Herzog  Moritz.  233

tete,  um  vollends  aus  einander  zu  fallen.  Freilich  galt  es
ein  mehr  noch  gewaltsames,  als  kuͤhnes  Spiel.  Moritz  mußte
die  heiligsten  Bande,  welche  Verwandtschaft,  Glaubensverbindung
  und  Freundesvertrauen  um  ihn  schlangen,  zerreißen  und
abschwoͤren,  mußte  den  Freund  und  Blutsverwandten  Johann
  Friedrich,  der  ihm  seine  Laͤnder  zum  Schutz  anempfohlen
  hattte,  taͤuschen  und  verrathen,  den  Vater  seines  Weibes
aufopfern  und  seinen  Ruf,  sein  Gewissen  vor  der  ganzen  Welt
in  die  Schanze  schlagen;  denn  sein  Verrath  an  Johann  Friedrich,
  dem  er  seine  Lande  zu  schuͤtzen  versprochen,  empoͤrte
selbst  des  Letztern  Feinde.  Kurz,  es  mußten  in  jenen  Augenblicken
  alle  Güter  der  Ehre  und  des  Gewissens  in  die
Schanze  geschlagen  werden,  um  das  Eine  zu  gewinnen,  wonach
  Moritz's  unbezwinglicher  Ehrgeiz  und  seine  Herrschbegierde
  lechzten.  Als  hätte  ihm  ein  goldner,  wunderbarer
Traum  dieses  Ziel  gewiesen  und  ihm  zu  eigen  gegeben,  so
jagte  er,  erbarmungslos  über  Liebe,  Pflicht  und  Freundschaft
wegsetzend,  dem  schoönen  Bilde  nach,  welches  für  ihn,  den
Ueberkräftigen,  mehr  als  eine  bloße  Wolke  war.  Er  wurde
der  Vollstrecker  der  kaiserlichen  Acht  an  Johann  Friedrich,
fiel,  während  derselbe  mit  den  schmalkaldischen  Verbündeten
an  der  Donau  stand,  plöôtzlich  in  dessen  Länder  ein  und  bemeisterte
  sich  deren  beinahe  insgesammt  in  wenigen  Tagen,
ward  aber  von  dem,  von  der  Donau  zurückeilenden  Churfärsten
  derselben  eben  so  schnell  wieder  beraubt  und  in  seinem
cignen  Lande  hart  bedrängt,  bis  ihn  der  zu  Hilfe  herbeieilende
  Kaiser  durch  den  Sieg  bei  Mühlberg  aus  der  bedrohlichen
  Lage  riß,  wie  wir  dies  schon  in  Johann  Friedrich's
Leben  ersahen.  Moritz  selbst  hätte  diesen  für  ihn  so  hochbelohnenden
  Sieg  beinahe  nicht  erlebt;  er  wagte  sich  in  der
Möhlberger  Schlacht  zu  weit  vor  und  kam  dabei  einem  seindlichen
  Reiter  so  nahe,  daß  derselbe,  scharf  auf  ihn  anlegend,
ihn  erschossen  haben  würde,  hätte  ihm  nicht  zufällig  das  Gewehr
  versagt.  Die  Folge  dieses  vernichtenden  Sieges,  die
Wittenberger  Capitulation,  in  welche  der  hart  verrathene
Churfürst  willigen  mußte,  brachte  für  Moritz  die  heißersehnte,
mit  schweren  Opfern  des  Gewissens  erkaufte  Frucht,  das

1517