608  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

mit  greisenhaftem  Trotze  dem  hereinbrechenden  Neuen  den
Weg  vertrat.  In  vielfachen  Faͤllen  bestaͤtigte  sich  diese  Besorgniß
  nur  zu  sehr;  doch  konnte  die  Gewohnheit  mit  ihrer
Krücke  in  ihrem  Kampfe  gegen  die  Sache  der  Resorm  nicht
aushalten  und  ihr  Widerstand  ließ,  nachdem  er  schwächer
und  schwächer  wurde,  endlich  ein  volliges  Aufhoͤren  hoffen.
Entmuthigend  war  es  einigermaßen,  daß  nicht  alle  Stände
des  Volkes  sich  zu  der  edlen  Entsagung  ihres  Königs  aufschwingen
  konnten  und  mit  engherziger  Selbstsucht  noch  immer
  an  Bevorzugung  und  sogenannten  Gerechtigkeiten  hingen,
  die,  von  einer  längst  begrabenen  Zeit  gespendet,  mit  den
Forderungen  der  Gegenwart  —  wo,  damit  Alle  gewinnen
konnten,  Alle  etwas  aufgeben  und  freiwillig  verlieren  mußten
  —  im  grellsten  Widerspruche  stand.  Besonders  spukte
das  angemoderte  Gespenst  des  Monopolwesens  noch  immer,
gleich  einem  ewigen  Juden,  durch  die  meisten  sächsischen
Verhandlungen;  Zunftzwang  und  Gildenneid  wirthschafteten
oft  recht  unbehaglich  da,  wo  am  lautesien  über  Gemeingeist
gepredigt  oder  gedruckt  wurde.  Doch  dies  waren  nur
Rheumatismen  des  Staatslebens,  und  diese  durch  die
Selbstsucht  Einzelner  erzeugten  Gebrechen  konnten  nicht  bis  in
das  Herz  der  neuen  Schdpfung  dringen,  die  im  Ganzen  sich
kräftig  und  immer  freier  entwickelte.  Eine  bestimmtere  und
concentrirtere  Stellung  gewannen  die,  biöher  in  ein  Labyrinth
von  Instanzen  und  Cabinetsweisungen  verwickelten  Verhältnisse
  durch  die  Einsetzung  von  sechs  Ministerialbehörden,
dem  Ministerium  der  Justiz  unter  dem  Staateminister  von
Könneritz,  der  Finanzen  unter  dem  Staateminister  von  Seschau,
  des  Innern  unter  dem  Staatsminister  von  Lindenau,
des  Krieges  unter  dem  Staateminister  und  General  von
Zezschwitz,  des  Cultus  und  dffentlichen  Unterrichtes  unter  dem
Staatsminister  Dr.  Müller,  des  Auswärtigen  unter  dem
Staatsminister  und  General  von  Minkwitz;  sämmtlich  in
dem  Gesammtministerium  vereinigt,  dem  die  Begutachtung
der  Gesetze,  die  Berathung  wichtiger  Angelegenheiten,  zumal
wenn  sie  in  mehrere  Ministerialdepartements  zugleich  einschlagen,
  der  Bundestagssachen,  des  Staatsbudgets  u.  s.  w.