Wittekinds  des  Großen  Tod.  31

„Ohne  Wittekind's  Zeitalter,  ohne  die  oͤfteren  saͤchsischen
Kriege,  wuͤrde  Carls  Groͤße  vielleicht  nicht  denjenigen  Grad
der  Hoheit  erlangt  haben,  den  ihm  seine  bestaͤndigen  Siege
uͤber  die  Sachsen  verschafften.  Neben  einen  bestaͤndigen
Sieger  gestellt,  bei  immerwaͤhrenden  Ungluͤcksfaͤllen,  bei  der
Anfuͤhrung  eines  flüchtigen,  immer  geschlagenen  und  widerspenstigen
  Volkes  gleichwohl  den  Namen  des  Großen  zu  erlangen,
  selbst  in  den  demüthigendsten  Handlungen  seines  Lebens
groß  zu  seyn,  in  dem  Teiumph  seines  Ueberwinders  noch
eben  so  zu  scheinen,  diese  Größe  war  nur  einem  Wittekind
vorbehalten.  Man  verliert  die  Größe  Carl's  aus  den  Augen,
man  vergißt  sie,  so  zu  sagen,  neben  dem  Auftritt  des  unglücklichen
  Wittekind's,  dem  seine  Verdienste  die  erste  Stelle
und  das  Glöck  nur  die  zweite  gab.“  —

Derruhige  Beobachter  wird  diesem  Vergleiche  nur  beistimmen
koͤnnen.  Carl  der  Große  war  der  siegende  Achill,  den  das  Glück
allenthalben  mit  seiner  Aegide  deckte,  der  einen  Vertrag  mit  dem
Schicksale  geschlossen  zu  haben  schien,  dem  innere  Kraft  und  außeres
  Glück  gleichsehr  Bahn  brachen,  dem  Alles  gelang,  was  er
nur  unternehmen  mochte.  Wittekind  war  der  Titane,  der  jederzeit,
  außer  seinem  Feinde,  auch  noch  mit  seinem  zermalmenden
  Mißgeschick  ringen  mußte.  Zwischen  ihn  und  seinen
Gegner  warf  sich  stets  das  eiserne  Schicksal,  diesen  schuͤtzend,
ihn  selbst  bekämpfend.  Carl  ward  beinahe  unwillkührlich
von  dem  Fluge  einer  siegenden  neuen  Zeit  und  Glaubens-=lehre
  selbst  zum  Siege  mit  fortgerissen,  und  kränkelt  insofern
  auch  etwas  an  der  modernen  Romantik  eines  Glaubens-=helden.
  Wittekind  aber,  der  letzte  Kämpfer  eines.  untergehenden
  Glaubens,  gleicht,  in  seinem  düstern  Heldenernste,  dem
Odin,  der  seine  Götterdämmerung  ahnet  und  die  Helden
seines  Walhalla  waffnet,  obschon  er  weiß,  daß  er  und
seine  Göttersdhne  fallen  werden.  —  —

Nach  Wittekinds  geschehener  Taufe  und  Aussdhnung  mit
Carl  dem  Großen,  welche  er  nach  Kräften  auch  auf  sein
Volk  auszudehnen  strebte,  dauerte  gleichwohl  der  Widerstand
sowohl  der  heidnisch  gebliebenen,  als  auch  vieler  durch  fränkische
  Lanzen,  nicht  aber  durch  Ueberzeugung  zum  christlichen