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        <title>Geschichte des sächsischen Volkes.</title>
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            <forname>Hermann</forname>
            <surname>Meynert</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
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          <msIdentifier>
            <idno>meynert_geschichte_sachsenvolk_1835</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
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  <text>
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        Geschichte

sächsischen  Volkes

von

den  aͤltesten  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.

Nach  den  besten  Quellen  und  fuͤr  alle  Staͤnde  bearbeitet

von

Dr.  Hermann  Meynert.

Mit  sechs  Kupferstichen  und  vier  Lithographkeen.

Leipzig,
E.  F.  Meser'sche  Verlagsexpedition.
1  8  35.
        <pb n="2" />
        <pb n="3" />
        Vorwort.

Die  Bestimmung,  welche  ich  anfangs  dieser  Schrift
zugedacht,  war  die,  ein  Gedenkbuch  fuͤr  diejenigen
zu  werden,  die,  ohne  bisher  besondere  Gelegenheit
zu  historischer  Selbstbildung  gehabt  zu  haben,  durch
die  lebhaft  angeregten  vaterlaͤndischen  Interessen  der
Gegenwart  sich  zu  dem  Wunsche  bewogen  fuͤhl—
ten,  nunmehr  auch  einen  tiefern  Blick  in  die  Berhaͤltnisse
  der  BVergangen  heit  zu  thun.  Ich  fand,
und  mit  mir  so  mancher  Andere,  daß,  ohngeachter
der  unserm  Waterlande  mit  Reche  zuerkannten,  die
meisten  Stände  durchdringenden  Bildung  und  Reife,
dennoch  daselbst  die  Geschichte  des  eigenen  Volkes
  und  Landes  bei  weitem  noch  nicht  allgemein
  genug  bekannt  sey,  wahrend  in  vielen
Lindern,  welche  rücksichtlich  ihrer  übrigen  Intelligenz
nicht  im  Entferntesten  den  Vergleich  mit  Sachsen
aushalten,  die  Geschichte  des  Vaterlandes  in  das
tiefste  Herz  und  teben  des  Volkes  übergegangen  ist—
Gleichwohl  darf  die  Geschichte  Sachsens  in  ihrem
Ursprunge  wie  in  ihrem  Fortgange,  sich  kühe  mit
        <pb n="4" />
        IV

den  Schicksalen  der  merkwürdigsten  Länder  und  Nationen
  messen;  beinahe  jede  große  Welbbegebenheit
hat  auch  Sachsen  in  ihren  Wirbel  hineingezogen,
es  unmittelbar  erfaße,  oder  wenigstens  gestreift,  und
in  jeder  Hinsicht  steht  Sachsen  seiner  Geschichte  würdig,
  sein  Volk  für  dieselbe  reif  und  ausgebildet  da.

Gegenwärtige  Schrift  sollee  daher,  durch  die
Art  und  Weise  ihres  Erscheinens  (in  wohlfeilen  Heften)
  dem  Publicum  den  Vortheil  einer  leichten  Anschafflichkeit
  bieten  und  einzig  in  diesem  äusseren
Uncerschiede  sollte  ihre  Eigenthümlichkeic  vor  den
früher  erschienenen  sächsischen  Geschichtsbüchern  besteben.
  Gern  verzichtet  mein  Buch  auf  den  Ruhm,
Neues  geliefert  zu  haben;  zumal  da  bei  so  hochverdienten
  Vorgängern,  wie  Weisse,  Pölitz,  Wachter,
Böttiger  u.  A.,  dieses  Bestreben  doch  nur  vergeblich
gewesen  seyn  würde.  Es  will  nur  in  einem  verständlichen
  Tone,  mit  innerer  Treue  und  Charakterwahrheic
  zu  seinen  Lesern  sprechen  und  ihnen  die  Gelegenheit
  der  Belehrung  mäöglichst  zugänglich  machen.
  Durch  die  unerwartet  große  Theilnahme  und
Verbreicung,  welche  das  harmlose  Unrernehmen  fand,
hat  es  eine  gewisse  Wichrigkeir  gewonnen,  die  es  nicht
suchte,  wie  belohnend  sie  auch  dem  Verfasser  ist.
Dagegen  konnce  die  Hoffnung,  welche  Börtiger  in
der  Worrede  zu  seinem  Geschichtswerke  ausspricht:
„daß  seine  Schrift  in  jetze  glücklich  veränderter  Zeir
das  Signal  zu  einer  freimürhigern  Art,  scchsische
        <pb n="5" />
        V

Geschichte  zu  schreiben  und  über  eingewachsene  Lieblingsansichten
  noͤthigenfalls  historisch  den  Stab  zu
brechen,  geben  werde“  —  sich  leider  an  mir  nicht
bestaͤtigen,  da  meine  Darstellung  oft  schmerzlich  genug
  gegen  den  tödtenden  Einfluß  eines  gewissen  Instituts
  zu  ringen  harce  (dessen  Wirksamkeit  hoffentlich
durch  ein  baldiges  Gesetz  in  gebührende  Schranken
oder  auf  bestimmtere  Normen  zurückgeführt  werden
wird)  und  daher  manche  Stelle  meines  Buches  mir
jetzt  als  eigencliches  Nicht  -Ich  entgegen  tritt.  —

Manche  dürften  vielleicht  den  Titel:  „Geschichte
des  sächsischen  Volkes,)“  mir  zum  Vorwurfe
machen,  da  dieser  Name  in  unserer  Zeie  theils  zu
schwankend,  theils  zu  umfassend  erscheint,  als  daß  er
mit  vollem  Rechte  auf  eine  bloße  Geschichte  Chursachsens
  anzuwenden  wäre.  Offen  gestanden,  der
Gedanke  an  ein  sächsisches  Volk  im  wahren  Sinne
hatte  mir  stets  so  viel  Reizendes  und  ist  aus  einem
Wunsche  mir  endlich  dergestalt  zur  festen  Vorstellung
geworden,  daß  ich  jetzt,  wo  Sachsens  Verhälcnisse
sich  immer  mehr  wieder  sowohl  einem  äusseren  Abschlusse,
  wie  einer  innern  Einheit  zurunden,  mit  diesem
  Namen  nicht  zu  viel  zu  sagen  glaubee.

Sachsen  in  seiner  weitern  Entwickelung,
wie  die  nächste  Zukunft  sie  zu  bringen  versfpricht,
wird  durch  die  alljährlich  zu  erscheinenden  Supplemente
  zu  dieser  Geschichte  fest  im  Auge  be-
        <pb n="6" />
        VI

halten  werden,  so  daß  dies  Buch  ein  vaterländisches
fortlaufendes  Zeitgemälde  bilden  kann  und  ich  daher
noch  niche  von  dem  gütigen  teser  Abschied  zu  nehmen

  brauche.
Dresden,  im  December  1834.

Der  Verfasser.
        <pb n="7" />
        Inhaltsverzeichniß.

Vorgeschichte.

Erster  Abschnitt.  Seite

Aelteste  Geschichte  der  Sachsen.  —  Ihr  Verhältniß  zu
andern  Voͤlkern,  namentlich  zu  den  Franken.  —  Ihre
Goͤtterlehre.  —  Feldzüge  Carl's  des  Großen  gegen
die  Sachsen.  —  Wittekind's  des  Großen  Kämpfe  gegen
  die  Franken.  —  Seine  Taufe  und  Einführung
des  Christenthums  unter  den  Sachsen

Zweiter  Abschnitt.

Theilung  des  fränkischen  Reiches  unter  Ludwigs  des
Frommen  Söhne.  —  Kämpse  gegen  die  Serben  und
Unterwerfung  derselben.  Stistung  der  Mark  Meißen.
Heinrich  I.  —  Octo  I.  Markgraf  Gero  .

Erstes  Buch.

Allmaͤliges  bestimmteres  Hervortreten  eines  sächsischen
Vaterlandes  aus  frühern  gemischten  Staatenverhäl’nissen
  bis  zur  Erwerbung  evangelischer  Religionsfreiheit.

Erste  Abtheilung.

Conrad  von  Wettin.  Erblichkeit  der  markgräflichen  Würde
unter  demselben  bis  nach  dem  Erwerde  der  Landgrafschaft

  Thuͤringen.  ..  ....,
Zweite  Abtheiluns.
Von  Albrecht  dem  Unartigen  bis  zum  Tode  der  Sdhn-Friedrich's
  des  Streitbaren
Dritte  Abtheilung.

Triedrich  der  Welse.  Johann  der  Beständige.  Die  Zeit
der  Reformaklon  in  Bezug  auf  Sachsen.  Joh.  Friedrich
  der  Großmüthige.  Moritz  und  Carl  .

Herzoge  der  Albertinischen  Linie  bis  auf  Churfaͤrst  Morit

Vierte  Abtheilung.
Chursachsen  unter  August.  —  Der  dreißigjährige  Krieg

33

49

75

*417
211

in  seiner  Einwirkung  auf  Sachsen  231
        <pb n="8" />
        Zweites  Buch.
Geschichte  Chursachsens  nach  Beendigung  des  dreißigjaͤh—
rigen  Krieges  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.
Erste  Abtheilung.
Von  Joh.  Georg  II.  bis  zu  dem  Tode  Friedr.  August's  I.  310
Zweite  Abtheilung.
Vom  Regierungsantritte  Friedrich  Augusre  II.  bis  zum
Dresdener  Frieden  .  391
Dritte  Abtheilung
Sachsen  und  der  siebenjaͤhrige  Krie  411

Vierte  Abthellung.

Vom  Tode  Friedrich  August's  II.  bis  zum  Regietungsantritte
  Friedrich  August's  III.  ..  435

Drittes  Buch.
Vom  Regierungsantritte  Friedrich  August's  III.  bis  auf
die  jetzige  Zeit.
Erste  Abtheilung.
Sachsen  unter  Friedrich  August  bis  zu  seiner  Ehebuns
zu  einem  Königreiche  .  ..445
Zweite  Adtheituns.
Von  der  Erhebung  Sachsens  zu  einem  Koͤnigreiche-  bis
zu  der  Schlacht  bei  Leipzig.  .  ..495
Dritte  Abtheilung.
Sachsen  unter  dem  fremden  Gouvernement.  Wiener
Congreß  und  Friede.  1813  —  1815.  535
Vierte  Abtheilung.
Sachsen  in  seiner  neuen  Gestalt  bis  zu  dem  Tode  Friedrich
  Augusts,  5.  Mai  1837.  5650
Fünfte  Abtheilung.

Sachsens  neue  Verfassung  und  die  Umgestaltung  seiner
Staatsverhältnisse  seit  dem  Regierungsantritte  König
Anton's  I.  bis  auf  die  neuesten  Zeiten  577
        <pb n="9" />
        Subscribenten-Verzeichniß.

Se.  Koͤnigl.  Hoheit  Prinz  Johann,  Herzog  zu  Sachsen.
Se.  Durchlaucht,  Fuͤrst  Otto  Victor,  Graf  und  Herr  von

Schoͤnburg.

Hr.  Adler  auf  Plohn,  Abgeordne=  Hr.  Auenmüller,

ter  der  2.  Kammer.

Adler,  Justiciar  in  Lommatzsch.
Albani,  Stadieichter  in  Waldheim.


Albani,  Cantor  in  Königstein.
Albert,  Jugendlehrer  in  Präbschö.


v.  Ammon,  D.  Oberhofprediger
  und  geheimer  Kirchenrath
in  Dreêden.

v  Ammon,  ppellationsrath
in  Dresden.

Ammon,  Papierhändker  in  Neukirchen.


Hofbauschreiber  in

-Amthor,
Dresden.

Anders,  Schullehrer  in  Herrmannsdorf.


*  Anders,  Schullebrer  in  Diesa.

Andrich,  ZArtillerie-Leutnant  in

Dresden.

Andrich,  Finanz-Procurator  in

Dresden.

Annswald,  in  Auerswald.

Anton,  Rector  an  der  Annenschule

  in  Dresden.

Arnberger,  Kaufmann  in  Oberwiesenthal.



Arlbt,  Finanz-Rechnungs-Seeretair

  in  Drroden.

v.  Arnim,  Kammerherr,  in

Kriebstein.

*  Arndt,  Reckor  in  Hchenstein
im  Schönburgschen,  2  Exempl.

Arnoldische  Buchhandlung  in

4Z  Iiter,  Oberst-Leutnant  in  Dresen.



-Aster,  Pastor  in  Liebenau.

**

11

11  11

11

18

1

4%

½  #

##

L

Kaufmann  in
Dresden.

-Aulhorn,  Bleichherr  in  Dippoldiswalde.


*  Avenarius,  Seribent  in  Eisenberg.


„  Axt,  Advotat  und  Gerichts-Director
  in  Dresden.

*  Ark,  Pastor  in  Oberwiesenthal,
Abgeordneter  der  2.  Kammer.

=  Ayrer,  Stadtrichter  in  Dresden.

=  Bärcich,  Sch-l-Director  in
Dreêden.

=  Bach,  Amts-Infpector  u.  Stadkrath
  in  Annaberg,  Abgeordneter
  der  2  Kammer.

:=  Backhaus,  Eouvernements=Canzlist
  in  Dresden.

*  Badstubner,  Schullehrer  kn  Elbefeld.


":  Berteldes,  Kaufmann  in  Dresen.


Barth,  in  Döbeln.

Barth,  Eisenhütrenwerks=  Factor

  in  Unterblauenthal.

Barthel,  Gutsbesitzer  in  Stürza.

=  Bauer  v.  Bauern,  Hauptmann

in  Dresden.

Bauer,  D.  in  Herrnhut.

v.  Baumann,  Major  in  Dresben.

*  Baumann,  Hofrath  in  Dresden.

r  Paumann,  Tischler  in  Lengeeld.



Baumann,  Kaufmam  in  Ober-Blemt
  "

=  Baumeister,  gehelmer  Ju
rath  in  —  r

*  Baumfelder,  Dkrertor  der  Schule
8  Rath  und  That  in  Dresden.

*  Baumgarten  =  Erusius  D.,

u  ½i

u

it  ½
        <pb n="10" />
        Appellations  =  Rath  in  Dres=  Hr.  Blechschmidt,  in  Auerbach.

den.

Hr.  Baumgarten,  Rittergutsbesitzer
in  Dresden.

*  Bassenge,  Kaufm.  in  Dresden.

:  Bauer,  Copist  in  Schlettau.

:  Beer,  Accis-Inspector  und
Bürgermeister  in  Johanngeorgenstadt.


"*  Becher,  Lehr.  am  Freimaur.  Inst.
in  Dresden.

Beck,  Advocat  in  Dresden.

=  Beck  in  Döbeln.

:  Beck,  Kaufmann  in  Oelsnis.

„  van  der  Becke,  Rittergutsbesitzer
  in  Dresden.

Beger,  Schuldirect.  in  Dresden.

:  Behr,  Kammer-Credit-Kassen-Buchhalter
  in  Dresden.

=  Bellmann,  Organist  und  Tertius
  in  Lommatsch.

-  Benedictus,  Tuchappreteur  in
Dreéden.

:=  Berg,  Seminar=  Präpar.  zu
St.  Afra  in  Meißen.

=  Berger,  Kaufmann  in  Hohenstein
  im  Schönburgischen.

#  Berger,  Carl,  in  Leipzig.

=  Bergmann,  Stadtrichter  zu
Zittau,  Abgeordneter  u.  1.  Secretair
  der  2.  Kommer.

=  Bergmann,  Gutsbesitzer  und
Fabrikant  in  Ebersbach.

Bergner,  Innhaber  eines  Lese-Instit.
  in  Schneeberg,  2  Exem.

=  v.  Berlepsch,  geh.  Finanz-Rath

in  Dresden.

Bernd,  Handelsmann  in  Lengefeld.



P„  Bernbardt,  Commun-Repräs.
und  Fabrikant  in  Haynchen.

:  Bernbardt,  G.  Fabrikant  in
Haynchen.

=  Bernhardt,  Cand.  des  Predigtams
  in  Penig.

=  v.  Beust,  Amtshauptmann  in

Oresden.
Cand.  theol.  in

#*  Beutler,
Mylau.

=  Beyer,  Commun  Repräs.  und
Fabrikant  in  Hoynchen.

*  Beyer,  Diatonus  in  Sebniz.

4  v.  Bevilagua,  K.  S.  Gener.-Major
  der  Inf.  u.  Brig.  kn  Dresden,

l

r-*

  Blechschmidt,  Finanz-Procurator
  in  Dresden.

*  Blochmann,  D.  Director  f.  Erz.
Anst.  in  Dresden.

die  Bibliothek  des  K.  S.  Cadetten-Corps

  in  Dresden.

Hr.  Bielitz,  C.  F.,  in  Leipzig.

-  Bierey,  Buchbinder  in  Dresden.
2  Exempl.

-  *  Formstecher  in  Hänen.



:  Billig,  Ed.  in  Mittweida,  35Expl.

=  Birr  und  Nauwerk,  in  Zirtau.
8  Ermpl.

Bischoff,  Cantor  in  Groß-Schönau,
  2  Cxmpl.

:  Blüher,  Stadtschreiber  in  Geyer.

=  Blüher,  Pastor  in  Geyer.

=  Blüher,  Gerichts-Assessor  in
Lengefeld.

:  Blumenstengel,  in  Langenleuba
  2  Erxmpl.

-Bobe,  Gutsbesitzer  in  Borna
bei  Liebstadk.

e  Bobe,  Gutsbesitzer  in  Röhrsdorf.


:  Boden,  Central-Cassen-Calculator
  in  Dresden.

2v.  Bodenhausen,  Frhr.  K.  S.
Kammerbperr  in  Dresden.

Bodewald  in  Cottebus.

*  Böhme,  Cand.  Pädag.  in  Dresden.


*  Böhme,  Handlungs-Commis
in  Haynchen.

=  Bornemann,  Actuar  u.  Chef
der  Sicherheitsbehörde  in  Leipid.



-  Böfeneck  ü  Batlaillonsarzt  in
Leipzig.

=  Böttcher,  Justitiar  in  Altenberg.


:  Böttcher,  Diaconus  in  Dresden.

Böttcher,  Cantor  u.  Waisenbauslehrer
  in  Dresden.

=  Böttger,  Actuar  in  Leipzig.

Böttger,  Steuereinnehmer  in
Leipzig.

z  Boll,  Kaufmann  in  Dresden.

=  Born,  Archivar  u.  Copist  in
Wolkenstein.

eBornemann,  Finanz-Secrekair
in  Dresden.
        <pb n="11" />
        .v.  Bose
vr  ·  a

en.

Bracht,  Obersteuerrevisor  in
Leipzig.
Bräuer,  Kinderlehrer  auf  d.

Tellerhäusern.

e  v.  Brand,  Geheimer  Rath  in

Dresden.

=  v.  Brandenstein,  K.  S.  Leutnant
  in  Dresden.  #

=  v.  Brauchitzsch,  K.  S.  Major
und  Hof-Futtermarschall  in
Dresden.

-v.  Brauchitzsch,  K.  S.  Ing.
Hauptmann.

:  Braun,  Oberlehrer  am  Soldatenknaben-Erz.:
  Institut  in
Struppen.

ö  Breitfeld,  in  Geyper.  ·

-Breitfeld,  Besitzer  des  rothen
Hammerwerks  zu  Unterwiesenthal.


-Breitung,
erbach.

=  Breyer,  Senator  u.  Fahricant
in  Haynchen.

Organist  in  Aumerherr

  und  Apostol.  Vlkar.

Rath  in  Dresden

v.  Broizem,  geh.  Kriegs-Kammerrath

  in  Dresden.

Brückner,  Kaufmann  in  Camenz.

Brückner,  Handelsmann  in

Lengefeld.

Brüdker,  Apotbeker  in  Döbeln.

Brunner,  Kaufmann  in  Auerbach.



-Brunner,  Diaconus  in  Geyer.

=  v.  Budberg,  K.  S  Kammerherr

  in  Dresden.

v.  Bülow,  Forstakademist  in

Tharand.

#=  Büttner,  Schullehrer  in  Schöna.

*  v.  Burgk,  Freiherr,  Ritterautsbes.

  in  Dresden.

Busch,  Nadier  in  Haynchen.

Busch,  2.  Lehrer  in  Niedercunnersdorf

  bei  Löbau.

v.  Carsowitz,  K.  S.  Staatsminister,
  Ercell  in  Dresden.

v.  Earkowitz,  Assess.  b.  L.  Justiz=Coll.
  in  Dresden.

v.  Carlowitz-Moxen,  K.  S.
Lieutnant  in  Dresden.

-

M

W

iie

v.  Brochowöky,  K.  S.  Kam-Appellationsrath

  in  Hr.  Carstens,  Kaufm.  in  Dresden.

Cerutti,  D.  Professor  in  Leipzig.

Clauß,  D.  med.  in  Dresden.

=  Clauß,  Gensdarm  in  Haynchen.

*  Clemen,  Handelsherr  in  Döbeln.

--  Collenbusch,  Kaufmann  in
Dresden.

*  Collin,  Wundarzt  in  Dresden.

2  Hepred,  M.  Rector  in  Königein.



ed.  Copmanns,  K.  Dän.  Kammerberr

  u.  Chargé  T’affaires  in

Dresden.

Gotta,  Oberforstrath  in  Tharand.



Cotta,  Forst-Insp.  in  Tharand.

Eramer,  K.  S.  Bataillons-Arzt

  in  Dresden.  4

Craz  u.  Gerlach  in  Freiberg.

Dahl,  Professor  in  Dresden.

Dahl,  D.  in  Leipzig.

:  Damm,  K.  S.  Leibarzt  in
Dresden.

-  Damman,  Gutebesitzer  zu  Diera,
Abgeord.  der  2.  Kammer.

s  Degen,  stull.  jur.  ulr.  in  Johanngeorgenstadt.


*  Degenkolb,  Fabrikant  in  Haynchen.


=  Demtani,  Finanz-Assistenzrath
in  Dresden.

=  Dennhardt,  Pripvaklehrer  in
Döbeln,  5  Exemplr.

=  Deorient,  Emil,  Hofschaufpieler

  in  Dresden.

Dietrich,  Ven.  D.  Vicar  -Rath

u.  Hofprediger  in  Dreeden.

=  Dietrich,  Advocat  in  Dresden.

Dietrich,  Cadet  in  Dresden.

=  Dietze,  Hilfslehrer  a.  d.  Mädchenschule
  in  Penig.

=  Diller  in  Pirna  80  Exempl.

=  Dittrich,  Schullehr.  in  Meißen.

*  Dittrich,  Schullehrer  in  Obercunneredorf.


=  Döring,  M.  Schul-Dir.  in  Dresd.

Domsch,  Gutsbesitzer  zu  Großhennersdorf,

  Abg.  d.  2.  Kam.

Donath,  Amtemauermeister  in

Dresden.

Dorn,  Apotheker  in  Dresden.

Dreßler,  Rect.  in  Berggieshübel.

Dreßler,  Mädchenleyrec  in

Dippoldiswalde.

M

u  *

18

u

u

48

A  1½
        <pb n="12" />
        111

He.  Oreßler,  Schullehrer  in  ul-  Hr.  Feller,  Cand.  theol.  in  Dresdemn
berndorf

*  Fernbacher,  Schullehrer  in

Druschky,  Garnison-Ganker  auf
Festung  Königstein.
*  OHü#mmler,  Carl,  in  Berlin.
Duchesme,  Abv.  in  Dresden.
Du  Mont  Bcbauberg  in  Göln
u.  Achen.
herr  in  Dresden.
Eckardt,  Commis  in  Olbernhau.
Eckart,  D.  in  Leipzig.
„  Eckert,  Advocak  in  Dresben.
#=  v.  Egidy  in  Geyer
Eichler,  Häuslernahrungsbes.
in  Bischdorf.
„  Einenkel,  Bev.  Min.  Cand.
u.  Mädchenlehrer  in  Geyer.
v.  Einsiedel,  General-Majer
in  Dresden.

=  Ein  Wald,  Maurermeister  in
Dresden.

=  Elsemann  in  Dresden.

Eisemann,  Bankassen-Berwalter
  in  Pirna.

:  Eisenhauer,  Organist  in  Cotebus.

*  Eisenstuck,  Ober-Steuer-Procurator,
  Advoc.  in  Dresden,  Abgeord.
  d.  2.  Kammer.

Elharbe,  Dr.  jur  in  Dreden.

Sls,  Milit.  Ober-Bau=  Amts-Arzt
  in  Dresden.

Enders,  Dr.  med.  u.  Stadt-Pbysicus
  in  Haynchen.

öJ  v.  Engel,  K.  S.  Maj.  in  Dresden.

:  Engelhardt,  J.  G.  in  Freiberg
2  Exemplare.

Engler,  in  Haynewalde
v.  Eppendorf,  K.  S.  Major
und  Flußmeister  in  Dresden.
Eppert,  Kanzellist  in  Dresden.
v.  Erdmannsdorf,  Oberforstmeister

  in  Dresden.
Erchenbrecher,  Stadtrichter  in
Nossen.
Ettmüller,  Dr.  Physikus  in
Oberwiesenthal.
#  Culitz,  Kinderlehrer  in  Brösen.
*  Faber,  A  Pfar.  in  Schönbrun.
„  v.  Falkenstein,  Hof=  u.  Justiz-*“ä
  —#  5
7  Fehre,  Messerschmidt  in  Dohna.
*  Feig,  Musikus  in  Geyer.
:  Feller,  K.  S.  Unterförster
zu  Hammer  Unterwiesenthal.

Hammerbrück.

7  Ficker  in  Reukirchen.

*  Fiedler,  M.  Ober-Töchterlehrer
  in  Haynchen.  2  Exempl.

-Fiedler,  Fabrik.  in  Hayuchen.

*  Fischer,  Cantor  und  Töchterlehrer

  in  Altenberg.

*  Fischer,  Finam  -Rechnungs-Secretair
  in  Dresden.

=  Flade,  Gand.  in  Niederauerbach.

4  Flatter,  Senator  u.  Fabrikant
in  Haynchen.

:  Fleck,  Stadtrichter  in  Döbeln.

*  Fleischer,  Magister  in  Dresden.

*  Fleischer,  Schullehrer  in  Kaitz.

Fleischer,  Fr.,  in  Leipzig.  7  Expl.

2  Flicke,  Tr.  in  Löbau.

„  Förster,  Oberkehrer  b.  d.  Armenschule
  in  Dresden.

:  Förster,  Steger-Einnehmer  in
Leipzig.

-Förster,  auf  Mittelhöhe.

Forbiger,  M.  in  Leipzig.

*  Fränzel,  D.  mell.  chir.  Bataillonsarzt
  in  Dresden.

Francke,  D.  med.  in  Dresden.

*  Franke,  Hofmundhäcker  in

es

Franke,  Mäöbchenschullehrer  u.
Organist  in  Scheibenberg

*  Franke,  D.  in  Leipzig.

Franz,  K.  S.  Kammermusikus
in  Dresden.

?  Frauenstein,  O.  Amts-Reg.
Advoc.  in  Dresden.

Fraulob,  Collab.  in  Struppen.

*  Freund,  Kupferschmidt  in
Haynchen.

Freygang,  in  Laubegast.

1:  Friedrich,  D.  in  Leipzig.

.Friese,  A.  R.  in  beipzig.  91  Er.

„  Fritsch,  Diaconus  in  Haynchen.

*  Fritsch,  Rector  in  Waldheim.

Fritsche,  G.  Commis  in  Dresden.

Frissche,  Amts-Actnarius  in
Dresden.  ·

1  Fwech,  Polizeidiener  in  Lenefeld.


9
e  Frohberger,  Adolph,  in  Leipzig.
2  Exempl.
Frommholb,  Cand.  theol.  in
:  Frotscher,  Pastor  in  Spyrau.

lau.
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        XI

Hr.  Fürstenau,  K.  S.  Kammermuf.  Hr  v.  Globig,  K.  S.  geb.  Rath

in  Dresden.

=  Fuchs,  K.  S.  Oberleutnant
u.  Platz-Adjutant  auf  Festung
Königstein.

=  Fuhrmann,  Kaufm.  in  Dresden.

»  Funke,  D.  Hof=  u.  Justizrath
in  Dresden.

=  Funke,  D.  in  Leipzig.

u  u

Funke,  Informator  in  Tharand.
*  Funkhänel,  Stadtrichter  in  Johanngeorgenstadt.


-  v.  Gablenz,  General  d.  Cav.

u.  Gouverneur  v.  Dresden.
=  Göbert,  Modehl.  in  Dreeden.
-Gäbler,  Buchbinder  in  Altenbeig.

  18  Exmpl.
:  Gänsel,  Stabssecr.  in  Dresden.
:  Gasch,  Schulehrer  in  Ziegra.
=  Gaudin,  geh.  Kämmerer  in  Dresd.
·  Gebauer,  Apothek.  in  Osbeln.
Gebauer,  Kriegs  =  Canzust  in
Dresden.
Gebhardt  in  Döbeln.
Gebhardt,  J.  M.  in  Grimma.  3E.
Gehe,  Finanz-Procurator  und
Stadtrath  in  Dresden.
-  Geigenmüller,  Coll.  in  Pirna.
*  Geissenhöhner,  Adv.  in  Lespzig.
*  Geißler,  Cantor  in  Zschopau.
:  Geißler,  in  Skollsdorf.
Geitner,  Advoc.  in  Leipzig.
v.  Gersdorf  auf  Grödis,  Landesältester
  d.  Oberkausitz,  Präs.
der  1.  Stände-Kammer.
v.  Gerstenberg,  Oberst-Leut.
u.  Wirthschaftschef  in  Dresden.
Gerster,  Lehrer  an  der  kath.
Schule  in  Dresden.

*  Gerster,  herrsch.  Mundkoch  in
Dresden.

*  Gerzabeck,  kath.  Grabebieter  in
Dresden.

*  Gette,  Senator  u.  Ehirurgus
in  Haynchen.

Geyler,  Kreis-Steuer  =  Exp.  in
Leipzig.

:  Gladewitz,  Pastor  in  Gollmen.

=  Gläßer,  Handelem.  in  Lengefeld.

Glaß,  Schullehr  in  Massaney.

Gleisberg,  Kaufm.  in  Dresden.

Glier,  in  Neukirchen.

Glöckner,  in  Döbeln.

A  K  vn

#½

½

MW  ¼  K  ½

Funke,  Cand.  theol.  in  Penig.

u.  Kammerherr  in  Dresden.

Göbel.,  Mädchenlehrer  in  Jobanngeorgenstadt.


:  Gödsche,  F.  W.  in  Meißen.  22  E.

-  Golbß,  Leinwandhändler  in
Schönbach.

Golbb,  Hausgrundstückbes.  in
Schönbach.

-v.  Goldacker,  K.  S.  Major  u.
Bataill.-Commond.  in  Dresden.

*  Goldammer,  Schullehrer  in
Altenhof.

:  Goldammer,  Obersteiger  in

Bräunedorf.

Goldhahn,  Cantor  in  Lengefeld.

Golle,  Erb-kehn  u.  Gericheshr.

auf  Mylau.

e  Goltsch  in  Alkenberg.

Gottschalk,  Ober-Steuerrath  in
Leipzig.

*  Gräbner,  R.  E.  in  Ceipzig.

*  Gräfe,  Ober  Postamts-Secretair

  in  Leipzig.

Grahl,  geb.  Kriegs-Gerichts-Rath

  in  Dresden.

Graupner  in  Döbeln.

Greif,  Schull.  in  Reichenbach.

Greiffenhahn,  Kriegs-Serretafr

in  Dresden.

Eretschel,  D.  in  Leipzig.

*  Grimm,  Begüterter  zu  Oberneumark,
  Aba.  d.  2.  Kammer.

*  Grimmersche  Buchhandlung  in
Dresden.  38  Exempl.

Gröschel,  in  Thürmsdorf.

Grohmann,  Hofsecr.  in  Dresden.

Groß,  Hof-Postamts-Secr.  in

Dresden.

*  Große,  Bef.  der  bLöwen-Apoth.
in  Dresden.

*  Große,  Schuldir.  in  Dresben-*

  Großmann,  D.  Super.  u.  Prof.
in  Leipzig,  Mitg.  v.  1.  Ständek.

*  Großmann,  Handl.  Buchhalter
in  Dresden.  vb

Großmann,  Katech.  in  Lindenau.
Großmann,  Schull.  in  Naundorf.
Gründer,  erster  Mädchenlehr.
in  Wurzen.

*  Gruner,  Wundarzt  in  Geyer.
*  Gruner,  Postmeister  in  Johanngeorgenstadt


!  Gruner,  Registr.  in  Leipzig.

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        IXVY

Erüsensche  Buchhandt.  in  Görlitz.  Hr.  Hartung,  D.  in  Le

Hr.  Gänkher,  K.  S.  Majinresden.

#  Günther,  Schulrath  in  Dresden.

*  Günther,  D.  in  Musschen.

*  Günkher,  Fabrik.  in  Hayuchen.

„  Gänther,  in  Lößnitz.

=  Günz,  D.  geh.  Rath  u.  Domherr
  in  Dresden.

*  Günz,  D.  me.  in  Dresden.

:  Gürtler,  in  Eibau.

*  Goden,  Schuldir.  in  Dresden.

*  Gutbler,  Advoeat  in  Dresden.

*  Gutwasser,  Maler  in  Lengefeld.

Haase,  D.  Beisitzer  des  Schöppenstohls
  in  Leipzig,  Vice.  Präsident
  der  2.  Ständekammer.

„*  Haase,  D.  Prof.  in  Dresden.

Haase,  Stadtrichter  in  Dippoldiswalde.


V.  Hacke,  K.  S.  General-Major
  in  Dreeden.

n  Haden,  vorm.  Cas.  Inf.  Badebes.
  in  Dresden.

:  Hadenius,  Oberrechnungs-Commissar
  in  Dresden.

Hähnel,  auf  Eldersdorf,  Abg.
der  2.  Kammer.

:  Hähnel,  auf  Rauenstein  und
Reifland,  Abg.  d.  2.  Kommer.

:  Hähner,  Mühlenbef.  in  Gosberg.

*  Hänesch,  D.  med.  in  Dresben.

„  Häntzsche,  Kaufm.  in  Dresden.

„  Hahn,  Cand.  tbeol.  in  Dresben.

:  Habnewald,  Kirchn.  in  Dreeden.

:  Hammer,  Kaufm.  in  Dresden.

Handrika,  K.  S.  Hauptmann
in  Dresden.

-Hanisch,  Schullehrer  in  Cunnersdorf,
  bei  Hohnstein.

Hanschmann,  M.  in  Leipzig.

Hansen,  D.  in  Leipzig.

Frau  v.  Hardenberg,  Frei-Frau,

Oberhofmeist.  Erc.  in  Dresden.

Hr.  Harig,  Schullehr  u.  Kirchner
zu  Se  Afra  in  Meißen.

„  Harnisch,  in  Dreéden.

v.  Hartmann,  Geh.  Finanzrath
in  Dresden.

Hartmann,  D.  meil.  in  Dresben.

*  Hartmann,  Preof.  u.  Dir.  im
Inn,  der  Akademie  der  Künste
in  Dresden.

*  Hartman,  Past.  in  Markersbach

*  Hartmann,  Fr.  D.  in  Leipiig.

Lengefeid.  «
tRZimSchuhnmchermecstrriu
Dresden.
4"  Hasper,  Ed.  in  Annaberg.  21  E.
*  Hattaß,  Pastor  in  Reschwit.
*  Haudold,  sen.  D.  in  Leipzig.
-Haufe,  Exped.  in  Obernhau.
*  Hausfe,  Ober-Wundarzt  in
Oresden.  #
vy##.  Haufen,  Frhr.  K.  S.  Maj.
in  Dresden.
:  Hauswald,  Schull.  in  Dresden.
-  fwald,  Schull.  in  Thürmsorf.


Hecter,  Töchter-Schullehrer  in
Oberwiesenthal.  3  Exempl.
Hedenus,  D.  Hof  und  Med.
Rath  in  Dresden.
Heerde,  Dammeister  in  Zwickau.
:  Heim,  Kaufmann  in  Döbeln.
:  Heinemeyer,  G.  L.  in  Leipzig.
„  Heinicke,  Chirurgus  in  Geichain.
Heinrich,  Gen-  Kr.  Gouvernem.
u.  Ratbs-Auctionat.  in  Dresden.
*  Heinfus'sche  Buchhandlung  in
Gera.  2  Exempl.
„  v..  Heinz,  K.  S.  Hauptm.  und
Adj.  in  Lelpzia.
:  Heinze,  Just.  Coms.  in  Torgau.
:  Heinze,  Schull.  in  Niederstriegis.
Heise,  Mählbs.in  Dippoldiswalde.

:  Helbig,  Cantor  in  Johanngeorgenstadt.


Helbing,  Cand.-  tbeol.  in
Dresden.

:  Helm,  Adv.  in  Dresden.
#:  Helm,  Kinderlehr.  in  Töpeln.

1  Helmuth,  in  Halle.  2  Exmpl.
Helsig,  Stadtrath  in  Dresden.

Hemleben,  Schöppenschreiber
in  Leipzig.
Himpel,  Schpneidermeister  in

Belgern.

:  Hempel,  Brantweinbrenner  in
Dresden.

-  Hennig,  Hauptmann  u.  Platzadjutant
  in  Dresden.

:  Hennig,  Privatlehr.  in  Dretben.

*  Hennig,  Hoftheater-Oberinspector
  in  Dresden.

=  Henrici,  Gandidat  des  Predigkamts
  in  Altenberg.
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        XV

Hr.  Hensel,  Stadkricheer  in  Camenz.  Hr.  Hoffmann,  Wilh.  inWeimar  ·  1.

*  Hensel,  Amts-Sporreleinnehmer  Hohlfeidt,  Magist.  in  Dresden.
Hotdefreund,  Kreisamls-Actuar
in  Leipzig
".  Helfert,  Conreck.  in  Dresden.
„  v.  Holzendorf,  Graf,  K.  S.
Rirtmeister,  in  Dresden.
:  Horlbeck,  Organist  in  Neukirchen.

!:  Horrer,  K.  S.  Ing.  Hauptm.
in  Dresden.
=  Horvath,  C  G.,  in  Potsdam.
#  Houwald,  in  Crossen.
KR.  D.  Hrabieta,  Königl.  Kapell.
u.  Professor  in  Dresden.
:  Hübner,  Zimmermst.  in  Dresden.
:  Hübner,  in  Dresden.
=  Huhle  ,  Braumstr.  in  Dresden.
é!*  Jacobi,  Pastor  in  Cadig.
=  Jacobt,  Finanzcoms.  u.  Adv.
in  Leipzig
Jatcobi,  Runcius  in  Leipzig.
=  Jacobt,  Hauptzollamts-Actuar
in  Zittau.
Jäckek,  Lehrer  in  Dresden.
=  Jädicke,  Lederhändler  in  Dresden.
Jänichen,  Seifensteder  in  Neusalza.

-  Jabe,  Appellations-Gerichksserr.
in  Dresden.
:  Jahn,  Schulk.  in  Grünbach.
*  Jahn,  Steuer-Revif.  in  Dresden.
:  Ihle,  Corporal  in  Dresden.
*  Illing,  Kaufmann  in  Leißnig.
:  Job,  Amtsinsp.  und  Adv.  in
Weolkenstein,  Abg.  in  d.  2.  Kam.
Irmischer,  Oeconom  u.  Richter
in  Oberwiesenthal.
Frschhausen,  D.  Gutsbesitzer  in
Oresden.
—  Tung,  Lehr.  b.  b.  kath.  Schule
An  Opesden.
“  Jursch,  Oberrechnungs-Comms.
n  Dresden.
*  Just,  Senator  in  Dresden.
.  Just,  Rector  in  Neukirchen.
Kaden,  Schul-RNeck.  in  Attenbers.
Kaden,  E.  A.  E.  in  Altenberg.
Kaden,  Canfl.  theol.  in  Dresben.
Kabner,  Krieasratb  in  Dresden.
Kadner,  Präfect  in  Pirna.
*  Kämpffe,  in  Neukirchen.
-  v.  Kanne,  K.  S.  Haupémann.
Kark,  Gutsbes.  in  Simselwit.

in  Dippoldiswalde.

:  Henzschler,  priv.  Kaufmann  in
Dresden.

Herfurth  sen.,  Handelsherren

Herfurth  jun.,  in  Haynchen.

Herfurth,  Fabrik.  in  Haynchen.

„  Hermann,  Oberamts  Reg.  Adv.
u.  Gerichtsdirect.  in  Dresden.

*  Hermzderf,  Mädchenl.  in  Penig.

:  Herrmann,  Professor  b.  Cadettencorps
  in  Dresden.

:  Herrmann,  Schull.  in  Krostau.

*  Herrmann,  Schullehr.  in  Stürze
bei  Stolpen.

Herrmann  und  Langbein,  in
bLeipzig.  2  Exempl.

„.  Hertel,  Privaklehr.  in  Dresden.

Hesse,  Schull.  in  Waizdorf.

:  Heyder,  D.  mell.  in  Dresden.

*  Heyder,  Past.  in  Schandau.

Heyn,  Erblebnrichter  zu  Grumbach,
  Abgeord.  der  2.  Kammer.

*  Heyne,  Lohgerber  in  Dresden.

Heyer,  geh.  Finanz-Rath  in
Dreêden.

Hübenz,  Mällermeister  in  Köniqswartha.


Hllliger,  Oberpestamtsbrieftra.
in  Leipzig.  41  Exempl.

=  Hinrichs'sche  Buchhandlung  in
Leipzig.

#  Dinsch'ng,  Landes-Zahlmeister
in  Dresden.

Hirfch,  Papierfabrikant  in
Königstein.

#  Hieschold,  Hofktüchenmeister  in
Dresden.
=  Höbschne  Schullehrer  a.  d.
Sopdtenschule  in  Nrobs.
Höne,  Kinderlehrer  In  Görnit.
:  Hörig,  Kinderlehr  in  Grumbach.
#Hörnig,  Baucomf.  in  Dresden.
#:  Hörnig,  Amtsmamrmeister  in
sn  Lehrer  in  J  ast--
  ann,  Lehrer  im  Jos.  S
in  Dresden.
*  Hofmann,  Bäcker  in  Döbeln.
#:  Hoffmann,  Rect.  in  Gottleube.
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        XVI

Hr.  Kaskel,  Bangq.  in  Dresbden.

eKaufer,  Schull.  in  Wehrsedorf.

*  Kaulfuß,  Lehrer  in  Dresden.

:  Kayfer,  Emil,  in  Dresden.

*  Kayfersche  Buchhandl.  in  Leipzig
2  Exrmplr.

Keiler,  Gerbermeist.  in  Herrnhut.

=  Keilig,  Hausbes.  in  Dörnthal

*  Keller,  Schulamts-Candidat  in
Dresden.

eller,  Schull.  in  Köeschenbroda.

-  Keller,  Kaufm.  in  Mylau.

*  Kergel,  D.  Hofmed.  in  Dreeden.

Kiesewalter,  erster  Lehrer  in
Nieder-Cunneredorf,

Kiesenwetter,  K.  S.  Major  a.
D.  in  Ködschenbroda.

=  Kiesting,  Handlungs-Commis
in  Lengefeld.

Killig,  in  Döbekn.

Kistner,  Carl  Couis,  in  Dresden.

#:  Klahre,  Amés-Landschöppe  zu
Heonersdorf,  Abgeordneter  d.
2.  Kammer.

Klappenbach,  in  Falkenstein.

Kleeberg,  Oeconom  in  Görnigz.

Kleinstück,  Schull.  in  Schönbach.

*:  Klemann,  Stadtrichter  u.  Adv.
in  Wolkenstein.

.  Klemm,  Rendant  in  Lebuse.

*  Klemm,  Kreisstener  Einnehmer
in  Leipzig.

#  Klemm,  Fabrik.  in  Oelsnie.

*  Klemmer,  Handelsmann  in
Haynchen.

Klien,  D.  Hofgerichtsratb  und
Prof.  in  Leipzig,  Abg  d.  2.  K.

Klinkhardt,  D  Diaconus  in
Leipzig.

Klinkicht  u.  Sohn  in  Meißen.
20  Erxmpl.

Klose,  Cantor  u.  Oberlehrer  in
Löban.

Kkorsche,  Schullehrer  in  Ober-Ebersbach.


:  Kluge,  Baumstr.  in  Dresden.

#:  Knappe  v.  Knappfstäde,  Erhr.

Oresden.

Kubrich,  Gand.  in  Waldheim.
*  Köten,  Braumstr.  in  Dresden.
Kober,  Fadrik.  in  GEllefeld.

Hr.  Koch,  Schornsteinfeger  auf  Festung

  Königstein.
I:  Kockul,  Hufengutsbes.  in  Nebelschütz,
  Abg.  d.  2.  Kammer.
v.  Köckritz,  K.  S  Leutn.  in  Dresden.
#:  Köhker,  K.  S.  Leut.  in  Dreäöden.
Köhler,  Emil,  in  Dresden.
":  Köhler,  Conrector  in  Pirna.
*  Köhler,  Seminarist  in  Pirna.
:  Köhler,  in  Reichenberg.
"*  Köhler,  Rector  in  Wurzen.
Kollmann,  C.  E.  in  Leipzig  3  E.
v.  Könnerit,  K.  S.  Oberst-Leut.
Körner,  Gymnas.  in  Wolkenstein.
Körnig,  Pfarr  in  Königswertha.
-v.  Koppenfels,  K.  S.  Oberst.
Korb,  Kaufm.  in  Oberwiefenthal.
:  Krah,  in  Döbeln
Kraufe,  Maler  in  Haynchen.
:  Krause,  Oberpostamts-Secrekair
in  Leipzia.
:  Krause,  Schullehr.=  Subst.  in
Obergräfenhayn.

Krebs,  D.  Regimentsarzt  in
Dresden.  "
Krebs,  D.  Bataillons-Arzt  in

Dresden.
Krebs,  Sradtgerichtsactuar  in
Pirna.  .
Kreller,  Stadtrichter  u.  Seifensteder
  in  Haynchen.
.  Krenket,  Lehrer  b.  Freimaurer-Instit.
  in  Dresden.
5Kretschmar,  Schull.  in  Mochau.

Fri.  Kresschmar,  Hausbesitz,  in

Dreöden.

Hr.  Kre#sschmar,  Past.  in  Bockelwig.

Kretzschmar,  K.  S.  Unterförster
auf  d.  Tellerhäusern.  "

*  Kree#schmar,  Seifensfedermeistr.
in  Dresden.

Krieblesch,  geh.  Cabinetsrakh
in  Dresden.

n  Krtebitzsch,  Kaufm.  in  Döbeln.

Kriebitzsch,  Calcul.  in  Dresden.

:  Krieger,  Kaufm.  in  Eottbus.

Kroner,  Cant.  in  Elbenstock.

-  Krug  v.  Nidba,  K.  S.  Oberst
in  Dresden

Krumbein,  Schull  in  Sohland.

*  Kruoesch,  Professor  in  Tharand.

—.

2  gen  n  22—
in  Wolkenstein.
        <pb n="17" />
        XVII

Hr.  Kähnel,  Oand.  fhool.  in  Dresben.  u.  Oirect.  an  d.  Artill.=  Schule
.  Kühnel,  Kammerportier.  in  Dresden.

Küttler,  Cand.  theol.  in  Colditʒ.  Hr.  Leonhardt,  Lehrer  im  erang.
.  Küttner,  Finanzassistenz-Rath  Capellkn.-Inst.  in  Dresden.

in  Dresden.  *  Leonhardt,  Schull.  in  Sschorlau.
é.  Küttner,  Accis-Inspector  in  =  Lestky  in  Altenberg.

Dresden.  v.  Leyßer,  Frhr.  auf  Gersdorf,
Kubl,  D.  Prof.  in  Leipzig.  General-Leutn.  Ercell.  Präsid.
:  Kuhlmann,  in  Böhmischwiesen-  der  2.  Kammer.

thal.  :  Liebe,  Past.  in  Lichtenhayn  b.
Kubn,  Adv.  in  Dresben.  Schandau.

##

Kummer,  Past.  in  Grumbach.

Liebert,  Zubußbote  in  Geising.
Kummer,  Finanz-Rechnungs-Liebezeit,

  Jugendlehrer  in

W

Secr.  in  Dresden.  Obersteinbach.
-Kummer,  F.  A.,  K.  S.  Kam-  e  Limmer,  M.  Oberlehrer  in
mermusikus  in  Dresden.  Löbau.
*  Kummer,  Cand.  theol.  in  Dres=  -  Lindner,  D.  Prof.  in  Leipzig.
den.  *  Lindt,  K.  S.  Kammermusikus
:  Kunath,  Oberlehrer  in  Leipzig.  in  Dresden
#*  Kunze,  K.  S.  Hauptmann  u.  -Lion,  Hauslehrer  in  Schlet-Wasserbau-Direct.
  in  Dresden.  tau  bei  Meißen.
:  Kunze,  Kriegs  =  Canzlist  in  ipfüus,  M.  Archidiac.  in  Löbau.
Dresden.  s  Locke,  Schullehr.  in  Zschachwit.
:  Lange,  Lehnrichter  in  Berthels-  6  Exemplr.
dorf.  1  v.  Löben,  Past.  in  Rüßeina.
:  Langer,  in  Döbeln.  Löffler,  Adv.  u.  Gerichts-Direet.
*  Langguth,  Schuldirector  in  in  Dresden
Dresden.  Löhmann,  K.  S.  Lieutn.  u.  Leh-=
  Lansgsch,  in  Döbeln.  rer  der  Mathemat.  in  Dresden.
-v  Larisch,  Oberst-Leutn.  u.  Bat.z  :  TKöser  in  Schöna.
Command.  in  Dresden.  ·Lösncr,  Hande!sh.  in  Haynchen.
Lechla,  Bürgermst.  u.  Seisen=  Löwe,  Justiz-Amtm.  in  Wolsieder
  in  Haynchen.  kenstein.
Leckscheid,  Candidat  in  Bar-  e,  K.  S.  Kammermusikus
nitz  bei  Meißen.  in  Dresden.

„  Lederer,  Handelsh.  in  Haynchen.  -Loewe,  in  Döbeln.
=  Lehmann,  D.  in  Dresden  *s  Lohse,  Pastor  in  Eibenstock.
*  Lehmann,  Amts-Steuer-Ein=  Lehse,  Cantor  in  Geyer.

nehmer  in  Dresden.  Lommatzsch,  Stadtschreiber  in
Lehmann,  Cand.  theol.  in  Dresd.  Johanngeorgenstadt.
:=  Lehmann,  Past.  in  Zehren.  :  Lommassch,  Gutsbes.  zu  Altsat-*
  Lehmann,  Kunstgärtner  in  tel,  Abg.  d.  2.  Kammer.
Dresden.  *  Lorenz,  Schull.  in  Schönheide.

Lehmann,  Senator  u.  Fabrik.  „v.  Loß,  Graf,  Hausmarschall  u.
in  Haynchen.  #  wirkl.  Geheim.-Rath,  Ercell.
=  Leigner,  Schull.  in  Marxen.  in  Dresden.

Lembke,  Königl.  Preuß.  geheim.  Loßnitzer,  Hauslehrer  in  Un-Legationsrath

  in  Dresden.  terblauenthal.
Le  Morme,  FinanzCanzl.  in  Lüder,  Färbereibes.  in  Haynchen.
Dreêden.  #  „à  U.  büttichau,  wirkl.  Geheimrath
#  Lenk,  Kaufm.  in  Eibenstock.  u.  General-Director  des  Hofs
  Lenk,  Cand.  theol.  in  Fal-  theaters  2c.  Ercell.  in  Dresden.
kenstein.  -v.  LKüttichau,  K.  S.  Kammerherr

*  Leonhardi,  K.  S.  Oberstieutn.  u.  Rittmstr.  Abg.  d.  1.  Kamm.
2
        <pb n="18" />
        K.  Luprian,  Kaufm.  in  Elster.

:  Lur,  D.  in  Leipzig.
Mädchenschule,  d.  erste,  in  Haynchen.
Hr.  Mannfeld,  D.  jur.  Gerichtsdirector

  in  Dresden.

*  Manilius,  Director  des  Freimaurerinstit.

  in  Dresden.

:  Marcus,  D.  in  Leipzig.

:  Marschler,  Cantor  in  Tharant.

:  Marschner,  Kriegsrath  auf  Festung

  Köniastein.

*  Martin,  Schull.  in  Ottendorf.

*s  Matthäi,  Dir.  an  der  Akadem.

der  bild.  Künste  in  Dresden.

:  Matthias,  in  Döbeln.

IIIust.  ac  rever.  D.  Mauermann,
Bischof  v.  Pellen,  Domdechant
zu  Budissin,  2c.  Mitglied  der
1.  Kammer  in  Dresden.

Ven.  D.  Mauermann,  Capellan,
Präses  d.  kath.  Consist.  u.
Can.  Budlis.  in  Dresden.

:*  Mauerêsberger,  in  Döbeln.

:  May,  Lehrer  bei  der  kath.  Waisenknab.-Anstalt

  in  Dresden.

*  Mechler,  Revierjäger  in  Mühlbach

  b.  Frankenberg.

:  Meding,  D.  in  Dohna.

*  Mehlhorn,  Cantor  in  Dohna.

':  Meinelt,  Rector  in  Dohna.

:=  Meinharde,  Registr.  in  Löbau.

*  Meißner,  D.  Appellationsrath

in  Dresden.

„  Meifner,  Lehrer  in  Dresden.

:  Meißner,  Kaufm.  in  Schönbach.

Mendel,  Schönfärber  in  dommatzsch.


Mentzel,  Schull.  in  Schrebitz.
2  Exempl.
Merkwitz,  Quartus  in  Pirna.
„*  Mertens,  D.  in  Leipzig.
Mertz,  Koufm.  in  Roßthal.
:  Merz,  Kaufm.  in  Neukirchen.
!.  Mettler,  Lehnrichter  in  Beokkendorf.

=  Mesner,  Handelsm.  in  Hohenstein
  im  Schönburgischen.
Meusel,  G.  Banquier  in  Dresden.
=  Mey,  Schull.  in  Unterwiesenthal.
:=  Meyer,  D.  in  Eeithain.
Meyer,  Conrect.  in  Lößnitz
Meger,  Kauf.  in  Oberwiesenthal.
#.  Michgelis,  Corpor,  auf  Festung
Königstein.

u  ½1

Hr.  Miersch,  Kinderl.  in  Dudenda###,
:  Mieth,  Collab.  in  Dresden.  8  Ex.
:  Mieth,  J.  Lehrer  in  Dresden.
:  Mieth,  E.,  Lehrer  in  Dresden.
*  v.  Minkwitg,  Oberhofmstr.,  K.
geh  Raih,  Kammerh.  in  Dresden.
-  v  Minkwit,  Oberhofmeister.  K.
Geb.  Rath,  Kammerherr,  Excell.
in  Dreeden.
Mirus,  Univ.-Act.  in  Leipzig.
Mittelhäuser,  Kaufm.  in  Dresd.
Möbius,  Kaufmann  in  Dresden.
*:  Möbius,  Schulgehülfe  in  Wendishain.

:  Möckel,  Rector  in  Geyer.
:  Moritz,  Tertius  u.  Organist
in  Frankenberg.
:  Mühle,  Cant.  u.  Mustkdirect.
in  Dresden.
Mühle,  Lehrer  in  Dreêden.
Müller,  Just.  Minist.  Rechn.
Secr.  in  Dresden.
Müller,  Secr.  u.  Minist.  Kanzellist
  in  Dresden.
Müller  ,  Apothek.  in  Dresden.
=  Müller,  Schuldir.  in  Dresden.
:  Müller,  in  Eibau.
:  Mäller,  Adv.  in  keiprig.
R.  D.  Müller,  Pfarrer,  Supr.  Ass.
u.  Direct.  in  Leipzig.
Hr.  Müller,  D.  med.  pract.  in
Leubnitz.
=  Müller,  Gutsbes.  zu  Limmeritz
bei  Döbeln.
=  Müller,  Immanuel,  in  Leipzig.
=  Müller,  Kinderl.  in  Nauenhain.
=  Müller,  Direck.  in  Pirna.
=  Müller,  Schull.  in  Taubenheim.
:  Müller,  Förster  in  Wsfesenthal.
:  Müller,  Jugendl.  in  Wueschwig.
Raacke,  Lehrer  einer  Mädchenschule
  in  Dresden.
:  Nacke,  Oberrechnungs-Eram.
in  Dresden.
Nacke,  Sapeue-GCorp.  in  Dresd.
:  Ragezahn,  J.  G.  H.  in  Leipzig.
=  Nagler,  Schullehrer  in  Unterblauenthal.

r:  Neuhuser,  Bildh.  in  Dresden.
Reuberth,  Bäckermst.  in  Hohenstein
  im  Schönburgschen.
-Nicolai,  Adv.  in  Wermsdorf.
*  Niehe,  Pontonir-Sergeant  in
Dresden.

n  1%

—  n  #1#

#
        <pb n="19" />
        XII

Hr.  Riekmann,  Gastwirth  in  Löbau.  Hr.  Peschke,  K.  S.  Kammermust-Nikolal,

  Stolln-Factor  in  Altenberg.



Nitsche,  Schullehrer  in  Laube.

Riesche,  Privatlehr.  in  Dresden.

Niesche,  in  Döbeln.

Nitzsche,  Revierförster  in  Ottendorf.


-Nitzsche,  Cand.  theol.  in
Sommerit  bei  Altenburg.

Noack,  D.  med.  in  Dresben.

:  Nobis,  Pastor  in  Burkhardswalde.


:  Nollin,  in  Oreêden.

=  v.  Nostitz  u.  Jänkendorf,  Conferenz-Minister,
  wirkl.  Geh.
Rath  Ercell.  in  Dresden.

*  Oberreik,  Oberstleutnant  und
Commandant  des  Ingenieur-Corps
  in  Dresden.

=  0Byrn,  K.  S.  Kammerherr
u.  Hofcavalier  in  Dresden.

DOehme,  Magister  in  Hayn.

:  Oertel,  Postor  in  Berggieshübel.

-  Oeser,  jun  Gasthofsbesitzer  in

Haynchen.

Oeteler,  Evangel.  Hofkirchner

in  Dresden.

Oettrich,  Ober-Rechnungs-Examinator

  in  Dresden.

Oldecop's  Erben  in  Oschag.

14  Exempl.  "

v.  Olsufleff,  Kaiserl.  Ruß.  Maj.

in  Dreöden.  2  Expl.

Opitz,  Lithograph  in  Dresden.

Oswald,  Schull.  in  Gorbit.

Otto,  Cantor  u.  Musikdireckor

in  Dresden.

Pachaly,  Director  in  Camenz.

Päßler,  Kaufm.  in  Haynchen

Panzer,  Advocat  u.  Gerichrs-Director

  in  Dresden.

*  Parthcky,  M.  Pastor  in  Lengefeld.


-  Pauli,  Inspector  in  Dresden.

Pech,  D.  Prof.  in  Dresden.

Pech,  Hufschmidt  in  DOöbbra.

:  Pechmann,  Hofrath  u.  Justiz-Amtmann
  in  Dresden.

=  Pentzel,  Rittergutsbesistzer  in
Elster.

*  Peschel,  Hof-Wasserinspector
in  Dresden.

Nbäaua  ½

##  L  1u##

M

um  n

uu  K  n

M  ½

kus  in  Dresden.

„*  Peter  in  Dresden.

:  Petermann,  Schullehrer  in
Dresden.

:  Peters,  Advocat  und  Gerichts-Director
  in  Dresden.

-  Peers,  Schull.  in  Zinnwald.

-  Peters,  Cand.  theol.  in
Dresden.

*  Petersilie,  Schuhmachermeister
in  Hänchen.

:  Pegold,  Leibjäger  in  Dresden.

*  Pfarr,  Landrentmeister  in
Dresden.

e  v.  Pflugk,  K.  S.  Kammerherr,
Mitalied  der  1.  Kammer.

e  Pfützner,  Maler  in  Lengefeld.

:  Puhl,  Ober-Postamts-Briefträger
  in  Leip  ig.

".  philipp-  Privatlehrer  in  Dresen.


=  Pienitz,  D.  med.  in  Dresden.

*  Mesold,  der  Chirurgie  Beflissener
  in  Pirna.

-VPietsch,  K.  S.  Kriegsrath  in
Dresden.

*  Meetsch,  Schullehrer  und  Organist
  in  Königswertha.

=  Pillwitz,  M.  Hospitalprediger
in  Pirna

*:  Mlopp,  Schullehrer  In  Commerau.



Piltz,  D.  Abv.  in  Lespzig.

Milgz,  Bandfabrikant  u.  Handelsmann

  in  Oberwiesenthal.

·  Pilz,  Markscheider  in  Altenberg.


-  Pilz,  Privatlehrer  in  Dresden.

-VPilz,  Post-Commissarius  in

Dresden.  .

Plätzsch,  Jugendlehrer  in  Dberanschütz.



v.  d.  Planitz,  Edler,  K.  S.

Kammerherr  u.  Abgeorbneter

der  2.  Kammer.

Platzmann,  D.  in  Leipzig.

*  Plewka,  kach.  Schullehrer  in
Dreöden.

=  Pönicke  u.  Sohn  in  Leipzig.

*  Pohle,  Maler  in  Lengzfeld-=

  v.  Polenz,  K.  S.  Kammerjunker
  in  Dresden.

M  ½

11

*  Peschel,  Hutmacher  in  Dresden.  Mad.  Pommerich  in  Dresden.
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        X

Hr.  Ponickau
Geithain.  2  Exempl.

*  Porkius,  Amts-Inspettor  in
Dresden.

-v.  Peosern  auf  Pulsme,  Mitgl.
der  1  Kammer.

„  Post,  Gymnastast  in  Freiberg.

2  Hrädicow,  Apotheker  in  Lößnitz.

=  Prager,  Cand.  minst.  in
Neukirchen.

-  drehsch,  Privatlehrer  in  Dres-4#)*•

  D.  Professor  in  Dres--
  is  Cand.  theol.  in  Dres-=

  Prüfer,  Handelsmann  in  Unterwiesenthal.


*  Puschbeck  in  Altenberg.

Puttrich,  Erblehnrichter  z.  Olbersdorf
  und  Abgeordn.  d.  2.
Kammer.

i-  vd.  Quandt,  Partikul.  in  Dresen.



„*  v.  Rabenau,  Franz  Garl  Balthasar,
  auf  Wendischpaulsdorf.

Mad.  Radecker  in  Oelsnie.

Vr.  Rädlein,  Schullehr.  in  Oppach.
Raschig,  Pastor  auf  Festung
Königstein.

:  Rau,  Grenzbereiter.

Rauchfuß,  Ernst,  in  Dresden.

-  kanh,  Stadtrichter  in  Lengeeld


Reclam,  C.  H.  inLeipzig.  15  Ex.

:  Rechenberg,  Kaufm.  in  Leißnig.

Redlich,  D.  in  Leipzig.

Reh,  Pastor  in  Struppen.

nei  Reibold,  Geh.  Finanz-Rath  in

Dresden.

=  Reinhardt,  Bürgermeister  in
Camenz.
Reihiger,  K.  S.  Kapelkmeister
in  Dresden.

=  v.  Reitzenstein,  Wirkl.  Geheimerath
  und  Oberhofmarschall,
Ercell  in  Dresden.

.  Renner,  Schuhmachermeister  in
Liebstadt.

4  Reupert,  Handelsmann  in  Len-„eseine


Heinrich  LXIII.  Fürst  Reuß

auf  Klipphausen  rc.  Mitglied
*-  1.  ——

A  1

Toͤchterlehrer  in  Hr.  —  Handlungs-Commts  in

-  Richel,  W.  Hof-Buchhandlung
in  Schleitz.  3  Exempl.

Freul.  Richter,  in  Dresden.

Hr.  Richter,  Pastor  primar.  in

Camenz.
“  Aicheer,  Schullehrer  in  Ehrenerg.

*  Richter,  Senator  u.  Fabrikant
in  Haynchen.
4  P.  Richter,  königl.
in  Leipzig.
-Richter,  J.  C.,  in  Leipzig.
Richter,  Landesältester  in  Luckau.
-Nichter,  Pastor  in  Schellerhau.
„  Richter,  Rathszimmermeister
in  Torgau.
„:  Richter,  Fabrikherr  in  Unterwiesenthal.

-  Richtersche  Buchhandlung  in
Zwickau.  4  Exempk.
s  Rieffel,  D.  med.  in  Dresden.
:  Riehl,  Ober-Post-Amtspackmeister
  in  Leipzig.
u  Rlscher,  Schullehrer  in  Puschwitz



*  Rittler,  Ober-Confistorialrath
in  Dresden.

=  Rittner,  D.  Advocat  in  Dresden.

*  Roch,  Geh.  Registr.  u.  Advoc.
in  Dresden.

=  Röllig,  Receßschreiber  in  Altenberg.


Rohmer,  Landgerichtsrath  in
Torgau.

Rosenzweig,  Geh.  Legationsrath
  in  Dresden.

*  Rosenzweig,  Kaufmann  in
Dresden.

=  Rost,  Ober-Stall-Amts-Secr.
in  Dresden.

*  Roth,  Cantor  jun.  in  Elster.

*  Rothe,  Adv.  in  Leipzig.

*  Rubach,  Ferdinand,  in  Magde--

  Rulack,  6.  A.,  D.  med.
pract.  Ritter  des  Civil-Verdlenst-Ordens
  in  Dresden.

*  Rudolph,  Stadt-Steuereinnehmer
  in  Haynchen.

*  Rüffer,  Doct.  in  Leipzig.

:  Rüger,  Adv.  und  Gerichtsdirecter
  in  Dresden.

Caplan
        <pb n="21" />
        AXI

Hr.  Rühl,  Judendlehrer  in  Wet=  Hr.  a  F.  A.  D.  Professor
tersdorf.  n  Le
-  Kühl,  Krverlthrer  in  Zaschen=  -  .  Schindler,  Organist  in  Dresderf.
  #  den.
*  Rudolph,  Ober-Postamts-Briefe  Schindler  in  Grün.

träger.  Schirlitz,  Cand.  theol.  in
e  Ruick,  Stadtrath  in  Camenz.  Dresden.  "
*  Rumpel,  Leihbibl,  in  Dresden.Schhlegel,  jun.  in  Geising.
Sachse,  Kaufm.  in  Lengefeld.SSchleinig,  Nector  in  Auerbach.
*  Sachwall,  Kammerlagai  in  Schleinitz)  Adv.  in  Leipzi

Dresden.  2  Schletter,  Oberebnfish.-Casfrer
*  Sack,  Wachslichtfabrikant  in  in  Oresden.
Dresden.  *  Schmalfuß  in  Ellefeld.

SGSahr,  Cand.  theol.  in  Auer=  -  Schmalz,  Gen.-Accisinspector
bach.

u.  Gerichtsdir.  in  Dresden.

*  Salzmann,  Jugendlehrer  in  Schmerbauch,  Dr.  phil.  Leh-Galschitz.
  rer  an  der  kath.  Freischule  in

Sandhof,  M.  Past.  in  Sitren.  Dresden.

Sartorius,  Doct.med.  Rath=  Schmidt,  Insp.  a.  der  Gemäldebeis.
  u.  Besitzer  der  Marien-  Galerie  in  Dresden.
apotheke  in  Dresden.  *  Schmidt,  Hof=  u.  Justiz.-Canz-.

*  Satlow,  Superint.  in  Delsnitz.  Sceretair  in  Dresden.

*  Saupe,  Communrepräs,  und  „  Schmidt,  Tischlermeister  in
Fabrikant  in  Haynchen.  Dresden.

*Saupe,  Fabrikant  in  Haynchen.  -  S  midt,

:  Schaffrath,  Cantor  in  Neustadt  midt,  Wilhelm  in  Hlauen.
b.  Stolpen.  7.  Erempl.

*  Scharf,  Fabrikherr  in  Fall  „Schmiet,  Schullehrer  in  Wenkenstein.
  dishain.

*  Schaumburg,  EC.,  und  Comm.  Schmiedel,  K.  S.  Kammerin

  Wien.  musikus  in  Dreeden.
Schädlich,  Schullehr.  in  Brun.  Schmiedel,  Eeschworner  in

Kaufmann  in  Elster.

i

ril

Schanz,  Rector  in  Pausa.  Johanngeorgenstadt.
:  Schag,  in  Neukirchen.  Schmorrde,  Schullehrer  in
*  Scheithauer,  sen.  Schlosser-  Spremberg.

meister  in  Haynchen.  *  Schnabel,  Raths-Kämmerer
-  Schenk.  priv.  Kaufmann  in  in  Dresden.
resden.

*  Schneider,  Hof-  Organist  in
*  Schenke,  Collaborator  in  Köt-  Oresden.

schenbroda.  Schneider,  Kaufm  in  Dresden.
Schenkel,  Oiac.  in  Oelsnitz.  Schneider,  Emil,  in  Dresden.
*  Schettler,  Cauck.  theol.  in  =  Schönbach  in  Döbeln.

Dresden.  *  Schönberger,  Schullehrer  in
Szzeassle  #n  L#inet.  inDreab  *

iffner,  Cand.theol.  in  Dresbb.  ne,  M.,  Schuldirector  in

Schiffner,  F.  D.  jun.  Fabri-  Dresden.  "  ori
kant  in  Neuschönau  b.  Groß  Schöne,  Kreis-Agentin  Dresden.
schönau.  Z„  -Schöne,  Schullehrer  in  Bejers-*
  Schiffner,  Ernst,  Fabrikant  in  dorf.

Neuschönau  bei  Großschönau.  „  Schöne'sche  Buchhandlung  in
:  Schill,  Bürgermstr.,  Gerichts-  Eisenberg.

director  u.  Adv.  in  Schneeberg.  Schöne  Hauslehrer  in  Ober--
  Schlling,  Bruno,  D.  Prof.  horka.  6
g.

in  8  -Schöne,  Wachtmstr.  in  Pirna.

J—
        <pb n="22" />
        XXII

Hr.  Schonfelber  in  Neuklechen.

-  Schöpke  in  Döbeln.

:=  Schöpfische  Bachhandlung  in
Sieru.  0  Exempl.  hlmeis

2  oil,  -  Kamm  im  er
in  Dreẽden.  *½

Schomburgk,  Secr.  in  Leipzig.

„  Schramm,  Cantor  an  der  Annenkirche
  in  Dresben.  2  Expl.

„  Schramm,  Kaufm.  in  Dresden.

r  Schramm  in  Döbeln.

„  Schreiber,  Reckor  in  Scheibenberg.


*  Schreiber,  Amts=  Actuar  in
Wolkenstein.

„  Schreiber,  Schull.  in  Werda.

„*  Schreier,  Amtscopist  in  Lößnie.

=  Schröckh,  in  Brix.

*  Schrater  in  Dresden.

*  Schubel,  Kinderlehrer  in  Körjssch.


*  Echabet,  1.  Sehrert.  d.  Schule
zu  Rath  u.  That  in  Dresden.
=  Schubert,  Handlungs-Commis
in  Haynchen.
:  Schubert,  Handlungs-Commis
in  Lengefeld.
Schuckelt,  Schullehrer  in  Berthelsdorf.

