Friedrich  August  J.  341

borenem  innern  Werthe  mit  ihm  messen  durfte,  haͤtte  durch
sein  duͤsteres  Beispiel  wohl  von  dem  Wege  zuruͤckgeschreckt
werden  koͤnnen,  den  er,  freilich  mit  weniger  Ungluͤck,  ebenfalls
  einschlug,  wie  oft  er  auch  dem  Bruder  mit  Warnungen
  und  Vorstellungen  laͤstig  geworden  war.

Der  verstorbene  Churfuͤrst  hatte  aus  seiner  ungluͤcklichen
Ehe  mit  der  verwittweten  Markgraͤfin  von  Anspach  erklärlicher
  Weise  keine  Kinder  hinterlassen,  daher  sein  juͤngerer
Bruder,  Friedrich  August  I.  (als  nachheriger  Koͤnig  von  Polen
  der  II.)  ihm  in  der  Churwürde  folgte.  Die  Natur  hatte
diesen  Fürsten  mit  allen  Vorzügen  ausgestattet,  durch  welche
er  sich  geistig  und  körperlich  geltend  machen  konnte.  Schon
als  Kind  trug  er  die  Spuren  seiner  späteren  männmlichen
Schdnheit  so  sichtbar  aufgeprädgt,  daß  ihn  die  Hofleute  nur
das  „schdne  Prinzlein“  nannten.  Durch  frühzeitige  koͤrperliche
  Uebungen  aller  Art  —  wie  Reiten,  Fechten,  Springen,
  Schießen,  Fahnenschwingen,  Ringelrennen,  Tanzen,
Ballschlagen  2c.  —  wurde  die  ihm  angeborene  Körperkraft
zur  herculischen  Stärke  ausgebildet,  die  sich  in  beinahe  unglaublichen
  Proben  kühn  versuchen  durfte.  Ob  hierzu,  neben
  der  Milch  seiner  wahrscheinlich  wendischen  Amme,  wirklich
  die  Milch  einer  trächtigen  Löwin,  welche  sein  Vater,
um  ihn  zu  kräftigen,  ihm,  als  Säugling  schon,  Theelöffelweise
  soll  haben  beibringen  lassen  P),  etwas  beigetragen,
bleibe  dahingestellt.  Mehr  mochten  wohl  die  eisernen  Kugeln
  thun,  welche  sein  Exercitienmeister  ihn  erst  halten,  dann

*)  Die  Churfürstin,  Friedrich  August's  Mutter,  soll  gewaltig  erschrocken
  seyn,  als  sie  hinter  diese  Säugungsart  kam,  und  es
ihrem  Vater,  dem  Könige  Friedrich  III.  von  Dänemark,  geklagt.
haben:  „wie  man  ihr  theures  Kind  mit  wilder  Thiere  Milch  habe
füttern  und  dadurch  sich  an  Gott  und  an  ihrem  königlichchurfürstlichen
  Stamme  verfündigen  wollen.“  Ob  nun  Lö-—
wenmilch  gerade  einem  „königlich  -churfürstlichen"“  Magen  gefährlicher
  sey,  als  einem  bürgerlichen,  und  worin  die  Versündigung
bestanden,  da  der  königlich  -churfürstliche  Stamm  doch  gewiß  den
Genuß  anderer  wilden  Thiere  —  z.  B.  eines  Eberkopfes  —
nicht  verschmäht  haben  dürfte,  sey  dahin  gestellt.  —  —