140  Die  Resormation.

er  das,  Luthern  zugesagte  freie  Geleite  nicht  etwa  unter  dem
damals  uͤblichen  Vorwande  —  Ketzern  brauche  man  kein
Wort  zu  halten  —  brechen  wolle.  Luther  selbst  war  uͤber
diese  Einladung  weit  mehr  erfreut,  als  erstaunt.  Er  stand
keinen  Augenblick  in  Zweifel,  derselben  Folge  zu  leisten,  sondern
  erklärte  seinen,  mit  Bedenklichkeiten  und  Besorgnissen
ihm  zusetzenden  Freunden  völlig  entschlossen:  daß  er,  wenn
nicht  gesund,  sich  krank  nach  Worms  föhren  lassen  werde,
daß  er  Muth  genug  föhle,  für  seine  Ueberzeugung  zu  sterben
und  mit  seinem  Blute  Christum  zu  bekennen,  obschon  er
sich  dieser  Ehre  nicht  würdig  achte,  und  daß,  besser  als
Menschen,  ihn  der  schützen  könne,  welcher  die  drei  Männer
im  feurigen  Ofen  erhalten.  Und  an  Spalatin,  welcher  ihn
vor  der  Reise  nach  Worms  warnen  ließ,  schrieb  er:  er  werde
dahin  gehen  und  sich  nicht  fürchten,  und  wenn  auch  so  viele
Teufel  zu  Worms  wären,  als  Ziegel  auf  den  Dächern.  —  Aus
dieser  Sprache  konnten  Luther's  Freunde  und  Feinde  voraus
sehen,  welche  Erklärung  von  ihm  selbst  vor  Kaiser  und  Reich
zu  erwarten  stand,  und  wirklich  schien  es,  daß,  trotz  der
augenscheinlichen  Gefahr,  welcher  er  entgegenreiste,  dennoch
seine  Gegner  von  dieser  Reise  mehr  für  sich  befürchteten,  als
seine  Freunde  für  ihn;  denn  Jenen  war  sein  Muth  nicht
unbekannt,  und  sie  hatten  Ursache  zu  besorgen,  daß  die  begeisterte
  Unerschrockenheit  eines  übrigens  so  wehrlosen  Mannes,
  der  Welt  allerdings  Glauben  zu  den  von  ihm  vertheidigten
  Lehrsätzen  einflößen  könne.  So  durch  sich  selbst  und
seinen  eignen  Muth  ausgerüstet,  kam  er  am  16.  April,  in
Begleitung  des  kaiserlichen  Herolds,  welcher  ihm  die  Ladung
überbracht  hatte,  und  seines  rechtlichen  Beistandes,  des  Dr.
Schurf  aus  Wittenberg,  in  Worms  an.  Seine  Ankunft
setzte  die  ganze  Stadt  in  Bewegung,  eine  Menge  angesehener
Männer  waren  ihm  entgegengeritten  und  bildeten  einen  Zug
um  ihn.  Die  Straßen  wimmelten  von  Menschen,  die  den
kühnen  Monch  sehen  wollten,  welcher  diejenige  Wahrheit,  die
in  dem  Innern  des  schlichten  Mannes  aufgegangen,  im  engen
Zimmer  von  ihm  durchdacht  und  wester  gebildet  worden
war,  jetzt  frei  vor  Kaiser  und  deutschem  Reich  bekennen