Schüler,  Fabrikant  in  Ellefeld.
Schüßler,  Adv.  in  Leipzig.
Schi,  Bergmeister  in  Altenerg


Schüge,  Lehrer  b.  d.  Fletchersch.
Sem.  in  Dresden.  2  Erempl.
Schütze  in  Neugeising.
Schütze,  Fourier  b.  K.  S.  Ing.=Corps
  in  Dresden.
Schulz,  Candidat  in  Kögschenbroda.

=  Schulze,  Rector  in  Lößnitz.
=  Schulze,  C.  G.  in  Baugten.
1  Schulze,  Aeltester  der  Tischlerinnung
  in  Dresden.
=  Schulze,  Maler  in  Lengefeld.
*  Schulze,  C.  G.,  in  Löbau.
14  Erxempl.
2  Schumann,  D.  Geh.  =  Justiz-Rath
  in  Oresden.
Schumann,  Jugendlehrer  in
Steina.
„  Schumann,  Jugendlehrer  in
Acchershain.

V#

A

Ht.  Schuster,  Instrumentmacher  in

Neukirchen.

*  Schuster,  Waisenhauslehrer  in
Pirna.

*  Schwätzke,  Kaufm.  in  Dresben.

=  Schwarz,  Finanz-Isssstenzrath
in  Orrsden.

„  Schwarz,  Kofrath  u.  D.  med.
in  Dresden.

=  Schwarz,  Cantor  in  Neustadt-Dresden.


*  Schweinitz,
Neukirchen.

:  Schweitzer,  Prof  in  Tharant.

“  Schwenke,  Koufm.  in  Dresden.

Schwenke,  Pastor  in  Sadisdorf.

Schwertfeger,  Adv.  in  Leipzig.

v.  Seebach,  Oberstleutnant,  Gen.=Intend.

  u.  Geh.-Kriegsrath  in

Dresden.

Seeburg,  D.  Stadtrath  in

Leipzig.

Seibt,  Förster  in  Reichstein  b.

Rosenthal.

e  Seidt,  Schull.  in  Ebersbach.

Seidel,  Erster  Lehrer  b.  Waisen

  -Institut  in  Dresden.

*  Seidel,  Handelsgärtner  in
Dresden.

:  Seidel,  Wirthschafts-Fourier
auf  Festung  Königstein.

:  Seifert  ,  Cantor  in  Lohmen.

Seiffert,  Schullehrer  zu  Hammer
  Unterwiesenthal.

*  Graf  v.  Seilern  und  Aspang,
K.  K.  Oesterreich.  Kammerherr
  in  Dresden.

*  Sellchen,  Tischlermeister  in
Liebstadt

=  Seltenreich,  D.  Ober.-Confist.
Asseffor  und  Superintend.  in
Dresden.

=  Seltmann,
in  Dresden.

Bürgermeister  in

M  4y

priv.  Kaufmann

die  Seminarbibliothek  in  Prna.
Hr.  Semmig,  Sattler  in  Döbeln.

„  Senff,  Schullehrer  in  Sitten.
2  Exempl.

*  Serig'sche  Buchhandlung  in
Leipzig.

:  Seyfert,  Steuer-Serretair  in
Setet  Schulzehäls.  zu  St

Seyfert,  ulgehülfe  zu
Afra  in  Meißen.
        <pb n="23" />
        Hr.  Siegel,  M.
keipzig.
-Simmig,  in  Bischoffswerda.
-Simon,  Finanz-Buchhalter  in
Dresden.
Singe,  Handelsmann  in  Geyer.
=  Söhlmann,  Stadtrath  in  Leip-**r

:  Graf  zu  Solms  u.  Tecklenburg,
  Obersileutnant  u.  Bataill.-Commandant
  in  Dresden.
Sondershaufen  in  Dresden.
Sonntag,  Hofmauermeister  in
Dreêèden.
Stachel,  Amts-Actuarius  in
Dresden.
Stäber  7
Dresden.
Stange,  Graveur  in  Dresden.
Stange,  Nagelschmidt  u.  Hausbes.
  in  Dreêden.
*  Starke,  Wilh.  in  Chemnig.
19  Exempl.
*  Starke,  Organist  in  Leipzig.
Staudinger,  Gerichtsdir,  in
Neukirchen.
Steglich,  Hofcantor  in  Dresden.
Steinacker,  E.  F.  in  Leipzlg.
Stelzner  sen.  in  Döbeln.
Stephan,  Pastor  in  Dresden.
Sterzel,  Stadtschreiber  in
Haynchen.
Steuber,  Rrctor  in  Coldig.
Steuer,  Jugend-Lehrer  in
Ebersbach
-  Steyer,  D.  in  Leipzig.
Stieber,  D.  Hof=  u.  Just.-Rath
in  Dresden.

O  *s  Schullehrer  in  Röhrsorf.

Stiehler,  Rathswächter  in

Dresden.
=  Stöckert,  Steuereinnehmer  in
Oelsni
=  Stockmann,  Landgerichts-Dir.
in  Leipzig.
Stoll,  Cand.  theol.  in  Dresden.
Stolle,  D  Suoperintendent  in
Bischoffswerda.
Stelle,  Maler  in  Lengefeld.
Storl  in  Döbeln.
Strasser,  Braumstr.  in  Dresden.
Strauß,  Müllermstr.  in  der
Schneckenmühle  bei  Liebstadt.

4

Cand.  theol.  in

#A  n

aDmimuun

An

#  u

aem  u

XXHI

Diatonus  in  Hr.  Serubell,  Steinmetobermeister

in  Dresben.
*  Struve,  D.  med.  in  Dresben.
*  Sturm,  Candidat  in  Freiberg.

=  Süß,  Lehrer  in  Lengefeld.

Tänzler,  Elementarlehrer  u.
Hülfsprediger  in  Hohenstein  im
Schönburgschen.

:  Taggesell,  Glasermeister  in
Dresden.

*  Tanzer,  Mädchenschullehrer  in
Oelsnitz.

Taube  in  Döbeln.

=  Tauber,  D.  Superintendent  in

Leisnig.

Teicher,  Nadler  in  Dippoldiswalde.



Teichert  v

Dresden.

v.  Teubern,  Appell.  Ger.  Präfstdent

  in  Dresden

v.  Teubern,  Rentmstr.  in  Dresden.

Teucher,  D.  Appellationsrath

in  Dresden.

Thalheim,  Kriegs-Canzlist  in

Dresden

Thieme,  Diaconus  in  Reschwit.

Thieme,  Robert,  in  Dresden.

Thieme,  Musikalienhändler  in

Dresden.

Thieme,  Cantor  in  Mylau.

Thomas,  Pastor  in  Hinterhermsdorf.



:·  Thomas-Urchidi##a#  in  Penig.

Thomaß,  Schull.  in  Oppach.

*  Tietz,  Kammerdiener  bei  S.

K.  H.  dem  Prinzen  Mitregenten,

  in  Dresden.

Tietze,  Wund=  u.  Geburtsarzt

in  Ebersbach.

Tittel,  Rector  in  Lauenstein.

Tittel,  Candidat  in  Geising.

*.  Tittmann,  D.  Öber-Confist.=Rath
  in  Dresden.

v.  Trautschen,  Stud.  Arehit.
in  Dresden.

-Trautscholb,  Pastor  in  Köeschenbroda.


*  Trepte,  Schullehrer  in  Cunnersdorf

  b.  i  Königstein.

Tröger,  Markscheider  in  Johanngeorgenstadt.



Trübsbach,  Smil,  in  Dresden.

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Bäckermeister  in

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N  ½

14
        <pb n="24" />
        IIIN7

Hr.  v.  Tümpling,  ster  Hofmar--  He.  Voland,  Adv.  und  Gerichtsschall,

  Ercellenz  im  Dresden.

*  v.  Uckermann,  Fehr.  Forstakademist
  in  Tharant.

-  v.  Uechtritz,  Appellationsrath
in  Dresden.

:  Uhtig,  Pastor  in  Sebnit.

-  32  Kinderlehrer  in  Gerso



=  Uhlich,  Handelsmann  in  Lengefeld


*  Uhlig,  Cand.  theol.  in  Schönheide.


*  Uhlmann,  Besitzer  der  niedern
Mühle  in  Berthelödorf.

=  Ullrich,  Lehrer  in  Tharant.

2  Ungenannte  in  Dresden.

22  -Altenberg.

Hr.  Unger,  D.  Rath,  K.  S.  Ereis-Physikus
  in  Wildenfels.

":  Unruh-  Actuarius  in  Lößnig.

-  Unterdörfer,  Cand.  theol.  in
Mylau.  ê

=  Uschner,  Consistorial-Protonotar
  in  Lübben.  #„

-  Valentin,  Bleiweißfabricant  in
Dresden.

„  Venus,  Privatlehrer  in  Dresden


ue  Vetter,  D.  med.  in  Dresden.

*  Viehweger,  Rector  in  Neustadt
b.  Skolpen.

Vieweg,  Revierförster  in  Nauenhain.
  »

7  Graf  Vitzthum  von  Eckstädt,

Wirkl.  Geh.  Rath  und  Dir.
der  Akademie  d.  bildenden  Künste,
  Erxcell.  in  Dresden.

-  Graf  Vitzthum  v.  Eckstädt  auf
Lichtewalde,  K.  S.  Kammerherr,
  Abgeorbn.  d.  1.  Kammer
in  Dresden.

Bitzthum  v.  Eckstädt,  K.  S.
Maj.  in  Dresden.

*  Vogel,  M.  Diaronus  in  Dohna.

Bogel,  Rittergutsbesitzer  in
Titliebel.

=  Vogel  v.  Vogelstein,  orbentl.
Professor  und  Hofmaler  in
Dresden.

*  Bogel,  D.  Dir.  in  Leipzig.

=  Boigt,  Cantor  in  Sayda.

-  Voigt  in  Reukirchen.

Dir.  in  Dresden.

*  Voland,  Kriegs-Calculator  in
Dresden.

-  Voland,  jun.  Braumstr.  in
Mirna.

*  Volgmann,  Dir.  einer  Erzieh.
Anstalt  in  Dresden.

#  Wagnersche  Buchhandlung  in
Dresden.  7  Expl.

*  Wagner,  Pastor  in  Gottleube.

:=  Wagner,  C.  H.  D.  in  Leipzig.

-Waaner,  Reckor  in  Penig.

:  Walkhersche  Hofouchhandlung
in  Dresden.  4  Exempl.

Walther,  Rector  emerit.  in
Hohenstein  im  Schönburgschen.

*  Walther,  Oberjäger  in  Falkenstein.


Weber,  D.  Geh.  Rath  und
Dir.  des  Ober=  Consistor,  in
Dresden.

*  Weber,  Kaufmann  in  Hohenstein
  im  Schönburgschen.

-  Weher,  Rect.  emer.  in  Freierg.



*  Weber,  Kürchner  in  Döbeln.

*  Weger,  Rentamts-Control.  in
Dirpoldiswalde.

-  Weh,  Copist  in  Meißen.

=  Wehner,  Wirkl.  Finanz-Ratb
in  Dresden.

„*  Wehner,  Kaufmann  in  Mylau.

=  Weickerk,  Conrect.  in  Luckau.

Weirauer  in  Breitenbrun.

:  Weidner  ,  Cand.  theol.  in
Auerbach.

=  Weigel,  M.  in  Leipzig.

?*  Weise,  Finanz  -Canzlift  in
Dreöden.

*  Weiser,  K.  S.  Maj.  u.  Rentbeamter
  in  Dresden.

*  Weiß,  D.  Appellationsrath  in
Dresden.

*  Weiß,  Lehrer  b.  d.  kath.  Schule
in  Dresden.

„  Wellengel,  in  Neukirchen.

Weller,  Dr.  med.  in  Dresden.


*  Wendler,  D.  Amtsphys.  Prof.  in
Leipzig.

:  Weller,  Organist  in  Falkenstein.
  2  Exempl.
        <pb n="25" />
        XXV

Hr.  Weller,  August,  in  Bautzen.  Hr.  Wolf,  Cantor  i.  Schullehrer

7  Exempl.  in  Röhrsdorf.

Wening  in  Falkenstein.  :=  Wolf  in  Döbekln.

:  Werl,  Böctermeister  in  Dres-  »v  Wolfersdorf,  Referendar  b.  d.
den.  1  andes  Direction  in  Dres-Werner,
  Kirchner  in  Neustadt-  en.  ·  ,«

Dresten.  ch  s  =  v.  Wolframdorf,  K.  S.  Oberst-=

  Wetner,  G.  KL.,  Fabrikbern.  leutnant  in  Dresden
-  Werner'  Gottlob,  in  Hayn-  :  Wünsch,  Amts-Landrichter  in

:  Werner,  Julius,  chen.  Dresden.  ·
Frau  gn  Wesnig  werhen-  „  *  t  2  Leinwandhändl.
r.  Wehstein,  hristopp,  in  in  nbach.  "
v  Schweinfurth.  :  Wünsche,  J.  E.,  in  Schön-*
  Weygandsche  Buchhandlung  in  bach.  Z
Leipzig.  1  ·  *  Würzburg,  A.  in  Glauchau.
Wiegand,  Straßen-Bel.  In=  -  Wujanz,  Seminarist  in  Buspector
  in  Dresden.  dissin.  1
*  Wietand,  l.  Privat:  Gelehr=  -  Zakrzewsky,  Oec.  Amtmann
ter  in  Dresden.  in  Camenz
Wienbracksche  Buchhandlung  in  .  Zange,  Fihanz-Commissar  u.
Torgau.  4  Expl.  Rittergutsbesitzer  in  Dresden.
-  Wienecke,  D.  in  Leipzig.  v.  Zedligz,  K.  S.  Oberst  und
=  Wilde,  K.  S.  Justitiar  in  General-Adjutant  in  Dresden.
Oberwiesentbal.  =  Zeh,  Diaconus  in  Eibenstock.

*Wilbelm,  Richter  in  Dresden.  v.Zehmen  auf  Welßig,  Oomherr.
Wilke,  Obereinnehmer  in  Dip-  *  Zehmen,  Oberhofgerichts-Rath

poldiswalde.  in  Leipzig.
*  Wilsdorf,  Gerber  in  Döbeln.  Zeibe,  Collaborator  in  Dit-*
  Winkelmann,  Kaufmann  in  tersbach
Dresden.  .  *  Zeiler,  Kinderlehrer  in  Hartha
:  Winckler,  Privat.  in  Geithain.  b.  Bischofswerda.
2  v.  Winkler,  andes-Dir.  Refer-  .  Zeißig,  D.  med.  in  Eibenendar
  in  Dresden.  stock.  .
-Wichkk,-Zkuno,v.iu-Ze-nker-Finsnz-Proturotorn-Leipzig.
  Ger.-Direckor  in  Dresden.
Finbler,  Cand.  min.  in  .Zettel,  Pastor  in  Pausa.
Moitzsch  b.  Wurzen.  «  *  v.  Zeschau,  K.  S.  Major  und
Winter,  Schul-Director  in  Bataillons  =  Commandant  in
Dresden.  .  Dresben.  1
„  Wirkert,  Schullehrer  in  Prau:  #v..  Zezschwit,  K.  S.  Staatemisie.
  nister  und  Generalleutnant,  Ex-Wittern,

  K.  S.  Oberst  cellenz,  in  Dresden
u.  Cafernen  -Commanant  in  :  v.  Ziegler  und  Klipphaufen,
Dresden.  1  auf  Nieder  Cunewalte,  Abge-:
  Wittig,  Gutsbesitzer  in  Abend.  ordneter  d.  1.  Kammer.
Wochenblatks-Expedition  in  Roch=  .  Zillmann,  Stadt-Mustk-Dir.
litz.  10  Exempl.  in  Dresden.
Hr.  v.  Wolan,  K.  S.  General=  .  Zimmermann,  M.  in  Dresden.
Kr.  Gerichts  =  Prästdent  und  e  Zihck,  Amts-Bice-Actuar  in

General-Major  in  Dresden.  Wermsdorf.
Wolf,  Pastor  in  Coswig.  Zinkernagel,  Cand.  theol.  in
:  Wolf,  Quintus  in  Pirna.  Geithain.
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MN.  in  b  G.  K
o  *  im  eeseer  s  Er  .,  Kausmeann  in
sche  Zische,  J.  Ch.  Kaufmann  in
t  Mar,  «  G.  ven.,  Kaufm.  nba

in  Söttoach  v.  Sobel,  D.  Appellationsrath
-  ische,  G.  jun.,  Kaufm.  in  Dresden.
in  Schönbach.  -Zumpe,  Kaufmann  und  Teppichfabrikant
  in  Dresden.
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        Geschichte

des

säch  sische  n  Volktes

von

der  ältesten  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.
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        <pb n="35" />
        Ueber  den  Ursprung  der  Sachsen.  3

#—  —88SSSW—cEüBl  —

Vorgeschichte.

Erster  Abschnitt.

Aelteste  Geschichte  der  Sachsen.  —  Ihr  Verhäleniß  zu
andern  Völkern,  namentlich  zu  den  Franken.  —  Ihre
Götterlehre.  —  Feldzüge  Carls  des  Großen  gegen  die
Sachsen.  —  Wittekind  des  Großen  Kämpfe  gegen
die  Franken.  —  Seine  Taufe  und  Einführung  des
Cbristenthums  unter  den  Sachsen.

ie  der  Ursprung  des  Menschendaseyns  im  Einzelnen,  so
verliert  sich  auch  der  Ursprung  des  Daseyns  von  Velkern
gern  in  Dunkel  und  Ungewißheit,  und  wie  die  Natur,  so
scheint  auch  der  Weltgeist  die  Keime,  die  er  zieht,  mit  Nacht
und  Zweiseln  zu  umgeben  und  gleichsam  spaͤter  die  Werkstätte
  zu  zertrummern,  in  welcher  er  erschuf,  um  keinen
Rückolick  in  die  Geheimnisse  seines  Wirkens  möglich  zu  machen.
Ueber  dem  Volke  der  Sachsen  schwebt  dieses  Dunkel  beinahe
  dichter,  als  irgendwo,  und  nur  Sagen  und  gewagte
Zusammenstellungen  und  Schlüsse  bilden  seine  Urgeschichte.
In  dem  ungeheuern,  rastlos  bewegten  Gemälde  der  Vblkerwanderung,
  welches  sich  unaufhdrlich  vor  dem  Auge  des
Forschenden  verändert  und  umgestaltet  und  keinen  festen  Blick
zuläßt,  schwindeln  die  ersten  Umrisse  seines  Werdens.  Ehe
noch  die  Sachsen,  aus  der  Masse  der  Pölkerwanderung  sich
ausscheidend,  zu  einem  selbstständigen  Stamme  gediehen,
kommen  sie  unter  dem  Namen  anderer  Stämme,  namentlich
der  Cimbern  und  auch  mit  denselben  noch  vermischt,  vor.

17
        <pb n="36" />
        4  Ueber  den  Ursprung  der  Sachsen.

Erst  vom  vierten  Jahrhundert  an  geschieht  der  Sachsen
häuslg  Erwaͤhnung;  sie  werden  als  Nachbarn  der  Franken
genannt,  und  eine  alte,  in  niederlaͤndischer  Sprache  abgefaßte
  Reimchronik  sagt,  auf  das  Zeugniß  aͤlterer  Buͤcher
gestuͤtzt,  daß  die  ganze  Gegend  unterhalb  Nimwegen  ehedem
Niedersachsen  geheißen  und  die  Schelde  zur  abendlichen
Graͤnze  gehabt  habe.  Damals  fingen  auch  die  Sachsen  an,
sich  einigen  Seeruhm  zuzueignen,  und  sich  durch  feindliche
Einfaͤlle  auch  in  entfernte  Gegenden,  und  durch  Seeraͤube—
reien  furchtbar  zu  machen.  Sie  werden  als  ein  an  den
Ufern  des  Oceans  und  in  unwegsamen  Sumpfgegenden
wohnendes  Volk  genannt,  welches,  furchtbar  durch  Tapfer—
keit  und  Behendigkeit,  auch  den  roͤmischen  Gränzen  bedrohlich
werde.  Ueber  den  Ursprung  wie  uͤber  den  Namen  sind  eine
Menge  von  Muthmaßungen  aufgestellt  worden,  die  mehr
oder  weniger  fuͤr  und  wider  sich  haben.  Einige  haben  die
Sachsen  von  den  Scythen  und  Persern  ableiten  wollen,  Andere
von  den  Daͤnen  und  Normannen;  noch  Andere  von  den  Truͤmmern
  des  macedonischen  Heeres  Alexanders  des  Großen,  welches
nach  dem  fruͤhzeitigen  Tode  seines  Fuͤhrers,  sich  uͤber  den
ganzen  Erdkreis  zerstreut  habe.  *)  Derselbe  Geschichtsforscher,
  welcher  uns  diese  Ableitung  überliefert,  versichert
uns  mit  völliger  Ueberzeugung:  daß  die  Sachsen  mit  Schiffen
(auf  der  Elbe)  in  jene  Gegend  gekommen,  welche  jetzt  das
Land  Hadeln  heißt,  und  daselbst,  trotz  des  heftigen  Widerstandes
der  vorgefundenen  Bewohner,  welche  Thüringer  gewesen
seyn  sollen,  sich  in  dem  Hafen  festgesetzt.  Nach  vielem
Streiten  und  Metzeln  hätten  beide  Theile  einen  Vergleich
geschlossen,  zufolge  dessen  den  Sachsen  die  Erlaubniß  des
Verkaufens  und  Einkaufens  zugestanden  worden,  dagegen
sie  sich  verpflichtet,  vom  Rauben  und  Plündern  an  Land
und  Menschen  abzustehen.  Da  es  ihnen  aber  an  Geld
fehlte,  so  mußte  ihnen  dieser  Vergleich  bald  unbequem  werden;
  sie  griffen  daher  zur  List  und  zum  Verrath.  Zu  jener  Zeit

—.

6)  Meibomiü  ad  Saxoniae  inler.  impr.  histor.  introductio.  1687.
W%o  Witichindi  Annal.  de  Sarxonum  origine  et  statu.

—
        <pb n="37" />
        Ueber  den  Ursprung  der  Sachsen.  5

stieg  ein  mit  goldenen  Ketten  und  Spangen  reich  geschmuͤckter
  Juͤngling  von  den  saͤchsischen  Schiffen  an  das  Land  und
bot  seinen  Schmuck  dem  ersten  besten  Thuͤringer,  welchem  er
begegnete,  feil.  Da  er  seine  koͤstlichen  Waaren  um  jeden  Preis
hinzugeben  versprach,  so  schuͤttete  ihm  der  Thuͤringer  scherzend
einige  Haͤnde  aufgerafften  Staubes  in  den  Schoos,  und
war  nicht  wenig  erstaunt,  als  dieser  ihm  sein  Gold  dafür
überließ.  Allein  der  Sachse  führte  nunmehr  seine  Gefährten
aus  den  Schiffen,  streute  den  eingesammelten  Staub  auf
das  umherliegende  Land  und  errichtete  daselbst  ein  Lager.
Den  Thüringern  aber,  welche  sich,  kraft  des  geschlossenen
Vergleichs,  dem  widersetzen  wollten,  gab  er  zur  Antwort:
das  Bündniß  sey  unverletzt,  er  u##lle  nur  über  seinen  theuer
bezahlten  Staub  frei  verfügen.  In  einem  darüber  sich  entspinnenden
  Gefechte  zogen  die  Thüringer  den  Kürzern.  Man
kam  überein,  von  beiden  Seiten  Abgeordnete  zu  senden,
welche  unbewaffnet  sich  an  einem  bestimmten  Orte  treffen
sollten.  Die  sächsischen  Abgesandten  aber  verbargen  ihre
großen  Messer,  deren  sie  sich  zu  bedienen  pflegten,  unter  den
Mänteln  und  stachen  die  thüringischen  Abgesandten,  welche
aus  den  vornehmsten  Häuptlingen  bestanden,  nieder,  wodurch
sie  sich  zu  Herren  des  Landes  machten  und  die  frühern
Insassen  verjagten.  Von  jenen  Messern  aber,  Sahs  genannt,
erhielten  sie  angeblich  den  Namen:  Sahssen,  Sassen.  Diese
Erzaͤhlung  sieht  übrigens  andern  Fabeln  —  namentlich  der
Kuhhaut  der  Dido  —  zu  ähnlich,  als  daß  sie  für  etwas
mehr,  als  eine  der  vielfachen  Sagen  aus  jenen  Zeiten,  gelten
koönnte.  Mehr  für  sich  hat  wohl  die  Ableitung  des  Namens
von  dem  Worte  Sasse,  welches  Einen  bezeichnet,  der  einen
festen  Platz  hat  und  in  dieser  Bedeutung,  z.  B.  in  „Insasse“
sogar  noch  in  unsern  Zeiten  gebraucht  ist.

Den  ersten  Stammsitz  der  Sachsen  müssen  wir  in  den
Ländern  an  der  Ostsec,  in  Holstein,  Schleswig  und  Juͤtland  fuchen,
  von  wosie  sich  nach  Engern  und  Westphalen  hin  verbreiteten.
Die  Angeln,  welche  ihren  Sitz  zwischen  Jütland  und  Holstein
hatten,  schmolzen  später  in  Ein  Volk  mit  ihnen  zusammen,
und  als  sie  nach  längern  Räubereien  an  den  Britanischen
        <pb n="38" />
        6  Ueber  d.  Ursprung  d.  Sachsen.  Die  Hermunduren.  Die  Serben.

41.  Küsten,  um  das  Jahr  447  von  dem  Britanischen  Koͤnige
Vortiger  gegen  die  Picten  und  Scoten  zu  Hülfe  gerufen,
setzten  sie  sich,  unter  Anführung  von  Hengist  und  Horsa,  in
jenen  Ländern  fest  und  stifteten  unter  dem  Namen  des  Angelsächstschen,
  ein  neues  Reich  in  Britanien.

In  dem  ungestümen  Andrange,  welchen  gewaltige  Volkermassen
  gegen  das  rdmische  Reich  unternahmen  und  welchem
diese  einstige  Beherrscherin  der  Welt  immer  unkräftiger  widerstand,
  bis  sie  jenen  planlosen,  aber  unaufhdrlichen  Stö-Hen
  erlag,  sehen  wir  Stammländer  plötzlich  von  fremden
Horden  überschwemmt  und  die  eingestammten  Bewohner  unfreiwillig
  mit  gegen  Rom  hin  fortgerissen.  Neue  Volkernamen
  tauchen  auf  und  aus  zweien  Völker  bildet  sich,  in
feindseliger  Verschmelzung,  nicht  selten  ein  drittes,  in  welchem
  Namen  und  Sitten  beider  Urstämme  allmdlig  untergehen.
  Auf  ähnliche  Weise  sehen  wir  zwei  Flüsse  in  ihren
Mündungen  sich  zustürmen  und  sich  gezwungen  in  einander
ergießen.  Eine  Weile  kann  man  an  den  abweichenden  Farben
  beide  noch  in  einander  unterscheiden,  aber  mehr  und
mehr  vereinigen  sich  Fluß  und  Farbe  und  endlsch  verschwindet
jede  Abweichung.  Aus  der  dunkelsten  Vorzeit  des  jebigen
Meißnerlandes  klingt  noch  der  Name  eines  germanischen
Völkerstammes  nach,  der  Hermunduren,  ein  Name,  der
wohl  so  ziemlich  gleichbedeutend  mit  Germanen  oder  Hermanen
  und,  gleich  diesen,  von  ihrem  Heldengotte  Mannus,
einem  Sohne  des  Stammovaters  der  Deutschen  Teut  oder
Tuisco,  herzuleiten  sein  dörfte.  Diese  Hermunduren  waren
ein  tapferes  und  kräftiges  Volf,  welches  sich  dem  allgemeinen
  Sturme  auf  das  roͤmische  Reich  begierig  anschloß  und  bei
diesen  kriegerischen  Zügen  wahrscheinlich  Land  und  Namen
tauschte,  denn  nach  dem  Ende  des  vierten  Jahrhunderts  sind
sie  in  der  Geschichte  verschollenz  obschon  ziemliche  Gewißheit
vorhanden,  daß  sle  spaäter  unter  dem,  ihrem  vorigen  einigermaßen
  verwandten  Namen  der  Düringer  wieder  auftauchen.
An  ihrer  Stelle  begegnen  wir  dem,  aus  Polen  hieher  nachrückenden
  slavischen  Vôlkerstamme  der  Serben,  welche
theils  mit  Gewalt  der  Waffen  sich  den  Eingang  in  die  neue
        <pb n="39" />
        Die  Serben.  Die  Franken  7

Heimath  erzwingen,  theils  aber  auch  in  ihrer  Einwanderung
selbst  durch  die  Franken  unterstuͤtzt  werden,  indem  sie  nuͤtzliche
  Kenntnisse,  besonders  Ackerbau  und  Viehzucht,  mit  sich
brachten  und  daher  als  Colonisten  nicht  unwillkommen  waren.
  Troß  ihres  regen  Verkehrs  mit  deutschen  Volkerstämmen,
  weichen  sie  in  Religion,  Sitten  und  Aeusseren  dennoch
streng  von  denselben  ab.  Ihre  Religion  —  des  orientalischen
Bilderschmuckes  des  deutschen  Götterdiensteb  entbehrend  —
zeigt  jene  grellen  Contraste  der  Begriffe  zwischen  gut  und  böse,
zwischen  Tag  und  Nacht,  sie  entbehrt  der  vermittelnden
Zwischentöne  und  Uebergänge  und  erscheint  daher  ungereifter,
unausgebildeter,  als  die  ohngleich  sinnreichern  Religionsbegiife
  der  Deutschen.  Grell  neben  ihren  Lichtgöttern,  Svante-Vit
  ꝛc.  stehen  die  Verfechter  des  Unheils,  die  Nachtgötter,
Tschernebog  r2c.  und  diese  nur  in  Extremen  sich  bewegenden
Vorsiellungen  der  Gottheit  zeugen  von  einer  gewissen  Beschränktheit
  der  Phantasie,  einer  Armuth  der  Begriffe,  über
welche  sich  ein  großer  Theil  der  slavischen  Volker,  fteilich
auch  zum  Theil  durch  den  Druck  politischer  Einflüsse,  noch
jetzt  nicht  erheben  kann  und  die  sie  mehr  auf  die  gewerblichen
Verrichtungen,  als  auf  Dichtung  und  Künste  verweistt.
Whrend  in  diesem  Steigen  und  Fallen  siegender  und
unterliegender  Kräfte,  die  deutschen  und  flavischen  Volkerstämme,
  welche  dieses  Gedränge  theils  mehrten,  theils  erlitten,
  nur  dem  instinctartigen  Triebe  nach  Beute,  nach  lokkenden
  und  fruchtbaren  Gegenden  folgten  und  gleichsam  von
dem  Gesetze  der  todten  Schwere  vorwärts  oder  rückwärts
geschleudert  wurden;  begann  nur  einer  dieser  deutschen  Stämme
  sich  frühzeitig  mit  politischer  Planmaäßigkeit  auszubilden,
  und  mitten  in  dem  brandenden  Gewirre  der  rings
umher  sich  drängenden  und  zerrenden  Volkermassen,  ein  tieferes
diplomatisches  System  zu  entwickeln.  Dies  waren  die  Franken.
  Mit  abgeschliffenern  Sitten,  überwiegender  Weltklugheit
  und  ausgebildeterem  Sinne  zu  Künsten  und  Wissenschaften,
  der  ihnen  namentlich  in  der  Kriegskunst  die  größten
Vortheile  einräumte,  wußten  sie  sich  gar  bald  ein  mächtiges
Uebergewicht  vor  allen  ihren  Nachbarn  zu  verschaffen,  und
        <pb n="40" />
        8  Die  Franken.

ihr  angeborner  kriegerischer  und  eroberungslustiger  Sinn  —
endlich  noch  das  Einzige,  was  fuͤr  ihre  deutsche  Abkunft
zeugte  —  bestimmte  sie,  dieses  Uebergewicht  nach  allen  Kräften
  zu  nuͤtzen.  Je  nachdem  die  Klugheit  es  ihnen  gebot,  behandelten
  sie  die  sowohl  durch  ihre  Zahl  und  Lage,  als  durch
innere  Selbststaͤndigkeit  maͤchtigen  Sachsen  bald  als  Feinde,
bald  als  Bundesgenossen.  Durch  vereinte  fraͤnkische  und

58  saͤchsische  Waffen  ward  um  das  Jahr  530  das  Reich  der

531  Thuͤringer  gestuͤrzt,  deren  letzter  Koͤnig  Hermanfried  dabei  umkam.
  Franken  und  Sachsen  theilten  sich  in  das  eroberte
Reich  und  letztere  erhielten  wahrscheinlich  das  Land  diesseits
der  Unstrut,  sonst  Nord-Thüringen  genannt.  Sie  nahmen
in  die  eroberten  Gegenden  fremde  Kolonisten  auf,  doch  bleibt
es  unentschieden,  ob  dies  die  vorigen  Einwohner,  oder  ob  es
slavische  Staͤmmlinge  waren.

Die  Franken  hatten  sich  fruͤhzeitiger,  als  alle  uͤbrige
Deutsche,  der  christlichen  Religion  zugewendet,  und  es  scheint
daß  mehr  eine  gewisse  Sucht,  durch  Neuheit  zu  glaͤnzen,
als  durchgängige  Ueberzeugung  sie  so  fest  an  dem  neuen
Glauben  hangen  ließ.  Gewiß  aber  ist  es,  daß,  wie  in  den
spatern  Reformationskriegen,  schon  damals  die  Religion  zum
Deckmantel  politischer  Absichten  gebraucht  wurde,  und  daß
die  Franken  in  der  Religion  nicht  nur  einen  angeblichen
Anlaß  zur  Bekriegung  ihrer  heidnischen  Nachbarn,  sondern
auch  in  der  Gleichstellung  des  Glaubens  ein  wichtiges  politisches
  Band  erblickten,  um  die  bezwungenen  Volker  mit
ihrem  Interesse  zu  verknüpfen  und  festzuhalten.  Ihnen  gegenüber
  standen  —  eifersüchtig  auf  ihre  Macht  und  zürnend
gegen  ihren  eitlen  Abfall  vom  alten  Glauben  und  von  den
alten  Sitten  —  die  Sachsen,  mehr  vielleicht  noch  aus  Hartneckigkeit,
  als  aus  Ueberzeugung  ihrem  heidnischen  Glauben
getreu.  Das  Christenthum  konnte  in  der  verkränkelten  und
verschndrkelten  Weise,  wie  es  durch  die  damals  auflebende
und  von  den  Franken  vorzugsweise  genährte  Hierarchie  sich
offenbarte,  den  wilden  Sachsen  nur  seltsam,  ja  komisch  vorkommen.
  Statt  ihres  sinnigen,  dem  Bramah  der  Indianer
  ähnlichen  Wodan;  statt  ihres  donnernden,  Riesen  zer-
        <pb n="41" />
        Die  Franken.  Religion  der  Sachsen.  9

schmetternden  Thor,  die  ihnen  in  der  Begeisterung  ihrer
Barden,  in  der  heiligen  Wuth  ihrer  Druiden,  oder  sichtbarer
noch  in  der  leuchtenden  Bifrost  (Himmelsbrücke  —  Regenbogen)
  stete  Beweise  ihres  wirklichen  Daseyns  gaben;  sollten
sie  jetzt  an  einen  Gott  glauben,  der  sich  hinter  ewige  Unsichtbarkeit
  und  kirchliche  Mysterien  verschanzte,  und  an  der
Stelle  ihres  Walhalla  —  des  Heldenhimmels,  in  welchem
sie  wie  auf  Erden,  kämpfen  und  trinken  durften  —  bot  man
ihnen  den  unbekannten  Christenhimmel,  über  dessen  Topographie
  und  Einrichtung  ihnen  selbst  die  Bekenner  des  Gekreuzigten
  nichts  Genügendes  zu  sagen  wußten  und  wo  ernsthafte
bärtige  Heiligengesichter  und  Hymnensingende,  statt  Waffenübende
  Engel  sie  für  das  Vermissen  der  schdnen  goldlockigen
Walkyren  entschädigen  sollten.

Es  ist  hier  wohl  nicht  am  unrechten  Orte,  Etwas  über
die  Religion  der  alten  Sachsen,  die  sie  im  Allgemeinen
mit  den  übrigen  Deutschen  und  nordischen  Volkern  theilen,
zu  sagen.  Wie  die  Edda  uns  dieselbe  überliefert,  ist  sie
mehr  eine  Gbtterdichtung,  als  eine  Götterlehre,  und  die
ungestüme  Phantasie  der  nordischen  Vôolker  faßte  selbst  das
Heilige  und  Uebersinnliche  mit  einer  gewissen  Fronie  an,  die
ihren  Gegenstand  immer  aufs  neue  mit  Schleiern  der  Dichtung
  uberwarf  und  so  ihre  eignen  Vorstellungen  der  Gottheit
  vor  sich  selbst  in's  Mährchenhafte  übertrug.  Wir  konnen
  daher  die  Ueberlieferungen  der  Edda,  als  eine  durch
die  Phantasie  der  Scalden  umgeborene  Gdtterlehre,  nur  mit
großer  Auswahl  auf  die  wirklichen  Glaubensbegriffe  der
alten  germanischen  Volker  anwenden,  die  im  Ganzen  wohl
unabgeschlossen  und  mangelhaft  genug  gewesen  seyn  dürften.
Ihre  Begriffe  von  der  Gottheit  lagen,  wie  bei  allen  in  der
Entwickelung  begriffenen  Volkern,  der  menschlichen  Natur
moͤglichst  nahe,  und  ihr  kriegerischer  Sinn  glaubte  damit
schon  Alles  gethan  zu  haben,  wenn  er  seine  Götter  als
hochste  Muster  von  Tapferkeit  und  Stärke  sich  dachte;  sie
legten  den  Göttern  nur  eine  Steigerung,  keineswegs  aber
eine  Veredlung  ihrer  eignen  Affecten  bei,  und  um  die  Stärke
und  Kraft  derselben  in's  Ueberschwengliche  zu  treiben,  stellten
        <pb n="42" />
        10  Religion  der  Sachsen.

sie  ihnen,  im  immerwaͤhrenden  Kaͤmpfen  und  Entgegentingen
ein  uraltes  Riesengeschlecht  —  die  Hrymthussen,  Eisriesen  —
entgegen,  an  deren  gewaltiger  Kraft  sie  fortwaͤhrend  die
ihrige  pruͤfen  konnten.  Auch  zu  dem  Begriffe  eines  ewigen
Daseyns  vermochten  sich  unsere  Vorfahren  nicht  genügend  zu
erheben;  der  Ursprung  ihrer  Goͤtter  ist  jünger  als  die  Welt,
und  ihre  Stammtafel  verliert  sich  in  einem  geheimnißvollen
Chaos,  einer  Eis=  und  Nebelwelt,  aus  welcher,  in  der  Umarmung
  mit  dem  Lichte  und  der  Wärme,  das  Universum
entstand.  Ja  selbst  die  Fortdauer  ihrer  Götter  ist  begränzt
und  durch  Weissagungen  abgemessen.  Sie  wußten  ihren
Göttern  nichts  Höheres  zu  bieten,  als  ein  sehr  langes  Daseyn,
gekrönt  durch  einen  rühmlichen,  den  Begriffen  eines  kriegerischen
  Volkes  angemessenen  Untergang;  denn  die  von  den
Göttern  auf  eine  Zeit  lang  gebundenen  Kräfte  des  Verderbens
  —  welche  in  einem  ungeheuern  Wolfe,  Fenrir,  dessen
aufgesperrter  Nachen  Erde  und  Himmel  zugleich  berührt,
ferner  in  der  furchtbaren  Midgardschlange,  welche  mit  ihrem
Leibe  die  ganze  Welt  umringelt,  in  dem  bedsen  Geist  Loke
und  in  den  Bewohnern  der  vernichtenden  Feuerwelt,  Muspelheim,
  dargestellt  werden  —  entwinden  sich  zuletzt  ihrer
Fessel,  toͤdten  die  Goͤtter,  obschon  sie  diesen  Kampf  mit
ihrem  eignen  Untergange  büßen,  und  verbrennen  die  Welt,
aus  deren  Trümmern  jedoch  eine  neue  schönere  Welt  entsteht,
in  welche  ein  neues,  verjüngtes  Menschen=  und  Göttergeschlecht
  einwandert.  Diese  Sage  von  der  sogenannten  Getterdämmerung,
  d.  h.  von  dem  Untergange  der  Götter,  läßt
uns  fast  glauben,  daß  in  dem  Geiste  der  alten  Germanen
die  Ueberzeugung  von  der  Unzulänglichkeit  ihrer  eignen  Glaubensbegriffe
  und  eine  dunkle  Sehnsucht  nach  einer  lichtern
Offenbarung  geruht  habe,  als  hätten  sie  geahnt,  daß  ihre
Götter  nur  der  Kindheit  der  Zeit  würden  Stand  halten  konnen,
  und  deshalb  frelwillig  dem  Daseyn  derselben  ein  abgemessenes
  Ziel  gesteckt.  Es  lag  daher  ziemlich  nahe,  wenn
gléubige,  wunderbegierige  Gemüther  in  dieser  Götterdam
merung  und  der  aus  den  Trümmern  ihrer  Welt  aufsteigenden
neuen  Schèpfung,  eine  Ahnung  von  dem  Untergange  des
        <pb n="43" />
        Religion  der  Sachsen.  11

Heidenthums  und  dem  Aufleuchten  der  christlichen  Lehre
erblicken  wollten,  deren  Erkenntniß  gleichsam  selbst  in  den
Bekennern  des  Göotzendienstes  schon  dunkel  geschlummert
habe.

Wenn  wir  durch  den  arabeskenartigen,  theils  dußerst
sinnvollen,  theils  aber  auch  schwülstigen  Bilderwucher,  den
die  Phantasie  der  Scalden  um  die  Urbegriffe  der  nordischen
Getterlehre  gehäuft  hat,  uns  eine  eigne,  freilich  gewagte
Bahn  brechen  dürfen;  so  scheint  die  Erde,  Hertha,  die  erste
und  ursprünglichste  Stammgottheit  der  Germanen  gewesen
zu  seyn,  und  die  Verehrung  heiliger  Haine,  Quellen  und
Flüsse  —  gleichsam  als  natürlicher  Kinder  der  Erde  —  auf  das
Innigste  damit  zusammenzuhängen.  Was  die  Genealogie  der
übrigen  Goͤtter,  namentlich  der  Asen  (Asiaten)  anlangt,  so
sieht  man  schon  ihrer  vergänglichen  Natur  an,  daß  sie  ursprünglich
  nur  ein  Helden=  und  Fürstengeschlecht  ausmachten,  welches
  sich  in  den  folgenden  Zeiten  allmählig  zu  göttlicher  Ehre
erhob.  Der  vornehmste  dieser  Asen  ist  Odin,  der  bei  den
Sachsen  gewöhnlich  unter  dem  Namen  Wodan,  auch  Gwodan
  vorkommt.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  dürfte  er  wohl
ein  morgenländischer  Hordenführer  gewesen  seyn,  der  mit
den  Seinen,  vor  Beginn  der  christlichen  Zeitrechnung,  dem
Norden  zuzog.  Die  Sage  nennt  ihn  einen  überaus  starken
und  weisen  Helden  und  einen  mächtigen  Zauberer  und  Seher.
Er  beglückte  die  ihm  unterworfenen  Voͤlker  durch  weise
Gesetze  und  milderte  ihre  Sitten  durch  Einführung  eines
neuen  Gottesdienstet.  Daher  stieg,  nach  seinem  Tode,  sein
Ruhm  endlich  bis  zu  gottlicher  Ehre;  ja  er  floß  endlich  mit
dem  Begriffe  von  Alfadur  (Alloater),  dem  Lenker  und  Erhalter
  der  Welt  in  eines  zusammen,  welche  Verschmelzung
wohl  durch  die  sichtliche  Verwechselung  eines  ältern  und
jüngern  Odin  noch  mehr  gefdrdert  worden  seyn  mag.  Er
bewohnte  nebst  den  übrigen  Gdttern  Asgard,  die  Asenburg.
Seine  Gemahlin  war  Frigga,  welche  nicht  mit  Freia,  einer
Göttin  der  Liebe,  verwechselt  werden  darf;  sein  altester  und
berühmtester  Sohn  Thor,  der  Donnerer,  dessen  Streithammer,
  Miolner  (Zermalmer)  genannt,  die  Käpfe  der  trotzi-
        <pb n="44" />
        12  Religion  der  Sachsen.

gen  Riesen  oft  hart  genug  empfinden  mußten.  Einer  der
gefeiertsten  Asen  ist  Braga,  der  Gott  der  Dichtkunst  und  des
Gesanges,  dessen  Gattin,  Iduna,  die  goldenen  Aepfel  der
Unsterblichkeit  bewahrt,  welche  den  Asen  unvergaͤngliche  Jugend
verleihen.  Asgard  ist  mit  der  Erde  durch  eine  Bruͤcke  ver—
bunden,  welche  Bifrost  (Regenbogen)  heißt  und  welche
Heimdal,  der  sinnbegabteste  der  Goͤtter,  der  das  Gras  und
die  Wolle  der  Laͤmmer  wachsen  hoͤrt,  gegen  die  Anfaͤlle  der

Riesen  bewahrt.  Walhalla,  der  Ort  der  Freude  und  Unsterblichkeit,
  nimmt  alle  im  Kampfe  Gefallenen  auf,  welche

sich  hier  mit  Fechten  unterhalten,  das  Fleisch  eines  unsterblichen
  Ebers  geniessen  und  aus  den  Schädeln  der  erschlagenen
  Feinde  trinken,  wobei  die  schönen  Heldenjungfrauen,
Walkyrien  (Todtenwählerinnen)  genannt,  welche  die  getödteten
  Helden  nach  Walhalla  führen,  sie  bedienen.  Nur  die
im  Kampfe  Gefallenen  gelangen  nach  Walhalla,  diejenigen,
welche  vor  Alter  oder  auf  dem  Krankenbette  storben,  büßen
ihr  feiges  Ende  in  dem  Schmerzensaufenthalte  der  Hela.
Man  sieht,  wie  die  schopferische  Phantasie  dieser  kriegerischen
Voͤlker  Alles  aufbot,  um  sich  selbst  den  Heldentod  wünschenswerth
  und  verlockend  zu  machen.  Odin  aber  hat  Ursache,
so  viel  Helden  als  nur  möglich,  nach  Walhalla  zu  holen;
denn  bei  dem  ihm  bevorstehenden  letzten  Kampfe  gegen  die
Riesen  und  die  Mächte  des  Verderbens,  sollen  sie  ihm
fechten  helsen.  Aber  selbst  der  Beistand  dieser  unzähligen
Helden  kann  ihn  und  die  übrigen  Götter  nicht  vor  dem
Untergange  schützen,  der  ihm  propheczeit  ist;  höchstens  dienen
sie,  seinen  und  der  Asen  Tod  zu  rächen  und  das  Andenken
der  untergegangenen  alten  Götterwelt  auf  die  neue  Schdpfung
  hinüberzubringen,  die  aus  den  Trümmern  und  dem
Schlacken  der  vorigen  hervorsproßt.

Neben  dieser  mehr  poetischen  Götterwelt,  scheinen  die
Deutschen  noch  eine  andere,  gewissermaßen  reale,  besessen
zu  haben.  Dahin  rechne  ich  den  Tuisco  oder  Teut,  dem
sie,  als  ihrem  Stammvater,  göttliche  Ehre  erwiesen,  so  wie
dessen  Sohn  Mannus,  sammt  dessen  dem  Namen  und
Wesen  nach  verwandten  Heldengott  Hermann,  German,
        <pb n="45" />
        Religion  der  Sachsen.  13

welches  soviel  als  ein  Heerfuͤhrer  bedeuten  soll.  Letzterem
mag  wohl  auch  die  bekannte,  in  Westphalen  stehende  Irmensaͤule
  geweiht  und  nach  ihm  benannt  gewesen  seyn,  welche
Carl  der  Große  bei  seinen  Streifereien  in  das  Gebiet  der
Sachsen  zerstoͤrte;  und  die  Meinung  Anderer,  welche  in  dem
Götzenbilde  eine  umfassendere  Bedeutung  suchen  und  glauben,
  daß  die  Irmensäule  so  viel  als  Allgemein  -Säule*)  oder
Idermans  (Jedermanns)=  Säule  heisse,  dürfte  schwerlich  sich
halten  können.  Gleich  der  Erde  megen  sic  auch  der  Sonne
und  dem  Monde,  so  wie  dem  Feuer,  wenn  auch  nicht  gbttliche,
  doch  hohe  Verehrung  gezollt  haben.

Der  Gottesdienst  der  alten  Germanen  geschah  unter
freiem  Himmel,  in  heiligen  Hainen  und  am  Fuße  gewisser
Berge.  Die  Altäre  bestanden  aus  großen  übereinander  gelegten
  Steinblöcken;  dem  Wodan  wurden  Menschen,  gefangene
  Feinde,  geopfert.  Die  Leiber  der  geschlachteten  Opfer
wurden  an  den  Bäumen  der  heiligen  Haine  aufgehangen.
Ihre  Priester,  Druiden,  übten  zuglceich  eine  gesetzlich  vollziehende
  Macht,  indem  die  Bestrafung  gewisser  Verbrechen
an  Leib  und  Leben  ihnen  zukam.  Die  Götterlehre  in  ihrer
tiefern  Bedeutung,  betrieben  sie,  gleich  den  Priestern  der
Egyptier,  als  eine  geheime  Wissenschaft,  mit  deren  Ergründung
  sie  oft  zwanzig  Jahre  zu  thun  hatten.  Aus  dem
Blute  der  durchbohrten  Opfer,  besonders  der  Gefangenen,
denen  sie  mit  einem  großen  Messer  die  Brust  dffneten,  aus
dem  Fluge  der  Vogel  u.  s.  w.  weissagten  sie  den  gläcklichen
oder  unglücklichen  Ausgang  der  Schlachten  und  sonstigen
Unternehmungen.  Die  Opferung  der  Gefangenen  scheint
mehr  den  weiblichen  Priesterinnen,  Alrunen,  obgelegen  zu
haben.  Auch  die  Barden,  Sänger,  scheinen  eine  gewisse  priesterliche
  Weihe  genossen  zu  haben.  Sie  sangen  das  Lob  der  Götter
und  den  Ruhm  der  Helden;  in  ihren  Liedern  allein  pflanzten
sich  die  Sagen  und  Begebenheiten  fort,  und  diese  glähende
Gesangesliebe  unserer  Voreltern,  kraft  deren  Alles,  ohne
Schrift,  nur  in  Gedichten  und  Liedern  im  Munde  des

*)  Adami  Bremens.  hist.
        <pb n="46" />
        14  Religion  der  Sachsen.  Carl  der  Große.

Volkes  weiter  verpflanzt  wurde,  ist  die  Hauptursache,  daß
uns  so  wenige  schriftliche  Denkmaͤler  und  verbuͤrgte  Urkunden
  aus  jener  Zeit  zugekommen  sind.  Auf  der  andern  Seite
aber  spricht  diese  unendliche  Begeisterung  fuͤr  Gesang,  welche
die  Sachsen  mitten  in  einer  blutig  erregten  Zeit  belebte,  fuͤr
den  zarten  und  erhabenen  Natursinn  dieses  Volkes.  Der
Gesang  stand  ihnen  gewissermaßen  noch  uͤber  dem  Begriffe
der  Gottheit,  aus  der  Dichtung  entwickelte  sich  ihnen  erst
die  Religion  und  der  Glaube.  Poesie  war  die  Grundlage
ihres  Handelns  und  Denkens;  sie  fuͤhrte  den  Juͤngling  unter
Gesaͤngen  in  das  Leben  ein,  ihre  Lieder  verkuͤndeten  ihm  den
Ruhm  der  Helden  und  begeisterten  ihn,  es  denselben  gleich
zu  thun,  und  den  Gefallenen  fuͤhrten  sie  unter  Goͤttergruͤßen
nach  Walhalla  in  den  leuchtenden  Kreis  verklaͤrter  Helden.
So  zieht  sich  selbst  durch  das  tiefe  Dunkel  jener  Zeiten,
durch  die  blutige  Nacht  jener  Kämpfe,  der  goldene  Morgenstrahl
  der  Dichtung  und  lichtet  ordnend  jene  verworrenen
Gruppen,  durch  welche,  ohne  ihn,  der  forschende  Blick  der
Nachwelt  sich  nimmer  Bahn  brechen  wuͤrde.

So  stand,  in  den  Sachsen  und  den  Franken,  sich  gleichsam
das  Alte  und  das  Neue  kampfgeruͤstet  gegenuͤber;  ein  Jedes
strebte,  sich  von  dem  anderen  loszureißen  oder  es  zu  sich  her—
uͤber  zu  ziehen.  Sachse  und  Franke  hielten  trotzig  die
Hand  uͤber  den  gemeinschaftlich  gemachten  Eroberungen,  eher
geneigt,  seinen  eignen  Antheil  zu  vernichten,  als  dem  Gegner
den  seinigen  zu  goͤnnen.  Den  Sachsen  verdroß  das  stolze
Ueberheben  des  Franken,  diesen  der  stoͤrrische  Haß  des  Sachsen
  gegen  die  siegende  Neuheit  der  Dinge.  Wiederholt  war
ihr  Widerwille  in  offene  und  verstecktere  Fehden  ausgebrochen,
  in  denen  die  ausgebildetere  fraͤnkische  Kriegskunst  meist
den  saͤchsischen  Maͤnnermuth  uͤberfluͤgelte.

Unter  diesen  Verhaͤltnissen  schmuͤckte  ein  Mann  den  fraͤnkischen
  Thron,  der  die  uͤberwaͤltigendste  Geisteskraft  wunderbar
  mit  menschlich  einfacher  Weise  vermählte;  Carl  der
Große.  Die  historische  Gestalt  dieses  ausserordentlichen
Mannes  steht,  wie  ein  ungeheures  Standbild,  am  Ausgange
der  deutschen  Fabelwelt.  Das  Gluͤck,  welches  ihm  beinahe
        <pb n="47" />
        Carls  Feldzug  gegen  die  Sachsen.  15

ununterbrochen  auf  seiner  langen  Laufbahn  laͤchelte,  der
Glanz  und  Umfang  seiner  Siege,  das  Schnelle,  Durchgreifende
  und  Gewaltige  seines  Wirkens  und  das  Romantisch-Alterthumliche
  seiner  Herrscher=  und  Heldengestalt  ziehen  ihn
gleichsam  halb  in  die  alte  wunderbare  Sagemwelt  hinüber,
während  er  durch  die  feine  Besonnenheit  seiner  Politik,  durch
die  schon  sich  modernisirende  Art  seiner  Kriegs=  und  Staatsführung
  wiederum  mehr,  als  mancher  seiner  Nachfolger,  der
neuern  Zeit  angehdrt.  Hatten  nicht  Flecken  kleinlicher  Art
dieses  schöne  Bild  der  Kraft  hin  und  wieder  entstellt,  hätte
sich  seine  Politik  reiner  von  Ränken  erhalten,  und  wäre  sein
vom  Glück  verwöhnter  Muth,  bei  entgegenstehenden  Schwierigkeiten,
  weniger  zum  Zorn,  sein  Zorn  weniger  zur  Grausamkeit
  ausgeartet,  so  haͤtte  vielleicht  keine  andere  Zeit  eine
aͤhnlich  großartige,  edle  und  glänzende  Erscheinung  außzuweisen.


Die  listige  und  zweideutige  Weise,  wie  Carl,  nach  dem
Tode  seines  Bruders  Carlmann,  dessen  Wittwe  und  Kind
abfand  und  ihr  Erbe  an  sich  ritz,  hatte  ihm  im  Innern  seines
  Kreises  Mißbilligung  und  Feindschaft  zugezogen.  Diesen
  Zeitpunct  daher,  wo  innere  Sorgen  Carls  Geist  und
Kräfte  beschäftigen  mußten,  hielten  die  Sachsen  für  geeignet,
den  übermüthigen  Nachbar  abzustrafen.  Sie  unternahmen
Einfälle  in  die  thüringischen  und  hessischen  Besitzungen  der
Franken,  und  raubten  und  verheerten,  so  viel  nur  ihr  Ingrimm
  sich  Luft  machen  wollte.  Carl  hielt  dem  zufolge  im
Jahr  772  zu  Worms  einen  Reichstag,  auf  welchem  der  77
Krieg  gegen  die  Sachsen  beschlossen  wurde.  Er,  der  damals
erst  dreißig  Jahre  alt  war,  fiel  in  Westphalen  ein,  schlug
die  Sachsen  in  der  Nähe  von  Osnabrück,  nahm  die  Festung
Eresburg  ein  und  zerstürte  ihr  Goͤtzenbild,  die  Frmensäule.
Hierauf  rückte  er  gegen  die  Weser  vor  und  trieb  die  Sachsen
  dergestalt  in  die  Enge,  daß  sie  um  Frieden  baten  und,
als  Unterpfand  künftiger  Ruhe  und  Friedfortigkeit,  zwölf
Geiseln  stellten.

Kaum  aber  hatte  Carl  dem  Schauplatze  wieder  den  rJN
Rücken  gewendet  und  war,  zur  Vertheidigung  der  papstlichen
        <pb n="48" />
        775

776

10  Wittekind  der  Große.

Rechte,  uber  die  Alpen  nach  Italien  eingebrochen,  wo  er  binnen
  einem  Jahre  das  alte  und  einst  so  mächtige  langobardische
  Reich  zerstörte;  so  standen  die  Sachsen  von  neuem
auf,  verheerten  die  fränkischen  Gränzen  und  nahmen  Eresburg
  wieder  ein.  Carl  schickte  ihnen  vier  starke  Heere  entgegen,
  durch  welche  sie  zurückgedrängt  wurden.  Im  Jahr
775  unternahm  er  selbst  einen  neuen  Zug  gegen  die  Sachsen,
  brachte  ihnen  eine  starke  Niederlage  bei  und  befestigte
die  von  ihnen  zerstörte  Eresburg.  Dann  rückte  er  über  die
Weser,  schlug  sie  auch  dort  zurück,  und  drang  gegen  den
Ockerfluß  vor.  Erschreckt  durch  das  Schicksal  ihrer  Brüder,
kamen  ihm  hier  die  Ostsachsen  bittend  entgegen,  schwuren
ihm  den  Eid  der  Treue  und  ließen  sich  zum  großen  Theile
taufen.  Eben  so  unterwürfig  zeigten  sich  ihm  die  Westsachsen.
  Desto  hartnäckiger  widerstanden  ihm,  trotz  häufiger
Niederlagen,  die  Wesersachsen,  welche  im  Jahr  776  die
Eresburg  durch  List  einnahmen  und  schleiften.  Doch  bewog
das  stete  Unglück,  welches  die  Sachsen  in  ihren  Schlachten
verfolgte,  eine  große  Anzahl  derselben,  sich  unter  Carls
Schuß  zu  stellen  und  den  christlichen  Glauben  anzunehmen.
Unter  diesen  befanden  sich  die  meisten  Edlen  und  Heerführer
der  Sachsen,  die  zum  großen  Theile  Carls  auszeichnende
Behandlung,  die  er  ihnen  angedeihen  ließ,  die  Zusicherung
vielfacher  Vortheile  und  Bestätigung  ihrer  Freiheits-  und
Besitzthumsrechte  verlockte.

Wenn  Carls  Großmuth  und  Beredtsamkeit  allmalig  Einen
  sächsischen  Edlen  nach  dem  andern  besiegte,  so  scheiterten
  seine  Künste  an  dem  standhaften  Hasse  eines  starken
und  gewaltigen  Mannes:  Dies  war  Wittekind,  genannt
der  Große,  welcher  von  den  im  Frankenhasse  beharrlichen
Sachsen  wahrscheinlich  schon  773  zum  ersten  Anführer  gewählt
  wurde  und  der  sonach  auch  schon  jene  früheren  kühnen,
  wenn  auch  unglücklichen  Angriffe  seines  Volkes  auf
die  fraͤnkischen  Gränzen  geleitet  hatte.  Das  Dunkel,  welches
  zum  Theile  über  jener  Zeit  ruht,  und  die  Verworrenheit
  jener  Kämpfe  haben  uns  einigermaßen  seine  Gestalt
entrückt;  dennoch  leuchtet  sie  herrlich  aus  der  Ddmmerung
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        —te

7*  argss

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——.——  —*
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        Wittekind  der  Große.  17

der  Vergangenheit  herauf  und  ihr  Schimmer  koͤnnte  selbst
dem  Glanze  eines  Carls  gefährlich  werden.  Tiefer,  schmerzlicher
  Groll  uͤber  den  Uebermuth  der  Franken  und  die  Schmach
seines  Vaterlandes  hatten  in  seiner  Seele  Wurzel  gefaßt;
er  mußte  mit  ansehen,  wie  ein  Theil  Sachsen  nach  dem
andern  die  allgemeine  Sache  verließ  und  sich  dem  stolzen
Carl  in  die  Arme  warf  —  dessen  Versammlungen  er,  obschon
  beinahe  alle  saͤchsische  Edle  daselbst  erschienen,  nie  besuchte
  —  er  ahnete  die  unauêbleibliche  Unterjochung  seines
Volkes  und  focht,  nicht  von  der  goldnen  Hoffnung  des  Siegez
  umleuchtet,  sondern  den  nahen  Untergang  vor  Augen,
dem  er  mit  den  Seinen  kämpfend  begegnen  wollte.  Gewiß
ist  unter  solchen  Umständen  der  unbeugsame  Muth  dieses
Helden  um  so  bewundernswürdiger.  Das  Lächeln  des  Glückes
macht  im  Kampfe  wohl  auch  den  Feigen  beherzt;  wer  aber,
wie  Wittekind,  überall  nur  die  ungemessenste  Uebermacht,
die  erdrückendste  Last  des  Mißgeschickes  gegen  sich  andrängen
  sah  und,  in  der  gewissen  Aussicht  immer  sich  ihm  erneuenden
  Unglücks,  dennoch  selbst  die  Tapferkeit  des  siegberauschten
  Sohnes  des  Glücks  beschäámte,  der  steht  wohl  selbst
in  der  Niederlage  höher  da,  als  der  Sieger,  für  welchen
das  Glück  mitfocht.  Härter  noch  und  schmerzlicher,  als  die
Kämpfe,  in  welche  das  Schicksal  ihn  mit  den  Franken  fährte,
  waren  die  Kämpfe,  welche  er  mit  dem  Wankelmuthe
seiner  cignen  Krieger  zu  bestehen  hatte.  Jedes  neue  Mißgeschick
  riß  einen  Theil  seiner  Mitkämpfer  von  ihm  ab  und
auf  die  Seite  des  Siegers  hin,  und  so  stand  der  Held  immer
  verlassener,  immer  mehr  dem  Unglück  preisgegeben,  welches
  unerbittlich  gegen  ihn  stritt.  Hatte  er  schon  früher  Carls
trefflich  organisirten  Heeren  nur  flüchtige,  zwar  von  personlichem
  Muthe  beseelte,  jedoch  in  den  so  viel  ausrichtenden  Regeln
  der  Kriegskunst  vollig  unerfahrene  Truppen  entgegenstellen
  können,  die  eben  so  schnell  und  ungestüm  im  Angrisse,
als  bereit  zum  ordnungslosen  Fliehen  waren;  so  blieb  ihm
jetzt  nur  ein  kleiner  Haufe  tapferer,  aber  wahrscheinlich  gleichem
  Wankelmuthe  ergebener  Männer.  Zwar  spricht  die
Ueberlieferung  von  einem  Bündnisse,  welches  Siegfried,  der

2
        <pb n="52" />
        777

778

18  Wittekind  der  Große.

Dänenkdnig,  mit  ihm  gegen  die  Franken  einging  und  das
durch  Bande  der  Verwandtschaft  befestigt  ward,  indem  Wittekind
  Siegfrieds  Tochter,  Geva,  zum  Weibe  nahm;  doch
scheint  dieses  Bündniß  nicht  erfolgreich  in  Wittekinds  kriegerische
  Verhältnisse  eingegriffen  zu  haben.  Zu  gleicher  Zeit,
im  J.  777  veranstaltete  Carl  eine  große  Reichsversammlung
zu  Paderborn,  woselbst  sich  —  Wittekind  nebst  seinem  Freunde
und  Waffengefährten,  Albion,  ausgenommen  —  alle  Edle
und  Anfährer  der  Sachsen  einfanden,  dem  Konige  den  Eid
der  Treue  leisteten,  die  Taufe  empfingen  und  dafür  in  ihrer
Freiheit  und  dem  Besiße  ihrer  Güter  bestätigt  wurden.  Zugleich
  ward  daselbst  die  Bekehrung  der  noch  übrigen  rebellischen
  Sachsen,  durch  Güte  oder  Gewalt  beschlossen.
Während  im  J.  778  Carl  mit  einem  mchtigen  Heere
die  Pyrenden  überschritt  und  in  Spanien  siegreich  gegen  die
Saracenen  kämpfte,  bereitete  sich,  wie  meist  in  seiner  Abwesenheit,
  in  Sachsen  ein  neuer  Aufstand  vor.  Das  Glück,
welches  ihm  auf  dem  Schlachtfelde  überall  gefolgt  war,  wendete
  ihm  auf  der  Heimkehr  unerwartet  den  Rücken.  Denn
als  er,  auf  die  Nachricht  von  dem  neuen  Aufstande  in  Sachsen,
  sich  auf  den  Rückweg  machte,  ward  in  einem  Engpasse
des  Gebirges  der  Nachzug  seines  Heeres  von  den  räuberischen
Gasconiern  überfallen  und,  ohne  daß  diesen  Bergbewohnern
in  ihrer  mörderischen  Behendigkeit  beizukommen  gewesen  wärc,
zum  größten  Theile  erschlagen.  Die  Nacht#  und  die  Unkenntniß
  des  Weges  wehrte  den  Franken  jeden  Widerstand,  während
  der  Feind  jeden  Schlupfwinkel  kannte  und  jeden  Felsenvorsprung
  zu  einer  unzugänglichen  Festung  verwandelte,  von
welcher  herab  er  den  Tod  entsendete,  ohne  von  demselben
erreicht  werden  zu  können.  Eine  große  Anzahl  von  Carls
ersten  Heerführern  —  unter  ihnen,  wie  es  heißt,  auch  der
durch  Sage  und  Gedicht  so  berühmt  gewordene  (fabelhafte)
Held  Roland  —  kamen  dabei  um,  das  Gepäck  ward  vom
Feinde  geplündert.  Für  den  glückverwöhnten  Carl  war  dieser
plötzliche  und  ausserordentliche  Verlust  ein  doppelter  Schlag.
Er  besaß  nicht  den  wahren  Gleichmuth  des  Helden  für  unerwartetes
  Mißgeschick,  und  sein  Emsetzen  verwandelte  sich  in
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        Kaͤmpfe  gegen  die  Franken.  19

unbaͤndigen  Grimm  gegen  die  Sachsen,  welche  mittelbar  die
Schuld  dieses  Ungluͤcks  trugen.  Als  diese,  durch  die  Nachricht
  von  der  Vernichtung  des  fraͤnkischen  Heeres  ermuthigt,
verheerend  bis  an  den  Rhein  vorruͤckten,  wurden  sie  von  den
vereinigten  Franken  und  Allemanniern  bei  dem  Wasser  Adarna
jählings  überfallen  und  mit  großem  Verluste  zerstreut.  Aber
ungebeugt  von  dem  ungeheuren  Unglücke,  welches  Wittekind
unerbittlich  verfolgte,  zog  er  die  Trümmer  seines  geschlagenen
Heeres  nebst  einigen  Engern  und  Ostphalen  zusammen,  und
nahm  an  den  Ufern  der  Lippe  eine  sehr  wohlüberlegte  Stellung
  ein,  die  seiner  Feldherrnkenntniß  Ehre  macht  und  wohl
Früchte  getragen  haben  würde,  wenn  er,  statt  guter  Fechter,
gute  und  disciplinirte  Soldaten  befehligt  hätte.  Carl  selbst
leitete,  auf  der  Seite  der  Franken,  den  Angriff,  und  auch
diesmal  konnten  die  nur  von  persdnlicher  Beherztheit,  nicht
aber  von  planmaßiger  Kriegskunst  unterstützten  Sachsen  ihm
nicht  Stand  halten,  vielmehr  erlitten  sie  in  der  Nähe  von
Buchholz  eine  blutige  Niederlage.  Die  Engern  und  Ostphalen
  —  immer  die  Schnellsten  zur  Unterwerfung  wie  zum  Aufruhr
  gegen  Carl  —  gingen,  obschon  sie  sich  freiwillig  unter
Wittekinds  Fahnen  begeben,  zu  den  Franken  über,  ohne  erst
den  Angriff  abzuwarten,  stellten  Geiseln  und  baten  um  Frieden.
  So  hatte  Wittekind  nicht  nur  gegen  das  unverwüstliche
  Glück  seines  Feindes,  sondern  auch,  was  noch  schlimmer,
  gegen  den  Verrath  und  die  Unbeharrlichkeit  der  Seinigen
  zu  kämpfen,  die  eben  so  unbändig  im  Angriffe,  als  übereilt
  und  besinnungslos  im  Fliehen  waren  und  durch  Beides
die  kühnen  und  klugen  Anschláge  ihres  großen  Führers  jederzeit
  zu  nichte  machten.  Wittekinds  Loos  gehdrt  zu  den  beklagenswerthesten
  und  vielleicht  hat  die  Geschichte  keinen  andern
  Helden  aufzuweisen,  der  so  viel  Ruhm  mit  so  viel  Unglück
  vermählt  hätte,  wie  er  als  Führer  eines  Volkes,  das  zwar
stets  geneigt  war,  sich  von  seinem  kühnen  Aufrufe  begeistern
zu  lassen  und  ihm  gegen  die  verhaßten  Unterdrücker  in  die
Schlacht  zu  folgen,  das  aber  auch  schon  im  ersten  Mißgeschicke
  verzagte  und  des  Gehorsams  wie  der  Treue  gegen  ihn
vergaß.

2*
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        20  Kaͤmpfe  gegen  die  Franken.

