Johann  Friedrich's  letzte  Tage.  247

auf  seinen  Bruder  August  uͤberging.  Moritz  steht  am  Horizonte
  der  Weltgeschichte  als  ein  leuchtendes,  aber  raͤthselhaftes
  Gestirn.  Er  hatte  einst  seinen  Ruf  gewagt,  aber  den
Ruhm  damit  gewonnen.  Sein  Leben  war  so  wunderbar,
daß  er  die  kleineren  und  gewoͤhnlicheren  Interessen  des  Gewissens
  verloren  geben  mußte,  um  die  groͤßeren  zu  erringen.
Selbst  sein  Sieg  uͤber  den  Kaiser,  der  ihn  erhoben,  ist  mehr
als  That  glaͤnzend,  denn  als  Handlung  loͤblich.  Und  dennoch
  bleibt  er,  bei  allen  den  vielen  Zweideutigkeiten  seines
Charakters  und  seiner  Handlungsweise,  der  groͤßte  Fuͤrst,
den  Sachsen  uͤberhaupt  besessen  hat.  Die  Klugheit,  womit
er  eine  sturmbewegte,  riesige  Wellen  werfende  Zeit  zu  durchsteuern,
  die  Kraft,  womit  er  nicht  nur  sich  auf  dem  errungenen
  Platze  gegen  Neid  und  Gegenmacht  zu  behaupten  wußte,
sondern  von  da  aus  auch  noch  die  heiligsten  Angelegenheiten
Deutschlands  mit  gewaltigem  Arm  schuͤtzte,  macht  ihn  als
Staatsmann  wie  als  Held  zu  einem  Vorbilde  fuͤr  alle  Zeiten,
  besonders  wenn  man  die  zarte  Jugend  erwägt,  in  welcher
  er  sich  schon  selbstständig  zeigte.  Dennoch  scheint  es,
daß  das  Schicksal  ihn  nur  zu  einem  Werkzeuge  für  ssch
gebrauchen  wollte,  da  es  ihn,  sobald  er  das  ihm  zugewiesene
Werk  erfüllt  hatte,  schnell  dem  Schauplatze  entrückte  und  ihn
—  vielleicht  eine  Vergeltung  manches  früher  von  ihm  begangenen
  Unrechts  —  im  nothgedrungenen  Kampfe  gegen  einen
vormaligen  Bundesgenossen,  durch  eine  hinterrücks  abgeschossene
  Kugel  fallen  ließ.  Ob  er  durch  Freundes  Hand  siel,
bleibt  unentschieden.  Sein  Tod  hat  etwas  von  der  geheimnißvollen
  Weise  des  Todes  an  sich,  der  den  Schwedenkonig
Gustav  Adolf  ereilte,  welcher  in  vielfacher  Beziehung  dem  Helden
Moritz  vielleicht  ähnlicher  ist,  als  man  glaubt.  Die  Sage,
daß  Moritz  von  einem  seiner  Diener  erschossen  ward,  den
ein  im  Amte  Moritzburg  aufgefundener  Zettel  v.  Karras
nennt,  muß  vor  der  Hand  unerdrtert  bleiben.
Johann  Friedrich,  welchem  am  1.  September  1552  der  1552

Kaiser  seine  völlige  Freiheit  ertheilte  —  vielleicht  weniger
aus  Schuldigkeit,  denn  man  hatte  des  Armen  nicht  einmal