124  Die  Christliche  Kirche  in  ihrem  Verfalle.

schwenderischen  Freigebigkeit,  welche  er  uͤbte,  beschraͤnkten  sich
seine  geistlichen  Sorgen  auf  Maßregeln,  wie  seinem  Saͤckel
schnelle  und  dauernde  Zufluͤsse  gebracht  werden  koͤnnten.
Er  hatte  beinahe  schon  alle  kirchliche  Effecte  erschoͤpft,  welche
  auf  das  christliche  Publicum  wirken  konnten.  Durch
den  Ablaßhandel  konnte  er  allerdings  hoffen,  sich  die  dauerndste
  Kundschaft  zu  erwerben;  denn,  Sundenvergebung  war
und  blieb  der  Menschheit  stets  so  unentbehrlich,  wie  der  gewöhnliche
  Tischbedarf,  und  die  leichte  Anschaffung  der  Seligkeit
  hatte  für  die  Menge  unendlich  viel  Lockendes.
Während  die  Sünder  früher  mit  Kirchenbußen  auf  die
unbequemste  Weise  geplagt  worden  waren  und  trotz  dem
noch  die  Anwartschaft  auf  das  Fegfeuer  behielten,  wurde
jetzt  mit  einem  Male  das  Geld  in  eine  Universalmedicin  gegen
  die  Sündenstrafen  verwandelt,  und  auch  der  armste
Sunder  hatte  den  Vortheil,  sich  gegen  fixe  Preise  Fegfeuer
und  Höllenqual  für  immer  ausgießen  lassen  zu  können.  Um
diese  käufliche  Seligkeit  aller  Welt  angedeihen  zu  lassen  und
jeder  gläubigen  Seele  Gelegenheit  zu  geben,  ihrc  Sündenlast
  und  ihr  Geld  loszuwerden,  schickte  der  Pabst  Seligkeits-Commissarien,
  d.  h.  Ablaßverkäufer  in  allen  Landen  umher,
welche  mit  einem  Kasten  voll  Ablaßzettel  sich  in  die  Städte
pstanzten,  ihre  Waaren  mit  frecher  theologischer  Marktschreierei
  den  Gläubigen  als  General-Pässe  zum  Himmel  anpriesen,
  natürlich  einen  ungeheuren  Zulauf  von  gemeinen  und
beschränkten  Leuten  hatten,  das  Geld  einstrichen  und  die
Seligkeit  zurückließen.  Unter  diesen  Ablaßfrämern  war  ein
gewisser  Johann  Tetzel,  ein  manvais  sujet,  aber  ein  verschlagener,
  guter  Kopf,  mit  Unverschämtheit  und  populairer
Suada  gleich  sehr  begabt  —  einer  der  frechsten,  aber  auch
gefährlichsten.  Denn  er  wußte  durch  seinen  zuversichtlichen
Ton  und  seine  zwar  kauderwelschen,  aber  wohl  berechneten
Predigten  die  gemeinere  Classe  so  schlagend  von  der  Unfehlbarkeit
  des  Ablasses  und  der  himmlischen  Kraft  seiner  Waaren
  zu  überzeugen,  daß  ihm  das  Volk  in  Haufen  zuströmte
und  er  mit  seinem  ausgebotenen  Seelenheile  die  glänzendsten
  Geldgeschäfte  machte.  Er  selbst  —  ein  hartgesottener