Friedrich  der  Streitbare.  93

aber  fiel  es  sehr  oft  vor,  daß  die  Einheimischen,  naͤmlich  die
Boͤhmen,  denen  doch  wohl  billig  ein  gewisser  Vorzug  gebuͤhrt
haͤtte,  von  den  drei  auswaͤrtigen  Nationen,  welche  vielleicht
sogar  eine  gewisse  Opposition  gegen  Erstere  zu  unterhalten
strebten,  uͤberstimmt  wurden.  Diesem  Nachtheile  abzuhelfen,
veranstaltete  Huß,  daß  inskünftig  den  Einheimischen  drei
Stimmen,  den  fremden  Nationen  aber  nur  eine  vergoͤnnt
seyn  sollte.  Durch  diese  Maßregel  fuͤhlten  sich  Letztere  dergestalt
  beleidigt,  daß,  unter  Anführung  des  bisherigen  Rectors,
  Johann  Hoffmann,  gegen  2000  Ausländer,  sowohl
Lehrer  als  Studirende,  Prag  verließen  und  sich  nach  Leipzig
wandten,  wo  Friedrich  der  Streitbare  und  sein  Bruder  Wilhelm
  I.  eben  eine  Universität  in's  Leben  riefen  und  daher
die  Ankommlinge  sehr  willkommen  hießen.  So  ward,  nach
der  vom  Pabste  Alexander  V.  zu  Pisa  ertheilten  Bestatigung,
  die  Universität  Leipzig  gegründet  und  sogleich  auf  das
Erfreulichste  bevolkert.  Unbedingt  war  die  Stiftung  dieses
herrlichen  Instituts  eine  der  wichtigsten  Erscheinungen  jener
Zeiten,  ein  Vorleuchten  der  ein  Jahrhundert  später  anbrechenden
  Reformations-Morgenröthe.  Gewaltig  stemmte  sich
diese  Hochschule  in  ihre  Zeit  hinein,  und  bot,  die  Nebel  und
Fratzenbilder  einer  trügerisch  entstellten  Glaubenslehre  siegreich
  überleuchtend,  bald  einen  sicheren  Pharus  im  Wirbel
einer  kämpfenden  Geisterwelt.

Doch  noch  sollten  der  neuen  Schdpfung,  die,  wie  ein
zweiter  eingeborner  Gott,  unvertilgbar  unter  dem  Herzen  der
Menschheit  keimte,  blutige,  die  Erde  erschütternde  Wehen
vorangehen.  An  der  Flamme  der  neuen,  durch  ihn  verkämpften
  Wahrheit,  hatte  sich  Huß  den  Scheiterhaufen  entzündet,
auf  welchem  ihn  der  Haß  der  alleinseeligmachenden  Kirche
sterben  ließ.  Aber  die  Glut  seines  Scheiterhaufens  sollte
bald  mit  blutiger  Lohe  in  die  Welt  bhineinleuchten  und
über  der  Asche  des  hingemordeten  Propheten  Kämpfe  entzunden,
  die  der  friedselige  Märtyrer  weder  vorausgesehen,  noch
gewünscht  hatte.  Die  Böhmen  weigerten  sich,  den  König
Sigmund,  welcher,  troß  seines  dem  Huß  verbürgten  Fürstenworts
  auf  sicheres  Geleite,  ihn  dem  Wüörgergrimme  seiner

LL

1415