Friedrich  der  Weise.  121

ward  das  Beduͤrfniß  nach  hoͤherm  menschlichen  Wissen  rege,
und  selbst  der,  dem  mit  Kunst  und  Wissenschaft  selten  sehr
befreundeten  Ritterthume  noch  immer  anhangende  Maximilian
  ahnete  die  neue  Gestaltung  der  Dinge  und  munterte  die
Churfuͤrsten  auf,  Universitaͤten  in  ihren  Staaten  anzulegen.
Chursachsen  besaß  —  nachdem  durch  die  Ernest-Albertinische
Theilung  Leipzig  auf  Albertinische  Seite  gekommen  war  —
keine  Universität,  und  dieser  Umstand  regte  in  Friedrich  eine
edle  Eifersucht  an,  dem  Schwesterreiche  in  Bezug  auf  Kunst
und  Wissenschaft  nicht  nachzustehen.  Friedrich  war  unermüdlich,
  diesem  neuen  Institute  —  er  pftegte  die  Universität
Leipzig  seine  Tochter  zu  nennen  —  tüchtige  Lehrer,  sowohl
aus  Deutschland  wie  auch  aus  Italien  zu  gewinnen.  Zum
ersten  Rector  besiellte  er  seinen  Leibarzt,  den  gelehrten  Dr.
Martin  Pollich.  Die  Einrichtung  der  neuen  Universitkät  geschah
  nach  dem  Muster  der  Hochschulen  von  Bologna  und
Tübingen,  und  statt  vier  Nationen,  wie  dies  bei  der  Prager
der  Fall,  erhielt  sie  vier  Facultäten,  wodurch  gleich  ihre  ersten,
  unmittelbaren  Bestandtheile  —  statt  wie  Prag,  auf  einen
  politischen  —  sich  auf  einen  wissenschaftlichen  Standpunct
  gründeten.  Unter  den  zur  Universität  Wittenberg  berufenen
  Lehrern  fand  man  1508  einen  Mann,  dessen  Namen
gar  bald  seinen  Hoͤrsaal  uͤber  das  gesammte  Deutschland
ausdehnen  sollte.  Dies  war  der  frühere  Augustinermönch,
Martin  Luther  (geb.  am  10.  Novbr.  1483  zu  Eidleben,

gebildet  in  den  Schulen  zu  Magdeburg-  und  Eisenach  und.

auf  der  Universität  Erfurt),  der  wunderbare  Mann  der  Kirche
  und  der  Welt,  ein  Donnerkeil  in  der  Hand  der  umschaffenden
  Zeit,  welcher  den  ersten  züundenden  Strahl  gegen  den
von  geistlichem  Nebel  und  weltlichem  Dunst  umhöllten
Stuhl  St.  Peters  schleuderte  und  den  kühnen  Grandsiein
zu  der  Gegenfestung  des  Papismus,  zum  Bau  der  Reformation,
  herbeitrug.  Zwar  war  der  Krieg  gegen  die  Hierarchie
und  ihren  Druck  früher  begonnen,  als  erklärt,  und  länger

schon  war  er  in  den  Geistern  vorbereitet;  aber  es  bedurfte

eines  Repräsentanten,  der  sich,  obgleich  nur  eine  Ausgeburt
seiner  Zeit,  dennoch  muthig  an  ihre  Spitze  stellte  und  die

1508