126  Die  Reformation.

nur  diese,  nicht  aber  den  Pabst  zu  treffen.  Er  erklaͤrte  in
diesen  Saͤtzen,  daß  die  Ablaßbriefe  nur  von  den  dussern
Kirchenstrafen,  keinesweges  aber  von  einer  Verantwortung
jenseit  entbinden  koͤnnten,  indem  letztere  nur  durch  Reue
und  Besserung,  nicht  aber  durch  Einkauf  todter  Zettel  zu
erlangen  sey.  Er  glaubte,  mit  dieser  Behauptung  vollkommen
  aus  der  Seele  des  Pabstes  gesprochen  zu  haben,  allein
unbewußt  hatte  er  dessen  eignes  System  angegriffen  und
die  Unvorsätzlichkest,  mit  welcher  Luther  ungleich  mehr  aussprach,
  als  er  eigentlich  geahnet  hatte,  war  eine  weise  Fügung
  des  ewigen  Schicksals;  denn  er  würde  vielleicht  jenen
ersten  Schritt  gänzlich  unterlassen  haben,  wenn  er  vorher
gewußt  hätte,  wie  viel  gleich  durch  diesen  gethan  werden
sollte.  Vielleicht  auch  würde  er  bei  diesen  Säten  stehen  geblieben
  seyn  und  dieselben  nur  ein  vorübergehendes  Aufsehen
  erregt  haben,  wenn  nicht  die  dadurch  in  ihrem  Handelsverkehre
  Bedrohten,  Tetzel  und  Consorten,  sich  mit  zu  lautem
Geschrei  gegen  Luther  aufgelehnt  hätten  und  dadurch  theils
seine  Nothwehr  herausforderten,  theils  aber  auch  seine  angeborne
  Heftigkeit  und  Streitfertigkeit  rege  machten.  Am
wüthigsten  bei  der  Sache  geberdete  sich  Tetzel,  der  sich  durch
diesen  ihm  und  seiner  Industrie  hingeworfenen  Fehdehandschuh
  auf  die  unbehaglichste  Weise  in  seinem  himmlischfaulen
  Gelderwerbe  gestoͤrt  sah.  Da  ihm  zu  einer  gelehrten
Widerlegung  der  Lutherschen  Sätze  die  nothigen  Kenninisse
fehlten,  so  lief  er  im  Ingrimm  zum  Professor  Wimpina  in
Frankfurt  an  der  Oder  und  ließ  sich  von  demselben  eine  Anzahl
  höchst  animoser,  aber  sehr  nichts  sagender  Gegensätze  auf
Luther  verfertigen.  Ein  ähnlicher  Gegner  erstand  Luthern
in  dem  von  den  Dominicanern  angeregten  Sylvester  Prierias,
  welcher  mit  einer  von  Galle  uberlaufenden  Schrift  gegen
  den  kühnen  Augustiner  zu  Felde  zog,  dabei  aber  so  wenig
  Geist  bewährte,  daß  der  Pabst  selbst  zu  stolz  war,  einen
  Verfechter  dieses  Gelichters  haben  zu  wollen,  und  ihm
Stillschweigen  auferlegte.  Ein  eben  so  erbitterter,  aber  nicht
glücklicherer  Opponent  war  Johann  Eck  zu  Ingolstadt,  welcher
  mit  einer  Menge  wüthender  Schmahungen  schriftlich