Religion  der  Sachsen.  11

Heidenthums  und  dem  Aufleuchten  der  christlichen  Lehre
erblicken  wollten,  deren  Erkenntniß  gleichsam  selbst  in  den
Bekennern  des  Göotzendienstes  schon  dunkel  geschlummert
habe.

Wenn  wir  durch  den  arabeskenartigen,  theils  dußerst
sinnvollen,  theils  aber  auch  schwülstigen  Bilderwucher,  den
die  Phantasie  der  Scalden  um  die  Urbegriffe  der  nordischen
Getterlehre  gehäuft  hat,  uns  eine  eigne,  freilich  gewagte
Bahn  brechen  dürfen;  so  scheint  die  Erde,  Hertha,  die  erste
und  ursprünglichste  Stammgottheit  der  Germanen  gewesen
zu  seyn,  und  die  Verehrung  heiliger  Haine,  Quellen  und
Flüsse  —  gleichsam  als  natürlicher  Kinder  der  Erde  —  auf  das
Innigste  damit  zusammenzuhängen.  Was  die  Genealogie  der
übrigen  Goͤtter,  namentlich  der  Asen  (Asiaten)  anlangt,  so
sieht  man  schon  ihrer  vergänglichen  Natur  an,  daß  sie  ursprünglich
  nur  ein  Helden=  und  Fürstengeschlecht  ausmachten,  welches
  sich  in  den  folgenden  Zeiten  allmählig  zu  göttlicher  Ehre
erhob.  Der  vornehmste  dieser  Asen  ist  Odin,  der  bei  den
Sachsen  gewöhnlich  unter  dem  Namen  Wodan,  auch  Gwodan
  vorkommt.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  dürfte  er  wohl
ein  morgenländischer  Hordenführer  gewesen  seyn,  der  mit
den  Seinen,  vor  Beginn  der  christlichen  Zeitrechnung,  dem
Norden  zuzog.  Die  Sage  nennt  ihn  einen  überaus  starken
und  weisen  Helden  und  einen  mächtigen  Zauberer  und  Seher.
Er  beglückte  die  ihm  unterworfenen  Voͤlker  durch  weise
Gesetze  und  milderte  ihre  Sitten  durch  Einführung  eines
neuen  Gottesdienstet.  Daher  stieg,  nach  seinem  Tode,  sein
Ruhm  endlich  bis  zu  gottlicher  Ehre;  ja  er  floß  endlich  mit
dem  Begriffe  von  Alfadur  (Alloater),  dem  Lenker  und  Erhalter
  der  Welt  in  eines  zusammen,  welche  Verschmelzung
wohl  durch  die  sichtliche  Verwechselung  eines  ältern  und
jüngern  Odin  noch  mehr  gefdrdert  worden  seyn  mag.  Er
bewohnte  nebst  den  übrigen  Gdttern  Asgard,  die  Asenburg.
Seine  Gemahlin  war  Frigga,  welche  nicht  mit  Freia,  einer
Göttin  der  Liebe,  verwechselt  werden  darf;  sein  altester  und
berühmtester  Sohn  Thor,  der  Donnerer,  dessen  Streithammer,
  Miolner  (Zermalmer)  genannt,  die  Käpfe  der  trotzi-