Johann  Friedrich's  Gefangenschaft  und  Abdankung.  205

Vorwuͤrfen  gegen  den  gefangenen  Churfuͤtsten  heraus,  der
ihn  und  seine  Kinder  habe  verjagen  und  in  schmaͤhliche
Armuth  bringen  wollen.  Der  Churfuͤrst  schwieg:  aber  er
gab  durch  seinen  standhaften  Muth  im  Ungluͤcke  bessere  Beweise
  von  Seelengröße,  als  seine  Feinde  und  er  selbst  vorher
  im  Glücke,  und  verdiente  sich  hier  mit  vollem  Rechte
den  ihm  gewordenen  Beinamen  des  Großmüthigen,  besser
wohl  des  Großherzigen.

Der  Kaiser  zog  hierauf  nach  Torgau,  welches  ihm  ohne
Widerstand  die  Thore  öffnete,  von  hier  aus  vor  Wittenberg,
  welches  der  älteste  Sohn  des  gefangenen  Churfürsten
behauptete.  Da  Letterer  eine  ziemlich  starke  Besatzung  bei
sich  hatte  und  der  Ort  zu  befestigt  war,  auch  der  Kaiser  des
groben  Geschützes  entbehrte,  so  ward  Carls  Aufforderung,  sich
zu  ergeben,  mit  Bestimmtheit  zurückgewiesen.  Da  der  Kdnig
Ferdinand  und  mehrere  Katholischen  ohnedies  in  den  Kaiser
drangen,  dem  gefangenen  Churfürsten  den  Kopf  abschlagen
zu  lassen,  so  wollte  er  sich  wenigstens  einer  Spiegelfechterei
dieser  Art  bedienen,  um  Wittenberg  zum  Uebergange  zu  bringen.
Er  ließ  ein  Kriegsgericht  über  den  Churförsten  halten,  welches
demselben  —  der  Kaiser  hatte  dies  gewünscht  —  als  Aufrührer
und  Geachteten  das  Leben  absprach.  Der  Churfürst  vernahm
  das  Todesurtheil,  als  man  ihm  dasselbe  überbrachte,
mit  so  vieler  Kaltblütigkeit,  daß  er  sich  nicht  einmal  im
Schachspiel,  womit  er  sich  eben  die  Zeit  vertrieb,  sidren  ließ.
Als  Carl  V.  dem  Sohne  Johann  Friedrich's  sagen  ließ,
daß,  wenn  er  Wittenberg  nicht  ubergebe,  man  ihm  den
Kopf  seines  Vaters  schicken  werde;  ließ  dieser  zurücksagen:
er  werde  ihnen  dafür  den  Kopf  des  von  seinem  Vater  gefangenen
  Markgrafen  Albrecht,  den  man  in  Wittenberg  festhielt,
  senden.  Doch  sollte  es  nicht  so  weit  kommen.  Der
Churfürst  Joachim  II.  von  Brandenburg  eilte  schleunigst  in
das  Lager  des  Kaisers  und  bat  für  das  Leben  des  Gefangenen.
  Seine  Bitten  unterstützte  der  Herzog  Wilhelm  zu
Cleve,  und  selbst  der  Herzog  Moritz  —  war  es  aus  Mitleid,
aus  Gewissen  oder  Schaamgefühl  —  verwendete  sich  beim
Kaiser  für  das  Leben  seines  gefangenen  Vetters,  der  bereits