Die  Christliche  Kitche  in  ihrem  Verfall.  123

werden  und  die  ewige  Seligkeit  pfennigweise  einhandeln
konnte.  Nur  ein  Dummkopf  würde  damals  seine  Zeit  mit
der  Reue  verschwendet  haben,  da  er  um  ein  Billiges  seiner
Sünden  über  Bausch  und  Bogen  sich  entäußern  und  nothigenfalls
  auch  das  Geld,  welches  er  dem  Ablaßkrämer  entrichten
  mußte,  stehlen  konnte;  denn  die  Kirche  nahm  Alles
auf  sich.

So  fand  Martin  Luther  das  Kirchenthum  beschaffen,  so
grob  ward  er  aus  seinen  kindisch  gläubigen  Träumen,  welche
er  mit  in  das  Augustinerkloster  gebracht  hatte  und  von  denen
  er  sich,  bei  seinem  festen  Gemüthe,  nur  schwer  losmachen
  konnte,  aufgeweckt.  Es  wäre  eine  Versündigung  an
Luthers  Zeitalter,  wenn  man  glauben  wollte,  daß  neben
und  vor  ihm,  nicht  noch  viele  andere  Gemüther  eine  bittere
Aergerniß  an  dem  kirchlichen  Unfuge,  den  man  so  ganz
und  gar  nicht  verblümt  trieb,  genommen  hätten.  Allein
theils  fühlten  sich  die  Meisten  nicht  zu  einer  dffentlichen
Auflehnung  berufen,  theils  vermißte  man  den  Muth,  sich
den  gefährlichen  Ruhm  eines  Reformators  anzueignen.  Die
Reformation  mußte,  wenn  sie  glücken  sollte,  ihrem  Schdpfer
unwillköhrlich  entschlüpfen,  er  mußte  selbst  nicht  wissen,
daß  er  ein  solches  Werk  unternehme  und  nur  allmählig
tiefer  und  tiefer  in  ihr  Getriebe  hinein  gezogen  werden,  bis
unerwartet  der  Bau  vor  seinem  eignen  Meister  aufstieg  und
nicht  mehr  ungeschehen  zu  machen  war.  Wirklich  erging  es
Luthern  mit  seinem  eignen  Werke  so.  Der  Pabst  Leo  X.,
aus  dem  verschwenderischen  Hause  der  großen  Mediceer,  ein
Mann  von  Gelehrsamkeit,  Welttact,  sanftem,  menschenfreundlichen
  Charakter,  aber  von  so  liberalen  Gesinnungen,  daß
er  das  ganze  Kirchenwesen  nur  als  ein  selbstständiges  Finanzsistem,
  sich  selbst  in  seiner  päbstlichen  Würde  nur  als
einen  Beamten  ansah,  der  sich  klüglich  nach  Sporteln  und
Nebeneinkünften  umsehen  müsse,  war  ohngeachtet  seiner  vielsachen
  guten  Eigenschasten,  dennoch  ganz  dazu  geschaffen,
die  schon  damals  auf  den  höchsten  Punkt  gediehene  Sittenverderbniß
  der  Geistlichkeit  und  Religionsverdrehung  noch
besser  zu  befestigen.  Bei  der  Pracht,  Großmuth  und  ver-