1544

192  Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.

laͤßt  sich  doch  mit  guten  Gründen  glauben,  daß  der  Kaiser
schon  damals  dem  Herzog  Moritz  heimliche  Hoffnungen  auf
die  sächsische  Churwürde  machte  und  Beide  bereits  in  lebhaften,
  durch  einige  unzufriedene  sächsische  Räthe  unterstützten
  Verhandlungen  standen.  Es  war  auch  traurig  genug,
daß  Johann  Friedrich  und  der  schmalkaldische  Bund  überhaupt
  nicht  einsehen  wollten,  wie  die  adußerliche  Nachgiebigkeit
  der  katholischen  Partei  keinesweges  aus  ihrem  guten
Willen,  sondern  nur  aus  ihrer  verlegenen  und  bedrängten
Lage  entsprang.  Denn  der  Kaiser  lag  krank  in  Italien  und
hatte  vollauf  mit  dem  Kriege  gegen  Frankreich  zu  thun,
während  der  König  Ferdinand  sich  im  Kampfe  gegen  die
Türken  manche  schlimme  Lection  holte.  Statt  diese  Verlegenheit
  des  Kaisers  und  des  Reichs  zu  nützen  und  zur  rechten
  Zeit  mit  ernsthaften  Forderungen  aufzutreten,  nagte  der
schmalkaldische  Bund  genügsam  an  kleinen  Scheinvortheilen,
die  man  ihm  noch  obendrein  als  Abfalle  kaiserlicher  Gnade
hinwarf  und  die  ihm  für  die  Dauer  durchaus  nichts  nützten,
und  ließ  die  günstige  Gelegenheit,  wo  die  Noth  des  Gegners
ihm  gestattet  hätte,  Bedingungen  vorzuschreiben  und  der  Reformation,
  welche  sich  zur  Zeit  noch  immer  von  ungeborenen
  Concilsen  nahrte,  mit  einem  Male  freie  Bahn  zu  brechen,
  unergriffen  vorüber  fliehn.  Nur  zu  schnell  und  unwiederbringlich
  war  diese  schöne  Gelegenheit,  die  so  unendlich  viel
für  Gegenwart  und  Zukunft  hätte  zu  wege  bringen  koͤnnen,
enteilt,  an  welcher  Unthätigkeit  der  sonst  so  feurige  Philipp
von  Hessen,  in  politische  und  andere  Hirngespinnste  verloren,
noch  mehr  Antheil  hatte,  als  der  von  Natur  trägere  Johann
Friedrich.  Leßterer  zeigte  sich  auf  dem  1544  zu  Speier  gehaltenen
  Reichstage,  wo  rücksichtlich  der  Religion  wieder  so
gut  wie  nichts  ausgemacht  wurde,  dergestalt  nachgiebig,  daß
sich  der  Kaiser  selbst  darüber  verwundern  mußte,  und  wenn
er  bei  dieser  Gelegenheit  seinen  Hofleuten  die  zweckmäßige
Bedeutung  gab,  daß  sie  nicht  durch  ein  zügelloses  Leben,  der
evangelischen  Lehre  Schmach  bringen,  die  Predigten  fleißig
besuchen,  und  sich  des  bei  Festlichkeiten  üblichen  Saufens
enthalten  sollten;  so  that  er  für  den  guten  Ruf  seines  Hof-