132  Die  Reformation.

Zeit  bringt  Beispiele,  daß  Carl  gegen  Friedrich,  namentlich
aber  gegen  dessen  Familie,  nicht  eben  den  Dankbaren  spielte.
Churfuͤrst  Friedrich  begann  nunmehr  sich  allmaͤhlig  offener
für  Luther  zu  erklären  und  merken  zu  lassen,  daß  er  ihn  unmittelbar
  unter  seinen  Schutz  stelle,  obschon  er  vor  der  Welt
nie  eine  Aenderung  seiner  Glaubensgrundsätze  sich  gestattete.
Das  vorangegangene  fünfmonatliche  Reichsvicariat,  wo  dieser
  Schutz  noch  kräftiger  wirken  konnte,  hatte  Luther's  bisherigem
  Wirken  einen  guten  Vorschub  geleistet,  und  die  Reformation
  begann  mehr  und  mehr  ihr  Haupt  freier  zu  erheben.
  Dieser  ziemlich  öffentliche  Anhaltspunkt,  dessen  sich
Luther  freute,  bewog  sogar  den  Papst,  leiser  gegen  den  Augustiner
  auszutreten  und  erst  den  Ehurfürsten  auf  eine  "eine
Weise  ihm  abwendig  zu  machen,  ehe  man  ihm  den  Garaus
spiele.  Der  Pabst  dachte  dies  auf  eine,  den  Grundsätzen
der  Kirche  gemäß,  hübsch  wohlfeile  Weise  zu  bewerkstelligen.
1518  Er  sendete  ihm  die  geweihte  goldne  Rose  zu,  nach  welcher
Friedrich  vor  einigen  Jahren  ein  beilufiges  Verlangen  gedußert
  hatte,  und  hoffte,  durch  dieses  Geschenk,  welches  er
nur  an  Auserwählte  des  Herrn,  nämlich  an  machtige  und
einflußreiche  Fürsten  zu  vergeben  pflegte,  den  Churfürsten
auf  das  Innigste  in  das  Interesse  der  Kirche  gezogen  zu
haben  und  ihn  nunmehr  leicht  zur  Auslieferung  des  Mönchs
zu  bewegen.  Aber  Friedrich  zeigte  sich  diesmal  als  kein  großer
  Blumenfreund  und  nahm  die  goldne  Rose  mit  unerwarteter
  Gleichgültigkeit  auf.  Der  Verkündiger  dieser  Nose,
Carl  von  Miltitz,  sollte  zugleich  Luther'n  in  Güte  oder  in
Gewalt  zum  Widerruf  zu  bringen  suchen.  Der  glatte  Edelmann
  vollführte  diese  Verhandlungen  mit  vieler  Behutsamkeit
  und  Schonung,  richtete  aber  auch  um  so  weniger  aus
und  mußte  sich  mit  dem  gewöhnlichen  Bescheide  Luther's
begnügen,  daß  er  schweigen  werde,  wenn  seine  Gegner  ihre
Ausfälle  auf  ihn  einstellten.  Zum  Glück  für  die  Sache  hielten
  diese  nicht  Frieden.  —
1519  Einen  Tag  vor  der  Erwählung  Carl's  zum  deutschen
Kaiser,  nahm  die  berühmte  Disputation  auf  der  Pleißenburg
ihren  Anfang.  Durch  D.  Carlstadt  waren  Luther's  Grund-