584  Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.

wundet.  Dies  gab  dem  anfangs  planlosen  Tumulte  selbst
in  den  Augen  der  ruhigen  Bürger  eine  gewisse  moralische
Weihe.  Kein  Diener  der  Polizei  durfte  sich  bei  dem  feierlichen
Begräbnisse  Gottschalks  sehen  lassen.  Aber  nicht  nur  in
Leipzig,  sondern  auch  in  Dresden  hatte  die  Feier  der  augsburgischen
  Confession  zu  unruhigen  Aufteitten  geführt.  Die
unerleuchtet  geblicbenen  Fenster  des  Rathhauses,  veranlaßten
unter  dem  Volke  bittere  Bemerkungen.  Durch  ein  Mißverständniß
  kam  es  gar  auf  den  Verdacht,  man  habe  die  in
den  Fenstern  eines  Hauses  aufgestellten  Bildnisse  Luthers
und  Melanchtons  verunglimpfen  wollen,  und  der  Zorn  der
Menge  wuchs,  als  Einer  in  jenen  ernsten  Augenblicken  einen
  verrufenen  Gassenhauer  bei  offenen  Fenstern  sang.  Die
Menge  wollte  die  Hausthüre  sprengen  und  die  Polizei,  dem
Volke  nicht  minder  wie  die  in  Leipzig  verhaßt,  konnte  durch
ihr  Eingreifen  nur  die  Erbitterung  mehren,  nicht  aber  sie
beschwichtigen;  doch  stellte  die  heranrückende  leichte  Infanterie
die  Ruhe  ohne  Schwierigkeit  wieder  her.  Unzweckmäßig  genug
erhöhte  man  den  Ausdruck  des  unbedeutenden  Tumulté,  der
ausserdem  schnell  vergessen  worden  wäre,  dadurch,  daß  man,
Kleich  als  hätte  es  einen  förmlichen  Aufruhr  gegeben,  noch  am
Abende  des  dritten  Festtags  große  Truppenmassen  aufstellte,  die
Hauptstraßen  sperrte  und  durch  Polizeibefehl  gebot,  daß  jedermann
  nach  10  Uhr  nach  Hause  gehen  sollte.  Selbst  auch  jene
Bewohner,  die,  ohne  von  diesem  Besehle  Erwas  zu  wissen,
spaͤt  vom  Lande  hereinkamen,  wurden  barsch  behandelt;  dies
veranlaßte  neue  Händel  und  neue  Verhaftungen.

Bei  dieser  immer  unverholener  hervortretenden  hestigen
Spannung,  siel  die  Nachricht  der  Parifer  Juliustoge,  wie
ein  leuchtender  und  zündender  Blitzstrahl  in  die  Gemüther,
die  jetzt  gleichsam  sich  erst  bewußt  wurden,  was  sie  eigentlich
  wollten,  Die  Thätigkeit  der  Leipziger  Polizei,  welcher
man  nun  einmal  Alles  übel  zu  nehmen  pflegte,  gab  abermals
  den  Impuls.  Bei  einem  Polterabende  im  Brühl
(2.  Sepebr.)  wobei  es  etwas  laut  herging,  wurde  ein,  wie
es  scheint,  bei  der  Sache  ganz  unbetheiligter  Schmiedelehrling
  von  einem  Polzeisoldaten  blutig  geschlagen.  Darüber