146  Die  Reformation.

nicht  achte,  durch  welchen  Vorwurf  sie  allerdings  den  Hertschern
  und  gekrönten  Hauptern  gefährlich  erscheinen  und,  statt
Schußes,  sich  von  ihnen  der  Verfolgung  und  Unterdrückung
gewärtigen  mußte.  Bei  aller  Redlichkeit  und  Reinheit  seines
  Willens,  ist  Luther's  Leben  und  Wirken  nicht  frei  von
mehrfachen  Uebereilungen  und  Unbedachtheiten  ähnlicher  Art,
eine  Folge  seines  zu  lebhaften  und  hitzigen  Temperaments,
welches  besonders  der  klare  und  besonnene  Churfürst  Friedrich
  im  Stillen  beklagte  und  darin  wohl  anfangs  einen
Grund  fand,  sich  nicht  so  schnell  für  ihn  unbedingt  zu  erkláren,
  als  dies  vielleicht  aufserdem  geschehen  seyn  würde.
Die  Augustiner  in  Wittenberg,  Luthers  Ordensbrüder,  machten
  sich  von  vielfachen  Vorurtheilen  und  Mißbräuchen  der
römischen  Kirche  los,  sie  schafften  die  Privatmessen  ab,  jene
todten  seelenlosen  Stereotypen  verkndcherter  Andacht,  und
freie,  der  bisherigen  sordden  Kirchenform  entrungene  Predigten,
  im  Sinne  Luther's  und  des  neuen  Glaubensgeistes,  der
über  Deutschland  hereingebrochen  war,  schallten  von  den
Kanzeln.  Mehrere  Geistliche  thaten  den  unerhörten  Schritt,
sich  zu  verheirathen,  und  selbst  in  die  geistige  Stickluft  der
umdammten  und  verschanzten  Klöster  drang  die  frische  Morgenlust
  der  Reformation,  so  daß  manche  Nonne  dem  Kloster
entfloh  und  sich  dem  Weltleben  wieder  zuwendete,  welches
sie  in  übereilter  und  verblendeter  Schwärmerei  aufgegeben
und  sich  vielleicht  nur  zu  schnell  unter  bittern  Reuethranen
nach  demselben  zurückgesehnet  hatte.

Es  konnte  nicht  fehlen,  daß  bei  der  großen  geistigen  Aufregung,
  welche  die  Reformatson  über  Deutschland  brachte,
nicht  allenthalben  die  ndthige  Ruhe  und  klare  Ansicht  vorhanden
  war,  um  sie  gehdrig  zu  erfassen,  und  daß,  wenn
auf  einer  Seite  sich  das  Vorurtheil  ihrem  Gedeihen  entgegenstemmte,
  sie  auf  mancher  andern  Seite  wieder  mit  unersättlicher
  Hast  aufgegriffen  und  mit  Schwindel,  statt  mit  Begeisterung,
  auf  das  Leben  und  auf  die  Religion  angewendet
wurde.  Das  Gefühl  der  neuen  Freiheit,  in  welche  sich  die
Menschen  durch  sie  versetzt  fühlten,  war,  nach  dem  vorhergegangenen
  langen  Drucke,  zu  ermuthigend,  als  daß  es