138  Die  Reformation.

war  bereits  Eigenthum  der  Welt,  der  Menschheit,  vor  allen
aber  des  deutschen  Vaterlandes  geworden,  und  selbst  ihr
Gruͤnder  hatte  nicht  mehr  das  Recht,  sie  zu  hemmen  oder
fallen  zu  lassen,  ohne  sich  eines  Diebstahls  an  der  Sache
der  Menschheit  schuldig  zu  machen.  Dies  fuͤhlte  Luther,  der
tiefe,  wunderbare  Kenner  des  Geisterrechts,  am  besten,  und
dieser  Gedanke  ließ  ihn  unerschuͤtterlich  muthig  gegen  die
Uebermacht  des  Vorurtheils,  gegen  die  Dolche  des  Hasses
anstuͤrmen,  welche  ein  Gott  fuͤr  ihn  stumpf  gemacht  hatte.  —
Mit  grausamer  Eile,  jedoch  nicht  unerwartet,  blitzte  am
1521  3.  Januar  des  folgenden  Jahres  der  gedrohte  Bannstrahl
nun  wirklich  gegen  Luthern  los.  Diese  zweite  Bulle  sprach
ein  unbedingtes  Verdammungsurtheil  uͤber  ihn  aus,  schien
jedoch  selbst  von  den  strengglaͤubigen  Katholiken  nicht  sehr
beachtet  zu  werden,  indem  man  sogar  noch  an  guͤtliche  Ver—
handlungen  mit  dem  Verfehmten  dachte.  Churfuͤrst  Friedrich
hatte  bisher,  bei  seiner  vorsichtigen  Natur,  noch  immer  nicht
den  rechten  Gesichtspunkt  fuͤr  die  Sache  finden  koͤnnen;  er
mochte  besorgen,  daß  es  vielleicht  viele  Kämpfe  ohne  einen
Sieg  absetzen  werde  und  viel  Haß  und  Unheil  walten  dürfte,
ohne  am  Ende  etwas  Gutes  zu  bezwecken.  Daher  überraschte
  es  ihn  allerdings,  als  schon  in  der  ersten  Bulle  alle
diejenigen  mit  dem  Banne  bedroht  wurden,  bei  denen  Luther
Schutz  finden  würde.  Er  suchte  daher,  um  auch  sich  und
seiner  Würde  nichts  zu  vergeben,  das  Urtheil  ruhiger  und
verständiger  Männer  über  Luther  einzuholen,  welches  sich
beinahe  durchgängig  günstig  vernehmen  ließ  und  ihn  immer
mehr  in  dem  Entschlusse  bestärkte,  den  kühnen  Streiter  Gottes
  zu  schätzen.  Auch  der  gelehrte  Erasmus  von  Notterdam,
gab  dem  Churfürsten  in  einem  treffenden  Scherze  seine  Meinung
  über  Luther,  indem  er  meinte:  derselbe  habe  in  zwei
Dingen  gefehlt,  er  habe  dem  Pabsie  an  die  Krone  und  den
Mönchen  an  die  Bäuche  gegriffen.  Uebrigens  wönschte  derselbe,
  daß  Luther  seine  oft  allzugroße  Hitze  etwas  zügele
und  vorsichtiger  für  seine  Person  wie  für  die  Sache  zu
Werke  gehen  möge.  Dies  war  auch  der  Hauptwunsch  des
Churfürsten,  der  jedem  Unternehmen  gern  die  Würde  und