Nach  einiger  Zeit  brachen  unter  den  zwischen  der  Elbe
und  der  Saale  wohnenden  Slaven  und  Sorben  Unruhen  aus,
sie  sielen  in  das,  den  Franken  und  den  Sachsen  gehbdrige
Thüringen  ein,  zerstörten  Carls  Anbauungen  und  ermordeten
die  christliche  Bevdlkerung.  Carl  sendete  drei  Feldherren  mit
fränkischen  Truppen  entgegen,  denen  er  auch  diejenlgen  Sachsen
  beigesellte,  die  sich  ihm  ergeben  und  auf  deren  Treuc  er
rechnen  zu  konnen  glaubte.  Aber  diese  erregten  während  des
Zuges  einen  Aufstand,  schleiften  die  von  den  Franken  erbauten
  Kirchen  und  strömten  verwüstend  zu  Wittekind  hin,  der
eben  die  Ueberbleibsel  der  heidnischen  Ost=  und  Westphalen
zusammengezogen  hatte  und  nun,  durch  die  neuen  Ankommlinge
  verstärkt,  sich  (782)  auf  dem  Berge  Süntel  lagerte.
Das  fränkische  Heer  zog,  unter  Anführung  des  Grafen  Dietrich,
  ihnen  entgegen,  der  ##bermüthig  genug  war,  trotz
dem  daß  das  Terrain  ihm  vllig  unbekannt,  sich  zu  einem
Sturme  gegen  den  Gipfel  des  Berges  zu  entschließen.
Darauf  hatte  Wittekind  gewartet;  ein  Strahl  blutdürstiger
Hoffnung  leuchtete  durch  die  vom  langen  Mißgeschick  verdüsterte
  Seele  des  Helden,  er  hielt  eine  feurige  und  ermuthigende
  Rede  an  seine  Krieger,  und  ließ  sie  dann  auf  die  anrückenden
  Feinde  losgehen.  Wüthend  stürzten  hinter  Strauch
und  Fels  hervor,  sich  die  racheglühenden  Sachsen  auf  die
fränkischen  Söldner,  welche,  mühsam  den  Berg  hinan  klimmend,
  auf  dem  steilen  und  lockern  Boden  nur  unsicher  Fuß
fassen,  daher  nicht  in  Reihe  und  Glied  Widerstand  leisten
konnten  und  vor  dem  Ungestüm  der  sie  grimmig  anfallenden
Sachsen  sich  selbst  haufemweise  den  Berg  hinabrissen.  Aber
hier  erwartete  sie  Wittekinds  Schwert,  der  mit  einem  auserlesenen
  Haͤuflein  sie  umgangen  hatte  und  ihnen  in  den
Rücken  fiel.  Furchtbar  rächten  die  Sachsen  die  Schmach
früherer  Niederlagen,  ihr  Rachedurst  war  unersättlich;  bis
in  die  Nacht  währte  das  Morden  und  nur  Wenige  aus  dem
Frankenheere  retteten  sich  über  die  Weser  hin  in  das  Lager
zurück.  Die  Bestürzung  war  so  ausserordentlich,  daß  die
beiden  Mitfeldherren  Dietrichs,  welche  eine  Strecke  davon  mit
ihren  Truppen  standen,  ihm  nicht  zu  Hülfe  zu  kommen  wag-
        <pb n="55" />
        Kaͤmpfe  gegen  die  Franken.  21

ten  und  in  unthätigem  Entsetzen  den  Untergang  des  Heeres
mit  ansahen.  Zwei  der  vornehmsten  und  vertrautesten  Diener
  Carls,  vier  Grafen  und  zwanzig  fränkische  Edle  befanden
sich  unter  den  Erschlagenen.  Blutgesättigt  zogen  sich  hierauf
die  fürchterlichen  Rächer,  unter  Wittekinds  Anführung,  wieder
  auf  die  Höhe  des  Berges  zurück.

Leider  sollte  dies  der  erste  und  zugleich  der  letzte  Glücksstrahl
  seyn,  welcher  über  Wittekinds  düsterm  Leben  aufleuchtete.
  Carl  rückte,  auf  die  Nachricht  der  erlittenen  Niederlage,
mit  einem  in  der  Eile  zusammengerafften  Heere  nach  der
Weser  vor.  Seine  Ankunft  erschreckte  die  zwischen  der  Weser
  und  der  Elbe  wohnenden  Sachsen,  sie  fürchteten  die  Rache
des  Franken  und  eilten  durch  Bitten  und  Unterwerfung  derselben
  zuvorzukommen.  In  kurzem  sah  sich  Wittekind  beinahe
  von  allen  den  Seinigen  verlassen;  ja  die  Muthlosen
waren  verblendet  genug,  dem  knirschenden  Carl  viertausend.
fünfhundert  Sachsen  als  die  Rädelsführer  und  Anstifter  der
letzten  Empdrungen  zu  bezeichnen  und  auszuliefern.  Hier  befleckte
  Carl  seinen  Kriegsruhm  durch  eine  That,  die  —  waͤre
er  nicht  einer  jener  auserlesen  glöcklichen  Helden  gewesen,
deren  Schwächen  und  Vergehungen  die  Geschichte  recht  absichtlich
  zu  umgehen  und  in  dem  Glanze  seiner  übrigen  Thaten
  zu  ersticken  suchte  —  leicht  die  Verachtung  der  Nachwelt
auf  ihn  geladen  haben  würde.  Er  ließ  die  ihm  überlieferten,
wehrlos  gemachten  viertausend  fünfhundert  Sachsen  niederhauen.
  Ein  gräßlicher,  verworfener  Blutbefehl  gegen  ein
Volk,  dem  der  habsüchtige  Carl  keinen  andern  Vorwurf  zu
machen  hatte,  als  daß  es  seine  Freiheit  ihm  zu  theuer  verkaufte,
  und  gegen  welches  er  kein  anderes  Recht  besaß,  als
seine  Uebermacht.  Und  der  Geschichtschreiber  Eginhard
war,  als  Vasall  und  Biograph  des  Tyrannen,  frech  genug,
den  Sachsen  zum  Vorwurf  zu  machen,  daß  sie,  dem  Dienste.
böser  Geister  ergeben,  sich  kein  Gewissen  daraus  machten,
menschliche  wie  göttliche  Rechte  zu  verletzen!  Welchen  Namen
  hatte  er  sodann  für  die  That  seines  Gebieters?  —  Noch
vor  ohngefähr  150  Jahren  will  man  in  der  Gegend,  wo  dieses
  Blutbad  vorfiel,  einige  aufgewühlte  Gräben  mit  Men-
        <pb n="56" />
        781

22  Kämpfe  gegen  die  Franken.

schenschädeln  angefüllt  gefunden  haben,  was  nicht  unglaublich,
  da  der  Mord  an  jenen  fünfthalbtausend  Sachsen,  wenigstens
  zum  großen  Theile,  durch  Enthauptung  geschehen  mochte.

Ein  ungeheurer  Schmerz  mußte,  theils  über  Carls  Grausamkeit
  und  den  verruchten  Mord  an  seinen  Freunden,  theils
über  den  Wankelmuth  seiner  übrigen  Genossen,  welche  haufenweis
  von  ihm  absielen  und  durch  Annahme  des  christlichen
Glaubens  und  den  Schwur  der  Treue,  Carls  Schutz  erwarben
  —  Wittekinds  tapferes  Herz  ergreifen.  Der  letzte  Sachse,
wollte  er  sich  eine  freie  Scholle  Landes  behaupten,  um  darauf
zu  sterben.  Er  suchte  Hülfe  bei  seinem  Schwiegervater,  dem
danischen  König  Siegfeied,  und  scheint  sie  damals  erlangt
zu  haben.  Denn  im  Jahre  783  führte  der  unerschütterliche
Unglücksheld  ein  neues  Heer  gegen  Carl.  Bei  Detmold  stie-Len
  die  feindlichen  Heere  auf  einander.  Von  beiden  Seiten
ward  mit  unerhörter  Wuth  und  Ausdauer  gekämpft.  Aber
Carls  Glücksstern  siegte  auch  hier  durch  seine  überlegene
Kriegskunst  und  seine  trefflich  organisirten  Truppen,  denen  Wittekind,
  in  den  seinigen,  nur  eine  Masse  zügelloser  Kraft  entgegensetzen
  konnte.  Die  Sachsen  erlitten  nicht  nur  bei  Detmold,
  sondern  auch  bald  darauf  in  Osnabrück  bei  dem  Hafelfluß,
  eine  blutige  Niederlage.  Carl  aber,  um  den  innern
Kern  des  Sachsenvolkes  immer  mehr  zu  entkräften  und  sie
immer  unfaähiger  zu  einem  Aufstande  in  Masse  zu  machen,
entnahm  gegen  zehntausend  aus  den  vornehmsten  sächsischen
Familien  ihrem  Vatexlande  und  siedelte  sie  in  die  Niederlande
hinüber.

Das  Jahr  784  ward  meist  von  Verwüstungen  bezeichnet,
welche  beide  Thejle  an  den  Besitzungen  des  Feindes  ausführten.
  Mit  den  Trümmern  feiner  Getreuen  stieß  Wittekind
an  der  Lippe  auf  ein  von  Carls  Sohne  geführtes  fränkisches
Heer.  Er  ward  zu  einem  Treffen  gezwungen,  und  im  verzweifelten
  Widerstande  mit  einem  Häuflein  zersprengter,  durch
Leiden  und  Entbehrungen  geschwächter  Krieger  gegen  ein  überlegenes
  Heer,  versuchte  der  große  unglückliche  Sachsenheld
noch  einmal  den  Kampf  für  seine  und  seines  Volkes  Freiheit.
  Allein  bei  so  ungleichen  Miltteln  durfte  sich  Wittekind,
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        Kaͤmpfe  gegen  die  Franken.  23

den  selbst  bei  guͤnstigern  Aussichten  das  Schicksal  hart—
naͤckig  verfolgte,  keinen  Sieg  versprechen;  er  mußte  die  Seinigen
  abermals  geschlagen  und  zerstreut  sehen.

Dieses  unwendbare  Mißgeschick  erfüllte  endlich  Wittekinds
  Seele  mit  dästerm,  schmerzlichen  Unmuthe.  Von  denen
verrathen  und  aufgegeben,  für  deren  Freiheit  und  Unabhängigkeit
  er  so  oft  gekämpft  und  geblutet  hatte,  von  einem
Schicksale  verfolgt,  dessen  Gunst  seine  Kraft  und  Seelengröße
  in  so  hohem  Grade  verdient  hätte,  und  von  Göttern
verlassen,  deren  Altäre  er  hartnäckig  gegen  einen  siegenden
neuen  Glauben  vertheidigte,  fing  er  an,  an  Volk,  Vaterland
und  Gdttern  zu  verzweifeln.  Den  starken  Helden  hatte  Alles
getäuscht,  wofür  er  gestritten;  er  suchte  jetzt  nur  noch  eine
Freistätte  für  seinen  Gram,  ein  friedliches  Schmerzenslager
—  denn  auf  welche  Freuden  konnte  der  zu  schwer  Verwundete
  noch  hoffen  —  um  die  zerstörten  Hoffnungen,  um  seinen
zur  Lüge  gewordenen  Glauben  zu  betrauern!  —  Er  wendete
sich  mit  seinem  Freunde  und  Leidensgefahrten,  Albion,
jenseit  der  Elbe  hin,  nach  Jütland  oder  Dänemark;  und  nur
zu  oft  mochte  sich  der  Geist  der  beiden  dästern  Helden  vereint
  in  die  blutigen  Erscheinungen  ihres  ruhelosen  Lebens
versenken.

Carl,  dem  das  Unglück  seines  großen  Feindes  Achtung
abnöthigte,  vielleicht  auch  von  einer  geheimen  Reue  über  die
begangenen  Grausamkeiten  bewogen,  trachtete  jetzt  ernsthaft,
Wittekind  mit  sich  auszusöhnen  und  die  Hand  des  sachsischen
Helden,  die  er  so  oft  schwer  genug  hatte  empfinden  müssen,
freundlich  in  die  seinige  zu  legen.  Auch  sah  er  ein,  daß
Wittekind  von  ihm  nur  besiegt,  aber  nie  bezwungen  werden
konne,  und  daß,  so  lange  ihm  in  diesem  ein  Feind  lebe,  er
der  Früchte  seiner  Siege  nie  froh  werden  dürfe.  Er  schickte
daher,  sobald  er  Wittekinds  und  Albion's  Aufenhalt  erfahren,
  Gesandte  an  die  beiden  sächsischen  Fürsten,  ließ  ihnen
seine  Freundschaft  antragen  und  sie  zu  sich  einladen,  um  über
die  Bedingungen  des  Friedens  gemeinschaftlich  verhandeln  zu
können,  besonders  aber  ließ  er  sie  ermahnen,  nach  dem  Beispiele
  der  meisten  sächsischen  Edlen  den  Tugglauben  an  ihre
        <pb n="58" />
        24  Wittelind's  Taufe.  Einführung  des  Christenthums  unter  d.  Sachsen.

Goͤtter  zu  verlassen  und  die  christliche  Lehre  anzunehmen.
Wittekind  und  Albion,  welche  das  lange  Mißgeschick  nur  zu
schmerzlich  von  der  Ohnmacht  ihrer  alten  Goͤtter  uͤberzeugt
hatte  und  die,  waͤhrend  Krieg  und  stete  Verwuͤstung  die
Fruͤchte  ihres  Goͤtzendienstes  gewesen  waren,  unter  den  Fittigen
  des  Christenthums  allenthalben  Frieden  und  Wohlstand
erbluͤhen  sahen,  zeigten  sich  diesen  Vorschlaͤgen  nicht  abgeneigt.
Doch  wurzelte  von  Alters  her,  ein  zu  tiefes  Mißtrauen  gegen
  Carl  und  gegen  fraͤnkische  Treue  uͤberhaupt  in  ihnen,
als  daß  sie  sich  nicht  moͤglichst  sicher  gestellt  haͤtten.  Sie
verlangten  daher  Geißeln  fuͤr  ihre  beiderseitige  Sicherheit,
und  erhielten  sie  ohne  alles  Bedenken.  So  ehrenvoll  von
einem  Carl  dem  Großen  ihrer  Freiheit  versichert,  begaben  sich
Wittekind  und  Albion  ohngefähr  im  Herbst  des  Jahres  785
zu  ihrem  großen  Feinde,  der  sich  eben  zu  Attigny  aufhielt.
Fuͤr  sie  selbst,  wie  auch  für  die  Zeugen  dieses  wichtigen  Auftrittes,
  mußte  es  tiefergreifend  seyn,  als  die  beiden  grèßten
Helden  ihrer  Zeit  —  der  Eine  eben  so  gefeiert  durch  sein  Glück
und  seine  Siege,  als  der  Andere  ehrwürdig  durch  sein  Unglück

  und  seine  beispiellose  Ausdauer  —  sich  nach  langem,

blutigem  Zwiste  zum  ersten  Male  ohne  gezucktes  Schwert,
ja  als  werdende  Freunde  begegneten.  Selbst  die  einstige
rührende  Zusammenkunft  zwischen  dem  großen  unglücklichen
Hannibal  und  dem  jugendlichen  sieggekrönten  Seipio  reicht
nicht  an  die  ergreifende  Bedeutsamkeit  dieser  Begegnung  Carls
und  Wittekinds.  Lange  Jahre  hatte  ein  Krieg  zwischen  ihnen
  gewüthet,  der  alle  Schrecknisse  und  Grausamkeiten  eines
durch  Volks=  und  Religionshaß  angeschürten  Kampfes  erschöpft,
  den  beiden  Heerführern  eine  Menge  der  tapfersten
Freunde  hingewürgt  und  in  welchem  endlich  Jeder  —  Geschlagener
  sowohl,  wie  Besiegter  —  verloren  hatte.  Carls
theilnehmende  und  achtungsvolle  Begegnung  scheint  wohlthuend
auf  die  tiefzerrissene  Seele  Wittekinds  gewirkt  und  ihn  empfänglich
  und  willig  für  Carls  dringende  Bitten,  sich  dem
christlichen  Glauben  zuzuwenden,  gemacht  zu  haben.  Ueber
den  Ort,  wo  Wittekind  die  Taufe  empfing,  sind  die  Geschichtschreiber
  nicht  einig;  doch  nimmt  man  im  Allgemeinen  Attigny,
        <pb n="59" />
        Wittekind  empfaͤngt  die  Taufe.  25

den  Ort  seines  ersten  friedlichen  Zusammentreffens  mit  Carl,
auch  als  Ort  der  Taufe  an.  Bonifazius,  Bischof  von  Mainz
und  Einer  der  beruͤhmtesten  Heidenbekehrer,  taufte  ihn,
wahrscheinlich  an  dem  Osterfeste  des  Jahres  786.  Wittekinds
  Beispiele  folgte  nicht  nur  sein  Freund  Albion,  sondern
auch  eine  Menge  anderer  saͤchsischen  Herren.

Ein  altes  Manuscript  der  vaticanischen  Bibliothek  zu
Rom  enthaͤlt  das  zu  jenen  Zeiten  uͤbliche  Glaubensbekenntniß,
welches,  nicht  nur  der  Wichtigkeit  des  dadurch  bezeichneten
Ereignisses  wegen,  sondern  auch  als  ein  Beitrag  zur  Pruͤfung
der  Sprachen-Entwickelung,  hier  einen  Platz  finden  mag:

Frage  des  Taufenden.
Forsachistu  Diabolae7
Entsagest  du  dem  Teufel7)
Antwort  des  Täuflings.
Ec  forsacho  Diabolae.
Ich  entsage  dem  Teufel.

Frage.
End  allom  diabol  gelde  7)

Und  aller  Gemeinschaft  des  Teufels?

Antwort.
End  ec  forsacho  allom  diabol  gelde.

Und  ich  entsage  allem  Umgang  des  Teufels.
Frage.

End  allom  diabole  Vuercum?7
Und  allen  Teufelswerken?

Antwort.
End  ec  forsacho  allom  diabole  Vuercum  end  Vuordum

thuna  erende  Vuoden  end  Saxnote  end  allom  them
unholdum  the  hira  genotas  sint.

—-*)

  Diese  Lossagung  vom  Teufel,  welche  man  dem  Täuflinge  abverlangte,
  bezieht  sich  wahrscheinlich  auf  den  sächsischen  Abgott
Wodan  (auch  Crodo  —  grote  Odo  oder  Odin,  genannt)  den  die
fränkischen  Christen,  besonders  auch  Carl  der  Große,  nach  einer

angeblich  von  ihm  gethanen  Aeußerung,  für  gleichbedeutend  mit
dem  Teufel  hielten.

ir)  Gelde  —  unser  heutiges  Wort:  Gilde.

786
        <pb n="60" />
        26  Wittekind  empfaͤngt  die  Taufe.

Und  ich  entsage  allen  Teufels-Werken  und  Worten  der  den
Wodan  und  Sachsen-Odo')  Ehrenden,  und  allen  den
Unholden,  die  ihre  Genossen  sind.

Wittekinds  Uebertritte  zum  christlichen  Glauben  hat  der
Scharffinn  späterer  Geschichtschreiber  verschiedene,  zum  Theil
ziemlich  widersprechende  Motive  zum  Grunde  gelegt,  und
Einige  derselben  wollen  aus  seinem  christgemäßen  Wirken
und  seiner  unverbrüchlichen  Treue  gegen  seinen  frühern  Feind,
Carl  den  Großen,  sogar  folgern,  daß  er  dem  neuen  Glauben
  mit  begeisterter  Hingebung  angehangen  habe;  ja,  sie
suchen  ein  Verdienst  darin,  den  Sieger  auf  Süntel  später
zum  Apostel,  zum  Heiligen  zu  machen"").  Allein  Wittekind's

*)  Die  mangelhafte  Kenntniß,  welche  die  Franken  von  dem  heidnischen
Gottesdienste  der  Sachsen  hatten  und  die  zu  so  vielen  Vorurtheilen
Veranlassung  gab,  scheint  sie  zu  der  Vermuthung  gebracht  zu
haben,  daß  der  in  den  abweichenden  sächsischen  und  deutschen
Mundarten  auch  abweichend  benannte  Odin,  Odo,  Crodo  oder
Wodan  —  welche  Namen  nur  Einem  Gott  galten  —  in  eben  so
viele  Personen  als  Namen  zerfalle,  daher  sie  auch  in  obiger  Abrenunciation
  ihn  zweimal  vorkommen  lassen.  Vielleicht  aber  dürfte
diese  doppelte  Bezeichnung  auf  die  Vorstellung  von  dem  ältern
und  jüngern  Odin  hinweisen,  welche  ich  schon  weiter  oben,  bei
Erwähnung  des  sächsischen  Heidenthums,  berührte.

*  )  Die  Herausgeber  glauben  dieser  ersten  Lieferung  keine  passendere,
noch  empfehlendere  Zierde  verleihen  zu  können,  als  das  Bild  des
großen  Wittekind.  Das  auf  Pergament  gemalte  Original  desselben
  befindet  sich  in  der  königl.  öffentlichen  Bibliothek  zu  Dresden.

Zu  bedauern  ist,  daß  es  Wittekind  just  in  einem  Momente
darstellt,  der  wenig  geeignet,  ihm  das  Gepräge  jenes  mächtigen
Kriegshelden  zu  geben,  den  wir  in  ihm  kennen  gelernt  haben.  Wir
erblicken  ihn  vielmehr  in  einer  geistlichen  Kleidung,  vielleicht  wie
sie  während  des  Taufactes  ihm  vom  Bonifacius  angekhan  ward,
mit  segnend  erhobener  Hand  und  einer  Heiligenmiene,  welche
der  Maler  des  Original-Bildes  ziemlich  gezwungen  in  diese  ursprünglich
  kühnen,  feurigen  Züge  einzuschwärzen  suchte.  Oieser
umstand  macht,  daß  auf  dem  ersten  Anblick  wir  nicht  ganz  den
gewaltigen  Geist  eines  Wittekind  aus  diesem  Bilde  heraussinden
und  uns  vielmehr  erst  durch  den  von  der  frommen  Faune  des
Künstlers  beinahe  unpassend  darüber  gebreiteten  Heiligen-Ausdruck
Bahn  brechen  müssen,  ehe  wir  zu  dem  wahren  und  ursprünglichen
        <pb n="61" />
        Wittekind  empfaͤngt  die  Taufe.  27

kriegerische  Seele,  welche  in  einem  vieljährigen,  unversöhnlichen
  Kampfe  für  die  Altäre  der  alten  Götter  sich  nie  verlaͤugnet
hatte,  war  im  blutigen  Gewirre  langer  Schlachten  wohl  zu
eingerostet,  um  die  Strahlen  des  Christenthums  in  ihrer  geheimnißvoll-erhabenen
  Wirkung  in  sich  aufzunehmen,  und
wenn  er,  wie  sich  voraussetzen  läßt,  durch  stetes  Mißgeschick
auch  endlich  den  Glauben  an  seine  alten  Götter  verloren
hatte,  so  hieß  dies  doch  noch  lange  nicht,  an  die  Wunder
des  Christenthums  glauben.  Es  gehört  fürwahr  eine  starke
Einbildung  dazu,  wenn  man  in  Wittekinds  eisernem  Geiste
—  den  der  Haß  gegen  die  Paniere  des  Gekreuzigten  groß
gezogen  —  noch  im  spätern  Mannsalter,  wo  nicht  einmal
die  Phantasie  mehr  dem  Glauben  zu  Hilfe  kommen  konnte,
eine  kindlich  schwärmerische  Ueberzeugung  für  eine  allen  seinen
ursprünglichen  Begriffen  so  wenig  entsprechende  Religion  erwachsen
  sehen  will.  Mit  ziemlicher  Gewißheit  darf  man
bei  kühler  Betrachtung  der  Sache  annehmen,  daß  sein  Uebertritt
  eine  Handlung  von  nur  politischer  Natur  war.  Er
hatte  den  Glauben  an  seine  angestammten  Götter  durch  stete
Niederlagen  in  ihrem  Dienste  verloren,  und  es  konnte  dem
schmerzlich  Enttäuschten  nunmehr  gleich  seyn,  welchem  Glauben
  er  sich  dußerlich  in  die  Arme  warf.  Nur  aber  soll  man
nicht  sich  überreden,  dieser  kühne  Sohn  des  Nordens,  welchem
  die  Schlachtgesänge  seiner  Sachsen  und  die  wildbegeisterten
  kriegerischen  Lieder  seiner  Barden  das  Gehoͤr  für
christliche  Litaneien  verdorben  hatten,  werde  sich,  nachdem
er  verächtlich  seinen  donnernden  und  zürnenden  Göttern  den

·.—.—

7—"s

Eharakter  des  Gesichts  gelangen.  Wenn  wir  jedoch  uns  glücklich
mit  dieser  frommen  Unpassenheit  abgefunden  haben,  so  tritt  uns
aus  den  ernsten,  beinahe  düstern  Zügen,  Wittekind's  Charakter
mit  vieler  Bestimmtheit  entgegen,  und  nicht  ohne  davon  ergriffen
zu  seyn,  erblicken  wir  darin  den  Auedruck  jener  schwermüthigen
Heldenkraft,  welche,  nach  langem,  ausgekämpften  Streite  mit
einem  feindseligen  Schicksale,  sich  der  Außenwelt  zu  entringen  strebt,
um  sich  in  tiefe,  einsame  Betrachtung  ihrer  selbst  zu  versenken.

Die  hier  gespendete  Copic  ist  dem  Origlnalgemälbe  mit  vieler
Treue  nachgebildet.  D.  Verf.
        <pb n="62" />
        28  Wittekind  empfaͤngt  die  Taufe.

Räcken  gekehrt,  in  den  schweigenden,  erhabenen  Frieden  der
christlichen  Kirche  flüchten  lernen.  Welcher  Antrieb  ihn  zu
seinem  Uebertritte  bewogen  habe,  dürfte  schwer  zu  bestimmen
seyn.  Vielleicht  glaubte  er,  durch  diesen  Schritt  am  schnellsten
  Carls  Grausamkeit  gegen  die  noch  übrig  gebliebenen
heidnischen  Sachsen  zu  hemmen,  er  hoffte,  dadurch  der  Fürsprecher
  seines  Volkes  bei  dem  strengen  Sieger  werden  zu
können.  Gewiß  bleibt  es,  daß  nur  große,  edle  Motive  den
herrlichen  Wittekind  zu  diesem  Schritte  bewegen  konnten;
seine  auch  hierbei  bewährte  Uneigennützigkeit  bezeugt  dies  am
besten.  Daß  er,  nach  einmal  geschlossener  Freundschaft,
unverbrüchlich  in  seiner  Treue  gegen  Carl  war  und  die  spätern
  Empdrungen  der  Sachsen  gegen  Letztern  nicht  nur  nicht
unterstützte,  sondern  dieselben  mit  Wort  und  That  zu  hemmen
  strebte,  giebt  einen  Beweis  seiner  hohen  Rechtlichkeit.
So  lange  er  das  Schwert  gegen  Carl  führte,  hatte  er  sich
nie  —  wie  andere  sächsische  Edle,  die  gleichwohl  nach  der
Seit  offen  oder  heimlich  gegen  Carl  wirkten  —  auf  dessen
Reichstagen  und  Versammlungen  eingefunden,  sondern  seinen
Haß  gegen  ihn  dadurch  am  besten  bekundet,  daß  er  stolz
seine  Nähe  vermied  und  ihn  nur  im  offenen  Kampfe  aufsuchte.
  Aber  einmal  mit  ihm  ausgesohnt,  hielt  er  streng
die  gelobte  Treue  und  selbst  die  Lockungen  seiner  einstigen
Waffenbrüder  waren  nicht  vermögend,  ihn  abtrünnig  zu
machen.  Furchtbar  in  seinem  Hasse,  wahr  in  der
Versöhnung,  wandellos  in  der  Freundschaft,
unverbrüchlich  im  Gelübde:  sollte  Wittekinds  des
Großen  Grabschrift  heißen.  Strebt  ihm  nach,  Ihr  Fürsten
Deutschlands!  Seyd  ihm  gleich,  die  Ihr  jetzt  das  einst
von  Wittekind  dem  Großen  geführte  Volk  beherrscht!

Daß  Wittekind  sich  in  vielfacher  Hinsicht,  namentlich
durch  geistliche  Stiftungen  u.  s.  w.  eifrig  im  Dienste  der
Kirche  bewies  und  seine  Landesgenossen  ermunterte,  sich
gleich  ihm  taufen  zu  lassen,  zeugt  nicht  sowohl  für  seine
innere  Ueberzeugung,  an  welche  wir  nun  einmal  nicht  glauben
  können,  als  vielmehr  für  seine  Energie  und  seinen  edlen
Stelz,  kraft  dessen  er  eine  Religion  —  welche  er  würdig
        <pb n="63" />
        Wittekinds  des  Großen  Tod.  29

fand,  sich,  wenn  auch  nur  aͤusserlich,  zu  ihr  zu  bekennen  —
auch  vor  der  Welt  ehrte  und  sich,  in  ihr,  höher  stellte.  Er
empfing  von  Carl  seine  muthmaßlichen  väterlichen  Erbgüter,
Engern  und  Iburg  zurück,  nebst  der  Statthalterschaft  über
die  sächsischen  Länder,  welche  er,  unter  dem  Titel  eines
Herzogs  von  Sachsen,  lehmweise  vom  Kaiser  annahm.  Gleich
ihm  traten  auch  alle  übrigen  Sachsen,  welche  sich  taufen
ließen,  als  Lehnsmänner  des  Kaisers  wieder  in  den  Besitz
ihrer  Freiheit,  ihrer  Volks-=  und  besondern  Rechte,  so  wie
ihrer  Besitzthümer  und  Güter  ein.

Wittekinds  letzte  Lebensjahre  scheinen  in  einfachem,  ruhigem
  Wirken  verflossen  zu  seyn.  Er  nahm,  wie  schon  bemerkt,
  keinen  Antheil  an  den  späteren  Empbrungen  der
Sachsen  gegen  Carl,  sondern  suchte  vielmehr  dieselben  zu
vermitteln  und,  bei  unglücklichem  Ausgange,  ihr  Loos  zu
verbessern,  indem  er  den  Zorn  des  Siegers  milderte.  Die
herrschendste  Meinung  uber  seinen  Tod,  die  wir  auch,  als
des  Helden  am  würdigsten,  vorzugsweise  annehmen  wollen,
ist  die,  daß  Wittekind  im  Jahre  807  —  Andere  nehmen
das  Jahr  812,  noch  Andere  820  an  —  in  einer  Schlacht
gegen  den  schwäbischen  Herzog  Gerold  fiel  und  zu  Engern
in  der  von  ihm  gebauten  Kirche  begraben  ward.

So  endete  Wittekind,  der  größte  Held,  den  Sachsen
gebar,  der  ungeheure  Sohn  einer  ungeheuren  Zeit.  Selbst
die  riesenhafte  Erscheinung  eines  Carl  des  Großen  schwindet
neben  ihm  zusammen,  und  mit  Recht  spricht  sich  daher  eine
zwischen  diesen  beiden  größten  Mannern  ihrer  Zeit  gezogene,
nicht  geistlose  Parallele  *)  folgendermaßen  über  sie  aus:

„Wenn  man  Carl'n  neben  Wittekind  stellt,  so  sind  des
Erstern  Thaten  allerdings  glänzender,  als  des  Letzern.  Beide
trugen  den  Namen  des  Großen  zu  ihrer  Zeit  und  in  allen
Annalen  ihrer  Nachkommen.  Sie  hatten  ihn  aber  auf  sehr
verschiedene  Art  erlangt.  Carl  hatte  seine  Größe  der  Beraubung
  seines  Bruders,  die  Hälfte  des  fränkischen  Reichs
der  unrechtmäßigen  Entziehung  der  Erben  Carlmanns,  das

5)  Biographieen  der  Sachsen.  Dresden,  1775.
        <pb n="64" />
        30  Wittekinds  des  Großen  Tod.

longobardische  Reich  der  Gewalt  und  dem  Gluͤck  seiner  Waf—
sen,  Spanien  der  Ohnmacht  der  Sarazenen  und  der  Klugheit
  seiner  Generale,  Aquitanien  der  Furcht  seines  Namens,
Britanien  seinem  General  Ardulfum,  Sachsen  der  freiwilligen
  Ergebung  Wittekinds  des  Großen,  und  das  romische
Reich  den  Intriguen  der  Päbste  und  dem  Vergleich  mit  den
griechischen  Kaisern  zu  verdanken.  Wenn  man  den  Glanz,
welchen  das  politische  System,  das  Glück  und  eine  Menge
Zufaͤlle,  deren  Carl  sich  zu  bedienen  wußte,  von  seiner  moralischen
  Größe  trennt,  wenn  man  das  Unglück,  das  Wittekind
  beständig  sein  ganzes  Leben  hindurch  verfolgte,  die  Lage,
in  der  er  sich  befand,  die  Umstände,  die  seine  Größe  zu
verdunkeln  scheinen,  von  seiner  moralischen  Größe  trennt
und  dann  Beide  in  dem  wahren  Lichte,  das  die  Geschichte
über  ihren  Charakter  wirft,  mit  einem  tiefern  Blick  betrachtet,
  so  wird  es  gewiß  schwer  zu  entscheiden,  welcher  von
Beiden  den  gegründetsten  Anspruch  auf  den  Namen  des
Großen  hatte.  Wäre  Wittekind  an  Carl's  Stelle  geboren
worden,  so  würde  er  nicht  die  Grausamkeiten  Carl's  begangen,
  nicht  fremde  Länder  unrechtmäßig  an  sich  gerissen,  nicht
die  Religion  zu  politischen  Absichten,  mit  Aufopferung  ihrer
heiligsten  Pflichten  gebraucht,  nicht  Spanien,  AqNuitanien
und  Sachsen  mit  Feuer  und  Schwert  verwüstet,  nicht  ein
freies  Volk  mit  unaufhörlichen  Kriegen  uberzogen  und  zu
tausenden  haben  schlachten  lassen.  Ware  Wittekind  an  Carl's
Stelle  geboren  worden,  so  würden  seine  Nachbarn  mehr
Ruhe,  mehr  Ehrfurcht,  seine  Unterthanen  mehr  Liebe,  mehr
Treue,  seine  Nachkommen  ein  glücklicher  und  tugendhafteres
Vorbild  gehabt  haben.  Carl's  Verdienste  um  die  Kirche,
um  die  Wissenschaften  und  Künste,  um  die  Staatsverbesserung
  und  Polizei,  um  die  Anbauung  der  Länder  und  Staͤdte,
um  die  Disciplinirung  der  Armeen,  und  seine  unermüdete
Wachsamkeit,  eine  erworbene  Größe  durch  ein  siebzigjähriges
Leben  ungeaͤndert  zu  erhalten,  haben  ihm  die  erste  Stelle
gegeben.  Wittekind,  an  seiner  Stelle  geboren,  würde  vielleicht
  in  unserem  Andenken  ohne  Jenes  Fehler  eine  noch  gro-Here
  haben.“
        <pb n="65" />
        Wittekinds  des  Großen  Tod.  31

„Ohne  Wittekind's  Zeitalter,  ohne  die  oͤfteren  saͤchsischen
Kriege,  wuͤrde  Carls  Groͤße  vielleicht  nicht  denjenigen  Grad
der  Hoheit  erlangt  haben,  den  ihm  seine  bestaͤndigen  Siege
uͤber  die  Sachsen  verschafften.  Neben  einen  bestaͤndigen
Sieger  gestellt,  bei  immerwaͤhrenden  Ungluͤcksfaͤllen,  bei  der
Anfuͤhrung  eines  flüchtigen,  immer  geschlagenen  und  widerspenstigen
  Volkes  gleichwohl  den  Namen  des  Großen  zu  erlangen,
  selbst  in  den  demüthigendsten  Handlungen  seines  Lebens
groß  zu  seyn,  in  dem  Teiumph  seines  Ueberwinders  noch
eben  so  zu  scheinen,  diese  Größe  war  nur  einem  Wittekind
vorbehalten.  Man  verliert  die  Größe  Carl's  aus  den  Augen,
man  vergißt  sie,  so  zu  sagen,  neben  dem  Auftritt  des  unglücklichen
  Wittekind's,  dem  seine  Verdienste  die  erste  Stelle
und  das  Glöck  nur  die  zweite  gab.“  —

Derruhige  Beobachter  wird  diesem  Vergleiche  nur  beistimmen
koͤnnen.  Carl  der  Große  war  der  siegende  Achill,  den  das  Glück
allenthalben  mit  seiner  Aegide  deckte,  der  einen  Vertrag  mit  dem
Schicksale  geschlossen  zu  haben  schien,  dem  innere  Kraft  und  außeres
  Glück  gleichsehr  Bahn  brachen,  dem  Alles  gelang,  was  er
nur  unternehmen  mochte.  Wittekind  war  der  Titane,  der  jederzeit,
  außer  seinem  Feinde,  auch  noch  mit  seinem  zermalmenden
  Mißgeschick  ringen  mußte.  Zwischen  ihn  und  seinen
Gegner  warf  sich  stets  das  eiserne  Schicksal,  diesen  schuͤtzend,
ihn  selbst  bekämpfend.  Carl  ward  beinahe  unwillkührlich
von  dem  Fluge  einer  siegenden  neuen  Zeit  und  Glaubens-=lehre
  selbst  zum  Siege  mit  fortgerissen,  und  kränkelt  insofern
  auch  etwas  an  der  modernen  Romantik  eines  Glaubens-=helden.
  Wittekind  aber,  der  letzte  Kämpfer  eines.  untergehenden
  Glaubens,  gleicht,  in  seinem  düstern  Heldenernste,  dem
Odin,  der  seine  Götterdämmerung  ahnet  und  die  Helden
seines  Walhalla  waffnet,  obschon  er  weiß,  daß  er  und
seine  Göttersdhne  fallen  werden.  —  —

Nach  Wittekinds  geschehener  Taufe  und  Aussdhnung  mit
Carl  dem  Großen,  welche  er  nach  Kräften  auch  auf  sein
Volk  auszudehnen  strebte,  dauerte  gleichwohl  der  Widerstand
sowohl  der  heidnisch  gebliebenen,  als  auch  vieler  durch  fränkische
  Lanzen,  nicht  aber  durch  Ueberzeugung  zum  christlichen
        <pb n="66" />
        791

32  Unterwerfung  und  Bekehrung  der  Sachsen.

Glauben  getriebenen  Sachsen  noch  eine  geraume  Weile  fort.
Die  Hunnen,  ein  tatarischer  Stamm,  welcher  im  vierten
Jahrhundert  hinter  dem  schwarzen  Meer  hervorgebrochen,
und,  außer  dem  heutigen  Ungarn,  wiederholte  Male  Deutschland
  uͤberschwemmt  hatte,  beunruhigten  im  Jahre  791  von
neuem  die  fraͤnkischen  Besitzungen.  Carl  ließ,  unter  seinem
Feldherrn  Dietrich,  ihnen  im  Jahr  793  eine  aus  Friesen  und
Sachsen  vereinigte  Heeresmacht  entgegengehen.  Aber  die
Sachsen  —  eingedenk,  daß  sie  Dietrich's  Heer  schon  einmal
bei  dem  Berge  Süntel  vernichtet  hatten,  und  ihres  alten
Hasses  gegen  die  Franken  unvergessen,  fielen,  beim  llebergange
  über  die  Weser,  über  das  Hintertreffen  her  und  hieben
  es  zum  großen  Theile  nieder.  Trotz  dieses  unerwarteten
Schlages,  welchem  sich  auch  noch  ein  plötzlicher  Einfall  der
Sarazenen  in  Barcellona  beigesellte,  schlug  Carl  dennoch  die
Hunnen  auf  mehrern  Seiten  blutig  zurück,  griff  sic  nachdringend
  in  ihrem  eignen  Lande  an,  zerstdrte  ihre  Festungen
und  strafte  sie  gewaltig  für  ihre  Kühnheit.  Nach  Besiegung
der  Hunnen,  drang  er  794  mit  zwei  mächtigen  Heeren  auf
die  Sachsen  ein,  welche,  durch  seine  Nähe  geschreckt,  ohne
Schwertschlag  sich  ihm  ergaben,  Geiseln  stellten  und  um
Frieden  baten.  Carl  nahm,  vielleicht  auf  Wittekind's  Fürbitten,
  die  Geiseln  an,  versetzte  aber  den  dritten  Mann  aus
dem  sächsischen  Volke  nach  Frankreich,  um  dadurch  die  innere
Kraft  und  Gesammtheit  dieser  ruhelosen  Empörer  zu  schwächen.
  Diese  Aushebungen  wiederholten  sich  bei  nochmaligen
Empdrungen  der  Sachsen.  Der  letzte  Feldzug  gegen  sie  faͤllt
in  das  Jahr  802  und  endigte  sich  mit  der  voͤlligen  Unterwerfung
  der  Sachsen  und  ihrer  Bekehrung  zum  Christenthume.
  Sie  waren  nunmehr  mit  den  Franken  zu  einem
Volke  vereinigt,  und  erkannten  —  jedoch  mit  Beibehaltung
ihrer  Rechte  und  Freiheiten  —  den  Kaiser  als  obersten  Lehnsherrn
  an.  Sie  wurden  nach  üblichen  sächsischen  Rechten
beherrscht  und  gerichtet,  wurden  den  Franken  in  Allem  gleich
geachtet,  demzufolge  auch  zu  den  deutschen  Reichstagen  gezogen,
  und  zahlten  ihre  Zehnten  nicht  sowohl  an  den  Kaiser,
als  an  Gott,  d.  h.  die  Kirche,  mit  Ausnahme  der  erforder-
        <pb n="67" />
        Unterwerfuns  und  Bekehrung  der  Sachsen.  33

lichen  kaiserlichen  Hof-,  Reichs=  und  Landessteuern.  Ueberhaupt
  versteckte  Carl,  nachdem  er  sich  der  Sachsen  einmal
so  ziemlich  versichert  hatte,  seinen  angeborenen  Despotensinn
hinter  Großmuth  und  Leutseligkeit;  er  suchte  durch  Freigebigkeit
  die  sächsischen  Großen  für  sich  zu  gewinnen  und  das
Volk  durch  Beibehaltung  seiner  alten  Rechtsgebräuche  das
Joch,  welches  er  ihm  überwarf,  vergessen  zu  machen.  Kurz,
Carl  wäre  den  Sachsen  ein  recht  leidlicher  Herrscher  gewesen,
hätte  er  ein  besseres  Recht  zu  diesem  Hertscherthume  gehabt,
und  hätte  man  nicht  immer  sich  erinnern  müssen,  daß  er  —
welcher  jetzt  dem  unterjochten  Volke  ein  milder  Landesvater
zu  seyn  strebte  —  einst  der  Tyrann  und  Würger  des  freien
Volkes  gewesen  war.

Zweiter  Abschnitt.

Theilung  des  fränkischen  Reichs  unter  Ludwigs  des

Frommen  Söhnen.  —  Kämpfe  gegen  die  Serben

und  Unterwerfung  derselben.  Stiftung  der  Mark
Meißen.  Heinrich  I.  —  Otto  I.  Markgraf  Gero.

Die  besonnene  Kraft,  mit  welcher  Carl  der  Große  den
durch  Volkerstämme  der  verschiedensten  Gattung  gleichsam
durchäderten  Klumpen  der  eroberten  Reiche  zusammenzuhalten
und  vor  einem  Zerfallen  zu  bewahren  verstand,  ging  nicht
auf  seine  Erben  über.  Es  gehdrte  auch  noch  mehr  dazu,
sie  zu  erhalten,  als  sie  zu  erobern.  Die  wunderliche  Fronie
des  Weltgeistes  wollte  es,  daß  dem  gigantischen  Vater  ein
schwächlicher,  geistig  siecher  Sohn  folgen  sollte.  Dies  war
Ludwig.  Die  Geschichte  konnte  einem  Kénige,  welcher  in
diese  Verhältnisse  eintrat,  keinen  zweideutigern  Beinamen
verleihen,  als  den  des  frommen.  Er  konnte  dem  wilden
Gewirre  der  Umstände,  dem  Sturme  einer  regellos  bewegten
Zeit  nichts  entgegensetzen,  als  ein  gutes,  mildes  Herz  und
fromme  Gebete.  Mit  Leib  und  Seele  ein  Vasall  der  herrschsüchtigen
  Geistlichkeit  und  einer  eigenwilligen  Gattin,  reizte
3
        <pb n="68" />
        813

31  Thellung  des  fränkischen  Reiché.

er  nicht  nur  den  Uebermuth  der  Großen  gegen  sich  auf,  sondern
  er  zog  sich  —  einer  Seits  durch  die  Ränkesucht  seiner
Gängler,  anderer  Seits  durch  seine  eigne  Nachgiebigkeit  —
in  seinen  drei  Sohnen  erster  Ehe  eine  Empdrung  groß,  die
schweren  Kummer  auf  das  Haupt  des  guten,  aber  willenlosen
  Fürsten  häufte.  Fast  möchte  man  annehmen,  daß  das
Schicksal  in  dem  Unglück  Ludwigs  des  Frommen  eine  rächerische
  Vergeltung  an  dessen  Vater,  wenn  auch  erst  über
dessen  Grabe,  ausgeübt  hat,  indem  es  Carl  dem  Großen,
der  so  oft  die  Religlon  heuchlerisch  zum  Deckmantel  ehrund
  habsüchtiger  politischer  Pläne  entwürdigt  hatte,  einen
Sohn  zum  Nachfolger  gab,  der,  zu  seinem  Verderben,  sich
durch  seine  wirkliche  Frömmigkeit  eben  so  sehr  in  seiner
Thatkraft  hemmen  und  entnerven  ließ,  eben  so  viel  durch
sie  verlor,  als  Carl  mit  seiner  erheuchelten  Frômmigkeit  zu
agiren,  zu  wuchern  und  zu  gewinnen  wußte.  Während,
durch  Ludwigs  Kraftlosigkeit  genährt,  innere  Kriege  an  dem
noch  jungen  Staatsgebaude  des  heimgegangenen  großen  Carls
rüttelten,  machten  sich  die  fremden,  unterjochten  Völker  diese
Unordnung  zu  Nutze  und  entzogen  sich  dem  Joche,  welches
Carls  System,  hin  und  wieder  zwar  scheinbar  locker,  aber
desto  fester  und  haltbarer,  ihnen  umgelegt  hatte.  Ja,  als
Ludwig  das  kummerschwere  Vaterhaupt  zum  Todesschlummer
beugte,  wütheke  der  Kampf  noch  unter  seinen  Söhnen  gegen
einander  fort.  Die  Vermittelung  der  Großen  endigte  noch  zu
rechter  Zeit  diesen  Bruderkrieg,  welcher  Carl  des  Großen
Schspfung  in  ihrem  innersten  Herzen  zu  vernichten  drohte.
Die  drei  Brüder  schritten,  in  Folge  des  Vertrags  zu  Verdun,
  zu  einer  Theilung  der  durch  Carl  den  Großen  gewonnenen
  Länder.  Lothar  erhielt  die  Kaiserkrone,  mit  ihr  Italien,
  Heloctien  und  Lothringen,  Carl  (der  Kahle  genannt)
Frankreich,  und  Ludwig  Deutschland,  zu  welchem  auf  dem
linken  Rheinufer  die  Städte  Mainz,  Worms  und  Speyer
mit  ihren  Gebieten  kamen.  Hierdurch  ward  Deutschland  ein
selbstständiges  Reich,  welches  es  auch  blieb  und  das  die
Sachsen,  Franken,  Baiern,  Alemannen,  Friesen  und  Thüringer
  als  einzelne  Vöôlkerschaften  in  sich  vereinigte.
        <pb n="69" />
        Deutschland  als  selbsistndiges  Reich.  35

Durch  diese  ersprießliche  Ausschdlung  Deutschlands  aus
einer  Masse  verworrener  Verhältnisse  und  verfeindeter  Elemente
  gelangte  dieses  Reich,  nach  längerm  Schwanken  und
Siechthume,  allmälig  wieder  zu  Kräften,  und  Ludwig  wirkte
zweckmáßig  darauf  hin,  diesen  für  Deutschland  gewonnenen
innern  Halt  immer  mehr  zu  begründen  und  zu  befestigen.
Er  suchte  sich  gegen  die  häufigen  raduberischen  Einfälle  der
slavischen  Vodlkerschaften  —  wie  die  Serben,  Czechen,  Obotriten
  2c.  2c.  —  durch  Anlegung  von  Burgen  und  festen
Plätzen  zu  schützen  und  erlaubte,  aus  gleicher  Absicht,  seinen
größern  Vasallen,  Burgen  zu  gründen.  Er  setzte  tapfere
und  geprüste  Männer  zu  Gränzwächtern  ein,  unter  denen
uns  Ludolf,  als  Herzog  von  Sachsen  und  muthmaßlicher
Abkdmmling  von  Wittekind  dem  Großen,  am  bemerkenswerthesten
  ist.  Obschon  diese  Würde,  mit  welcher  Ludolf
bekleidet  ward,  keine  erbliche  war,  so  ward  sie  es  doch  in
einem  gewissen  Sinne  durch  seine  Macht  und  seinen  Einfluß.
  Die  Frage  dieser  Erblichkeit  führte  später  zu  einem
Kriege.  Man  wollte  von  Heinrich,  dem  Sohne  des  sächsischen
  Herzogs  Otto,  verlangen,  daß  er,  nach  dem  Tode
seines  Vaters,  dessen  Lehen  vorerst  in  die  Hände  des  Königs
  niederlegen  sollte,  wodurch  ihm  diese  wahrscheinlich  für
immer  entzogen  worden  wären.  Aber  der  muthige  Füngling
griff,  ohne  sich  weiter  auf  Erklärungen  einzulassen,  zu  den
Wasffen,  und  verjagte  diejenigen,  welche  man  wahrscheinlich
in  seines  Vaters  Lehen  eindrängen  wollte.  Da  diese  Vertriebenen
  die  Söhne  des  verstorbenen  thüringischen  Markgrafen
  Burchard  waren  und  Heinrich  ihre  Besitzungen  unter
seine  Vasallen  vertheilte,  so  verschwimmt  hierdurch  der  Riß,
welcher  bisher  Sachsen  und  Thüringen  trennte,  und  beide
Länder  fliessen  von  nun  an  mehr  in  Eines  zusammen.  Vom
Kdnig  Konrad,  dem  er  den  Gehorsam  verweigert,  mit  Krieg
bedroht,  stellte  sich  Heinrich  demselben  kühn  entgegen,  schlug
bei  Eresburg  dessen  Bruder  und  bewährte  einen  solchen
Muth,  daß  der  König,  statt  ihm  zu  zürnen,  ihn  bewunderte
  und  ihn  sogar,  mit  Uebergehung  seines  eigenen  Bruders,
  den  deutschen  Fürsten  als  Nachfolger  auf  dem  deutschen

3*
        <pb n="70" />
        919

36  Heiurich  v.  Sachsen  auf  d.  deutschen  Throne.

Throne  vorschlug.  Diese  so  voͤllig  partheilose  Empfehlung
des  sterbenden  Koͤnigs  verfehlte  ihr  Ziel  nicht;  und  so  bestieg
  im  Jahr  919  Heinrich  von  Sachsen  den  deutschen
Thron.  Der  Zufall,  welcher  es  fügte,  daß  die  Nachricht
seiner  Erhebung  auf  Deutschlands  Thron  ihn  just  auf  der
Finkenjagd  traf,  brachte  dem  starken  Fürsten  den  unpassenden
  und  bedeutungslosen  Beinamen  des  Finklers  oder  Voglers
  zuwege,  den  man  jedoch  durch  den  geeignetern  Beinamen
des  Großen  mit  Recht  zu  verdrängen  suchte,  welchen  wiederum
  ein  neuerer  Geschichtschreiber)  durch  die  noch  passendere
  Beziehung:  Heinrich  der  Gewaltige  oder  Heinrich  der
Sachse,  abgelöset  wissen  will.  —

Heinrich  betrat  einen  durch  die  Schwäche  und  Unentschlossenheit
  seiner  frühern  Besitzer  ziemlich  verwahrlosten
Thron.  Innere  Uneinigkeit,  Uebermuth  der  Vasallen  zehrten
an  der  Ruhe  der  Länder,  welche  von  aussen  her  durch  rauberische
  Streiszüge  wilder  Volker,  wie  der  Serben  und  Ungarn,
  noch  gefahrvollere  Stoße  auszuhalten  hatte.  Beide
mußten,  zumal  die  von  den  Slaven  eingenommenen  deutschen
  Orte  den  Ungarn  immer  zum  Durchzuge  offen  standen,
vollig  besiegt  werden.  Um  es  mit  den  beiden  Feinden  auf
einmal  aufzunehmen,  hatte  er  im  Laufe  seiner  erst  kurzen
Regierung  noch  nicht  die  erforderlichen  Kräfte  sammeln,  seine
deutschen  Krieger  noch  nicht  hinlänglich  bilden  können.  Es
war  ihm  daher  ein  erwünschter  Zufall,  daß  er  im  Jahr  924
in  einem  Kampfe  mit  den  Ungarn  an  der  Werla,  nachdem
sie  abermals  einen  Räubereinfall  gewagt  hatten,  einen  ihrer
Hauptanführer  gefangen  nahm,  den  er  nicht  eher  wieder
frei  gab,  bis  die  Ungarn  ihm  einen  neunjahrigen  Wassenstiüstand
  zugestanden.  So  von  einer  Seite  auf  bestimmte
Zeit  Ruhe  habend,  befestigte  Heinrich,  zur  Vertheidigung
gegen  die  Einfälle  der  Ungarn,  mehrere  offene  Plätze,  indem
er  sie  mit  Mauern  umgab,  gründete  neue  Städte  und  bildete
  neue  Heeresmassen,  vorzüglich  leichte  Reiterei,  welche

—

*)  Böttiger  in  seiner  Geschichte  des  Kurstaates  und  Königreichs
Sachsen.  Hamburg,  1830.  *i
        <pb n="71" />
        Unterwersung  der  Slaven.  37

ihm  in  den  bevorstehenden  Kaͤmpfen  mit  den  Barbaren  die
besten  Dienste  leisten  konnte.  Dann  dachte  er  zuerst  auf
voͤllige  Unterjochung  der  Slaven.  Demzufolge  führte  er  seine
deutschen  Krieger  über  die  Elbe,  und  da  der  strenge  Winter
von  926  —  927  die  Havel  so  dick  mit  Eis  überzogen  hatte,
daß  der  Zugang  zu  der  Hauptstadt  der  Heveller  oder  Wilzen,
  Brennabor  (Brandenburg)  frei  ward,  so  rückte  er  davor
  und  zwang  sie  zur  Uebergabe.  Hierauf  warf  er  sich  auf
die  weiter  nördlich  wohnenden  Redarier,  und  brachte  sie  unter
  seine  Herrschaft,  nahm  sodann,  nach  einer  zwanzigtägigen
  Belagerung,  die  Hauptstadt  der  Daleminzier,  Gana,
ein,  drang  in  Böhmen  vor,  belagerte  Prag  und  zwang  den
dortigen  Fürsten  Wenzel  zur  Erbietung  eines  jährlichen  Tributes,
  besiegte  die  Milziener  und  Lusizier,  nahm  den  Dänen
die  Mark  Heitiba  weg  und  befestigte  die  meisten  dieser  eroberten
  Plätze,  so  wie  seine  Erbländer,  durch  Burgen.
Nachdem  er  auf  solche  Weise  in  rasch  aufeinander  folgenden
Siegen  die  sämmtlichen  slavischen  Stämme  zur  Ruhe  verwiesen
  hatte,  verstrich  mittlerweile  die  Zeit  des  Waffenstillstandes
  mit  den  ungarn.  Da  man  letteren  den  geforderten
Zins  verweigerte,  so  brachen  sie  gegen  die  Gränzen  der  Daleminzier
  auf  und  verlangten  zugleich  von  diesen  ihren  älteren
Bundesgenossen,  die  ihnen  immer  zu  den  Einfällen  in  Deutschland
  den  Paß  geöffnet  hatten,  auf's  neue  Unterstützung.
Wahrscheinlich  mochten  aber  dazumal  die  Ungarn  die  Bereitwilligkeit
  ihrer  Verbündeten  durch  an  ihnen  selbst  verübte
Räubereien  belohnt  haben;  denn  die  Daleminzier  nahmen
ihre  diesmalige  Einladung  zur  Bundesgenossenschaft  sehr
spröde  auf,  ja,  der  gewöhnlichen  Sage  nach,  sollen  sie  ihnen,
  als  Antwort,  einen  fetten  Hund  verehrt  haben.  Die
Ungarn  behielten  auf  ihrem  schnellen  Durchzuge  nicht  Zeit,

diese  Schmeichelei  nach  ihrer  Weise  zu  erwiedern,  und  während

  ein  Theil  ihrer  Krieger  sich  vor  die  befestigte  Stadt
eines  reichen  thüringischen  Edlen,  des  Wido,  legt  und  sie
belagert,  dringt  der  andere  Theil  tiefer  in  Thüringen  ein.
Allein  der  thöringische  Heerbann,  unter  Anführung  des  Grasen

  Siegseied  und  des  mit  seinen  Kriegern  zu  ihm  gestoße-
        <pb n="72" />
        933

38  Vertreibung  der  Ungarn.

nen,  wahrscheinlich  sächsischen  Grasen  Hermann,  schlägt
diese  letztere  ungarische  Heeresabtheilung  auf  das  Haupt  und
zerstreut  sie  völlig.  Dieser  Unfall  veranlaßte  das  noch  ungeschlagene
  ungarische  Hauptheer,  schneller  auf  das  königliche
  Heer  loszugehen,  ehe  dasselbe  noch  durch  die  Nachricht
von  dem  Siege  des  süchsisch  =  thüringischen  Heerbannes  ermuthigt,
  mit  doppeltem  Feuer  schlagen  werde.  Heinrich  stand
nördlich  vom  Harz  bei  Radi;  er  hatte  sein  deutsches  Heer
schon  um  sich  versammelt  und  wartete  nur  noch,  daß  die
Friesen  zu  ihm  stoßen  sollten.  Hier  traf  ihn  sowohl  die
Nachricht  von  dem  bereits  gewonnenen  Siege,  als  auch  daß
die  Hauptabtheilung  der  Ungarn  schon  im  Anzuge  gegen  ihn
sey.  Ohne  nunmehr  erst  die  Ankunft  der  Friesen  abzuwarten,
geht  er  am  folgenden  Tage  den  Ungarn  entgegen,  schlägt  sie
gänzlich,  crobert  ihr  Lager  nebst  der  sämmtlichen  darin  vorgefundenen
  Beute,  verfolgt  die  Flüchtigen  bis  nach  Dalemincien
  und  an  die  Elbe,  und  führt  nach  diesem  glorreichen
Siege,  welcher  Deutschlands  Gränzen  von  den  Barbaren
gereinigt  hatte,  sein  Heer  in  die  Winterquartiere  und  nach
Nordthüringen  zuräck.

Aber  ungeschreckt  von  der  blutigen  Warnung,  die  sie
erfahren,  wagten  schon  im  folgenden  Jahre  die  Ungarn  einen
neuen  Einfall.  Bei  ihrer  Annäherung  zog  Heinrich  ihnen  in
den  Hassegau  entgegen,  verleitete  sie,  indem  er  ihnen  eine
Schaar  schlecht  bewaffneter  Thüringer  zeigte,  sich  näher  an
ihn  heran  zu  wagen,  und  schlug  sie,  trotz  ihres  hartnäckigen
und  verzweifelten  Widerstandes,  der  verschiedene  Male  den
Ausgang  zweifelhaft  machte,  endlich  so  nachdrücklich,  daß
die  Mehrzahl  derfelben  niedergehauen  oder  gefangen,  oder  in
die  nahe  Saale  —  denn  die  Schlacht  fiel  bei  Merseburg
vor  —  gesprengt  wurde.  Der  Berlust,  den  die  Ungarn  erlitten,
  war  so  furchtbar,  daß  ihrer,  ausser  den  Gefangenen
und  Ertrunkenen,  36,000  Mann  geblieben  seyn  sollen.  Dieser
  glänzende  Sieg  rettete  nicht  nur  Deutschland  so  ziemlich
vor  weitern  Einfällen  der  Ungarn,  sondern  beraubte  auch
die  Slaven  ihrer  mächtigsten  Stütze,  und  Heinrich  bändigte
        <pb n="73" />
        Gründung  der  Mark  Meissen.  —  Heinrichs  Tod.  39

durch  neue  Siege  die  noch  nicht  gehdrig  unterworfenen  slavischen
  Stämme,  namentlich  die  Uckern,  vollig.

In  welchem  Jahre  Heinrich,  zur  Abwehr  gegen  Empoͤ-rungen
  der  Slaven,  die  Mark  Meißen  gegründet  und  mit
einer  Burg  versehen,  bleibt  ungewiß.  Da  Meißen  in  dem
Gau  der  Dalemincier  lag,  so  kann  auch  seine  Gründung
und  die  dortige  Festsetzung  der  Deutschen  nicht  vor  der  Unterwerfung
  der  Dalemincier  geschehen  seyn);  dies  würde
sonach  ins  Jahr  928  fallen.  Gleicher  Ungewißheit  unterliegt
die  Abkunft  des  Namens  Meissen,  welchen  man  in  der  Regel
  und  auf  ziemlich  gute  Zeugnisse  gestützt  *)  von  dem
Flüßchen  Misni,  Meisse  ableitet.  Vielleicht  gab  auch  das
lateinische  Wort  meta  (Gränzstein),  oder  limes  (Gränze),
hier  mit  allmäáliger  Weglassung  der  ersten  kleinern  Sylbe,
Veranlassung  zu  diesem  Namen.

Die  Unterwerfung  der  Uckern,  welche  in  einem  einzigen
Feldzuge  bewerkstelligt  wurde,  war  Heinrichs  letzte  Waffenthat;
  er  starb  den  2.  Juli  936.  In  ihm  trat  ein  Fürst
vom  Schauplatze,  welcher  vollkommen  den  Ansprüchen  seiner
Zeit  gewachsen  war.  Es  bedurfte  gegen  den  Empdrungsgeist
  der  Slaven,  gegen  die  räuberischen  Einfälle  der  Ungarn
  eines  starken,  kriegerischen  Geistes,  der,  wie  über  den
boͤsen  Willen  dußerer  Feinde,  auch  über  den  unruhigen  Sinn
innerer  Vasallen  wachte,  und  den  blutig  erkämpften  Frieden
kräftig  festzuhalten  und  zu  sichern  verstand.  Alles  dies  erfüllte
  Heinrich  auf  das  Befriedigendste,  und  hätte  nicht  die
tosende  Zeit  den  gewaltigen  Mann  zu  ruhtlos  in  ihren  Fluten
  mit  fortgerissen,  so  würde  er,  neben  der  Stärke  seines
Geistes,  wie  seines  Armes,  gewiß  auch  schöne  und  liebenswürdige
  Eigenschaften  des  Herzens  entwickelt  haben.  Er
war  bestimmt,  sich  mehr  als  Held  und  Fürst,  denn  als
Mensch  uns  zu  zeigen,  obschon  er  gewiß  in  jeder  Hinsicht
  unserer  Bewunderung  werth  gewesen  seyn  würde.
Muth,  Schnelle  und  Besonnenheit  vereinigten  sich  vollkom-*)

  v.  Leutsch:  Markgraf  Gero.  Leipzig  18286.
)  Ditlmari  Cbronica.
        <pb n="74" />
        40  Qtto  J.

men  in  ihm,  und  sein  Volk  mag  es  ihm  danken,  daß  er
ein  saͤchsisches  Heldengeschlecht  auf  den  Thron  brachte  und
seinen  Sachsen  stets  Gelegenheit  gab,  in  den  Kämpfen  gegen
  ungestuͤme  Feinde  ihre  Kraft  und  Tapferkeit  zu  bewaͤhren!


Trotz  seines  unermuͤdlichen  Kaͤmpfens  fuͤr  den  Frieden,
hinterließ  Heinrich  dennoch  seinem  Sohne  und  Nachfolger  den
Krieg,  als  Erbtheil.  Otto,  Heinrichs  aͤltester  Sohn,  welcher
nach  des  Vaters  Tode  zum  Koͤnig  der  Deutschen  gewaͤhlt  ward,
hatte,  sogleich  bei  seiner  Thronbesteigung,  in  Böhmen  ausgebrochene
  Unruhen  zu  dampfen.  Der  durch  Heinrich  den
Deutschen  zinsbar  gemachte  christliche  Böhmische  Herzog
Wenzel  (der  Heilige)  war  von  seinem  heidnischen  Bruder
Boleslav  ermordet  worden.  Letterer  versagte,  sobald  er  sich
auf  den  Thron  seines  Bruders  geschwungen,  dem  König  Heinrich
  diesen  Zins  und  beleidigte  oder  tddtete  die  an  ihn  geschickten
  deutschen  Herren.  Ein  den  Deutschen  treuer  Unterfürst
  in  Böhmen  ward  sammt  den  deutschen  Hülfstruppen,  die
man  ihm  sendete,  von  Boleslav  geschlagen  und  vertrieben.
Sofort  brach  Otto  in  Böhmen  ein,  zwang  die  Empkrer  unter
  die  deutsche  Zinsbarkeit  zurück  und  schaffte  Ruhe.

Ermuthigt  durch  den  Tod  Heinrichs,  ihres  großen  Ueberwältigers,
  wagten  nach  kaum  einem  Jahre,  die  Ungarn  schon
wieder  in  Deutschland  einzufallen,  durchzogen  und  verwüsteten
  Baiern,  Franken  und  Schwaben,  wendeten  sich,  von
einer  durch  Otto  erlittenen  Niederlage  gedrängt,  bei  Worms
über  den  Rhein,  drangen  verheerend  durch  Elsaß,  Lothringen
und  Frankreich  bis  an  das  Meer  vor  und  gingen  sodann
durch  Baiern  und  Italien  in  ihre  Heimath  zurück.  Verleitet
  durch  diese  glücklichen  Züge  und  nach  vermehrter  Beute
geizend,  brachen  sie  im  folgenden  Jahre  wiederum  in  Deutschland
  ein.  Doch  diesmal  wurden  ihre  Räuberzüge  von  einem
minder  günstigen  Erfolge  gekrdnt.  Eine  ungarische  Heeresabtheilung,
  durch  üble  Witterung  und  schlechte  Wege  ermädet
  und  in  Unordnung  gebracht,  ward  von  der  ausfallenden
Besatzung  des  Klosters  Stetternburg  bei  Wolfenbüttel  tüchtig
  zusammengehauen  und  in  die  Flucht  getrieben.  Auf  dem
        <pb n="75" />
        Markgraf  Gero.  41

Räckwege  aber  wurde  der  Rest  dieser  ungarischen  Abtheilung,
durch  die  Besaungen  der  benachbarten  Festungen  Hebesheim
und  Werla  gänzlich  aufgerieben.  Ein  gleiches  Loos  erfuhr
eine  andere  ungarische  Abtheilung,  welche,  durch  einen  heimlich
  von  den  Sachsen  gewonnenen  slavischen  Wegweiser  listig
in  einen  sumpfigen  Wald  gefuͤhrt,  dort  von  den  Sachsen
umringt,  zum  groͤßten  Theil  niedergehauen  und  die  Uebrigen,
nebst  ihrem  Anfuͤhrer,  gefangen  wurden.  Diese  Niederlagen
bewogen  die  uͤbrigen,  an  der  Bode  gelagerten  Ungarn,  nicht
weiter  vorzudringen,  sondern  eilig  in  ihre  Heimath  zuruͤckzukehren.


Nach  dem  im  naͤmlichen  Jahre  erfolgten  Tode  des  saͤchsischen
Grafen  Siegfried,  theilte  Otto  dessen  Herrschaft  dem  Markgrafen
  Gero  *)  zu,  welcher  ihm  vielleicht  in  den  vorangegangenen
  Kaͤmpfen  gute  Dienste  geleistet  hatte  und  dadurch  am
besten  berufen  war,  die  deutsche  Graͤnze  gegen  die  Meutereien
der  Serben  zu  schuͤtzen  und  dem  Berufe  eines  Gränzgrafen
dadurch  kraftig  zu  entsprechen.  Dies  erbitterte  des  Koͤnigs
aͤlteren  Halbbruder  Thankmar,  welcher  —  da  er  des  verstorbenen
  Siegfrieds  naͤchster  Verwandter  —  auf  deffen  erledigte
Mark  Anspruͤche  machte.  Da  er  nicht  gehoͤrt  wurde,  ging  er  zu
dem  noch  lebenden  Bruder  Koͤnig  Conrads,  dem  Herzog  Eberhard
  von  Franken,  der  —  weil  er  fruͤher  in  Mißhelligkeiten
mit  Koͤnig  Otto's  anderem  Bruder  Heinrich  gerathen,  und
von  Otto  dafuͤr  bestraft  worden  war  —  eben  zu  Feindseligkeiten
  gegen  Letztern  zu  schreiten  im  Begriff  stand.  In  dem
darauf  entbrannten  Kampfe  errangen  Eberhard  und  Thankmar
  anfangs  einige  Vortheile,  indem  sich  der  mit  Otto  gespannte
  Graf  Wichman  und  Herzog  Hermann  von  Schwaben
zu  ihnen  sthlugen;  doch  fiel  in  dem  von  Otto  belagerten  Eresburg,
  Thankmar  durch  die  voreilige  Waffe  eines  Kriegers  am

*)  Nach  v.  Leutsch's  Angabe  begriff  Gero's  Mark  in  sichz  1)  die
Mark  Merseburg  mit  Zeitz,  Meißen  und  der  Mark  Christians
  (Gau  Serimunt  oder  das  vierte  Stück  von  Nordthüringen),
  nebst  der  Aufsicht  über  Lausitzer  und  Milziener  und  dem
Grenzkrieg  gegen  Boleslav  von  Böhmen,  2)  die  bisherige  Mark
Gero's  nebst  der  Aufsicht  über  die  Heveller.
        <pb n="76" />
        vis

42  Markgraf  Gero.

Altar  der  Peterskirche.  Gleichwohl  setzte  Herzog  Eberhard
die  Fehde  fort;  besonders  nachdem  er  den  von  ihm  gefangenen
  Prinzen  Heinrich,  ehe  er  ihn  frei  ließ,  gegen  Otto
aufgereizt  hatte.  Eben  so  wußte  er  den  Herzog  Giselbert
von  Lothringen  in  sein  Interesse  zu  ziehen.  Der  Kampf
ward  eine  Zeit  mit  wechselndem  Glöcke  geführt,  Merseburg  —
ein  Theil  der  Mark  Gero's  —  von  den  Verbündeten  besetzt
und  von  dem  herbeieilenden  König  Otto  wieder  genommen-Die
  Fehde  endete  mit  Eberhard's  und  Giselbert's  Tode,  welche
in  ihrem  Schiffe  am  linken  Rheinufer  unversehends  von  dem
Grafen  Udo  und  Conrad  überfallen  wurden,  wobei  Eberhard
nach  tapferer  Gegenwehr  getödtet  ward,  Giselbert  aber  mit
sammt  dem  Kahne,  in  welchem  er  sich  retten  wollte,  versank;
  worauf  Prinz  Heinrich  die  Verzeihung  seines  Bruders
nachsuchte.

