Friedrich  der  Weise.  119

milden  Fuͤrsten  so  sehr  bezeichnenden  liebevollen  Worte  sagte:
„Lieber,  gieb  ihnen,  denn  heut  oder  morgen  werden  sie  sagen:
  es  zog  einstens  ein  Herzog  von  Sachsen  voruͤber  und
ließ  uns  Kindern  allen  geben.“  Wahre,  innige  Gottesfurcht
und  Glaubenstreue,  ohne  Froͤmmelei  und  ohne  die  entfernteste
  Spur  von  Fanatismus  bezeichnete  jede  seiner  Handlungen.
  Wahr  und  tugendhaft  als  Mensch,  treu  und  liebevoll
als  Freund,  gewissenhaft  und  redlich  als  Fürst,  weise  und
besonnen  als  Staatsmann,  streng  und  großmüthig  als  Herr,
ließ  sich  Friedrich  in  allen  Fallen  seines  reichen  und  reinen
Lebens  finden.  Er  war  der  Stolz  seines  Landes,  die  Liebe
seiner  Unterthanen;  seine  Freunde  bewunderten  ihn  und  selbtt
seine  Nebenbuhler  waren  gedrungen,  ihn,  den  immer  wahr
Befundenen,  zu  achten  und  hochzuschätzen.

Friedrich  übernahm,  nach  seines  Vaters  Tode,  die  Chur;
dagegen  regierte  er  die  übrigen  Ernestinischen  Lande  zugleich
mit  seinem  jüngsten  Bruder  Johann,  und  —  ein  Fall,  welcher
  in  der  frühern  Geschichte  so  selten  ein  Beispiel  findet
—  beide  Brüder  führten  das  gemeinschaftliche  Sceepter  in
steter  Eintracht  und  brüderlichem  Einverständnisse.  Nur  mit
ihrem  Oheim,  Albrecht  dem  Beherzten  von  Meißen,  fielen,
wegen  einiger  Lehen,  anfänglich  Irrungen  vor,  welche  jedoch
der  Oschatzer  Vertrag  im  Jahre  1491,  für  immer  vermittelte.
Zwei  Jahre  später  unternahm  Friedrich  eine  Wallfahrt  nach
Palastina,  holte  sich  am  heiligen  Grabe  den  Ritterschlag  und
kehrte  im  September  1493.  auch  schon  nach  Sachsen  zurück.
Im  nämlichen  Jahre  war  der  Kaiser  Friedrich  III.  verstorben,
  und  sein  Sohn  Maximilian  folgte  ihm  auf  dem  Kaiserstuhle.
  Maximilian,  ein  kräftiger,  aber  der  innern  Gesammtheit
  entbehrender  Held  und  Biedermann,  der  posthume
  Sohn  einer  schon  begrabenen  Ritterzeit  und  daher  mit
Recht  der  letzte  deutsche  Ritter  genannt,  empfand  hohe  Achtung
  für  Friedrich's  Weiöheit  und  Redlichkeit.  Friedrich  erhielt
  von  ihm  auf  dem  Wormser  Reichstage  die  Belehnung
über  seine  Länder.  Dieser  Reichstag  brach  zugleich  die  letzte
Kraft  des  verderblichen  Faustrechts,  welches  —  durch  dle.
Bedeutsamkeit  und  Unentbehrlichkeit  der  Vasallen  in  den

119s

1493