung
Mitteilung  machen.  Am  7.  Mai  1918  erklärte  N.  an
Deutschland  und  seine  Verbündeten  den  Krieg.

Nichosson,  Graham  Henry  Walley,  engl.
General,  geb.  30.  Aug.  1869  in  Chatham,  1917  Chef
des  Generalstabes,  starb  13.  Sept.  1918  in  London.

Nichtkämpfer  (Nichtkombattanten),  s.  Bd.  1,
S.  865.  —  Eine  eEst  euer  wurde  Juli  1915  in  Frank.-reich
  geschaffen;  von  der  Armenpflege  unterstützte
Personen  und  Kriegsinvaliden  waren  befreit.
SNiceel.  s.  Sparmetalle;  Nickelstahl,  s.  Bd.  J,

296.

Nicolai,  Wilhelm,  1914—18  Oberstleutnant  im
Generalstab  und  Chef  der  Nachrichten  abt.  (IIIB)  der
Obersten  Heeresleitung.  N.  schrieb:=  Nachrichtendienst,
Presse  u.  Volksstimmung  im  Weltkrieg  (Berl.  1920).

Nida,  linker  Nebenfluß  der  Weichsel  in  Polen,  wo
die  Russen  Dez.  1914  neue  Stellungen  bezogen  und
sich  zahlreiche  Gefechte  abspielten.  Erst  10.  Mai  1915
räumten  die  Russen  die  stark  befestigte  Nidafront.

Niederlande.  Unter  den  während  des  Weltkriees

  neutral  gebliebenen  Staaten  bestanden  vielleicht
ürkeinen  so  große  Gefährdungen  der  Neutralität
  (vgl.  auch  Bd.  II,  S.  87  f.)  wie  für  die  N.  Schon
das  Schicksal  des  benachbarten  Belgien  ließ  eine  ungeheure
  Gefahr  aufsteigen  (besonders  die  Belagerung
intwerpens  und  der  Kampf  um  die  flandrische  Küste).
Nicht  weniger  wichtig  war  die  Stellung  der  N.  im
Seekrieg,  da  sich  die  niederländische  Küste  zwischen
die  deutsche  und  belgische  einschiebt  und  der  englischen
        <pb n="331" />
        Niederlande

direlt  gegenüber  liegt.  Ganz  überragend  aber  war
die  Bedeutung  der  N.  im  Weltwirtschaftskrieg,  wo
die  Unterbindung  der  Durchfuhr  nach  Deutschland
eine  der  elementarsten  Grundlagen  des  engl.  Aushungerungsplanes
  war;  daher  hingen  von  den  Beschlüssen
  der  Pariser  Wirtschaftskonferenz  Wohl  und
Wehe  des  niederländischen  Volkes  u.  Staates  unmittelbar
  ab.  Auch  beim  Kampf  um  den  Wellschiffsraum
zählte  die  Handelsflotte  der  N.  bedeutend  mit.  Bei
alledem  verschärfte  die  Weltenferne  der  niederländ.
Kolonien  die  Gefahren  außerordentlich.  Obwohl  diese
mehr  von  England  als  von  Deutschland  zu  fürchten
waren,  wandte  sich  die  öffentl.  Meinung  (ogl.
auch  Bd.  II,  S.  87f.)  doch  ganz  überwiegend  gegen
letzteres.  Blätter  wie  der  „Telegraaf“  haben  die
Leistungen  der  Feinde  Deutschlands  im  Verleumdungsfeldzug
  oft  noch  überboten.  Die  Verluste  durch
den  Unterseebootkrieg  beeinflußten  sehr  die  Stimmung;
  das  hinderte  aber  nicht  das  Aufkommen  einer
steigenden  Erbitterung  gegen  England.

Die  N.  erklärten  sofort  am  30.  Juli  ihre  Neutralität
im  österr.-serb.  Krieg,  die  dann  bei  allen  weiteren
Kriegserklärungen  erneut  ausgesprochen  wurde.  Am
1.  Huft  wurde  der  Kriegszustand  verhängt,  am
1.  Aug.  der  Generalstabschef  General  Snijders  zum
Oberkommandierenden  von  Heer  und  Flotte  ernannt;
am  2.  Aug.  bewilligte  die  Kammer  50  Mill.  Gulden
Kredit  für  die  Kosten  der  Mobilmachung  und  stimmte
am  3.  einem  Ausfuhrverbot  von  Kriegsmaterial  zu.
Am  14.  Aug.  erfolgte  das  Aufgebot  des  Landsturms.
Die  Mobilmachung  war  für  das  Land  eineschwere  Last,
doch  konnte  keine  Partei  ihre  Notwendigkeit  leugnen.
Am  23.  Jan.  1915  brachte  die  Negierung  einen  Gesetzentwurf
  gier  verläsngerng  des  Dienstes  ein.  Trotz

einer  sozialdemokr.  Demonstration  hiergegen  (27.=Juni

  1915  in  Utrecht)  stimmte  am  23.  Juli  die  2.,
am  30.  Juli  die  1.  Kammer  dem  Gesetz  zu.  Ferner
bewilligte  die  2.  Kammer  am  15.,  die  1.  Kammer  am
30.  Juli  6  Mill.  Gulden  für  den  Bau  von  2  Kreuzern
  und  4  Unterseebooten  zum  besseren  Schutze  der
mnd.  Kolonien.  Die  Neutralität  der  Küstengewässer
wurde,  von  England  vor  allem,  durchaus  nicht  genügend
  geachtet,  wie  der  Umstand  klar  bewies,  daß
von  den  bis  zum  31.  März  1915  an  die  niederländ.
Küste  angeschwemmten  487  Minen  259  englischen,
dagegen  nur  28  deutschen  und  54  französischen  (146
unbekannten)  Ursprungs  waren.  Deshalb  erklärten
die  N.  am  26.  Aug.  die  Gewässer  um  die  Inseln  Terschelling
  usw.  für  Kriegsgebiet,  das  am  16.  Nov.
erweitert  wurde.  Mit  den  Ententemächten  kam  es  im
Febr.-März  1915  zu  einem  ersten  lebhaften  Notenwechsel
  über  den  Mißbrauch  der  holländ.  Flagge  durch
engl.  Schiffe.  Mit  Deutschland  ergab  sich  ein  erster
Konflikt  durch  die  Versenkung  des  holländ.  Schiffes
„Kawyk-,  für  das  aber  das  Deutsche  Reich  am  19.
April  1915  Entschädigung  versprach,  falls  die  Versenkung
  durch  ein  Unterseeboot  erwiesen  würde.
Sehr  rasch  wurden  die  N.  von  den  Nädern  des  Weltwirtschaftskrieges
  erfaßt.  England  erreichte  bereits
am  24.  Nov.  1914  die  Gründung  einer  „Neederlandschen
  Overzee  Trust  Maatschappij=  (N.  O.  T.;
vgl.  Bd.  II.  S.  338f.),  die  die  Gewähr  für  den  inländischen
  Verbrauch  aller  eingeführten  Güter  übernahm.
  Dem  "W.  Druck  nachgebend,  wendete  die
Regierung  das  Gesetz  vom  3.  Aug.  1914  über  den
Kriegsbedarf  auf  eine  große  Menge  von  Waren  an,
die  keinesfalls  Konterbande  sein  konnten.  —  Zur  Dekkung
  der  Kriegskosten  wurden  Mai  1916  eine  Kriegs-301



gewinnsteuer,  Juni  eine  auf  100  Mill.  Gulden  berechnete
  Kriegssteuer  auf  Vermögen  und  Einkommen
und  Aug.  eine  Landesverteidigungssteuer  eingeführt.
Bis  1.  Mai  1917  erreichten  die  Kriegskosten  1  Milliarde
  Gulden.  —  Am  15.  Nov.  1916  verwarf  die
2.  Kammer  das  aktive  Frauenwahlrecht,  entschied  sich
aber  am  16.  für  das  passive.  Darauf  nahm  sie  am
21.  Dez.  die  gesamte  Wahlrechts=  u.  die  damit  verbundene
  Unterrichtsreform  an  (einstimmige  Zu.

stimmung  der  1.  Kammer  am  18.  Okt.  1917).  Nachem

  am  15.  Juni  1917  unter  dem  Zeichen  des  Burgfriedens
  50  Abgeordnete  wiedergewählt  worden  waren,
wurden  die  alten  Kammern  Ende  Juni  aufgelöst  und
die  neuen  Generalstaaten  eröffnet.

Die  wirtschaftliche  Lage  verschlimmerte  sich  dauernd
weiter.  Die  Beschlüsse  der  Pariser  Wirtschaftskonferenz
  lenkten  vor  allem  die  begehrlichen  Augen  Englands
  auf  den  niederländ.  Schiffsraum.  Im  Juli
1916  mußte  sich  die  Regierung  die  Beschlagnahme
von  66  Fischereifahrzeugen  durch  England  gefallen
lassen;  die  Holländische  Kilchereivereinkgung  erlangte
am  26.  Aug.  ihre  Freigabe  nur  durch  ein  Abkommen,
  in  dem  sie  sich  verpflichtete,  nicht  über  20
Proz.  des  Fischfangs  nach  Deutschland  zu  lassen.  Nachdem
  dann  die  Regierung  am  1.  Dez.  drei  Viertel  des
Schiffsraumes  für  den  eignen  Indienhandel  beschlagnahmt
  hatte,  gab  die  Kammer  im  Febr.  1917  der  Re-Lierung
  das  Recht  zur  Requisition  des  Schiffsraumes.

is  18.  Mai  1917  waren  2  Proz.  des  holländischen
Schiffsraumes  versenkt,  aber  der  Hafenverkehr  in
Rotterdam  war  um  72,  in  Amsterdam  um  35,  die
Zahl  der  beschäftigten  Hafenarbeiter  um  Über  50  Proz.
gesunken.  Im  Sept.  verlangte  England  gegen  Lieferung
  von  180000  t  Kohlen  die  Auslieferung  von
180000  t  Schiffsraum.  —  Die  Beschlagnahme  der
Post  von  (notgedrungen  durch  engl.  Hoheitsgewässer
fahrenden)  niederländ.  Schiffen  durch  England  hatte
einen  ergebnislosen  Notenwechsel  von  Jan.  bis  April
1916  zur  Folge;  da  England  auf  seinem  Standpunkt
verharrte,  beantworteten  die  N.  seine  letzte  Note  vom
11.  April  1916  nicht.  —  Große  Sorge  machte  die  Beschaffung
  der  erforderlichen  Kohlenmengen.  Mit
dem  Deutschen  Reich  kam  am  6.  Okt.  1917  ein  Kohlen.
abkommen  zustande,  nach  den  dieses  250  000  t  Kohlen
u.  die  Bedarfsmenge  an  Stahl  u.  Eisen  liefern  sollte.
Die  N  sollten  den  Restihres  Kohlenbedarfs  in  England
eindecken,  wozu  ihren  Schiffen  sichere  Fahrt  versprochen
wurde;  während  England  für  seine  Kohlen  Schiffsraum
  forderte  (s.  oben),  begnügte  sich  das  Deutsche
Reich  mit  der  Sicherung  niederländischer  Butter  und
Käse  und  der  Gewährungvon  Vorschüssen  zur  Haltung
der  Valuta.  Das  Abkommen  hatte  bis  März  19186
Gültigkeit.  —  Diese  notwendige  Ausfuhr  von  Lebensmitteln
  drückte  nun  wieder  auf  das  Lebensmittelangebot
  im  Inlande.  Eine  am  15.  Dez.  1916
zwischen  dem  Landbauexportbureau  und  dem  deutschen
  Kriegsernährungsamt  getroffene  Abmachung
regelte  die  Ausfuhr  von  Milch,  Käse.  Butier,  Eiern,
Fleisch,  Gemüse  und  Obst.  Gegen  das  überhandnehmen
  des  Lebensmittelschmuggels  Über  die  deutsche
Grenze  wurde  im  Febr.  1917  ein  besonderes  Gesetz
erlassen,  im  Sommer  1917  wurde  weiter  zur  Regelung
  der  Ausfuhr  eine  Ausfuhrzentrale  errichtet.
Trotzdem  kam  es  im  Sommer  1917  zu  einer  Kartoffelnot
  u.  infolgedessen  zu  schweren  Unruhen  in  Amsterdam
  (2.—4.  Juli).  Auch  Österreich-Ungarn  schloß
Übrigens  mit  den  N.n  ein  Abkommen  über  die  Ausfuhr
u.  Gewährung  eines  Valutakredits  ab  (19.Okt.  1917).
        <pb n="332" />
        302

Die  Aufrechterhaltung  der  strikten  Neutralität
blieb  auch  weiter  die  wichtigste  Aufgabe  der  auswärtigen
  Politik.  Auch  Wilsons  Verlockung  zum  Abbruch
  der  Beziehungen  zu  Deutschland  gab  sie  nicht
nach  (4.  Februar  1917).  Daß  im  Gegensatz  zu  den
Beschimpfungen  der  Mittelmächte  durch  den  „Telegraafl,
  dessen  Redakteur  Schröder  nach  mehrfacher
Verhandlung  am  15.  Okt.  1917  doch  noch  freigesprochen
  wurde,  dieselben  Kreise  böswillig  das  Gerücht
von  einem  heimlichen  Bündnis  der  N.  mit  Deutschland
  ausstreuten,  was  am  29.  Febr.  1916  der  Minister
  des  Ausw.  ausdrücklich  dementierte,  mag  zur
Charakterisierung  der  Mittel  dienen,  mit  denen  England
  arbeitete.  Dabei  waren  seine  eigenen  Absichten

egen  die  N.  zeitweise  entschieden  direkt  feindlicher
K#hn  Am  6.  Jan.  ersetzte  England  den  Gesandten
Johnstone  durch  einen  #scharfen  Manne,  Sir  Townley,
  der  in  den  N.n  mit  Mißtrauen  begrüßt  wurde.
Nach  der  Pariser  Wirtschaftskonferenz  sahen  sich  die  N.
veranlaßt,  am  1.  April  1916  plötzlich  alle  beurlaubten
Mannschaften  einzuberufen  und  allen  weiteren  Urlaub
  zu  sperren.  Es  erscheint  unzweifelhaft,  daß  die
Absichten  Englands  damals  auf  einen  Angriff  gegen
den  Rücken  der  deutschen  Front  in  Belgien  durch  die
N.  gingen.  Der  Kriegsminister  erbat  von  der  Kammer
  die  Vollmacht  zur  Einberufung  des  Jahrgangs
1917.  Die  Kammer  nahm  dieses  =  Landsturmgesetzam
  12.  Juli  1916  an  und  lehnte  einen  Antrag  auf
Entlassung  der  drei  ältesten  Jahrgänge  ab.  Dagegen
beschloß  sie  am  21.  Nov.  gegen  den  Antrag  der  Regierung,
  daß  der  Jahrgang  1909  erst  nach  dem  Jahrgang
  1917  aufgerufen  werden  solle.  —Von  Deutschland
  drohte  den  Niederlanden  keine  Gefahr;  wohl
aber  sah  sich  Deutschland  genötigt,  im  Sommer  1916
eine  Armeegruppe  Nord  gegen  die  N.  aufmarschieren
zu  lassen,  da  die  Gefahr  bestand,  daß  die  erste  beste
Schiffsversenkung  zum  Kriege  führen  könnte.  Deutschland
  mußte  deshalb  damals  von  dem  Beginn  des  uneingeschränkten
  U.  Bootkrieges  absehen.  Die  irrtümliche
  Versenkung  der  am  22.  Febr.  1917  nach  vorher  versprochener
  Sicherhei  aus  England  zurückkehrenden
Schiffe  wurde  durch  Ersatzleistung  aus  deutschem
Schiffsraum  am  26.  Juni  wieder  gutgemacht.  Sehr
streng  Überwachte  die  niederländische  Regierung  die
deutsche  Durchfuhr,  vor  allem  von  Sand  und  Kies,
nach  Belgien  über  die  niederländischen  Binnenwasserstraßen
  (Erklärung  der  niederländ.  Regierung  vom
13.  Okt.  1917).—  Da  Belgien  seine  Enklave  Barlle=Duc
  1916  zur  Errichtung  einer  drahtlosen  Station
mißbrauchte,  umgab  die  niederländ.  Regierung  den
Bezirk  mit  einem  Drahtzaun  und  sperrte  der  Station
  jede  Zufuhr.  Der  in  den  N.n  internierten,  etwa
46—52000  Flüchtigen,  von  denen  die  meisten  Belgier
waren,  nahmen  sich  die  N.  hingebungsvoll  an;  für  sie
machte  der  Staat  allein  1915  über  1  Mill.  Gulden
Aufwendungen.  Gegen  die  Wegführung  der  aus  den
N.n  nach  Antwerpen  zurückgekehrten  Belgier  nach
Deutschland  protestierte  die  Regierung  erfolgreich  beim
Deutschen  Reich;  dieses  stimmte  ihrer  Rückführung
nach  Antwerpen  bzw.  nach  den  N.n  zu  (12.Jan.  1917).

Am  9.  Febr.  1918  erreichte  Amerika  die  Auslieferung
  niederländ.  Schiffsraumes  gegen  Lebensmittel,
am  18.  März  weiteren  Schisfsraum  gegen  Weizenlieferung.
  Mit  Deutschland  kam  1.  Aug.  ein  neues
Kohlenabkommen  zustande  (auf  5  Monate  je  120000  t
Kohlen  gegen  je  120  Gulden,  davon  90  Gulden  in
bar).  —  Aus  den  Wahlen  zu  den  Generalstaaten  gingen
Rechte  und  Linke  mit  je  50  Abgeordneten  hervor;  der

Niederländisch-Indien  —  Nikolaus

Katholikenführer  Ruys  de  Beerenbrouck  bildete  am
8.  Sept.  ein  neues,  neutralistisch  gesinntes  Ministerium.
  Die  Wogen  der  Revolution  schlugen  auch  nach
den  N.n  ihre  Wellen;  die  bolschewistische  Propaganda
der  russ.  Regierung  nötigte  die  N.  *  Aufgabe  der
diplomat.  Beziehungen  zu  Rußland.  Sozialistische
Demonstrationen  zum  Sturze  der  Monarchie  scheiterten
  nach  einer  großmonarchistischen  Kundgebung
am  18.  Nov.  im  Haag.  —  Am  1.  Jan.  1919  wurde  die
Grenze  nach  Deutschland  wieder  geöffnet,  am  5.  Juli
die  Warenkontrolle  aufgehoben.  Vgl.  Heyck.  England
  und  Holland  (Hamb.  1915);  Gargas,  Kriegswirtschaftliche
  Probleme  vor  und  in  dem  Weltkrieg
(Dresd.  1918);  K.  Hampe,  Belgien  und  Holland
vor  dem  Weltkriege  (Gotha  1919).

Niederländisch-Indien.  Ende  Aug.  1916  brach
ein  Aufstand  auf  Sumatra  aus,  der  sich  im  Sept.  immer
  weiter  ausbreitete,  die  Lage  im  Bezirk  Dschambi
gestaltete  sich  sehr  ernst.  Anfang  Okt.  war  der  Aufstand
  auf  Celebes  beigelegt,  dagegen  schlossen  sich  in
der  Gegend  des  oberen  Toengkal  300  Aufständische
den  Inhurgenten  an,  auch  die  Bevölkerung  von  Nantau
  Pandjang  trat  in  den  Aufstand  ein.  Die  niederländische
  Kammer  stimmte  am  24.  Okt.  1916  der  Errichtung
  eines  Volksrates  für  Indien  zu  und  bewilligte
im  Mai  1916  eine  Anleihe  für  N.  Am  1.  Nov.  1916
fand  die  gegenseitige  Auslieferung  der  Grenzbezirke
gemäß  dem  portugiesisch-niederländischen  Grenzvertrag
  von  1904  auf  der  Insel  Timor  statt.

Niemen  (Niemen,  deutsch:  Memel),  Fluß  in
Nußland  und  Preußen,  ins  Kurische  Haff  mündend.
über  die  Eroberung  der  N.  front  (Kowno,  Grodno)
im  Aug.  1915  vgl.  S.  62f.

Nienport  (fläm.  Nieuwport),  Stadt  und  Seebad
  in  der  belg.  Provinz  Westslandern,  an  der  Mer,
war  Okt.  und  Nov.  1914,  April  u.  Sept.  1915  sowie
Juli  1917  nebst  dem  Bser-Abschnitt  Schauplatz  lang-Nikita,

  s.  Nikolaus  1).  lwieriger  Kämpfe.

Nikolajew,  Hauptkriegshafen  Rußlands  am
Schwarzen  Meer  (vgl.  Bd.  II,  S.  124),  wurde  17.
März  1918  von  den  Deutschen  besetzt.

Nikolaus,  1)  (N.  I.  Nikita,  Petropit  Rjegolt)
1860—1918  Fürst  von  Montenegro,  geb.  7.  Okt.  1841
in  Niegus,  unterlag  im  ersten  Kampfe  gegen  die  Türkei,
siegte  1876  im  Bunde  mit  den  Serben  und  erhielt  im
Berliner  Vertrag  die  Anerkennung  der  Unabhängigkeit.
  1879  gab  er  eine  Art  Verfassung.  Unter  dem  Ei

nfluß
  der  großserb.  Propaganda  trat  N.  in  Beziehungen
zu  Rußland  und  Serbien,  nahm  1910  den  Königstitel
  an  und  hatte  hervorrag.  Anteil  an  der  Gründung
des  Balkanbundes.  7.  Aug.  1914  schloß  sich  N.  der
Entente  an,  die  Dez.  1915  einen  Sonderfrieden  verhinderte.
  Nach  Einnahme  der  Hauptstadt  jedoch  bat
N.  13.  Jan.  1916  um  Einstellung  der  Feindseligleiten
und  ging  21.  Jan.  nach  Lvon  bzw.  Bordeaux.  Die
Skupischina  setzte  ihn  29.  Nov.  1918  ab.  Bild  s.  bei
S.  226.  —  2)  N.  II.  (N.  Alexandrowitsch),  Kaiser
  von  Rußland,  geb.  18.  Mai  1868,  übernahm
die  Regierung  1894,  vermählle  sich  mit  Alix  von
Hessen  (später  Alexandra  Feodorowna).
schloß  ein  Bündnis  mit  Frankreich  und  veranlaßte
1898  die  Haager  Friedenskonferenz.  Der  japanische
Krieg  1904—05  hatte  die  Verkündigung  der  Konstitution
  1905  zur  Folge;  die  Antwort  des  Volkes  war
die  Revolution.  N.  führte  weiter  eine  schwankende  Politik,
  ließ  1907  das  Bündnis  mit  England  u.  Frank.
reich  zustande  kommen,  versuchte  1910  in  Potsdam
Verständigung  mit  Deutschland.  N.  lonnte  den  Kriegs-
        <pb n="333" />
        Nikolaus  Nikolajewitsch  —  Norwegen

ausbruch  1914  nicht  hindern,  ließ  seinen  Armeeführern
  freie  Hand,  hatte  1915  nominell  den  Oberbefehl
u.  wechselte  fortwährend  in  seinem  Vertrauen  zu  den
Staatsmännern.  16.  März  1917  mußte  er  abdanken,
wurde  Aug.  mit  seiner  Familie  nach  Tobolsk  (Sibirien)
geschafft  und  16.  Juli  1918  in  Jekaterinburgerschossen.
einer  Ehe  entsprossen  vier  Töchter  u.  der  Thronfolger
Alexei  (geb.  12.  Aug.  1904),  die  mit  seiner  Gemahlin
sein  Schicksal  teilten.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  174.

Nikolaus  Nikolajewitsch,  Großfürst  von
Rußland,  geb.  18.  Nov.  1856,  1877—78  im  türk.
Krieg  Generalstabsoffizier,  1895  Generalinsp.  der  Kav.,
wurde  6.  Juli  1905  Präs.  des  Landesverteidigungskonseils
  und  bald  darauf  Oberkommand.  des  Petersburger
  Militärbezirks.  3.  Aug.  1914  Oberbefehlshaber
  der  gesamten  russ.  Streitkräfte,  unterlag  N.  nach
mehreren  Schlachten  in  Ostpreußen  Hindenburg.  Im
Okt.  veranlaßte  er  die  deutsch-österr.  ungar.  Heere  in
Russ.-Polen  zum  Rückzug,  doch  brach  seine  Offensive
Dez.  bei  Limanowa  zusammen.  Auch  seine  Durchbruchskämpfe
  in  den  Karpathen  scheiterten.  Mai  1915
mußte  N.  den  Verbündeten  das  poln.  Festungsgebiet
und  einen  Teil  Westrußlands  Überlassen.  Sept.  1915
des  Oberkommandos  enthoben  und  zum  Vizekönig
des  Kaukasus  ernannt,  erhielt  N.  die  Armee  im  Kaukasus.
  Während  der  Revolution  wurde  N.  von  der
reaktionären  Partei  zum  militär.  Diktator  ernannt,
mußte  aber  fliehen.  In  der  Krim  wurde  er  März
1918  von  den  Deutschen  unter  Bewachung  gestellt.  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  52.

Nisch  (Nis),  serb.  Stadt  (vgl.  Bd.  I,  S.  170),
war  im  Kriege  als  Brückenkopf  und  verschanztes  Lager,
  die  Zugänge  aus  dem  Nischava=  ins  Morawatal
sperrend,  Serbiens  stärkste  Festung.  Ihre  Eroberung
durch  die  Bulgaren  5.  Nov.  1915  eröffnete  den  Schienenweg
  von  Deutschland  nach  Kleinasien  und  sicherte
die  Verbindung  mit  der  Türkei.  Am  13.  Okt.  1918
wurde  N.  von  serb.frang  Truppen  besetzt.

Nitrieren,  Nitroglyzerin,  Nitroglyzerinpulver,
  s.  .  Schieß=  und  Sprengstoffe-,  S.  172f.

Nivelle,  Robert  Georges,  franz.  General,  geb.
15.  Okt.  1856  in  Tulle  (Haute-Vienne),  lange  in
Algier,  1911  Oberst,  Okt.  1914  Brig.-Gen.,  Dez.  1915
Div.-Gen.  N.  focht  Sept.  1914  erfolgreich  am  Ourcq,
brachte  1916  als  Führer  des  3.  Korps  die  deutsche
Verdunoffensive  zum  Stehen  und  leitete  Okt.-Nov.
diefranz.  Gegenoffensive.  Seit  Dez.  1916  Oberbefehlsbaber
  der  Nord-  und  Nordostfront,  unternahm  N.
Frühjahr  1917  den  verlustreichen  Angriff  auf  den
Damenweg  (deshalb  »buveur  de  sang-,  -Blutsäuser«,
  genannt)  u.  wurde  daraufhin  abgesetzt.  —  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  53.

Nixon,  Sir  John,  engl.  General,  geb.  16.  Aug.
1857,  diente  in  Indien,  wurde  1906  Generalinsp.  der
Kav.,  1908  Div.-General,  1912  Kommandeur  der  ind.
Südarmee.  Seit  Anfang  April  1915  leitete  N.  den
Vormarsch  der  engl.-ind.  Truppen  im  Irak,  der  bei
Ktesiphon  Nov.  1915  von  den  Türken  zum  Stehen
gebracht  wurde,  und  trat  Jan.  1916  zurück.

Nordenburg,  ostpreuß.  Stadt  an  der  Bahn  Gerdauen
  -  Angerburg.  bei  der  9.  Sept.  1914  schwere
Kämpfe  gegen  die  Wilnaarmee  stattfanden;  vgl.  S.  31.

Norge-Salpeter,  s.  Bd.  I.  S.  298.

Northelisse,  Lord,  früher  Sir  Alfred  C.
Harmsworth,  geb.  15.  Juli  1865,  engl.  Zeitungsmagnat,
  der  dur  blanmäßige  Deutschenhetze  seit  etwa
zwei  Jahrzehnten  das  brit.  Volk  für  den  Krieg  gegen
Deutschland  aufstachelte.  Er  begründete  1896  die

303

»Daily  Maill-  und  vermehrte  rasch  die  Zahl  der  Halfpenny-Blätter.
  König  Eduard  VII.  ernannte  ihn
1905  zum  Lord  (Lord  N.).  Die  Zeitungen  der
Harmsworth-  bzw.  Northceliffepresse  sind:
„Times-,  „Daily  Mail-,-Evening  Newse,  -Daily
Mirror=  (illustriert;  Tagesauflage  850000  Stück),
„"Observere,  ferner  über  ein  Dutzend  großer  Provinzzeitungen
  sowie  etwa  30  Magazine  und  Wochenschriften.
  Mit  dem  Pariser  „Matin  besteht  ein  Nachrichtenaustausch,
  in  Paris  erscheint  eine  Ausgabe  der  -Daily
Mail-,  und  die  Petersburger  -Nowoje  Wremja=  gelangte
  in  N.8  Besitz.  Besonders  groß  ist  sein  Einfluß
in  den  Vereinigten  Staaten  (Northeliffesyndikat).
Febr.  1918  wurde  N.  Direktor  der  „Propaganda  in
feindl.  Länderne.  Vgl.  auch  Bd.  II,  S.  330  f.  u.  343.

Norwegen.  N.3  Stellung  im  Weltkrieg  war  sehr
schwierig,  wurde  aber  durch  die  überwiegend  einseitigen
  Sympathien  für  England  erleichtert.  So  blieb  es

ei  der  bewaffneten  Neutralität,  die  die  sozialdemokr.
  Mehrheit  ablehnte.  Bereits  vor  Kriegsausbruch,
  am  3.  Juli,  hatte  das  Storthing  für  notwendige
  Rüstungsmaßnahmen,  insbes.  für  die  Befestiung

  des  Christianiafjords,  11,6  Mill.  Kr.  (1915  hierür
  weitere  9,75  Mill.  Kr.)  bewilligt;  Kriegskredite
folgten.  1915  wurde  die  Wehrpflicht  auf  das  20.  Jahr
herabgesetzt,  die  Landwehrpflicht  von  8  auf  12  Jahre
verlängert;  militärfeindliche  Agitation  wurde  für
Kriegsdauer  mit  Freiheitsstrafe  bedroht.  Ebenso
wurde  durch  das  Schiedsgerichtsgesetz  vom  29.  Juli
1915  Arbeitgebern  wie  Arbeitnehmern  jede  Arbeitsniederlegung
  verboten.  —  Gegen  Rußlands  Streben
nach  einem  eisfreien  Hafen  an  der  norweg.  Küste  richtete
  sich  die  Landesverteidigungsvorlage  vom  3.  Juli
1914.  Die  Gefahr  verquickte  8  mit  der  Frage  des
engl.-russ.  Transitverkehrs,  für  den  Englandrücksichtslos
  völlige  Freiheit  verlangte  und  erreichte.

Die  gewaltigen  Kriegsgewinne,  die  vor  allem  die
norweg.  Reeder  aus  dem  Konterbandehandel  zogen,
brachte  N.  immer  mehr  in  engl-  Abhängigkeit.  Auf
seinen  Protest  gegen  die  engl.  Neutralitätsverletzungen
in  den  neutralen  Gewässern  Juli  1915  begnügte  es
sich  mit  einer  verspäteten  und  lahmen  engl.  Entschuldigung.
  Der  ungeheure  Kriegsbedarf  der  Entente  ließ
allein  1915:  50  Gesellschaften  zur  Ausbeutung  der
Bergwerke  und  Wälder  entstehen,  so  daß  N.  seine
Rohstoffvorräte  durch  Verschärfung  des  Konzessionsesetzes

  schützen  mußte.  —  Mit  Deutschland  kam  es
Han#  1915  zu  lebhaften  Verhandlungen  über  den
Unterseebootkrieg,  und  Aug.  1915  war  das  Verhältnis
  sehr  bedenklich  geworden.  Die  Verluste  der  norweg.
Handelsmarine  (bis  27.  Dez.  1915:  108500  t  im
Werte  von  47  Mill.  Kr.)  waren  allerdings  sehr  hoch.

Im  Innern  war  von  Lober  Bedeutung  die  Niederlage
  der  konservativen  Opposition  bei  den  Storthing-Neuwahlen
  im  Okt.  1915,  bei  der  zum  ersten
Male  das  Frauenwahlrecht  angewendet  wurde,  das
der  Sozialdemokratie  zugute  kam.  Das  neue  Storthing
  wurde  21.  Jan.  1916  vom  Kömig  eröffnet.  Den
steigenden  Aufgaben  der  Sozialgesetzgebung  (Sommer
1915  war  der  Maximalarbeitstag  eingeführt  worden,
sollte  aber  erst  nach  5  Jahren  in  Kraft  treten)  sollte  die
Trennung  des  Sozialministeriums  in  ein  Sozialministerium
  und  ein  Handelsministerium  gerecht  werden;

leichzeitig  wurde  ein  Ministerium  für  Ernährungsfürsoze
  errichtet.  Gemäß  einer  Verfassungsänderung
  vom  April  1916  können  künftig  auch  Frauen
Mitglieder  des  Staatsrates  (Ministeriums)  werden.
Auch  1916  suchte  N.  an  dem  skandinav.  Bund
        <pb n="334" />
        304

mit  Schweden  und  Dänemark  wie  bisher  Rückhalt
(s.  Skandinavien);  dagegen  lehute  das  Außenministerium
  eine  Kündigung  des  aus  dem  Mißtrauen  gegen
Schweden  geborenen  Integritätsvertrages  von  1907
mit  der  Begründung  ab,  daraus  könne  der  falsche
Schluß  7  werden,  daß  N.  eine  Anderung  der

Lage  erstrebe;  der  Vertrag  läuft  nunmehr  weitere
zehn  Jahre.  Am  13.  Okt.  verschloß  N.  alle  norweg.
Gewässer  für  Unterseeboote  und  gestattete  Handelsbooten
  nur  bei  hellem  Tag  den  Zutritt,  lehnte  aber
die  Forderung  der  Entente,  das  Unterseebootverbot
direkt  gegen  das  Deutiche  Reich  zu  erlassen,  ab  und
milderte  Jan.  1917  seine  Maßnahmen.

Das  Jahr  1917  stand  völlig  unter  dem  Eindruck
des  Unterscebootkrieges.  Als  England  die  Kohlenausfuhr
  nach  N.  verbot,  war  die  Lage  heikel:  verlockte
  der  Gewinn  die  Reeder  zur  Bannwarenfahrt,
so  schreckten  sie  die  Verluste  wieder  zurück.  Man  kam
zu  keinem  Ergebnis  huit  England,  und  die  Erbitterung
  gewisser  Kreise  stieg  schließlich  derart,  daß  der
Justizminister  eine  Vorlage  gegen  die  Verhetzung  des
norweg.  Volkes  einbrachte  und  demissionierte,  als  sie
vom  Odelsthing  abgelehnt  wurde  (24.  April).  Aber
auch  die  deutsche  Regierung  sah  sich  genötigt,  in  aller
Form  gegen  den  Ton  der  ententefreundlichen  Presse
Einspruch  zu  erheben  (1.  Juni).  Mag  der  deutsche
Unterseebootkrieg  N.  auch  bedeutend  geschädigt  haben;
durch  die  unterschiedliche  Behandlung  der  Schiffahrtsvergehen
  Englands  und  Deutschlands  (val.  Bd.  II,
S.  86  f.)  seitens  N.S,  mehr  noch  aber  durch  Amerikas
Handhabung  der  Lebensmittelausfuhr  siep  die  Not
in  N.  Am  6.  Juni  kam  es  zu  Teucrungskrawallen
und  Arbeitseinstellungen;  am  1.  Nov.  wurde  die
Brotkarte  eingeführt  (2  kg  wöchentlich  pro  Kopf).

Die  Schwierigkeiten  benutzten  die  Ver.  Staaten  zu
einem  Handelsabkommen  mit  N.  vom  30.  April  1918,
in  den  sie  N.  die  Deckung  seines  Lebensmittel-=  und
Rohstoffbedarfs  gegen  die  Zusicherung  versprachen,
daß  außer  468000  t  Fischen  keine  Lebensmittel  nach

Noske  —  Oldenburg

Deutschland  gehen  würden.  Die  Wahlen  zum  Storthing
  iui  Okt.  brachten  einen  erheblichen  konservativen
Stimmenzuwachs.  —  Am  8.  Jan.  1919  stellte  N.  an
Deutschland  die  Forderung  von  1  Milliarde  Kronen
Schadenersatz  für  ausgewendete  Verstcherungen  torpedierter
  Schiffe.  Vgl.  K.  Aas,  N.  und  der  Weltkrieg
(in  Eucken,=  Neutrale  Stimmen-;  Leipz.  1916).

Noske,  Gustav,  deutscher  Sozialdemokrat.  geb.
9.  Juli  1868  in  Brandenburg,  Holzarbeiler,  1897—
1902  Redakteur  der  sozialdem.  -Königsberger  Volkszeitunge,
  1902  der  -  Volksstimme=  in  Chemnitz,  Ende
1902  Red.  in  Brandenburg  u.  Stadtverordneter,  seit
1906  M.  d.  R.,  Nov.  1918  Gouverneur  in  Kiel,  war
11.  Febr.  1919  bis  26.  März  1920  Reichswehrminister.

N.  O.  T.,  Nederlandsche  Overzee  Trust  Maatschappij,
  s.  Bd.  I.  S.  376  und  Bd.  II,  S.  338.

Notgeld,  s.  Geld.  —  Notprüfungen,  (.  Bd.  1,
S.  336.  lreich,  s.  Lorettohöhe.

Notre  Dame  de  Lorette,  Höhenzug  in  Frank-Notstandsarbeiten,

  s.  Arbeitslosenfürforge.

•Novara.,  österr.-ungar.  Kleiner  Kreuzer,  3540t,
s.  Bd.  II.  S.  257.

Novipazar  (Jenipazar),  Festung  in  Serbien,
an  der  Rastka,  wurde  20.  Nov.  1915  von  deutschen
Truppen  der  Armee  Koevess  beleht

Nowo-Georgiewssk  (früher  Modlin),  Festung
ersten  Ranges  im  russ.-poln.  Gouv.  Warschau,  an  der
Weichs  —  ugmündung)  u.  der  Bahn  Kowel-Mlawa.
über  die  Eroberung  von  N.  im  Aug.  1915  vgl.  S.  62.

„Nowoje  Wrem  ja#,  rufs.  Ztg.,  s.  Bd.  II,  S.  333.

Noyon,  Stadt  im  kranz.  Dep.  Oise,  an  der  Bahn
St.  Quentin-Paris.  Der  Versuch  der  englisch-franz.
Truppen  Mitte  Sept.  1914,  den  rechten  Flügel  der
Armee  Kluck  bei  N.  zu  umfassen,  scheiterte  26.  März
1918  wurde  N.  von  den  Deutschen  besetzt.

Nudant,  franz.  General,  war  Unterhändler  bel  den
Waffenstillstandsverhandlungen  Okt.  und  Nov.  1918.

„(Nürnberge,  deutscher  Kleiner  Kreuzer,  3550  t,
s.  Bd.  I.  S.  270.

O

Ober-Ost,  das  Verwaltungsgebiet,  das  dem  deutschen
  Oberbefehlshaber  im  Osten  unterstand:  Kurland,
Litauen  u.  Bezirk  Grodno-Bielostok,  wurde  Sept.  1918
in  zwei  Verwaltungen  zerlegt:  Baltische  Lande  mit  Sitz
in  Riga  u.  Litauen  mit  Sitz  im  Wilna,  u.  Dez.  1918  aufelöst.

  Vgl.  =  Das  Land  O.=  (Stuttg.  1917,  hrög.  v.  d.
Presfeabt  un  O.).  (Provinz  Gieg.-  Peal  itta).

Oberschlesien.  Nov.  1919  wurde  O.  selbständige

Oberste  Heeresleitung  (abgekürzt  O.  H.  B,
deutsche  Bezeichnung  für  die  höchste  Kommandogewalt
im  Kriege;  in  Osterreich:  Armeeoberkommando.

Oberster  Kriegsrat,  s.  Frankreich,  S.  235.

Obrenovac,  Stadt  in  Serbien,  nahe  der  Donau,
wichtiger  Ausfuhrplatz,  wurde  19.  Aug.  1914  vorübergehend
  von  den  österr.-ung.  Truppen  besetzt,  15.  Nov.
zum  zweitenmal  erobert,  Mitte  Dez.  geräumt.  Bei  O.
erfolgie  6.—  10.Okt.  1915  der  Saveübergang,  18.Okt.
die  Cinnahme  der  Stadt  durch  die  Armee  Koevess.

Ochrida,  Stadt  in  Serbisch-Mazedonien,  am  O.-See
  (vgl.  Bd.  II,  S.  145),  wurde  6.  Dez.  1915  von
den  Bulgaren  besetzt.  Am  O.-See  spielten  sich  bef.
1917  langwierige  Kämpfe  ab;  vgl.  S.  90f.

Odessa,  Nuscandswichtigster  Hofen.  und  Handelsplatz
  am  Schwarzen  Meer,  wurde  13.  März  1918
von  den  Deutschen  besetzt.

Offiziersbund,  s.  Deutscher  Offiziersbund.

Offizierstellvertreter.  Die  für  die  Dauer  des
Krieges  geschaffene  Einrichtung  des  O.s  stellte  keinen
Dienstgrad  dar,  sondern  brachte  nur  zum  Ausdruck,
daß  ein  Unterofsfizier  in  einer  Offizierstelle  als  Vertreter
  vorübergehend  verwendet  wurde.

O.  H.  L.,  Abkürzung  für  Oberste  Heeresleitung.

Oise,  rechter  Nebenfluß  der  Seine  in  Fruntreccmit
  Somme,  Sambre  und  Schelde  durch  Kanäle  verbunden.
  Das  O.-Gebiet  war  seit  Aug.  1914  wiederholt
  Schauplatz  schwerer  Kämpfe,  bes.  Aug.  bis  Olt.
19|18;  vgl.  S.  21  ff.,  71,  104.

Oitoz,  Karpatbenpaß  und  al,  waren  im  rumän.
Feldzuge  wiederholt  heiß  umkämpft,  namentlich  17.
bis  26.  Olt.  1916  und  Aug.  1917.

Olkupation,  im  Kriege  die  militärische  Besetzung
eines  Landes,  für  die  völkerrechtlich  Vereinbarungen
gestgesert  sind;  über  diese  sowie  ihre  Anwendung  betr.

elgiens  und  Polens  vgl.  Bd.  L  S.  429  ff.

Okna,  Gemeinde  in  der  Bukowing,  war  Ende  Dez.
1915  einer  der  Ausgangspunkte  der  russ.  Offensive;
vgl.  =  Neujahrsschlacht  1916e.

Oldenburg.  Nachdem  am  10.  Nov.  1918  der
Großherzog  auf  den  Thron  verzichtet  hatte,  bemächtigten
  sich  die  Matrosen  der  Staatsgewalt  und  setzten
        <pb n="335" />
        Oldershausen  —  Ostende

den  Obermaat  Kuhnt  zum  Staatspräsidenten  ein.  Am
11.  Jan.  kam  aber  eine  mehrheitssozialistische  Regierung
  ans  Ruder,  und  Kuhnt  wurde  am  31.  Jan.  beurlaubt,
  später,  3.  März,  wegen  Veruntreuung  verhaftet.
  Bei  den  Landtagswahlen  am  23.  Febr.  1919
wurden  12  Sozialdemokraten,  12  Demokraten,  10
Zentrumsmänner  und  5  deutsche  Volksparteiler  gewählt.
  Der  frühere  Staatsminister  Scheer  wurde  am
15.  Juli  von  der  Regierung  zu  Verhandlungen  mit
den  angrenzenden  Ländern  über  Grenzberichtigungen
bevollmächtigt.  Die  Verselbständigung  Birkenfelds
als  Republik,  wie  sie  der  Rechtsanwalt  Zeller  30.  Aug.
1919  versuchte,  wurde  zwar  von  den  Franzosen,  aber
nicht  von  der  Reichsregierung  anerkannt.

Oldershausen,  Martin,  Freiherrvon,  sächs.
General,  ged.  1872  in  Hildesheim,  wurde  1914  Oberst
und  Kommandeur  des  Inf.-Reg.  105,  Nov.  1916
Chef  des  Feldeisenbahnwesens,  1918  Chef  des  Generalstabs
  der  3.  Armee,  1919  Reichsgeneralstabschef.

früchte.  Vor  dem  Kriege  war  der  deutsche  Olfruchtbau
  gegenüber  dem  Bedarf  verschwindend.  Mit
Raps,  Rübsen,  Leinsaat,  Hanf,  Mohn  usw.  waren
etwa  50000  ha  bebaut,  gegen  321.000  ha  im  Jahre
1878.  Der  Olertrag  betrug  15000  bis  18000  t,
während  die  Gesamtmenge  der  durch  Mehreinfuhr
erhaltenen  pflanzlichen  Fettstoffe  sich  im  Durchschnitt
der  Jahre  1912/13  auf  534162  t  belief.  Die  Verwendung
  dieser  Ole  ist  ungemein  vielfältig:  im
unmittelbaren  Verbrauch  zur  Ernährung,  zur  Herstellung
  von  Margarine,  in  der  Linoleum-,  Lack-,  Firnis-,
  Ol-  und  Drackfarbenindustrie,  als  Schmiermittel,
  in  der  Textilindustrie,  als  Leuchtmittel;  aus.
ländische  O.,  wie  Baumwollsamen,  Kopra,  Palmkerne,
bilden  zudem  die  Grundlage  der  wichtigsten  Kraftsuttermittel.
  Ein  vollkommener  Ersatz  für  den  Ausfall
  der  Einfuhr  war  nicht  denkdar,  und  die  Lücken
machten  sich  bald  aufs  schwerste  bemerkbar.  Demschon
Januar  1915  gegründeten  Kriegsausschuß  für
pflanzliche  und  tierische  Ole  und  Fette  wurde
neben  der  planmäßigen  Verteilung  der  noch  vorhandenen
  Stoffe  auch  die  Fürsorge  für  vermehrte  Erzeugung
  Übertragen.  Als  Mittel  der  Förderung  wurden
angewendet:  jeserungpon  Saatgut  zubilligem  Preise,
verhältnismäßig  hohe  Üübernahmepreise,  Leserung  von
Ammoniakdünger,  Rüdlieferung  einer  bestimmten
Mengevon  Futterkuchen  und  Ol.  Dankden  Bemühungen
  des  preuß.  Landwirtschaftsministeriums  stieg  die
Anbaufläche  der  Olpflanzen  in  Preußen  bis  1917  auf
26000  ha,  in  den  anderen  deutschen  Ländern  auf
6000  ha.  Außer  den  eigentlichen  Olpflanzen  kamen
noch  die  Sonnenblumen  in  Betracht,  die  Kerne  des
Steinobstes,  des  Kürbis  und  die  Bucheckern;  endlich
die  Getreidekeime,  die  zuletzt  monatlich  etwa  180t
Ol  lieferten.  Vgl.  M.  Ewald,  Die  pflanzlichen  und
tierischen  Ole  und  Fette  im  Frieden  und  Krieg  (Keiträge
  zur  Kriegswirtschafte,  Heft  33,  Berl.  1918);
Wacker,  Der  Anbau  der  O.  (in  Braun  u.  Dade,
Arbeitsziele  der  deutschen  Landwirtschaft,  Berl.  1918).

Olita,  Stadt  und  Festung  im  russ.  Gouv.  Wilna,
am  Nijemen,  wurde  26.  Aug.  1915  von  der  Armee
Eichhorn  besetzt.

Olmotor,  s.  Verbrennungsmotoren.

Ompteda,  Georg,  Freiherr  von,  geb.  29.
MWäcz  1863  in  Hannover,  sächs.  Husarenoffizier,  dann
Schriftsteller,  als  Rittmeister  im  Felde,  1915  Mitleiter
  der  Liller  Kriegszeitunge,  verfaßte  außer  zahlreichen
  Romanen  (-Der  Hof  in  Flandern-,  1917,
u.  a.):  „Sachsen  im  Felde  (1916).

Der  Krieg  1914/19.  III.

305

„Opheliae,  deutsches  Lazarettschiff,  das  17.  Okt.
1915  vom  Fanll  Kreuzer  „Yarmouth-  aufgebracht
wurde.  Vgl.  Vd.  I,  S.  255  f.  und  370.

Oppy,  Dorf  im  franz.  Dep.  Pas-de-Calais,  war
in  der  Arrasschlacht  1917  hartnäckig  umkämpft.  Vgl.

Orangebuch,  s.  Buntbücher.  (S.  15f.

Orchies,  franz.  Dorf  südöstlich  von  Lille,  wo
24.  Sept.  1914  ein  deutsches  Lazarett  von  Frankti.
reurs  überfallen  wurde.  O.  wurde  zur  Strafe  zerstört.

Ordben,  s.  Kriegsorden,  Bd.  I,  S.  355  ff.

Order  in  Councdil  (engl.),  Kabinettsorder.  O.3
wurden  im  Kriege  erlassen  20.  Aug.  1914  über  Zusätze
  zur  Londoner  Seekriegsrechtsdeklaration,  11.
März  1915  über  Nocademaßnahmen  gegen  Deutschland,
  14.  Febr.  1916  über  die  Ausdehnung  der  Wehrpflicht
  auf  die  Verheirateten  usw.

Organisation.  Die  Maßnahmen  über  die  deutsche
  O.  im  Kriege  sind  aus  den  einschlägigen  Artikeln
Bd.  II.  S.  350  (übersichtsartilel)  sowie  aus  Bd.  I.
S.  382  (Volkswirtschaft),  888  (Kriegsnotgesetze),  391
Lofealpolitih  Literatur  darüber  aus  den  Angaben
Bd.  II.  S.  382  und  Bd.  I,  S.  388  zu  entnehmen.

Orso,  Col  dell',  Gebirggrat  (1677  m)  in  Oberitalien
  zwischen  Piave  und  Brenta,  wurde  Anfang
Dez.  1917  von  der  österr.-ungar.  Gruppe  Kraus  erstürmt,
  bis  Ende  Okt.  1918  behauptet,  24.—30.  Okt.
von  der  4.  ital.  Armee  erobert.

Orsova,  ungar.  Stadt  an  der  Donau,  Grenzstation
  an  der  Bahn  Temesvar#—Verciorova.  O.  war
23.  u.  24.Okt.  1915  Üübergangspunkt  der  deutsch  österr.
Orsovagruppe  über  die  Donau  nach  Serbien.  Am
6.  Sept.  1916  wurde  O.  von  der  rumän.  O.gruppe
besetzt,  die  8.  Dez.  1916  in  der  Nähe  der  Aluta  die
Waffen  strecken  muste;  vgl.  Bd.  II.  S.  231  f.  An  6.
Nov.  1918  wurde  O.  von  franz.  Truppen  besetzt.

Ortelsburg,  ostpreuß.  Kreisstadt  an  der  Bahn
Allenstein—Lyck.  Zwiscen  O.,  Gilgenburg  u.  Tannenberg
  fand  26.—28.  Aug.  1914  die  Schlacht  bei
Tannenberg  (s.  S.  30  f.)  statt.

Orthodoge  Kirche.  über  die  Lage  der  o.n  K.
in  Rußland  und  auf  dem  Balkan  s.  Bd.  L,  S.  331.

Osel,  russ.  Insel  in  der  Ostsee,  vor  dem  Eingang
des  Rigaischen  Meerbusens,  wurde  16.  Okt.  1917  von
den  Deutschen  erobert;  vgl.  S.  133  f.

Oslavijia,  Dorf  im  Görzischen,  am  rechten  Isonzoufer,
  war  häusig  umstritten,  bes.  Nov.  1915  und  Jan.
1916;  val.  S.  108f.

Ossowiec,  Festung  im  russ.-poln.  Gouv.  Lomza,
nahe  der  preuß.  Grenze,  am  Bobr,  inmitten  eines
ausgedehnten  Sumpfgebieits,  Sperre  für  Straße  und
Eisenbahn  Lyck-Bialystok.  Im  Okt.  1914  leiteten
deutsche  bbktilungen  die  ersten  Angriffe  gegen  O.
ein,  mußten  aber  das  Unternehmen  infolge  Geländeschwierigteiten
  aufgeben.  Auch  der  zweite,  mit  erhebicheren
  Kräften  der  Armee  Scholt  durchgeführte  Vorstoß
  gegen  O.  endete  mit  einem  Mißerfolg.  Nach  dem
Verlust  der  Norrmbefestigungen  von  den  Russen  geräumt,
  fiel  die  Festung  22.  Aug.  1915  kampflos  in
die  Hände  der  Deutschen.

Ostasien,  s.  Bd.  II,  S.  89  ff.  sowie  Artikel  China
und  Japan.  Vgl.  Paul  Ostwald,  Die  Großmächte
in  Ostasien  (Langensalza  1918);  Justus  Hashagen,
Ostasienpolitik  der  Vereinigten  Staaten  von  Amerika
(Bonn  1918).

Ostende  (fläm.  Oostende),  belg.  Seebad  in  der
Prov.  Westflandern,  war  vom  15.  Okt.  1914  bis
17.  Okt.  1918  von  den  Deutschen  besetzt;  über  die  engl.
Hafensperrversuche  April-Mai  1918  vgl.  S.  135.

20
        <pb n="336" />
        306

Ostererlaß,  Bezeichnung  des  preuß.  Erlasses  vom
7.  April  1917  betr.  der  Wahlrechtsvorlage,  s.  Preujen,
  S.  317.  Die  Osterbotschaft  des  Reichspräsidenten
  Ebert  vom  7.  April  1919  befaßte  sich  mit  der  Friedensfrage
  (7Friede,  Brot,  Arbeite).

Ssterreich-Ungarn.  O.8  Geschichte  (vgl.  Vd.  I,
S.  46  ff.  sowie  Bd.  II,  S.  22ff.)  war  seit  1867,  dem
Ausgleich  zwischen  den  beiden  =  Reichshälftene,  ein
ununterbrochener  innerer  Kampf  um  die  Gewinnung
eines  wirklichen  Ausgleichs  der  einander  widerstrebenden
  politischen  Strömungen  (vgl.  Bd.  I,
S.  57  f.).  Die  Mordtat  von  Sarajewo  (28.  Juni
1914),  die  die  Dynastie  ihres  Thronerben  Franz  Ferdinand
  beraubte,  stellte  an  die  Regierung  die  offene
Frage:  unaufhaltsamer  Verfall  oder  Kampf  ums
Ganze.  Indem  sich  die  Regierung  damals  mit  der
Mehrheit  der  Bevölkerung  (mit  Ausnahme  der  Tschechen)
  für  das  letztere  entschied,  wählte  sie  den  ehrenvollen
  Untergang  und  zog  den  deutschen  Verbündeten
mit  ins  Verderben,  während  der  dritte  Verbündete,
Jtalien,  von  vornherein  nicht  mehr  als  Kampfgenosse
in  Frage  kam  (vgl.  Bd.  I,  S.  18  ff.  und  S.  65  ff.).

Auswärtige  Politik.  Von  bestimmendem  Einfluß
  auf  die  auswärtige  Politik  waren  stets  die  Verhältnisse
  auf  dem  Balkan,  zu  denen  O.  aber  angesichts
  der  verzwickten  politischen  Faktoren  keine  einheitliche
  Haltung  annahm  (vgl.  Bd.  I,  S.  51  ff.).  Nachdem
  die  Duldung  der  großserbischen  Propaganda  bis
zu  der  Bluttat  von  Sarajewo  gediehen  war,  schlug
die  österr.-ungar.  Politik  plötzlich  in  der  Note  an
Serbien  (23.  Juli  1914;  s.  Bd.  I,  S.  136  ff.)  zu  energischer
  Abwehrhaltung  um.  Die  Folge  war  unzweideutige
  Ablehmung  Serbiens,  der  die  Kriegserklärung
Os  (28.  Juli)  auf  dem  Fuße  folgte.  In  wenigen
Tagen  erweiterte  sich  der  zunächst  lokale  Konftitr
zum  europäischen,  indem  sich  Rußland  einmischte  und
dadurch  der  europäische  Bündnismechanismus  in
Tätigkeit  trat.  Am  6.  Aug.  erklärte  O.  an  Rußland,
am  27.  an  Belgien,  am  13.  England  an  O.  usw.  den
Krieg.  Am  12.  Okt.  begann  der  Prozeß  in  Sarajewo,
in  dessen  Urteil  (28.  Okt.)  die  Hauptschuldigen  zu  20
Jahren  schweren  Kerkers  verurteilt  wurden  (s.  Sarajewo).
  Die  auswärtige  Politik,  deren  Leitung  am
13.  Jan.1915  an  Berchtolds  Stelle  Baron  Burian
übernahm,  war  im  Winter  1914/15  völlig  von  den
Verhandlungen  mit  Italien  beherrscht.  Deutschland
übte  durch  seinen  Botschafter  Fürsten  Bülow  in  Rom
einen  starken  Druck  auf  den  sehr  schwer  zu  Zugeständnissen
  bereiten  Verbündeten  aus.  Das  völlig  von
der  Entente  eingefangene  Italien  war  aber  im  Mai
1915  durch  keine  noch  so  großen  -Kompensationen-(für
  die  eventuellen  Balkaneroberungen)  mehr  vom
Losschlagen  abzuhalten;  am  23.  Mai  erklärte  es  O.
den  Krieg.  In  der  folgenden  Zeit  wurde  O.  in  den
deutsch-amerikan.  Notenwechsel  hineingezogen,  in  dem
es  den  Verbündeten  durch  Parallelnoten  geschickt
unterstützte.  Den  Versuch  des  österreichischen  de  andten
  Duniba,  seine  Landsleute  von  der  Arbeit  in  Munitionsfabriken
  abzuhalten,  nahm  die  amerikan.  Re-Herun
  zum  Anlaß,  dessen  Abberufung  zu  verlangen.
Eine  Note  der  Vereinigten  Staaten  über  die  Versenkung
  der  „Ancona-  beantwortete  die  österr.  Regierung
  Dez.  1915  ablehnend;  der  weitere  Notenwechsel
  hierüber  verlief  ergebnislos.  Dem  neuen
Gesandten  Grafen  Tarnowsli  verweigerte  England
am  8.  Dez.  1916  das  freie  Geleit;  als  es  endlich  durchgesetzt
  wurde,  war  bereits  der  Abbruch  der  Beziehungen
erfolgt  (9.  April),  nachdem  O.  s  Verteidigung  des  Unter-Ostererlaß

  —  Osterreich-Ungarn

seebootkrieges  in  dem  Aide-Memoire  vom  5.  März
1917  Wilson  nicht  hatte  Überzeugen  können.  Dieses
Memeoire  war  die  erste  diplomat.  Leistung  des  am
22.  Dez.  1916  an  Burians  Stelle  ernannien  neuen
Außenministers  Grasen  Ottokar  Czernin  (vorher
Gesandter  in  Bukarest),  der  in  erster  Linie  eine  auf
baldigsten  Friedensschluß  abzielende  Politik  verfolgte,
die  sich  von  der  des  deutschen  Bundesgenossen  mehr
und  mehr  entfernte.  Dennoch  war  er  ein  unbedingter
Anhänger  des  mitteleuropäischen  Bündnisgedankens;
als  der  ohne  sein  Wissen  1916  geführte  Briefwechsel
des  Kaisers  Karl  mit  seinem  Schwager  Prinz  Sixtus
von  Parma  über  die  Möglichkeit,  den  Frieden  durch
unmittelbare  österr.-franz.  Fühlungnahme  herbeizuführen,
  im  April  1918  bekannt  wurde,  trat  er  zurück.
und  Baron  Burian  übernahm  wieder  die  auswärtigen
  Geschäfte.  Die  überzeugung  war  in  O.  schon  seit
geraumer  Zeit  allgemein,  daß  die  Doppelmonarchie
den  Krieg  nicht  länger  führen  könne.  Da  die  Herbei
führung  des  Friedens  an  der  Hartnäckigkeit  der  Gegner
scheiterte,  erfolgte  der  Zusammenbruch  im  Herbst  1918
durch  die  inzwischen  unaufhaltsam  vorgeschrittene  Demoralisation
  der  Armee  und  Zersetzung  im  Innern.
Die  gesamte  österr.-ungar.  Front  wurde  sozusagen
von  innen  her  aufgerollt,  wie  ein  Blick  auf  die  innerpolitische
  Entwicklung  im  Kriege  zeigt.

Die  Regierung.  Die  wichtigste  Tatsache  der  Geschichte
  O.s  von  1914—19  ist  der  Tod  des  greisen
Kaisers  Franz  Joseph  (21.  Nov.  1916),  in  dessen  Person
  sich  die  österreichische  Staatsidee  verlörperte.  Sein
Erbe  fiel  an  den  jugendlichen,  Noch  unreifen  Erzherzog
  Karl  (I.  bzw.  IV.,  geb.  1887),  der  bis  dahin
als  Heerführer  tätig  gewesen  war.  Eine  zu  Vertrauen
u.  Versöhnung  geneigte,  dem  Pazifizismus  ergebene
Natur,  sah  er  es  für  seine  erste  Aufgabe  an,  die  im
Kriege  hervorgetretenen  Risse  im  österr.  Staalsbau
durch  Begnadigungen  und  Versöhnungen  zu  überkleben
  und  so  rasch  wie  möglich  den  Frieden  herbeizuführen;
  er  arbeitete  dabei  mit  den  Mitteln  der  alten
Kabinettspolitik,  indem  er  an  seine  parmisch-bourbonischen
  Verwandten  herantrat,  und  erntete  dafür  Mißtrauen
  und  Mißbilligung.  Mit  der  Abdankung  des
Herrschers  am  11.  Nov.  1918  und  dem  Hause  Habs
burg  verschwand  zugleich  die  zgemeinsame  Regierungt
  und  die  kaiserliche  Reichsregierung.
An  ihrer  Spitze  stand  bei  Kriegsausbruch  (seit  1911)
Graf  Stürgkh,  der  von  Kriegsbeginn  an  ohne  Parlament
  gemäß  §  14  der  Verfassung  Peei-  die  Erbitterung
  hierüber  stieg  immer  mehr,  ihr  fiel  Stürgkh
am  21.  Okt.  1916  zum  Opfer,  als  ihn  der  Sozialdemokrat
  Friedrich  Adler  in  Wien  erschoß.  Das  Kabinett
  trat  darauf  zurück,  und  v.  Kverber  übernahm
das  Präsidium  in  der  Absicht,  zu  den  schwebenden  Ausgleichsverhandlungen
  mit  Ungarn  das  Parlament  einzuberufen;
  er  kam  aber  nicht  dazu,  da  ihn  bereits  am
22.  Dez.  Graf  Clam-Martinißz  ablöste,  der  am  30.
Mai  1917  endlich  den  Reichsrat  einberief,  unmittelbar
  darauf  aber  zurücktrat  (2.  Juni);  Sektionschef
Ritter  v.  Seidler  wurde  mit  der  Kabinettsbildung
betraut  und  führte  die  Geschäfte  bis  1918.  Ihm  folgle,
Juli  bis  Okt.  1918,  Frhr.  Hussarek  von  Heinlein
u.  27.—31.Okt.  Lammasch.  Gemeinsamer  Minister
der  auswärtigen  Angelegenheiten  war  1912—  15  Graf
Berchtold,  1915—16  Baron  Burian,  1916—18  Gras
Czernin,  1918  (April  bis  Okt.)  Varon  Burian,  Okt.
1918  Graf  Andrässy.  Die  oberste  Heeresleitung  lag
15.  Juli  1914  bis  2.  Dez.  1916  (bis  11.  Febr.  1917
noch  als  Stellvertreter)  in  der  Hand  des  Erzherzogs
        <pb n="337" />
        Osterreich-Ungarn

Friedrich,  von  da  ab  Übernahm  sie  Kaiser  Karl  selbst.
Chef  des  Generalstabs  des  Feldheeres  war  1912—17
Frhr.  Conrad  v.  Hötzendorf,  1917—18  Frhr.  Arz  v.
Straußenburg.—Das  Abgeordneten=  wie  das  Herrenhaus
  hatten  1916  beide  bhre  Einberufung  versangt
diese  erfolgte  aber  erst  am  27.  April  für  den  30.  Mai
1917.  Dadurch  wurde  auch  erst  die  Einberufung  der
„Delegationen=  (7.  Dez.  1917)  möglich.  Vorher  wurde
durch  Ernennung  von  60  neuen  Mitgliedern  am  23.
Mai  das  Herrenhaus  wieder  aufgefüllt.  Der  Reichsrat
  erhielt  eine  neue  Geschäftsordnung.

Die  Gesetzgebungsarbeit  erfolgte  bis  1917
unter  Ausschluß  des  Parlaments  im  Verordnungswege,
  gemäß  §  14  der  Verfassung.  Sie  beschränkte
sich  daher  fast  völlig  auf  die  Kriegsnotwendigkeiten.
Als  wichtigste  Gesetze  und  Verordnungen  sind  neben

den  in  Bd.  II,  S.  403  ff.  ausführlicher  behandelten  si

anzuführen:  Personaleinkommensteuergesetz  (1914),
Getreideverfütterungsverbot,  Weizenbrotbackverbot
(Jan.  1915),  Ausdehnung  der  Wehrpflicht  auf  das
18.—50.  Lebensjahr  (April  1915),  Gesetz  Über  die  Bewirtschaftung
  der  Ernte,  Statut  der  Kriegsgetreideverkehrsanstalt
  (Juni  1915),  Verordnung  über  die
Versorgung  der  Bevölkerung  mit  unentbehrlichen  Bedarfsartikeln,
  Aufhebung  der  freien  Verfügung  über
Grundeigentum  (Aug.),  Ablauf  des  inneren  Moratoriums,
  Erstreckung  des  Kriegsleistungsgesetzes  auf
das  55.  *  segsgewinnstener,  inführung
der  Sommerzeit  für  1.  Mai  bis  30.  Sept.  (Anfang  u.
Srühahr  1916),  Errichtung  einer  Zentralkomlnisseo
für  Volksernährung  und  einer  interministeriellen  Approvisionierungskommission,
  Verkehrsregelung  mit
Schweinen  (Mai  bis  Juli  19160),  Heichezuschlag  zu
den  direkten  Steuern,  Erhöhung  aller  Stempelgebühren,
  Gebühr  auf  Totalisator=  und  Buchmacherwetten,
Zündhölzchen-  und  Feuerzeugsteuer,  Einfuhrverbote
(Sept.  bis  Dez.  1916  und  März  1917),  Kriegsgewinnsteuer,
  Eisenbahnkriegssteuer,  Unterhaltungsbeitragsgesetz,
  Weinsteuervorlage.

Staatsfinanzen.  Der  Etat  steigerte  sich  im
Kriege  von  3461  Mill.  Kr.  im  Etatsjahr  1914/15  auf
22169  Mill.  Kr.  für  1917/186,  wie  es  die  Entwicklung
der  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Lage  (vgl.  Bd.  J,
S.  403ff.)  bedingte.  Ein  erheblicher  Teil  der  ca.  90
Milliarden  Kr.  betragenden  Kriegskosten  wurde  in
langfristigen  Kriegsanleihen  konsolidiert,  nämlich
26  Milliarden  (18  in  Österreich  und  8  in  Ungarn;
vgl.  Art.  Kriegsanleihen).  Ende  1917  beliefen  sich
die  österr.  Kriegsschulden  (ohne  Ungarn)  auf  41.2  Milliarden
  Kr.  (Zinsenlast:  1702  Mill.  Kr.).  Erst  1917
wurde  das  Parlamenterstmalig  um  einen  Kriegskredit
(9  Milliarden  Kr.)  angegangen;  dieser  wurde  bewilligk,
  jedoch  mußte  die  Zustimmung  der  Polen  mit
weilgehenden  Zugeständnissen  erkauft  werden.

Nationalitätenstreit.  Wenn  der  Krieg  für  O.
überhaupt  einen  Sinn  hatte,  konnte  es  nur  der  sein,
in  der  Kampfgemeinschaft  des  Krieges  die  streitenden
Nationen  unter  der  Idee  des  Gesamtstaates  neu  zu
einen.  Dazu  gehörte  aber  rücksichtslose  Unterdrückung
irredentistischer  Bewegungen  und  weitestgehende  Förderung
  aller  zentralistischen  Tendenzen.  Gegenüber
Irredentismus  und  Hochverrat  wurde  zwar  in  zahl.
reichen  Prozessen  vorgegangen  (Okt.  1914:  Mordprozeß
  in  Sarajewo,  April  1916:  Hochverratsprozeß
gegen  71  Angeklagte  in  Banjaluka,  Prozeß  gegen
vier  Neichsratsabgeordnete  in  Wien  wegen  Hochver-A
  mit  Prof.  Masaryk),  Prozeß  gegen  den
tschech.  Abg.  Kramarsch  usw.),  aber  der  kaiserl.  Erlaß

307

vom  2.  Juli  1917,  der  eine  allgemeine  Amnestie  für
politische  Vergehen  und  Verbrechen,  einschließlich  Hochverrat,
  verkündete,  stellte  das  eigne  Todesurteil  des
österreichischen  Staates  dar.  Die  tschechoflowakische
Bewegung  (s.  Tschechoslow.  Republik),  der  italienische
Irredentismus  (s.  Italien),  die  jugoslawische  Bewegung
  der  Südslawen  (s.  Kroatien)  wurden  dadurch
eradezu  prämiiert.  Die  Polen  (s.  Galizien)  fühlten
ich  seit  der  Errichtung  des  Königreichs  Polen  (s.  d.)
Überhaupt  nur  noch  lose  mit  O.  verbunden  und  nahmen
  nach  Wiederzusammentritt  des  Reichsrats  ihre
alte  Erpresserpolitik  wieder  auf.  So  verlor  die  Regierung
  durch  diese  unglückliche  Amnestie  und  die  lange
Dauer  des  Krieges  die  flawischen  Völker  völlig  aus  der
Hand;  aber  auch  die  Deutschen  kehrten  nun  dem
Gesamtstaat  den  Rücken.  Sie,  die  einzigen  zuverläsigen
  Stützen  der  Regierung,  hatten  sch  am  11.  Febr.
1916  zu  einem  Landesverband  zusammengeschlossen,
  der  der  Regierung  die  sicherste  Grundlage  geboten
hätte.  Die  beiden  Deutschen  Urban  (Handelsminister)
und  Bärnreuther  (Landsmannminister)  traten  22.
Dez.  1916  unter  der  Bedingung  in  das  Ministerium
Clam-Mar  tinitz  ein,  daß  die  Negierung  vor  Zusammentritt
  des  Parlaments  auf  Grund  des  §  14  die
deutschen  Forderungen  (Beilegung  des  böhmischen
Streites,  deutsche  Staatssprache,  neue  Geschäftsordnung
  des  Abgeordnetenhauses,  Sonderstellung  Galiiens)
  erfüllen  würde.  Clam  wagte  es  nicht,  diese
ersprechungen  zu  erfüllen;  die  deutschen  Minister
traten  daher  zurück  (18.  April  1917),  und  der  Reichsrat
  nahm  sofort  eine  scharf  deutschfeindliche  Haltung
ein.  Schließlich  mußten  auch  die  Deutschen  die  Idee
der  habsburgischen  Gesamtmonarchie  aufgeben,  als
der  verlorne  Krieg  O.  in  seine  natürlichen  Bestandteile
  auflöste.  (über  Ungarn  s.  d.)

Die  Revolution.  In  seiner  Note  vom  18.  Okt.
1918  verlangte  Wilson  von  O.  die  Anerkennung  des
tschechoslowakischen  Nationalrats  in  Paris  als  kriegführender
  Regierung  sowie  der  jugoslawischen  Aspirationen.
  Bereits  am  5.Okt.  hatte  ein  Zentralausschuß
der  Südsflawen  in  Agram  die  Leitunger  südslaw.  Angelegenheiten
  übernommen,  am  28.Okt.  übernahm  der
tschech.  Nationalrat  die  Militärgewalt  in  Prag.  Am
24.Okt.  bildete  sich  in  Wien  auch  eine  deutsch-österreich.
Nationalversam  mlung:  nachdem  ein  kaiserliches
Manifest  vom  16.  Okt.  die  Umwandlung  Osterreichs
in  einen  Bundesstaat  angekündigt  hatte.  Die  österr.
Antwortnote  an  Wilson  vom  28.  Okt.  erkannte  die
tschechische  und  südslawische  Regierung  an;  beide  lösten
sich  damit  von  dem  Gesamtstaat  los,  ebenso  Kroatien
von  Ungarn  u.  Ungarn  von  Österreich.  So  verblieb
den  Habsburgern  nur  noch  Deutsch-Osterreich.
In  diesem  bildete  sich  am  31.  Okt.  ein  Ministerium
aus  allen  Parteien  unter  dem  Sozialdemokraten  Viktor
  Adler.  Am  11.  Nov.  verzichtete  Kaiser  Karl  auf
jeden  Anteil  an  der  Regierung,  und  die  Nationalversammlung
  verkündete  die  deutsch-öSsterreichische  Republik
  als  Bestandteil  der  deutschen  Republik.  Aber  die
neue  deutsche  Regierung  zögerte,  die  Vereinigung  mit
Deutsch-Osterreich  sofort  zu  vollziehen.  Frankreichs
sofort  ernannter  Gesandter  in  Wien,  Allizé,  nahm  erfolgreich
  den  Kampf  gegen  den  Anschlußgedanken  auf;
vergebens  suchten  der  Außenminister  Bauer  und  der
Gesandte  in  Berlin,  Ludo  Harlmann,  den  Anschluß
noch  durchzusetzen,  und  auch  die  Deutschböhmen  schlugen
  sich  unter  Präsident  Masaryk  am  22.  Dez.  zur
tschechoslowakischen  Republik.  Den  unbestreitbaren
Tatsachen  zum  Trotz  behandelte  die  Entente  Deutsch-207
        <pb n="338" />
        308

ÖOsterreich  als  den  Erben  des  alten  Osterreichs,  bürdete
  ihm  dessen  Schuldenlast  auf  und  nötigte  ihm  im
Friedensvertrag  von  St.  Germain  auch  den  Namen
»Republil  Osterreichr  auf.  An  Stelle  Adlers  wurde
am  11.Nov.  Renner  Staatskanzler.  Zur  Nationalversammlung
  wurden  am  15.  Febr.  1919:  70  Sozialdemokraten,
  64  Christlichsoziale,  23  Deutschnationale,
1  Jude  und  1  Tscheche  gewählt.  Die  Nationalversammlung
  bekräftigte  am  7.  März  nochmals  einstimmig
  den  Beschluß  zum  Anschluß  ans  Deutsche  Reich.
Am  26.  April  wurden  der  12.  Nov.  und  der  1.  Mai
zu  Nationalfeiertagen  bestimmt.

Vgl.  Fournier,  OÖsterreich-Ungarns  Neubau  unter
  Kaiser  Franz  Joseph  I.  (Berl.  1917);  Redlich,
Osterreich-Ungarns  Bestimmung  (Warnsdorf  1910);
O.  Weber,  Österreich  und  England  (das.  1915);
Munin,  sterreich  nach  dem  Kriege  (Tatflugschrift  4;
Jena  o.  J.);  Czernin,  über  die  Polut  während  des
Weltkrieges  (Wien  1918);  Ders.,  Im  Weltkriege  (Berl.
1919);  Kautsky,  Habsburgs  Glück  und  Ende  (das.
1918);  Friedjung,  Das  Zeitalter  des  Imperialismus,
  Bd.  I  (das.  1918);  Osterreichische  Bücherei-(Wien
  1918);  Roderich  Gooss,  Das  Wiener  Kabinett
  und  die  Enistehung  des  Weltkrieges  (das.  1919);
„  Bericht  über  Tätigkeit  der  deutsch-österreichischen
Friedeusdelegation  in  St.  Germain-en-Laye  (das.
1919,  2  Bde.);  v.  Cramon,  Unser  österr.=  ungar.
Bundesgenosse  im  Weltkriege  (Berl.  1920).

Ostenropa-Institut,  1918  in  Breslau  gegr.  Institut,
  das  bezweckt,  die  Grundlagen  u.  Entwicklungsbedingungen
  des  geistigen  u.  wirtschaftlichen  Lebens
in  Osteuropa  zu  untersuchen  u.  die  Ergebnisse  praktisch

Ostindien,  s.  Indien.  lnutzbar  4  machen.

Ostpreußen.  Gleich  zu  Beginn  des  Krieges  fielen
  die  Russen  raubend  und  plündernd  in  O.  ein  und
wurden  erst  durch  die  Siege  Hindenburgs  vom  28.
Aug.  und  10.  Sept.  1914  (vgl.  S,  30  ff.)  vertrieben.
Die  Kriegsschäden,  die  der  Provinz  zugefügt  wurden,
waren  ganz  bedeutend.  Ganz  oder  erheblich  zerstört
wurden  24  Städte,  600  Dörfer  und  300  Güter  mit
zusammen  34000  Gebäuden,  deren  Hausrat  in  etwa
100000  Wohnungen  geraubt  oder  vernichtet  wurde.
Auch  die  meisten  Mahler,  Ziegeleien,  Brennereien
und  Mollkereien  sowie  die  landwirtschaftlichen  Geräte
und  Maschinen  hatten  die  Russen  zerstört.  Etwa  1600
#tpersonen  wurden  getötet,  11800  Einwohner  nach

ußland  verschleppt;  auch  den  Kirchengemeinden
wurde  schwerer  Schaden  zugefügt  (ogl.  Bd.  l,  S.  328).
Deshalb  wurde  alsbald  vom  Reiche  eine  weitgehende
Hilfsaktion  ins  Werk  gesetzt  (s.  Bd.  I.  S.  399  sowie
Bd.  II,  S.  420  f.).  Diese  wurde  wesentlich  unterstüctzt

Osteuropa-Institut  —  Pal,  Großer  und  Kleiner

durch  die  private  Beihilfe  des  im  April  1915  gegr.  Verbandes
  deutscher  Kriegshilfsvereine  für  zerstörte  ostpr.
Städte,  der  Ostpreußenhilfe,  die  unter  Vorsitz
des  Oberpräsidenten  v.  Batocki-Friebe  den  Wiederaufbau,
  die  Flüchtlingsfürsorge  und  die  Verbesserung
  der  wirtschaftlichen  Grundlagen  organisierte
(Förderung  des  Kleinwohnungswesens,  Hergabe  von
Baugeldern,  Grundstücksbeleihung,  Heimstättenerrichtung
  usw.).  Trotz  Mangels  an  Arbeitskräften
und  Banlioffen  waren  bis  Mitte  1917:  12700  Gebäude
  unter  Berücksichtigung  der  typischen  Landes
form  der  ostpr.  Baukunst  neu  errichtet.  Durch  den
Friedensvertrag  von  Versailles  wurde  Memel  von  O.
abgetrennt;  O.  selbst  bleibt  nur  durch  polnisches  Ge
biet  von  Deutschland  aus  erreichbar.  Die  südlichen
Gebiete  O.s  Ekhören  zu  den  polnischen  Abstimmungs

gebieten  (s.  S.  144).

Ostrolenka,  befestigte  Kreisstadt  im  russ.-poln.
Gouv.  Lomza,  am  linken  Narewufer.  Am  23.  Juli
erzwang  die  Armee  Scholtz  den  Narewübergang  oberhalb
  O.  und  eröffnete  den  Angriff  auf  die  am  linken
Ufer  befindlichen  Werke  u.  Feldstellungen,  die  4.  Aug.
gestürmt  wurden.

Ostrowstki,  Joseph,  Nitter  von,  poln.  Staatsmann,
  geb.  1850  auf  Maluszyn  (an  der  Pilica),  Jurist
  und  Landwirt,  gründete  1905  die  gemäßigt-konservative
  Partei  der  „Realistene,  war  1906—10
posn.  Mitglied  des  Petersburger  Reichsrats,  trat  im

riege  aus  der  Partei  der  Realisten  aus  und  wurde
Okt.  1917  Mitglied  des  poln.  Regentschaftsrats.

Ostsee.  über  die  O.  als  Kriegsschauplatz  s.  Bd.  II.
S.  106  t.  die  Siekeisgrereihnisse  Bd.  I.  S.  262f.,
Bd.  II,  S.  255  f.  und  Bd.  III,  S.  133  f.  Vgl.  Wieting,
  Der  Ostseekrieg  1914—1918  (Berl.  1918).

Ostseedivision,  20.  März  1918  aus  der  12.  Land.
wehrdivision  gebildet,  führte  unter  General  Graf  v.  d.
Goltz  die  Expedition  nach  Finnland  aus.

Ostseeprovinzen,  s.  Bd.  I.  S.  74  f.  und  84  ff.

Otavi  (Ottawi),  Ort  im  Distriktsamt  Grootfontein,
  Deutsch  =  Südwestafrika,  Endpunkt  der  Otavibahn,
  wurde  1.  Juli  1915  von  General  Botha  besetzt.
Nach  vollständiger  Einkreisung  durch  die  Engländer
kapitulierte  Generalmajor  Franke  mit  3500  Mann  bei
O.  9.  Juli  1915  vor  zehnfacher  übermacht  unter
ehrenvollen  Bedingungen.

Ourcgq,  rechter  Nebenfluß  der  Marne  im  franz.
Depart.  Aisne,  war  in  der  ersten  Hälfte  des  Sept.
1914  Schauplatz  schwerer  Kämpfe  der  1.  Armee  gegen
franz.  Umfassungsversuche;  der  deutsche  Generalstab
bezeichnet  mit  »Schlacht  am  O.-  die  Kämpfe  der  1
Armee  in  der  Marrneschlacht.

P,  Abkürzung  für  narstrak  uinschif.
Paderewski,  Ignaz  Johann,  Pianist  u.  Politiker,
  geb.  18.  Nov.  1859  in  Kurylocoka  (Podolien),
1908  Dir.  d.  Warschauer  Konservatoriums,  stand  Dez.
1918  bis  Nov.  1919  an  der  Spitze  der  poln.  Regierung.
Padua.  Waffenstillstand  zu  P.  s.  S.  143.
Paes,  Sidonio,  portug.  Staatsmann,  geb.  etwa
1874,  Prof.  der  Math.  in  Lissabon  u.  Coimbra,  1911
Min.  der  öff.  Arbeiten,  dann  Finanzmin.,  1912  Gesandter
  in  Berlin,  1917  Ministerpräs.,  Min.  des  ÄAuß.
u.  des  Krieges,  wurde  28.  April  1918  Präs.  v.  Portugal
  u.  16.  Dez.  1918  durch  radik.  Fanaliker  ermordet.

Painlevé,  Paul,  franz.  Staatsmann,  geb.  ö.  Dez.
1863  in  Paris,  Mathematiker,  Lehrer  an  der  Ecole
Polytechnique,  Okt.  1915  Unterrichtsminister  im  Kabinelt
  Briand,  Aug.  1917  Marineminister,  Sept.  bie
Nov.  Ministerpräsident.

Paix  blancbe  (franz.;  »weißer  Frieder),  in
Frankreich  soviel  wie  fauler  Friede.

Pal,  Großer  und  Kleiner,  Berggipfel  in  den
Karnischen  Alpen.  an  der  ital.  Grenze,  waren  Juni
bis  Sept.  1915  vielumstrittene  #rifsziele  der  Italiener,
  die  sie  nach  wechselvollen  Kämpfen  eroberten,
aber  30.  und  31.  Olt.  wieder  räumen  mußten.
        <pb n="339" />
        Palästinaschlacht  —  Päpstlicher  Stuhl

Palästinaschlacht,  die  Rückzugsschlacht  der  deutschen
  Heeresgruppe  Funter  General  Liman  von  Sanders
  in  Syrien  19.  Sept.  bis  30.  Okt.  1918.

Palauinseln,  Gruppe  der  Karolinen  (s.  d.).

Pallavicini,  Johann,  Markgraf  von,  geb.
18.  März  1848  in  Padua,  1906  —18  österr.-ungar.
Botschafter  in  Konstantinopel.

Panama.  Am  8.  April  1917  sagte  P.  den  Vereinigten
  Staaten  Hilfe  für  eine  etwa  notwendig  werdende
  Verteidigung  des  Panamakanals  zu.  Der  Präsident
  zog  das  Exequatur  des  deutschen  Konsuls  zurück
und  erklärte  9.  April  dem  Deutschen  Reiche  den  Krieg.

Paneveggio,  Ort  im  östl.  Tirol,  nördl.  des  Rollepasses,
  war  21.—30.  Juli  1916  Schauplatz  erbitterter
Kämpfe.  Die  Italiener  mußten  P.  im  Nov.  räumen.

Panoramaferurohr  (Rundblickfernrohr),
beim  Richten  von  Geschützen  benutztes  Fernrohr,  dessen
Objektiv  im  vollen  Kreise  drehbar  ist;  die  Bilder  fallen
durch  Brechung  an  Prismen  auf  das  unverändert
feststehende  Okular  (Augenglas),  so  daß  der  Beobachtende
  ohne  Anderung  *  Stellung  alle  Gegenstände
  im  Umkreise  anvisieren  kann.  Vgl.  Sehrohr.

Panslawismus,  das  Einheitsstreben  aller  slaw.
Völker,  führte  1848  zum  ersten  Slawenkongreß  in
Prag  und  wurde  seit  1867  von  den  Russen  politisch
ausgebeutet,  um  die  Herrschaft  über  die  slaw.  Völker
zu  begründen.  Vgl.  auch  Bd.  II,  S.  52  ff.

Panzer.  Kriegsschiffe  erhalten  eine  Panzerung
mit  Platten  aus  sehr  hartem  Spezialstahl;  ebenso
werden  viele  Geschützstände  gepanzert.  Eisenbahnzüge
und  Kraftwagen  erhalten  für  Kriegszwecke  oft
schutz,  bes.  aber  die  Tanks  (s.  Panzerwagen).  Schutzschilde
  gehören  zur  Ausrüstung  der  Feldgeschüge  und
Maschinengewehre,  und  auch  für  den  einzelnen  Mann
hatte  man  den  P.schutz  (Brust-P.)  vorübergehend
eingeführt.  Vgl.  Helm.  Notwendig  ist  immer  die
Verwendung  eines  zähen  Stahles,  der  nicht  unter
dem  austres"enden  Geschoß  absplittert.