So  waren  durch  Thankmars,  Eberhards  und  Gieselberts
Untergang  sowohl  Gero  als  Otto  mit  einem  Male  einer
mächtigen  Gegenpartei  überhoben.  Dagegen  drohte  unter
den  an  der  Elbe  wohnenden  Slaven  neue  Empörung,  die
durch  des  Königs  vielfache  Fehden  hierzu  einen  günstigen
Zeitpunkt  gekommen  zu  sehen  glaubten.  Die  im  Verden'-schen
  Sprengel  sich  aufhaltenden  Obotriten  gaben  die  Losung
hierzu,  indem  sie  den  in  ihren  Grenzen  stehenden  Haika
sammt  seinem  Heere  erschlugen.  Ihrem  Beispiele  gedachten
die  unter  Gero  stehenden  Wenden  zu  folgen,  welchem  dreißig
ihrer  Häuptlinge  heimlich  den  Tod  geschworen  hatten.  Gero,
von  ihrem  Anschlage  in  Kenntniß  gesetzt,  stellte  sich  unwissend
  und  ihnen  freundlich  gesinnt,  lud  sie  zu  einem  Gastmahle
  und  ließ  sie  von  den  Seinigen  niedermetzeln.  Einer
der  Hauptlinge  entkam  jedoch  und  regte  die  Heveller  auf,  welche
die  unter  ihnen  wohnenden  Sachsen  und  Deutschen  verjagten.
Aber  Gero  wußte  durch  Geschenke  und  Versprechungen  einen
Fürsten  der  Heveller,  Tugumir,  zu  gewinnen,  durch  dessen
Beistand  und  Vermittelung  die  Heveller  und  Obotriken  binnen
  Kurzem  wieder  zur  Ruhe  gebracht  wurden.  Bald  darauf
  sielen  zwischen  Otto  und  seinem  Bruder  Heinrich  neue
Mißversiändnisse  vor,  welche,  auf  der  Seite  des  Legtern,
        <pb n="77" />
        Matkgraf  Gero.  43
durch  einige  unzufriedene  Edle  in  der  Mark  Gero's  unterstuͤtzt,

  zuletzt  nicht  weniger  bezweckten,  als  den  Kdnig  beie

der  im  nächsten  Jahre  941  in  Quedlinburg  zu  haltenden
Osterfeier  zu  ermorden  und  Heinrich  zum  Könige  auszurufen.
Aber  auch  dieser  Mordanschlag  ward  verrathen.  Otto  feierte
sein  Osterfest  mit  so  vieler  Vorsicht,  daß  die  Verschwornen
nicht  an  ihn  herankonnten,  und  ließ  sodann  die  Verschwornen
  ergreifen  und  hinrichten,  seinen  Bruder  aber  in  gefängliche
  Haft  führen.  Otto,  welcher  bei  so  vielfachem,  gegen
ihn  wachen  Verrathe,  diejenigen,  welche  sich  ihm  als  treu
bewährt,  doppelt  zu  schätzen  wußte,  ehrte  auch  Gero  dadurch,
  daß  er  ihm,  nach  Markgraf  Thietmars  Tode,  auch
dessen  Mark  *)  noch  verlieh,  wodurch  nunmehr  der  ganze
Halberstädter  Sprengel  unter  Gero's  ausschließlichen  Besehl
kam.  Gero's  gewaltiges  Glück  sollte  sich  bald  noch  mehren;
als  der  dem  Konig  Otto  getreue  Hevellerfürst,  Tugumir,
starb,  schlug  Otte  auch  dessen  Mark  Brandenburg  mit  dem
zwischen  der  Elbe  und  Oder  liegenden  Lande  zu  Gero's  Mark.
Man  umfaßte  die  sämmtlichen  ausgebreiteten  Besitzungen  dieses
  eben  so  sehr  vom  Glück  gekrnten,  als  durch  eine  überaus
  kluge,  wenn  auch  bisweilen  etwas  trübe  Politik  geleiteten,
  kraftvollen  Mannes  unter  dem  Namen:  Osisachsen.
Gewiß  ist  es,  daß  Gero  der  Großmuth  und  dem  außerordentlichen
  Vertrauen  seines  Königs  auf  alle  Weise  entgegen
kam  und  durch  mehrfache  wichtige  Dienste  sich  dessen  Dank
verdient  hat.  Einer  der  bedeutendsten  dieser  Dienste  war

wohl  der,  größtentheilSs  durch  ihn  errungene  Sieg  über  die

Wenden  im  Jahre  955.  Die  slavischen  Stmme  hatten  sich
neuerdings  gegen  die  Eintheilung  ihrer  Ländereien  in  Gaue,
gegen  die  Einmischung  des  Königs  in  ihre  Verfassung  empdrt,
  und,  da  man  ihnen  nicht  willfahrte,  waren  ven  ihnen

Feindseligkeiten  begonnen  worden,  die,  anfangs  von  einem

*)  Nach  Ebend.  lag  Thiletmar's  Grafsschaft  nach  der  Elbe  zu  und
erstreckte  sich  über  die  Gaue  Harthago,  Derlingo,  ein  Stück
von  Nordthüringen,  und  wahrscheinlich  auch  über  Heilanga,

Mosidi  und  Belra.  Seine  Aufsicht  richtete  sich  besonders  gegen
die  Redarter.
        <pb n="78" />
        44  Markgraf  Gero.

ziemlich  guͤnstigen  Erfolge  gekroͤnt,  ernsthafter  zu  werden
drohten.  Koͤnig  Otto  drang  gegen  sie  vor  und  fand  an  den
Ufern  der  Dosse  seine  aus  Obotriten,  Circipanern,  Redariern
und  Tollenzern  bestehenden  Feinde  sich  gegenuͤber.  Wie  ungeduldig
  auch  der  König  die  Entscheidung  einer  Schlacht  herbeiwünschte,
  so  sah  er  doch  ein,  daß  den  Feinden  in  dieser
Stellung,  wo  die  dazwischen  fliessende  Dosse  ihn  von  denselben
  trennte,  nicht  füglich  beizukommen  sey,  ja  seine  Lage
war  um  so  bedenklicher,  da  in  seinem  Rücken  umherschweifende
  Slavenschwärme  ihm  jede  Verbindung  mit  Sachsen
abschnitten,  mithin  einen  Rückzug  dußerst  schwierig  machten,
und  daher  binnen  Kurzem  Hungersnoth  über  sein  Heer  hereinzubrechen
  drohte.  Tiefbekümmert  wendete  er  sich  an  Gero,
welcher  mit  dem  wendischen  Fürsten  Stomef  eine  Unterredung
einging  und  ihm  eine  Schlacht  anbot,  welche  dieser  jedoch,
von  der  gefahrvollen  Lage  des  deutschen  Heeres  wohlunterrichtet,
  höhnend  abschlug.  Der  kampfbegierige  Gero  knirschte
über  diese  ablehnende  Antwort  und  versicherte  den  Wenden,
daß  der  morgende  Tag  unausbleiblich  die  Schlacht  und  ihre
Entscheidung  bringen  sollte.  Die  Wenden,  welche  dies  für
eine  leere  Formel  hielten,  sahen  wirklich  am  andern  Tage
zu  ihrer  Belustigung,  wie  die  Deutschen  Wurfgeschütze,  Steine
und  Pfeile  nach  dem  Ufer,  welches  die  Wenden  besetzten,
herüberschleuderten,  und  drängten  sich  begierig  dem  Orte  des
Angriffes  zu,  weil  sie  überzeugt  waren,  daß  dieser  Angriff
dem  deutschen  Heere  Vernichtung  bringen  müsse.  Während
so  der  Wenden  Aufmerksamkeit  nach  einer  falschen  Stelle
geleitet  wird,  eilt  jedoch  Gero  mit  einer  getreuen  Schaar
durch  Waldung  und  Busch  nach  einem,  eine  Meile  von
jener  Stelle  entfernten  Orte,  woselbst  der  Uebergang  möglich
  wird,  schlägt  in  bewundernswürdiger  Geschwindigkeit
drei  Brücken  über  den  Strom  und  führt  das  mit  einem  Male
ihm  nacheilende  Heer  glöcklich  hinüber.  Die  Wenden,  die
mit  Verwunderung  das  plotzliche  Verschwinden  des  schon
zum  Angriff  fertigen  deutschen  Heeres  gesehen  haben  und
weit  entfernt  sind,  die  Ankunft  des  Feindes  von  einer  andern
  Seite  her  zu  vermuthen,  werden  jählings  auf  ihrem
        <pb n="79" />
        Markgraf  Gero.  45

ufer  von  den  Deutschen  uͤberfallen,  ehe  sie  noch  in  Schlachtordnung
  getreten,  und  mit  schwerem  Verluste  —  unter  ihren
Todten  befand  sich  auch  der  um  einen  Tag  fruͤher  noch  so
uͤbermuͤthige  Stomef  —  in  die  Flucht  geschlagen.  Gero's
letzte  Waffenthat  war  ein  Sieg  uͤber  die  Polen  und  die  zu
ihnen  abgefallenen  Lausitzer,  die  er  beide  unter  seine  und
seines  Herrn  Botmaͤßigkeit,  und  dadurch  die,  durch  oͤftere
Aufstaͤnde  und  Einfälle  der  Slaven  so  oft  veränderte  Serbenmark
  in  ihr  bestimmtes  Terrain  zurück  brachte.  Er  bezahlte
  diesen  Sieg  theuer,  denn  sein  einziger  Sohn  Siegfried
deckte  die  Wahlstatt.  In  ihm  starb  für  Gero  jede  Lebensfreude,
  und  der  Preis,  für  welchen  er  ein  langes,  thätiges
Leben  durchkämpft  und  dem  Glücke  Macht  und  Reichthum
abgerungen  hatte,  war  dahin.  Er  gab  noch  zweckmäßige
Verordnungen,  um  das  ihm  gehörige  Gebiet,  welches  er
kraftvoll  und  klug  zusammen  zu  kämpfen  und  zusammen  zu
halten  verstanden,  fest  zu  stellen  und  zu  sichern.  Dann  aber
legte  er  das  weltliche  Schwert  nieder,  wallfahrete  nach
Rom  zu  St.  Petrus  Stuhl,  stiftete  das  Kloster  Gerenrode,
  ließ  sich  in  die  Brüderschaft  zu  St.  Gallen  aufnehmen,
und  starb  am  19.  Mai  965  im  60.  bis  70.  Jahre  seines
Alters.

Nach  Gero's  Tode  zerfiel  dessen  Limes  in  fünf  Marken,
um  deren  Besitz  und  Verlust  sich  in  den  folgenden  Jahren
ein  zu  buntes  Gewirr  von  Begebenheiten  kleinerer  Art  drängt,
als  daß  wir  uns,  das  größere  Ziel  einer  Volksgeschichte  im
Auge,  mit  den  vorübergehenden  Schicksalen  dieser  Marken
weiter  beschäftigen  könnten;  zumal  wir  nunmehr,  aus  dem
Dunkel  der  sächsischen  Vorgeschichte,  uns  einer  Zeit  nähern,
die  sich  allmlig  in  bestimmtern  Formen  ausspricht  und  in
einer,  sich  immer  mehr  schließenden  Perspective,  unserer  Gegenwart
  zustrebt.  Je  weniger,  durch  noch  unvollendete  Abgeschlossenheit
  dußerer  Gränzen,  sich  noch  eine  Volksgesammtheit,
  eine  bezeichnende  Nationalität  ausgebildet  hat,  desto
flüchtiger  werden  wir  über  die  Ereignisse  dahingehen;  dagegen
  später  auch  um  so  besonnener  uns  bei  jeder  bezeichnenden

bis
        <pb n="80" />
        46  Markgraf  Gero.

Begebenheit  aufhalten,  sobald  der  Begriff  des  süchsischen
Landes  und  Volkes  sich  in  bestimmtere  Gränzen  fügt  und
sobald  eine  Zeit  eintritt,  in  welche  —  wie  z.  B.  die  Zeit
der  Reformation  —  Sachsen  vorzugsweise  thätig  eingreift
und  eine  Rückwirkung  erleidet.
        <pb n="81" />
        Erstes  Buch.

Allmaͤliges  bestimmteres  Hervortreten  eines

saͤchsischen  Vaterlandes  aus  frühern  gemischtern

  Staatenverhältnissen  bis  zur  Erwerbung
evangelischer  Religionsfreiheit.
        <pb n="82" />
        <pb n="83" />
        49

Erste  Abtheilung.

Conrad  von  Wettin.  Erblichkeit  der  markgräflichen
Würde  unter  demselben,  bis  nach  dem  Erwerbe
der  Landgrafschaft  Thüringen  2c.

Erst  unter  Conrad  von  Wettin,  dem  Stifter  einer  neuen
bleibenden  Dynastie  in  Meißen,  tritt  ein  besseres  Licht  in  die
Verhaͤltnisse  dieser  Laͤnder;  mit  ihm,  dem  Ahnherrn  des  noch
immer  regierenden  Fuͤrstenhauses  in  Sachsen,  schlingt  sich  ein
gewisses  verwandtschaftliches  Band  an  die  neueste  Zeit  an.  —
Die  Abstammung  dieses  fuͤr  uns  so  bedeutungsvollen  Mannes
  läßt  sich  nur  in  wenige  Glieder  zuruͤck  verfolgen  und
verliert  sich,  gleich  den  meisten  Verhaͤltnissen  jener  Zeit,  in
ein  ungewisses  Dunkel,  welchem  der  Scharfsinn  der  Historiographen
  und  Genealogen  im  Ganzen  mehr  fruchtlos,  als
ersprießlich,  den  Kampf  anbot.  Mit  besonderer  Vorliebe
strebten  sie  besonders,  das  Haus  Wettin  von  dem  urhelden
Sachsens,  Wittekind,  abstammen  zu  lassen,  und  in  dlteren
Geschlechtsregistern  hat  man  sogar  ein  ziemliches  Häuflein
nie  bestandener  sächsischer  Konige  und  anderer  fabelhaften  Abkoͤmmlinge
  aufgeführt,  um  die  Häuser  Wettin  und  Wittekind
  zu  vervettern;  aber  die  Sache  ist  und  bleibt  dennoch
gänzlich  unerweislich,  zumal  die  sächsische  Geschichte  zu  lange
mit  schwankenden  Schicksalen  zu  ringen  hatte,  ehe  sie  nur

einigermaßen  festere  Formen  annahm.
II.  Heft.  A
        <pb n="84" />
        1127

50  Conrad  von  Wettin.

Nach  Markgraf  Ecbert's  Tode  ertheilte  im  Jahre  1090
Kaiser  Heinrich  IV.  Meißen  und  die  Niederlausitz  dem  Grafen
Heinrich  von  Eilenburg  aus  dem  Hause  Wettin.  Als  derselbe
  im  Jahre  1103  mit  Tode  abging,  war  sein  Sohn,
Heinrich  der  Jüngere,  noch  nicht  geboren.  Dies  veranlaßte,
daß  man  ihn,  den  erst  nach  des  Vaters  Tode  Gebornen,
nicht  für  ächt  anerkannte;  der  Kaiser  vergab  die  Mark  seines
Vaters  an  dessen  Oheim,  Timo  von  Wettin,  und  als  dieser
bald  darauf  starb,  behielten  seine  Söhne,  Dedo  und  Conrad,
  den  markgräflichen  Titel  bei,  und  machten  ihrem  Vetter,
  Heinrich,  die  Acchtheit  seiner  Geburt  streitig.  Die  hieraus
  entstehenden  Verwirrungen  und  Feindseligkeiten  endigten
sich  durch  den  Tod  Dedo's  und  Heinrich  des  Jüngern  (im
Jahre  1127),  dessen  Gefangener  Conrad  gewesen  war.  Dieser
  doppelte  Todesfall  und  noch  andere  zusammentreffende
glückliche  Umstände  machten  Conrad  mit  einem  Male  zum
Erben  Beider,  und  sicherten  ihm  die  markgräfliche  Würde  für

1136  Meißen.  Durch  den  Tod  Heinrichs,  des  Markgrafen  zu

1146

Lausitz,  kam  Conrad  auch  zum  Besitze  der  Lausitzer  Markgrafschaft.
  Im  Jahre  1145  unternahm  er,  der  Sitte  damaliger
  frommer  Herren  gemäß,  einen,  angeblich  schon  den
zweiten  Zug  in  das  gelobte  Land.  Während  derselben  Zeit
starb  seine  Gemahlin  Luitgard  auf  einer  Besuchsreise  im
Kloster  Gerbstädt,  und  der  hier  eingesehte  Graf  Hoyer  von
Manzfeld  ließ  sie  auch  daselbst  begraben.  Dies  aber  nahm
Conrad,  als  er  auf  seiner  Rückreise  in  Baiern  diese  Nachricht
  erhielt,  gewaltig  übel;  er  setzte  einen  Schwur  darauf,
er  werde  dem  Hoyer  so  warm  machen,  daß  dieser  den  Leichnam
  mit  seinen  Händen  wieder  ausgraben  folle.  Hoyer
aber  stahl,  aus  Furcht  vor  Conrads  Zorn,  die  Leiche  zur
Nachtzeit  aus  dem  Kloster  und  sendete  sie  nach  Wettin,
worauf  sie  Conrad  mit  vielen  Feierlichkeiten  in  dem  von  ihm
ausgebauten  Kloster  Pctersberg  beisetzen  ließ.

Im  Jahre  1146  zeigte  sich  Conrad  bei  den  Verhandlungen
  gegen  Polen  thátig.  Boleslav  von  Polen  war  im
Jahre  1138  gestorben  und  hatte  das  Land  unter  seine  fünf
Söhne  getheilt,  jedoch  so,  daß  der  älteste  derselben,  Wladis-
        <pb n="85" />
        Conrad  von  Wettin.  51

lav,  das  meiste  bekam.  Allein  dieser  wollte  sich  selbst  mit
diesem  größern  Erbtheile  noch  nicht  begnuͤgen,  sondern  suchte
auch  das  Besitzthum  seiner  Brüder  an  sich  zu  reißen,  was
er  um  so  leichter  bewerkstelligen  zu  können  hoffte,  da  er  eine
Stiefschwester  des  deutschen  Kdnigs  Conrads  zur  Gemahlin
hatte.  Ehe  jedoch  dieser,  sein  kdniglicher  Schwager  ihm  thätige
  Hülfe  gewähren  konnte,  hatten  die  Brüder  ihn  bereits
für  seine  Hinterlist  und  Habsucht  gezüchtigt,  indem  sie  ihn
aus  dem  Lande  jagten.  Conrad,  an  welchen  sich  der  Vertriebene
  zuvorderst  wendete,  unternahm  um  seinetwillen  mit
den  sächsischen  Fürsten  einen  Zug  nach  Polen,  vermochte
aber  nicht,  ihm  wieder  zum  Besitz  seiner  Länder  zu  verhelfen,
  indem  die  Brüder  ihm  ein  tüchtiges  Heer  aufzeigten.
Besonders  aber  durch  Markgraf  Conrads  Vermittelung  —
welcher,  von  der  Lausitz  aus  Nachbar  der  Polen  war  und
als  solcher  bei  ihnen  im  Ansehen  stand  —  kam  es  zwischen
den  Parteien  zum  Vergleiche;  wodurch  das  schon  gefährdete
Ansehen  des  Konigs  erhalten  wurde.

Das  Jahr  1147  brachte  einen  zwar  ernsthaften,  dabei  aber
ziemlich  lächerlichen  Kampf  herbei.  Um  dem  fortwährenden
Drängen  und  Auffordern  des  Pabstes  zu  einem  Kreuzzuge
gegen  die  Ungldubigen  nach  ihrer  Art  nachzukommen,  dabei
aber  doch  der  Unbequemlichkeit  —  erst  in's  ferne  Morgenland
ziehen  zu  müssen  —  überhoben  zu  sein,  suchten  die  Sachsen,
Dänen  und  Polen  ihre  Ungläubigen  in  der  Nähe.  Sie  ließen
  sich  als  Streiter  Gottes,  mit  dem  Kreuze  bezeichnen,
zogen  aber,  statt  gegen  die  etwas  zu  entfernt  wohnenden
Saracenen,  gegen  die  benachbarten,  ebenfalls  noch  zum  größten
  Theile  heidnischen  Obotriten.  Der  mit  einem  ungeheuren
Anlaufe  begonnene  Kampf  scheint  jedoch  ziemlich  unwesentliche
  Resultate  gebracht  zu  haben.  Der  Obotriten  =  Fürst
Niclot  kam  seinen  christlichen  Gegnern  zuvor,  überrumpelte
Lübeck,  beraubte  die  dort  im  Hafen  liegenden  Kauffahrteischiffe
  und  spielte  der  ganzen  Gegend  schlecht  mit.  Auch  batte
er  Demmin  so  stark  befestigt,  daß  die  Kreuzfahrer,  welche
es  zu  belagern  unternahmen,  sich  vergeblich  die  Koͤpfe  davor
zerstießen.  Mittlerweile  kam  es  unter  den  Streitern  Gottes

4  &amp;amp;

1117
        <pb n="86" />
        52  Conrad  von  Wettin.

selbst  zu  Händeln  und  Streitigkeiten,  daher  fand  man  es
für  gerathener,  den  Kreuzzug  aufzuheben.  Die  Wenden  zeigten
  sich,  da  man  sie  darum  anging,  so  gefällig,  den  Kreuzfahrern
  zu  versprechen,  daß  sie  sich  taufen  lassen  und  die
Gefangenen  frei  geben  wollten.  Sie  sollen  aber  nur  die
Alterschwachen,  welche  sie  nicht  mehr  zu  Sklavendiensten
gebrauchen  konnten,  freigegeben,  die  jüngern  arbeitsfähigen
Gefangenen  dagegen  klüglich  für  sich  behalten  haben.  So
glorreich  endigte  sich  der  mit  erkünsteltem  Glaubensfeuer  entzundete
  Kreuzzug.

Mit  Sweno,  dem  Kaiser  Friedrich  I.  im  Jahre  1152  zu
Merseburg  die  dänische  Krone  aufsetzte,  war  Markgraf  Conrad
  schon  am  Hofe  König  Conrads  in  so  innige  Freundschaft
  getreten,  daß  er  ihm  seine  Tochter  Adelheid  zur  Gattin
  gab.  Aber  Sweno  machte  seinem  Schwiegervater  keine
große  Ehre;  er  bewies  sich,  seit  seiner  Thronbesteigung  so
tyrannisch,  daß  er  sich  Alles  verfeindete,  und  deßhalb  von
seinem  nächsten  Vetter,  Waldemar,  dem  Sohne  des
wendischen  Königs  Canut,  angegriffen  wurde.  Sweno  suchte
seiner  durch  gute  Manier  los  zu  werden;  er  beredete  ihn
zu  einem  gemeinschaftlichen  Besuche  zu  Conrad,  und  muthete
dann  seinem  Schwiegervater  zu,  den  Prinzen  festzunehmen.
Aber  Conrad,  als  er  vernahm,  daß  Sweno  demselben  sein
königliches  Wort  auf  sichere  Fahrt  gegeben,  ward,  obschon
er  früher  in  politischen  Angelegenheiten  nicht  immer  streng
gewissenhaft  zu  nennen  war,  doch  über  diese  ihm  zugemuthete
  niedrige  Verratherei  heftig  aufgebracht,  und  erklärte
sich  zornig:  es  gezieme  sich  nicht,  daß  man  von  ihm,  als
einem  bejahrten  Herrn,  Dinge  verlange,  zu  welchen  er  selbst
in  seiner  Jugend  sich  nicht  hergegeben  haben  würde.  Ja  er
fügte  das  für  Sweno  wenig  schmeichelhafte  Gelübde  hinzu,
daß  er  lieber  Schwiegersohn,  Tochter  und  Enkel  am  ersten
Galgen  sehen,  als  seinem  guren  Namen  einen  solchen  Schandfleck
  anheften  möge.  Dagegen  erbot  er  sich  Sweno  für  den
Fall,  daß  er  dem  Waldemar  einen  offenen  ehrlichen  Kampf
erklären  wollte,  zu  thätiger  Hilfe.  Beschämt  kehrte  Sweno
in  sein  Land  zurück,  aus  welchem  er  aber  bald  darauf  ver-
        <pb n="87" />
        Tod  Conrads  von  Wettin.  53

jagt  wurde.  Doch  gelang  es  ihm,  nachdem  er  sich  zu  seinem
  Schwiegervatet  gefluͤchtet,  und  mehrere  Jahre  bei  demselben
  zugebracht  hatte,  spaͤter  Heinrich  den  Loͤwen  für  sein
Recht  zu  gewinnen,  der  ihn  kämpfend  in  sein  Land  zurück
führte  und  ihm  zu  einem  Vergleiche  verhalf,  der  aber  auch
nicht  für  lange  ausreichte.

Nach  einem  bewegten  und  thaten=  wie  folgenreichen  Leben
  faßte  Markgraf  Conrad  den  Entschluß,  den  weltlichen
Fährerstab  aus  der  Hand  zu  legen.  Er  scheint  mit  einigen
seiner  Thaten  —  vielleicht  aus  seinen  früheren  Jahren  her,
namentlich  in  Bezug  auf  seinen  Vetter,  den  jungen  Heinrich  von
Eslenburg  —  nicht  ganz  zufrieden  gewesen  zu  seyn,  ja  sogar
Gewissensbisse  darüber  empfunden  zu  haben,  und  hoffte  durch
eine  kirchliche  Hauptcur  sich  derselben  am  besten  zu  entledigen.
  Daher  traf  er  die  ndthigen  Verordnungen  rücksichtlich
der  Theilung  seiner  Besitzungen  unter  seine  Kinder,  und  confirmirte
  dem  Kloster  Petersberg  alle  Güter.  Dann  begab
  er  sich  in  Person  noch  diesem  Kloster  und  ließ  sich
daselbst  am  30.  November  1156  als  Klosterbruder  einkleiden.
Viele  vornehme  Herren  wohnten  dieser  feierlichen  Handlung
bei,  die  ihnen  dergestalt  zu  Herzen  ging,  daß  sie  haͤufige
Thränen  vergossen.  Es  scheint  aber,  daß  den  neuen  Laienbruder
  die  heilige  Seelenerbauung,  die  ihm  ward,
doch  das  Weltliche  nicht  ganz  vergessen,  ja  sogar  eine  neue
Sehnsucht  nach  Letzterem  in  ihm  wach  werden  ließ.  Der
Tod  kam  vielleicht  noch  zu  rechter  Zeit,  um  Conrad  vor  einem
  Räcktritte  zu  bewahren.  Er  starb  nach  zwei  Monaten  seiner
Einkleidung,  am  5.  Februar  1157  im  59.  Jahre  seines  Alters
  und  ward  in  der  Klosterkirche  zu  Petersberg  an  der
Seite  seiner  vorangegangenen  Gemahlin  Luitgard  begraben.

Obschon  Conrads  Leben  weder  an  innerem  Reichthume,
noch  an  rauschendem  Wechsel  der  Begebenheiten  einen  Vergleich
  mit  dem  des  Markgrafen  Gero  (s.  d.  vorherg.  Abthl.)
aushält,  so  besteht  doch  unbestreitbar  zwischen  Beiden  eine
gewisse  Aehnlichkeit.  Beide  wurden  durch  eine  Reihe  glücklicher
  Umstände  zu  Herren  eines  bisher  geschiedenen  Ländervereines,
  sie  griffen  Beide  wesentlich  in  das  Schicksal  ihrer

1156

1157
        <pb n="88" />
        1173

54  Markgraf  Dietrich.

Lehnsherren  ein  und  verdankten  diesen  vorzugsweise  ihre  Macht.
Beider  Glück  gründete  sich  auf  ihre  Kraft  und  Geschicklichkeit,
eben  so  sehr  aber  auch  auf  eine  nicht  immer  vollig  lautere
Politik;  in  Beiden  erwachte,  nach  einem  vom  Glück  beinahe
übersättigten  Leben,  der  Ueberdruß  gegen  weltlichen  Einfluß,
theilweise  wohl,  besonders  bei  Conrad,  von  einem  nicht  ganz
reinen  Bewußtseyn  veranlaßt,  und  nach  Beider  Tod  zerfiel
ihr  Besitzthum  in  kleinere  Marken.  Jedenfalls  steht  Conrad
durch  die  Forterbung  seines  Stammnamens  und  durch  zufällige
  Rückbeziehang  spaäterer  Zeiten  und  Begebenheiten  auf
seine  Erscheinung,  bei  weitem  bedeutungsvoller  da,  als  durch
seinen,  wenn  auch  nicht  unerheblichen  innern  Gehalt.  Daß
neuere  Geschichtschreiber  ihn  bald  den  Großen,  bald  den  Reichen
  nennen,  geschieht  —  wie  auch  an  einem  Orte  *)  sehr
richtig  bemerkt  wird  —  nur  in  Rücksicht  und  im  Vergleich
zu  seinen  Vorfahren,  welche  wenig  Macht  besessen  hatten.
Den  sehr  beildufigen  Zunamen  des  Frommen  verschaffte  ihm
die  Geistlichkeit,  wegen  der  von  ihm  bewerkstelligten  und
ausgeführten  Gründung  des  Petersklosters,  welches  mit  reichen
  Götern  von  ihm  beschenkt  ward.

Zufolge  der,  nach  Conrads  Tode  erfolgten  Theilung  seiner
  Besitzungen  unter  seine  Soöhne,  erhielt  Dietrich  das
Markgrafthum  Lausitz  und  einen  Strich  um  Landsberg  und
Eilenburg.  Er  bauete  Landsberg  und  Schilda,  und  stiftete
ausserdem  das  Cisterzienserkloster  Dobrilugk.  Er  war  feurigen,
  ungestüämen  Gemüthes  und  ein  Freund  der  Waffen,
daher  er,  gemeinschaftlich  mit  Heinrich  dem  Lowen,  im  Jahre
1160  die  Obotriten  angriff,  in  welchem  Kampfe  die  Legteren
bedeutend  in  die  Enge  geriethen  und  ihr  Fürst  Niclot,  nach
heldenmöthigem  Widerstande,  umkam.  Sein  Sohn  Conrad
theilte  sein  Temperament,  griff  im  Jahre  1173  einen  gewissen
  Wulrad  von  Griets,  der  mit  einer  räduberischen  Horde
Einfälle  und  Streifüüge  unternahm,  tapfer  an,  erschlug  und
fing  ihm  eine  Menge  Leute,  und  jagte  ihn  zurück.  Aber

)  Ritters  älteste  meisnische  Geschichte.  Leipzig  1780.
        <pb n="89" />
        Markgraf  Dietrich.  50

bei  einem  Turnier  in  Oesterreich  ward  im  Jahre  1175  der
junge  Held  durch  einen  Lanzenstoß  getddtet.  Beinahe  hätte
die  väterliche  Fürforge  des  Erzbischofs  Wichmann  von  Magdeburg
  ihn  um  das  Begräbniß  gebracht.  Dieser  geistliche
Herr  hatte  nämlich,  weil  in  kurzer  Zeit  vorher  sechszehn
Ritter  bei  ähnlichen  Kampfspielen  das  Leben  eingebüßt  hatten,
  die  Turniere  bei  Strafe  des  Bannes  verboten.  Semit
gestattete  er  auch  nicht  daß  der  erstochene  Conrad,  als  Einer,
der  den  Bann  verwirkt,  begraben  werden  durfte.  Doch  ließ
er  sich  nachher  durch  einen  Fußfall,  welchen  Dietrich  und
seine  Brüder  vor  ihm  thaten,  von  diesem  Verbote  abbringen,
  und  gab  —  natürlich  mit  einigen  geistlichen  Weitschweifigkeiten
  —  die  Erlaubniß,  den  jungen  Fechter  zu  begraben.
Wahrscheinlich  dürfte  es  ihm,  als  geistlichem  Herrn,  auch  nach
politischen  Vernunftgesetzen,  nicht  eigentlich  zugestanden  haben,
es  den  Leuten  zu  verwehren,  sich  nach  eigner  Lust  und  Belieben
  in  Turnieren  und  sonstigen  ritterlichen  Nichtsbedeutenheiten
  todtstechen  zu  lassen.  —

Sonst  zeigte  sich  Markgraf  Dietrich  als  ein  kraftiger,
von  edlem  Stolze  mehr,  als  von  kirchlichem  Lammsinne  geleiteter
  Herr.  Besonders  legte  er  Proben  davon  im  Angesichte
des  Stuhlerben  St.  Petri  ab.  Als  der  große  Hohenstaufenheld,
  Kaiser  Friedrich  Barbarossa,  im  Jahre  1176  hart
von  seinen  Gegnern  und  dem  weltlich=  weibischen  Uebermuthe
der  Mutter  Kirche  bedrängt  wurde,  und  der  hohe  kaiserliche
Held  —  nicht  zu  seiner,  sondern  zur  Schmach  seiner  widerspenstigen
  Vasallen  —  sich  gendthigt  sah,  mit  dem  übermuthigen
  Sohne  St.  Peters,  dem  Pabste  Alexander  III.  in
Friedensunterhandlungen  zu  treten,  mußte  sich  der  Kaiser
nebst  den  ihn  anhängigen  Fürsten,  unter  welchen  auch  Dietrich,
  nach  Venedig  begeben,  um  dort  vom  Pabste  wieder  in
den  Schoos  der  Kirche  ausgenommen  zu  werden.  Der  heldenmüthige
  Kaiser  mußte  —  ewige  Schmach  für  die  nebelvolle
  Zeit  des  leuchtenden  Hohenstaufen!  —  barfuß  und  mit
Ablegung  des  Herrschermantels  vor  dem  Pabste  erscheinen,
vor  ihm  niederknieen  und  ihm  die  Füße  küssen,  um  von  ihm
den  Friedenskuß  und  die  Wiederaufnahme  in  den  Schoos

1176

117#
        <pb n="90" />
        56  Markgraf  Dietrich.

der  Kirche  zu  erflehen.  Der  Pabst  war  unedel  genug,  sich
an  dem  Anblicke  des  gedemüthigten  Helden  zu  weiden  und
ließ  den  Kaiser  über  die  Gebühr  lange  vor  sich  knieen.  Die
dem  Kaiser  gefolgten  deutschen  Fürsten  mochten  ergrimmen;
aber  sie  schwiegen.  Nur  Markgraf  Dietrich  fragte,  in  edlem
Zorn  erglühend,  den  Kaiser  mit  lauter,  unmuthiger  Stimme:
wie  er  die  kaiserliche  Würde  solcher  Schmach  unterwerfen
könne?  Der  Pabst,  welcher  kein  Deutsch  verstand,  dem  aber
der  Ton  der  Stimme  bedenklich  klingen  mochte,  ließ  sich  von
einem  der  umstehenden  Dietrichs  Worte  übersetzen,  und,
vielleicht  fürchtend,  daß  die  kühnen  Worte  des  stolzen  Sachsen
  einen  mit  seiner  päbstlichen  Glorie  nicht  gut  stimmenden
Widerhall  finden  mochten,  hob  er  eiligst  den  Kaiser  auf  und
ertheilte  ihm  den  Friedenskuß.

Ueberhaupt  giebt  Dietrich,  trotz  seiner  kurzen  Laufbahn,
uns  vielfache  Beweise  eines  nicht  nur  tapfern,  sondern  auch
treuen  Gemüthes  und  eines,  die  Vorurtheile  seiner  Zeit  hoch
überfliegenden  Verstandes.  Dafür  zeigt  seine,  trotz  kirchlicher
  Bannstrahlen,  treue  und  begeisterte  Anhänglichkeit  an
den  großen  Friedrich  Barbarossa,  welche  er  mit  eignen  schweren
  Opfern  durchführte.  In  den  Feindseligkeiten,  welche
zwischen  Kaiser  Friedrich  und  dessen  stoldem  Vasallen,  Heinrich
  dem  Löwen,  ausbrachen,  gab  sich  Dietrich  als  Einer  der
muthigsten  Gegner  des  Löwen  kund  und  half  die  gegen  denselben
  ausgesprochene  Acht  vollstrecken.  Dagegen  sielen,  von
Heinrich  gesendet,  die  Pommerischen  und  märkischen  Slaven
in  Dietrichs  Lande  ein,  sengten  und  brannten  und  schleppten
Männer  und  Weiber  mit  sich  hinweg.  Darüber  ergrimmte
Dietrich  dergestalt,  daß  er  den  Löwen  aufforderte,  sich  in
Gegenwart  des  Kaisers  mit  ihm  zu  schlagen,  Heinrich  aber
schütbte  vor,  er  könne  nur  in  seinem  eigenen  Lande  gerichtet
werden,  und  wich  sowohl  der  Gegenwart  des  Kaisers  ale
auch  dem  Zweikampfe  aus.  Nach  dem  Falle  des  Läwen
und  als  Alles  sich  gierig  in  dessen  Länder  —  gleich  wie  in
Kleider  des  Gerichteten  —  theilte,  bereicherte  sich  dennoch
nur  Magdeburg  und  Halberstadt.  Dagegen  ist  Meißen,  trotz
der  bestandenen  Verluste,  wie  es  scheint,  leer  ausgegangen.
        <pb n="91" />
        Dedo  der  Feiste.  —  Markgraf  Otto  der  Reiche.  57
Als  im  Jahre  1184  Kaiser  Friedrich  seinen  Sohn  Heinrich

  in  Mainz  zum  Ritter  schlug  und,  nebst  vielen  Fürsten

und  Herren,  auch  Dietrich  dahin  reiste,  erkrankte  er  dort,  ward
auf  den  Petersberg  zur  Pflege  gebracht,  starb  aber  daselbst
im  Jahre  1185.  Sein  Leben  war  zu  sehr  ein  Spiel  des
Schicksals,  und  obendrein  eines  feindseligen  gewesen,  als  daß
die  ihm  inwohnende  Kraft  sich  wirksam  geltend  zu  machen
Seit  gewonnen  hätte.

Das  erledigte  Erbe  und  Lehn  ging  auf  Dietrich's  Bruder,
Dedo,  genannt  der  Feiste  oder  Dicke,  über.  Von  der
Wittwe  seines  Vaters-Bruders  Dedo,  einer  Tochter  Graf
Wiprecht's  zu  Groitsch,  an  Sohnesstelleangenommen,  erhielt
er  deren  Eigenthum  Groitsch.  Das  Leben  dieses  Mannes
ist  ziemlich  schnell  und  thatenlos  vorübergegangen,  wohl  aber
war  seine  Todesart  eine  eben  so  fürchterliche  als  sonderbare,
ja  lächerliche.  Da  seine  Körperdicke  ihm  immer  lästiger  wurde,
so  erbot  sich  ein  Quacksalber,  ihm  ohne  Gefahr  das  überflüssige
  Fett  auszuschneiden  und  die  so  entfettete  Haut  sodann
wieder  zuzuheilen.  Der  arme  Dedo  war  gläubig  genug,  sich
dieser  schmerzhaften  Operation  zu  unterwerfen,  war  jedoch
todt,  ehe  dic  vom  Fette  erleichterte  Haut  wieder  zuzuheilen
brauchte.  Er  hatte  das  Kloster  Tschillen,  spater  Wechselburg
  genannt,  gestiftet,  woselbst  er  begraben  liegt  und  wo
man  in  der  alten  Klosterkirche  wahrscheinlich  noch  jetzt  das
in  Stein  gehauene  Bild  des  dicken  Dedo  sieht.  Seinen  zwei
Sbhnen,  Conrad  und  Dietrich,  war  ein  kurzes  Lebensziel  gestellt
  und  Beide  sind  ohne  erhebliche  Ergebnisse  vorübergegangen.


Der  älteste  Sohn  Conrads  von  Wettin,  Otto,  führte  die
Meißner  Stammlinie  fort;  die  Entdeckung  der  Freiberger
Bergwerke,  welche  für  Sachsen  von  so  wichtigen  Folgen
war,  erwarb  ihm  den  Beinamen  des  Reichen.  Im  Jahre
1162  stiftete  er  das  Kloster  Alten  =  Celle  an  der  Mulde,  und
vollendete  dessen  Bau  im  Jahre  1175.  Leicht  dürfte  die  Erbauung
  dieses  Klosters,  wodurch  man  sich  mit  den  Eigenschaften
  des  dortigen  Bodens  näher  bekannt  machte  und  auf
dessen  Gehalt  aufmerksam  werden  konnte,  Anlaß  zu  der  Ent-1181



1185

1190

1162
1175
        <pb n="92" />
        58  Markgraf  Otto  der  Reiche.

deckung  der  dortigen  Bergwerke  gegeben  haben.  Gewoͤhnlich
  erzaͤhlt  man  sich  von  dieser  Entdeckung:  daß  einige  Fuhrleute,
  welche  Salz  von  Halle  nach  Boͤhmen  gefuͤhrt  und  auf
ihrem  Wege  in  die  Freiberger  Gegend  gekommen,  mitten
auf  der  Straße,  ein  wahrscheinlich  durch  die  Raͤder  der
Frachtwagen  herausgewuͤhltes  Stuͤck  Erz  gefunden.  Da  ih—
nen  dasselbe  einige  Aehnlichkeit  mit  dem  Goslarischen  Erz
gehabt,  so  hätten  sie  es  mit  nach  Goslar  gebracht  und  den
dortigen  Bergleuten  gezeigt,  welche  sogleich  dessen  Güte  erkannt
  und  nunmehr  den  Boden  genau  untersucht  hätten.
Die  Stadt  Freiberg,  deren  Entstehung  man  in  das  Jahr
1171  setzt,  ward  im  Jahre  1175  von  dem  Markgrafen  sowohl
  bedeutend  erweitert  und  verschönt,  als  auch  mit  Ringmauern
  und  Gräben  befestigt  und  mit  einer  Burg  versehen.
Auch  verlieh  der  Markgraf  den  dorthin  sich  wendenden  Einwohnern
  große  Freiheiten  und  Vortheile;  daher  man  diesen
Ort  den  Freiberg,  die  Burg  den  Freiheitstein  (später  Freudenstein)
  nannte.  Auf  diese  Weise  wuchs  die  junge  Stadt  gar
schnell  an  Größe,  Ansehen  und  Bevölkerung,  und  ward  bald
eine  der  bedeutenderen  Städte,  obschon  sie  ursprünglich  nur
aus  zweien,  zusammengezogenen  Dörfern,  Christiansdorf  und
Loßnitz  bestand  und  nur  den,  in  immer  größerer  Anzahl  hierher
  berufenen  Bergleuten  zum  Wohnorte  diente.  —

Je  mehr  durch  die  reiche  Ausbeute  der  Freiberger  Bergwerke,
  Otto  Mittel  in  die  Hände  bekam,  desto  mehr  suchte
er  auch  seine  Besitzungen  zu  erweitern  und  zu  sichern.  Daher
  umgab  er  nebst  Freiberg,  auch  die  Städte  Leipzig  und
Eisenberg  mit  festen  Mauern,  und  kaufte  im  Osterlande  und
Thüringen  eine  beträchtliche  Anzahl  Schlbôsser  und  Güter  an
sich.  Dies  machte  den  damaligen  Landgrafen  von  Thüringen,
Ludwig  III.  eifersüchtig,  indem  er  meinte,  Otto  wollte  vielleicht
  auf  diese  Weise  allmählig  ganz  Thüringen  an  sich  bringen.
  Es  kam  darüber  sogar  zum  Kriege,  in  welchem  Otto
den  kürzern  zog  und  gefangen  auf  die  Wartburg  abgeführt
wurde.  Durch  Einmischung  des  Kaisers  ward  er  zwar  wieder
  in  Freiheit  gesetzt,  doch  scheint  es,  daß  er,  mit  Ausnabme
  —  z.  B.  Weißenfels  —  die  im  Osterlande  und  in  Thu-
        <pb n="93" />
        Markgraf  Otto  der  Reiche.  59

ringen  erkauften  oder  „gewetteten“,  d.  h.  Pfandweise  angenommenen
  Güter  und  Schlbsser  größtentheils  wieder  herausgeben
  mußte.

Otto  hatte  von  seiner  Gemahlin  Hedwig,  einer  Tochter
des  Albert  von  Brandenburg,  zwei  Söhne:  Albrecht  und
Dietrich.  Erstern  als  den  ältesten  Sohn,  hatte  er  zu  seinem
Nachfolger  in  der  Mark  bestimmt,  den  jüngern  aber  mit  andern
  Gütern  abgefunden.  Seine  Gemahlin  aber,  welche
viel  über  ihn  vermocht  zu  haben  scheint  und  die  den  jüngeren
Sohn  mehr  als  den  dltern  begünstigte,  überredete  ihn,  ein
neues  Testament  niederzulegen,  und  darin  die  den  altern  zustehenden
  und  zagestandenen  Rechte  auf  den  jüngern  überzutragen.
  Hierüber  griff  Albrecht  zu  den  Waffen,  nahm  seinen
Vater  gefangen,  und  hielt  ihn  auf  dem  Schlosse  Dewin
(Döben)  in  Haft,  gab  ihm  Graf  Conrad,  einen  Sohn  Dedo's
des  Feisten  —  der  damals  noch  lebte,  und  also  wahrscheinlich
mit  Albrechts  Unternehmen  einverstanden  war  —  zum  Wächter
  und  verlangte  die  Wiederherstellung  des  frühern  Testaments,
  in  welchem  ihm  die  Nachfolge  in  der  Mark  zugedacht
  war.  Es  scheint,  daß  man  Albrechts  Fehde  gegen
seinen  Vater  —  rroh  des  Unnatürlichen  dieser  Handlung  —  zu
jener  Zeit  doch  den  politischen  Rechtsgrund  nicht  ganz  versagen
  konnte,  denn  Herzog  Bernhard,  der  leibliche  Bruder  der
Markgräfin  Hedwig,  welche  doch  die  eigentliche  urheberin
dieses  Streites  war,  rieth  Albrecht  zu  diesem  Schritte  und
unterstützte  ihn.  Selbst  Otto's  nächste  Verwandte  mögen  —
wie  man  aus  Conrad's  Beispiele  sieht  —  den  Widerruf  des
erstern  Testaments  gemißbilligt  haben.  Dennoch  verlangte
Kaiser  Friedrich  I.,  welchen  eine  damals  unternommene
Rüstung  zu  einem  Kreuzzuge  von  thätigerem  Einschreiten  abbielt,
  die  Freilassung  Otto's.  Hierauf  fielen  sich  jedoch  Vater
und  Sohn  noch  einmal  an,  bis  König  Heinrich,  Friedrich's
Nachfolger,  sich  darein  mengte  und  1189  zu  Würzburg  einen
Frieden  vermittelte.  Doch  mochten  diese  die  Natur  beleidigenden
  Kämpfe,  denen  vielleicht  die  Hetzereien  der  Gattin  und
des  jüngern  Sohnes  stete  Nahrung  boten,  den  Geist  des
alten  Fürsten  in  einen  fortwährenden  grollenden  Schmerz

1189
        <pb n="94" />
        60  Markgraf  Otto  der  Reiche  —  Markgraf  Albrecht.

versenkt  haben,  der  an  seinem  Leben  nagte  und  ihn  kurj
nach  Abschluß  des  Würzburger  Vertrags,  wahrscheinlich  schon
am  18.  Februar  1189,  von  der  Weltbühne  abrief.  Sein
Leben  ward,  ausser  vorübergehenden  Streitigkeiten,  von  keinen
bedeutenden  Erscheinungen  bezeichnet,  und  die  unter  ihm  gestifteten
  Bergwerke  zu  Freiberg  sind  wohl  das  wichtigste  und
folgenreichste  Ereigniß  seiner  Regierung.  Sonst  gehoͤrte  er
zu  den  schwachen  und  willenlosen  Fürsten,  und  ließ  sich  von
seiner  Gattin,  so  wie  diese  wiederum  durch  die  Einflüsterungen
  der  Geistlichkeit,  meist  zu  seinem  Nachtheile  leiten.
Sein  Sohn  Albrecht  folgte  ihm  in  der  Regierung.
Durch  den  mit  seinem  Vater  zu  Würzburg  geschlossenen  Vergleich
  war  er  verpflichtet,  seinem  Bruder  Dietrich  die  Grafschaft
  Weißenfels  zu  überlassen  und  einige  Schlöôsser  demselben
zu  gemeinschaftlicher  Nutzung,  einzurdumen.  Die  Uneinigkeiten
zwischen  den  Brüdern,  welche  schon  bei  Lebzeiten  des  Vaters  so
lebhaft  ausgebrochen  waren,  konnten  nicht  lange  ruhen;  besonders
  da  Albrecht  so  kühn  war,  einen  von  seinem  Bater
im  Kloster  Celle  niedergelegten  Schatz  von  30,000  Mark  Silber
  (angeblich  von  Otto  für  Seelenmessen  bestimmt),  vom
Altare  weg  entführen  zu  lassen.  Vielleicht  wußte  er  anderwärts
die  Seelenmessen  billiger  zu  bekommen.  Gleichwohl  erhoben
die  Mönche  sowohl  dieses  Klosters,  wie  der  ganzen  Christenheit
  ein  gewaltiges  Geschrei  darüber,  und  wußten,  da  aus
ihnen  gewöhnlich  auch  die  Chronicisten  und  Geschschtschreiber
  jener  Zeit  hervorgingen,  es  dem  Markgrafen  tüchtig  einzureiben,
  indem  sie  ihm  vor  Mit=  und  Nachwelt  allerlei
Böses  andichteten  und  ihm  sogar  den  Beinamen  des  Stolzen
  zu  verschaffen  wußten.  Dietrich,  von  seiner  Frau  Mutter
in  den  geistlich=  weltlichen  Kriegskünsten  unterrichtet  und  zu
einer  Creatur  der  Geistlichkeit  erzogen,  stüchtete  sich  klüglich
hinter  diese  Falten  der  Kirche,  und  ward  dafür  von  den  Mönchen
  dem  stolzen  Albrecht  als  der  gute  unterdrückte  Bruder
entgegengestellt.  Um  seinem  brüderlichen  Gegner  näher  auf
dem  Halse  zu  seyn,  bauete  Albrecht  nahe  vor  Weissenfels
auf  dem  Sibtenberg  eine  Trutzfestung;  Dietrich  aber,  zu
schwach,  um  Widerstand  zu  leisten,  flüchtete  zu  Landgraf
        <pb n="95" />
        Markgraf  Albrecht.  61

Hermann  von  Thüringen,  welcher  ihm  Hälfstruppen  gewährte,
dabei  aber  ihm  auch  die  Hand  seiner  etwas  unschönen  Tochter
  in  den  Kauf  gab.  Hierauf  wurde  Albrecht  nicht  nur
vom  Sibtenberge  weggeschlagen,  sondern  er  erlitt  auch  durch
den  Landgraf  bei  Reveningen  eine  so  entscheidende  Niederlage,
  daß  er  nur  als  Mdnch  verkleidet,  auf  den  Petersberg,
  und  von  da  nach  Leipzig  entweichen  konnte.  Markgraf
  Albrecht's  kurzes  weiteres  Leben,  bildet  eine  Reihe  von
Mißgeschick,  denn  der  deutsche  König  Heinrich  VI.,  welcher
  unter  dem  Scheine  des  Rechtes  nur  seine  selbstsüchtigen
  Pläne  versteckte,  brachte  ihn  noch  tiefer  in  Bedrängniß,
wahrscheinlich  weil  er  ein  heimliches  Verlangen  nach  den
Freiberger  Silberbergwerken,  Albrechts  Eigenthum,  hatte.
Am  25.  Juni  1195  starb  Albrecht  unterwegs  in  Krummen=  1195
heinrichsdorf,  wie  man  behauptet  an  Gift,  welches  ihm  durch
einen  seiner  Leute,  Namens  Hugold,  beigebracht  ward.  Wer
diesen  zu  der  That  gedungen,  bleibt  unentschieden,  doch  fiel
der  Verdacht  zum  Theil  auf  den  Konig  Heinrich,  welcher,
wie  schon  erwähnt,  ein  besonderes  Gelüsten  nach  Albrechts
Besitz  trug.  Kurze  Zeit  darauf  starb  auch  seine  Gemahlin
Sophie,  eine  Prinzessin  von  Böhmen,  ebenfalls  an  erhaltenem
  Gifte.  Albrecht  ward  in  Altencelle  an  der  Seite  seines
Vaters,  mit  welchem  er  im  Leben  hart  gekämpft,  begraben.
Obschon  Troß  und  Herrschbegierde  nicht  aus  seinem  Charakter
  weg  zu  läugnen  sind,  so  ist  ihm  doch  Kraft,  Beharrlichkeit
  und  Muth  nicht  abzusprechen.  Die  Mönche,  welche  er
durch  Entwendung  des  Schatzes  beleidigt  hatte,  und  die  seinen
  von  ihnen  geleiteten  Bruder  an  ihm  rächen  wollten,
haben  sein  Andenken  entstellt  und  seinen  Prozeß  vor  der
Nachwelt  verfälscht.  Wenn  man  bedenkt,  daß  er  schon  seit
früher  Jugend  gegen  die  Intriguen  einer  ränkevollen,  von
kirchlicher  Diplomatik  geleiteten  Mutter,  gegen  die  Schwäche
eines  willenlosen,  ihm  entfremdeten  Vaters,  und  gegen  den
Uebermuth  eines  vorgezogenen,  verzärtelten  Bruders  anzukaͤmpfen
  hatte,  so  findet  manches  Nauhe,  das  auf  seiner  Erscheinung
  ruht,  und  mancher  gewaltsame  Schritt,  der  ihn  vor
der  Nachwelt  verdächtigt,  Entschuldigung;  zumal  das  Miß-
        <pb n="96" />
        1197

1206

62  Markgraf  Dietrich.

geschick,  welches  zuletzt  Partei  gegen  ihn  nahm,  unser  Mit-Hefühl
  erregt  und  für  das,  was  er  gefehlt,  gewiß  keine  zu
milde  Abrechnung  mit  ihm  hielt.

Dietrich,  welcher  nach  des  Bruders  Tode  sogleich  die
Mark  übernehmen  sollte,  befand  sich  zu  dieser  Zeit  ausser
Landes,  und  da  König  Heinrich  seinem  Gelästen  nach  dem
silberreichen  Lande  immer  unverdeckter  gewähren  wollte,  so
waren  die  anfänglichen  Aussichten  für  Dietrich  ziemlich  trostler.
  Heinrich's  Tod  zu  Messina  im  Jahre  1197  machte
Dietrich  einigermaßen  Luft,  besonders  da  auf  dem  deutschen
Throne  sich  zwei  Parteien  bildeten,  indem  Philipp  von  Hobenstaufen
  und  der  Welfe  Otto  IV.  sich  um  die  deutsche
Krone  stritten,  und  man  bei  diesen  größern  Kämpfen  kleinere
Interessen  fahren  lassen  mußte.  So  gelang  es  Dictrich,  bei
der  thätigen  Hülfe  seines  Schwiegervaters,  Hermanns  von
Thüringen,  sich  im  Besitze  der  Länder  seines  Hauses  zu  behaupten.
  Zu  verwundern  war  es,  daß,  bei  der  genauen
Verbindung  zwischen  Hermann  und  Dietrich,  Ersterer  sich  für
die  Partei  des  Welfen,  Letzterer  für  die  des  Hohenstaufen
enischied.  Diese  Parteinahme  zog  übrigens  Dietrich  und
dessen  Brüdern,  mancherlei  Nachtheile  zu,  besonders  nachdem
Przemislav  Ottokar  von  Böhmen,  der  früher  auf  Philipps
Seite  war,  sich  zu  Otto  geschlagen  und  seitdem  Meißen  von
den  Böhmen  feindlich  behandelt  wurde.  Dietrichs  Verlegenheit
  kam  im  Jahre  1208  Pöhilipp's  Ermordung  durch  Pfalzgraf
  Otto  von  Wittelsbach  zu  Hülfe,  weil  nach  dieser  schauderhaften
  That  Otto  nunmehr  von  allen  Fürsten  anerkannt,
sich  auf  dem  deutschen  Throne  behauptete,  und  dadurch  auch
Dietrichs  früheres  Entgegenwirken  in  Vergessenheit  kam.
Als  später  der  Pabst  mit  Kaiser  Otto  zerfiel,  ihn  in  den
Bann  that  und  den  jungen  Hohenstaufen  Friedrich  II.,  als
Gegen-Kaiser  vorschlug,  trat  Dietrich  auf  des  Letztern  Seite,
fiel  jedoch  wieder  zu  Otto  ab,  als  dieser  (1212)  wieder  nach
Deutschland  kam,  und  bei  den  Sachsen  und  Thüringern  Unterstützung
  fand.  Als  nach  der  unglücklichen  Schlacht  bei
Bovines,  Otto's  Hoffnungen  zertrümmert  wurden,  ging  Dietrich
  wieder  zu  Friedrich  über,  kurz  er  hat,  als  eine  ganz  ge-
        <pb n="97" />
        Markgraf  Dietrich.  63

wöhnliche  Creatur  der  Umstände,  seine  Farde  mit  gewaltsamer
  Schnelligkeit  gewechselt.  Seine  faule  unbedingte  Gläubigkeit
  nicht  an  die  Religion,  sondern  an  die  Monche  und
Geistlichen,  half  ihn  stürzen.  Hatte  er  sich  durch  seine  blinde
Anhänglichkeit  an  diese  Leute  schon  seit  längerer  Zeit  bei  Bürger
  und  Adel  verhaßt  gemacht,  so  stieg  die  Abneigung  gegen
ihn,  als  er  in  Leipzig  den  Bau  des  Thomasklosters  unternahm
  und  dadurch  nicht  nur  der  Stadt  von  ihrem  zugehdrigen
  Grund  und  Boden  raubte,  sondern  auch  die  Besorgniß
erregte,  daß  das  geistliche  Regiment  nunmehr  der  Stadt
Leipzig,  welche,  von  Otto  dem  Reichen  bevorzugt,  schon  damals
  durch  Handel  und  Verkehr  aufzublühen  begann,  noch
besser  zusetzen,  oder  daß  man  dieses  Kloster  wohl  gar  wie
eine  Festung  gegen  die  Stadt  ansehen  werde.  Die  Bürger,
von  dem  mißvergnügten  Adel  unterstützt,  vertrieben  den  Probst;
ja  es  kam  so  weit,  daß  man  Meuchelmorder  nach  Eisenberg
gegen  den  Markgrafen  absendete.  Zwar  verfehlten  diese  ihren
Zweck;  aber  die  fälschliche  Nachricht  seines  Todes  verstärkte
den  Aufruhr,  in  welchem  Dietrich  dergestalt  in  die  Enge  getrieben
  wurde,  daß  er  (1216)  der  Stadt  Leipzig  in  Allem
nachgeben  und  feierlichst  versprechen  mußte,  sie  mit  allen
Mauerbauen  zu  verschonen,  und  ihre  frühere  Gerichtsbarkeit
beizubehalten.  Gleichwohl  ließ  er  sich  spater  von  diesem  Versprechen
  wenig  binden.  Als  ein  Mann  Gottes  d.  h.  als
ein  Freund  der  Geistlichkeit,  erhielt  er  durch  diese  auch  immer
Lösungsmittel,  um  seine  Eide  zu  brechen.  Mit  Hilfe  Kaiser
Friedrich's  II.,  welcher  1218  in  das  Meißner  Land  kam,
gelang  es  ihm,  Leipzig,  bei  einem  angeblich  friedlichen  Besuche,
verrätherisch  zu  überrumpeln,  wodurch  er  Gelegenheit  erhielt,
dieser  Stadt  einen  Theil  der  ihm  abgedrungenen  Rechte  und
Freiheiten  wieder  zu  entreißen,  ihre  Mauern  und  Waͤlle  zu
vertilgen  und,  um  sie  fortan  besser  in  seiner  Gewalt  zu  haben,
  ihr  drei  feste  Schlösser  hinzubauen,  welche  er  mit  markgräflicher
  Besatzung  versah.  Von  diesen  drei  Schlbssern
welche  Dietrich  erbaute,  ist  nur  die  Pleissenburg  noch  vorhanden;
  das  andere  ist  das  jetzige  Paulinum;  das  dritte
stand  an  dem  Barfüßer  Thore.  Dieses  treulose  Verfahren

1216
        <pb n="98" />
        64  Markgraf  Dietrich.  —  Heinrich  der  Erlauchte.

des  Markgrafen,  erbitterte  ihm  die  Gemuͤther  nur  noch  mehr.
Der  gereizte  Adel  fand  einen  Beistand  an  dem  Bischof  von
Magdeburg,  welcher,  als  Gegentrotz  zu  Dietrichs  Schloͤssern,  das
ihm  gehdrige  Städchen  Taucha  ebenfalls  mit  einem  festen
Schlosse  versah.  Diesen  fortdauernden  Unruhen  ward  erst
mit  Dietrich's  Tode  ein  Ziel  gesteckt;  er  starb  im  Jahre
1221,  wie  man  glaubt,  an  beigebrachtem  Gifte,  welches  ihm
die  Rache  der  Leipziger,  oder  des  mißvergnügten  Adels  durch
seinen  Leibarzt  mischte.

Dictrich's  Charakter  zeigt  sich  im  ganzen  Laufe  seiner
Lebens=  und  Regentenzeit  dußerst  schwankend  und  unselbstständig,
  daher  man  weder  sein  anfängliches  Glück  gegen  seinen
  Bruder  Albrecht  ihm  zum  Verdienste,  noch  seine  Wortbrüchigkeit
  ihm  zum  unmittelbaren  Vorwurfe  machen  kann.
An  seiner  eignen  Krast  mit  Recht  verzweifelnd,  warf  er  sich
mit  Leib  und  Seele  in  die  Arme  einer  herrsch=  und  geldgierigen
  Geistlichkeit,  es  war  mehr  noch  polttische  Zaghaftigkeit
und  Unsicherheit,  als  Religiosität,  welche  ihn  zu  ihrem  Lenker
  machte.  Die  Monche  leisteten,  wie  geistige  Wucherjuden,
seinem  Gewissen,  welches  immer  gern  Etwas  wagte  und  doch
sich  nie  recht  getraute,  steten  Vorschub,  sie  reichten  ihm  Beschdnigungsmittel
  gegen  sein  eigenes  Bewußtseyn,  ja  bisweilen
wohl  auch  Unterstützung  dar,  und  so  mußte  Dietrich  —
als  ein  vom  Sturme  der  Begebenheiten  rastlos  geheßter,
passiver  Schwächling  sich  wohl  dahin  ftüchten,  wo  ihm  geistiger
  Trost  und  politische  Auskunftsmittel  vereint  geboten
wurden.  Ewig  schlaftrunken,  mußte  er  mit  einer  gewaltigen
Zeit  unbehaglich  kämpfen;  man  hat  ihm  daher  den  mitleiderweckenden
  Beinamen:  der  Bedrängte,  gegeben,  der
wohl  historisch  richtiger  in  das  Prädicat:  der  Beschränkte,
umgewandelt  werden  dürfte.  Er  ward  in  Altencelle  neben
seinem  Vater  Otto  begraben.

Dietrich  hinterließ  bei  seinem  Sterben  drei  Söhne.  Die
beiden  ältesten,  Dietrich  und  Heinrich,  widmeten  sich  dem
geistlichen  Stande,  und  wir  finden  jenen  als  Bischof  von
Naumburg,  diesen  als  Domprobst  von  Meißen  wieder.  Der
jüngste,  Heinrich,  spaͤter  mit  dem  Zunamen  des  Erlauchten
        <pb n="99" />
        Heinrich  der  Erlauchte.  65

geschmückt,  erhielt  die  Mark.  Da  er  aber  erst  drei  Jahre
alt  war,  als  sein  Vater  starb,  so  hatte  ihm  dieser,  noch
auf  dem  Sterbebette,  seinen  Oheim,  den  Landgrafen  Ludwig
  IV.,  genannt  der  Heilige,  zum  Vormund  gewählt,  welcher
  sich  auch  mit  der  reinsten  Uneigennützigkeit  und  thätiger
Fürsorge  dieser  Pflicht  unterzog.  Ludwigs  Redlichkeit  hatte
ihm  so  großes  Vertrauen  erworben,  daß  die  Stände  Meissens
  ihn,  bei  ihrer  Huldigung,  als  ihren  Landesherrn  anzunehmen
  sich  verpflichteten,  im  Fall  Heinrich  minderjahrig
sterben  sollte.  Mehrere  gierige  Hände  streckten  sich  nach  dieser
  Vormundschaft  aus;  selbst  ein  paar  geistliche  Faduste,  die
des  Bischofs  Eccard  von  Merseburg,  angelten  danach;  wenigstens
  wollte  derselbe  alles  das  bevormundschaften,  was,  nach
seiner  Angabe,  merseburgisch  Lehen  war,  und  worunter  er
auch  Leipzig,  Grimma,  Groitsch  ꝛc.  mitbegriff.  Allein  trotz
des  von  ihm  angedrohten  Bannes  erreichte  er  seine  Absicht
nicht.  Auch  Dietrichs  Wittwe,  Jutta,  welche  sich  gegen
den  Willen  ihres  Bruders,  Ludwigs  IV.,  mit  dem  Grafen
Poppo  von  Henneberg  vermählte,  strebte  sich  in  diese  Vormundschaft
  zu  mischen  und  würde  diese  nicht  eben  mit  mätterlicher
  Entsagung  verwaltet  haben.  Da  Ludwig  sich  ihrem
Verlangen  sehr  energisch  widersetzte,  so  kam  es  zu  offenen
Feindseligkeiten,  in  welchen  Jutta  den  kürzern  zog  und  sich
genörhigt  sah,  das  Meißner  Land  zu  verlassen  und  zum
Herzog  Leopold  von  Oesterreich  zu  flüchten,  welchem  sie  ihr
Witthum,  das  die  Schwche  ihres  verstorbenen  Gemahls
nur  zu  reichlich  hatte  ausfallen  lassen,  für  12,000  Mark
Silber  verpfändete.  Leider  ereilte  schon  im  Jahr  1227  den
wahrhaft  ritterlichen  Ludwig,  als  er  unter  Kaiser  Friedrich  II.

einen  Kreuzzug  nach  Palästina  antrat,  auf  dem  Wege  der

Tod  zu  Otranto.  Wer  nach  ihm  die  Vormundschaft  über
die  Meißner  Lande  geführt  hat,  ist  unbekannt;  wohl  aber
läßt  sich  erweisen,  daß  Heinrich  selbst  sehr  frühzeitig  die
Regierung  übernahm.  Im  Jahr  1234  vermahlte  er  sich
mit  Constantia,  der  Tochter  Leopolds  von  Oesterreich,  wobei
  ihm  das  von  seiner  Mutter  verpfändete  Leibgedinge  als
Brautschatz  bestimmt  ward.  Dies  machte  den  Bruder  der

5

1234
        <pb n="100" />
        1237

1217

66  Heinrich  der  Erlauchte.

Braut,  Herzog  Friedrich,  eifersüchtig,  und  er  war  unaufmerksam
  genug,  in  die  Freuden  der  Brautnacht  unversehends
mit  gezücktem  Schwerte  hereinzubrechen  und  dem  bestünten
Paare  so  lange  zuzusetzen,  bis  es  auf  den  Brautschatz  verzichtete.


In  Heinrich  entwickelten  sich  frühzeitig  die  Anlagen
eines  Kriegers  Schon  im  Jahre  1237  wohnte  er,  fünfhundert
  meißnische  Vasallen  daherführend,  einem  Zuge  gegen
die  ungläubigen  Preußen  bei  und  zeichnete  sich,  zur  Freude
und  zom  Vortheile  des  deutschen  Herrenordens,  rühmlichst
aus.  Dagegen  war  das  Glück  in  eincr  andern  Sache  gegen
ihn.  Die  beiden  Brandenburger  Markgrafen,  Otto  und
Johann,  hatten  die  Städte  Köpenik  und  Mittelwalde  —
welche  der  Markgraf  Dietrich  von  Meißen  im  Jahre  1210
zugleich  mit  der  Lausitz  an  sich  gebracht  hatte  —  in  Anspruch
  genommen.  Obgleich  der  richterliche  Ausspruch  sich
für  Heinrich  entschied,  so  wollten  die  beiden  Brandenburger
doch  ihre  Ansprüche  nicht  fahren  lassen,  sondern  vielmehr
mit  gewassneter  Hand  behaupten.  In  den  mehrfachen,  hierüber
  entbrannten  Gefechten  siegten  die  Brandenburger,  und
obschon  Heinrich  Unterstützung  bei  den  Bischöfen  von  Magdeburg
  und  Halberstadt  fand,  so  vermochte  er  doch  nicht,
die  fraglichen  Städte  zu  behaupten,  sondern  mußte  sie  endlich
  den  Markgrafen  von  Brandenburg  gut  oder  böse  überlassen.


