24  Wittelind's  Taufe.  Einführung  des  Christenthums  unter  d.  Sachsen.

Goͤtter  zu  verlassen  und  die  christliche  Lehre  anzunehmen.
Wittekind  und  Albion,  welche  das  lange  Mißgeschick  nur  zu
schmerzlich  von  der  Ohnmacht  ihrer  alten  Goͤtter  uͤberzeugt
hatte  und  die,  waͤhrend  Krieg  und  stete  Verwuͤstung  die
Fruͤchte  ihres  Goͤtzendienstes  gewesen  waren,  unter  den  Fittigen
  des  Christenthums  allenthalben  Frieden  und  Wohlstand
erbluͤhen  sahen,  zeigten  sich  diesen  Vorschlaͤgen  nicht  abgeneigt.
Doch  wurzelte  von  Alters  her,  ein  zu  tiefes  Mißtrauen  gegen
  Carl  und  gegen  fraͤnkische  Treue  uͤberhaupt  in  ihnen,
als  daß  sie  sich  nicht  moͤglichst  sicher  gestellt  haͤtten.  Sie
verlangten  daher  Geißeln  fuͤr  ihre  beiderseitige  Sicherheit,
und  erhielten  sie  ohne  alles  Bedenken.  So  ehrenvoll  von
einem  Carl  dem  Großen  ihrer  Freiheit  versichert,  begaben  sich
Wittekind  und  Albion  ohngefähr  im  Herbst  des  Jahres  785
zu  ihrem  großen  Feinde,  der  sich  eben  zu  Attigny  aufhielt.
Fuͤr  sie  selbst,  wie  auch  für  die  Zeugen  dieses  wichtigen  Auftrittes,
  mußte  es  tiefergreifend  seyn,  als  die  beiden  grèßten
Helden  ihrer  Zeit  —  der  Eine  eben  so  gefeiert  durch  sein  Glück
und  seine  Siege,  als  der  Andere  ehrwürdig  durch  sein  Unglück

  und  seine  beispiellose  Ausdauer  —  sich  nach  langem,

blutigem  Zwiste  zum  ersten  Male  ohne  gezucktes  Schwert,
ja  als  werdende  Freunde  begegneten.  Selbst  die  einstige
rührende  Zusammenkunft  zwischen  dem  großen  unglücklichen
Hannibal  und  dem  jugendlichen  sieggekrönten  Seipio  reicht
nicht  an  die  ergreifende  Bedeutsamkeit  dieser  Begegnung  Carls
und  Wittekinds.  Lange  Jahre  hatte  ein  Krieg  zwischen  ihnen
  gewüthet,  der  alle  Schrecknisse  und  Grausamkeiten  eines
durch  Volks=  und  Religionshaß  angeschürten  Kampfes  erschöpft,
  den  beiden  Heerführern  eine  Menge  der  tapfersten
Freunde  hingewürgt  und  in  welchem  endlich  Jeder  —  Geschlagener
  sowohl,  wie  Besiegter  —  verloren  hatte.  Carls
theilnehmende  und  achtungsvolle  Begegnung  scheint  wohlthuend
auf  die  tiefzerrissene  Seele  Wittekinds  gewirkt  und  ihn  empfänglich
  und  willig  für  Carls  dringende  Bitten,  sich  dem
christlichen  Glauben  zuzuwenden,  gemacht  zu  haben.  Ueber
den  Ort,  wo  Wittekind  die  Taufe  empfing,  sind  die  Geschichtschreiber
  nicht  einig;  doch  nimmt  man  im  Allgemeinen  Attigny,