Panzerautomobil,  s.  Bd.  I,  S.  284.  var  Panzerwagen.
  —  Panzerbatterie,  s.  Bd.  II,  S.  290.  —
Panzerdeck,  s.  Bd.  I.  S.  240f.  —  Panzerfort,  s.
Vd.  II.  S.  289  ff.  —  Vanzerhrangten,  s.  S.  154.  —
Panzerkraftwagen,  s.  Bd.  I.  S.  284.  Vgl.  Panzerwagen.
  —  Panzerkrenzer,  s.  Bd.  I,  S.  241.

anzerplatten,  zum  Schutz  gegen  Geschoßwirkung,
  werden  aus  besonderen  Stahlsorten  (Nickel.,
Chromstahl)  hergestellt.  Compoundplatten,  durch
Zusammenwalzen  verschiedenartiger  Metallschichten
erhalten,  sind  jetzt  überholt,  namentlich  durch  den
Kruppschen  Spegialstahl-  Die  größten  und  stärksten
  P.  (bis  5  m  lang,  2,5  m  hoch,  50  em  dick)  dienen
zur  Umkleidung  der  Kriegsschifse.

Panzerschiff,  allgemein  Kriegsschiff,  das  durch
Panzerplatten  gegen  echoßfe  eschützt  ist,  im  engeren
Sinne  svw.  Linienschiff;  vgl.  Bd.  I.  S.  240f.

Lauzerschus.  s.  Panzer;  vgl.  Bd.  I.  S.  239.

anzerturm,  gepanzerter  turmartiger  Geschützstand,
  meist  mit  abgerundeter  Kuppel,  ist  gewöhnlich
drehdar  (Panzerdrehturm),  oft  auch  elektrisch  hebbar,
  so  daß  er  nur  zum  Schießen  auftaucht,  um  sosort
  wieder  zu  versinken.  Der  P.  ist  ein  wihtiger
Bestandteil  moderner  Befestigungen  (vgl.  Bd.  I.,
S.  289  f.),  ebenso  vieler  großer  Kriegsschiffe  (vgl.
Bd.  L,  S.  234  ff.  und  Tafeln).

Panzerwagen  (Tank),  zuerst  von  den  Engländern
  im  Weltkrieg  verwendeter  Kampfwagen,  von
ihnen  auch  Schützengrabendreadnought“,  .  Grabenraupe
  und  -Big  Willy-genannt.  Die  Fortbewegung

309

erfolgt  durch  zwei  breite,  endlose  Ketten,  die  um  Räder
herumgeführt  sind  und  durch  starke  Benzinmotoren
angetrieben  werden.  So  kriechen  die  P.  vorwärts,
liberwinden  Gräben  und,  auf=  wie  absteigend,  steile
Böschungen,  dabei  durch  ihre  Wucht  Bäume  umstürzend,
  Drahthindernisse  zerreißend  usw.  Die  ersten
P.  waren  etwa  8  m  lang.  2  m  hoch  und  Zm  breit;
später  wurden  vielfach  kleinere  verwendet.  Die  P.
tragen  verschiedenartige  Bewaffnung,  entweder  5
Maschinengewehre  oder  2  in  Seitentürnichen  untergebrachte
  leichte  Geschütze  u.  2—3  Maschinengewehre.
Die  Bemannung  kann  auch  aus  Schlitzen  mit  Gewehren
  und  Pistolen  herausschießen.  Der  ganze  P.

trägt  eine  Panzerung  aus  1—1,5  em  starkem  Stahlblech,
  die  Beobachtung  geschieht  durch  Sehrohre
(Periskope).  Die  Geschwindigkeit  war  zuerst  nur  bis
5  km  in  der  Stunde,  zuletzt  bis  über  15  km.
Panzerzug,  Eisenbahnzug,  dessen  Lokomotive  und
Wagen  zum  Schutz  gegen  Gewehr=  und  Maschinengewehrfeuer
  sowie  Schrapnellkugeln  bis  fast  zu  den
Gleisen  sinter  (um  auch  die  Räder  zu  schützen)  gepanzert
  sind.  Man  benutzt  den  P.  zu  Truppenverschiebungen,
  zur  Aufklärung  und  zur  Beförderung
von  Eisenbahngeschützen.
Pasernrue  s.  Ersatzfaserstoffe-,  S.  180.
äpstlicher  Stuhl.  Gleich  in  den  ersten  Kriegswochen,
  20.  Aug.  1914,  starb,  79jährig,  Papst  Pius  X.;
zu  seinem  Nachfolger  wurde  der  Kardinal  Marchese
della  Chiesa  gewählt  (3.  Sept.),  der  als  Benedictus
  XV.  den  päpstl.  Thron  bestieg.  Seine  Stellung
wurde  durch  den  Eintritt  Italiens  in  den  Krieg  außerordentlich
  erschwert;  die  ital.  Spionenriecherei  machte
selbst  vor  seiner  Tür  nicht  halt,  wie  die  Ausweisung
(8.  Jan.  1917)  u.  Verurteilung  des  Geheimkämmerers,
des  deutschen  Kardinals  v.  Gerlach,  zu  lebenslängl.
Zuchthaus  (23.  Juni  1917)  und  die  Ausweisung  der
Gesandten  der  Mitlelmächte  beim  Vatikan  (24.  Mai
1915)  bewies.  Zum  Kardinalstaatssekretär  berief
Benedikt  XV.  den  Kardinal  Domenico  Ferrata  und
nach  dessen  baldigem  Tode  (10.  Okt.  1914)  den  Vorstand
  des  Ausschusses  für  kanonisches  Recht  Kardinal
Gasparri,  dessen  neues  corpus  juris  canonici  am
Ostersonntag  1917  in  Kraft  trat.
Der  Papst  machte  sich  außerordentlich  verdient  um
den  Austausch  der  dienstunbrauchbaren  Kriegsgefanenen,
  zu  dem  er  am  5.  Jan.  1915  die  Anregung  gab.
odann  war  die  Förderung  des  Friedens  Gegenstand
seiner  besonderen  Fürsorge.  Aus  der  großen  Zahl
seiner  hierauf  bezügl.  Unternehmungen  seien  angeführt:
  Ansprache  beim  Weihnachtsempfang  des  Kardinalskollegiums
  am  24.  Dez.  1914,  Erlaß  über  einen
Bittag  zur  Erflehung  des  Friedens  (10.  Jan.  1915),
Mahnung  an  die  kriegführenden  Völker  u.  ihre  Oberhäupier
  (28.  Juli  1915),  Sendschreiben  an  die  Oberhäupter
  der  kriegführenden  Völker  (1I.  Aug.  1917).
Letzteres  führte  zu  einer  deutsch-engl.  Fühlungnahme
durch  Vermittlung  des  Kardinalstaatssekretärs  u.  des
        <pb n="340" />
        310

Nuntius  Pacelli  in  München  im  Aug.-Sept.  1917;  die
deutsche  Regierung  0Prt  aber  eine  Umleitung  der  Verhandlung
  über  Spanien  vor,  wodurch  die  Friedensvermittlung
  des  Papstes  scheiterte.  England  wurde
der  erhöhten  diplomatischen  Bedeutung  des  Vatikans
1914  durch  Ernennung  eines  Gesandten  (Howard)
gerecht,  ebenso  1915  die  Niederlande.  Dagegen  erlangle
  Italien  bei  seinem  Beitritt  zum  Septembervertrag
  gegen  einen  Sonderfrieden  am  30.  Nov.  1915
die  Zusicherung  der  Entente,  daß  bei  den  künftigen
Friedensverhandlungen  der  Papst  nicht  zugezogen  und
die  »römische  Frage  nicht  verhandelt  würde.  Vgl.
A.  Strucker,  Die  Kundgedungen  Papst  Benedikts  XV.
zum  Weltfrieden  (Freib.  i.  Br.  1917).

Parakin,  serb.  Stadt  östl.  von  der  Morava,  wurde
4.  Nov.  1915  von  der  Armee  Gallwitz  eingenommen,
23./24.  Okt.  1918  nach  Durchbruch  der  deutsch-österr.
Stellung  von  den  Serben  erobert.

Paraguay.  Die  Stellung  P.s  im  Weltkrieg  ist
durch  seine  binnenländische  Lage  —  keine  Gefährdung
durch  den  Unterseebootkrieg"  —  und  seine  Pufserstellung
  zwischen  dem  neutralen  und  selbständigen  Argentinien
  und  dem  zur  Entente  übertretenden  und  von

kordamerika  abhängigen  Brasilien  bestimmt.  Daraus
erklärt  sich  die  Aufrechlerhaltung  seiner  Neutralilät,
auch  nach  dem  1.  Febr.  1917,  und  sein  Bestreben,
den  Weltkrieg  vom  südamerikan.  Kontinent  fernzuhalten,
  aus  dem  heraus,  natürlich  ohne  Erfolg,  am
20.  Febr.  1917  die  Regierung  den  Verein.  Staaten
einen  panamerikan.  Kongreß  zur  Beratung  eines
einheitlichen  Vorgehens  in  Fragen  der  internationalen
Politik  vorschlug.  Bgt  H.  Mangels,  Paraguay
(2.  Aufl.,  Freising  1920).

Paris.  Durch  das  Vorrücken  der  Armee  Kluck  sah
sich  die  Regierung  3.  Sept.  1914  zur  Flucht  nach  Bordeaux
  veranlaßt  und  kehrte  erst  8.  Dez.  nach  P.  zurück.
Von  deutschen  Luftschiffen  und  Flugzeugen  wurde  P.
des  öftern  angegriffen.  Während  der  Großen  Schlacht
in  Frankreich  1918  wurde  P.  durch  ein  deulsches  Ferngeschütz
  beschossen.  Vgl.  H.  Wram  Kriegsberichte  aus
P.  1914—17  (Lausanne  1918);  P.  1914—18,  Wahrnehmungen
  eines  Augenzeugen=  (Gotha  1919).

Pariser  Wirtschaftskonferenz,  Pariser  Tagungen
  vom  26.—28.  März  und  14.—17.  Juni  1916,
in  denen  die  Ententemächte  Frankreich,  England,  Rußland,
  Italien,  Japan,  Portugal,  Serbien,  Belgien  die
Herstellung  engerer  wirtschaftlicher  Beziehungen  der
alliierten  Mächte  untereinander  und  die  Durchführung
des  Wirtschaftskrieges  gegen  die  Mittelmächte
berieten.  Die  als  dauernd  geplanten  Maßnahmen  nach
dem  Kriege,  betr.  Unabhängigkeit  von  den  feindlichen
Ländern  mit  Bezug  auf  Rohstoffe,  verschärfte  bzw.  einseitige
  Zollbestimmungen  usw.,  erwiesen  sich  als  zweckwidrig
  und  undurchführbar.

Parlamentär,  im  Kriege  ein  mit  Mitteilungen
an  den  Feind  gesandter  Offizier,  durch  weiße  Fahne  erkenntlich,
  ist  nach  den  Bestimmungen  des  Völkerrechts
undeflnh  sofern  er  seine  Stellung  nicht  mißbraucht.

Parsevalluftschiff,  s.  Luftschiff.

Paschendaele,  belg.  Dorf  in  Westflandern,  20.—
22.  Okt.  1914  im  Rahmen  der  Schlacht  an  der  Yser
und  1.  Dez.  1914  bis  21.  April  1915  im  Stellungskrieg
  viel  umkämpft,  wurde  am  16.  April  1918  von
den  Deulschen  erobert.

Pasie  (Paschitsch),  Nicola,  serb.  Staatsmann,
geb.  1846  in  Zajekar,  Ingenieur,  1881  Führer  der
radikalen  Partei,  floh  1883  wegen  Teilnahme  an
einer  Verschwörung  gegen  König  Milan,  kehrte  1889

Paraèin  —  Peipussee

zurück,  war  1891—92  Ministerpräsident,  1893  —94
Gesandter  in  Petersburg,  dann  Bürgermeister  von
Belgrad,  wurde  nach  dem  Attentat  gegen  den  Exkönig
Milan  1899  wegen  Hochverrats  verurteilt,  auf  Berwendung
  Rußlands  begnadigt,  war  1904—07  Min.
des  Außern  und  Ministerpräsident  (seit  1906)  und
mit  geringen  Unterbrechungen  bis  März  1918.  Ziel
seiner  Politik  war  die  Gründung  eines  fslaw.  Balkan.
bundes,  die  Verdrängung  der  Türkei  aus  Europa  sowie
  die  Schaffung  eines  Grobserb.  Reiches  auf  Kosten
Osterreich-Ungarns.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Pasubio,  Monte,  Bergmassiv  (2236  m)  in  Südtirol,
  knapp  an  der  ital.  Grenze,  wurde  von  den  Italienern
  allmählich  zum  Schulterpunkt  der  ganzen  ital.
Gebirgsfront  gemacht;  seine  geschickte  Verteidigung
brachte  die  österreich.  Offensive  Sommer  1916  zum
Stehen.  Auch  Herbst  1916  und  Sommer  1917  war  der
P.  viel  umlämpft.

Patentrecht,  s.  Bd.  II,  S.  414ff.

„Pathfinder-,  engl.  Kreuzer,  der  als  erster  am
5.  Sept.  1914  einem  deutschen  U.  Voot  zum  Opfer  fiel
(vgl.  Bd.  I.  S.  255).

an,  Paul  Mary  Cesar  Gérald,  franz.  General,
  geb.  29.  Nov.  1848  in  Montelimar,  verlor  bei
Fröschweiler  (6.  Aug.  1870)  den  rechten  Arm,  1903
Divisionskommandeur,  1905  Führer  des  16.,  1906
des  20.  Armcekorps.  Mitte  Aug.  1914  war  P.  Kom.
mandant  einer  Armeegruppe  in  Belfort,  die  den  zweiten
  Vorstoß  ins  Elsaß  (Mülhausen)  durchführte,  dann
kurze  Zeit  Befehlshaber  der  Heeresgruppe  im  Osten
(1.  und  2.  Armee),  reiste  Febr.  1915  nach  Serbien,
Rußland,  Griechenland  und  Rumänien,  leitete  1916
die  russ.  Operationen  in  Bessarabien  und  befehligte
seit  Aug.  1917  wieder  im  Elsaß.

Payer,  Friedrich  von,  deutscher  Politiker,  geb.
12.  Juni  1847  in  Tübingen,  Rechtsanwalt,  1876
1917  M.  d.  R.  (Deutsche  Volkspartei)  und  1894  —
1912  der  württemb.  Zweiten  Kammer,  1895  deren
Präsident,  war  Nov.  1917  bis  9.  Nov.  1918  Bizekanzler
und  leitete  die  Demokratisierung  Deutschlands  ein.
1919  in  der  Nationalversammlung  Führer  der  demokrat.
  Fraktion,  legte  P.  die  Leitung  21.  Juni  nieder,
da  er  für  Annahme  des  Versailler  Friedens  eintrat.

Pearson,  Arthur,  engl.  Zeitungsbesitzer,  geb.
24.  Febr.  1866  in  Wookey  bei  Wells,  gründete  gegenüber
  der  Harmsworthpresse  (s.  Northeliffe)  1900
den  „Daily  Express=  als  Halfpennyblatt,  dann  -St.
James'  Gazette--,  „Birmingham  Daily  Gazette:,
„  Birmingham  Evening  Dispatch-,  --  Leicester  Evening
  News“,  »North  Mail«  und  Evening  HIlailr,
die  seiner  Kontrolle  unterstanden.  Im  Jahre  1901
erwarb  P.  den  -Standard-,  das  Hauptorgan  der  kon.
servativen  Parkei  u.  Joseph  Chamberlains,  und  bil.
dete  mit  seiner  Presse  längere  Zeit  ein  Gegengewicht
gegen  die  Organe  Northcliffes.

eck,  Philipp,  österr.-ungar.  Generaloberstabsarzt,
  bei  Kriegsausbruch  Chef  des  militärärzilichen
Ofsizierskorps  und  Vorstand  der  Sanitätsabteilung
im  Kriegsministerium,  wurde  Chef  des  Kriegssanitätswesens.
  In  Ausülbung  seines  Berufes  starb  P.7.  Febr.
1915  am  Flecktyphus.

Pegoud,  Adolphe  Célestin,  franz.  Flieger,  geb.
1889  in  Montferrat  (Dep.  Verch,  durch  kühne  Schlei.
fen-  und  Sturzflüge  bekannt  (Schaustellungen),  seit
Kriegsbeginn  an  der  Front,  Juli  1915  Unterleutnant,
wurde  31.  Aug.  1915  im  Kampf  mit  einem  deutschen
Flieger  über  Belfort  getötet.  (Truppen  erkänopft.

eipnssee,  wurde  im  März  1918  von  deutschen
        <pb n="341" />
        Pénétration  pacifigne  —  Perfien

Penétration  pacifigque  (franz.),  friedliche
Durchdringung-,  Bezeichnung  für  militär.  Maßnahnien
  zum  Schutz  der  Staatsangehörigen  in  fremden
Ländern  zwecks  Durchsetzung  polit.  und  wirtschaftl.
Interessen,  gemißbraucht  zur  Verschleierung  von  Einmischungen
  in  die  Verhältnisse  außereurop.  Länder  u.
Eroberungsabsichten.

Peralba,  Monte,  ital.  Gipfel  (2694  m)  der  Karnischen
  Alpen,  südlich  des  wichtigen  Hochalpljochs.
Die  heftigen  Kämpfe  um  diese  Einbruchsstelle  nach
Kärnten  Juni  bis  Aug.  1915  endeten  mit  dem  Siege
der  Osterreicher,  die  das  Massiv  des  P.  besetzten.

Periskop,  svw.  Sehrohr.

Peronne,  Arr.-Hauptst.  im  franz.  Dep.  Somme,
an  der  Somme  und  der  Bahn  Cambrai-Montdidier,
20.  Aug.  1914  vom  4.  Armeckorps  (1.  Armee)  genommen,
  7.  Okt.  1915  bis  23.  Juni  1916  Zentrum
der  Stellungskämpfe  der  2.  Armee,  dann  Brennpunkt
der  Sommeschlacht.  Die  Schlacht  bei  Albert-P.  22.
Aug.  bis  2.  Sept.  endete  mit  der  Aufgabe  v.  P.,  das,  inzwischen
  vollkommen  zerstört,  erst  24.  März  1918  von
den  Deutschen  wiedererobert  wurde.

Perrieèere,  Arnauld  de  la,  deutscher  Marineoffizier,
  1905  Oberleutnant  zur  See,  erfolgreicher
Kommandant  von  =  U  352.

Pershing,  John  Joseph,  amerikan.  General,
geb.  13.  Sept.  1860  in  Linn  County  (Aisonrhe,  1904—
1906  Militärattaché  in  Tokio  und  bei  Kurokis  Armee
in  der  Mandschurei,  1909—13  Militärgouverneur  auf
den  Philippinen,  1916  Führer  der  mexikan.  Expedition.
  1917  führte  P.  die  erste  Staffel  amerikan.
Truppen  nach  Frankreich,  befehligte  die  1.  amerikan.
Armee,  die  zuerst  Mitte  Juli  1918  an  der  Marne  eingesetzt
  wurde,  u.  zwang  die  Deutschen  Sept.  zur  Räumung
  von  St.  Mihiel.  Mitte  Okt.  1918  wurde  P.
Obers#uommandierender  der  amerikan.  Truppen  in
Frankreich.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Persien.  England  und  Rußland  schoben  auch
nach  Kriegsausbruch  in  den  vertraglich  vereinbarten
„Interessensphären=  ihre  Besapungstruppen  in  P.
immer  weiter  vor.  Die  finanzielle  und  militärische
Ohnmacht  erlaubte  dem  Lande  keinerlei  selbständige
Maßnahmen  dagegen.  Salar  ed  Dauleh  und  andere
Patrioten  traten  zwar  leidenschaftlich  für  Teilnahme
der  Schiiten  am  Heiligen  Kriege  (s.  Dschihäd)  ein,  doch
erklärte  der  Schah  Achmed  Mirza  vor  den  versammelten
  Medschlis  P.s  strikte  Neutralität.  Rußland  ließ
zugleich  im  Einverständnis  mit  England  seine  Truppen
  auf  die  Hauptstadt  losmarschieren,  doch  blieb  der
getäuschte  Schah  mit  seiner  Regierung  in  Teheran
zurück.  Am  6.  Dezember  errang  die  mit  Hilfe
deutscher  Offiziere  ausgebildete  Miliz  einen  glänzenden
  Erfolg:  die  von  Hamadan  vorgehenden  Russen,
die  den  Eigländern  bei  Bagdad  die  Hand  reichen
wollten,  wurden  zwischen  Hamadan  u.  Kaswin  unter
Verlust  von  1000  Toten  in  die  Flucht  geschlagen.
Sofort  stellte  die  Regierung  an  die  Entente  weitgehende,
  selbstverständlich  abgelehnte  Forderungen.
Ende  des  Jahres  hatten  die  Russen  Korun  und  Kosman
  besetzt,  sie  befanden  sich  auf  dem  Marsch  nach
Isfahan.  In  dem  völlig  zerrissenen  Lande  bestanden
nunmehr  drei  Regierungen:  je  eine  türkenfreundliche
in  Kum  u.  Kermanschah,  eine  ententefreundliche,  seit
25.  Dez.  wieder  von  dem  Premierminister  Prinz  Ferman
  Ferma  geführte  in  Teheran.  Doch  war  der
Entente  auch  dieses  Kabinett  nicht  zuverlässig  genug;
Rußland  u.  England  erzwangen  seinen  Rücktritt,  als
es  die  schwedische  Gendarmerie  vergrößerte,  statt  sie

311

aufzulösen.  Das  am  9.  März  1916  ernannte  Ministerium
  Senekhtar  entsprach  allenthalben  den  Wünschen
  der  Verbündeten.  England  u.  Rußland  trafen
mit  dem  neuen  Kabinett  am  1.  Mai  eine  Abmachung
über  die  finanzielle  Unterstützung  derpers.  Regierung:
Eine  gemischte  Finanzkommission  unter  Vorsitz  des
Belgiers  Heynsen,  des  pers.  Generalschatzmeisters,
sollte  die  Geldquellen  P.3  untersuchen,  ihren  Verbrauch
  überwachen  und  das  Budget  aufstellen  —  eine
neue  Bevormundung  des  geknebelten  Staates!  Dazdarauf
  am  6.  Aug.  zustande  gekommene  neue  rufss.=engl.-pers.
  Abkommen  unterschied  sich  vorteilhaft
von  dem  von  1907  dadurch,  daß  es  P.  als  gleichberechtigten
  vertragschließenden  Teil  anerkannte.  Sein
Inhalt  war  in  erster  Linie  die  Ersetzung  der  türkenund
  deutschfreundlichen  Gendarmerie  durch  eine  »nationale
  Armee,  deren  Ausbildung  im  Norden  die
Russen,  im  Süden  die  Engländer  übernehmen  sollten.
Die  Aufteilung  des  Landes  ging  unterdessen  weiter.
Am  26.  März  meldeten  die  Russen  die  Besetzung  von
Isfahan;  sie  drangen  von  hier  abermals  über  Kermanschahund
  Kasr.i-Schirin  gegen  Mesopotamien  vor.
Am  26.  Juni  eröffneten  sie  den  Betrieb  auf  der  Bahnstrecke
  Dschulfa-Teheran.  Die  pers.  Patrioten  hielten
  aber  im  ganzen  treu  zu  den  Türken;  der  Statthalter
  von  Luristan,  Nisam  er-  Saltaneh,  erklärte
egen  die  Ententemächte  den  Heiligen  Krieg  und
tellte  sich  an  die  Spitze  der  Nationalliga.  So  gewannen
die  Türken  mit  ihrer  6.  Armee  wieder  Boden,  am  10.
Aug-  nahmensie  Hamadan.  Die  Engländer  drangen  in
Süden  in  ihrer  Einflußsphäre  weiter  vor:  am  12.  Juni
besetzte  General  Sir  Percy  Syker  die  Stadt  Kirman,
wo  er  den  Deutschen  den  Weg  nach  Afghanistan  (s.  d.)
sicher  zu  verlegen  hoffte.  Persien  kämofte  die
deutsche  Jrakgruppe  (Stab  Löschebrand)  21.  Juli  1916
bis  30.  Jan.  1917  im  Rahmen  der  türk.  6.  Armee.
Im  Jahre  1917  hatte  P.  zweimal  die  Hoffnung
auf  Befreiung  aus  seiner  unhaltbaren  Lage:  Wilsons
Friedensnoten  ließen  auch  die  pers.  Patrioten  auf  diesen
  neuen  Beschützer  der  kleinen  Nationene  aufmerksam
  werden;  sie  baten  aber  vergebl.  um  seine  Einwirkung.
  Dann  kam  der  russ.-deutsche  Waffenstillstands.
vertrag,  der  die  sofortige  Räumung  des  pers.  Gebietes
durch  Russen  und  Türken  ausbedang.  Hier  war  mit
einem  Schlage  durch  die  Tat  wirkliche  Hilfe  gebracht.
P.  hoffte  nun  auf  einen  gleichen  Erfolg  Deutschlands
gegen  England.  Der  Schah  bildete  am  18.  Juni  ein
neues  Kabinett,  das  alsbald  von  Rußland  die  Aufhebung
  aller  erpreßten  Konzessionen  und  die  Beseitigung
  der  Kapitulationen  forderte.  In  der  Tat  erklärte
  Trotzki  am  29.  Jan.  1918  den  russ.-engl.  Vertrag
  von  1907  für  null  und  nichtig,  was  Anfang
Mai  auch  die  pers.  Regierung  tat.  Aber  England
setzte  im  nugist  doch  wieder  die  Ernennung  seines
Anhängers  Mostachar  ed-Dauleh  zum  Ministerpräsidenten
  durch;  die  Besetzung  von  Täbris  durchdie  Türken
  im  August  wurde  durch  deren  Zusammenbruch
bedeutungslos.  Die  auf  P.  hinzielenden  mitteleuropäischen
  Pläne  (im  Jan.  1918  war  in  Berlin  eine
deutsch-pers.  Gesellschaft  gegründet  worden)  verloren
ebenfalls  jede  reale  Bedeutung.  England  benutzte  den
Augenblick  unbestrittener  Vorherrschaft  durch  einen
Mitte  Aug.  1919  abgeschlossenen  Vertrag,  P.  unter
sein  Protektorat  zu  stellen:  Gegen  Gewährung  einer
Anleihe  wurden  die  persischen  Rinanzen  u.  Truppen
unter  engl.  Kontrolle  gestellt;  England  stellt  die  Instruktoren
  und  Waffen,  kein  anderer  Staat  darf  mehr
Beamte  nach  P.  entsenden.  Der  Vertrag  rief  Un-
        <pb n="342" />
        312

ruhen  in  Teheran  hervor,  die  den  Schah  zur  Abreise
nach  Europa  (5.  Olt.  in  Paris)  zwangen.

Bgl.  »P.  u.  der  europ.  Krieg«  (von  einem  pers.  Patrioten,
  Berl.  1915);  H.  Erdmann,  Im  Heil.  Krieg
nach  P.  (das.  1918);  -Dokumente  z.  Erdrosselung  P.  s«
(das.  1917);  Wilh.  Litten,  Persien.  Von  der  »Pé
nétration  pacifique:  zum  Protektorate  (das.  1920).

Perthes,  franz.  Gem.  in  der  Champagne,  Dep.
Marne,  war  seit  Ende  1914  Schauplatz  erbitterter
Kämpfe,  bes.  Jan.-Febr.  und  in  der  frz.  Herbstoffensive
  1915.  die  am  25.  Sept.  die  Front  bei  P.eindrückte.

Pertica,  Monte,  Berg  in  Oberitalien  (1522  m),
zum  Grappamassiv  gehörig,  wurde  nach  hartnäckigen
Kämpfen  Nov.-Dez.  1917  von  den  deutschen  u.  österr.=ungar.
  Truppen  erstürmt,  24.—  30.  Okt.  1918  von
den  Italienern  zurückerobert.

Perun.  Nach  dem  Sturze  des  Präsidenten  Bullinghurst,
  der  5.  Febr.  1914  nach  der  erfolgreichen  Revolution
  unter  Auguste  Durand  abgesetzt  und  am  18.
Febr.  verbannt  wurde,  übernahm  zunächt  der  Oberst
Bonavides  die  provisorische  Präsidentschaft,  bis  der
Kandidat  der  drei  großen  Mehrheitsparteien,  Josc
Pardo,  Mitte  Aug.  1915  die  Präsidentschaft  antrat.
Unter  ihm  war  P.  bestrebt,  trotz  dem  wirtschaftlichen
und  politischen  Drucke  der  Vereinigten  Staaten  möglichst
  neutral  zu  bleiben.  Die  außerordentlich  günstige
wirtschaftliche  Lage  des  Landes  —  die  Ausfuhr  von
16  Mill.  Pfd.  Sterl.  überwog  1916  die  Einfuhr  um
das  Doppelte!  —  ließ  die  Neutralität  auch  als  den
Interessen  des  Landes  am  nützlichsten  erscheinen.  Aber
dem  wachsenden  Druck  der  Verein.  St.  vermochie  P.
doch  nicht  dauernd  zu  widerstehen:  es  beschlagnahmte
am  2.  Okt.  1917  die  in  den  peruanischen  Häfen  liegenden
  deutschen  Schiffe  und  brach  am  9.  Okt.  die

iplomatischen  Beziehungen  zum  Deutschen  Reich  ab.
Einem  Generalstreik  im  Jan.  1919  machte  die  Regierung
  durch  winfchenn  des  Achtstundentags  ein
Ende.  Aber  Anfang  Juli  kam  es  doch  zum  Ausbruch
einer  Revolution.  Gleichzeitig  verschlechterten  sich
die  Beziehungen  zu  Chile  außerordentlich;  die  Schlich
tung  der  Streitigkeiten  mit  Ecuador  wurde  dem  Völkerbund
  vorbehalten.

Peétain,  Philippe,  franz.  General,  geb.  24.  April
1856  in  Cauchie-d-la-Tour  (Pas-  de-Calais),  1910
Oberst.  Mitte  1914  Führrr  der  4.  Inf.-Brig.,  Okt.
1914  kommand.  General  des  33.  Armeekorps,  führte
in  der  Herbstoffensive  1915  die  2.  Armee,  verteidigte
mit  Erfolg  Verdun,  wurde  Mai  1916  Komem.  des  franz.
Zentrums,  Mai  1917  Oberbefehlshaber  der  Nord=  u.
Nordostarmeen,  war  bis  zum  Kriegsschluß  Befehlshaber
  des  franz.  Heeres,  —*  März  1918  unter  dem
Oberbefehl  Fochs,  und  wurde  Nov.  Marschall.  —  Bild
s.  bei  S.  226.

Peter  I.  Petroviéc,  König  von  Serbien,
geb.  11.  Juli  1844  in  Belgrad,  wurde  durch  die  Mordnacht
  10./11.  Juni  1903  König.  Seine  infolge  Einflusses
  der  Königsmörder  schwierige  Stellung  ließ  ihn
seit  1908  wiederholt  an  den  Verzicht  auf  den  Thron
denken.  Um  die  Kriegshetze  zu  beendigen,  zwang  er
1909  den  Kronprinzen  Georg  (geb.  27.  Aug.  1887)
nach  einem  Roheitsakt  gegen  seinen  Kammerdiener
zum  Verlicht  auf  seine  Rechte,  worauf  sein  zweiter
Sohn,  Alexander  (geb.  4.  Dez.  1888),  Thronfolger
wurde.  In  dem  serb.--österr.  Konflikt  als  Vasall  Nußlands
  mehr  eine  passive  Rolle  spielend,  floh  er  nach
den  Niederlagen  seiner  Armeen  Nov.  1915  nach  Italien,
  ließ  sich  in  Korfu  nieder  und  kehrte  1918  zurück;
da  er  infolge  Altersschwäche  regierungsunfähig  ist,

Perthes  —  Photographie

führt  seit  1917  Kronprinz  Alexander  die  Regentscha“
als  Prinzregent.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Petersburg,  bis  1918  Hauptstadt  von  Rußland
(seitdem  Moskau).  Der  Name  St.  Petersburg  wurde
1.  Sept.  1914  in  die  slaw.  Bezeichnung  Petrograd
abgeändert.  P.  wurde  30.  Jan.  1917  von  dem  deutschen
  Luftschiff  L2  98  angegriffen.  —  über  die  politischen
  Ereignisse  in  P.  während  des  Krieges  und
nach  diesem  s.  Rußland.

Petit  Morin,  I.  Nebenfluß  der  Marne,  in  die  er
bei  La  Ferté  einfließt;  am  P.  kämpfte  6.—9.  Sept.
1914  die  2.  Armee  (Bülow)  in  der  Marneschlacht,
während  der  l.  Flügel  der  1.  Armee  (Kluch  am  Grand
Morin,  der  westlich  Meaux  in  die  Marne  mündet,
gegen  die  Engländer  kämpfte.

etljura,  ukrain.  General,  Führer  der  ukrainischen
Nationalisten  gegen  die  Bolschewisten,  eroberte  Aug.
1919  vorübergehend  Kiew.

Petrikau,  Stadt  in  Polen,  s.  Pctrokow.

Petrograd,  1.  Sept.  1914  eingeführte  slaw.  Bezeichnung
  für  Petersburg.

Petrökow  (Petrikan,  Piotrkow),  Hauptstadt
des  russ.-poln.  Gouv.  P.,  an  der  Bahn  Warschau-Wien,
  war  Dez.  1914  Schauplatz  schwerer  Kämpfe
und  wurde  16.  Dez.  von  den  Osterreichern  gestürmt.

Petroseny,  ungar.  Orc  in  Siebenbürgen,  strategisch
  wichtig.  Die  Rumänen  nahmen  P.  29.  Aug
1916,  mußten  es  19.  Sept.  räumen,  besetzten  es  26.
Sept.  wieder  u.  verloren  es  endgllltig  am  4.  Oktober.

Petold,  Alfons,  Kriegsdichter,  geb.  1882  in
Wien,  zuletzt  in  Gries  bei  Bozen,  Sozialdemokrat,
schrieb  die  Gedichte  Kriege  (Wien  1914),=  Volk,  mein
Volfk.  bo  1915;  darin  die  =  Soldatenbraut-)
und  Der  stählerne  Schreie  (Warnsd.  1916).

Pfalz.  Die  P.  feierte  30.  April  1916  ihre  100-jährige!
  ngehöriglett  zum  Königreich  Bayern.  Durch
Artikel  48  des  Friedensvertrages  von  Versailles  kam
der  südwestl.  Teil  der  P.  zum  Saarbecken.

Pfefferrücken  (Cöte  du  poivre),  langgestreckter
Höhenrücken,  nördlich  Verdun,  westlich  Douaumont,
26.  Febr.  1916  von  deutschen  Truppen  erstürmt.

Pfeil  eschosselliie  gerpfeile),aus  Flugsengen
abgeworfene  Stahlstäbchen  von  Bleistiftgröße.  Bgl.
»Luftkrieg«,  S.  156  sowie  Fig.  8  auf  Taf.  Kriegschirurgie
  II,  in  Bd.  II,  S.  301.

Pflenzer-Baltin,  Karl,  Freiherr  von,  österreich.-ungar.
  General,  geb.  1.  Juni  1855  in  Pecs
(Fünfkirchen),  1897  Oberst,  als  Feldmarschalleutnant
1907  Kommandeur  der  4.  Inf.-Div.  Brünn,  1911
Generalinspektor  der  Korps-Offiziersschulen,  trat
Juni  1914  zurück.  August  1914  als  Gen.  der  Kav.
an  die  Spitze  einer  Urmergenppegestelt.  zeichnete  sich
P.  durch  die  Verteidigung  und  Wiedereroberung  der
Bukowina  und  Abwehr  aller  russ.  Angriffe  gegen  die
bessarab.  Front  aus.  Im  Mai  1916  zum  Generaloberst
  u.  Befehlshaber  der  7.  Armee  ernannt,  nahm
P.  nach  der  Brussilow-Offensive  im  Sept.  seinen  Abschied.
  Juli  1918  wurde  P.  Oberbefehlshaber  in  Albanien.
  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  181.

Pfuel,  Kurt  von,  General  der  Kavallerie  z.  D.,
geb.  28.  Sept.  1849  in  Potsdam,  war  im  Kriege
1914/18  Vorsitzender  des  Zentralkomitees  der  deutschen
  Vereine  vom  Roten  Kreuz.

Phosgengas  (Kohlenoxychlorid),  s.  Gas-E
  und  Gasvergiftung.

otographie.  Die  von  Flugzeugen  und  Luft.
schiffen  aus  gemachten  Aufnahmen  haben  Vorzügliches
  für  die  Erkundung  geleistet;  unter  Verwendung
        <pb n="343" />
        Piano,  Monte  —  Plumer

von  Fernobjektiven  zeigt  die  P.  erheblich  mehr,  als
der  Flieger  unmittelbar  zu  sehen  vermag.  Die  Aufnahmen
  werden  in  einer  Rauchmeldepatrone  (s.  S.
166)  abgeworfen,  um  sofort  entwickelt  und  ausgewertet
  zu  werden.  Mittels  besonderer  Kanorama-=apparate
  hat  man  aus  der  Luft  auch  photographische
  Geländeausmessungen  bewerkstelligt.  Vgl.
Kinematographie.

Piano,  Monte,  Gipfel  der  Dolomiten  (2325  m)
an  der  ital.-tirol.  Grenze  (vgl.  Bd.  II,  S.  104),  war
Schauplatz  wechselvoller  Stellungskämpfe.

Piave,  Küstenfluß  in  Oberital.,  mündet  nordöstl.
von  Venedig  ins  Adriat.  Meer.  Mit  der  Erreichung
des  P.  fand  die  deutsch-österreichische  Offensive  in
Italien  11.Nov.  1917  ihren  Abschluß.  15.—  23.  Juni
1918  mißlang  der  übergang  der  11  zue  Armeen
  über  den  angeschwollenen  Fluß;  2.  Juli  stießen
die  Italiener  im  Mündungsgebiet  vor  und  zwangen
7.  Juli  die  Osterreicher  zur  vollständigen  Räumung
des  rechten  Ufers.  Vom  24.—29.  Okt.  1918  vollzog
sich  der  großangelegte  übergang  sämtl.  ital.  Streitkräfte
  sowie  der  allg.  Rückzug  der  österr.-ungar.  Armeen,
  dem  am  3.  Nov.  der  Waffenstillstand  folgte.

Pieve  di  Cadore,  Distriktshauptort  in  der  oberital.
  Prov.  Belluno,  am  oberen  Piave.  Das  dortige
befestigte  ital.  Lager  wurde  10.—12.  Nov.  1917  von
österr.-ungar.  Truppen  erobert.  II,  S.  104.

Pieve  di  Livinallongo,  Gem.  in  Südtirol,  s.  Bd.

Pikrinsäure,  s.  »Schieß-  u.  Sprengstoffee,  S.  173.

Pilica  (Piliza),  linker  Nebenfluß  der  Weichsel
in  Russ.-Polen.  Nach  der  Eroberung  der  Stadt  P.
30.  Nov.  1914  setzten  die  Osterr.  ihre  Offensive  an  der
P.  fort,  konnten  aber  bis  April  1915  keine  Entscheidung
herbeiführen.  Erst  die  Armee  Woyrsch  erzwang  Juli
den  Weichselübergang  zwischen  der  P.-Mündung
und  Kozienica.

Rilot,  svw.  Flugzeugführer,  s.  Flieger.

Pilsucki,  Josef,  poln.  Patriot,  geb.  1867  in  Zulow
  (Gouv.  Wilna),  wegen  eines  Anschlages  auf  den
Zaren  5  Jahre  in  der  Verbannung  in  Sibirien,  seit
1892  als  Sozialist  für  die  poln.  Arbeiterbewegung
tätig,  organisierte  seit  1908  poln.  Schützenscharen,
wurde  1914  Kommandant  der  I.  Brig.  der  von  OÖsterr.
gegr.  Polnischen  Legionen,  schied  1916  aus  dem
Heeresdienst  aus,  war  1917  im  poln.  Staatsrat  Leiter
  der  Heereskommission,  wurde  20.  Juli  als  Urheber
der  Eidesverweigerung  der  poln.  Legionäre  von  den
deutschen  Behörden  verhaftet,  in  Magdeburg  interniert
  und  Nov.  1918,  zum  poln.  Kriegsminister  ernannt,
  freigelassen.

Pinstk,  Kreisstadt  im  russ.  Gouv.  Minsk,  im  Gebiete
  der  Rokitno-Sümpfe,  kam  16.  Sept.  1915  in  den
Besitz  der  Bugarmee.

Pinzano,  Marktflecken  in  Oberital.,  Prov.  Udine,
am  Tagliamento.  Die  dortige  Brückenkopfstellung,
seit  31.  Okt.  1917  von  den  Italienern  hartnäckig
verteidigt,  wurde  3.  Nov.  von  der  Armee  Below  bezwungen.
  Vgl.  S.  116.

Pioniere,  Truppen  zur  Ausführung  schwieriger
techn.  Arbeiten  im  J—0.  wie  Bau  von  Vegn  und
Hindernissen,  überwinden  von  Wasserläufen,  Sprengund
  Minenarbeiten  u.  a.  m.  Weiteres  s.  Pionierwesene,
  Bd.  II,  S  266ff.

Piräus,  Hafen  von  Athen,  wurde  16.  Okt.  1916
von  engl.-franz.  Truppen  besetzt.  Vgl.  Griechenland.

Pirot,  Festung  und  Hauptstadt  des  serb.  Kreises
P.,  an  der  Nisava  und  der  -ahn  Sofia-Belgrad,
wurde  nach  schwerem  Kampf  27.  Okt.  1915  von  der

313

I.  bulgar.  Armee  erobert.  Am  15.  Okt.  1918  rückte
franz.  Kavallerie  in  P.  ein.

Nistole.  über  Selbstladepistolen  vgl.  Bd.  II,
S.  285  f.  Vgl.  auch  Leuchtpistole.

Pitesti  (rumän.  Pitesci)),  Stadt  in  der  Walachei,
  wichtiger  Eisenbahnknotenpunkt,  wurde  28.  Nov.
1916  vom  deutschen  Alpenkorps  genommen.  Südl.
von  P.  entwickelten  sich  dann  Teilgefechte  der  Schlacht
vor  Bukarest  (l.  d.).

Planig,  Edler  von  der,  Horst,  sächs.  General,
1904  Abteilungschef  im  sächs.  Kriegsmin.,  1905  Oberst,
1910  Generalmajor  und  Chef  des  Generalstabes  der
sächs.  Armee,  1913  Generalleutnant,  hatte  bedeutenden
  Anteil  an  dem  Erfolg  der  Sachsen  bei  Craonne
und  übernahm  April  1916  das  12.  Korps,  Nov.  1917
als  General  der  Inf.  das  25.  Reservekorps,  Dez.  1917
(bis  Juli  1918)  das  12.  Reservekorps.

Planwirtschaft,  zusammfass.  Bezeichnung  für  die
während  des  Maslersstllstandre  einsetzenden  Bestrebungen
  des  Reichswirtschaftsministeriums,  die  Erfahrungen
  der  organisierten  Kriegswirtschaft  und  die
Vorarbeiten  des  Reichskommissariats  für  die  übergangewirtschaft
  der  Organisation  und  dem  Aufbau

es  künftigen  deutschen  Wirtschaftlebens  (Ein=  und
Ausfuhr,  Verteilung  der  Rohstoffe  usw.)  nutzbar  zu
machen;  systematisch  ausgebaut  vom  Unterstaatssekretär
  Möllendorf  und  Minister  Wissel.  Vgl.  Deutsches
  Reich  sowie  Volkswirtschaft.

Plava,  Dorf  im  Görzischen,  am  Isonzo,  nördlich
von  Görz,  in  allen  Isonzoschlachten  heftig  umstritten.
wurde  erst  in  der  10.  Elacht  (16.  Mai  1917)  von
den  Italienern  erobert,  26.  Okt.  1917  von  den  österr.“
ungar.  Truppen  zurückgewonnen.

lehwe,  russ.  General,  führte  1914  die  5.  russische
Armee  (am  San),  wurde  später  Kommandeur  der
Nordfront,  starb  April  1916.

Plessen,  Hans  von,  Generaloberst,  geb.  26.  Sept.

1841  in  Spandau,  1892—1918  Komm.  des  kaiserl.
auptquartiers,  veranlaßte  Kaiser  Wilhelm  II.  zur
lucht  nach  Holland,  wohin  er  ihn  begleitete.

Plettenderg,  Karl,  Freiherr  von,  preuß.  General,
  geb.  18.  Dez.  1852  in  Neuhaus  bei  Wrn#har.
1899  Oberst,  1906  Div.-Komm.,  1910  Gen.  der  Inf.
und  Führer  des  9.  A.-K.,  1913—17  komm.  Gen.  des
Gardekorps,  mit  dem  er  erfolgreichen  Anteil  an  dem
Durchbruch  in  Galizien  (Mai  1915)  und  den  Kämpfen
um  Ppern  Nov.  1915  hatte.

Plewlje,  Stadt  in  Nordmontenegro,  östlich  von
Foka,  wurde  17.  Aug.  1914  von  der  österr.-ungar.  6.
Armee,  2.  Dez.  1915  von  der  Armee  Koevess  erobert.

Plöckenpaß  (ital.  Monte  Croce  Carnico;
1360  m),  wichtiger  übergang  in  den  Karnischen  Alpen
(vogl.  Bd.  II.  S.  105),  war  eins  der  am  heißesten  umkämpften
  Angriffsziele  der  Italiener,  die  trotz  starker
Angriffe,  namentlich  Sommer  und  Herbst  1915,  sich
nicht  der  Paßstraße  bemächtigen  konnten.  Bei  der
Okt.  1917  dort  einsetzenden  österr.-ungar.  Offensive
diente  der  P.  der  Armee  Krobatin  als  Aufmarschbasis.

Plossti  (rumän.  Ploesciij),  rumän.  Stadt  in
der  Walachei,  wurde  6.  Dez.  1916  von  deutschen
Truppen  genommen.

Plozk  (Ploch),  Hauptstadt  des  ruff.poln.  Gouv.
P.,  an  der  Weichsel,  Nov.  1914heftig  umstritten,  wurde
15.  Febr.  1915  von  der  Armeegruppe  Gallwiß  besetzt.

Plumer,  Sir  Herbert  Charles  Onslow,  brit.
General,  geb.  13.  März  1857,  1901  Oberst,  1904/5
Generalquartiermeister,  1908  Generalleutnant.  P.
befehligte  1915  das  5.  Korps  vor  Dpern  (St.  Eloi).
        <pb n="344" />
        314  Plüschow

später  bis  zum  Waffenstillstand  die  2.  brit.  Armee.
P.  verteidigte  den  Abschnitt  nordwestlich  DOpern  bis
Wytschaete-Messines,  drängte  Herbst  1918  die  Deutschen
  über  die  Schelde  und  war  nach  dem  Waffenstillstand
  Oberbefehlshaber  der  brit.  Besatzungstruppen.

Plüschow,  Günter,  deutscher  Kapitänleutnant,
im  Kriege  als  einziger  Flieger  in  Tsingtau  tätig,  gelangte
  nach  abenteuerlicher  Flucht  aus  engl.  Gefangenschaft
  Ende  1916  nach  Deutschland  zurück  und  wurde
Kommandeur  einer  Ostseeflugstation;  P.  schrieb:  =  Die
Abenteuer  des  Fliegers  von  Tsingtau=  (Berl.  1916).

Podgora,  Dorf  im  Görzischen,  am  Isonzo,  Kernpunkt
  der  österr.-ungar.  Brückenkopfstellung  von  Görz
und  Hauptziel  der  ital.  Angriffe  in  den  ersten  Isonzoschlachten,
  wurde  26.  Okt.  1917  von  den  Osterreichern
zurückgewonnen.  Vgl.  S.  108f.,  111.

Podolien,  westruss.  Gouv.,  wurde  Juli  1917  von
den  österr.-ungar.  Truppen  erreicht;  über  die  Podolische
  Platte  vgl.  Bd.  I,  S.  159.

Pogrom  (russ.,  Verwülstung.)  seit  der  russ.  Revolution
  1905  Bezeichnung  für  die  Judenverfolgungen,
  Plündcrungen  der  jüd.  Wohnungen  u.  Handelsniederlassungen
  in  Rußland.  Im  Weltkriege  wurden
bes.  in  den  Gouv.  Kowno,  Kurland  und  Suwalki  von
der  russ.  Heeresverwaltung  Pogrome  angeordnet,  die
mit  Ausweisung  sämtl.  Juden  begannen.  Die  Besehle
  richteten  sich  selbst  gegen  jüd.  Soldaten.

Pohl,  Hu  g  von,  deutscher  Admiral,  geb.  25.
Aug.  1855  in  Breslau,  gest.  23.  Febr.  1916  in  Berlin,
1894  Korv.-Kap.,  1899  Kreuzer-Komm.,  stürmte  bei
den  Boxerunruhen  in  China  als  Führer  der  deutschen
Abt.  des  internat.  Landungskorps  17.  Juni  1900  die
Takuforts  und  zog  18.  Aug.  in  Peking  ein.  Dann  im
Reichsmarineamt,,  seit  1903  Linienschiff-Komm.  führte
P.  1905  die  Geschäfte  des  zweiten  Admirals  des  ersten
Geschwaders,  wurde  1906  Konteradmiral  u.  Befehlshaber
  der  Aufklärungsschiffe,  1907  Vizeadmiral,  war
1907-  09  Insp.  der  Marineart.,  darauf  Chef  des  ersten
Geschwaders,  1913  Admiral  und  Chef  des  Admiralstabes
  und  übernahm  1915  die  Führung  der  deutschen
Hochseestreitkräfte.  Aus  seinem  Nachlaß:  =  Aus  Aufzeichnungen
  und  Briefen  während  der  Kriegszeit:
(BVerl.  1920).  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  250.

Pöhlberg,  Gipfel  in  der  Champagne,  nordöstlich
von  Reims,  war  in  der  franz.  Offensive  April  bis
Juli  1917  vielfach  umkämpft.  Vgl.  S.  86,  89.

Poiln  (franz.,  ebehaarte),  Pejeichnung  für  die
franz.  Soldaten  im  Felde.

Poincaré,  Raymond,  1913—20  Präsident  der
franz.  Rep.,  geb.  20.  Aug.  1860  in  Bar-le-duc  (Lothringen),
  Advokat,  1886  Kabineitschef  im  Ackerbaumin.,
  1887  Dep.,  1894  -95  Unterrichtsmin.,  1896
Zizepräs.  der  Kammer,  1903  Senator,  1906  Finanzmin.,
  1909  Miegl.  der  Akad.,  bildete  1912  nach  dem
Sturz  Caillaux'  ein  neues  Min.,  in  dem  er  neben  dem
Präsidentenposten  auch  das  Außere  übernahm.  Vom
20.—22.  Juli  1914  weilte  P.  zu  offiziellem  Staatsbesuch
  in  Rußlond;  am  29.  kehrte  er  wieder  nach  Dünkirchen
  und  Paris  zurück,  da  die  polit.  Lage  ihn  zwang,
seine  in  Christiania  und  Kopenhagen  geplanten  Besuche
  aufzugeben.  Seinem  Aufruf  an  das  frauz.  Volk
vom  1.  Aug.  1914  ließ  er  am  4.  die  Kriegsbotschaft  an
die  Kammer  folgen,  worin  er  Frankreich  als  das  Opfer
ienes  Angriffs  bezcichnete.  Seine  Präsidentschaft
wurde  ohne  Neuwahl  bis  Kriegsende  verlängert;  er
kandidierte  nicht  wieder  und  wurde  wieder  Anwalt,
Febr.  bis  Mai  1920  Vors.  der  Wiedergutmachungssommission.
  Er  veröff.:  „Idées  contemporaines-—

  Polen

(Par.  1916);  Etudes  et  figures  politiques  (daf.
197y;  „How  France  is  governed:  (das.  1913)  u.  a.
—  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  174.

Poelcappelle,  Dorf  in  Westflandern,  21.—28.Okt.
und  10.  Nov.  1914  im  Rahmen  der  Schlacht  an  der
Mer  und  24.  April  bis  3.  Mai  1915  in  den  Kämpfen
um  Ypern  umkämpft.

Polen.  Bereits  der  Kriegsausbruch,  dann  aber
die  Besetzung  P.s  durch  die  Mittelmächte  rollte  die
polnische  Frage  auf.  Rußland  versuchte  eine  Lösung
erst,  als  es  zu  spät  war.  Am  25.  Juni  1915  veröffentlichte
  der  „Russkoje  Slowo  einen  Artikel  über  die
Hauptpunkte  der  polnischen  Autonomie;  am  5.  Juli
trat  ein  russisch-polnischer  Nationalrat  unter  Goremykin
  zusammen.  Dieser  gab  am  1.  Aug.  in  der  Reichsduma
  das  feierliche  Versprechen  der  polnischen  Selbständigkeit.
  Die  Mittelmächte  traten  nach  langen  Verhandlungen
  am  5.  Nov.  1916  überraschend  mit  der
Proklamation  des  Königreichs  P.  hervor,  wogegen
die  Ententestaaten  Protest  (15.  Nov.)  erhoben.  Unter
Leitung  des  deulschen  Generalgouverneurs  v.  Beseler
in  Warschau  und  des  österr.  v.  Kuk  in  Lublin  ging  man
nun  an  die  Errichtung  des  neugeschaffenen  Staats.
wesens.  Am  9.  Nov.  erfolgte  der  Ruf  an  die  poln.
Nation  zu  den  Waffen;  der  sächs.  General  Barthwurde
mit  der  Ausbildung  der  Kaders  betraut  (21.  Nov.).
deren  Grundstock  die  poln.  Legionen  bilden  sollten,  die
am  I.  Dez.  in  Warschau  einzogen.  Am  13.Nov.  wurde
die  Wahlordnung  zum  Staateraterlassen  u.  ein  provisorischer
  Staatsrat  berufen.  Jan.  1917  wurde
v.  Niemojowski  Kronmarschall,  zu  seinem  Stellvertreter
v.  Mikulowsli-Pomorslki  ernannt  (15.  Jan.);  den  Vorsitz
  im  Staatsrat  übernahm  Suligowski.  Am  1.  Febr.
wurde  das  Organisationsstatut  des  Staatsrats  veröffentlicht
  und  der  Verfassungs=  und  Landtagsausschuß
  gewählt;  die  Aushebung  zum  Heere  wurde  neu

eordnet  (16.  März)  und  das  poln.  Hilfskorps  an  die

eneralgouverneure  übergeben.  Zum  Kommandanten
  der  Legionen  wurde  28.  April  Zielinski  ernannt.
Die  Mittelmächte  ließen  nunmehr  auch  ihre  poln.  Zivilgesangenen
  frei  (6.  April)  und  beriefen  eine  Landestagung
  für  innere  Angelegenheiten  nach  Warschau  ein
(13.  März).  Am  1.  Maiforderte  der  vorläufige  Staatsrat
  die  sofortige  Einsetzung  eines  Regenten  und  ciner
provisorischen  Regierung  wohl  in  Hinblit  auf  den
tags  darauf  eröffneten  poln.  Nation  alrat,  den  200
Delegierte  bildeten.  Der  Staatsrat  stellte  am  17.  Mai
vorläufig  seine  Tätigkeit  ein;  die  vertröstende  Antwort
  der  Mittelmächte  (8.  Juni)  stärkte  die  aktivistische
Opposition.  Bereits  Mitte  Mai  sprachen  mehrere  Deputalionen,
  bes.  aus  Bauernkreisen,  beim  Erzherzog
Karl  Stephan  vor,  ihm  die  poln.  Krone  anzutragen;
der  Polenklub  in  Krakau  forderte  am  28.  Mai  einen
Zugang  für  P.  zum  Meere  und  die  Vehandlung  der
poln.  Frage  als  eine  internationale  Frage.  Dann
verlangten  sämtliche  Parteien  in  Warschau  die  Vereinigung
  mit  Litauen;  die  Polnische  Sozialistische
Partei  (P.  S.  S.)  sprach  sich  Mitte  Juni  gegen  die
Errichtung  einer  Armee  und  für  den  Kampf  gegen
die  Mittelmächte  aus;  die  radikalen  Aktivisten  (Demokratische
  Union)  forderten  die  Errichtung  einer
poln.  Republik,  Pilsucki  u.  a.  Mitglieder  des  Staats.
rats  legten  am  24.  Juni  ihre  Mandate  nieder.

Diese  heftige  Opposition  hätte  nicht  so  groß  werden
  können,  wenn  die  Mittelmächte,  die  sich  um  die
sog.  austropolnische  Lösung  oder  die  Angliederung
Pes  an  Deutschland  stritten,  Über  ihre  Politik  in  P.
einmütig  gewesen  wären  und  wenn  die  Opposition  nicht
        <pb n="345" />
        Poljeßje  —  Polnische  Legionen

vom  Ausland  genährt  und  ermuntert  worden  wäre,
besonders  von  Rußland  her.  Nach  dem  Sturz  der
zarischen  Regierung  hatte  sich  am  20.  März  ein  poln.
Komitee  in  Petersburg  gebildet,  die  provisorische  russ.
Regierung  hatte  eine  poln.  Liquidationskommission
eingesetzt  und  deren  Statut  28.  März  bestätigt.  Nachdem
  damit  die  Selbständigkeit  P.s  anerkannt  war,
hatte  die  russ.  Regierung  am  29.  März  an  die  poln.
Nation  eine  Proklamation  erlassen  und  die  poln.
Reichsrat=  und  Dumaabgeordneten  ihre  erledigten
Mandate  (SI.  März)niedergelegt.  Der  vorläufige  poln.
Staatsrat  lehnte  allerdings  am  6.  April  eine  Einmischung
  der  russ.  Konstituante,  der  die  Lösung  der
Nationalitätenfrage  übertragen  wurde,  ab,  aber  die
poln.  Gegenbewegung  in  Nußland  ging  weiter;  eine
Tagung  poln.  Heeresangehöriger  beschloß  am  19.  Juni
die  Errkchmme  einer  poln.  Armee.  Auch  in  Frankreich
setzte  eine  Gegenbewegung  ein;  die  Franzosen  errichtelen
  am  4.  Juni  unter  General  Haller  polnm.  Legionen
unter  poln.  Flagge  und  französischem  Kommando.
Auch  im  neutralen  Ausland  erregte  die  poln.  Frage
immer  stärker  die  öffentliche  Meinung,  so  fand  16.
bis  20.  Mai  in  Stockholm  ein  poln.  Kongieß  statt.

Unbeirrt  durch  alle  Quertreibereien  (22.  Juni  chliebungder
  Warschauer  Hochschulen)  gingen  unterdessen
die  Mittelmächte  ihren  Weg  weiter;  gKn  nahmen  seit
2.  Juli  die  Mitwirkung  der  provisor.  Regierung  bei  der
Behandlung  der  Lebensmittelfrage  in  Anspruch  und
übertrugen  ihr  die  Verwaltung  von  Kirche  und  Schule.
Der  Staatsrat  beschloß  am  4.  Juli  eine  Vermögenssteuer
  und  setzte  die  Eidesformel  für  die  poln.  Legionen
fest.  überraschenderweise  verweigerte  aber  die  Mehrzahl
  der  Legionäre  am  9.  Juli  den  Eid.  Die  Eidesverweigerer,
  darunter  der  Legionskommandant  Pilsucki,
  wurden  verhaftet.  Am  27.  Aug.  legte  der  Staatsrat
  sein  Amt  nieder,  weil  General  v.  Beseler  das  aus
österr.-ungar.  Staatsangehörigen  gebildete  polnische
Schützenkorps  der  österr.  Wehrmacht  zur  Verfügung
stellte.  Dennoch  übergaben  die  Mittelmächte  am
1.  Sept.  auch  das  Justizwesen  an  die  poln.  Selbstverwaltung
  und  am  12.  Sept.  schritten  sie  zur  Errichtung
eines  aus  dem  Erzbischof  Kakowsli,  dem  Fürsten  Lubomirski
  u.  dem  Grafen  Ostrowsli  bestehenden  Regentschaftsrats
  für  alle  Verwaltungszweige.  Nachdem
am  1.  Olt.  auch  das  Schulwesen  übergeben  worden  war,
wurde  Jan  v.  Kucharzewski  am  20.  Nov.  als  erster
poln.  Ministerpräsident  bestätigt.  Er  forderte  überweisung
  des  Heeres  an  den  Regentschaftsrat,  Bildung
eines  Kriegsministeriums,  Rekrutenaushebung  und
Rückberufung  des  poln.  Hilfskochs.

Am  12.  Febr.  1918  trat  das  Ministerium  Kucharzewsti
  zurück,  weil  der  Friede  zu  Brest  Litowst  das
Cholmer  Gebiet  der  Ukraine  zusprach.  Das  ihm  folgende
  altivistische  (deutschfreundliche)  Ministerium
Steckowskierlitt  bei  den  Staatsratswahlen  eine  Niederlage
  und  trat  am  5.  Sept.  zurück  Bereits  seit  langem
verärgert,  glitt  P.  nach  dem  deutschen  Waffenstillstandsgesuch
  vollständig  ins  Ententelager  über:  selbst
der  Regentschaftsrat  forderte  jetzt  P.s  historische  Grenzen,
  und  während  die  Soldatenräte  Posens  die  ganze
Provinz  den  Polen  in  die  Hände  spielten,  räumten
die  deutschen  Besatzungstruppen  das  Land.  Nachdem
am  13.  Dez.  die  poln.  Regierung,  an  deren  Spitze  alsbald
  der  Pianist  Paderews#ki  (bis  Ende  Nov.  1919)
trat,  die  diplomatischen  Dziehungen  zu  Deutschland
abgebrochen  hatte  und  die  laut  Waffenstillstandsvertrag
  durch  Deutschland  nach  Posen-P.  beförderten  Legionen
  Hallers  die  poln.  Wehrmacht  außerordentl.  ver-315



stärkt  hatten,  trat  zwischen  den  deutschen  Freiwilligentruppen
  unter  Hindenburg  und  den  Polen  Kricgszustand
  ein,  der  nur  hurch  Pestlenumg  einer  Demarkationslinie
  durch  die  Entente  verschleiert  wurde.  1.  Olt.
1919  wurden  die  Streitigkeiten  mit  Deutschland  durch
Vertrag  beigelegt,  die  schwebenden  Beamtenfragen
regelte  ein  Vertrag  vom  9.  Nov.  1919.  Dez.  wurde
ein  Kabinett  Skulski  gebildet.

Vgl.  H.  F.  Helmolt,  Die  bieersenstelune  P.s.
(Gotha  1917);  W.  Feldmann,  Geschichte  der  politischen
  Ideen  in  P.  seit  den  Teilungen  (1795  bis
1814;  Münch.  1917);  H.  Praesent,  Bibliographischer
  Leitfaden  für  P.  (Berl.  1917);  H.  Jaenicke,
Die  Geschichte  P.3  (das.  1918);  -Handbuch  von  P.=(hrsg.
  vom  deutschen  Generalgouv.  Warschau,  das
1917);  P.  Roth,  Die  polit.  Entwicklung  in  Kongreßpolen
  während  der  deutschen  Okkupation  (Leipz.  1919).

Poljeßje,  das,  Sumpfgebiet  in  Rußland,  s.  Bd.  1,
S.  154  sowie  Rokitno-Sümpfe.

Poliwanoff,  russ.  General,  bei  Kriegsausbruch
Korpsführer,  war  Juni  1915  bis  März  1916  als
Nachfolger  Suchomlinoffs  Kriegsminister  und  befehligte
  im  April  1916  die  Armee  im  Strypaabschnitt.

Polnische  Legionen,  militärische  Verbände  von
Freiwilligen  poln.  Nationalität,  die  im  Kriege  unter
dem  Oberbefehl  der  österr.-ungar.  Heeresleitung  zum
Zwecke  der  Befreiung  Polens  vom  russ.  Joche  von
poln.  Patrioten  in  Galizien  ins  Leben  gerusen  wurden.
  Entstehung  und  Organisation  der  p.  n  L.  in  ihrer
letzten  Gestalt  fallen  in  den  Beginn  des  Weltkrieges,
doch  lassen  sich  die  Anfänge  bis  in  das  Jahr  1894
verfolgen,  als  der  Herausgeber  der  **!  sozialist.  Zeit.
schrift  -„Kabotnike,  Josef  Pilsucki,  zur  Bildung  bewaffneter
  Freikorps  aufrief.  Später  (1908),  als  ein
Krieg  der  Donaumonarchie  gegen  Rußland  drohte,
gewann  Pilsucki  in  Lemberg  einen  großen  Teil  der
poln.  Studentenschaft  für  seine  Ideen  und  begründete
  den  Verband  des  tätigen  Kampfes“  mit
militär.  Organisation.  Die  Bewegung  wurde  von
der  österr.  Regierung  unterstützt  (Errichtung  von  Offiziers=
  und  Unteroff.-Schulen,  militär.  Ausbildung
durch  Instruktoren).  Während  der  Balkankriege  1912
und  1913  strömten  den  neuen  Formationen  viele
Freiwillige,  namentlich  aus  den  Reihen  der  poln.
Prundbctger,  u  und  gleichzeitig  griff  die  nationale
Bewegun  auck  auf  Russ.-Polen  und  Litauen  über.
Durch  freiwillige  Beiträge  und  Sammlungen  flossen
dem  nationalen  Komitee  reichliche  Mittel  zu.  Waffen
und  Munition  wurden  von  der  österr.  Regierung
kostenlos  zur  Verfügung  gestellt.  Nach  Ausbruch  des
Krieges  Überschritt  Pilsucki  an  der  Spitze  einiger
Schützenverbände  6.  Aug.  1914  die  russ.  Grenze  und
lieferte  den  russ.  Aufklärungsabteilungen  einige  glückliche
  Vorpostengefechte.  Dies  bot  den  poln.  Patrioten
den  Anlaß  zur  Gründung  des  -Obersten  National-Komitees.
  (10.  Aug.  1914),  in  dem  sich  Polen
aller  Parteirichtungen  zum  Kampfe  gegen  Rußland
zusammenschlossen.  Ursprünglich  gab  es  zwei  Legionen,
  und  zwar  die  westliche  (Sitz  Krakau)  und  die  östliche
  (Sanok).  Beide  Legionen  verschmolzen  20.  Sept.
1914  zu  einer  Truppe.  Im  Laufe  der  ersten  Kriegsmonase
  serönnen  den  p.  n  L.  Freiwillige  aus  aller
Herren  Ländern,  insbesondere  Überläufer  aus  Russ.=Polen,
  zu.  Kommandant  wurde  FML.  d.  R.  Karl
Durski  von  Trzasko;  Pilsucki,  urspr.  Kommt.  des
ersten  Reg.,  erhielt  bald  darauf  die  erste  Brigade.
1916  bestanden  die  p.n  L.  aus  4  Reg.  Inf.,  8  Schwadronen,
  2  Art.-Div.  und  einem  Sappeur-Bat.  Die
        <pb n="346" />
        316

p.n  L.  wurden  von  der  österr.ungar.  Heeresleitung
auf  allen  Teilen  des  russ.  Kriegsschauplatzes  verwendet
  (Weiteres  s.  Polen).

(Pommern,  deutsches  Linienschiff,  sank  in  der
Seeschlacht  am  Skagerrak;  vgl.  Bd.  II,  S.  253.

Ponape,  wichtigste  Insel  der  deutschen  Karolinen,
kam  7.  Okt.  1914  in  japan.  Besitz.

Pont-a-Mousson,  Garnisonstadt  im  franz.  Depart.
  Meurthe-et-Moselle,  an  der  Mosel  und  der  Bahn
Nancy-Metz,  war  mit  Umgebung  8.—10.  Sept.  und
Dez.  1914  bis  April  1915  heiß  umstritten.

Ponton,  Schwimmkörper  als  Träger  für  Schiffbrücken
  (Pontonbrücken),  ein  Boot,  zuweilen  in
zwei  Halbpontons  zerlegt,  die  für  den  Gebrauch
zusammengesetzt  werden.  Vgl.  Bd.  II,  S.  276.

Poraschenniki  (russ.,  „Freunde  der  Niederlage.),
  russ.  Parteirichtung  im  Kriege,  die  von  der
Niederlage  des  Zarentums  die  Revolution  erhoffte.
Hauptvertreter  des  Poraschennikismus  waren  die
Maximalisten  (Bolschewisten,  s.  Bolschewismus).

Portion,  eiserne,  im  Kriege  Mundverpflegung
für  Soldaten  auf  2—3  Tage,  auf  die  nur  im  Notfall
auf  bes.  Befehl  zurüchgegriffen  werden  durfte,  bestand
aus  einer  Büchse  Fleischkonserven,  drei  Büchsen  Kaffee,
einem  Salzbeutel,  einem  Paket  Gemüsekonserven  und
einem  Päckchen  Zwieback.

Portugal.  Die  geographische  Lage  wie  die  Entwicklung
  des  Landes  hatten  P.  seit  langem  völlig  in
die  Arme  Englands  getcrieben,  seit  dem  Umsturz  von
1910  war  P.  reiner  Vasallenstaat  Englands  geworden.
Das  hinderte  England  indessen  nicht,  mit  dem  Deutschen
  Reich  1914  einen  Kolonialvertrag  über  die  Aufteilung
  der  portug.  Kolonien  abzuschliesten.  Natürlich
wurde  dieser  Vertrag  mit  Ausbruch  des  Krieges  hinfällig,
  in  dem  P.  sofort  auf  Englands  Seite  trat,
wenn  auch  die  formelle  Kriegserklärung  erst  wesentlich
  später  erfolgte.  P.  erklärte  zunächst  seine  Neutralität,
  aber  schon  am  24.  Nov.  nahm  der  Kongreß
einstimmig  (1)  einen  Gesetzentwurf  an,  durch  den  die
Regierung  ermächtigt  wurde,  auf  Grund  des  Bündnisses
  mit  England  in  der  am  geeignetsten  erscheinenden
  Weise  einzugreifen  und  hierzu  die  erforderlichen
Maßnahmen  zu  tressen.  Auf  Grund  dieser  Ermächtigung
  wurden  am  5.  Dez.  Vorkehrungen  zur  Mobilmachung
  einer  Division  angeordnet,  am  7.  Dez.  trat
das  Ministerium  Machado  zurück,  und  Coutinho  bildete
  ein  neues  Kabinett.  Im  Jan.  1915  sprach  die
Kammer  der  Regierung,  der  eigenen  wie  der  engl.  ()
Armee  und  Flotte  ihr  Bertrauen  aus  und  bewilligte
weitere  7,2  Mill.  für  Kriegsmaterial.  Vorerst  zwang
aber  eine  Militärrevolte  in  Lissabon  (19./20.  Jan.)
und  der  übertritt  der  demokratischen  Partei  zur  Opposition
  am  24.  die  Regierung  zum  Rücktritt;  General
Pimento  de  Castro  bildete  am  28.  Jan.  ein  neues
Kabinett,  das  1.  Febr.  die  Einstellung  der  Mobilisierung
  verfügte.  Sie  begegnete  aber  soheftigersepposition,
  daß  ich  eine  neue  Krise  entwickelte.  Am  14.
Mai  brach  in  Lissabon  unter  Führung  von  Alvaro
Castro  und  Kapitän  Rego  eine  von  Heer  und  Flotte
ausgehende  offene  Revolution  der  Radikalen  gegen
die  konservaliven  Republikaner  aus,  in  deren  Verlauf
  der  Ministerpräsident  gefangengenommen  wurde.
Der  neue  Ministerpräsident  João  Chagas,  Führer
der  Freimaurer,  erlag  am  19.  Mai  einer  durch  ein
Revolverattentat  des  Senators  Joäo  Freitas  am
17.  Mai  erlittenen  Verwundung.  Am  27.  Mai  trat
darauf  der  Präsident  Arriaga  zurück,  und  am  29.
wurde  Theophile  Braga,  der  bereits  1910/11  pro-Pommern

  —  Potiorek

visorischer  Präsident  gewesen  war,  zum  Präsidenten
der  Republik  gewählt.  Da  sich  bei  der  am  7.  Aug.
nötig  gewordenen  Präsidentenwahl,  weil  Braga  gesetzmäßig
  nur  als  provisorischer  Präsident  gelten
konnte,  die  Opposition  der  Wahl  enthielt,  konnten  die
Demokraten  ihren  Kandidaten  Bernardino  Machado
durchdrücken.  Ende  August  kam  es  in  Nordportugal
zu  einem  neuen  Monarchistenaufstand.  Ministerpräsident
  Costa  erklärte  3.  Dez.  P.3  moralische  Solidarität
mit  England.  Amt  23.  Febr.  1916  wurde  die  portugies.
  Flagge  auf  den  im  Tajo  liegenden  37  deutschen
Schifsen  (270000  t)  Khißt  Die  deuische  Regierung
brach  am  9.  März,  Osterreich-Ungarn  14.  März  die
Beziehungen  ab.  P.  ließ  seine  Truppen  in  Ostafrika
gegen  Lettow-Vorbeck  vorgehen,  erntete  hier  aber  keinen
  Ruhm  (vgl.  S.  122f.).  An  der  Westfront  traten
portugies.  Divisionen  bei  Reims  auf.  Am  7.  Dez.  sahen
die  Portugiesen  den  Feind  in  den  eigenen  Gewässern,
als  ein  deutsches  U.  Boot  in  den  Hafen  von  Funchal
auf  Madeira  eindrang.  Die  Stimmung  im  Lande  war
aber  nicht  kriegslüstern,  im  Dez.  1916  kam  es  sogar
zum  offenen  Aufruhr.  Am  8.  Dez.  1917  wurde  der
frühere  Gesandte  in  Berlin  Sidonio  Paes  Ministerpräsident
  und  am  28.  April  1918  Präsident  der  Republik,
  doch  wurde  er  am  16.  Dez.  von  radikalen  Fanatikern
  ermordet.  Im  Januar  1919  griff  ein  neuer
monarchistischer  Aufstand  im  Norden  (mit  dem  Mittelpunkt
  in  Oporto)  auch  nach  Lissabon  Über;  nach  tagelangen
  erbitterten  Kämpfen  obsiegten  aber  die  Republikaner.
  Im  März  1919  kam  es  zu  bolschewistischen
Unruhen  in  Lissabon.  Am  8.  Aug.  1919  wählte  der
Kongreß  den  Arzt  und  Gründer  der  Evolutionistenpartei,
  Antonio  José  d'Almeida,  der  1917  Ministerpräsident
  gewesen  war,  zum  Präsidenten  der  Republik.

Poscharewat,,  serb.  Kreisstadt  östl.  der  Morawa.
Die  serb.  Hauptstellung  bei  P.  wurde  14.  u.  15.  Okt.
1915  von  den  Verbündeten  (Armee  Gallwitz)  durch
Umfassung  bezwungen.  Am  29.  Okt.  1918  rückten
serb.  Truppen  wieder  in  der  Stadt  ein.

Posina,  Alpental  in  Oberitalien,  vom  Borcolapaß
  bis  Arsiero,  war  Mai  u.  Juni  1916  Schauplatz
erbitterter  Kämpfe.  Trotz  anfängl.  Erfolge  gelang  es
den  österr.  ungar.  Truppen  nicht,  die  südl.  des  P.tals
vorgelagerten  Höhen  zu  bezwingen;  Juli  1916  mußten
  sie  das  P.kal  räumen.

Post.  über  die  Feldpost  vgl.  S.  169ff.

Postranb.  Um  den  deutschen  Handel  zu  schädigen,
  griff  England  auch  seit  Dez.  1915  planmäßig
zum  P.;die  engl.  u.  franz.  Seebehörden  gingen  erst
nur  gegen  den  überseeischen  Paketverkehr,  dann  aber
gegen  den  gesamten  Postverkehr  vor.  Die  Statistik
des  Jahres  1916  z.  B.  ergibt  für  den  P.  auf  neutralen
  Schiffen  durch  Engländer  und  Franzosen  30000
von  u.  22000  nach  Deutschland  bestimmte  Briefsäcke.

Postscheckverkehr,  s.  Zahlungsverkehr.

Potiorek,  Oskar,  österr.-ungar.  Feldzeugmeister.
gebe  1853  in  Bleiberg  (Kärnten),  1892  Oberst  im

eneralstab,  1902  Stellvertr.  des  Chefs  des  Generalstabes,
  1903  FML.,  1907  Komm.  des  8.  Korps  und
kommand.  General  in  Graz,  1908  Feldzcugmeister,
1910  Armee-Inspektor,  1911  Chef  der  Landesreg.
für  Bosnien  und  die  Herzegowina,  Juli  1914  Ober.
omm.  der  Balkan-Streitkräfte  (5.u.  6.  österr.-ungar.
Armee).  Nach  anfängl.  Erfolgen  endeten  die  Operationen
  gegen  die  Serben  Dez.  1914  mit  der  Aufgabe
Belgrads  durch  die  österr.-ungar.  Armeen  und  mit
dem  Rückzug  auf  bosn.  Gebiet,  worauf  P.  seines  Kommandos
  enthoben  wurde.
        <pb n="347" />
        Pour  le  mérite  —  Preußen

PFour  le  mérite  (franz.,  für  das  Verdienste),
preuß.  Orden,  s.  Kriegsorden,  Bd.  I,  S.  355.

Pourtaleès,  Friedrich,  Grafvon,  deutscher  Diplomat,
  geb.  24.  Okt.  1853  in  Oberhofen,  1908—14
Botschafter  in  Petersburg,  schrieb:  -Am  Scheidewege
zwischen  Krieg  und  Frieden-  (Berl.  1919).

Pozarevarc,  serb.  Stadt,  s.  Poscharewatz.

Pozieres,  Ort  im  franz.  Dep.  Somme,  war  einer
den  Hauptkampfpläge  in  der  Sommeschlacht;  vgl.
:  14#  80

Prahovo,  Gemeinde  in  Serbien,  am  rechten  Donauufer,
  wo  23.Okt.  1915  die  Orsovagruppe  der  deutschen
  Armee  Gallwitz  sich  mit  dem  Nordflügel  der  bulgar.
  Armee  Bojadschijeff  vereinigte  u.  die  unmittelbare
Verbindung  zwischen  Ungarn  u.  Bulgarien  herstellte.

Predealpaß,  strategisch  wichtiger  Gebirgspaß  in
den  siebenbürg.  Karpathen  (vgl.  Bd.  II,  S.  141),  wurde
von  den  Numänen  Okt.  u.  Nov.  1916  erfolgreich  gegen

die  Verbündeten  (Teile  der  9.  Armee  Falkenhayn)

verteidigt.  Am  17.  Nov.  gelang  der  Durchbruch  durch
die  rumän.  Linien.

Preisbildung,  s.  Volkswirtschaft.

Preisprüfungsstellen,  durch  Bundesratsverordnung
  vom  25.  Sept.  1915  errichtete  Vehörden  mit
dem  Zwecke,  den  Gemeinden,  Kommunalverbänden
und  Landeszentralbehörden  erweiterte  Befugnisse  zur
Regelung  der  Preise  von  Gegenständen  des  täglichen
Bedarfs=  in  die  Hand  zu  geben.

Preistreiberei.  über  die  Maßnahmen  gegen  P.
s.  Bd.  I.  S.  428.

Prespasee,  See  in  Mazedonien,  südwestlich  von
Monastir.  Das  Gebiet  um  den  P.  war  bes.  1917  der
Schauplatz  wechselvoller  Kämpfe.  Vgl.  S.  90.

Presse.  über  die  Aufgaben  der  P.  ihre  wirtschaftl.
Entwicklung  im  Kriege  usw.  s.  Bd.  I.  S.  349  f.,  über
die  P.  unserer  Gegner  Bd.  II,  S.  330  ff.  sowie  841  ff.—
Den  bes.  Bedürfnissen  der  Kriegsberichterstattung  usw.
diente  das  der  Obersten  Heeresleitung  unterstehende
Kriegspresseamt  (s.  d.).  In  Osterreich  bestand  von
Kriegs#afang  an  ein  Kriegspressehauptquartier.
  Um  die  staatlichen  deutschen  Presseeinrichtungen
einheitlicher  und  wirksamer  zu  gestalten,  wurde  Sept.
1917  der  Reichspressedienst  neu  geordnet.  Jede  Reichszentralbehörde,
  zunächst  das  Ausw.  Amt,  das  Reichsamt
  des  Inn.  und  das  Reichswirtschaftsamt,  erhielt
eine  Presseableilung  mit  der  Aufgabe,  die  Presse  jederzeit
  über  die  bedeutungsvollen  Arbeilen  u.  Maßnahmen
  der  betr.  Behörde  zu  unterrichten;  eine  Ventralstelle
  erhielt  die  Reichskanzlei  (erster  Leiter:  Braun).
Febr.  1920  wurde  der  Reichspressedienst  abermals  neu
ausgebaut.

eußen.  Die  von  Bismarck  dem  Königreich  P.
gegebene  überragende  Stellung  im  Reich  trat  im  Kriege
noch  schärfer  hervor  als  im  Frieden.  Gerade  kurz
vorm  Kriege  hatten  sich  in  P.  Tendenzen  zur  Verstärkung
  und  Erhaltung  dieses  übergewichts  entwickelt:
  18.  Jan.  1914  war  ein  Preußentag  in
Berlin  abgehalten  worden,  auf  dem  es  zu  Ausfällen
  gegen  Bayern  kam,  und  das  Herrenhaus  hatte
einen  Antrag  enr  angenommen,  die  Regierung
zu  veranlassen,  darauf  hinzuwirken,  daß  der  Stellung
P.s,  auf  die  es  der  Geschichte  und  seinem  Schwerewichte

  nach  Anspruch  hätte,  nicht  durch  Verschiehung
  der  staatsrechtlichen  Verhältmisse  zu  ungunsten
der  Einzelstaaten  Abbruch  geschähe.  Einem  Versuch,
  diese  überragende  Stellung  in  direkte  Einflußnahme
  auf  die  Reichsregierung  zu  verwandeln  (als
das  Abgeordnetenhaus  in  seiner  Haushaltkommission

Posener  Erzbistums  14.  Aug.  1914  mit

317

am  9.  Febr.  1917  den  Unterseebootkrieg  forderte),
trat  der  Neichskanzler  durch  die  „Norddeutsche  Allgemeine
  Zeitunge  scharf  entgegen,  worauf  das  Abgeordnetenhaus
  am  16.  Febr.  auf  die  Behandlung
auswärtiger  Fragen  zu  verzichten  beschloß.  Die  Bedeutung
  "6  für  das  Reich  sprach  sich  am  deutlichsten
in  der  ungünstigen  Rückwirkung  des  Streites  um  die
preuß.  Wahlreform  auf  die  inneren  Verhältnisse
im  Reich  aus.  Am  12.  Juni  1915  lehnte  das  Abgeordnetenhaus
  einen  sozialdemokratischen  Antrag
auf  Behandlung  der  Wahlrechtsvorlage  ab;  am  13.
Jan.  1916  kündigte  eine  Thronrede  die  Durchführung
  der  Reform  an,  am  14.  Febr.  1917  verschob
der  Minister  des  Innern  die  Ausführung  dieses  Versprechens
  auf  die  Zeit  nach  dem  Kriege,  ebenso  sprach
sich  der  Ministerpräsident  noch  am  14.  März  aus;
wenige  Wochen  später,  am  7.  April  1917,  befahl  der
Ostererlaß  des  Königs  die  baldige  Durchführung
der  Reform  an;  für  ein  Klassenwahlrecht  sei  kein  Platz
mehr,  das  Herrenhaus  solle  in  weiterem  und  gleichmäßigerem
  Umfange  als  bisher  aus  den  verschiedenen
Kreisen  und  Berufen  des  Volkes  führende,  durch  Ach  «
tung  der  Mitbürger  ausgezeichnete  Männer  in  seiner
Mitte  vereinen.  Am  9.  Juli  1917  fand  ein  Kronrat
über  die  Wahlreform  statt,  dessen  Ergebnis  der  Erlaß
  des  Königs  vom  11.  Juli  war;  dieser  forderte
das  gleiche  Wahlrecht  und  eine  so  rechtzeitige  Einbringung
  der  Vorlage,  daß  die  nächsten  Wahlen  danach
  vorgenommen  werden  könnten.  Darauf  brachte
die  Regierung  am  26.  Nov.  1917  eine  Vorlage  ein,
die  die  direkte,  gleiche  und  geheime  Wahl,  eine  Anderung
  der  Zusammensetzung  des  Herrenhauses  und
der  die  Etatbewilligung  betreffenden  Verfassungsparagraphen
  (62  und  99)  vorsah.  Das  Gesetz  scheiterte
  jedoch  1918  am  Widerstand  des  Herrenhauses,
das  sich  erst  nach  dem  Zusammenbruch  an  der  Fron
zum  Nachgeben  bereit  fand.  Ebenso  hatte  es  1917  ein
Dlätengesetz  abgelehnt.  Die  Revolution  stürzie  nicht
nur  die  mit  P.s  Geschichte  so  eng  verwurzelte  Hohenollerndynastie,
  die  1915  erst  ihr  500jähriges  Herrscherublaum
  gefeierte  hatte,  sondern  sie  beseitigte
auch  P.s  überragende  Stellung  im  Reich.  Die  seit
1863  dauernd  akute  Polenfrage  kam  nun  zur  gewaltsamen
  Lösung;  es  erwies  sich  dadurch  die  im
Kriege  verfolgte  Patenpokkeir  (Wiederbesetzung  des
eihbischof
Likowsilgest.  19151.  Errichtung  des  Königreichs  Polen
5.  Nov.  1916,  Aufhebung  des  Enteignungsgesetzes
1917)  als  verfehlt.  Auch  das  preußische  Beamtentum
heigie  sich  nicht  stark  genug,  den  Staat  zu  erhalten.
dach  v.  Bethmanns  Abgang  1917  wurde,  gewohnheitsmäßig,
  der  neue  Reichskanzler  Michaelis,  dann
Graf  Hertling  Ministerpräsident;  da  Hertling  Bayer
war,  wurde  der  neuernannte  Minister  Friedberg  mit
seiner  Stellvertretung  im  preußischen  Ministerpräsidium
  (als  Vizepräsident  des  Staatsmin.)  betraut;
diesen  Posten  behielt  Friedberg  auch  unter  Prinz  Max
bei.  Einen  großen  Ministerschub  gab  es  im  Zusammenhang
  mit  Bethmanns  Abgang  u.  dem  Erlaß  vom
11.  Juli:  die  Minister  v.  Beseler  (Justiz),  v.  Trott
(Kultus),  v.  Schorlemer  (Landwirtschaft),  Leutze  (Finanzen)
  und  v.  Loebell  (Inneres)  traten  zurück  da  sie
sich  mit  der  Einführung  des  gleichen  Wahlrechts  nicht
einverstanden  erklären  konnten;  an  ihrer  Stelle  wurden
  Spahn  (Justiz),  Schmidt  (Kultus),  v.  Eisenhart-Rothe
  (Landwirtschaft),  Hergt  (Finanzen)  und  Drews
(Inneres)  ernannt.  Kriegsminister  war  1913.—15
v.  Falkenhayn,  1915—  16  Wild  v.  Hohenborn,  1916bis
        <pb n="348" />
        318

1918  v.  Stein,  1918—  19  Scheüch,  seit  1919  Reinhardt.
Zu  Staatemisstern  ohne  Portefeuille  wurden  1914
v.  Jagow  und  Kühn  ernannt.  1917  wurde  die  Stelle
eines  Staatskommissars  für  Volksernährung  geschaffen,
  mit  der  Michaelis  betraut  wurde.  Präsident  des
Herrenhauses  war  v.  Wedel-Piesdorf  (gest.  11.  Juli
1915),  nach  ihm  Graf  v.  Arnim-Boizenburg,  des  Abgeordnetenhauses
  Graf  v.  Schwerin-Löwitz.  —  An
neugeschaffenen  Gesetzen  sind  aufzuführen:  Ausgrabungsgesetz
  (1914),  Besoldungsgesetz  (1914),  Kriegswohlfahrtsgesetz
  (1915),  Fischereigesetz  (1916).