Bedeutend  wichtiger,  als  diese  Kleinkämpfe,  war  der
thüringische  Erbfolgekrieg,  welchen  Heinrich  führte.  Heinrich
  Raspe,  der  Thüringer,  den  der  Pabst  Innocenz  IV.  zum
Gegenkaiser  des  Hohenstaufen  Friedrichs  II.  aufrief,  war  gefallen;
  bei  Reutlingen  geschlagen,  starb  der  nicht  unheldenmüthige
  Abentheurer,  der  mit  einem,  jener  Zeit  so  eigenen
Ritterleichtsinne  den  tödtlichen  Wurf  um  eine  Kaiserkrone
versucht  hatte,  im  Februar  1247  auf  der  Wartburg.  In
ihm  war  der  Mannsstamm  der  regierenden  landgräflichen
Linie  in  Thüringen,  das  sogenannte  Geschlecht  der  Ludewinger,
  ausgestorben,  und  er  hatte,  um  jeden  Erbfolgestreit  zu
vermeiden  —  denn  er  ging  kinderlos  aus  der  Welt  —  die
        <pb n="101" />
        Heinrich  der  Erlauchte.  67

Anwartschaft  auf  Thuͤringen  dem  Sohne  seiner  Halbschwester
  Jutta,  Heinrich  dem  Erlauchten,  bestimmt,  auch  bereits
  am  30.  Juni  1242  die  Bestaͤtigung  dieser  Anwartschaft
  vom  Kaiser  erhalten.  Hierdurch  erhielt  Heinrich  der
Erlauchte  ein  begründetes  Anrecht  auf  die  thöringischen  Reichslehen,
  und  als  Sohn  von  Heinrich  Raspe's  Schwester  konnte
er  auch  Ansprüche  auf  die  thüringischen  Allodialstücke  erheben,
welche,  neben  einigen  Gütern  in  Thüringen,  in  dem  heutigen
  Hessen  bestanden.  Aber  bald  nach  Heinrich  Raspe's  Tode
hatte  dessen  hinterlassene  Brudertochter,  Sophia,  welche  von
ihrem  Gemahle,  dem  Herzoge  Heinrich  V.  von  Brabant,
einen  Sohn  —  Heinrich  das  Kind  genannt  —  geboren  hatte,
sich  nach  Hessen  begeben  und  dieses  Allodialstück  in  Besitz
genommen.  Sie  mochte  ausserdem  Lust  haben,  diesen  Einzelanspruch
  endlich  auf  die  ganze  thüringische  Erbfolge  überhaupt
  auszudehnen,  wozu  sie  jedoch,  kraft  der  dem  Markgrafen
  Heinrich  zustehenden,  vom  Kaiser  bewilligten  Anwartschaft
  kein  Recht  hatte.  Auch  zeigte  sich  ihren  Wünschen
  um  so  weniger  eine  günstige  Aussicht,  da  die  Mehrzahl
  der  mächtigsten  und  einflußreichsten  thüringischen  Vasallen
  sich  für  Heinrich's  Recht  erklärte,  vorausgesetzt,  daß
derselbe  sich  mit  dem  Grafen  Seegsfried  von  Anhalt  —  welcher
  der  Sohn  von  Heinrich  Raspe's  jüngster  Schwester,
Frmengard  war,  mithin  allerdings  Ansprüche  auf  die  thüringische
  Erbschaft  besaß,  dieselben  aber  nur  kurze  Zeit  behauptet
  zu  haben  und  dann  dem  an  Macht  ihm  zu  sehr  überlegenen
Heinrich  gewichen  zu  seyn  scheint  —  friedlich  verhalten  könne.
Sophia,  welche  sich  ebenfalls  zu  wenig  unterstützt  sah,  um
dem  mchtigen  Heinrich  Stand  halten  zu  können,  ließ,  mit
innerm  Widerwillen,  sich  endlich  auch  außerlich  nachgebend

finden;  sie  gieng  mit  Heinrich  einen  Interimsvergleich  ein,

zufolge  dessen  ihrem  Sohne,  Heinrich  dem  Kind,  Hessen  verbleiben,
  Heinrich  dem  Erlauchten  aber  ganz  Thüringen  —
die  Reichslehen  sowohl,  als  die  Allodialstücke  —  bis  zu  weiterer
  Entscheidung  anheimfallen  sollte.  Das  gute  Vernehmen
  zwischen  Sophia  und  Markgraf  Heinrich  sollte  sich  anfangs
  so  weit  steigern,  daß  Letterer,  da  mittlerweile  So-5*



1250
        <pb n="102" />
        1252

68  Heinrich  der  Erlauchte.
phiens  Gatte  gestorben  war,  die  Vormundschaft  fuͤr  deren

Sohn  uͤbernahm  und  in  diesem  Berufe  die  hessischen  Laͤnder

verwaltete.  So  war  auf  dieser  Seite  fuͤr  einige  Zeit  Ruhe
eingetreten,  welche  auch  sehr  wohl  that,  indem  diese  Haͤndel
einen  foͤrmlichen  Parteienkrieg  in  Thuͤringen  herbeigefuͤhrt
hatten,  wobei  Manche  einen  Vorwand  und  eine  Gelegenheit
erlangten,  den  vielleicht  laͤngst  gegen  den  Andern  gehegten  Groll
in  offene  Feindseligkeiten  ausbrechen  zu  lassen.  Ganz  Thuͤ—
ringen  war  ein  Schauplatz  erbitterter  Vasallenkämpfe  geworden,
  und  verwüstet  und  verwildert  fand  es  endlich  der  kurze
Friede,  dem  Heinrich,  da  Viele  sich  unter  den  Fittigen  des
Kampfes  besser  behabten,  als  unter  dem  Paniere  der  Ruhe,
nur  mit  Möhe  in  seinen  eignen  Landen  Anerkennung  erzwang.
  Doch  war  mittlerweile  schon  wieder  ein  neuer  Feind
aufgetaucht,  der  sowohl  Heinrich  als  Sophien  drohte.  Die
thüringischen  Landgrafen  hatten  biöher,  in  Thüringen  wie  in
Hessen,  einige  Güter  vom  Erzstifte  Mainz  zu  Lehen  getragen.
  In  den  vorangegangenen  Unruhen  hatte  Heinrich  eben
so  gut  wie  Sophia  es  vergessen,  eine  neue  Belehnung  nachzusuchen,
  sondern  diese  Güter,  wie  ein  angestammtes  Eigenthum,
  übernommen.  Darüber  ergrimmte  der  Mainzer  Erzbischof
  Gerhard  so  gewaltig,  daß  er  im  Jahre  1252  Heinrich
  und  Sophia  zusammen  in  den  Bann  that  und  —  wissend,
  daß  ohne  ein  damit  verbundenes  gutes  Schwert,  der
Bannstrahl  immer  nur  ein  umwirksamer  kalter  Schlag  sey  —
verband  er  sich  mit  dem  Grafen  von  Hiegenhayn.  Doch
dieser  Bann  und  das  ihm  nachfolgende  Interdict  dauerte
blos  drei  Jahre,  denn  Gerhard  ward  aus  andern  Beweggründen
  wiederum  vom  pöbstlichen  Legaten  Hugo  ercommunicirt,
  wodurch  auch  sein  Bannstrahl  außer  Wirkung  gesetzt
  wurde.  Es  kam  hierauf  zu  einem  Landfrieden  und

1254  Gerhard  verlieh  nunmehr  1254  Heinrich  die  Stiftslehen  in

Hessen  wie  in  Thüringen  von  neuem.  In  derselben  Zeit
ward  Heinrich  von  dem  deutschen  Konig  Wilhelm  zu  Merseburg
  mit  den  neuen  Ländern  belehnt.  Diese  Befestigung,
welche  Heinrich  in  allen  seinen  Rechten  und  Würden  erfuhr,
weckte  abermals  Sophiens  Eifersucht  und  machte  sie  für
        <pb n="103" />
        Heinrich  der  Erlauchte.  69

ihres  Sohnes  Rechte  besorgt.  Sie  bereute,  die  Verwaltung
der  Länder  desselben  einem  so  mächtigen  und  selbstständigen
Fürsten,  wie  Heinrich,  in  die  Hände  gespielt  zu  haben,  und
eilte,  diese  Vormundschaft  aufzuheben.  Dies,  so  wie  auch
ihre  Ansprüche  auf  Hessen,  konnte  keinen  besondern  Einspruch
erleiden,  wohl  aber  erklärte  sich  der  Markgraf  sehr  entschieden
  gegen  ihre  Anspruche  auf  Thüringen  und  leistete,  zu
ihrem  Jammer,  sogar  den  von  ihr  verlangten  Schwur  auf
die  Ribbe  ihrer  Mutter,  der  heiligen  Elisabeth,  um  sein  gutes
  Recht  darzuthun.  Sophia,  in  heftigen  Eifer  gerathend,
wußte  sich  jehzt  nicht  anders  zu  helfen,  als  daß  sie  durch
Gewalt  der  Waffen  Heinrich  aus  Thüringen  zu  vertreiben
suchte.  Ihr  eigner  Stiefsohn,  Herzog  Heinrich  VI.  von  Brabant,
  leistete  eben  so  wenig,  wie  der  rheinische  Städtebund,
dem  sie  sich  angeschlossen,  ihr  die  ndthige  Unterstützung;  dagegen
  wußte  sie  sich  den  mächtigen  und  tapfern  Herzog  Albrecht
  von  Braunschweig  dadurch  zum  Freunde  zu  gewinnen,
  daß  sie  ihm  ihre  Tochter  Elisabeih  vermählte  und  dessen
Schwester  Adelheid  mit  ihrem  zehnjährigen  Sohne  Heinrich
verlobte.  Dies  brachte  den  Markgraf  Heinrich  allerdings  in
nicht  unbedeutende  Verlegenheit,  er  sah  sich  gendthigt,  den
Gudensberg  zurückzugeben,  dagegen  gedachte  er  sein  sonstiges
  thüringisches  Erbe  hartnäckig  zu  vertheidigen.  Albrecht
fiel  mit  einem  Hcere  in  Thüringen  ein  und  errang  einige
Vortheile.  Der  Krieg  währte  von  1256  bis  1263,  mithin
sieben  Jahre;  man  trieb  sich  von  Burg  zu  Burg,  Festungen
wurden  genommen  und  wieder  abgejagt,  aufgebaut  und  geschleift.
  Das  Ganze  gab  ein  buntes,  blutig  bewegtes  Bild
der  Vasallenkämpfe  des  Mittelalters,  wo  der  eigentliche  Gegenstand,
  das  Hauptmotiv  des  Krieges,  in  unzählige  kleinere,
  individuelle  Interessen  sich  zerstäckelnd,  beinahe  in  jedem
  Ayführer  auch  zugleich  eine  eigne  kriegfährende  Macht
fand.  Als  im  Jahre  1263  Albrecht  auf's  Neue  mit  starker
Heeresmacht  in  Thüringen  einfiel,  sah  sich  Heinrich  genothigt,
nach  Meißen,  und  von  da  aus  nach  Böhmen  zurückzuweichen,
  um  dort  neue  Mannschaft  zu  holen.  Verlockt  von  diesem
  gluͤcklichen  Fortgange  seiner  Waffen  drang  Albrecht  mit

1256
bis
1263

1263
        <pb n="104" />
        70  Heinrich  der  Erlauchte.

seinen  Verbündeten  in  die  Stifter  Naumburg  und  Merseburg
  vor  und  lagerte  sich  sodann  zwischen  Halle  und  Wettin.
  Aber  hier  ward  er  von  dem  tapfern  und  treuen  Schenken
  Rudolph  von  Vargula  und  von  Heinrichs  Söhnen,  Albrecht
  und  Dietrich,  unversehends  üuberfallen,  seine  Truppen
in  die  Flucht  geschlagen,  er  selbst  verwundet  und  mit  vielen,
  der  mit  ihm  verbündeten  Edlen  und  Ritter,  nebst  vielen
Knechten  und  Pferden,  gefangen.  Dieser  schnelle  und  entscheidende
  Sieg  brachte  bald  ganz  Thüringen  unter  Heinrichs
Herrschaft  zurück.  Der  gefangene  Herzog  Albrecht  mußte
sich  mit  schweren  Opfern  lösen,  und  kraft  des  zu  Stande
kommenden  Vergleiches  ward  dem  Markgrafen  Heinrich  der
Besitz  Thüringens  und  der  Pfalzgrafschaft  Sachsen  unbedingt
zugestanden,  wogegen  Sophien  und  deren  Sohne  Hessen,  welches
  durch  acht  von  Herzog  Albrecht  abgetretene  Städte  und
Schlösser  noch  bereichert  wurde,  anheimfiel.  So  kam  Thüringen
  zu  Meißen,  während  Hessen  sich  von  jenem  Lande
trennte  und  als  ein  neuer,  selbstständiger  Staat  aufging.
Durch  diese  Fehden  war  Heinrich  abgehalten  worden,
seine  Ansprüche  auf  die  österreichischen  Lande,  welche  im
1216  Jahre  1246  durch  den  Tod  des  letzten  Herzogs  vom  bambergischen
  Mannesstamme  erledigt  wurden,  geltend  zu  machen.
  Nur  zwei  Schwestern  dieses  letzten  Bambergers,
Friedrichs  des  Streitbaren,  waren  noch  am  Leben,  Margaretha
  und  Constantia,  erstere  die  Wittwe  des  Königs  Heinrich
  VII.,  diese  die  Gemahlin  Heinrichs  des  Erlauchten.
Noch  war  außerdem  vom  letztverstorbenen  Herzog  eine  Tochter,
  Gertrud  vorhanden,  und  an  den  böhmischen  Fürsten
MWladislav  verheirathet,  der,  sogleich  nach  Friedrichs  des
Streitbaren  Hintritt,  von  den  österreichischen  Landen  Besitz
nahm.  Aber  schon  nach  einigen  Monaten  starb  Wladislav;
seine  Wittwe  reichte  ihre  Hand  dem  Markgrafen  Herrmann
von  Baden,  welchem  von  mehreren  Seiten  der  Besitz  von
Oesterreich  zuerkannt  wurde.  Aber  auch  er  starb  nach  zwei
Jahren,  und  hinterließ  einen  Knaben,  Friedrich.  Ihm  suchte
die  Mutter  Gertrud  die  österreichische  Erbfolge  zuzuwenden.
Dies  gab  zu  Händeln  Veranlassung,  und,  um  diesen  Ir-
        <pb n="105" />
        Heinrich  der  Erlauchte.  71

rungen  ein  Ende  zu  machen,  erklärten  sich  die  österreichischen
Stände  für  Heinrich  den  Erlauchten,  welchem  von  Seiten
seiner  Gemahlin  Constantia  auch  Rechte  darauf  zustanden.
Aber  die  von  den  Ständen  an  ihn  gesendeten  Abgeordneten
hielt,  auf  ihrer  Durchreise,  der  boͤhmische  Konig  Wenzeslav
auf,  weil  er  für  seinen  eignen  Sohn  Ottokar,  Gelüsten  nach
dem  dsterreichischen  Besitzthume  trug.  Um  seine  Absichten
noch  leichter  ins  Werk  zu  setzen,  vermählte  er  Ottokar  im
Jahre  1252  mit  Margarethen,  des  verstorbenen  Herzogs  1252
ältester  Schwester,  wodurch  er  wirklich  dem  Markgrafen
Heinrich  —  der  durch  die  damaligen  thüringer  Kämpfe  zu
sehr  anderwärts  beschäftigt  war,  und  daher  seine  österreichischen
  Angelegenheiten  nicht  lebhaft  genug  betreiben  konnte  —
den  Vorrang  ablief  und  sich  die  öfsterreichischen  Lande  aneignete.
  Gleichermaaßen  leer  ging  Heinrich  mit  seinen  Ansprüchen
  auf  Neapel  und  Sicilien  aus,  welche  ihm  durch
die  Vermählung  seines  Sohnes  Albrecht  mit  Margarethen,
der  Tochter  Kaiser  Friedrichs  II.  erwachsen  waren,  jedoch
wegen  seiner  vielen  andern  Angelegenheiten  nicht  hinlänglich
von  ihm  betrieben  werden  konnten.

Wenn  Heinrich  durch  den  Erwerb  von  Thüringen  die
Macht  und  den  Länderbesitz  der  Meißner  Markgrafen  außerordentlich
  vermehrt  und  dadurch  die  innere  Kraft  des  Landes
  gesteigert  hatte,  so  brachte  er  derselben  durch  die  Theilung
  seines  Besitzes  zwischen  seinen  Söhnen  eine  doppelt
empfindliche  Wunde  bei.  Seinem  dlteren  Sohne,  Albrecht,
der  durch  seine  Heirath  mit  Margarethen,  Kaiser  Friedrichs  II.
Tochter,  den  unterpfändlichen  Besitz  des  Pleißnerlandes  überkommen,
  hatte  er  schon  früher  die  Verwaltung  Thüringens
anvertraut  und  diese  Verwaltung  später  in  ein  Besitzrecht
verwandelt,  so  daß  Albrecht  bereits  Herr  von  Thüringen  und
der  damit  verbundenen  sächsischen  Pfalzgrafschaft  war.  Heinrich's
  jungerer  Sohn,  Dietrich,  erhielt  dagegen  das  ganze
Osterland,  nebst  der  Burg  Landsberg  und  dem  dazu  gehdrigen
  Kreise.  Für  sich  selbst  behielt  Heinrich  nur  die  Laufig,
ingleichen  das  Land  von  der  Mulde  nach  Meißen  und  von
da  an  beiden  Elbufern  nach  Dresden  bis  Böhmen  hin,  wo-
        <pb n="106" />
        1270

72  Heinrich  der  Erlauchte.

von  er  später  noch  mehrere  Städte  seinem  Sohne  dritter
Ehe,  Friedrich  dem  Kleinen,  überließ.  Er  hatte  sich  hierdurch
beinahe  voôllig  aus  der  Macht  gegeben,  und  nur  zu  früh
sollte  er  diesen  übereilten  Schritt,  der  ihn  jedes  Einflusses
auf  seine  Söhne  beraubte  und  sie  mit  einem  Male  unabhängig
  von  ihm  machte,  bereuen.  Kurz  nach  dieser  Theilung,
  welche  wahrscheinlich  noch  vor  Beendigung  des  thüringischen
  Erbfolgekrieges,  ndmlich  schon  1262,  bewerkstellige
worden  war,  brachen,  man  weiß  nicht  aus  welchen  Gründen,
  Mißhelligkeiten  zwischen  Albrecht  und  Dietrich  aus,
und  1268  steigerten  sich  dieselben  zu  einem  förmlichen  Kriege.
Markgraf  Heinrich's  dltester  Bruder,  der  Erzbischof  Dietrich
von  Naumburg,  sohnte  zwar  die  Brüder  mit  einander  aus;
dafür  aber  wendete  sich  der  undankbare  Albrecht  —  welcher
von  diesen  und  spätern  tadelnswerthen  Handlungen  den
schmeichelhaften  Beinamen  des  Unartigen  erhielt  —  gegen
seinen  eignen  Vater,  welchem  er  jedoch  1270  in  einem  Vergleiche
  geloben  mußte,  sich  jeder  Feindseligkeit  gegen  ihn  für
die  Folge  zu  enthalten.  Noch  ernsthafter,  als  zuvor,  brach
im  Jahr  1275  die  Fehde  zwischen  den  Brüdern,  Albrecht
und  Dietrich  aus,  die  wahrscheinlich  den  Grund  hatte,  daß
Letztterer  Albrechts  Sohne,  Friedrich  und  Dietzmann  —  um
sie  gegen  die  üble  Behandlung  des  Vaters  und  deren  Concubine
  zu  schützen  —  zu  sich  genommen  und  sie,  im  Falle
seines  eigenen  unbeerbten  Sterbens,  zu  seinen  Erben  eingesetzt
  hatte.  Albrecht  brachte  seinem  Bruder  bei  Tennstädt
in  Thüringen  eine  Niederlage  bei,  worauf  es  abermals  zu
einer  Aussèhnung  zwischen  den  Brüdern  kam.

Am  15.  Februar  1288  starb  Heinrich  der  Erlauchte  zu
Dresden  und  wurde  zu  Altencelle  begraben.  Er  konnte  auf
seine  lange,  mehr  als  funfzigjährige  Regierung  nur  mit  gemischten
  Gefühlen  von  Selbstbewußtsein  und  Reue  zurückblicken.
  Er  hatte  einc  reiche  Zeit  durchlebt  und  war,  immer
in  einem  selbstständigen  Interesse,  in  ihren  vollsten  Strudel
hineingerissen  worden.  Das  Glück  hatte  ihm  mit  einer  beispiellosen
  Freigebigkeit  gelächelt  und  der  Gaben,  welche  ihm
dasselbe  zudachte,  waren  so  viele,  daß  er  sie  unmoglich  alle
        <pb n="107" />
        Heinrich  der  Erlauchte.  73

erfassen  konnte,  sondern  viele  derselben  von  sich  weisen
mußte,  um  nicht  die  fruͤher  erhaschten  wegzuwerfen.  Er
war  im  Beerben  so  gluͤcklich,  daß  er  haͤtte  Profession  davon
machen  koͤnnen,  und  ein  Fuͤrst  von  noch  mehr  Kraft  und
Umsicht,  als  er,  wuͤrde,  wenn  sich  ihm  dieselben  Verhaͤlt—
nisse  und  Gelegenheiten  dargeboten  haͤtten,  seine  Besitzungen
nach  dem  Osten,  wie  besonders  nach  dem  Suͤden  hin,  in
Neapel  und  Sicilien,  gewiß  noch  in's  Unendliche  erweitert
haben.  Aber  auch  ohne  dieses  hatte  Heinrich  seine  Laͤnder
zu  Glanz  und  Staͤrke  gebracht.  Daß  er,  schwachsinnig  und
unuͤberlegt,  diese  schoͤne  Gesammtheit  seines  Besitzthumes,
durch  eine  ungluͤckliche  Theilung  unter  unverträgliche  Soͤhne,
zerstörte,  machte  fast  das  Verdienst  seines  langen,  thatenreichen
  Lebens  wieder  zu  nichte.  So  erblicken  wir  in  Heinrich
  ein  ziemlich  bunt  zusammengesetztes  Bild  von  Kraft  und
Schwäche,  von  Besonnenheit  und  Uebereilung;  aber  alle
diese  lockern  Bestandtheile  seines  Geistes  werden  zusammengehalten
  durch  ein  untilgbares  äußeres  Glück,  und  man  muß
sich,  bei  unpartheiischer  Prüfung,  wohl  bekennen,  daß  sein
Gläck  leichter  seiner  Kraft,  als  seine  Kraft  seines  Gläckes
entbehren  hätte  koͤnnen.  —  Die  Uebersetzung  seines  Beinamens:
  Uhlstris  durch  Erlaucht  ist  ziemlich  schwankend  und
wird  es  wohl  bleiben,  je  weniger  gewöhnlich  das  Mönchslatein
  des  Mittelalters  —  und  Mönche  waren  damals  die
Fabricanten  der  Weltgeschichte  und  der  Herrscher-Beinamen  —
sich  zu  einer  kritischen  Zersetzung  eignet.  Vielleicht  sollte
Illustris  so  viel  wie:  der  Glänzende,  Prächtige  ausdrücken,
wofür  auch  der  geistvolle  Böttiger  in  seiner  sächsischen  Geschichte
  sich  erklärt;  denn  inwiefern  dieses  Wort  just  bei
Heinrich  —  der  doch  bei  weitem  mehr  durch  sein  Glück,  als
durch  sich  selbst  leuchtete  —  einen  „Selbstleuchtenden,  von
keinem  Andern  sein  Licht  Entlehnenden“  bedeuten  sollte,
würde  wohl  gerechten  Zweifeln  unterworfen  werden  können.
        <pb n="108" />
        Zweite  Abtheilung.

Von  Albrecht  dem  Unartigen  bis  zum  Tode  der
Soͤhne  Friedrichs  des  Streitbaren.

Ee  scheint,  daß  mehr  eine  unwürdige  Liebe,  als  angeborne
Gewissenlosigkeit,  Albrecht's  Leben  zu  einer  solchen  Kette
von  Fehlern,  Verbrechen  und  Tollheiten  gemacht  und  ihn  in
der  Geschichte  älterer  Zeiten  zu  einer  moralischen  Spukgestalt
herabgezogen  hat;  denn  seine  Jugend  verging  nicht  ohne  Ruhm,
und  sowohl  im  Zuge  gegen  die  unglubigen  Preußen,  als
auch  im  thüringischen  Eebfolgekriege  entwickelte  er  Muth  und
1251  kriegerischen  Sinn.  Nachdem  er  im  Jahre  1254  so  glücklich
gewesen  war,  die  Tochter  des  großen  Hohenstaufen,  Kaiser
Friedrich's  II.  als  Gemahlin  heimzuführen,  wurde  ihm  vom
Kaiser  eine  große  Geldsumme  als  Mitgift  ausgesetzt,  wofür
derselbe  Heinrich  dem  Erlauchten  das  Pleißnerland  —  welches
  besonders  Altenburg,  Zwickau,  Chemnitz,  Verde,  Crimmitschau,
  Schmöllen,  Leißnig,  Colditz,  Frohburg  und  andere
vorher  unmittelbar  dem  Kaiser  gehörige  Städte  in  sich  begriff
  —  verpfändete.  Ohngeachtet  der  vorzüglichen  weiblichen
  Eigenschaften,  welche  Margaretha  in  hohem  Grade  besaß
  und  die  völlig  geeignet  gewesen  sein  würden,  einen
würdigern  Gatten  zu  beglücken,  siel  Albrecht  doch  gar  bald
in  die  Schlingen  einer  eitlen  und  ehrgeizigen  Buhlerin,  des
Frduleins  Kunigunde  von  Eisenberg.  Diese  wußte  durch
schlaue  Weiberkünste  das  Herz  des  wankelmüthigen  Albrechts
        <pb n="109" />
        Markgraf  Albrecht.  75

von  seiner  Gemahlin  abzulenken,  und  eine  wüste,  rücksichtslose
Leidenschaft  in  ihm  zu  erhalten  Von  ihr  verführt,  vergaß
sich  Albrecht  so  weit,  daß  er,  um  Kunigunden  zum  Traualtare
  führen  zu  können,  den  verruchten  Plan  faßte,  sein  herrliches
  Weib  meuchelmordrisch  auf  die  Seite  zu  rdumen.  Ein
Eseltreiber,  welcher  Brod  und  Fleisch  auf  die  Wartburg
brachte,  sollte  das  Bubenstück  vollbringen  und  ließ  sich  dazu
  geneigt  finden;  allein  eine  ungeheuere  Angst  pakte  den
Unglucklichen,  als  er  zur  That  schreiten  wollte,  und,  von  seinem
  Gewissen  getrieben,  entdeckte  er  Margarethen,  was  ihr
gedroht  habe,  und  warnte  sie.  Von  ihren  Freunden,  namentlich
  dem  treuen  Schenken  von  Vargula,  bestürmt,  dachte  die
Landgräfin  auf  Flucht,  welche  sie  auch  am  24.  Juni  1270
auöführte.  Ein  Vorgefühl  des  Nimmerwiedersehens  wehte
durch  die  Seele  der  edlen,  unglücklichen  Frau,  als  sie  von
ihren  Kindern  Abschied  nahm,  und  in  unendlichem  Mutterschmerze
  biß  sie  ihren  zweiten  Sohn,  Friedrich,  beim  Trennungskusse
  krampfhaft  in  die  Wange,  so  daß  er  eine  Narbe
behielt  und  den  Beinamen  des  Gebissenen  davontrug.  Margarethe
  floh  aus  der  Wartburg  nach  Frankfurt  am  Main,
und  die  Bürger  dieser  Stadt  nahmen  sie,  in  dankbarer  Erinnerung
  ihres  großen  Vaters,  ehrerbietig  auf.  Doch  der  Gram
der  verrathenen  Gattin,  der  verwaisten  Mutter,  zehrte  gewaltsam
  an  dem  Leben  der  lieblichen  Tochter  des  großen  unglücklichen
  Hohenstaufengeschlechts,  und  noch  im  nämlichen  Jahre
nahte  ihr  der  Tod.  Ihren  altesten  Sohn,  Heinrich,  nahm
Heinrich  der  Erlauchte  zu  sich  und  übertrug  ihm  später  die
Verwaltung  des  Meißnerlandes,  aus  welchem  ihn  jedoch
nach  einigen  Jahren  sein  eigner  Vater  vertrieb.  Vom  Jahre
1282  wird  dieser  Heinrich  nicht  mehr  genannt,  daher  man
annehmen  darf,  daß  er  um  jene  Zeit  verstorben.  Die  beiden
  jungern  Söhne,  Friedrich  und  Dietzmann,  nahm  Albrecht
des  Unartigen  Bruder,  Dietrich  von  Landsberg,  zu  sich  und
erzog  sie.  Albrecht  aber  heirathete  Kunigunden  nach  der
Flacht  seiner  rechtmäßigen  Gemahlin,  und  ließ  den  früher
mit  Ersterer  erzeugten  unehelichen  Sohn  Apitz  legitimiren.
Ja  er  gab  sich  alle  erdenkliche  Mühe,  diesen  Bastard  zum

1270
        <pb n="110" />
        76  Friedrich  und  Dietzmann.

kuͤnftigen  Erben  seiner  Laͤnder  einzusetzen  und  seine  mit  Mar—
garethen  erzeugten  Soͤhne  leer  ausgehen  zu  lassen.  Da  die
Letzteren  sich  dies  nicht  gefallen  lassen  wollten,  so  kam  es
zu  heftigen  Streitigkeiten  zwischen  Vater  und  Soͤhnen,  und
endlich  gar  zu  offnem  Kriege.  Die  verstoßenen  Soͤhne  wa-1281

  ren  jedoch  anfangs  nicht  siegreich,  und  Friedrichen  traf  1281

1286

1288

sogar  das  Mißgeschick,  in  die  Gefangenschaft  seines  unnatürlichen
  Vaters  zu  fallen,  welcher  ihn  in  harter  Haft  hielt
und  ihn  selbst  dann  nicht  freigeben  wollte,  als  die  Städte
Mailand  und  Florenz,  Friedrichs  jungem  Heldengestirne  huldigend,
  ihm  die  Verwaltung  ihres  neu  sich  gestaltenden  Staates
  antrugen.  Doch  gelang  es  Friedrich,  wahrscheinlich  von
einigen  ihm  ergebenen  Dienern  seines  Vaters  unterstäützt,  seiner
  Haft  zu  entfliehen.  Die  Feindseligkeiten  nahmen  nun
ihren  Fortgang.  Mittlerweile  starb  Albrechts  Bruder,  der  biedere
Dictrich,  und  hinterließ  seinen  Sohn,  Friedrich  Tuta,  als  Erben
vom  Osterland  und  Landsberg.  Im  Jahre  1286  starb  auch
Albrechts  zweite  Gemahlin,  die  berüchtigte  Kunigunde,  die
Ate  des  langen  Krieges  zwischen  Vater  und  Söhnen.  Um
diese  Zeit  scheint  übrigens  zwischen  Albrecht  und  seinen  Soͤhnen
  eine  kurze  Ruhe  bestanden  zu  haben,  ja,  wie  es  heißt,
kam  es  zu  einem  Vergleiche,  in  welchem  Albrecht  seinem
altern  Sohne  Friedrich  die  Palzgrafschaft  Sachsen,  dem
jüngern,  Dietzmann,  das  Pleißnerland  einräumte.  Doch  war
der  Friede  nicht  von  Dauer.  Albrechts  Herz  hatte  sich  seinen
  Söhnen  entwendet,  ja  verfeindet;  er  suchte  seinem  jungsten
  Sohne  Apitz  auf  alle  nur  mögliche  Weise  zu  Gütern
und  Einfluß  zu  verhelfen  und  verkürzte  dadurch  seine  rechtmäßigen
  Söhne.  Hierüber  kam  es  auf's  Neue  zu  Feindseligkeiten,
  und  Albrecht  ward  1288  der  Gefangene  seines
Sohnes  Friedrich,  welcher  ihn  nach  Landsberg  und  von  da
nach  Rochlitz  in  Verwahrung  bringen  ließ,  auch  freiwillg
den  Vater  nicht  so  leicht  freigegeben  haben  würde,  da,  so
lange  Letzterem  die  Hände  nicht  gebunden  waren,  auf  keine
dauernde  Ruhe  zu  rechnen  war.  Gleichwohl  ermittelten  die
thüringischen  Stände  seine  Freilassung,  wobei  er  jedoch  seinem
  Sohne  Friedrich  die  Städte  Freiberg,  Hayn  und  Tor-
        <pb n="111" />
        Frledrich  und  Dietzmann.  77

gau  zu  uͤberlassen  sich  verpflichtete.  Doch  scheinen  diese
Versprechungen  nicht  vollgültig  erfüllt  worden  zu  seyn;  denn
im  folgenden  Jahre  wurde  zu  Eisenach  ein  neuer  Vergleich
geschlossen,  in  welchem  Albrecht  nichts  von  seinen  Ländern
zu  verdußern  oder  seinem  Sohne  Apitz  zuzuwenden  versprach,
es  moͤchte  denn  mit  Bewilligung  seiner  beiden  ältern  Söhne
geschehen.  Wirklich  war  ein  solcher  Vergleich  sehr  vonnöthen,
da  Albrecht  fortwährend  Lust  bezeigte,  zum  Nachtheil  seiner
Erben  Länderbesltungen  zu  verkaufen.  Im  Jahre  1291
starb  Friedrich  Tuta  und,  muthmaßlich  in  Gemäßheit  einer
von  ihm  getroffenen  Willensverfägung,  theilten  sich  Friedrich
und  Dietzmann  in  seine  Länder,  indem  Ersterer  den  größten
Theil  des  Meißner  Landes,  Letzterer  aber  das  Osterland  in
Besitz  nahm.  Albrecht  aber  betrachtete  dies  als  eine  Verletzung
  der  gesetzlichen  Erbordnung,  und  wohl  nicht  ohne
Grund,  daher  er  sich  nach  Hilfe  umsah,  seinen  Verbündeten
einen  bedeutenden  Theil  seiner  Länder  verkaufte  und  abermals
  Feindseligkeiten  gegen  seine  Söhne  begann.  Da  aber
seine  Soͤhne  ihm  (1293)  eine  bedeutende  Niederlage  beibrachten,
  so  verkaufte  er,  nur  um  seinen  Söhnen  alles  Mogliche
zu  entziehen,  die  Landgrafschaft  Thüringen  nebst  dem  Osterlande,
  desgleichen  seine  Rechte  auf  die  Mark  Meißen  —
für  den  Fall  seines  Todes  —  an  den  deutschen  König  Adolf
von  Nassau,  und  zwar  um  die  unbedeutende  Summe  von
12,000  Mark  Silber.  Adolf  konnte  allerdings,  wenn
man  die  ihm  erwachsenden  Schwierigkeiten  der  Uebernahme
hinwegrechnet,  sich  zu  diesem  billigen  Kaufe  Glück  wünschen,
er  gedachte  durch  diese  Länder  seine  Hausmacht  ansehnlich
zu  vergrößern  und  ließ  Albrechts  Söhne  auffordern,  die
erkauften  Länder  ihm  zu  übergeben.  Da  diese  sich  jedoch
hierzu  nicht  bereitwillig  finden  ließen,  fiel  er  im  September
1294  mit  einem  starken  Heer  in  Meißen  ein,  bemeisterte  sich
verschiedener  Mätze,  wie  Freiburg,  Naumburg,  Groitzsch,
Pegau,  Eulenburg  und  Leipzig,  und  ließ  es  zu,  daß  seine
Seldaten,  überall  wo  sie  hinkamen,  Grausamkeiten  und  schändlichen
  Muthwillen  aller  Art  begingen.  Hierauf  zog  er  sich

an  den  Rhein  zurück,  und  die  beiden  Markgrafen  setzten  sich

1203
        <pb n="112" />
        1295

1208

1306

1307

1308

78  Friedrich  und  Dietzmang.

wieder  in  Besitz  des  Verlornen.  Aber  1295  kehrte  Adolf
wieder  zurück,  nahm,  nach  einer  sechszehn  Monate  langen
Belagerung,  Freiberg  durch  Verrath  eines  dortigen  Einwohners,
  ließ  viele  der  Vertheidiger  umbringen  und  zwang  Friedrich,
  ihm  Meißen  nebst  seinen  übrigen  Städten  und  Schlössern
  abzutreten.  Doch  sollte  Adolfs  Grausamkeit  sich  nur
zu  schnell  rächen,  der  Kampf  mit  einem  ihm  gegenübergestellten
  Gegen-König  rief  ihn  aus  Meißen  hinweg,  und  die
Markgrafen  griffen  wieder  zu  ihrem  guten  Schwerte.  Bei
Doͤbeln  lieferte  Friedrich  den  königlichen  Truppen  eine  Schlacht,
in  welcher  er  völlig  Sieger  blieb  und  des  Königs  Feldberrn
und  Vetter,  Heinrich  von  Nassau,  gefangen  nahm.  Mehrere
Städte  kamen  jetzt  wieder  in  seine  Gewalt,  und  Konig
Adolf's  bald  darauf  erfolgender  blutiger  Tod  —  er  fiel  in
der  Schlacht  bei  Gehlheim  gegen  seinen  Nebenbuhler,  Albrecht
von  Oesterreich  (2.  Juli  1298)  —  brachte  die  hartbedrängten
  Markgrafen  bald  wieder  in  den  vollen  Besitz  ihres  angetasteten
  Eigenthums.

Die  kurze  Ruhe,  welche  den  Brüdern  vergönnt  war,  um
sich  in  ihrer  harterschütterten  Regierung  wieder  ecinigermaßen
zu  befestigen,  ward  bald  dadurch  wieder  gestört,  daß,  als
Friedrich  und  Dietzmann  1306  Eisenach  und  einige  andere
thüringische  Städte  in  Besitz  nehmen  wollte,  diese  sich  für
Eigenthum  des  deutschen  Reichs  erklärten,  und  sich  dem  neuen
deutschen  König  Albrecht  in  die  Arme  warfen,  der,  wahrscheinlich
  von  dem,  aus  Friedrichs  Gefangenschaft  entflohenen
Heinrich  von  Nassau  dazu  verleitet,  auch  zwei  Heere  absendete,
  um  diese  Städte  den  Brüdern  zu  entreißen.  Aber  der
Anführer  des  einen  Heeres  ward  bei  der  Wartburg  von  den
Thüringern  abgefangen,  und  am  31.  Mai  1307  schlugen
Friedrich  und  Dietzmann  bei  Lucca,  unweit  Altenburg,  den
König  so  nachdrücklich,  daß  ihm  für  den  Augenblick  die  Last
zu  dem  Meißner  Besitze  scharf  verleidet  wurde.  Zwar  machte
er  im  folgenden  Jahre  noch  einige  Versuche,  allein  im  Mai
dieses  Jahres  fiel  er  unter  den  Schwertern  seines  Rache
schnaubenden  Verwandten,  Johanns  von  Schwaben,  und
seiner  Gefährten.  Leider  sollte  dem  freudigen  Siege  von  Lucca
        <pb n="113" />
        Markgraf  Friedrich.  79

noch  ein  harter  Schlag  auf  das  Wettinsche  Haus  folgen.
Am  25.  Debr.  1307  wohnte  Dietzmann  in  der  Thomaskirche
  zu  Leipzig,  wo  er  sich  eben  befand,  der  Christmette
bei,  als  plötzlich  aus  dem  Volkshaufen  ein  Mdrder  auf  ihn
lossprang  und  ihm  einen  Stich  versetzte,  an  welchem  er  drei
Tage  darauf  starb.  Man  ist  ungewiß,  auf  wen  man  den
Verdacht  der  Anstiftung  werfen  soll;  auch  hat  man,  hin  und
wieder,  den  ganzen  Vorfall  für  eine  Erdichtung  ansehen
wollen  und  glaubt,  daß  Dietzmann  nur  eines  schnellen,  aber
natürlichen  Todes  gestorben  sey.  Er  wurde  in  der  Paulinerkirche
  zu  Leipzig  begraben.  In  ihm  verlor  Friedrich  seinen
  treuesten  Freund  und  seinen  engverbundenen  Leidensund
  Waffengefährten,  der  durch  gemeinschaftliches  frühes
Mißgeschick  ihm  beinahe  noch  inniger  verbrüdert  war,  als
durch  die  Natur.  Er  scheint  seinem  Bruder  Friedrich  an
Kraft  und  Tapferkeit  wenig  nachgestanden,  wohl  aber  an
Sanftmuth  und  Ruhe  ihn  übertroffen  zu  haben.

Da  der  alterschwache  Albrecht  keine  besonderen  Ansprüche
auf  die  Länder  seines  verstorbenen  Sohnes  Dietzmann  erheben
  mochte,  so  übernahm  Friedrich  dieselben,  und  beinahe
Alles,  was  sich  hisher  geweigert  hatte,  ihn  als  Herrn  anzuerkennen,
  unterwarf  sich  ihm  nunmehr,  so  daß  er  sich  endlich
  im  Besitz  aller  der  umfangreichen  Staaten  sah,  die  seinem
  Vater  und  seinem  Bruder  zugehèrt  hatten.  Dennoch
hatte  er  noch  mit  manchem  widerspenstigen  Gegner  zu  kämpfen.
  Besonders  machten  ihm  die  Erfurter  böses  Blut,  indem
  sie  sich  weigerten,  diejenigen  Stücke  Landes,  welche  sein
Vater  Albrecht,  ohne  sein,  Friedrich's,  Vorwissen  an  sie  verdußert
  hatte,  ihm  herauszugeben.  Es  kam  darüber  zu  vielen
  und  langwierigen  Neckereien  und  Händeln,  die  er  um
so  weniger  schnell  dämpfen  konnte,  da  die  Städter  mehrere,
dem  Markgrafen  erbitterte  Herren  —  wie  die  Aebte  von  Fulda
und  Hirschfeld,  den  Grafen  von  Orlamünde  u.  s.  w.  —  zu  ihren
Verbündeten  gemacht  hatten.  Am  meisten  aber,  unter  allen
seinen  Gegnern,  machte  Friedrichen  der  Markgraf  Waldemar
von  Brandenburg  zu  schaffen,  welche  Fehde  sich  wahrscheinlich
  um  die  Lausitz  entspann.  Es  galt  mehr  ein  gegen-1307
        <pb n="114" />
        112

13s11

80  Markgraf  Friedrich.

seitiges  Berauben  und  Verwüsten,  als  einen  fdrmlichen  Krieg.
Doch  hatte  Friedrich  das  Ungläück,  bei  Großenhayn  1312  in
die  Gefangenschaft  seines  Gegners  zu  gerathen,  und  konnte
seine  Freiheit  unter  keiner  andern  Bedingung  wiedererlangen,
als,  indem  er  den  freilich  ihm  ungünstigen  Vertrag  von  Tangermünde
  einging,  zufolge  dessen  er  seine  Tochter  Eilisabeth
dem  Grafen  Albrecht  von  Köthen,  Waldemar's  Schwestersohne,
  zur  Gemahlin  gab  und  derselben  das  ganze  Pleißnerland
  als  Heiratsguth  überließ,  dem  Markgrafen  Waldemar
  aber  die  Lausitz  und  mehrere  meißnische  Städte  abtrat
und  zugleich  eine  Summe  von  32,000  Mark  Silber  zu  zahlen
  versprach.  Sobald  Friedrich  sich  wieder  frei  wußte,
züchtigte  er  die  ihm  aufsäßigen  Aebte,  indem  er  ihnen  ihre
thäringischen  Besitzungen  wegnahm,  die  sie  sich  nur  mit
schwerem  Golde  wieder  einldsen  durften,  so  auch  die  aufrührischen
  Städte,  welche  des  Markgrafen  Gefangenschaft
sich  augenblicklich  zu  Nutze  gemacht  hatten,  um  von  ihm  abzufallen
  und  andere  Herren  anzuerkennen.

Am  13.  Novbr.  1314  starb  Friedrich's  Vater,  Albrecht,
in  einem  Alter  von  74  Jahren,  zu  Erfurt  in  großer  Dörftigkeit.
  Er  hatte,  ein  pensionirter  Länderfürst,  seine  letzten
Lebensjahre  mit  wenigen  Getreuen  in  abentheuerlicher  Armuth
  hingebracht,  hatte  sich,  nebst  seinen  hungernden  Lakaien,
von  Bürgersleuten  füttern  lassen,  bis,  bei  neuen  Geldsendungen,
  gleich  einem  sorgenlosen  Studenten,  auf  einige  Tage
wieder  Münze  und  fürstlicher  Hochmuth  bei  ihm  einkehrte,
die  sich  nie  lange  aufhielten  und  schnell  wieder  dem  Hunger
und  der  unwillkührlich  damit  verschwisterten  Bescheidenheit
Platz  machten.  Er  reizte  in  diesem  Zustande  die  Lachlust
an,  wenn  man  geneigt  ist,  an  seinen  frühern  rücksichtslosen
Trotz  und  Hochmuth  zurückzudenken,  aber  seine  Jammergegestalt
  erregt  auch  wiederum  Mitleid,  wenn  man  sich  entsinnt,
  daß  seine  Jugend  nicht  leer  an  Kriegesruhm  ist.
Vielleicht  hätte  Friedrich  es  doch  verhüten  können,  seinen
Vater  so  ganz  zu  einem  halb  tragischen,  halb  possierlichen
Bilde  fürstlichen  Elends  herabsinken  zu  lassen,  und  nur  die
zu  stürmischen  Zeiten,  welche  Friedrichen  nie  Ruhe  gönnten
        <pb n="115" />
        Markgraf  Friedrich.  81

und  ihm,  neben  größern  Volks=  und  Staatsinteressen,  selbst
das  Elend  seines  Vaters  gewissermaaßen  zur  Nebensache
machen  mußten,  koönnen  ihm  zur  Entschuldigung  gereichen.
Unverkennbar  sehen  wir,  auch  noch  ausser  den  ruhmvollen
Waffenthaten  seiner  Jugend,  selbst  in  Albrechts  reiferem  Leben
  aus  einem  Gewirre  von  Launen  und  eigensinnigen  Leidenschaften
  einzelne  Züge  von  Kraft  hervorleuchten.  Aber
fremder  unseliger  Einfluß,  besonders  die  Lockungen  eines
verführerischen,  buhlerischen  Weibes,  erstickten  frühzeitig  die
heiligsten  Gefühle  der  Natur,  Gatten=  und  Vaterliebe,  in
seinem  Herzen,  und  mit  ihnen  ging  gewaltsam  alles  Schoͤne
und  Bessere  in  ihm  zu  Grabe.  Bejammernswerthe  Alterschwäche
  und  kindischer  Greisenstumpfsinn  waren  nicht  geeignet,
  die  Uebereilungen  des  Jünglings,  die  Vergehungen
des  Mannes  an  ihm  zu  versèhnen,  und  der  kleinliche  Wit
mancher  Geschichtschreiber  hat  sich  beeilt,  sein  Bild  noch  in's
Fratzenhafte  herabzuziehen.  Beleidigtes  Vatergefühl  —  freilich
  meist  nur  in  Folge  seiner  eignen  Schuld  angetastet  und
verletzt  —  machte  ihn  immer  aufgebrachter,  wachsendes  Mißgeschick
  immer  verstockter.  Sein  mit  Kunigunden  erzeugter
Sohn,  Apitz,  war  ihm  im  Tode  schon  vorangegangen.

Nach  Kunigundens  Tode  hatte  Albrecht  sich  mit  Elisabeth,
verwittweter  Gräfin  von  Arnshaug,  vermählt.  Diese  seine
dritte  Ehe  blieb  kinderlos.  Wohl  aber  hatte  Elisabeth  aus
ihrer  ersten  Ehe  eine  Tochter,  ebenfalls  Elisabeth  genannt,
welche  Friedrich  der  Gebissene,  der  seine  erste  Gemahlin  durch
den  Tod  verloren  hatte,  entführte  und  ehelichte,  wodurch  ihm,
nachdem  sein  Vater  sich  mit  ihm  ausgesöhnt  und  in  diese
Che  gewilligt  hatte,  Neustadt  an  der  Orla,  Triptis,  Auma,
Ziegenrück  und  ein  Theil  der  Stadt  Jena  zufiel,  wozu  die
andern  Theile  nachgehends  kaäuflich  angebracht  wurden.

Friedrich's  ruheloses  Leben  endigte  auf  eine  Weise,  welche
mit  seiner  bewegten  Laufbahn  im  schmerzlichen  Contraste
stand.  Als  er  1321  in  Eisenach  ein  geistliches  Mönchsspiel,
  welches  die  Historic  von  den  fünf  klugen  und  den
fünf  thdrigten  Jungfrauen  vorstellte,  mit  ansah,  wurde  der
von  langen  Lebensstürmen  wahrscheinlich  schon  erschdpfte

6
        <pb n="116" />
        1321

82  Markgraf  Friedrich.

greise  Held  räthselhaft  tief  von  diesem  nichts  bedeutenden
Schauspiele  ergriffen,  und  verfiel  von  dieser  Zeit  an  in  eine
Schwermuth,  welcher  sich  später  ein  Schlagfluß  zugesellte,
der  eine  voͤllige  Lähmung  der  Glieder,  ja  selbst  der  Zunge
veranlaßte.  In  diesem  qualoollen  Zustande  blieb  der  einst
so  blühende,  kraftvolle  Friedrich  noch  ziemlich  drei  Jahre  an
das  schmerzvolle  Einerlei  eines  siechen  Lebens  gefesselt  und
starb  endlich  am  16.  November  1324,  danach  er  zu  Eisenach
begraben  wurde.  Gewiß  war  Friedrich  einer  der  ritterlichsten
  Fürsten  aller  Zeiten.  Frühzeitig  in  der  Schule  des  Unglücks
  erzogen,  hinweggerissen  von  dem  treuen  Mutterherzen,
verstoßen  und  aufgegeben  von  dem  Herzen  des  Vaters,  sein
rechtmäßiges  Erbe  von  gierigen  Händen  angefaßt,  bildete
sein  ganzes  Leben  einen  steten  Kampf  um  sein  Besitzthum,
er  mußte,  was  ihm  gehbrte,  ewig  krampfhaft  festhalten,
von  einem  Ruhepunkte  in  seinem  Daseyn  ist  kaum  die  Rede.
Daß  aber  Friedrich  unter  Umständen,  wo  eigentlich  seine
ganze  Kraft  sich  nur  auf  das  Nichtverlieren  richten  mußte,
sogar  auch  hin  und  wieder  gewann,  macht  ihn  bewundernswürdig.
  Der  anfangs  nothgedrungene,  später  bisweilen  allerdings
  mehr  auf  eine  kalte  Politik  begründete  Kampf  gegen
seinen  Vater  hatte,  vermoge  seiner  widernatürlichen  Erscheinung,
  vielleicht  manche  zarte,  höhere  Empfindung  in  ihm
abgestumpft;  dennoch  leuchten  durch  Friedrichs  Leben  vielfache
  schöne  menschliche  Empfindungen,  welchen  eine  mildere
Sonne  zu  gönnen  gewesen  wäre,  um  sich  besser  zu  entfalten
und  aufzublühen.  Ein  Held  nicht  nur  im  Kampfe,  sondern
auch  im  Leben,  stieg  mit  ihm  in's  Grab.  Er  hatte  sein
rechtmäßiges  Erbe  kühn  und  unerschütterlich  gegen  den  Haß
eines  unnatürlichen  Vaters,  gegen  den  Uebermuth  mächtiger
Feinde,  gegen  den  Trotz  empdrerischer  Städte  und  Vasallen,
ja  gegen  die  Uebermacht  zweier  deutschen  Könige  behauptet,
und  obschon  oft  hart  bedrängt,  dem  Untergange  nahe,  aller
Hilfe  baar,  selbst  das  Nothdürftigste  entbehrend,  blieb  er  doch
unüberwunden  und  wich  nicht  von  seinem  guten  Rechte.
Wem  füllt  nicht  von  selbst  die  Aehnlichkeit  zwischen  ihm  und
        <pb n="117" />
        Friedrich  der  Ernsthafte.  83

dem  Heldenkaiser  Friedrich  II.  vom  hohenstausischen  Stamme,
  in  die  Augen?  —

Friedrich  hatte  von  seiner  ersten  Gemahlin  Agnes,  einer
gebornen  Herzogin  von  Kärnthen,  einen  Sohn  Friedrich,  der
Hinkende  genannt,  welcher  jedoch  schon  1315  bei  der  Belagerung
  von  Zwenkau  durch  einen  Pfeilschuß  getödtet  wurde.
Seine  zweite  Gemahlin,  Elisabeth,  beschenkte  ihn  mit  einer
Tochter  gleiches  Namens,  welche  er  dem  Landgrafen  Heinrich
  von  Hessen  vermaͤhlte,  und  mit  einem  Sohn,  Friedrich,  der
Ernsthafte  benannt,  welcher  sein  Nachfolger  wurde.  Als
sein  Vater  starb,  war  er  kaum  vierzehn  Jahre  alt,  daher
stand  er  bis  zum  Jahre  1329  unter  der  Vormundschaft  seiner
Mutter  und  des  Grafen  Heinrichs  des  Aeltern  von  Schwarzburg,
  und,  als  Letzterer  1324  in  der  Schlacht  blieb,  des
Grafen  Heinrich  Reuß,  Voigts  von  Plauen.  Statt  der
von  seinem  Vater  ihm  bestimmten  böhmischen  Prinzessin
Jutta,  ehelichte  er  Mechtild,  die  Tochter  Kaiser  Ludwigs  von
Baiern,  welcher  ihn  im  Jahre  1329  für  volljährig  erklärte.
Wenn  Friedrich  sich  durch  diese  Heirath  den  Kaiser  zum
Verwandten  und  Freunde  machte,  so  hatte  er  sich  dadurch,
daß  er  Jutta'S  Hand  verschmäht,  deren  Vater,  den  König
Johann  von  Böhmen,  zum  Feinde  gemacht,  welcher  ihm  daher
  die  meißnischen  Erbgüter  in  der  Oberlausitz  entriß.
Dagegen  erhielt  er  vom  Kaiser  Ludwig,  statt  der  Mechtilden
zum  Mitgift  bestimmten  10,000  Mark  Silber,  die  Städte
Mühlhausen  und  Nordhausen  verpfändet,  welche  jedoch  Umstände
  machten,  sich  dem  Wettiner  zu  unterwerfen,  und  erst
durch  die  Reichsacht  dazu  gebracht  werden  konnten.  Einem
Aufgebote  seines  kaiserlichen  Schwiegervaters  zufolge,  unterstützte
  Friedrich  den  Kdnig  Eduard  III.  von  England  gegen
Philipp  VI.  von  Frankreich,  zog  1339  Ersterm  zu  Hülfe
und  holte  sich  den  Ritterschlag,  obschon  es  nicht  eben  zu
bedeutenden  Fehden  gekommen  war.  Mit  besonderer  Kraft
strebte  Friedrich,  das  in  Deutschland  immer  mehr  überhand
nehmende  Faustrecht  und  die  Räubereien  der  Edlen  zu  dämpfen.
  Die  Edlen  von  Treffurt,  welche  auf  der  Burg  Nortmannstein
  an  der  Werra  hauf'ten  und,  obgleich  Besitzer  von

6  *

1329

1330
        <pb n="118" />
        13

84  Friedrich  der  Ernsthafte.

Spangenberg,  Dorla  und  Dümwerde,  es  nicht  verschmähten,
das  umliegende  Land  durch  kühne  Raubzüge  zu  schrecken,
mußten  Friedrich's  Strenge  bitter  empfinden,  welcher,  verbündet
  mit  Mainz  und  Hessen,  Jagd  auf  sie  machen  ließ.
Da  man  ihrer  mehrere  fing,  so  mußten  drei  derselben  erbarmunglos,
  Jeder  in  Gesellschaft  einer  Katze,  den  Galgen
zieren.  Ihre  Burg  wurde  gebrochen  und  ihr  Land  in  eine
Gauerbschaft  —  ein  gemeinsam  zu  besitzendes,  zu  verwaltendes
  und  zu  vertheidigendes  Gesammteigenthum  —  verwandelt.


Ueberhaupt  strebte  Friedrich's  ganzes  Leben  darauf  hin,
den  Uebermuth  des  Adels  zu  dampfen,  der  eine  Quelle  unübersehbarer
  Streitigkeiten  war,  und  Fürst  wie  Bürger  beldstigte.
  Er  bevorzugte  vielmehr  die  Städte,  und  ist  ohnstreitig
  einer  der  ersten  Fürsten  jener  Zeit,  welche  das  Unzweckmaßige
  eines  rein  aristokratischen  Systems  einsahen.
Eine  harte  Fehde  führte  er  gegen  den  Grafen  Hermann  von
Weimar  und  Orlamünde  —  der  durch  Spott  und  unehrerbietiges
  Betragen  den  Zorn  des  strengen,  düstern  Fürsten
erregt  haben  soll  —  und  dessen  Bundesgenossen,  Graf  Günther
  von  Schwarzburg.  Die  Erfurter  schlugen  sich  auf  die
Seite  Friedrichs,  aber  auch  die  Grafen  fanden  Bundesgenossen,
  und  beide  Theile  wetteiferten,  sich  durch  Verwüstungen
  und  oft  zwecklose  Feindseligkeiten  zu  erschöpfen.  Doch
zogen  im  Ganzen  die  Grafen  den  Kürzern  und  sahen  sich
endlich  (1345)  segar  gendthigt,  durch  bedeutende  Opfer  von
Friedrich  den  Frieden  zu  erkaufen.

Durch  seine  Willenskraft,  Besonnenheit  und  den  guten
Fortgang  seiner  Unternehmungen  hatte  Friedrich  sich  eine  so
hohe  und  allgemeine  Achtung  begründet,  daß,  nach  dem
Tode  Kaiser  Ludwigs  des  Baiern  (&amp;amp;4  1347),  mehrere
deutsche  Fürsten  ihre  Wahl  auf  Friedrich  lenkten,  und  man
zu  Frankfurt  bereits  Unterhandlungen  mit  ihm  begann,  welche
darauf  zielten,  ihn  zum  Gegenkönige  wider  Karl  IV.  zu
machen.  Friedrich  schwankte,  ob  er  diese  gefährliche  Ehre
annehmen  sollte,  oder  nicht.  Karl  IV.  aber  bot  ihm  in
einer  Hand  die  Reichsacht,  in  der  andern  10,000  Mark
        <pb n="119" />
        Friedrich  der  Strenge  und  seine  Bruͤder.  85

Silber;  Erstere  galt  dem  Gegenkönige,  diese  wurden  ihm
fuͤr  die  Entsagung  angetragen.  Somit  entschied  sich  Friedrich
für  das  Lettere,  wies  die  dargebotene  Kdnigskrone  von  sich
und  bedeutete  den  Grafen  Gönther  von  Schwarzburg,  ein
Gleiches  zu  thun.  Diesen  aber  verlockte  der  Glanz  der  ihm
angebotenen  Konigskrone,  die  ihm  nach  einigen  Monaten
den  Untergang  bereitete.

Friedrich  der  Ernsthafte  starb  am  18.  November  1349,
erst  39  Jahre  alt,  und  wurde  in  der  von  ihm  gebauten
Capelle  zu  Altencelle  begraben.  Sein  Charakter  will  —  in
scharfen,  aber  schwankenden  Umrissen  uns  erscheinend  —
nicht  ganz  klar  aus  seiner  Zeit  hervortreten.  Besonnen,  fest
und  muthig,  scheint  er  doch  der  sanftern  Regungen  entbehrt
zu  haben,  namentlich  tritt  uus  vielen  seiner  Handlungen
eine  gewisse  Herzlosigkeit  hervor.

Von  seiner  Gemahlin  Mechtild  hinterließ  er,  nebst  zwei
Tochtern,  vier  Söhne:  Friedrich,  Balthasfar,  Ludwig  und
Wilhelm  I.  Ludwig  erwählte  den  geistlichen  Stand.  Bei
des  VaterS  Tode  war  von  den  Brüdern  nur  der  lteste,
Friedrich  —  mit  dem  spätern  Beinamen  des  Strengen  —
mündig,  welcher  die  gemeinschaftliche  Regierung  für  sich  und
seine  minderjahrigen  Brüder  sofort  antrat,  indem  damals
das  Recht  der  Erstgeburt  noch  nicht  anerkannt  ward.  Er
schloß  sich  gleich  anfangs  sehr  innig  an  Karl  IV.  an,  welcher
  dafür  Friedrich  und  dessen  Brüder  1350  nicht  nur  mit
der  Markgrafschaft  Meißen,  dem  Osterlande,  dem  Pleißnerlande
  und  den  Grafschaften  Orlamünde,  Rochlitz  und  Groitsch
belehnte,  sondern  ihnen  auch  das  Reichs  -Oberjägermeisteramt
  ertheilte,  welches  Friedrich  auf  dem  großen  Hoftage  zu
Metz  1356  seierlichst  ausübte.  Friedrich's  Verehelichung
mit  Katharina,  der  Tochter  Heinrichs  XII.  von  Henneberg,
hatte  ihm  die  Pflege  Koburg  eingebracht,  und  1357  wußte
er,  nach  längerer  Fehde,  auch  die  Voögte  von  Plauen  dahin
zu  bringen,  daß  sie  ihm  Ziegenrück,  Triptis,  Auma  und
noch  andere  Orte  überlassen  mußten.  Auf  ähnliche  Weise
wußten  die  Brüder  sich  nach  und  nach  in  den  Besitz  der
Schlosser  Ddringsberg,  Windberg  und  Greifberg  zu  setzen,

1319

1350

1356

1357
        <pb n="120" />
        1373

1371

1375

1377
1382

1379

86  Erriedrich  der  Strenge  und  seine  Brüder.

ingleichen  die  sräher  den  Herzdgen  von  Braunschweig  zugehörige
  Herrschaft  Sangerhausen  an  sich  zu  bringen.  Auch
kam,  durch  Friedrich's  Betrieb,  im  Jahre  1373,  die  schon
länger  im  Werke  gewesene,  aber  immer  durch  Umstände
wieder  abgebrochene  Erbverbrüderung  zwischen  Meisen
und  Hessen,  wodurch  eine  gegenseitige  Erbfolge  bezweckt
ward,  zu  Stande.

Zu  derselben  Zeit  stiegen  in  Thüringen  wieder  drohende
Kriegswetter  empor.  Nach  dem  erfolgten  Hintritte  des  Erzbischofs
  Johann  von  Mainz,  hatte  das  dortige  Domkapitel
den  Bischof  von  Speier,  Adolph  von  Nassau,  zu  Jenes  Nachfolger
  gewaéhlt.  Dagegen  hatte  Ludwig,  der  zum  geistlichen
Stande  engogene  dritte  Sohn  des  verstorbenen  Friedrich's  des
Ernsthaften  —  nachdem  es  ihm  schon  1358,  damals  kaum
18  Jahre  alt,  zum  Bischof  von  Halberstadt,  und  acht  Jahre
später  zum  Bischof  von  Bamberg  gewählt  zu  werden,  geglückt
  war  —  1374  den  Pabst  Gregor  XI.  vermocht,  ihm
das  erledigte  Mainzer  Bisthum  zuzusagen  und  des  Kaisers
Karl  IV.  Einstimmung  hiezu  erhalten.  Während  für  Adolph
von  Nassau  die  Städte  Erfurt,  Nordhausen  und  Mühlhausen,
  ingleichen  die  Grafen  von  Gleichen  und  der  elchsfeldische
Adel  auftraten,  wurden  Ludwig's  Ansprüche,  wie  natürlich,
nicht  nur  von  seinen  Brüdern,  sondern  auch  vom  Kaiser
selbst  unterstützt.  Letzterer  aͤchtete  die  Stadt  Erfurt  und  die

Grafen  von  Gleichen;  Friedrich  der  Strenge  aber  legte  sich

mit  einem  mächtigen  Heere  vor  jene  Stadt  und  verwüstete
deren  Gebiet,  wie  auch  die  Güter  der  Grafen  von  Gleichen.
Endlich  vermittelte  der  Kaiser  einen  Vergleich  und  spater
(1377)  einen  Waffenstillstand.  Doch  brachen  die  Unruhen
auf's  neue  hervor,  bis  Ludwig's  gewaltsamer  Tod  (1382)
in  Folge  eines  Sturzes,  den  Streitigkeiten  mit  einem  Male
ein  Ziel  setzte.

Die  drei  Bruͤder  hatten  bisher  vollkommen  gemeinschaftlich
  regiert,  bis  sie  im  Jahre  1379  eine  sogenannte  Oerterung
  —  eine  bloße  Umschreibung  des  gefürchteten  Namens:
Ländertheilung  —  eingiengen)  zufolge  deren  Friedrich  das
Osterland  und  die  Markgrafschaft  Landsberg,  Balthasar
        <pb n="121" />
        Friedrich  der  Strenge  und  seine  Bruͤder.  87

Thuͤringen  und  Wilhelm  Meißen  erhielt.  Im  Jahre  1381  1331
(26.  Mai)  starb  Friedrich  der  Strenge  im  fünfzigsten  Lebensjahre
  und  war  der  letzte  Fürst,  welcher  nach  Altencelle
begraben  wurde.  Den  Beinamen  des  Strengen  hatte  er
sich  blos  um  die  Raubritter  und  Marodeurs  verdient,  die
in  jener  Zeit  so  häufig  waren  und  den  Frieden  der  Städte
so  oft  beunruhigten.  Er  verfolgte  diese  allerdinge  mit  unerbittlicher
  Strenge,  die  Länder  wurden,  zum  großen  Theil,
von  diesen  Unholden  gesäubert,  Raubburgen  gebrochen  und
die  Räuber,  meistens  aus  vornehmen  Geschlechtern,  schwer,
meistens  mit  dem  Galgen  gestraft.  Doch  soll  er,  wie  streng
er  auf  diese  Weise  am  rechten  Orte  seyn  konnte,  auch  eben
so  verträglich  und  dienstfertig  gegen  seine  Freunde  und  die,
welche  er  zu  achten  hatte,  gewesen  seyn.  Von  seiner  Gemahlin
  Katharina  von  Henneberg,  hinterließ  er  drei  Söhne,
Friedrich,  Wilhelm  II.  und  Georg,  unter  denen  der  älteste,
Friedrich,  mit  dem  Zunamen:  der  Streitbare,  zu  dem  größten
  RNuhme  und  Ansehen  gelangte.  Nach  Friedrich's  des
Strengen  Absterben  wurde  die  vorher  angenommene  bloße  Oerterung
  am  13.  Novbr.  1382  in  eine  foͤrmliche  Landertheilung  1382
verwandelt,  und  behauptete  sonach  nunmehr  Wilhelm  Mei-Hen,
  Balthasar  Thüringen,  während  Friedrich's  des  Strengen
Söhne  Osterland  und  Landsberg  erhielten.  Freiberg  sammt
den  Bergwerken  blieb  jedoch  gemeinschaftlicher  Besitz.  Seitdem
  sind  die  Wettinischen  Länder  nie  wieder  unter  dem
Scepter  eines  einzigen  Fürsten  vereinigt  gewesen.

Bei  seines  Vaters  Tode,  war  Friedrich  der  Streitbare
kaum  zwolf  Jahre  alt,  daher  er,  so  wie  seine  beiden  Brüder,
der  ausdrücklichen  Verordnung  Friedrich  des  Strengen  gemäß,
noch  einige  Zeit  unter  der  Vormundschaft  seiner  Mutter,
Katharina  von  Henneberg  stand.  Diese  Vormundschaft
währte  bis  zum  Jahre  1397,  wo  Katharina  starb.  Ohnge=  1391
achtet  ihrer  rühmlichen  Fürsorge  und  des  dringenden  Versprechens,
  welches  der  sterbende  Vater  seinen  Söhnen  abgenommen
  hatte,  der  Mutter  Willen  in  Allem  zu  ehren,  hatten
dieselben  doch  nicht  immer  nach  ihrem  Willen  gefragt,  wie
dies  z.  B.  bei  der  Erbtheilung  der  Meißnisch=  thüringischen
        <pb n="122" />
        1383

1389

139
1100

88  Friedrich  der  Streitbare.

Lande  der  Fall  war,  welche  die  drei  Fuͤrstensoͤhne  schon  1382
mit  den  Bruͤdern  ihres  Vaters  bestimmt  hatten,  und  in  welcher
  Balthasar  die  Landgrafschaft  Thuͤringen,  Wilhelm  J.  das
Meißnerland,  die  drei  Bruͤder  aber  das  Osterland  sammt
einigem  Zubehoͤr  erhielten,  auch  im  folgenden  Jahre  von
dem  deutschen  Koͤnige  Wenzeslav  von  Boͤhmen,  zu  Nuͤrn—
berg  mit  den  erwaͤhnten  Landen  belehnt  wurden.  Sie  be—
hielten  gemeinschaftlich  die  Regierung,  und  vermehrten  ihre
Besitzungen  1389  mit  der  Stadt  Salfeld,  sammt  dem  Schlosse
gleiches  Namens,  die  sie  dem  Grafen  von  Schwarzburg  abkauften.
  Desgleichen  brachten  sie  vier  Jahr  spaͤter  das
Schloß  Altenberg  bei  Jena  an  sich,  loͤseten  das  Schloß
Leuchtenberg  1396  ein,  und  im  Jahre  1400  kauften  sie  dem
Stifte  Naumburg  die  demselben  früher  als  Lehnsstäcke  gehörigen
  Schlösser,  Schmolln,  Ronneburg  und  Werda  ab.
Friedrich  der  Streitbare  trat  in  ein  Zeitalter,  welchem
nur  seltene  Kraft  und  Beharrlichkeit  die  Spitze  zu  bicten
vermochten;  denn  das  Recht  machte  sich  unbedingt  auf  der
Seite  der  Stärkern  geltend  und  das  Geseß  der  Schwere
war  auch  das  Gesetz  der  Welt  geworden.  Rohe  Kräfte,  die
ewig  geschäftig  waren,  sich  an  einander  zu  reiben,  zermalmeten,
  was  zwischen  ihnen  lag.  Unter  den  Raufereien  der
Vasallen,  die  vielleicht  zuletzt  noch  in  gute  Brüderschaft  ausgingen,
  brannten  Städte  und  Saaten  nieder,  und  es  durfte
dem  Bürger  gleich  seyn,  auf  welches  Herren  Seite  das  Recht
war,  da  in  jedem  Falle  nur  das  Verhältniß  der  dußeren
Krafte  entschied,  ob  sein  Haus  niedergebrannt,  sein  Heerd
zertrümmert  werden  solle.  Gegen  diese  Ungebührnisse  sollte
Friedrich  auftreten,  und  cs  war  eine  seiner  größten  Aufgaben,
  sie  zu  tilgen;  denn  er  mußte  allen  kämpfenden  Parteien
zugleich  Feind  seyn,  wenn  er  den  Geist  der  Zwietracht  gewaltsam
  niederzuringen  sich  vermaß.  —  Sein  kriegerischer
Geist  offenbarte  sich  frühzeitig,  nur  zu  bald  sollte  ihm  Gelegenheit
  geboten  werden,  ihn  vor  der  Welt  zu  bewähren,  und
zwar  zuerst  bei  einer  streitigen  Wahl  im  Stift  Merseburg.

