316  Johann  Georg  I.

Er  war  mit  geringen  Fähigkeiten  und  mit  noch  geringerem
  Charakter  in  cine  wilde,  ungeheuere  Zeit  hineingeschleudert
  worden,  die  wohl  geeignet  gewesen  wire,  selbst
den  Mittelmaßigen  sich  selbst  zu  entreißen  und  zu  etwas  zu
machen.  An  ihm  bewirkte  sie  das  Gegentheil,  sic  ließ  ihn
so  weit  hinter  sich  zurück,  daß  er  in  diesem  Abstande  beinahe
  zum  Nichts  einschrunpfte.  Vielleicht  hätte  eine  friedlichere
  Epoche  ihm  mehr  Gelegenheit  gegeben,  wenn  auch
nicht  fürstliche,  doch  brgerliche  Tugenden  zu  entwickeln,  und
vielleicht  hätte  er  selbst  in  seiner  großen  Zeit  eine  nicht  ganz
schlechte  Nebenrolle  gespielt,  wenn  er  an  einem  weniger  bedeutsamen
  Platze  gestanden,  und  statt  eigenen  Entschlusses,
wozu  er  freilich  der  Mann  nicht  war,  nur  einen  subordinirten
  Beruf,  ein  politisches  Canzelistenamt  bekleidet  hätte.
Phlegma  und  Vorurtheil  sind  die  Hauptbestandtheile  seines
Wesens;  fixe  Ideen  und  schlechtbasirte  Speculationen  machen
  den  Geist  seiner  Regierung  aus.  Die  Religion  übte  er
mit  Schwärmerei,  aber  ohne  Begeisterung,  mit  individueller
Aengstlichkeit,  aber  ohne  umfassende  Liebe.  Nachgiebig  gegen
das  offene  Gegentheil,  war  er  gehässig  gegen  unwesentliche
Abwelchungen;  daher  seine  Gefalligkeit  gegen  die  Katholiken
und  sein  Haß  gegen  die  Reformirten.  Er  war  eine  Null
in  dem  Riesenexempel  seiner  Zeit.  Seine  Bundesgenossen
bedienten  sich  seiner  als  nothwendiges  Spielwerk,  seine  Feinde
verachteten  ihn;  er  konnte  es  weder  zur  Liebe,  noch  zum
Haße  bringen.  Auch  seine  Unterthanen  scheinen  keine  große
Achtung  für  ihn  gehegt  zu  haben,  denn  er  passirte  im  Gespräche
  sehr  oft  unter  dem  Namen  des  „Bierkönigs.“  Bei
seiner  Charakterlosigkeit  scheint  er  wenigstens  nicht  ohne  gutmüthige
  Anlagen  gewesen  zu  seyn,  und  es  war  daher  ein
um  so  gewissenloseres  Spiel,  welches  sich  seine,  vom  Kalser
  erkauften  Räthe  mit  ihm  zu  treiben  erlaubten,  die  durch
ihre  schlechte  Leitung  fehe  viel  zu  seiner  armlichen  Politik
und  zu  der  dadurch  veranlaßten  Entwürdigung  seines  Andenkens
  beigetragen  haben.

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