Christian  J.  275

um  regieren  zu  koͤnnen,  und  ein  verhaͤngnißvolles  Schicksal
stellte  ihm  auch  wicklich  einen  Mann  an  die  Seite,  wie  er
ihn  brauchte.  Dies  war  D.  Nilcolaus  Crell  aus  Leipzig,
ein  talent=  und  wissensvoller  Mann,  welcher,  nachdem  er
in  Grimma  und  dann  in  Leiyzig  studirt,  sich  in  letzterer
Stadt  als  Jurist  so  sehr  ausgezeichnet  hatte,  daß  er  die
Aufmerksamkeit  des  Churfürsten  August  auf  sich  zeg,  welcher
ihn  nach  Dresden  berief.  Christian,  dessen  volles  Vertrauen
er  gewonnen  hatte,  erhob  ihn  zu  seinem  Canzler  und  gab
allmählig  alle  Sorgen  und  alle  Macht  der  Regierung  in  seine
Hände.  Crell,  welcher  sich  vom  Churfürsten  ausdrücklich  die
freie  Ausübung  seincs  reformirten  Glaubens  vorbehalten  hatte,
wußte  in  den  ganzen  Churfürstlichen  Landen  gar  bald  dem
Calvinismus  allen  moglichen  Vorschub  zu  gewähren  und
durfte  hierin  um  so  freier  walten,  da  der  Churfürst  selbst
von  dem  Gemahle  seiner  Schwester  Elisabeth,  dem  eifrig
calvinistischen  Pfalzgrafen  Johann  Casimir  von  Lautern,
sehr  für  diese  Lehre  gestimmt  wurde.  So  erhielt  das  Schulund
  Canzelwesen  eine  caloinistische  Form;  Crell  füllte  die
Consistorien  und  die  höheren  geistlichen  Stellen  mit  Calvinisten,
  mit  deren  Hilfe  —  namentlich  der  beiden  Hofprediger  Johann
  Salmuth  und  David  Steinbach,  in  denen  sich  die  Obercensür
  vereinigte  —  er  allen  erscheinenden  theologischen  Schriften
  die  gewünschte  caloinistische  Färbung  zu  verleihen  wußte.
Bibel  und  Catechismus  mußten  sich  diesem  Geiste  fögen  und
den  Priestern  ward,  bei  Verlust  ibres  Amtes,  verboten,  bei
der  Taufe  den  Erorcismus  —  das  Austreiben  des  Teufels
aus  dem  Taͤuflinge  —  anzuwenden.  Besonders  die  letztere
Einrichtung  veranlaßte  große  Bestürzung  unter  dem  gemeinen
  Volke,  welches  damals  allerdings  noch  nicht  durch  die
Form  bis  zu  dem  Geiste  einer  Glaubenslehre  vorgedrungent
war;  die  Meisten  glaubten,  daß  der  Teufel,  der  keinen  Exorcismus
  mehr  zu  bestehen  habe,  jetzt  wirklich  in  dem  Kinde
bleibe;  Viele  eilten  in  dieser  Vesorgniß  an  entiegene  Orte,
wo  der  Exorcismus  noch  erlaubt  war,  und  bei  mehrfachen
Gelegenheiten  wurde  der  taufende  Priester  durch  Drohungem
und  Gewaltthátigkeiten  von  dem  gemeinen  Manne  gezwungen,
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