1331  Als  nämlich  der  dortige  Bischof,  Friedrich  von  Hoym,  1384

verstarb,  schritt  das  Domkapitel  zu  einer  neuen  Wahl,  und
        <pb n="123" />
        Friedrich  der  Streitbare.  89

diese  lenkte  sich  auf  den  bisherigen  Domprobst  Heinrich  von
Stollberg.  Dagegen  wollte  Pabst  Urban,  auf  Empfehlung
des  Königs  Wenzels  und  wahrscheinlich  auch  des  deutschen
Kaisers  Carls  IV.,  einem  unstudirten  böhmischen  Hofmann,
Andreas  von  Duba,  dieses  Bisthum  zuwenden.  Heinrich
von  Stollberg  war  ein  kühner,  unternehmender  Mann,  hatte
auch  an  den  Grafen  von  Stollberg,  Hohenstein  und  Mansfeld
  und  andern  Herren  gute  Verbündete.  Da  nun  sein
Gegner  fortwährende  räuberische  Einfalle  in  das  Stift  anzettelte,
  drang  er  einstmals  (1386)  unversehends  in  das,  dem
Duba  von  Carl  IV.  angewiesene  Eilenburg  ein,  und  plünderte
  und  verbrannte  die  Stadt  bis  auf  den  Grund.  Wahrscheinlich
  war  Friedrich  der  Streitbare  schon  damals  thätig,
indem  er  sich  auf  die  Seite  des  Kaisers  schlug,  und  es
muthmaßlich  zu  cinem  Vergleiche  brachte.  —  Einige  Reichsstädte
  in  Franken,  hatten  mit  andern  am  Rhein,  in  Schwaben
  und  in  Baiern  ein  Schutz=  und  Trutzbündniß  gegen  die
Gewalt  der  Fürsten  geschlossen,  und  eine  jede  dieser  Städte
suchte  die  Gebiete  der  benachbarten  Herren  mit  Feuer  und
Schwert  heim.  Burggraf  Friedrich  zu  Nürnberg  nahm  an
diesen  Fehden  eine  so  lebhaftes  Aergerniß,  daß  er  sich  mit
den  Bischöfen  zu  Würzburg  und  Bamberg  und  ausserdem
noch  mit  dem  Landgrafen  Balthasar  von  Thüringen  und  dessen
Bruder  Wilhelm  verbündete,  um  Windsheim,  Rotenburg
und  Nurnberg  sehr  nachdrücklich  anzugreifen.  Im  Namen
der  meißnischen  Fürsten  mußte  daher  Friedrich  der  Streitbare
  mit  200  Lanzenträgern  zu  den  Truppen  des  Burggrafen
stoßen,  worauf  sie  gemeinschaftlich  die  Städte  angriffen  und
dieselben  in  die  Enge  trieben.  Im  nämlichen  Jahre  nöthigten
auch  Friedrich  und  Wilhelm  den  Veit  von  Schônburg  zu
Glaucha  mit  gewaffneter  Hand,  seine  Verbindlichkeiten  und
Schulden  abzuthun,  da  er  sich  dessen  geweigert  hatte.  Von
Friedrich's  Zuge,  den  er,  in  Gemeinschaft  mit  dem  deutschen
Bunde  gegen  die  Preußen  vollführte,  ist  wenig  Kenntniß  zu
uns  gelangt.  —  Der  König  Wenzel  von  Böhmen,  dessen
Beinamen:  der  Unartige,  der  Faule  u.  s.  w.  wohl  gar  zu
sehr  einer  runden  Summe  gleichsehen  und  von  der  mit  ihm

1386

188
        <pb n="124" />
        1401

90  Friedrich  der  Streitbare.

hart  zerfallenen  Geistlichkeit  ihm  beigelegt  worden  waren,  lag  in
hartem  Unfrieden  mit  seinen  Staͤnden,  seiner  Geistlichkeit  —
die  ihm  die  Ersaͤufung  des  angeblichen  Beichtvaters  seiner
Gattin,  Johann's  von  Pomuck  (welcher  nie  als  Beichtvater
der  Koͤnigin,  wohl  aber  als  ein  fanatischer  Vikar  des  brutalen
  Erzbischofs  von  Jensstein  existirte,  und  politischen
Motiven  aufgeopfert,  den  Wassertod  starb,  dem  man,  um
ihn  zu  einem  Maͤrtyrer  und  geistigen  Gegenkoͤnig  des  von
den  Boͤhmen  beinahe  heilig  verehrten,  verbrannten  Johannes
Huß  zu  creiren,  spaͤter  kirchliche  Motive  unterlegte)  und  andere
wilde  Streiche  nicht  vergeben  konnte,  weil  selbige  nicht  zu
den  frommen  wilden  Streichen  gehoͤrten  —  und  zum  Theil
auch  mit  seinem,  von  Pfaffen  und  andern  Parteiungen  irre
gemachten  Volke.  Man  hatte  ihm  den  Pfalzgrafen  Ruprecht
als  Gegenkdnig  hingestellt,  und  Markgraf  Jobst  von  Mähren,
  den  selbstsüchtige  Pläne  mit  König  Wenzel  entzweiten,
ließ  sich  von  seinem  Schwager,  dem  Markgrafen  Wilhelm
dem  Aeltern  von  Meißen  Hülfe  zuführen,  welchem  auch  Friedrich
  der  Streitbare  mit  seinem  Bruder  Wilhelm  beitrat.
Sie  zogen  vor  Prag  und  schlugen  ohnweit  dem  Schlosse
ihr  Lager  auf,  um  die  Stadt  zu  berennen  und  wo  moglich
den  Koͤnig  Wenzel  zu  fangen.  Allein  dieser,  der  lange  in
leichtsinniger  Sorglosigkeit  den  gegen  ihn  gerichteten  Anschlägen
  zugesehen  hatte,  ward  nunmehr  aufmerksam,  und  die
Besorgniß,  Reich  und  Krone  zu  verlieren,  machte  ihn  klug.
Er  erließ  eine  General-Amnestie,  in  Folge  deren  er  jedes
bisher  gegen  ihn  begangene  Vergehen,  welchen  Namen  es
auch  haben  mochte,  verzieh;  wußte  durch  bewilligte  Vortheile,
Geschenke  und  Versprechungen,  die  ihm  auffässigen  Stande
zu  versöhnen,  und  selbst  das  vielköpfige  Volk  dadurch  auf
seine  Seite  zu  bringen,  daß  er  vier  Personen,  die  er  als
dessen  Lieblinge  kannte,  auf  ein  Jahr  mit  königlicher  Gewalt
begabte,  alle  Beschwerden  abzustellen  und  die  Reichsverfassung
  nach  ihrem  Gutachten  zu  bestellen.  Durch  dieses  zeitgemäße
  Verfahren  wandelte  der  König  die  gegen  ihn  herrschende
  Unzufriedenheit  schnell  in  großes  Behagen  um,  welches
  auf  die  Belagerer  die  nachtheiligsten  Folgen  außerte,
        <pb n="125" />
        Friebrich  der  Streitbare.  91

imdem  diese  nunmehr  nicht  mehr  sicher  waren,  von  den  Boͤhmen
  —  welche  in  ihnen,  statt  fruͤherer  Bundesgenossen,  jetzt
Feinde  und  unerbetene  Gaͤste  erblickten  —  hinterruͤcks  uͤberfallen
und  gejagt  zu  werden.  Dazu  kam  fuͤr  die  Belagerer  noch
der  Aerger,  daß  Koͤnig  Ruprecht  mit  sammt  den  1000  Lanzen,
  welche  er  ihnen  zuzufuͤhren  versprochen,  ausblieb  und
somit  seine  eigene  Sache  im  Stiche  ließ.  Bei  diesen  Unannehmlichkeiten
  hielten  es  die  Belagerer,  obgleich  mit  bitterm

Ingrimm  gegen  ihren  Verbuͤndeten  Ruprecht,  fuͤr  das  Gerathenste,

  abzuziehen,  und  waren  froh,  noch  mit  blauem
Auge  Jeder  sein  Land  wieder  zu  erreichen.  Besseren  Erfolg
hatte  im  folgenden  Jahre  eine  Fehde  gegen  die  ruberischen
Burggrafen  von  Dohna,  welche  im  Verdachte  standen,  es
heimlich  mit  König  Wenzel  zu  halten,  jedenfalls  aber  von
jeder  ausbrechenden  außern  Unruhe  Gelegenheit  nahmen,
Etwas  dabei  für  sich  zu  erschnappen.  Trotz  eines  früher
abgeschlossenen  Vergleichs  fielen  sie  plündernd  und  verwüstend
in  Wilhelm  des  Aeltern  Gebiet  ein,  bis  dieser  mit  Friedrich
dem  Streitbaren  ihre  Hauptburg  Dohna  brach  und  die  Grasen
  verjagte.

Nachdem  im  Jahre  1401  Friedrich  des  Streitbaren  jüngster
  Bruder,  Georg,  erst  zwanzig  Jahre  alt,  mit  Tode  abgegangen
  war,  fiel  sein  Landestheil  seinen  beiden  Brüdern  wieder
  zu,  worauf  dieselben  1403,  eben  so  wie  ihre  Vaterbräder,
  ihre  sämmtlichen  Besitzungen  wieder  zusammen  legten
und  Bestimmung  trafen,  was,  auf  den  Todesfall  des  Einzelnen,
  die  hinterbliebenen  sich,  gemeinschaftlich  oder  mit  Bevorzugung
  eines  Einzelnen,  aneignen  dürften.  Die  beiden  Vaterbrüder
  Balthasar  und  Wilhelm  I.  starben  bald  nach  einander;
  ihr  Tod  veranlaßte  Erbstreitigkeiten  zwischen  den  beiden
  Brüdern,  Friedrich  dem  Streitbaren  und  Wilhelm  II.
und  Balthasar's  hinterlassenem  Sohne,  Friedrich  dem  Friedfertigen,
  die,  obgleich  durch  Verträge  vermittelt,  doch  eine
geraume  Zeit  nachdröhnten.

Die  unruhvolle  Zeit,  welcher  Friedrich  der  Streitbare
angehdrte,  ließ  ihm  dennoch  Zeit,  mitten  unter  Stürmen  des
Krieges  an  Beförderung  der  Künste  und  Wissenschaften  zu

1102

1101

1403

140
und
um
        <pb n="126" />
        92  Friedrich  der  Streitbare.

denken.  An  der  Prager  Universitaͤt  fielen  zu  jener  Zeit
Kämpfe  und  Revolutionen  vor,  welche  das  ganze  wissenschaftliche
  Deutschland  in  Bewegung  und  Gährung  brachten.  Schon
begann  gegen  den  von  dicken  Nebeln  des  Vorurtheils  und
geistiger  Beschränktheit,  gleichwie  mit  einem  Nimbus  umzogenen
  päbstlichen  Stuhl  die  menschliche  Vernunft  ihre  Sonnenpfeile
  abzudrücken  und  ihn,  bei  seiner  elastischen  Natur,
wenn  auch  nicht  zum  Stürzen,  doch  zu  einem  greisenhaften
Wakkeln  zu  bringen.  Nur  besonnen  vorbereitend  wagte  sich
die  Zeit  an  das  große  Werk,  und  sie  verlor  es  nicht  aus  den
Augen,  obgliech  noch  ein  Jahrhundert  vorüber  ging,  welches
jene  Vorzeichen  der  Reformation  beinahe  wieder  vergessen
machte.  Nach  Prag  hin  wurden  des  verklärten  Wicleffs
freisinnige  Lehren  —  in  jener  Zeit  ächte,  aber  verwaiste  Kinder
  der  heiligen  Vernunft  —  durch  Johann  Huß  und  den
ihm  befreundeten  Hieronymus  verbreitet.  Die  schlummernde
Menschheit  griff  sich  allmähllg  an  die  Stirn  und  allmählig
begann,  wenn  auch  mit  düstern  Unterbrechungen,  ihr  großer
Befreiungskrieg  gegen  den  eisernen  Despotismus  der  Kirche,
welche  frech  genug  war,  sich  mit  der  Religion  verwechseln
zu  lassen.  Doch  war  das  Zeitalter  noch  zu  unvorbereitet,
als  daß  nicht  beim  Aufflackern  jener  Signalfeuer  der  Vernunft,
  zum  großen  Theil  Schrecken  statt  der  Begeisterung
eingetreten  wäre;  der  Mensch  liebt  es,  eine  geraume  Weile  seine
Ketten,  die  man  zu  zerbrechen  kam,  zu  vertheidigen.  Verdutt
fuhr,  als  die  Wahrheit  donnernd  aus  Hußens  Munde  sich  verkündete,
  die  Menschheit  aus  ihrem  langen  Traume  auf  und
nahm,  wie  Verschlafene  zu  thun  pflegen,  nicht  ein  Aergerniß
  an  dem  Inhalt  der  Worte,  sondern  nur  an  ihrem
Schalle.  Zu  diesen  Gährungen  an  der  Prager  Universitaͤt
gesellten  sich  noch  andere.  Nach  dem  Beispiele  der  Pariser
Universitaͤt,  bestand  auch  in  Prag  die  Eintheilung  der  Lehrenden
  und  Lernenden  in  vier  Nationen;  die  boͤhmische,
saͤchsische,  polnische  und  fraͤnkisch-  bairische.  Biöher  hatte,
bei  academischen  Wahlen  und  Berathungen,  jeder  dieser
Nationen  ein  gleiches  Stimmenrecht  zugestanden;  hierdurch
        <pb n="127" />
        Friedrich  der  Streitbare.  93

aber  fiel  es  sehr  oft  vor,  daß  die  Einheimischen,  naͤmlich  die
Boͤhmen,  denen  doch  wohl  billig  ein  gewisser  Vorzug  gebuͤhrt
haͤtte,  von  den  drei  auswaͤrtigen  Nationen,  welche  vielleicht
sogar  eine  gewisse  Opposition  gegen  Erstere  zu  unterhalten
strebten,  uͤberstimmt  wurden.  Diesem  Nachtheile  abzuhelfen,
veranstaltete  Huß,  daß  inskünftig  den  Einheimischen  drei
Stimmen,  den  fremden  Nationen  aber  nur  eine  vergoͤnnt
seyn  sollte.  Durch  diese  Maßregel  fuͤhlten  sich  Letztere  dergestalt
  beleidigt,  daß,  unter  Anführung  des  bisherigen  Rectors,
  Johann  Hoffmann,  gegen  2000  Ausländer,  sowohl
Lehrer  als  Studirende,  Prag  verließen  und  sich  nach  Leipzig
wandten,  wo  Friedrich  der  Streitbare  und  sein  Bruder  Wilhelm
  I.  eben  eine  Universität  in's  Leben  riefen  und  daher
die  Ankommlinge  sehr  willkommen  hießen.  So  ward,  nach
der  vom  Pabste  Alexander  V.  zu  Pisa  ertheilten  Bestatigung,
  die  Universität  Leipzig  gegründet  und  sogleich  auf  das
Erfreulichste  bevolkert.  Unbedingt  war  die  Stiftung  dieses
herrlichen  Instituts  eine  der  wichtigsten  Erscheinungen  jener
Zeiten,  ein  Vorleuchten  der  ein  Jahrhundert  später  anbrechenden
  Reformations-Morgenröthe.  Gewaltig  stemmte  sich
diese  Hochschule  in  ihre  Zeit  hinein,  und  bot,  die  Nebel  und
Fratzenbilder  einer  trügerisch  entstellten  Glaubenslehre  siegreich
  überleuchtend,  bald  einen  sicheren  Pharus  im  Wirbel
einer  kämpfenden  Geisterwelt.

Doch  noch  sollten  der  neuen  Schdpfung,  die,  wie  ein
zweiter  eingeborner  Gott,  unvertilgbar  unter  dem  Herzen  der
Menschheit  keimte,  blutige,  die  Erde  erschütternde  Wehen
vorangehen.  An  der  Flamme  der  neuen,  durch  ihn  verkämpften
  Wahrheit,  hatte  sich  Huß  den  Scheiterhaufen  entzündet,
auf  welchem  ihn  der  Haß  der  alleinseeligmachenden  Kirche
sterben  ließ.  Aber  die  Glut  seines  Scheiterhaufens  sollte
bald  mit  blutiger  Lohe  in  die  Welt  bhineinleuchten  und
über  der  Asche  des  hingemordeten  Propheten  Kämpfe  entzunden,
  die  der  friedselige  Märtyrer  weder  vorausgesehen,  noch
gewünscht  hatte.  Die  Böhmen  weigerten  sich,  den  König
Sigmund,  welcher,  troß  seines  dem  Huß  verbürgten  Fürstenworts
  auf  sicheres  Geleite,  ihn  dem  Wüörgergrimme  seiner

LL

1415
        <pb n="128" />
        1117

1120

94  Friedrich  der  Streitbare.

Feinde  überantwortet  hatte,  anzuerkennen,  und  achketen  einen
Kdnig  durch  sich  selbst  enthront,  der  ein  Versprechen  gebrochen.
  Die  gütlichen  Verhandlungen,  welche  er,  durch  sein
schlimmes  Bewußtsein  entmuthigt,  mit  den  Böhmen  angefangen,
  zerschlugen  sich,  und  er  mußte  sein  Reich  nunmehr
durch  Gewalt  der  Waffen  zu  erhalten  suchen.  In  jener  gefährlichen
  Periode  wußte  er  die  Unterstützung,  welche  ihm
von  Seiten  der  deutschen  Fürsten  angedieh,  doppelt  zu  ehren.
  Unter  ihnen  war  Friedrich  der  Streitbare  einer  der
mächtigsten  und  kühnsten.  Kaiser  Sigmund  hatte  ihm  zwar
1417  auf  dem  Concilium  zu  Costnitz  die  Belehnung  mit
Meißen  bewilligt,  da  aber  Friedrich  noch  ausserdem  mit  den
von  ihm  eroberten  Ortschaften  in  Böhmen  belehnt  sein  wollte,
und  Siegmund  dies  verweigerte,  ließ  sich  Friedrich  zornig
vernehmen:  er  werde  vom  Kaiser  diese  Belehnung  gar  bald
in  offener  Fehde  zu  erlangen  wissen.  Wirklich  geschah  dies
nunmehr  (1420)  in  dem  Feldlager  vor  Prag,  wohin  Friedrich
  nebst  seinem  Bruder  Wilhelm,  dem  Kaiser  mit  bedeutender
  Waffenunterstützung  gefolgt  war.  Ohnerachtet  dieser
vereinigten  Kräfte  leistete  Prag  den  heftigsten  Widerstand.
Der  furchtbare  Hussitenführer,  Zista,  deckte  durch  eine  außerhalb
  der  Stadt  aufgeworfene  Schanze  die  Belagerten  und
beunruhigte  die  Belagerer,  daher  diese  endlich  den  Entschluß
faßten,  die  Hoͤhe,  auf  welcher  Ziska  seine  Stellung  eingenommen,
  anzugreifen.  Der  Angriff  war  so  hitzig,  daß  die
Hussiten  schon  in's  Gedränge  geriethen  und  Siska  selbst  in
Lebensgefahr  kam.  Aber  noch  zu  rechter  Zeit  unternahmen
die  Belagerten  einen  Ausfall  und  eilten  aus  der  Stadt  dem
bedrängten  Ziska  zu  Hilfe.  Dies  entschied  zum  Nachtheil
der  Kdniglichen,  welche  mit  großem  Verluste  die  Hoͤhe  hinabgeworfen
  wurden.  Friedrich  der  Streitbare  muß  damals
entweder  durch  besondere  Tapferkeit  oder  andere  Umstände
den  Haß  der  Böhmen  gegen  sich,  oder  deren  Furcht  rege  gemacht
  haben;  denn,  wie  man  meldet,  erbot  sich  ein  böhmischer
  Edelmann  dem  Kaiser,  ihm  Prag  und  die  Hussiten
schnell  gehorsam  zu  machen,  wenn  er  die  Markgrafen  von
Meißen  ihm  zu  freier  Willkühr  ausliefern  wollte,  worauf
        <pb n="129" />
        Friedrich  der  Streitbare.  90

Siegmund  jedoch  sprach:  des  enwelle  Got  nit,  er  woll
lieber  sterben.  Dennoch  ließ  sich  der  König  von  den,  angeblich
  ihm  ergebenen  böhmischen  Edlen  bereden,  die  Belagerung
  von  Prag  aufzugeben  und  das  Heer  zu  entlassen,  für
welche  Gefälligkeit  man  ihm  den  Gefallen  that,  ihn  im
Schlosse  zu  Prag  zu  kronen  und  einige  Versprechungen  zu
leisten,  die  man  nie  zu  halten  dachte.  Der  kriegerische  Friedrich
  mochte  wegen  dieser  übereilten  Friedenshandlung  wohl
innerlich  ergrimmen;  doch  storte  dies  sein  ubriges  gutes  Verhältniß
  zu  dem  Kaiser  nicht.  Allein,  um  sich  und  seine
Lander  gegen  den  deutlich  genug  kundgegebenen  Haß  der  Böhmen
  und  die  Streifzüge  der  Hussiten  zu  schützen,  nicht  weniger
  auch,  um  den  Uebersiedelungen  Hussitischer  Grundsätze
und  Glaubenslehren  nach  seinen  Landen  hin  vorzubeugen,
verband  er,  nebst  seinem  Bruder  Wilhelm  und  seinem  Vetter,
Friedrich  dem  Einfältigen,  sich  mit  den  Churfürsten  zu  Mainz,
Trier,  Coͤln  und  Pfalz,  und  sie  gelobten,  sich  gegenseitig  sowohl
gegen  Einfälle  der  Hussiten  zu  schützen,  wie  auch  gemeinschaftlich
  den  Saamen  irrgläubiger  (7)  Meinungen  und  Lehren
ersticken  zu  helfen.  Hierauf  that  er,  um  den  Einfällen  der
Gegner  zuvorzukommen,  elnen  neuen  Zug  nach  Böhmen.
Die  Prager  hatten  sich  durch  Versprechungen  wie  durch  Gewalt
den  Zutritt  mehrerer  andern  Staͤdte  zu  verschaffen  gewußt  und
dadurch  sich  bedeutend  verstärkt.  Brir,  welches  Friedrich  der
Streitbare  durch  einige  Mannschaft  für  den  König  besetzt
hielt,  weigerte  sich  dieses  Zutrittes;  daher  die  Prager  sich  vor
diese  Stadt  legten  und  sie  so  heftig  berannten,  daß  sie  nahe
daran  war,  sich  zu  übergeben.  Auf  die  Nachricht  dieser
Noth  eilte  Friedrich,  begleitet  vom  Herzog  Wilhelm  von
Braunschweig,  mit  ansehnlicher  Macht  zum  Entsatze  herbei,
und  griff  die  sich  ihm  widersetzenden  Hussiten  so  nachdrückdrücklich
  an,  daß  ihrer  zweitausend  getddtet,  sechshundert
gefangen  und  erbarmungslos  niedergehauen,  die  Uebrigen  aber
mit  großer  Verwirrung  zur  Flucht  gendthigt  wurden.  Durch
diesen  Sieg  wurde  nicht  nur  Brix  befreit,  sondern  auch  der
ganze  leutmeritzer  Kreis  unter  die  Botmäßigkeit  Sigmund's

1421

zurückgebracht.  Im  folgenden  Jahre  schrieb  Sigmand  ei-  1122
        <pb n="130" />
        96  Friebrich  der  Streitbare.

nen  Reichstag  nach  Närnberg  aus,  auf  welchem  nicht  nur
ein  allgemeiner  Zug  gegen  die  Hussiten  beschlossen,  sondern
auch  bestimmt  wurde,  wie  viel  jeder  Stand  an  Leuten  oder
Gelde  zu  dem  gemachten  Ueberschlage  beizutragen  habe;
welche  Veranschlagung  man  für  die  alteste  Reichsmatrikel
hält.  Die  Meißner  Markgrafen  wurden  darin  nicht  mit  erwähnt,
  weil  diese  gleich  anfangs  gelobt  hatten,  dem  Kaiser
unbedingten  Dienstbeistand  zu  leisten.  Für  ihren  bisherigen
Beistand  liquidirten  sie  auf  diesem  Reichstage  dem  Kaiser
00,000  Gulden,  für  welche  Forderung  ihnen  derselbe  Stolberg,
  Schoͤneck,  Myla,  Battendorf,  Sparenberg,  Mühlberg,
  Ossek  und  Leneschitz  unterpfändlich  einsetzte;  dagegen
sich  die  Fürsten  verpftichteten,  ihm  im  ganzen  Verlaufe  des
Krieges  getreulich  beizustehen  und  sich  nimmer  von  ihm  zu
trennen.  Durch  das  unbeerbte  Absterben  des  Churfürsten
Albrechts  III.  aus  dem  ascanischen  (anhaltschen)  Hause  war
das  Herzogthum  Sachsen,  sammt  der  damit  verbundenen
Chur  erledigt  worden,  und  Friedrich  der  Streitbare,  dem
schon  früher  vom  Kaiser  die  Anwartschaft  auf  beides  ertheilt
  worden  war,  ward  allen  Mitbewerbern  vorgezogen

1121  und  am  14.  Mai  1424  auf  einem  Collegialtage  zu
Bingen  feierlichst  in  das  Churfürstliche  Collegium  aufgenom-113

  men.  Schon  ein  Jahr  früher  hatte  der  Kaiser  ihm  und  selnen
  Nachkommen  das  Jus  de  non  erocando  ertheilt,  kraft
dessen  kein  sächsischer  Unterthan  vor  einen  auswärtigen  weltlichen
  oder  geistlichen  Gerichtöhof  gezogen  werden  konnte,
und  durch  welches  später  Churfürst  Friedrich  der  Weise  seinen
  Luther  vertrakt.

Die  hufsitischen  Unruhen  dauerten  inzwischen  forr.  Die
Lässigkeit  der  übrigen  Fürsten  bewog  den  Kaiser,  sich  noch
inniger  an  Friedrich  den  Streitbaren  anzuschließen,  der  ihm
schon  so  viele  Proben  seiner  Tapferkeit,  Anhänglichkeit  und

1125  Ausdauer  gegeben  hatte.  Er  verband  sich  nebstdem  1425
noch  mit  dem  Herzog  Albrecht  von  Oesterreich.  Doch  war
der  Fortgang  ihrer  Wassen  nicht  eben  vom  Glücke  gekrönt,
besonders  erlitten  die  Sachsen  bei  Brix  einen  hoͤchst  empfindlichen
  Verlust,  die  Maßregeln  welche  die  deutschen  Für-
        <pb n="131" />
        Friebrich  der  Streitbare.  97

sten  gegen  die  von  Boͤhmen  her  immer  mehr  ihnen  Allen
erwachsenden  Gefahr  zu  nehmen  gedachten,  ließen  immer
eine  zu  große  Menge  weitschweifiger  Verhandlungen  und
Berathungen  vorangehen,  als  daß  nicht  der  schnelle  Feind,
noch  ehe  solche  ins  Leben  traten,  schon  ersprießliche  Vortheile
und  Fortschritte  erringen  konnte,  so  daß  Friedrich,  nach  dem
Unfalle  bei  Brix,  sich  nicht  enthalten  konnte,  in  lebhafte
Klagen  gegen  die  versammelten  Fuͤrsten  auszubrechen.  Das
Jahr  1426  steigerte  diese  Unfaͤlle  auf  das  hoͤchste;  denn  die  1126
biöher  oft  in  innere  Zwistigkeiten  sich  zerspaltenden  hussitisch
gesinnten  Boͤhmen  lernten  nunmehr  besser  zusammen  halten,
zogen  im  Mai  aus,  jagten  den  meißnischen  Truppen  einen
Platz  nach  dem  andern  wieder  ab  und  verwuͤsteten  Alles  mit
fanatischer  Grausamkeit.  Nachdem  auf  solche  Weise  in
kurzer  Zeit  eine  ziemliche  Anzahl  Boͤhmischer  Orte  gefallen
war,  sollte  die  Reihe  an  die  Stadt  Außig  kommen,  in  welcher
  churfuͤrstliche  Besatzung  lag,  die  jedoch  ziemlich  schwach
war  und  nicht  Hoffnung  hatte,  die  Belagerung  der  Hussi—
ten  lange  auszuhasten.  Friedrich  selbst  war  abwesend;  daher
  bot  seine  Gemahlin  Katharina  angstvoll  die  Landschaft
auf  und  ermahnte  die  Hauptleute,  männlichen  Widerstand
zu  leisten.  Die  meißnischen  Truppen  rückten  dem  Feind
entgegen  und  griffen  ihn,  sobald  sie  das  böhmische  Gebir#-im
  Räcken  hatten,  an.  Aber  die  Hussiten  hatten  sich  außer
einer  guten  Stelkung,  auch  noch  durch  gewaltige  Wagenburgen
  und  Verhaue  so  gut  gedeckt,  daß  den  Meißnern  der
Angriff  theuer  zu  stehen  kam,  und  sie  7—  9000,  ja  nach
Anderen  gegen  12,000  Erschlagene  auf  dem  Platze  ließen,
unter  ihnen  viele  Grafen,  Freiherrn  und  Ritter.  Friedrich's
des  Streilbaren  Feinde  eilten  diesen  Unfall  als  eine  Strafe
Gottes  auszulegen,  die  ihn  schwer,  aber  verdient  treffe,
weil  er,  durch  Kaiser  Siegmunds  Unterstützung,  seinen  rechtmaͤßigen
  Mitbewerber  um  das  Herzogthum  und  die  Chur  Sachsen
  gebracht  habe.  Die  Hauptschuld  aber  an  dem  Mißgeschicke
  dieses  Tages  will  man  einem  der  meißnischen  Hauptleute
  Busso  von  Vitzthum  beimessen,  der  mit  seinem  Hausen
  zuerst  die  Lofung  zur  Flucht  gad,  und  zwar  aus  boͤser
7

III.  Heft.
        <pb n="132" />
        98  Friedrich  der  Streitbare.

Absicht,  denn  er  soll  dabei  gesagt  haben:  „jetzt  hab'  ich
meinen  Bruder  geraͤcht!“  und  dieser  sein  Bruder  in  fruͤhe—
rer  Zeit  wegen  grober  Geldunterschlaͤge  enthauptet  worden
seyn.  Nach  der  Niederlage  des  Meißnischen  Heeres  fiel  Außig
  ohne  großen  Widerstand  in  die  Haͤnde  der  Hussiten,
welche  die  Stadt  zerstoͤrten  und  die  Einwohner  nebst  der  vorgefundenen
  Besatzung  niedermachten.  Die  Chur  —  eine  Be—
lohnung  der  von  Friedrich  dem  Kaiser  Siegmund,  namentlich
  gegen  die  Hussiten  geleisteten  Dienste  —  war  furchtbar
schwer  bezahlt  und  sattsam  mit  Blut  und  Jammer  aufge—
wogen,  wie  denn  überhaupt  in  dergleichen  Faͤllen,  wo  es
ihren  Rang  zu  mehren  gilt,  Fuͤrsten  gar  oft  theuer  zu  kau—
fen  pflegen.
Durchdonnert  von  dem  fuͤrchterlichen  Tage  von  Brix,
dem  blutigen  Kinde  ihrer  Saumseligkeit,  versammelten  sich
1427  im  folgenden  Jahre  die  Churfuͤrsten  und  Reichsstaͤnde  zu
Frankfurt,  um  sich  wegen  eines  nachdrücklichen  Verfahrens
gegen  die  Hussiten  zu  berathen.  Demzufolge  sollte  einer  der
drei  geistlichen  Churfürsten  den  Oberfeldherrn  abgeben,  jeder
Churfürst  sollte  200  Schützen  stellen  und  der  Anzug  von
vier  Seiten  stattfinden.  Im  Juni  rückte  man  in's  Feldz
Friedrich  der  Streitbare  ließ,  als  Anführer  einer  Heeresabtoeilung,
  nicht  auf  sich  warten.  Die  Deutschen  hielten  sich
jedoch  so  schlecht,  daß  sie  auf  die  bloße  Nachricht  von  dem
Anrücken  der  durch  mehrfaches  Begegnen  ihnen  furchtbar
gewordenen  Böhmen,  sich  nach  allen  Seiten  zerstreuten.  Mit
dem  Unmuthe  eines  von  Feigen  verlassenen  Helden  blickte
ihnen  Friedrich  nach,  er  allein  konnte  dem  herangewachsenen
Feinde  nicht  dauernden  Trotz  bieten,  daher  mußte  er  unfreiwillig,
  ebenfalls  den  Heimweg  antreten.  Spaßhaft  ist  es,
daß,  nach  so  vielen  schlechten  Erfolgen,  die  päbstlichen  Legaten
  dennoch  nicht  müde  wurden,  an  den  deutschen  Fürsten
wegen  eines  neuen  Kreuzzuges  gegen  die  Hussiten  herumzupredigen,
  und  diese  wiederum  nicht  müde  waren,  sich  von
neuem  in  kriegerische  Berathungen  für  einen  abermaligen
Zug  gegen  die  Böhmen  einzulassen,  nachdem  sie  Letzteren  in
wiederholten  Zügen  nicht  eben  Achtung  für  die  deutschen
        <pb n="133" />
        Friedrich  der  Streitbare.  90

Waffen  beizubringen  beftissen  gewesen  waren.  Allein  man
konnte  auch  diesmal  mit  seinen  Berathungen  nicht  in's  Klare
kommen  und  schied  aus  einander,  ohne  einen  Entschluß  gefaßt
  zu  haben,  den  man  vielmehr  auf  eine  neue,  nach  Heidelberg
  anberaumte  Zusammenkunft  vertagte.  —

Friedrich  der  Streitbare  war  glücklich  genug,  das  Resultat
  dieser  deutschen  Berathungen  nicht  mit  ansehen  zu  dürsen.
  Am  5.  Januar  1428  senkte  er  das  lorbeerreiche  Haupt
und  ging  heim  zu  seinen  Vatern.  Er  ward  in  der  von
ihm  errichteten  Fürstenkapelle  zu  Meißen  begraben.  Das
noch  daselbst  befindliche  Monument  ward  jedoch  erst  in  spätern
  Zeiten  errichtet;  denn  Friedrich  selbst  hatte  —  in  der
Besorgniß,  daß  die  Hussiten,  welche  so  oft  und  so  schwer
die  Stärke  seines  Armes  empfunden  hatten,  in  die  Meißner
Gegend  vorrücken  und  ihrem  Haße  durch  Frevel  an  seinen
Gebeinen  Lust  machen  koͤnnten  —  befohlen,  den  Ort,
wo  er  begraben  liege,  bis  auf  ruhigere  Zeiten  geheim  zu
halten.  Von  seiner  Gemahlin  Katharina  von  Braunschweig,
binterließ  er  vier  Soͤhne,  Friedrich  den  Sanftmäthigen,
Siegmund,  Heinrich  und  Wilhelm  III.,  nebst  zwei  Tochtern.


Swar  scheint  Friedrich  mehr  Muth  und  kriegerische  Lust,
als  wirkliches  Feldherrntalenk  besessen  zu  haben,  dennech
wurde  er  in  seinen  kriegerischen  Unternehmungen  von  bedeutend
  glücklicheren  Erfolgen  gekrdnt  worden  seyn,  wenn  nicht
die  Unentschlossenheit  und  der  Wankelmuth  der  übrigen  deutschen
  Fursten  ihn  unverschuldet  zu  Nachtheil  und  Verlusft
gebracht  hätte,  und  zwar  um  so  mehr,  je  lieber  er  der  letzte
auf  dem  Kampfplatze  war.  Allein  unter  diesen  Umständen
brachte  seine  Kriegslust  ihn  zu  Ruhm,  und  seine  Laänder  und
Unterthanen  zu  Schaden.  Er  hatte  den  Groll  der  schwergereizten
  Hussiten,  durch  seine  ihnen  entgegengesetzte  feindselige
Kraft  furchtbar  rege  gemacht,  und  ihre  Verwüstungen  zerfleischten
  sein  Land  noch  dann,  als  er  schon  lange  den  Schlummer
  des  Todes  schlief.  Das  neue  gelduterte  Glaubenslicht
der  Reformation,  welches  freilich  nur  erst  in  den  Kämpfen
der  Hussiten  als  greller  Nordschein  aufloderte,  hatte  er  nicht

77

1428
        <pb n="134" />
        100  Friedrich  des  Streitbaren  Söhne.

erkannt  und  theilte  den  Wahn  seiner  Zeit,  was  zwar  nicht
gegen  ihn  spricht,  jedoch  auch  keinen  ausgezeichneten  Geist  in
ihm  abnen  läßt.  Friedrich  der  Streitbare  gehörte  dem  gewöhnlichen
  Fürstenschlage  an.  Mit  viel  Ehrgeiz,  und  einigem
Muthe  und  Unternchmungsgeiste  ausgestattet,  mußte  er  doch
das  allmächtige  Glück  erst  zu  Hilfe  rufen.  Um  ihn  zu  erhoͤ—
hen,  bedurfte  es  der  bedrängten  Lage  des  Kaisers,  und  der
Schläfrigkeir  der  übrigen  Fürsten,  um  Jenen  Hllfesuchend
in  seine  Arme  zu  werfen  und  ihm  durch  denselben  den  Churhut
  in  die  Stirn  zu  drücken.  Die  Zeit  hat  für  Friedrich
den  Streitbaren  gestritten,  aber  er  wahrhaftig  nicht  für  sie.  —
Nach  seinem  Tode  nahm  sein  ältester  Sohn,  Friedrich  II.
genannt  der  Sanftmüthige,  das  Herzogthum  Sachsen  und  die
Chur  in  Besitz;  dagegen  regierte  er  in  Meißen  und  den
übrigen  Ländern  gemeinschaftlich  mit  seinen  Brüdern  bis
1136  zum  Jahre  1436,  nachdem  sein  zweiter  Bruder  Heinrich  ein
Jahr  früher  mit  Tode  abgegangen  war.  Hierauf  schloß  er
mit  seinen  beiden  übriggebliebenen  Brüdern  einen  Vertrag
auf  neun  Jahre.  Da  aber  bald  darauf  Siegmund  den
geistlichen  Stand  erwählte,  so  ward  nunmehr  zwischen  Friedrich
  und  Wilhelm  eine  Theilung  beschlossen,  die  jedoch  erst
11i10  1440,  nach  Landgraf  Friedrich's  von  Thürsngen,  ihres  Vetters,
unbeerbtem  Absterben  in's  Leben  trat.  Siegmund,  den  nicht
heilige  Begeisterung,  sondern  eine  heftige  Leidenschaft  für  eine
schöne  Nonne  aus  adelichem  Geschlecht  in  das  Kloster  trieb,
ward,  da  man  hinter  sein  Liebesverhältnit  kam,  von  seinen
eigenen  Brüdern  —  ob  aus  wirklichem  Zeloteneifer,  oder  um
ihm  den  Rücktritt  in's  Weltliche  und  zum  Throne  noch  unmöglicher
  zu  machen,  bleibt  unentschieden  —  nach  Freiburg
1113  in  Verwahrung  gebracht.  Später  (1443)  erhielt  er  das
Bisthum  Wuürzburg,  ward  desselben  aber  nach  drei  Jahren,
seines  unordentlichen  Lebens  wegen,  wieder  entsetzt.  Hierauf
meinte  er  seine  geistliche  Rolle  ausgespielt  zu  haben  und
—  Nachdem  er  sich  geistlich  ausgetollt  —  in's  Weltleben
zurücktreten  zu  dürfen,  verlangte  daher  sein  Länder-Erbtheil
zurück,  und  da  man  dem  Esgeistlichen  hierin  nicht  so  schnell
willfahrte,  zettelte  er  Anschläge  gegen  seine  Brüder  an,  da-
        <pb n="135" />
        Der  Hussitenkrieg.  101

her  er  im  Schlosse  Scharfenstein  und  dann  in  Nochlitz  eine
feste  Wohnung  fand  und  dieselbe  erst  1463  mit  der
Gruft  (im  Dome  zu  Meißen)  verwechselte.  So  endete  der
Bruder  Friedrich's  des  Sanftmüthigen,  auf  brüderliches
Anstiften.

Die  Rache  des  nahen  Bruderkrieges  zwischen  Friedrich
dem  Sanftmüthigen  und  Wilhelm,  übten  die  Hussiten  im
voraus.  Sie  fielen  im  Jahre  1129  unter  ihrem  Anführer
Procop  in  Meißen  ein,  überwältigten  und  zerstèrten  Altdresden
  (Neustadt),  drangen  bis  uͤber  Scharfenberg  vor  und  verschütteten
  die  dasigen  Bergwerke,  in  denen  sich  wahrscheinlich
Menschen  verborgen  hielten,  streiften  hierauf  sengend  und
plündernd  die  Elbe  hinunter  bis  in  das  Magdeburgische
hinein  und  kehrten  dann  durch  die  Mark  und  Lausitz  nach
Böhmen  zurück.  Kaum  hatten  sich  die  furchtbor  verwüsteten
Länder  vom  ersten  Schrecken  und  Jammer  erholt,  so  wiederholte
  sich  der  entsetzliche  Besuch;  denn  schon  im  folgenden

Jahre  flateten  die  Hussiten  auf's  Neue  ins  Meißnische  herein;

  bezeichneten  durch  Brand  und  Raub  ihre  Bahn  bis  ins
Osterland,  verbrannten  Altenburg,  drangen  daraufin's  Voigtland
  ein,  wo  sie  die  Stadt  Plauen  in  Flammen  aufgehen
ließen,  zogen  dann  durch  Franken  und  Niederbaiern,  und
sendeten  allenthalben  den  Schrecken  voraus,  den  Jammer,
die  Verwüstung  und  den  Merd  hinterdrein.  Selbst  die  einstigen
  Raubzüge  der  wilden  Hunnen  reichten  nicht  an  das
Elend,  welches  die  Hussiten  öberall  verbreiteten.

Im  folgenden  Jahre  brachen  die  Hussiten  in  die  Lausie
ein  und  legten  sich  vor  Reschenbach,  nach  dessen  Eroberung
sie  den  Meißnerlanden  noch  einen  Besuch  zudachten.  Aber
die  bedrängte  Stadt  ward  durch  ein  churfürsiliches  Hcer  entsetzt,
  und  die  Hussiten  durch  dasselbe,  wie  auch  durch  die
Lausitzer  nach  Böhmen  zurückgedrängt.  Durch  den  zu  grell
in  die  Augen  springenden  Schaden  aufmerksam  gemacht,
veranstalteten  die  erschreckten  Fürsten  einen  Reichstag  zu
Nürnberg;  ein  Zug  gegen  Böhmen  ward  daselbst  beschlossen
und  ein  gewaltiges  Heer  von  mindest  80,000  Mann  zusam:
mengebracht,  dem  der  päbstliche  Legat,  da  es  einen  Kreut-1163



1129

1#30

1431
        <pb n="136" />
        182  Der  Hussitenkrieg.

zug  gegen  Ketzer  galt,  allen  nur  moͤglichen  Vorschub  fuͤr
den  Himmel  leistete,  ja,  gegen  die  Grundsaͤtze  der  Kirche,
that  er  sogar  auch  für  die  Erde  etwas,  insofern  er  den  Geistlichen
  befahl,  nicht  über  einen  halben  böhmischen  Groschen
Beichtgeld  von  den  am  Kreuzzuge  Antheil  Nehmenden  sich
geben  zu  lassen.  Allein  vielleicht  hatten  eben  diese  billigen
Beichten  die  deutschen  Soldaten  bewogen,  sich  dem  gröbsten
militairischen  Fehler  hingeben  zu  lassen,  nämlich  den  des
Ausreißens;  denn  kaum  bekamen  sie  die  Hussiten  zu  Gesicht,
so  warfen  sse  überall  die  Gewehre  von  sich  und  entliefen
ohne  Schwertstreich.  Selbst  eine  dichte  Wagenburg,  in
welche  sie  sich  hineingeflüchtet  hatten,  war  ihnen  nicht  fest
genug,  und  sie  sahen  kaum  die  Böhmen  Miene  machen,  auch
diese  zu  stürmen,  so  liefen  sie  über  Hals  und  Kopf  nach  der
Grenze  hin.  Die  böhmischen  Hussiten  hatten  sich  durch
ihren  ungestümen  Muth  und  ihre  an  den  Besiegten  begangene
Grausamkeiten  so  unwiderstehlich  furchtbar  gemacht,  daß
schon  ihr  bloßer  Name  hinreichend  war,  die  Tapferkeit  der
deutschen  Söldner  über  den  Haufen  zu  werfen.  Auch  das
1882  folgende  Jahr  bezeichneten  die  Fürchterlichen  durch  Einfälle
in  die  Meißnischen  Lande.  Vergebens  stellte  sich  der  Churfürst
  ihnen  entgegen,  er  wurde  von  ihnen  zurückgeschlagen
und  die  nachdrängenden  Hussiten  warfen  sich,  wie  Heuschrecken,
  verheerend  auf  die  Fluren  um  Leipzig;  Taucha  loderte
  ihnen  als  Siegesflamme  empor.  Mittlerweile  begann
man  am  deutschen  Hofe,  nach  vielen  kirchlichen  Hin=  und
Herreden,  einzusehen,  daß  es  gerathener  sey,  den  Hussiten
eine  freiere  Ausübung  ihrer  angeblichen  Ketzerei  zu  gestatten
und  sic,  wenn  sie  es  denn  einmal  nicht  besser  haben  wollten,
nöthigenfalls  auf  eigne  Faust  verdammt  werden  zu  lassen,
als  ihnen  ein  Heer  nach  dem  andern  zum  Vernichten  oder
zum  Auseinanderjagen  preis  zu  geben.  Der  frommgläubige
deutsche  Kaiser  und  die  wilden  Hussiten  gaben  sich  gegen-1436
  seitig  etwas  nach,  und  Lettere  erkannten  endlich  1436  Siegmund
  als  König  von  Böhmen  an.  Der  Churfürst  von
Sachsen  aber,  dem  die  durch  die  Hussiten  erlittenen  Verluste  und
die  seiner  und  seiner  Soldaten  Kriegsehre  beigebrachten  star-
        <pb n="137" />
        Bruderkrieg  zwischen  Friedrich  und  Wilhelm.  103

ken  Scharten  noch  schwer  auf  der  Seele  liegen  mochten,
fand  später,  (1438)  bei  den  Fehden  Albrechts  von  Oesterreich,
  Gelegenheit,  sein  Müthchen  an  den  ungesstteten  Böhmen
  zu  kühlen,  und  brachte  ihnen  im  Innern  Böhmens  eine
schwere  Niederlage  bei.

Der  unbeerbte  Hintritt  des  Landgrafen  von  Thüringen,
Friedrich's  des  Friedfertigen,  brachte  die  thüringischen  Lande
wieder  an  Friedrich's  des  Streitbaren  Söhne,  Friedrich  den
Sanftmüthigen  und  Wilhelm  III.,  so  daß  das  gesammte  Länderbesitzthum
  des  Meißnischen  Hauses  nunmehr  wieder  vereinigt
  war.  Doch  sollte  diese  kräftige  Einheit  nicht  lange
währen;  denn  dem  Sinne  der  damaligen  Zeit  angemessen,
pflegte  man  Land  und  Leute  gern  wie  ererbte  Garderobe  anzusehen,
  wo  Jeder  der  Erben  gern  wissen  wollte,  was  er  eigentlich
  hatte,  und  man  lieber  alle  Röcke  zerschnitt  und  sich
mit  den  zerstückelten  Lappen  begnügte,  als  daß  man  gemeinschaftlich
  sich  des  ungetrennten  und  somit  weit  nutzbarern
Besitzes  freute.  Durch  diese  Ansichten  geleitet,  schritten  1445
die  beiden  Brüder  Friedrich  und  Wilhelm  zu  einer  Ländertheilung,
  in  welcher  Friedrich,  nebst  der  ihm,  als  Aeltesten,
gebührenden  Chur  Sachsen,  die  Markgrafschaft  Meißen  und
einen  Theil  des  Osterlandes,  Wilhelm  dagegen  Thüringen,
nebst  dem  übrigen  Osterlande  und  die  Besstzungen  in  Franken
  erhielt.  Nur  Freiberg  mit  seinen  Bergwerken  blieb  gemeinschaftlicher
  Besitz.  Die  Schulden  der  Länder  wurden
getheilt,  obschon  der  Meißner  hierin  einige  Lasten  ubernehmen
  mußte.  Diese  Theilung  veranlaßte  gar  bald  Unzufriedenheit,
  Spannungen,  ja  Feindseligkeiten,  die,  besonders  auf
Wilhelm's  Seite,  durch  treulose  Räthe,  namentlich  durch
Apel  von  Vitzthum,  genährt  wurden.  Einem  Bruderkriege
vorzubeugen,  wöhlten  die  Stände  den  Erzbischof  Friedrich  von
Magdeburg,  den  Churfürst  Friedrich  II.  von  Brandenburg
und  den  Landgrafen  Ludwig  von  Hessen  zu  Schiedsörichtern
in  diesem  Streite,  welche  im  December  1445  den  hallischen
Vergleich,  durch  gethanen  Machtspruch,  zu  Stande  brachten,
in  Folge  dessen  die  eingegangene  Theilung  in  Kraft  erhalten
wurde,  Wilhelm  jedoch  Burgau  und  Zwickau  an  den  Chur-1138



1110

1115
        <pb n="138" />
        104  Bruderkrieg  zwischen  Friedrich  und  Wilhelm.

fuͤrsten  abtreten,  dagegen  aber  Freiburg  von  ihm  empfangen
sollte.  Allein  auch  dieser  Vertrag  konnte  das  Mißvergnuͤgen
nicht  daͤmpfen  und  die  Feindseligkeiten  nicht  zuruͤckhalten,  zumal
  Vitzthum  seinem  Herrn  stets  mit  giftiger  Zunge  in  den
Ohren  lag.  Friedrich  verlangte  die  Entfernung  Vitzthums,
der,  wie  er  wohl  wußte,  fortwaͤhrend  das  Feuer  schuͤrte,  und
als  Wilhelm  dies  unterließ,  unternahm  Friedrich  einen  Streifzug
  gegen  das  dem  Vitzthum  gehdrige  Roßla.  Dagegen
überließ  Wilhelm  dem  Vitzthum  für  dessen  Güter,  Noßla,
Sulza,  Reinstädt  und  42,000  Guͤlden,  das  ganze  Frankenland.
  Beide  Brüder  übten  sich  nunmehr  in  allerhand  feindseligen
  Einfällen  und  verheerenden  Streifzügen  in  das  brüderliche
  Gebiet.  Der  jähzornige  Wilhelm  unterhielt  diese
Neckereien  mit  großer  Grausamkeit;  besonders  mußte  dies
die  Stadt  Gera  empfinden,  deren  Besitzer  sich  auf  die  Seite
Friedrichs  geschlagen  hatte.  Die  Stadt  wurde  mit  Sturm
genommen,  und  Wilhelm  ließ  mehr  als  5000  Einwohner,
die  sich  in  eine  Kirche  geflüchtet  hatten,  erbarmungölos  niedermetzeln.
  Eine  der  fluchwürdigsten,  überteuflischen  Thaten,
welche  die  Geschichte  aufzuweisen  hat  und  die  Wilhelm's
Andenken  unrettbar  an  den  Schandpfahl  aller  Zeiten  heftet!
Die  Werkzeuge  dieser  unmenschlichen  Handlung  waren  Böhmen
  —  ein  Menschenschlag,  der  die  Gefühllosigkeit  bis  zum
Stumpfsinn  zu  treiben  verstand  und,  vermoge  thierischer
Grausamkeit,  vielleicht  nicht  so  unbedingt  in  die  Gesellschaft
der  Menschen  zu  rechnen  war.  Der  unnatürliche  Bruderkrieg
  hatte  veranlaßt,  daß  viele  Mächtige  Thüringens  sich
von  Wilhelm  abwandten;  er  mußte  also  —  wie  die  Spanier
  in  Amerika  —  in  Ermangelung  der  Menschen,  Hunde
gegen  den  Feind,  ndmlich  gegen  den  Bruder  hetzen,  und  bezog
  diese  Beihülfe  aus  Böhmen.  Demohngeachtet  wies  der
menschliche  Friedrich,  als  er  an  der  Elster  seinem  Bruder  gegenäber
  zu  stehen  kam  und  ein  Scharfschütze  sich  ihm  erbot,
den  bösen  Bruder  durch  einen  guten  Schuß  für  immer  friedfertig
  zu  machen,  diesen  Antrag  mit  Abscheu  von  sich:  „schieß'
wen  Du  willst,  nur  meinen  Bruder  nicht!“  Diese  brüderliche
  Regung  mitten  unter  den  blutigen  Wahrzeichen  des
        <pb n="139" />
        Bruderkrieg  zwischen  Friedrich  und  Wilhelm.  105

Hasses  soll  Wilhelm  zu  Ohren  gekommen  seyn  und  den  Blutbefleckten
  tief  ergriffen  haben.  Er  schlug,  obgleich  anfangs
zögernd,  in  die  Hand  ein,  welche  Friedrich  ihm  längst  schon
zur  Suͤhne  geboten  hatte.  Der  Kaiser,  zürnend  öber  den
unnatürlichen  Bruderkrieg  und  empbrt  über  die  schreiende
Blutthat  gegen  Gera,  bestand  ernstlich  auf  Frieden  und  drohte
im  Unterlassungsfalle  mit  der  Acht.  Wilhelm  aber  lernte
einsehen,  daß  diejenigen,  welche  ihm  so  hartnäckig  zu  dem,
Recht,  Natur  und  Gefäöhl  verläugnenden  Kampfe  gerathen,
es  nicht  aus  Liebe  zu  ihm,  sondern  aus  Haß  gegen  seinen
Bruder,  oder  aus  selbstsöchtigen  Beweggründen  gethan  hatten;
  die  lange  unterdrückte  Stimme  der  Natur  brach  sich
endlich  Bahn,  und  so  geschah  es,  daß,  nach  einer  fünffährigen
  Fehde,  sich  die  Brüder  am  27.  Jan.  1451.  völlig  aussöbhnten.
  Trümmer,  Blut  und  Brandspuren  dienten  dem  Altar
  dieser  Versdhnung  zur  Unterlage,  und  verhallende  Flüche
verheerter  Länder,  elend  gemachter  Unterthanen  mischten  sich
in  den  Jubel  dieser  Handlung  der  Liebe!  Apel  von  Vitzthum,
welcher  seine  finstere  Rolle  in  Wilhelm's  Herzen  auögespielt
hatte,  verließ  das  Land,  und  als  der  gegen  ihn  nunmehr
erbitterte  Wilhelm  ihm,  gegen  Rückgabe  seiner  Güter,  die
Mflege  Koburg  wieder  abferderte  und,  da  er  sich  der  Räckgabe
  weigerte,  sich  derselben  mit  Gewalt  bemächtigte,  entwich
  Vitzthum  nach  Böhmen  und  setzte  vielfache  feindliche
Machinationen  gegen  Wilhelm  in  Bewegung,  die  jedoch  zu
nichts  führten  und  seine  Nache  ungekühlt  ließen.

Dieser  verwüstende  Bruderkrieg  zog  ein  zwar  nicht  historisch
  folgereiches,  aber  einzig  in  der  Geschichte  dastehendes
Ereigniß  nach  sich.  An  Friedrich'S  des  Sanftmüthigen  Hofe
lebte  ein  kühner,  kriegsgeubter  sächssscher  Ritter,  Kunz  oder
Conrad  von  Kaufungen,  der  dem  Churfürsten  sowohl  im
Hussitenkriege,  wie  auch  in  der  Fehde  gegen  seinen  Bruder
Wilhelm,  die  thätigsten  Dienste  geleistet  und  dadurch  sich
bis  zu  dem  Ehrenposten  eines  Hofmarschalls  aufgeschwungen
hatte.  In  dem  Bruderkriege,  welchem  er  nachdrücklich  für
seinen  Herrn  beiwohnte,  hatte  er  seine  Besitzungen  in  Thüringen
  verloren  und  war  dafür  einstweilen  durch  einige  Vitz-1451
        <pb n="140" />
        1455

106  Der  saͤchsische  Prinzenraub.

thum'sche  Guͤter  im  Meißnischen  entschaͤdigt  worden.  Nach
eingetretenem  Frieden  erhielt  er  seine  thüringischen  Guͤter  zurück,
  weigerte  sich  aber  gleichwohl,  die  nur  in  interimistischen
  Besitz  erhaltenen  Vitzthum'schen  Güter  herauszugeben,
und  als  er  dazu  gezwungen  ward,  gerieth  der  trotzige  Nirter
in  heftigen  Zorn  und,  mit  der  Bemerkung,  er  werde  sich  am
Churfürsten  zu  rächen  wissen,  entfloh  er  —  ohne  erst  das
vom  Churfürsten  ihm  versprochene  rechtliche  Erkenntniß  abzuwarten
  —  nach  Böhmen.  Doch  hatte  er  sich  vorher  mit
dem  churfürstlichen  Küchenjungen,  Hans  Schwalbe,  in  Einverständniß
  gesetzt,  welcher  ihm  genaue  Kundschaft  von  Allem,
  was  auf  dem  churfürstlichen  Schlosse  Altenburg  vorging,
zukommen  ließ.  Auf  die  Nachricht,  daß  der  Churfürst  an
cinem  bestimmten  Tage  mit  vielen  Hofleuten  nach  Leipzig
reisen,  der  übrige  Hofstaat  aber  einem  Bankett  beim  Kanzler
  beiwohnen  und  die  Churfürstin  mit  ihren  beiden  Prinzen
Ernst  und  Albrecht  allein  im  Schlosse  zurückbleiben  werde,
schlich  sich  Kaufungen  nach  Altenburg  hinein,  erstieg  in  der
Nacht  vom  7—8.  Juli  1455  an  Strickleirern  das  Schloß
und  holte  —  nachdem  man  einen  alten  Soldaten,  den  einzigen

  Wächter  des  Schlosses,  geknebelt  und  der  Churfürstin

Zimmer  wahrscheinlich  verrammelt  hatte  —  die  beiden  Prinzen

  mit  Gewalt  aus  dem  Schlosse,  während  die  beraubte

Mutter  ihnen  vergebens  aus  dem  Fenster  nachjammerte.
Um  jedenfalls  einen  Raub  zu  bewerksielligen  und  dem  Churfürsten
  sodann  die  verweigerten  Güter  durch  Vorenthaltung
des  Kindes  abtrotzen  zu  können,  beschloß  Kunz,  jeden  der
Prinzen  nach  einer  andern  Gegend  hin  entföühren  zu  lassen.
Deshalb  mußten  seine  Mitverschwornen,  von  Mosen  und
Schöônfels,  mit  dem  altern  Prinz  Ernst  auf  dem  Zwickauer
Wege  entsliehen,  während  Kunz  selbst,  mit  Prinz  Albrecht,
durch  den  Rabensteiner  Wald  jagte.  Unterwegs  klagte  der
Prinz  über  heftigen  Durst,  und  Kunz  —  der  keineswegö  dem
Prinzen  etwas  zu  Leid  thun,  vielmehr  nur  durch  dessen  Festhaltung
  dem  Vater  Bedingungen  vorschreiben  wollte  —  war,
zu  seinem  Verderben,  mitleidig  genug,  am  Fürstenberge  vom
Pferde  zu  steigen  und  den  Prinzen  im  Walde  einige  Bec-
        <pb n="141" />
        Der  saͤchsische  Prinzenraub.  107

ten  für  seinen  Durst  suchen  zu  lassen.  Dieser  fand  dabei
Gelegenheit,  sich  mit  hastigen  Worten  einem  im  Walde  beschäftigten
  Köhler  zu  entdecken,  der  durch  Zusammenschlagen
der  Schürbaume  sogleich  eine  Anzahl  Köhler  herbeirief,  über
Kaufungen  herfiel,  der  sich  eben  mit  den  Sporen  im  Gestrüppe
  verwickelt  hatte  und  daher  wenig  Widerstand  thun
konnte,  und  ihn  gefangen  nahm.  Er  überlieferte  ihn,  wie
auch  seinen  Knecht  Schweinitz,  dem  Abt  von  Grünhain,  der
die  Gefangenen  nach  Zwickau  abführen  ließ.  Den  befreiten
Prinzen  aber  brachte  man  noch  am  namlichen  Tage  in  Triumph
  nach  Altenburg  zurück.  Unterdessen  hatte  die  Sturmglocke
  schon  das  ganze  Land  in  Bewegung  gebracht,  daher
die  Entführer  des  altern  Prinzen,  Mosen  und  Schönfels,  sich
nicht  weiter  getrauten,  sondern  in  der  Gegend  von  Stein
sich,  nebst  dem  Geraubten,  in  einer  Hôhle  —  seitdem  die
Prinzenhöhle  genannt  —  verbargen.  Mit  Schrecken  vernahmen
  sie  aus  dem  Munde  vorübergehender  Holzfäller
Kaufungen's  Unfall,  und  gedachten  —  gegen  zugestandene
Verzethung  —  den  Prinzen  auszuliefern,  sonst  aber  sich  und
ihn  umzubringen.  Der  Oberamtshauptmann  zu  Zwickau,
Friedrich  von  Schönburg,  welchem  sie  ihren  Entschluß  brieflich
  meldeten,  gestand  ihnen  Freiheit  und  Leben  zu,  sie  lieferten
  zu  Hartenstein  den  Prinzen  aus  und  verließen  das
Land.  Das  Unwetter,  welches  der  kühnen  That  folgte,  entlud
  sich  nun  über  Kunz  von  Kaufungen,  welcher  —  nachdem
  das  Geschwornengericht  der  Vier  und  Zwanzig  ihm  das
Leben  abgesprochen  —  am  14.  Juli  zu  Freiberg  enkhauptet
ward.  Ein  grausamerer  Tod  traf  seinen  Knecht  Schweinitz
und  den  zum  Prinzenraube  behilflichen  Küchenjungen  Schwalbe.
Beide  wurden  geviertheilt.  Der  rettende  Köhler  aber,  welcher
  Schmidt  hieß,  bat,  als  er  sich  vom  Churfürsten  eine
Gnade  ausbitten  sollte,  um  nichts,  als  um  freies  Holz
zum  Kohlenbrennen,  erhielt  für  sich  und  seine  Familie  ein
Freigut  bei  Zwickau  und  jährlich  vier  Scheffel  Korn,  und
weil  er,  wie  er  sich  in  seiner  naiven  Sprache  ausgedrückt,
den  Ritter  Kunz  tüchtig  getrillt,  ließ  man  ihn  und  seine
Nachkommen  fortan  den  Namen  Triller  annehmen.  Der
        <pb n="142" />
        108  Der  saͤchsische  Prinzenraub.

Mann  hatte  seine  Pflicht  gethan.  Dagegen  bleibt  dahinge—
stellt,  ob  trotz  des  Churfuͤrsten  eignen  Ausschreibens  (worin
er  sein  Verhältniß  zu  Kunz  von  Kaufungen  auseinandersetzte
und,  neben  seiner  cignen  Schuldlosigkeit,  Kunzens  Unrecht
beweisen  wollte)  Kunz  nicht  wirkliche  Ansprüche  an  seinen
Fürsten  hatte.  In  einer  Sache,  wo  der  Kläger  zugleich  Richter
  ist,  läßt  sich  das  Recht  des  Verurtheilten  schwer  ermitteln.
  Ob  aber  Friedrich,  welcher  sich  den  Sanftmüthigen
nennen  läßt,  Ehre  davon  hatte,  den  Nitter,  der  ihm  lange
in  einer  gefahrvollen  Zeit  mit  Gut  und  Blut  treu  gedient,
später  einem  schmachvollen  Tode  zu  weihen,  weil  dieser  die
Ansprüche,  welche  er  zu  haben  glaubte,  auf  einc  zwar  gewaltsame
  und  unrechtmäßige  Art  durchzufähren,  jedoch  keinesweges
  sich  an  dem  Leben  der  Prinzen  seines  Herrn  zu
vergreifen  gedachte,  vielmehr  nach  dem  Gelingen  des  kühnen
Anschlags  noch  ein  Opfer  seiner  Menschlichkeit  ward,  vermoͤge
  deren  er,  statt  unaufhaltsam  mit  dem  wichtigen  Raube
fortzueilen,  dem  Prinzen  mitleidig  eine  Erfrischung  bot  und
darüber  Freiheit  und  Leben  verlor.  Es  hätte  den  Churfürsten
  wohl  schoͤner  gekleidet,  nachdem  der  Himmel  ehnedem
die  seinem  Hause  drohende  Gefahr  glücklich  abgelenkt  hatte,
den  beschämten  Kunz  zu  begnadigen  und  sich  dadurch  in  ihm
einen  noch  treuern  Diencr  zu  gewinnen,  als  derselbe  ihm
schon  früher  gewesen  war.  Kunz  von  Kaufungen  aber  giebt,
mit  seiner  gewagten  That,  ein  treffendes  Bild  jener  trotzigen,
  gewaltigen  Ritterzeit,  wo  das  verweigerte  Recht  sofort
durch  kühne  Gewalt  geltend  gemacht  und  Güter,  Leben  und
Freiheit  oft  genug  um  einer  trotzigen  Launc  willen  in's  Feld
geschlagen  wurden.  —

143317  Nach  dem  im  Jahre  1457  erfolgten  unbeerbten  Tede  des
Koͤnigs  Ladislav  von  Böhmen,  stellte  sich  auch  Wilhelm
unter  die  Bewerber,  da  seine  Verheirathung  mit  Anna,  einer
Schwester  des  Verstorbenen  und  Tochter  Kaiser  Albrechts
II.,  ihm  einige  Anwartschaft  auf  die  Böhmische  Kronc  verlieh.
  Aber  die  Böhmen  erwählten  bald  ihren  vorherigen
Statthalter,  Georg  Podiebrad,  zum  Könige.  Wilhelm  getraute
  sich  nicht,  seine  Ansprüche  gegen  den  bei  den  Böhmen
        <pb n="143" />
        Herzog  Wilhelm.  109

sehr  beliebten,  auch  von  dem  Könige  von  Ungarn  unterstätzten
  Podiebrad  weiter  zu  verfolgen,  sondern  erkannte  ihn
selbst  als  Wohlkdnig  an  und  war  froh,  durch  diese  seine
Bereitwilligkeit  denselben  zu  einigen  ihm  vortheilhaften  Begünstigungen
  zu  veranlassen,  die  besonders  darin  bestanden,
daß  63  Städte  und  Schldsser  in  Meißen,  auf  welche  bisher
  Böhmen  Ansprüche  gemacht  hatte  und  die  es  mit  Gewalt
  der  Waffen  zu  behaupten  Miene  machte,  dem  Herzog
Albrecht  in  Lehen  gegeben  wurden,  wozu  die  nähere  Bestimmung
  1459  in  einem  besondern  Vertrage  zu  Eger  geschah.
  Dieses  Bündniß  ward  durch  eine  erneuerte  Erbeinigung
  zwischen  Böähmen  und  Meißen  und  durch  Verabredung
  einer  Doppelheirath  von  beiden  Seiten  noch  mehr  befestigt.


Im  Jahre  1461  unternahm  Herzog  Wilhelm,  der  Sitte
jener  Zeit  angemessen,  eine  Wallfahrt  nach  Palaͤstina,  wohin
  ihm  eine  Menge  Grafen  und  Ritter  folgten.  Vielleicht
wollte  er  dort  die  Frevel  des  Bruderkrieges  absuͤhnen,  oder
das  seiner  edlen  Gattin  Anna  zugefuͤgte  Unrecht  buͤßen.
Denn  Wilhelm  trat,  was  sein  Benehmen  als  Eheherr  anbelangte,
  so  ziemlich  in  die  Fußtapfen  Albrecht's  des  Unartigen.
  Tollblinde  Leidenschaft  führte  ihn  von  der  Seite  der
würdigen,  treuen  Gattin  in  die  Arme  eines  verbuhlten  Weibes,
  Katharinens  von  Brandenstein.  Er  behandelte  seine
Gattin  mit  gefühlloser  Härte  und  verwies  sie  endlich  nach
Eckardöberg;  sie  ertrug  ihre  Leiden  mit  bewundernswürdiger
  Treue  und  Hingebung,  blieb  selbst  in  ihrem,  durch  den
Gemahl  ihr  bereireten  Elend  seine  standhafte  Vertheidigerin,
bis  1462  der  Tod  ihrem  gramvollen  Leben  ein  Ende  machte.
Statt  Reue  und  Abneigung  gegen  die  Morderin  seines
Weibes  zu  empfinden,  eilte  Wilhelm  sich  seine  Concubine
antrauen  zu  lassen,  und  obschon  ihm  einige  Male  gar  dreist
und  mit  ziemlich  schlagenden  Beweisen  versichert  wurde,  daß
seine  neue  Frau  Gemahlin  im  Punkte  der  Treue  gegen  ihn
Har  nicht  die  Probe  halte,  so  erfüllte  ihn  dennoch  eine  dumme
  Gläubigkeit  zu  ihr  und  ließ  keinen  dauernden  Zweifel
in  ihm  aufkemmen.  Uebrigens  war  Wilhelm's  weiteres  Le-1-9



1161

1162
        <pb n="144" />
        110  Herzog  Wilhelm.

ben  nur  noch  von  kleinern,  bedeutungslosen  Ereignissen  bezeichnet.
  Sein  verstoßener  Rath,  Apel  von  Vitzthum,  machte
ihm  noch  manchen  Aerger.  Sonst  aber  wurde  Wilhelm  oft
genug  um  nichts  bedeutender  Kleinigkeiten  willen,  die  ihn
verdrossen  und  seine  empfindliche  Laune  aufregten,  in  langwierige
  Haͤndel  verwickelt;  wie  er  denn  z.  B.  mit  dem  Gra—
fen  Ernst  von  Gleichen  sich  acht  Jahre  lang  heftig  herumschlug,
  wozu  die  Hasenhetz  eines  Buͤrgers  zu  Erfurt  die  Veranlassung
  gab  und  dann  in  Feindseligkeiten  mit  einem  andern
Grafen  von  Gleichen  kam,  weil  dieser  Wilhelm's  zweiter
Frau,  die,  als  eine  eingedrungene,  bastardmaͤßige  Gattin,  von
den  meißnischen  Edlen,  ja  von  Wilhelm's  naͤchster  Umgebung
haͤufige  Beweise  geringschaͤtzender  Unehrerbietigkeit  einstecken
mußte,  nicht  das  Praͤdicat:  gnaͤdige  Frau,  zugestehen  wollte.
Nach  einem  mehr  abentheuerlichen,  als  eigentlich  stuͤrmischen
  Leben  —  denn  selbst  Wilhelm's  Hauptunternehmungen
  drehten  sich  immer  um  kleinliche  Motioe  und  waren  nur
muthwillig  aufgerührte  Unruhen,  welche  schnell  wieder  zu
beschwren,  fast  immer  in  seiner  Macht  stand  —  starb
1182  Wilhelm  im  September  1482,  in  seinem  57.  Jahre,  zu
Weimar.  Da  er  keinen  männlichen  Erben  hinterließ,  so
hatte  er  noch  bei  Lebzeiten  seine  Länder  an  seine  beiden
Nesson,  Ernst  und  Albert,  übergeben.  Er  war  ein  Mensch,
in  welchem  sich  Gutes  und  Böses  ohne  eigentliche  Farbe
mischte.  Gutmüthig  aus  Laune  und  böse  aus  Leidenschaftlichkeit,
  kommt  ihm  unmittelbar  weder  Lob  noch  Vorwurf  zu.
Tyrannisirt  von  seinem  Eigensinne,  tyrannisirte  er  selbst  eizentlich
  nur  durch  die  zweite  Hand.  Hartnäckig  in  der  Ausführung
  eines  Entschlusses,  aber  wankelmüthig  und  veraͤnderlich
  im  Entschlusse  selbst,  bedurfte  er  nur  einer  klugen  und
preiswürdigen  Leitung,  um  der  Tugend  eben  so  beharrlich
zu  fröhnen,  als  seiner  Leidenschaft.  Man  hätte  müssen  ihm
das  Gute  zur  Laune  machen,  so  würde  er  dem  Guten  treu
gedient  haben,  denn  er  war  nur  seiner  Laune,  seine  Laune
aber  keinem  Gegenstande  treu.  Hätte  nicht  ein  ränkevoller
Apel  von  Vitzthum,  spater  eine  gemein  citle  Katharina  von
Brandenstein  ihm  alloermögend  zur  Seite  gestanden,  so
        <pb n="145" />
        Friedrich  der  Sanftmuͤthige.  111

wuͤrde  Wilhelm  zwar  kein  Held,  wohl  aber  ein  nutzbares
Automat  der  Tugend  geworden  seyn.  —

Stiller  aber  ausgiebiger  war  Friedrich's  des  Sanftmuthigen
  Wirken.  Er  war,  obschon  große  Regenteneigenschaften
  ihm  vollig  abgingen  und  er  an  muthigem  Sinne  seinem
Bruder  nachstand  —  ein  guter  Hausvater  seines  Landes,
der  Friede  und  Ordnung  bestens  herzustellen  und  zu  begründen
  strebte.  Dagegen  gönnte  er  seiner  Gattin,  Margarethen
von  Oesterreich,  etwas  mehr  weltliche  Macht,  als  derselben
von  Fug  und  Recht  zukam;  ja  er  gestattete  ihr  sogar  —
ein  in  der  sächsischen  Geschichte  unerhörtes  Beispiel  —  zu
Kolditz  eigne  Münzen  zu  schlagen.  Sie  war  ein  Weib  von
vieler  Herzhaftigkeit,  vielleicht  mehr  Mann,  als  der  Churfürst
  selbst,  der  ihrem  Muthe  buldigte,  den  er  zum  Theil  in
sich  vermißte,  und  der  ihr  nebst  dem  Reichs=  auch  das  häusliche
  Scepter  abgetreten  zu  haben  scheint.  Von  wahrer  Entschlossenheit
  zeugt  das  Aufgebot,  welches  Margarethe,  in  ihres
  Gatten  Abwesenheit,  wegen  schleunigen  Beistandes  an
die  Stadt  Wittenberg  ergehen  ließ.  Ihr  Mann,  der  etwas
scharf  im  Respecte  gegen  sie  gestanden  haben  dürfte,  wles
ihr  ein  reiches  Witthum  an,  welches  sie,  nach  dessen  Tode,
unter  landesherrlichen  Rechten  mit  vieler  Virtuosität,  die  sie
sich  noch  bei  Lebzeiten  ihres  Eheherrn  eigen  gemacht  hatte,
regierte.

Am  7.  September  1464,  mithin  18  Jahre  vor  Herzog
Wilhelms  Tode,  starb  Churfürst  Friedrich  der  Sanftmüthige
in  einem  Alter  von  52  Jahren  zu  Leipzig  und  hinterließ,
außer  vier  Töchtern,  die  beiden  Söhne  Ernst  und  Albert,
die  Stifter  der  beiden  sächsischen  Hauptlinien,  der  Ernestinischen
  und  der  Albertinischen.  Er  hatte  fünf  Jahre  vor  seinem
  Tode,  nämlich  im  J.  1459,  die  Verordnung  getroffen,
daß  seine  beiden  Söhne  nach  seinem  Absterben  die  an  sie
kommenden  Länder  gemeinschaftlich  regieren  sollten,  mit  Ausnahme
  des  Herzogthums  Sachsen,  welches,  wie  auch  die
Churwürde,  ausschließlich  dem  altesten  Prinzen  anheimfiel.

