Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.  583

Geist  mit,  der  anfangs  freilich  sich  nicht  in  einer  abgeschlossenen
  Form,  sondern  in  Gaͤhrungen  und  Zuckungen  aussprach.
  Bei  groͤßerer  Oeffentlichkeit  der  Verhandlungen,
wuͤrde  der  erwachende  Volkssinn  sich  in  einer  feurigen  Theilnahme
  bekundet  habe.  Beunruhigende  Geruͤchte  und  Stadtlügen,
  die  unausbleiblichen  Symtome  jedes  gereizten  Zustandes,
  mehrten  diese  Stimmung.  Besonders  fabelte  man
von  einer  geheimen  Polizei,  von  Herübersiedelung  der  Jesuiten
  nach  Sachsen  und  von  andern  grundlosen  Dingen,
während  einige  Behörden  durch  Aengstlichkeit  diesen  Glauben
zu  theilen  und  den  gefürchteten  Reactionen  in  die  Hand  zu
arbeiten  schienen.

Bei  all  dieser  heftigen  und  immer  weiter  um  sich  greifenden
  Verstimmung,  bedurfte  es  doch  gewaltsamer  Antriebe,
um  den  ruhigen,  ordnungliebenden  Sinn  des  sachsischen
Volkes  zu  offenem  Aufstande  hinzureißen.  Aber  eine  Zeit,
welche  so  lebhaft  unter  den  Geistern  Streiter  für  sich  wirbt,
bringt  meist  auch  dussere,  materielle  Veranlassungen  mit,
welche  den  Zündstoff  in  offenen  Brand  verwandeln.

Die  Stellung  der  Protestanten  und  Katholiken  in  Sachsen
zueinander,  war  in  zu  häufige  Aaregung  gekommen,  als  daß
diese5  Verhältniß  nicht  bei  der  nahen  Jubelfeier  der  augsburgischen
  Confession,  auf  irgend  eine  Weise  sich  hätte  kund  geben
  sollen.  Daß  man,  selbst  von  Seiten  protestantischer  Behörden,
  die  beabsichtigte  Feier  der  augsburgischen  Confession
keincöwwegs  zu  unterstätzen  Anstalten  traf,  sie  vielmehr  zu  ignoriren,
  wenn  nicht  förmlich  zu  hemmen  trachtete,  war  eine
übel  angebrachte  Rücksicht.  Der  Polizei-Präsident  von  Ende
in  Leipzig  stôörte  den  bereits  vom  Rector  gestatteten  feierlichen
Aufzug  der  Studirenden  in  Uniform.  Das  Volk,  durch
früheren  häufgen  Anlaß  gegen  die  Polizei  eingenommen  und
diesmal  durch  sie  in  seiner  Schaulust  betrogen,  rottete  sich
am  Abende  (25.  Juni)  zusammen,  warf  dem  vom  Ende  die
Fenster  ein  und  leistete  gegen  die  eingreifende  Polizei,  heftigen
  Wiederstand.  Ein  ganz  unschuldiger,  nur  durch  Zufall
in  den  Menschenstrom  hineingerissener  Kaufmannediener,
Gottschalk,  wurde  dabei  von  einem  Polizeidiener  tddtlich  ver-