Nach  Beseitigung  der  Dynastie  durch  die  Revolution
  und  Beschlagnahme  des  königl.  Vermögens  (13.
Nov.)  bildete  sich  am  13.  Nov.  unter  dem  Mehrheitssozialisten
  Hirsch  eine  revolutionäre  Regierung,  in
die  aus  der  alten  die  Minister  Spahn  und  Fischbeck
übertraten;  in  Üübereinstimmung  mit  dem  Vollzugsrat
  der  A.=  und  S.-Räte  löste  diese  15.  Nov.  das  Abgeordnetenhaus
  auf  und  beseitigte  das  Herrenhaus.

lm  27.  Nov.  trat  Spahn  aus  der  Regierung  aus,  am
selben  Tag  erfolgle  die  Aufhebung  der  geistlichen  Ortsschulaufsicht.
  Am  23.  Dez.  folgte  ein  Kirchenaustrittsesetz.

  Im  Zusammenhang  mit  den  Vorgängen  im

eich  legten  am  3.  Jan.  1919  die  unabhängigen  Sozialdemokraten
  ihre  Amter  in  der  Regierung  nieder,
der  berüchuigte  Berliner  Polizeipräsident  Eichhorn
wurde  tags  darauf  durch  den  Minister  d.  Inn.  Ernst
(im  Nebenamt)  ersetzt.  Diese  Maßnahme  führte  aber
am  5.  Jan.  zu  einem  achttägigen  Aufstand  der  Unabhängigen
  und  Spartakiden  in  Berlin  (Spartakuswoche).
  Am  24.  Jan.  wurde  das  Gemeindewahlrecht
durch  Berordnung  neu  gercgelt  (allgemeine,  unmittelbare,
  geheime  Verhältniswahl  durch  alle  Männer  und
Frauen  über  20  Jahre).  Am  26.  Jan.  wurden  in
die  Landesversammlung  48  Deutschnationale,  85
Mitgl.  der  christl.  Volkspartei,  24  deutsche  Volksparteiler,
  65  Demokraten,  145  Mehrheitssozialisten  und
24  znabhänuige  Sozialisten  gewählt.  Am  26.  Febr.
zogen  in  die  Berliner  Stadtverordnetenversammlung
47  Unabhängige,  46  Mehrheitssozialisten,  21  Demokraten,
  16  Deutschnationale,  8  christl.  und  6  deutsche
Volksparteiler  ein.  Die  auf  den  13.  März  einberufene
verfassunggebende  Landesversammlung  wählte  den
Mehrheitssozialisten  Leinert  zu  ihrem  Präsidenten  und
nahm  am  20.  März  die  Notverfassung  an.  Darauf
stellte  die  Regierung  ihre  Portefeuilles  zur  Verfügung
  und  bildete  sich  am  24.  März  in  folgender  Zusammensetzung
  neu:  Vorsitz  Paul  Fursch  (Soz.),  Inneres
  Heine  (Soz.),  Finanzen  Südekum  (Soz.),  Landwirtschaft
  Braun  (Soz.),  Kultus  Hänisch  (Soz.),  Eisenbahnen
  Oeser  (Dem.),  Handel  Fischbeck(Dem.),  Justiz
Am  Zehnhoff  (Zentr.),  Volkswohlfahrt  Stegerwald
(Zentr.).  Südekum  brachte  am  25.  März  1919  den  Notelat
  ein;  der  Staatshaushaltplan  schloß  mit  9633/76
Mill.  Mk.  (+  3086,76  gegenüber  1918)  ab  (5594
Mill.  Mk.  Mehrausgaben!).  Der  Haushaltplan  der
Eisenbahnen  ergab  trotz  1436  Mill.  Mk.  Mehreinnahmen
  ein  Defizit  von  786,15  Mill.  Mk.

Das  Gefüge  des  preußischen  Staates  wurde  gleichzeitig
  von  zwei  Seiten  her  ins  Wanken  gebracht:  die
Mehrheitsparteien  traten  bei  Beratung  der  endgültigen
  Verfassung  für  das  Aufgehen  Preußens  in  einen
deutschen  Einheitsstaat  ein  u.  brachten  auch  am  17.  Dez.
1919  einen  dahingehenden  Antrag  in  der  Landesversammlung
  mit  210  gegen  32  Stimmen  zur  Annahme.
Gleichzeitig  brachte  die  Regierung  einen  Gesetzentwurf
über  Gewährung  weitgehender  Selbständiges  Befugnisse
  an  die  Provinzialverwaltungen  bzw.  landtage

Preußische  Forschungsgesellschaft  für  Landwirtschaft  —  Prise

ein.  Dieses  Gesetz  soll  den  verschiedentlich  aufgetretenen
  Absonderungsbestrebungen  entgegenwirken,  wie
sie  im  Rheinland  (Ausrufung  der  rheinischen  Sonderrepublik
  in  Mainzam  1.  Juni  1919)  und  Nassau  (Wiesbaden;
  Ministerium  Dorten)  hervortraten.  Den
Selbständigkeitsbestrebungen  Oberschlesiens  wurde
insoweit  nachgegeben,  als  am  1.  Okt.  Oberschlesien  zur
selbständigen  Provinz  erhoben  wurde.

Preustsche  Forschungsgesellschaft  für  Landwirtschaft,
  Juni  1918  gegr.  Ges.  mit  dem  Endziel,
die  deutschen  Ernten  zu  steigern.  Zehn  Forschungsanstalten
  wurden  geplant:  für  Bodenforschung,  Vererbungslehre
  u.  Pflanzenzüchtung,  Sortenprüfung,
Kartoffelbau.  Kartoffelchemie,  Tierhaltung  und  eernährung,
  Tierzucht  und  Tierseuchenforschung,  Milchwirtschaft,
  Maschinentechnik  und  Landarbeit.

Priboj,  westserb.  Ort  am  Lim.  nahe  der  bosn.
Grenze.  Hier  siegte  20.—22.  Aug.  1914  das  österr.“=ungar.
  16.  Korps  (Wurm)  über  die  Serben.  Dies:
erlitten  hier  ferner  18.  Nov.  1915  eine  empfindliche
Niederlage,  die  zur  Osetung  von  P.  durch  die  Armce
Koevess  füree.  Am  23.  Nov.  gingen  die  öslerr.-ungar.
Truppen  bei  P.  über  den  unteren  Lim.

Priesterwald  (franz.  Bois  de  Prétre),  nordwestl.
  von  Pont-à-Mousson,  im  franz.  Dep.  Meurtheet-Moselle,
  war  Sept.  1914  bis  Febr.  1917  Schauplatz
heftiger  Kämpfe  der  Armeeabteilung  Strantz.  In
schweren,  monatelangen  Nahkämpfen  faßten  die  Franosen

  auf  dem  westl.  Teil  des  Höhenrückens  Ansang
Bum  1916  Fuß;  4.  Juliwurde  die  franz.  Hauptstellung
zurückerobert  und  seitdem  gehalten.
rieto,  Garcia,  span.  Staatsmann,  s.  Spanicu.
rilep  (Perlepe).  Stadtin  Serbisch-Mazedonien.
Die  engl.-franz.  Truppen  im  Raum  Monastir-P.—
Vardar  wurden  3.  Nov.  1915  von  der  bulgar.  Armee
Todoroff  östlich  von  P.  anzegriffen  u.  in  zweitägigem
Kampfe  geschlagen.  In  der  Nacht  zum  20.  Nov.
wurde  P.  von  den  Bulgaren  besetzt.  Am  23.  Sept.
1918  gogen  die  Franzosen  in  P.  ein.
Primolano,  Ort  in  Oberitalien,  Prov.  Vicenza
vgl.  Bd.  II,  S.  103),  war  als  Zentralpunkt  einer

ruppe  starker  Panzerwerke  (Cima  di  Campo,  Cima
di  Lan,  Leone,  Monte  Lisser)  Angriffsziel  der  deutschösterr.
  Stoßtruppen,  die  P.  und  den  Fortgürtel  12.
und  13.  Nov.  1917  bezwangen.

Princip,  Gabrilo,  s.  Sarajewo.

*  Prinz  Adalbert-,  deutscher  Gr.  Kreuzer,  9000t,
23.  Okt.  1915  versenkt,  s.  Libau  sowie  Bd.  II,  S.  256.

„Prinz  Eitel  Friedrich  ,  deutscher  Hilfskreuzer,
versenkte  zehn  feindliche  Dampfer  mit  30  113  t  und
wurde  11.  März  1915  in  Newport  News  interniert.

Prinzeninseln,  türk.  Inselgruppe  im  Marmarameer,
  am  Eingang  zum  Bosporus.  Hier  waren  Nov.
1918  bis  Jan.  1919  die  deutschen  Truppen  aus  Syrien
  (Heeresgruppe  F)  interniert.  Über  die  geplante
Friedenskonferenz  auf  den  P.  s.  S.  146.

Prischting  (Pristina),  strategisch  wichtige  serb.
Stadt  an  der  Bahn  üsküb-Mitrowiza.  Bei  dem  Rückzug
  auf  P.  stellten  sich  die  Serben  in  der  Linie  P.-—
Gilan  den  Bulgaren  entgegen,  die  18.  Nov.  1915  den
größten  Teil  der  serb.  Morava-Div.  gefangennahmen.
Am  28.  Nov.  fiel  P.  in  die  Hände  der  Armeen  Gall.
witz  und  Bojadschijeff.

rise  (franz.),  Seebeute  einer  kriegführenden
Macht.  Prisengericht  (Prisenrat,  franz.  consei)
de  prises;  engl.  prize  courts),  Behörde,  die  durch
Rechtsspruch  (Prisenurteil)  entscheidet,  ob  eine  Seebeute
  zu  kondemnieren,  d.  h.  als  gute  (gerechtfer-
        <pb n="349" />
        Prittwitz  und  Gaffron  —  Quetschmine

tigte)  P.  zuerklären  od.  freizugeben  ist,  wurde  in  Deutschland
  jeweils  durch  kaiserliche  Verordnung  eingesetzt.
Darüber  steht  das  Oberprisengericht.  Durch  die
Haager  Konvention  wurde  ein  Internationaler
Prisenhof  geschaffen.  —  Prisengeld,  Belohnung
für  Befehlshaber  und  Mannschaft  eines  Schiffes,  das
die  Wegnahme  ausgeführt  hat.  Prisenrecht,  das
Recht,  neutrale  Privatschisse  aufzubringen,  die  die
Neutralität  verletzt  haben  (vgl.  Seekriegsrecht  III,
Bd.  I.  S.  368  sowie  Bd.  II,  S.  413).

Prittwitz  und  Gaffron,  Max  von,  deutscher
General,  geb.  27.  Nov.  1848  in  BVernstadt  (Schles.),
gt.  29.  März  1917  in  Berlin,  1894  Oberst,  1906

en.  d.  Inf.,  1913  Gen.-Oberst,  führte  2.—22.  Aug.
1914  die  8.  Armce  in  Ostpreußen.

Privateigentum.  über  die  Behandlung  von  P.
im  Krieges.  Bd.  I,  S.  364(Landkrieg)  u.  369  (Seekrieg).

Prizreni  (Prizrend),  serb.  Stadt  östlich  vom
Weißen  Drin,  wichtiger  Straßenknotenpunkt,  wurde
29.  Nov.  1915  von  Teilen  der  1.  bulgar.  Armee  genommen.
  wodurch  die  Reste  der  serb.  Hauptkräfte  zum
Rückzug  in  das  albanes.  Bergland  gezwungen  wurden.
  Am  12.  Okt.  1918  zogen  serb.-franz.  Verbände
als  Sieger  in  P.  ein.

Prokuplije,  serb.  Gem.  an  der  Toplica.  Um  den
Moravaübergang  der  Bulgaren  östlich  von  P.  zu  verciteln,
  führten  die  Serben  einen  starken  Gegenangriff
durch,  der  jedoch  nach  mehrtägigen  Kämpfen  mit  Veor
Niederlage  und  der  Besetzung  von  P.  durch  die  Bulgaren
  13.  Nov.  1915  endete.

Propagandaministerinm,  im  Krieg  geschaffenes
engl.  Ministerium  für  die  Anwerbung  Freiwilliger
(1917/18  Carson).  Außerdem  wurde  im  Febr.  1918
die  Stelle  eines  Direktors  der  Propaganda  in
feindlichen  Ländern,  geschaffen,  mit  der  der  Zeitungsmagnat
  Lord  Northeliffe  betraut  wurde.

Propeller,  Antriebsvorrichtung  eines  Schiffes
(Schaufelrad,  Schiffsschraube)  oder  Luftfahrzeuges
(Luftschraube);  vgl.  Flugzeug.

Protestantische  Kirche  (u.  Nationalkirche),  val.
Bd.  L,  S.  324  und  32öff.  ·

Prothesen  (Ersatzglieder),  s.  S.  176.

Protopopoff,  Alex.  Dimitrijewitsch,  russ.
Staatsmann,  geb.  1865,  Offizier,  dann  Landwirt  u.
Fabrikant,  polit.  -Oktobrist-,  seit  1906  in  der  Duma,
1912  ihr  Bizepräs.,  Okt.  1916  Min.  des  Innern,  bis
Febr.  1917  Min.-Präs.,  15.  März  1917  ermordet.

Przasuysz,  befestigte  Kreisstadt  im  russisch-poln.
Gouv.  Plozk,  wurde  nach  schweren  Kämpfen  24.  Febr.
1915  von  den  Deutschen  genommen,  27.  Febr.  wieder

319

geräumt.  Nach  monatelangem  Kampf  setzte  die  Armee
Gallwitz  13.  Juli  einen  allgemeinen  Angriff  auf  die
russ.  Front  an,  die  zu  beiden  Seiten  von  P.  durchbrochen
  wurde.  Damit  war  P.  unhaltbar  geworden
und  wurde  geräumt.  Vgl.  Bd.  1,  S.  220  und  227  ff.

Przemysl,  Bezirksstadt  u.  Festung  in  Ostgalizien,
an  der  Bahn  Krakau-Lemberg  und  am  San,  war  zu
Beginn  des  Krieges  Sitz  des  österr.-ungar.  Armeeoberkommandos.
  über  die  Belagerung.  Befreiung
und  Wiedereinschließung  Okt.-Nov.  1914  vgl.  S.  49,
über  die  Kapitulation  März  1915  S.  55,  über  die
Rückeroberung  Mai-  Juni  1915  S.  57.

Psochose,  Geisteskrankheit,  s.  Kriegspsychose.

Puhallo  von  Brlog,  Paul,  österr.-ungar.  General,
  geb.  26.  Febr.  1856  in  Brlog  (Kroatien),  erhielt
1913  als  FS  M.  und  lomm.  General  in  Preßburg  das
5.  Korps,  mit  dem  er  1914/15  auf  dem  nördl.  Kriegsschauplatz
  erfolgreich  focht,  Juni  1915  die  3.  Armee,
die  rechte  Flügelarmee  der  Heeresgruppe  Mackensen
beim  Vordringen  gegen  Brest  Litowsk.  Nach  dem  Falle
der  Festung  rückte  P.  Ende  Aug.  gegen  das  Wolhynische
Festungsdreieck  vor  und  eroberte  Luzk.  Anfang  Mai
1916  wurde  P.  Generaloberst  u.  trat  in  den  Ruhestand.
—  Bild  f.  Bd.  II  bei  S.  181.

Pultusk,  Kreisstadt  und  Festung  im  russ.  poln.
Gouv.  Warschau,  am  rechten  Narewufer,  von  ausgedehnten
  Sümpfen  umgeben.  Gleichzeitig  mit  Rozan
wurde  P.  von  der  deutschen  Armee  Gallwitz  nach
kurzer  Beschießung  am  24.  Juli  1915  in  Besitz  genommen.
  Hiermit  war  die  Narewlinie  durchbrochen.

Pulver  (Schießpulver),  s.  S.  171  f.

Punta  Corbin,  permanentes  ital.  Panzerwerk
auf  der  Hochebene  der  Sieben  Gemeinden,  5  km
nördlich  von  Asiago,  wurde  29.  Mai  1916  vonösterr.=ungar.
  Truppen  genommen.

utiloff-Werke,  große  russ.  Eisenhütten,  Stah!-werk,
  Geschützfabrik  u.  Schiffswerft  bei  Petersburg
a.  d.  Newa,  beschäftigte  im  Kriege  12—  15.000  Arbeiter.

Putuik,  Radomir,  serb.  General,  geb.  1842,  gest.
18.  Mai  1917  in  Nizza,.  seit  1903  *6  des  Generalstabs,
  organisierte  die  serb.  Artill.  nach  franz.  Vorbild,
bewassnete  die  Inf.  neu,  hatte  in  den  Balkankriegen
an  den  Siegen  über  die  Türken  bei  Kumanowa  und
über  die  Bulgaren  an  der  Bregalnitza  hervorragenden
Anteil  und  wurde  zum  Woiwoden  und  General  mit
Marschallsrang  erhoben.  1914/15  war  P.  Oberstkommandierender
  des  serb.  Hecres,  befreite  Serbien
Dez.  1914,  hatte  aber  infolge  Krankheit  Herbst  1915
keinen  entscheidenden  Einfluß  mehr  auf  die  Operationen
  und  flüchtete  nach  Albanien.

O

Quadraut,  Gerät  zum  Nehmen  der  Höhenrichtung
  von  Geschützrohren.

Quarantäne,  Maßregel  *  Einschleppung
ansteckender  Massenkrankheiten,  besteht  in  längerer
Absperrung  aus  verseuchten  Gebieten  zurückkehrender
Truppen.  Die  O.  ist  durch  sorgfältige  Desinfektion
vielfach  ersetzt  worden;  sie  läßt  sich  sicher  für  Schiffe
(Seequarantäne),  dagegen  zu  Lande  (Landquarantäne)
  nur  unter  Aufbietung  zahlreicher  Absperrtruppen
  durchführen.

Quast,  Ferdinand  von,  deutscher  General,  geb.
18.  Olt.  1850  in  Radensleben,  1903  Oberst,  1910
Generalleutnant,  1914  komm.  General  des  9.  A.-K.,
1917  des  Gardekorps,  führte  1917—18  die  6.  Armee,

mit  der  er  April  1918  den  Hauptstoß  in  der  Schlach
bei  Armentieres  ausführte.

„Oueen  Mary  -,  brit.  Schlachtkreuzer,  300000  t,
sank  am  Skagerrak;  s.  Bd.  II,  S.  250.

QOuero,  Ort  in  Oberitalien,  am  Piave,  südl.  von
Feltre.  Hier  versuchten  10.  Nov.  1917  österr.-ungar.
Truppen  den  übergang;  18.  Nov.  wurde  Q.  nebst
Engpaß  von  der  Armee  Below  erstürmt,  Ende  Okt.
1918  von  der  2.  ital.  Armee  nach  Kampf  genommen.

Querschläger,  Gewehr-Langgeschoß,  das,  durch
Blätter,  Zweige  usw.  abgetenlt  nicht  mit  der  Spitze,
sondern  breit  auf  das  Ziel  auftrifft,  erzeugt  große  und
gefährliche  Verwundungen.

Quctschmine,  s.  Minen.
        <pb n="350" />
        320

R  34  —  Rechtsverhältnisse  im  Kriege

R

»R  4.,  engl.  Luftschiff  starren  Systems,  den  auf
engl.  Boden  verlorengegangenen  Zeppelin  Luftschifsen
  nachgebaut,  überflog  Juli  1919  als  erstes  den  Atlant.
  Ozean  in  einer  Strecke  von  etwa  5000  km.

Rada  (Zentralrada).  s.  Ukraine.

Radek,  K.  (aus  Kradek,  der  Diebe),  angenommener
  Namedes  russ.  Sozialdemokraten  Sobelsohn.
N.  wurde  1918  Chef  der  Petersb.  Tel.-Agentur  und
damit  Beherrscher  des  maximalist.  Pressewesens,  kam
Herbst  1918  als  Agent  nach  Deutschland,  wo  er  die
Revolution  vorbereitete.  Er  beteiligte  sich  an  der
Spartakuswoche  1919  in  Berlin,  wurde  deshalb  in
Haft  genommen  und  Januar  1920  ausgewiesen.

Nadgürtel,  Vorrichtung  an  fahrbaren  schweren
Geschützen,  um  ein  Einsinken  in  weichen  Boden  zu  verhindern
  und  das  Schießen  ohne  Bettung  zu  ermöglichen.
  Der  R.  besteht  aus  gelenkartig  verbundenen
Gliedern,  die  mit  Stahlblech  beschlagene  Losschuhe
tragen.  Vgl.  Taf.-Geschütze  II«,  Fig.  3,  bei  S.  152.

Nadiotelegraphie,  svw.  Funkentelegraphie.

Radom,  Hauptstadt  des  gleichn.  russ.  poln.  Gouv.,
war  Ende  Aug.  1914  vorübergehend  von  den  Osterreichern
  wieht  und  wurde  19.  Juli  1915  von  der
Armee  Woyrsch  genommen.

Radoslawoff,  Wasil,  bulgar.  Staatsmann,  geb.
1856  in  Lowetsch,  Advokat,  1834  und  1894  Justizminister,
  1899—1900  Minister  des  Innern,  dann
Führer  der  Altliberalen.  Juli  1913  bis  Juli  1918
Ministerpräsident,  führte  R.  August  1915  eine  Verständigung
  mit  der  Türkei  und  Oktober  das  Bündnis
mit  den  Mittelmächten  herbei,  war  die  Hauptstütze
des  Vierbundes  in  Bulgarien,  mußte  aber  wegen  des
Bularester  Friedensvertrages  (Dobrudscha)  zurücktreten.
  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  63.

RNadschputen,  Kriegerkaste  Indiens,  am  mächtigsten
  in  Radschputana,  jetzt  meist  Grundbesitzer,  kämpften
  als  Vasallen  Englands  gegen  Deutschland.

Radymuo,  galiz.  Gem.  bei  Przemysl,  mit  stark  befestigtem
  Brückenkopf,  wurde  24.  und  25.  Mai  1915
von  der  11.  Armee  erobert.  Vgl.  Bd.  I,  S.  212.

Namnie  Balcea,  rumän.  Stadt,  s.  Rimnik  2).

Nammsporn  (Rammbug,  Rammsteven),
nach  unten  beuförmig  vorstehende  Spitze  des  Bugs
von  Kriegsschiffen.  Rammtaktik,  s.  »Seetaltil«,
Bd.  I.  S.  285  und  289.

RNamsgate,  Hafenstadt  in  der  engl.  Grafsch.  Kent,
wurde  16.  Mai  1915  u.  25.  April  1916  von  deutschen
Luftschiffen,  Febr.  und  März  1916,  22.  Aug.,  B.,  25.
u.  29.  Sept.,  1.  u.  31.  Okt.,  6.  u.  19.  Dez.  1917  von
deutschen  Flugzeugen  erfolgreich  beschossen.

Naraucze,  Ort  nordöstl.  v.  Czernowih,  war  einer
der  Brennpunkte  der  Neujahrsschlacht  1916.  (s.  d.).

Rasanz,  sehr  gestreckte,  also  wenig  gekrümmte
Form  der  Flugbahn  von  Geschossen,  wächst  mit  der
Anfangsgeschwindigkeit  der  Geschosse.

Rasova,  Dorf  in  der  südl.  Dobrudscha,  bildete
Mitte  Sept.  1916  den  westl.  Pfeiler  der  2.  russ.-rumän.
  BVerteidigungsstellung,  in  der  Linie  R.-Tuzla
und  wurde  nach  heftigen  Kämpfen  23.  Okt.  von  den
Deutschen  besetzt.  Vgl.  Bd.  II,  S.  223  u.  225.

Raspnutin,  russ.  Mönch,  urspr.  sibirischer  Bauer,
gewann  Einfluß  in  den  Petersburger  Hofkreisen  u.
wurde  Vertrauter  des  Zaren  Nikolaus  II.,  den  erlange
Zeit  beeinflußte.  R.  wirkte  im  Sinne  der  reaktionären
und  friedensfreundlichen  Hofkreise  und  wurde  deshalb

in  der  Nacht  zum  30.  Dez.  1916  im  Palais  des  Fürsten
Jussupoff  ermordet  und  in  die  Newa  #worfen-Rat

  der  Volksbeanftragten,  Name  der  vorläuf.
  russ.  Arbeiter=  und  Bauernregierung  Nov.  1917,
mit  Lenin  als  Vorsitzendem;  vgl.  Rußland,  S.  328.
Die  gleiche  Bezeichnung  führte  die  vorläufige  deutsche
Reichsregierung  1918/19  bis  zum  Zusammentritt  der
Nationalversammlung,  ebenso  nannten  sich  die  sächs.
Minister  bis  zum  Zusammentritt  der  Volkskammer
Lolssbeauftragtee.

Rathenau,  Walter,  deutscher  Industrieller  und
Volkswirt,  geb.  29.  Sept.  1867  in  Berlin,  Präsident
der  Allgemeinen  Elektrizitätsgesellschaft,  organisierte
August  1914  durch  Gründung  der  Kriegsrohstoff.
abteilung  im  preuß.  Kriegsministerium  die  deutsche
Rohstoffwirtschaft  und  veröffentlichte  mehrere  Werke
#ur  Gestaltung  des  Wirtschaftslebens  („Von  kommenen

  Dingene  u.  a.).

Ratifizierung  (Ratifikation),  Bestätigung.
Vollziehung  eines  Vertrages,  bes.  der  Friedensverträge
  durch  Volksvertretung  und  Staatsoberhaupt.

ation,  eiserne,  bestimmte  Menge  Hafer,  die

im  Kriege  auf  dem  Sattel  der  Militärdienstpferde  mit  ·
eführt  wird  und  nur  im  Notfall  auf  besonderen  Be-Feh
  angegriffen  werden  darf  (val.  Portion,  eiserne).

Rauchgranaten,  eine  lange  Nauchspur  in  der
Lufthinterlassende  Sprenggeschosse  der  Artillerie,  werden
  bei  Bekämpfung  von  Luftzielen  verwendet.

Rauchloses  Pulver,  spw.  rauchschwaches  Pulver.
  s.  S.  173.

RNauchmeldepatrone,  (.  S.  166.

Ransenberger,  Frigz,  Professor,  Ingenieur  der
Kruppwerke,  geb.  18.  Aug.  1865  in  Frankfurt  a.  M.,
entwarf  das  42  cm-Geschütz  sowie  das  Ferngeschütz,
das  1918  Paris  auf  120  km  beschoß.

Rawaruska,  Bezirksstadt  in  Galizien,  an  der
Bahn  Lemberg-Belzec,  wurde  20.  Juni  1915  den
Russen  entrissen.

Rawöka,  rechter  Nebenfluß  der  Bzura,  im  russ.
Gouv.  Warschau.  Jm  Gebiet  der  N.  spielten  sich  Ende
Okt.  1914  und  Dez.  1914  bis  Juli  1915  langwierige
Kämpfe  ab;  vgl.  S.  53.

Rawlinson,  Sir  Heury  Seymour.,  britischer
Verthrer,  geb.  20.  Febr.  1864,  focht  in  Indien,  im

udan  und  in  Südafrika,  war  bei  Kriegsauebruch
Generalleutnant  und  Befehlshaber  des  4.  Korps,  mit
dem  er  seit  1915  im  Dpern=  und  La  Bassée-Abschnitt
kämpfte.  1916  wurde  R.  Oberbefehlshaber  der  4.  Armee
  (Sommeschlacht),  später  Vertreter  Großbritanniens
  im  Obersten  Kriegsrat.  Frühjahr  1918  erhielt
er  die  aus  den  Resten  der  4.  und  5.  Armee  gebildete
neue  5.  Armee,  mit  der  er  seit  Aug.  die  17.  deutsche
Armee  von  der  Somme  bis  nach  Mons  zurückdrängte.

Rechtsanskuuftsstellen  im  Felde  bestanden  seit
1915  im  Operations-  u.  Etappengebiet  zur  kostenlosen
Beratung,  Abfassung  von  Schriftsätzen,  Eingaben  u.
Gesuchen,  Prozeßführung  und  Schließung  von  Vergleichen,
  seit  1917  auch  bei  den  Ersatztruppenteilen.

Rechtsverhältuisse  im  Kriege,  Über  die  Einwirkung
  des  Krieges  auf  die  Rechtsverhältnisse  ist  in
den  Artikeln  über  Lieferungsverträge,  Vertragsverhältnisse,
  Rechtsansprüche  gegenüber  feindl.  Staaten
usw.  das  Nötige  zu  finden.  —  Das  vor  dem  eg
bestehende  Völkerrecht  behandelt  der  Aufsatz  Bd.  I,
S.  860ff.,  das  Landkriegsrecht  und  das  Scekriegsrecht
        <pb n="351" />
        Referendum  —  Reims

zeigen  die  entspr.  Abhandlungen  auf  S.  363  ff.  und
367  ff.  (vgl.  =  Lusitania#,  S.  283);  die  für  den  Krieg
geschaffenen  Notgesetze  der  Aufsatz  über  Kriegsnotesetze

  Bd.  I.  S.  388.  Besondere  Aufsätze  behandeln

ie  Patentrechte  (Bd.  II,  S.  414  ff.),  die  Rechtsstellung
der  Neutralen  (Bd.  II,  S.  4192  ff.),  die  Kriegsleistungen
  und  Kriegsschäden  (Bd.  II,  S.  418  ff.)
sowie  die  Kriegsgesetzgebung  in  Osterreich-Ungarn
(Bd.  II,  S.  403  ff.).  Die  Rechtslage  in  den  besetzten
feindlichen  Gebieten  ist  Bd.  I,  S.  429  ff.  besprochen.
S.  auch  Kriegsverschollenheit.

Referendum,  Volksabstimmung,  erfolgt  zur  Einbringung
  von  Gesetzesvorlagen  (Volksbegehren;
Reichsverf.  vom  11.  Aug.  1919,  Art.  73),  ferner  nachträglich
  entweder  als  Zustimmung  oder  Abänderung

u  einer  Verfassung  oder  als  Genehmigung  eines  Geesees.
  Vgl.  Reichsverfassung  (Artikel  73,  74,  75,  76)
über  Absjetzung  des  Reichspräsidenten  (Art.  43)  oder
Underung  der  Landesgrenzen  (Art.  18).

Mepiftrierungsbil,  s.  S.  246.

Reichsackerkopf,  Bergim  Oberelsaß,  Kr.  Colmar,
westlich  von  Münster,  wurde  19.  Febr.  1915  von  der
deutschen  Armeeabt.  Gaede  gestürmt,  gegen  häufige
goise  der  Franzosen  im  Febr.  gehalten,  nach  vor-Übergehender
  Besetzung  durch  die  Franzosen  20.  März
zurückerobert.  Vgl.  z.  B.  Bd.  I.  S.  204.

Reichsämter  u.  -stellen,  s.  Deutsches  Reich.

Reichsamt  für  die  wirtschaftliche  Demobilmachung,
  12.  Nov.  1918  geschaffene  Behörde  mit  Sitz
in  Berlin  zur  Uberführung  des  Wirtschaftslebens  in
den  Friedenszustand  unter  einem  Demobilmachungskommissar
  (Koeth),  wurde  1.  April  1919  aufgelöst.

Reichsarbeitsamt,  am  3.Okt.  1918  neuerrichtetes
Reichsamt  zur  Bearbeit.  aller  Tarife,  Arbeiterfürsorgeangelegenheiten
  usw.  mik  einem  Staatssekretär  (Bauer)
an  der  Spitze  (seit  1919  Reichsarbeitsministerium).

Reichsarbeitsnachweis,  Anfang  August  1914
beim  Reichsamt  des  Innern  errichtete  -Zentralstelle
für  alle  Angelegenheiten  der  Verteilung  der  ausländischen
  Arbeitskräfte  über  das  Land,  für  die  Beschaffung
  von  Arbeitern  sowie  für  die  Regelung  des

rbeitsmarktes  in  Landwirtschaft  und  Gewerbe“.
Vgl.  Arbeitslosenfürsorge.

Reichsausschuß  der  Kriegsbeschädigtenfür-Meege-
  16.  Sept.  1915  in  Berlin  gesründelte  Organiation

  zur  Zusammenfassung  der  die  Kriegsbeschädigtenfürsorge
  betreibenden  Landesorganisalionen.

Reichsbekleidungsstelle,  10.  Juni  1916  gechaffene
  Zemrallelle  Vor-  Beutler)zur  überwachun
des  Verkehrs  mit  Web.,  Wirk-  und  Strickwaren  au
Grund  der  am  1.  Febr.  1916  erfolgten  Beschlagnahme
dieser  Gegenstände,  wurde  1919  aufgelöst.

Reichsbuchwoche,  Verunstaltuns,  im  Juni  1916
fur  Verleilung  von  unentgeltlichem  Lesestoff  an  die

eutschen  Kriegeteilnehmer,  ergab  etwa  1½  Million
Bücher  und  Schriften.

Reichsdarlehnskassen,  s.  Kriegsdarlehnskassen.

Reichsfinanzhof,  I.  Okt.  1918  in  München  errichtete
  oberste  Spruchbehörde  in  Steuersachen.  Präsident:
  Jahn  (kehr.  Vgl.  Lebensmittelk  uten.

Reichsfleischkarte,  trat  2.Okt.  1916  in  den  Ver-Reichstleischstelle,

  27.  März  1916  errichtete
Reichsstelle  für  die  Versorgung  mit  Vieh  und  Fleisch.

Reichsfuttermittelstelle,  am  28.  Juni  1915  errichtete
  Behörde  zur  Sicherung  und  Verteilung  der
mländischen  Futtermittel.  Im  Aug.  1915  wurde  in
Osterreich-Ungarn  eine  Futtermittelzentrale  errichlet.

Reichsgetreidestelle,  Juli  1915  in  Berlin  gegr.

Der  Krieg  1914/19.  Ul.

821

Behörde  zur  Regelung  des  Verkehrs  mit  Brotgetreide
und  Mehl.  Bgl.  Kriegsgetreidegesellschast.

Reichskartoffelstelle,  Okt.  1915  gegründete  Behörde
  mit  einer  kaufmännisch  geleiteten  Geschäftsabteilung
  (G.  m.  b.  ⁊  die  den  Fehlbetrag  an  Kartoffeln
deckte,  insoweit  diese  zur  Ernährung  der  Bevölkerung
eines  Kommunalverbandes  nicht  anderweit  oder  nicht
zu  angemessenen  Preisen  beschafft  werden  konnten,  bzw.
die  geforderten  Mengen  auf  die  Produktionskreise  zur
Lieserung  umlegte.  Zur  Durchführung  der  Kartoffel.
versorgung  erhielt  die  R.  Eunteignungsbefugnis.

Reichsluftamt,  Anfang  1919  als  Abt.  des  Reichsamts
  des  Innern  geschaffene  Behörde  (unter  dem  Unterstaatssekr.
  Aug.  Euler)  zur  selbständigen  Bearbeitung
  der  Angelegenheiten  der  Luftfahrt.

Reichsnotopfer,  17.  Dez.  1919  von  der  Nationalversammlung
  angenommenes  Gesetz  über  eine  einmalige
  Abgabe  vom  Vermögen.  Die  Abgabe  begiunt
mit  10  v.  H.  für  die  ersten  50000  Mk.  u.  steigt  bis  zu
65  v.  H.  für  das  Vermögen  über  6,95  Mill.  Mk.  Abzugsfähig
  sind  Schulden,  unbezahlte  Steuern,  Auflagen,
kapitalisierte  Renten,  der  Aufwand  für  drei  Monate,
sowie  bei  Zensiten  ohne  Pensionsberechtigung  im  Alter
von  45—60  Jahren  bei  Vermögen  bis  150000  Mk.
ein  Viertel.  Über  60  Jahre  die  Hälfte  des  Vermögens.

Reichsrat,  nach  der  neuen  Verfassung  des  Deutschen
  Reiches  vom  11.  Aug.  1919  Bezeichnung  für  den
bisherigen  Bundesrat.

Reichsstelle  für  Gemüse  und  Obst,  Mai  1916
in  Berlin  gegr.  Behörde  mit  Verwaltungs-  und  Geschäftsabteilung
  (G.  m.  b.  H.)  zur  Negelung  des  Handels
  mit  Obst  und  Gemüsse.

Reichswehr,  Bezeichnung  des  an  Stelle  der  bisherigen
  Truppenkontingente  getretenen  Reichöheeres,
mit  einem  Reichswehrminister  (Noske,  1920  Gete)
und  einem  Reichsgenera'stabschef  (v.  Oldershausen
an  der  Spitze,  100  000  Mann  stark,  in  4  R.gruppen  u.
7  RK.kreise  eingeteilt.  Die  R.  ist  ein  Söldnerher  mit
12jähriger  Dienstzeit.  Vgl.  das  Gesetz  über  die  Bildung
  einer  vorläusigen  R.  vom  6.  März  1919.  Die
endgültige  gesetzliche  Regelung  steht  noch  aus.  Bis  10.
Juli  1920  gestattete  die  Entente  noch  200000  Mann.
R.gruppe  1  (Berlin)  umfaßt  R.kreis  III  (Berlin;  3.,
4.,  5.,  6.,  8.,  15.  Brig.)  u.  R.kreis  IV  (Dresden;  12.,
16.,  19.),  die  R.  gruppe  2(Kassel)  die  Kreise  V  (Stuttg.;
13.)  u.  VI  (Münster;  7.,  10.,  11.),  die  R.gruppe  3
(Kolberg)  die  Kreise  I  (Königsberg;  1.,  20.)  u.  II
(Stettin;  2.,  9.),  die  R.  gruppe  4  (München)  den  Kreis
VII  (München:  21.,  23.,  24.  Brigade).

Reichswirtschaftsamt,  Okt.  1917  vom  Reichsamt
  des  Innern  abgezweigte,  neu  geschaffene  Behörde
zur  bes.  Bearbeitung  der  sozial-  und  wirtschaftspolitischen
  Aufgaben  des  Reiches,  unmittelbar  dem
Reichskanzler  unterstellt,  ging  1919  in  das  Reichswirtschaftsministerium
  über.

Reims,  Arrond.-Hauptstadt  im  franz.  Depart.
Marne,  an  der  Veske  und  der  Bahn  Charleville-Paris,
  war  3.—  9.  Sept.  1914  von  der  Armee  Hausen
besetzt.  Da  die  Kathedrale  von  den  Franzosen  als  Beobachtungsposten
  unter  Mißbrauch  der  weißen  Flagge
benutzt  wurde,  auch  in  ihrer  Nähe  franz.  Geschütze
aufgestellt  waren  u.  Versammlungen  von  Truppen  u.
Munitionskolonnen  auf  dem  Platze  vor  der  Kathedrale
stattfanden,  machte  sich  eine  Beschießung  durch  d.  Deut.
schen  nötig,  die  zu  böswilligen  franz  Verleumdungen
führte.  Seit  Dez.  1914  waren  die  deutschen  Stllungen
nordöstl.  von  R.  das  Ziel  zahlreicher,  jedoch  erfolgloser
Angriffe  der  Franzosen.  Bei  der  deutschen  Offensive

21
        <pb n="352" />
        322

1918  wurde  R.  27.  Mai  bis  13.  Juni  vergeblich  von
der  deutschen  1.  und  7.  Armee  bestlirmt.  18.  Juli  gingen
  darauf  die  Franzosen  zum  Gegenangriff  über.
Reinhardt,  1)  würktemb.  Offizier,  geb.  24.  März
1872  in  Stuttgart,  1904  Hauptmann,  im  Kriege
Stabschef,  zuletzt  der  7.  Armee  im  Westen,  April  1918
Oberst,  leitete  seit  Nov.  als  Dep.-Direktor  im  Kriegsministerium
  die  Demobilmachung,  Jan.  bis  Sept.  1919
preuß.  Kriegsmin.,  seitdem  im  Reichskriegsmin.  —
2)  Walther,  Kriegsberichterstatter,  geb.  21.  Dez.
1887  in  Frankfurt  a.  M.,  Gerichtsassessor  daselbst,
im  Felde  Artillericleutnant,  schrieb:  „Sechs  Monate
Westfront  (1915  u.  ö.)  und  In  der  Picardie,  Bilder
aus  dem  Stellungskriege  im  Westen  (1917).
Religion.  Die  durch  den  Krieg  hervorgerufene
religiöse  Bewegung  Oyl-  Bd.  I.  S.  322  ff.)  wich  im
Verlaufe  des  Krieges  allmählich  andern  Strömungen
und  flaute  gegen  Ende  vollends  ab,  und  die  staatliche
Umwälzung  durch  die  Revolution  brachte  siezeitweilig
äußerlich  ganz  zum  Stillstand.  Die  Keime  aber,  die
der  belebenden  Wirkung  des  Krieges  auf  das  religiöse
und  sittliche  Leben  des  deutschen  Volkes  zu  danken  sind,
weiterzupflegen,  betrachten  nicht  nur  kirchliche  Vereiniungen,
  sondern  auch  die  auf  nationaler  Grundlage
tehenden  politischen  Parteien  als  eine  ihrer  ersten  Kulturaufgaben
  zur  Wiedergenesung  des  deutschen  Geistes.
Rennenkampf,  Paul  von,  russ.  General,  geb.
17.  April  1854  in  Estland,  1895  Oberst,  nahm  am
Boxeraufstand  (1900)  und  als  General  der  Kav.  am
russisch-japanischen  Krieg  (1904/05)  teil,  wurde  dann
kommand.  General  des  3.  Armeekorps  in  Wilna,
1913  Oberbefehlshaber  des  Wilnaer  Militärbezirks.
Aug.  1914  drang  R.  mit  der  Wilnaarmee  über  Insterburg
  gegen  Königsberg  vor,  wurde  nach  der  Niederlage
  der  russischen  Narewarmee  bei  Tannenberg  von
Hindenburg  bei  Angerburg  geschlagen  und  zum  Rückzug
  gezwungen.  N.  wurde  hierauf  abgesent,  dns
nach  dem  Kaukasus  und  wurde  im  Sept.  1915  Gouverneur
  von  Petersburg.  Mai  1916  war  er  Armeeführer
  an  der  Nordfront.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  52.
Renner,  Karl,  öslerr.  Staatsmann,  geb.  14.  Dez.
1870  in  Unterhannowitz  (Mähren).  Sozialdem.,  Bibl.=Dir.,
  Reichsrats=  u.  niederösterr.  Landtagsabg.,  Herausg.
  des  Kampf-,  veröffentl.  zahlreiche  histor.-polit.
Werke  (°  Die  Krise  des  Dualismus-,  1904;  Mehrheits-
  oder  Volksvertretung?.,  1904;  Grundlagen
und  Entwicklungsziele  der  österr.-ungar.  Monarchier,
1806;  Osterr.  Erneuerung-,  1916,  u.  a.  ).  R.  vertrat
Deutsch-Osterr.  auf  den  Friedensverhandlungen  von
St.  Germain  u.  ist  seit  11.  Nov.  1918  Staatskanzler
der  Republik  -Ssterreich.  —  Bild  s.  bei  S.  214.
Repington,  Charles  A'Court-,  engl.  Oberstleutnant,
  Militärkritiker  d.  Times«.  1918  wegen  Hochverrats
  angeklagt,  griff  die  Überseeischen  Expeditionen
Englands  im  Krieg  heftig  an  und  verlangte  Konzentration
  aller  Kräfte  auf  den  frz.  belg.  Kriegsschauplatz.
Reauisition,  Herbeischaffen  von  Lebensmitteln  u.
sonstigen  Bedürfnissen  für  Heereszwecke  von  den  Landeseinwohnern,
  geschieht  durch  die  Intendantur  oder
die  Truppe  unter  Führung  von  Offizieren  gegen  Bezahlung
  oder  Quittung.  Vgl.  Bd.  I.  S.  430.
Reutersches  Telegraphenburcau,  von  dem
Deutschen  Paul  Julius  (Frhr.  v.)  Reuter  1849  in  Paris
gegr.  Nachrichtenbureau,  später  in  Nachen,  seit  1851  in
London,  im  Kriege  völlig  im  Dienste  der  Entente,  deren
Lügennachrichten  von  r  kritiflos  verbreitet  wurden.
Reval,  Hauptstadt  des  russ.  Gouv.  Estland,  am
Finnischen  Meerbusen,  im  Kriege  bes.  als  Flottenstütz-Reinhardt

  —  Roedern

punkt  wichtig  (vgl.  Bd.  I.  S.  156  und  II,  S.  111),
wurde  25.  Febr.  1918  von  den  Deutschen  besetzt.

Revolntion.  Über  die  russ.  NR.  .  Rußland,  S.  326,
Über  die  deutsche  R.  s.  Deutsches  Reich,  S.  219.

Revolverkanone,  s.  Maschinengeschütze.

Nibot,  Alexandre  Félix  Joseph,  frz.  Staatsmann,
  geb.  7.  Febr.  1842  in  St.-Omer  (Pas-de-Calais),
Advokat,  1878  Deputierter  und  Führer  des  gemäßigten
  Republikanismus,  1890  Minister  des  Außern,
1892—93  und  1895  Tiserprastdent  ferner  Miniler
  des  Auswärtigen,  des  Innern  und  der  Finanzen,

ug.  1914  Finanzminister,  März  1917  wieder  Ministerpräsident,
  trat  7.  Sept.  1917  zurück.

Richthofen,  Manfred,  Frhr.  von,  deutscher
Fliegeroffizier,  geb.  2.  Mai  1892  in  Breslau,  wurde
nach  Besuch  des  Kadettenkorps  1912  Offiz.  im  Ulanenregiment
  Nr.  1,  1915  Fliegeroffiz.,  1916  als  Schüler
Boelckes  Kampfflieger  im  Westen,  schoß  1916  —18
90  feindl.  Flügzeyge  ab  u.  siel  21.  April  1918  durch
Infanterieschuß.  R.  schrieb:  =  Der  rote  Kampfflieger

Berl.  1917).  Bild  s.  bei  S.  215.  —  Sein  Bruder
othar  Frhr.  von  R.  schoß  über  60  Flugzeuge  ab.

Rietsch,  russ.  Zeitung,  s.  Bd.  II,  S.  333.

Riga.  Die  geogr.  u.  handelspolit.  Bedeutung  N.3
ist  Bd.  I.  S.  156  u.  87  sowie  II,  S.  110  u.  114  gewürdigt.
  Die  Stadt  wurde  3.  Sept.  1917  von  der
deutschen  8.  Armee  genommen.

Rimailho-Haubitze,  s.  S.  154.

Rimnik,  1)  Rimnicu-Sarat)  rumän.  Kreis-T
  in  der  Walachei  am  Flusse  R.  In  der  Linie

.Filipesti  -  Vizir  fand  22.  —  27.  Dez.  1917  eine
Schlacht  statt,  in  der  die  Stellungen  der  Russen  und
Rumänen  in  17  km  Breite  durchstoßen  wurden.  Vgl.
Bd.  II.  S.  234.  —  2)  (Rimnicu-Valcea)  rumän.
Kreisstadt  in  der  Walachei,  an  der  Aluta.  wurde  25.
Nov.  1916  vom  deutschen  Alpenkorps  genommen.

Rio  de  Oro,  span.  Hafen  südw.  von  Marokko,  wo“
26.  Aug.  1914  der  deutsche  Hilfskreuzer  -Kaiser  Wilbelm
  der  Große=  vom  engl.  Kreuzer  Highflyer=  völerrechtswidrig

  angegriffen  und  von  der  eigenen  Besatzung
  gesprengt  wurde;  vgl.  Bd.  L,  S.  245  (26.  Aug.).

Rolertson  Sir  William  Robert,  engl.  General,
  geb.  1860  in  Welbourne,  1899—1900  in  der
Nachrichtenabteilung  des  Kriegsministeriums  und  des
Hauptquartiers  in  Südafrika,  1901—07  in  der  Operationsabteilung
  des  Kriegsministeriums,  1907—10
Brigadegeneral  im  Stab  des  Militärlagers  Aldershot,
1910—13  Direktor  der  Kriegsakademie,  1913—14  der
Ausbildungsabteilung  im  Kriegsministerium,  1914
bis  1915  Kommandeur  der  1.  Inf.-Div.,  1915  Generalquartiermeister,
  Dez.  1915  bis  Febr.  1918  Chef  des
brit.  Generalstabs,  darauf  Oberbefehlshaber  in  Ostengland,
  März  1919  Oberbefehlshaber  der  Rheinarmee.
  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Roclincourt,  frz.  Ort,  Dep.  Pas-de-Calais,  nördl.
von  Arras,  s.  Bd.  I.  S.  221  ff.  sowie  Bd.  III,  S.  74f.

Roda  Roda,  Alexander,  satir.-humor.  Schriststeler
  Kriegsberichterstatter  der  =  Vossischen  Zeitunge
m  Südosten,  geb.  13.  April  1872  in  Puszta  Zdenci
(Slawonien),  österr.  Artillerieoffizier  bis  1902,  schr.:
„  Serbisches  Tagebuch=  (Berl.  1918).

Roedern,  Siegfried,  Graf,  deutscher  Staatsmann,
  geb.  27.  Juli  1870  in  Marburg.  1905  Landrat
  des  Kreises  Niederbarnim,  1911  Oberpräsidialrat
in  Potsdam.  1914  Staatssekretär  von  Elsaß-Lothrinen,

  war  als  Nachfolger  Helfferichs  Juni  1916  bis
§rv.  1918  Staatssekretär  des  Reichsschatzamtes.  —
Bild  f.  Bd.  II  bei  S.  251.
        <pb n="353" />
        Roeux  —  Rotes  Kreuz

Roeux,  Dorf  im  frz.  Dep.  Pas-de-Calais,  war
einer  der  Hauptangriffspunkte  der  Franzosen  in  der
Arrasschlacht  1917;  vgl.  S.  14  ff.  bzw.  85  f.

Rofreit,  s.  Rovreit.

Nogatica,  Marktflecken  in  Bosnien,  Hauptort  des
gleichnamigen  Bezirks,  wo  21.  Okt.  1914  die  österr.=ungar
  Truppen  über  die  Serben  siegten.

ohatun,  Bezirksstadt  in  Galizien,  an  der  Guila
Lipa,  s.  Gnila  Lipa.

Nohr,  Franz,  Freiherr  von  Denta,  österr.=ungar.
  Feldmarschall,  geb.  1854  in  Arad,  1907  Feldmarschalleutnant,
  1911  General  der  Kav.  und  Oberkommandant
  der  ungar.  Landwehr.  Mai  1915  wurde
R.  Oberbefehlshaber  an  der  Kärntner  Front.  nach
Dankls  Rücktritt  Juni  1916  Führer  der  11.  Armee
in  Tirol  und  Generaloberst,  Febr.  1917  Oberbefehlshaber
  der  1.  Armee  an  der  rumän.  Front  (Ojtoz=  und
Gyimes-Paß),  Mai  1918  Feldmarschall.

Nohrkolbenschilf,  s.  -Ersatzfaserstoffe-,  S.  180.

RNohrrücklauf,  s.  S.  153.
Rohstoffgesellschaften,  unter  staatlicher  Aufsicht
stehende  Handelsgesellschaften,  denen  für  die  Dauer
des  Krieges  die  Regelung  der  Einfuhr  von  Rohstoffen,
deren  Sicherstellung  und  Verteilung  für  den  Bedarf
des  Heeres  und  der  Bevölkerung  oblag.  Vgl.  Kriegsrohstoffabteilung.


Rokitno-Sümpfe,  Sumpflandschaft  in  den  russ.
Gouv.  Grodno  und  Minst  (vgl.  Bd.  I.  S.  154),  ein
Teil  der  Polessie.  Mit  der  Eroberung  von  Brest  Litowsk
  durch  die  Deutschen  26.  lug,  1910  begannen
hier  langwierige  Stellungskämpfe  der  Heeresgruppe
Linfingen  bzw.  Gronau  (1.  Okt.  1915  bis  30.  April
1916  bzw.  31.  Dez.  1916).

Rolland,  Romain,  franz.  Schriftsteller,  geb.  29.
Jan.  1866  in  Clamecy  (Nièvre),  während  des  Krieges
in  der  Schweiz,  bemühte  sich  um  eine  gerechtere  Beurteilung
  Deutschlands,  ohne  aber  dessen  Art  voll  zu
erfassen  (-Au  Dessus  de  la  méldée-,  1914).

ollepaßt,  1984  m  hoch,  im  östl.  Südtirol,  strateg.
wichtige,  befest.  Straßensperre,  wiederholt  Schauplatz
hartnäck.  Angriffe  der  Italiener,  die  21.  Juli  1916  die
Paßhöhe  besetzten,  Anf.  Nov.  1917  sie  wieder  räumten.

Romanja  Planina,  Gebirgsrücken  in  Bosnien,
östlich  von  Sarajewo,  wo  am  7.  und  8.  Okt.  1914  die
Serben  eine  Niederlage  gegen  das  16.  österr.-ungar.
Korps  (Wurm)  erlitten.  Vgl.  S.  50.

Romanones,  Alvaro  de  Figueroa  y  Torres,
Grafvon,  span.  Staatsmann  und  Großindustrieller,
geb.  1863,  1888  liberaler  Abgeordneter,  dann  Bürgermeister
  von  Madrid,  Minister  des  Unterrichts,  der
Landwirtschaft  und  der  öffentl  Arbeiten,  des  Innern,
der  Justiz.  1912—13  und  Juni  1915  bis  April
1917  Ministerpräsident,  franzosenfreundlich,  März
1918  unter  Maura  Min.  der  Justiz  und  der  öffentl.
Arbeiten,  später  Min.  des  Außern.

Röntgenstrahlen.  Für  dieheiegschirurgfehaben
die  R.  zur  schnellen  Feststellung  der  Art  von  Verwundungen,
  Verbleib  von  Geschossen  im  Körper  usw.  die
größte  Bedeutung;  val.  in  Bd.  II.  S.  300  die  Tafeln
„Kriegschirurgie  -1,  Fig.  4  u.  9  u.  II,  Fig.  3,  4,6,  7  u.  9.
Deshalb  wurden  fahrbare  Röntgenapparate  vom  Feldheer
  mitgeführt,  besonders  in  Form  von  Kraftwagen
(Röntgenautos);  vgl.  Bd.  I  S.  283.  (1.  264f.

„Roon.,  deutscher  Panzerkreuzer,  9500  4,  s.  Bd.  L,

Roosevelt,  Theodore,  amerikan.  Staatsmann,
geb.  27.Okt.1858  in  Neuyork,  gest.  daselbst  6.  Jan.  1919,
1901—08  Präsident.  Früherein  Bewundererdeutschen
Wesens,  veranstaltete  K.  im  Weltkrieg  eine  häßliche

328

Hetzpropaganda  gegen  Deutschland.  R.  schrieb  u.  a.
American  Ideals  and  other  Essays-.

Roaues,  franz.  General,  geb.  28.  Dez.  1856  in
Marseillan,  1901Oberst  u.  Ingenieur  der  öffentl.  Arbeiten
  in  Madagaskar,  1906  Brigadegeneral  u.  Direktor
  der  Genieableilung  im  Ministerium  des  Innern,
1909  Divisionschef,  1910  Inspektor  des  Militärflugwesens,
  1913  Kommandeur  der  7.  Infanteriedivision.
Aug.  1914  Führer  des  12.  Korps,  Jan.  1915  Oberbefehlshaber
  der  1.  Armee,  nach  Gallienis  Rücktritt
16.  März  1916  Kriegsminister  (bis  12.  Dez.  1916).

Rosner,  Karl,  Schriftsteller,  geb.  5.  Febr.  1873
in  Wien,  Buchhändler,  dann  Schriftleiter  der-Gartenlaube-,
  1913—15  vom  „Greif-,  Kriegsberichterstatter
des  „Berliner  Lokal-Anzeigers  im  Südosten  und
Westen;  schr.:  Wir  tragen  das  Schwert=  (1914  u.  ö.),
„Der  graue  Ritter=  (1916),  »Vor  dem  Drahtverhau
(1916)  und  -Mit  der  Armee  von  Falkenhayn  gegen
die  Rumänen  (1917).

Noß,  Colin,  Kriegsberichterstatter  der-Vossischen
Zeitunge  im  Westen,  geb.  4.  Juni  1885  in  Wien,
Schriftleiter  von  „Zeit  im  Bild«  in  München  bzw.
Berlin,  Oberleutnant  im  Felde,  techn.  Schriftsteller
und  Verf.  von  „Wir  draußen,  zwei  Jahre  Kriegserleben
  an  vier  Fronten=  (1917).  R.  gehörte  Nov.=Dez
  1919  dem  Vollzugsrat  als  Soldatenrat  an.

Rossieny  (Rossienie),  Kreisstadt  im  russ.  Gouv.
Kowno,  an  der  Rossienka.  Das  Gebiet  um  R.  war  im
Mai  1915  Schauplatz  lebhafter  Kämpfe;  vgl.  S.  59.

Rosso,  Col  del,  Berg  (1278  m)  in  den  Sieben
Gemeinden  östlich  von  Asiago,  wurde  22.  und  23.Dez.
1917  von  der  österr.-ung.  Heeresgruppe  Conrad  genommen,
  nach  nochmaligem  Vesstwechsel  schließlich
30.  Juni  1918  von  den  Ententetruppen  erobert.

Rosta,  Name  der  Petersburger  Telegraphenagentur
  unter  bolschewistischer  Verwaltung.

Rotbuch,  s.  Buntbücher.

Rote  Armee,  das  vom  Rat  der  Volkskommissare
Februar  1918  gebildete  russ.  (bolschewist.)  Heer,  als
Ersatz  der  regulären  Armee.  Nach  russischem  Vorbild
  wurde  eine  R.  A.  in  Finnland  (1917),  Ungarn
(1919),  Bayern  (1919)  u.  Ruhrgebiet  (1920)  gebildet.

„Rote  Fahne-,  von  Liebknecht  und  Rosa  Luxem-=burg
  Nov.  1918  gegr.  Organ  des  Spartakusbundes,
*8  täglich  in  Berlin.

Rote  Flugschrift,  September  1915  dem  engl.
Parlament  von  unbekanntem  Absender  (unterzeichnet
„Un  Blessé  d'’Anverse)  zugestellte  Flugschrift  -Why
did  no  British  army  help  Belgium  7-,  gedruckt  bei
Hatchard,  worin  der  Verfasser  die  geheimen,  vor  dem
Kriege  getrossenen  Abmachungen  Englands  mit  Belien

  aufdeckt,  letzterm  160  000  Mann  Hilfe  zu  senden.

e  Schrift  wurde  sofort  unterdrückt,  doch  veröffentlichte
  die  amerik.  „Evening  Mail-  den  Inhalt.

Roter  Halbmond,  1915  gestifteter  türk.  Orden
für  Verdienste  um  den  Roten  Halbmond,  das  türkischdeutsche
  Rote  Kreuz-.

Roter  Soldatenbund,  Nov.  1918  in  Berlin  gegr.
unabhängig-sozialistsche  Soldatenpartei,  verschuldete
die  Politisierung  und  Zersetzung  der  alten  Armee.

Roterturmpaß,  Felsenpaß  im  südwestl.  Randgebirge
  Siebenbürgens,  südl.  von  Hermannstadt,  bildele
  die  erste  Einbruchstelle  der  Rumänen  am  27.  Aug.
1916;  in  der  Schlacht  von  Hermannstadt  wurden  die
Rumänen  am  R.  umfaßt  und  ihre  dort  abgeschnittenen
Abteilungen  vernichtet.  Vgl.  Bd.  II,  S.  227  ff.

Rotes  Kreuz.  Das  Rote  Kreuz  im  weißen
Felde  ist  das  durch  die  Genfer  Konvention  1864

217
        <pb n="354" />
        324

angenommene  Neutralitätsabzeichen,  das  die  mit
der  Fürsorge  für  die  Verwundeten  betrauten  Nichtkämpfer
  (Arzte,  Sanitätspersonal,  freiwillige  Krankenpfleger
  und  pflegerinnen)  und  ihr  Material  kennzeichnet
  und  vor  kriegerischen  Angriffen  schützt.  Das
Zeichen,  eine  Farbenumkehrung  des  schweizerischen
Wappens  (weißes  Kreuz  im  roten  Felde),  wurde  gewählt,
  um  anzudeuten,  daß  die  humanitären  Bestrebungen
  von  der  Schweiz  ihren  Ausgang  nahmen.
Henry  Dunant(geb.  8.  Mai  1828  in  Genf)  führte  durch
sein  1862  in  Genf  erschienenes  Buch-Un  souvenir
de  Solferino=  die  Gründung  des  Roten  Kreuzes  als
einer  Organisalion  der  internationalen  Hilfe  nach  den
Beschlüssen  der  Genfer  Konvention  am  22.  Aug.  1864
herbei.  Den  zu  Anfang  beigetretenen  zwölf  Staaten
schlossen  sich  später  die  übrigen  Kulturstaaten  an.

Allmählich  diente  der  Name  zur  Gesamtbezeichnung
aller  der  Vereine,  die  auf  die  Anregung  der  Genfer
Konvention  zur  Pflege  der  verwundeten  u.  erkrankten
Krieger  gegründet  wurden.  In  Deutschland  schlossen
sich  die  Männervereine  1869  zu  einem  Verband  zusammen,
  der  1897  den  Namen  Zentralkomitee
der  deutschen  Vereine  vom  Noten  Kreuz  ann
  ahm.  Daneben  bildeten  sich  auch  Frauenvereine,
so  bes.  1866  der  -Vaterländische  Frauenvereine,  die
neben  der  Unterstützung  der  Männervereine  die  Heranbildung
  geeigneter  Kräfte  für  die  Kranken=  und
Verwundetenpflege  bezwecken  (26  Landesvereine  und
8  Landes-Frauenvereine).  —  Das  Verhältnis  des
Roten  Kreuzes  zur  Armee  und  zu  den  Behörden  sowie
die  Art  der  Mitwi  kung  beim  Kriegssanitätsdienst  war
in  Deutschland  durch  die  Dienstvorschrift  für  freiwillige
Krankenpflege  vom  12.  März  1907  geregelt.  Berechtigt,
  den  Kriegssanitätsdienst  zu  unterstützen,  sind
die  deutschen  Landesvereine  vom  Roten  Kreuz,  die
mit  ihnen  verdündeten  Vereine  und  die  Ritterorden
(Johanniter,  Malteser,  St.  Georgsritter)  sowie  Vereinigungen,
  die  sich  der  Krankenpflege  nach  den  vom
Kriegsministerium  festgesetzten  Grundsätzen  widmen.

Das  Arbeitsgebiet  eines  Landesvereins  umfaßte
  außer  den  schon  im  Frieden  vorhandenen  und
für  den  Krieg  entsprechend  erweiterten  Abteilungen
für  Mobilmachungsangelegenheiten  22  Abteilungen.
Für  allg.  Kriegskrankenpflege  waren  bis  Aug.
1916  21,5  Mill.  Mk.  aufgebracht,  von  denen  2,5  Mill.
den  Landesvereinen  überwiesen,  4,5  Mill.  für  Liebesgaben,
  über  1  Mill.  für  Mineralwasser  in  den  Etappenlazaretten
  angewendet  wurden.  Für  Kriegswohlfahrtspflege
  kamen  11  Mill.  Mk.  zusammen,  von
denen  7½  Mill.  für  Lesestoff  verausgabt  wurden.  —
Vorsitzender  des  Zentralkomitees  der  deutschen  Vereine
  vom  Roten  Kreuz  (Sitz:  Berlin)  war  General  z.  D.
Kurt  v.  Pfuel.

Für  Verdienste  um  das  Rote  Kreuz  wird  in  Preußen
  seit  1898  die  Rote  Kreuzmedaille  (drei  Klas.
sen)  verliehen.  Ahnliche  Auszeichnungen  bestehen  in
andern  Staaten.  Gegen  geschäftiiche  Ausnutzung
geschützt  ist  das  Abzeichen  R.  K.  durch  Reichsgesetz
vom  22.  März  1902.  S.  Kriegssanitätswesen.  Bgl.
v.  Strang.-  Das  internationale  Note  Kreuz  (Berl.
1896);  Marcks.  Das  Rote  Kreuz  (Gütersloh  1900).

Noth  von  Limanowa-Lapanow,  Joseph,
Ritter,  österr.-ungar.  Generaloverst,  geb.  1859  in
Trient,  bei  Kriegsausbruch  Kommandant  der  Militärakademie
  in  Wiener-Neustadt,  führte  das  14.  Korps,
mit  dem  er  in  der  Schlacht  bei  Limanowa  (9.  Dez.
1914)  den  Sieg  entschied.  Mai  1915  erstürmie  R.  die
Höhen  südl.  v.  Tarnow,  war  später  Kommandant  der

Roth  von  Limanowa-Lapanow  —  Rumänien

Tiroler  Landesverteidigung,  dann  Befehlshaber  der
Dolomitenfront.  Febr.  1918  wurde  R.  Generaloberst,
März  Generalinspektor  der  militärischen  Erziehungsund
  Bildungsanstalten.

Rousset,  franz.  Oberstleutnant,  schrieb  im  Kriege
vielbeachtete  Kriegskritiken  in  der  -Liderté-,  im
°  Gaulois=  u.  a.  in  unverwüstlichem  Optimismus.

Novreit  (Rovereto,  Rofreit),  Stadt  in  Südtirol,
  im  Val  Lagarina  (vgl.  Bd.  II,  S.  99f.),  diente
Mai  1916  dem  rechten  Flügel  der  österr.-ungar.  Angriffsarmee
  als  Basis,  wurde  2.  Nov.  1918  von  der
1.  ital.  Armee  besetzt.

Nowno,  Festung  im  russ.  Gouv.  Wolhynien,
wurde  20.  Febr.  1918  von  den  Deutschen  besetzt.

Roye,  Stadt  im  franz.  Depart.  Somme,  an  der
Bahn  Paris-Valenciennes.  R.  war  Ende  Sept.  1914
lebhaft  umkämpft  und  vom  26.  März  bis  27.  Aug.
1918  in  deutschem  Besitz.

Rozan,  befestigte  Stadt  im  russ.-poln.  Gouv.  Plozk.
am  rechten  Ufer  des  Narew,  nordöstl.  von  Pulusfk.
beherrscht  einen  wichtigen  Narewübergang.  Am  18.
Juli  1915  begann  der  Angriff  der  deutschen  Armee
Gallwitz  auf  R.,  das  24.  Juli  besetzt  wurde.

Rufidschi  (Lufidschi),  Fluß  in  Deutsch-Ost.
afrika,  wo  11.  Juli  1915  der  deutsche  Kreuzer  „Königsberg«
  von  engl.  Kriegsschiffen  vernichtet  wurde;  vgl.
Bd.  I.  S.  271f.

Ruhleben,  Domünein  der  Prov.  Brandenburg,  bei
Spandau,  mit  Infanterieschießschule.  —  Als  Vergeltung
  für  die  Gefangenhaltung  deutscher  Staatsangehöriger
  in  England  wurden  Nov.  1914  alle  Engländer
zwischen  vollendetem  17.  u.  55.  Lebensjahr  männlichen
Geschlechts,  denen  das  Ausreiserecht  als  Arzte  oder
Geistliche  nicht  zustand,  unter  militärischer  Bedeckung
in  das  Lager  R.  überführt.  Bgl.  Joseph  Powell
und  F.  Gribble.  The  bistory  of  R.  (Lond.  1919).

Ruhr,  Sammelbezeichnung  mehrerer  ansteckender
Krankheiten  mit  wahrscheinlich  verschiedenen  Erregern.
Die  Erscheinungen  sind  choleraähnlich,  die  Entleerun.

en  häufig  blutig.  Die  Truppen  der  verschiedenen

ächte  hatten  auch  in  diesem  Kriege  vielfach  unter  R.
zu  leiden,  veranlaßt  durch  unzweckmäßige  Ernährung,
z.  V.  unreifes  Obst  usw.  Auch  bei  N.  hat  man  eine
Serumbehandlung  mit  Erfolg  versucht.  Vgl.  Bd.  1.
S.  305  und  Bd.  II,  S.  311.

Rumänien.  Die  Wahlen  vom  Februar  1914
brachten  dem  liberalen  Kabinett  Bratiannu  in  Senat
und  Deputiertenkammer  einefeste  Majorität  für  Agrarreform
  u.  Einführung  des  gleichen  Wahlrechts.  Nach
Annahme  der  Verfassungsreform  wurde  das  Parlament
  am  6.  Mai  aufgelöst.  Die  neuen  Wahlen  ergaden
  jedoch  einen  Rückgang  der  liberalen  Stimmen.

ie  konslituierende  Versammlung.  vom  König  Karol
am  18.Juni  eröffnet,  konnte  ihr  Werk  nicht  vollenden,
da  der  Kriegsausbruch  sie  vor  ganz  andere  Aufgaben
stellte.  R.  beeilte  sich,  am  4.  Aug.  seine  Neutralikät  zu
erklären.  Unglücklicherweise  starb  am  10.  Okt.  1914
König  Karol  in  Sinaia,  73  Jahre  alt;  nach  zehn  Tagen
  folgte  ihm  sein  bewährtester  Staaksmann,  Demeter
  Sturdza,  am  7.  März  1916  seine  Gattin,  Königin
Elisabeth  (Carmen  Sylva),  im  Tode  nach.  Karols
Neffe  und  Thronfolger,  Ferdinand  von  Hohenzollern,
übernahm  am  11.Okt.  als  Ferdinand  I.  die  Regierung.

Bereits  zu  Anfang  des  Jahres  1915  bildete  sich  in
R.eine  Lage  heraus,  die  die  Eutscheidung  R.3  nur  noch
von  der  Zufälligkeit  der  Majorität  abhängig  machte,
die  schwache  Regierung  des  Königs  und  des  Kabinectis
Bratianu  verlor  mehr  und  mehr  das  Heft  aus  den
        <pb n="355" />
        Rumänien  —  Rupprecht

Händen.  Der  Finanzminister  Costinescu  legte  als
Anhänger  der  Entente  dem  blühenden  Ausfuhrhandel
nach  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn  die  größten
Schwierigkeiten  in  den  Weg.  insbes.  durch  Begünstigung
  einer  riesigen  Waggonspekulation,  die  den  Eisenbahnverkehr
  zeitweise  nahezu  lahmlegte,  und  durch
sehr  hohe  Ausfuhrzölle  auf  Lebensmittel.  Erst  der
am  11.  Dez.  abgeschlossene  Ausfuhrvertrag  zwischen
der  rumän.  Zentralverkaufskommission  und  den  Zentralgetreidestellen
  der  Mittelmächte  gabd  die  gekauften
Mengen  und  weitere  500000  t  zur?  uofuhrhrei  Die
Entscheidung  Italiens  für  die  Entente  im  Mai  1915
brachte  das  ganze  Land  in  starke  Erregung.  Der  am
2.  Juli  erfolgte  erneute  Beschluß  des  Ministerrats,  bei
der  Neutralität  zu  verharren,  zersprengte  die  konservative
  Partei:  die  Gruppe  Carp  trat  für  Anschluß
an  die  Mittelmächte,  die  Gruppe  Marghiloman  für
Neutralität,  die  Gruppe  Filipescu  für  Krieg  an  der
Seite  der  Entente  ein.  Bratianu  lehnte  die  kategorische
  Forderung  der  Entente,  den  Russen  freien
Durchmarsch  nach  Serbien  zu  gewähren,  ab;  aber
die  „  Unionistische  Föderatione  forderte  24.  Okt.  den
Kriegseintritt  an  der  Seite  der  Entente.  Als  Filipescu
und  Jonescu  sogar  mit  offener  Revolte  drohten,  gründete
  sich  am  27.  Nov.  unter  Marghiloman  eine  -Liga
zur  Ergänzung  R.s«,  die  den  Krieg  gegen  Rußland
zwecks  Rückgewinnung  Bessarabiens  forderte.  Dieselben
  Ziele  verfolgte  die  am  9.  Dez.  unter  Majorescu
gegründete  =  Liga  der  nationalen  Einheite.

m  ersten  Halbjahr  1916  behielt  die  Lage  den
gleichen  Charakter  zunehmender  Spannung.  Die  Entente
  machte  durch  riesenhafte  Scheinkäufe  die  Lieferung
  der  mit  den  Mittelmächten  vereinbarten  Ausfuhrmengen
  zum  Teil  unmöglich,  und  der  Waggonschwindel
  sleigerte  sich  zu  blühendster  Korruption.
Zugleich  konzentrierte  R.  seine  Truppen  an  den  bulgar.
und  ungar.  Grenzen.  Eine  Besserung  in  den  Beziengen

  R.s  zu  den  Mittelmächten  erzielte  aber  das
bheepne  mit  Deutschland  vom  7.  April
1916,  das  beiderseitige  Ausfuhrerlaubnis  brachte  und
eincn  besonderen  deutsch-rumänischen  Eisenbahndienst
Caruen  .Züge)  einrichtete.  Gleichzeitig  wurde  eine

nigung  mit  Bulgarien  über  die  Transttgüler  erzielt.
Bald  aber  trieb  R.  ein  Doppelspiel;  während  Bratianu
  noch  am  27.  Aug.  dem  österr.=  ungar.  Botschafter
  Grafen  Czernin  erklärte,  er  könne,  wolle  und
werde  die  Neutralität  aufrechterhalten  und  sich  der
König  tags  zuvor  ähnlich  ausgedrückt  hatte,  hatte  R.
bereits  am  15.  Aug.  sich  Rußland  gegenüber  verpflichtet,
  den  Krieg  bis  zum  28.  zu  erklären.  Der
König  berief  für  den  27.  Aug.  (Sornteg)  einen
Kronrat  ein,  der  unter  dem  Eindruck  der  Drohung
Rußlands  mit  dem  Einmarsch  den  Krieg  beschloß.  In
der  am  27.  abends  erfolgten  Kriegserklärung  wurde
die  durch  die  Umschwenkung  Italiens  veränderte
Lage  als  wesentlichster  Kriegsgrund  angegeben.  Am
1.  Sept.  übernahm  General  Avarescu  (bis  22.  Dez.,
Nachf.  General  Presan)  die  Leitung  des  Generalstabs,
der  König  selbst  den  Oberbefehl.  Der  unglückliche  Verlauf
  des  Feldzuges  (s.  Bd.  II.  S.  221  ff.)  zwang  bereits
am  29.  Nov.  zur  Verlegung  des  Regierungssitzes  nach
Jassy,  während  die  Nittemiächte  am  1.  Dez.  eine
Militärverwaltung  der  besetzten  Gebiete  R.3  in  Bukarest
  errichteten.  In  Jassy  wurde  am  24.  Dez.  vom
König  das  Parlament  eröffnet;  zwei  Tage  darauf
bildete  sich  das  Kabinett  Bratianu  durch  Zuwahl
mehrerer  Mitglieder  der  Opposition  um.

Die  Ernennung  des  Königs  zum  Befehlshaber  der

325

russisch-rumän.  Streitkräfte  (28.  Jan.  1917)  konnte
nicht  über  die  völlige  Abhänpigeeit  R.s  von  Rußland
  hinwegtäuschen.  Trotz  aller  Bemlihungen,  den
Krieg  fortzuführen,  waren  die  Rumänen  ohne  Rußland
  dazu  einfach  nicht  in  der  Lage  —  sie  mußten
mit  diesem  zusammen  Frieden  schließen.  Die  russischen
  Unruhen  brandeten  bedrohlich  ins  Land  —  am
13.  Mai  fanden  erstmalig  große  Kundgebungen  für
die  Republik  in  Jassy  stait.  So  beriet  die  Kammer
eiligst  die  lange  geplante  Verfassungsreform,  die  sich
auf  Wahl-  und  Agrarreform  erstreckte,  und  nahm  am
7.  Juli  das  Gesetz  an,  das  das  allgemeine  Slimmrecht,
  die  Enteignung  großer  Landgüter  und  die  Verteilung
  von  Land  an  Bauern  einführte.  —  Die
Staatsschuld  war  1913—  17  von  1½  auf  10  Milliarden,
  die  volle  Höhe  des  Nationalvermögens,  gestiegen;
  das  Heer  hatte  bis  Ende  1916  an  Toten,  Verwundeten
  und  Vermißten  290000  Mann  verloren,
Seuchen  räumten  unter  seinen  Resten  ebenso  auf  wie
unter  der  Zivilbevölkerung  und  den  unglücklichen
Kriegsgefangenen.  Jetzt  griff  auch  noch  Demoralisation,
  Fahnenflucht  und  offene  Meuterei  von  der  ruff.
Front  her  auf  die  rumän.  über.  Der  von  Rußland
abhängige  Nachschub  versagte,  die  Verbindung  mit
den  Verbündeten  war  zerrissen,  die  trotz  Versprechun-*
  Wilsons  und  Lloyd  Georges  keine  Hilfe  bringen
onnten.  Als  die  Truppen  von  sich  aus  am  4.  Dez.
1917  zum  Abschluß  von  Waffenstillständen  schritten,
mußte  sich  die  Regierung  fügen:  am  9.  Dez.  wurde
der  Waffenstillstandsvertrag  mit  den  Heeresleitungen
  der  Vierbundmächte  in  Fokschani  unterzeichnet
  (s.  S.  140).

Nachdem  am  19.  März  1918  Marghiloman
zum  Ministerpräsidenten  ernannt  worden  war,  wurden
  am  26.  früh  4  Uhr  die  wichtigsten  Bestimmungen
des  Friedensinstruments  paraphiert,  am  7.  der  ganze
Vertrag  unterzeichnet  (über  den  Inhalt  s.  S.  110).
Nach  Friedensschluß  wurden  die  Reformen  wieder
aufgenommen:  am  3.  Aug.  ein  Judengesetz  angenommen,
  am  30.  Aug,  der  Großgrundbesitz  zur  Verpachtung
  von  10—95  Proz.  seines  Bodens  an  Bauern
geiebüich  gezwungen.  —  Nachdem  am  10.  Nov.  General

oanda  das  Ministerpräsidium  übernommen  hatte,
erklärte  N.  erneut  Deutschland  den  Krieg  und  besetzte
die  strittigen  Gebiete  Ungarns.  Die  nach  dem  Zusammenbruch
  der  Räteregierung  in  Ungarn  eintretende
  Lage  nahm  R.  wahr,  bis  Budapest  zu  marschieren
  und  trotz  Einspruch  der  eigenen  Bundesgenossen
die  Hauptstadt  zu  besetzen.  R.  zwan  Ungarn  einen

arten  Waffenstillstand  auf  und  weigerte  sich  lange
7“  davon  abzugehen,  auch  als  die  Entente  ihm  die

ufuhren  sperrte.  Die  Ungarn  im  Januar  1920  von
der  Ententein  Paris  auferlegten  Friedensbedingungen
ignorierten  jedoch  die  rumänischen  Ansprüche.

Vgl.  O.  v.  Dungern,  Rumänien  (Gotha  1916);
N.  Jorga,  Histoire  des  réelations  entre  la  France
et  les  Roumains  (Par.  1918);  Ders.  im  4.  Bande  von
„  Helmolts  Weltgeschichte=  (2.  Aufl.,  Leipz.  1919);
K.  Mann,  Kriegswirtschaft  in  R.  (Bukar.  1918).

Rupprecht,  Kronprinz  von  Bayern,  ältester
Sohn  König  Ludwigs  III.,  geb.  18.  Mai  1869  in
München,  unternahm  1899  eine  Indien-,  1902—03
eine  Weltreise,  über  die  er  „Reiseerinnerungen  aus
Ostasien=  (Münch.  1905)  schrieb,  wurde  1906  Kommandeur
  des  1.  bayrischen  Armeekorps.  Seit  5.  Nov.
1913  Kronprinz,  1913  Generaloberst  und  Inspekteur
der  4.  Armeeinspektion,  siegte  R.  als  Oberbefehlshaber
der  bayrischen  Truppen  (6.  Armee)  am  20-—22.
        <pb n="356" />
        326

Aug.  1914  in  der  Schlacht  in  Lothringen,  üÜbernahm
  im  Okt.  die  Front  im  Artois  und  füdl.  Flandern,
  1916  Generalfeldmarschall  und  seit  Frühjahr
1917  Oberbefehlshaber  der  nördl.  Heeresgruppe  an
der  Westfront.  Seit  1900  vermählt  mit  Marie  Gabriele,
  Tochter  des  Herzogs  Karl  Theodor  in  Bayern
(geb.  9.  Okt.  1878,  gest.  24.  Okt.  1912),  verlobte  er
sich  1918  mit  Prinzessin  (etzt  Großherzogin)  Charlotte
  von  Luxemburg,  löste  aber  nach  Kriegsende  die
Verlobung  wieder  und  verzichtete  auf  den  Thron.
1919  stellte  er  sich  einem  eventuellen  bayr.  Staatsgerichtshof
  zur  Verfügung.  Bal.  Kolshorn,  Kronprinz
R.  v.  B.  (Münch.  1918).—  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  187.

Rußkij,  Nikolai  Wladimirowitsch,  russ.  General,
  geb.  6.  März  1854,  im  türk.  Krieg  1877/78
verwundet,  im  japan.  1904/05  Stabschef  der  2.  Armee,
dann  kommand.  General,  kämpfte  1914  vor  Warschau
und  bei  Prasznysz,  führte  mit  der  3.  Armee  in  der
ersten  Lemberger  Schlacht  den  entscheidenden  Stoß,
erzwang  in  der  zweiten  die  Zurücknahme  der  österr.=ungar.
  Truppen  hinter  den  San  und  veranlaßte  durch
seinen  Weichselübergang  Hindenburg  zum  strategischen
  Rückzug  an  die  Grenze  von  Posen  und  Schlesien.
Sept.  bis  Dez.  1915,  Aug.  1916  bis  Mai  1917  u.  seit
Sept.  1917  war  R.  Oberkommandierender  der  Nordfront.
  März  1919  wurde  R.  zusammen  mit  Radko
Dimitrieff  u.  hundert  anderen  Geiseln  in  Sswjatigost
von  den  Bolschewiken  erschossen.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Russkila  Iswjestija,  s.  Kriegszeitungen.

Rußland.  über  Geogr.  des  russ.  Kriegsschauplatzes
  s.  Bd.  I,  S.  154  f  u.  II,  S.  124,  über  Deutschtum
  in  R.  Bd.  L,  S.  43f.,  über  die  Fremdvölker  Bd.  1,
S.  71ff.,  über  die  Bevölkerung  Bd.  II,  S.  54,  56,
Kultur  Bd.  II,  S.  321  f.,  Presse  Bd.  II,  S.  333,  wirtschaftl.
  Lage  Bd.  II,  S.  427  ff.,  Sozialpolitik  Bd.  II,
S.  438  ff.,  Weltpolitik  Bd.  II,  S.  52ff.