Friedrich  des  Sanftmüthigen  Charakter  und  Fähigkeiten
liegen  so  ziemlich  am  Tage.  Er  war  ein  Fürst  von  augen-1161



1459
        <pb n="146" />
        1165

1466

112  Ernst  und  Albert.

scheinlich  guten  Anlagen  des  Geistes  und  Herzens,  besaß
Gemuͤth  und  Herzensguͤte  und  war,  in  geistiger  Hinsicht,
mindestens  ein  Mittelmann.  Allein  Mittelmaͤnner  waren  jener
  gewaltigen  Zeit  nicht  gewachsen,  und  der  gar  zu  sichtliche
  Mangel  an  Kraft  und  durchgreifender  Entschlossenheit
ließ  ihn  in  den  Kaͤmpfen,  in  welche  er  meist  unfreiwillig  hineingerissen
  ward,  nie  bedeutend,  wohl  aber  bisweilen  etwas
duͤrftig  und  mager  dastehen.  Seine  Sanftmuͤthigkeit  —
die  iom  zum  Beinamen  ward  —  war  also  gezwungen.  Er
zeigte  sich  versöhnlich  und  leutselig,  ließ  sich  aber  seine  Herzensgute,
  selbst  dem  Bruder  gegenöber,  nie  besonders  viel
kosten.  Bei'm  Lichte  besehen,  war  der  sanftmüthige  Friedrich
  weder  kalt  noch  warm;  zu  nervenschwach,  um  leidenschaftlich
  und  ubereilt  zu  seyn,  zu  karg  und  alltäglich  zu
großartiger  Entsagung.  Das  leidige  Nachplärren  der  sächsischen
  Historiker  von  Friedrich's  Ruhmwürdigkeit  und  Sanftmuth,
  wovon  beinahe  in  allen  vaterländischen  Geschichtsbüchern
  wiedergekäut  oder  aufgewärmt  wird,  muß  einem
selbstständigen  Beobachter  und  Urtheiler  eben  so  unerwiesen
als  langweilig  vorkommen.  —

Im  Jahre  1465  reis'ten  Ernst  und  Albert  in  Person  zu
ihrem  Oheim,  dem  Kaiser  Friedrich,  und  empfingen  von  ihm
im  Juni  zu  Ncustadt  bei  Wien  die  Belehnung  über  die  ererbten
  Länder  und  Würden.  Ersterer  hatte  gewöhnlich  seinen
Wohnsitz  zu  Altenburg  oder  Leipzig,  Letzterer  zu  Drsden
oder  Torgau.  Das  folgende  Jahr  bezeichneten  sie  durch  eine
Waffenthat;  denn  sie  unternahmen  einen  Zug  in's  Voigtland
gegen  den  damaligen  Voigt  von  Plauen,  Heinrich  II.,  welcher
  den.  Namen  eines  Burggrafen  von  Meißen  führte.  Er
hatte  sich  diese  feindselige  Behandlung  durch  Willkührlichkeiten
  und  Härte  gegen  die  Vasallen  zugezogen,  welche  deshalb
Beschwerde  bei  dem  Churfürsten  anbrachten  und  um  Hülfe
ansuchten.  Heinrich  kam  dabei  ins  Gedränge  und  mußte
nach  Böhmen  entweichen,  Ernst  und  Albert  besetzten  die
Städte  Plauen,  Oelsnitz  und  Adorf,  und  behilelten  sie  als
Lehen  von  Böhmen.  Einen  andern  namhasten  Erwerb
machten  sie  durch  Ankauf  des  schlesischen  Herzogthums  Sa-
        <pb n="147" />
        Erust  und  Albert.  113

gan,  dessen  Besitzer  Johann  II.  —  von  seinem  ausschweifenden
  Leben  der  Wilde  benannt  —  so  uͤbel  gewirthschaftet,
besonders  aber  durch  kostspielige  Versuche  in  der  noch  unerfunden
  gebliebenen  Goldmacherei  sich  dergestalt  in  Schulden
gesteckt  hatte,  daß  er  sein  Land  nicht  länger  behaupten  konnte,
sondern  es  1472  um  50,000  ungarische  Goldgulden  an  Ernst
und  Albert  verkaufte.  Vielleicht  Johann's  erstes  alchymistisches
Resultat,  Land  in  Gold  zu  verwandeln.  Gleichwohl  ließ  sich
der  politische  Chemiker  den  Handel  bald  reuen.  Er  verlangte
  —  vielleicht  wiederum  auf  einen  alchymistischen  Satz  gestützt,
  kraft  dessen  man  nicht  nur  Land  in  Gold,  sondern
auch  Gold  wieder  in  Land  verwandeln  könne  —  sein  Land
zurück,  beschuldigte  Ernst  und  Albrecht  trügerischen  Handels
und  drohte  ihr  Besitzthum  mit  Feuer  und  Schwert  anzugreifen.
  Durch  Herzog  Wilhelm  ward  die  unangenehme  Frrung
noch  verglichen  und  Sagan  blieb  bei  Sachsen,  bis  es  spater
(1549)  der  Churfürst  Moritz  gegen  andere  Besltzungen  verkaufte.
  Fünf  Jahre  spater  brachten  Ernst  und  Albert  die
Biberstein'schen  Herrschaften  Sorau,  Beeskow  und  Storkow
für  60,000  rheinische  Gulden  wiederkäuflich  an  sich,  welche
in  spaterer  Seit  (1510)  wieder  eingelöset  wurden.  Das
Geld  zu  diesen  wichtigen  Einkäufen  wurde  durch  den  Ertrag
der  neuen  Silbergänge  in  den  Schneeberger  Bergwerken  herbeigeschafft.
  Die  Ausbeute  derselben  wird  in  ältern  Quellen
bis  ins  fabelhafte  prahlerisch  angegeben;  doch  muß  sie,  abgesehen
  von  den  bedeutenden  Einkäufen  der  beiden  Fürsten,
auch  aus  dem  Grunde  bedeutend  gewesen  seyn,  weil  Herzog
Albrecht  in  der  Grube  zur  St.  Georgen  Zech,  mit  zehn  seinee
Hofleute  an  einer  Tafel  speisen  konnte,  die  aus  gediegenem
Silber  gehauen  war.

1##2

11#

Durch  den  147/1  erfolgten  Tod  des  Königs  Georg  Po=  1171

diebrad  von  Böhmen,  Alberts  Schwiegervater,  erö#ffneten  sich

diesem  sogar  Aussichten  auf  den  behmischen  Thron,  welche

er,  bei  seinem  feurigen  Geiste,  zu  verfolgen  ziemlich  geneigt

war  Doch  fand  er  seinen  Mitbewerber,  den  polnischen  Prinzen

  Wladislav,  so  tüchtig  gerüstet,  daß  er  Ursach  hatte,  sich

eiligst  wieder  aus  Böhmen  fortzumachen.  Dagegen  leisieten
8
        <pb n="148" />
        114  Ernst  und  Albert.

die  Brüder  ihrer  Schwester  Hedwig,  der  Aebtissin  des  Stiftes

  Quedlinburg,  Hilfe  gegen  diese  Stadt,  welche  die  Hoheit

  des  Stiftes  über  sich,  aus  unzulänglichen  Gründen,  nicht

im  anerkennen  wollte,  jedoch  1477  durch  Ernst  eingenommen

und  zu  Anerkennung  der  Rechte  des  Stiftes  gezwungen  wurde.

  Mit  gleichem  Glöcke  zwang  er  auch  die  Städte  Halle

und  Halberstadt,  die  in  verschiedenen  Angelegenheiten  sich

widersetzlich  bezeigten.  Auch  gab  er  in  den  Händeln  zwischen

  König  Mathias  von  Ungarn  und  Casimir  von  Polen,

1479  die  sich  wegen  der  böhmischen  Krone  entsponnen  hatten,

1479  einen  kräftigen  Vermittler  ab  und  hatte  größeres  Verdienst

  an  dem  bewerkstelligten  Vergleiche,  als  der  andere
Vermittler,  Johann  von  Brandenburg.

Nachdem  Ernst's  und  Albert's  Oheim,  Herzog  Wilhelm

1182  von  Thüringen,  1482  ohne  männliche  Erben  gestorben  war,

nahmen,  dem  Willen  des  Erblassers  gemäß,  die  beiden  Fürsten

  gemeinschaftlich  Besitz  von  dessen  hinterlassenen  ungetheilten

  Landen,  wodurch  die  ganze  Macht  des  meißnischen  Hauses

  wieder  ungetrennt  beisammen  war.  Die  reiche  und

machtvolle  Stadt  Erfurt,  welche,  obgleich  durch  vielfache

Privilegien  begünstigt,  doch  von  jeher  unter  dem  Landgrafen

von  Thöringen  gestanden,  aber  einige  Male  sich  dieser  Ho—

heit  zu  entziehen  versucht  hatte,  begab  sich  nunmehr  mit

festeren  Bestimmungen,  unter  den  Schuß  der  beiden  Fürsten

und  machte  sich  zu  einem,  alljährlich  zu  Lichtmeß  abzuführenden

  Schutzgelde  von  1500  rheinischen  Gulden,  wie  auch,

jedoch  unter  einschränkenden  Bedingungen,  zur  Heeresfolge

verbindlich.

Sowohl  die  abweichenden  Charaktere  der  beiden  Brüder,
wie  auch  die  so  nahe  sich  kreuzenden  Regierungsverhältnisse,
welche  nur  bei  einer  vollkommnen  innern  Uebereinstimmung,
ohne  Reibungen  abgehen  konnten,  hatten  schon  seit  länger
Spannungen  und  Uneinigkeiten  zwischen  den  Brüdern  hervorgebracht,
  welche  durch  einflüsternde  Räthe  und  Diener
—  die,  wie  immer,  in  den  Mißverhältnissen  der  Herren  ihre
eigne  Rechnüng  fanden  —  hin  und  wieder  Nahrung  finden
mechten.  Zwar  schien  der  drohende  Unfrieden  sich  noch  vor
        <pb n="149" />
        Ernst  und  Albert.  115

dem  Ausbruche  begütigen  zu  wollen,  indem  besonders  Ernst
sich  billig  finden  ließ  und,  nach  dem  Erwerbe  von  Ahöringen,
  dem  Jahrgehalte  seines  Bruders  (1483)  3000  Gulden  1183
zulegte,  wogegen  dieser  die  seitherigen  Bedingungen  auf  zehn
Jahre  fortbestehen  zu  lassen  sich  anheischig  machte.  Aber
trotz  dem  steigerte  sich  das  beiderseitige  Mißvergnügen,  und
schon  1485  bestimmte  man  eine  Wahltheilung,  in  welcher  1485
nach  Sachsenrecht,  der  ältere  theilen  und  der  jüngere  Bruder
  wählen,  Letzterer  jedoch  sein  Wahlrecht  mit  25,000  Gulden
  aufwiegen  sollte.  Am  26.  August  wurde  zu  Leipzig  der
Theilungsreceß  zur  Ausführung  gebracht,  zufolge  dessen  Albrecht
  den  meißnischen  Theil  wählte  und  seinem  Bruder
den  thüringischen  überließ,  das  Oster=  und  Pleißnerland
wurde  durchschnitten.  Nur  die  Bergwerke  in  beiden  Landen,
das  Herzogthum  Sagan,  die  Herrschaften  Sotau,  Storkow
und  Beeskow  te.  blieben  gemeinschaftlicher  Besitz.  Im  voraus
  waren  demjenigen,  welchem  Thüringen  zu  Theil  würde,
als  dem  minder  Begünstigten,  100,000  Gulden  als  Aversionalsumme
  zugestanden  worden.  Doch  zahlte  Albrecht  nur
50,000  Gulden  und  trat  dem  Bruder  für  die  andere  Hälfte
das  Amt  Jena  ab.  Man  hatte  die  Theilung  der  beiden
Länder  absichtlich  sehr  in  einander  hineingeschnitten,  damit,
bei  ausbrechendem  Kriege,  Jeder  immer  zugleich  des  Gegners
  Gediet,  wie  sein  eignes  Gebiet  berühre  und  daher  gezwungen
  sey,  schonend  zu  verfahren,  um  nicht  sich  selbst
wehe  zu  thun.

Diese  Wahl  schmerzte  Ernsten  sehr.  Er  hatte  eine  große
Vorliebe  für  das  Meißner  Land  und  mußte  sich  nunmehr
davon  trennen.  Wenige  Monate  vor  seinem  Tode  vorhalf
er  noch  durch  seine  besondere  Thätigkeit  dem  Erzherzog  Maximilian
  zur  romischen  Kaiserkrone,  dagegen  er  und  sein  Bruder
  vom  Kaiser  Friedrich  die  Belehnung  ihrer  Länder  und
die  Erneucrung  ihrer  Rechte  erhielten.  Der  Kummer,  den
Ernst  über  den  Verlust  seines  geliebten  Meißner  Landes
empfand,  nagte  an  seinem  Leben,  und  ein  Sturz  vom  Pferde
entschied  seinen  Tod.  Er  starb  just  am  ersten  Jahrestage
der  Aheilung,  nämlich  am  26.  August,  1486  im  Schlosse  zu  1486

8  2
        <pb n="150" />
        116  Ernst  und  Albert.

Kolditz  im  46.  Lebensjahre  und  fand  seine  Ruhestaͤtte  im
Dom-zu  Meißen,  derjenigen  Flur,  deren  Verlust  ihm  die
Freude  des  Daseyns  verbittert  hatte.  Er  war  ein  Fürst
von  ernstem,  festem  Charakter,  der  durch  Ordnungsliebe,
Maßigkeit  und  Neigung  für  das  Schdne,  sich  in  vielfacher
Hinsicht  über  seine  Zeit  erhob,  der  Rechtspflege  kräftig  vorstand
  und  dessen  Leben  nur  eine  bestimmtere  Richtung  zu
wünschen  gewesen  wäre,  um  ihn  zu  den  besten  Fürsten  zu
rechnen.  Die  Theilungshändel  mit  seinem  Bruder,  zogen
ihn  zu  sehr  von  kräftigen  Maßregeln  in  der  Regierung  seiner
  Länder  ab.  Naächst  seinen  eigenen  preiswürdigen  Eigenschaften
  gebührt  ihm  schon  als  dem  Vater  des  großen  Churfürsten,
  Friedrich's  des  Weisen,  Achtung,  da  man  annehmen
  kann,  daß  nur  eine  sorgsame  und  zweckmäßige  Erziehung
  einen  Fürsten,  wie  Friedrich,  heranbilden  konnte.
Ernst  hinterließ,  nebst  zwei  Töchtern,  vier  Söhne,  deren
altester,  Friedrich  der  Weise,  und  jungster,  Johann  der  Beständige,
  nach  einander  die  Churwürde  erhielten.  Albrecht
ward  zum  Erzbischof  von  Mainz  erwählt,  starb  aber  zwei
Jahre  darauf,  in  einem  Alter  von  20  Jahren;  Ernst  ward
Erzbischof  von  Magdeburg.
        <pb n="151" />
        <pb n="152" />
        <pb n="153" />
        117

Dritte.  Abtheilung.

Friedrich  der  Weise.  Johann  der  Beständige.  Die
Zeit  der  Reformation,  in  Bezug  auf  Sachsen.  Johaun
  Friedrich  der  Großmüthige.  Moritz
und  Carl  V.

Wenn  wir  in  der  vorhergehenden  Geschichte  Sachsens  (in
welcher  der  Verfasser,  mit  beinahe  gewagter  Umgehung  alles
dessen,  was  nicht  unmittelbar  im  Wege  lag,  sich  durch  alle,
wenn  auch  noch  so  nahe  liegende  Nebenverhaͤltnisse  einen  geraden
  Durchgang  zu  brechen  suchte,  um  nicht  jüngere  Leser
irre  zu  machen  und  zu  ermüden)  nur  ein  Ningen  nach  äußerer
  politischen  Abrundung  erblickenz  so  beginnt  nunmehr  eine
Zeit,  in  welcher  anfangs  für  die  Veränderung  der  Gränzen
und  dußerlichen  Verhältnisse  weniger  gethan  wird.  Dagegen
  steigt  über  Deutschlond,  vorzüglich  aber  über  unserm
Vaterlande,  ein  neuer  Strahl  des  Lichts  herauf,  welcher  mit
wunderbarem  Lebensgeiste  alle  Organe  der  Zeit  durchdringt
und  erweckt.  Es  ist  dies  die  große  ehrwürdige  Epoche  der
Reformation,  an  deren  aufsteigenden  Sonnentempel  sich  das
herrliche  historische  Standbild  Friedrichs  des  Weisen  lehnt,
eines  der  ruhmwürdigsten  der  sächsischen  Fürsten.  Ein  langer
Kampf  verworrener,  sich  selbst  unklarer  Kraͤfte  war,  wie  Zuckungen
  ringender,  sich  ballender  Nebel,  dem  sungen  Gestirne  der
Resormationvvorangegangen,  in  dessen  Strahlen  ein  beinahe  schon
        <pb n="154" />
        118  Friedrich  der  Weise.

erloschener  Nachglanz  vom  Scheiterhaufen  eines  Huß  und
Hieronymus  heruͤberspielte.  Beinah  scheint  Friedrich's  Geburt
  von  ahnungsvollen  Gefuͤhlen  derer,  die  ihn  in's  Leben
trugen,  begleitet  gewesen  zu  seyn;  denn  der  Brief,  in  welchem
  seine  Mutter  dem  Herzog  Wilhelm  von  Thuͤringen  dieses
  frohe  Ereigniß  meldete,  spricht,  in  seiner  einfachen  Wärme,
  dennoch  ein  prophetisches  Muttergefühl  aus:  „Mit  Begier
  und  Freuden  unsers  Gemuths,  verkünden  wir  E.  Liebden,
  daß  wir  nach  milder  Güte  und  Verleihung  GOttes  des
Allmächtigen,  auf  heute  Datum  dieses  Briefs,  mit  einem
schonen  Herrn  und  jungen  Sohn  zu  Sachsen  versehen  und
begnadigt  seind.“  Es  war  dies  geschehen  „zu  Torgau  am
1483  Montage  Antoni“  des  Jahres  1463.  Er  erhielt  eine,  der
Sitte  der  Zeit  angemessene  gute,  fürstlich  zeinfache  Erziehung,
legte  sich  mit  Liebe  auf  die  Alten,  denen  er  viel  guter  Sprüche
verdankte,  und  verstand  wohl  Latein,  obschon  er  es  nicht
gern  sprach;  gleichermaßen  hat  er,  nach  Spalatin's  Zeugniß,
auch  die  franzoͤsische  Sprache  ziemlich  verstanden,  geschrieben
und  geredet,  und  die  große  Anhänglichkeit,  welche  er,  bis  in
sein  reiferes  Alter,  für  die  Lehrer  seiner  Jugend  hatte,  zeugt
sowohl  von  seinem  dankbaren  und  bescheidenen  Gemüthe,  als
von  seiner  Liebe  für  die  Wissenschaften.  Auch  in  kdrperlichen
  Uebungen  stand  er  Keinem  nach,  und  er  soll  zu  allen
Dingen,  „in  Schimpf  (Scherz)  und  Ernst,“  so  viele  Geschicklichkeit
  besessen  haben,  „daß  nichts  gewesen  ist,  das  er  in
seine  Hände  genommen  hat,  das  nicht  Hände  und  Füße  gehabt
  hätte;“  besonders  war  er  ein  geschickter  Drechsler.
Von  Künsten  scheint  ihn  besonders  die  Musik  angezogen  zu
haben,  und  er  hielt  sich  lange  Jahre  eine  Capelle,  welche  er
auch  auf  seinen  Reisen  mit  sich  führte  und  die  ihm  bis  zu
seinem  Tode  Erheiterung  und  Lust  gewährte.  Sein  Capellmeister
  war  Conrad  von  Ruppich;  auch  soll  er  einen  besonders
  guten  Altisten  besessen  haben,  „dergleichen  Röm.  Kais.
Mes.  und  andere  Fürsten  und  Herren  weit  und  breit  nicht
gehabt.“  Große  Liebe  hegte  er  zu  Kindern,  und  wenn  er
ausritt,  sah  er  sich  gern  von  ihnen  umgeben  und  beschenkte
Tedes  derselben,  wobei  er  einmal  zu  seinem  Begleiter  die  den
        <pb n="155" />
        Friedrich  der  Weise.  119

milden  Fuͤrsten  so  sehr  bezeichnenden  liebevollen  Worte  sagte:
„Lieber,  gieb  ihnen,  denn  heut  oder  morgen  werden  sie  sagen:
  es  zog  einstens  ein  Herzog  von  Sachsen  voruͤber  und
ließ  uns  Kindern  allen  geben.“  Wahre,  innige  Gottesfurcht
und  Glaubenstreue,  ohne  Froͤmmelei  und  ohne  die  entfernteste
  Spur  von  Fanatismus  bezeichnete  jede  seiner  Handlungen.
  Wahr  und  tugendhaft  als  Mensch,  treu  und  liebevoll
als  Freund,  gewissenhaft  und  redlich  als  Fürst,  weise  und
besonnen  als  Staatsmann,  streng  und  großmüthig  als  Herr,
ließ  sich  Friedrich  in  allen  Fallen  seines  reichen  und  reinen
Lebens  finden.  Er  war  der  Stolz  seines  Landes,  die  Liebe
seiner  Unterthanen;  seine  Freunde  bewunderten  ihn  und  selbtt
seine  Nebenbuhler  waren  gedrungen,  ihn,  den  immer  wahr
Befundenen,  zu  achten  und  hochzuschätzen.

Friedrich  übernahm,  nach  seines  Vaters  Tode,  die  Chur;
dagegen  regierte  er  die  übrigen  Ernestinischen  Lande  zugleich
mit  seinem  jüngsten  Bruder  Johann,  und  —  ein  Fall,  welcher
  in  der  frühern  Geschichte  so  selten  ein  Beispiel  findet
—  beide  Brüder  führten  das  gemeinschaftliche  Sceepter  in
steter  Eintracht  und  brüderlichem  Einverständnisse.  Nur  mit
ihrem  Oheim,  Albrecht  dem  Beherzten  von  Meißen,  fielen,
wegen  einiger  Lehen,  anfänglich  Irrungen  vor,  welche  jedoch
der  Oschatzer  Vertrag  im  Jahre  1491,  für  immer  vermittelte.
Zwei  Jahre  später  unternahm  Friedrich  eine  Wallfahrt  nach
Palastina,  holte  sich  am  heiligen  Grabe  den  Ritterschlag  und
kehrte  im  September  1493.  auch  schon  nach  Sachsen  zurück.
Im  nämlichen  Jahre  war  der  Kaiser  Friedrich  III.  verstorben,
  und  sein  Sohn  Maximilian  folgte  ihm  auf  dem  Kaiserstuhle.
  Maximilian,  ein  kräftiger,  aber  der  innern  Gesammtheit
  entbehrender  Held  und  Biedermann,  der  posthume
  Sohn  einer  schon  begrabenen  Ritterzeit  und  daher  mit
Recht  der  letzte  deutsche  Ritter  genannt,  empfand  hohe  Achtung
  für  Friedrich's  Weiöheit  und  Redlichkeit.  Friedrich  erhielt
  von  ihm  auf  dem  Wormser  Reichstage  die  Belehnung
über  seine  Länder.  Dieser  Reichstag  brach  zugleich  die  letzte
Kraft  des  verderblichen  Faustrechts,  welches  —  durch  dle.
Bedeutsamkeit  und  Unentbehrlichkeit  der  Vasallen  in  den

119s

1493
        <pb n="156" />
        120  Frredrich  der  Weise.

Kämpfen  der  deutschen  Kaiser  gegen  dußere  und  innere  Feinde,
genährt  und  gefördert  —  Deutschland  so  lange  verheert  und
seine  Rechtspfiege  verunstaltet  hatte;  denn  es  trat  nunmehr
ein  allgemeiner  deutscher  Landfriede  in's  Leben,  über  dessen
Aufrechthaltung  ein  Reichskammergericht  zu  wachen  haben

1186  sollte.  Als  im  Jahre  1496.  Maximilian  durch  die  italienischen
  Kriegsunruhen  nach  Italien  gerufen  wurde,  übertrug
er  Friedrich  das  Reichsvicariat.  Deögleichen  ernannte  er  ihn

1500  zu  seinem  Statthalter  auf  dem  im  Jahre  1500.  zu  Augsburg
  gehaltenen  Reichstage,  für  welches  Amt  Friedrich  einen
jährlichen  Gehalt  von  6000  Gulden  beziehen  sollte.  Wie
sehr  auch  der  Churfürst  Philipp  von  der  Pfalz  dem  ersten
Vicariate  Friedrichs  sich  entgegengestemmt  hatte,  weil  seither
  die  Pfalz  dieses  Vorrecht  behauptet  hatte  und  er  daher
für  seine  Person  auf  diese  Ehre  Ansprüche  machte  (was  ihm
jedoch  nicht  durchging,  weil  er  vor  einiger  Zeit  von  Maximilian
  mit  der  Acht  belegt  worden  war),  so  hinderte  dies

130;  doch  den  Kaiser  nicht,  bei  seinem  Roͤmerzuge  150.,  den
Churfürsten  Friedrich  zum  Reichs-General-Statthalter  (Imperii
  Locumtenens  generalis)  zu  ernennen,  wobei  ihm  eine
Anzahl  weltlicher  und  geistlicher  Fürsten  als  Vicariatsräthe
zur  Seite  standen.

Eine  der  schönsten  und  erfprießlichsten  Bürgschaften  suͤr
Friedrich's  klaren  und  weisen  Sinn  war  die  von  ihm  unternommene
  Gründung  der  Universität  zu  Wittenberg,  welche

1502  am  18.  October  1502.,  im  Beiseyn  des  Churfürsien,  feierlich
  eingeweiht  wurde.  Gleich  der  einstigen  Volkerwanderung,
bekam  auch  die  Wissenschaft  ihren  antreibenden  Stoß  vom
Osten  her  und  verbreitete  sich  nach  den  Abendlanden  hin.
Die  von  frühern  Kriegsstürmen  zurückgebliebene  Aufregung
der  Geister,  die  ahnungsvollen  Vorwehen  der  Reformation,
die  Erfindung  der  Buchdruckerkunst  hatten,  nach  glücklich  bestandenen
  Reibungen  roher  Kräfte,  zweckmäßig  einem  neuen
Siege  der  Wissenschaft  und  Kunst  vorgearbeitet.  Die  ausgetobten
  dußern  Kämpfe  feierten  jetzt  in  einem  allmählig  beginnenden
  großen  Kampfe  der  Geister  um  das  Panier  der
ewigen  Wahrheit,  ihre  schènere  Wiederauferstehung.  Uoberall
        <pb n="157" />
        Friedrich  der  Weise.  121

ward  das  Beduͤrfniß  nach  hoͤherm  menschlichen  Wissen  rege,
und  selbst  der,  dem  mit  Kunst  und  Wissenschaft  selten  sehr
befreundeten  Ritterthume  noch  immer  anhangende  Maximilian
  ahnete  die  neue  Gestaltung  der  Dinge  und  munterte  die
Churfuͤrsten  auf,  Universitaͤten  in  ihren  Staaten  anzulegen.
Chursachsen  besaß  —  nachdem  durch  die  Ernest-Albertinische
Theilung  Leipzig  auf  Albertinische  Seite  gekommen  war  —
keine  Universität,  und  dieser  Umstand  regte  in  Friedrich  eine
edle  Eifersucht  an,  dem  Schwesterreiche  in  Bezug  auf  Kunst
und  Wissenschaft  nicht  nachzustehen.  Friedrich  war  unermüdlich,
  diesem  neuen  Institute  —  er  pftegte  die  Universität
Leipzig  seine  Tochter  zu  nennen  —  tüchtige  Lehrer,  sowohl
aus  Deutschland  wie  auch  aus  Italien  zu  gewinnen.  Zum
ersten  Rector  besiellte  er  seinen  Leibarzt,  den  gelehrten  Dr.
Martin  Pollich.  Die  Einrichtung  der  neuen  Universitkät  geschah
  nach  dem  Muster  der  Hochschulen  von  Bologna  und
Tübingen,  und  statt  vier  Nationen,  wie  dies  bei  der  Prager
der  Fall,  erhielt  sie  vier  Facultäten,  wodurch  gleich  ihre  ersten,
  unmittelbaren  Bestandtheile  —  statt  wie  Prag,  auf  einen
  politischen  —  sich  auf  einen  wissenschaftlichen  Standpunct
  gründeten.  Unter  den  zur  Universität  Wittenberg  berufenen
  Lehrern  fand  man  1508  einen  Mann,  dessen  Namen
gar  bald  seinen  Hoͤrsaal  uͤber  das  gesammte  Deutschland
ausdehnen  sollte.  Dies  war  der  frühere  Augustinermönch,
Martin  Luther  (geb.  am  10.  Novbr.  1483  zu  Eidleben,

gebildet  in  den  Schulen  zu  Magdeburg-  und  Eisenach  und.

auf  der  Universität  Erfurt),  der  wunderbare  Mann  der  Kirche
  und  der  Welt,  ein  Donnerkeil  in  der  Hand  der  umschaffenden
  Zeit,  welcher  den  ersten  züundenden  Strahl  gegen  den
von  geistlichem  Nebel  und  weltlichem  Dunst  umhöllten
Stuhl  St.  Peters  schleuderte  und  den  kühnen  Grandsiein
zu  der  Gegenfestung  des  Papismus,  zum  Bau  der  Reformation,
  herbeitrug.  Zwar  war  der  Krieg  gegen  die  Hierarchie
und  ihren  Druck  früher  begonnen,  als  erklärt,  und  länger

schon  war  er  in  den  Geistern  vorbereitet;  aber  es  bedurfte

eines  Repräsentanten,  der  sich,  obgleich  nur  eine  Ausgeburt
seiner  Zeit,  dennoch  muthig  an  ihre  Spitze  stellte  und  die

1508
        <pb n="158" />
        122  Die  Christliche  Kirche  in  ihrem  Verfall.

Losung  gab,  welche,  wie  in  allen  bedenklichen  Welthaͤndeln,
den  Leuten  immer  schwerer  wird,  als  der  Kampf  selbst.  Wie  ein
Wuͤrgengel  der  Glaubenswahrheit  waren  die  Hussitenkriege
am  kirchlichen  und  weltlichen  Horizonte  voruͤbergegangen.  Sie
hatten  so  tief  gefleischt,  daß  sie  weder  schnell  verschmerzt,  noch
schnell  vergessen  werden  konnten,  und  hatten,  durch  ihr
ziemlich  gluͤcklich  errungenes  Ziel,  den  Leuten  zuerst  bemerk—
bar  gemacht,  daß  eine  Opposition  gegen  das  Pabstthum  al—
lerdings  durchzukämpfen  sey.  Ja,  die  auserwaͤhlten  Heiligenfabricanten
  in  Rom  hatten  schon  eingesehen,  daß  Huß  in
seinem  Andenken  gefaͤhrlicher  werden  koͤnne,  als  in  seinem
Wirken,  und  sahen  es  gern,  daß  die  Boͤhmen  ihre  Begeiste—
rung  bald  auf  einen  andern  Johannes  lenkten,  den  Johannes
  Pomuck  (heiliggesprochen  am  19.  März  1729),  suchten
auch  dessen  Andenken  auf  alle  Weise  herauszustreichen.  Aber
auch  schon  die  Hohenstaufen  hatten  mit  ihren,  freilich  blos
polstischen  Kämpfen  gegen  die  päbstliche  Herrschaft,  dem  Credit
der  Kirche  einen  Stoß  versetzt  und  einen,  wenn  auch  nur
wenig  sichtbaren  Beitrag  zu  der  schon  seit  lange  reifenden
Reformation  gegeben.  Durch  die  grobe  und  bequeme  Art,
welche  die  Diener  der  Kirche  immer  mehr  annahmen  und
zufolge  deren  sie  es  immer  überflüssiger  fanden,  über  ihre
Ausschweifungen  länger  noch  den  Mantel  des  Geheimnisses
zu  werfen,  mußten  der  christlichen  Welt  immer  mehr  die
Augen  aufgehen,  und  man  muß  es  der  damaligen  Geistlichkeit
als  einen  Verdienst  anrechnen,  daß  sie  —  indem  sie  durch  die
sichtlichsten  Ausschwelfungen,  die  sie  freilich  auf  eine  dümmere
  Welt  berechnen  mochte,  als  es  wirklich  gab,  gewaltsam
  seden  Nimbus  von  sich  abriß  und  sich  vor  der  gläubigen
  Christenheit  so  recht  absichtlich  im  Schlamme  walzte  —
gewissermaßen  die  Reformation  selbst  in's  Leben  rief  und
ihr  thätig  die  Hand  bot.  Die  katholische  Welt  ward  immer
toller  und  kunterbunter,  sie  mußte  sich  endlich  an  den  Kopf
stoßen.  Die  Kirche  verschleuderte,  als  lustiger  Gencralbevollmächtigter
  der  Gottheit,  Ablaßzettel  und  Sündenverflcherungen,
  sie  verwandelte  den  Himmel  in  cinen  Trödelkram,
wo  man,  gegen  geistliche  Maklergebühren,  seine  Sünden  los
        <pb n="159" />
        Die  Christliche  Kitche  in  ihrem  Verfall.  123

werden  und  die  ewige  Seligkeit  pfennigweise  einhandeln
konnte.  Nur  ein  Dummkopf  würde  damals  seine  Zeit  mit
der  Reue  verschwendet  haben,  da  er  um  ein  Billiges  seiner
Sünden  über  Bausch  und  Bogen  sich  entäußern  und  nothigenfalls
  auch  das  Geld,  welches  er  dem  Ablaßkrämer  entrichten
  mußte,  stehlen  konnte;  denn  die  Kirche  nahm  Alles
auf  sich.

So  fand  Martin  Luther  das  Kirchenthum  beschaffen,  so
grob  ward  er  aus  seinen  kindisch  gläubigen  Träumen,  welche
er  mit  in  das  Augustinerkloster  gebracht  hatte  und  von  denen
  er  sich,  bei  seinem  festen  Gemüthe,  nur  schwer  losmachen
  konnte,  aufgeweckt.  Es  wäre  eine  Versündigung  an
Luthers  Zeitalter,  wenn  man  glauben  wollte,  daß  neben
und  vor  ihm,  nicht  noch  viele  andere  Gemüther  eine  bittere
Aergerniß  an  dem  kirchlichen  Unfuge,  den  man  so  ganz
und  gar  nicht  verblümt  trieb,  genommen  hätten.  Allein
theils  fühlten  sich  die  Meisten  nicht  zu  einer  dffentlichen
Auflehnung  berufen,  theils  vermißte  man  den  Muth,  sich
den  gefährlichen  Ruhm  eines  Reformators  anzueignen.  Die
Reformation  mußte,  wenn  sie  glücken  sollte,  ihrem  Schdpfer
unwillköhrlich  entschlüpfen,  er  mußte  selbst  nicht  wissen,
daß  er  ein  solches  Werk  unternehme  und  nur  allmählig
tiefer  und  tiefer  in  ihr  Getriebe  hinein  gezogen  werden,  bis
unerwartet  der  Bau  vor  seinem  eignen  Meister  aufstieg  und
nicht  mehr  ungeschehen  zu  machen  war.  Wirklich  erging  es
Luthern  mit  seinem  eignen  Werke  so.  Der  Pabst  Leo  X.,
aus  dem  verschwenderischen  Hause  der  großen  Mediceer,  ein
Mann  von  Gelehrsamkeit,  Welttact,  sanftem,  menschenfreundlichen
  Charakter,  aber  von  so  liberalen  Gesinnungen,  daß
er  das  ganze  Kirchenwesen  nur  als  ein  selbstständiges  Finanzsistem,
  sich  selbst  in  seiner  päbstlichen  Würde  nur  als
einen  Beamten  ansah,  der  sich  klüglich  nach  Sporteln  und
Nebeneinkünften  umsehen  müsse,  war  ohngeachtet  seiner  vielsachen
  guten  Eigenschasten,  dennoch  ganz  dazu  geschaffen,
die  schon  damals  auf  den  höchsten  Punkt  gediehene  Sittenverderbniß
  der  Geistlichkeit  und  Religionsverdrehung  noch
besser  zu  befestigen.  Bei  der  Pracht,  Großmuth  und  ver-
        <pb n="160" />
        124  Die  Christliche  Kirche  in  ihrem  Verfalle.

schwenderischen  Freigebigkeit,  welche  er  uͤbte,  beschraͤnkten  sich
seine  geistlichen  Sorgen  auf  Maßregeln,  wie  seinem  Saͤckel
schnelle  und  dauernde  Zufluͤsse  gebracht  werden  koͤnnten.
Er  hatte  beinahe  schon  alle  kirchliche  Effecte  erschoͤpft,  welche
  auf  das  christliche  Publicum  wirken  konnten.  Durch
den  Ablaßhandel  konnte  er  allerdings  hoffen,  sich  die  dauerndste
  Kundschaft  zu  erwerben;  denn,  Sundenvergebung  war
und  blieb  der  Menschheit  stets  so  unentbehrlich,  wie  der  gewöhnliche
  Tischbedarf,  und  die  leichte  Anschaffung  der  Seligkeit
  hatte  für  die  Menge  unendlich  viel  Lockendes.
Während  die  Sünder  früher  mit  Kirchenbußen  auf  die
unbequemste  Weise  geplagt  worden  waren  und  trotz  dem
noch  die  Anwartschaft  auf  das  Fegfeuer  behielten,  wurde
jetzt  mit  einem  Male  das  Geld  in  eine  Universalmedicin  gegen
  die  Sündenstrafen  verwandelt,  und  auch  der  armste
Sunder  hatte  den  Vortheil,  sich  gegen  fixe  Preise  Fegfeuer
und  Höllenqual  für  immer  ausgießen  lassen  zu  können.  Um
diese  käufliche  Seligkeit  aller  Welt  angedeihen  zu  lassen  und
jeder  gläubigen  Seele  Gelegenheit  zu  geben,  ihrc  Sündenlast
  und  ihr  Geld  loszuwerden,  schickte  der  Pabst  Seligkeits-Commissarien,
  d.  h.  Ablaßverkäufer  in  allen  Landen  umher,
welche  mit  einem  Kasten  voll  Ablaßzettel  sich  in  die  Städte
pstanzten,  ihre  Waaren  mit  frecher  theologischer  Marktschreierei
  den  Gläubigen  als  General-Pässe  zum  Himmel  anpriesen,
  natürlich  einen  ungeheuren  Zulauf  von  gemeinen  und
beschränkten  Leuten  hatten,  das  Geld  einstrichen  und  die
Seligkeit  zurückließen.  Unter  diesen  Ablaßfrämern  war  ein
gewisser  Johann  Tetzel,  ein  manvais  sujet,  aber  ein  verschlagener,
  guter  Kopf,  mit  Unverschämtheit  und  populairer
Suada  gleich  sehr  begabt  —  einer  der  frechsten,  aber  auch
gefährlichsten.  Denn  er  wußte  durch  seinen  zuversichtlichen
Ton  und  seine  zwar  kauderwelschen,  aber  wohl  berechneten
Predigten  die  gemeinere  Classe  so  schlagend  von  der  Unfehlbarkeit
  des  Ablasses  und  der  himmlischen  Kraft  seiner  Waaren
  zu  überzeugen,  daß  ihm  das  Volk  in  Haufen  zuströmte
und  er  mit  seinem  ausgebotenen  Seelenheile  die  glänzendsten
  Geldgeschäfte  machte.  Er  selbst  —  ein  hartgesottener
        <pb n="161" />
        Die  Reformation.  125

Suͤnder,  der,  wegen  begangenen  Ehebruch's,  fruͤher  zu  Inssoruck
  hatte  gehenkt  werden  sollen  und  nur  auf  Vorbitten
des  mitleidigen  Churfürsten  Friedrich's  mit  Gefängnißstrafe
davon  gekommen  war  —  wußte  durch  seine  froͤmmelnde
Unverschämtheit  den  Leuten  die  tellsten  Dinge  glaubwürdig
zu  machen.  So  behauptete  er  z.  B.  dreist,  daß  selbst  St.
Petrus  nicht  die  Gewalt  habe,  die  er  durch  den  Pabst  besitze,
  ferner  daß  er  (Tetel),  zufolge  der  dem  Pabst  zustehenden
lebendigen  und  todten  Ablaßertheilung,  sogar  die  Sünden  vergeben
  könne,  welche  in  Zukunft  noch  begangen  werden  sollten,
und  was  khnliche  Dinge  und  Ungereimtheiten  mehr  waren.
Der  letzterwähnte  Saß,  wegen  Ertheilung  des  Ablasses  für
noch  zu  begehende  Sünden,  zog  ihm  übrigens  einmal  einen  bedeutenden
  Aerger  zu;  denn  ein  Ritter  ließ  sich,  obschon
Tetzel  anfangs  einige  Bedenklichkeiten  dußerte,  von  ihm  eis
nen  Ablaßzettel  für  einen  noch  zu  begehenden  Diebstahl  geben
  und  plünderte  nachher,  auf  seinen  Ablaßzettel  sich  berufend,
  Tetzels  Geldkasten.  Luther's  jugendlich  frommer  Glaube
an  die  Heiligkeit  des  Pabstes  war  schon  um  einige  Jahre
früher  dadurch  bedeutend  erschüttert  worden,  daß  er  auf
einer,  in  Angelegenheiten  des  Augustinerklosters  gemachten
Reise  nach  Rom  Gelegenheit  erhalten  hatte,  die  Sittenverderbniß
  des  rôömischen  Hofes  und  die  Ungebührnisse,  welche
die  Geistlichkeit  sich  unmittelbar  unter  den  Augen  des  Pabstes
  erlaubte,  in  der  Nähe  und  im  wahren  Lichte  zu  besehen.
  Schon  damals  hatte  sich  die  poetische  Ansicht,
welche  er  von  dem  ganzen  Kirchenthum  hegte,  bedeutend
verändert;  doch  sprach  er  in  Gedanken  noch  immer  den
Pabst  frei  von  der  Mitschuld  an  diesen  Ungebührnissen  und
war  geneigt,  sie  blos  der  niedern  Geistlichkeit  zur  Last  zu
legen.  Als  daher  die  offentliche  Stimme  sich  in  allen  gebildeten,
  vorurtheilslosen  Kreisen  mit  Empdrung  gegen  den
Unfug  der  Ablaßkrämerei  dußerte,  und  Luther,  vom  kühnen
Feuer  hingerissen,  am  31.  Oetober  1517  den  ersten  großen
Schritt  that,  indem  er  95  Sätze  gegen  den  Mißbrauch  des
Ablasses  an  die  Schloßkirche  zu  Wittenberg  schlug,  trafen
seine  Rügen  blos  die  Ablaßkrämer,  oder  glaubten  vielmehr

1510

1517
        <pb n="162" />
        126  Die  Reformation.

nur  diese,  nicht  aber  den  Pabst  zu  treffen.  Er  erklaͤrte  in
diesen  Saͤtzen,  daß  die  Ablaßbriefe  nur  von  den  dussern
Kirchenstrafen,  keinesweges  aber  von  einer  Verantwortung
jenseit  entbinden  koͤnnten,  indem  letztere  nur  durch  Reue
und  Besserung,  nicht  aber  durch  Einkauf  todter  Zettel  zu
erlangen  sey.  Er  glaubte,  mit  dieser  Behauptung  vollkommen
  aus  der  Seele  des  Pabstes  gesprochen  zu  haben,  allein
unbewußt  hatte  er  dessen  eignes  System  angegriffen  und
die  Unvorsätzlichkest,  mit  welcher  Luther  ungleich  mehr  aussprach,
  als  er  eigentlich  geahnet  hatte,  war  eine  weise  Fügung
  des  ewigen  Schicksals;  denn  er  würde  vielleicht  jenen
ersten  Schritt  gänzlich  unterlassen  haben,  wenn  er  vorher
gewußt  hätte,  wie  viel  gleich  durch  diesen  gethan  werden
sollte.  Vielleicht  auch  würde  er  bei  diesen  Säten  stehen  geblieben
  seyn  und  dieselben  nur  ein  vorübergehendes  Aufsehen
  erregt  haben,  wenn  nicht  die  dadurch  in  ihrem  Handelsverkehre
  Bedrohten,  Tetzel  und  Consorten,  sich  mit  zu  lautem
Geschrei  gegen  Luther  aufgelehnt  hätten  und  dadurch  theils
seine  Nothwehr  herausforderten,  theils  aber  auch  seine  angeborne
  Heftigkeit  und  Streitfertigkeit  rege  machten.  Am
wüthigsten  bei  der  Sache  geberdete  sich  Tetzel,  der  sich  durch
diesen  ihm  und  seiner  Industrie  hingeworfenen  Fehdehandschuh
  auf  die  unbehaglichste  Weise  in  seinem  himmlischfaulen
  Gelderwerbe  gestoͤrt  sah.  Da  ihm  zu  einer  gelehrten
Widerlegung  der  Lutherschen  Sätze  die  nothigen  Kenninisse
fehlten,  so  lief  er  im  Ingrimm  zum  Professor  Wimpina  in
Frankfurt  an  der  Oder  und  ließ  sich  von  demselben  eine  Anzahl
  höchst  animoser,  aber  sehr  nichts  sagender  Gegensätze  auf
Luther  verfertigen.  Ein  ähnlicher  Gegner  erstand  Luthern
in  dem  von  den  Dominicanern  angeregten  Sylvester  Prierias,
  welcher  mit  einer  von  Galle  uberlaufenden  Schrift  gegen
  den  kühnen  Augustiner  zu  Felde  zog,  dabei  aber  so  wenig
  Geist  bewährte,  daß  der  Pabst  selbst  zu  stolz  war,  einen
  Verfechter  dieses  Gelichters  haben  zu  wollen,  und  ihm
Stillschweigen  auferlegte.  Ein  eben  so  erbitterter,  aber  nicht
glücklicherer  Opponent  war  Johann  Eck  zu  Ingolstadt,  welcher
  mit  einer  Menge  wüthender  Schmahungen  schriftlich
        <pb n="163" />
        Die  Reformatibn.  127

uͤber  Luthern  herfiel,  sich  jedoch  keine  Anhaͤnger  erwerben
konnte.  Pabst  Leo  war  zu  sanftmüthig,  um  schnell  erbittert
  zu  werden,  zu  stolz,  um  in  diesem  ganzen  Federturniere
mehr  als  einen  blossen  Monchsstreit  zu  erblicken,  und  zu
bequem,  um  schnelle  energische  Maßregeln  zu  treffen.  Doch
lagen  ihm  besonders  die  Dominicaner  zu  sehr  in  den  Ohren,
als  daß  er  nicht,  wiewohl  gezwungen,  endlich  dem  Streite
einige  Aufmerksamkeit  schenken  mußte,  und  er  berief  demnach
Luthern  nach  Rom,  um  seine  Sätze  mündlich  zu  vertheidigen.
  Churfürst  Friedrich,  welcher  Luther'n  gewogen,  aber  zu
vorsichtiger  Natur  war,  um  sich  schnell  von  einer  etwas  gewaltsam
  angefaßten  Sache,  die  gleich  in  ihrem  Beginne
so  heftige  und  ärgerliche  Kämpfe  veranlaßte,  einnehmen  zu
lassen,  vielleicht  auch  in  Luthern  nicht  gerade  den  Mann
ahnete,  der  diesem  übermenschlich  großen  Werke  gewachsen
wäre,  schien  sich  anfangs  über  diese  kirchlichen  Erdrterungen
mehr  zu  beunruhigen,  als  zu  freuen,  und  hätte  —  da  er  dem
Beginnen  schwerlich  einen  so  glorreichen  Ausgang  prophezeihte
  —  die  ganze  Sache  lieber  ungeschehen  gemacht.  Dennoch
  nahm  er  sich  vor,  Luther'n  nach  seinen  besten  Kräften
zu  schützen,  und  da  er  einsah,  daß  demselben  eine  Reise  nach
Rom  schwerlich  gut  bekommen  mochte,  so  brachte  er  es  dahin,
  daß  Luther  nicht  zu  Rom  vor  dem  Pabste,  sondern
1518  zu  Augsburg  vor  dem  pöbstlichen  Legaten  Cajetan
sich  über  seine  Sätze  erklären  mußte.  Beide  konnten  aus
sehr  einfachem  Grunde  nicht  füglich  mit  einander  einig  werden,
  indem  Cajetan  seine  Gegenbeweise  aus  dem  canonischen
Rechte  der  Päbste,  Luther  aber  seine  Beweise  aus  der  Bibel
hervorholte.  So  disputirten  Beide  für  einander  gleichsam
in  fremden  Sprachen,  und  Cajetan  wußte  sich  nicht  weiter
zu  helfen,  als  daß  er  fortwäáhrend  auf  unbedingten  Widerruf
drang.  Dazu  verstand  sich  Luther  auf  keine  Weise.  Daß
er  aber  damals  noch  keine  Ahnung  von  der  Größe  des  begonnenen
  Unternehmens  hatte  und  deshalb  auch  geneigt
war,  die  Sache  nicht  weiter  zu  verfolgen,  sondern  in  sich
beruhen  zu  lassen,  geht  daraus  hervor,  daß  er  sich  erbot,
künftighin  gegen  den  Ablaß  weder  zu  schreiben  noch  zu  pre-1518
        <pb n="164" />
        128  Die  Reformation.

digen,  wenn  naͤmlich  seine  Gegner  ihn  ebenfalls  in  Ruhe
lassen  wollten.  Vielleicht  war  er  aber  auch  der  Ueberzeugung,
daß  man  ihm  diese  Bedingung  nicht  halten  wuͤrde,  wie
denn  auch  wirklich  geschah.  Da  der  Cardinal,  durch  Luther's
hartnaͤckige  Verweigerung  gereizt,  ihm  nicht  undeutlich  merken
  ließ,  daß  er  nicht  uͤbel  Willens  sey,  die  paͤbstliche  Vollmacht
  auf  ihn  anzuwenden  und  ihn  in  den  Bann  zu  thun,
so  reis'te  Luther  von  Augsburg  ab  und  kehrte  nach  Wittenberg
  zurück,  hinterließ  jedoch  eine  vor  Zeugen  gegebene  Appellation
  von  dem  übel  unterrichteten  Pabste  an  den  Pabst,
welche  an  die  Thüre  des  Domes  zu  Augsburg  geschlagen
wurde.  Dies  erbitterte  den  Cardinal  so  sehr,  daß  er  Luther's
  Auslieferung  nach  Rom  verlangte.  Solches  verweigerte
zwar  der  Churfürst  sehr  bestimmt,  indem  er  erklärte,  daß  er
Luthern,  hevor  dieser  nicht  seiner  Irrthümer  erwiesen,  mithin
nicht  für  einen  Ketzer  anzusehen  sey,  nicht  ausliefere,  zumal  er
dadurch  auch  seiner  neuerrichteten  Universitat,  welche  vorzugsweise
  durch  Luther  gehoben  und  berühmt  werde,  großen
Nachtheil  bereiten  würde.  Doch  gab  er  Luthern,  vielleicht
weil  er  denselben  für  die  Folge  nicht  hinlänglich  schützen  zu
koͤnnen  glaubte,  den  Rath,  Wittenberg  lieber  zu  verlassen.
Luther  selbst  glaubte  die  Nothwendigkeit  dieses  Schrittes  einzusehen,
  und  stand  schon  im  Begriff,  sich  nach  Paris  zu
wenden,  wo  damals  das  Verlangen,  den  Pabst  einer  allgemeinen
  Kirchenversammlung  zu  unterordnen,  sich  lebhaft  genug
  geäußert  hatte.  Allein  es  sollte  nicht  zu  dieser  Reise
kommen,  durch  welche  Luther,  obschon  Paris  ihm  cinen  geeigneten
  Wirkungskreis  und  obendrein  ein  sicheres  Asil  dargeboten
  haben  würde,  gleichwobl  den  Angelegenheiten  Deutschlandö
  zu  sehr  entrückt  worden  wäre.  Die  Universitat,  die  in
Luthern  ihren  Stolz  suchte,  verwendete  sich  eifrigst  für  ihn,
wodurch  der  Churfürst  seine  Ansicht  ancerte  —  vielleicht
weil  mittlerweile  die  Bedeutsamkeit  und  innere  Krafe  des
muthigen  Glaubenskämpen  ihm  klarer  geworden  war  —
und  ihn  zu  bleiben  ermunterte,  Auch  suchte  der  Churfürst
durch  seinen  Einftuß  zu  vermitteln,  daß  Luther,  statt  zu
Rom  vor  dem  Ausschuß  der  ihm  verfeindeten  Geistlichkeit
        <pb n="165" />
        Die  Reformation.  129

in  Deutschland  vor  unpartheiischen  Richtern  verhoͤrt  werden
moͤchte.  Als  nunmehr  der  Pabst,  in  einem  Sendschreiben
an  seinen  Legaten,  Luthern  und  alle  Feinde  des  Ablasses
für  Ketzer  erklaͤrte  und  durch  eine  neue  Bulle  den  Ablaß  bestätigte
  und  verstärkte,  konnte  sich  Luther  nicht  enthalten,
was  1517  schon  die  Universität  Paris  gethan  hatte,  vom
Pabste  an  ein  allgemeines  Concilium  zu  appelliren.  Die
schlagende  Eile,  womit  diese  Appellation  ganz  Deutschland
durchlief  —  eine  Folge  der  noch  jungen  Erfindung  der  Buchdruckerkunst
  —  veranlaßte  einen  neuen  Sturm  der  Meinungen
  und  versetzte  die  romische  Curie  in  neue  Gährung,  wahrscheinlich
  auch  allmälig  in  ernstere  Besorgnisse  über  das
früher  mit  Geringschätzung  betrachtete  Wirken  des  Mönches.

Eine  wichtige  Veränderung  gewann  die  Lage  der  Dinge
durch  den  am  12.  Januar  1519  erfolgten  Tod  des  Kaisers.
Maximilian.  Bei  seinem  kräftigen  Geiste  und  seiner  Liebe
für  Wahrheit  und  Recht  mußte  es  befremden,  daß  dieser
Fürst  nicht  großern  Antheil  an  Luther  und  seiner  Wirksamkeit
  genommen  hatte.  Wie  viel  hätte,  wenn  Maximilian
dem  großen  Unternehmen  mehr  Aufmerksamkeit  schenkte,  ihm
hilfreicher  die  Hand  bot,  in  dessen  Stammlande  Oesterreich
  für  die  Reformation  gewonnen,  welcher  große  herrliche
Keim  der  Freiheit  und  Wahrheit  für  ewige  Zeiten  dort  niedergelegt
  werden  können!  Politische  Spannungen  mogen  den
ritterlichen  Maximilian  lau  für  das  hohe  Glaubenswerk  gemacht
  haben.  Bei  Lebzeiten  hatte  sich  Maximilian  alle  erdenkliche
  Mühe  gegeben,  die  Churfürsten  zu  einer  Wahl  seines
  Enkels  Carls  von  Spanien,  als  seines  Nachfolgers  auf
dem  deutschen  Throne,  zu  bewegen.  Allein  immer  hatte  sich
der  einflußreiche  Churfürst  Friedrich  der  Weise  dieser  Wahl
auf  das  Bestimmteste  widersetzt,  wozu  ihn  mehrfache  Gründe
bestimmen  mochten.  Erstlich  mochte  er  einen  Koͤnig  von
Spanien,  wenn  derselbe  auf  dem  deutschen  Throne  säße,
nicht  eben  für  den  Mann  halten,  welcher  dem  ihm  so  sehr
am  Herzen  liegenden  Werke  einer  Kirchenverbesserung  forderlich
  werden  koönnte.  Auch  fürchtete  er  von  dem  aristocratischen

  Systeme  des  Spaniers,  welches  zu  unterstützen  der-9


1519
        <pb n="166" />
        130  Die  Reformation.

selbe  hinlaͤngliche  Macht  besaß,  vielleicht  nachtheilige  Einfluͤsse
  auf  die  politische  und  geistige  Freiheit  Deutschlands;
endlich  aber  besorgte  er  wohl  auch,  daß  Carl,  als  Koͤnig
von  Spanien,  durch  die  dortigen  Angelegenheiten  haͤufig  aus
Deutschland  weggerufen  werden  und  das  Reichsvicariat  da—
durch  wiederholt  dem  Churfuͤrsten  von  der  Pfalz  zufallen
moͤchte,  welcher,  wie  wir  schon  fruͤher  gesehen  haben,  dieser
Wuͤrde  wegen,  ein  heftiger  Nebenbuhler  des  Churfuͤrsten  von
Sachsen  war.  Vielleicht  wuͤnschte  er  uͤberdem  die  Wahl  des
neuen  Kaisers  etwas  in  die  Laͤnge  zu  treiben,  weil,  waͤh—
rend  der  Zwischenzeit  zu  der  neuen  Wahl,  ihm  selbst  das
Reichsvicariat  uͤber  die  Laͤnder  saͤchsischen  Nechtes  zusiel  und
er,  bei  dieser  erhdhten  Würde  und  Macht,  Luther'n  noch
besser  schützen  und  die  anbrechende  Kirchenverbesserung  noch
kräftiger  verkreten  und  fördern  zu  können  hoffte.  Swei  Konige,
  Beide  des  deutschen  Thrones  nicht  unwürdig,  buhlten
um  die  Wahlstimme  des  mächtigen  Churfürsten  von  Sachsen.
  Diese  beiden  Bewerber  waren  König  Carl  von  Spanien
  und  Franz  I.  von  Frankreich.  Noch  ein  dritter  Bewerber
  meldete  sich,  abet  dieser  mit  sehr  bescheidenen,  resignirenden
  Ansprüchen,  Heinrich  VIII.  von  England,  ein
starker  theologischer  Rabulist,  auf  welchen  jedoch  in  Angelegenheiten
  des  Reichs  diesmal  gar  keine  Räcksicht  genommen
  wurde.  Je  bescheidener  und  candidatenmäßiger  sich
Heinrich  um  die  deutsche  Krone  bewarb,  desto  feuriger  strebten
  Carl  und  Franz  diesem  verlockenden  Kleinode  nach.  Beide
schlugen,  da  an  der  Wahlstimme  des  Churfürsten  von  Sachsen
  ihnen  ganz  besonders  viel  gelegen  seyn  mußte,  anfangs
den  gewöhnlichsten  Weg  ein,  nämlich  den  der  Bestechung.
Doch  scheiterte  dieser  Versuch  an  Friedrich's  festen  Gesinnungen,
  er  wollte  nicht  nach  seinem  Vortheile,  sondern  nach
seinem  Glauben  wählen,  und  da  beide  Bewerber,  selbst
Carl  durch  seine  Stellung,  so  gut  als  Ausländer  waren,  so
konnte  er  Beiden  kein  Herz  für  die  deutsche  Nation  zutrauen,
welche  sie  regieren  wollten.  Durch  die  Verzdgerung  seiner
Stimmgabe  ward  die  ganze  Handlung  sehr  in's  Stocken
gebracht,  und  die  Wahl  schwankte  so  sehr,  daß  man  schon
        <pb n="167" />
        Die  Reformation.  131

Mißhelligkeiten  und  Irrungen  fürchten  konnte.  Da  fiel  zuletzt
  die  einstimmige  Wahl  auf  Churfürst  Friedrich  selbst,
welcher  durch  seinen  Charakter  und  durch  die  Gewissenhaftigkeit,
  womit  er  nun  schon  dreimal  das  Reichsvicariat  geführt,
  sich  dieses  Vertrauens  vollkommen  würdig  gemacht
hatte.  Aber  Friedrich  kannte  theils  die  schwierige  Lage  eines
Kaisers  von  Deutschland,  in  einer  Zeit,  wo  das  kaum  zu
Grabe  gelragene  Faustrecht  die  Widerspenstigkeit  der  Städte
und  Vasallen  noch  immer  nicht  hinlänglich  unterdrückt  hatte,
theils  sah  sein  ahnender  Geist  vielleicht  schon  die  Gewitter
heranziehen,  welche  sich  auch  über  dem  deutschen  Throne  entleeren
  sollten.  Auch  urtheilte  er  zu  bescheiden  von  sich  selbst,
als  daß  er  sich  die  Kraft,  besonders  aber  die  auêdauernde,
unbeugsame  Strenge  zugetraut  hätte,  welche,  unter  den  obwaltenden
  Umständen,  einem  deutschen  Kaiser  unentbehrlich
war.  Friedrich  wies  daher,  ein  fast  unerhdrter  Fall!  die
ihm  freiwillig  angetragene  Kaiserkrone,  an  deren  Besitz  von
jeher  so  Ungeheueres  gesetzt  worden  war,  von  sich  und  gab
seine  Stimme  für  Carl  von  Spanien,  der,  obgleich  nur  der
Geburt  nach  Deutscher,  dadurch  doch  ein  größeres  Recht  habe,
als  Franz  von  Frankreich,  und  überdies  Macht  genug  besitze,
um  das  deutsche  Reich  kräftig  gegen  Feinde  zu  schuͤtzen.
Doch  trug  er  zugleich  darauf  an,  daß,  vor  der  Erwählung,
er  sich  gewissen  Bedingungen  fügen  mußte,  durch  welche
man  die  Freiheit  des  deutschen  Reiches  am  besten  gegen  die
in  ihm  geahnete  Herrschgier  und  Anlage  zu  Despotismus,  zu
schützen  gedachte.  Diese  Erklärung  Friedrich's  erwarb  Carl'n
nunmehr  alle  Stimmen  der  früher  so  sehr  im  Schwanken
begriffenen  Churfürsten,  und  er  ward  am  W.  Juni  1519
wirklich  zum  deutschen  Kaiser  erwählt.  Sein  Ehrgeiz,  welcher
  brünsilg  nach  dieser  Krone  geschmachtet  hatte,  erkannte
darin  allerdings  eine  große  Geföälligkeit  Friedrich's  und  ließ
ihm  —  die  leichteste  Weise,  um  sich  von  Gefählen  der  Erkenntlichkeit
  loszukaufen  —  zum  Dank  eine  große  Summe
Geldes  anbieten,  welche  jedoch  Friedrich  mit  Selbstgefähl
verschmähte.  Doch  muß  Carl  das  bloße  Anerbieten  seines
Geldes  für  die  That  selbst  angesehen  haben,  denn  die  spatere
9

1519
        <pb n="168" />
        132  Die  Reformation.

Zeit  bringt  Beispiele,  daß  Carl  gegen  Friedrich,  namentlich
aber  gegen  dessen  Familie,  nicht  eben  den  Dankbaren  spielte.
Churfuͤrst  Friedrich  begann  nunmehr  sich  allmaͤhlig  offener
für  Luther  zu  erklären  und  merken  zu  lassen,  daß  er  ihn  unmittelbar
  unter  seinen  Schutz  stelle,  obschon  er  vor  der  Welt
nie  eine  Aenderung  seiner  Glaubensgrundsätze  sich  gestattete.
Das  vorangegangene  fünfmonatliche  Reichsvicariat,  wo  dieser
  Schutz  noch  kräftiger  wirken  konnte,  hatte  Luther's  bisherigem
  Wirken  einen  guten  Vorschub  geleistet,  und  die  Reformation
  begann  mehr  und  mehr  ihr  Haupt  freier  zu  erheben.
  Dieser  ziemlich  öffentliche  Anhaltspunkt,  dessen  sich
Luther  freute,  bewog  sogar  den  Papst,  leiser  gegen  den  Augustiner
  auszutreten  und  erst  den  Ehurfürsten  auf  eine  "eine
Weise  ihm  abwendig  zu  machen,  ehe  man  ihm  den  Garaus
spiele.  Der  Pabst  dachte  dies  auf  eine,  den  Grundsätzen
der  Kirche  gemäß,  hübsch  wohlfeile  Weise  zu  bewerkstelligen.
1518  Er  sendete  ihm  die  geweihte  goldne  Rose  zu,  nach  welcher
Friedrich  vor  einigen  Jahren  ein  beilufiges  Verlangen  gedußert
  hatte,  und  hoffte,  durch  dieses  Geschenk,  welches  er
nur  an  Auserwählte  des  Herrn,  nämlich  an  machtige  und
einflußreiche  Fürsten  zu  vergeben  pflegte,  den  Churfürsten
auf  das  Innigste  in  das  Interesse  der  Kirche  gezogen  zu
haben  und  ihn  nunmehr  leicht  zur  Auslieferung  des  Mönchs
zu  bewegen.  Aber  Friedrich  zeigte  sich  diesmal  als  kein  großer
  Blumenfreund  und  nahm  die  goldne  Rose  mit  unerwarteter
  Gleichgültigkeit  auf.  Der  Verkündiger  dieser  Nose,
Carl  von  Miltitz,  sollte  zugleich  Luther'n  in  Güte  oder  in
Gewalt  zum  Widerruf  zu  bringen  suchen.  Der  glatte  Edelmann
  vollführte  diese  Verhandlungen  mit  vieler  Behutsamkeit
  und  Schonung,  richtete  aber  auch  um  so  weniger  aus
und  mußte  sich  mit  dem  gewöhnlichen  Bescheide  Luther's
begnügen,  daß  er  schweigen  werde,  wenn  seine  Gegner  ihre
Ausfälle  auf  ihn  einstellten.  Zum  Glück  für  die  Sache  hielten
  diese  nicht  Frieden.  —
1519  Einen  Tag  vor  der  Erwählung  Carl's  zum  deutschen
Kaiser,  nahm  die  berühmte  Disputation  auf  der  Pleißenburg
ihren  Anfang.  Durch  D.  Carlstadt  waren  Luther's  Grund-
        <pb n="169" />
        Die  Reformation.  133

saͤtze  in  einer  kleinen  Schrift  vertheidigt  worden,  und  Professor
  Johann  Eck  aus  Ingolstadt,  beruͤhmt  als  theologischer
Raufer,  kam  mit  13  Saͤtzen  gegen  diese  Schrift  nach  Leipzig
  und  erbot  sich  daruͤber  zu  disputiren.  Dieses  Erbieten
nahm  der  Herzog  Georg  von  Sachsen-Meißen  gierig  aut.
Er  hoffte  durch  einen  solchen  berühmten  gelehrten  Streit,
seiner  Universität  Leipzig,  welche  seit  dem  schnellen  Aufblühen
  der  Schwesteranstalt  zu  Wittenberg,  etwas  in  den  Hintergrund
  getreten  war,  zu  neuem  Rufe  und  Glanze  zu  verhelfen.
  Zudem  war  er  ein  Mann  von  festen  Gesinnungen,
welcher  dasjenige,  was  sich  ihm  einmal  als  Ueberzeugung
aufgedrungen  hatte,  mit  unerschütterlicher  Beharrlichkeit  vertrat.
  Luther's  Grundsätze  hatten  ihm  nicht  mißfallen,  doch
traute  er  seinem  eignen  uUrtheile  zu  wenig,  um  sich  in  seinem
  Verhalten  dadurch  leiten  zu  lassen.  Er  wollte  daher
in  einem  durch  gelehrte  und  befugte  Männer  anzustellenden
gelehrten  Streite,  Wahrheit  und  Irrthum  am  besten  und
schnellsten  ermitteln  und  würde  sich  sodann  gewiß  für  diejenige
  Sache,  welche  ihm  als  Siegerin  aus  dem  Kampfe
gegangen  zu  seyn  geschienen,  mit  größter  Beständigkeit  und
allem  Eifer  interessirt  haben.  Er  ließ  daher  mit  vieler  Thätigkeit
  Anstalten  zu  der  Disputation  treffen,  wodurch,  wie
er  meinte,  die  Wahrheit  entschieden  werden  müsse,  welcher
von  beiden  Parteien  sie  auch  angehbren  moͤge.  Nicht  so
eifrig  wurden  diese  Vorbereitungen  von  anderer  katholischen
Seite  her  betrieben.  Man  besforgte  nicht  ohne  Grund,  daß
Luther's  klares  Selbstbewußtseyn  und  seine  Begeisterung  für
seinen  Glauben,  nicht  weniger  auch  seine  theologische  Gelehrsamkeit
  den  Sieg  über  die  sophistischen  Lufthiebe  seiner
Gegner  davon  tragen  werde  und  suchte  daher  lieber  die  ganze
Disputation  zu  hintertreiben;  ja  der  Merseburger  Bischof,
welchem  die  kirchlichen  Angelegenheiten  für  Leipzig  zugehörten,
verbot  sogar  die  Disputation  bei  Strafe  des  Bannes  und
ließ  dieses  Verbot  an  die  Thore  der  Stadt  anschlagen.  Aber
Herzog  Georg  —  dem  man,  wie  unfreundlich  er  auch  später
  sich  gegen  die  Reformation  erklärte,  doch  den  Ruhm  eines
  Mannes  von  festem  und  entschlossenem  Sinne  gennen
        <pb n="170" />
        134  Die  Resormation.

muß  —  hatte  nun  einmal  seinen  Glauben  in  diese  Disputation
  gesetzt,  ließ  daher  ohne  Weiteres  jenes  Verbot  des
Bischofs  abreißen  und  demselben  in  harten  Worten  vermelden:
  daß,  wenn  der  Bischof  diese  Disputation  unterdruͤcken
wolle,  er  dadurch  beweisen  werde,  daß  er  und  seine  Theologen
  ihr  eignes  Werk  und  ihre  Lehre  fuͤr  Dunst  und  Trug
ansaͤhen  und  ohne  Hoffnung  waͤren,  solches  vor  Gott  und
der  Welt  vertheidigen  zu  koͤnnen.  Er,  der  Herzog,  weide
in  solchem  Falle  sie  öffentlich  als  Betruͤger  und  Nichtswisser
  bezeichnen,  die  sich  vor  dem  Lichte  der  Wahrheit  absichtlich
  versteckten.  —  Diese  entschiedene  Sprache  machte  zwar
den  ausgesprochenen  Bann  unwirksam  und  beurkundete
zugleich,  daß  Georg  wirklich  den  reinen  Willen  hegte,  die
Wahrheit  gegen  die  Tauschung  abzuwägen,  und  dabei  um
so  unpartheiischer  zu  Werke  ging,  indem  er  sich  damals
wirklich  noch  für  keinen  von  beiden  Theilen  entschieden  hatte;
ausserdem  aber  brachte  die  Disputation  selbst  keine  besondere
  Resultate  zuwege.  Eck,  welcher  sich  durchaus  den
Triumph  nicht  versagen  wollte,  außer  gegen  Carlstadt,  auch
noch  gegen  den  Hauptketzer,  gegen  Luther  selbst  zu  disputiren,
veranlaßte,  daß  Letzterer  nach  Leipzig  kam.  Zuerst  disputirte
Eck  mit  Carlstadt;  es  betraf  dieses  besonders  den  streitigen
Punkt  vom  freien  Willen  des  Menschen  und  ob  ein  gutes
Werk  allein  aus  göttlicher  Gnade  herzuleiten,  oder  ob  der
freie  Wille  des  Menschen  ebenfalls  einen  Einfluß  darauf
habe.  Carlstadt  mochte  allerdings  dem  in  der  theologischen
Fechtschule  geübten  Eck  nicht  ganz  gewachsen  seyn.  Desto
mehr  schwißte  Letztterer  in  dem  Streite  gegen  den  sattelfesten
  Lurher.  Beide  sprachen  —  wie  schon  früher  Luther
und  Cajetan  —  in  fremden  Sprachen  für  einander,  Luther
nadmlich  aus  der  Bibel,  Eck  aus  den  Deeretalien  und  Kirchenvätern,
  welche  Luther  nicht  für  competent  achtete.  So
konnten  Beide,  wegen  Luther's  aufgestelltem  Satze:  daß  die
Gewalt  des  Pabstes  sich  nicht  aus  der  Bibel  erweisen  lasse,
sich  weder  überführen  noch  widerlegen.  Ferner  stritt  man  sich
noch  ziemlich  lang  und  breit  —  denn  es  währte  bis  in  die
dritte  Woche  —  über  das  Fegefeuer,  über  den  Ablaß  und
        <pb n="171" />
        Die  Reformation.  135

über  die  Buße.  Ohne  partheilich  zu  seyn,  darf  man  annehmen,
  daß  Eck  in  seinem  Streite  unterlag  und  daß  der
groͤßte  Theil  der  Zuhèrer  mit  der  Ueberzeugung  für  die
gute  Wahrheit  der  Lutherschen  Sache  hinwegging-  Leider
war  es  Luthern,  viellcicht  eine  Schuld  seines  zu  unberechneten
  Benehmens,  nicht  gelungen,  den  Herzog  Georg  für
sich  einzunehmen,  in  dessen  kräftigem  Willen  ihm  und  seiner
Sache  gewiß  ein  kräftiger  Beschützer  erwachsen  wäre,  während
  er  jetzt  einen  eben  so  eifrigen  Widersacher  an  ihm  erlangte.
  Namentlich  hatte  sich  Georg  an  einige  hussitische
Grundsätze  in  Luther's  Erèrterung  gestoßen  und  dadurch  ein
Vorurtheil  gegen  ihn  gefaßt,  welches  Eck  und  noch  Andere
geschäftig  waren,  allmälig  bis  zu  feindseligem  Widerwillen
auszubilden.  Aber  auch  einflußreiche  Freunde  hatte  sich
Luther  erworben;  denn  der  Unfug,  welchen  der  Pabst  bisher,
  namentlich  durch  den  Ablaß  getrieben  hatte,  war  von
den  meisten  Fürsten  mit  dem  tiefsten  Unwillen  empfunden
worden,  nicht  nur  aus  Räcksichten  der  Vernunft,  sondern
auch  aus  politischen  Gründen,  indem  man  es  nicht  gleichgültig
  mit  ansehen  konnte,  daß  der  rdmische  Hof  durch  die
lästerliche  Spiegelfechterei  des  Ablasses  eine  Masse  Geld  aus
Deutschland  entführte  und  obendrein,  durch  die  dem  gemeinen
  Manne  aufgeheftete  Ueberzeugung  des  leichten  Erlangens
  der  Sündenvergebung,  die  Moralität  des  Volks  verschlechterte.
  Unter  denen,  welche  lebhaften  Antheil  für  Luther
  hegten  und  die  nbthigenfalls,  neben  ihrem  Glauben,
auch  noch  ein  gutes  Schwert  in  die  Wage  werfen  konnten,
befanden  sich  auch  jene  Männer  der  Kraft  und  der  Wahrheit,
  die  wir  noch  heute  als  Repräsentanten  dieser  tugendlichen
  Eigenschaften  annehmen:  die  Nitter  Ulrich  von  Hutten,
Franz  von  Sickingen  und  Sylvester  von  Schaumburg.

