238  Moritz  und  die  Reformation.

dung  aneignen  und  zwischen  Katholiken  und  Protestanten
einen  neuen  Zankapfel  werfen  wollte,  über  den  beide  Theile
in  Aerger  gerathen  und,  ohne  an  den  Urheber  zu  denken,
dabei  einen  neuen  Sturm  gegen  die  herrschenden  Verhältnisse
unternehmen  moͤchten.  Leider  hatte  er  sich  in  seiner  Rechnung
  auf  den  deutschen  Charaktet  nicht  geirrt:  beide  Parteien
waren  nur  in  ihrem  Aerger  mit  einander  einverstanden,
sonst  aber  blieben  sie  getrennte  Leute,  ja  dieses  Interim,  in
welchem  jeder  Theil  den  Andern,  trotz  dessen  cigenen  Widerstrebens,
  doch  noch  gegen  sich  bevorzugt  glaubte,  diente  nur
die  Spaltung  zu  mehren.  Die  richtigste  Ansicht  über  die
Sache  hatten  vielleicht  die  Gassenbuben  zu  Magdeburg  —
eine  Stadt,  welche,  als  Mitglied  des  schmalkaldischen  Bundes,
  sich  am  lautesten  und  entschiedensten  gegen  das  Interim
  aussprach  —  in  einem  Liede,  welches  sie  frank  und
frei  in  den  Straßen  trällerten:

„„Glückselig  ist  der  Mann,

Der  Gott  vertrauen  kann,

Und  hütet  sich  vorm  Interim,

Denn  's  hat  'n  Schalk  hinter  ihm.“

Dafür  faßte  auch  der  Kaiser  einen  heftigen  Zorn  gegen

die  Stadt,  den  er  gar  bald  an  ihr  auszulassen  Anstalt  machte.
Er,  der  nicht  die  Kirche  in  sich,  sondern  sich  in  der  Kirche
befestigen  und  zum  Theil  durch  sie  herrschen  wollte,  dachte
gar  bald  darauf,  seinem  Interim,  dem  man,  so  lange  es
friedlich  anklopfte,  beinahe  allenthalben  Hof  und  Thüre  verschloß,
  mit  Gewalt  der  Waffen  Eingang  zu  bahnen.  Er
verband  damit  den  Lieblingsplan,  mit  Umgehung  seincs  Bruders
  Ferdinand,  die  Nachfolge  auf  dem  deutschen  Throne  auf
seinen  Sohn  Philipp  zu  übertragen  und  Deut'hland  und
Spanien  unter  Einem  Scepter,  auch  möglichst  zu  Einem
Reiche  zu  vereinigen.  Dies  hieß  freilich  die  deutsche  Freiheit
auf  das  Engste  mit  spanischem  Servilismus  amalgamiren,
und  der  Reformation  wäre  mit  dem  neuen  Krönungsgeläute
wohl  die  Todtenglocke  gezogen  worden.  Carl  V.  war  durch
sein  lehtes  Glück  so  launisch  und  übermüthig  gemacht,  daß
er  sich  gar  nicht  sehr  angelegen  seyn  ließ,  seine  Plänc  zu