122  Die  Christliche  Kirche  in  ihrem  Verfall.

Losung  gab,  welche,  wie  in  allen  bedenklichen  Welthaͤndeln,
den  Leuten  immer  schwerer  wird,  als  der  Kampf  selbst.  Wie  ein
Wuͤrgengel  der  Glaubenswahrheit  waren  die  Hussitenkriege
am  kirchlichen  und  weltlichen  Horizonte  voruͤbergegangen.  Sie
hatten  so  tief  gefleischt,  daß  sie  weder  schnell  verschmerzt,  noch
schnell  vergessen  werden  konnten,  und  hatten,  durch  ihr
ziemlich  gluͤcklich  errungenes  Ziel,  den  Leuten  zuerst  bemerk—
bar  gemacht,  daß  eine  Opposition  gegen  das  Pabstthum  al—
lerdings  durchzukämpfen  sey.  Ja,  die  auserwaͤhlten  Heiligenfabricanten
  in  Rom  hatten  schon  eingesehen,  daß  Huß  in
seinem  Andenken  gefaͤhrlicher  werden  koͤnne,  als  in  seinem
Wirken,  und  sahen  es  gern,  daß  die  Boͤhmen  ihre  Begeiste—
rung  bald  auf  einen  andern  Johannes  lenkten,  den  Johannes
  Pomuck  (heiliggesprochen  am  19.  März  1729),  suchten
auch  dessen  Andenken  auf  alle  Weise  herauszustreichen.  Aber
auch  schon  die  Hohenstaufen  hatten  mit  ihren,  freilich  blos
polstischen  Kämpfen  gegen  die  päbstliche  Herrschaft,  dem  Credit
der  Kirche  einen  Stoß  versetzt  und  einen,  wenn  auch  nur
wenig  sichtbaren  Beitrag  zu  der  schon  seit  lange  reifenden
Reformation  gegeben.  Durch  die  grobe  und  bequeme  Art,
welche  die  Diener  der  Kirche  immer  mehr  annahmen  und
zufolge  deren  sie  es  immer  überflüssiger  fanden,  über  ihre
Ausschweifungen  länger  noch  den  Mantel  des  Geheimnisses
zu  werfen,  mußten  der  christlichen  Welt  immer  mehr  die
Augen  aufgehen,  und  man  muß  es  der  damaligen  Geistlichkeit
als  einen  Verdienst  anrechnen,  daß  sie  —  indem  sie  durch  die
sichtlichsten  Ausschwelfungen,  die  sie  freilich  auf  eine  dümmere
  Welt  berechnen  mochte,  als  es  wirklich  gab,  gewaltsam
  seden  Nimbus  von  sich  abriß  und  sich  vor  der  gläubigen
  Christenheit  so  recht  absichtlich  im  Schlamme  walzte  —
gewissermaßen  die  Reformation  selbst  in's  Leben  rief  und
ihr  thätig  die  Hand  bot.  Die  katholische  Welt  ward  immer
toller  und  kunterbunter,  sie  mußte  sich  endlich  an  den  Kopf
stoßen.  Die  Kirche  verschleuderte,  als  lustiger  Gencralbevollmächtigter
  der  Gottheit,  Ablaßzettel  und  Sündenverflcherungen,
  sie  verwandelte  den  Himmel  in  cinen  Trödelkram,
wo  man,  gegen  geistliche  Maklergebühren,  seine  Sünden  los