Churfuͤrst  August.  269

dem  Kryptocalvinismus  noch  groͤßere  Bahn  brach.  Der  Herzog
  Johann  Wilhelm  von  Weimar  starb  und  August  verschaffte
  sich  die  Vormundschaft  uͤber  die  beiden  Prinzen.  Die
Kryptocalvinisten  —  nunmehr  schon  muthiger  geworden  und
diesmal  die  von  ihrem  Vorbilde,  Melanchthon,  ererbte  weise
Duldsamkeit  und  Mäßigung  gaͤnzlich  verläugnend  —  verfielen
  in  den  Eiferergeist  ihrer  Gegner.  Durch  ihren  Betricb
wurden  eine  Menge  streng=  lutherischer  Theologen  von  Weimar
  und  Jena  schonungslos  verjagt  und  ihre  Stellen  mit
Wittenberger  Theologen  besebt.  Diese  gewaltsamen  Schritte
veranlaßten  nunmehr  auch  diejenigen  coangelischen  Fürsten  zur
Sprache,  welche  bisher  mehr  oder  weniger  geschwiegen  hatten.
Von  allen  Seiten  ward  der  Churfürst  August  mit  Briefen
überhäuft,  welche  ihm  den  Calvinismus  seiner  Räthe  bewiesen
  und  deren  steigende  Willkühr  anklagten.  Dies  und
die  wirklich  verringerte  Vorsicht  der  Philippisten,  welche  den
von  inniger  Ueberzeugung  fär  Luthern  erfüllten  Churfürsten
nunmehr  offencr  auf  eine  fremde  Seite  zu  ziehen  versuchten
und  ihm  dadurch  zeigten,  daß  wirklich  eine  Trennung  zwischen
  seinen  Räthen  und  den  Lutheranern  bestehe  (was  er
bisher  immer  für  ein  bloßes  Hirngespinst  der  Letteren  gehalten
  hatie),  mußte  dem  in  langer  Selbsttäuschung  erhaltenen
  August  die  Augen  oͤffnen.  Er  gerieth  bei  dieser  Entdeckung
  in  heftigen  Zorn;  denn  eines  Theiles  mochte  es  ihn
tief  schmerzen,  daß  seine  nächsten  Freunde  und  Vertrauten
ein  so  trügerisches  Spiel  mit  seiner  religidsen  Ueberzeugung
sich  erlaubt,  mehr  aber  noch  mochte  es  sein  Selbstgeföhl,
ja  in  gewissem  Sinne  seine  Eitelkeit  verletzen,  wenn  er  bedachte,
  daß  er,  ohne  es  zu  merken,  einer  Spaltung  beigetreten,
  die  man  oft  bei  ihm  verklagt  und  an  welche  er  doch
nie  geglaubt  hatte,  und,  ohne  es  zu  wissen  und  zu  wollen,
seinem  von  ihm  hochverehrten  Luther  abwendig  geworden
war;  und  daß  man,  unter  seinem  Beistande,  dem  Lutherthume
  entgegengewirkt  hatte.  Die  gereizte  Eitelkeit  seiner
Gattin,  Anna,  welche,  ebenfalls  strenge  Lutheranerin,  sich
dennoch  ganz  in  das  nämliche  Trugspiel  hatte  hineinreißen
lassen,  wie  ihr  Gemahl,  kam  hinzu;  obendrein  mochte  sie  ei-