Die  Reformation.  129

in  Deutschland  vor  unpartheiischen  Richtern  verhoͤrt  werden
moͤchte.  Als  nunmehr  der  Pabst,  in  einem  Sendschreiben
an  seinen  Legaten,  Luthern  und  alle  Feinde  des  Ablasses
für  Ketzer  erklaͤrte  und  durch  eine  neue  Bulle  den  Ablaß  bestätigte
  und  verstärkte,  konnte  sich  Luther  nicht  enthalten,
was  1517  schon  die  Universität  Paris  gethan  hatte,  vom
Pabste  an  ein  allgemeines  Concilium  zu  appelliren.  Die
schlagende  Eile,  womit  diese  Appellation  ganz  Deutschland
durchlief  —  eine  Folge  der  noch  jungen  Erfindung  der  Buchdruckerkunst
  —  veranlaßte  einen  neuen  Sturm  der  Meinungen
  und  versetzte  die  romische  Curie  in  neue  Gährung,  wahrscheinlich
  auch  allmälig  in  ernstere  Besorgnisse  über  das
früher  mit  Geringschätzung  betrachtete  Wirken  des  Mönches.

Eine  wichtige  Veränderung  gewann  die  Lage  der  Dinge
durch  den  am  12.  Januar  1519  erfolgten  Tod  des  Kaisers.
Maximilian.  Bei  seinem  kräftigen  Geiste  und  seiner  Liebe
für  Wahrheit  und  Recht  mußte  es  befremden,  daß  dieser
Fürst  nicht  großern  Antheil  an  Luther  und  seiner  Wirksamkeit
  genommen  hatte.  Wie  viel  hätte,  wenn  Maximilian
dem  großen  Unternehmen  mehr  Aufmerksamkeit  schenkte,  ihm
hilfreicher  die  Hand  bot,  in  dessen  Stammlande  Oesterreich
  für  die  Reformation  gewonnen,  welcher  große  herrliche
Keim  der  Freiheit  und  Wahrheit  für  ewige  Zeiten  dort  niedergelegt
  werden  können!  Politische  Spannungen  mogen  den
ritterlichen  Maximilian  lau  für  das  hohe  Glaubenswerk  gemacht
  haben.  Bei  Lebzeiten  hatte  sich  Maximilian  alle  erdenkliche
  Mühe  gegeben,  die  Churfürsten  zu  einer  Wahl  seines
  Enkels  Carls  von  Spanien,  als  seines  Nachfolgers  auf
dem  deutschen  Throne,  zu  bewegen.  Allein  immer  hatte  sich
der  einflußreiche  Churfürst  Friedrich  der  Weise  dieser  Wahl
auf  das  Bestimmteste  widersetzt,  wozu  ihn  mehrfache  Gründe
bestimmen  mochten.  Erstlich  mochte  er  einen  Koͤnig  von
Spanien,  wenn  derselbe  auf  dem  deutschen  Throne  säße,
nicht  eben  für  den  Mann  halten,  welcher  dem  ihm  so  sehr
am  Herzen  liegenden  Werke  einer  Kirchenverbesserung  forderlich
  werden  koönnte.  Auch  fürchtete  er  von  dem  aristocratischen

  Systeme  des  Spaniers,  welches  zu  unterstützen  der-9


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