Die  Reformatibn.  127

uͤber  Luthern  herfiel,  sich  jedoch  keine  Anhaͤnger  erwerben
konnte.  Pabst  Leo  war  zu  sanftmüthig,  um  schnell  erbittert
  zu  werden,  zu  stolz,  um  in  diesem  ganzen  Federturniere
mehr  als  einen  blossen  Monchsstreit  zu  erblicken,  und  zu
bequem,  um  schnelle  energische  Maßregeln  zu  treffen.  Doch
lagen  ihm  besonders  die  Dominicaner  zu  sehr  in  den  Ohren,
als  daß  er  nicht,  wiewohl  gezwungen,  endlich  dem  Streite
einige  Aufmerksamkeit  schenken  mußte,  und  er  berief  demnach
Luthern  nach  Rom,  um  seine  Sätze  mündlich  zu  vertheidigen.
  Churfürst  Friedrich,  welcher  Luther'n  gewogen,  aber  zu
vorsichtiger  Natur  war,  um  sich  schnell  von  einer  etwas  gewaltsam
  angefaßten  Sache,  die  gleich  in  ihrem  Beginne
so  heftige  und  ärgerliche  Kämpfe  veranlaßte,  einnehmen  zu
lassen,  vielleicht  auch  in  Luthern  nicht  gerade  den  Mann
ahnete,  der  diesem  übermenschlich  großen  Werke  gewachsen
wäre,  schien  sich  anfangs  über  diese  kirchlichen  Erdrterungen
mehr  zu  beunruhigen,  als  zu  freuen,  und  hätte  —  da  er  dem
Beginnen  schwerlich  einen  so  glorreichen  Ausgang  prophezeihte
  —  die  ganze  Sache  lieber  ungeschehen  gemacht.  Dennoch
  nahm  er  sich  vor,  Luther'n  nach  seinen  besten  Kräften
zu  schützen,  und  da  er  einsah,  daß  demselben  eine  Reise  nach
Rom  schwerlich  gut  bekommen  mochte,  so  brachte  er  es  dahin,
  daß  Luther  nicht  zu  Rom  vor  dem  Pabste,  sondern
1518  zu  Augsburg  vor  dem  pöbstlichen  Legaten  Cajetan
sich  über  seine  Sätze  erklären  mußte.  Beide  konnten  aus
sehr  einfachem  Grunde  nicht  füglich  mit  einander  einig  werden,
  indem  Cajetan  seine  Gegenbeweise  aus  dem  canonischen
Rechte  der  Päbste,  Luther  aber  seine  Beweise  aus  der  Bibel
hervorholte.  So  disputirten  Beide  für  einander  gleichsam
in  fremden  Sprachen,  und  Cajetan  wußte  sich  nicht  weiter
zu  helfen,  als  daß  er  fortwäáhrend  auf  unbedingten  Widerruf
drang.  Dazu  verstand  sich  Luther  auf  keine  Weise.  Daß
er  aber  damals  noch  keine  Ahnung  von  der  Größe  des  begonnenen
  Unternehmens  hatte  und  deshalb  auch  geneigt
war,  die  Sache  nicht  weiter  zu  verfolgen,  sondern  in  sich
beruhen  zu  lassen,  geht  daraus  hervor,  daß  er  sich  erbot,
künftighin  gegen  den  Ablaß  weder  zu  schreiben  noch  zu  pre-1518

