14  Religion  der  Sachsen.  Carl  der  Große.

Volkes  weiter  verpflanzt  wurde,  ist  die  Hauptursache,  daß
uns  so  wenige  schriftliche  Denkmaͤler  und  verbuͤrgte  Urkunden
  aus  jener  Zeit  zugekommen  sind.  Auf  der  andern  Seite
aber  spricht  diese  unendliche  Begeisterung  fuͤr  Gesang,  welche
die  Sachsen  mitten  in  einer  blutig  erregten  Zeit  belebte,  fuͤr
den  zarten  und  erhabenen  Natursinn  dieses  Volkes.  Der
Gesang  stand  ihnen  gewissermaßen  noch  uͤber  dem  Begriffe
der  Gottheit,  aus  der  Dichtung  entwickelte  sich  ihnen  erst
die  Religion  und  der  Glaube.  Poesie  war  die  Grundlage
ihres  Handelns  und  Denkens;  sie  fuͤhrte  den  Juͤngling  unter
Gesaͤngen  in  das  Leben  ein,  ihre  Lieder  verkuͤndeten  ihm  den
Ruhm  der  Helden  und  begeisterten  ihn,  es  denselben  gleich
zu  thun,  und  den  Gefallenen  fuͤhrten  sie  unter  Goͤttergruͤßen
nach  Walhalla  in  den  leuchtenden  Kreis  verklaͤrter  Helden.
So  zieht  sich  selbst  durch  das  tiefe  Dunkel  jener  Zeiten,
durch  die  blutige  Nacht  jener  Kämpfe,  der  goldene  Morgenstrahl
  der  Dichtung  und  lichtet  ordnend  jene  verworrenen
Gruppen,  durch  welche,  ohne  ihn,  der  forschende  Blick  der
Nachwelt  sich  nimmer  Bahn  brechen  wuͤrde.

So  stand,  in  den  Sachsen  und  den  Franken,  sich  gleichsam
das  Alte  und  das  Neue  kampfgeruͤstet  gegenuͤber;  ein  Jedes
strebte,  sich  von  dem  anderen  loszureißen  oder  es  zu  sich  her—
uͤber  zu  ziehen.  Sachse  und  Franke  hielten  trotzig  die
Hand  uͤber  den  gemeinschaftlich  gemachten  Eroberungen,  eher
geneigt,  seinen  eignen  Antheil  zu  vernichten,  als  dem  Gegner
den  seinigen  zu  goͤnnen.  Den  Sachsen  verdroß  das  stolze
Ueberheben  des  Franken,  diesen  der  stoͤrrische  Haß  des  Sachsen
  gegen  die  siegende  Neuheit  der  Dinge.  Wiederholt  war
ihr  Widerwille  in  offene  und  verstecktere  Fehden  ausgebrochen,
  in  denen  die  ausgebildetere  fraͤnkische  Kriegskunst  meist
den  saͤchsischen  Maͤnnermuth  uͤberfluͤgelte.

Unter  diesen  Verhaͤltnissen  schmuͤckte  ein  Mann  den  fraͤnkischen
  Thron,  der  die  uͤberwaͤltigendste  Geisteskraft  wunderbar
  mit  menschlich  einfacher  Weise  vermählte;  Carl  der
Große.  Die  historische  Gestalt  dieses  ausserordentlichen
Mannes  steht,  wie  ein  ungeheures  Standbild,  am  Ausgange
der  deutschen  Fabelwelt.  Das  Gluͤck,  welches  ihm  beinahe