Moritz  und  die  Reformation.  237

sischen  und  thuͤringischen  Gottesgelehrten  fuͤr  gewissenswidrig
nachgebend  befunden  und,  nebst  seinem  Schoͤpfer,  in  hestigen
  Streitschriften  auf  das  Bitterste  geschmaͤht  wurde.  Der
Unwille,  den  sein  Leipziger  Interim  in  der  protestantischen
Welt  erregte,  kam  dem  klugen  Moritz  vielleicht  nicht  unerwünscht;
  denn  um  so  eher  konnte  er  den  Kaiser  überzeugen,
wie  viel  er  durch  unbedingte  Annahme  des  Interims  gewagt
haben  würde  und  wie  ihm  schon  durch  eine  gemilderte  Anwendung
  desselben  Hader  und  Feindschaft  erwachse.  Hatte
Luther  noch  gelebt,  so  würde  dessen  Einfluß  auf  Moritz's
Thcologen,  namentlich  auf  Melanchthon,  es  nie  auch  nur  zu
einem  Leipziger  Interim  haben  kommen  lassen,  oder  die  Angriffe
  gegen  dasselbe  würden  noch  bei  weitem  heftiger  ausgefallen
  seyn,  als  sie  schon  ohnedies  waren.  Fast  traten  die
Katholiken  —  auf  deren  Seite  sich  doch  eigentlich  das  Interim
  neigte,  indem  es,  bei  der  unsicher  gewordenen  Bahn,
gleichsam  nur  eine  Interimöbrücke  abgab,  um  unterdessen
die  von  Partelungen  aufgerissene  alte,  romische  Kirchenstraße
wieder  festzustampfen  und  gangbar  zu  pflastern  —  entschiedener
  gegen  dieses  Interim  auf,  als  Moritz  und  seine  Theologen,
  und  der  Protestantismus  schien  beinahe  subtil  katholisch
werden  zu  wollen.  Aber  er  schien  es  auch  nur.

Trotz  dieses  Widerstandes,  den  er  von  zwei  Seiten  fand,
arbeitete  der  Kaiser  doch  mit  mühsamer  Beharrlichkeit  an
seinem  Interim  fort,  welches  ihm  formlich  zur  fixen  Idee  geworden
  war.  Man  begreift,  wenn  man  den  Gegenstand
näher  betrachtet,  wirklich  nicht,  wie  des  Kaisers  gesunder
Sinn  das  Interim,  dieses  theologische  Wischiwaschi,  aus
verkühltem  Katholicismus  und  den  Hefen  des  Evangelismus
zusammengesetzt,  mit  so  heißer  Gier  zu  Credit  bringen  wollte
und  für  seine  eigene  Person  Geschmack  daran  finden  konnte.  Wäre
mehr  politischer  Scharfsinn  in  Deutschland  vorhanden  gewesen,
  so  hátte  das  Interim,  welches  der  Kaiser  als  Keil
zwischen  die  beiden  Glaubensparteien  trieb,  dieselben  zu  einer
gewissen  Einigung  bringen  sollen.  Denn  beiden  Theilen  war
das  Interim  gleich  sehr  zuwider,  und  sie  konnten  wohl  einsehen,
wie  der  Kaiser  durch  dasselbe  sich  eine  kirchliche  Entschei-