Die  Reformation.  137

uͤbereilter  Aufwallung,  sondern  mit  ernstem  Willen  gethan
habe,  rechtfertigte  er  sich  hieruͤber  bald  in  einer  Schrift:
„Warum  des  Pabstes  und  seiner  Juͤnger  Buͤcher  von  Dr.
M.  Luther  verbrannt  sind?“  Dieser  kühne  Gegenstrahl,  welchen
  Luther  —  wie  Thor  seinen  Hammer  gegen  die  Keule  des
Riesen  —  den  Bannblitzen  des  Pabstes  entgegenschleuderte  und
letztere  dadurch  in  den  Augen  der  Welt  zu  zischendem  Kolofonium
  verwandelte  —  breitete  mit  einem  Male  ein  anderes
Licht  um  Luther's  Gestalt.  Man  hatte  bisher  in  ihm  nur
einen  besser  unterrichteten  Mönch  erblickt,  der  jedoch  mehr
thcologische  Streitfragen,  als  eine  eigentliche  Glaubensüberzeugung
  durchzufechten  strebte;  denn  wie  in  den  heutigen  Tagen
der  wissenschaftlichen  Kritik,  war  man  damals  in  Glaubenssachen
  beflissen,  weniger  eine  Wahrheit  oder  einen  Irrthum,  als
vielmehr  bloße  Systeme  und  Formenspiele  anzugreifen  oder
zu  vertheidigen.  Aber  durch  den  letzten  kühnen  Gegenschlag
Luthers  wider  die  Donner  des  p#bstlichen  Stuhles,  stand
Ersterer  pldtzlich  mit  verändertem  Wesen  vor  den  Augen  der
erstaunten  Welt.  Nicht  mehr  der  Fechter  für  kirchenwissenschaftliche
  Spitzfündigkeiten  und  Sophismen,  trat  er  jetzt
daher,  der  Mann  der  Wahrheit  und  Sohn  der  ewigen  Vernunft,
  der  zürnend  das  Recht  seiner  göttlichen  Stammverwandten
  gegen  afterheilige  Trugspiele  geltend  machte,  der
nicht  mehr  sarcastisch  stäubend,  seine  Feder  über  den  Häuptern
  pustender  theologischen  Polemiker  und  kirchlicher  Pygmen
  schwenkte,  sondern,  von  der  Kraft  Gottes  erfüllt,  dessen
  unberufenen  irdischen  Stammhalter  auf  seinem  Throne
wanken  machte.  Er  hatte  die  Brücke  abgebrochen,  kein  Rückschritt
  war  mehr  möglich,  er  hatte  dem  Pabste  und  dessen
Lehren  den  Fehdehandschuh  hingeworfen  und  mußte  den
Kampf  zum  Siege  führen  oder  untergehen.  Die  Zeit  des
Säumens,  Ueberlegens  und  heimlichen  Wirkens  war  vorüber,
  und  frei  entfaltete  die  Sonnenpflanze  der  Reformation
ihren  flammenden  Kelch,  die  Nebel  zerstreuend,  das  Licht  in
sich  aufnehmend  und  verbreitend.  Von  da  an  hatte  Luther,
obschon  der  eigentliche  Schdpfer  der  Reformation,  dennoch
das  ausschließliche  Besitzrecht  darauf  bereits  verloren,  sie