26  Wittekind  empfaͤngt  die  Taufe.

Und  ich  entsage  allen  Teufels-Werken  und  Worten  der  den
Wodan  und  Sachsen-Odo')  Ehrenden,  und  allen  den
Unholden,  die  ihre  Genossen  sind.

Wittekinds  Uebertritte  zum  christlichen  Glauben  hat  der
Scharffinn  späterer  Geschichtschreiber  verschiedene,  zum  Theil
ziemlich  widersprechende  Motive  zum  Grunde  gelegt,  und
Einige  derselben  wollen  aus  seinem  christgemäßen  Wirken
und  seiner  unverbrüchlichen  Treue  gegen  seinen  frühern  Feind,
Carl  den  Großen,  sogar  folgern,  daß  er  dem  neuen  Glauben
  mit  begeisterter  Hingebung  angehangen  habe;  ja,  sie
suchen  ein  Verdienst  darin,  den  Sieger  auf  Süntel  später
zum  Apostel,  zum  Heiligen  zu  machen"").  Allein  Wittekind's

*)  Die  mangelhafte  Kenntniß,  welche  die  Franken  von  dem  heidnischen
Gottesdienste  der  Sachsen  hatten  und  die  zu  so  vielen  Vorurtheilen
Veranlassung  gab,  scheint  sie  zu  der  Vermuthung  gebracht  zu
haben,  daß  der  in  den  abweichenden  sächsischen  und  deutschen
Mundarten  auch  abweichend  benannte  Odin,  Odo,  Crodo  oder
Wodan  —  welche  Namen  nur  Einem  Gott  galten  —  in  eben  so
viele  Personen  als  Namen  zerfalle,  daher  sie  auch  in  obiger  Abrenunciation
  ihn  zweimal  vorkommen  lassen.  Vielleicht  aber  dürfte
diese  doppelte  Bezeichnung  auf  die  Vorstellung  von  dem  ältern
und  jüngern  Odin  hinweisen,  welche  ich  schon  weiter  oben,  bei
Erwähnung  des  sächsischen  Heidenthums,  berührte.

*  )  Die  Herausgeber  glauben  dieser  ersten  Lieferung  keine  passendere,
noch  empfehlendere  Zierde  verleihen  zu  können,  als  das  Bild  des
großen  Wittekind.  Das  auf  Pergament  gemalte  Original  desselben
  befindet  sich  in  der  königl.  öffentlichen  Bibliothek  zu  Dresden.

Zu  bedauern  ist,  daß  es  Wittekind  just  in  einem  Momente
darstellt,  der  wenig  geeignet,  ihm  das  Gepräge  jenes  mächtigen
Kriegshelden  zu  geben,  den  wir  in  ihm  kennen  gelernt  haben.  Wir
erblicken  ihn  vielmehr  in  einer  geistlichen  Kleidung,  vielleicht  wie
sie  während  des  Taufactes  ihm  vom  Bonifacius  angekhan  ward,
mit  segnend  erhobener  Hand  und  einer  Heiligenmiene,  welche
der  Maler  des  Original-Bildes  ziemlich  gezwungen  in  diese  ursprünglich
  kühnen,  feurigen  Züge  einzuschwärzen  suchte.  Oieser
umstand  macht,  daß  auf  dem  ersten  Anblick  wir  nicht  ganz  den
gewaltigen  Geist  eines  Wittekind  aus  diesem  Bilde  heraussinden
und  uns  vielmehr  erst  durch  den  von  der  frommen  Faune  des
Künstlers  beinahe  unpassend  darüber  gebreiteten  Heiligen-Ausdruck
Bahn  brechen  müssen,  ehe  wir  zu  dem  wahren  und  ursprünglichen