Seit  dem  Frühjahr  1914  drängte  R.  zum  Kriege
(vgl.  Bd.  II,  S.  56).  Der  Besuch  eines  engl.  Geschwaders
  in  Kronstadt  (23.  Juni)  und  des  franz.
Präsidenten  Poincaré  in  Petersburg  (20.  Juli)  waren
der  letzte  Händedruck  der  Verschworenen  vorm  Losschlagen.
  Die  russ.  Mobilmachung  (30./31.  Juli),  unter
Unterschlagung  des  Gegenbefehls  des  Zaren  durch  den
Kriegsminister  Suchomlinoff  durchgeführt,  vereitelte
jede  weitere  diplomatische  Aktion  u.  löste  die  Entladung
des  Weltkrieges  aus.  Unter  Leitung  des  am  3.  Aug.  zum
Generalissimusernannten  Großfürsten  Nikolai  Nikolajewitsch
  setzte  sich  die  Dampfwalze=  der  russ.  Millionen--armee
  gegen  Ostpreußen  und  Galizien  in  Bewegung.

Der  Winterfeldzug  1914/15  in  den  Karpathen  und
in  Polen  führte  bereits  eine  so  unheilbare  Schwäche
der  russ.  Peercsmact  herbei,  daß  der  großartige
Sommerfeldzug  der  Mittelmächte  von  1915  ihre  Zertrümmerung
  einleiten  konnte.  Dierachsüchtigen  Maßnahmen
  gegen  die  feindlichen  Ausländer  —  Aufhebung
  der  seindlichen  Patente  (28.  Jan.),  Ungültigkeitserklärung
  feindl.  Grundbesitzes  (16.  Febr.),  Verlust
  der  Fähigkeit  zur  materiellen  Interessenvertretung
vor  Gericht  (22.  Febr.),  Erlassung  eines  Kriegspatentesetzes

  (6.  März)  usw.  —  konnten  den  unaufhaltaenmen
  Zerfall  des  russ.  Staatskolosses  ebensowenig
aufhalten  wie  reaktionäre  Maßnahmen  im  Innern
  (Verbannung  sozialdemokratischer  Dumaabgeordneter
  usw.)  oder  fortgesetzte  Ministerwechsel;  der
Verband  der  Rechten  forderte  am  25.  Okt.  unter  völliger
  Verkennung  der  Lage  Unterlassung  aller  Reormen,
  Vertagung  der  Judenfrage,  Verweigerung
jeder  Amnestie,  Erteilung  unbeschränkter  Vollmachten

Rußkij  —  Rußland

an  die  Regierung  usw.  Ebenso  sprach  sich  der  Konreß

  der  echtrussischen  Leute  13.  Dez.  für  unbedingte

eaktion  aus.  Den  Zusammenschluß  der  gemäßigten
Parteien  zu  einem  fortschrittlichen  parlamentarischen
„Dumablock=  beantwortete  die  Regierung  einfach  mit
Auflösung  der  Duma  und  Verhaftung  von  17  sozialdemokratischen
  Abgeordneten  (16.  Sept.).  Die  Semstwos
  schritten  in  Moskau  am  24.  Juni  zur  Organisierung
  des  Kriegsbedarfs;  am  15.  Aug.  wurden  aus
Vertretern  der  Industrie,  Städte,  Semstwos,  der  Duma
und  des  Reichsrats  gemischte  Industrieausschüsse  gebildet.
  Der  Kaiser  übernahm  am  5.  Sept.  den  Ober.
befehl.  Bereits  am  6.  Dez.  wurde  der  Jahrgang  1918
(für  Anfang  des  Jahres  1916)  zu  den  Fahnen  einberusen.
  Am  26.  März  wurde  ein  neuer  Schutzzolltarif
  (mit  30  Proz.  Erhöhung)  eingeführt.  2  die
am  26.  März  geschlossene  500  Mill.  Rubel-Kriegsanleihe
  wurden  nur  40  (!)  Mill.  Rub.  gezeichnet.  Am
15.  Mai  wurde  die  1914  eingebrachte  Kriegssteuer  eingeführt.
  Die  Ernährungsfrage  nahm  gegen  Jahresende
  infolge  vollständiger  Desorganisation  einen
geradezu  katastrophalen  Charakter  an.

Das  ganze  Jahr  1916  hindurch  ging  es  unaufhaltsam
  weiter  die  abschüsstze  Bahnhinunter;  dievorübergehenden
  Erfolge  der  Brussiloffschen  Massenoffenfive
und  der  Kriegseintritt  Rumäniens  erleichterten  nur
kurze  Zeit  die  Lage.  Die  Regierung  versteifte  sich
blindwütig  auf  die  Reaktion.  Am  2.  Febr.  1916  wurde
der  Ministerpräsident  Goremykin,  seit  12.  Febr.  1914
im  Amte,  durch  den  Reichsrat  Stürmer  ersetzt,  der  in
hochkonservativen  Bahnen  wandelte.  Weil  er  bei  dem
engl.  Botschafter  Buchanan  als  friedensverdächtig  galt.
wurde  23.  Nov.  Stürmer  durch  den  Verkehrsminister
Trepoff  ersetzt.  Das  Volk  selbst  fing  an,  immer
deutlicher  seine  Forderungen  zu  wiederholen.  Am
5.  Mai  wandte  sich  eine  in  Stockholm  gegründete
„Liga  der  Fremdvölker  Rußlands=  hilfesuchend  an
den  Präsidenten  Wilson,  am  20.  Nov.  an  Asquith,
am  20.  Dez.  an  Lloyd  George,  am  2.  Juli  nahm  die
Duma  ein  Gesetz  über  die  Gleichberechtigung  der
Bauern  an.  In  der  Duma  siegte  aber  die  Reaktion
am  3.  Juli  bei  Annahme  einer  Vorlage  betr.  Bekämpfung
  des  deutschen  Einflusses,  bei  deren  Beratung
  der  Dumablock  gesprengt  wurde.  Auch  die  Progressisten
  traten  am  13.  Nov.  aus  dem  Dumablock
aus,  weil  er  nicht  scharf  genug  gegen  die  Regierung
vorginge.  Die  Ermordung  des  Zarenfreundes,  des
Mönches  Rasputin,  im  Garten  des  Fürsten  Jussupoff
in  Petersburg  am  30.  Dez.  leitete  zu  den  Vorgängen
im  neuen  Jahr  über,  die  den  Zusammenbruch  des
alten  Rußlands  herbeiführten.  —  In  der  auswärtigen
Politik  wandte  sich  die  Regierung  ganz  ihren  seit  1914
unter  ungeheuren  Opfern  erstrebten  westlichen  Zielen
zu;  mit  Japan  im  fernen  Osten  weiter  zu  rivalisieren,
verzichtete  sie  in  einem  Vertrag  mit  Japan  vom
3.  Juli  1916;  und  Frankreich  sprach  sie  noch  Anfang
1917  das  Recht  nicht  nur  auf  Elsaß-Lothringen,  sondern
  auf  das  ganze  linke  Rheinufer  zu,  wogegen  sie
in  der  Eroberung  von  Zarograd-Konstantinopel  das
erste  eigne  Kriegsziel  sah.

Die  Revolution.  Am  9.  Jan.  1917  wurde  der
Ministerpräsident  Trepoff  durch  Fürst  Galitzin  ersetzt.
Durch  Hinausschiebung  der  Wiedereröffnung  von
nat  und  Duma  vom  25.  Jan.  auf  den  27.  Febr.  Ge
wann  sich  das  Zarentum  eine  letzte  Gnadenfrist.  Am
2.  März  konnte  noch  eine  Petersburger  Verbandstagung
  ordnungsgemäß  geschlossen  werden,  da  brach
plötzlich  am  10.  März  der  Sturm  los,  als  die  Regle-
        <pb n="357" />
        Rußland

rung  die  Sitzungen  der  Duma  und  des  Reichsrats
ab  11.  März  aufhob,  weil  sie  sich  der  Opposition  nicht
mehr  gewachsen  fühlte.  Schon  seit  dem  8.  März  hatte
es  heftige  Hungerrevolten  gegeben,  jetzt  brach  in
Petersdurg  der  helle  Aufruhr  los.  Am  11.  März  kam
es  zu  einem  Blutbad  am  Newskiprospekt.  Tags  darauf
ging  das  Militär  zu  den  Arbeitern  über.  Die  trotz
ihrer  Vertagung  zusammengebliebene  Duma  wählte
einen  aus  dem  Kadetten  Miljukoff,  dem  Fürsten  Lwoff,
dem  Sozialiser  Tscheidse  u.  dem  Trudowiki  Kerenstki
bestehen
Taurischen  Palais  ein  Rat  der  Arbeiter  unter
Tscheidse  zusammen.  Die  Minister  wurden  verhaftet,
  die  Petersburger  Telegraphenagentur  in  Betrieb
  genommen  —  in  drei  Tagen  war  der  Umsturz
gelungen.  Am  13.  März  errang  Kerenski  in  einer
gemeinsamen  Sitzung  von  Vollzugsausschuß  und  Areiter-
  und  Soldatenrat  für  sich  die  Mehrheit.  Am
folgenden  Tage  ging  auch  in  Moskau  das  Militär
zu  den  Aufständischen  über.  In  Petersburg  wurde
unter  dem  Fürsten  Lwoff,  dem  Präsidenten  des
Semstwoverbandes,  eine  neue  Regierung  gebildet;
Kerenski  übernahm  die  Justiz,  Miljukoff  das  Außere.
In  Pskow  wurde  noch  am  selben  Tage  Zar  Nikolaus
  II.  im  Hauptquartier  des  Generals  Rußkij  zur
Abdankung  zugunsten  seines  Bruders  Michael  gezwungen,
  der  sich  am  13.  März  zu  erklären  beeilte,
daß  er  die  Beschllsse  der  konstituierenden  Bersammlung
  über  die  künftige  Verfassung  Rußlands  abwarten
  wolle,  ehe  er  die  Regentschaft  antreten  könne.  Damit
  war  das  moskowitische  Zartum  der  Romanows
beseitigt.  Am  20.  wurde  dann  der  Zar  im  Hauptquartier
  verhaftet  und  am  22.  nach  Zarskoje  Selo
überführt.  Um  16.  März  bemächtigte  sich  die  Aufstandsbewegung
  der  Marine.  Die  Entente  u.  die  Vereinigten
  Staaten,  in  der  Meinung,  die  Revolution  sei
ihrer  Sache  förderlich,  erkannten  bereits  23.  März  die
neue  Regierung  an.  Mitte  April  schien  ihre  Stellun
zunächst  gesichert.  Sie  schaffte  die  Todesstrafe  ab,  ho
die  Kriegsgerichte  auf,  die  konfessionellen  Sonderbestimmungen
  in  der  Armee,  die  Rechtsbeschränkungen
der  Juden,  sie  gab  am  4.  April  500  Geiseln  frei,  enteignete
  das  bisherige  Eigentum  des  Zaren  und  verkündete
  den  achtstündigen  Arbeitstag  unter  entsprechender
  Lohnerhöhung.  Die  noch  immer  tagende  Duma
nahm  am  9.  April  ein  Getreidehandelsmonopol  an.
Der  Arbeiter-  und  Soldatenrat  in  Petersburg,  nach
dessen  Vorbild  sich  überall  gleiche  Organisationen
Sowjets  genannt)  bildeten,  billigte  zwar  am  15.
Har  die  bisherige  Arbeit  der  provisorischen  Regierun
forderte  aber  zugleich  das  Volk  auf,  sich  um  ihn  a
eine  notwendige,  die  Regierung  kontrollierende  Vertretung
  zu  scharen  —  der  Bürgerkrieg  erhob  erstmalig
  sein  Haupt.  Die  revolutionäre  Bewegung  bemächtigte
  sich  nun  auch  völlig  der  Armee.  Am  21.  April
tagtein  Minsk,  vom  Kriegsminister  Gutschkoff  eröffnet,
ein  Kongreß  der  Vertreter  der  Westsront  u.  in  das  am
27.  April  auf  63  Köpfe  vermehrte  Exekutivkomitee
der  Sowiets  fanden  auch  19  Soldatendeputierte  Zutritt.
  Am  30.  April  wurden  Sonderausschüsse  der
Armeekorps  gebildet.  Zum  ersten  Male  wurde  die
Maifeier  in  N.  begangen.  —  Die  provisorische  Regierung
  war  entschlossen,  den  Krieg  bis  zum  „Triumph
der  gerechten  Sache  der  Entente-durchzukämpfen.  Sie
legte  bereits  am  19.  April  eine  fünfprozentige  Freibeitsa#nleihe=
  auf,  diese  endigte  aber  mit  einem  vollen
Mißerfolg.  Der  Außenminister  Miljukoff  glaubte  in
einer  Note  an  die  Entente  am  1.  Mat  ausdrücklich

en  Vollzugsausschuß;  gleichzeitig  trat  im

327

R.s  Festhalten  an  der  Entente  unterstreichen  zu  sollen.
Diese  Note  löste  eine  bedrohliche  Haltung  des  Arbeiterund
  Soldatenrates  aus,  dem  es  am  4.  Mai  gelang,
den  Oberbefehlshaber  des  Petersburger  Bezirks,  Korniloff,
  an  einem  beabsichtigten  Einschreiten  gegen  ihn
zu  Endern.  Die  provis  orische  Regierung,  einen  Bürerkrieg

  befürchtend,  gab  am  8.  Mai  den  Wunsch  nach

ildung  eines  Koalitionsministeriums  zu  erkennen,
die  radikalen  Sozialisten  u.  der  Sowjet  lehnten  jedoch
ab.  Am  10.  erklärte  sich  der  Arbeiter=  und  Soldatenrat
  zur  Teilnahme  an  der  Regierung  bereit,  wenn  sie
das  Selbstbestimmungsrecht  der  Völker  u.  einen  Frieden
  ohne  Annexionen  und  Entschädigungen  als  Programm
  annähme.  Am  selben  Tage  traten  die  Abgeordneten
  aller  vier  Dumas  im  Taurischen  Palast  zusammen.
  In  Galizien  und  der  Bukowina  wurde  am
10.  Mai  die  Militär=  durch  Zivilverwaltung  ersetzt,
der  Kreis  Schlüsselburg  erklärte  sich  autonom  —  der
erste  Anfang  der  eintretenden  Zersetzung  des  großrussischen
  Reiches.  Am  15.  Mai  trat  der  durch  seine
Ententenote  vom  1.  Mai  unmöglich  gewordene  Außenminister
  Miljukow  wrück  ihn  ersetzte  Terestschenko,
Kerensli  übernahm  Krieg  und  Marine.

Die  provisorische  Regierung  sah  mit  Besorgnis
den  Zerfall  des  Staatsganzen;  sie  setzte  am  1.  Juni
die  Wahlen  für  die  Nationalversammlung  auf  den  15.
Juni  fest,  verschob  sie  dann  aber  auf  den  30.  Sept.
Der  Entente  gegenüber  hielt  sie  am  Bündnis  fest
und  lehnte  Sonderfriedensversuche  des  bulgar.  Gesandten
  in  Berlin  Rizoff  am  3.  Juni  ab.  Sie  bereitete
  eine  gewaltige  Offensive  vor,  obwohl  die  Mittelmächte
  auf  eine  Ausnutzung  der  russ.  Wirren  zur
Vernichtung  des  russ.  Heeres  verzichtet  hatten.  Am
3.  Juli  begann  der  vorbereitete  Massenangriff  der
Russen  in  Galizien.  Dieprovisorische  Regierung  hoffte,
dadurch  zugleich  der  immer  stärker  drohenden  Gefahr
eines  Bürgerkrieges  Herr  zu  werden.  In  Kronstadt
bemächtigten  sich  die  Bolschewiki  der  Gewalt.  Am  15.
Juni  erklärte  sich  weiter  die  Stadt  Kirsanow  zur  selbständigen
  Republik.  Der  allruss.  Longreß  der  Arbeiter-
  u.  Soldatenräte  trat  am  16.  Juni  in  Petersburg
zusammen,  wählte  Tscheidse  zu  seinem  Vorsitzenden  u.
erklärte  24.  Juni  Duma  und  Reichsrat  für  aufgelöst.
Die  Maximalisten  (Bolschewiki)  erließen  am  22.  Juni
in  Petersburg  einen  Aufruf  zum  Kampf  gegen  die
provisorische  Regierung  und  schritten  am  16.  Fun  zu
offenem  Aufruhr  in  ##eerst  r  „,  Kronstadt,  Reval,
Kiew  usw.  Die  Lage  in  der  Armee  wurde  immer

offnungsloser;  die  Einrichtung  von  Geschworneniegsgerichten
  (25.  Juni)  und  Militärkommissariaten
der  vorläufigen  Regierung  bei  den  Armeekommandos
(12.  Juli)  konnte  den  Zerfall  nicht  aufhalten.  Jetzt
erhoben  auch  die  Nationalitäten,  voran  die  Kleinrussen,
  ihr  Haupt.  Der  Beschluß  des  Sopjets,  die
Nationalitätenfrage  auf  die  Konstituante  zu  verweisen,
  war  gegenüber  der  elementaren  Wucht,  mit  der
die  Nationen  in  Finnland,  der  Ukraine,  den  Ostsee-Wobinzen
  das  verkündete  Selbstbestimmungsrecht  der
ölker  aufnahmen,  machtlos.  Das  Universal  der
Ukrainischen  Zentralrada  vom  16.Juli  Über  die  ukrainische
  Frage  (s.  Ukraine)  führte  den  Rücktritt  dreier
Minister  herbei.  Die  bedrohliche  Lage  veranlaßte  am
17.  Juli  die  Regierung.  Kundgebungen  aller  Art  in
Petersburg  zu  verbieten;  Straßenkämpfe  waren  die
Folge.  Da  sich  der  Ministerpräsident  Farst  Lwoff  mit
dem  Regierungsbeschluß,  sofort  an  die  Lösung  der
Agrarfrage  heranzugehen,  nicht  einverstanden  erklärte,
trat  er  am  21.  Juli  zurück.
        <pb n="358" />
        328

Das  von  Kerenski  aus  fünf  Bürgerlichen  und
fünf  Sozialisten  gebildete  neue  Kabinett  beschloß,  die

erkündung  der  demokratischen  Republik  fallen  zu
lassen.  Diegersönlichrein  Kerenskis  trat  stärker  in  den
Vordergrund.  Sowjet  und  Bauernrat  sprachen  seiner
neucn  Regierung  am  24.  Juli  ihr  Vertrauen  aus,
und  der  S
Maximalisten  (27.  Juli).  Kerenski  führte  am  26.
Juli  die  Todesstrafe  an  der  Front  wieder  ein,  schloß
die  Grenzen  (28.  Juli)  und  ernannte  Korniloff
am  1.  Aug.  zum  Oberbefehlshaber.  Am  28.  Juli
wurde  die  Gewissensfreiheit  verkündet,  der  Streit  um
die  Agrarreform  führte  am  2./3.  Aug.  einen  neuen
Ministerwechsel  herbei;  da  der  Minister  des  Innern
Zeretelli  am  2.  Aug.  anordnete,  daß  erst  die  Konstituante
  die  Agrarreform  durchführen  sollte.  Kerenski
aber  an  der  sofortigen  Durchflihrung  festhielt,  kam  es
zum  Bruch  mit  den  Kadetten.  Seit  dem  7.  Aug.  tobte
ein  neuer  Streit  zwischen  Duma  und  Sowjet.  Am
15.  Aug.  wurden  die  bolschewistischen  Gesandten  der
Flotte  in  Petersburg  verhaftet;  am  22.  Aug.  verbot
Korniloff,  der  jetzt  in  den  Vordergrund  trat,  jede
Agitation  in  Armee  und  Flotte.

Kerenskische  Demokratie,  Sowijet,  Duma,  Bolschewisten,
  Korniloff  und  Gegenrevolution  standen  einander
  feindlich  gegenüber,  als  Kerensti  am  25.  Aug.
die  von  2500  Vertretern  der  Duma,  der  Sowijets,
Semstwos,  Truppen  usw.  besuchte  Reichskonferenz
in  Moskau  (beendet  am  31.  Aug.)  feierlich  eröffnete.
Hier  trat  die  Rivalität  zwischen  dem  Ministerpräsidenten
  Kerensti  und  dem  Oberbefehlshaber  Kornilof
unverhüllt  hervor.  Am  6.  Sept.  forderte  Kornilof
die  Einsetzung  eines  aus  ihm  selbst,  Kerensti  und
Sawinko  bestehenden  Direktoriums,  nachdem  er  seine
Truppen  bereits  gegen  Petersburg  in  Marsch  gesetzt
hate-  Kerenski  erklärte  ihn  am  9.  für  abgesetzt;  Petersurg,

  Moskau  und  die  Arniee  (mit  Ausnahme  der
Nordfront)  erklärten  sich  gegen  den  Oberbefehlshaber;
bereits  am  11.  Sept.  war  der  Aufstand  Korniloffs
beendet.  Am  14.  Sept.  übernahm  Alexejeff  das  Hauptquartier
  in  Mohilew,  wo  Korniloff  mit  seinem  Stabschef
  Lukomski  verhaftet  wurde.  Kerenski  setzte  nunmehr
am  9.  Sept.  seine  Ausstattung  mit  diktatorischer  Vollmacht
  durch  u.  übernahm  am  16.  Sept.  den  Oberbefehl.
Unter  Umgehung  der  Kadetten  bildete  er  am  16.  Sept.
mit  Terestschenko,  Werschowski,  dem  Admiral  Werscherewsti
  und  Nikitin  ein  fünfgliedriges  Direktorium,
das  noch  am  selben  Tage  die  Republik  R.  ausrief,  die
kadettischen  Minister  traten  zurück.  Am  27.  wurde
in  Petersburg  eine  von  1200  Abgeordneten  besuchte
demokratische  Konferenz  eröffnet,  deren  einzige
Tat  aber  in  der  Entschließung  für  einen  Frieden  ohne
Entschädigung  und  Annexion  und  der  Einsetzung
eines  Demokratischen  Rates  bestand.  Der  Sowiet
erklärte  sich  am  26.  Sept.  für  ein  Koalitionskabinett
mit  Ausschluß  der  Kadetten;  da  sich  auch  die  am
8.  Okt.  geschtossene  demokratische  Konferenz  dafür  erktlärte,
  bildete  Kerenski  am  9.  Okt.  ein  solches  aus
Sozialdemokraten,  Kadetten  u.  Sozialrevolutionären.
Das  Vorparlament  bildete  sich  aus  240  Sozialisten
  und  120  Bürgerlichen  und  wurde  am  20.  Ok.
tober  eröffnet.  Gleich  in  der  ersten  Sitzung  verließen
die  Maximalisten  unter  Trotzki  den  Saal.  Am  23.
Oktober  wählte  das  Vorparlament  41  Mitglieder  in
einen  Ausschuß  der  nationalen  Verteidigunge.  Am
25.  Oktober  spaltete  sich  die  Partei  der  Minimalisten  in
Internationalisten,  Verteidigungsfreunde  u.  Zentrum.
Da  die  vierte  Duma  am  20.  Okt.  aufgelöst  wurde,  erowjet

  beschloß  die  Strafverfolgung  der  Z

Rußland

öffnele  Rodsjanko  am  26.  Okt.  ein  nichtdemokratisches
Vorparlamentin  Moskau.  Indenletzten  Oktobertagen
schwand  die  Macht  der  provisorischen  Regierung  ralch
dahin.  Aus  ihren  letzten  Anordnungen  usw.  ist  vor
allemdie  Verurteilung  des  ehemaligen  Kriegsministers
Suchomlinoff  wegen  Hochverrats  zu  lebenslänglichem
uchthaus  (26.  Sept.)  zu  erwähnen.  Während  die
Nandvölker  sich  immer  selbständiger  gebärdeten  (vgl.
Finnland,  Ukraine,  usw.  —  auch  die  Kosaken  beschlossen
am  23.  Okt.  auf  einem  Kosakenkongreß  in  Jekaterinoslaw
  die  Errichtung  eines  die  Gebiete  von  Don,  Astrachan,
  Kuban  und  Kaukasus  umfassenden  nabhengigen
  Kosakenbundes)  —,  bereitete  sich  inn  Innern  ein
neuer  Umsturz  vor,  als  sich  der  Sowjet  am  5.Okt.  gegen
das  Vorparlament  erklärie.  Am  9.  Okt.  nahm  er  eine
maximalistische  Entschließung  an.  Durch  den  Erlaß
einer  Wahlordnung  für  das  Heer  am  10.Okt.  inetede
Regierung  der  Propaganda  im  Heere  selbst  Tür  und
Tor.  Da  der  Generalstab  sich  einem  von  den  Sowjets
eingesetzten  militärischen  Ausschuß  nicht  unterwerfen
und  seine  Befehle  nicht  von  ihm  kontrollieren  lassen
wollte,  erklärte  ihn  der  Ausschuß  für  einen  Feind  der
Demokratie;  der  Ausschuß  riß  die  Befehlsgewalt  an
sich  und  forderte  am  6.  Nov.  die  Truppen  auf,  der
Regierung  den  Gehorsam  zu  verweigern.  Die  Maximalisten
  antworteten  mit  der  Besetzung  der  wichtigsten
Punkte  Petersburgs.  Am7.Nov.ver#ündet  der  Au  an
den  Sturzder  vorläufigen  Regierung.  Am  8.
Nov.  nahmen  die  Bolschewiki  den  Winterpalast,  den
Sitz  der  Regierung,  ein.  Der  allrussische  Kongreß  der
Arbeiter-  u.  Soldatenräte  in  Petersburg  wandte  sich
»An  Alle  mit  dem  Vorschlag  zur  Einleitung  von
Friedensverhandlungen.  In  das  Bureau  des  Kongresses
  wurden  Lenin,  Trotzki  und  zwölf  andere  So-Kalisten
  ewählt;  Lenin  wurde  Ministerpräsident,

rotzki  Minister  des  Auswärtigen.  Kerenski  floh  zu
Alexelesf  und  Korniloff  ins  Hauptquartier,  von  wo
er  sofort  Truppen  gegen  Pelersburg  in  Marsch  setzte.
Diese  wurden  aber  am  12.  Nov.  bei  Zarskoje  Selo
von  den  Maximalisten  entscheidend  geschlagen.  Am
20.  wandten  sich  die  Bolschewiki  (Maximalisten)  an
den  Feind  mit  der  Bitte  um  Einleitung  von  Wasffenstillstands-
  u.  Friedensverhandlungen.  Da  der  Oberbefehlshaber
  Duchonin  am  21.  Nov.  die  Einleitung  von
Waffenstillstandsverhandlungen  verweigerte,  wurde
er  durch  den  Fähnrich  Krylenko  ersetzt.  Duchonin
wurde  ermordet.  Die  Entente  drohte  vergebens  wegen
des  Bruches  des  Septembervertrags  gegen  Abschluß
eines  Sonderfriedens,  Trotzki  antwortete  kaltblütig,
R.  wolle  nicht  länger  unter  der  Knute  der  verbündeten
  Imperialisten  bleiben,  und  begann  am  23.  Nov.
mit  der  Veröffentlichung  der  noch  auffindbaren  Dokumente
  der  russischen  Geheimdiplomatie,  womit  der
Bruch  ein  unwiderruflicher  wurde.  Am  27.  wurden
alle  Titel  und  Würden  aufgehoben.  Ende  Nov.  waren
Petersburg,  Moskau,  Kiew,  Nishnij  Nowgorod,  Charkow,
  Odessa  usw.  fest  in  der  Hand  der  Bolschewisten.
Jedoch  mußte  sie  am  11.  Dez.  der  kadettischen  Gegenrevolution
  förmlich  den  Krieg  erklären;  Korniloff  wurde
mit  seinen  Todesbataillonen  am  24.  Dez.  vollständig
geschlagen,  tags  darauf  auch  der  Kosakengeneral  Kaledin
  bei  Bielgorod.  Am  7.  Dez.  wurde  eine  Wassenruhe
  mit  dem  Vierbund  bis  #m  17.  Dez.  vereinbart,
sie  wurde  am  15.  in  einen  Waffenstillstand  bis  zum
14.  Jan.  umgewandelt  u.  Friedensverhandlungen
begonnen  (s.  S.  138  f.).  Die  Entente  antwortete  mit
dem  Abbruch  der  diplomatischen  Bezichungen.  —  Am
10.  Dez  erklärte  die  Regierung  allen  Grundbesitz  für
        <pb n="359" />
        Russophilie

Staatseigentum,  am  15.  Dez.  verkündete  sie  die  Trennung
  von  Staat  und  Kirche.  Sofort  wurde  nun  zur
Wahl  der  verfassunggebenden  Versammlung  in  Heer
u.  Heimat  geschritten;  am  11.  Dez.  trat  die  aus  377
Abgeordneten  bestehende  Konstituante  in  Petersburg
zusammen  (221  Sozialrevolutionäre,  131  Bolschewili.
  12  Kadetten).

Dajedoch  die  verfassunggebende  Versammlungeinen
Gemäßigten,  Tschernoff,  zu  ihrem  Präsidenten  wählte,
wurde  sie  am  19.  Jan.  1918  von  bolschewistischen  Matrosen
  gesprengt  u.  als  veraltete  Einrichtung  aufgelöst.
Die  Sowjets,  nunmehr  alleinige  Herren  der  Staatsewalt,

  annullierten  am  3.  Febr.  die  Staatsschuld  u.

oben  das  Privatgrundeigentum  auf,  trennten  Staat
und  Kirche,  verstaatlichten  alle  Kirchengüter  und  erklärten
  am  11.  Febr.  alle  Schiffsunternehmungen,
Aktiengesellschaften  u.  Kaufhäuser  für  Staatseigentum,
führten  am  1.  Febr.  den  Gregorianischen  Kalender  ein
und  hoben  das  Erbrecht  auf.  Unterdessen  kam  am
8.  März  der  Friede  zu  Brest  Litows-  zustande.  Durch
ihn  wurden  die  westlichen  Randstaaten  und  die  Ukraine
von  N.  abgetrennt,  R.  umfaßte  nur  noch  das  eigentliche
  Großrußland,  Weißrußland  und  Westsibirien.
Hier  bauten  die  Bolschewiki  ihre  Herrschaft  auf.  Auf
ihren  Befehl  wurde  am  16.  Juli  der  Exzar  in  Jekalerinburg
  erschossen,  als  die  ehemaligen  kriegsefangenen

  Tschechoslowaken,  die  in  Sibirien  als  selbändige

  militärische  und  politische  Macht  auftraten,
sich  seiner  zu  bemächtigen  drohten;  gleichzeitig  wurden
seine  Frau  und  seine  Kinder  grauenhaft  ermordet.
Zum  Schutze  der  Tschechoflowaken,  die  von  der  Entente
  als  selbständige  krieg  führende  Partei  anerkannt
wurden,  landeten  Amerikaner  u.  Japaner  in  Sibirien,
während  die  Engländer  am  5.  Aug.  Archangel  besetzten
  und  an  der  Murmanküste  eine  selbständige
Republik  errichteten.  England  unterstützte  ferner  den
Aufruhr  der  Sozialrevolutionäre  in  Moskau,  dem  am
6.  Juli  der  deutsche  Gesandte  Graf  Mirbach  zun  Opfer
siel.  Den  Bolschewisten  gelang  zwar  die  Niederwerfung
  des  Aufstandes,  sie  taten  aber  nichts  zur  süt
nung  des  Gesandtenmordes,  vielmehr  betrieben  sie
in  5  europäischen  Ländern  eine  skrupellose  Propaganda
  für  die  Weltrevolution,  weshalb  Deutschland,
keider  zu  spät,  die  Niederlande  u.  die  Schweiz  im  Nov.

—  Sachsen  329

alle  Beziehungen  zu  R.  abbrachen.  Der  Gesandte
Joffe  in  Berlin  hatte  besonders  das  Kurierprivileg
zur  Einfuhr  spartakidischer  Druckschriften  mißbraucht;
unter  ihm  arbeitete  der  Agent  Sobelsohn  (Radek),  der
am  Ausbruch  der  Revolultion  in  Deutschland  unmittelbaren
  Anteil  hatte.

Im  Laufe  des  Jahres  1919  befestigte  sich,  während
der  Friedensvertrag  von  Brest  Litowstk  durch  den  von
Versailles  aufgehoben  wurde,  die  Macht  der  Bolschewisten
  trotz  allen  Anstrengungen  der  Gegenrevolution
dauernd;  nach  langer  Zeit  kriltischer  Lage  gelang  es
der  Roten  Armee,  in  die  auch  viele  alte  Generale
eintraten,  im  Nov.  den  auf  Petersburg  vorrückenden
gegenrevolutionären  General  Judenitschim  Weichbilde
der  Stadt  und  den  mit  den  Balten  verbündeten  westrussischen
  General  Bermondt-Awaloffbei  Pleskau  entscheidend
  zu  schlagen.  Ebenso  scheiterte  der  gleichzeitige
Vormarschdes  Generals  Denikinauf  Moskau.  Admiral
Koltschak  wurde  gefangen  u.  7.  Febr.  1920  hingerichtet.

Die  Kriegsausgaben  R.s  bezifferte  der  Finanzminister
  am  26.  Sept.  auf  41392,7  Mill.  Rub.  Die
Staatseinnahmen  von  1914  —16  auf  2898.  2828  u.
3975  Mill.  Rub.  Die  Staatsschuld  stieg  im  Kriege
von  9  auf  35  Milliarden  Rub.,  für  die  jährlich  Ls
Mill.  Rub.  aufzubringen  waren.  Die  Auslandsanleihen
  erbrachten  8061  Mill.  Rub.,  davon  aus  England
  6750  Mill.  Nub.  Die  191g9erhobene  Revolutionssteuer
  erbrachte  nur  979  statt  10  103.3  Mill.  Rub.  —

gl.  Hettner,  R.  Eine  geographische  Betrachtung
von  Volk,  Staat  und  Kultur  (2.  Aufl.,  Leipz.  1916);
HoeWsch,  R.  Eine  Einführung  auf  Grund  seiner
Geschichte  vom  japanischen  bis  zum  Weltkrieg  (2.  Aufl.,
Berl.  1917);  Rohrbach,  Die  russische  Revolution
(Stuttg.  1917);  Nögzel,  Die  Grundlagen  des  geistigen
R.3  (Jena  1917);  Gorki,  Ein  Jahr  russische  Revolution
  (Münch.  1918);  Löwe,  Das  neue  R.  und
seine  siltlichen  Kräfte  (Halle  a.  S.  1918);  -„Rußland
u.  der  Bolschewismus=  (von  deutschen  Rückwanderern,
Berl.  1918);  v.  Vogel,  Der  Wirtschaftskrieg,  2.  Abt.:
R.  (Jena  1918).  —  Vgl.  auch  Bd.  II,  S.  385  u.  387.

Russophilie,  übertriebene  Vorliebe  für  russisches
Wesen;  russophil,  russenfreundlich.

Ruthenen  (Ukrainer),  vgl.  Bd.  I,  S.  57,  62,  64
sowie  82  f.,  ferner  Bd.  II,  S.  26/27.

S

Saarbecken.  Das  S.  zusemmen  mit  dem  füdwestlichen
  Teile  der  Pfalz  kam  laut  Versailler  Friedensvertrag
  für  15  Jahre  unter  die  Verwaltung  zeiner
den  Völkerbund  vertretenden  Regierungskommissione.
Nach  dieser  Frist  (vom  10.  Jan.  1920,  Austausch  der
Ratifikationen,  ab)  soll  im  S.  eine  Volksabstimmung
über  seine  Zugehörigkeit  entscheiden;  fällt  diese  für
Frankreich  aus,  so  kommt  das  S.  an  dieses,  fällt  sie
für  Deutschland  aus,  so  hat  Deutschland  die  Gruben
des  Saargebietes,  die  bis  dahin  Frankreich  zur  Ausbeutung
  schulden=  und  kostenfrei  Überlassen  bleiben,
von  Frankreich  zurückzukaufen.  Febr.  1920  proklamierte
  der  franz.  Verwalter  des  Saargebietes  das  Bestehen
  eines  =  Saarstaates.

Saarburg,  Kreisstadt  in  Lokhringen;  20.  Aug.
1914  Schlacht  bei  S.  im  Rahmen  der  Shlacht
in  Lothrmen  vg  S.  37.

a,  serb.  Stadt  an  der  Save,  westl.  von  Belgrad,
  wurde  12.  Aug.  1914  von  den  Osterreichern  genommen,
  24.  Aug.  wieder  geräumt.  Bei  der  zweiten

Offensive  der  5.  österr.-ungar.  Armee  wurden  die
starken  serb.  Stellungen  am  2.  Nov.  erstürmt.  Am
6.  Okt.  1915  begann  hier  der  Saveübergang  der
Armee  Koevess;  20.Okt.  wurde  S.  wieder  genommen.

Sabotino,  Monte,  Bergrücken  amwestl.  Isonzoufer,
  nördlich  von  Görz,  wurde  in  der  3.  Isonzoschlacht
  von  den  Italienern  erobert,  26.  Okt.  1917
von  den  Osterreichern  zurückgewonnen.

Sacharoff,  russ.  General,  war  Juni  1916  Heerführer
  in  Galizien,  eroberte  Brody,  befehligte  die  russ.
rumän.  Dobrudscha-Armee  und  trat  Dez.  zurück.

Sachsen.  S.  als  Mittelpunkt  der  deutschen  Buchgewerbe-,
  Textil-,  Tabak-,  Eisenindustrie  usw.  war
vor  dem  Kriege  in  einem  großartigen  Aufschwung
begriffen.  Die  6.  Mai  1914  eröffnete  Weltausstellung
für  Buchgewerbe  und  Graphik  (Bugra)  in  Leizig
legte  vor  allem  von  dem  glänzenden  Stand  dieses
Industriezweiges  Zeugnis  ab.  Sowohl  als  Industiegebiet
  wie  vor  allem  als  dichtestbevölkertes  Land
traf  der  Krieg  S.  besonders  schwer;  die  Textilindustrie
        <pb n="360" />
        380

ruhte  fast  völlig,  die  Tabakindustrie  ging  seit  1917
stark  zurück,  das  Buchgewerbe  litt  äö§:"  unter  Papiermangel
  usw.  Vor  allem  aber  machte  sich  die  Teuerung
und  Kebensmuittelenapphe  in  keinem  Lande  so  heftig
bemerkbar  wie  in  dem  überbevölkerten,  industriereichen
S.  Alle  Anstrengungen,  eine  Gleichstellung  S.8  mit
den  anderen  Reichsgebieten  in  der  Lebensmittelversorgung
  zu  erreichen.  führten  nicht  zu  dem  gewünschten
  Ziel.  Wichtige  Rohstoffe  (Tabak,  Papier),  deren
Hauptverbraucher  in  S.  wohnen,  wurden  von  Berlin
aus  in  Kriegsgesellschaften  verwaltet,  die  nicht  die  erforderliche
  Rücksicht  auf  die  sächs.  Verhältnisse  nahmen.

An  der  Spitze  des  Staatsministeriums  stand  nach
v.  Hausens  Abgang  (21.  Mai  1914)  der  Kultusminister
  Beck;  Kriegsminister  wurde  v.  Carlowitz  und
nach  dessen  Abgang  ins  Feld  (10.  Sept.  1914),  zunächst
  als  Stellvertreter,  dann  (27.  Okt.  1915)  als
Nachfolger  Generalleutnant  z.  D.  v.  Wilsdorf.  1918

tarb  der  Justizminister  Nagel,  Nachfolger  wurde  der

ühere  Reichsgerichtsrat  und  türk.  Unterstaatssekretär
Heinze  (nationalliberal).  —  Um  dem  Staate  große
Einnahmequellen  für  die  Zukunft  zu  sichern,  wurden
  im  Kriege  zwei  Monopole  gesetzlich  eingeführt:
für  Elektrizität  und  für  Kohle.  Das  Elektrizitätsesetz
  wurde  im  Okt.  1916  angenommen,  ebenso  eine

orlage  betr.  vorläufiges  Verbot  des  Verkaufs  von
Kohlenabbaurechten  bis  31.  Okt.  1917  (am  11.  Okt.
1917  bis  28.  Febr.  1918)  verlängert.  Am  15.  Okt.
1917  nahm  die  2.  Kammer  das  Kollenabbaugeset  an.

Die  Frage  einer  »Neuordnung«  war  1914  vor
dem  Kriege  durch  Verzicht  der  2.  Kammer  auf  Vorlage
  einer  neuen  Landtagsordnung  (14.  Mai)  zunächst
  zurückgestellt  worden.  Sie  tauchte  im  Kriege
wieder  auf,  die  Regierung  verhielt  sich  aber  schroff
ablehnend  (16.  Mai  1917);  sie  erklärte  sich  nur  zur
Zustimmung  zu  den  sehr  bescheidenen  Anträgen  der
1.  Kammer  bereit.  Darauf  empfahl  der  Verfastumgsausschuß
  der  2.  Kammer  am  2.  Juli,  gegen  die  Wünsche
  der  Regierung,  die  Einsetzung  einer  Zwischendeputation
  für  Neuordnung,  u.  die  Kammer  forderte
am  3.  Juli  von  der  Regierung  die  Vertretung  einer
freiheitlichen  und  volkstümlichen  Neuordnung  im
Bundesrat,  wogegen  sich  sowohl  die  Regierung,  wie
die  1.  Kammer  (27.  Sept.)  aussprach;  die  2.  Kammer
beharrte  aber  am  11.  Okt.  ausdrücklich  auf  diesem
Beschluß,  den  die  Regierung  nochmals  ablehnte.  Am
11.  Okt.  1917  nahm  die  2.  Kammer  den  vom  Ausschuß
  eingebrachten  Reformvorschlag  Brodauf  über
die  Zusammensetzung  der  1.  Kammer  an.  Die  Regierung
  wies  auch  diese  Vorschläge  zurück.  Sie  er-Uärte
  gch  ferner  gegen  jede  Wahlrechtsänderung.
Am  16.Okt.  forderte  die  2.  Kammer  jährliche  Tagung
des  Landtags,  Einführung  einer  einährigen  (statt
zweijährigen)  Etatperiode,  Ummunität  der  Abgeordneten,
  Wegfall  der  bisher  geforderten  Genehmigung
bei  der  Wahl  von  Beamten,  Einführung  einer  verantwortlichen
  Ministerpräsidentschaft  —  die  Regierung
  antwortete  wieder  miteiner  Absage.  Die  Thronrede
  zur  Eröffnung  des  Landtags  am  14.  Nov.  stellie
dann  wenigstens  einen  Gesetzentwurf  über  die  Zusammensetzung
  der  1.  Kammer  und  eine  neue  Landtagsordnung
  in  Aussicht.

Erst  der  Rücktritt  der  konservativen  Minister  Graf
Bitzthum,  Beck  u.  Seydewitz  am  26.  Okt.  1918  machte
die  Bahn  für  die  unaufschiebbare  Verfassungsreform
frei;  doch  war  es  nun  zu  spät,  die  neu  ernannten
liberalen  Minister  Koch,  Schröder,  v.  Nostiz-Wallwitz
  und  Heinze  konnten  ihre  Pläne  nicht  mehr  ver-Sachsen-Koburg-Gotha

  —  Sacro  egoismo

wirklichen,  am  11.  Nov.  wurde  der  König  von  dem
Dresdener  Arbeiter=  u.  Soldatenrat  abgesetzt  und  die
Republik  ausgerufen.  Die  Unabhängigen  u.  Mehrheitssozialisten
  bildeten  einen  paritätisch  besetzten  -Rat
der  (6)  Volksbeauftragten.,  der  in  Überstürzten  Maßnahmen
  die  Demobilisierung,  die  Sozialisierung  und
die  Trennung  von  Staat  u.  Kirche  in  Angriff  nahm.
Der  Gegensatz  zwischen  den  Unabhängigen,  die  in
Leipzig  unter  Geyer  u.  Lipinski  ihre  Hauptstützpunkte
hatten,  und  den  ehrheitssozialisten.  die  unter  Gradnauer
  in  Dresden  und  in  Chemnitz  unter  Noske  in
der  Mehrheit  waren,  verschärfte  sich  sedoch  bald  so,  daß
am  16.  Jon.  die  Unabh.  aus  der  Regierung  austraten;
Gradnauer  bildete  ein  reines  mehrheitssoz.  Parteiministerium.
  Die  Wahlen  zur  Bolkskammer  am  7.  Febr.
brachten  der  Regierung  jedoch  keine  feste  Mehrheit,  so
daß  sich  ihre  Lage,  vor  allem  durch  die  Entwicklung  der
Dinge  in  Leipzig  (26.  Febr.  bis  10.  März  Generalstreik
1919),  sehr  schwierig  gestaltete.  Die  Ermrordung  des
Kriegsministers  Neuring  durch  Spartakiden  in  Dresden
  (12.  April)  zwang  schließlich  die  Regierung,  militärische
  Hilfe  aus  Preußen  zu  erbitten:  das  Görlitzer
Freikorps  besetzte  Dresden,  General  Maercker  Leipng.

Sachsen-Koburg-Gotha.  Der  Landtag  nahm
10.  März  1917  ein  Gesetz  an,  durch  das  Ausländer
von  der  Wronfolhe.  und  Regentschaft  ausgeschaltet
wurden.  Am  21.  März  schtoß  der  Gothaer  Sonderlandtag
  alle  feindlichen  Agnaten  des  Herzogshauses
von  der  Domänen=  und  Vermögensnutzung  aus.  Der
Herzog  verzichtete  13.  Nov.  1918  auf  den  Thron.
Nachdem  der  gemeinsame  Landtag  1919  den  Staatsvertrag
  von  1826  gelöst  hatte,  schloß  sich  Koburg  durch
Volksabstimmung  (Nov.  1919)  an  Bayern,  Gotha  an
Thüringen  an.

Sachsen-Meiningen.  Herzog  Georg  II.,  der
älteste  deutsche  Bundesfürst,  starb,  88  Jahre  alt,  am
25.  Juni  1914  in  Bad  Wildungen.  Ihm  folgte  Bernhard
  III.  (geb.  1.  April  *  der  Schwager  des
deutschen  Kaisers.  Am  18.  Aug.  1914  fiel  bei  Maubeuge
  Prinz  Ernst  von  S.,  am  23.  Aug.  1914  auch
sein  Vater,  Prinz  Friedrich  von  S.,  der  Bruder  des
Herzogs,  52  Jahre  alt,  vor  Namur.  —  Am  27.  Nov.
1914  nahm  der  Landtag  eine  Regierungsvorlage  an.
durchdie  die  Landtagswahlordnung  gemäß  der  Reichstagswahl
  abgeändert  wurde.  Am  6.  Mai  1917  erklärte
  sich  die  Regierung  mit  einer  weiteren  Refornt
des  Landtags=  und  des  Gemeindewahlrechts  einverstander.
  Nach  dem  Thronverzicht  des  Herzogs  (10.

ov.  1918)  bildete  sich  am  12.  Nov.  eine  revolutionäre
  Regierung  aus  3  Sozialdemokraten,  2  Bürgerlichen
  und  2  Beamten.  Dez.  1919  schloß  sich  S.  der
thüring  Staatengemeinschaft  an  (0  .Thilringen).

Sachsen-Weimar-Eisenach.  S.  beging  2  April
1915  das  Fest  seines  100  jährigen  Bestandes  als  Großerzogtum

  und  5.  Mai  1915  die  Säkularfeier  seiner

erfassung,  die  zugleich  die  erste  deutsche  Verfassung
war.  Die  Landtags-  und  die  Gemeindevertretungswahlen
  wurden  von  Jahr  zu  Jahr  bis  nach  dem  Kriege
verschoben.  Der  Landtag  forderte  in  einem  Beschluß
vom  29.  Nov.  1917  eine  weitergehende  Bereinheitlichung
  der  Gesetzgebung  in  den  tbüringischen  Staaten
und  den  Entwurf  einer  neuen  Gemeindeordnung.  —
Der  Großherzog  verzichtete  am  9.  Nov.  1918  auf  den
Thron  (vgl.  auch  Thüringen).

Sacro  egoismo  (Heilige  Selbstsucht).  Schlagwort,
  mit  dem  die  Loslösung  Italiens  vom  Dreibund
um  seiner  irredentistischen  Porderungen  willm  bemäntelt
  wurde.  Vgl.  auch  B-d.  I,  S.  69.
        <pb n="361" />
        Sald  Halmi  Pascha  —  Sarajewo

Said  Halmi  Pascha,  Prin  *  türk.  Staatsmann,
*  1859  in  Kairo,  Vetter  des  Khediven  v.  Agypten,
Udete  nach  der  Ermordung  des  Großwesirs  Schefket
Juni  1913  ein  jungtürkisches  Kabinett,  förderte  die
deutsch-türk.  Beziehungen  und  setzte  sich  für  den  Anschluß
  der  Türkei  an  die  Zentralmächte  im  Kriege  ein.
S.  trat  Febr.  1917  zurück.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  62.
Saillisel,  Dorf  im  franz.  Dep.  Somme;  vgl.
Bd.  II.  S.  220.  S.  220.
Sailly,  franz.  Dorf  an  der  Sommez;  vgl.  Bd.  II,
Saint-Eloi,  Gem.  in  der  belg.  Prov.  Westflandern,
  südl.  Dpern,  wurde  10.  Nov.  1914  von  den  Deutschen
  besetzt.  März  1915  erfolgten  lebhafte  Angriffe
der  Engländer,  deren  Höhenstellungen  die  Deutschen
durch  Gegenstoß  am  15.  März  eroberten.  (145f.
Saint  Germain.  über  den  Frieden  zu  S.  f.  S.
Saint  Julien,  Gem.  in  der  belg.  Prov.  Westflandern.
  nordöstl.  v.  Ppern,  war  nach  der  Eroberung  durch
die  Deutschen  (24.  April  1915)  vielfach  umkämpft.
Saint  Mihiel,  Stadt  im  franz.  Dep.  Meuse,  an
der  Maas  und  der  Bahn  Commercy-Verdun,  war  seit
Eroberung  des  dabei  gelegenen  Forts  Camps  des
Romains  durch  die  Deutschen  am  25.  Sept.  1914
Mittelpunkt  heftiger  Kämpfe,  besonders  Nov.  1914
und  April  1915;  15.  Sept.  1918  überließen  die  Deutschen
  S.  der  amerikanischen  1.  Armee  (Pershing),  die
seit  8.  Sept.  Üüberlegen  angriff.

Saint-Pierre-Vaast-Wald,  im  Sommegebiet,
bei  Sailly  und  Saillisel;  war  in  der  Sommeschlacht
hartnäckig  umkämpft;  vgl.  Bd.  II,  S.  220  ff.

Saint  Quentin,  Arrondissementshauptstadt  im
franz.  Dep.  Aisne,  an  der  Bahn  Paris-Maubeuge.
Nach  Beendung  des  Aufmarsches  der  deutschen  Heere
entwickelte  sich  im  Norden  von  S.  eine  Schlacht,  in
der  die  engl.-franz.  Truppen  von  Kluck  und  Hausen
am  27.  Aug.  1914  vollständig  geschlagen  wurden;
28.—30.  Aug.  siegte  Bülow  über  starke  franz.  Kräfte.
Durch  Rücknahme  der  deutschen  Feem  rückte  S.  seit
Ende  1917  wieder  in  den  Bereich  der  Kämpfe  (27.
Dez.  1917  bis  23.  Mäs  1918  Stellungskämpfe  der
18.  Armee  bei  S.);  2.  Okt.  1918  gewann  die  Armee
Debeney  S.  zurück.

Salandra,  Antonio,  ital.  Staatsmann,  geb.
1853  in  Troia  (Prov.  Foggia),  Prof.  in  Rom,  1891
bis  1892  und  1893—96  Unterstaatssekretär,  1899—
1900  Ackerbauminister,  1906  und  1909—10  Finanzminister,
  seit  März  1914  Ministerpräsident  und  Minister
  des  Innern,  trat  31.  Okt.  zurück,  übernahm  aber
5.  Nov.  den  Vorsitz  des  neuen  Ministeriums,  bis  im
Mai  1915  der  von  S.  betriebene  Treubruch  Italiens
(s.  d.)  offenkundig  wurde.  Seine  Demission  nahm  der
König  nicht  an.  S.  trat  11.  Juni  1916  zurück.  —
Bild  s.  bei  S.  226.

Salomoninselu,  Inselgruppe  im  Großen  Ozean
Gu  Melanesien),  deren  deutscher  Teil  11.  Sept.  1914
von  den  Japanern  besetzt  wurde.

Saloniki,  Hafenstadt  der  griech.  Landschaft  Mazedonien,
  am  Agäischen  Meer.  Unter  Verletzung  der
Kiech=  Neutralität  landeten  5.  Okt.  1915  engl.-franz.

ruppen  unter  General  Sarrail.  Trotz  verschiedener
Proteste  Griechenlands  ließ  Sarrail  S.  befestigen.
Übeer  die  Gegenregierung  Weniselos  in  S.  s.  Griechenland,
  über  den  Waffenstillstand  zu  S.  siehe  S.  143.

Salpeter,  Salz  der  Salpetersäure;  man  unterscheidet
  Kalisalpeter  (salpetersaures  Kalium  oder
Kaliumnitrat)  und  entsprechend  Natronfalpeter
(Chilesalpeter),  Ammon-,  Baryt-,  Kalksalpeter
  u.  a.  m.  Den  aus  Luftstickstoff  hergestellten  S.

331

nennt  man  Luftsalpeter  (Norgesalpeter).  Vgl.
“  S.  298  ¾W  ##  12.  p
moa  (Deutsch-S.),  Inselgruppe  Polynesiens
im  Großen  Ozean  (vgl.  Bd.  II,  S.  148f.  sowie  S.
13ff.),  wurde  29.  Aug.  1914  von  den  Engländern
bescht.  1919  im  Friedensvertrag  von  Versailles  an  die
mostje,  s.  Zamosc.  Entente  abgetreten.

San,  rechter  Nebenfluß  der  Weichsel  in  Galizien,
mündet  nördlich  von  Sandomir,  490  km  lang.  Nach
der  Durchbruchsschlacht  bei  Gorlice  zogen  sich  die  Russen
  auf  den  unteren  S.  zurück  in  befestigte  Stellungen
  mit  stark  ausgebauten  Brückenköpfen  (Jaroslau
und  Radymno).  Vom  14.—16.  Mai  1915  eroberten
Deutsche  u.  Österreicher  den  Brückenkopf  Jaroflau  und
erzwangen  den  S-bergeng.  Der  rasche  Vorstoß  der
Verbündeten  gegen  Südpolen  zwang  die  Russen,  die
S.-Stellung  28.  Juni  räumen.  Vgl.  Bd.  I,  S.  211.

San  Glovanni  di  Medua,  kl.  Hafen  im  nördl.
Albanien,  wurde  2.  Juli  1915  von  den  Montenegrinern,
  29.  Jan.  1916  von  österr.-ungar.  Truppen,  30.
Okt.  1918  von  den  Italienern  besegt.

San  Ginliano,  Antoniodi,  ital.  Staatsmann,
geb.  10.  Dez.  1852  in  Catania,  best  16.  Okt.  1914
in  Rom,  1882  Deputierter,  1892  Unterstaatssekretär
für  Landwirtschaft,  Handel  und  Industrie,  trat  1898
zurück.  1899  wurde  S.  Minister  der  Posten.  1905
Mitglied  des  Senats  und  Minister  des  Auswärtigen.
19P06  trat  er  zurück  und  wurde  Botschafter  in  London,
1909  in  Paris,  1910—14  Minister  des  Auswärtigen.

Sanitätsauto,  s.  Bd.  I.  S.  282  f.  —  Sanitätshund,
  s.  Kriegshunde.  —  Sanitätswagen,  s.  Bd.  1,
S.  311.  —  Sanitätswesen  im  Felde  (Kriegs.
S.),  s.  Bd.  I.  S.  303  ff.,  Bd.  II,  S.  262  und  267  so
wie  Rotes  Kreuz;  vgl.  auch  Bd.  II,  S.  300  und  307.

San  Marino.  Die  Republik  S.  stellte  sich  in
einer  Regierungserklärung  vom  23.  Juni  1915  in
den  Dienst  der  Sache  Italiens  und  bot  200  Freiwillige
  für  die  ital.  Armee  auf.

San  Michele,  Monte,  Bergrücken  im  Görzischen
(277m),  am  linken  Isonzoufer,  Brennpunkt  des
Kampfes  in  den  ersten  Isonzoschlachten,  gelangte  Juli
1915  in  ital.  Besitz,  wurde  26.  Okt.  1917  von  den
OÖsterreichern  zurückerobert.

Santo,  Col,  nördl.  Gipfel  (2114  m)  des  Pasubiomassivs,
  von  österr.-ungar.  Truppen  Mai  1916  erstürmt,
  2.  Nov.  1918  von  der  1.  ital.  Armee  genommen.

Santo,  Monte,  Berg  am  l.  Isonzoufer,  nördl.
Görz,  wurde  25.  Aug.  1917  von  den  Italienern  bei
dem  Vorstoß  auf  die  Hochebene  von  Bainsizzo-Heilig-*
  erobert;  25.  Okt.  wieder  geräumt.

appe,  ein  Annäherungsgraben.  um  sich  an  den
Feind  heranzuarbeiten.  Man  unterscheidet  offene
S.  nu.  gedeckte  S.n,  die  mit  Brettern  oder  Knüppeln
und  darüber  einer  Erdschüttung  bedeckt  sind.  Der  vorderste
  Teil  einer  S.,  von  dem  aus  man  Patrouillen
oder  Stoßtrupps  ausgehen  läßt  oder  Minen  anlegt,
beißt  Sappenkopf,  das  Vordringen  mittels  S.
Sappenkrieg  oder  Sappieren.

Sarajewo  (Serajevo,  Bosna  Saraj),  Hauptstadt
  von  Bosnien.  Hier  wurden  28.  Juni  1914  der
österr.  Erzherzog-Thronfolger  Franz  Ferdinand  und
seine  Gemahlin  von  serbischen  Fanatikern  ermordet,
die  im  Dienste  der  großserbischen  Propaganda  (val.
Narodna  Odbrana  sowie  Bd.  I,  S.  136f.)  standen.
Diese  Tat  bildete  die  unmittelbare  ———.  des
Weltkrieges.  —  Die  Verurteilung  der  Mörder  erfol
am  28.  Okt.:  sechs  Angeklagte  wurden  mit  dem  Tode,
einer  mit  ledensphänplichemsschwerrn  Kerker,  sieben  an-
        <pb n="362" />
        332  Sarkotik  von  Lovéen

dere  mit  längerer  Kerkerhaft  bestraft.  Die  Haupttäter,
Princip  und  Gabeinovic,  erhielten  je  20  Jahre  schweren
  Kerkers,  da  infolge  ihres  jugendlichen  Alters  Todesstrafe
  nicht  verhängt  werden  konnte.  Beide  starben
während  des  Krieges  an  Tuberkulose  im  Kerker.

Sarkotik  von  Lopken,  Stephan,  Baron,
öterr.  ungar.  Generaloberst,  geb.  4.  Okt.  1858  in  Sinac
(Kroatien),  befehligte  zu  Kriegsbeginn  die  42.  Honved-Division,
  mit  der  er  Aug.-Sept.  1914  die  Drina  überschritt.
  Nach  Potioreks  Rücktritt  Dez.  1914  General  in
Bosnien  u.  Chef  der  Landesregierung,  leitete  S.  Jan.
1916  die  Aktion,  die  zur  Eroberung  des  Lovèen  führte.

Saros,  Golf  von,  im  NO.  des  Agäischen  Meeres
  (vgl.  Bd.  II,  S.  131).  Landungsversuche  der  Engländer
  29.  April  1915  scheiterten.  Am  25.  Mai  versenkte
  das  deuische  Unterseeboot  „U  51.  das  englische
Linienschiff  -Triumph=  im  Golf  von  S.

Sarrail,  Maurice  Paul  Emanuel,  franz.
General,  geb.  1856  in  Carcassonne,  populärer  Republikaner,
  1905  Oberst,  1912  Divisionsgeneral,  führte
bei  Kriegsausbruch  das  6.  Korps  (Kämpfe  vor  Long-8
  erhielt  Sept.  1914  nach  Ruffeys  Rücktritt  den

erbefehl  über  die  3.  Armee,  focht  in  der  Marneschachtam
  äußersten  rechten  Flügel,  wehrte  im  Verdunabschnitt
  den  Ansturm  der  5.  und  6.  deutschen  Armee
ab  und  führte  dann  bis  Juli  1915  das  Kommando
an  der  Argonnenfront.  Aug.  1915  Oberbefehlshaber
der  Orientarmee,  ging  S.  Okt.  von  Saloniki  aus  im
Wardartale  vor,  wurde  jedoch  von  der  bulgar.  Armee
Todoroff  zum  Rückzug  auf  griech.  Gebiet  gezwungen.
In  der  Herbstoffensive  1916  nahm  S.  Monastir,  wurde
aber,  da  keine  weiteren  Fortschritte  gemacht  wurden,
Dez.  1917  durch  General  Guillaumat  abgelöst.

Sasonoff,  Sergei  Dimitrijewitsch,  russ.
Staatsmann,  geb.  29.  Juli  1860,  wurde  nach  diplomatischer
  Tätigkeit  in  London  (1890—94,  1904—06)
und  Rom  1906  Ministerresident  am  Vatikan,  1909
erster  Gehilfe  des  Ministers  Iswolskij,  1910  Minister
des  Außern.  Als  entschiedener  Vertreter  deutschfeindlicher,
  englandfreundlicher  und  panslawistischer  Politik
bewahrte  er  Rußland  seit  der  Agadir-Krise  1911  vor
einem  Konflikt  mit  den  Mittelmächten,  um  erst  nach  Vervollkommnung
  der  russ.  Heeresorganisation  den  Plan
des  Angriffskrieges  &amp;amp;  en  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn
  zu  verwirk  een  Im  Juli  1916  entlassen,
wurde  S.  im  Jan.  1917  Botschafter  in  London,  trat
aber,  von  der  Petersburger  Regierung  nicht  bestätigt,
im  Juni  zurück.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  52.

Sasso  Rosso,  1198  m  hoher  Bergrücken  in  den
Sieben  Gemeinden,  zwischen  Brenta  und  Frenzelaschlucht,
  1918  Schauplatz  heftiger  Kämpfe,  wurde
1.  Nov.  von  der  6.  ital.  Armee  erobert.

Sattelkopf,  Gipfel  der  Vogesen  im  Bez.  Oberelsaß,
  Kr.  Colmar,  nördlich  von  Mühlbach,  wurde
22.  Febr.  1915  von  den  Deutschen  nach  erbitterten
Kämpfen  im  Sturm  genommen.

Save  (Sau),  rechter  Nebenfluß  der  Donau,  Grenze
zwischen  Slawonien  u.  Serbien,  wurde  von  österreich.=ungar.
  Kräften  in  der  Nacht  zum  12.  Aug.  bei  Sabae
überschritten;  doch  starke  übermacht  der  Serben  zwang
sie  13.  Aug.  zum  Rückzug.  28.  Sept.  unternahmen
die  Osterreicher  einen  neuen  Übergang;  im  Okt.  wurde
am  Südufer  der  S.  hartnäckig  gekämpft.  Nach  der
Räumung  von  Belgrad  nahmen  die  Osterreicher  ihre
Kräfte  Mitte  Dez.  über  die  S.  zurück.  6./7.  Okt.  1915
ging  die  Armerc  Koevess  über  den  Fluß.

Scapa  Flow,  Bucht  auf  der  engl.  Insel  Pomona
(Orkney-Inseln),  bildete  im  Kriege  den  Aufenthalt

—  Scheffer-Boyadel

der  hauptsächlichsten  engl.  Seestreitkräfte.  Die  nach
Abschluß  des  Waffenstillstandes  dorthin  verbrachten
deutschen  Kriegsschiffe  wurden  auf  Befehl  des  Admirals
  v.  Reuter,  in  der  Annahme,  daß  der  Waffenstillstand
  abgelaufen  sei,  von  den  deutschen  Besatzungen
am  21.  Juni  1919  versenkt.  Die  Engländer  machten
einen  Teil  der  wehrlosen  Offiziere  und  Mannschaften
nieder  und  internierten  die  übrigen  (bis  Januar  1920).
Als  Ersatz  verlangte  die  Entente  400000t  Docks  (l.
S.  145).  Die  Engländer  haben  einen  Teil  der  versenkten
  Schiffe  wieder  gehoben.  Die  Tat  von  S.  wurde
als  nationale  Sühnetat  für  den  Matroflenaufstand  im
Okt.  1918  von  Göhring  (Drama  -S.-)  verherrlichl.

Scarboroug),  befestigte  Hafenstadt  an  der  engl.
Ostküste,  wurde  mehrfach  von  deutschen  Luft=  u.  Seestreitkräften
  beschossen.  Am  16.  Dez.  1914  erfolgte
bei  einem  Vorstoß  deutscher  Hochseestreitkräfte  ein  erfolgreicher
  Angriff  auf  S.;  vgl.  Bd.  I.  S.  165.

Scarpe,  Fluß  im  franz.  Dep.  Pas-de-Calais.  Das
Gebiet  der  S.  war  einer  der  Hauptkampfpläte  in  der
Arrassch'acht  1917  und  der  engl.-franz.  Offensive  Aug.
1918.  Vgl.  S.  84  ff.  und  104.

—  Stadt  in  Serbien,  s.  Sabac.

Schäfer,  1)  Dietrich,  Geschichtsforscher,  geb.  16.
Mai  1845  in  Bremen,  Prof.  in  Berlin,  trat  im  Krieg
an  der  Spitze  des  „  Unabhängigen  Ausschusses  für
einen  deutschen  Friedene  polilisch  in  der  Kriegszielbewegung
  hervor  (vgl.  Bd.  II,  S.  9#ff.).  —  2)  Emil,
Fliegeroffizier,  geb.  23.  Juli  1891  in  Krefeld,  seit  Dez.
1916  bei  der  Richthofenschen  Jagdstaffel,  dann  Führer
einer  solchen,  fiel  nach  30  Lustsiegen  Juni  1917.

Schallmeßtrupp,  hat  die  Zeiten  zwischen  Abschuß
und  Einschlag  feindlicher  Geschosse,  ebenso  zwischen
dem  Aufblitzen  der  Abschüsse  und  dem  Knall  zu  mei
sen,  um  den  Standort  der  Geschütze  zu  ermitteln.

Schallsignale,  s.  S.  166  und  168.

Scharnhorst-,  deuischer  Gr.  Kreuzer,  11600  t,
s.  Bd.  I.  S.  209f.

Schawli  (Schaulen),  Kreisstadt  im  russ.  Gouv.
Kowno,  an  der  Bahn  Libau-Dünaburg,  war  April  bis
Juni  1916  Schauplatz  wechselvoller  Kämpfe;vgl.  S.  58.

Scheckrecht.  über  die  Kriegsgesetze  zum  S.  val.
Bd.  I,  S.  389f.  —  Scheckverkehr,  s.  Zahlungsverkehr.

Scheer,  Reinhold,  deutscher  Admiral,  geb.  30.
Sept.  1863  in  Obernkirchen  (Hessen-Nassau),  an  den
Kämpfen  in  Kamerun  und  Ostafrika  beteiligt,  1900
Korvettenkapitän,  1903  Komm,  der  1.  Torpedoabteil.,
dann  Chef  der  Zentralabteilung  im  Reichsmarincamt.
Als  Kapitän  zur  See  (1905)  führte  er  seit  1907  das
Linienschiff-Elsaße.  1909  Chef  des  Stabes  der  Hochseeflotte,
  1911  Dir.  des  allgem.  Marinedepartements,
1913  Vizeadmiral  und  Führer  des  2.  Geschwaders,
wurde  S.  1916  Chef  der  Hochseeflotte.  Mit  ihr  gewann
  er  31.  Mai  bis  1.  Juni  1916  die  Seeschlacht
am  Skagerrak  (vgl.  Bd.  II.  S.  249  ff.),  wurde  darauf
Admiral,  Juli  1918  Chef  des  Admiralstabs,  August
Flottenchef,  De#enber  zur  Disposition  gestellt,  1920
verabschiedet.  S.  schrieb:  =  Deutschlands  Hochseeflotte
im  Weltkrieg=  (Berl.  1920).  —  Bild  s.  bei  S.  250.

Scheffer-Boyadel,  Reinhard,  Freiherr
von,  preuß.  General,  geb.  28.  März  1851  in  Hanau,
1897  Oberst,  1903  Oberquartiermeister  im  Gr.  Generalstab,
  führte  1904—06  die  Geschäfte  des  Chefs  der
Landesaufnahme,  1906  die  2.  Gardedivision,  1908  als
General  der  Inf.  das  11.  Armeekorps  u.  wurde  Ende
1913  zur  Disposition  gestellt.  Aug.  1914  wurde  er
Führer  des  25.  Neservekorss,  das  den  Durchbruch  von
Bezeziny  in  der  Nacht  vom  23.  zum  24.  Nov.  aus-
        <pb n="363" />
        Scheich  ul-Islam  —  Schmidt

führte,  3.  Sept.  1916  des  17.  Reservekorps,  4.  Okt.
1916  der  aus  der  aufgelösten  12.  Armce  gebildeten
Armeeabteilung  Scheffer  und  nach  deren  Auflösung
9.  Sept.  1917  des  Generalkommandos  67  in  Litauen.

Scheich  ul-Isläm  (arab.),  das  geistl.  Oberhaupt
der  Muselmanen,  vom  Sultan  eingesetzt,  überwacht
die  Religionsgesetze  und  das  Fetwawesen,  kann  selbst
die  Absetzung  des  Sultans  durch  ein  Felwa  herbeiführen,
  wie  es  bei  Abd  ul.  Asis  u.  Murad  V.  geschah.

Scheidemann,  Philipp,  deutscher  Sozialdemokrat,
  geb.  26.  Juli  1865  in  Kassel,  Buchdrucker,  1895
Redatleur  in  Gießen,  dann  Nürnberg,  Osfenbach,
Kassel,  seit  1903  M.  d.  R.  für  Solingen,  seit  1911  im
Parteivorstand,  1916  Vorsitzender  der  sozialdem.  Partei
  und  der  Reichstagsfraktion,  mit  Erzberger  Haupturheber
  der  Reichtagsresolution  vom  19.  Juli  1917
(Frieden  ohne  Annexionen  und  Entschädigungen),
Juni  1918  Vizepräsident  des  Neichstags,  3.  Okt.
Staatssekretär  ohne  Portefeuille,  9.  Nov.  Volksbcauftragter,
  6.  Febr.  1919  Reichsmenisterpräsident,  trat
20.  Juli  1919  als  Gegner  der  Unterzeichnung  des
Versailler  Friedens  zurück  und  übernahm  wieder
den  Parteivorsitz.  Jan.  1920  wurde  S.  Oberbürgermeister
  von  Kassel.  —  Bild  s.  bei  S.  214.

Scheinaulagen,  zur  Täuschung  des  Feindes  aufebaute

  oder  so  hergerichtete  Gegenstände,  daß  sie  als

iegerische  Anlagen  erscheinen,  ohne  es  zu  sein.  So
werden  Scheingeschütze  aus  Brunnenrohren  oder
Baumstämmen  hergestellt;  auch  Scheinstellungen
mit  Schützengräben,  Beobachtungsständen  usw.  wurden
  gebaut  und  mit  einigen  Leuten  besetzt,  die  durch
Schüsse.  Leuchtsignale,  Geräusche  eine  vollbesetzte  Stellung
  vortäuschten.  Vgl.  Maskicrungen.

Ccheinwerser,  s.  Bd.  II.  S.  274  u.  279.

Schekoff,  Nikolaus,  bulgar.  General,  geb.  25.
Dez.  1864,  ausgebildet  auf  der  Generalstabsakademie
in  Turin,  leitete  die  Reserveoffizierschule  in  Sosia,  im
ersten  Balkankrieg  Generalsiabschef  der  2.  Armee,  Aug.
1945  General  u.  Kriegsmin.,  Okt.  1915  bis  Okt.  1918
Oberbefehlshaber  d.  bulg.  Feldarmee.  S.  trat  auch  als
Militärschriftsteller  hervor.  —  Bild  s.  Bd.  Il  bei  S.  63.

Schereuferurohr,  ein  Standfernrohr  zum  zweiäugigen
  Beobachten.  Die  Obiektive  lücgem  in  langen
beweglichen  Armen,  die,  nach  oben  geklappt,  ein  gedecktes
  Beobachten  über  Hindernisse  hinweg,  bei  wagerechter
  Stellung  ein  Beobachten  an  einem  Hindernis
(Baumstamm)  vorbei  Erltatten.

Scheiich,  deutscher  General,  geb.  in  Schlettstadt,
wurde  1803  Offizier,  1912  Komm.  des  5.  Garderegiments,
  1914  Direktor  des  Zentraldepart.  im  preuß.
Kriegsmin.,  1916  General,  Aug.  1917  Chef  des  Kriegsamts,
  Okt.  bis  Dez.  1918  preuß.  Kriegsminister.

Scheuchenstuel,  Viktor,  Graf  von,  österr.=ungar.
  Generaloberst,  geb.  1857  in  Witkowitz,  kämpfte
1914  in  Serbien  und  führte  das  5.  Korps  in  der
Oktoberoffensive  gegen  Przemysl,  nahm  an  der  Durchbruchsschlacht
  von  Gorlice  teil,  erstürmte  Belgrad  und
befehligte  1917—18  die  11.  Armee  in  Tirol.

Scheuermann,  Wilhelm,  Kriegsberichterstatter.
geb.  21.  Juli  1879  zu  Straßburg  i.  E.,  Schriftleiter
an  der  „Deutschen  Tageszeitung"  in  Berlin.

Schierning,  Otto  von,  Mediziner,  geb.  4.  Okt.
1853  in  Eberswalde,  1900  Generalarzt  u.  Abteilungs.
chef  im  Kriegsministerium,  1905  Generalstabsarzt  der
preuß.  Armee,  Chef  des  Sanitälskorps  und  Direktor
der  Kaiser-Wilhelm-Akademie,  1909  in  den  erblichen
Adelsstand  erhoben.  im  Kriege  Chef  des  Feldsanitätswesens,
  erhielt  27.  Jan.  1915  den  Nang  eines  Gene-333



rals  der  Inf.  S.  schrieb:  -Die  Schußverletzungen-(Hamb.
  1902;  mit  Thöle  u.  Boß)  u.  begr.  die-Bibliothek
  v.  Coler«  (Berl.  1901,  bisher  87  Bde).  S.  gibt
heraus  das  »Handb.  der  ärztl.  Erfahrungen  im  Weltkriege:
  (9  Bde.,  Leigee  1920  ff.).  —  Bild  s.  Bd.  II  bei

Schießbaumwolle,  s.  S.  172.  (S.  251.

Schießpulver,  s.  S.  171ff.

Schiffer,  Eugen,  geb.  14.  Febr.  1860  in  Breslau.,
  1910  Oberverwallungsgerichtsrat,  seit  1903  im
preuß.  Vbgeordnetenhaus,  Pä  1912  im  Reichstag  (Nationallib.),
  wurde  1917  Leiter  der  3.  Abt.  des  Meichs
schatzamtes,  1919  demokrat.  Mitgl.  der  Nationalvers.,
Febr.  (bis  Juni)  1919  Reichsfinan  zmin.,  3.Okt.  Reichsjustizmin.
  u.  stellvertr.  Reichskanzler.  S.  trat  27.  März
1920  zurück.  (Geschütze;  s.  Bd.  I,  S.  235  ff.

Schiffsgeschütze,  auf  Kriegsschiffen  aufgestellte

Schiffsvermessung.  Die  Größenangabe  ist  für
Kriegs=  und  Handelsschiffe  verschieden.  Bei  Kriegsschissen
  gibt  man  die  Größe  in  Tonnen  Wasserverdrängung
  (Deplacement)  an,  d.  h.  ein  Schiff
von  10000  t  verdrängt  10000  t  Wasser,  was  mithim
auch  das  Schiffsgewicht  ist.  Bei  Handelsschiffen  geht
man  nicht  von  Gewichtstonnen,  sondern  von
Raumtonnen  aus,  was  natürlich  angesichts  der
verschiedenen  Waren  (Federn;  Blei)  nur  unter  bestimmten
  Voraussetzungen  möglich  ist.  Die  deutsche
S.  nennt  daher  klarer  den  Rauminhalt  in  Kubik.
metern,  doch  ist  üblicher  die  Angabe  in  britischen  Reistertonnen

  zu  je  100  engl.  Kubikfuß  2,  833  cbm.

ie  Bezeichnung  entstammt  der  Zeit,  wo  man  der  S.
die  Zahl  der  unterzubringenden  Fässer  unterlegte.
Brutto-Registertonnen  umfassen  den  ganzen
Innenraum,  Netto-Registertonnen  nur  den,  der
nach  Abzug  der  Bemannungs.,  Kessel-,  Maschinenund
  Kohlenräume  nutzbar  für  die  Ladung  verbleibt

Schimose,  s.  -Schieß=  u.  Sprengstoffe“,  S.  174.

Schipper,  volkstümliche  Bezeichnung  der  Armierungssoldaten
  im  deutschen  Heere;  vgl.  Armierung.

Schlachtkreuzer,  stärkster  Panzerkreuzer,  vgl.
Bd.  L,  S.  241.  240.

Schlachtschiff  (Großkampfschiff).  s.  Bd.  I.  S.

Schleichhaudel,  der  rechtswidrige  Handel  mit  rationierten
  u.  sonst.  aus  dem  Handelsverkehr  gezogenen
Waren;  vgl.  Volkswirtschaft,  Wucher.  (abgetrennt.

Schsesien.  Nov.  1919  wurde  die  Prov.  Ober-S.

Schlichtungsausschuß,  Dez  1918beiden  oberen
Verwaltungsbehörden  gebildete  Ausschüsse  zur  Vermittlung
  in  Tarifstreitigkeiten,  mit  der  Befugnis  ausestattet,

  Tarife  für  verbindlich  zu  erklären.  Über  S.
im  Hilfedienst  s.  Bd.  II,  S.  401.

Echlicke,  Alexander,  deutscher  Sozialdemokrat,
geb.  26.  März  1863  in  Berlin,  Feinmechaniker,  half
1891  den  deulschen  Metallarbeiterverband  gründen,
war  dessen  Sekretär,  1895  —1918  Vorsitzender.  Seit
1916  als  Beraler  für  Arbeiterfragen  im  Kriegsamt
tätig,  wurde  er  Jan.  1919  württemd.  Arbeitsminister,
Juni  Reichsarbeitsminister.

Schlieffen,  Alfred,  Graf  von,  deutscher  General,
  geb.  23.  Febr.  1833  in  Berlin.  gest.  das.  4  Jan.
1913,  1891—1905  Chef  des  Gr.  Generalstabes,  1911
Generalfeldmarschall,  schuf  den  Aufmarschplan  des
deutschen  Heeres  für  den  Krieg.

Schlüsselheft,  eine  Zusammenstellung  von  im
Felde  viel  gebrauchten  Ausdrücken  und  Meldungen
nebst  übertragung  in  Geheimschrift  (Chiffren).

Schmidt,  1)  Erhardt,  1910  Kommandant  von
Wilhelmshaven.  1913  Schiffsartillerie-Inspekteur  in
Sonderburg,  eroberte  1917  Osel,  wurde  1918  Admi-
        <pb n="364" />
        334

ral  u.  im  Mai  1919  zur  Dispos.  gestellt.  —  2)  Paul,
Arzt.  geb.  29.  April  1856,  1903  Marinegeneralarzt,
1904—18  Generalstabsarzt  d.  M.,  seit  1907  mit  dem
Range  eines  Vizeadmirals  Chef  des  Sanitätskorps  der
Marine.  —  3)  Robert,  geb.  15.  Mai  1864,  Klaviermacher,
  kam  1893  als  Sozialdemokr.  in  den  Reichstag,
1911  in  die  Generalkommission  der  Gewerksch.,  wurde
Jan.  1919  Ernährungs.,  Juni  1919  Reichswirtschaftsmin.;
  S.  erlitt  im  Winter  1919/20  mit  seinem  System

Schmieröle,  s.  Bd.  I,  S.  301.  (Schiffbruch.

Schneider,  s.  Creusot.

Schseuseuergeschü  s.  S.  153.

oltz,  Friedrich  von,  preuß.  General,  geb.
24.  März  1851  in  Flensburg,  war  mit  kurzen  Unterbrechungen
  1885  —1903  im  Generalstab  tätig,  1899
Chef  des  Generalstabs  des  18.  A.-K.,  1901  Oberst,
1906  Generalquartiermeister,  1912  Gen,  der  Art.  und
Führer  des  20.  Armeekorps.  Aug.  1914  der  Armee
Hindenburg  zugeteilt,  kämpfte  S.  bei  Tannenberg,
stürmte  dabei  Hohenstein  und  führte  hierauf  sein
Korps  in  der  Schlacht  bei  Angerburg  gegen  das  Zentrum
  der  Njemen-Armee.  Ende  Juli  1915  erzwang
S.  als  Führer  der  8.  Armee  den  Narewübergang  und
eroberte  die  Festungen  Ostrolenka  und  Lomza.  Okt.
1915  erhielt  S.  eine  Armeeabteil.,  Jan.  1917  wieder
die  8.  Armee,  April  1917  die  Heeresgruppe  S.  —
Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  195.

Schenbeiterne  s.  S.  178  mit  Abbildung.

Schostoff,  Konstantin,  bulg.  General,  geb.  1864
in  Mazedonien,  gest.  31.  Aug.  1916  in  Wien,  das.  auf
der  Artilleriealademie,  dann  im  Generalstab,  später
Militärattaché  in  Wien  und  Paris,  im  2.  Balkankrieg
Generalstabschef  der  8.  Armee,  Anfang  1915  Kommandeur
  der  7.  Division,  Oktober  1915  Chef  des
Generalstabs.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  63.

Schrapnell,  stählernes  Hohlgeschoß  mit  einer
Füllung  aus  Kugeln  und  einer  Shrengladuns  zum
Zerreißen  der  Wandung.  Weiteres  f.  S.  153.

Schratzmänule,  Berg,  s.  Münster.

Schröder,  August  Ludwig  von,  deutscher  Admiral,
  geb.  17.  Juli  1854  in  Hinzenkamp  bei  ückermünde,
  1893  Korvettenkapitän,  1903—05  Kommodore
  in  Westindien,  wurde  1907  Vizeadmiral  u.  Chef
des  zweiten  Geschwaders,  1910  Chef  der  Marinestation
der  Ostsee,  1911  Admiral  und  erhielt  1912  den  erblichen
  Adel.  Als  Befehlshaber  des  Marinekorps  nahm
er  Okt.  1914  an  der  Eroberung  der  Festung  Antwerpen
  teil,  zu  deren  Gouverneur  er  ernannt  wurde.

Schubert,  Hermann  von,  deutscher  General,
rückte  1914  als  Gen,  der  Art.  mit  dem  14.  Res.-Korps
ins  Feld,  erhielt  Sept.  1914  als  Nachfolger  Hindenburgs
  die  8.  Armee,  übernahm  Okt.  1914  das  27.  Res.-Korps
  und  führte  Aug.  1916  bis  März  1917  die
7.  Armee;  27.  Jan.  1917  wurde  S.  Generaloberst.

Schultheß,  Edmund,  geb.  1868  in  Villnachern,
1905  Abg.  des  Kantons  Aargau  im  Ständerat,  Schöpfer
  des  Fabrikgesetzes,  1913  Leiter  des  internationalen
Kongresses  für  Ar  fiterschuße  seit  1912  im  Bundesrat,
Jan.  1915  Chef  des  Volkswirtschaftsdepartements,
1916  u.  1920  Vizepräsident,  1917  Bundespräsident.

Schußwunden.  über  die  Behandlung  f.-Kriegschirurgiese,

  Bd.  II,  S.  300  ff.
Seeten  -Luftschiff,  s.  „Luftkrieg-,  S.  157.
ütengraben,  die  Grundform  der  Feldbefestigungen,
  ursprünglich  ein  Graben  mit  davor  aufeworfenem
  Wall,  später  in  mannigfacher  Weise  vertärn•
  und  ausgebaut.  Nach  dem  S.  bezeichnet  man
den  Stellungskrieg  auch  als  Schützen  grabenkrieg,

Schmieröle  —  Schweden

ferner  als  Spatenkrieg  wegen  des  Gerätes,  womit
die  S.  geschaffen  werden.  Vereinzelt  hat  man  sie  auch
maschinell  unter  Vemutzung  von  Grabenpflügen
und  Bodenfräsern  (vgl.  Bd.  I.  S.  313)  hergestellt.
Weiteres  über  S.  s.  Bd.  I.  S.  274.

Schutzgebiete,  deutsche,  s.  Bd.  II,  S.  13ff.

Schutnhaft,  auf  Grund  des  Belagerungszustandes
(Kriegszustandes)  vom  Militärbefehlshaber  über  einzelne
  Personen  im  Interesse  der  Staatssicherheit  verhängte
  Haft,  in  Deutschland  durch  ein  am  4.  Nov.
1916  vom  Reichstag  angenommenes  Gesetz  geregelt.

Schutzimpfung,  Einsprißung  besonderer  Stoffe,
um  vor  bestimmten  ansteckenden  Krankheiten  zu
schützen;  vgl.  Bd.  I.  S.  306  ff.  und  Bd.  II.  S.  310.

utzmächte.  Auf  Grund  eines  zu  London  am
6.  Juli  1827  abgeschlossenen  Vertrags  vermittelten
Rußland,  England  und  Frankreich  die  Gründung  des
Königreichs  Griechenland,  dessen  S.  sie  fortan  bildeten.
  Sie  beriefen  sich  auf  dieses  Mandat,  als  König
Konstantin  im  Weltkriege  gegen  die  venizelist  Kammermehrheit
  regierte,  um  Griechenland  zu  bevormunden
u.  den  König  außer  Landes  zu  treiben  (s.  Griechenland).

Schutzrechte,  gewerbliche,  s.  Bd.  II.  S.  415  ff.

