210  Das  Interim.

als  seine  Gegner  im  Siege.  Die  Bemerkung,  welche  er
aussprach,  als  man  ihm  seine  Buͤcher  entzog:  „Nehmen  sie
mir  gleich  meine  Buͤcher,  so  sollen  sie  mir  doch  das,  was
ich  daraus  gelernt,  nicht  aus  dem  Herzen  reißen!“  kann
pikant  genannt  werden.  Aber  nicht  nur  die  evangelischen
Fürsten  —  unter  ihnen,  freilich  nicht  so  unbedingt,  auch  Churfürst
  Moritz  —  weigerten  sich  entschlossen,  das  Interim  anzunehmen;
  selbst  unter  den  Katholiken  fand  es  heftigen  Widerstand,
  denn  auch  sie  konnten  dieses  verunglückte
Religions-Amalgema,  wie  das  Interim  ihnen  darbot,  unmoglich
  mit  Ueberzeugung  aufnehmen:  sie  glaubten  zu  wenig
dabei  zu  gewinnen,  eben  so  wie  die  Protestanten  dabei  zu
viel  zu  verlieren  meinten.  Am  meisten  aber  eiferten  der
Pabst  und  die  romische  Geistlichkeit  gegen  das  Interim;  sie
konnten  es  unmoglich  verschmerzen,  daß  der  Kaiser  —  ohne
ein  Concil  berufen  zu  lassen  und  dort  dem  Pabste  und  der
Geistlichkeit  die  Entscheidung  zu  überlassen  —  diese  Religionsangelegenheiten
  wie  weltliche  Dinge  auf  einem  bloßen
Reichstage  aus  eigner  Macht  entscheide  und  so  leichthin
über's  Knie  breche,  obendrein  auch  die  Communion  unter
beiderlei  Gestalt  anordne  und  die  Priesterehe  gestatte.  Doch
die  nunmehr  folgenden  Begebenheiten,  bei  welchen  Churfürst
Moritz  —  nach  glücklicher  Abspielung  seiner  frühern  zweideutigen
  Rolle  —  als  Held  und  Triebbad  erscheint,  machen
einen  kleinen  Rückblick  auf  die  Trennung  der  belden  sächsischen
  Linien,  der  Ernestinischen  und  der  Albertinischen,  welcher
  Letztere  Moritz  angehdrte,  nöthig,  um  die  Einsicht  in
die  eintretenden  Verhältnisse  zu  erleichtern.