Die  Reformation.  139

den  Frieden  zu  erhalten  suchte.  Zum  Gluͤck  fuͤr  die  gute
Sache,  strebte  die  Geistlichkeit,  in  jener  Zeit  der  gaͤhrenden
Meinungen,  nicht  im  Geringsten,  ihren  uͤblen  Sitten  wenigstens
  auf  einige  Zeit  einen,  wenn  auch  nur  aͤußerlich  bessern
  Anstrich  zu  geben  und  in  dieser  Crisis,  wo  dem  Urtheile
der  Welt  keine  Zeit  zu  tiefcrer  Prüfung  übrig  blieb,  sich
einige  Achtung  zu  erschnappen.  Vielmehr  stieg  der  allgemeine
  Unwillen  gegen  sie  von  Tage  zu  Tage,  und  selbst,
was  sich  nicht  für  Luther  erklärte,  erklärte  sich  wenigstens
gegen  die,  von  ihm  so  hart  angegriffene  Zügellosigkeit  der
Kirche  und  ihrer  Vertreter  und  Diener.  Sogar  der  Herzog
Georg,  welcher  sich  nicht  selten  als  ein  ziemlich  fanatischer
Katholik  gezeigt  hatte,  nahm  ein  Aergerniß  an  dem  Ablaße
und  einigen  andern  kirchlichen  Ungebührnissen  und  sehnte  sich
nach  einer  Reformation,  freilich  nicht  durch  Luther,  dem  er
abgeneigt  blieb,  sondern  auf  politischem  Wege,  durch  eine
Kirchenversammlung;  auch  reichte  er  selbst  seine  Beschwerden
  gegen  den  päbstlichen  Stuhl  bei'm  Kaiser  ein,  und  diese
Beschwerden  vermehrten  sich  von  allen  Seiten  her  dergestalt,
  daß  Carl  V.  dadurch  in  seiner  Vertretung  der  päbstlichen
  Gerechtsame  zu  milderen  und  vorsichtigeren  Maßregeln
bewogen  wurde,  als  dies  ohnedem  der  Fall  gewesen  seyn
mochte.  So  geschah  es,  daß  —  wie  sehr  auch  dem  Kaiser
der  Pabst  durch  seinen  Legaten  Aleander  schon  ein  Jahr
früher  in  den  Ohren  gelegen  hatte,  gegen  Luther  und  dessen
Anhänger  auf  das  Strengste  zu  verfahren  —  Carl  dennoch,
zum  Theil  auch  aus  Achtung  für  Churfürst  Friedrich,  immer
nur  einen  sehr  gelinden  Weg  einschlug  und  endlich  des  Churfürsten
  Wunsch  auch  insofern  erfüllte,  daß  er,  statt  nach
Rom  vor  ein  geistliches,  Luther'n  am  6.  März  1521  auf
den  Reichstag  nach  Worms,  also  vor  ein  weltliches  Gericht,
fordern  ließ.  Dies  war  eine  wichtige,  aber  auch  gefahrvolle
  Ladung,  und  Luther's  Freunde  hatten  wohl  Grund,  zu
befürchten,  daß  er  dem  Schicksale  eines  Huß  entgegen  gehen
  werde.  Alles  warnte  ihn  vor  dieser  Reise  und  selbst  der
Churfürst  war  nicht  ohne  Besorgniß  und  ließ  sich,  wie  man
glaubt,  vom  Kaiser  die  ausdrückliche  Versicherung  geben,  daß

1521