Schutztruppe.  Die  deutschen  Schutztruppen  wurden
  Januar  1920  aufgelött.

Schwander,  Rudolf,  deutscher  Verwaltungsbeamter,
  geb.  23.  Dez.  1868  in  Kolmar  (Oberelsaß),
Kanzlist,  erhielt  1892  die  Leitung  des  Armenrats  in
seiner  Vaterstadt,  studierte  1897—1901  in  Straßburg,
wurde  hier  Generalsekretär  des  Armenwesens  und
1906  Oberbürgermeister,  war  Aug.  bis  Nov.  1917
Staatssekretär  und  Leiter  des  Reichswirtschaftsamts,
Okt.  1918  Statthalter  von  Elsaß-Lothringen,  Juni
1919  Oberpräsident  der  Provinz  Hessen-Nassau.

Schwarzburg.  Am  19.  Febr.  1916  stimmte  der
Landtag  der  Wahl  eines  Ausschusses  zur  Vorbereitung
der  Vereinigung  der  seit  1909  in  Personalunion  befindlichen
  beiden  Fürstentümer  zu.  Die  Vereinigung
wurde  aber  bisher  noch  nicht  vollzogen;  dagegen  unterzeichneten
  beide  Regierungen  1919  den  großthüringischen
  Staatsvertrag  (s.  Thüringen).

Schwarze  Listen,  von  England  Aug.  1916  aufgestellte
  Listen  von  neutralen  Geschäftshäusern,  mit
denen  jeder  Handelsverkehr  verboten  war  (vgl.  Vd.  II.
S.  337  f.),  wurden  Juli  1919  aufgehoben.

warze  Truppen,  (.  Bd.  I.  S.  120  ff.
warzes  Meer.  Soweit  das  S.  M.  als  Kriegsschauplatz
  in  Betracht  kam  vgl.  Bd.  II,  S.  124,  129,  134.

Schwarzpulver,  s.  S.  172.

Schweden.  Das  schwed.  Volk  war  in  seinen  Sympathien
  geteilt:  ententefreundlich  war  der  Liberalismus
  und  die  Sozialdemokratie,  deutschfreundlich  (prodeutsch)
  die  konservative  Partei  u.  die  höhere  Bildung.
Das  Staatsinteresse  neigte  den  Mittelmächten  zu,  da
alle  Gefahren  einer  Neutralitätsverlehung  von  der
Entente  drohten:  die  Rlandsinseln  beanspruchte  Rußland,
  die  Neutralität  der  schwed.  Küstengewässer  war
stets  von  der  engl.  Flotte  bedroht,  die  nur  durch  das
Kattegatt  Fühlung  mit  der  russ.  gewinnen  konnte;
auch  führte  der  beste  Weg  für  Kriegstransporte  nach
Rußland  (Narvik-Lulea)  durch  schwed.  Gebiet.  Ferner
war  der  schwed.  Warenaustausch  in  erster  Linie  auf
den  Handel  mit  Deutschland  eingestellt;  indem  die
Entente  diesen  einschränkte,  steigerte  sie  den  mit  den
Ententeländern  durch  den  zunehmenden  Transitverkehr
  mit  Rußland.  Das  führte  dazu,  daß  sich  S.s
Sympathie  mehr  u.  mehr  den  Westmächten  zuneigte.

Die  Gefahr,  in  der  S.  dauernd  schwebte,  erleich-
        <pb n="365" />
        Schweden

terte  ihm  die  Lerwirklichung  seiner  Rüstungspläne.
S  das  Landesverte  digungsprogramm
verhielt  sich  vor  allem  die  Sozialdemokratie  ablehnend,
während  die  Bauern  für  seine  Verwirklichung  eintraten.
  So  hatte  am  7.  Febr.  1914  eine  Demonstration
  von  30000  Bauern  in  Stockholm  stattgefunden.
Da  der  König,  ohne  die  Regierung  zu  fragen,  eine
Unsprache  an  die  Bauern  hielt,  kam  es  zum  Konflikt
zwischen  Krone  und  Regierung:  das  Kabinett  Staaff
trat  am  9.  Febr.  zurück,  und  Hammarskjöld  bildete
am  17.  Febr.  ein  neues  Ministerium,  in  dem  Knut
Wallenberg  das  Außere  Übernahm.  Die  Neuwahlen
ur  Kammer  brachten  einen  starken  Erfolg  der  Konservutiven.
  die  jetzt  86  (bisher  64)  Sitze  innehatten;
die  Sozialdemokraten  eroberten  73  (bisher  64)  Sitze,
die  Zahl  der  liberalen  Vertreter  fiel  von  102  auf  71.
Die  Liberalen  stellten  die  Opposition  gegen  die  Vorlage
  ein,  worauf  der  Reichstag  am  12.  Sept.  das
Landesverteidigungsgesetz  annahm.

S.  erklärte  am  1.  Aug.  seine  Neutralität  und
ordnete  am  2.  Aug,  die  Mobilmachung  für  Reserven
und  Territorialtruppen  an  der  Küste,  für  die  Seestreitkräfte
  auf  Gotland  und  die  Festungen  an.  Am
12.  Aug.  bewilligten  beide  Kammern  die  Kosten  in
Höhe  von  50  Mill.  Kronen.  Für  den  Ministerpräsidenten
  Hammarsksöld  übernahm  am  15.  Aug.  Oberst
Mörcke  das  Kriegsministerium.

Derengl.-russ.  Transitverkehr  Narwik-Lulea
wurde  gefährlich,  als  England  und  Rußland  Anfang
Dez.  1914  an  Norwehen  u.  S.  das  Ansinnen  stellten,
den  Hafen  von  Narvik  und  die  genannte  Eisenbahn
dem  Konterbandenverkehr  zu  öffnen.  Das  Verlangen
wurde  zurlckgewiesen,  und  in  der  Erkenntnis  der  gemeinsamen
  Gefahr  kamen  die  drei  nordischen  r*m*]G
von  S.,  Norwegen  und  Dänemark  am  18.  Dez.
Malmö  zu  einer  Beratung  mit  ihren  Auzenministern
über  die  gemeinsam  zu  ergreifenden  Maßnahmen  zusammen
  (s.  Skandinavien).  England  ließ  sich  indessen
nicht  irremachen  und  bewerkstelligte  gemeinsam  mit
der  schwed.  Enskildabank  unter  tätiger  privater  Mitwirkung
  des  Außenministers  Wallenberg  die  Gründung
  einer  Aktiengesellschaft  -Transito-,  die  unter
engl.-russ.  Kontrolle  den  Transitverkehr  durch  S.  als
Monopol  betreiben  sollte.  In  S.  erregte  die  Gründung
  großen  Unwillen;  die  Regierung  bereitete  deshalb
  einen  Gesetzentwurf  gegen  private  Abmachungen
mit  fremden  Regierungen  vor.  England  antwortete
mit  der  teilweisen  Beschlagnahme  von  300  Postsäcken
der  amerikan.-schwed.  Post  an  Bord  des  span.  Dampfers
  Hellig  Olaoe  in  Kirkwall,  worauf  S.  die  engl.
Postzufuhr  sperrte.  Darauf  gab  England  die  Post
des  „Hellig  Olao=  frei.  Wegen  Postbeschlagnahme
durch  England  hatte  S.  am  13.  Juni  1915  schon  einmal
  den  engl.-russ.  Durchgangshandel  für  alle  Waren
  gesperrt,  deren  Ausfuhr  aus  S.  verboten  war.
Ebenso  mißbrauchte  England  aufs  ungenierteste  die
schwed.  Flagge,  worauf  S.  am  13.  Juli  mit  dem  Verbot
  an  die  Lotsen  antwortete,  fremde  Schisse  mit
schwed.  Flagge  hereinzulotsen.  Den  engl.  Schikanen
bei  der  Lieferung  von  Kohle  suchte  S.  durch  Errichtung
  eines  Kohlenbureaus  (8.  Nov.  1915)  zu  begegnen.

s  Jahr  1916  brachte  auch  in  S.  die  allerwärts
beobachteie  Spaltung  in  der  sozialdemokratischen
  Partei:  nachdem  ein  am  18./19.  März  1916
tagender  jungsozialistischer  Friedenskongreß  den  Generalstreik
  gegen  eine  schwed.  Mobilmachung  propaiert

  hatte,  traten  15  Reichstagsmitglieder  zu  der
itte  April  ins  Leben  gerufenen  Jungssogialistischen

335

Partei  über.  Der  am  15.  Febr.  1917  tagende  Sozialdemokratische
  Parteitag  in  Stockholm  verlangte  die
Widerrufung  der  jungsozialistischen  Absonderung,  die
Jungsozialisten  antworteten,  ein  im  Mai  tagender
Kongreß  in  Stockholm  werde  die  neue  Partei  Zimmerwalder
  Richtung  proklamieren.  Damit  war  der  Bruch
vollständig.  Die  Jungsozialisten  schlossen  sich  später
(Juni  1919)  der  ö.  (Moskauer)  Internationale  an.
Der  gemäßigte  Flügel  unter  Brantings  Führung  hielt
an  seiner  Deutschfeindlichkeit  fest.  Die  Wahlerfolge
der  Sozialdemokratie  waren  der  Mißstimmung  über
die  steigende  Teuerung  zuzuschreiben.  Denn  die  welthandelspolitische
  Lage  S.s  verschlechterte  sich  1916
unter  dem  Einfluß  der  englischen  Kontrolle  außerordentlich.
  Die  Kammer  stellte  deshalb  (13.  Aprily  bie
Beschränkung  von  Ein=  u.  Ausfuhr  zugunsten  fremder
Mächte  durch  Privatpersonen  unter  Strafe.  Alsdann
erkannte  England  die  durch  ein  schwedisches  Kriegshandelsgesetz
  (dessen  Gültigkeit  1917  verlängert  wurde)
für  die  Ein-  und  Ausfuhr  gegebenen  Garantien  als
ausreichend  an  und  es  kam  ein  engl.-schwed.  Handelsabkommen
  zustande.  Am  9.  Mai  1917  kam
ein  weiteres  Abkommen  mit  England  zustande,  durch
das  die  Getreidezufuhren  S.  3  sichergsstellt  wurden.
Sehr  nachteilig  wirkte  auf  S.  s  Außenhandel  vor  allem
der  auch  weiter  andauernde  Postkrieg  ein.  Als  sich
England  am  6.  Juli  an  eine  am  27.  Juni  getroffene
übereinkunft,  daß  ein  Schiedsgericht  nach  dem  Krieg
den  Streit  entscheiden  sollte,  nicht  mehr  gebunden  erklärte
  und  S.  in  seiner  Antwort  vom  2.  Aug.  auf
seinem  Standpunkt  beharrte,  waren  die  Verhandlungen
gescheitert.  S.  mußte  sich  so  mit  seinen  Vorräten  und
geringen  Zufuhren  einzurichten  suchen  und  zur  Rationlerung
  greifen.  Im  Zusammenhang  mit  dem
U-  Bootkrieg  trat  noch  eine  starke  Kohlenknappheit  ein,
die  bereits  im  Jan.1917  zur  Einschränkung  des  Eisenbahnpersonenverkehrs
  zwang.  Ein  anderer  Versuch.
den  Kohlenverbrauch  einzuschränken,  stellte  die  1916
eingeführte  Sommerzeit  (15.  Mai  bis  30.  Sept.)  dar.
April  1918  wurde  dann  auch  die  Kleiderkarte#eingeführt.

Obwohl  der  U-Bootkrieg  auch  S.  harte  Verluste
zufügte,  richtete  sich  die  Verordnung  vom  22.  Juli
1916,  durch  die  das  U-Bootverbot  von  1912  dahin
abgeändert  wurde,  daß  fremde  U.Boote  nur  bei  schwerem
  Seegang  oder  Seenot  und  über  Wasser  und  mit
wehender  Flagge  schwed.  Hoheitsgewässer  befahren
dürfen,  nicht  einseitig  gegen  Deutschland,  wie  das  norweg.
  U-Bootsverbot  (s.  Norwegen);  das  berechtigte
aber  keineswegs  die  Entente,  S.s  Anordnungen  zur
See  —  besonders  die  Sperrung  der  Kogrundsrinne
durch  ein  Minenfeld  —  als  illoyal  und  unneutral  zu
bezeichnen,  weil  sie  sich  stärker  gegen  Rußland  als
gegen  Deutschland  richteten.  Ersteres  griff  1916  eine
ganze  Reihe  deutscher  Schiffe  (Worms--,  Lissabon,
„  Lyria=  usw.)  in  schwed.  Hoheitsgewässern  an.  Als
es  vertragswidrig  die  Mlandsinseln  befestigte,  rief
das  in  S.  starke  Erregung  hervor,  und  es  kam  im  Mai
1916  in  beiden  Kammern  zu  erregten  Debatten  hierüber.
  Es  war  daher  um  so  unverständlicher,  daß  der
Neichsiag  am  3.  März  1917  statt  der  geforderten  30
nur  10  Mill.  Kr.  Neutralitätskosten  bewilligte.  Das
Ministerium  Hammarsksjöld  nahm  deshalb  am  29.
März  1917  seine  Demission  und  der  konservative  Abgeordnete,
  Universitätskanzler  Swartz,  übernahm
die  Bildung  des  Kabinetts.  Es  brachte  am  4.  Mat
1917  das  Zivildienstgesetz  durch  und  nahm  nach  den
Reichstagsneuwahlen  am  2.  Okt.  seine  Entlassung.
Diese  brachten  den  Sozialdemokraten  wiederum  einen
        <pb n="366" />
        836

Zuwachs  an  Mandaten;  es  wurden  70  Konservative
(—  16),  62  Liberale  (+  5)  und  98  Sozialdemokraten
#  11),  davon  12  jungsozialistische  gewählt.  Die  1.

ammer  behielt  ihren  konservativen  Anstrich.  In  das
von  Eden  (liberal)  am  19.  Okt.  gebildete  neue  Kabinett
  trat  Hellner  als  Minister  des  Auswärtigen  und
der  sozialdemokratische  Führer  Branting  als  Finanzminisler
  ein  (dieser  mußte  wegen  Bestechung  der  Presse
zugunsten  der  Entente  am  5.  Jan.  1918  zurücktreten).

Das  Jahr  1917  war  in  der  weltpolitischen  Haltung
  S.s  durch  Amerikas  Eintritt  in  den  Krieg  u.
Nußlands  Revolution  bestimmt.  Eine  Note  Wilsons,
die  S.  zur  Gefolgschaft  aufforderte,  lehnte  es  am
8.  Febr.  1917  ab.  Aus  Rache  veröffentlichte  Lansing
die  durch  Vermittlung  der  schwed.  Diplomatie  beförderten
  kompromittierenden  Telegramme  des  deutschen
  Gesandten  in  Argentinien  (s.  Argentinien).  Der
schwed.  Außenminister  konnte  die  amerikan.  Vorwürfe
am  3.  Sept.  1917  schlagend  zurückweisen.  Diese  Vorkommnisse
  bewiesen  immer  wieder  die  dringende  Notwendigkeit
  des  Zusammenschlusses  mit  den  beiden
anderen  nord.  Staaten:  in  Stockholm  tagte  vom  9.
bis  11.  Mai  1917  die  4.  skandinav.  Ministerkonferenz

s.  Skandinavien).  Daneben  war  S.  vor  allem  für

lufrechterhaltung  der  internationalen  Beziehungen
  tätig,  indem  es  im  Juni  1917  den  Internationalen
  Gewerkschaftskongreß  in  Stockholm,  im
dug  1917  eine  Internationale  sozialistische  Konferenz
in  Stockholm  u.  im  Sept.  1917  die  3.  Zimmerwalder
Konferenz,  ebenfalls  in  Stockholm,  beherbergte.

Um  seiner  Getreidenot  aufzuhelfen,  lieh  S.  1918
den  Vereinigten  Staaten  gegen  Lieferung  von  Getreide
  400  000  t  Schiffsraum.  Die  Bitte  Finnlands
um  miilitärische  Hilfe  gegen  die  roten  Garden  lehnte
S.  am  20.  Febr.  ab,  es  verbot  sogar  jede  Waffenausfsuhr
  nach  Finnland.  Es  landete  lediglich  am  25.
Febr.  ein  Detachement  auf  den  Alandsinseln,  z
es  aber  bei  Ankunft  der  Deutschen  wieder  zurück.  Na
Kriegsende,  am  30.  Dez.  1918,  kam  dann  ein  deutschschwedisch-finnischer
  Vertrag  über  die  Schleifung  der
Befestigungen  auf  den  Alandsinseln  zustande;  eine
Volksabstimmung  auf  den  Insein  ergab  am  60.  Juni
1919:  94,4  v.  H.  aller  Stimmen  für  den  Anschluß  an
S.  —  Am  1.  Jan.  1919  kündigte  S.  den  Handelsvertrag
  mit  Deutschland  vom  2.  Mai  1911  für  den
1.  Jan.  1920.  doch  wurde  die  Geltungsdauer  des  Vertrages
  am  2.  März  1920  mit  vierteljährlicher  Kündigungsfrist
  verlingert.  —  über  schwedische  Kriegsliteratur
  vgl.  Bd.  II.  S.  386.

Vgl.=  Schwedische  Stimmen  zum  Wltkrieg.  (beutsch
von  Stieve,  Leipz.  1916);  A.  Molin,  S.  und  der
Weltkrieg  (Stuttg.  1916);  „Schwedens  Auslandspolitik
  im  Lichte  des  Weltkrieges  (Leipz.  1916).

Schweiz.  Die  deutsch-franz.-italien.  Mischung
ihrer  Bevölkerung  und  ihre  geograph.  Lage  inmitten
der  Kriegführenden  erschwerte  der  S.  im  Weltkriege
die  Erfüllung  ihrer  Neutralitätspflichten,  die  sie  trotzdem
  mit  vorbildlicher  Genauigkeit  erfüllte.  Sehr  gefährdet
  war  vor  allem  die  wirtschaftliche  Lage  des
Landes,  zumal  seitdem  es  nach  dem  Eintritt  Italiens
in  den  Krieg  völlig  von  kriegführenden  Mächten  eingeschlossen
  war  u.  der  Weltwirtschaftskrieg  diese  Abhängigkeit
  bis  zur  Unerträglichkeit  steigerte.  So  war
das  ideale  Streben  der  S.,  die  Härten  des  Krieges
nach  Kräften  mildern  zu  helfen.  besonders  auf  dem
Gebiete  der  Gefangenenfürsorge,  um  so  anerkennenswerter;
  auch  im  Kampf  um  Wiedererringung  des  Friedens
  hat  die  S.  wertvolle  Dienste  geleistet.

Schweden  —

Schweiz

Die  einstimmige  Annahme  des  neuen  Fabrikgesetzes
  im  Nationalrat  am  17.  Juni  1914  bebeuen
einen  wichligen  Fortschritt  auf  sozialem  Gebiet;  der
Zehnstundentag  wurde  dadurch  eingeführt,  ferner  Einschränkung
  bzw.  Verbot  (für  Frauen  u.  Jugendliche
der  Nacht=  u.  Sonntagsarbeit.  Festsetzung  des  Mindestalters
  für  Fabrikarbeiter  auf  14  Jahre  und  Ausdehnung
  des  Wöchnerinnenschutzes  bis  zu  8  Wochen.

Am  30.  Juli  beschloß  der  Bundesrat  zur  Wahrung
der  Neutralität  dieallgemeine  Mobilmachung.  Am
3.  Aug.  erhielt  der  Bundesrat  vom  Parlament  die
Ermächtigung,  die  zur  Erhaltung  der  Neutralität  notwendigen
  ahnahren  im  Verordnungsweg  zu  treffen.
Am  7.  Aug.  erfolgte  die  Neutralitätserklärung.  Bereiks
am  2.  Nov.  wurde  ein  Vermittlungsversuch  auf  Ersuchen
  des  sozialdemokratischen  Fraktionsvorstandes
des  Bundesparlaments  bei  den  kriegführenden  Mächten
  angeregt.  Der  Präsident  versprach  gemeinsame
Schritte  mit  den  übrigen  Neutralen  zur  Herbeiführung
eines  Waffenstillstands.  Von  der  Ausführung  dieses
Vorsatzes  ist  nichts  bekanntgeworden.  Bei  der  Bundesratswahl
  am  17.  Dez.  wurde  Motta  zum  Bundespräsidenten
  für  1915  gewählt.  Der  Bundesrat  erließ
am  2.  Juli  1915  eine  Verordnung  betr.  die  strafrechtliche
  Verfolgung  von  Beschimpfungen  fremder  Völker,
Staatsoberhäupter  und  Regierungen,  am  27.  eine
Preßzensurverordnung.  Gährend  mit  dem  Deutschen
Reiche  Mitte  Aug.  1915  eine  Einigung  über  den  wirtschaftlichen
  Verkehr  erzielt  wurde,  gerieten  die  seit  dem
Frühjahr  mit  der  Entente  über  Errichtung  eines  Einfuhrtrusts
  gepflogenen  Verhandlungen  ganz  ins  Stokken,
  u.  England  u.  Frankreich  verlegten  sich  auf  kleinliche
  Schikanen,  wie  Sperrung  der  Durchfuhr  Schwei-#.
  Waren  über  Marseille.  Erst  am  20.  Sept.  kam  die

ründung  der  Sociète  Suisse  de  Surveillance  6conomique
  (S.  S.  S.)  zustande.

Zum  Präsidenten  für  1916  wurde  der  bisherige
Vizepräsident  Decopet  gewählt.  Das  vielfach  hervortretende
  Verlangen  nach  Verminderung  der  Mobilisationskosten
  verknipfte  sich  mit  politischen  Umtrieben,
  die  dem  Bestande  der  S.  gefährlich  werden
konnten.  Die  Welschschweizer  verlangten  den  Rücktritt
der  verdientesten  Männer  der  Armee,  Demobilisierungen
  usw.  Der  Nationalrat  lehnte  aber  am  14.  Mär;
eine  Abterufung  des  Generals  Wille  und  seines
Stabschefs  Sprecher  v.  Bernegg  ab,  dagegen  mußten
die  Obersten  Egli  und  v.  Wattenwyl,  zwar  von  der
Anklage  der  Begünstigung  einer  fremden  Machtl
(Deusschland)  Febr.  1916  freigesprochen,  nach  dilziplinarer
  Bestrafung  doch  aus  ihren  Umtern  scheiden.
Der  Bundesrat  regelte  die  strittigen  Kompetenzen  zwischen
  Militär  und  Zivilgewalt  (12.  Febr.),  und  der  Nationalrat
  schuf  am  15.  März  eine  parlamentarische
Kontrollkommission.  An  eine  Herabsetzung  der  Heerstärken
  war  nicht  zu  denken;  vielmehr  mußte  am  1.
Febr.  1916  die  Musterung  aller  Waffenfähigen  Holschen
  16  und  60  Jahren  angeordnet  werden.  —
Departement  des  Auswärtigen  wurde  wieder  mit  dem
Bundespräsidium  (ab  1.  Jan.  1918)  vereinigt.  Auch
sonst  änderte  der  Bundesrat  seine  Organisation:
1917  wurde  die  Zahl  der  Bundesratsmitg  ieder  von
7  auf  9  erhöht,  die  Handelsabteilung  wieder  dem
volkswirtschaftlichen  Departement  9  dem  polit.)
unterstellt  u.  ein  Bundesratsausschuß  für  auswärtige
Angelegenheiten  (Schultheß,  Calonder  und  Ador)  bestellt,
  das  Departement  des  Auswärtigen  in  eine  Abteilung
  für  Auswärtiges  u.  eine  Abteilung  für  Vertretung
fremder  Interessengetrennt.  Bundespräsidenten  waren
        <pb n="367" />
        Sebastopol  —  Seemächte

1917  Schultheß.  1918  Calon  der,  1919  Ador,
1920  Motta.

Der  Schwerpunkt  der  polit.  Lage  rückte  mehr  u.  mehr
auf  die  wirtschaftliche  Seite.  Im  Sommer  1916
wurden  eifrige  Verhundlungen  mit  beiden  kriegführenden
  Parteien  über  die  Regelung  der  Aus-  u.  Einfuhr
  gepflogen;  während  aber  die  mit  der  Entente
im  Juli  in  Paris  unterbrochen  wurden,  kam  Sept.  in
Bern  ein  Abkommen  mit  dem  Deutschen  Reich  zustande:
  Deutschland  verpflichtete  sich  zu  monatlichen
Kohlenlieferungen  in  Höhe  von  253000  t,  ferner

ur  Ausfuhr  des  durch  eine  zu  errichtende  Zentral-2
  für  Eisenversorgung  zu  ermittelnden  Bedarfs
an  Eisen  und  Stahl;  die  Ausfuhr  daraus  hergestellter
Artikel  nach  feindlichen  Ländern  wurde  untersagt.
Die  Entente  erhob  dagegen  am  8.  Nov.  Einspruch  u.
verlangte,  daß  keine  Artikel  nach  Deutschland  ausgeführt
  werden  dürften,  zu  deren  maschineller  Herstellung
  amerikan.  Schmieröl  verwendet  worden  war.
Die  S.  lehnte  das  am  17.  Nov.  energisch  ab,  und  die
Neutralitätskommission  des  Nationalrats  billigte  die
Haltung  des  Bundesrats.  Die  schwebenden  unsicheren
Verhältnisse  erforderten  Jan.  1917  die  Kontingentierung
  des  Gasverbrauchs  und  Febr.  die  Regelung  des
Verbrauchs  von  Mehl,  Brot  usw.;  die  Febr.  eingeführten
  zwei  fleischlosen  Tage  konnten  dagegen  Juni
wieder  aufgehoben  werden.  Während  daun  am  3.
Mai  1917  mit  Deutschland  ein  neues  Wirtschaftsabkommen
  abgeschlossen  wurde  (Deutschland  läßt  für
18  Mill.  Fr.  Werte  aus  der  S.  von  Mai  bis  Juli
1917  einführen  —  35  Proz.  Seide,  20  Proz.  Stickereien,
  25  Proz.  Uhren,  10  Proz.  Verschiedenes),  wurden
  die  Verhandlungen  mit  der  Entente  am  17.  Mai
abermals  abgebrochen.  Erst  am  29.  Dez  erfolgte  ein
Abkommen  mit  Frankreich.  Zur  Regelung  der  Valuta
schloß  das  Deutsche  Reich  am  20.  Aug.  1917  ein  Kreditabkommen
  ab,  nach  dem  die  S.  einen  je  nach  den
deutschen  Kohlenlieferungen  gestaffelten  Kredit  zu
6  Proz.  an  Deutschland  gewährte.  Frankreich  folgte
am  1.  Okt.  mit  einem  Kreditabkommen  auf  3  Monate
über  12,5  Mill.  Fr.  monatlich  (29.  Dez.  verlängert
auf  10  Monate).  Die  sieigende  Knappheit  hatte  unterdessen
  weitere  Maßnahmen  notwendig  gemacht:  im
Aug.  wurde  die  Inlandsgetreideernte  2.shlagnahnt,
die  Brotkarte  eingeführt  u.  der  Verbrauch  von  Kohlen
u.  Elektrizttät  eingeschränkt.  Die  Arbeiterschaft  antwortete
  am  30.  Aug.  mit  Teuerungskundgebungen.

Der  Beginn  des  uneingeschränkten  U=  Bootkrieges
  traf  auch  Interessen  der  S.;  wie  alle  andern  Neutralen
  protestierte  sie  am  9.  Febr.  1917  gegen  seine
Grundsätze,  lehnte  aber  ein  Vorgehen  mit  Wilson,
dessen  Friedensnote  sie  am  22.  Dez.  1916  unterstützt
hatte  (deutsche  Antwort  am  27.  Dez.),  ab.

Am  15.  Mai  1918  kam  ein  neues  Kohlenabkommen
mit  Deutschland  zustande,  das  Frankreich  vergeblich
zu  verhindern  suchte.  Durch  Volksabstimmung  wurde
am  2.  Juni  die  Einführung  direkter  Bundessteuern  abelehnt.

  am  13.  Okt.  die  Verhältniswahl  eingeführt.
Hie  Ausbreitung  bolschewist.  Propaganda  verhinderte
der  Abbruch  der  Beziehungen  zu  Rußland  im  November,
  ein  unter  deutschem  Einftaß  am  14.  Nov.  ausbrechender
  Generalstreik  wurde  durch  Bereitstellung
von  Militär  beigelegt.  Am  13.  Juni  1919  kam  es  bei
Arbeiterdemonstrationen  in  Zürich  zu  blutigen  Zusammenstößen
  mit  dem  Militär.

Da  Frankreich,  Italien  und  Spanien  Anfang  1919
der  S.  die  Handelsverträge  kündigten,  kündigte  die  S.
Ende  März  1919  auch  ihrerseits  die  noch  in  Geltung

Der  Krieg  1914/19.  IAul.

337

befindlichen  Verträge  mit  Deutschland,  Osterr.-Ungarn
und  Serbien.  Am  2.  Juni  1919  wurde  aber  ein  neues
deutsch-schweizerisches  Wirtschaftsabkommen
  abgeschlossen  (13.  Juni  ratifiziert),  nach  dem
Deutschland  Kohlen,  Briketts,  Eisen  und  Stahl,  Kalisalz.
  Thomasmehl,  Rohzucker  liefert  und  dafür  Milcherzeugnisse,
  Vollreis,  Schokolade  und  Kakao,  Fruchtkonserven,
  Rindvieh,  Ziegen  und  frische  Milch  erhielt;
seit  1.  Jan.  1920  herrscht  vertragloser  Zustand.  —
Durch  die  Wahlen  im  Nov.  1919  zogen  in  den  Nationalrat
  ein:  60  Freisinnige  (bisher  100),  40  Katholiken
  (40),  10  Liberale  (10),  25  Bauern  (10),  40  Sozialisten
  (20),  14  Wilde.

Über  Deutschtum  in  der  Schweiz  s.  Bd.  J,  S.  44,
über  die  Haltung  im  Kriege  s.  auch  Bd.  II,  S.  84  ff.,
über  schweizer.  Kriegsliteratur  Bd.  II,  S.  386.  —  Vgl.
A.  v.  Salis,  Die  Neutralität  der  S.  (Leipz.  1915);
»Die  militärpolitische  Lage  der  S.  und  die  Landesbefestigung
  im  Urteile  der  neuesten  Geschichtez.  Von
einem  Stabsoffizier  (Bern  1917);  F.  Baer,  Die
schweeri  chen  Kriegsverordnungen  (Zürich  1918  ff.).

ebastopol  (Ssewastopol),  Handels=  u.  Kriegshafen
  im  russ.  Gouv.  Taurien,  Halbinsel  Krim,  wurde
31.-Okt.  1914  vom  türk.  Panzerkreuzer  -„Sultan  Jawus
Selim  in  Brand  geschossen.  1.  Mai  1918  wurde  S.
von  der  deutschen  Heeresgruppe  Eichhorn  besetzt.

Sed-ül-Bahr,  Dardanellenfort,  s.  Sidd-el-Bahr.

Seeckt,  von,  preuß.  General,  geb.  22.  März  1866
in  Schlewig.  1913  Chef  des  Stabes  des  3.  Armeekorps,
  1914  Oberst,  1915  General,  leitete  1915  als  Generalstabschef
  der  Armee  Mackensen  die  Maioffensive
in  Galizien  und  den  zweiten  Peldzug  gegen  Serbien,
wurde  1916  Stabschef  der  7.k.  u.  k.  Armee,  dann  der
Heeresgruppe  Erzherzog  Karl,  Mai  1917  Chef  des
türk.  Generalstabs,  Mai  1919  Sachverständiger  der
deutschen  Friedensdelegation,  darauf  Chef  des  Allg.
Truppenamts,  März  1920  Oberbefehlsh.  des  Reichswehrgruppenkommandos
  1  (Berlin).

Seekrieg,  s.  Bd.  I.  S.  234  ff.,  Bd.  II,  S.  238  ff.
Bd.  III.  S.  130  ff.  —  S.  Srecht,  s.  Bd.  I,  S.  367  ff.

Seemächte.  Im  19.  Jahrh.  war  England  die
einzige  Seemacht  der  Erde,  erst  seit  seinem  Ende  erhoben
  sich  kleinere  Seemächte  zu  achtunggebietender
Macht:  Deutschland,  Frankreich,  Italien,  Japan  und
die  Vereinigten  Staaten.  Rußlands  Floite  versank
1904  bei  Tsuschima.  Unter  Führung  Tirpitz  kam  in
Deutschland  der  Risikogedanke=  als  marinepolitischer
  Leitgedanke  auf:  Deutschlands  Flotte  sollte  so
stark  werden,  daß  sie,  mit  jeder  beliebigen  anderen  verbündet,
  der  englischen  so  gefährlich  würde,  daß  England
  vor  dem  Nisiko  eines  Seekrieges  zurückschrecken
würde  —  leider  fehlte  Deutschland  im  Kriege  der  Verbündete
  dazu.  Demgegenüber  vertrat  England  die
Idee  des  Zweimächtestandards,  nach  dem  Englands
  Flotte  steis  größer  als  die  der  beiden  nächstgroßen
  Lusammen  bleiben  sollte.

Im  Kriege  blieb  Deutschlands  Flotte  in  der  Deutschen
  Bucht  eingekapselt,  während  England  tatsächlich
die  Meere  beherrschte.  Die  Kriegsflotten  der  Entente
büßten  an  Linienschiffen  u.  Kreuzern  zusammen  über
700000  t  ein,  die  Mittelmächte  etwa  150000,  doch
verloren  letztere  bei  Friedensschluß  fast  den  gesamten
Schiffsbestand,  womit  sie  praktisch  aus  der  Reihe  der
S.  ausschieden.  —  Die  Welthandelstonnage  ist
trotz  der  enormen  Kriegsverluste  (22  Mill.  t)  von  45
auf  47  Mill.  t  gestiegen.  Während  aber  Griechenland
64  v.  H.  seiner  Handelsflotte,  Deutschland  (ohne  die
nachdem  Friedensvertrag  abzuliefernden  Schiffe)  36,8,

22
        <pb n="368" />
        388

England  13,5  v.  H.  verlor,  nahm  die  der  Vereinigten
Staaten  um  362,1  v.  H.  (von  2  auf  9,7  Mill.  t)  zu.
Japan  hat  im  Kriege  1006  Schiffe  mit  1,37  Mill.  4
hinzugewonnen  u.  562  mit  0,7  Mill.  t  eingebüßt  (davon
  184  mit  0,39  Mill.  t  verkauft).  (1852  m.

Scemeile,  die  Länge  einer  Meridianminute.  —

Seeminen,  verankerte  oder  treibende  Gefäße  mit
Sprengladung  zur  Zerstbörung  von  Schiffen.  Kontaktminen
  sind  verankert  und  schwimmen  wenig
unter  dem  Wasserspiegel;  stößt  ein  Schiff  dagegen,  so
tritt  Zündung  der  Mine  ein,  die  die  Flanke  des  Schiffes
aufreißt  und  dieses  zum  Sinken  bringt.  Beobachtungsminen
  sind  tiefer  (25—30  m  unterm  Wasserspiegel)
  verankert  (Grundminen)u.  durch  ein  Kabel
mit  einer  Landstation  verbunden;  beobachtet  man  von
da  ein  über  die  Mine  hinwegfahrendes  feindliches
Schiff,  so  spreng  man  sie  durch  Stromschluß  (Funkenhündung
  ie  S.  werden  meist  zu  ganzen  Minenfeldern
  oder  Minensperren  vereinigt.  Au
hoher  See  werden  Kontaktminen  oft  wahllos  verstreut
(Streuminen;  Auftriebsminen).  S.,  die  sich
von  der  Verankerung  losgerissen  haben,  heißen  Treibminen.
  Die  heutigen  S.  tragen  eine  Zündersicherung,
  die  die  Mine  erst  einige  Zeit  nach  dem  Auslegen
  scharf=  macht;  umgekehrt  soll  nach  längerem
Liegen  eine  Entschärfungsvorrichtung  die  S.
wieder  unwirksam  machen.  Das  Auslegen  der  S.  besorgen
  besondere  Schiffe,  die  Minenleger;  vgl.  auch
Tauchbvot-Minenleger.  Minen  sucher  sischen  S.  mit
Schleppnetzen  (Fangnetzen)  auf  und  vernichten
Treibminen  auch  durch  Geschügfeuer.

Der  Minenkrieg  spielte  in  dem  Seekampf  zwischen
  Deutschland  und  England  eine  große  Rolle.  Anfang
  Okt.  1914  hatte  die  britische  Admiralität  mitgeteilt,
  es  sei  ein  System  von  Minenfeldern  ausgelegt
worden,  das  im  Looßen  Maßstab  entwickelt  werde;
daher  sei  es  für  Schiffe  gefährlich,  das  Gebiet  zwischen
  51°  15°“  und  517  40°  nördl.  Br.  und  zwischen
1°  35“  und  3Zoöstl.  L.  zu  durchfahren.  Deutsche  Minen
waren  zunächst  nur  an  der  englischen  Küste  ausgelegt
worden.  Das  von  England  angewandte  System  der
Minenlegung  in  neutralen  Gewässern  stellte  sich  als
Bruch  des  Völkerrechts  dar,  wogegen  auch  die  skandinavischen
  Länder  protestierten.  Später  wurde  die
Minenlegung  bedeutend  ausgedehnt.  Eine  umfangreiche
  Minenlegung  erfolgte  auch  in  den  Gewässern
des  Mittelmeeres,  besonders  seitens  der  Türken  an
den  Küsten  der  Türkei  und  in  den  Dardanellen.  —
Über  die  auf  den  Minenkrieg  besüglichen  seekriegsrechtlichen
  Bestimmungen  vgl.  Bd.  I.  S.  370.

Seerecht,  internationales,  s.  Seekriegsrecht,
Bd.  L,  S.  367  ff.  I(.  Bd.  I.  S.  285  ff.

Seetaktik,  Lehre  vom  Gebrauch  der  Seestreitkräfte,

Sreverschollenheit,  s.  Kriegsverschollenheit.

Segrihe,  Festung  in  Russisch-Polen,  s  Zegrze.

Sehrohr  (Periskop),  Instrument  zur  Beobachlung
  von  Vorgängen  aus  tiefer  liegenden  Deckungen,
ist  einer  der  wichtigsten  Teile  des  Unterseebootes;  vgl.
Bd.  I.  S.  242.  Der  Grabenspiegel  für  Schützengräben
  ist  ein  S.  mit  oben  und  unten  in  450  schräg
gestellten  Spiegeln-  um  ungefährdet  das  Vorgelände
beobachten  zu  können.  Auch  Tanks  haben  ein  S.

Seide.  Über  Kunstseide  s.  Bd.  I.  S.  302.

Seidler,  Ernst.  Frhr.  v.,  geb.  1862  in  Schwechat
bei  Wien,  1906  Prof.,  1909  Sektionschef  im  Ackerbaumin.,
  Juni  1917  bis  Juli  1918  österr.  Ministerpräs.

Seise,  konnte  während  des  Krieges  wegen  des
Mangels  an  Fetten  nur  wenig  hergestellt  werden.

Seemeile  —  Serbien

Die  Kriegsseifen  waren  sehr  fettarm  oder  enthielten
überhaupt  keine  wirkliche  Seife  (fettsaures  Alkali),
sondern  nur  Soda,  Wasserglas  u.  a.  m.  Den  wich
tigsten  Scifenersatz  bildeten  die  Tonwaschmittel.
Selbstbestimmungsrecht,  das  Recht  der  Völker,
ihr  Schicksal  nach  innen  (gegen  Tyrannci)  und  außen
-  nterdrückung)  selbst  zu  bestimmen,  wurde  von  der
ntente  als  Kriegsziel  proklamiert,  in  den  Friedensschlüssen
  aber  mit  Füßen  getreten.  (S.  285.
Selbstladegewehr,  s.  Bd.  II.  S.  283;  S.  pistole,
Selbstverstlimmelung,  Körperverletzung  zu  dem
Zweck,  sich  der  Wehrpflicht  bzw.  dem  Dienst  zu  entiehen,
  wurde  mit  Gefängnis  von  einem  bis  zu  fünf
Babren  bestraft  (StGB.  §  142),  bei  Militärpersonen
wurde  außerdem  auf  Versetzung  in  die  zweite  Masse
des  Soldatenstandes  erkannt  (Mil.-St  GB.  8  81).
Semendria  (Smederevo),  Kreisstadt  u.  Festung
in  Serbien,  an  der  Donau,  wurde  1  1.  Okt.  1915  von

f  der  Armee  Gallwitz  erobert,  die  6.—10.  Okt.  dort

die  Donau  üÜberschritten  hatte.  28.  Okt.  1918  ging
das  Gros  der  deutschösterr.  Truppen  auf  dem  Rückzug
  nach  Ungarn  hier  über  die  Donau,  am  29.  Okt.
nahm  serb.  Kavallerie  von  S.  Besitz.

Semois,  rechter  Nebenfluß  der  Maas,  mündet  im
franz.  Dep.  Ardennes.  Am  23.  Aug.  1914  entwickelte
sich  eine  gewaltige  Schlacht  bei  Neuschäteau,  in
deren  Verlauf  die  Armee  des  Herzogs  Albrecht  von
Württemberg  die  Franzosen  zurückwarf  und  den  Üübergang
  über  den  S.  bis  zum  27.  Aug.  erzwang.

Semstwo  (Zemstvo.  rufs.,  -Landschaft-),  Be-Bichnung
  der  seit  186  4  mit  Selbstverwaltung  betrauten

ezirke  des  europäischen  Rußlands,  dann  insbes.  deren
durch  Wahl  aufgestellte  Vertretungen,  die  sich  mit
wirtschaftlichen  Maßnahmen,  Medizinal-  u.  Sanitätswesen
  sowie  Elementarschulwesen  befassen.  —  Im
September  1915  wurden  die  Semstwos  von  Moskau,
Perm,  Kurskund  Charkowwegen  regierungsfeindlicher
#dzbungen  durch  Regierungsbeschluß  aufgelöst.
Der  Ende  September  1915  in  Moskau  tagende  S.=Kongreß
  forderte  Einberufung  der  Duma,  Bildung
eines  nationalen  Ministeriums,  politische  und  religiöse
Amnestie,  gleiche  Rechte  für  alle  Rußland  bewohnenden
  Nalionalitäten.  S.  auch  Rußland.

Senegalschützen,  aus  Negern  gebildete  franz.
Kolonialtruppe  in  der  franz.  Kolonie  Senegal  in  Westafrika,
  von  den  Franzosen  im  Kriege  verwendet.

Sennheim,  Kantonshauptstadt  im  deutschen  Bezirk
  Oberelsaß.  Von  Mitte  Dezember  1914  entwickelten
  sich  um  S.  erbitterte  Kämpfe,  bes.  um  die  Höhe  426,
westlich  von  S.,  die  seit  6.  Jan.  1915  gegen  weitere
seindliche  Angriffe  gehalten  wurde.

Septembervertrag,  svw.  Londoner  Vertrag.

Serajewo,  Hauptstadt  Bosniens,  s.  Sarajewo.

Serbien.  Nach  den  Balkankriegen  wurde  S.s  polit.
Stellung  gleichmäßig  bestimmt  durch  den  Gegensatz
zu  Bulgarien  und  zu  Osterreich-Ungarn.  Gegen  Bulgarien
  schützte  sich  S.  durch  das  am  31.  März  1914
vom  Premterminister  Paschitsch  proklamierte  Bündnis
  mit  Griechenland  und  Montenegro,  gegen  Osterr.=Ungarn
  durch  die  Anlehnung  an  Rußland.  Zwar
fehlte  es  nicht  an  Anzeichen,  daß  in  S.  eine  Bewegung
gegen  überspannung  der  feindseligen  Haltung  ##en

ie  Donaumonarchie  an  Boden  gewann,  doch  wurde  die
roßserbische  Propaganda  in  den  österr.-ungar.  Reichsändern
  immer  maßloser.  Die  Ermordung  des  Erzherzog-Thronfolgers
  Franz  Ferdinand  und  seiner
Gemahlin  am  25.  Juni  in  Sarajewo  setzte  dem  allen
nur  die  Krone  auf.  Daß  S.  einen  Krieg  provozieren
        <pb n="369" />
        Sereth  —  Sievers

wollte,  ist  kaum  anzunehmen.  es  hoffte  vielmehr  wohl
auf  den  inneren  Zusammenbruch  des  Donaustaates.
Vor  allem  waren  die  innerserbischen  Verhältnisse  einem
Krieg  nicht  günstig.  Am  24.  Juni  war  die  Skupschtina
aufgelöst  worden.  Am  2.  Juni  hatte  Paschitsch  demissioniert,
  war  aber  auf  Bilten  des  Königs  im  Amte
geblieben.  Am  23.  erhielt  S.  die  einem  Ultimatum
gleichkommende  Note  Osterreich-Ungarns,  zwei  Tage
darauf  erfolgte  der  Abbruch  der  diplomatischen  Be-Hehungen
  (ogl.  Bd.  I.  S.  54—57,  127  ff.,  136  ff.).
Amselben  Tage,  dem  25.  Juli,  wrfokge  in  S.  die  Mobilmachung
  und  die  Verlegung  der  Regierung  und  des
Heereskommandos  nach  Kragujewatsch.
Die  furchtbare  Not,  in  die  das  Land  durch  den  Krieg
eriet,  ließ  das  Volk  mannhaft  zu  seiner  Regierung
Hepen,  doch  wollte  niemand  die  Verantwortung  für
den  Zusammenbruch  der  Politik  Paschitsch  tragen  helfen;
  erst  am  5.  Dez.  gelang  die  Bildung  eines  Koalitionskabinetts.
  Mit  dem  neuen  Jahre  brach  unsagbares
  Elend  über  das  Land  herein  —  Seuchen  dezimierten
  Volk  und  Heer,  die  finanzielle  Lage  gestaltete
sich  trostlos,  da  Steuern  nicht  einzutreiben  und  die
Mittel  für  dauernde  Kriegführung  nicht  aufzubringen
waren.  Erst  am  8.  Juli  konnten  wieder  250  Millionen
  für  Wiederaufnahme  bewilligt  werden.  Die
Entente  behandelte  S.  als  nicht  ebenbürtiges  Land,
über  dessen  Interessen  hinweg  sie  Fiume  an  Italien
verschacherle.  Paschitsch  überreichte  deshalb  am  6.  Mai
die  Demission  des  Kabinetts;  dieses  blieb  zwar  im
Amte,  wies  aber  eine  Verständigung  mit  Jtalien  weit
von  sich.  Ebenso  ignorierte  die  Entente  S.s  Ansprüche
gegenüber  Bulgarien,  dem  es  für  eventuelle  Wassenhufe
  die  serbisch-mazedonischen  Gebiete  versprach.  Es
kam  zu  einem  außerordentlich  scharfen  serbisch-engl.
Notenwechsel  vom  Juli  bis  Sept.  1915,  in  dem  England
  S.  vor  die  Frage  stellte,  ob  es  seine  eigenen  Wege
gehen  wolle  oder  die  der  Entente,  worauf  Paschitsch
mit  heftigen  Beschuldigungen  Englands  antwortete.
Paschiisch  bl.eb  insoweit  Sieger,  als  er  durchsetzte,  daß
S.  eventuell  nur  einen  Teil  des  abzutretenden  Gebietes
  sofort  an  Bulgarien  herausgeben  sollte.  Die
Folge  davon  war  der  Abbruch  der  Verhandlungen
von  seiten  Bulgariens.  Im  Winterfeldzug  1915/16
verloren  die  Serben  fast  ihr  ganzes  Land  (vgl.  Bd.  III,
S.  67  f.).  Die  Führung  des  sich  tapfer  schlagenden
Heeres  versagte  vollständig,  indem  der  König  in  einem
weinerlichen  Armeebefehl  vom  2.  Olt.  sich  selbst  als
schwachen  Greis  hinstellte  und  der  Oberbefehlshaber
Putnik  am  25.  Okt.  sein  Amt  niederlegte,  das  General
Michitsch  übernahm.  Der  König  erreichte  am  26.  Okt.
Brindisi  und  begab  sich  nach  Rom  und  am  1.  Jan.
1916  nach  Saloniki;  der  Staatsschatz  wurde  am  31.
Okt.  nach  Marseille  verbracht.  Die  Regierung  mit
dem  diplomatischen  Korps  ging  am  16.  Jan.  nach
Brindisi,  am  26.  Nov.  1917  nach  Saloniki.  Die
Skupschtina  tagte  auf  Korfu  (9.—28.  Sept.  1915).
Der  Zusammenbruch  Bulgariens  führte  dann  im
Okt.  1918  zur  Befreiung  des  Landes:  am  29.  Sept.
wurde  üsküb,  am  15.  Okt.  Nisch,  am  4.  Nov.  Belgrad,
Südungarn,  Kroatien,  Dalmatien  und  Teile  Albaniens
  besetzt.  Im  Streit  um  Fiume  trat  der  Gegensatz
  zu  Italien,  dessen  Vertreter  deshalb  vorübergehend
die  Friedenskonferenz  verließen,  offen  zutage.  Anfang
1919  wurde  die  Vereinigung  der  jugoslawischen  Gediete:
  S.,  Montenegro,  Kroatien,  Dalmatien  und  Slawonien
  unter  der  Dynastie  Karageorgewitsch  proklamiert;
  s.  Südslawisches  Reich.  —  Über  S.  s  politische
Lage  im  Kriege  s.  auch  Bd.  II,  S.  59  f.,  Kriegslite-339



ratur  das.,  S.  386;  über  den  Notenwechsel  mit  Österreich
  Bd  I1,  S.  186  ff.,  über  die  Presse  Bd.  II,  S  335.
Vgl.  G.  Devas,  La  nouvelle  Serbie  (Par.  1918);
Milkowicz  in  „Helmolts  Weltgeschichte-,  2.  Aufl.,
Bd.  4  (Leipz.  1919).

Sereth,  1)  linker  Nebenfluß  des  Dujestr  in  Galizien,
  war  bes.  Aug.  bis  Okt.  1915  und  Juli  1917
Schauplatz  der  deutsch-österr.  Bewegungskämpfe  gegen
die  Russen  (vgl.  S.  66  f.  u.  94).—  2)  Linker  Nebenfluß
der  Donau  von  den  Ostkarpathen,  dessen  unterer  Teil
Jan.  1917  heftig  umkämpft  war;  vgl.  Focsani.

Sette  Comuni  (Sieben  Gemeinden),  Gebiet
(Hochebene)  deutscher  Sprachinseln  in  Oberitalien  an
der  Tiroler  Grenze,  mit  wichtigen  Straßen  und  Tälern,
von  hoher  strategischer  Bedeutung,  spielte  im  Kriege
gegen  Italien  eine  bedeutsame  Rolle  und  war  Schauplatz
  bortnächger  Kämpfe.  Vgl.  Bd.  II,  S.  101,  103,
und  Bd.  III,  S.  113,  117.

Senche  (Epidemie).  über  die  Verhütung  und
Belämpfung,  von  Seuchen  vgl.  Bd.  II.  S.  307  ff.
sowie  auch  Bd.  I.  S.  303  ff.

Sextener  Dolomiten,  Gebirgsgruppe  in  Südtirol,am
  Sextental,  in  der  Dreischusterspitze  3162  m.
Der  beabsichtigte  Einbruch  der  Italiener  1.—  6.  Sept.
1915  endete  mit  einer  schweren  Schlappe.

Sewastopol,  s.  Sebastopol.  [Bd.  I,  S.  257.

„Sendlitz-,  deutscher  Panzerkreuzer,  250000  t,  s.

8--Geschoß,  Gewehrgeschoß,  s.  Bd.  II,  S.  231.

Sheerneß,  befestigte  Hafenstadt  an  der  Ostküste
Englands,  auf  der  Insel  Sheppey.  Im  Hafen  von  S.
sank  25.  Nov.  1914  das  engl.  Linienschiff  -Bulwarke,
bei  S.  27.  Mai  1915  der  kanad.  Hilfskreuzer  =  Prinzeß
Irene  «  infolge  Explosion.  S.  wurde  wiederholt  von
deutschen  Bombengeschwadern  angegriffen.

Siam.  Am  28.  Juli  1917  teilten  die  siamesischen
Gesandten  in  Berlin  und  Wien  mit,  daß  sich  S.  im
Kriegszustandemit  Deutschland  und  Osterreich-Ungarn
befinde.  Als  Grund  wurden  die  Unterseeboot-Kriegsmethoden
  der  Mittelmächte  angegeben.

Sicherheitespreogstosfe,  s.  S.  174.

Sidd-el  Bahr  (Sed-ül-Bahr),  Schloß  und
Außenfort  auf  der  europ.  Seite  der  Dardanellenstraße
am  Agäischen  Meer,  wurde  seit  19.  Febr.  1915  von  der
engl.franz.  Flotte  beschossen.  Nachdem  ein  Landungsversuch
  4.  März  gescheitert  war,  landeten  die  Engländer
  Ende  April  Truppen  bei  S.  (vgl.  Kärichen
Bd.  II.  S.  132).  Zahlreiche  Durchbruchsversuche,  bes.
22.  Mai  und  22.  Juni,  blieben  erfolglos.

Siebenbürgen.  Kulturelles,  Politisches  usw.  s.
Bb.  II.  S.  31  f.,  Geogr.  S.  140  f.  S.  wurde  Sept.
1916  z.  T.  von  den  Numänen  okkupiert,  durch  den
Feldzug  Falkenhayns  wieder  befreit,  Dez.  1918  vollständig
  von  Rumänien  besetzt  und  einverleibt.

Sieben  Gemeinden,  suow.  Sette  Comuni.

Siegfriedstellung,  Bezeichnung  der  am  16.  März
1917  bezogenen  Linien  der  deutschen  2.  u.  18.  Armee
in  Nordfrankreich;  vgl.  S.  10  u.  83f.

Sieniawa,  Gemeinde  in  Galizien,  Bezirk  Jaroslau,
  am  rechten  San-Ufer.  Hier  fanden  nach  dem
Entsatz  von  Przemysl  Okt.  1914  hartnäckige  Kämpfe
statt.  Nach  mehrmonatiger  Besetzung  durch  die  Russen
wurde  S.  18.  Mai  1915  von  den  deutsch-ösfterr.-ungar.
Truppen  zurückerobert.  Am  27.  Maimußten  die  Öster:
reicher  den  Brückenkopf  von  S.  räumen,  doch  kam  er
am  15.  Juni  wieder  in  den  Besitz  der  Verbündeten.

Sievers,  Baron  von,  russ.  General,  1914  und
1915  Führer  der  10.  Armee,  endete  März  1915  nach
der  Niederlage  in  Masuren  durch  Selbstmord.

22*
        <pb n="370" />
        340

Signalgerät  (Blinkgerät),  s.  Blinken  sowie
„Nachrichtenwesen  ,  S.  165.

Eignalwerfer,  mit  der  Spitze  in  die  Erde  einzustoßender
  Stab,  trägt  einen  Aufsteckdorn  mit  durch
Federkraft  vorschnellbarem  Schlagbolzen;  auf  den
Dorn  werden  Signalpatronen  aufgesteckt.  Man
schleudert  aus  dem  S.  Signalgeschosse  ab,  so
Leuchtgeschosse  (s.  Bd.  II,  S.  274  u.  279).

SEignalwesen,  die  lÜbermittlung  von  Leucht=  und
Schallsigna'en  sowie  Sichtzeichen.  Vgl.  S.  165  ff.

Sikorsky-Flugzeng,  s.  S.  159.

Eilistria,  bulgar.  Grenzstadt  und  Donauhafen,
kam  im  Frieden  von  Bukarest  1913  an  Rumänien.
S.  wurde  9.  Sept  1916  von  den  Bulgaren  genom,=men:
  vgl.  Bd.  II,  S.  222.

Sinn-Fein,  extrem  radikale  irische  Partei  (vgl.
Vd.  J,  S.  113),  trat  im  Kriege  mehrfach  hervor  ((.
Großbritannien).  Das  S.-Parlament  wurde  Sept.
1919  von  der  engl.  Regierung  für  aufgehoben  erklärt.

Sixt  von  Armin,  Friedrich,  preuß.  General,
geb.  27.  Nov.  1851  in  Wetzlar,  1870  als  Kriegsfreiwilliger
  bei  St.  Privat  schwer  verwundet,  1900  Oberst,
1201  Generalstabschef  des  Gardekorps,  1903  Direktor
im  Kriegsministerium,  1908  Generalleutnant,  1911
kommand.  Gencral  des  4.  Armeekorps,  das  Aug.  1914
im  Verband  der  1.,  seit  Nov.  der  6.  Armee  kämpfte,
März  1917  Oberbefehlshaber  der  4.  Armee  in  Flandern,
  mit  der  er  die  flandrische  Offensive  auf  die
UBootbasis  abwehrte  und  im  Frühjahr  1918  Armentières
  und  den  Kemmel  nahm.

Skagerrak,  Meerenge  im  Osten  der  Nordsee

zwischen  der  Nordküste  Jütlands,  der  Südküste  Nor  ·  H

wegens  und  der  Westküste  Schwedens,  über  220  km
lang,  150  km  breit  und  bis  500  m  tief.  Über  die
Schlacht  vor  dem  S.  f.  Bd  II,  S.  249  ff.  Vgl.
Foß.  Die  Seeschlacht  vor  dem  S.  (Berl.  1916).
Skandinavien.  Die  drei  nordischen  Königreiche
Schweden,  Norwegen  und  Dänemark  verliehen  der
Gemeinsamkeit  ihrer  Interessen  im  Weltkrieg  durch  gemeinsame
  Konferenzen  Ausdruck.  Diese  eröffnete  eine
Dreikönigskonferenz  mit  den  drei  Außenministern  in
Malmö  auf  Anregung  des  Königs  von  Schweden
18.  —19.  Dez.  1914,  es  folgten  die-  nordischen  Ministerkonferenzen=
  der  drei  Ministerpräsidenten  und  Außenminister
  in  Kopenhagen  (9.—11.  März  1916),  Christiania
  (20.—22.  Sept.  1916  und  29.  Nov.  1917)  und
Stockholm  (9.—11.  Mai  1917),  die  besonders  der
Einigkeit  in  Fragen  der  Handelspolitik  dienen  sollten.
Ferner  fand  im  Hamt  1917  in  Christiania  die  9.  Nordische
  Interparlamentarische  Konferenz  (Schlußsitzung
1.  Juli)  und  am  28.  Nov.  1917  eine  Dreikönigszusammenkunft
  mit  den  Mmisterpräsidenten  u.  Ministern
des  Ausw  in  Christiania  statt,  sodann  14.—15.  Sept.
1917  der  erste  skandinavische  Handelstag  in  Stockholm.
Dagegen  wares  dem  .  Skandinavismus=  wenig  ferderlich,
  daß  die  norwegische  Regierung  1916  eine  Kündigung
  des  aus  Mißtrauen  gegen  Schweden  erstandenen
Juegrüätsvertrags  von  1917  (s.  Norwegen)ablehnte.
Skoda,  Karl,  Freiherrvon,  österr.  Großindustrieller,
  geb.  29.  Juni  1878  in  Pilsen  als  Sohn
des  Begründers  der  Skodawerke,  trat  nach  dem  Tode
seines  Vaters  in  den  Verwaltungsrat  der  Skodawerke
  ein  und  leitet  sie  seit  1909.  Die  30,5cm-Motor-Mörser-Batterien
  der  öslerr.-ungar.  Armee,  deren
Herstellung  in  den  S.  werken  erfolgte,  hatten  großen
Anteil  an  der  Niederkämpfung  der  belg,  franz.  und
russ.  Festungen.  Unabhängig  von  Krupp  konstruierten
die  S.  werke  42  cm-Mörser,  die  beim  Durchbruch  in

Signalgerät  —  Sokol

Galizien  1915  und  bei  der  Rückeroberung  der  Festung
vrxr  verwendet  wurden.

koplie,  türk.  Name  für  üsküb  (s.  d.).

Skoropadskij,  Paul  Petrowitsch,  ukrain.
Staatsmann,  geb.  3.  Mai  1873  in  Wiesbaden,  rusfs.
Ofsfizier,  1914  Brigadekommandeur,  1917  Führer  des
34.  A.  K.,  an  dessen  Ukrainisierung  er  mitarbeitete.
19.  Okt.  zum  Ataman  des  ukrainischen  Kosakenheeres.
April  1918  von  den  Bauern  zum  Hetman  der  Ukraine
gewählt,  erstrebte  nach  dem  Zusammenbruch  der  Mittelmächte
  die  Wiedererrichtung  eines  einheitlichen  Ruß
lands,  wurde  aber  14.  Dez.  1918  vom  republikanischsozialistischen
  Direktorium  zur  Abdankung  gezwungen.

Skuludis,  Stephanos,  griech.  Staatsmann.
geb.  1836  in  Chios.  1881—  84  Konsul  in  Madrid,
1892  Marineminister,  1897  Minister  des  Außern,
1912  mit  Venizelos  Bevollmächtigter  bei  den  Londoner
  Friedensverhandlungen,  November  1915  bis
Juni  1916  Ministerpräsident.

Skupschtina,  die  Volksvertretung  in  Serbien.

Skutari  (Schkodra),  Stadt  in  Nordalbanien.
bis  1913  türkisch,  am  S.-See,  wurde  27.  Jüni  1915
von  den  Montenegrinern  besetzt  und  23.  Jan.  1916
den  österr.-ungar.  Truppen  ülberlassen,  am  31.  Okt.
von  den  Italienern  erobert.

Slawonien,  s.  Kroatien.

Smederevo,  Stadt  in  Serbien,  s.  Semendria.

Sm  K.-Munition,  deutsche  Gewehrpatronen  mit
Stahlkern,  haben  besonders  hohe  Durchschlagskraft,
dienten  namentlich  zur  Abwehr  von  Tanks.
Smorgon,  Stadt  im  Gouv.  Wilna,  von  wo  aus
indenburg  im  Sept.  1915  die  Einkreisung  der  russ.
Armee  durchzuführen  beabsichtigte;  doch  wurde  sein
Operationsplan  von  Falkenhayn  abgelehnt.

Smuts,  Jan  Christiaan,  südafrilan.  Staatsmann,
  geb.  1870  im  Kapland,  1898  Staatsanwall.
1899  Staatssekretär  der  Transvaalrepublik,  leistete
im  Burenkrieg  1901  den  Engländern  erfolgreichen
Widerstand  und  schrieb  gegen  sie  A  century  ot
wrong«.  1907  Kolonialminister  der  Transvaalkolonie,
  seit  1910  Kriegsminister  der  Südafrikan.
Union,  unterdrückte  er  1914  die  Erhebung  der  Buren,
1916/17  Oberbefehlshaber  der  südafrikan.  Armeegegen
Deutsch  Ostafrika.  im  Mai  1917  Vertreter  der  Union
auf  der  Londoner  Reichskonferenz,  1919  auf  den
Friedensverhandlungen  in  Versailles.

Smyrua  (türk.  Ismir),  Hauptstadt  eines  türk.=asiat.
  Sandschaks,  an  der  Bucht  von  S.,  wichtiger
Handelsplatz  (ogl.  Bd.  II,  S.  125),  wurde  mehrfach
von  engl.  und  franz.  Kreuzern  erfolglos  angegriffen
und  Mai  1919  von  gricchischen  Truppen  besetzt.

Sniatyn,  Bezirksstadt  in  Ostgalizien,  am  Prutb.
war  seit  Nov.  1914  vielfach  umkämpft  und  wechselte
mehrfach  den  Besitzer.

Sobranje,  das,  die  Volksvertretung  in  Bulgarien.

Société  Suisse  de  Surveillance  (Economique)
  (8.8.S.),  auf  Drängen  Englands  in  der  Schweiz
Mai  1915  gegründeter  Einfuhrtrust  zum  Zwecke  der
Ausschaltung  des  deutsch-schweiz.  Wirtsch#iftsverkehrs;
der  Zweck  wurde  nicht  erreicht.  Vgl.  Bd.  I,  S.  377
und  Bd  II,  S.  85.

Soissons,  Arrondissementshauptstadt  im  franz.
Dep.  Aisne,  an  der  Aisne  und  der  Bahn  Paris-Hirson.
  über  die  Schlacht  bei  S.  im  Jan.  1915  vgl.
Bd.  III.  S.  72  f.  u.  Bd.  I.  S.  190  f.  S.  wurde  29.  Mai
1918  von  der  Armee  Boehn  genommen,  2.  Aug.  von
den  Franzosen  zurückerobert;  vgl.  S.  25  u.  101,  103f.

Soiob  Ort  in  Mazedonien,  wurde  15.  Sept.  1918
        <pb n="371" />
        Soldatenheime  —  Soldatensprache

von  den  Franzosen  genommen;  damit  war  die  bulgar.
Front  durchbrochen.

Soldatenheime,  im  Kriege  aus  Privatmitteln,
Kantinen  jeldern  oder  vom  Roten  Kreuz  seit  dem
Winter  1914/15  in  den  Etappen,  später  auch  in  der
Heimat  errichtete  Aufenthaltsräume  für  Soldaten,
meist  mit  Schankwirtschaft,  Bibliotheken  und  Spielzimmern,
  unterstanden  der  Pflege  der  Feldgeistlichen.

Soldatenrat,  s.  Arbeiter=  und  Soldatenräte.

Soldatensprache.  Die  S.  umfaßt  die  dem  Soldatenstande
  eigentümlichen  Ausdrücke.  Die  ältere  S.
oder  Feldsprache  hat  sich  im  15.  u.  16.  Jahrhundert

ebildet  und  liegt  schon  in  Landsknechtsliedern  vor.
Sie  gelangte  während  des  Dreißigjährigen  Krieges
zur  Blüte,  wie  besonders  des  Satirikers  Moscherosch
Soldatenleben  (in  den  „Wunderlichen  und  wahrhaftigen
  Gesichten  Philanders  von  Sittewalt“,  1642)
und  Grimmelshausens  Roman  „Der  abenteuerliche
Simplicissimus=  (1669)  zeigen.  Der  neueren  S.
wären  die  hauptsächlich  während  des  Siebenjährigen
Krieges,  der  Napoleonischen  Kriege  und  des  Krieges
1870/71  entstandenen  Ausdrücke  zuzuweisen.  Die
neueste  S.,  die  Sprache  der  Feldgrauen,  verdankt
  dem  Weltkriege  ihren  Ursprung.

Die  Feldsprache  enthält  Ausdrücke  der  allen  Gaunersprache,
  des  Rotwelsch,  z.  B.:Leninger  für  Landsknecht,
  -Spinnhase  für  Feigling,=  Hauz=  und  Horkfür
  Bauer,  -Klebis=  für  Pferd,  -Biene=  für  Laus,
„Drittling=  (heute  Trittchen.)  für  Stiefel,  -Kahn.
für  Beit,  Flossarte  für  Wasser,  „Kohldampf  schieben=
  für  hungern.  Sie  sind  meist  oberdeutscher  Herkunft.
  Nicht  wenige  stammen  aber  aus  dem  Hebräischen,
  z.  B.:  »Klaffot«  (heute  =  Klüfichene)  für
Waffenrock,  »Kaff«  für  Dorf  und  „Kaffer  für  Zi-Vilist,
  „acheln  für  essen.  Die  Studentensprache  lieferte
  einige  lateinische  Wörter,  z.  B.  Kalefaktor-,
oder  wenigstens  solche  mit  lat.  Endungen,  wie  Fressalien:
  und  Pickus-(Mittagessen).  Andere  lat.  Ausdrücke
  mögen  aus  der  Kanzleisprache  herrühren,  wie
»Kapitulant«,  „Kontingente  und  Kommiß=  Guerst
in  Fronspergers  Kriegsbuch  1573,  e#gentlich  das  dem
Soldaten  -Gelieferte),  wohl  auch  -„Regimente.

In  den  verschiedenen  Kriegen  wurde  der  Wortschatz
der  S.  aus  anderen  modernen  Sprachen  vermehrt.
Aus  dem  Französischen  stammen  Truppe-,
„Rang-,  Leutnant=  (leutenant,  eigentlich  Stellvertreter)
  usw.,  aus  dem  Italienischen:  Alarme,
»Arsenal«  (urspr.  arabisch),=  Flotte=  (urspr.  german.),
„Kanone-,  „Marketender,  „Schwadron";  aus  dem
Spanischen:  „Adjutant-,  »Infanterie«,  „  Kommando-,-Major-,
  =  Parade“;  aus  dem  Polnischen
Litewla«  sowie  „Ulan=  nebst  „Ulanka-;  aus  dem
Magyarischen:  Husar-,  „  Säbele,  -Tschakoc.

Ferner  gerieten  natürlich  aus  der  deutschen  Volkssprache
  viele,  besonders  derbe  Ausdrücke  in  die  S.,
wie:Stoppelhopser-C(Infanterist),  „Latschen=  (Stiesel
  und  Füße),-Flaps-(Mittagessen),-Klappe-(Bett),
»schlapp«,  »feixen«  (lachen),  stauchen#  und  sstrippene
(brillen),  (Griffe)  kloppen  -,  Kuôppe,  eener##  usw.

Anderseits  ist  auch  nach  Horn  das  Sprachgut
sehr  beträchtlich,  das  wir  im  täglichen  Leben  fortwährend
  gebrauchen  und  das  ursprünglich  soldatischist.
  Hierher  gehören  Ausdrücke  wie:  Es  kommt
zum  Treffen,  auf  Knall  und  Fall,  Rädelsführer,  jemand
  den  Laufpaß  geben,  auf  Regiments  Unkosten,
jemand  auf  den  Hacken  sein  (vom  Marschieren),  ins
Gras  beißen  (vom  Soldatentod  im  Felde),  sich  katzbalgen
  (die  Katzbalger"  standen  vorn  in  der

341

Schlacht),  Pulver  riechen,  jemand  etwas  zuschanzen,
von  der  Pike  auf  dienen.

Die  S.  bedient  sich  reichlich  der  bildlichen  Ausdrücke,
  die  meist  auf  gekürzten  Vergleichen  beruhen,
und  unter  denen  die  vielen  Spott=  und  Necknamen
auffallen:  Bindfadenjunge  =  Husar,  Fußlappen  —
Weißkraut,  Käsemesser  =  Seitengewehr,  Kompagniemutter
  (veraltet)  —  Feldwebel,  Pflasterkasten  —
Lazarettgehilse,  Spieß  —  Feldwebel.  Aus  dem  Tierreich
  wurden  besonders  die  Namen  für  Geschüütze  seit
alter  Zeit  entlehnt,  wie  Adler,  Geier.  Sperber,  aber
auch  Affe  u.  a.;  sonst  Affe  =  Tornister;  ferner  Maikäfer
  —  Gardefüsilier  (wegen  des  am  1.  Mai  in  Potsdam
  beginnenden  Regimentsexerzierens),  Maulwurf
=  Pionier,  Mehlwurm  —  Proviantbeamter,  Sandhase
  —  Infanterist,  Spatz  =  1)  Gefreiter,  2)  die  täg  ·
liche  Fleischportion.  Personifikationen:  aböse  Elsee,
»faule  Grete-,  »dulle  Griete=  und  faule  Metze  (d.  h.
Mathilde)  waren  Geschüthnamen;  -Hans  von  Geller#
feldsprachl.  für  grobes  Brot.-Hans  Walter=  desgl.  für
die  Laus;  blauer  Heinrich  =  Grützsuppe,  stolzer  Heinrich
  =  Reisbrei,  sanfter  Heinrich  =  Schnapssorte;
Jungfer  =  Kavalleriesäbel  zur  Zeil  riedrichs  d.  Gr.,
Laura  =  Gewehr,  Vater  Philipp  =  Gefängnis.

Die  Sprache  der  Feldgrauen  behielt  zwar  viel
aus  der  neueren  S.  bei,  aber  sie  erweiterte  den  Be.
reich  mancher  Ausdrücke  und  ersetzte  andere  durch
eine  anschaulichere  Umschreibung.  So  wird  z.  B.  das
schon  früher  echt  soldatische  Zeitwort  ssich  etwas  verassen

  (eigentlich  Kleidungsstücke)jetzt  auch  auf  Unter.
tände,  Drahtrollen,  Baumstämme,  Druck  bezogen,  ja
man  sagtsogar:  sie  haben  ihm  eine  verpaßte,  *  er  ist
verwundet  worden;  die  Artillerie  schießt  nicht  mehr,  sie
"  funkte  nur  noch;  vom  Geschützdonner  sagt  man:  2es
brummte.  Ferner  hat  der  Weltkrieg  eine  Reihe  neuer
Ausdrücke  veranlaßt,  an  deren  Bildungsich  alle  Stände
des  unter  die  Waffen  gerufenen  Volkes  beteiligen  konnten,
  u.  die  deshalb  Gemeingutwurden  (Trommelseuer
der  Verleumdungen=  u.  ä.).  So  entstand  mit  Anklang
  an  griech.-lat.  Mausoleum  das  -Lausoleum.
Eine  glückliche  Verdeutschung  liegt  in  -Drahter=  für
Telegraphist  vor.  Von  mundartlichem  Schippe#  -
Spaten  wurde  Schipper=  für  Armierungssoldat  gebildet.
  Weitere  bildliche  Ausdrücke  u.  a.:  Tulpe
=  Helm,  Korsett  mit  Büchsenöffner  =  Koppel  mit
Seitengewehr,  Gulaschkanone  und  Hungerabwehrkanone
  =  fahrbare  Feldküche,  Heldenkeller  =  Unterstand,
  Knallbonbons  =  Handgranaten,  Dünnpfiffkanone
  =  Maschinengewehr,  Marmeladewerke  —  Minenwerfer
  (IW  auf  den  Achselklappen),  Kriegsmutwilliger
  =  Kriegsfreiwillliger,  Liebesgaben  =  Munition,
  Brustbeutelschwindsucht  =  Geldnot,  Stacheldraht
=  Dörrgemüse,  Wickelgamaschen  =  Nudeln,  Negerschweiß
  =  Kassee,  Rollwagl  (bayerisch)  =  schweres
Geschoß,  Scheinwerfer  =  Zahlmeister,  Schlangenmensch
  =  Sanitätsoffizier  (nach  dem  Askulapstab),
Gebißklempner  oder  Schnauzenmonteur  =  Zahnarzt,
Totenorgel  =  Maschinengewehr,  Wanderzirkus  —
seindlich-  Motorbatterie.  Aus  dem  Tierreich:

lindschleiche  =  fran  zösisches  schweres  Geschoß,  Dackel
--sterreichische  Gebirgskanone,  Frosch  =  Art  Handgranate,
  Karbolmäuschen  —  Krankenschwester.  Katze
=  Geschoß  der  Flachbahngeschütze,  Kettenhund  —
Granate  der  französischen  Flachbahn-Schnellfeuergeschütze,
  Kröte  =  schwere  Feldhaubitze,  Leuchtläfer  —
Scheinwerfersoldat,  Sappenschmein  =  Infanterist.
Personifikationen:  Geschütznamen:  dicke  (flei-Phige)
  Bertae  nach  Berta  Krupp,  schlanke  Emma-,
        <pb n="372" />
        342

dicke  Marie-,  »langer  Max«,  »Max  u.  Moritz«;  Benennungen
  feindl.  Geschütze:  -Gurgel-Auguste,  kurzer
  Gustav-,-Marie  auf  Sockene,  schwarze  Marie-;
Stottertantes  für  Maschinengewehr;  -Cousine  für
Gasmaske.  —  Als  etwas  ganz  Neues  kam  die  Sprache
der  Flieger  hinzu,  die  von  den  Übrigen  Soldaten
ä„Luftkutscher“  genannt  werden.  Es  wird  unterschieden
  zwischen  dem  Flugzeugführer,  der  »Emil«  oder
„Heinrich-,  u.  dem  Beobachtungsoffizier,  der=  Franzheißt.
  Von  Franze  ist  efranzene  =  orientieren  gebildet,
  und  davon  ssich  verfranzene  =  sich  (verhirren.
Das  Flugzeug  selbst  heißt  »Kiste«,  grüner  Froschoder
  grüner  Hunde;  der  Propeller  7  Kaffeemühlee.
Die  seindlichen  Flieger  werden  Habichter  genannt
u.  ihre  Flugzeuge  Fliegen-,  im  besonderen  -Bauernschrecke
  und  =  Zerberuse.  Die  abgeworfenen  Vomben
  heißen  „Knallbonbons-,  »Knallerbsen«,  »Eier«,
»Ostereier«,  -Liebesgabene;  die  Handgranaten  Fliegermäuschen
  Wenn  es  unsichtig  ist,  spricht  der  Flieger
  von  Flaschenwetter;  geht  er  bei  niedriger  Bewölkung
  dennoch  los,  so  gerät  er  bald  in  eine=  Waschküche-
  und  macht  einen  =  Fehlfluge.  Dieses  Wort  bedeutet
  ihm  überhaupt  den  Mißerfolg,  auch  im  privaten
Leben  des  Fliegers.  Die  Luftschiffer  nennt  er  #die
lächerliche  oder  aufgeblasene  Konkurrenz“,  den  Fesselballon
  »die  Himmelswurste,  „die  große  Leberwurste,
:die  gelbe  Leberwurst-,  den  Preßkopf“.

UAggl.  Paul  Horn,  Die  deutsche  S.  (Gießen  1899):;
Karl  Bergmann,  Wie  der  Feldgraue  spricht  (das.
1916);  Gustav  Hochstetter,  Der  feldgraue  Büchmann
  (Berl.  1916);  Th.  Imme,  Die  deutsche  S.
(Dortm.  1917);  O.  Maußer,  Deutsche  S.  (Straßb.
1917);  Samml.  der  deutschen  S.  vom  Verband  deutscher
  Vereine  für  Volkskunde  u.  der  Wörterbuchkomm.
der  Bayr.  Akad.  der  Wiss.  (1.  Bericht,  Münch.  1919).

Soldan,  Stadt  in  Ostpreußen,  23.  Aug.  1914  in
der  Schlacht  von  Tannenberg  schwer  umkämpft.

Solf,  Wilhelm,  Kolonialpolitiker,  geb.  5.  Okt.
1862  in  Berlin,  studierte  Sanskrit  und  orientalische
Sprachen,  nach  längerem  Aufenthalt  in  Kalkutta
Rechts=  und  Staatswissenschaften,  trat  in  den  Kolonialdienst,
  war  kurze  Zeit  Bezirksrichter  in  Dar#es-Salam
  und  wurde  1899  Präsident  des  Munizipalrats
  in  Apia,  1900  Gouverneur  von  Samoa,  1911
Staatssekretär  und  Leiter  des  Reichskolonialamts,
vom  3.  Olt.  bis  17.  Dez.  1918  Staatssekretär  des  Auswärtigen,
  1920  Geschäftsträger  in  Tolio.  Schriften:
„  Weltpolitik  u.  Kolonialpolitik-  (Berl.  1918);  Kolonialpolitik,
  mein  politisches  Bermächtnis=  (das.  1919).

Solms-Baruth,  Friedrich,  Fürstzu,  geb.  24.
Juni  1853  in  Berlin,  Militärinspekteur  der  Freiwilligen
  Krankenpflege  in  Deutschland.

Somme,  Küstenfluß  im  nördlichen  Frankreich,  entspringt
  im  Depart.  Aisne  und  mündet,  245  kmlang,  in
den  Kanal.  Bereits  Mitte  Dez.  1915  entwickelten  sich
beiderseits  der  S.  lebhafte  Kämpfe,  die  am  17.  Dez.
mit  einer  empfindlichen  Niederlage  der  Franzosen
endeten.  Juli  1916  setzte  die  als  franz.  Durchbruchsversuch
  größten  Stils  zu  kennzeichnende  Sommeschlacht
  ein,  die  bis  zum  Nov.  währte,  aber  nicht  zu
dem  erhofften  Erfolge  führte;  vgl.  Bd  II,  S.  213ff.
235  ff.  und  Bd.  1II,  S.  79  ff.  Im  Rahmen  der  großen
  Schlacht  in  Frankreich  überschritten  23./24.  März
1918  die  deutsche  2.  u.  18.  Armee  die  S.;  vgl.  Bd.  III,
S.  21f.,  99.  Vom  8.  bis  20.  Aug.  schlug  dann  die
2.  Armee  die  Abwehrschlacht  zwischen  S.  und  Avre,
8.  Aug.  bis  3.  Sept.  die  18.  Armee  die  Abwehrschlacht
wwischen  S.  und  Oise,  21.  Aug.  bis  2.  Sept.  die  2.  und

Soldau  —  Sozialdemokratie

17.  Armee  die  Abwehrschlacht  zwischen  Scarpe  u.  S.:;
vgl.  S.  104ff.

Somme-Py,  s.  Souain.

Sommerzeit,  die  Vorrückung  der  Uhren  um  eine
Stunde  während  der  Sommermonate  zwecks  Ersparnis
  an  Beleuchtung,  wurde  bereits  im  Frieden  vielfach
empfohlen,  aberals  angeblichwegen  der  Schwierigkeiten
im  Eisenbahnverkehr  undurchführbar  abgelehnt.  1916
wurde  sie  in  Deutschland  (6.  April),  Osterreich-Unarn,

  Italien,  Frankreich,  Belgien,  Holland.  England,

uxemburg,  den  skandinavischen  Ländern,  Rußland
(auch  für  die  Wintermonate),  Polen  und  der  Schweiz
eingeführt.

Sonnino,  Sidney,  Baron,  ital.  Staatsmann,

eb.  11.  März  1847  in  Pisa,  nach  diplomatischen

iensten  1887—89  Unterstaatssekretär  des  Schatzes,
1893—94  Finanz-,  1894—96  Schatzminister,  1906
und  1909  vorübergehend  Ministerpräsident,  wurde
Nov.  1914  Minister  des  Außern  im  Kabinett  Salandra,
  Juni  1916  im  Kabinett  Boselli,  1917  im  Kabinett
  Orlando,  mit  dem  er  18.  Juni  1919  zurücktrat.  —
Bild  s.  bei  S.  226.

Sotnie  (Ssotnie,  ruff.,  ahunderte),  Kosakeneskadron
  bzw.  -kompagnie.  Vgl.  Kosaken.

Sonain,  Gem  westlich  von  Perthes  (Dep.  Marne),
war  seit  Aufang  Dez.  1914  heiß  umstritten.  Sämtliche
  Angriffe  der  Franzosen  bis  Juni  1915,  bes.  im
Fedr.  (Winterschlacht  in  der  Champagne).  wurden

urückgeschlagen.  Während  der  Herbstoffensive  1915
gpelteg  sich  im  Abschnitt  S.-Somme-Py  bis  Okt.
serininnse  Kämpfe  ab.  Nov.--Dez.  wurden  die  deutchen
  Stellungen  auf  der  -Höhe  193.  nordöstlich  S.
von  den  Franzosen  vielfach  angegrisfen.

Souchez,  Gem.  im  franz.  Dep.  Pas-de-Calais,
südl.  von  der  Lorettohöhe,  war  seit  März  1915  der
Schauplatz  schwerer,  wechselvoller  Kämpfe,  die  Anfang
  Mai  ihren  Höhepunkt  in  der  Lorettoschlacht  (vgl.
Bd.  1,  S.  222  ff.)  erreichten.  Ende  Sept.  1915  waren
die  franz.  Angriffe  hier  bes.  heftig,  so  daß  die  Deutschen
  das  zertrümmerte  S.  räumten.

Souchon,  Wilhelm  Anton,  deutscher  Admiral,
  geb.  2.  Juni  1864  in  Leipzig,  1906  Kapitän  zur
See  und  Sektionschef  im  Reichsmarineamt,  1909
Stabschef  der  Marinestation  der  Ostsee,  1911  Konteradmiral
  und  2.  Admiral  des  zweiten  Geschwaders,
übernahm  als  Vizeadmiral  1913  das  Kommando  der
Mittelmeerdivision,  mit  der  er  Aug.  1914  bei  Messina
die  engl.-franz.  Blockadelinie  durchbrach  und  die  Dardanellen
  erreichte.  Nach  dem  Ankauf  der  deutschen
Schiffe  durch  die  Türkei  wurde  S.  zum  Oberbefehlshaber
  der  türk.  Flotte  ernannt.  Sept.  1917  nach  Deutich.
land  zurückberufen,  war  er  bis  Nov.  1918  Chef  der
Marinestation  der  Ostsee  und  Gouverneur  von  Kiel.

Sowjet,  s.  Rußland,  S.  827.

