128  Die  Reformation.

digen,  wenn  naͤmlich  seine  Gegner  ihn  ebenfalls  in  Ruhe
lassen  wollten.  Vielleicht  war  er  aber  auch  der  Ueberzeugung,
daß  man  ihm  diese  Bedingung  nicht  halten  wuͤrde,  wie
denn  auch  wirklich  geschah.  Da  der  Cardinal,  durch  Luther's
hartnaͤckige  Verweigerung  gereizt,  ihm  nicht  undeutlich  merken
  ließ,  daß  er  nicht  uͤbel  Willens  sey,  die  paͤbstliche  Vollmacht
  auf  ihn  anzuwenden  und  ihn  in  den  Bann  zu  thun,
so  reis'te  Luther  von  Augsburg  ab  und  kehrte  nach  Wittenberg
  zurück,  hinterließ  jedoch  eine  vor  Zeugen  gegebene  Appellation
  von  dem  übel  unterrichteten  Pabste  an  den  Pabst,
welche  an  die  Thüre  des  Domes  zu  Augsburg  geschlagen
wurde.  Dies  erbitterte  den  Cardinal  so  sehr,  daß  er  Luther's
  Auslieferung  nach  Rom  verlangte.  Solches  verweigerte
zwar  der  Churfürst  sehr  bestimmt,  indem  er  erklärte,  daß  er
Luthern,  hevor  dieser  nicht  seiner  Irrthümer  erwiesen,  mithin
nicht  für  einen  Ketzer  anzusehen  sey,  nicht  ausliefere,  zumal  er
dadurch  auch  seiner  neuerrichteten  Universitat,  welche  vorzugsweise
  durch  Luther  gehoben  und  berühmt  werde,  großen
Nachtheil  bereiten  würde.  Doch  gab  er  Luthern,  vielleicht
weil  er  denselben  für  die  Folge  nicht  hinlänglich  schützen  zu
koͤnnen  glaubte,  den  Rath,  Wittenberg  lieber  zu  verlassen.
Luther  selbst  glaubte  die  Nothwendigkeit  dieses  Schrittes  einzusehen,
  und  stand  schon  im  Begriff,  sich  nach  Paris  zu
wenden,  wo  damals  das  Verlangen,  den  Pabst  einer  allgemeinen
  Kirchenversammlung  zu  unterordnen,  sich  lebhaft  genug
  geäußert  hatte.  Allein  es  sollte  nicht  zu  dieser  Reise
kommen,  durch  welche  Luther,  obschon  Paris  ihm  cinen  geeigneten
  Wirkungskreis  und  obendrein  ein  sicheres  Asil  dargeboten
  haben  würde,  gleichwobl  den  Angelegenheiten  Deutschlandö
  zu  sehr  entrückt  worden  wäre.  Die  Universitat,  die  in
Luthern  ihren  Stolz  suchte,  verwendete  sich  eifrigst  für  ihn,
wodurch  der  Churfürst  seine  Ansicht  ancerte  —  vielleicht
weil  mittlerweile  die  Bedeutsamkeit  und  innere  Krafe  des
muthigen  Glaubenskämpen  ihm  klarer  geworden  war  —
und  ihn  zu  bleiben  ermunterte,  Auch  suchte  der  Churfürst
durch  seinen  Einftuß  zu  vermitteln,  daß  Luther,  statt  zu
Rom  vor  dem  Ausschuß  der  ihm  verfeindeten  Geistlichkeit