10  Religion  der  Sachsen.

sie  ihnen,  im  immerwaͤhrenden  Kaͤmpfen  und  Entgegentingen
ein  uraltes  Riesengeschlecht  —  die  Hrymthussen,  Eisriesen  —
entgegen,  an  deren  gewaltiger  Kraft  sie  fortwaͤhrend  die
ihrige  pruͤfen  konnten.  Auch  zu  dem  Begriffe  eines  ewigen
Daseyns  vermochten  sich  unsere  Vorfahren  nicht  genügend  zu
erheben;  der  Ursprung  ihrer  Goͤtter  ist  jünger  als  die  Welt,
und  ihre  Stammtafel  verliert  sich  in  einem  geheimnißvollen
Chaos,  einer  Eis=  und  Nebelwelt,  aus  welcher,  in  der  Umarmung
  mit  dem  Lichte  und  der  Wärme,  das  Universum
entstand.  Ja  selbst  die  Fortdauer  ihrer  Götter  ist  begränzt
und  durch  Weissagungen  abgemessen.  Sie  wußten  ihren
Göttern  nichts  Höheres  zu  bieten,  als  ein  sehr  langes  Daseyn,
gekrönt  durch  einen  rühmlichen,  den  Begriffen  eines  kriegerischen
  Volkes  angemessenen  Untergang;  denn  die  von  den
Göttern  auf  eine  Zeit  lang  gebundenen  Kräfte  des  Verderbens
  —  welche  in  einem  ungeheuern  Wolfe,  Fenrir,  dessen
aufgesperrter  Nachen  Erde  und  Himmel  zugleich  berührt,
ferner  in  der  furchtbaren  Midgardschlange,  welche  mit  ihrem
Leibe  die  ganze  Welt  umringelt,  in  dem  bedsen  Geist  Loke
und  in  den  Bewohnern  der  vernichtenden  Feuerwelt,  Muspelheim,
  dargestellt  werden  —  entwinden  sich  zuletzt  ihrer
Fessel,  toͤdten  die  Goͤtter,  obschon  sie  diesen  Kampf  mit
ihrem  eignen  Untergange  büßen,  und  verbrennen  die  Welt,
aus  deren  Trümmern  jedoch  eine  neue  schönere  Welt  entsteht,
in  welche  ein  neues,  verjüngtes  Menschen=  und  Göttergeschlecht
  einwandert.  Diese  Sage  von  der  sogenannten  Getterdämmerung,
  d.  h.  von  dem  Untergange  der  Götter,  läßt
uns  fast  glauben,  daß  in  dem  Geiste  der  alten  Germanen
die  Ueberzeugung  von  der  Unzulänglichkeit  ihrer  eignen  Glaubensbegriffe
  und  eine  dunkle  Sehnsucht  nach  einer  lichtern
Offenbarung  geruht  habe,  als  hätten  sie  geahnt,  daß  ihre
Götter  nur  der  Kindheit  der  Zeit  würden  Stand  halten  konnen,
  und  deshalb  frelwillig  dem  Daseyn  derselben  ein  abgemessenes
  Ziel  gesteckt.  Es  lag  daher  ziemlich  nahe,  wenn
gléubige,  wunderbegierige  Gemüther  in  dieser  Götterdam
merung  und  der  aus  den  Trümmern  ihrer  Welt  aufsteigenden
neuen  Schèpfung,  eine  Ahnung  von  dem  Untergange  des