144  Die  Reformation.

zu  glauben,  daß  er  wirklich  ein  Opfer  der  fanatischen  Verrdtherei
  seiner  Feinde  geworden  sey.  Luther  aber  verweilte
indessen  ruhig  auf  der  Wartburg  unter  dem  Schutze  seines
weisen  Gönners,  des  Churfürsten  Friedrich.  Er  lebte  dort
—  nachdem  am  26.  Mai  das  sogenannte  Wormser  Edikt
bekannt  gemacht  worden  war,  welches  ihn,  nebst  allen  seinen
  Anhängern  und  Beschützern  in  die  Reichsacht  erklärte,
seine  Schriften  zu  lesen  verbot  und  allen  Religionsneuerungen
  sich  widersetzte  —  in  strenger  Verschwiegenheit,  selbst
seine  Bedienung  kannte  ihn  nur  unter  dem  Namen  des  Junkers
  Georg.  Doch  begann  erst  in  dieser  Abgeschieden  Leit  vielleicht
  Luthers  wichtigstes  Wirken,  nämlich  die  Uebersetzung
des  neuen  Testamentes,  jenes  Buches,  auf  welches  Luther's
Lehren  einzig  sich  gründeten,  das  allein  er  für  sich  zeugen
ließ  und  durch  welches  allein  er  widerlegt  seyn  wollte.  Obgleich
  der  ausschließliche  Grundstein  des  Christenthums,  war
doch  die  Bibel  von  sehr  Wenigen  gekannt;  denn  theils
hatte  die  Hierarchie  wohl  wissend,  daß  die  Bibel  der  größte
Freiheitszeuge  der  geistigen  Menschheit  sey,  sie  mit  Beschlag
belegt,  theils  war  sie  denen,  welche  diese  Beschlagnahme
nicht  geachtet  haben  würden,  durch  die  fremde  Sprache,  in
welcher  sie  abgefaßt  war,  unzugänglich  und  unverständlich.
Es  konnte  daher  kein  wichtigerer  Schritt  zu  Gunsten  der  Reformation
  und  zur  Läuterung  der  religiösen  Volksmeinung
gethan  werden,  als  daß  man  die  Bibel,  sowohl  in  einer,
dem  Hochsten  wie  dem  Geringsten  verständlichen  Verdeutschung,
  als  auch  in  großer  Masse  zu  verbreiten  wußte.  Hierzu
  leistete  nun  die,  zum  größten  Vortheile  der  Reformation
bereits  erfundene  und  verbesserte  Buchdruckerkunst  die  herrlichsten
  Dienste.  Um  aber  sowohl  seinen  Freunden,  wie  seinen
  Feinden,  die  ihn  Beiderseits  für  todt  hielten,  einige  Lebenszeichen
  von  sich  zukommen  zu  lassen,  sendete  Luther  aus
seinem  Zufluchtsorte  verschiedene  Schriften  in  die  Welt,  in
denen  seine  theologischen  Widersacher  derb  bedient  und  wodurch
  seine  Freunde  zu  ihrem  Jubel,  seine  Gegner  zu  ihrem
Schrecken  und  Verdruße  inne  wurden,  daß  der  Luther  noch
unter  den  Lebenden  sich  befinde.