Heinrich  der  Fromme.  225

uͤber  den  Haufen  stuͤrzen  wuͤrde  und  daß  in  diesem  natuͤrlicheren
  Gange  der  Dinge  die  Welt  weniger  ein  Aergerniß
erblicke,  als  wenn  man  das  Frühere  zu  hitzig  zerstdre  und  ihm
gerade  dadurch  Antheil  erwecke  —  noch  nicht  förmlich  aufgehoben,
  aber  in  ihrem  Wesen  so  sehr  reducirt,  daß  sie  endlich
  nur  der  Form  nach  noch  bestanden,  und  auf  ähnliche
Weise  der  ganze  Katholicismus  nicht  offenbar  gestürzt,  aber
so  in  sich  selbst  ausgeweidet,  daß  gleichsam  nur  noch  die
dusseren  Waͤnde  davon,  ohne  mehr  innern  Halt  zu  haben,
stehen  blieben,  die  gar  bald  auch  vollends  in  sich  selbst  zusammenbrechen
  mußten.  Entschiedenere  Schritte  wagte  man
rücksichtlich  der  Universität  Leipzig  zu  unternehmen,  welche
unter  der  beinahe  vierzigjährigen  Regierung  Georg's,  allerdings
  ziemlich  in  katholischen  Grundsätzen  ertrunken  war.
Da  die  gelehrten  Disputationen,  mit  denen  man  erst  die
Sache  angreifen  wollte,  zu  nichts  Entscheidendem  führten,  so
wählte  man  das  kürzere  und  schneller  wirkende  Mittel,  die
gar  zu  beharrlichen  orthodoxen  Zeloten  zu  entfernen  und  an
ihre  Stelle  Männer  einzusetzen,  welche  sich  den  Forderungen
  einer  siegenden  neuen  Zeit  besser  zu  fügen  wußten.
Somit  war  der  große  Schritt  gethan  und  die  Reformation
  mit  ihren  tausend,  auch  in  weltliche  Wissenschaften  eingreifenden
  verborgenen  Aesten,  auch  auf  die  Universitaͤt  Leipzig
  verpflanzt.  Es  war  ein  mächtiger  Sprosse,  den  man
damit  in  den  Schoos  der  Zeit  senkte;  Jahrhunderte  haben
seitdem  ihn  getränkt  und  groß  gezogen,  und  er  hat  seine
Zweige  in  die  Welt  gesendet,  wie  der  wunderbare  Weltbaum
an  Mimer'b  Brunnen,  von  welchem  die  Lieder  der  Scalden
  tdnen:  Seine  Wurzeln  haben  im  Unwetter  der  Begebenheiten,
  die  unser  Vaterland  erschütterten,  dessen  Boden
geistig  zusammengchalten.  Ohne  die  Universität  Leipzig
würde  Sachsen  der  geistigen  Gesammtheit  entbehren.  Die
Stände,  welche  unter  Georg's  Regierung  Alles  mehr  in
einem  gewissen  Gleise  hatten  gehen  sehen,  schüttelten  die
Koͤpfe,  als  Heinrich,  freilich  blos  die  Maschine  des  Schmalkaldischen
  Bundes,  mit  einem  Male  so  viele  Veränderungen
  vornahm  und  sie  ihn  die  Reformation  vor  ihren  Augen

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