Moritz  erlangt  die  Churwürde.  235

verdammenswerth  und  großartig  zugleich,  daß  es  eben  so
schwer  ist,  sie  zu  verwerfen  als  sie  zu  rühmen.  Jeden  Andern
  als  einen  Moritz,  würde  eine  Hinterlist,  wie  er  sie  gegen
  den  bedauernswürdigen  Johann  Friedrich  übte,  zum
Heuchler  gemacht  haben;  aber  Moritz  fündigte  im  Dienste
einer  so  großen  und  gerechten  Sache,  sein  Betrug  geschah  so
zu  Gunsten  der  Vernunft  und  Wahrheit,  daß  selbst  der
strengste  historische  Beurtheiler  ansteht,  den  Stab  über  seinen
  Verrath  zu  brechen.  Moritz's  Leben  gleicht  dem  Erdflusse.
  Unterirdisch,  in  trüben,  vereinzelten  Quellen  anfangs
fortrieselnd,  vielfach  aufgehalten,  muß  er  auch  vielfache  Umwege
  nehmen,  um  seinen  scheuen  Pfad  zu  verfolgen.  Aber
einmal  seine  Mündung  gewinnend,  verschmäht  er  fortan
jedes  Dunkel  und  Hehl,  jeden  Umweg,  und  steigt  mächtig
zum  Tage  herauf,  den  er,  ein  schdnes  Bild  der  Kraft  und
Reinheit,  von  da  an  nie  wieder  verläßt.  Moritz's  Charakter
  ist  im  Beginne  ein  Labyrinth,  das  sich  aber  zuletzt  in
Einklang,  Wahrheit  und  Harmonie  endigt.  Nachdem  er  sich,
wie  er  anfangs  mußte,  den  Umständen  gefügt  und  eben  durch
Beugsamkeit  Herr  derselben  geworden  war,  gehbrte  er  sich
selbst  an,  und  sich  war  er  treuer,  als  vorher  den  Umständen.
Er  hätte,  wie  sein  richtiger  Blick  dies  wohl  ersah,  niche
gleich  anfangs  als  Beschüter  der  protestantischen  Sache  auftreten
  können,  er  mußte  sich  vielmehr  selbst  erst  zum  Beschüter
herankämpfen,  und  dazu  bot  ihm  gerade  derjenige  unbewußt
die  Hand,  gegen  dessen  Tyrannei  er  später  als  Verfechter
und  Rächer  der  evangelischen  Freiheit  auftrat.  So  mußte
er,  um  später  den  Glauben  retten  zu  können,  beinahe  nothgedrungen
  erst  dessen  matte  Stütze  —  den  schmalkaldischen
Bund  —  zertrümmern,  die  nur  hindern  aber  nicht  mehr  helsen
  konnte.  Ein,  besonders  wegen  seiner  Kürze  beinahe  bis
zur  Ueberfülle  reiches  Leben,  welches  von  so  vielfachen,
scheinbar  sich  widersprechenden  und  doch  endlich  ssch  in  einer
geheimnißvollen  Uebereinstimmung  begegnenden  Motiven
durchkreuzt  ist,  bleibt  srines  dußerlichen  schnellen  Abbrechens
wegen,  obschon  ihm  deshalb  doch  der  innere  Abschluß  nicht
fehlt,  für  den  Historiker  eine  schwere  Aufgabe,  und  er  hat