Sozialdemokratie.  In  der  Entwicklung  zum
Revisionismus,  wie  sie  in  Deutschland  in  der  Spaltung
  zwischen  Revisionisten  und  Radikalen,  in  Frankreich
  in  der  Trennung  zwischen  den  Anhängern
Jaures  und  Guesdes,  in  Rußland  in  der  Scheidung
der  Minimalisten  von  den  Maximalisten  zum  Ausdruck
  kam,  waren  in  der  internationalen  Sozialdemokratie
  seit  Mitte  der  1890er  Jahre  Tendenzen  hervorgetreten,
  die  es  wahrscheinlich  machten,  daß  die  Internationale
  bei  Ausbruch  eines  europäischen  Krieges
versagen  würde.  In  der  Tat  siegte  allenthalben  in
der  S.  der  Nationalismus  über  den  internationalen
Kosmopolitismus:  in  Frankreich  siel  sogar  der  Führer
der  Gemäßigten,  Jaures,  unter  Mörderhand,  nur  in
        <pb n="373" />
        Sozialisierung  —  Spanien

Rußland  erhoben  die  Sozialdemokraten  in  der  Reichsduma
  flammenden  Protest.  Während  dann  im  weiteren
  Verlauf  des  aee  die  englischen  Arbeiter  zwar
gegen  die  Wehrpflicht  scharf  agitierten,  aber  sich  stets
weigerten,  auf  einem  internation.  Sozialistenkongreß
mit  den  deutschen  Genossen  zusammen  zu  arbeiten,
bildeten  sich  in  Deutschland,  Frankreich  und  Rußland.
später  auch  in  Italien  und  Osterreich  Min  derheitsparteien,
  die  auf  den  Kongressen  in  Zimmerwald
(1915)  und  Kiental  (1916)  die  Wiedererrichtung  der
Internationale,  die  Beendigung  des  Krieges  durch  Erhebung
  des  Proletariats  aller  Länder  im  Massenstreik
und  die  gewaltsame  Beseitigung  des  Kapitalismus
durch  die  Diktatur  der  Massen  forderten.  Der  Versuch
  eines  mehrheitssoz.  internationalen  Kongresses  in
Stockholm  1917  scheiterte.  Den  entscheidenden  Fortschritt
  dieser  Bewegung  brachte  die  russische  Revolution
  durch  die  Herrschast  der  maximalistischen  Bolschewisten
  (s.  Bolschewismus)  unter  Lenin  u.  Trotzki
(7.  Nov.  1917).  Die  Hauptträger  der  bolschewistischen
Herrschaft  wurden  die  Arbeiter=  und  Soldatenräte
(Sowiets).  1918  griff  diese  Bewegung  auf  Bulgarien,
Ungarn,  ÖOsterreich  u.  Deutschland  über.  In  Deutschland
  hatten  sich  1916  die  Radikalen  unter  dem  Namen
Sozialdemokratische  Arbeitsgemeinschaft
(seit  1917  Unabhängige  sozialdemokratische
Partei  Deutschlands)  von  den  Mehrheitssozialisten
  getreunt;  sie  gewannen  tatsächlich  die  Führung,
  als  ihnen  die  Revolutionierung  der  Flotte,  dann
der  Bäimatarmee  und  dadurch  der  Sturz  der  Monarchie
  gelang;  die  Mehrheitssozialisten  gewannen  aber
in  den  Arbeiter-  und  Soldatenräten  die  Mehrheit,
so  daß  sie  die  Wahl  der  konstituierenden  Nationalversammlung
  durchsetzten.  Indem  sie  sich  zu  weiterer

usammenarbeit  mit  den  Bürgerlichen  bereitfanden,
liquidierten  sie  selbst  die  Diktatur  des  Proletariats,  die
vom  9.  Nov.  bis  zum  6.  Febr.  geherrscht  hatte.  Die
Kommunistische  Partei  (s.  Spartakusbund)  gewann
trotz  Erhebung  des  Terrors  zum  politischen  Kampfprinzip
  keinen  Einfluß.  Der  Internat.  Sozialistenkongreß
  in  Bern  im  Febr.  1919  führte  nach  Ablegung
des  Schuldbekenntnisses  durch  die  deutschen  Mehrheilssozialisten
  zur  Wiederaufrichtung  der  Internationale.
Die  bolschewistische  Richtung  begründete  leichkeitig  n
Moskau  eine  -Dritte  Internationalec.  Vgl  auch  Bd.
II,  S.  397  ff.,  31,  35,  37  u.  60.  Vgl.  E.  David,  Die
S.  im  Weltkrieg  (Berl.  1915);  P.  Lensch,  Die  S.,
ihr  Glück  und  ihr  Ende  (Leipz.  1916);  Derselbe,  Drei
Jahr  Weltrevolution  (Berl.  1917).

ozlalisierung,  s.  Volkswirtschaft.

Sozialismus,  s.  Vd.  II,  S.  397  ff.  u.  oben  Sozialdemokratie.
  Über  die  Durchführung  des  sozialistischen
Vrogranms  in  Deutschland  und  Rupland  s.  d.

o#zialpolitik  im  Kriege,  s.  Bd.  I.  S.  391  ff.
Vgl.  auch  Bd.  I.  S.  388  ff.;  über  russ.  S.  vgl.  Bd.  II,
S.  438  ff.  Vgl.  serner  Volkswirtschaft.

Sozialrevolutionäre,  die  sozialistischen  russischen
Bauern;  wichtigste  Forderung:  Agrarreform  als  So-Kalisierung
  des  Bodens;  Führer:  Tschernow.

Spa,  Flecken  in  der  belg.  Prov.  Lüttich,  Solbad,
war  März  bis  Okt.  1918  Sitz  des  deutschen  Gr.  Hauptgquartiers.
  Seit  Dez.  1918  fanden  in  S.  die  Finanzverhandlungen
  der  Waffenstillstandskommission  statt.

d.  Doppeldecker,  s.  Luftkrieg,  S.  158.

Spahi  (türk.,  pers.  Sipahi,  -Kriegere),  der  in
Mittelasien  dem  Fürsten  zur  Stellung  von  Soldaten
verpflichtete  Adel;  diese  Beeichnung  ging  später  auf
die  Soldaten  selbst  über.  S.  heißen  im  besondern  die

343

vier  franz.  Reiterregimenter,  aus  Eingeborenen  gebildet,
  in  Algerien,  Tunis  und  Westafrika,  die  die
Franzosen  im  Kampf  gegen  Deutschland  verwendeten.

Spahn,  Peter,  geb.  22.  Mai  1846  in  Winkel  a.
Rh.  1905  Oberlandesgerichtspräsident  in  Kiel,  später
in  Frankfurk  a.  M.  Seit  1882  Zentrumsabg.  im  preuß.
Abgeordnetenhaus,  seit  1884  im  Reichstag,  1908  einen
Tag  dessen  1.  Vizepräsident,  1912  Präsident  Seit  Febr.
1912  war  S.  Vorsitzender  der  Zentrumsfraktion  des
Reichstags  und  des  neuen  Reichsausschusses  des  Zentrums,
  1917—198  preuß.  Justizminister.  S.  vertritt
den  rechten  Flügel  des  Zentrums  und  gilt  als  Hauptgegner
  der  Erzbergerschen  Richtung.

Spanien.  S.  war  dank  seiner  abseitigen  Lage  der
einzige  europ.  Staat,  der  nicht  unmittelbar  in  den
europ.  Konflikt  hineingezogen  wurde.  Sodann  besaß
England  in  Gibraltar  eine  Achillesferse,  die  es  zu
rröhterer  Schonung  S.s  zwang,  während  S.  in  Giraltar

  eine  schwere  Wunde  fühlte,  die  ein  Zusammengehen
  mit  England  ausschloß.  Trotz  der  Vereindarungen
  von  Cartagena,  die  König  Edward  VII.  mit
Alfonso  X.  getroffen  hatte,  bestand  in  S.  vor  allem
unter  den  Offizieren  eine  sehr  starke  deutschfreundliche
Partei.  Sodann  war  die  Geistlichkeit  Frankreich  sehr
abgeneigt.  Vor  allem  war  auch  die  innere  Lage  des
Landes  einer  Beteiligung  am  Kriege  ungünstig.  Die
konservative  Partei  unter  Dato  verfügte  seit  den  Kammerneuwahlen
  im  März  1914  über  eine  gücherte
Mehrheil  in  den  Cortes.  Dato  wußte  durch  Bekämpfung
  aller  Kundgebungen  für  ein  aktives  Eingreifen
S.s  in  den  Krieg  die  Neutralitätspolitik  der  Regierung
in  sehr  Faschicher  Weise  zu  festigen.
abinett  trat  nach  einem  Wahlsieg  der  Liberalen
  bei  den  Munizipalratswahlen  (15.  Nov.  1915)
zurück  und  machte  einem  liberalen  Kabinett  Romanones
  Platz,  das  sich  für  Forisetzung  der  Neutralitätspolitik
  nach  außen,  im  Innern  aber  für  eine  ausesprochene
  liberale  Politik  aussprach.  Romanones
14  ein  unbedingter  Anhänger  der  Entente,  Übernahm
  am  26.  Febr.  1916  das  Ministerium  des  Kußern,
gab  es  aber  am  1.  Mai  an  Gimeno  ab.  Die  Wahlen
vom  April  1916  ergaben  einen  bedeutenden  Sieg
der  Liberalen,  ebenso  wie  die  Provinzialwahlen  vom
13.  März.  Die  Zustände  im  Innern  gestalteten  sich
unterdessen  ziemlich  bedenklich  —  am  12.  Juli  kam  es
im  Anschluß  an  einen  Eisenbahnerstreik  bei  der  Nordbahngesellschaft
  zu  einem  teilweisen  Generalstreik,  weshalb
  tags  darauf  die  verfassungsmäßigen  Garantien
ausgehoben  wurden  und  das  Kriegsrecht  im  Madrid
verkündet  wurde  (27.  Juli  nach  Wiederaufnahme  der
Arbeit  wieder  aufgehoben),  am  18.  Dez.  folgte  ein
24stündiger  allgemeiner  Teuerungsausstand  im  ganzen
  Lande.  Eine  am  28.  Dez.  abgegebene,  von  zahl.
reichen  Irrtlmern  angefüllte  Regierungserklärung
um  U-Bootkrieg  ließ  erkennen,  daß  die  Regierung
mmer  mehr  dem  Ententelager  zuneigte.  Bei  Erklärung
  des  uneingeschränkten  U-Bootkrieges  aber
begnügte  sie  sich  mit  einem  Protest  unter  Vorbehalt;
auch  lehnte  sie  einen  Anschluß  an  Wilsons  Politik  am
3.  März  ab,  dann  aber  bekannte  Romanones  doch,
daß  er  das  Heil  S.s  im  Anschluß  an  die  Entente  erblicke,
  u.  da  er  mit  einhelliger  Zustimmung  der  Nation
niemals  rechnen  konnte,  trat  er  zurück.

Der  Demeokrat  Garcia  Prieto,  überzeugter  Anhänger
  der  Neutralitätspolitik,  übernahm  am  19.  April
1917  die  Bildung  des  neuen  Kabinetts  mit  Alvaredo
als  Außenminister.  Trotz  besorgniserregendem  Anwachsen
  der  Kriegsschuld  (bis  10.  März  1917;:  10776
        <pb n="374" />
        344

Mill.  Pes.)  mußte  im  Interesse  der  KCandesyerteidigung
am  21.  Nov.  1916  eine  umfangreiche  Wehrvorlage
wecks  Reorganisation  der  Armee  eingebracht  werden.
Porher  schon,  am  23.  Jan.  1916,  war  ein  Zentraler
Generalstab  errichtet  worden.  Die  Friedensstärke
wurde  auf  140000  Mann  (davon  50000  in  Afrika),
die  Kriegsstärke  auf  700000  Mann  festgesetzt,  das
aktive  Heer  wurde  in  20  Divisionen  geteilt;  die  Einrichtunt
  der  Einjährig-Freiwilligen  und  des  Reserveoffizierkorps
  wurde  von  den  Mittelmächten  Übernommen.
  —  Neben  den  finanziellen  u.  militärischen  stellten
  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  besonders
schwierige  Aufgaben.  Nov.  1916  wurden  die  Preise  der
Lebensmittel,  Kohlen  und  Frachigebühren  geregelt  und
ein  Zentrallebensmittelamt  errichtet.  April  1917  beschlagnahmte
  die  Regierung  100000t  Schiffsraum  für
Lebensmittel  und  Kohlentransporte,  und  die  Kohlenzufuhr
  wurde  durch  ein  Abkommen  mit  England  gebessert.
Das  Kabinett  Garcia  Prieto  trat  angesichts  einer
ihr  feindlichen  militär.  Bewegung  in  Barcelona  am
10.  Juni  1917  wieder  zurück;  auch  hatte  die  Propaganda
  der  Ententeanhänger  bedenkliche  Formen  anenommen.
  Am  20.  Aprik  wurde  an  Deutschland  eine
ote  gerichtet,  in  der  S.  sein  Recht  zur  Verteidigung
seines  Lebens  betonte.

Die  Ernennung  eines  konservativen  Ministeriums
Dato  am  11.  Juni  1917  (Außenminister  Marquis
de  Lama)  war  die  offizielle  Bestätigung  dafür,  daß
die  interventionistischen  Republikaner  den  neutralitätsfreundlichen
  Juntas  (Militärvereinen)  unterlegen
waren.  Doch  war  die  Stellung  der  neuen  konservativen
  Regierung  unsicher;  gegen  die  gegnerischen  Umtriebe
  mußte  sie  am  15.  Juni  zur  Aufhebung  der  verfassungsmäßigen
  Garantien  und  nach  heftigen  Unruhen
  in  Barcelona,  wo  99  versammelte  Abgeordnete
die  Politik  Komanones“.  die  zu  seinem  Rücktritt  geführt
hatte,  am  6.  Juli  guthießen,  am  7.  Aug.  zur  Wiedereinführung
  der  Pressezenfur  schreiten.  Da  kam  es
13.  Aug.  zum  allgemeinen  Generalstreik.  Es  wurden
Massenverhaftungen  und  Waffengebrauch  nötig;  als
am  19.  Aug.  die  Ruhe  wiederhergestellt  war,  hatte
der  Aufstand  400  Menschen  das  Leben  gekostet.  Der
Belagerungszustand  konnte  erst  am  7.  Okt.  wieder
aufgehoben,  die  verfassungsmäßigen  Garantien  am
18.  Okt.  wiederhergestellt  werden.  Die  Führer  des
Aufstandes  wurden  zu  lebenslänglichem  Gefängnis
verurteilt.  Die  in  einer  „Verteidigungsliga=  zusammengeschlossenen
  Pehierung  feindlichen  ffiziere
rswanen  am  17.  Okt.  den  Rücktritt  des  Kriegs.
ministers  Rivera  (Nachf.:  General  Marina)  und  am
28.  Okt.  durch  eine  Adresse  an  den  König  den  des
ganzen  Kabinetis.

ach  langen  Verhandlungen  gelang  am  4.  Nov.
1917  Garcia  Prieto  die  Bildung  eines  „Kabinetts
dernationalen  Zusammenfassunge,  in  dem  zumerstenmal
  in  S.  Regionalisten  u.  Karlisten  vertreten  waren
und  Liberale  und  Konservative  zusammensaßen.  Bereits
  am  23.  März  1918  folgte  ein  Koalitionskabinett
Mauramit  Romanones  als  Unterrichtsminister,  der
dann  im  Dez.  selbst  wieder  an  die  Spitze  der  Regierung
  trat.  Unter  dem  Eindruck  des  deutschen  8
sammenbruchs  gewannen  die  Ententefreunde  die  Oberhand:
  S.  belegte  21000  t  deutschen  Schiffsraum  als
Ersaß  für  versenkte  span.  Schiffe  mit  Beschlag  und  bezeichnete
  den  deutschen  Botschafter  Prinzen  Ratibor
als  nicht  mehr  genehme  Person.  Die  Heeresreform
wurde  durch  königliche  Verordnung  durchgeführt,
unterm  1.  Juli  1918  erfolgte  die  Einführung  der

Spanische  Krankheit  —  Sperrfeuer

Goldwährung.  Im  Okt.  1919  stattete  der  König
Frankreich  einen  Besuch  ab.  Das  Volksvermögen  S.8
vermehrte  sich  1917  um  1500  Mill.  Pesos  und  1918
um  2500  Mill.  Pesos.  Die  Staatsschuld  betrug  am
1.  Juli  1919:  12417  Mill.  Pesos.  Der  Goldbestand
der  Bank  von  S.  stieg  von  532  Mill.  Pesos  im  Juni
1914  auf  2841  Mill.  Pesos  im  Aug.  1918.  Der  Notenumlauf
  betrug  Juli  1914:  1939,  Aug.  1918:  2954
Mill.  Pesos,  der  Fehlbetrag  der  Staatsrechnung  1914:
163,6,  1917:  948.2  Mill.  Pesos.  Vgl.  Paul  Herre.
S.  und  der  Weltkrieg  (Münch.  1915);  E.  Schulzgze,
Englan  und  S.  (Hamb.  1915).
panische  Krankheit,  sow.  Grippe.
Spanischer  Reiter,  mit  Stacheldraht  umflochtener
  tragbarer  Holzbock,  dient  zur  schnellen  Anlage
von  Sperren  und  Drahthindernissen  (s.  d.).
Sparmetalle,  viel  gebrauchte  Metalle,  an  denen
die  Mittelmächte  im  Kriege  Mangel  litten.  Durch
viele  Verordnungen  wurde  die  Zuteilung  der  Bestände
und  der  Produktion  an  S.n  geregelt,  so  daß  die  wich
tigsten  Bedürfnisse,  insbes.  die  des  Heeres,  berücksich.
tigt  wurden,  aber  auch  nur  in  Fällen,  wo  Ersatzmetalle
  nicht  anwendbar  waren.  Wichtigftes  der
S.  war  Kupfer;  dazu  kamen  Nickel,  Zinn.  Chrom,
Wolfram,  später  auch  Aluminium,  Blei,  Zink,
Antimon  u.  a.  m.  Nicht  alle  S.  brauchten  in  gleichem
  Grade  gespart  zu  werden;  es  war  schon  ein  Gewinn,
  wenn  sich  Kupfer  z.  B.  durch  Aluminium  ersetzen
  ließ.  Für  viele  Zwecke  wurde  insbes.  Eisen  u.
Eisenlegierungen  als  guter  za  erkannt.  Für
elektrische  Leitungen  ersetzte  man  Kupfer  durch  Eisen,
Zink  oder  Aluminium;  für  Maschinenteile  wurden
mannigfaltige  Legierungen  ersonnen.
Spartakusbund,  ein  nach  dem  Gladiatorenführer
im  3.  Sklavenkrieg,  dem  Thraker  Spartacus  (gest.
71v.  Chr.).  benannter,  zuerst  1916  in  heieig  hervorgetretener
  Bund  radikaler  kommunistischer  Arbeiter,
an  dessen  Spitze  sich  Ende  1918  Karl  Liebknecht  und
Rosa  Luxemburg  stellten.  Der  Name  wird  seit  1919
nur  noch  als  Nebenbezeichnung  für  die  Kommunistische
  Partei  Deutschlands  (K.  P.D.)  gebraucht.—
Spartakuswoche,  Bezeichnung  für  den  Aufstand
der  Unabhängigen  und  Spartakiden  in  Berlin  5.  bis
12.  Jan.  1919  (s.  Deutsches  Reich).
Spece,  Maximilian,  Graf  von,  deutscher  Admiral,
  geb.  22.  Juni  1861  in  Kopenhagen,  1899
Korvettenkapitän  und  erster  Offizier  des  Linienschiffes
Brandenburge,  das  anläßlich  der  Chinawirren  nach
Ostasien  ging,  dann  bis  1905  Dezernent  bei  der  Waffenabteilungdes
  Reichsmarineamts,  1905  Kapitän  zur
See,  befehligte  das  Linienschiff=  Wittelsbach-,  wurde
1908  Chef  des  Stabes  beim  Kommando  der  Nordseestation,
  1910  Konteradmiral  und  2.  Admiral  der
Aufklärungsschisse,  Sommer  1912  Führer  des  Kreuzergeschwaders,
  1913  Vizeadmiral  und  dessen  Chef.  Auf
der  Fahrt  von  Tsingtau  nach  den  Südseekolonien  vom
Kriegsausbruch  benachrichtigt  und  bald  von  feindlichen
Schiffen  verfolgt,  siegte  S.  am  1.  Nov.  1914  bei  Coronel
  über  die  Engländer  unter  Cradock  (vgl.  Bd.  I.
S.  247  u.  269)  und  fand  am  8.  Dez.  im  Kampf  gegen
ldie  feindliche  übermacht  unter  Sturdee  bei  den  Falkandinseln
  (vgl.  Bd.  I.  S.  248  u.  270)  mit  zwei  Söhnen
  den  Tod.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  250.
Sperrfeuer,  1)  hinter  die  seindliche  Front  gelegles
  heftiges  Geschützfeuer,  um  gegnerische  Truppen
von  ihren  rückwärtigen  Stützpunkten  abzuschneiden
und  Zufuhr  wie  Rückzug  unmöglich  zu  machen;  vgl.
S.  153.  2)  Vor  die  feindlichen  Schützengräden  ge-
        <pb n="375" />
        Sperrfort  —  Stochod

legtes  Feuer,  um  die  feindliche  Insanterte  im  Graben
zu  halten  oder  ihren  Vormarsch  zu  hindern.

Sperrfort,  s.  Bd.  II.  S.  290.

Sperrgebiete  zur  See.  über  die  S.  nach  der
Denkschrift  der  deutschen  Regierung  über  den  verschärften
  U.  Bootkrieg  s.  Bd.  II,  S.  162f.

Spezialstahl,  s.  Panzerplatten.

Spionage.  Vgl.  Bd.  II,  S.  443  f.  sowie  Bd.  I,
S.  366.  —  Die  Organisation  des  S.  dienstes  in  den
Ländern  der  Entente  war  im  Kriege  sehr  entwickelt.
Durch  die  Festnahme  von  Spionen  sind  bes.  die  (vier)
russ.  S.organisationen  in  Kopenhagen  bekanntgeworden,
  die  eine  Spionenschule  mit  fünfwöchigem  Lehrkursus
  unterhielten.

Spreuggeschosse,  mit  Sprengladung  gefüllte  Geschosse.
  wie  Granate,  Schrapnell,  Wurfmine  usw.
Vgl.  Bombe,  -Luftkrieg:,  S.  156,  und  -Die  Artillerie
im  Kriege,  S.  153.

Sprengstoffe,  s.  S.  171ff.
brengtrichter,  sow.  Granattrichter  oder  Minentrichter.


S.  S.  S.,  Société  Suisse  de  Surveillance  (Economiqne),
  s.  d.  sowie  Bd.  I.  S.  377  u.  Bd.  II,  S.  85.

Staatsgerichtshof,  in  Artikel  108  der  Verfassung
  des  Deutschen  Reiches  vom  11.  Aug.  1919  voresehener

  Gerichtshof  zur  Untersuchung  gegen  den
Reichspräfidenten  oder  die  Reichsregierung  wegen
schuldhafter  Verletzung  der  Verfassung  oder  eines
Reichsgesetzes  (Art.  59).  Das  Nähere  soll  ein  besonderes
  Reichsgesetz  regeln.  Außerdem  kann  der  Reichstag
  besondere  Enqueten  durch  Untersuchungsausschüsse
veranstalten  (erstmalig  Okt.  1919  zur  Untersuchung
der  Friedensmöglichkeiten  im  Kriege  eingesegßzt).

Staatskommissariat  für  Volksernährung,
wurde  12.  Febr.  1917  in  Preußen  mit  Sitz  in  Berlin
errichtet,  dann  mit  d.  Reichsernährungsamboereinigt.

Seacheldraht,  Drahtlitze  mit  eingeflochtenen
Spigzen,  ist  eines  der  wichtigsten  Mittel  zur  Herstellung
von  Hindernissen  im  Stellungskampf;  Stacheldrahtverhau,
  sow.  Drahthindernis  (.  d.).

Stacheldrahtkrankheit,  anormale  psychische  Erscheinungen,
  wie  sie  an  Kriegsgefangenen  beobachtet
werden.  Vgl.  A.  L.  Vischer,  Die  S.  (Zürich  1918).

Staffel,  bei  der  Artillerie  der  dem  Munitionsnachschub
  dienende  Teil  der  Munitions=  u.  Vorratswagen.
Im  Luftkrieg  mehrere  unter  gemeinsamem  Befehl
arbeitende  Flugzeuge;  vgl.  Jagdstaffel.

Stahlhelm,  aus  Stahlblech  hergestellte  Kopfbedeckung
  für  kämpfende  Truppen,  wurde  in  diesem
Kriege  von  den  Franzosen  eingeführt,  später  auch  von
den  andern  Heeren  übernommen;  s.  Helm.

Stallupönen,  Kreisstadt  im  ostpreuß.  Regbez.
Gumbinnen,  an  der  Bahn  Königsberg-Eydtkuhnen.
Auf  dem  Vormarsch  gegen  Insterburg  wurde  die  russ.
Niemenarmee  17.  Aug.  1914  bei  S.  von  den  Deutschen
  zurückgeschlagen.  In  der  Schlacht  an  den  Mafurischen
  Seen  drangen  die  Russen  9.  Sept.  südlich  von
S.  über  die  Grenze  u.  besetzten  Wirballen.  Vgl.  S.  30.

Standrecht,  s.  Kriegsstrafgerichtsbarkeit.

Standschützen,  die  Mitglieder  der  früheren  k.  k.
Schießstände  in  Tirol  und  Vorarlberg.  Die  Schießstände
  waren  landsturmpflichtige  Körperschaften,  die
nach  dem  Gesetz  -das  gesamte  Schießwesen  für  die
Zwecke  der  Landesverteidigung  zu  fördern,  junge

chützen  heranzubilden,  den  Gemeinsinn  der  Schüpen
für  die  Verteidigung  des  Vaterlandes  und  die  Kaisertreue
  zu  beleben  und  zu  pflegen  haben.  Nach  dem
Haager  Abkommen  waren  die  S.  als  reguläre

345

kriegführende  Truppen  anerkannt.  Sie  hatten  siegreichen
  Anteil  an  der  österr.-ungar.  Maiossensive  1916
in  Südtirol.

Stanislau,  Bezirksstadt  in  Ostgalizien,  an  der
Bystryca,  war  1914—17  vielfach  umkämpft.

Stapelfaser,  s.-Ersatzfaserstoffe  S.  181.

Starkstromzäune,  von  hochgespannter  Elektrizität
  durchströmte  oder  damit  geladene  Drahtl.
hindernisse  (s.  d.).  Wer  S.  berührt,  wird  getötet  oder
betäubt.  Die  Herstellung  und  Erhaltung  sind  schwierig
  und  teuer,  denn  man  muß  die  stromführenden
Drahtteile  sorgfältig  isolieren,  auch  für  die  eigenen
Mannschaften  ungesährliche  Durchlässe  schaffen.

Starrluftschiff,  s.  Luftschiff;  vgl.  S.  157.

Steenstraate,  Ortin  der  belg.  Prov.  Westflandern,
nördl.  v.  Vpern,  wurde  22.  April  1915  erobert  u.  gegen
häufige  engl.  Angriffe  gehalten.  Vgl.  Bd.  I.  S.  216.

Stegemann,  Hermann,  Kriegsberichterstatter
bis  1917,  geb.  30.  Mai  1870  in  Koblenz,  Redakteur
in  Basel.  seit  1911  am  „Bunde  in  Bern,  Romanschriftsteller,
  schrieb:  Geschichte  des  Kriegese  (1917  ff.).

Steilfenergeschütz,  s.  S.  154.

Stein,  Hermann  von,  preuß.  General,  geb.  13.
Sept.  1854  in  Wedderstedt  (Provinz  Sachsen),  1905
Oberst.  1910  Oberquartiermeister,  bald  darauf  Mitglied
  der  Studienkommission  der  Kriegsakademie,
1912  Div.-Kommandeur,  wurde  bei  Ausbruch  des
Krieges  Aug.  1914  Generalquartiermeister,  Mitte
Sept.  Führer  des  14.  Reservekorps,  Nov.  1916  bis
3.  Okt.  1918  als  General  preuß.  Kriegsminister  und
militär.  Oberbefehlshaber  im  Heimatgebiet.  —  Bild
s.  Bd.  II  bei  S.  251.  S.  schrieb:=  Erlebnisse  und  Betrachtungen
  aus  der  Zeit  des  Weltkriegs=  (Leipz.  1919).

Stellungskrieg,  s.  Bd.  I,  S.  273ff.

Stellvertretendes  Generalkommando,  s.  Generalkomnt'ando.
  4

Stepanowitsch,  serb.  General,  zwang  die  Osterreicher
  1914  als  Führer  der  2.  Armee  zum  Rückzug
über  die  Drina,  socht  Okt.  bis  Dez.  1914  erfolgreich  südlich
  von  Belgrad  und  wurde  in  der  Schlacht  bei  Nisch
von  der  bulgar.  Armee  Bojadschijeff  geschlagen.

Sternberg,  Leo,  Dichter,  geb.  7.  Okt.  1876  in  Limburg,
  veröffentlichte:  »Mit  bekränzten  Kanonen,
Von  dem  Volk  der  Ulanen«,  »  Das  eiserne  Zeitalter-,
„  Walküren  über  dem  Land-  und  -Christus  in  der
Schlacht=  (alle  Wiesb.  1915).  =  Zum  Heerlager  wurde
die  Welt“  (M.-Gladb.  1915)  und  die  Sammlung
»Gott  hämmert  ein  Volk=  (Steglitz  1916).

Stickstoff,  ist  frei  als  Gas  in  der  Luft  enthalten,
dagegen  chemisch  gebunden  Bestandteil  vieler  wichtiger
Verbindungen,  so  der  Eiweißstoffe,  des  als  Düngemittel
  dienenden  Salpeters,  aller  Sprengstoffe  u.  a.  m.
Die  Nutzbarmachung  des  Luftstickstoffs  ist  eine  der

rößten  Taten  der  Chemie;  vgt  Bd.  L.  S.  297  ff.  —
lm  18.  Jan.  1917  wurde  ein  Reichskommissariat  für
S.  wirtschaft  errichtet.

„Stiller  Tod.,  volkstümliche  Bezeichnung  für  die
französischen  Fliegerpfeile  (s.  d.).

Stinkbomben,  Gasgranaten  mit  übelriechenden
Sprenggasen;  vgl.  Gaskampf.

Stinkraum,  dicht  verschlossener  Versuchsraum  zur
Prüfung  der  Gasmasken,  deren  Träger  in  dem  mit
hustenreigenden  Gase  gefüllten  S.  verweilen  müssen.

tip  (Istip),  Bezirksstadt  in  Südserbien,  wurde
19.  Okt.  1915  von  den  Bulgaren  besettt.

Stochod,  rechter  Nebenfluß  des  Pripjet  in  Wolhynien.
  Die  S.-Linie  war  einer  der  Hauptangiffs,
punkte  der  Russen  in  ihrer  Offensive  gegen  Kowel
        <pb n="376" />
        346

Juni-Juli  1916  u.  in  den  Kämpfen  Sept.-Okt.  1916.
Vgl.  Bd.  II,  S.  206  ff.  und  Bd.  III,  S.  91.

Stockholm.  über  den  S.er  Sozialistenkongreß,
s.  Sozialdemokratie.

Stöger-Steiner,  Edler  von  Steinstätten,
Rudolf,  österr.-ungar.  General,  geb.  1851  in  Pernegg
(Steiermark),  Aug.  1914  Führer  einer  Inf.-Div.,  kommandierte
  bei  der  Maioffensive  1915  eine  Gruppe,
die  den  Dunajecübergang  bei  Siedliszowa  erzwang
und  über  die  Weichsel  vorstieß.  Als  Führer  des  15.
Korps  kämpfte  S.  1916  im  Raume  Tolmein-Santa
Luzia-Auzza  (Isonzoschlachten),  wurde  April  1917
gemeinsamer  Kriegsminister,  Mai  1918  Generaloberst
  und  trat  Nov.  zurück.

Stolperdrähte,  vor  Feldstellungen  dicht  über  dem
Boden  ausgespannte  Drähte,  die  den  Angreifer  zum
Straucheln  bringen  sollen.

Störungsfeuer,  Geschüfeuer,  um  feindliche
Truppenansammlungen  oder  Arbeiten  zu  behindern.

Störungssucher,  hat  bei  Störung  der  telegraphischen
  oder  telephonischen  Verständigung  die  gerissene
oder  zerschossene  Drahtstelle  aufzusuchen  und  zu  flicken.

Stranfa,  s.-Ersatzfaserstoffez,  S.  180.

Strautz,  Hermann  von,  preuß.  General,  geb.
13.  Febr.  1853  in  Nackel  (Posen),  1900  Oberst,  1906
Generalleutnant  und  Führer  der  hess.  Division,  1911
komm.  General  des  5.  Armeekorps,  war  1915—17
Oberbefehlshaber  der  deutschen  Truppen  zwischen
Maas  und  Mosel  (Armeeabteilung  C).

Streumine,  s.  Seeminen.

Strobl,  Karl  Hans,  Kriegsberichterstatter,  geb.
18.  Jan.  1877  in  Iglau,  Finanzkommissär  in  Brünn,
1914  Schriftleiter  vom  „Turmhahn=  in  Leipzig,  Romanschriftsteller,
  auch  Lyriker  ("Ein'  gute  Wehr  und
Waffen,  1915),  schrieb:  „Zvischen  Weichsel  und  Karpathen=
  (1915)  und  -Der  Krieg  im  Alpenrot--  (1916).

Strohfaser,  s.  Ersatzfaserstoffe:,  S.  180.

Strohmehl.  Nach  Friedenthal  sollte  Stroh  für
die  Ernährung  nutzbar  gemacht  werden,  indem  man
es  staubfein  vermahlt,  auch  wohl  chemisch  behandelt.
Als  Futter  hatsich  S.  teilweise  bewährt;  für  die  menschliche
  Ernährung  ist  es  ungeeignet.

Struma,  Fluß  der  Balkanhalbinsel,  zum  Golf  von
Orfano.  Im  Gebiet  der  untern  Strumoa  spielten  sich
bes.  während  der  bulzar.  Offensive  Aug.  1916  hartnäckige
  Kämpfe  ab.  2  g  S.  vof.

Strumica,  Stadt  in  Bulgarien,  nahe  dem  Fluß
S.,  war  Ende  1915  das  Fei  franz.  Angriffe  und
wurde  26.  Sept.  1918  von  den  Franzosen  besetzt.

Strypa,  linker  Nebenfluß  des  Dujestr  in  Galizien.
Der  Frontabschnitt  an  der  S.  war  seit  Ende  Aug.  1915
hartnäckig  umstritten.  Die  russ.  Offensive  an  der
oberen  S.  scheiterte  Anfang  November.  Alle  Versuche
der  Russen,  während  der  =  Neujahrsschlacht  1916  und
in  der  Sommeroffensive  1916  die  deutsche  Front  zu
durchbrechen,  wurden  von  der  Urmee  Bothmer  abgewiesen;
  vgl.  S.  66  f.  u.  77.  Am  23.  Juli  1917  wurde
die  S.  nach  der  Durchbruchsschlacht  in  Ostgalizien  von
den  Verbündeten  überschritten.

Sturdee,  Sir  Frederick  Charles  Doveton,
engl.  bmiral  8  e.  9.  Juni  1859,  1905—07  Admiralstabschef
  der  Mittelmeerflotte,  1907  der  Kanalfloite,
1908  Konteradmiral,  seit  1912  Kommandeur  des  2.
Kreuzergeschwaders,  befehligte  1914  das  engl.  Kreuzergeschwider,
  das  am  8.  Dez.  das  deutsche  Geschwader
des  Admirals  Spee  bei  den  Falklandinseln  vernichtete.

Stürgkh,  Karl,  Graf  von,  österr.-ungar.  Staatsmann,
  geb.  30.  Okt.  1859  in  Graz,  seit  1892  im  Reichs.

Stockholm  —  Südafrikanische  Union

rat,  Führer  der  verfassungstreuen  Großgrundbesitzer.
wurde  1909  Unterr.-Min.,  1911  Min.-Präs.,  führte
im  Krieg  seine  Geschäfte  ohne  Parlament  und  wurde
21.Okt.1916  von  dem  Sozialisten  Fritz  Adlerermordet.

Sturm  (Jurissiéc-S.),  Paul,  serb.  General.
nahm  an  den  Balkankriegen  erfolgreich  teil  und  befehligte
  1914/15  die  3.  serb.  Armee  (Sieg  bei  Aran  ·
gielowac,  Verteidigung  der  Donaulinie  Okt.  1915).

Stürmer  (Panin),  Boris  Wladimirowitsch,
russ.  Staatsmann,  geb.  1848,  seit  1872  in  Staats.
diensten,  1894  Gouv.  von  Nowgorod,  1902  Direktor
des  allgemeinen  Dep.  im  Ministerium  des  Innern,
wurde  Febr.  1916  Ministerpräsident,  nach  Sasonoffs
Rücktritt  im  Juli  auch  Min.  des  Außern.  S.  versuchte
einen  Sonderfrieden  mit  den  Zentralmächten  herbeizuführen;
  die  Kadetten  Wizukoft  undengl.  Intrigen
veranlaßten  Nov.  1916  seinen  Sturz.

Sturmleiter,  kurze,  in  Schützengräben  aufgerichtele
  Leiter,  um  Sturmtruppen,  Patrouillen  usw.  das
Hinausklettern  nach  der  Frontseite  zu  ermöglichen.

Sturmwagen,  sow.  Panzerwagen.

Styr,  rechter  Nebenfluß  des  Pripjet  im  russ.  Gouv.
Wolhynien,  wurde  25./26.  Sept.  1915  von  der  Bugarmce
  überschritten,  bildete  später  von  der  Mündung
bis  zum  Einfluß  des  Korminbaches  die  Kampfgrenze
an  der  Front  der  Heeresgruppe  Linsingen  und  war
bes.  im  Herbst  1915  und  Sommer  1916  heftig  unstritten.
  Vgl.  S.  66  f.  und  77f.

Suchomlinoff,  Wladimir  Alexandrowitsch.
russ.  General,  geb.  1848,  1899  Generalstabschef  und
1904  Oberbefehlshaber  des  Militärbezirks  Kiew,  1908
Chef  des  Generalstabes,  1909  Kriegeminister;  hervorragender
  Organisator  der  russ.  Armee  und  Haupturheber
  der  umsangreichen,  8  en  den  Dreibund  gerichteten
  Rüstungen  Rußlands.  Nach  der  Wiedereroberung
  Lembergs  (22.  Juni  1915)  durch  die  Mittelmächte
  wurde  S.  von  Großfürst  Nilolajewitsch  für
den  Mangel  an  Munition  verantwortlich  gemacht  und
abgesetzt,  der  Prozeß  aber  im  Nov.  niedergeschlagen.
Auf  Drängen  der  Duma  wurde  S.  Mai  1916  wegen
Verbrechen  im  Amte  in  der  Peter-Paulsfestung  interniert,
  Sept.  17  wegen  Hochverrats,  Vertrauensmißbrauchs
  und  Betrugs  (eigenmächtige  Mobilmachung)

u  bdenelanglichen  uchthaus  verurteilt.  —  Bild
Bd.  II  bei  S.  52.

Südafrikanischellnion.  Botha  setzteam  11.  Sept.
1914im  Unterhaus  der  Union  den  Beschluß  durch,  dem
König  Albert  u.  dem  belg.  Volk  durch  Vermiltlung  des
Körigs  Georg  das  Mitgefühl  der  Union  auszusprechen
und  den  Kriegszustand  mit  dem  Deutschen  Reich  als
dadurch  bestehend  anzusehen,  daß  England  im  Kriege
mit  Deutschland  liege.  Daraufhin  trat  der  Oberbefehls-Hoberr
  der  südafrikanischen  Miliz,  General  Beyers,  vom

ommando  zurück,  und  Botha  übernahm  selbst  den
Oberbefehl  bei  den  zunächst  eingeleiteten  Operationen
gLegen  Deutsch-Südwestafrika.  Unter  Beyers,  Christian

ewet  und  General  Maritz  erhoben  sich  darauf  etwa
10000  Buren,  die  sich  weigerten,  gegen  das  deutsche
Schutzgebiet  zu  marschieren,  gegen  die  englische  Herrschaft.
  Maritz  griff  die  Engländer  bei  Keimas  am
Oranje  an,  und  Ende  Okt.  gingen  Truppen  der  Aufständischen
  im  früheren  Oranjefreistaat  gegen  Kapstadt
  vor.  Maritz  schloß  mit  der  deutschen  Regierung
in  Südwestafrika  einen  Vertrag  ab,  demzufolge  für
den  Fall,  daß  Britisch-Südafcika  seine  Unabhängigkeit
  wiedererlangen  würde,  die  Walfischbai  und  die
Deutsch-Südwestafrika  gegenüberliegenden  Inseln  an
Deutschland,  die  Delagoabai  an  die  Burenstaaten
        <pb n="377" />
        Südamerika  —  Szurdulpaß

kommen  sollten;  für  den  Fall  des  Mißlingens  des  Aufstandes
  sollten  die  auf  deutsches  Gebiet  übergegangenen
lusständischen  als  deutsche  Untertanen  erklärt  werden.
Die  überlegenen  Regierungstruppen  umzingelten  am
1.  Dez.  1914  Dewet  und  zwangen  ihn  zur  Ergebung.
Er  wurde  am  22.  Juni  1915  in  Bloemfontein  wegen
Hochverrats  zu  sechs  Jahren  Gefängnis  verurteilt,
bald  aber  begnadigt.  Beyers  ertrank  verwundet  im
Vaalfluß,  Kemp  und  Maritz  konnten  sich  noch  über
die  Jahreswende  hinaus  erfolgreich  behaupten.  Kemp
mußte  sich  dann  am  4.  Febr.  mit  500  Mann  ergeben,
er  erhielt  am  26.  Juli  7  Jahre  Gefängnis.  Maritz,
der  am  24.  Okt.  1914  die  Engländer  erfolgreich  bei
Keimas  angegriffen  hatte,  trat  nach  Angola  über,  wurde
aber  von  den  Portugiesen  Aug.  1915  ausgeliefert.

Sowar  der  Aufstand  niedergeschlagen,  als  im  Herbst
1915  die  Wahlen  stattfanden  (20.  Okt.).  Dievon  Botha

eführte  Südafrikanische  Partei  erlangte  54,  die  (engischen)
  Unionisten  40,  die  Nationalisten  Hertzogs  27,
die  Unabhängigen  5,  die  Arbeiter  4  (zusammen  130)
Sitze.  Nach  diesem  Wahlsiege  wurden  Dewet  und  118
andere  Angeklagte  durch  das  Gericht  in  Johannesburg
von  der  Beschuldigung  des  Hochverrats  freigesprochen.
Nunmehr  konnte  Botha  auch  an  eine  Beteiligung  am
Kriege  in  Deutich-Ostafrika  gehen,  und  er  erlangte
auch  die  erforderlichen  Kredite.  Eine  Rede  Bothas  im
Unterhaus  am  23.  Aug.  1916,  in  der  er  vor  neuen
Aufständen  warnte,  verriet,  daß  noch  immer  das  Land
nicht  völlig  beruhigt  war.  Toobgrößter  Anstrengungen
  gelang  die  Bezwingung  Deutsch-Ostafrikas  bis
zum  Kriegsende  nchl  otha  starb  am  28.  Aug.  1919
in  Pretoria.  Die  Volks  ählung  in  der  S.  U.  am  5.
Mai  1918  stellte  eine  weiße  Bevölkerung  von  1,4  Mill.
fest.  Vgl.  Weißbuch  der  Regierung  Südafrikas  über
die  Burenaufstände  (3.  März  1915).  über  die  Beteiligung
  der  S.  U.  am  Kriege  vgl.  S.  121ff.

Südamerika,  s.  ABC-Allianz  u.  die  Einzelstaaten.

Sudelkopf,  Gipfelin  den  oberelsäss.  Vogesen,  nordwestlich
  von  Thann,  war  12.—15.  Febr.  1915  in
heftigen  Nahkämpfen  umstritten.

Südslawisches  Reich  (Jugoslaw.  Reich),  der
1919  durch  Vereinigung  Serbiens  mit  Montenegro,
Dalmatien,  Kroatien,  Slawonien,  einem  Teil  des
Banats,  Krain  und  einem  Teil  Kärnteus  errichtete

roßserbische  Staat  (s.  Serbien).  Bereits  im  18.
Fobr.  hatte  die  sog.  illyrische  Bewegung,  die  sich
auf  literarisch-akademische  Kreise  beschränkte,  unter
dem  Kroaten  Ludwig  Gaj  die  Vereinigung  aller  Südslawen
  angestrebt,  war  aber  allmählich  erstorben.  Auf
breiterer  völkischer  Grundlage  erhob  sich  die  jugoslawische
  Bewegung  im  19.  Jahrhundert  zu  einer  der  allerstärksten
  politischen  Ideen  der  jünngsten  Vergangenheit.
Den  entscheidenden  Fortschritt  erlebte  die  jugoslawische
Bewegung,  seitdem  sie  sich  unter  der  Eshrung  der
serbischen  Dynastie  Karageorgewitsch  mit  dem  russ.
Panslawismus  verbündete.  Rußland  begünstigte  lebhaft
  die  serbischen  =  Aspirationene  auf  die  füdflawischen
Gebiete  Osterreichs  und  in  diesen  die  auf  Lostrennung
vom  Gesamtstaat  gerichteten  Bestrebungen.  Der  Erfolg
  der  beiden  Balkankriege  1912/13ließ  den  serbischen
Nationalismus  hoch  anschwellen,  während  gleichzeitig
die  staatsfeindlichen  Ideen  in  Bosnien  durch  die  Annexionskrise
  von  1908  neu  belebt  worden  waren.  Aus
dieser  Saat  erwuchs  das  Verbrechen  von  Sarajewo.
Der  österr.=  ungar.  Außenminister,  Graf  Berchtold,
wußte  sich  keinen  andern  Nat  mehr  als  den  Krieg,  von
dem  er  eine  Erstickung  des  jugoslawischen  Gedankens
durch  die  Vernichtung  Serbiens  erhoffte.  Bereits  der

347

Zusammenbruch  der  österr.  Offensive  in  Serbien  im
ez.  1914  schadete  der  Sache  Osterreichs  ungeheuer.
Der  Herbstfeldzug  1915  vernichtete  zunächst  die  Hoffnungen
  der  südslawischen  Patrioten;  während  aber
Montenegro,  das  bei  Verwirklichung  der  großserbischen
Pläne  für  seine  Selbständigkeit  fürchtete,  im  Jan.  1917
einen  Sonderfrieden  anstrebte,  setzte  Serbien  auch
weiter  alle  Hoffnungen  auf  die  Hilfe  der  Verbündeten,
die  die  Errichtung  eines  südflaw.  Gesamtstaates  in  ihr
Kriegszielprogramm  aufnahmen.  Freilich  ergaben
sich  daraus  schwierige  Reibungen  mit  Italien,  dem
Frankreich  und  England  im  Londoner  Vertrag  (s.  d.)
1915  Fiume  u.  gewisse  Gebiete  Dalmatiens  zugesichert
hatten.  Am  18.  Okt.  1918  forderten  die  Vereinigten
Staaten  von  der  österr.-ungar.  Regierung  die  Anerkennung
  der  südslaw.  Aspirationen,  die  auch  von  seiten
Osterreich-Ungarns  in  der  Note  vom  27.  Okt.  erfolgte.
Unter  dem  serbischen  Prinzregenten  Alexander  wurde
Anfang  1919  die  Errichtung  des  S.  R.bstatsächlich  vollzogen;
  Montenegro  wurde  bei  den  Verhandlungen
mit  Österreich  in  St.-Germain  nicht  mehr  als  selb
ständiger  Staat  behandelt.  S.  auch  Fiume,  Montenegro,
  Serbien.  II47  sowie  Bo.  III.  S.  1217.

tdwestafrika  (Deutsch-S.),  s.  Bd.  II,  S.  14f.,

Sueskaual,  Seekanal  zwischen  dem  Mittelländischen
  und  Roten  Meer.  über  die  Kämpfe  am  S.  vgl.
S.  129.  Vgl.  Agypten.

»Suffren-«,  Kan  Linienschiff  (12730t),  14.  Nov.
1915  versenkt;  vgl.  Bd.  II,  S.  248.

Suganertal  (Val  Sugana),  oberes  Brinttal  in
Südtirol,  bis  zur  ital.  Grenze  (vgl.  Bd.  II.  S.  99  u.
103).  Die  wichtige  Einbruchstelle  wurde  Anfang  Juni
1915  bis  Levico  geräumt  und  war  Mai  bis  Juli  1916
umkämpft.  Anfang  Nov.  1917  rückten  Teile  der
Heeresgruppe  Conrad  bis  Primolano  vor  u.  befreiten
das  ganze  Tal,  doch  Nov.  1918  dangen  die  Italiener
wieder  Über  die  Tiroler  Grenze  ins  S.

Sulttsprit,  s.  Bd.  I,  S.  300.  Goeben  ·.

»Sultau  Jawns  Selim«,  Panzerkreuzer,  s.

Suvla-Bucht,  s.  Anaforta.

Suwalki,  1)  ruff.-poln.  Gouvernement,  an  Preußen
  grenzend,  wurde  14.  Sept.  1914  als  erstes  unter
deutsche  Verwaltung  gestellt.  —  2)  Hauptstadt  des
russ.-poln.  Gouv.  S.,  an  der  Bahn  Orany-Grodno.
Die  russ.  Vorstöße  nach  der  Besetzung  von  S.  Ende
Sept.  1914  scheiterten,  ebenso  der  neue  Vormarsch  der
Russen  gegen  S.  Anfang  Oktober.

Swakopmund,  Hafen  in  Deutsch-Südwestafrika,
wurde  14.  Jan.  1915  von  den  Engländern  besetzt.

Syudikalisten  (franz.;  Gewerkschaftler),  die
von  Jaures  geführten  organisierten  Gewerkschaftler,
erklärten  sich  5.  Sept.  1914  gegen  den  Kampf  bis  zur
Vertreibung  des  Feindes,  wie  ihn  die  Anhänger  Guesdes’
  predigten.  Es  kam  darüber  zur  Spaltung  in  der
Sozialdemokratie;  die  sog.  Minoritäre  vertraten
die  Richtung  der  deutschen  Unabhängigen  und  besuchten
  die  Kongresse  von  Zimmerwald  u.  Kiental  (deshalb
auch  Kientaler  genannt).  Vgl.  Sozialdemokratie.

Szadow,  Ort  im  russ.  Gouv.  Wilna,  wo  die  Rufsen
  5.  u.  6.  Mai  1915  eine  schwere  Niederlage  erlitten;
nach  Eintägiger  Verfolgung  wurden  sie  im  Raume
von  S.  23.  Juli  1915  zersprengt.

Szeptycki,  Graf  von,  Kommandeur  der  Poln.
Legionen,  wurde  April  1917  Generalgouv.  in  Lublin.

zurdukpast,  Karpathenpaß  im  Vulkangebirge
östl.  vom  Vulkanpaß  vg  Bd.  II,  S.  141).  Die  Aug.
und  Sept.  1916  hier  in  Siebenbürgen  eingebrochenen
rumän.  Abteilungen  wurden  19.  Sept.  über  den  S.
        <pb n="378" />
        348

zurückgeworfen,  nahmen  diesen  wieder  25.  Sept.  und
hielten  sich  bis  11.  Nov.  1916,  wo  sie  dem  Drucke  der
deutschen  Gruppe  Gerok  weichen  mußten.
Szurmay,  Alexander,  Freiherrvon,  österr.
ungar.  General,  geb.  1860  in  Boksanbanya,  Nov.
1914  Div.-Komm.,  später  Führer  einer  Armeegruppe,

Szurmay  —  Themsse

kämpfte  erfolgreich  bei  Limanowa,  säuberte  das  Komitat
  Ung  vom  Feinde,  den  er  auch  vom  Ugzsoker  Paß
und  den  beherrschenden  Höhen  vertrieb  und  in  der
Maioffensive  vom  Stryi  aus  aufrollte.  Febr.  1917
bis  Nov.  1918  war  er  ungar.  Landesverteidigungsminister
  und  wurde  1918  Generaloberst.

T

Tabora,  Ort  in  Deutsch-Ostafrika,  wurde  nach
langwierigen  Kämpfen  19.  Sept.  1916  von  den  Engländern
  erobert.  Vgl.  S.  122.

Täbris  (Tebriz,  Tauris),  Hauptstadt  der  pers.
Prov.  Aserbeidschan.  Am  12.  Jan.  1915  zogen  die  Türken
  in  T.  ein,  mußten  es  jedoch  31.Jan.  wieder  räumen.

Taft,  William  Howard,  amerikan.  Staatsmann,
  geb.  15.  Sept.  1857  in  Cincinnati,  1892  bis
1900  Bundeskreisrichter,  1901—  O2erster  Zivilgouverneur
  der  Philippinen,  1904—08  Kmegsminister  unter
  Roosevelt  (1906  Spezialbevollmächtigter  für  Kuba),
1909—13  Präsident  der  Vereinigten  Staaten,  gründete
  im  Weltkriege  die  englandfreundliche  League  for
the  enforcement  of  peace.

Tagesbericht  (Heeresbericht),  vom  Generalquartiermeister
  seit  Herbst  1914  von  der  Nachrichtenabteilung
  des  Gr.  H.-Qu.,  später  von  der  Operationsabteilung
  herausgegebener  täglicher  Bericht  über  die
Kriegsereignisse,  Anangs  von  v.  Stein,  seit  1916  von
Ludendorff  gezeichnet,  seit  1918  regelmäßig  mit  einem
amtlichen  „Wolff“-Kommentar  versehen.

Tagliamento,  Fluß  in  Venetien,  Prov.  Udine,  aus
den  Friauler  Alpen  ins  Adriat.  Meer,  wurde  von  den
Armeen  Below  und  Boroevic  6.  Nov.  1917  erkämpft.

Tahure,  Ort  im  franz.  Dep.  Marne,  nordöstl.  von
Suippes.  Am  6.Okt.  1915  bemächtigten  sich  die  Franzosen
  der  deutschen  vordersten  Linien,  um  die  dann
ein  hartnäckiger  Kampf  tobte.  Am  30.  Okt.  eroberten
die  Deutschen  die  westlich  von  T.  gelegene  Höhe  192.

Taktik.  „Gefechtstaktik  im  Landkriege,  s.  Bd.  III,
S.  147;  „  Seetaktik-,  s.  Bd.  I.  S.  285.

Talaat  Pascha,  Mehmed,  türk.  Staatsmann,

eb.  Aug.  1874  in  Adrianopel,  Führer  der  jungtürk.

wegung,  nach  dem  Staatsstreich  vom  24.  Juni  1908
Vizepräsident  des  Parlaments,  1909  —11  Minister
des  Innern,  nach  dem  Staatsstreich  vom  23.  Jan.
1913  wiederum  Minister  des  Innern,  Febr.  1917  bis
8.  Okt.  1918  Großwesir.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  62.

Tauga,  Hasenstadt  in  Deutsch-Ostafrika,  am  Südufer
  der  Tangabai.  In  dreitägiger  Schlacht  vom
8.  bis  5.  Nov.  1914  erfochten  die  Deutschen  unter
Oberstleutnant  v.  Lettow-Vorbeck  einen  vollständigen
Sieg  über  die  Engländer,  denen  die  Besetzung  T.s
erst  7.  Juli  1916  gelang;  vgl.  S.  122.

Tank,  1)  Behälter  für  Benzin,  Erdöl  u.  a.;  2)
Kanmpfwagen,  s.  Panzerwagen.

Tankabwehrgeschütze,  s.  S.  155.

Tauneuberg,  Dorf  im  ostpreuß.  Kreis  Osterode.
über  die  -Schlacht  bei  T.«  s.  S.  30  f.

Tanner,  schweher.  Major  im  k.  u.  k.  Hauptpressequartier,
  dann  in  München,  schr.:-Frontberichte  eines
Neutralen=  (3  Teile.  1916).  sorden  (Bd.  I,  S.  359).

Tapferkeitsmedaille,  österreichische,  s.  Kriegs-Targu

  Jin,  rumän.  Stadt.  s.  Tergu  Jin.

Tarnopol,  Bezirksstadt  in  Ostgalizien,  am  Sereth,
  seit  Ende  Aug.  1914  von  den  Russen  besetzt,  war
bes.  Sept.  1915  umkämpft  und  wurde  24.  Juli  1917
von  den  Deutschen  zurückgewonnen.

Tarnöw,  Bezirksstadt  in  Galizien,  am  Dunajec,
12.  Nov.  1914  von  den  Russen  besetzt,  wurde  Anfang
Febr.  1915  zurückgewonnen,  ging  nochmals  verloren
und  wurde  5.  Mai  1915  von  österr.-ungar.  Kräften
zurückerobert.  Vgl.  Gorlice.

Taryba,  die  Landesvertretung  Litauens  (s.  d.).

Tauchboot,  (.  Unterseeboot.

Tauchboot-Minenleger  (U.  Boot=  Minenleger),
  deutsches  Unterseeboot  mit  besonderen  Einrichtungen
  zum  Auslegen  von  Seeminen.

Tauroggen,  Flecken  im  russisch-poln.  Gouv.
Kowno,  wurde  18.  Febr.  1915  von  den  Deutschen  besetzt,
  vor  überlegenen  russ.  Kräften  aber  geräumt;
nach  Eintresfen  von  Verstärkungen  18.  März  nahmen
sie  T.  29.  März  im  Sturm;  vgl.  Bd.  I,  S.  203.

„Telegraaf,  De.,  1892  gegr.  holländische  Zeitung
  in  Amsterdam,  mit  der  Volfsausgabe  De  Courant.,
  Auflage  250000,  fanatisch  deutschfeindlich;  der
Chefredakteur  J.  C.  Schröder  wurde  1916  wegen
seiner  deutschfeindlichen  Artikel  freigesprochen.

Telegraph,  s.  S.  164  1

Telephon.  üÜber  das  T.  im  Felde  s.  S.  163ff.

Terautschi,  Secki,  Graf,  jap.  General  u.  Staatsmann,
  geb.  1849,  1882—85  Militärattaché  in  Paris,
erlitt  im  jap.-chines.  Krieg  189.4  durch  Säbelhieb  Lähmung
  des  rechten  Armes,  wurde  1902  Kriegsminister,
1910  Vizekönig  von  Korea,  das  er  völlig  japanisierte,
1916  Ministerpräsident,  setzte  1917  die  #nerkennung
der  jap.  Sonderinteressen  in  China  bei  den  Ver.  Staaten
  durch  und  trat  Sept.  1918  zurück.

Terestschenko,  russ.  Großindustrieller,  wurde  14.
März  1917  Finanzmin.  u.  war  Mai  bis  9.  Okt.  1917
Min.  des  Auß.  und  Vizepräs.  des  Kabinetts  Kerensti.

Tergu  Jin,  rumän.  Stadt,  am  Jiu.  Über  die
Durchbruchsschlacht  bei  T.,  16.  u.  17.  Nov.  1916.  vgl.
Bd.  II,  S.  231.

Termonde,  Stadt  in  Belgien,  s.  Dendermonde.

Tersztyáuszer  von  Nädas,  Karl,  österreich.=ungar.
  Generaloberst,  geb.  1854  in  S  akolcza,  begann
1914  mit  dem  4.  Korps  die  Feindseligleten  gegen
Serbien,  nahm  an  der  Offensive  im  Uzsoker  Paß,  am
Vormarsch  gegen  Petrikau,  an  den  Karpathen  ämpfen
im  April  1915  und  an  der  Maioffensive  teil,  führte
dann  eine  Armeegruppe  in  Syrmien,  kurze  Zeit  die
3.  Armee.  Juni  1916  übernahm  T.  als  Generaloberst
  den  Oberbefehl  über  die  4.  Armee,  kämpfte  Juli
1917  mit  der  3.  Armee  gegen  Korniloff.

Tetauns  (Wundstarrkrampf,  durch  den  in  der
Erde  vorkommenden  Tetanusbazillus  oft  bei  Verun.
reinigung  von  Wunden  entstehende,  fast  stels  unter
Krämpfen  tödlich  verlaufende  Krankheit,  trat  im  Anfang
  des  Krieges  nicht  selten  auf,  ist  dann  aber  durch
vorbeugende  Schutzimpfung  vollkommen  verschwunden.
  Vgl.  Bd.  I.  S.  307  sowie  Bd.  II.  S.  301  u.  311.

Texgtilit,  Textilose,  t.-Ersagfaserstoffe,  S.  180  .

Themse  (engl.  Thames),  Hauptfluß  Englands
(vgl.  Bd.  I,  S.  164).  Seine  Mündung  wurde  ö.  Aug.
1914  von  dem  deutschen  Bäderdampfer  -Königin
        <pb n="379" />
        Thermit  —  Torpedo

Luise.  durch  Minen  gesperrt  und  war  häufig  Angriffsziel
  deutscher  Marineluftschiffe.

Thermit,  Mischung  von  Aluminiumpulver  mit
Metalloxyden,  insbes.  mit  Eisenoxyd,  brennt,  einmal
entzündet,  unter  gewalt.  Wärmeentwicklung  (2000—
3000%½  weiler  u.  dient  zur  Füllung  von  Brandgeschossen
  u.  Brandbomben.  [Verdun;  vgl.  S.  79.

Thianmont,  vielumkämpftes  Fort  nordöstl.  von

Thiepval,  Dorf  im  franz.  Dep.  Somme,  nördlich
von  Albert,  war  einer  der  Hauptkampfplätze  in  der
Sommeschlacht  1916.  Vgl.  S.  80.  -

Thomsen,  deutscher  Generalstabsoffizier,  wurd
1889  Leutnant  im  Eisenbahnregiment,  übernahm
1914  das  Kommando  der  Luftstreitkräfte,  baute  diese
aus  und  wurde  1916  Chef  des  Stabes  des  kommand.
Generals  der  Luftstreitkräfte.

Thüringen.  Der  Gedanke,  die  thüringischen  Kleinstaaten
  mindestens  in  einigen  Verwaltungszweigen
mehr  als  bisher  (Oberverwaltungsgericht  und  Universität
  Jena  u.  a.)  zusammenzufassen,  hatte  schon  vor
dem  Kriege  viel  an  Boden  gewonnen.  Durch  Beseitigung
  der  thüringischen  Dynastien  wurde  Nov.  1918
plötzlich  die  Bahn  frei  für  einen  thüringischen  Gesamtstaat.
  Durch  Erbanfall  waren  bereits  vorher  die
beiden  Fürstentümer  Reuß  und  die  beiden  Schwarzburg
  verschmolzen.  Anfang  1919  trat  der  Plan
eines  Großthüringene  hervor,  das  durch  Hinzunahme
  preußischen  Gebietes  (Enklaven  und  Erfurt)  zu
einem  abgerundeten  lebensfähigen  Staat  ausgebaut
werden  sollte.  Preußen  lehnte  jedoch  jede  Gebietsabtretung
  rund  ab.  Ferner  entschied  sich  Koburg  durch
Volksabstimmung  (30.  Nov.  1919)  für  den  Anschluß
an  Bayern.  Die  Üübrigen  Staaten  (Sachsen-Altenburg.
Sach'en-Weimar-Eisenach,  Sachsen-Gotha,  beide
Schwarzburg)schlossen  einen  =  Gemeinschaftsvertragab;
  der  Anschluß  Sachsen-Meiningens  u.  des  „Volksstaates
  Reuß  gilt  als  gesichert.  Vgl.  Hoßfeld,  Thüringen
  —  ein  Staatenbund  (Gotha  1918).

Tigris  (arab.  Schatt),  zweiter  Hauptstrom  Vorderasiens,
  bildet  mit  dem  Euphrat  den  Schatt  el
Arab.  über  die  türk.-engl.  Kämpfe  am  T.  vgl.  S.  127  ff.

Tilfit,  ostpreuß.  Stadt  an  der  Memel,.  war  20.  Aug.
bis  9.  Sept.  1914  von  den  Russen  besetzt.  Die  von
Tauroggen  gegen  T.  aufgebrochene  russische  Reichswehr
  wurde  26.  März  1915  von  dem  Truppenkommando
  Tilsit  geschlagen  und  über  die  Jesiorupa  zurückgeworfen.
  Vgl.  Bd.  I,  S.  202f.

Timok,  rechter  Nebenfluß  der  Donau,  im  Unterlauf
  serb.-bulgar.  Grenze,  an  dem  die  Hauptmacht  der
bulgar.  1  Armee  Okt.  1915  vorrückte.  Mit  dem  Falle
der  Festungen  Zajedar  u.  Knjazevac  kam  der  Hauptteil
  des  T.  in  bulgar.  Besitz.  Vgl.  Bd.  I,  S.  231/232.

Timokdivision,  serb.  Elitetruppe,  wurde  6.  Sept.
1914  bei  Mitrowitz  (s.  d.)  von  den  Osterreichern  vernichtend
  geschlagen.

Tirol.  über  die  polit.  Bedeutung  T.s  s.  Bd.  II.  S.
36f.,  üter  T.  als  Kriegsschauplatz  s.  Bd.  II.  S.  98  ff.,
über  die  Kampfhandlungen  rgl.  Bd.  III.  S.  112  ff.
Durch  den  Frieden  von  St.-Germain  siel  T.  südl.  von
der  Linie  RöschenWeißkugel  -Hochwildspitze-Sonklarspitze-Weißwand-Brenner-Möselespitze-Krimm-

  -  Kreuzberg  an  Italien.  Der
T.er  Landtag  trat  11.  Dez.  1919  einstimmig  für  wirtschaftlichen
  Anschluß  an  Deutschland  ein.

Tirpitz,  Alfred  von,  deutscher  Admiral  und
Staatsmann,  geb.  19.  März  1849  in  Küstrin,  seit  1865
in  der  (preuß.)  Marine,  1890  Chef  des  S'abes  der
Ostseestation,  führte  1892  die  Geschäfte  des  Staböchefs

349

beim  Marineoberkommando,  1895  Konteradmiral.
1896/97  Chef  der  Kreuzerdivision  in  Ostasien,  1899
Vizeadmiral,  1903  Admiral.  Seit  1897  Staatssekre.
tär  des  Reichsmarineamts,  1898  preuß.  Staatsminister,
  vertrat  T.  die  Flottenvermehrungsvorlagen  von
1898,  1900,  1907  u.  1912,  wurde  1903  Mitglied  des
preuß.  Herrenhauses,  1911  Großadmiral  und  trat
März  1916  zurück.  Vgl.  Tirpitz,  Erinnerungen
(Leivz.  1919).  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  23.

Tisza,  Stephan,  Graf,  ungar.  Staatsmann,
geb.  22.  April  1861  in  Budapest,  seit  1886  im  Reichstag.
  1903—  06  Ministerpräsident,  1912  Präsident  des
Abgeordnetenhauses,  1913  bis  Mai  1917  Ministerpräsident
  und  Hauptstütze  des  Dreibundes,  31.  Okt.
1918  ermordet.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  46.

Tittoui,  Tommaso,  ital.  Staatsmann,  geb.  4.  Mai
1849  in  Rom,  1886  —  97  Deputierter.  seit  1902  Senator,
  vertrat  als  Min.  des  Ausw.  1903——09  dreibundfreundl.
  Politik,  ging  1910  als  Botschafter  nach  Paris,
wo  er  cine  deutsch-franz.  Annäherung  herbeizuführen
suchte,  nahm  aber  nach  Abbruch  der  diplomat.  Beziehungen
  Deutschlands  zu  Italien  eine  deutschfeindliche
  Stellung  ein.  Im  Okt.  1916  trat  T.  zurück.

Todoroff,  bulgar.  General,  geb.  1858  in  Bessarabien,
  nahm  am  bulgar.-serb.  Kriege  1885  teil,
führte  im  Balkankrieg  1912  die  7.  Division,  wurde
1913  Generalinspekteur,  1915  Führer  der  2.  Armee,
die  durch  Einnahme  von  Kumanowo,  Veles  und  Usküb
die  Vereinigung  der  Serben  mit  den  Ententetruppen
verhinderte  u.  im  Dez.  die  Sarrailarmee  zum  Rückug

  nach  Saloniki  zwang,  dann  Komm.  der  Südwestsehr,
  Sept.  1918  Oberbefehlshaber  der  bulgar.  Armee.
  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  63.

Togo,  deutsche  Kolonie  in  Westafrika  mit  etwa
1  Mill.  Einw.  (400  Europäer),  wurde  Ende  Nov.  1914
nach  Besetzung  durch  eine  engl.-franz.  Expediton  zu
etwa  zwei  Dritteln  unter  den  Befehl  des  Gouverneurs
von  Franz.-Westafrika  gestellt;  die  wirtschaftl.  besseren
Teile  liegen  in  dem  lleineren  engl.  Anteil.  Vgl.  S.  120.

Tölgyeser  Paß,  wichtiger  Karpathenübergang
(vgl.  Bd.  II.  S.  141),  war  seit  Sept.  1916  Schauplatz
lebhafter  Kämpfe.  Ende  Nov.  kam  hier  die  Offensive
der  Russo--Rumänen  zum  Stehen,  doch  blieb  der  Paß
bis  zum  Schluß  des  Feldzugs  in  ihrem  Besitz.

Tolmein,  Marktflecken  in  Görz  und  Gradisca,  am
Isonzo,  mit  stark  ausgebautem  Brückenkopf,  der  von
den  Italienern  wiederholt,  bes.  Juni,  Aug.  und  Okt.
1915,  vergeblich  berannt  wurde.  Vom  Brückenkopf
stieh  24.  Okt.  1917  die  deutsche  Armee  Below  vor  und
eröffnete  die  12.  Isonzoschlacht.

Tommy  Atkius,  nach  Kiplings  Gedichten  volkstümliche
  Bezeichnung  des  enguschen  Soldaten.

Tonale,  wichtiger  Alpenpaß  an  der  Tiroler  Grenze,
zw.  Ortler=  u.  Adamellogruppe,  wurde  nach  langwier.
Kämpfen  (Mai  bis  Sept.  1915,  Juni  und  Okt.  1918)
am  3.  Nov.  1918  von  den  Italienern  bezwungen.

Topkider  Höhen,  die  Siadt  Belgrad  beherrschender
  Bergrücken  im  serb.  Kreiz  Podunavlje,  wurde
8.  Okt.  1915  von  den  Deutschen  besetzt,  was  den  Fall
Belgradsx  zur  Folge  hatte;  vgl.  Bd.  I.  S.  231.

Töply,  Nobert,  Ritter  von,  1915—17  Chef
des  österr.-ungar.  Kriegssanitätswesens.

Topraisar,  Dorf  in  der  südl.  Dobrudscha.  westl.
von  Tuzla.  19.—21.  Okt.  wurde  in  der  Schlacht  bei
T.  der  Durchbruch  durch  die  russ.-rumän.  Front  erzwungen.
  Vgl.  Bd.  II.  S.  223f.

Torffaser,  s.  =  Ersatzfaserstoffe-,  S.  180.

Torpedo,  s.  Bd.  I,  S.  233.  Laut  Haager  Abkommen
        <pb n="380" />
        350

vom  18.Okt.  1907  hat  der  T.  eine  Einrichtung,  die  ihn
versinken  läßt,  falls  er  sein  Ziel  verfehlt.  —  über  T.=Schutznetze
  vgl.  Bd.  I.  S.  2339.  (Bd.  I.  S.  241.

Torpedoboote,  Torpedobootzerstörer,  s.

Törzburger  Pasi,  Paß  an  der  ehemal.  ungar.=rumön.
  Grenze,  südwestlich  von  Kronstadt,  wurde  von
den  Verbündeten  8.  Okt.  1916  erobert.

Toter  Mann  (Mort  homme),  heftig  umkämpfter
Berg  bei  Verdun;  vgl.  Bd.  II,  S.  195,  198  u.  202.

Towasheud,  Sir  Charles  Vere  Ferrers,  engl.
General,  geb.  21.  Febr.  1861,  nahm  1884/85  am  Sudan-Feldzug,
  dann  an  verschied.  Expeditionen  in  Indien
  (1895  H.reidiger  v.  Fort  Tschitral)  u.  im  Sudan
u.  1899—1900  am  Südafr.  Krieg  teil,  1903  Militärattaché
  in  Paris.  1904  Oberst.  1912  Div.-Komm.,  focht
1914—186  in  Mesopotamien;  unter  dem  Oberbefehl
des  Generals  Nixon  leitete  T.  den  Vorstoß  gegen  Bagdad,
  der  bei  Kiesiphon  scheiterte,  hielt  Kutel-Amara
bis  zum  28.  April  1916,  wurde  in  Konstantinopel  interniert
  u.  vermittelte  den  Wassenstillstand  zu  Mudros.

Trausito,  unter  engl.-russ.  Kontrolle  Rebende  und
mit  Beteiligung  der  schwed.  Enskilda-Bank  1915  geründete

  schwed.  Handelsaktiengesellschaft,  die  das
onopol  für  den  Durchfuhrhandel  nach  Nußland  anstrebte.
  Bgl.  Bd.  I.  S.  378  und  Bd.  II.  S.  86.

Transkaunkasische  Bundesrepublik,  1918  auf
Grund  des  Selbstbestimmungsrechtes  unter  Loslösung
von  Rußland  aus  Georgien,  Tatarien  und  Armenien

ründet,  erklärte  sich  für  unabhängig  und  trat  in
fal  ständige  Friedensverhandlungen  mit  der  Türkei
ein.  Nach  Artikel  IV  des  Brest  Litowsker  Friedensvertrages
  wurden  die  Vezirke  Erdehan,  Kars  und  Batum
von  den  Russen  geräumt,  die  Neuordnung  dieser  Gebiete
  wurde  den  Bewohnern  im  Benehmen  mit  der
Türkei  überlassen.  Da  die  Türken  diese  Gebiete  nicht
friedlich  besetzen  konnten,  eroberten  sie  sie  mit  Waffengewalt,
  worauf  am  26.  Mai  1918  Georgien  aus
der  T.n  B.  austrat  u.  sich  als  selbständige  Republik
  erklärte.  Damit  war  die  T.  B.  wieder  ausgelöst.

Trapezunt  (Trebisonda,  türk.  Tarabozon),

auptstadt  des  türk.  Wilajets  T.  an  der  Südküste  des
warzen  Meeres,  18.  April  1916  von  den  Russen
besetzt,  April  1918  von  den  Türken  zurückgenommen.

Trenmatische  Meurose,fum  Verlechungsnenrofe

Tredicl  Comuni  (Dreizehn  Gemeinden),
Gebiet  in  der  Nähe  von  Verona,  mit  den  Sette  Comuni
  (Sieben  Gemeinden)  zusammenhängend,  wo
sich  Reste  deutscher  Sprachinseln  befinden.

Trenutino  (von  Trento,  -Triente),  Be  zeichnung
für  das  ital.  Südtirol.  Vgl.  Bd.  II,  S.  86  f.,  99  un

d.  III.  S.  112.

Trevoff,  Alexander  Feodorowitsch,  russ.
Staatsmann,  geb.  1882,  war  1916  Verkehrsminister
und  Nov.  1916  bis  Jan.  1917  Mimisterpräsident.

Trient  (ital.  Trento),  Stadt  in  Südtirol  (vgl.
Bd.  II,  S.  39),  ergab  sich,  durch  den  Vormarsch  des
29.  ital.  Korps,  das  2.  Nov.  1918  die  Außenwerke
nahm,  überrumpelt,  3.  Nov.  den  Italienern.  Hierdurch
  wurde  ein  beträchtlicher  Teil  der  auf  dem  Rückzug
  befindlichen  österr.-ungar.  Truppen  abgeschnitten.

rier,  Stadtkreis  der  preuß.  Rheinprovinz.  an  der
Mosel,  wurde  seit  13.  Sept.  1915  mehrfach  von  franz.
Fliegern  beschossen.  Über  die  Waffenstillstandsverträge
  zu  T.  f.  S.  144.

riest  (ital.  Trieste),  ehemals  reichsunmittelbare
Stadt  im  österr-un  r.  Küstenland,  Hasen  und  Seehandelsplatz
  (vgl.  Bd.  II.  S.  36  ff.,  105  und  122),  fiel

im  Frieden  von  St.-Germain  an  Italien.  —  Beim

Torpedoboote  —  Trogtzki

Zusammenbruch  der  österr.-ungar.  Front  erbat  T.
381.  Okt.  1918  Besetzung  durch  Ententetruppen,  um
vor  cheh  en  der  urhchfsetenden  Truppen  geschuht  zu
sein.  Am  3.  Nov.  landete  ein  ital.  Geschwader  Truppen,
  die  Stadt  und  Hafen  besetzten.  [S.  174.

Trinitrotoluol,  s.  »Schieß-  und  Sprengstoffe-,

Trinkwasser.  über  die  Versorgung  der  Truppen
mit  T.  vgl.  Bd.  I.  S.  304,  Bd.  II.  S.  277  und  309.

Triple-Entente,  der  Dreiverband  England,
Frankreich,  Rußland.  Vgl.  Bd.  L,  S.  128f.

Tripolitauien  (Tripolis),  türk.  Provinz  in
Nordafrika.  Für  die  Eingebornen  von  T.  war  es
eine  harte  Geduldsprobe,  daß  die  Verkündung  des
„Heiligen  Krieges=  (s.  Dschihäd)  für  die  Kolonie  des
treulosen  italienischen  Dreibundgenossen  zunächst  keine
Geltung  hatte.  Dafür  brach  die  italienische  Herrschaft
nach  Italiens  Eintritt  in  den  Krieg  um  so  schneller
zusammen.  Am  Jahresschluß  hielten  die  Italiener
nur  noch  Tripolis,  Derna  und  Benghasi.  Mit  Hilfe
deutscher  Unterseeboote  errichtete  Nury  Bei  1917
eine  ottomanische  Freiwilligen-Abteilunge,  die  am
7.  Juli  die  Jlaliener  bei  Misrata  entscheidend  schlug.
Nach  eigner  Angabe  hielten  sie  Ende  1917  nur  noch
Tripolis,  Homs  und  Zuara.  Im  Waffenstillstand
von  Mudros  vom  30.  Okt.  1918  verlangte  die  Entente
von  der  Türkei  die  Auslieferung  aller  türkischen  Offiziere
  in  T.  an  die  nächsten  italienischen  Garnisonen.

"„Triumph.,  engl.  Linienschiff,  12  180  t,  s.  Saros.

Troglav,  Verg  in  Montenegro,  südlich  von  Avtovac,
  wurde  1.  Nov.  1915  von  den  österr.-ungar.
Truppen  erobert,  die  damit  ihren  allgemeinen  Angriff
gegen  Montenegro  begannen.  Vgl.  S.  69.

Trollmann,  Ignaz,  Freiherr  von,  österr.
ungar.  General,  P  25.  Nov.  1860  in  Steyr  (Ober.
österreich),  1903  Oberst,  1913  als  Feldmarschalleutnant
  Komm.  der  1.,  unmittelbar  vor  Kriegsausbruch
der  18.  Infanterie--Truppen-Division,  erhielt  1915
ein  Armeekorps  u.  leitete  Jan.  1916  die  Erstürmung
des  1759  m  hohen  Loveen,  des  beherrschenden  Grenzberges
  zwischen  Dalmatien  und  Montenegro.

Trommelfeuer,  s.  S.  153.

Troßschiffe,  führen  der  Kriegsflotte  Vorräte  oder
Ausrüstungsmittel  nach.  Dazu  gehören  Kohlen-,
Munitions-,  Transport-,  Lezaretschiffe  u.  a.  m.

Trotha,  Adolf  von,  geb.  1.  März  1868  in  Koblenz,
  1886  in  die  Marine  eingetreien,  vor  dem  Kriege
Komm.  des  Linienschiffes  Kaiser-,  1916  Chef  des
Stabes  der  Hochseeslotte,  November  1918  als  Konteradmiral
  Chef  des  Personalamts  im  Reichsmarineamt
  (früher  Marinekabinett),  war  März  1919  bis
März  1920  Chef  der  Admiralität.

Trott  zu  Solz,  August  von,  geb.  29.  Dez.  1855
in  Imshausen,  1886  Landrat,  1893  Mitglied  des  Abgeordnetenhauses,
  1898  Regierungspräs.  in  Koblenz.
189gin  Kassel,  1905  Oberpräs.  der  Pror.  Brandenburg
und  des  Stadtkr.  Berlin,  1909—17  preuß.  Kultusmin.

Trotyl,  s.  —Schieß-  und  Sprengstoffe".  S.  174.

Trotzki,  Nikolaus  (eigentl.  Leo  Davidowitsch
Bronstein),  geb.  1880  in  einem  Dorf  bei  Nikolajew.
als  Schüler  wegen  radikal-sozialistischer  Aufrufe  nach
Sibirien  verbannt,  floh  1902  und  erward  sich  in  der
Schweiz  und  in  Wien  eine  einflußreiche  Stellun
unter  den  russischen  Flüchtlingen.  In  der  ersten  russlschen
  Revolution  1905  Vorsitzender  des  Peters.
burger  Arbeiterrats,  wurde  T.  als  einer  der  Leiter  des
Moskauer  Aufstandes  nach  Sivirien  verbannt,  floh
1907  und  leitete  die  Wiener  Zeitschrift  „Prawdae.
Nach  Ausbruch  des  Weltkriegs  schrieb  er  in  der  Schweiz
        <pb n="381" />
        Trubetzkoi  —  Tsingtau

Der  Krieg  u.  die  Internationale-,  gab  in  Paris  die
Zeitung  -Nasche  Slowo=  heraus,  ging,  im  Okt.  1916
ausgewiesen,  nach  Spanien,  dann  nach  Amerika.  Mär
1917  in  Halifax  von  den  Engländern  interniert,  auf
Betreiben  Kerenskis  freigelassen,  agitierte  er  in  Petersburg
  gegen  die  Regierung  Kerensti  u.  wurde  mit  dem
Sieg  2  Bolschewiki  Nov.  1917  neben  Lenin  Volkskommissar
  der  auswärt.  Angelegenheiten.  Über  seine
Rolle  bei  den  Friedensverhandlungen  in  Brest  Litowst
s.  S.  138f  f.  März  1918  wurde  er  Volksbeauftragter
für  militär  Angelegenheiten.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

Trubetzkoi,  Gregor,  Fürst  von,  Panflawist,
war  1914  bis  25.  Juli  1915  russ.  Gesandterin  Belgrad,
dann  Chef  der  diplomatischen  Kanzlei  im  Hauptquartier,
  1917  Botschafter  in  London.  T.  schrieb:  „Rußland
  als  Großmacht=  (deutsch,  Stuttgart  o.  J.).

Trudowikitruss.;=  Mühselige  ),  fälschl.  =  Arbeitspartei
  genannt,  russ.  Partei  der  kommunistisch  gesinnlen
  Kleinbürger=  u.  Bauernschaft  Rußlands,  gewann
nach  Ausbruch  der  Revolution  unter  ihrem  Führer
Kerenstki  zunächst  die  Oberhand,  verlor  aber  am  7.  Nov.
1917  die  Herrschaft  an  den  Bolschewismus  (s.  d.).

Tschechen,  westslaw.  Volksstamm  der  bisherigen
österr.=  ungar.  Monarchie;  gee-  d.  I,  S.  41,  57,  61f.

Tschechoflowakische  Republik.  Der  Nationalitätenstreit
  in  Böhmen  konnte  trotz  allen  Ausgleichsverhandlungen
  vor  dem  Kriege  nicht  beigelegt
werden,  da  die  Tschechen  die  Durchführung  einer  Landesreform
  ohne  gleichzeitige  Neuregelung  der  Sprachenbestimmungen
  ablehnten.  Die  Folge  war  die
Sprengung  des  deutschen  Landtagsverbands  (1.  März
1914).  Am  27.  März  1915  wurde  an  Stelle  des
Fürsten  v.  Thun  der  Landespräsident  Mährens,  Graf
Max  Coudenhove,  Statthalter  von  Böhmen.  Die
unter  Thun  1914  eingereichte  Wahlreformvorlage
wurde  nicht  erledigt.  Die  Tschechen  zeigten  sowohl  in
der  Heimat  wie  im  Felde  staatsseindliche  Gesinnung;
ganze  Bataillone  in  Galizien  liesen  zum  Feind  über,
während  in  Prag  die  Siege  der  Feinde  gefeiert  wurden.
  Die  Ausstoßung  untreuer  Regimenter  aus  der
Armee  nützte  ebensowenig  wie  die  Verhaftung  der
jungtschechischen  Führer  Kramarsch  und  Scheiner
wegen  hochverräterischer  Umtriebe  (21.  Mai).  Die
Milde,  die  vor  allem  unter  der  Regierung  Kaiser
Karls  seit  1917  geütt  wurde,  war  durchaus  unangebracht
  (Begnadigung  Kramarsch'  usw.);  die  Amnestie
  für  Hochverrat  hatte  den  Erfolg,  daß  sich  die
nschechoslowaklschen  überläufer  in  Rußland  und  Sibirien
  zu  Freischaren  zusammenschlossen.

In  Poris  bildete  sich  unter  dem  flüchtigen  Prager
Professor  Masaryk  ein  tschechoflowakischer  Nationalrat,
  dem  Wilson  in  seiner  Antwortnote  auf  die  österr.
Friedensbitte  am  18.  Okt.  1918  den  Charakter  einer
kriegführenden  Regierung  im  Rahmen  der  Entente
zuerkannte,  die  mit  der  entsprechenden  Autorität  ausestattet

  ist,  die  militärischen  und  politischen  Angelegeneiten
  der  Tschechosflowaken  zu  leiten.  Das  war  das
desurteil  für  das  alte  österreich.  Der  böhmische
Freistaat  wurde  als  T.  R.  ausgerufen.  Masaryk  wurde
provisorischer  Präsident.  Unter  Leitung  franz.  Offiziere
  bildeten  die  Tschechen  sofort  eine  Armee,  mit  der
ie  die  benachbarten  deutschen  Gebiete  dauernd  bedrohten,
  da  sie  auf  Glatz  und  Teile  der  Lausitz  Anspruch
erhoben.  In  Ungarn  besetzten  sie  unter  Führung  des
französischen  Generals  Pelle  die  slowakischen  Gebiete,
wurden  aber  von  den  ungarischen  Sowjettruppen  am
5.  Juni  empfindlich  geschlagen.  Nach  dem  Sturz  der
Räteherrschaft  in  Budapest  nahmen  sie  die  Slowakel

351

voll  in  Besitz.  Mit  den  Polen  besteht  ein  ernster  Konflikt
  über  den  Besitz  Teschens.  Der  Versailler  Vertrag
brachte  Böhmen  den  Besitz  des  westlichen  Teils  des
oberschlesischen  Kreises  Ratibor.  Am  1.  Juli  1919
trat  das  Kabinett  Kramarsch  zurülck.  Ministerpräsident
wurde  Tusar,  Außenminister  Benesch.  Die  Einberufungeiner
  verfassunggebenden  Nationalversammlung
  wurde  zunächst  von  den  Machthabern  hintertrieben;
  die  tschechischen  Abgeordneten  des  ehemaligen
österr.  Reichsrates  beanspruchen  die  Anerkennung
einer  eigenen  Volksvertretung.  Den  Deutschen  wurde
jede  Mitwirkung  am  Staatsleben  versagt;  ihre  wirt
schaftliche  Stellung  gestaltete  sich  nicht  besser  als  ihre
Roliiicche  —  Vgl.  F.  Wichtl,  Dr.  Karl  Kramarsch,
er  wahre  Anstifter  des  Weltkrieges  (Münch.  1918);
„Das  Verhalten  der  Tschechen  im  Weltkriege  (hrög.
von  der  deutschnat.  Geschäftsstelle  in  Wien,  1918).

