236  Moritz  und  die  Reformation.

mit  seinem  eigenen  Gemuͤthe  Noth',  um  sich  von  Moritz's
anfaͤnglichem  Verfahren  nicht  zu  tief  empoͤren  und  von  dessen
  spaͤterem  Ruhme  nicht  zu  uͤberspannter  Vorliebe  hinrei—
ßen  zu  lassen,  und  sich  selbst  vor  einem  Schwanken  zwischen
Abneigung  und  Begeisterung  zu  bewahren.

Der  Kaiser,  den,  neben  politischen  Ruͤcksichten,  wirklich
auch  eine  gewisse  persönliche  Zuneigung  an  Moritz  gefesselt
zu  haben  scheint,  haͤtte  eigentlich  sehr  schnell  Ursache  gehabt,
an  Moritz's  unbedingter  Anhaͤnglichkeit  irre  zu  werden  und
einzusehen,  daß  dieser  da,  wo  er  sich  selbststaͤndig  fuͤhlte,
auch  gern  seine  eigenen  Wege  gehe.  Denn  auf  dem  naͤm—
lichen  Reichstage  zu  Augsburg,  auf  welchem  Moritz  die  Belehnung
  vom  Kaiser  erhalten  hatte,  weigerte  er  sich,  das  Interim,
  welches  der  Kaiser  den  deutschen  Fürsten  und  Ständen
  sehr  angelegentlich  aufzudringen  suchte,  unbedingt  anzuerkennen.
  Zwar  war  er  noch  zu  vorsichtig,  um  es  ohne
Weiteres  abzulehnen,  allein  er  speiste  den  ungeduldigen  Kai—
ser  mit  einer  ausweichenden  Antwort  ab;  indem  er  vorschützte:
daß  er  in  einer  Glaubenssache  dieser  Art  nicht  aus  eigner
Kenntniß  eine  Erklärung  zu  geben  sich  getraue,  sondern  sich
erst  mit  seinen  Theologen  und  Ständen  darüber  berathen
müsse.  Um  jedes  weitern  unangenehmen  Drängens  und
Zuredens  von  Seiten  des  Kaisers  recht  schnell  überhoben  zu
seyn,  reiste  er,  kurz  nach  Publscirung  dieses  vielverspotteten
Interims,  plotzlich  ab.  Leicht  hätte  er  durch  dieses  Benehmen
  zu  frühzeitig  den  Verdacht  des  Kaisers  wecken  können;
daher  galt  es  vor  der  Hand  sich  noch  einigermaßen  etwas
geschmeidig  und  nachgsebig  finden  zu  lassen.  Er  ging,  sobald
er  wieder  daheim  war,  mit  seinen  Theologen  sogleich  an  die
Arbeit  und  wendete  das  Interim  von  allen  Seiten  herum,
um  wenigstens  einiges  Anwendbare  herauszufinden.  Mit
Hilfe  des  friedliebenden  Melanchthon,  der  lieber  von  seiner
eigenen  Ueberzeugung  etwas  nachgab,  als  daß  er  es  zu  Unscieden
  kommen  ließ,  brachten  sie  auch  wirklich  das  sogenannte
  Leipziger  Interim  zu  Stande,  welches  zwar  in  mehreren
  Puncten  sich  dem  kaiserlichen  nicht  anschloß,  aber  doch
von  den  eifrigen  Evangelischen,  besonders  von  den  niedersäch-