194  Martin  Luther's  Tod.

gen,  als  daß  er  einen  Krieg  haͤtte  ansehen  moͤgen,  dessen
Blut  zum  großen  Theile  einer  von  ihm  aufgestellten  Meinung
  floß,  obschon  er  eben  so  weit  entfernt  geblieben  waͤre,
dieser  seiner  Furcht  auch  nur  ein  Jota  von  seiner  einmal
gefaßten  und  vor  Gott  und  Menschen  ausgesprochenen  Ueberzeugung
  zu  opfern.  Sein  guter  Stern  wollte  dem  alten
muͤden  Glaubenshelden  diesen  schmerzlichen  Kampf  zwischen
seiner  Ueberzeugung  und  seinem  menschlichen  Gefuͤhle  ersparen,
und  entnahm  ihn  der  Welt,  noch  ehe  das  Unwetter  sich
entlud,  welches  schon  so  schwuͤl  uͤber  seinem  und  den  Haͤuptern
  seiner  Juͤnger  stand.  Dr.  Martin  Luther  starb  am
18.  Februar  1546  im  63.  Jahre  seines  Lebens,  zu  Eisleben,
wohin  er  gereist  war,  um  einen  Streit  zu  schlichten.  Er
hatte  für  das  große,  wunderbare  Werk,  welches  er  begonnen
  und  ausgeführt,  anfangs  Nichts,  als  seine  eigne  Ueberzeugung
  einsetzen  konnen;  aber  beinahe  unbewußt  hatte  er
damit  an  das  Herz  der  Deutschen  gegriffen  und  schnell  hatten
  sich  hinreichende  Kämpfer  und  Bekenner  für  seine  Sache
gefunden.  Selten  ging  er  zu  weit  in  seinen  Meinungen,
wohl  aber  in  deren  Durchführung.  Doch  ward  durch  seine
Heftigkeit,  unter  den  obwaltenden  Umständen,  immer  weit
mehr  gefordert,  als  verdorben,  und  unter  seinen  Launen,  die
sich  besonders  im  Alter,  eine  Folge  ruheloser  Kämpfe,  einstellten,
  litt  nur  seine  unmittelbare  Umgebung,  nicht  aber  die
Sache.  Ist  auch  vielleicht  sein  Leben  noch  größer  und  bedeutsamer,
  als  er  selbst,  muß  man  auch  zugeben,  daß  die
Reformation  schon  seit  lange  als  Zündstoff  in  dem  deutschen
Volke,  ja  in  der  Menschheit  vorbereitet  lag  und  nur  eines
Anlasses  wartete,  um  hervorzubrechen,  und  daß  Luther  sonach
  nicht  der  Schdpfer,  sondern  eben  nur  das  Werkzeug
eines  grèßern,  vielleicht  von  ihm  selbst  nicht  durchga#ngig  erfaßten,
  durch  die  Zeit  hervorgebrachten  Werkes  war;  so
ist  Luthern  dennoch  nachzurühmen,  daß  er  vor  der  Größe
der  Schöpfung  —  welche  sich,  zufällig  von  ihm  erweckt,  so
ungeahnet  riesenhaft  vor  ihm  aufrichtete  —  nicht  erschrak,
daß  er  sie  schnell  verstehen  lernte  und  das  gewaltige  Werk
kühn  aufgriff  und  weiterbildete.  Er  steht  als  ein  Mann