Tscheidse,  russ.  Sozialdemokrat,  führte  die  minimalistischen
  Sozialdemokraten  in  der  Nevolution  1917,
unterlag  aber  erst  den  Trudowiki  (Kerenski),  dann
den  Bolschewiki,  Juni  bis  Nov.  1917  war  T.  Vorsitzender
  des  Petersburger  Arbeiter=  u.  Soldatenrats.

Tschenstochau,  Stadt  in  Polen,  s.  Czenstochow.

Tscherbatscheff,  russ.  General,  nahm  an  den
Karpathenkämpfen  1914/15  erfolgreich  teil,  befehligte
in  der  Brussiloff-Offensive  Juni  bis  Aug.  1916  die  7.
Armee  u.  vernichtete  die  Armee  Erzh.  Joseph  Ferdinand.
  T.  wurde  April  1917  stellvertr.  Oberbefehlshaber
  an  der  rumän.  Front,  1918  Bevollmächtigter
bei  den  Brest  Litowsker  Friedensverhandlungen  und
erhielt  den  Oberbefehl  gegen  Numänien,  als  sich  die
Beziehungen  wegen  der  Bessarabienfrage  zuspitzten.

Tscheremissoff,  rufs.  General,  1917  Kommandeur
der  8.  Armee,  Nov.  1917  der  Nordfront.

Tscherna,  Fluß  in  Mazedonien,  s.  Cerna.

Tschernawoda,  rumän.  Stadt,  s.  Cernavoda.

Tschernowitz,  Hauptst.  d.  Bukowina.  s.  Czernowit.

Tschirschky  und  Bögendorff,  Heinrich  Leonhard
  von,  deutscher  Diplomat,  geb.  15.  Aug.  1858
in  Hosterwitz  bei  Dresden,  gest.  15.  Nov.  1916  in  Wien,
zuerst  Legationssekretär  in  Wien,  dann  in  Athen,  Bern
und  Konstantinopel,  1900  Ministerresident  in  Luxemburg,
  1902  preuß.  Gesandter  in  Mecklenburg,  1906
Staatssekretär  des  Auswärtigen,  seit  1907  Botschifter
in  Wien,  führte  Juni-Juli  1914  die  Vorkriegsverhandlungen
  mit  Graf  Berchtold.

Tschitscherin,  wß  Bolschewist,  seit  Nov.  1917
Mitglied  des  Rats  der  ollsbeauftrogten=  seit  9.  März
1918  Volksbeaustragter  für  ausw.  Angelegenheiten.

Tsingtau,  Hauptort  u.  Hafenstadt  von  Kiantschou,
an  der  Bucht  von  T.,  mit  deutschem  Gouvernement
(vogl.  Bd.  II.,  S.  90  f.  und  149).  Nach  zahlreichen  Angriffen
  auf  die  deutschen  Vorstellungen  von  T.,  bes.
am  6.  Okt.  1914,  leiteten  die  japanischenglischen  Truppen
  am  30.  Okt.  den  allgemeinen  Angriff  auf  T.  ein.
Der  erste  Stunmangriff  richtete  sich  1.  Nov.  gegen  die
Forts  des  Iltisberges,  die  nach  mehrtägigen  Kämpfen
fielen.  In  der  Nacht  zum  7.  Nov.  setzten  die  Japaner
den  Hauptangriff  mit  15000  Mann  gegen  die  innere
Befestigungslinie  an,  deren  Zentrum  am  7.  Nov.  durchbrochen
  wurde.  Infolge  Erschöpfung  aller  Verteidigungsmittel
  kapitulierten  die  Deutschen  unter  Kupitän
  z.  See  Meyer-Waldeck  am  gleichen  Tage.  Vgl.
S.  123.  —  Am  1.  Febr  1915  wurde  T.  zum  zwee
Kriegshafen  der  japanischen  Hochseeflotte  destimmt.
Nach  Friedensschluß  erhob  sich  innerhalb  der  Entente

eftiger  Streit  über  den  künftigen  Besitz  von  T.,  da
S  und  der  Senat  der  Vereinigten  Staaten  die  Rück-
        <pb n="382" />
        352

gabe  an  China  verlangten;  Japan  konnte  sich  aber  nur
dazu  verstehen,  sich  zur  Rückgabe  ohne  jede  Zeitbestimmung
  zu  verpflichten.

T.  U.,  Abkürzung  für  „Telegraphen-Unione.

Türkei.  Nach  dem  ersten  Balkankrieg  war  den
Türken  in  Eurora  nur  die  Brückenkopfstellung  von
Konstantinopel  verblieben,  nach  dem  zweiten  war  dieselbe
  in  Richtung  Adrianopel  wieder  erweitert  worden,
aber  das  Schwergewicht  des  Türkischen  Reiches  verblieb
  nunmehr  in  Asien.  Was  es  an  Umfang  verloren,
mußte  es  nun  durch  seine  Konsolidierung  wieder  einzubringen
  suchen.  Deshalb  hatte  es  ein  hohes  Interesse
  an  der  Erhaltung  des  allgemeinen  Friedens,  und
es  trat  nur  widerwillig  in  den  Krieg  ein.  Die  Rivalität
  der  Mächte  hatte  überdies  die  Lage  der  T  sehr
erschwert.  Rußland  hatte  am  7.  Jan.  1914  die  Enthebung
  des  deutschen  Generals  Liman  v.  Sanders
vom  Kommando  des  1.  Armeekorps  (Konstantinopel)
erzwungen;  Liman  erhielt  die  Generalaufsicht  Über
die  Heer-  und  Militärschulen.  Frankreich  unterhielt
in  Kleinasien  eine  Offizierskommission  und  gewährte
am  9.  April  der  T.  800  Mill.  Fr.  Anleihen  gegen  die
Gewährung.  von  Eisenbahn=  u.  Hafenbaukonzessionen
in  Syrien.  England  stellte  unter  Admiral  Limpus
eine  Flottenkommission.  Die  gesamte  Reorganisation
leitete  der  Jan.  1914  zum  Kriegsminister  ernannte
Enwer  Pascha,  der  alsbald  73  Generäle  und  88
Obersten  wegen  Unsähigkeit  verabschiedete.  Am  7.
Febr.  stellte  er  die  allgemeine  Wehrpflicht,  auch
der  christlichen  Bevölkerung,  wieder  her.

Die  Neutralitätserklärung  vom  3.  Aug.  1914
entsprach  den  eigensten  Interessen  der  T.  Sie  mobilisierte
  am  gleichen  agge.  einen  Teil  der  Armee
und  schloß  am  5.  Aug.  die  Meerengen  und  den  Bosporus,
  gestattete  aber  Handelsschiffen  auch  weiter
die  Durchfahrt  unter  Lotsenführung.  Da  belegte
die  englische  Regierung  die  für  die  T  auf  englischen
Werften  gevauten,  durch  gesammelte  Gelder  vollständig
  bezahlten  Schlachtschiffe  Reschdijeh  u.  Sultan
Osman  mit  Seschlagz.  Ersatz  bot  sich  in  den  beiden
deutschen  Mittelmeerkreuzern  -Goeben=  u.-Breslau-,
die  die  T.  für  80  Mill.  Mk.  kaufte  und  die  künftig  als
„Sultan  Jawus  Selime  und  -Medilli  das  Rückgrat
der  türkischen  Flotte  bildeten.  Die  am  9.  Sept.  erfolgte
  Aufhebung  der  Kapitulationen,  die  den
Mächten  eigne  Postämter  und  eigne  Gerichtsbarkeit
zubilligten,  machte  die  T.  von  Bestimmungen  frei,
die  sie  zur  Macht  zweiten  Nanges  stempelten  (durch
Gesetz  vom  16.  Mai  1915  wurden  die  Ausländer  allgemein
  nach  Rechten  und  Pflichten  den  Inländern
gleichgestellt).  Der  Dreiverband  machte  seine  Zustimmung
  hierzu  von  der  Entlassung  Limans  abhängig;
die  T.  antwortete  am  15.  Sept.  mit  der  Entlassung
der  englischen  Marinekommission  unter  Admiral
Limpus,  der  das  Kommando  der  russischen  Schwarzmeerflotte
  übernahm.  Hierauf  wieder  antwortete  die
T.  mit  der  Übertragung  des  Floltenkommandos  an
den  Kommandanten  des  deutschen  Geschwaders  Admiral
  Souchon  und  der  vollständigen  Sperrung  der
Dardanellen  (26.  Sept.),  vor  denen  ein  englisches  Geschwader
  kreuzte.  Am  21.  Okt.  wurde  Enwer  Pascha
zum  Beizegeneralissimus  über  Heer  und  Flotte  ernannt;
am  29.  kam  es  zu  einem  Zusammenstoß  zwischen  türkischen
  und  russischen  Flottenteilen,  am  selben  Tagebeschoß
  ein  türkischer  Kreuzer  Theodosia,  ein  andrer  forderte
  vergebens  die  Stadt  Noworossisk  zur  übergabe
auf.  Nach  weiteren  Kampfhandlungen  war  die  Erhaltung
  des  Friedens  nicht  mehr  möglich;  der  russische

T.  U.  —  Türkei

u.  der  englische  Botschafter  verließen  am  31.Okt.  Konstantinopel.
  Tags  darauf  forderte  der  Scheich  ul-Islam
Hairi  Bei  alle  Gläubigen  zum  Heiligen  Krieg
(Dschihäd)  auf,  und  die  Re  ferung  brach  die  diplomatischen
  Beziehungen  zu  Rußland  ab.  (über  die
Kriegsereignisse  vgl.  S.  124  ff.)

Von  großer  Bedeutung  für  die  Schlagfertigkeit
der  T.  auf  militärischem  wie  diplomatischem  Gediete
war  die  Wiederherstellung  des  verfassungsrechtlichen
Gleichgewichts,  das  durch  die  Revision  der  Verfas.
sung  von  1909  gestört  worden  war.  Diesem  Bestreben
  diente  ein  Gesetzentwurf  über  Abänderung  der
Verfassung,  der  das  Recht  der  Krone  hinsicht.
lich  Einberufung,  Vertagung  und  Lerlängerun  der
Session  und  Einberufung  einer  außerordentlichen
Session  regelte.  Ein  weiteres  Gesetz  vom  Febr.  1915
gestatiete  nichtmuselmanischen  Territorialreformisten
wieder  den  Loskauf  von  der  Wehrpflicht,  eine  Maß
nahme,  die  das  Verhalten  der  russenfreundlichen  Armenier
  notwendig  machte.  Gegen  diese  gingen  die
Türken,  notgedrungen,  mit  grausamer  Schärfe  vor.

Für  den  Kampf  der  T.  an  allen  ihren  Fronten  mußte
eine  bessere  und  direkte  Verbindung  mit  den  Mititelmächten
  durch  Anschluß  Bulgariens  und  durch  Ausbau
  des  eignen  Eisenbahnnetzes  bergestelt  werden.
Von  der  Bagdadbahn  wurde  die  Teilstrecke  Istabulat-Samarra
  Okt.  1914  eröffnet,  Okt.  1915  das
Bahnstück  Isbahie-Radja  dem  Betrieb  übergeben.
Nach  Niederwerfung  Serbiens  fuhr  am  18.  Jan.
1916  der  erste  Valkanzug  in  Konstantinopel  ein.
Der  Anschluß  an  die  Mittelmächte  #end  auch  in  der
Einführung  des  Gregorianischen  Kalenders  ab  1.
März  1917/(=  16.  Febr.  1332)  Ausdruck.  —  Bei  der
Kammersession  im  Febr.  1916  wurde  der  Artikel  35
der  Verfassung,  der  nur  bei  Meinungsverschiedenheiten
  dem  Herrscher  das  Recht  der  Kammerauflösung
gab,  aufgehoben.  Ferner  wurde  die  Wählbarkeit  für
leden  Wahlbezirk,  die  Erhöhung  der  Entschädigung
für  Abgeordnete  beschlossen  und  das  Recht  der  BVerfassungsauslegung
  durch  den  Senat  sowie  von  Verwaltungs=
  und  Rechtsfragen  durch  den  Kassationshof
aufgehoben.  Im  April  wurde  die  türkische  Sprache
als  einzig  berechtigte  Berkehrssprache  gesetzlich  bestimmt,
  das  Französisch  also  ausgeschaltet.  ferner  die
Goldwährung  eingeführt,  mit  dem  Nickelpiaster  als
Münzeinheit.  Einen  großen  Fortschritt  bedeutete
ferner  die  Einsetzung  von  Rechtskommissionen  zur
Modernisierung  des  geltenden  bürgerlichen  Rechts;  der
deutsche  Reichsgerichtsrat  Heinze  wurde  als  Unter
staatssekretär  ins  Justizministerium  berufen  (Juni
1916).  Rumäniens  Eintritt  in  den  grieg  (80.  Aug.)
vermehrte  die  Zahl  der  Feinde  der  T.,  deren  innere
Widerstandskraft  die  Entente  durch  Wühlereien  in
Syrien  zu  untergraben  suchte.  Demgegenüber  wehrte
sich  die  T.  gleichzeitig  durch  harte  Unterdrückung  der
syrischen  und  kleinasiatischen  (griechischen)  Küstenbevölkerung
  sowie  durch  entschlossene  Fortführung
der  eingeleiteten  Reformen:  die  Militärenthebungstaxe
  wurde  aufgehoben,  die  Ottomanische  Nationalkreditbank
  dem  Staat  und  die  (geistlichen)  Scheriat-Gerichte
  dem  Justizminister  statt  dem  Scheich  ul-Ilam
  unterstellt  sowie  ein  Kriegseisenbahnamt  errichtet
  (Febr.  und  März  1917).

Die  Errichtung  eines  nationalen  Kabinetts  unter
Talaat  Pascha  stärkte  die  Widerstandskrast  des
Landes  und  gestaltete  die  Beziehungen  zum  Deutschen
  Reiche  noch  wärmer.  Mit  diesem  waren  Jan.
1917  ein  Konsularvertrag,  ein  Vertrag  üÜber  Rechts.
        <pb n="383" />
        Turkestan  —  Ukraine

7

schutz  und  gegenseitige  Rechtshilfe  in  bürgerlichen  Angelegenheiten,
  ein  Auslieferungsvertrag  abgeschlossen
und  gleichzeitig  ein  Handelsvertrag  vorbereitet  worden.
  Seit  Frühjahr  1917  kämpfte  auch  eine  deutsche
Heeresgruppe  (unter  Falkenhayn,  1918  unter  Liman
v.  Sanders)  auf  türkischem  Boden.

Nach  dreijährigem  Kanipfe  ging  die  T.  Ende  1917
ihrer  wirtschaftlichen  und  militärischen  Erschöpfung
entgegen.  Nach  dem  Zusammenbruch  in  Syrien  traten
Talaat  und  Enwer  Pascha  zurück,  der  (deutschfeindl.)
Großwesir  Isset  Pascha  bat  am  27.  Okt.  1918  die  Entente
  um  Frieden.  England  und  Frankreich  besetzten
Konstantinopel  u.  zwangen  Sultan  Mehemed  VI.  (geb.
1861),  der  seinem  am  3.  Juli  verstorb.  Bruder  Mehemed
  V.el--Ghasi  gefolgt  war,  den  Ententefreund  Tewfik

um  Großwesir  zu  ernennen.  Aber  in  Kleinasien  erhob
2  sofort  das  Volkgegen  die  beabsichtigte  Zerstückelung
der  Türkei,  und  bis  Juni  1920  waren  die  Friedensbedingungen
  der  Entente  noch  nicht  unterzeichnet.

libe#r  den  Anteil  der  T.  am  Seekrieg  vgl.  Bd.  I,
S.  266  ff.,  Üüber  türkische  Kriegsliteratur  Bd.  II,  S.
383f  —  Vgl.  H.  Grothe,  Deutschland,  die  T.  und
der  Islam  (Leipz.  1914);  Ders.,  Der  russ.-türkische
Kriegsschauplatz  (das.  1915);  P.  R.  Krause,  Die  T.
(das.  1916);  Banse,  Die  T.  (2.  Aufl.,  Braunschw.
1916);  Emin,  Die  T.  (Gotha  1918).

358

Turkestau.  Anfang  1918  erklärte  sich  das  östliche
T.  als  selrständige  Republik.

Turko,  frühere  Bezeichnung  für  die  heutigen  Tirailleure
  Algeriens,  afrikanische  Eingebornentruppe
der  französischemn  Armee,  1842  errichtet,  jetzt  12  Regimenter.
  Die  Offiziere  vom  Hauptmann  aufwärts
und  zwei  Leutnants  jeder  Kompagnie  sind  Franzosen
(Uniformen  s.  Tafel  in  Bd.  II  bei  S.  292,  Nig.  6).

Tutrakan,  früher  bulgar.  Stadt  an  der  Donau,

wischen  Rustschuk  und  Silistria,  durch  den  Bukarester

Prirden  1913  rumänisch,  zu  einem  starken  Brückenkopf
  ausgebaut,  wurde  6.  Sept.  1916  von  der  Armee
Mackensen  genommen.  Vgl.  Bd.  H,  S.  225  ff.

Tutschek,  Ritter  von,  bayr.  Hauptmann  und
Jaodflieger,  geb.  16.  Mai  1891  in  Ingolstadt,  1914—
19166  Kompagnieführer  in  Frankreich,  Belgien,  Galizien,
  Nußland  und  Serbien.  erstlirmte  Mai  1915  ein
Fort  von  Przemystl,  ging  Okt.  1916  als  Fiugzeugführer
  an  die  Westfront,  Jan.  1917  zur  Jagdstaffel
Boelcke,  wurde  Führer  eines  Jagdgeschwaders  und
fiel  nach  27  Luftsiegen  am  15.  März  1918.  T.  schrieb:
»Stürme  und  Luftsiege=  (Berl.  1918).

Typha,  s.  -Ersatzfaserstoffe,  S.  180.

Typhus  (Unterleibstyphus),  s.Bd.  I,  S.305  ff.
*5  ln  richtiger  Fleckfieber,  s.  Bd.

u

„U4.,  österr.-ungar.  U-Boot  (Linienschiffsleutnant
Hingule),  versenkte  18.  Juli  1915  füdl.  Ragusa  den
ital.  Panzerkreuzer  =  Giuseppe  Garibaldie.  —  "Ub5.
(Linienschiffsleutnant  Georg  Ritter  von  Trappy)  verenkte
  26.  April  1915  bei  Kap  Santa  Maria  di  Leuca

en  französischen  Panzerkreuzer  =  Lon  Gambettas.  —
»VU  9.,  deutsches  U-Boot  (Kapitänleutnant  Otto
Weddigen).  s.  Hoek  van  Holland.  —  U  21,  versenkte
als  erstes  einen  feindl.  Kreuzer;  vgl.  Bd.  I.  S.  245
(5.  Sept.).  —  U27.  wurde  19.  Aug.  1915  vom  engl.
Hilfskreuzer  -Baralonge  versenkt.  S.  Baralong.  —
„U29,  (Kapitänleutnant  Weddigen)  wurde  seit  April
1915  vermißt;  nach  Bericht  der  brit.  Admiralität  ist
es  mit  der  Besatzung  untergegangen.  —  U  35.
(Arnauld  de  la  Perriere)  brachte  1917  eine  Frachtladung
  Heilmittel  nach  Spanien;  später  in  Cartagena
interniert.  —  "U89=  (Kapitänleutmant  Forstmann)
versenkte  1915—17  im  Mittelmeer  411  000  t  Schiffsraum.
  —  U  51.  (Kapitänleutnant  Hersing)  versenkte
  vor  den  Dardanellen  25.  und  27.  Mai  die  engl.
Linienschiffe  -„Triumphe  und  =  Majestice.

Übergangswirtschaft,  das  Übergangsstadium
von  der  Kriegs=  zur  Friedenswirtschaft.  In  Deutschland
  wurde  zur  Vorbereitung  der  ll.  3.  Aug.  1916  ein
Reichskommissariat  für  U.  errichtet.  Die  Aufaben

  der  ü.  gingen  nach  der  Revolution  an  das
eichsamt  für  die  wirtschaftl.  Demobilmachung  (s.  d.)

U.  Boot,  s.  Unterseeboot.  über.

U-Bootkrieg,  erst  im  Weltkrieg  entstandene  Form
des  Seekrieges,  wird  mit  Tauchbooten  (s.  Unterseeboot)
  geführt  und  besteht  in  der  Versenkung  von
Kriegsschiffen  und  Truppentransporten  sowie  auch
Beschießung  von  Hafenbefestigungen  oder  in  der  Hinderung
  des  Warenverkehrs  durch  Versenkung  von
Handelsschiffen  (Gandels-U--Bootkrieg).  Die
Erfolge  des  deutschen  U.es  führten  zur  Erfindung
vieler  Abwehrmittel:  1)  Minenfelder  aus  tief  ver-Der

  Krieg  1914/10.  Ur.

ankerten  Untersee  minen;  2)  UBootsperren
aus  weitmaschigen,  an  schwimmenden  Tonnen  hängenden
  Stahlnetzen  (Ne  Elberreng:  3)  zwischen  fahrenden
  Schiffen  geschleppte  Fangnetze;  4)  Wasserbomben,
  welche  die  den  feindlichen  Handelsschiffen
beigegebenen  schnellen  Begleitboote  bei  jedem  von
U.  Booten  ausgeführten  Torpedoangriff  im  weiten
Umkreis  ins  Wasser  warfen;  5)  die  U.  Bootfallen,
d.  h  als  harmlose  Handelsfahrzeuge  erscheinende
Schiffe,  welche  absichtlich  die  Aufmerksamkeit  von  U.
Booten  auf  sich  lenkten  und  sich  von  ihnen  anhalten
ließen;  die  Besatzung  schien  ihr  zu  versenkendes  Fahrzeug
  verlassen  zu  wollen,  eröffnete  aber  plötzlich  aus
bis  dahin  verdeckten  Geschiltzen  Feuer  auf  das  U.  Boot.
Andere  Handelsschiffe  suchten  durch  bunte  Bemalungen
  des  Rumpfes  scharfes  Zielen  zu  erschweren.
während  Kriegsschiffe  sich  vernebeltene  (vgl.  Nebel.
künstlicher).  —  Weiteres  Über  den  U-Bookkrieg  s.  Bd.  1,
S.  257,  Bd.  II.  S.  248  ff.  und  Bd.  III,  S.  130fff.

U-Boot-Minenleger,  s.  Tauchboot-Minenleger.

Udet,  Ernst,  deutscher  Kampfflieger,  geb.  26.  April
1896  in  München,  1914  Kriegsfreiwilliger,  1915
Führer  einer  Jagdstaffel,  erfocht  über  60  Luftsiege.
U.  schrieb:  Kreuz  wider  Kokarde=  (Berl.  1918).

Udine,  Hauptstadt  der  leicnamigen  ital.  Provinz,
  an  den  Bahnen  #illach-u.  und  Görz-Venedig,
ital.  Lauptquartier,  wurde  29  Olt.  1917  von  der  deutschen
  Armee  Below  genommen,  3.  Nov.  1918  wieder
von  den  Italienern  besetzt.

Uhrzeit,  genaue  Tageszeit,  wurde  im  Kriege  täglich
  zu  Faeten-  Minute  durch  Zeitsignal  allen
Frontabschnitten  funkentelegraphisch  übermittelt,  da
von  größter  Bedeutung  für  richtiges  Ineinandergreifen
  geplanter  Kampfhandlungen.

Ukraine,  ursprünglich  selbständig,  seit  12.  Jahrh.
von  Moskau  abhängig,  seit  1676  endgültig  unter  rusfs.
Herrschaft,  die  Kornkammer  Europas«,  lieferte  b

23
        <pb n="384" />
        354

40  Proz.  des  gesamten  russ.  Ernteertrages  (bes.  Weizen)
  und  etwa  ein  Drittel  des  russ.  Viehes  und  besitzt
auch  reiche  Bodenschätze  (Kohle,  Eisen).  —  Die  Loslösung
  der  U.  vom  gropßruss.  Staatsganzen  ist  die  bedeutungsvollste
  Wirkung  des  Umsturzes  in  Rußland.
Bereits  am  8.  Febr.  1917  wandte  sich  ein  -Bund
Ukraine  an  Wilson  u.  forderte  unter  Berufung  auf  das
von  ihm  vertretene  Selbstbestimmungsrecht  der  Völker
eine  Befreiung  der  U.  Am  3.  April  1917  bildete  sich  ein
ukrain.  Nationalrat  (Zentralrada)  und  eine  Fraktion
des  Arbeiter=  u.  Soldatenrates.  Darauf  forderte  am  96.
April  ein  ukrain.  Kongreß  vollenationale  u.  territoriale
Autonomie  der  U.  Der  russ.  Kriegsministecr  Gutschkow
mußte  wohl  oder  übel  die  Bildung  von  zwei  ukrain.
Brigaden  billigen.  Am  13.  Juli  erließ  die  Zentralrada
  in  Kiew  ein  Manifest,  in  dem  sie  die  Autonomie
der  U.  im  Rahmen  des  russ.  Gesamtreichs  forderte;
die  vorläufige  Regierung  in  Petersburg  antwortete
am  30.  Juni  mit  einem  Gegenaufruf  und  entsandte
Kerensti,  Terestschenko  und  Zeretelli  nach  Kiew.  wo
ein  Kongeeß  zustande  kam  (Generalsekretariat  als  besondere
  Verwallung  der  U.).  Da  jedoch  über  die  weiteren
  Forderungen  der  Ukrainer  keine  Einigung  erzielt
wurde,  proklamierte  die  ierar  am  20.  Nov.  die
aus  den  Provinzen  Kiew,  Podolien,  Wolhynien,  Tschernigow,
  Poltawa,  Charkow,  Jekaterinosluw,  Cherson,
Tauris  bestehende  Ukrainische  Republik.  Am  17.
Dez.  erkannted  eprovisorische  Regierung  in  Petersburg
die  ukrain.  Republik  und  ihr  Recht  auf  vollständige
Trennung  von  Rußland  an,  stellte  aber  an  die  Rada
ein  48stündiges  Ultimatum,  alle  feindlichen  Handlunen

  gegen  die  Sowjettruppen  zu  unterlassen,  widrigenfrus
  sich  Rußland  im  Lriegszustonde  mit  der  U.  befindlich
  erachte.  Die  Rada  forderte  in  ihrer  Antwort  vom
20.  Dez.  Ukrainisierung  der  ukrainischen  Truppen  und
Teilnahme  an  den  Friedensverhandlungen,  außerdem
Erledigung  der  finanziellen  Frage.  Nichteinmischung
der  russ.  Behörden  und  Kommandostellen  in  die  Verwaltung
  der  ukrain.  Front  und  Anerkennung  der
ukrain.  Republik.  Am  19.  Dez.  erklärte  die  Nada  die
U.  zu  einer  demokratischen  Republik  als  Teil  der  neuen
allruss.  Republik  und  trat  darauf  in  Brest  Litowsk  mit
einer  selbständigen  Friedensdelegation  (unter  Holubowitsch,
  dann  Sswarjuk)  hervor.  Am  9.  Febr.  1918
kam  der  Friede  der  U.  mit  dem  Vierbund  zustande
s.  S.  139f.);  doch  erfüllten  sich  die  daran  geknüpften
Loffuungen  nicht.  Zwar  gelang  es  den  Verbündeten,
  die  auf  Bitten  der  von  den  Bolschewisten  hart
bedrängten  vorläufigen  Regierung  unter  v.  Eichhorn
in  die  U.  einrückten,  namhafte  Mengen  an  Nahrungsmitteln
  aus  der  U.  herauszuholen,  doch  reichten  diese
Mengen  nicht  mehr  aus,  die  feindliche  Aushungerung
illusorisch  zu  machen.  wie  man  von  dem  =  Brotfrieden
erwartete.  Gegen  ukrainische  Umtriebe  ging  Eichhorn
durch  Verhaftung  des  Kriegsministers  Schukow#ski  u.  a.
energisch  vor;  er  unterstützte  den  am  2.  Mai  zum  Hetman
  erwählten  General  Skoropadski  loyal,  wurde
aber  am  30.  Juli  durch  bolschewistische  Sendlinge  in
Kiew  ermordet.  Skoropadski  trat  mit  den  Verbündeten
in  direkte  Beziehungen,  und  die  Verhältnisse  besserten
sich  zusehends,  je  weiter  die  deutschen  Truppen  nach
Osten  vordrangen.  Bis  Anfang  Sept.  1918  waren
aus  der  U.  nach  Deutschland  gebracht  worden  2181
Waggons  Getreide,  4429  Waggons  andere  Lebensmitlel
  und  905  Waggons  Rohstoffe.  Der  Zusammenbruch
  Deutschlands  im  Innern  und  an  der  Westfront
nötigte  die  deutschen  Truppen  zum  Rückzug,  Skoropadsti
  wurde  gestürzt  und  Lysogub  bildete  ein  russen-Ulster

  —  Ungarn

freundliches  Kabinett.  An  Stelle  Skoropadskis  trat
General  Petljura,  der  14.  Dez.  1918  Kiew  besetzte;  er
konnte  sich  aber  gegen  die  vordringenden  Bolschewisten
nicht  behaupten  und  wurde  im  Laufe  des  April  bis
nach  Galizien  zurückgedrängt.  Der  von  der  bolschewistischen
  Regierung  in  Kiew  zum  Gesandten  in  Berlin
ernannte  bisherige  großrussische  Agent  Radek  wurde
von  Deutschland  nicht  anerkannt.  Vgl.  Lewicky,  Die
U.,  der  Lebensnerv  Rußlands  (Stuttg.  1915);  =  Die
Ukraine-(Monatsschrift,  hrsg.  von  der  Deutsch-Ukrainischen
  Gesellschaft,  Hamb.  1918  f.).

Ulster,  irische  Provinz.  —  Politische  Ereignisse  s.
Bd.  1.  S.  114  sowie  Großbritannien,  S.  217

Ultimatum,  unwiderrufliche  Forderung  eines
Staates,  deren  Ablehnung  oder  Nichtbeantwortung
innerhalb  der  gestellten  Frist  den  Abbruch  der  diplomatischen
  Beziehungen  und  den  Krieg  zur  Folge  hat.

Unabhängiger  Ausschuß  für  einen  deutschen
Frieden,  Sommer  1915  in  Berlin  begr.,  Juli  1916
an  die  Offentlichkeit  getretene  Vereinigung  (Vorf.:
Prof.  Dietrich  Schäfer)  mit  dem  Ziele,  im  deutschen
Volk  die  einmütige  überzeugung  von  der  Notwendigkeit
  eines  „deutschen  Friedens=  zu  verbreiten.  Der
Grundgedanke  lautete:  »Ein  dauernder,  die  Zukunft
  des  Deutschen  Reiches  ausreichend  sichernder
Friede  kann  nur  gewährleistet  werden  durch  Meh
rung  unserer  Macht,  durch  Erweiterung  unseres  Herrschaftsbereichs

  Über  die  bestehenden  Grenzen  des  Reiches

  hinaus  nach  beiden  Seiten,  nach  Ost  und  nach
West.-=  Vgl.  Bd  II.  S.  9.

Unabhängige  Sozialdemokratische  Partei
Deutschlauds  (U.  S.  P.  D.),  dieradikale  Richtung  der
Sozialdemokratie  Deutschlands,  s.  Sozialdemokratie.

„Undine-,  deutscher  Kl.  Kreuzer,  2700  t,  wurde
7.  Nov.  1915  von  einem  brit.  Unterseeboot  an  der
schwed.  Küste  versenkt.

Ungarn.  Das  Königreich  U.  war  bereits  seit
1867,  dem  Jahre  des  =  Ausgleichs-,  der  es  mit  OÖsterreich
  unter  dem  „Dualismus-=  loser  verband  als  bis.

er,  der  Schauplatz  ununterbrochener  innerpolitischer
ämpfe  um  die  Unabhängigkeit  des  Landes.  Die  von
Graf  Tisza  (1861—1918)  geführte  1867er  Parkei
kämnrpfte  gegen  die  hartnäckige,  bis  zur  Obstruktion  getriebene
  Opposition  der  seit  Kossuths  Tode  (1914)
unter  Graf  Karolyi  stehenden  1848er  Unabhängigkeitspartei.
  Auch  im  Kriege  tobte  dieser  Kampf,  trotz
Tiszas  diktatorischer  Führung  der  Staatsgeschäfte,
fast  ununterbrochen  fort,  um  so  heftiger,  als  sich  der
soziale  Kampf  um  die  Reform  des  Wahlrechts  damlt
verknüpfte  und  die  Regierung  gemäß  8  14  der  Verfassung
  in  ÖOsterreich  eine  Einberufung  der  Delegationen
  bis  1917  unmöglich  machte.  Die  ganze  Schwere
des  Konflikts  trat  am  schärfsten  bei  den  Verhandlun.
en  um  Erneuerung  des  Ausgleichs  1917  hervor,  die
Sch  zum  Schaden  für  die  dadurch  aufgehaltene,  ja
unmöglich  gemachte  wirtschaftliche  Konsolidierung  des
mittelcuropäischen  Bundes  (s.  Mitteleuropa)  durch  das
ganke  Jahr  hinzogen  und,  statt  zu  einer  endgültigen
egelung,  nur  zu  einem  Provisorium  führten.

Der  Eintritt  Rumäniens  in  den  Krieg  1916  berührte
  U.  unmittelbar  am  stärksten;  die  glänzenden
Waffensiege  unter  Mackensen,  Arz  und  Lalkenhayn
stärkten  die  bundestreue  Haltung  der  Ungarn  noch
einmal  außerordentlich.  Die  Brussilowsche  Massenoffensive
  bedrohte  zugleich  abermals  U.  von  Norden
her.  Als  die  Gefahr  vorüber  war,  gewannen  allmählich
  die  Sonderinteressen  die  Oberhand.  Tiszas  hartnäckige
  Weigerung,  mit  der  Opposition  zusammen  ein
        <pb n="385" />
        Unterseeboot  —  Uzsoker  Paß

Kabinett  zu  bilden  (13.  April  1917),  und  die  Ablehnung
  der  Wahlreform  durch  den  König  führte  zum
Rücktritt  Tiszas  (23.  Mai).  Am  15.  Juni  kam  ein
Kabinett  Esterhazy  zustande,  dem  bereits,  da  Tiszas
Anhänger  Szasz  zum  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses
  gewählt  wurde,  am  20.  Aug.  ein  Kabinett  unter
dem  (gemäßigten)  Anhänger  Tiszas  Wekerle  folgte.

Die  öffentliche  Meinung  zeigte  immer  offenkundiger
  nicht  nur  die  Bündnismüdigkeit  gegenüber  dem
Deutschen  Reiche,  sondern  auch  ganz  unverhüllte  Los-16fsungsabsichten
  von  Osterreich.  Während  Kroatien
(I.  d.)  sich  von  U.  lossagte,  betrieb  auch  U.  selbst  nach
dem  Rücktritt  des  Kabinetts  Wekerle  (24.Okt.  1918)  mit
dem  selbständigen  Friedensersuchen  an  die  Entente  unter
  dem  Ministerpräsidenten  Karolyi  die  Loslösung
vom  Gesamtstaat;  die  Ausrufung  der  Republik  durch
Karolyi  beseitigte  auch  die  Dynastie  der  Habsburger,
die  seit  1526  den  ungar.  Thron  innegehabt  hatten,
und  das  fast  1000  Jahre  alte  Königtum  (seit  997).
Die  Ermordung  kiszas  war  das  Ende  des  dualistischen
  Zeitalters  Osterreich-Ungarns.  Die  Wegführung
des  Befreiers  U.s,  des  Feldmarschalls  Mackensen,  vom
ungar.  Boden  1919  offenbarte  U.s  Machtlosigkeit.

1  U.,  das  vergebens  auf  eine  Belohnung  seines
Abfalls  durch  mildere  Behandlung  durch  die  Entente
hoffte,  traten  jetzt  stärkere  Neigungen  zu  Rußland
hervor;  die  Folge  war  eine  bolschewiftische  Verseuchung
des  Landes:  als  die  Entente  am  20.  März  1919  wegen
der  schwachen  Hallung  der  Regierung  gegenüber  den
Kommunisten  mit  Vorrückung  der  Demarkationslinien
um  100  km  drohte.  trat  die  gesamte  Regierung  zurück,
und  Präsident  Karolyi  lieferte  die  Regierungsgewalt
an  den  Kommunisten  Bela  Khun  aus.  Während
der  solgenden  Schreckensherrschaft  der  Kommunisten
rückten  die  Rumänen,  Serben  und  Tschechen  gegen
Budapest  vor.  Einer  in  Arad  gebildeten  Gegenregierung
  des  jüngeren  Grafen  Karolyi  gelang  es,  am  1.
Aug  die  Budapester  Räleregierung  zu  stürzen.  Erzherzog
  Joseph  übernahm  die  Regierung,  mußte
aber,  da  ihn  die  Entente  nicht  anerkannte,  am  23.  Aug.
wieder  zurücktreten.  Unterdessen  waren  die  Rumänen
bis  Budapest,  die  Tschechen  bis  Preßburg  vorgedrungen.
  Die  Regierung  des  Generals  Friedrich
sand  endlich  Ende  1919  die  Anerkennung  der  Entente,
die  darauf  am  15.  Jan.  1920  der  ungarischen  Friedensdelegation
  unter  Graf  Apponyi  in  Paris  ihre
Friedensbedingungen  überreichte.  —  Über  die  Geschichte
  u.  Bepölkerung  U.s  vgl.  auch  Bd.  I,  S.  42  f.,
49,  63  ff.  u.  Bd.  II,  S.  22  ff.  Vgl.  J.  Bunzel,  U.
und  wir  (Berl.  1918).

Unterseeboot  (U  Boot),  unter  der  Wasseroberfläche
  fahrendes  Boot.  Die  ersten  Ul.e  waren  reine
Unterwasserboote,  die  jetzigen  sind  sämtlich
Tauchboote,  die  an  sich  aufgetauchte  fahren;  sie
tauchen  durch  Einlassen  von  Wasserballast  sowie  Vorwärtsfahren
  mit  schräg  gestelltem  Tiefensteuer  (bewegliche
  Ruderflächen  an  den  Seiten  des  Fahrseugzeg:
Die  Hauptwafsfe  des  Ules  ist  der  Torpedo,  für  den
2—6  Ausstoßrohre  eingebaut  sind;  meist  sind  auf
Deck  auch  Gmeschöse  aufgestellt  oder  versenkbar  (für  die
Zeit  der  Unterwasserfahrt)  angeordnet.  Auch  die  Deckaufbauten
  (Signalmast.  Antennen  für  Funkentelegraphie,
  Geländer)  sind  versenk-,  umklapp=  oder  abnehmbar;
  in  der  Mitte  ragt  der  Kommandoturm
hervor,  der  dickwandige  Glasscheiben  trägt.  Im  ge-355



tauchten  U.  orientiert  man  sich  auf  der  Meeresfläche
durch  das  Sehrohr  (Periskoph),  dessen  langes,  senkrecht
  emporragendes  Rohr  bei  Nichtgebrauch  zeingesahren-
  wird;  vgl.  Sehrohr.  Die  Größe  der  U.e  har
chon  seit  1910,  insbes.  aber  während  des  Krieges,  sehr
zugenommen,  benso  die  Fahrgeschwindigkeit.  Die  vollkommensten
  deutschen  U-Bootkreuzer  (U142/150)
waren  97,5  m  lang,  hatten  aufgetaucht  2040  t,  unteretaucht
  3350  t  Wasserverdrängung,  eine  Höchstgefhwindigreit
  über  Wasser  von  17—18  Sm.,  unter
Wasser  von  8,5  Sm.,  zwei  15  cm-Schnellfeuerkanonen,
khoschinengewebr.  ,  keorvedoausftoßrohr  für  50m-Torpedos,
  von  denen  sie  12  mit  sich  führten.  —  Im
etauchten  U.  wird  die  Luft  durch  Sauerstoffentwickung
  und  Kohlensäureaufsaugung  verbessert;  Kochen
u.  Heizen  geschieht  elektrisch.  Vgl.  Bd.  I.  S.  241/242
sowie  U.  Bootkrieg  und  Tauchboot-Minenleger;  vgl.
auch  Handels-U-Boot.

Unterseebootsamt,  am  11.  Dez.  1917  errichtetes
Spezialamt  im  Reichsmarineamt.

Unterseemine,  s.  U-Bootkrieg.

Unterstand,  überdeckter  Teil  einer  Feldstellung;
vgl.  Taf.-Schützengräben  II«  in  Bd.  I.  S.  274.

Urach,  Wilhelm,  Herzog  von,  Sohn  des  Grafen
  Wilh.  v.  Württenberg,  geb.  28.  Mai  1867,  führte
1917—18  als  Gen.  d.  Kav.  das  württemb.  Generalkommando
  64,  wurde  1918  von  der  Taryba  zum  Herzog
  von  Litauen  gewählt.
rugnay.  Während  Paraguaydurchseine  Binnenlage
  zch  zu  Argentinien  hingezogen  wurde,  führte
die  Küstenlage  U.  ins  Gefolge  Broßluens  und  damit
der  Vereinigten  Staaten.  Es  erklärte  sich  mit  Wilsons
Grundlagen  einverstanden,  begnügtesich  aber  im  Febr.
1917  zunächst  mit  der  Zurückweisung  der  deutschen
These  vom  Unterseebootskrieg.  Obwohl  kein  Schiff
U.s  zu  Schaden  gekommen  war,  beschloß  ein  Kongreß
doch  am  7.  Okt.  den  Abbruch  der  Beziehungen  zu
Deutschland.  Präsident  für  1916—20  wurde  Feliciano
Vera.  In  U.  lagen  8  deutsche  Schiffe  mit  40650t,
die  beschlagnahmt  wurden.  In  der  inneren  Entwickelung
  U.8  ist  die  Aufhebung  der  Staatsreligion  durch
die  Kammer  (19.  Dez.  1916)  hervorzuheben;  zugleich
wurdedie  Erörterung  des  Eigentumsrechts  des  Staates
am  Kirchengut  beschlossen.  U.  tauschte  am  10.  Jan.
1920  die  Ratifikationsurkunden  über  den  Frieden  von
Versailles  aus.

Asküb  (türk.  Skoplje),  Kreisstadt  in  Serbien,  am
Vardar  und  an  der  Bahn  Belgrad—-Salonili,  bedeutender
  Handelsplatz  (vgl.  Bd.  I.  S.  171),  Okt.  dis  Dez.
1914  Sitz  der  serb.  Regierung,  wurde  22.  Okt.  1915
von  der  bulgar.  Armee  Todoroff  genommen.  Die
Orientarmee  der  Entente  zog  Ende  Sept.  1918  in  ülein.

u.  S.  P.  D.  =  Unabhängige  Sozialdemokratische
  Partei  Deutschlands,  s.  Sozialdemokratie.

Uta,  in  Kiew  März  1918  gegründete  ukrainische
Telegraphenagentur.

lzsoker  Paß,  wichtiger  Karpathenpaß,  verbindet
Ung  und  Stryjtal,  mit  Bahn  Csap-Sianki-Lemberg,
war  seit  Ende  Sept.  1914  hart  umkämpft.  Am  4.  Okt.
erlitten  die  RNussen  eine  vollständige  Niederlage.  26.
Dez.  eroberten  die  Osterreicher  den  wieder  vom  Feinde
besetzten  U.  zurück,  worauf  Teile  der  8.  russ.  Armee
den  U.  1.  Jan.  1915  abermals  besetzten.  Nach  der
Wiedereroberung  durch  die  Osterreicher  am  26.  Jan.
blieben  sämtliche  Angriffe  der  Russen  erfolglos.

23
        <pb n="386" />
        356

Vailly  —  Verdun

B

Vailly,  stark  befestigte  Stadt  in  Frankreich,  an  der
Alsne,  östl.  von  Soissons,  wurde  30.  Okt.  1914  nach
Eroberung  der  nördl.  von  B.  gelegenen  Höhenstellungen
  der  Franzosen  von  den  Deutschen  erstürmt
und  war  Ende  Mai  1918  heftig  umkämpft.

Val  Bella,  Monte  di,  Berg  (1141  m)  in  der
Hochebene  der  Sieben  Gemeinden,  Nov.  u.  Dez.  1917
hart  umkämpft,  wurde  5.—9.  Dez.  von  Truppen  der
österr.-ungar.  Heeresgruppe  Conraderstürmt,  29.  Juni
1918  von  den  Italienern  zurückgewonnen.

Val  d'Assa,  permanente  ital.  Talsperre  im  Val
Astico  (Astachtal),  5  km  nordwestl.  von  Asiago,  wurde
27.  Mai  1916  von  österr.-ungar.  Truppen  genommen.

Valenceiennes,  Arrondissementshauptstadt  im
franz.  Dep.  Nord,  an  der  Schelde,  war  25.  Aug.  1914
bis  3.  Nov.  1918  in  deutschem  Besitz.

Valentin,  Veit,  deutscher  Geschichtsforscher,  geb.
25.  März  1885  in  Frankfurt  a.  M.,  Universitätsdozent
in  Freiburg  i.  B.,  während  des  Krieges  im  Auswärtigen
  Amt,  bekämpfte  die  Tirpitzsche  Flottenpolitik.
V.  schrieb  u.  a.:  „Entente  u.  Neutralitäte  (Leipz.  1917).

Valentiner,  Max,  deutscher  Seeoffizier,  versenkte
als  Kapitänleutnant  und  Kommandant  von  -U  38.
bis  1917:  122  Dampfer  mit  300  000  Tonnen.

Valjevo,  Kreishauptstadt  in  Serbien,  wurde  nach
der  ersten  misglückten  Offensive  (Aug.  1914)  am  15.
Nov.  1914  von  den  Osterreichern  erobert,  9.  Dez.
nach  der  Niederlage  bei  Arangjelov#c  wieder  geräumt.
24.  Okt.  1915  rückte  die  Armee  Koevess  in  V.  ein.  1.
Nov.  1918  wurde  es  von  den  Serben  wieder  besetzt.

Valona,  Hafenstadt  im  südl.  Albanien,  wurde  19.
Okt.  1914,  als  Italien  sich  noch  nicht  im  Kriege  befand,
von  ital.  Streitkräften  unter  dem  Vorwand  besegt.  die
dortigen  sanitären  Verhältnisse  zu  bessern.  V.  bildete
von  da  ab,  insbesondere  nach  dem  Verlust  Durazzos,
die  Operationsbasis  Italiens  auf  dem  Balkan.

Valuta,  -Werte,  insbes.  Verhältnis  des  Geldwertes
  zum  Kurs.  Während  und  nach  dem  Krieg
gab  die  V.  einen  sehr  genauen  Gradmesser  nicht  nur
der  Kaufkraft  des  Geldes,  sondern  der  Einschätzung
der  politischen  und  wictschaftlichen  Lage  der  kriegführenden
  Staaten  in  den  neutralen  Ländern  ab;
einzelne  militärische  und  politische  Ereignisse  führten
unmittelbar  zu  hefligem  Absinken  der  V.  In  der
Schweiz  notierte  (in  Schweizer  Franken)  am:

100  100  1  100  1
deutsche  österr.  enal.  —  Dollar
Mart  Kronen  s  Pfunb  Franken
128,  48105,  1%  2  a22  100,  oo  ,  18
1.  Juli  1914  122,  ar  104,  a6  25,  10  100,  a7  b,  16
1.  Jan.  1015  114,80  9100  25,47  101,  12  b,  22
1.  Jan.  191698,78  6%00  24,  89,8S
1.  Jan.  1917  84.62  55,4  86,  78  b,  or
1.  Jan.  19181486,00  52.75820  76,00  4,#8
1.  Jan.  1919980,00  20,0%22  88,60  4,6
1.  Juni  1910  86,860  20,5023,  78,11
16.  Märg  1920  #0%  sea.  11  20  4%  Pari
*  Pari.

Vardar  (Wardar),  Hauptfluß  Mazedoniens  (val.
Bd.  II.  S.  144),  mündet  in  den  Golf  von  Saloniki.
Olt.  1915  setzten  sich  starke  franz.  und  engl.  Kräfte  im
V.-Cerna-Bogen  fest;  beim  Vormarsch  der  bulgar.
Armee  Todoroff  kam  es  hier  Nov.-Dez.  zu  größeren
Kämpfen.  Vgl.  S.  70.

Vaterlänbischer  Hilfsdienst,  s.  Bd.  I,  S.  40  1  ff.

Vaterländischer  Unterricht,  Frühjahr  1917  in
der  deutschen  Armee  eingeführter  militärischer  Dienstunterricht
  über  die  Kriegslage,  Verfassungsfragen  usw.
Zu  seiner  Überwachung  wurden  Aufklärungsabteilungen
  bei  den  Generalkommandos  errichtel  unter
Leitung  des  Kriegspresseamtes.  Zugleich  dienten  sie  der
Organisation  der  Aufklärung  der  Jioilbhevöllerun  .

Vaterlandspartei,  s.  Deutsche  Vaterlandsparte

Vatikan,  s.  Päpstlicher  Stuhl.

Vaucresson,  Vorortvon  Paris  züber  die  Friedensverbandlungen
  von  V.  siehe  S.  146.

Vaux,  franz.  Panzerfeste  vor  Verdun,  wurde  2.
Juni  1916  von  den  Deutschen  genommen,  von  den
Franzosen  24.  Okt.  1916  wiedererobert.

Venezucla.  Am  20.  April  1914  wurde  Gomez.
seit  1910  Präsident,  zum  Oberkommandierenden  der
Armee  ernannt  und  zunächst  General  Bustillos  zum
provisorischen  Präsidenten  erwählt,  da  die  Verfassung
  eine  zweimalige  Präsidentschaft  verbietet,  dann
wurde  Gomez  wieder  Präsident.  Daraus  ist  der  gewichtige
  Einstut  dieses  deutschfreundlichen  Mannes

u  erkennen,  der  auch  einige  ausgesprochene  Deutschfreunde
  ins  Ministerium  berief.  V.  ließ  die  fortgesetzten
  Vorwürfe  der  Deutschfreundlichkeit  von  seiten  der
nordamerikan.  Presse  unbeachtet  und  blieb  neutral.

Venizelos,  Eleutherios,  griech.  Staatsmann,
geb.  1864  in  Murniaes  bei  Kanea  (Kreta),  Advokat,
1888  in  der  kret.  Nalionalversammlung,  1896  einer
der  Führer  des  Aufstandes,  der  die  Türken  vertrieb,
1897  Präsident  der  kret.  Nationalversammlung,  bis
1902  Justizminister  des  Oberkommissars  Prinz  Georg,
den  er  1905  durch  einen  Aufstand  zum  Rücktritt
zwang.  dann  Ministerpräsident  von  Kreta.  1910
von  den  Offizieren  als  Kriegs=  und  Marineminister
nach  Griechenland  geholt,  war  V.  als  Ministerpräsident
  mit  Pasitsch  Gründer  des  Balkanbundes,  betrieb
  im  Weltkrieg  den  Auschluß  an  die  Entente,  trat
März  1915  zurücc,  besiegte  seinen  Nachfolger  Gunaris
Aug.  im  Wahlkampf,  rief  die  Entente  nach  Salonili,
trat  Okt  abermals  zurück,  gründete  eine  revolutionäre
Gegenregierung  in  Saloniki  u.  wurde  25.  Juni  1917
wiederum  Ministerpräsident.  Bgl.  Griechenland.

Verbrennungsmotoren,  durch  brennbare  Gase
(Gasmotor)  oder  vergaste  Flüssigkeiten,  wie  Benzin,
Benzol,  Erdöl,  leichtes  Teeröl,  Spiritus  (Benzin-,
Ol-,  Spiritusmotor,),  betriebene  Kraftmaschinen:
die  Gase  werden,  mit  Luft  gemischt,  zur  Verbrennung
(Verpuffung)gebracht.  und  die  Explosionsgase  treiben
einen  Ko“'ben  vor  sich  her.  Einer  der  wichtigsten  V.  ist
der  Dieselmotor.  Die  V.  dienen  zum  Antrieb  von
Kraftwagen,  Luftschiffen.  Flugzeugen,  Schiffen,  ferner
in  stehenden  Krafterzeugungsanlagen.

S  Verpsenstansgeichunugen,  kkrenze,  s.  Bd.  I,

.  356ff.

Verdun,  franz.  Arrondissenientshauptstadt  und
Festung,  an  der  Maas,  Eisenbahnknotenpunkt.  Der
deutsche  Angriff  gegen  die  südlichen  Sperrforts  begann
  September  1914  mit  der  Eroberung  des  Ostrandes
  der  vorgelagerten,  vom  franz.  8.  Armeekorps
verteidigten  Cöte  Lorraine.  Von  den  Sperrfortz
wurde  das  Fort  Camp  des  Romains  25.  Sept.
genommen.  April  1915  drangen  die  Frauzosen  vorübergehend
  in  die  vordersten  deutschen  Stellungen
ein.  Weiteres  s.  Bd.  II.  S.  194,  196  f.,  202,  917
sowie  Bd.  III,  S.  73,  78f.
        <pb n="387" />
        Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika.  Von
ößter  Vedeutung  füe  die  Haltung  der  V.  St.  im
Berkteren  war  der  Umstand,  daß  die  ganze  Zeit  über
ein  Mann  an  der  Spitze  des  Staates  stand,  dessen
Geistesverfassung  darauf  gerichtet  war,  dem  alten
Europa  die  eneuen=  amerikan.  Ideale  (Demokratie
und  Freiheit)  aufzuzwingen,  dabel  aber  die  V.  St.  wirtschaftlich
  nicht  zu  kurz  kommen  zu  lassen.  Völlig  befangen
  in  englisch-amerik.  Vorstellungen  zeigte  Wilson
  sich  von  Beginn  seiner  Präsidentschaft  (4.  März
1913)  an  entschlossen,  die  V.  St.  zu  einem  machtvollen
Staatsganzen  auszubauen,  alle  Zwecke  dem  Staatsganzen
  unterzuordnen.  Von  dieser  Absicht  zeugten
das  Trustgesetz  vom  Jan.  1914,  ein  Einwanderungsgesetz
  (Einwanderungsverbot  für  die  gelbe
Rasse,  Forderung  einer  Schulbildung  für  alle  Einwanderer),
  die  Heeresvermehrung  vom  Okt.  1915,  eine
„Schiffahrtsvorlage-  vom  Mai  1916,  durch  die
für  Zwecke  des  Handelsschiffbaues  50  Mill.  Doll.  bewilligt
  wurden,  eine  ergänzende  Marinevorlage  (4
Schlachtkreuzer,  4  Auftlärungskreuzer,  10  Zerstörer,
50  U-Boote,  130  Flugzeuge)  usw.  Am  31.  Aug.  1916
drückte  Wilson,  um  einen  drohenden  Eisenbahnerstreik
uverhindern,  den  achtstündigen  Arbeitstag  durch.
n  Steuergesetz  vom  Sept.  1916  brachte  aus  Erbschaften
  und  Munitionsgewinnen  205  Mill.  Doll.  Erkageein.
  Von  entscheidender  Bedeutung  wurde  dann
die  Annahme  des  ütitärdienktgelhes,  das  eine
sechsmonatige  Ausbildung  vorsah.  durch  den  Senatsausschuß
  Febr.  1917  und  die  Erteilung  der  geforderten
  Machtbefugnis  zur  Beschaffung  der  Handelsschiffe
an  den  Präsidenten  durch  das  Repräsentantenhaus.
Nach  außen  verstand  es  Wilson,  begünstigt  durch
die  weltpolitische  Entwicklung,  die  Stellung  der  V.  St.
außerordentlich  zu  verstärken.  Mit  einer  großen  Reihe
von  Staaten  wurden  Schiedsgerichtsverträge
abgeschlossen  bzw.  erneuert:  Febr.  1914  mit  der  Schweiz
u.  mit  Spanien,  April  mit  England,  Okt.  mit  Rußland
und  Schweden.  Die  übrigen  amerikan.  Staaten
wurden  immer  stärker  unter  die  Führung  der  V.  St.
ezwungen  (Jan.  1915:  Finanzkonferenz:  Febr.  1916:
FKrrag  mit  Nicaragua  über  die  Errichtung  einer
Flottenbasis  in  der  Bucht  von  Fonseca:  März  1916:
Vertrag  mit  Haisti  und  der  Dominikan.  Republil).
Nachdem  am  4.  Aug.  1916  ein  Kaufvertrag  mit  Dänemark
  über  die  westindischen  Besitzungen  Dänemarks
zustande  gekommen  war,  wurde  31.  März  1917  die
amerikan.  Flagge  auf  den  Antillen,  nunmehr  Vir-#inian
  Islands  of  United  States  genannt,  gehißt.
eniger  glücklich  war  Wilson  in  seiner  Politik  gegen
Mexiko  (s.  d.).  Am  15.  Sept.  1914  zogen  die  V.
St.  ihre  Truppen  von  Veracruz  zurück.  Der  Versuch
Deutschlands  vom  Jan.  1917,  den  mexikanisch-union.
Streit  für  sich  auszunutzen,  scheiterte  (s.  Mexiko),  doch
blieb  das  Verhältnis  Mexikos  zu  den  V.  St.  gespannt.
Die  Haltung  zu  den  Kriegführenden  war  von
Anfang  an  konscquent,  England  gegenüber  freundschaftlich,
  Deutschland  gegenüber  abweisend-schulmeisterlich,
  schließlich  ossen  feindlich.  So  sehr  aber
Wilson  im  heimlichen  Bunde  mit  England  war,  Wilson
  verstand  doch  immer,  die  Maske  einer  neutralen
Kaltung  zur  Schau  zu  tragen,  indem  er  in  zahlreichen
Noten  England  sein  völkerrechtswidriges  Verhalten
in  der  Blockadefrage  usw.  vorhielt,  er  steckle  nur  von
England  jede  Antwort  ein,  während  er  Deutschland
egenüber  zu  immer  schärferen  Gegenmaßnahmen
chritt.  überschaut  man  die  große  Reihe  seiner  an
ngland  gerichtelen  ergebnislosen  Noten,  so  kann  man

357

sich  des  Eindrucks  nicht  erwehren,  daß  ihnen  Wilson
selbst  von  vornherein  nur  akademischen  Wertbeigemessen
  hat.  Das  unnachgiebige  Festhalten  am  formellen
Rechtsstandpunkte,  das  er  den  Mittelmächten  gegenüber
  zeigte,  ließ  ihn  zwar  auch  England  jedes  Überschreiten
  der  Grenzen  des  internationalen  Rechts  verweisen;
  damit  hatte  es  aber  sein  Bewenden.

Von  vornherein  waren  die  V.  St.  der  mächtigste
neutrale  Staat;  ihre  Vermittlung  bot  sich  gleichsam
von  selbst  an,  um  so  mehr,  als  Präsident  Wilson  sich
auf  dem  Gebiete  des  Staatsrechts  betätigt  hatte  und
ein  Anhänger  des  Schiedsgerichtsverfahrens  war.  Am
5.  Aug.  1914erklärten  sich  die  V.  St.  im  Kriege  zwischen
Großbritannien  und  dem  Deutschen  Reiche  usw.  für
neutral,  am  29.  August  auch  im  Kriege  Deutschlands
mit  Japan.  Am  7.  Sept.  wandte  sich  Kaiser  Wilhelm
an  Wilson  Sals  den  hervorragendsten  Vertreter  der
Grundsätze  der  Menschlichleite  mit  einem  feierlichen
Protest  gegen  den  Gebrauch  von  Dumdumgeschossen
durch  franz.  und  engl.  Truppen  und  gegen  den  belg.
Bandenkrieg.  Die  Propaganda  der  Entente.  vor  allem
bezüglich  der  Verletzung  der  belg.  Neutralität,  hatte
aber,  auch  bei  Wilson,  bereits  ihre  Wirkung  getan;  er
war  so  voreingenommen  gegen  die  Kriegführung  der
Deutschen,  daß  er  in  seiner  Antwort  sich  jedes  Urteils
über  die  vorgebrachten  Tatsachen  enthielt,  und  das
Urteil  einer  künftigen  Vereinigung  der  Völler  —  zum
erstenmal  taucht  dieser  Gedanke  hier  auf  —  und  der
öffentlichen  Meinung  der  ganzen  Menschheit  Überließ.
Jede  einseitige  Begünstigung  durch  Munitions-  und
andere  Kriegsmittellieferung  mußte  die  amerikan.  Vermitllerrolle
  natürlich  deeinträchtigen;  doch  Bryan  verlgidigte
  am  26.  Jan.  1915  den  Konterbandehandel  der
B.  St.  als  ihr  gutes  Recht.

über  den  Notenwechsel  Wilsons  mit  dem  Deutschen
Reiche  über  die  Berechtigung  des  Unterseeboot-Handelskrieges
  vgl.  Bd.  II,  S.  150—164.  Um
nach  dem  wenig  befriedigenden  Notenwechsel  doch  eine
Plattform  zur  weiteren  Verhandlung  mit  den  Mittelmächten
  zu  gewinnen,  unternahm  Wilson  29.Jan.  1916
einen  neuen  Versuch,  die  Entente  von  der  Bewaffnung
von  Kauffahrteischifsen  abzubringen;  die  Entente  er-Uärte
  aber  am  12.  Febr.  u.  8.  März,  die  Bewaffnung
der  Handelsschiffe  nicht  aufgeben  zu  wollen,  obwohl
am  10.  Febr.  die  Mittelmächte  die  rücksichtslose  Versenkung
  bewaffneter  feindlicher  Schisse  ab  28.  bzw.  29.
Febr.  ankündigten.  Wilson  blieb  sich  abermals  nicht
konsequent,  indem  er  es  ablehnte,  Amerikaner  vor  der
Benutzung  bewesfneter  Dampfer  zu  warnen.  Obwobl
nun  die  deutsche  Reichsleitung  den  Unterseebootkrieg
nicht  mit  voller  Schärfe  führte  und  ihre  Lage  nochmals
  in  einer  Note  vom  8.  März  1916  ausführlich  darlegte,
  beharrte  doch  Wilson  darauf,  daß  die  Beziehungen
zu  den  Mittelmächten  abgebrochen  werden  müßten.
wenn  bei  der  Versenkung  eines  bewaffneten  Dampfers
Amerikaner  ums  Leben  kämen.  Das  geschah  bei  der
Torpedierung  des  franz.  Postdampfers  -Sussex=  (24.
März)  zwischen  Folkestone  und  Dieppe  durch  ein  deutsches
  Unterseeboot;  nach  erregtem  und  ausgedehntem
Notenwechsel  erklärte  sich  die  deutsche  Regierung  am
9.  Mai  zur  Leistung  von  Schadenersatz  bereit,  nachdem
  sie  am  4.  Mai  die  Zusicherung  gegeben  hatte,  daß
künftig  kein  Schiff  ohne  Warnung  versenkt  werden
würde  allerdings  erwarte  sie,  daß  nun  Amerika  Eng  ·
land  zu  gleichem  Nachgeben  in  der  Blockadefrage  gewinnen
  würde.  Amerika  lehnte  am  10.  Mai  eine  derrühge
  Bedingung  für  die  Erfüllung  der  Vorschriften
des  internationalen  Rechis  ab.  Damit  hatte  Amerika
        <pb n="388" />
        358

erreicht,  was  es  wollte;  es  konnte  nun  in  andrer  Beziehung
  nachgeben,  indem  es  die  Forderung  der
Entente  vom  23.  Aug.  1916,  Unterseeboote  von  der
Fahrt  in  neutralen  Gewässern  auszuschließen,  am
31.  Aug.  ablehnte;  die  Landung  des  Unterseehandelsbootes
  „Deutschlande  in  Baltimore  am  9.  Juli  erleichterte
  diesen  Beschluß.  Als  Deutschland  am  1.  Febr.
1917,  nachdem  es  ¾/4  Jahr  vergebens  auf  eine  Milderung
  der  engl.  Blockade  gewartet  hatte,  erneut  den  Unterseeboot
  -  diesmal  ohne  jede  Einschränkung,  in
bestimmten  Gebieten  begann,  indem  es  sich  von  den
am  4.  Mai  1916  eingegangenen  Verpflichtungen  los
undledigerklärte,  antwortete  Wilson  sofort,  am  ö.  Febr.
1917,  mit  dem  Abbruch  der  diplomatischen  Beziehungen;
  der  Senat  ratifizierte  den  Abbruch  am  7.  Febr.
Durch  eine  Zirkularnote  lud  Wilson  nunmehr  am
5.  Febr.  alle  neutralen  Staaten  ein,  ebenfalls  mit  den
Mittelmächten  zu  brechen  (zunächst  allerdings  ohne
Erfolg).  Ein  Vermittlungsversuch  des  Schweizer  Gesandten
  Ritter  scheiterte.  Am  26.  Febr.  forderte  der
Präsident  für  sich  die  Vollmacht,  Handelsschiffe  zu
bewaffnen  und  alle  sonstigen  Maßnahmen  zu  ergreifen,
  die  er  für  nötig  erachten  würde.  Das  Repräsentantenhaus
  bewilligte  nur  die  Vollmacht  zur  Bewaffnung
  der  Handelsschiffe;  der  Senat  dagegen  vertagte
sich.  So  ging  Wilsons  erste  Amtsperiode  zu  Ende,
ohne  daß  er  die  formelle  volle  Zustimmung  des  Kongresses
  hatte,  den  Weg  zu  gehen,  den  zu  beschreiten  er
fest  entschlossem  war:  den  Kriegspfad.

Die  für  Ende  1916  fällige  Präsidentenwahl  nötigte
Wilson,  seine  Stellung  zum  Krieg  deutlicher  zu  umreißen;
  sein  Interesse  gebot  es,  sich  die  Stimmen  der
Deutsch-Amerikaner  zu  sichern,  ohne  die  der  angelsächs.
  Mehrheit  zu  verlieren.  Während  er  gleichzeitig
in  dem  Unterseebootstreit  die  schärfste  Stellung  gegen
Deutschland  einnahm,  belonte  er  in  seinen  Wahlreden,
allein  Amerikas  Interesse  und  die  Rücksicht  auf  Recht
und  Freiheit  der  Welt  bestimmten  seine  Haltung.  Am
18.  Dez.  1916  richtete  er  an  sämtliche  Kriegführenden
und  neutralen  Staaten  eine  Note,  in  der  er  vorschlug,
die  Kriegführenden  sollten  ihm  ihre  Friedensbedingungen
  und  Vorschläge  zur  Verhinderung  einer
Wiederholung  des  Krieges  unterbreiten.  Soviel  er
ersehe,  stimmten  die  Forderungen  der  Kriegführenden
in  der  Hauptsache  Überein:  Schutz  der  kleinen  und
großen  Nationen,  Unmöglichmachung  einer  Kriegswiederholung
  und  eigennütziger,  ungerechtfertigter
Angriffe.  Verbot  geheimer  Bündnisse,  Pründun  der
Liga  der  Nationen  zur  Gewährleistung  von  Frieden
und  Gerechtigkeit  in  der  ganzen  Welt,  Sicherstellung
der  Unabhängigkeit,  Integrität  und  politischen  und
wirtschaftlichen  Freiheit  der  am  Krieg  beteiligten  Nationen.
  Der  Senat  billigte  am  6.  Jan.  1917  das
Ersuchen  um  Mitteilung  der  Friedensbedingungen,
nicht  aber  Wilsons  Note.  Die  Mittelmächte  antworteten
  am  26.  Dez.,  sie  seien  zu  unmittelbaren  Verhandlungen
  an  neutralem  Ort  bereit,  mit  ihren
Kriegszielen  hielten  sie  zurück.  Die  belgische  Regierung
  forderte  in  ihrer  Antwort  vom  10.  Jan.  1917
völlige  Wiederherstellung  und  Sicherheit  gegen  eine
Wiederholung  des  deutschen  Angriffs,  die  gemeinsame
Antwort  der  Verbündeten  vom  12.  Jan.  1917  nahm
den  Vorschlag  einer  -Liga  der  Völker  an;  dagegen
sei  noch  nicht  der  Augenblick  gekommen,  der  den  von
den  Mittelmächten  grundlos  angegriffenen  Verbündeten
  die  Wiedergutmachungen,  Rückerstattungen  und
Bürgschaften  sicherte,  auf  die  sie  ein  Recht  hätten  (vgl.
Bd.  II,  S.  170  ff.).  Wilson  sah  über  die  Antwort  hinweg,

Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika

die  die  Entente  auf  das  Friedensangebot  der  Mittel.
mächte  erteilt  hatte  (vgl.  Bd.  II.  S.  167),  und  stellte  in
einer  Friedensbotschaft  an  den  Senat  (28.  Jan.  1917)
fest,  daß  beide  Parteien  zum  Beitritt  zu  einem  Bölkerbund
  bereit  und  keine  Partei  des  andern  Vernichtung
wollte;  er  übersab,  daß  die  Bedingungen  der  Entente
absolute  bLebensinteressen  der  Mittelmächte  berührten.
Er  sah  also  die  Möglichkeit  weiterer  Verhandlungen
  gegeben,  während  die  Mittelmächte
inzwischen  erklärt  hatten,  daß  die  Antwort  auf  die
Noten  der  Entente  auf  ihr  Friedensangebot  nur  das
Schwert  erteilen  könne.  Wilson  wege  in  der  erwähn.
ten  Botschaft  die  Gründung  des  Völkerbundes  als
Grundlage  des  künftigen  Weltfriedens  voraus  dieser
Völkerbund  könne  aber  nur  einen  Sinn  haben,  wenn
der  gegenwärtige  Streit  nicht  mit  der  endgültigen
Niederlage  der  einen  Partei  ende;  Friede  ohne
Sieg  sei  also  die  Grundlage  des  künftigen  Bundes.
  Selbstverständliche  Voraussetzung  für  die  Gültigkeit
  eines  Friedensschlusses  sei  aber,  daß  die  Regierungen
  ihre  Macht  vom  Volke  ableiteten  und  der  Zustimmung
  ihrer  Völker  sicher  seien.  Jedes  Volk  müsse
ferner  einen  direkten  Zugang  zum  Meer  haben;  ebenso
sei  die  Freiheit  der  Meere  conditio  sine  qus  non  für
den  Frieden,  damit  in  Zusammenhang  Abrüstung  zur
See  und,  selbstverständlich,  auch  zu  Land.  Diese  bedeutungsvolle
  Botschaft  sollte  zweifellos  den  Anfang
einer  großen  Friedensaktion  bilden,  wie  die  Rückfrage
Wilsons  an  Deutschland  über  die  genaueren  Kriegs-Lerle
  der  Mittelmächte  vom  28.  Jan.  1917  bewies;  der

eginn  des  uneingeschränkten  Unterseebootkrieges
durch  das  Deutsche  Reich  und  Österreich-Ungarn  am
1.  Febr.  1917  machte  diese  Pläne  Wilsons  zunichte
(vgl.  Deutsches  Reich,  S.  215).  Wilson  brach  deshalb
augenblicklich  den  beschrittenen  Weg  der  Friedensvermittlung
  ab  und  zeigte  sich  entschlossen,  gegen  das
Deutsche  Reich  in  den  Krieg  einzutreten.  Diese  Umschwenkung
  war  eine  so  leidenschaftliche,  erregte,  daß
nur  die  Annahme  sie  verständlich  macht,  daß  der  Beinn
  des  Unterseebootkrieges  fÜr  Wilson  eine  persöniche
  schwere  Enttäuschung  war.

Obgleich  die  Aussichten  Wilsons  auf  eine  Wiederwahl
  nicht  allzu  günstig  waren,  erhielt  er  nach  hartem
Wahlkampf  am  7.  Nov.  1916  bei  den  Wahlmänner
wahlen  276  Stimmen,  während  255  auf  Hughes  fielen.
Der  Süden  und  Westen,  also  die  pazifistisch  gesinnten
Frauenstimmrechtsstaaten  des  Westens  u.  die  neutralistisch
  gesinnten  ackerbautreibenden  Staaten  des  Südens,
  stimmten  für  Wilson;  ebenso  schwenkten  die  Deutschen
  und  Iren  im  Vertrauen  auf  die  neutrale  Haltung
Wilsons  zuletzt  für  ihn  ein  und  gaben  dadurch  die
Entscheidung.  8563  750  Stimmen  lauteten  für  Wilson,
  8162  754  für  Hughes.

Am?.  April  1917ließ  Wilson  den  an  diesem  Tage  einberufenen
  außerordentlichen  Kongreß  eine  Entschliestung
  zugehen,  daß  der  Kriegszustand  mit  dem
Deum  chen  Reiche  bestünde;  der  Senat  stimmte  dem
am  5.  April  mit  82  gegen  5,  das  Nehräsentamtenhans
am  selben  Tage  mit  373  gegen  50  Stimmen  zu.  Am
gleichen  Tage  noch  erfolgte  die  Beschlagnahme  der  im
amerikanischen  Häfen  internierten  deutschen  Schiffe
(die  deutsche  Prise  -Appame  sprach  der  Oberste  Gerichtshof
  am  7.  März  England  zu),  u.  Wilson  unterzeichnete
  am  6.  April  den  Beschluß  über  den  Kriegszustand.
  Freudig  begrüßte  die  Entente  den  neuen
Bundesgenossen;  Frankreich  sandte  Viviani  u.  Joffre
als  außerordentliche  Gesandte,  England  Balfour,
Italien  den  Verkehrsminister  Arlotta.  Nunmehr
        <pb n="389" />
        Vereinigte  Staaten  von  Nordamerika  —  Verkehrswesen

wurde  eine  gewaltige  Rüstung  zu  Wasser  und  zu
Lande  in  größtem  Umfang  aufgenommen:  am  14.
April  nahm  das  Repräsentantenhaus  (am  18.  der
Senat)  eine  7,5  Milliarden  Dollar-Kreditvorlage  an,
am  10.  April  genehmigte  der  Senat  50  Mill.  Doll.
für  den  Bau  von  1000  Handelsschiffen  aus  Holz  zu  je
1000  t;  dann  folgte  am  29.  April  die  Annahme  des
eingebrachten  Militärgesetzes  (Dienstzwang  mit  Auswahl),
  am  4.  Mai  die  Zustimmung  zur  Ausfstellung
einer  Armee  von  1  Million  Mann  bis  zum  Frühjahr
  1918.  Am  20.  Mai  erließ  Wilson  einen  Aufruf
zur  Eintragung  in  die  Listen  der  Wehrpflichtigen  für
den  5.  Juni;  am  28.  Mai  stimmte  das  Repräsentantenhaus
  dem  vorgeschlagenen  Lebensmittelgesetz  zu
(3.  Juni  der  Senat),  am  13.  Juni  willigte  der  Senat
in  das  Spionagegesetz=  Wilsons  ein.  Die  am  23.
Juni  beendete  Zeichnung  auf  die  aufgelegte  Freiheitsanleihe##ergab
  3035,28  Mill.  Dollar.  Am  15.
Juli  bewilligte  das  Repräsentantenhaus  640  Mill.
Doll.  für  den  Bau  von  22000  Flugzeugen.  Es  folgten
weiter  im  Aug.  die  Einbringung  eines  Kriegssteuergesehes
  mit  einem  errechneten  Ertrag  von  2575  Mill.
Doll.  (I.  Okt.  vom  Kongreß  angenommen),  die  Ernennung
  eines  Lebensmittelkontrolleurs  (Hoover),  die
Einführung  eines  Erlanbnisscheines  für  die  Ausfuhr
nach  neutralen  Ländern  und  das  förmliche  Verbot  an
Neutrale,  Waren  weiter  an  die  Mittelmächte  zu  verkaufen
  (28.  Aug.),  die  Bewilligung  weiterer  Kriegkredite
  in  Höhe  von  11.5  Milliarden  Doll.,  eine  Kriegsgewinnsteuer
  von  33  Proz.  (1060  Mill.  Doll.  Ertrag).
Bis  Ende  1918  bewilligten  die  V.  St.  ihren  Alllerten
8585  Mill.  Doll.  Vorschüsse.  —  Die  Ausfuhr  erreichte
  1918  die  Höhe  von  6150  Mill.  Doll.,  gegenüber
einer  Einfuhr  von  3031  Mill.  Doll.  Die  gewaltige
Steigerung  der  Ausfuhr  führte  zu  einer  völligen  Entschuldung
  der  V.  St.:  während  sie  1914  etwa  1500
Mill.  Pfd.  Sterl.  an  Europaschuldeten,  war  bei  Kriegsende
  umgekehrt  Europa  hoffnungslos  an  die  V.  St.
verschuldet.  Auf  die  4  Kriegsanleihen  der  V.  St.  wurden
  19  Milliarden  Doll.  gezeichnet.  Die  Gesamttriegeschuld
  wird  auf  20286  Mill.  Doll.  aengegeben.  ie
Ausfuhr  1914  -  10  26,5  Milliarden  Doll.;zwährend
  die  Gesamtaktivhandelsbilanz  1874—1914  nur
11  Milliarden  Doll.  ausmachte,  betrug  sie  1914—19
allein  16  Milliarden  Dollar.

Fünf  Monate  dieser  nie  dagewesenen  Rüstungen
waren  vergangen,  als  die  Friedensnote  des  Papstes  die
Regierung  der  V.  St.  vor  die  Wahl  stellte,  ob  sie  auf
ihren  Zweck  verzichten  wollte,  wenn  ein  Friedensschluß
möglich  wäre.  Wilson  antwortete  in  seiner  Note  vom
31.  Aug.  1917  klar  u.  unmißverständlich,  daß  erst  der
Zweck  des  Krieges  erreicht  sein  müsse  —  u.  dieser  Zweck
sei  kein  anderer  als  der  Sturz  der  deutschen  Regierung.
So  gingen  die  Rüstungen  weiter.  Im  Sept.  wurde  beschlossen,
  auch  alle  Ausländer  einzuziehen  (12.  Sept.),
die  Zuckerindustrie  unter  Regierungsaufsicht  zu  stellen
(16.  Sept.).  Am  2.  Nov.  kam  ein  Abkommen  mit
Japan  zustande,  in  dem  die  V.  St.  die  besonderen
Interessen  Japans  in  China  anerkannten  u.  mit  dem
Rivalen  Übereinkünfte  betreffs  der  militärischen,  maritimen
  u.  wirtschaftlichen  Zusammenarbeit  im  Kriege
gegen  Deutschland  abschlossen  —  also  ein  vorlänsiger
vollständiger  Verzicht  auf  die  Vorherrschaft  im  Stillen
  Ozean  um  des  europäischen  Geschäfts  willen.  Am
21.  Nov.  traten  Oberst  House  und  General  Ellis  in
den  Obersten  Kriegsrat  der  Entente  in  Versailles  ein.
Am  8.  Nov.  wurde  die  zweite  Kriegsanleihe  abgeschlossen:
  9,4  Mill.  Zeichner  hatten  4617  Mill.  Doll.  ge-359



zeichnet.  Am  17.  Nov.  wurden  neue  einschneidende
Maßnahmen  gegen  die  feindlichen  Ausländer  ergriffen.
  Am  26.  Nov  wurde  der  gesamte  Eisenbahnbetrieb
östlich  von  Chicago  unter  die  Aufsicht  des  Kriegsministeriums
  gestellt.

Bis  Ende  1917  hatten  die  V.  St.  180000  Mann
unter  General  Pershing  nach  dem  europäischen  Kontinent
  geschickt,  die  meisten  dieser  Truppen  waren
jedoch  1917  noch  nicht  frontverwendungsfähig.  Um
so  größer  aber  war  die  wirtschaftliche  Einfuhr  der
V.  St.  für  die  Verbündeten,  vor  allem  aber  die
moralische  Wirkung  ihres  Eintritts  in  den  Krieg.  Im
1.  Vierteljahr  1918  wurden  weitere  179000  rt
amerikanischer  Truppen  nach  Frankreich  gebracht,
dann  aber  im  April  allein  117000,  im  Mai  247000,
im  Juni  276000.  Die  deutsche  Heeresleitung  hatte
diese  Zahlen  für  Bluff  gehalten  und  ihren  Offensivplan
  1918  auf  dem  Gedanken  aufgebaut,  Foch  zum
Einsetzen  und  vorzeitigen  Verbrauch  seiner  Reservearmee
  zu  zwingen  und  dann  mit  der  eigenen  Operationsarmee
  die  Entscheidung  herbeinsführen:  statt
dessen  stießen  die  erschöpften  deutschen  Truppen  auf
die  kompakte  Masse  der  amerikan.  Millionenarmee:
diese  Enttäuschung  führte  zum  moralischen  Zusammenbruch
  der  deurforn  Kampfkraft.  Als  Sieger  nahm
Wilson  die  deutsche  Bitte  um  Wasffenstillstand  und
Frieden  am  5.  Okt.  1918  entgegen,  und  auf  die  von
ihm  verkündeten  Vierzehn  Punkte  (s.  d.)  sollte  der
Friede  aufgebant  werden.

Wilson  begab  sich  selbst  nach  Versailles  zu  den
Friedensverhandlungen,  wo  er  aber  die  Führung  vollständig
  zugunsten  Clemenceaus  verlor.  Dazu  war
sein  E  suß  in  den  V.  St.  selbst  „rchgegangen,  eitdem
  die  Republikaner  nach  den  Wahlen  vom  5.  Nov.
1918  die  Mehrheit  im  Repräsentantenhaus  (231  von
435  Sitzen)  innehatten.  Enttäuscht  kehrte  Wilson  10.
Juli  1919  nach  Amerika  heim;  als  er  dort  auf  einen
entschlossenen  Widerstand  des  Senats  gegen  den  Versailler
  Vertrag  stieß,  brach  er  zusammen  (Ende  Sept.).
Ende  des  Jahres  zogen  sich  die  V.  St.  völlig  von  den
Versailler  Beratungen  zurück,  und  da  der  Senat  noch
immer  nicht  ratifiziert  hatte,  konnten  sie  sich  auch  nicht
an  dem  Austausch  der  Ratifikationsurkunden  in  Versailles
  (10.  Jan.  1920)  beteiligen.  —  Als  die  Wellen
der  europäischen  Revolution  bis  ans  Gestade  der
V.  St.  schlugen,  wurden  Ende  1919  drakonische  Maßnahmen
  gegen  die  Kommunisten  erlassen.  Auch  der
Weltarbeitskongreß,  der  im  November  1919
ohne  die  Deutschen  in  Washington  tagte,  hat  keine
LUösung  der  soßialen  Frage  gefunden.

ber  die  Politik  der  V.  St.  im  Kriege  vgl.  auch  Bd.  J,
S.  45,  Bd.  II,  S.  329,  340,  151  ff.,  165  ff.;  über  die
Kriegsliteratur  u.  Presse  Bd.  II,  S.  335  u.  386.
Vgl.  D.  Schäfer,  Die  Vereinigten  Staaten  als  Weltmacht
  (Berl.  1917);  Penck.  U.  S.-Amerika  (Stuttg.
1917);  E.  Kühnemann,  Deutschland  und  Amerika
(Münch.  1917);  Ed.  Me  B  Nordamerika  und
Deutschland  (Berl.  1915);  Roosevelt,  America  and
the  world  war  (Lond.  1915);  Gerard,  My  four  yeara
in  Germany)  (Neuyork  1917);  Bonn,  Amerika  als
Feind  (Münch.  1917);  Fried,  Pan-Amerika  (1810—
1916)  (2.  Aufl.,  Zürich  1918);  Ed.  Meyer,  Die  Verewigten
  Staaten  von  Amerika  (Frankf.  a.  M.  1920).

ergasung,  s.  Gaskampf.

Verkehrswesen,.  über  die  verschiedenen  Arten
des  B.s  im  Kriege  vgl.=  Eisenbahnen  im  Weltkriege,
Bd.  II,  S.  294;  -Kraftwagen  und  Krastwagenzügee,
Bd.  I.  S.  279;  Etappenwesen-,  Vd.  II,  S.  261;
        <pb n="390" />
        360

„Seekriege,  Bd.  I.  S.  285,  Bd.  II,  S.  238,  Bd.  III,
S.  130;  ir  Bd.  III.  S.  156;  „Feldpost-,
Bd.  III.  S  169;  Nachrichtenweiene,  Bd.  III,  S.  168;
„Nachrichtendienste,  Bd.  I.  S.  349.  —  über  die  Störung
  des  internationalen  Verkehrs  durch  den  Krieg
s.  Bd.  I.  S.  371ff.

Verletzungsnenrose  (traumatische  Neuros
  *  Störung  des  Nervensystems  nach  Verwundungen,
  Unfällen,  aber  auch  infolgevon  Schreck  über  Gasangriffe.
  nahe  einschlagende  schwere  Geschosse,  Fliegerüberfälle
  usw.,  kann  zu  vorübergehenden  oder  dauernden
  Lähmungen  der  Glieder  oder  anderer  Organe
führen  G.  B.  zu  Sprachstörungen),  ferner  Trübsinn,
Wahnvorstellungen,  Zittern,  Zucken  u.  a.  m.  bewirken
(Kriegsneurosen).  Derartige  Zustände  werden
nicht  selten  zur  Erlangung  von  Renten  vorgetäuscht
(Simulationsneurose).

