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112  Ernst  und  Albert.

scheinlich  guten  Anlagen  des  Geistes  und  Herzens,  besaß
Gemuͤth  und  Herzensguͤte  und  war,  in  geistiger  Hinsicht,
mindestens  ein  Mittelmann.  Allein  Mittelmaͤnner  waren  jener
  gewaltigen  Zeit  nicht  gewachsen,  und  der  gar  zu  sichtliche
  Mangel  an  Kraft  und  durchgreifender  Entschlossenheit
ließ  ihn  in  den  Kaͤmpfen,  in  welche  er  meist  unfreiwillig  hineingerissen
  ward,  nie  bedeutend,  wohl  aber  bisweilen  etwas
duͤrftig  und  mager  dastehen.  Seine  Sanftmuͤthigkeit  —
die  iom  zum  Beinamen  ward  —  war  also  gezwungen.  Er
zeigte  sich  versöhnlich  und  leutselig,  ließ  sich  aber  seine  Herzensgute,
  selbst  dem  Bruder  gegenöber,  nie  besonders  viel
kosten.  Bei'm  Lichte  besehen,  war  der  sanftmüthige  Friedrich
  weder  kalt  noch  warm;  zu  nervenschwach,  um  leidenschaftlich
  und  ubereilt  zu  seyn,  zu  karg  und  alltäglich  zu
großartiger  Entsagung.  Das  leidige  Nachplärren  der  sächsischen
  Historiker  von  Friedrich's  Ruhmwürdigkeit  und  Sanftmuth,
  wovon  beinahe  in  allen  vaterländischen  Geschichtsbüchern
  wiedergekäut  oder  aufgewärmt  wird,  muß  einem
selbstständigen  Beobachter  und  Urtheiler  eben  so  unerwiesen
als  langweilig  vorkommen.  —

Im  Jahre  1465  reis'ten  Ernst  und  Albert  in  Person  zu
ihrem  Oheim,  dem  Kaiser  Friedrich,  und  empfingen  von  ihm
im  Juni  zu  Ncustadt  bei  Wien  die  Belehnung  über  die  ererbten
  Länder  und  Würden.  Ersterer  hatte  gewöhnlich  seinen
Wohnsitz  zu  Altenburg  oder  Leipzig,  Letzterer  zu  Drsden
oder  Torgau.  Das  folgende  Jahr  bezeichneten  sie  durch  eine
Waffenthat;  denn  sie  unternahmen  einen  Zug  in's  Voigtland
gegen  den  damaligen  Voigt  von  Plauen,  Heinrich  II.,  welcher
  den.  Namen  eines  Burggrafen  von  Meißen  führte.  Er
hatte  sich  diese  feindselige  Behandlung  durch  Willkührlichkeiten
  und  Härte  gegen  die  Vasallen  zugezogen,  welche  deshalb
Beschwerde  bei  dem  Churfürsten  anbrachten  und  um  Hülfe
ansuchten.  Heinrich  kam  dabei  ins  Gedränge  und  mußte
nach  Böhmen  entweichen,  Ernst  und  Albert  besetzten  die
Städte  Plauen,  Oelsnitz  und  Adorf,  und  behilelten  sie  als
Lehen  von  Böhmen.  Einen  andern  namhasten  Erwerb
machten  sie  durch  Ankauf  des  schlesischen  Herzogthums  Sa-