Vermandovillers,  franz.  Dorf  füdwestlich  von
Peronne,  in  der  Sommeschlacht  1916  umkämpft.

Verpflegungswesen,  s.  Bd.  II.  S.  262.

Versailles.  über  den  Frieden  zu  V.  f.  S.  144  .

Verschollenheit,  s.  Kriegsverschollenheit.

Versorgungsauspriche  für  Kriegsteilnehmer,
  (.  Kriegsbeschädigte.

Verstümmelungszulage,  Zulage  zu  den  Renten
und  Pensionen  bei  Verlust  von  Gliedern  (Amputation,
Auge)  oder  schweren  inneren  Verletzungen  (Kopfschuß
u.  a.).

Verwundete.  über  die  Fürsorge  (Verwundetenschulen
  usw.)  für  V.  vgl.  =  Arztl.  Kriegsbeschädigtenfürsorge-,
  S.  175  ff.;  ein  Austausch  kampfunfähiger
Kriegsgefangener  wurde  Januar  1915  durch  Vermittlung
  des  Papstes  eingeleitet;  ein  Austausch  der
über  18  Monate  Gefangenen  wurde  1918  zwischen
Deutschland  und  Frankreich  begonnen,  aber  nach  dem
Wassenstillstand  eingestellt.

Verwunbdetenabzeichen,  März  1918  gestitetes

eisernes  Kriegsabzeichen

#  ohne  Band:  mattgelb
s«"·  bei  fünf-  und  mehrmaliger,
  mattweiß  bei  dreiund

  viermaliger,  schwarz

bei  ein=  und  zweimaliger
dGerwunetenabrelden.  Verwundung-  n  S#e--reich-Ung.
  stiftete  ein  V.

Deutschland.  Osterr-  Ungarn  an  grübrotem  Bande.

Verwundetentrausport.  Aus  dem  Gefecht
werden  Verwundete  von  Krankenträgern  zum  Truppenverbandplatz
  getragen,  von  dort  in  die  Feldlazarette
  auf  Krankenwagen  (.  Bd.  J,  S.  308  ff.)  oder  in
Sanitätsautomobilen  (s.  Bd.  I.  S.  282  ff.)  gefahren.
Die  Weiterbeförderung  zur  Etappe  u.  Heimat  geschieht
in  Lazarettzügen  (l.  d.),  gegebenenfalls  auch  in  Lazarettschiffen
  W  d.).  »

Vesle,  linker  Nebenfluß  der  Aisne,  entspringt  im
Dep.  Marne.  Beim  Vormarsch  gegen  die  Marne
überschritten  die  Deutschen  den  V.-Abschnitt  Ende
Mai  1918,  mußten  ihn  aber  8.  Aug.  wieder  räumen,
worauf  sich  im  Gebiet  der  V.  hartnäckige  Kämpfe  abspielten.
  Vgl.  S.  26  f.  u.  104.

!„Vietolre,  franz.  Zeitung,  1906  als  »La  guerre
sociale  gegr.,  früher  Organ  des  radikalen  Flügels
der  sozialist.  Partei,  seit  Kriegsbeginn  nationalisusch,
von  Gustave  Hervé  geleitet,  1916  in  V.  umbenannt.

Vidalen,  franz.  General,  Kabinettschef  im  Kricgsministerium,
  wurde  Juni  1917  Generalstabschef.

Vidor,  oberital.  Gem.,  am  linken  Piaveufer,  von
den  Italienern  als  Beucckenkopfstellung  ausgebaut,

1
EB  ——.

Verletzungsneurose  —  Viviani

wurde  11.  Nov.  1917  von  deutschen  Truppen  (Armee
Below)  erstürmt,  war  25.—27.  Okt.  1918  einer  der
Übergangspunkte  der  12.  ital.  Armee.

Vielgereuth  (ital.  Folgaria),  Dorf  in  Südtirol,
in  den  Vicentinischen  Alpen.  Im  Gebiet  V.-Lafraun
eröffneten  die  Osterreicher  Mitte  Mai  1916  die  Offenstve
gegen  die  oberital.  Befestigungslinte  zwischen  Etsch
und  Brenta.  Vgl.  S.  113.

Vierzehn  Punkte,  vom  Präsidenten  der  Verein.
Staaten  von  Amerika.  W.  Wilson,  in  seiner  Botschaft
an  den  Kongreß  am  8.  Jan.  1918  aufgestelltes  Friedensprogramm,
  in  dem  er  folgende  14  Forderungen
aufstellte:  1)  Abschaffung  der  Geheimdiplomatie,  2)
Freiheit  der  Meere,  3)  Wirtschaf  bihesbhei  4)  Verminderung
  der  Rüstungen,  5)  unparteiische  Schlichtung
der  kolontialen  Ansprüche,  6)  Räumung  der  besetzten
russ.  Gebiete  u.  Regelung  aller  russ.  Fragen,  7)  Räumung
  und  Wiederherstellung  Belgiens  sowie  8)  der
franz.  besetzten  Gebiete  u.  Rückgabe  Elsaß-Lothringens,
9)  Berichtigung  der  ital.  Grenzen,  10)  autonome  Entwicklung
  der  Völker  Osterreich-  Ungarns,  11)  Räumung
  und  Wiederherstellung  Rumäniens,  Serbiens
und  Montenegros,  Gewährung  eines  Zugangs  zum
Meere  für  Serbien,  12)  Autonomie  der  nichttürkischen
Bölker  der  Türkei,  Internationalisierung  der  Dardanellen,
  13)  Errichtung  eines  unabhängigen  polnischen
Staates  unter  Zusicherung  eines  Zugangs  zum  Meere,
14)  Bildung  eines  Völkerbundes.  Deutschland  nahm
dieses  Programm  in  der  Note  vom  4./5.  Okt.  1918  als
Grundlage  des  Waffenstillstandes  an;  in  seiner  Note
vom  5.  Nov.  1918  machte  aber  Wilson  Vorbehalte
bezüglich  des  Punktes  2  (Freiheit  der  Meere).  Die
Entente  ignorierte  weiter  bei  den  Friedensverhandlungen
  Punkt  1  (Geheimdiplomatie)  und  5  (unparteiische
  Schlichtung  der  kolon.  Ansprüche).  In  diesem
Abweichen  von  der  angenommenen  Grundlage  lag
eine  Rechtsbeugung,  die  den  Frieden  von  Versoailles

um  Gewaltfrieden  stempelte.  Über  Wilsons  Friedensotschaft
  vom  23.  Jan.  1917  f.  S.  356.  Vgl.  S.  144  f.
Viktor  Emannel  III.,  König  von  Italien,
eb.  11.  Nov.  1869  in  Neapel,  Piniger  Sohn  König
Hunbertz,  bestieg  29.  Juli  1900  den  Thron.  Aus
seiner  Ehe  mit  Helene  von  Montenegro  stammen  zwei
Töchter,  Jolande  und  Mafalda,  und  der  Kronprinz
Humbert  (Leiy  von  Piemont,  geb.  15.  Nov.  1904).
—  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  174.

Villiers,  Georges,  Pseudon.  Tardieus,  unter
dem  er  in  Le  Temps“  über  auswärtige  Politik  bis
1917,  wo  er  Kommissar  in  Amerika  wurde,  schrieb.

Visegrad,  Bezirksstadt  in  Bosnien,  Kr.  Sarajewo.
Am  20.  Aug.  1914  wurden  die  Serben  östlich  von  V.
durch  österr.-ungar.  Armeen  und  das  deutsche  Scutartl-Detachement
  geschlagen;  V.  wurde  am  23.  Okt.
1915  von  der  Armee  Koevefs  genommen.

Visier,  Teil  der  Feuerwaffen,  der  dazu  dient,  die
Richtung  des  Rohres  zu  nehmen,  s.  Bd.  II,  S.  280.
Handfeuerwaffen  für  Scharfschützen  erhalten  häufig
Visierfernrohre,  die  das  Ziel  vergrößern  bzw.
aeheranziehen-  —  über  Visiereinrichtungen  für  n
schfe  Bd.  III,  S.  153.

iviani.,  Nené,  franz.  Staatsmann,  geb.  8.  Nov.
1863  in  Sidi  bel-Abbes  (Algerien),  Advokat,  Mitarbeiter
  der  „Petite  République-,  1893  sozialistischer
Deputierter,  1906  —10  Arbeitsminister  im  Kabinett
Clemenceau  und  Vriand.  Am  13.  Juni  1914  üÜbernahm
  er  die  Aeubildung'  des  Kabinells,  in  dem  er
Ministerpräsident  und  Minister  des  Außern  wurde,
und  das  sich  am  27.  Aug.  auf  breiterer  Basis  neu  kon-.
        <pb n="391" />
        Vizekanzler  —  Volkswirtschaft

stituierte.  Nach  der  gescheiterten  Herbstoffensive  1915
legte  B.  sein  Amt  nieder.  1917  ging  V.  in  Sondergeandnschaft
  nach  Amerika.  —  Bild  s.  Bd.  Ubei  S.  53.

Vizekanzler,  um  Kriege  93  geschaffene  Stellung
  eines  Siellvertreters  des  Reichskanzlers;  das  Amt
eines  V.3  versah  1914—15  der  Staatssekretär  des  Innern
  Delbrück,  1916  —17  Helfferich,  1917—18  v.
Payer;  nach  der  Revolution  wurde  zunächst  von  der
Wiederernennung  eines  V.3  abgesehen,  im  Juni  1919
wurde  es  Erzberger,  Okt.  1919  Schiffer,  März  1920

Blamen,  s.  Flamen.  Koch.

Vogesen  (Wasgenwald;  vgl.  Bd.  I.  S.  149  u.
Bd.  II,  S.  16  f.),  waren  besonders  Unfang  1915  der
Schauplatz  großer  Kämpfe;  vgl.  Bd.  I,  S.  208  ff.  sowie
  Bo.  III,  S.  73.

Voigts-Rhetz,  Werner  von,  preuß.  General,
geb.  13.  Jan.  1863  in  Jüterbog,  1906  Stabschef  im
6.  Armeekorps,  1909  Oberst  und  Abteilungschef  im
Allg.  Kriegsdepartement,  1913  Chef  des  Generalstabs
des  Gardekorps,  wurde  3.  Okt.  1914  Generalquartiermeister,
  stard  aber  schon  am  19.  November.

ölkerbund,  auf  Betreiben  Wilsons  durch  den
Friedensvertrag  von  Versailles  1919  gegründete  Staatenvereinigung
  der  gegen  Deutschland  und  die  Miltelmächte
  verbündet  gewesenen  alliierten  u.  assoziierten
Nationen-,  mit  Sitz  in  Genf.  Den  neutralen  Staaten
ist  der  Eintritt  gestattet,  den  ehemaligen  Vierbundsmächten
  nur  mit“  Stimmenmehrheit.  Die  Satzungen
des  V.es  bilden  einen  integrierenden  Bestandteil  der
Friedensverträge  (Art.  1—  26  desjenigen  von  Versailles).
  Organe  des  V.es  sind  die  Bundesversammlung
  und  der  Rat  (4  Alliierte  und  4  andere  Mitlieder),
  dem  ein  ständiges  Sekretariat  beigegeben  ist.
weck  des  B.es  ist  die  Abrüstung,  Erhaltung  der  Unversehrtheit
  der  gegenseitigen  Gebiete,  Erhaltung  des
Sihene:  Kriegshilfe  gegen  ungerechtfertigte  Angriffe,
örderung  der  Schiedsgerichtsbarkeit.

Völkerrecht.  über  das  vor  dem  Kriege  bestehende
V.  s.  Bd.  I.  S.  360  ff.,  über  seine  Anwendung  auf
die  Verwaltung  besetzter  Gebiete  Bd.  I.  S.  429ff.

Volksbeauftragte,  Titel  der  revolutionären
Minister  in  Rußland  (s.  d.),  Deutschland  (s.  d.)  und
Ungarn  (s.  d.),  die  den„Rat  der  V..  bilden.  Nach  Einführung
  der  Notverfassung  kam  der  Titel  in  Deutschland
  wieder  in  Wegfall.

Volksernährung,  s.  Ernährung.

Volkshochschulen.  Zur  Förderung  der  deutschen
B.  wurde  Sept.  1918  eine  deutsche  Gesellschaft  für
Volkshochschulwesen  unter  Leitung  eines  Berliner
Ausschusses  gegründet  (Leitsätze  von  Paul  Natory)

wecks  einheitlicher  Zusammenfassung  aller  Persönichkeiten
  und  Organisationen,  die  in  der  Volkshochschulbewegung
  tätig  sind.  In  Art.  148  der  Reichsverfassung
  vom  51.  Aug.  1919  ist  die  Förderung  der  V.
dem  Reich,  Ländern  u.  Gemeinden  zur  Pflicht  gemacht.

Volkswirtschaft  (vgl.  die  Aufsätze  Bd.  I,  S.
371ff.,  und  Bd.  1I,  S.  388  ff.).  Der  Krieg  revolutionierte
  sofort  bei  Ausbruch  die  gesamte  V.  Nur  durch
Anspannung  aller  Kräfte  gelang  die  sofortige  Umlellung
  der  Friedens=  in  die  Kriegswirtchaft.

  Diese  Umstellung  besog  sich  gleichmäßig  auf

die  Einstellung  der  Arbeitskräfte  in  die  veränderte
B.  auf  Produktion  und  Verbrauch.

Durch  Einziehung  von  Hunderttausenden,  spätlervon

  Millionen  von  Arbeitskräften  wurden  diese

V.  plötzlich  entzogen;  gleichzeitig  aber  machte  sich

in  den  vom  Aus  and  abhängigen  Produktionszweigen

sowie  in  der  gesamten  Luxusindustrie  Arbeitsmangel

361

bemerkbar.  Arbeitslosigkeit  auf  der  einen.  Arbeitermangel
  (bes.  in  Landwirtschaft  u.  Kriegsindustrie)
auf  der  andern  Seite  nötigten  zu  umfassender  Organisation
  des  Arbeitsmarktes  (ambesten  in  Deutschland
  svgl.  Bd.  II.  S.  388  ft!  u.  England  durchgeführt).
Im  Laufe  des  Krieges  hörte  die  Arbeitslosigkeit  —
abgesehen  von  einzelnen  Industriezweigen,  bes.  der
Textilindustrie  —  fast  ganz  auf,  während  der  Arbeitermangel,
  zumal  bei  Durchführung  des  Hindenburgprogramms
  im  Winter  1916/17,  in  der  Kriegsindustrie
  und  Landwirtschaft  immer  schärfer  wurde.
Da  der  Gedanke  der  Zivildienstpflicht  nicht  strikte
durchgeführt  wurde,  zogen  infolgedessen  die  Arbeitslöhne
  stark  an,  und  es  ist  bis  1920  nicht  im
entferntesten  gelungen,  diese  steigende  Tendenz  wieder
um  Aupshalten  zu  bringen,  zumal  die  Teuerung  an.
ielt  und  in  Wechselwirkung  mit  der  Lohnsteigerung
dauernd  höher  stieg.  Da  mit  Kriegsende  obendrein
eine  weitgehende  Unterstützung  der  Arbeitslosen
durchgeführt  wurde,  fehlte  der  Ausgleich  zwischen  Arbeitslosigkeit
  und  Arbeilermangel  (Angebot  u.  Nachfrage).
  Als  einziger  Gewinn  dieser  Entwicklung  ist
aus  der  Kriegswirtschaft  in  die  Friedenswirtschaft  der
Gedanke  binhbergenommen  worden,  daß  zjeder
Deutsche  unbeschadet  seiner  persönlichen  Freiheit  die
sittliche  Pflicht  hat,  seine  geistigen  und  körperl.  Kräfte
so  zu  betätigen,  wie  es  das  Wohl  der  Gesamtheit  erfordert-
  (Reichsverfassung,  Artikel  163).  Zugleich  wird
das  Recht  auf  Arbeit  (Art.  163  Abs.  2)  anerkannt.  —
Die  Produktion  mußte  im  Kriege  möglichst  einschließlich
  auf  den  Kriegsbedarf  (wirtschaftliche  Mobilmachung)
  eingestellt  werden.  Obwohl  gerade  die
deutsche  Industrie  sofort  selbst  in  dieser  Hinsicht  eine
vorbildliche  Initiative  an  den  Tag  legte,  nahm  doch
der  Staat  durch  eine  immer  weitergreifende  Zwangswirtschaft
  die  Führung  in  die  Hand.  Der  Gedanke
war  aber  zunächst  durchaus  vorherrschend,  in  der  Zeit
der  übergangswirtschaft  (Demobilmachung)  diese
Zwangewirt  aft  so  rasch  wie  möglich  wieder  abzuauen.
  Indessen  gewann  durch  den  Sieg  der  Revolution
  der  Gedanke  an  Boden,  die  Kriegs-Zwangswirt.
schaft  in  eine  sozialistisch  organisierte  Gemeinschaft
umzuleiten;  das  Reichswirtschaftsamt  unter  Wissel
kleidete  diese  Ideen  in  das  Programm  der  Planwirtschaft.
  Er  drang  aber  damit  nicht  durch,  vielmehr
  hielt  die  Regierung  grundsätzlich  an  dem  Gedanken,
  die  Kriegsgesellschaften  so  rasch  wie  möglich
abzuhauen,  fest.  lediglich  die  produktiven  Kräfte  (Grund
u.  Boden,  Kohle,  E  erizuät)  sollen  in  weitgehendem
Maße  in  die  Hand  der  Gesanitheit  gebracht  werden:
und  zwar  teils  der  Arbeiter  (Sozialsierung).  teils  des
Staates  (Berstaatlichung)  oder  der  Gemeinden  (Kommunalisierung).
  Nach  Reichsverfassung  Artikel  153
trifft  jedoch  den  Staat  die  Pflicht  der  Entschädigung.
Nicht  weniger  ist  der  Verbrauch  auf  völlig  neue
Grundlagen  gestellt  worden.  Da  infolge  mangelnder
Arbeitskräfte  und  daniederliegendem  Handel  die  Produktion
  gewaltig  zurückging,  trat  sehr  rasch  im  Kriege
Warenmange  b  und  infolgedessen  Warenhunger
ein.  Die  erste  Folge  war  ein  die  Allgemeinheit  schadlgender
  Aufkauf  durch  einzelne  selbstsüchtige  Indiviuen
  (Hamsterei)  und  eine  dauernd  zunehmende-Preissteigerung.
  Erstere  suchte  der  Staat  durch
Verbrauchsregelung  (RNationierung,  staatliche
Zwangsverwaltung  usw.),  letzlere  durch  Höchstpreis.
gesetzgebung  (vgl.  Bd.  J,  S.  427)  und  Wucherdekämpfung
  ((.  auch  Wucher)  zu  unterdrücken;
beide  Maßnahmen  gerieten  oft  in  Widerstreit  mitein-
        <pb n="392" />
        362

ander  und  begünstigten  bisweilen  geradezu  den  irregulären
  Schleichhandel.  Im  ganzen  aber  hat  sich
die  staatliche  Verbrauchsregelung  insofern  bewährt,
als  sie  Deutschland  vor  der  ärgsten  Hungersnot  bewahrte
  und  eine  leidliche  Vorratswirtschaft  zur
Durchführung  brachte.  Als  dauernder  Gewinn  blieb
aus  dieser  Entwicklung  der  Gedanke,  daß  =  Eigentum
verpflichtet.  Sein  Gebrauch  soll  zugleich  Dienst  sein
für  das  Gemeine  Beste-(Reichsverf.,  Art.  153  Abs.3).
Damit  ist  der  Grundgedanke  des  Bürgerl.  Rechts,  die
freie  Verfügungsmacht  des  Eigentümers,  aufgegeben.

Voß,  Werner,  preuß.  Fliegerleutnant,  geb.  13.

Voß  —  Wehrsteuer

April  1897  in  Krefeld,  wurde  Aug.  1915  Flieger,
errang  49  Luftsiege  und  fiel  23.  Sept.  1917.

Vregny,  Gem.  im  franz.  Dep.  Aisne,  nordöstl.  von
Soissons.  Die  Höhen  von  V.  wurden  12./13.  Jan.
1915  von  den  Deutschen  gestürmt;  vgl.  Bd.  L,  S.  190f.

Vrh,  Ort  u.  Höhe  im  Görzischen,  südöstl.  von  Canale,
  war  Brennpunktdes  Kampfes  in  der  11.Isonzoschlacht
  und  wurde  von  den  Italienern  genommen.

Vulkaupaß,  Paß  im  Vulkangebirge  der  Transsylvan.
  Alpen,  wurde  20.  Sept.  1916  von  den  Deutschen
  besetzt,  26.  Sept.  von  den  Rumänen  genommen,
25.  Okt.  zurückerobert.

W

Waffenstillstand,  Vertrag  zwischen  Kriegführenden
  wegen  Unterbrechung  der  Kriegstätigkeit  auf  bestimmte
  Get  für  kurze  Frist:  Waffenruhe;  allgemeiner
  W.  ist  meist  Vorläufer  des  Friedens.  über  die
W.Sverhandlungen  zur  Beendigung  des  Weltkrieges
  s.  S.  138ff.

affen=  und  Munitionsbeschaffungsamt
(Wumba),  s.  Kriegsamt.

Waldow,  Wilhelmvon,  deutscher  Staatsmann,
geb.  30.Okt.  1856  in  Berlin,  1886  98  Landrat,  1896
Oberpräsidialrat  in  Königsberg  i  Pr.,  1899  Regierungspräsident,
  1903  Oberpräsident  von  Posen,  1912
von  Pommern,  1917  bis  Okt.  1918  Präsident  des
Kriegsernährungsamtes.

aldstätten,  Alfred,  Freiherr  von,  österr.=ungar.
  General  (seit  1917),  geb.  v.  Nov.  1872  in
Wien,  bei  Kriegsausbruch  Generalstabschef  der  1.  Armee
  (Dankl),  organisierte  1915  die  Landesverteidigung
  in  Tirol,  war  dann  Generalstabschef  des  20.
Korps,  später  der  7.  Armee,  März  1917  Chef  der
Operationsabteilung  des  Armee-Oberkommandos  u.
Stellvertreter  des  Ceefs  des  Generalstabes  der  gesamten
  bewaffneten  Macht,  leitete  die  Gegenoffensive
in  Ostgalizien  Aug.  1917  und  traf  die  Vorbereitungen
zur  Durchführung  der  12.  Isonzoschlacht.

Waldwolle,  1  Ersaczfalerstoffe.  S.  179.

Waljewo,  Stadt  in  Serbien,  s.  Valjevo.

Wallenberg,  Knut,  schwed.  Finanz=  u.  Staatsmann,
  geb.  1853,  Marineofsizier,  seit  1886  Leiter  des
vcheerlichen  Bankinstituts,  seit  1907  in  der  Ersten
Kammer,  wurde  1914  Min.  d.  Auß.;  s.  a.  Schweden.

Wallraf,  Max,  geb.  18.  Sept.  1859  in  Köln,
1889  Landrat,  1900  Polizeipräsident  in  Aachen,  1903
Oberpräsident  in  Koblenz,  1907  Oberbürgermeister
von  Köln,  1917—18  Staatssekretär  des  Innern.

Wan,  Hauptstadt  des  türk.-asiat.  Wilajets  und
Sandschaks  W.,  wurde  Dez.  1914  von  russ.  Truppen
und  armen.  Banden  besetzt,  11.  Aug.  1915  von  den
Türken  zurückerobert,  die  es  Jan.  1916  verloren,
7.  April  1918  wiedergewannen.

Waugenheim,  Hans,  Freiherr  von,  deutscher
  Diplomat,  geb.  8.  Juli  1859  in  Georgenthal  bei
Gotha,  gest.  25.Okt.  1915  in  Konstantinopel,  bis  1888
Offizier,  1904  Gesandter  in  Mexiko,  vertrat  1908  den
Gesandten  Rosen  in  Tanger,  wurde  1909  Gesandter
in  Athen,  1912  Botschafter  in  Konstantinopel,  wo  er
die  deutsch-türk.  Beziehungen  außerordentlich  festigte.

Warschau  (Warszawa),  Hauptstadt  der  Repu.
blik  Polen  (bis  1916  russisch).  Über  die  Eroberun
W.s  im  August  1915  vgl.  S.  61.  Ende  August
1915  wurde  die  deutsche  Verwaltung  der  besetzten
Teile  Polens  nach  W.  verlegt,  das  der  Sitz  des  Generalgouverneurs

  v.  Beseler,  1917  auch  des  Regentschaftsrates
  und  des  Ministeriums  wurde.  Am  14.  Nov.
wurde  die  Universität  wieder  eröffnet  und  der  poln.
Wissenschaft  erschlossen.  —  Im  Nov.  1918  verließen
die  deutschen  Truppen  fruchtartig  die  Stadt.  W.  wurde
der  Sitz  der  unabhäng.  poln.  Regierung  (s.  Polen).

Wasserbombe,  s.  U-Bootkrieg.  S.  156  f.

Wasserflugzeug,  s.  Flugzeug  und  -Luftkrieg:,

Wasserversorgung  (Trinkwasserversorgung),
  s.  Bd.  I,  S.  304,  Bd.  II,  S.  277  u.  309.

Weddigen,  Otto,  deutscher  Marineoffizier,  geb.
15.  Sept.  1882  in  Herford  (Westfalen),  1912  Kapitänleutnant,
  versenkte  mit  -Ug##  22.  Sept.  1914  nord.
westl.  von  Hoek  van  Holland  drei  engl.  Panzerkreuzer
(Aboukir.,=  Hogue,  -Cressy-)  und  am  15.Okt.  den
engl.  Kreuzer  =  Hawkee,  später  zahlreiche  Handelsschisse
  mit  -U  29-,  auf  dem  er  Ende  März  1915  den
Tod  fand.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  180.

Wegener,  Georg,  Kriegsberichterstatter  im  We.
sten,  geb.  31.  Mai  1863  in  Brandenburg,  Handels.
hochschulprofessor  in  Berlin,  Forschungsreisender  u.
Verf.  von  Der  Wall  von  Eisen  und  Feuer  (1915).

Wehrmann  in  Eisen,  (.  Kriegswahrzeichen.

Wehrpflicht,  die  gesetzliche  Verpflichtung  zur  persönlichen
  Gestellung  für  den  Kriegsdienst,  war  in
Deutschland  geregelt  durch  Art.  57—59  der  Reichs.
verfassung  u.  Gesetze  vom  9.  Nov.  1867,  2.  Mai  1874,
11.  Fetr.  1888,  8.  *  1890,  3.  Aug.  1893,  16.  April
1905.  Sie  zerfiel  in  Militärpflicht,  die  Pflicht,
sich  (mit  dem  20.  Lebensjahr)  der  Aushebung  zu  unterwerfen,
  Dienstpflicht  (Aktive,  Reserve  u.  Landwehr)
  u.  Ersatzreserve.  W.verletzungen  waren
nach  deutschem  RStGB.  unerlaubte  Auswanderung
140  u.  360),  Selbstverstümmelung  (§  142),  Anwendung
  auf  Täuschung  berechneter  Mittel,  um  sich
der  W.  zu  entziehen  Gr  Fahnenflucht  (Desertion).
Die  Ansicht,  daß  in  Preußen  zuerst  die  allgemeine
W.  eingeführt  worden  sei  und  daß  Scharnhorst  und
Gneisenau  ihre  Väter  waren,  ist  irrig.  Die  Genannten
  waren  nur  die  Pflegeväter  einer  schon  vorher
(1794)  in  Kurhessen  verwirklichten  Idee.  Die  allemeine

  W.  wurde  durch  Artikel  173  des  Versailler
Friedensvertrags  in  Deutschland  abgeschafft.

W.  besteht  in  allen  großen  Heeren;  bei  cinigen  ist
Stellvertretung  oder  Loskauf  gestattet.  —  In  Großbritannien
  wurde  eine  neue  Wehrvorlage  Januar
1916  angenommen,  im  Mai  das  Wehrgesetz  über  die
Dienstpflicht  der  Verheirateten  zwischen  18  und  42
Jahren;  vol.  Bd.  II,  S.  317  sowie  Bd.  III,  S.  246.

Wehrstener  (Wehrgeld)  für  militärpflichtige
Männer,  die  den  Militärdienst  nicht  leisten,  kam  1798
in  Frankreich  auf,  wurde  1889  erneuert,  besteht  in  der
        <pb n="393" />
        Weiße  Garde  —  Wilhelm  II.

Schweiz  (Militärpflichtersatz)  seit  1878,  in  Osterreich
  (Militärtaxe)  seit  1880.  Vorübergehend  bestand
  sie  in  Württemberg  von  1868,  in  Bayern  von
1869  an,  fiel  aber  im  Deutschen  Reich,  dessen  Reichstag
  1881  einen  Gesetzentwurf  zur  W.  ablehnte.

Weiße  Garde,  nach  Analogie  der  Roten  Garden
von  den  Bolschewisten  in  Finnland  so  benannte  Regierungstruppen
  unter  General  Mannerheim;  dann
allgemein  Spottname  für  Regierungstruppen.

Weiße  Listen,  Verzeichnisse  der  von  England
eempfohlenen  neutralen  Geschäftshäuser,  wurden  neben
den  Schwarzen  und  Grauen  Listen  herausgegeben;  vgl.
Bo.  II,  S.  333.

Wekerle,  Alexander,  ungar.  Staatsmann,  geb.
14.  Nov.  1848  in  Moör  (Komitat  Stuhlweißenburg),
1886  Unterstaatssekretär,  1889  Finanzminister,  1892
bis  1894  Ministerpräsident,  1897—1906  Präsident
des  Verwaltungsgerichtshofs,  gründete  1904  den
Mitteleuropäischen  Wirtschaftsverein,  war  1906—10
und  Aug.  1917  bis  Okt.  1918  wieder  Ministerpräsident.

Welthandelsflotte.  Vor  Kriegsausbruch  1914
umfaßte  die  W.  45  404000  Brutto-Reg.-T.,  nach
Kriegsende  1919:  47897000.  Da  die  Normalzunahme
  in  diesen  5  Jahren  9  966  000  t  betragen  haben
würde,  so  ergibt  sich  ein  Rückstand  von  5  Prozent

(-—  7473000  t).  —  Eine  übersicht  über  die  Entwicklung

  der  Dampferflotten  der  einzelnen  Länder
  ermöglicht  die  folgende  Tabelle:

Land  Junt  1014  Junii919  Unterschled  1914—19
in  1000  Br.-Neg.-T.  in  1000  t]  v.  H.

England  18892  16445  –2847  1
Brit.  Dominions  1632  180o8  1
120  ———.

Verein.  Staaten  l  22600  ¼21100  —  100
ÖOsterreich  Ungarn  1052  713)  3839  32,2
Danemart.  .  ..  770  631  —  139  18,1
Franerecth  82  1962  40  2,1
Deutschland  5135  3247  1888  36,,0
Griechenkand.  #  21  281  530  6%
Niederlanbe  ...  1472  1574  102  6,0
Italen  1430  138  —  1929913"
Japnan  1708  2325  z  617  6.1
Norweget..  19571597  —  3600%
Spaniern  «  684  700  175  —  19,6
Schweden  1015  917  —  98  –  0.7
Andere  ränder  2427  28532  -125|  5.  3½
Zusammen:  45404%  4  2%  K  5,5

1  Ozeandampfer.  —  2  Große  Seedampfer.

Der  nichtenglische  Schiffsraum  betrug  im  J.  1914
26512000,  1919:  31552000  Brutto-Reg.-T.,  nahm
also  um  19  Prozent  zu.  —  Die  Segelflotte  der
Welt  sank  im  gleichen  Zeitraum  von  4050000  auf
3022000  Brutto-Reg.-T.—  Vgl.  auch  Art.  Seemächte.

Weltschiedsgerichtshof  zur  Beilegung  aller
Streitigkeiten  unter  den  Nationen,  wird  in  Artikel  14
der  Völkerbundsatzung  geplant,  den  Entwurf  dazu
soll  der  Rat  des  Völkerbundes  ausarbeiten.

Weltwirtschaft.  über  die  Lage  der  W.  vor  dem
Kriege  und  über  ihre  Beeinflussung  durch  den  Krieg
s.  Bd.  I,  S.  371  ff.;  vgl.  auch  Volkswirtschaft.  1918
wurde  bei  der  Universität  Kiel  ein  =  Institut  für  Seeverkehr
  und  W.=  eröffnet.

Weniselos,  s.  Venizelos.

Westindien.  Dänisch-W.  wurde  31.  März  1917
an  die  Vereinigten  Staaten  verkauft.

Wetterlé,  Emil.,  elsäss.  Politiker,  geb.  2.  April
1861  in  Kolmar,  seit  1893  kath.  Priester  und  Redakteur
  franz.  Zeitungen,  kam  1898  in  den  Reichstag,

363

1900  in  den  elsaß-lothr.  Landesausschuß  und  1911  in
die  Zweite  Kammer.  Seine  deutschfeindlichen  Reden
in  Frankreich  trugen  ihm  1913  die  öffentliche  Mißbilligung
  der  Zentrumspartei  ein.  Seit  Beginn  des
Krieges  als  Pariser  Redakteur  in  deutschenhetzerischer
Weise  tätig,  kehrte  er  Dez.  1918  nach  dem  Elsaß  zurück.

Wetterwarten.  Die  Beurteilung  der  Wetlerverhältnisse
  hat  rößte  Bedeutung  für  Luftfahrt  und  Flugtechnik,
  für  Cazangrifse  sowie  für  das  Schießen  mit
schweren  Geschützen.  Deshalb  waren  in  den  Kampfgebieten
  W.  (Feldwetterstationehherrichtet,  deren
Meldungen  suntentel  grapbisch  verbreitet  wurden.

Wichura,  preuß.  General,  wurde  1874  Leutnant,
1912  Divisionskommandeur,  siegte  mit  Lochow  bei
Soissons  Januar  1915,  wurde  1916  Führer  des
8.  Reservekorps,  März  1917  General  der  Infanterie.

Wiederaufbau.  Der  W.  der  zerstörten  Gebiete
in  Frankreich  u.  Belgien  wurde  durch  Artikel  231  dez
Friedensvertrags  von  Versailles  Deutschland  auferlegt;
  die  Leitung  des  W.es  ist  jedoch  einzig  dem  von
der  Entente  einzusetzenden  „Wieergutmächungsauzschuß=
  (Artikel  233;  Vors.:  bis  Mai  1920  Poincarc)
vorbehalten:  Deutschland  hat  nur  den  Schaden  zu  besabten.
  event.  Arbeiter  zu  gestellen.  Die  Heranziehung

er  deutschen  Kriegsgefangenen  zum  W.  erfolgte  1919
durch  Belgien  und  Frankreich  gegen  den  Vertrag,
ebenso  versuchte  Frankreich  vertragswidrig  die  Frage
der  Heimsendung  der  Kriegsgefangenen  mit  der  Frage
des  W.es  zu  verquicken,  drang  damit  aber  nicht  durch
(Notenwechsel  November  1919).  In  Deutschland
wurde  Oktober  1919  ein  Reichsministerium  für
W.  (bis  1920  unter  dem  früheren  Oberbürgermeister
von  Nürnberg.  Geßler)  errichtet.  Ebenso  bestehen  in
Frankreich  und  Belgien  Ministerien  für  W.

Wiedergutmachung  (reparation),  bereits  seit
1916  von  Frankreich  verkündetes  Kriegsziel.  S.  auch
Wiederaufbau.

Wilbd  von  Hohenborn  (bis  1900:  Wild),  preuß.
General,  geb.  8.  Juli  1860  in  Kassel,  seit  1898  im
Generalstab,  1914  Direktor  des  Allg.  Kriegsdepartements
  im  Kriegsministerium,  Jan.  1915  Generalleutnant
  und  preuß.  Kriegsminister,  wurde  Nov.  1915
Generalquartiermeister,  Okt.  1916  Führer  des  16.
Armeekorps.  —  Bild  s.  Bd.  I  bei  S.  23.

Wilhelm  II.  (Wilhelm  Friedrich  Viktor
Albert),  deutscher  Kaiser  und  König  von
Preußen,  geb.  27.  Jan.  1859  in  Berlin  als  ältester
Sohn  des  damaligen  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm,
nachmaligen  Kaisers  Friedrich  III.  Seit  9.  März
1888  Kronprinz,  übernahm  er  15.  Juni  die  Regierung,
  beeinflußte  die  Staatsverwaltung  wesentlich
mehr  als  sein  Großvater  und  nahm  durch  kohtreiche
öffentliche  Reden  persönlich  Stellung  zu  den  Tagesfragen.
  Dies  erschwerte  die  verantwortliche  Staatsleitung,
  u.  Bismarck  trat,  hierzu  von  W.  aufgefordert,
20.  März  1890  zurück.  Unter  Caprivi  stütztesich  die  Regierung
  in  der  innern  Politik  auf  die  Linksliberalen.
unter  Hohenlohe  besaß  der  Kaiser  selbst  die  tatsächliche
Leitung  der  Politik;  unter  Bülow  wurden  seine  unmittelbaren
  Eingriffe  seltener,  u.  nachdem  im  Okt.  1908
die  Veröffentlichung  polit.  Gespräche  mit  Ausländern
in  der  engl.  Presse  die  Gefährlichkeit  solcher  Offenher.
zigkeit  dargetan  hatte,  machte  sich  größere  Zurückhaltung
  bemerkbar.  W.  weckte  das  Interesse  des  Volkes
für  Marinze  und  wurde  Schöpfer  der  deutschen  Flotte.
förderte  Schulreform  und  Sozialgesetzgebung  und
suchte  das  geistige  Leben,  namentlich  die  Kunst  (Bauten,
Malerei.  Holtsgesang)  zu  beeinflussen.  Auf  zahlrei-
        <pb n="394" />
        364

chen  Reisen  besuchte  W.  wiederholt  die  auswärtigen
Höfe,  unternahm  außer  jährlichen  Nordlandsreisen
Fahrten  nach  Palästina  (1898)  und  nach  Marokko
(1905).  Trog  seiner  Vorliebe  für  säbelrasselnde  Demonstrationen
  (Krügertelegramm.,  Agadir  u.  a.)  und
seinen  oftmals  drohenden  Reden  förderte  er  nach  Kräften
  den  Frieden,  allerdings  stark  beeinflußt  von  der
Sorge  um  die  eigne  Dynastie.  Da  er  es  nicht  verstand,
  bedeutende  und  verantwortungsfreudige  Männer
  auszuwählen  und  an  sich  zu  ziehen,  unterstand
er  dem  Einfluß  der  Kabinette  und  Hofgenerale.

Als  im  Juli  1914  der  europ.  Brand  auszubrechen
drohte,  bemühte  sich  W.  vergeblich  um  die  Beschränkung
des  Brandherdes  und  erklärte  schließlich,  in  Bundestreue
  zu  Osterreich,  angesichts  der  Bedrohung  Deutschlands
  durch  die  russ.  Mobilmachung  den  Angreifern
den  Krieg.  Seine  Kundgebungen  an  die  Berliner  Bevölkerung
  sowie  an  das  deutsche  Volk,  an  Heer  und
Flotte  bekundeten  die  gemeinsame  Überzeugung  vom
aufgezwungenen  Krieg  und  die  Notwendigkeit  der  Verteidigung
  bis  zum  Außersten.  Im  Kriege  stand  bei
ihm  als  dem  „Obersten  Kriegsherrn  die  letzte  Entscheidung
  in  allen  Fragen  der  Heerführung  und  Seekriegsleitung,
  er  tratjedoch  hierin  wenig  hervor,  wollte
sich  allerdings  auch  nicht  die  oberste  Leitung  nehmen
lassen,  berief  daher  1916  nur  notgedrungen  Hindenburg
  an  die  Spitze  des  Heeres,  1918  Scheer  an  die
der  Marine.  Eine  trotz  seiner  Impulsivität  vorhandene
  Scheu  vor  Verantwortung  wirkte  vor  allem  bei
der  Zurückhaltung  der  Seeflotte  mit.

Ohne  die  Einwilligung  des  Kaisers  abzuwarten,
verkündete  Prinz  Max  von  Baden  am  9.  Nov.  eigenmächtg
  seine  Ubankung.  W.  floh  nach  Holland,  wo
er  in  Amerongen  bei  Graf  Bentinck  Zuflucht  fand.
Nach  Ausbruch  der  Revolution  wurden  von  Wien  aus
seine  Briefe  über  Bismarcks  Sturz,  von  Petersburg
aus  seine  Briefe  an  Zar  Nikolaus  (deutsch  hrsg.  von
W.  Götz,  Berl.  1920)  veröffentlicht,  dagegen  gelang
es  W.,  die  Herausgabe  des  8.  Bandes  von  Bismarcks
  „Gedanken  und  Erinnerungen=  durch  gerichtliches
  Urteil  zu  unterdrücken.  Am  16.  Jan.  1920  verlangte
  die  Entente  von  Holland  die  Auslieferung  W.3
als  Kriegsverbrechers-,  doch  lehnte  Holland  zweimal
entschieden  ab.

t  27.  Febr.  1881  vermählt  mit  Auguste  Biltoria,
hat  W.  6  Söhne  u.  eine  Tochter.  Bild  s.  Bd.  Ibei  S.22.

Vgl.  Kaiserreden.  Reden  und  Erlasse,  Briefe
und  Telegramme  Kaiser  Wilhelms  II.=  (Leipz.  1902)
Liman,  Der  Kaiser  1888  —1909  (neue  Ausg,,  das.
1909);  Obst,  Kaiser  W.  II.  Kaiserin  Auguste  Viktoria
(Bresl.  1904);  K.  Lamprecht,  Der  Kaiser  (Verl.1913).

Wilhelm,  1)  Kronprinz  des  Deutschen  Reiches
  und  von  Preußen,  geb.  6.  Mai  1882,  Sohn
Wilhelms  II.  Bei  Ausbruch  des  Weltkrieges  1.  Aug.
1914  zum  Generalleutnant  befördert,  erhielt  er  die
Führung  der  5.  Armee  im  Westen,  mit  der  er  die
Siege  von  Longwy  (22.  Aug.)  u.  Longuyon  (24.  Aug.)
erfocht  und  wurde  Jan.  1917  General  der  Infanterie,
26.  Sept  1915  erhielt  er  die  Führung  einer  Heeresgruppe,
  führte  aber  bis  1.  Dez.  1916  die  6.  Armee
gleichzeitig  weiter.  W.  floh  9.  Nov.  1918  nach  Holland
(Vieringen)  u.  bot  sich  Febr.  1920  der  Entente  für  die
00  zur  Auslieferung  Eingeforderten  an.  —  Seit
6.  Juni  1905  mit  Cecilie  von  Wecktenburg  (geb.  20.
Sept.  1886)  vermählt,  hat  er  4  Söhne  u.  1  Tochter.  —
W.  veröffentl.:  Aus  meinem  Jasdtagebch  (1.—27.
LAust.  Stuttg.  1912).  —  Bilo  s.  Bd.  1  bei  S.  187.  —
Vgl.  P.  Liman,  Der  Kronprinz  (Berl.  1914).

Wilhelm  —  Winker

2)  Friedrich  Heinrich,  Prinz  zu  Wied,  Fürst
(Mbret)  von  Albanien,  geb.  26.  März  1876  in
Neuwied,  nahm  am  3.  Nov.  1913  die  Kandidatur  für
den  alban.  Thron  an,  zog  7.  März  1914  in  Durazzo
ein,  erließ  12.  März  die  Prollamation  seiner  Thronbesteigung,
  mußte  aber,  den  Aufständischen  gegenüber
  machtlos,  schon  2.  Sept.  Albanien  (s.  d.)  wieder
verlassen,  trat  14.  Okt.  ins  deutsche  Heer  zurück  und
wurde  als  Major  à  la  suite  dem  Generalstab  zugeteilt.

Wille,  Ulrich,  schweizer.  General,  geb.  1848  in
Meilen  bei  Zürich,  wurde  nach  Dienstleistung  im  deutschen
  Heere  Organisator  der  modernen  schweizerischen
Armee.  1914  Oberstkorpskommandant  des  3.  Korps,
wurde  W.  am  3.  Aug.  zum  Oberkommandierenden
der  Schweizer  Bundestruppen  gewählt  und  zum  General
  ernannt.

Wilna,  Gouvernementshauptstadt  in  Litauen,
wichtiger  Bahnknotenpunkt,  wurde  18.  Sept.  1915
von  der  Armee  Eichhorn  besetzt;  vgl.  S.  65.

Witlson,  1)  Thomas  Woodrow,  Präsident  der
Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  geb.  28.  Dez.  1856
in  Staunton  (Virginia),  von  schott.ir.  Abstammung,
Rechtsanwalt  in  Atlanta  (Georgia),  1885—88  Prof.
der  Gesch.  u.  Nationalökonomieam  Frauencollege  Bryn
Mawr  bei  Philadelphia,  dann  an  der  Wesleyan-Univ.,
1890—1910  Prof.  der  Rechtswissensch,  an  der  Princeton-Univ.,
  1902  deren  Präsident,  1911—13  Gouv.
(Demokrat)  des  Staates  New  Jersey,  Nov.  1912  für
1913—16  sowie  1916  für  1917—20  zum  Präsidenten
  gewählt,  wohnte  Dez.  1918  bis  Juni  1919  den
Friedensverhandlungen  in  Versailles  dei  (vgl.  S.  144)
und  erkrankte  nach  der  Rückkehr  geistig  schwer.  Über
seine  widerspruchsvolle  polit.  Haltung  vor  u.  im  Kriege
s.  Verein.  Staaten  sowie  Bd.  II,  S.  150—174.  Guter
Kenner  der  engl.  Geschichte,  mit  der  deutschen  nicht  vertraut,
  schrieb  er:  Thestate.  (1889,  neue  Ausg.  1912;
deutsch,  Berl.  1918),  -Division  and  reunion,  1829—
1909.  (1893,  neue  Ausg.  1909),  die  Biogr.  „  George
Washington-  (1897,  letzte  Ausg.  1913),-Historyot
the  American  people“  (1902,  5  Bde.),  =  Consritutional
  government  in  the  United  States-  (1908),
„Thenev  freedom.  (1913;  deutsch,  Münch.  1914)  u.  a.
Val.  W.  B.  Hale,  Woodrow  W.  The  story  of  his
Lite:  (Neuyork  1912).  Seine  Kriegsreden  erschienen
u.  a.  1918  in  Zürich.  —  Bild  s.  bei  S.  226.

2)  Sir  Henry  Hughes,  engl.  General,  geb.  5.
Mai  1864  in  Edgeworthstown  (Irland),  focht  in
Birma,  Indien,  Südafrika,  war  1904—06  stellvertretender
  Direktor  des  Generalstabsdienstes  im  Kriegsministerium,
  1907—  10  Kommandant  des  Stass
College,  seit  1910  und  während  der  ganzen  Kriegsdauer
  Chef  des  Operationsbureaus  im  brit.  Hauptquartier,
  wurde  Juni  1919  Feldmarschall.

Windau  (Windawa),  Kreisstadt  im  rufs.  Gouv.
Kurland,  an  der  Ostsee,  wurde  18.  Juli  1915  nach
schwerem  Kampf  von  der  Armee  Below  belegt.

Windhuk  (Windhoeh)  Hauptortin  Deutsch-Südwestafrika,
  im  Damaraland.  Durch  den  Rückzug  der
Deutschen  nach  der  Schlacht  bei  Gibeon  28.  April  1915
wurde  der  Weg  von  Süden  her  nach  W.  freigelegt,  in
das  die  Engländer  12.  Mai  einzogen.

Windsor,  Stadt  in  Berkshire  (England)  mit  dem
Königsschloß  W.  Castie  (seit  Eduard  III.);  nach  letzterem
  nahm  dasengl.  Königshaus  17.  Juni  1917  unter
Ablegung  des  Namens  Coburg  den  Namen  W.  an.

Winker,  Hibt  durch  zwei  Vinkerflaggen  Signale.
  Der  Winkerdienst  hat  in  diesem  Kriege  nur
zur  See,  kaum  aber  zu  Lande  Bedeutung  gehabt.
        <pb n="395" />
        Winterfeld  —  Wurm

Winterfelb,  Hans  von,  preuß.  General,  geb.
27.  Febr.  1857  in  Prenzlau,  1902  Chef  des  Generalstabes
  des  7.  Armeekorps,  1905  Oberst.  1912  Generalleutnant
  u.  Komm.  der  17.  Div.,  1914  Gouverneur
von  Metz,  Nov.  1918  Bevollmächtigter  in  der  Waffenstillstandsdelegation,
  dann  bis  Jan.  1919  Vorsitzender
der  Waffenstillstandskommission  in  Spa.

Winterschlacht,  1)  in  der  Champagne,  s.  Champagne;
  2)  in  Masuren,  s.  Masuren.

Wirballen,  Grenzstadt  im  russisch-poln.  Gouv.
Suwalki,  wo  das  1.  deutsche  Armeekorps  die  gegen
Gumbinnen  vordringenden  Russen  20.  Aug.  1914
schlug.  Am  14.  Sept.  wurde  W.  von  den  Deutschen
besetzt,  später  jedoch  wieder  geräumt.  Während  der
Winterschlacht  in  Masuren  wurde  es  10.  Febr.  1915
von  den  Deutschen  erstürmt.  Vgl.  Bd.  I.  S  199.

Wirtschaftskrieg,  s.  Bd.  I.  S.  376  f.  Vgl.  auch
Bd  II.  S.  335  ff.  sowie  Pariser  Wirtschaftskonferenz.

Witte,  Graf  Sergei  Juliewitsch.  russ.  Staatsmann,
  geb.  29.  Juli  1849  in  Tiflis,  gest.  18.  März
1915,  Eisenbahnbeamter,  1892  Verkehrs-,  1893  Finanzminister,
  1903  als  Präsident  des  Ministerkomitees
seiner  politischen  Einwirkung  beraubt,  schloß  1905  den
Frieden  mit  Japan,  wurde  der  erste  Ministerpräsident
der  konstitutionellen  Monarchie,  mußte  aber  1906
wegen  seiner  Deutschfreundlichkeit  zurücktreten.

oẽvre,  Landschaft  (Hochebene)  im  franz.  Dep.
Meuse,  östl.  von  Verdun,  war  bes.  Aug.  und  Sept.
1914,  April  1915  und  in  der  Verdunschlacht  März
1916  Schauplatz  schwerer  Kämpfe.  Vgl.  Bd.  I,  S.  206,
Bo.  II,  S.  194  sowie  Bd.  III,  S.  73.

Wohltstigkeitsbriefmarken,  s.  Kriegsbriefmarken.


Wöhrle,  Oskar,  geb.  1890  zu  St.  Ludwig  i.  E.,
Kanonier  und  Schriftleiter  bei  der  Zeitung  der  10.
Armec,  schrieb  die  volkstümlichsten  Soldatenlieder:
»Als  ein  Soldat  in  Reih'  und  Glied  (Berl.  1915;
darin  das  Bumserliede  und  »Adjes,  es  geht  zum
Sterbene),  auch  Geschichten:  „Soldatenblute.

„Wolf.,  deutscher  Hilfskreuzer,  der  von  Nov.  1916
bis  23.  Febr.  1918  diefeindliche  Landelsschifahrt  unter
Fregattenkapitän  Nerger  schädigte  und  mit  700  Gefangenen
  heimkehrte.

Wolff,  Kurt,  preuß.  Fliegeroffizier,  geb.  1895
in  Greifswald,  April  1915  Leutnant,  Anfang  1916
Flugzeugführer,  Nov.  1916  in  Richthofens  Jagdstaffel
11,  seit  d  1917  ihr  Führer,  fiel  als  Oberleutnant
am  15.  Sept.  1917  nach  mehr  als  40  Luftsiegen.

Wolff-Metternich,  Graf  Paul  zur  Gracht,
deutscher  Diplomat,  geb.  5.  Dez.  1853  in  Bonn,  nach
mehrjähriger  Tätigkeit  als  Botschaftssekretär  in  Paris,
Brüssel  und  London,  1896  Generalkonsul  in  Kairo,
war  1901—12  Botschafter  in  London,  worauf  er  sich
aus  dem  diplomatischen  Dienst  zurückzog.  Als  Nachfolger
  des  Freiherrn  v.  Wangenheim  wurde  W.  im
Nov.  1915  Bolschafter  in  Konstantinopel.

Wolffs  Telegraphisches  Bureau  (W.  T.  B.),
1849  von  Bernhard  Wolff  in  Berlin  gegründet,  wurde
1874  Aktiengesellschaft  (Continental-Telegraphen=Conpagnie)
  Vgl.  auch  Bd.  J,  S.  351  und  374.

Wolfsgrube,  ein  enges,  bis  1/#80  m  tiefes.  kegelförmiges
  Loch,  das  am  Grunde  eine  starke,  aufrecht
stehende  Holz=  oder  Eisenspitze  trägt.  Vgl.  Tafel
„Schützengräben  IIIe,  Fig.  1  in  Bd.  L,  S.  275.

Wolhynisches  Festungsdreieck,  Bezeichnung
kur  die  drei  Festungen  Luzk,  Dubno  und  Rowno.  Es

atte  den  Zweck,  den  Truppenaufmarsch  gegen  Galizien
und  die  Bahnlinie  Kiew-Warschau  zu  decken  sowie

365

die  Zugänge  durch  das  Sumpfgebiet  des  Poljeßje  von
Süden  zu  sperren  und  die  Flußabschnitte  der  Ikwa,
des  Styr  und  Gorge  zu  verstärken.

Wohrsch,  Remus  von,  preuß.  General,  geb.
4.  Febr.  1847  in  Pilsnitz  (Schlesien),  nahm  an  den
Feldzügen  von  1866  und  1870  (bei  St.  Privat  schwer
verwundet)  teil,  wurde  1894  Oberst,  1901  General.
leutnant,  1904  kommand.  General  des  6.  A.-K.,  1906
General  der  Infanterie,  1911  zur  Disposition  gestellt.
Aug.  1914  Führer  des  schlesischen  Landwehrkorps,
Nov.  Generaloberst.  führte  W.  seit  14.  Okt.  1914  eine
Armeegruppe  zwischen  Hindenburg  und  den  Österreichern,
  nahm  im  Juli  1915  die  russ.  Stellungen  bei
Sienno  und  an  der  Ilzanka,  eroberte  Radom  und
nach  Erzwingung  des  Weichselübergangs  Iwangorod
und  bildete  im  Raum  von  Baranowiischi  den  rechten
Flügel  der  Heeresgruppe  Prinz  Leopold  von  Bayern,
dessen  Heeresgruppe  er  29.  Aug.  bis  31.  Dez.  1916
führte.  Am  31.  Dez.  1917  schied  W.  aus  dem  Dienst,
wurde  im  Jan.  1918  Generalfeldmarschall  und  Febr.
1919  Führer  der  deutschen  Südarmee  gegen  Polen.
—  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  194.

W.  T.  B.,  s.  Wolffs  Telegraphisches  Bureau.

Wucher.  Die  Bestimmungen  des  bürgerl.  Rechts
(BGB.  8  138)  und  des  Strafgesetzbuchs  (§  302)  erwiesen
  sich  im  Kriege  als  völlig  unzureichend;  man
schritt  daher  zu  einer  besondern  W.-Gesetzgebung  (Errichtung
  von  Kriegswucherämtern,  15.  März  1918)
u.  Einsetzung  von  besonderen  Wuchergerichten  (Jan.
1920).  Der  W.  wurde  auch  durch  die  Reichsverfassung
vom  11.  Aug.  1919  (Nrt.  152)  verboten.  Vgl.  Bd.  1,
S.  428,  Bd.  II,  S.  405.  .

Wukotitsch,  Janko,  montenegrin.  Generalissimus,
  Schwager  des  Königs  Nilita,  streckte  mit  der
Armee  Jan.  1916  in  Cetinje  die  Waffen.

Wumba,  §.  Kriegsamt.  —

Wunden.  über  Wundbehandlung  s.  Kriegschirurgie-,
  Bd.  II,.  S.  300fff.

Wundstarrkrampf,  svw.  Tetanus.

Wurfgranaten,  nicht  aus  Geschützen  abgefeuerte
granatartige  Sprenggeschosse,  werden  insbes.  aus  Granatwerfern
  (s.  d.)  #schleudert.  Weiter  gehören  dazu
Gewehrgranate  (s.  d.)  und  Handgranate  (s.  d.).

Wurfmaschinen,  nicht  mittels  Treibladung  wirkende
  Vorrichtungen  zum  Schleudern  von  Geschossen.
Signalmitteln  usw.,  bedienen  sich  der  Federkraft.  Vgl
Granatwerfer  und  Signalwerfer.

Wurfminen,  mit  starkem  Sprengstoff  gefüllte
Hohlgeschosse,  werden  aus  dem  Minenwerfer  (s.  d.)
geschleudert.  Man  unterscheidet  leichte,  mittlere
und  schwere  W.;  die  beiden  letzteren  sind  Flügelminen,
  d.  h.  sie  tragen  am  Hinterende  flügelartige
Vorsprünge,  damit  sie  sich  in  der  Luft  nicht  Überschlagen,
  vielmehr  mit  dem  Kopf  zuerst  auftressen.  Die
wichtigsten  W.  sind  Sprengminen  (mit  ungeheurer
Sprengwirkung),  andere  sind  Gasminen  (vgl.  Gaskampf),
  Brandminen,  Nebelminen  (s.  Nebel,
künsticher  und  Nachrichtenminen.

urm,  1)  Emanuel,  deutscher  Sozialist.  geb.  16.
Sept.  1857  in  Breslau,  gest.  Mai  1920,  Chemiker,  seit
1890  im  Reichstag,  trat  im  Kriege  der  U.  S.  P.  D.  bei
und  war  Nov.  1918  bis  Jan.  1919  Reichsernährungsminister.
  —  2)  Wenzel,  Freiherr  von,  österr.-ungar.
  General,  geb.  1859  in  Prag-Karolinenthal,
bei  Kriegsausbruch  kommandierender  General  in  Rausa

  (16.  Korps),  schlug  ein  Jahr  hindurch  die  Ein-Hir
  der  Montenegriner  und  Serben  ab,  trat  1916
die  Armee  Boroevie  an  der  Isonzofront  ein,  wurde
        <pb n="396" />
        366

Nov.  1917  Generaloberst  und  befehligte  in  der  12.
Isonzoschlacht  eine  Armee,  die  siegreich  in  Venetien
vordrang.  In  der  Piaveschlacht  15.—  28.  Juni  1918
hatte  W.  am  unteren  Piave  den  Hauptstoß  zu  führen,
mußte  aber  Ende  Okt.  den  Rückzug  antreten.
Württemberg.  Miuen  im  Kriege,  am  6.  Okt.
1916,  beging  König  Wilhelm  von  W.  das  Fest  seiner
25jährigen  Regierung.  Er  stiftete  1915  ein  Wilhelmkreuz=
  für  Heimatverdienste,  1916  ein  -Charlottenkreuze.
  Der  Thronfolger,  Herzog  Philipp  von  W.,
starb  11.Okt.  1917  im  Alter  von  79  Jahren  in  Stuttgart,
  sein  Sohn  Herzog  Albrecht  (geb.  23.  Dez.  1865),
seit  Kriegsbeginn  als  Generaloberst  (1916  General-=feldmarschall)
  und  Führer  der  4.  Armee  (1917  einer
Heeresgruppe  in  Flandern,  1918  in  Lothringen  und
Elsaß)  im  Felde,  wurde  Thronfolger.  Ministerpräf.
war  1906—18  v.  Weizsäcker,  im  Nov.  1918  Liesching.
Aus  der  Gesetzgebungsarbeit  sind  folgende
neue  Staatsgesetze  aufzuzählen:  1914  Arbeitslosenversicherungsgesetz,
  Errichtung  einer  Landespolizeistelle,
  Gesetz  über  das  Besteuerungsrecht  der  Gemeinden
  und  Amtskörperschaften,  Lichtspielgesetz,  kleine-Gemeindesteuerreform,
  Gesetz  betr.  Zuschlag  zur
Reichserbschaftssteuer;  1915  Verlängerung  des  Denkkuawchutge
  bis  1917  (1916  nochmals  bis  1918
verlängert),  awachssteuergeseg.  Gerichtskosten=  und
Notariatsgebührengesetz,  Moorgenossenschaftsgesetz;
1916  Einführung  der  Fleischkarten,  Butterkarten

Württemberg  —  Zahnheilkunde

usw.,  Anderung  des  Berggesetzes  (Schürfung  auf
Steinsalz,  Eisen  und  Eisenerz  dem  Staat  vorbehalten),
  Errichtung  eines  Kriegswirtschaftsamts.  —  1915
spaltete  sich  von  der  Sozialdemokratischen  Partei  u.
Fraktion  eine  „Sozialisthie  Vereinigung=  (Zimmerwalder
  Richtung);  sie  verfügte  im  Landtag  über
3  Sitze.  Am  21.  Dez.  1915  wurde  Graf  Zeppelin
von  der  Ritterschaft  einstimmig  zum  Mitglied  der
Ersten  Kammer  gewählt.

Am  9.  Nov.  1818  wurde  W.  als  Republik  ausgerusen,
  die  Regierung  übernahm  ein  sozialdemokr.=vürgerliches
  Ministerium  Blos;  nachdem  der  König
am  30.  Nov.  auf  den  Thron  verzichtet  hatte,  fanden
am  12.  Jan.  1919  die  Wahlen  zur  Landesversammlung
  statt  (52  Sozialdem.,  38  Demokraten,  31  Zentrum,
  11  Bürgerpartei,  10  Bauernbund,  je  4  Weinärtnerbund

  und  Unabhängige),  die  am  23.  Jan.  zusammenrrat
  und  am  9.  März  Ministerpräsident  Blos
zum  Staatspräsidenten  wählie.  —  Besonders  hart
hatte  W.  unter  feindlichen  Fliegerangriffen  zu
leiden;  heimgesucht  wurden  vor  allem  Stuttgart  (22.
Sept.  1915,  9.Okt.  1916),  Rottweil  (9.  Aug.,  12.  Okr.
1916),  Tübingen  (22.  Okt.  1916).

Waytschaete,  Dorf  südlich  Dpern.  Nach  langem
Stellungskampf  unternahmen  die  Engländer  im  Jum
1917  eine  Offensive  im  Gebiet  von  .  (ogl.  S.  17  ff.
bzw.  86  ff.),  das  auch  im  April  1918  hartnäckig  umkämpft
  wurde;  vgl.  S.  101.

B

Barmonth  (Great-V.),  befestigte  engl.  Hafenstadt,
  wurde  3.  Nov.  1914  von  einem  deutschen  Geschwader,
  19./20.  Jan.  1915  und  1.  Febr.  1916  von
Luftschisfen  bombardiert.

»Dort·,  deutscher  Großer  Kreuzer,  9500  4,  sank
3.  Nov  1914  vor  der  Jademündung  durch  Mine.

Boshihito  (KGarunomiya),  Kaiser  von  Jaan,

  geb.  31.  Aug.  1879  in  Tokyo,  Sohn  des  Kaisers
tsuhito,  folgte  diesem  30.  Juni  1912.  —  Bilds.
Bd.  III  bei  S.  226.

P#eru  #(fläm.  Dperen,  Jeperen,  franz.  Dpres),
Arrondissementshauptstadt  in  der  belg.  Provinz  Westflandern,
  Eisenbahnknotenpunkt.  Über  die  Kämpfe  bei
V.  Herbst  1914  val.  Bd.  III,  S.  45  u.  71;  im  April
1915  vgl.  Bd.  III,  S.  74  und  Bd.  I.  S.  215ff.;  im
Juni  1917  und  April  1918  vgl.  Bnytschaete.

er,  belg.  Fluß,  durch  den  9.-Dpernkanal
mit  der  Stadt  Ypern  verbunden.  Mitte  Okt.  1914
entwickelten  sich  bei  Nieuport  hartnäckige  Kämpfe.
Die  Deutschen  überschritten  24.  Okt.  1914  den  Ka
nal  im  Norden  und  besetzten  30.  Okt.  Bixschoote.
Weitere  Unternehmungen  machten  die  durch  die  feind
liche  Zerstörung  der  Schleusen  bei  Nieuport  herbei
geführten  überscwemnsungen  unmöglich.  Am  22.
pril  1915  erzwangen  die  Deutschen  den  übergang
über  den  Y.-Kanal;  der  engl.  Hauptangriff  am  26.
Vpril  scheiterte.  Mitte  Mai  wurden  die  über  den  Y.
Kanal  vorgeschobenen  deutschen  Truppenteile  aufs
Ostuser  zurückgenommen,  wo  sie  sich  gegen  den  feindlichen
  Ansturm  behaupteten.
Buauschika#  (Juanschikad),  chinesischer  Staatsmann,
  s.  China.

3

2,  Bezeichnung  für  Zeppelinluftschiff.

Zahlungsverbot.  Der  Bundesrat  verbot  am
20.  Okt.  1914  die  Zahlungen  an  Angehörige  der  feindlichen
  Mächte  bei  Gefängnisstrafe  bis  zu  drei  Jahren
u.  Geldstrafe  bis  zu  100  000  Mk.  Ahnliche  Z.e  erließen
alle  keieglührenden  Regierungen.  Bt  Bd.  II,  S.  406.

Zahlungsverkehr.  Von  den  Mitteln  zur  Aufrechterhaltung
  der  deutschen  Wirtschaftsordnung  im
Kriege  war  vor  allem  die  Stärkung  des  Status  der
Reichsbank  notwendig,  die  in  erster  Linie  durch  die
Erhöhung  des  Goldbestandes  erzielt  wird.  Daneben
mußte  eine  Besserung  der  bisherigen  deutschen  Zahlungssitten
  erstrebt  werden.  Dazu  gehört,  daß  auch
die  Banknoten,  soweit  irgend  möglich,  der  Reichsbank
  verbleiben  mllssen.  Wenn  viele  Banknoten  im
Umlauf  sind,  muß  die  Reichsbank,  um  die  gesetzliche

Deckung  der  Noten  sicherzustellen,  die  Diskontrate  erhöhen,
  wodurch  der  Zinsfuß  steigt.  Das  wurde  durch
weitere  Ausdehnung  des  bargeldlosen  Z.s,  wie  er
in  England  üblich  ist,  zu  erreichen  versucht,  indem  jede
Stautskasse,  jedes  öffentliche  Unternehmen,  Gewerbetreibende,
  Privatleute  ein  Bank=  oder  Postscheckkonto
  besitzen  und  nur  durch  Scheck  oder  Üüberweisungen
  Zahlung  leisten.

Der  Ausbau  des  in  den  Kriegsjahren  stetig  gewachsenen
  Postscheckverkehrs,  der  neben  dem  Vorteil
der  Zeit.  und  Portoersparnis  auch  die  vollständige
Sicherung  des  Privatbesitzes  gegen  Feuer  u.  Diebstahl
bietet,  führt  allmählich  zur  Erfüllung  der  Forderung,
daß  kein  Reichskassenschein  mehr,  als  unumgänglich
notwendig,  im  Verkehr  gehalten  werden  darf.

Zahnheilkunde.  Der  Zahnpflege  der  Truppen
        <pb n="397" />
        Zajecar  —  Zentrum

im  Felde  wurde  immer  wachsende  Aufmerksamkeit  geschenkt,
  und  für  die  Behandlung  von  Zahnkrankheiten
wurden  überall  in  großen  Etappenorten  Zahnkliniken
und  Zahnlazarette  errichtet.  Zu  einem  besonderen
Zweig  der  Z.  entwickelte  sich  dabei  die  Behandlung
der  Kieferschußwunden.

Zajecar,  Festung  in  Serbien,  am  Timok  und  an
der  Bahn  Nisch-Negotin.  Am  19.  Okt.  1915  überschritt
  die  bulgar.  Armee  Bojadschijeff  den  Timok  füdl.
von  Z.,  das  sie  25.  Okt.  eroberte.  19.  Okt.  1918  gewannen
  Serben  und  Franzosen  die  Stadt  zurück.

Zaimis,  Alexander,  griech.  Staatsmann,  geb.
28.  Okt.  1855,  1897  und  1900  vorübergehend  Ministerpräsident,
  wurde  1906  Oberkommissar  von  Kreta.
1910  nach  Griechenland  zurückgekehrt,  führte  er  die
Opposition  gegen  Venizelos  u.  war  7.Okt.  bis  4.  Nov.
1915  Ministerpräsident.  Am  20.  Juni1916  übernahm
Z.  wieder  die  Leitung  des  Ministeriums,  trat  11.  Sept.
zurück  und  war  Mai  bis  25.  Juni  1917  nochmals
Ministerpräsident.  Vgl.  Griechenland.

Zaleszezyki,  Bezirksstadt  in  Ostgalizien,  am
Dujestr.  Anfang  Mai  1915  griff  die  Armee  Pflanzer-Baltin
  die  russ.  Stellungen  am  Dnzjestr  an  u.  stürmte
8.  Mai  den  stark  befestigten  Brückenkopf  Z.,  der
jedoch  11.  Mai  wieder  geräumt  wurde.  Durch  einen
neuerlichen  Vorstoß  brachten  die  österr.-ungar.  Truppen
  Z.  11.  Juni  wieder  in  ihren  Besitz  und  wehrten
in  den  schweren  Kämpfen  der  Neujahrsschlacht  1916
nordöstlich  von  Z.  den  russ.  Ansturm  ab.

Zamose  (Samo  tê  je),  befestigte  Kreisstadt  im  russisch
  poln.  Gouv.  Lublin,  am  Wieprz.  Nach  der  Schlacht
bei  Krasnik  leitete  die  Armee  Auffenberg  einen  Angriff
  gegen  die  4.  u.  5.  russ.  Armee  ein,  woraus  sich
die  Schlacht  bei  Z.-Komarow  (26.  Aug.  bis  1.
Sept.  1914)  entwickelte.  Der  allgemeine  Rückzug  zwang
die  österr.-ungar.  Truppen,  den  Raum  von  *  Anfang
  Sept.  den  Russen  2  überlassem.  Am  2.  Juli  1915
wurde  Z.  von  Mackensen  zurückerobert.  Vgl.  S.  47.

Zebio,  Monte,  Berg  auf  der  Hochfläche  der  Sieden
  Gemeinden,  nördl.  von  Asiago,  wurde  28.  Mai
1916  von  österr  ungar.  Truppen  genommen,  Juni
und  Juli  gegen  ital.  Angriffe  behaupiet.

Zeebrilgge  (Seebrügge),  Hafenort  der  belg.
Prov.  Westflandern,  durch  11  km  langen  Kanal  mit
Brügge  verbunden.  üÜber  die  Beschießungen  von  Z.
durch  engl.  Schiffe  (1915  und  1916)  vgl.  Bd.  II,  S.
245;  über  den  engl.  Sperrversuch  April  1918  vgl.
Bd.  III,  S.  135.  schaft.

E.  G.,  Abkürzung  für  Zentraleinkaufögesellgrze,

  Festung  im  russ.  poln.  Gouv.  Warschau,
östl.  von  Nowo-Georgiewst,  am  Bug,  wurde  7.  Aug.
1915  von  Teilen  der  Armee  Gallwitz  besetzt.

Zeitungswesen.  über  das  Z.  im  Kriege  s.  Bd.  1,
S.349  ff.,  Bd.  II.  S.  330  ff.;  ferner  Bd.  II,  S.  404  f.
Gsterr.  K  i  erordnungen),  Bd.  II,  S.  50f.  (Indien),
  Bd.  1I.  S.  85  (Schweiz).  Vgl.  auch  Zensur.

ellgarne,  s.  =  Ersatzfaserstoffe-z,  S.  181.

l#n,  aus  einer  Essigsäureverbindung  der  Zellulose
  (Holzzellstoff)  hergestellter,  nicht  feuergefährlicher
  Ersatz  des  Zelluloids,  aus  dem  photographische
Fims,  Fenster=  und  Schutzscheiben  für  Kraftwagen
und  Lustschiffe,  Augengläser  für  Gasmasken  und
Rauchhelme  hergestellt  werden,  nerer  Zellonlacke,
die  als  Rostschutzmittel  dienen  sowie  zur  Erzeugung
von  Isolierschichten  auf  elektrischen  gerttungsdrähten.

ellstoffgarne,  s.  -Ersatzfaserstoffez,  S.  181.

Uulon,  s.-Ersatzfaserstoffe,  S.  181.

usur,  die  durch  den  Staat  ausgeübte  Press--367



aussicht  als  Gegensatz  zur  Pressefreiheit,  ging  mit  der
zunehmenden  Berbreitung  gedruckter  Bücher  im  15.
Jahrh.  zunächst  von  der  Kirche  aus,  die  immer  stren
gere  Maßnahmen  einführte  und  die  weltliche  Regie
rung  zwang,  zu  den  von  den  Pähsten  erlassenen  Verboten
  ihrerseits  Gesetze  zu  erlassen,  nach  denen  keine
Schrift  ohne  Bewilligung  der  Obrigkeit  gedruckt  werden
  durfte  (Reichstag  zu  Speier  1529,  Reichstag  zu
Augsburg  1548).  Im  17.  u.  18.  Jahrh.  gab  es  noch
keine  Preßfreiheit  in  Deutschland.  Mit  der  Entwicklung
  des  Zeitungswesens  wurde  der  Wunsch  nach
Abschaffung  der  Z.  immer  dringender;  aber  erst  die
Revolution  von  1848  brachte  die  volle  Preßfreiheit
(„  Deutsche  Grundrechte“  vom  21.  Dez.).  —  Für  den
Krieg  machte  sich,  um  die  Veröffentlichung  geheimer
Nachrichten  zu  verhindern  und  ein  Herabdrücken  der
Volksstimmung  möglichst  zu  verhüten,  erneut  die  Einführung
  der  Z.  notwendig,  zunächst  für  melitärische.
dann  auch  für  politische  Nachrichten  (vgl.  Bd.  I.  S.
350  f.).  Aber  die  ungleichmäßige  Handhabung  der  Z.
in  Deutschland,  die  auch  nicht  durch  die  Tätigkeit  des
Kriegspresseamtes  als  Oberzensurstelle  (seit  Nov.  1916)
wesentl.  geändert  wurde,  führte  zu  schweren  Konflikten.
Zentraleinkanfsgesellschaft  (Z.  E.  G.),  aus  dein
unter  dem  Reichsamt  des  Innern  am  2.  Aug.  1914
in  Hamburg.  errichteten  Reichseinkauf  1915  hervor
gegangene  Gesellschaft  m.  b.  H.  in  Berlin,  der  vom
Reichskanzler  der  Einkauf  und  die  Verteilung  von
ausländischen  Lebens=  und  Futtermitteln  (Gekreide.
Fleisch,  Butter,  Schmalz,  Käse,  Eier  usw.)  Übertra
gen  wurde  (Vorstand:  Geheimrat  Frisch).  Als  Verteilungsstellen
  fungierten  die  Landeszentralbehörden,
kommunalen  Verbände  oder  die  Verteilungsgesell
schaften  (Reichsgetreidestelle  usw.).  Am  1.  Jan.  1919
wurde  die  Z.  wieder  ausgelöst.  Vgl.  Bd.  II.  S.  363.
Zeutrum.  Das  Z.  (Geschichtliches  vgl.  Bd.  1.
S.  31  ff.)  war  1914  von  einem  heftigen  inneren
Streit  um  die  christlichen  Gewerkschaften  zerrissen.
indem  die  Berliner  orthodoxe  Richtung  unter  Fürstbischof
  Kopp  in  Breslau,  der  seine  Zustimmung  zu  der
beruhigenden  Interpretation  der  die  Gewerkschaften
angreisenden  Enzyklika  Singulari  quadam  diligentia
(1912)  durch  den  Bischof  von  Paderborn,  Schulte,  zurücksog.
  Der  Streit  endete  mit  der  Erklärung  des  "2
neralsekretärs  der  Gewerkschaften,  Stegerwald,  die  Gewerlschaften
  würden  weitere  Auseinandersetzungen  mit
den  Integralen  unterlassen.  1914  wurde  ein  Reichsausschuß
  der  deutschen  Zentrumspartei-(Vors.  Spahn)
in  Berlin  eingesetzt.  Im  Kriege  trat  das  Z.  für  einen
Frieden  der  Verständigung  ohne  Vergewaltigung  polilischer,
  wirtschaftlicher  oder  finanzieller  Art  ein  und
übernahm  nach  Annahme  der  Juliresolution  (s.  d.)
die  Führung  der  Mehrheitsparteien.  Der  Abg.  Spahn
wurde  Vorstender  des  Hauptausschusses  (1917  Fehrenbach),
  der  Abg.  Fehrenbach  nach  dem  Tode  Kämpfs
(1916)  Präsident  des  Reichstags,  Spahn  zog  1917  ins
preuß.  Justizministerium  ein  und  der  bayr.  Ministerpräsident
  und  langjähr.  Vorsitzende  der  bayr.  Zentrumspartei
  Graf  Hertling  ins  Reichskanzlerpalais.
Am  3.  Okt.  1918  wurde  der  Abg.  Trimborn  Staatssekretär
  des  Innern,  Erzberger  Staatssekr.  o.  P.  Seit
1917  spaltete  ein  neuer  Streit  das  Z.,  indem  ein  linker
Flügel  unter  Erzbergers  Führung  sich  der  demokratisch-parlamentarischen
  Propaganda  der  Sozialdemokratie
  anschloß,  während  der  rechte  Flügel  unter  Hert.-ling
  ·  Spahn  unterlag.  —  Nach  der  Revolution  trennte
sich  die  Zentrumspartei  von  der  Sozialdemokratie,  berief
  ihre  Minister  aus  dem  Kabinett  zurück  und  änderte
        <pb n="398" />
        368

ihren  Namen  in  Christliche  Volkspartei  (Zentrum).
  Bei  den  Wahlen  zur  konstituierenden  Nationalversammlung
  gewann  diese  in  größerer  Zahl  evangelisch-orthodoxe
  Stimmen  für  1  und  errang  81  Sitze.
In  Bayern,  wo  das  Z.  den  Namen  Bayrische  Volkspartei
  annahm,  gewann  das  Z.  58  (bisher  52)  Si

(36.7  Proz.  Stimmen),  in  Baden  41  Sitze  (42  Proz.).

Zeppelin,  Ferdinand,  Graf  von,  preuß.  General
  und  Luftschifferfinder,  geb.  8.  Juli  1838  in
Konstanz.  gest.  8.  März  1917  in  Charlottenburg.  1858
württemberg.  Offizier,  1863  im  amerikan.  Sezessions-.
krieg  (erster  Aufstieg  im  Fesselballon),  nahm  an  den
Feldzügen  von  1866  und  1870/71  (berühmter  Rekognoszierungsritt)
  teil,  1873  durch  Stephans  Schrift
»Weltpost  und  Luftschiffahrte  zur  Konstruktion  eines
Lenkballons  anger-gt,  1884  Oberst,  1885  württemberg.
  Militärattaché,  dann  Gesandter  in  Berlin,  1890
Komm.  der  30.  Kavalleriebrigade.  1891  als  Generalleutnant
  verabschiedet  (1905  General  der  Kav.),  widmete
  sich  Z.  mit  unermüdlichem  Eifer  u.  zäher  Widerstandskraft
  der  Konstruktion,  Werbetätigkeit  und  dem
Bau  eines  lenkbaren  Luftschiffs  starren  Systems.
1900  unternahm  er  die  ersten  drei  Aufstiege;  17.  Jan.
1906  wurde  das  2.  Modell  nach  der  ersten  Probefahrt
durch  einen  Sturn  zerstört;  die  Probefahrt  des  3.  Modells
  im  Okt.  1906  brachte  ½  Mill.  Mk.  Reichsunterfüüung.
  als  das  4.  am  5.  Aug.  1908  bei  Echterdingen

urch  Sturm  u.  Gasexplosion  vernichtet  wurde,  sammelte
  das  deutsche  Volk  eine  Nationalspende;  den
Gesamtbetrag  (6  Mill.  Mk.)  verwendete  Z.  zu  einer
Zebpelin-Stiftung:  unter  deren  überwiegender
cteiligung  eine  Gesellschaft  zum  Bau  und  Betrieb
von  Luftschiffen  unter  dem  Namen  Lufischiffbau  Zeplin
  in  Friedrichshafen=  gegründet  wurde.  —  Bild
bei  S.  215.

Zeppelinluftschif,,  s.  Luftschiff  sowie  den  Aufsatz-Luftkrieg“,
  S.  156  ff.

Zerkaulen,  Heinrich,  Feuilletonredakteur,  geb.
1892  in  Bonn,  veröffentlichte  „Leier  und  Schwert-(M.-Gladb.
  1914),  In  Reih'  und  Glied=  und  =  Daheim
  und  im  Feld  (beide  das.  1915),  die  er  mit  den
Kriegsfkizzen  =  Granatsplitter-  zu  dem  Kriegstagebuch
»Wandlung«  (das.  1916)  vereinigte.

Zigennerinsel,  Save-Insel  füdwestlich  von  Belgrad.
  Während  die  österreich.-ungar.  Truppen  der

rmee  Koevess  6.  Okt.  1915  den  Übergang  über  die
Donau  bei  Belgrad  erzwangen,  setzten  die  deutschen
Abteilungen  auf  das  Nordufer  der  stark  befestigten
Z.  über  und  nahmen  sie  am  7.  Oktober.

Zimmermann,  1)  Artur,  deutscher  Staatsmann,

eb.  8.  Mai  1859  in  Frankenstein,  Vizekonsul  in
Echunthai  dann  Konsul  in  Kanton,  1900  Vertreter
des  Konsuls  in  Tientsin,  1902  Hilfsarbeiter  im  Aus-Zeppelin

  —  Zwinin

wärtigen  Amt,  1910  Dirigent  der  politischen  Abteilung,
  1911  Unterstaatssekretär,  Nov.  1916  Staatssekretär.,
  richtete  als  solcher  die  Noten  an  Amerika  über
den  U.Bootkrieg  (31.  Jan.  1917)  und  nach  Mexiko
über  ein  deutsch-mexikan.  Bündnis  (Z.-Note)  und  trat
5.  Aug.  1917  zurück.  —  Bild  s.  Bd.  II  bei  S.  251.
2)  Oberstleutnant,  Führer  der  deutschen  Truppen
amerun.

3)  Adolf,  Kriegsberichterstatter,  geb.  22.  Febr.  1867
in  Breslau.  Schriftsteller  in  Berlin.

Zimmerwalder,  sozialistische  Minderheitsanhänger,
  s.  Hosialdemaotratie,

mivildienstpflicht,  s.  Bd.  II.  S.  401ff.
lota  Lipa,  linker  Nebenfluß  des  Dnuzjestr  in  Ostgalizien,
  mündet  südwestlich  von  Mariampol.  Am
4.  Juli  1915  erreichten  die  deutsch--österr.-ungar.
Truppen  die  Z.,  deren  westl.  Ufer  sie  von  den  Russen
säuberten.  Am  27.  Aug.  durchbrachen  die  Verbündeten
  unter  Graf  Bothmer  die  russ.  Front  an  der  8Z.
an  mehreren  Stellen,  so  daß  die  Russen  am  28.  den
-„Abschnitt  räumten,  was  den  Nüchug  auf  einer
ront  von  250  km  Breite  zur  Folge  hatte.  Vgl.  S.  66.

Zonnebeke,  Gem.  im  belg.  Arrondissement  Dpern,
wurde  nach  monatelangem  Kampfe  von  den  Deutschen
  3.  Mai  1915  gestürmt  und  war  Juli-Aug.  1917
hartnäckig  umstritten;  vgl.  S.  89.

Zuaven  (franz.  Zouaves),  die  Bewohner  des
Distrikts  Zuaua  in  Algerten,  die  wegen  ihrer  kriegerischen
  Tüchtigkeit  in  der  Berberei  als  Mietsoldaten
zu  dienen  pflegten.  Offiziere  und  Unteroffiziere  waren
meist  Franzosen;  das  einheimische  Element  verschwand
aus  der  Truppe,  die  später  zu  einem  franz.  Freiwilligenkorps
  wurde  (et  vier  Regimenter;  s.  Taf.  Unisormen
  I.  Fig.  5  in  Bd.  II  bei  S.  292).

Zuckermann,  Hugo,  Zionist,  gefallen  in  den  Karthen,

  wurde  zu  —  des  Krieges  bekannt  durch

ein  einer  deutschen  Volksweise  nachgeahmtes  -Osterreichisches
  Reiterliede  (in  -Gedichte-,  Wien  1915).

Zugna  Torta,  Bergkuppe  (1257  m)  in  Südtirol,
südl.  von  Rovreit,  wurde  16.  Mai  1916  von  östecr.=ungar.
  Truppen  erstürmt  und  gegen  wiederholte  ital.
Gegenangriffe  behauptet.

wehl,  Hans  von,  deutscher  General,  geb.  27.
Juli  1851  in  Osterode  am  Harz,  eroberte  Maubeuge
(vgl.  Bd.  L.  S.  187)  mit  dem  7.  Reservekorps,  das  er
1914—16  als  General  der  Inf.  führte.

Zweibund,  Bündnis  zwischen  Frankreich  u.  Rußland
  1892—1904,  vor  re  Dreiverbands.

in

Zwinin,  etwa  10  km  langer  Höhenrücken  in  den
Karpathen,  östlich  vom  Uzsoker  Paß  und  nördlich
Tucholla.  Am  9.  April  1915  wurde  der  Z.,  der  von
den  Russen  terrassenartig  ausgebaut  und  seit  5.  Febr.
heiß  umstritten  war,  von  den  Deutschen  erstürmt.

Druck  vom  Vibliographischen  Institur  in  Leipzig.
        <pb n="399" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