Es  half  daher  wenig,  daß  der  aus  dem  Felde  geschlagene
Johann  Eck,  im  Ingrimme  des  Ueberwundenen,  nach  Rom
eilte,  seine  zerknickte  Feder  am  Fuße  des  päbstlichen  Thrones
niederlegte  und  eine  Bulle  vom  Pabste  erwirkte,  in  welcher
Luther  als  ein  Ketzer  verdammt  und  ihm  bei  Strafe  des
Bannes  auferlegt  wurde,  binnen  sechszig  Tagen  seinen  Wi-1520
        <pb n="172" />
        136  Die  Resormation.

derruf  nach  Rom  zu  senden  oder  selbst  zu  uͤberbringen.  Im
Triumph  kehrte  Eck  mit  dieser  Bulle  nach  Deutschland  zurück,
  nahm  aber  zu  seinem  großen  Aerger  wahr,  daß  der
darin  enthaltene  Bannstrahl  diesmal,  selbst  bei  der  dußersten
  Friction,  nicht  zünden  wollte.  Man  sah  diese  Bulle
allgemein  nicht  als  ein  Werkzeug  kirchlicher  Gerechtigkeit,
sondern  als  eine  Privatrache  des  Pabstes  an  und  mißbilligte
die  unmotivirte  Verdammungsbulle,  ohne  sie  zu  bcachten.
Die  innere  Empprung  über  den  ungerechten  Rachesinn  seiner
Feinde  ermuthigte  Luther,  statt  ihn  zu  entmuthigen,  denn
eben  daran,  daß  seine  Gegner  das  dußerste,  verderblichste
Mittel  gegen  ihn  wählten,  erkannte  er,  daß  sie  die  Schwächeren
  waren  und  nicht  auf  rechtmäßige  Weise  sich  zu  helfen
wußten.  Er  erließ  Ende  Juni  sein  Buch  an  den  Kaiser  und  den
christlichen  Adel  deutscher  Nation,  in  welchem  er  sich  nunmehr
  kühner  und  rücksichtsloser  gegen  die  Anmaßungen  des
Pabstes  aussprach  und  fdrmlich  die  Sturmglocke  gegen  den
Diepotismus  der  Kirche  zog,  welche  letztere  er  durch  weltliche
Gewalt  einzuschränken  und  zu  verbessern  ermahnte.  Eben  so
furchtlos  gab  er  seine  Verachtung  der  gegen  ihn  losgelassenen
  päbstlichen  Bulle  zu  erkennen  und  widerlegte  dieselbe  in
öffentlicher  Schrift,  brachte  auch  (17.  Novbr.)  eine  neue
Appellation  vom  Pabste  an  eine  allgemeine  Kirchenversammlung
  zum  Vorschein.  Ja,  von  seinem  Feuercifer  beinahe
gewaltsam  fortgerissen,  erlaubte  sich  Luther  endlich  die  kühnsten,
  unerhörtesten  Repressalien  gegen  den  Stellvertreter  Gottes
  auf  Erden;  denn  da  Leo  X.  Luthers  Schriften  zu  Rom,
Löwen,  Coln  und  Mainz  öffentlich  verbrennen  ließ,  so  ging
am  10.  Decbr.  Luther,  in  Begleitung  vieler  Lehrer,  Doctoren
  und  Studenten  vor  das  Elsterthor  zu  Wittenberg  und
warf  dort  unter  freiem  Himmel  das  canonische  Gesetzbuch,
ingleichen  die  gegen  ihn  erlassene  Verdammungsbulle  und
einige  Schriften  Eck's  in's  Feuer,  welchen  Act  freier  menschlicher
  Gerechtigkeit  er  mit  den  Worten  an  Leo's  Bulle  begleitete:
  „weil  du  den  Heiligen  des  Herrn  betrübt  hast,  so
betrübe  und  verzehre  dich  das  ewige  Feuer  (Josua,  7,  25.).
Um  aber  zu  zeigen,  daß  er  diesen  Schritt  nicht  in
        <pb n="173" />
        Die  Reformation.  137

uͤbereilter  Aufwallung,  sondern  mit  ernstem  Willen  gethan
habe,  rechtfertigte  er  sich  hieruͤber  bald  in  einer  Schrift:
„Warum  des  Pabstes  und  seiner  Juͤnger  Buͤcher  von  Dr.
M.  Luther  verbrannt  sind?“  Dieser  kühne  Gegenstrahl,  welchen
  Luther  —  wie  Thor  seinen  Hammer  gegen  die  Keule  des
Riesen  —  den  Bannblitzen  des  Pabstes  entgegenschleuderte  und
letztere  dadurch  in  den  Augen  der  Welt  zu  zischendem  Kolofonium
  verwandelte  —  breitete  mit  einem  Male  ein  anderes
Licht  um  Luther's  Gestalt.  Man  hatte  bisher  in  ihm  nur
einen  besser  unterrichteten  Mönch  erblickt,  der  jedoch  mehr
thcologische  Streitfragen,  als  eine  eigentliche  Glaubensüberzeugung
  durchzufechten  strebte;  denn  wie  in  den  heutigen  Tagen
der  wissenschaftlichen  Kritik,  war  man  damals  in  Glaubenssachen
  beflissen,  weniger  eine  Wahrheit  oder  einen  Irrthum,  als
vielmehr  bloße  Systeme  und  Formenspiele  anzugreifen  oder
zu  vertheidigen.  Aber  durch  den  letzten  kühnen  Gegenschlag
Luthers  wider  die  Donner  des  p#bstlichen  Stuhles,  stand
Ersterer  pldtzlich  mit  verändertem  Wesen  vor  den  Augen  der
erstaunten  Welt.  Nicht  mehr  der  Fechter  für  kirchenwissenschaftliche
  Spitzfündigkeiten  und  Sophismen,  trat  er  jetzt
daher,  der  Mann  der  Wahrheit  und  Sohn  der  ewigen  Vernunft,
  der  zürnend  das  Recht  seiner  göttlichen  Stammverwandten
  gegen  afterheilige  Trugspiele  geltend  machte,  der
nicht  mehr  sarcastisch  stäubend,  seine  Feder  über  den  Häuptern
  pustender  theologischen  Polemiker  und  kirchlicher  Pygmen
  schwenkte,  sondern,  von  der  Kraft  Gottes  erfüllt,  dessen
  unberufenen  irdischen  Stammhalter  auf  seinem  Throne
wanken  machte.  Er  hatte  die  Brücke  abgebrochen,  kein  Rückschritt
  war  mehr  möglich,  er  hatte  dem  Pabste  und  dessen
Lehren  den  Fehdehandschuh  hingeworfen  und  mußte  den
Kampf  zum  Siege  führen  oder  untergehen.  Die  Zeit  des
Säumens,  Ueberlegens  und  heimlichen  Wirkens  war  vorüber,
  und  frei  entfaltete  die  Sonnenpflanze  der  Reformation
ihren  flammenden  Kelch,  die  Nebel  zerstreuend,  das  Licht  in
sich  aufnehmend  und  verbreitend.  Von  da  an  hatte  Luther,
obschon  der  eigentliche  Schdpfer  der  Reformation,  dennoch
das  ausschließliche  Besitzrecht  darauf  bereits  verloren,  sie
        <pb n="174" />
        138  Die  Reformation.

war  bereits  Eigenthum  der  Welt,  der  Menschheit,  vor  allen
aber  des  deutschen  Vaterlandes  geworden,  und  selbst  ihr
Gruͤnder  hatte  nicht  mehr  das  Recht,  sie  zu  hemmen  oder
fallen  zu  lassen,  ohne  sich  eines  Diebstahls  an  der  Sache
der  Menschheit  schuldig  zu  machen.  Dies  fuͤhlte  Luther,  der
tiefe,  wunderbare  Kenner  des  Geisterrechts,  am  besten,  und
dieser  Gedanke  ließ  ihn  unerschuͤtterlich  muthig  gegen  die
Uebermacht  des  Vorurtheils,  gegen  die  Dolche  des  Hasses
anstuͤrmen,  welche  ein  Gott  fuͤr  ihn  stumpf  gemacht  hatte.  —
Mit  grausamer  Eile,  jedoch  nicht  unerwartet,  blitzte  am
1521  3.  Januar  des  folgenden  Jahres  der  gedrohte  Bannstrahl
nun  wirklich  gegen  Luthern  los.  Diese  zweite  Bulle  sprach
ein  unbedingtes  Verdammungsurtheil  uͤber  ihn  aus,  schien
jedoch  selbst  von  den  strengglaͤubigen  Katholiken  nicht  sehr
beachtet  zu  werden,  indem  man  sogar  noch  an  guͤtliche  Ver—
handlungen  mit  dem  Verfehmten  dachte.  Churfuͤrst  Friedrich
hatte  bisher,  bei  seiner  vorsichtigen  Natur,  noch  immer  nicht
den  rechten  Gesichtspunkt  fuͤr  die  Sache  finden  koͤnnen;  er
mochte  besorgen,  daß  es  vielleicht  viele  Kämpfe  ohne  einen
Sieg  absetzen  werde  und  viel  Haß  und  Unheil  walten  dürfte,
ohne  am  Ende  etwas  Gutes  zu  bezwecken.  Daher  überraschte
  es  ihn  allerdings,  als  schon  in  der  ersten  Bulle  alle
diejenigen  mit  dem  Banne  bedroht  wurden,  bei  denen  Luther
Schutz  finden  würde.  Er  suchte  daher,  um  auch  sich  und
seiner  Würde  nichts  zu  vergeben,  das  Urtheil  ruhiger  und
verständiger  Männer  über  Luther  einzuholen,  welches  sich
beinahe  durchgängig  günstig  vernehmen  ließ  und  ihn  immer
mehr  in  dem  Entschlusse  bestärkte,  den  kühnen  Streiter  Gottes
  zu  schätzen.  Auch  der  gelehrte  Erasmus  von  Notterdam,
gab  dem  Churfürsten  in  einem  treffenden  Scherze  seine  Meinung
  über  Luther,  indem  er  meinte:  derselbe  habe  in  zwei
Dingen  gefehlt,  er  habe  dem  Pabsie  an  die  Krone  und  den
Mönchen  an  die  Bäuche  gegriffen.  Uebrigens  wönschte  derselbe,
  daß  Luther  seine  oft  allzugroße  Hitze  etwas  zügele
und  vorsichtiger  für  seine  Person  wie  für  die  Sache  zu
Werke  gehen  möge.  Dies  war  auch  der  Hauptwunsch  des
Churfürsten,  der  jedem  Unternehmen  gern  die  Würde  und
        <pb n="175" />
        Die  Reformation.  139

den  Frieden  zu  erhalten  suchte.  Zum  Gluͤck  fuͤr  die  gute
Sache,  strebte  die  Geistlichkeit,  in  jener  Zeit  der  gaͤhrenden
Meinungen,  nicht  im  Geringsten,  ihren  uͤblen  Sitten  wenigstens
  auf  einige  Zeit  einen,  wenn  auch  nur  aͤußerlich  bessern
  Anstrich  zu  geben  und  in  dieser  Crisis,  wo  dem  Urtheile
der  Welt  keine  Zeit  zu  tiefcrer  Prüfung  übrig  blieb,  sich
einige  Achtung  zu  erschnappen.  Vielmehr  stieg  der  allgemeine
  Unwillen  gegen  sie  von  Tage  zu  Tage,  und  selbst,
was  sich  nicht  für  Luther  erklärte,  erklärte  sich  wenigstens
gegen  die,  von  ihm  so  hart  angegriffene  Zügellosigkeit  der
Kirche  und  ihrer  Vertreter  und  Diener.  Sogar  der  Herzog
Georg,  welcher  sich  nicht  selten  als  ein  ziemlich  fanatischer
Katholik  gezeigt  hatte,  nahm  ein  Aergerniß  an  dem  Ablaße
und  einigen  andern  kirchlichen  Ungebührnissen  und  sehnte  sich
nach  einer  Reformation,  freilich  nicht  durch  Luther,  dem  er
abgeneigt  blieb,  sondern  auf  politischem  Wege,  durch  eine
Kirchenversammlung;  auch  reichte  er  selbst  seine  Beschwerden
  gegen  den  päbstlichen  Stuhl  bei'm  Kaiser  ein,  und  diese
Beschwerden  vermehrten  sich  von  allen  Seiten  her  dergestalt,
  daß  Carl  V.  dadurch  in  seiner  Vertretung  der  päbstlichen
  Gerechtsame  zu  milderen  und  vorsichtigeren  Maßregeln
bewogen  wurde,  als  dies  ohnedem  der  Fall  gewesen  seyn
mochte.  So  geschah  es,  daß  —  wie  sehr  auch  dem  Kaiser
der  Pabst  durch  seinen  Legaten  Aleander  schon  ein  Jahr
früher  in  den  Ohren  gelegen  hatte,  gegen  Luther  und  dessen
Anhänger  auf  das  Strengste  zu  verfahren  —  Carl  dennoch,
zum  Theil  auch  aus  Achtung  für  Churfürst  Friedrich,  immer
nur  einen  sehr  gelinden  Weg  einschlug  und  endlich  des  Churfürsten
  Wunsch  auch  insofern  erfüllte,  daß  er,  statt  nach
Rom  vor  ein  geistliches,  Luther'n  am  6.  März  1521  auf
den  Reichstag  nach  Worms,  also  vor  ein  weltliches  Gericht,
fordern  ließ.  Dies  war  eine  wichtige,  aber  auch  gefahrvolle
  Ladung,  und  Luther's  Freunde  hatten  wohl  Grund,  zu
befürchten,  daß  er  dem  Schicksale  eines  Huß  entgegen  gehen
  werde.  Alles  warnte  ihn  vor  dieser  Reise  und  selbst  der
Churfürst  war  nicht  ohne  Besorgniß  und  ließ  sich,  wie  man
glaubt,  vom  Kaiser  die  ausdrückliche  Versicherung  geben,  daß

1521
        <pb n="176" />
        140  Die  Resormation.

er  das,  Luthern  zugesagte  freie  Geleite  nicht  etwa  unter  dem
damals  uͤblichen  Vorwande  —  Ketzern  brauche  man  kein
Wort  zu  halten  —  brechen  wolle.  Luther  selbst  war  uͤber
diese  Einladung  weit  mehr  erfreut,  als  erstaunt.  Er  stand
keinen  Augenblick  in  Zweifel,  derselben  Folge  zu  leisten,  sondern
  erklärte  seinen,  mit  Bedenklichkeiten  und  Besorgnissen
ihm  zusetzenden  Freunden  völlig  entschlossen:  daß  er,  wenn
nicht  gesund,  sich  krank  nach  Worms  föhren  lassen  werde,
daß  er  Muth  genug  föhle,  für  seine  Ueberzeugung  zu  sterben
und  mit  seinem  Blute  Christum  zu  bekennen,  obschon  er
sich  dieser  Ehre  nicht  würdig  achte,  und  daß,  besser  als
Menschen,  ihn  der  schützen  könne,  welcher  die  drei  Männer
im  feurigen  Ofen  erhalten.  Und  an  Spalatin,  welcher  ihn
vor  der  Reise  nach  Worms  warnen  ließ,  schrieb  er:  er  werde
dahin  gehen  und  sich  nicht  fürchten,  und  wenn  auch  so  viele
Teufel  zu  Worms  wären,  als  Ziegel  auf  den  Dächern.  —  Aus
dieser  Sprache  konnten  Luther's  Freunde  und  Feinde  voraus
sehen,  welche  Erklärung  von  ihm  selbst  vor  Kaiser  und  Reich
zu  erwarten  stand,  und  wirklich  schien  es,  daß,  trotz  der
augenscheinlichen  Gefahr,  welcher  er  entgegenreiste,  dennoch
seine  Gegner  von  dieser  Reise  mehr  für  sich  befürchteten,  als
seine  Freunde  für  ihn;  denn  Jenen  war  sein  Muth  nicht
unbekannt,  und  sie  hatten  Ursache  zu  besorgen,  daß  die  begeisterte
  Unerschrockenheit  eines  übrigens  so  wehrlosen  Mannes,
  der  Welt  allerdings  Glauben  zu  den  von  ihm  vertheidigten
  Lehrsätzen  einflößen  könne.  So  durch  sich  selbst  und
seinen  eignen  Muth  ausgerüstet,  kam  er  am  16.  April,  in
Begleitung  des  kaiserlichen  Herolds,  welcher  ihm  die  Ladung
überbracht  hatte,  und  seines  rechtlichen  Beistandes,  des  Dr.
Schurf  aus  Wittenberg,  in  Worms  an.  Seine  Ankunft
setzte  die  ganze  Stadt  in  Bewegung,  eine  Menge  angesehener
Männer  waren  ihm  entgegengeritten  und  bildeten  einen  Zug
um  ihn.  Die  Straßen  wimmelten  von  Menschen,  die  den
kühnen  Monch  sehen  wollten,  welcher  diejenige  Wahrheit,  die
in  dem  Innern  des  schlichten  Mannes  aufgegangen,  im  engen
Zimmer  von  ihm  durchdacht  und  wester  gebildet  worden
war,  jetzt  frei  vor  Kaiser  und  deutschem  Reich  bekennen
        <pb n="177" />
        Die  Reformation.  141

wollte.  Schon  am  folgenden  Tage  (17.  April)  ward  er
vorgefordert.  Welch  ein  gewaltiger  Moment  für  Luther  —
der,  zwar  kräftigen  Geistes,  bisher  doch,  bei  der  offenbaren
Schwaäche  der  päbstlichen  Bannstrahlen,  nicht  viel  mehr,  als
den  ndthigen  Gelehrtenmuth  für  wissenschaftliche  Fehden  gebraucht
  hatte  —  sich  plotzlich  in  den  schwindelnden  Kreis
der  deutschen  Fürsten,  der  vornehmsten  Geistlichkeit  hineingeworfen
  zu  sehen,  wo,  wie  er  wußte,  so  mancher  hochgebierende
  Blick  feindselig  auf  ihm  ruhte,  wo  er,  ein  Sohn
armlicher,  niedriger  Herkunft,  einsam  und  aufgegeben  vor
der  Erdenhoheit  stand  und  nichts  mit  ihm  war,  als  sein
Glaube  und  sein  Bewußtseyn.  Der  churtrierische  Canzler,
Johann  von  Eck,  fragte  ihn  im  Namen  des  Kaisers,  ob  er
sich  zu  den  Büchern,  welche  hier  lägen  und  unter  seinem
Namen  gekannt  wären,  bekenne?  Luther  wollte  mit  einem
schnellen  Ja  antworten,  aber  sein  Rechtsfreund  Dr.  Schurf,
bedeutete  ihn,  sich  erst  ein  Verzeichniß  der  fraglichen  Bücher
vorlesen  zu  lassen.  Hierauf  bekannte  sich  Luther  zu  den  Büchern.
  Dann  ward  er  gefragt,  ob  er  das,  was  darinnen
gelehrt  und  behauptet  werde,  vertheidigen  oder  widerrufen
wolle?  Diese  Frage  bedurfte  der  Ueberlegung,  und  er  bat
sich  daher  bis  zum  andern  Tage  Bedenkzeit  aus.  Als  er
nach  dieser  kurzen  Frist  (18.  April)  wieder  erschien,  erklärte
er  feierlich  und  bestimmt,  daß  er  nichts  von  Allem  widerrufen
  konne,  und  zwar  um  so  weniger,  da  viele  weise  christliche
  Männer  den  Inhalt  seiner  Schriften  gutgeheißen  hätten
  und  ein  Widerruf  nur  für  des  Pabstes  Tyrannei  sprechen
  würde.  Statt  dieser  Erörterungen  drang  Johann  von
Eck  auf  eine  kurze  und  entscheidende  Erklärung,  und  diese
gab  Luther  allsogleich.  Er  nannte,  in  seiner  kernigen  Sprache,
  sein  hier  ausgesprochenes  kurzes  und  umschweifloses
Glaubensbekenntniß  eine  Antwort  ohne  Hörner  und  Zaͤhne,
und  erklaͤrte,  daß,  so  lange  er  nicht  aus  der  heiligen  Schrift
—  denn  dem  Pabst  und  den  Concilien  glaube  er  nicht  —
oder  mit  klaren  Gruͤnden  und  Beweisen  widerlegt  und  überführt
  werde,  er  auch  nicht  widerrufen  koͤnne.  Er  schloß  diesen
  Ausspruch  mit  den  welthistorisch  gewordenen,  bekannten
        <pb n="178" />
        142  Die  Reformation.

Worten:  „dhier  stehe  ich,  ich  kann  nicht  anders,  Gott  helfe
mir  —  Amen!“

So  war  vor  Gott  und  irdischem  Reiche  das  große  Glau—
bensbekenntniß  unwiderruflich  ausgesprochen  und  durchge—
kaͤmpft.  Alles  fuͤhlte  sich  ergriffen  von  der  gewaltigen  Kraft
des  Monches,  und  selbst  der  stolze  Carl  V.  konnte  eine  belobende
  Acußerung  über  den  unerschrockenen  Muth  desselben
nicht  unrerdrücken.  Dennoch  fählte  sich  der  Kaiser  der  Kirche
so  weit  verpflichtet,  um  sie  gegen  Luther,  welcher  durch  seine
wachsende  Publicität  auch  immer  gefährlicher  wurde,  zu
schützen;  daher  ließ  er  am  folgenden  Tage  (19.  April)  der
Reichsversammlung  erklären,  daß  er  über  Luther  und  dessen
Anhänger  die  Acht  aussprechen,  jedoch  vorher  demselben  das
ihm  versprochen  sichere  Geleite  angedeihen  lassen  werde.  Da
wisperten  so  manche  dem  Kaiser  zu:  einem  Ketzer  brauche
man  kein  Versprechen  zu  halten.  Aber  Carl  entgegnete  mit
Würde:  daß  Treue  und  Glaube,  wenn  sie  auch  nirgend  mehr
zu  finden  seyen,  wenigstens  bei  einem  Kaiser  unverbrüchlich
fest  stehen  müßten.  Viele,  selbst  von  Luther's  Gegnern  —
unter  ihnen,  wie  es  heißt,  auch  Herzog  Georg  —  billigten
diesen  eines  Kaisers  würdigen  Ausspruch  eben  so  sehr,  als
sie  den  vorgeschlagenen  feigen  Verrath  verabscheuten,  und
bestärkten  ihn  in  seinem  rechtlichen  Vorsate.  Doch  wollte
man,  noch  einen  letzten  Versuch  machen,  Luther'n  zum  Widerruf
  zu  bewegen,  und  wählte  dazu  einen  Ausschuß,  bestehend
  aus  den  Churfürsten  von  Trier  und  von  Brandenburg,
dem  Herzog  Georg  von  Sachsen  und  andern  Fürsten  und
vornehmen  weltlichen  und  geistlichen  Herren.  Luther  erschien
zweimal  vor  ihnen,  man  wendete  Bitten  und  Drohungen  an,
um  ihn  zum  Widerrufe  zu  bringen,  aber  er  bestand  unwandelbar
  auf  dem  Satze:  daß  er,  nur  wenn  man  ihn  aus
der  heiligen  Schrift  widerlegen  und  Lügen  strafen  könne,
widerrufen  werde;  und  dem  Churfürsten  von  Trier  sagte  er:
„ist  meine  Sache  nicht  aus  Gott,  so  wird  sie  nicht  lange
dauern;  ist  sie  aber  aus  Gett,  so  werdet  Ihr  sse  nicht  dampfen!“
  So  ging  auch  dieser  engere  Ausschuß,  auf  welchem  die
letzte  Hoffnung  des  damaligen  katholischen  und  kaiserlichen
        <pb n="179" />
        Die  Reformation.  143

Juste  -  milien  geruht  hatte,  aus  einander,  wie  er  gekommen
war,  und  Luther'n  ward  nunmehr  angedeutet,  daß  er  noch
ein  und  zwanzig  Tage  sicheres  Geleite  genießen,  sofort  aber
Worms  verlassen  sollte.  So  glaubte  der  Kaiser  sowohl  der
katholischen  Partei  Genüge  geleistet,  als  auch  dem  Churfürsten
  Friedrich  einigen  Vorschub  geleistet  und  demselben  Gelegenheit
  gegeben  zu  haben,  auf  weitern  Schutz  für  Luther'n
bedacht  zu  seyn.  Im  ersten  Punkte  hatte  er  sich  ziemlich
geirrt,  denn  die  geistliche  Clique  fand  des  Katsers  Verfahren
viel  zu  mild  und  schonend,  sie  hatte  sich  vielmehr  darauf  gefreut,
  Worms  zu  einem  zweiten  Kostnitz  zu  machen  und
Luthern  —  trotz  des  vom  Carl  V.  gegebenen,  einem  Ketzer
nicht  zu  haltenden  Sicherheits-Versprechens  —  in  ihre  Macht
gegeben  zu  sehen.  Sehr  richtig  aber  hatte  er,  in  Hinsicht
auf  den  Churfürsten  von  Sachsen,  vorausgeurtheilt.  Luther
reis'te,  zufolge  des  an  ihn  ergangenen  Gebots,  am  26.  April,
in  Begleitung  des  kaiserlichen  Herolds,  von  Worms  wieder
ab.  Aber  im  thüringer  Walde  ward  sein  Wagen  von  zwei
verkappten  Reitern  angehalten  und  er  selbst  von  ihnen  heimlich
  auf  die  Wartburg  entführt.  Zum  Glück  kam  dieses  Ereigniß
  nicht  von  feindlicher,  sondern  von  Freundesseite  her.
Die  beiden  Verkappten  waren  Johann  von  Berlepsch,  der
Schloßhauptmann  auf  Wartburg,  und  Burkhard  Hund,
Herr  von  Altenstein,  und  hatten  diesen  wohlersonnenen  Anschlag
  auf  Veranlassung  ihres  Herrn,  des  Churfürsten  Friedrich
  von  Sachsen,  ausgeführt.  Der  weise  Fürst  glaubte
Luther'n,  über  welchem  die  Acht  so  nahe  hing,  nicht  besser
schützen  zu  können,  als  indem  er  dessen  Feinde  zu  dem  Glauben
  verleitete,  daß  Luther  auf  feindselige  Weise  geraubt  und
wahrscheinlich  dem  Tode  oder  ewigem  Kerkerzwange  geweiht
sey.  Wirklich  ward  nach  der  Nachricht  von  Luther's  Verschwinden,
  dieser  Glaube  begierig  von  seinen  Feinden  aufgegriffen,
  der  gemeine  Mann  fabelte  schon  von  seiner  Hoͤllenfahrt,
  die  unter  allerlei  üblichen  Schrecknissen  und  sachgehdrigem
  Teufelsspektakel,  kurz  in  aller  Form  Rechtens  geschehen
  seyn  sollte.  Aber  auch  seine  Freunde  schwebten  in
der  trostlosesten  Ungewißheit  um  ihn,  und  waren  nahe  daran
        <pb n="180" />
        144  Die  Reformation.

zu  glauben,  daß  er  wirklich  ein  Opfer  der  fanatischen  Verrdtherei
  seiner  Feinde  geworden  sey.  Luther  aber  verweilte
indessen  ruhig  auf  der  Wartburg  unter  dem  Schutze  seines
weisen  Gönners,  des  Churfürsten  Friedrich.  Er  lebte  dort
—  nachdem  am  26.  Mai  das  sogenannte  Wormser  Edikt
bekannt  gemacht  worden  war,  welches  ihn,  nebst  allen  seinen
  Anhängern  und  Beschützern  in  die  Reichsacht  erklärte,
seine  Schriften  zu  lesen  verbot  und  allen  Religionsneuerungen
  sich  widersetzte  —  in  strenger  Verschwiegenheit,  selbst
seine  Bedienung  kannte  ihn  nur  unter  dem  Namen  des  Junkers
  Georg.  Doch  begann  erst  in  dieser  Abgeschieden  Leit  vielleicht
  Luthers  wichtigstes  Wirken,  nämlich  die  Uebersetzung
des  neuen  Testamentes,  jenes  Buches,  auf  welches  Luther's
Lehren  einzig  sich  gründeten,  das  allein  er  für  sich  zeugen
ließ  und  durch  welches  allein  er  widerlegt  seyn  wollte.  Obgleich
  der  ausschließliche  Grundstein  des  Christenthums,  war
doch  die  Bibel  von  sehr  Wenigen  gekannt;  denn  theils
hatte  die  Hierarchie  wohl  wissend,  daß  die  Bibel  der  größte
Freiheitszeuge  der  geistigen  Menschheit  sey,  sie  mit  Beschlag
belegt,  theils  war  sie  denen,  welche  diese  Beschlagnahme
nicht  geachtet  haben  würden,  durch  die  fremde  Sprache,  in
welcher  sie  abgefaßt  war,  unzugänglich  und  unverständlich.
Es  konnte  daher  kein  wichtigerer  Schritt  zu  Gunsten  der  Reformation
  und  zur  Läuterung  der  religiösen  Volksmeinung
gethan  werden,  als  daß  man  die  Bibel,  sowohl  in  einer,
dem  Hochsten  wie  dem  Geringsten  verständlichen  Verdeutschung,
  als  auch  in  großer  Masse  zu  verbreiten  wußte.  Hierzu
  leistete  nun  die,  zum  größten  Vortheile  der  Reformation
bereits  erfundene  und  verbesserte  Buchdruckerkunst  die  herrlichsten
  Dienste.  Um  aber  sowohl  seinen  Freunden,  wie  seinen
  Feinden,  die  ihn  Beiderseits  für  todt  hielten,  einige  Lebenszeichen
  von  sich  zukommen  zu  lassen,  sendete  Luther  aus
seinem  Zufluchtsorte  verschiedene  Schriften  in  die  Welt,  in
denen  seine  theologischen  Widersacher  derb  bedient  und  wodurch
  seine  Freunde  zu  ihrem  Jubel,  seine  Gegner  zu  ihrem
Schrecken  und  Verdruße  inne  wurden,  daß  der  Luther  noch
unter  den  Lebenden  sich  befinde.
        <pb n="181" />
        Die  Reformation.  145

Der  mittlerweile  zwischen  Spanien  und  Frankreich  ausgebrochene
  Krieg  entführte  den  Kaiser  auf  lange  Zeit  aus
Deutschland  und  wendete  seinen  Blick  von  den  kirchlichen
Fehden  hinweg,  dem  politischen  Kriegsschauplatze  zu.  Hierdurch
verlor  das  Wormser  Edict  seinen  eigentlichen  Repräsentan-=ten
  und  Vollzieher  und  vegetirte,  weil  es  denn  einmal  da
war,  beinahe  vollig  unschädlich  weiter.  So  sproßte,  ohngeachtet
  Luther's  persdnlicher  Abwesenheit,  die  Reformation
muthig  auf.  Ihre  Freunde  bekannten  sich  immer  offener  zu
ihr  und,  in  ihrer  unverstecktern  Ausübung,  ward  auch  ihr
unverdächtiger,  reiner  Sinn  immer  mehr  erkannt,  die  Vorurtheile
  gegen  sie  immer  mehr  eingeengt,  und  ihr  Anhang
wuchs  von  Tage  zu  Tage  bedeutender.  Daher  verloren  die
Gegenmaßregeln  ihrer  Widersacher  auch  immer  mehr  am
wirksamen  Erfolge;  obschon  man  hin  und  wieder  mit  vieler
Anstrengung  ihr  entgegenwirkte.  So  untersagte  z.  B.  Herzog
  Georg,  unter  den  schärfsten  Strafen,  die  Ausbreitung
Lutherischer  Grundsätze,  schränkte  seine  Universität  Leipzig
bedeutend  ein,  unterdrückte  die  Bibel  und  jagte  aus  dem
Lande,  wer  nur  im  Entferntesten  sich  dem  evangelischen  Gottesdienste
  näherte.  Der  Konig  Heinrich  VIII.,  der  vergeblich
  Candidat  des  deutschen  Thrones  gewesen  war,  trat  jetzt,
jedoch  mit  wenig  besserm  Erfolge,  als  Candidat  der  Theologie
  auf.  Er  verfaßte  eine  Schrift  über  die  7  Sacramente,
in  welcher  er  einen  Angriff  auf  Luthern  unternahm,  von
diesem  aber,  in  einer  Entgegnung,  so  füärchterlich  zurückgeworsen
  wurde,  daß  er  sich  ergrimmt  an  den  Churförsten
Friedrich  wendete  und  diesen,  um  seines  eignen  Besten  willen,
  aufforderte,  Luther  und  dessen  Anhänger  ohne  alles
Erbarmen  zu  vertilgen.  Dies  geschah  freilich  nicht,  doch
hatte  sich  Luther  durch  den  zu  leidenschaftlichen  Styl,  welchen
  er  sich  gegen  den  Kdnig  Heinrich  gestattete,  selbst  die
Mißbilligung  seiner  Freunde  zugezogen  und  in  Heinrich  selbst
die  Würde  der  ihm  vefreundeten  Fürsten  verletzt,  ja  mittelbar
  dem  Gedeihen  seiner  Lehre  selbst  dadurch  geschadet,  indem
  seine  Gegner  nunmehr  behaupten  konnten,  daß  die  Reformation

  sogar  die  Würde  und  Unverletzbarkeit  der  Throne
IV.  Heft.  10
        <pb n="182" />
        146  Die  Reformation.

nicht  achte,  durch  welchen  Vorwurf  sie  allerdings  den  Hertschern
  und  gekrönten  Hauptern  gefährlich  erscheinen  und,  statt
Schußes,  sich  von  ihnen  der  Verfolgung  und  Unterdrückung
gewärtigen  mußte.  Bei  aller  Redlichkeit  und  Reinheit  seines
  Willens,  ist  Luther's  Leben  und  Wirken  nicht  frei  von
mehrfachen  Uebereilungen  und  Unbedachtheiten  ähnlicher  Art,
eine  Folge  seines  zu  lebhaften  und  hitzigen  Temperaments,
welches  besonders  der  klare  und  besonnene  Churfürst  Friedrich
  im  Stillen  beklagte  und  darin  wohl  anfangs  einen
Grund  fand,  sich  nicht  so  schnell  für  ihn  unbedingt  zu  erkláren,
  als  dies  vielleicht  aufserdem  geschehen  seyn  würde.
Die  Augustiner  in  Wittenberg,  Luthers  Ordensbrüder,  machten
  sich  von  vielfachen  Vorurtheilen  und  Mißbräuchen  der
römischen  Kirche  los,  sie  schafften  die  Privatmessen  ab,  jene
todten  seelenlosen  Stereotypen  verkndcherter  Andacht,  und
freie,  der  bisherigen  sordden  Kirchenform  entrungene  Predigten,
  im  Sinne  Luther's  und  des  neuen  Glaubensgeistes,  der
über  Deutschland  hereingebrochen  war,  schallten  von  den
Kanzeln.  Mehrere  Geistliche  thaten  den  unerhörten  Schritt,
sich  zu  verheirathen,  und  selbst  in  die  geistige  Stickluft  der
umdammten  und  verschanzten  Klöster  drang  die  frische  Morgenlust
  der  Reformation,  so  daß  manche  Nonne  dem  Kloster
entfloh  und  sich  dem  Weltleben  wieder  zuwendete,  welches
sie  in  übereilter  und  verblendeter  Schwärmerei  aufgegeben
und  sich  vielleicht  nur  zu  schnell  unter  bittern  Reuethranen
nach  demselben  zurückgesehnet  hatte.

Es  konnte  nicht  fehlen,  daß  bei  der  großen  geistigen  Aufregung,
  welche  die  Reformatson  über  Deutschland  brachte,
nicht  allenthalben  die  ndthige  Ruhe  und  klare  Ansicht  vorhanden
  war,  um  sie  gehdrig  zu  erfassen,  und  daß,  wenn
auf  einer  Seite  sich  das  Vorurtheil  ihrem  Gedeihen  entgegenstemmte,
  sie  auf  mancher  andern  Seite  wieder  mit  unersättlicher
  Hast  aufgegriffen  und  mit  Schwindel,  statt  mit  Begeisterung,
  auf  das  Leben  und  auf  die  Religion  angewendet
wurde.  Das  Gefühl  der  neuen  Freiheit,  in  welche  sich  die
Menschen  durch  sie  versetzt  fühlten,  war,  nach  dem  vorhergegangenen
  langen  Drucke,  zu  ermuthigend,  als  daß  es
        <pb n="183" />
        Die  Reformation.  147

nicht  hier  und  dort  haͤtte  in  Fieber  ausarten  sollen.  An  sich
waren  diese  Schwärmereien  vielleicht  der  Sache  der  Reformation
  nicht  so  nachtheilig,  als  es  schien,  vielmehr  lernte
man,  nachdem  sie  einmal  vorübergegangen  waren  (und  bestehen
  konnten  sie  ja  nicht),  um  so  besser  die  Mitte  und  das
Rechte  finden;  allein  sie  gaben  für  den  Augenblick  nicht  nur
Anlaß  zu  ärgerlichen  Verdrehungen  und  Verunglimpfungen
der  bessern  Sache,  welche  mit  den  Tollheiten  der  Schwärmer
  —  den  eigentlichen  Fieberschauern  der  in  einer  Crisis
befangenen,  aber  der  Genesung  zureifenden  Zeit  —  oft  genug
  in  einen  Nang  gestellt  wurde,  sondern  auch  zu  blutigen
Scenen.  Luther,  welcher  den  Verblendeten  zugleich  als
Panner  galt,  obschon  sie  ihn  nur  in  sehr  entstellter  Weise
erfaßten,  war  schmerzlich  über  diese  Vorfälle  ergriffen,  welche
dem  Erkennen  des  neuen  Lichtes  auch  allsogleich  das  gröbste
Mißverstehen  nachfolgen  ließen.  Er,  zum  Theil  die  unschuldige
  Ursache  solcher  Mißdeutungen,  hielt  es  nunmehr  auch
für  seine  Pflicht,  Alles  zu  Unterdrückung  derselben  anzuwenden,
  und  diese  Absicht  bewog  ihn  sogar,  gegen  den  Wunsch
und  Willen  seines  Beschützers,  des  Churfürsten  Friedrich,
die  Wartburg  zu  verlassen  und  (am  6.  März  1522)  nach
Wittenberg  zurückzukehren,  wo  sich  eben  damals  bedenkliche
Unruhen  entsponnen  hatten,  bei  denen  ein  Feuerkopf,  der  allerdings
  ursprünglich  das  Gute  wollte  und  im  Streite  Luthers
gegen  Eck,  sich  mit  großem  Eifer  auf  des  Erstern  Seite  gewendet
  hatte,  nämlich  Dr.  Karlstadt  (eigentlich  Bodenstein)
sehr  thätigen  Antheil  nahm.  Mit  andern  Schwärmern  in
Gemeinschaft  kommend  —  wovon  einer  den  Andern  immer
noch  toller  machte  —  brütete  er,  neben  manchen  guten  und
gesunden  Gedanken,  die  sich  leider  in  dem  Schlacken  des
übrigen  Unsinnes  verloren,  die  abentheuerlichsten  und  irrwitigsten
  Träaume  aus.  Schwankend  und  überreizt  in  ihren
Ideen,  und  unklar  obendrein  in  den  Mitteln  der  Ausführung,
konnten  sie  nicht  viel  Vernünftiges  zu  Stande  bringen.  Mit
dem  wunderlichen  Vorsatze,  der  Religion  jeden  materialen
Haltpunct  zu  rauben,  sie  ganz  und  gar  zu  vergeistigen,  wollten
  sie  nicht  nur  mit  einem  Male  den  Pabst  —  als  einen
10  *

152
        <pb n="184" />
        148  Die  Reformation.

sichtbaren  Stellvertreter  eines  uͤbersinnlichen  Reiches  —
mit  allen  seinen  Anhängseln  über  den  Haufen  werfen,  sondern
  auch,  neben  dem  ganzen  kirchlichen  Formenwesen,  die
Altaͤre,  Bildsaͤulen  und  Kirchengemaͤlde  zerstoͤren,  wie  es  um
acht  Jahrhunderte  früher  der  griechische  Kaiser  Leo  Isaurus
gehalten  hatte.  Der  allerdings  damals  bedeutende  Unfug
des  Bilderdienstes,  welcher  allmaͤlig  zu  einer  subtilen  Goͤtzendienerei
  herangewachsen  war,  hatte  sie  zu  diesen  Gedanken
veranlaßt,  und  sie  bedachten  nicht,  daß  durch  den  vereinfachenden
  Geist  der  Reformation  ohnedies  schon  die  Bedentsamkeit
  jener  Bilder,  welche  sich  die  Andacht  der  Menge  nach
und  nach  hergefabelt  hatte,  zu  Nichte  gemacht  und  die  denselben
  ungebührlicher  Weise  gezollte  Verehrung  abgestreift
werden  sollte.  Nebenbei  predigte  Karlstadt,  gegen  Luther's
Ueberzeugung,  daß  bei'm  Abendmahle  der  wahre  Leib  Christi
nicht  gegemwärtig  sey,  in  welcher  Meinung  ihm  auch  von
dem  Schweizerischen  Reformator  Ulrich  Zwingli  beigestimmt
wurde.  Luther,  welcher  —  sey  es  aus  Vorsicht,  um  nicht
gerade  durch  Verletzung  einer  kleineren,  beiläusigen  Glaubensform
  (die  allerdings  oft  wichtiger,  wenigstens  gefährlicher,
  als  eine  Hauptsache  ist)  das  ganze  Gebäude  auseinander
  zu  sprengen,  oder  sey  es  aus  wirklicher  individueller  Ueberzeugung
  —  hartnäckig  die  Gegenwart  des  wahren  Leibes
und  Blutes  Christi  behauptete,  reiste  in  Person  zu  Karlstadt
nach  Orlamünde,  um  ihm  den  Kopf  zurecht  zu  setzen.  Aber
dieser  stack  bereits  so  tief  in  seinen  fixen  Ideen  und  betrieb
seine  Bilderstürmerei  so  systematisch,  daß  Luther  nichts  mit
seinen  Ermahnungen  ausrichtete.  Karlstadt  predigte,  obgleich
man  ihm  als  Prediger  früher  schon  das  Handwerk  gelegt
hatte,  seine  Meinung  unermüdet  fort,  bis  er  später  die  chursächsischen
  Lande  räumen  mußte,  nach  längern  Hin=  und
Herirren  sich  endlich  zu  Basel  in  der  Schweiz  niederließ  und
dort  (1541)  in  einem  Lehramte  starb.  Diesen  Bilderstürmern
  gesellte  sich  bald  ein  anderer  Schwärmerhaufen  bei,
der  einen  Tuchknappen  von  Zwickau,  Nicolaus  Storch,  an
seiner  Spitze  hatte.  Dieser  hatte  fortwährend  göttliche  Ofsenbarungen
  und  Erscheinungen,  pflegte  sehr  intimen  Um-
        <pb n="185" />
        Die  Reformation.  149

gang  mit  Engeln,  und  nahm,  wie  Karlstadt,  großes  Aergerniß
  an  allem  Positiven  der  Religion,  daher  er  ebenfalls  vollkommen
  mit  dem  Sturme  gegen  die  Bilder  und  Statuͤen
einverstanden  war.  Luther's  Ruͤckkehr  nach  Wittenberg,
seine  auf  Kanzel  und  Cakheder  kräftig  ausgesprochene  Mißbiligung
  und  Widerlegung  dieser  Hirnwirbeleien  brachte
ziemlich  wieder  Ruhe  zuwege  und  wußte  die  öffentliche
Stimme  so  nachdrücklich  gegen  sie  zu  gewinnen,  daß  wenigstens
  weitere  Ansteckung  und  Verbreitung  dieses  Uebels  in
Wittenberg  verhütet  wurde  und  die  Schwärmer  sich  weiterhin,
  nach  Franken  und  Thöringen  wandten,  wodurch  für
den  Augenblick  Ruhe  eintrat.

Auf  einem  Reichstage  zu  Nürnberg,  den  man  Ende  1522
hielt,  versuchte  Pabst  Adrian  VI.  —  ein  Mann  von  übrigens
  aufgeklärten  und  rechtlichen  Ansichten,  der  aber  gleichwohl,
  vielleicht  mehr  äußerlich,  etwas  zur  Rettung  des  roͤ—
mischen  Hofes  thun  mußte  —  das  Wormser  Edikt,  welches
nun  schon  so  lange,  ohne  sich  entladen  zu  können,  am  Himmel
  hing,  in  Anwendung  zu  bringen,  und  forderte  die  Reichsstände
  auf,  die  Acht  und  den  Bann  an  Luther  und  dessen
Anhängern  zu  vollstrecken.  Die  Stände  zeigten  sich  zwar
hierzu  nicht  ganz  abgeneigt,  bezeigten  aber  noch  mehr  ihr
Bedenken  über  die  Moglichkeit  der  Ausführung,  indem  sie
den  großen  Fortgang  und  den  bedeutenden  Schutz,  welchen
die  Luther'sche  Lehre  schon  damals  genoß,  schilderten.  Gegen
  den  Antrag  der  Stände,  daß  man  in  Sachsen  allen
religidsen  Neuerungen  so  lange  Einhalt  thun  moͤge,  bis  die
Streitsache  auf  einer  allgemeinen  Kirchenversammlung  näherer
  Prüfung  unterworfen  worden  wäre,  protestirte  der  chursächsische
  Abgesandte  auf  das  Entscheidenste.  Dagegen  überraschten
  die  Stände  den  päbstlichen  Abgesandten  durch  nicht
mehr  als  100  Beschwerden,  welche  sie  ihm  gegen  die  Ungebührnisse
  des  römischen  Stuhls  übergaben.  Noch  ernsthafter
suchte,  auf  einem  spätern  Reichstage  zu  Nürnberg  (1524),  1521
der  Pabst  Elemens  VII.  auf  Vollziehung  des  Wormser
Edicte  zu  dringen.  Aber  auch  hier  verblieb  es  bei  den  fräheren
  Gegenbedenklichkeiten  der  Stände,  die  Untersuchung
        <pb n="186" />
        150  Der  Bauernkrieg.

einem  allgemeinen  Kirchenconcilium  zu  uͤberlassen,  und  bei
der  Protestation  Chursachsens.  Die  Reformation  ging  so—
nach  ungestoͤrt  ihren  Gang  fort,  und  es  konnte  wenig  schaden,
  daß  einige  Fürsten  des  deutschen  Reichs  sich  zu  Schutz
und  Trutz  verbanden,  die  lutherischen  Lehren  und  Meinungen
  in  ihren  Ländern  auf  das  Strengste  zu  unterdrücken,
vielmehr  mußte  diese  von  der  ohngleich  kleinern  Partei  geschlossene
  Verbindung  dem  andern  Theile  eine  Ermunterung
seyn,  sich  noch  näher  an  einander  anzuschließen,  so  daß  schon
von  hier  aus  eine  stillschweigende  Union  der  evangelisch  gesinnten
  Kräfte  anzunehmen  ist.  In  Chursachsen  schritt  man,
nachdem  der  geistige  Bau  der  Reformation  festgestellt  war,
nunmehr  auch  allmählig  zu  Säuberung  und  Vereinfachung
der  Formen,  obschon  man  mit  Recht  just  bei  den  Aeußerlichkeiten
  vorsichtiger,  als  bei  dem  innern  Wesen  selbst  verfuhr.
  Man  schaffte  den  Meßkanon  ab,  und  Luther  vertauschte
  seine  vorherige  Mdnchskutte  mit  dem  schwarzen
Priesterrocke,  in  welcher  Tracht  ihm  alle  Priester  nachfolgten,
  die  in  seinem  Geiste  wirkten  und  lehrten.

1521  Neben  manchen  schwärmerischen  Possen,  welche,  wie  die

3  eines  Nicolaus  Storch  und  Consorten,  unter  den  Strahlen
der  Reformation  als  unausbleibliches  Unkraut  zur  Reife  kamen,
  fand  Letztere  auch  manchen  andern,  schon  seit  lange
aufgehäuften  Zündstoff  vor,  der  in  der  allgemeinen  Reibung
der  Kräfte,  welche  jetzt  durch  Deutschland  walteten,  nunmehr
  zur  Entladung  gebracht  wurde.  Hieher  gehdrt  der  sogenannte
  Bauernkrieg,  der,  durch  die  harten  Bedruckungen,
unter  denen  der  Landmann  seufzte,  schon  seit  Anfange  des
sechszehnten  Jahrhunderts  vorbereitet  war  und  durch  das  Zusammentreffen
  der  aus  Wittenberg  und  Zwickau  verdrängten
Schwärmer  mit  dem  unzufriedenen  Landvolke  in  Schwaben,
Thüringen  und  Franken  endlich  ausbrach.  Der  fast  unumschränkten
  Wialkühr  der  Ritter  und  Edelleute  hingegeben,
mit  Frohnen,  Lasten  und  Abgaben  auf  das  Empörendste  gedrückt,
  nur  geschaffen,  den  rohen  Begierden  und  dem  übermüöthigen
  Despotismus  ihrer  Frohnherren  zu  dienen,  lebten
die  Bauern  in  einem  Zustande,  der  sie  wenig  mehr,  als  das
        <pb n="187" />
        Der  Bauernkrieg.  151

Vieh,  beguͤnstigte  und  von  welchem  unsere  Zeit,  zu  ihrem
Heile,  kaum  noch  eine  Ahnung  haben  duͤrfte.  Stumpfsinn
und  beinahe  thierische  Mangelhaftigkeit  der  Verstandeskraͤfte,
welche  durch  das  über  sie  verhaͤngte  thierische  Joch,  wandellos
  in  ihren  engen  Schranken  erhalten  wurden,  ließen
diese  Unglücklichen  in  ihrem  Elende  bald  eine  Gewohnheit
finden  und  sie  waren  so  ziemlich  einig  darüber,  daß  sie,
gleich  dem  Viehe  gehalten,  auch  nicht  viel  mehr,  als  dessen
Ansprüche  theilten.  Den  geistbefangenden  Dunst,  welchen
—  in  edler  Brüderschaft  mit  dem  faulen,  fühllosen  Aristokratismus,
  der  sich  die  Menschheit  und  ihren  Jammer
zuckend  und  lebend,  gleich  einer  Auster,  ruhig  über  die  Zunge
gleiten  läßt  —  die  Mutter  Kirche  um  das  Hirn  jener  Erbarmungswürdigen
  zu  erhalten  wußte,  mehrte  diesen  passiven
  Stumpfsinn,  und  so  durften  die  Ritter  und  edlen  Herren
  in  Gemächlichkeit  den  Todesschweiß  ihrer  Bauern  verdauen,
  ohne  Indigestionen  befürchten  zu  dürfen.  Aber  die
Zeit  ward  anders;  das  neue  Licht,  welches  über  dem  Dome
zu  Wittenberg  aufleuchtete,  fand  seinen  Weg  eben  so  leicht
zu  den  Jammerhöbhlen  der  unterdrückten  Menschheit,  als  zu
den  Audienzzimmern  der  deutschen  Fürsten  und  zu  dem  Saale
der  Kirchenconcilien.  Ein  mächtiges,  seit  lange  nicht  mehr
gehörtes  Wort:  Geistesfreiheit,  dröhnte  über  die  deutsche
Erde,  es  weckte  auch  den  geschundenen  Bauer  aus  seinem
schmerzerschöpften  Halbschlummer,  der  Klang  einer  Freiheit
zuckte  allgewaltig  durch  sein  verdumpftes  Wesen  und  riß
ihn  in  die  Hôhe.  Er  bemerkte  zum  ersten  Male,  daß  er
eben  so  aufrecht  stehen  köonne,  als  der  Junker,  der  ihn  in
den  Staub  bog,  und  daß  seine  Stirn  eben  so  dem  Himmel
zugerichtet  sey,  als  die  des  frechen  Ritters,  der  ihm  nur  auf
den  Scheitel  sehen  wollte.  Freilich  vermeinten  die  Armen,
noch  befangen  vom  langen,  gewaltsamen  Geistesschlummer,
daß  die  Reformation  ihnen,  statt  geistiger  Freiheit,  eine  grob
positive  bringen  werde,  sie  glaubten,  eine  Gleichstellung  der
Stände,  eine  Abschaffung  der  Frohnen  von  ihr  zu  erhalten,
Dinge,  welche  die  Reformation  freilich  erst  durch  lange
Reihefolgen  der  Zeit  entwickeln  und  herbeiführen  konn-
        <pb n="188" />
        152  Der  Bauernkrieg.

te.  Im  Grunde  war  der  Irrthum  dieser  Bauern  nicht  aͤrger,
  als  der  einstige  der  Juden,  welche  von  Christus  ebenfalls
  die  Erkämpfung  einer  politischen  Freiheit  erwarteten
und  erst  dann  ihn  aufgaben,  als  sie  bemerkten,  daß  die
Richtung  seines  Strebens  sich  auf  ein  ganz  anderes  Ziel
lenke.  Die  Bauern,  einmal  in  dem  Traume  einer  urplötzlichen
  Freiheit  befangen,  suchten  ihre  im  Ganzen  nicht  mehr
als  naturrechtlichen  Wünsche  und  Hoffnungen  —  nämlich:
billige  Vertheilung  und  zweckmäßige  Verwendung  der  Abgaben,
  Sicherstellung  gegen  Willkührlichkesten  ihrer  Herrschaft,
pflichtmäßige  Verwahrung  ihres  Eigenthums,  Milderung  der
schändlichen  Leibeigenschaft,  kurz  gesetzliche  Menschenrechte  —
auf  dem  Wege  des  Rechtes  und  des  Gesetzes  zu  erlangen.
Kläglicher  Irrthum  dieser  Unglücklichen!  Gegen  sie  gab  es
tausend  Rechte  und  Gesetze,  für  sie  nicht  Eines;  daher  blieben
  ihre  Vorstellungen  ohne  den  mindesten  Erfolg.  So  zurückgestoßen,
  ward  das  kaum  in  ihnen  geweckte  Menschengefühl
  zum  Wahnsinn.  Sie  rotteten  sich  zusammen  und
verlangten  mit  Gewalt  ihr  Recht,  so  wie  auch  freie  Ausübung
  ihres  Glaubens,  der  freilich  ein  wenig  bunt  aussehen
mochte.  Ihre  Zuversicht  wuchs,  als  einige  mächtige  Herren
sich,  wenn  auch  auf  versteckte  Weise,  zu  ihnen  schlugen,  natürlich
  um  sich  ihrer  zu  selbstsüchtigen  Zwecken  zu  bedienen.
Luther  erschrak  heftig  über  diese  Unordnungen  und  hatte  um
so  mehr  Ursache  sich  zu  betrüben,  weil  die  Bauern  ihn,  wider
  seinen  Willen,  als  ihren  Messias  betrachteten  und  sich
auf  ihn  beriefen.  Er  wendete  sich  mit  wiederholten  Ermahnungen
  an  sie  und  ließ  es  an  mündlichen  und  schriftlichen
Beschwörungen  nicht  fehlen,  um  sie  zur  Ruhe  zu  bringen.
Da  sie  aber  störrisch  auf  ihre  Forderungen  beharrten  und
jede  Mahnung,  davon  abzustehen,  zurückwiesen,  ergrimmte
der  hitzige  Luther  so  arg,  daß  er  selbst  die  Fürsten  gegen  sie
aufrief  und  sie  in  Masse  todtzuschlagen  rieth.  Die  sinnlosen
Anseichten  der  Bauern,  verbunden  mit  den  wüthenden  Grausamkeiten,
  welche  sie  in  Schwaben  und  Franken  begingen,
mochten  ihm  mit  Recht  einen  Abscheu  gegen  sie  einflößen,
aber  das  erbarmungslose  Verdammungsurtheil,  womit  er
        <pb n="189" />
        Der  Bauernkrieg.  153

die  Vernichtung  uͤber  sie  hereinzurufen  sich  vermaß,  zeigt
dennoch,  daß  Luther  den  Entwickelungsproceß  einer  allgemeinen
  Idee  der  Menschheit  zu  wenig  kannte  und  mit  zu  ungeduldigen
  Augen  ansah.  Die  Niederlage,  welche  die  aufrührischen
  Bauern  durch  den  schwäbischen  Bund  erlitten,
machte  sie  nicht  verzagen,  vielmehr  wuchs  ihr  Anhang  von
Tage  zu  Tage,  und  bald  theilte  sich  dieses  Uebel  auch  Sachsen,
  besonders  Thüringen  mit.  Hier  stellte  sich  ein  gewisser
Thomas  Münzer  —  der  früher  Prediger  in  Zwickau  war,
von  dort  weggewiesen  aber  sich  im  Thüringischen  niederließ
—  an  ihre  Spitze.  Er  war  ein  wilder  Gegner  des  Pabstes
und  harte  —  vielleicht  weil  Luther  ihm  noch  immer  zu  besonnen
  und  vorsichtig  zu  Werke  ging,  oder  weil  derselbe  gegen
  den  Freiheitsschwindel  der  Bauern  aus  allen  Kräften
eiferte  —  auch  einen  Haß  auf  diesen  geworfen,  dem  er  keinen
  schlimmern  Titel  zu  geben  wußte,  als  daß  er  ihn  einen
zweiten  Pabst  nannte.  Auch  er  rühmte  sich,  gleich  Karlstadt,
  göttlicher  Offenbarungen,  predigte  Gemeinschaft  der
Güter  und  Gleichstellung  aller  Rechte  und  bestand  hauptsächlich
  auf  einer  nochmaligen  Tause  in  reiferem  Alter,  weil,
wie  er  als  Grund  anführte,  die  Kindertaufe  eine  rein  passive
  Handlung  sey  und  daher  kein  bindendes  Recht  auf  den
Menschen  ube.  Wie  von  Wittenberg,  so  auch  von  Allstädt
weggewiesen,  erwählte  er,  nach  langem  Umhertreiben,  Mühlhausen
  zu  seinem  Schauplatze,  jagte  den  dortigen  Rath  fort
und  verwaltete  mit  seinen  Anhängern  selbst  die  Justiz,  trug
seine  Lehre  von  einer  Gütergemeinschaft  in's  praktische  Leben
  uber  und,  damit  diese  Gütergemeinschaft  auch  nicht  unersprießlich
  sey,  beraubte  er  Kirchen  und  Klöster  ihrer  Reichthumer
  und  ließ  die  Reichen,  welche  sich  zu  der  Theilung
nicht  verstehen  wollten,  hinaus  treiben  oder  sonst  stumm
machen.  Der  ärmere  Theil  —  zugleich  auch  bei  weitem  der
größere  —  welcher  bei  diesem  Verfahren  seinen  bequemsten
Vortheil  ersah,  lief  ihm  haufenweise  zu;  die  Handwerker
warsen  ihre  Werkzeuge,  die  Bauern  ihren  Pflug  und  ihre
Sense  hin  und  schlossen  sich  Münzer's  republicanisch=  wiedertäuferischer
  Horde  an.  Bald  liefen  ihm  auch  die  auf-
        <pb n="190" />
        1525

154  Der  Bauernkrieg.

ruͤhrischen  schwaͤbischen  und  fraͤnkischen  Bauern  zu,  und  so
hatte  Muͤnzer  binnen  kurzem  ein  der  Anzahl  nach  starkes
Heer  beisammen,  mit  welchem  er  seinen  Menschenbefreiungskampf
  recht  leicht  zu  bewerkstelligen  hoffte.  Wenigstens  traf
er  sehr  ernsthafte  Maßregeln  hierzu,  indem  er  z.  B.  das
Franciskanerkloster  zu  Muͤhlhausen  in  eine  Stuͤckgießerei  verwandelte
  und  hierdurch  seine  Bauern  auf  besten  kriegerischen
Fuß  zu  stellen  glaubte.  Sein  Adjutant  und  Vertrauter,
Pfeifer,  fruͤher  ein  Moͤnch,  an  Schwaͤrmerei  ihm  gleich,
an  Tollkuͤhnheit  ihm  uͤberlegen,  ging  mit  den  verwegensten
Bauern  gern  auf's  Marodiren  aus  und  unternahm  räuberische
  Streifzuͤge  in  die  Gebiete  der  benachbarten  Herren,
so  daß  allmaͤhlig  die  Ruhe  und  Sicherheit  von  ganz  Deutschland
  gefaͤhrdet  wurde.  Daher  sahen  sich  die  Herzoͤge  von
Sachsen,  in  Verbindung  mit  dem  Herzog  Heinrich  von
Braunschweig  und  dem  Landgrafen  Philipp  von  Hessen,  genèthigt,
  diesen  Unruhen  mit  Gewalt  ein  Ende  zu  machen
und  die  Aufrührer  aus  einander  zu  jagen.  Man  ließ  ihnen
vorher  Gnade  zusichern,  wenn  sie  ihre  Anföhrer  ausliefern
und  friedlich  aus  einander  gehen  wollten.  Aber  Muͤnzer  hatte
ihnen  vorgespiegelt,  daß  der  Himmel  durch  ein  directes  Wunder
  ihre  Feinde  vernichten  werde,  sich  auch  verbindlich  gemacht,
  die  Kanonenkugeln  mit  seinen  Aermeln  außzufangen,
und  was  sonst  für  übernatürliche  Dinge  den  Sieg  erringen
helfen  sollten.  Die  Bauern,  im  tollen  Glauben  an  ihres
Führers  göttliche  Sendung,  vom  Nachedurst  gegen  ihre  Unterdrücker
  entzündet,  wiesen  jede  Unterhandlung  ab.  Munzer,
welcher  sich  mit  8000  Bauern  bei  Frankenhausen  gelagert
hatte,  erwartete,  in  trotziger  Zuversicht  auf  die  Wunder  des
Himmels  und  die  Begeisterung  seiner  wilden  Truppen,  die
Schlacht,  welche  am  15.  Mai  1525  blutig  entscheidend  her—
einbrach:  5000  Bauern  wurden  erschlagen,  und  was  von
den  Uebrigbleibenden  nicht  den  Siegern  in  die  Hände  fiel,
floh  vereinzelt  in  das  Innere  von  Franken  und  Thüringen.
Mänzer  ward  in  Frankenhausen,  wo  er  sich  zu  verbergen
suchte,  ertappt,  und  in  Mühlhaufen  hingerschtet.  Ein  gleiches
Ende  traf  seinen  Gefährten  Pfeifer  und  noch  viele  Andere
        <pb n="191" />
        Friedrich's  des  Weisen  Tod.  155

seiner  Mitraͤdelsfuͤhrer.  Der  schreckliche  Untergang  dieser
Maͤnner  half  auch  die  Unruhen  in  den  andern  Gegenden
Sachsens  unterdruͤcken.  Die  entsetzten  Bauern  krochen  zu
Kreuze,  leisteten  wieder  ihre  Frohnen,  ließen  sich  auf's  Neue
von  ihren  Edelleuten  schinden,  kurz  sie  wurden  wieder  ruhige,
  gute  Unterthanen,  wie  man  sie  in  jeder  Zeit  der  schmählichen
  Herrengewalt  nur  wönschen  und  brauchen  konnte.

Der  Friedensengel,  der  im  Leben  treu  neben  Churfürst  Friedrich
  dem  Weisen  ausgeharrt  hatte,  wollte  ihn  nicht  den  blutigen
  Tag  von  Frankenhausen  sehen  lassen  und  entrückte  ihn
um  zehn  Tage  früher  einer  Welt,  deren  Kämpfe  den  greisen
Färsten  zu  ermüden  begannen.  Am  5.  Mai  starb  Friedrich
der  Weise  im  drei  und  sechszigsten  Lebensjahre,  auf  dem
Schlosse  Lochau,  als  ein  wahrer  christlicher  Fürst.  Die  unruhvolle
  Zeit  und  die  vielfachen  Stürme,  welche  die  Ruhe
seines  Abendhimmels  stdrten,  hatten  ihn  gleichgültig  für  das
Leben  gemacht,  und  vierzehn  Tage  vor  seinem  Ende  sagte  er
daher  im  Vorgefühle  seines  Todes,  mit  Ergebung  zu  einem
seiner  Kammerdiener:  „Wenn  mein  lieber  Gott  will,  so  will
ich  gern  von  dieser  Welt,  denn  es  ist  doch  weder  Lieb'  noch
Wahrheit,  weder  Treue  noch  nichts  Gutes  hier  auf  Erden!“
Inniger  schloß  er,  die  nahe  Trennung  vor  Augen,  sich  noch
an  die  an,  welche  er  liebte,  und  begrüßte  seinen  treuen  Spalatin,
  welcher  zu  ihm  kam,  mit  den  Worten:  „Ihr  thut
wohl,  daß  Ihr  zu  mir  kommt,  denn  Kranke  soll  man  besuchen.“
  Und  in  Liebe,  wie  er  gelebt,  auch  aus  dieser  Welt
zu  scheiden,  achtete  der  gottesfürchtige  Fürst  nicht  zu  gering,
selbst  seine  Diener  um  Verzeihung  zu  bitten,  falls  er  sie
unverdient  gekränkt:  „Lieben  Kinder,  ich  bitte  Euch  um  Gottes
  Willen,  wo  ich  Euer  einen  irgends  erzürnt  hätte,  es  sey
mit  Worten  oder  Werken,  ihr  wollet  mir's  um  Gottes
Willen  vergeben,  und  wollet  andre  Leute  auch  bitten,  sie
wollten  mir's  um  Gottes  Willen  vergeben.  Denn  wir  Fürsten
  thun  den  armen  Leuten  allerlei  Beschwerung,  und  das
nicht  taugt.“  Thränen  aller  Anwesenden  antworteten  ihm.
Wenige  Stunden  vor  seinem  Ende  gedachte  er  noch  mit
rührender  Freundschaft  Luther's  und  wünschte  ihn  herbei,
        <pb n="192" />
        156  Friedrich's  des  Weisen  Tod,

um  ihm  Lebewohl  zu  sagen;  man  sendete  auch  nach  demselben,
  fand  ihn  aber  nicht,  weil  er  eben  sich  am  Harze  befand.
  Nachdem  Friedrich  der  Weise  noch  das  Abendmahl
unter  beiderlei  Gestalt  eingenommen,  mithin  sterbend  sich
zur  neuen  Lehre  bekannt  hatte,  die  er  lebend  zwar  mit  bester
  Kraft  zu  schützen,  aber  nicht  unmittelbar  sich  für  sie  zu
erklären  pflegte,  schlummerte  er  sanft,  wie  der  Gerechte,  ein,
um  nicht  wieder  zu  erwachen,  und  Dr.  Auerbach  sprach  segnend
  dic  bezeichnenden  Worte  über  den  Verklárten:  „kuit
filius  pacis,  ideo  pacifice  obi##t“  —  er  war  ein  Sohn
des  Friedens,  darum  schied  er  in  Frieden  dahin.  In  der
Schloßkirche  zu  Wittenberg,  welche  Stadt  er  durch  die  von
ihm  gegründete  Universität  berühmt  gemacht  hatte,  fand  er
seine  Schlummerstatte.

In  Friedrich  dem  Weisen  sank  die  schonste  und  erste
Säule,  an  welcher  die  Frühsprossen  der  Reformatson  sich
aufgerankt  hatten.  Wie  schon  bemerkt,  hatte  er  sich  nie
offen  und  mit  klaren  Worten  für  sie  erklärt,)  allein  sein
Glaubensbekenntniß  lag  in  Handlungen,  nicht  in  Formeln.
Er  hatte  der  Reformation  allen  moglichen  Vorschub  geleistet,
hatte  ihr  in  seinen  Staaten  Kanzeln  und  Lehrstühle  eingerdumt,
  um  sie  zu  verkünden  und  zu  vertheidigen,  hatte,
ohne  offene  Gewalt  zu  brauchen,  die  gegen  die  neue  Lehre
und  ihre  Verkünder  geschleuderten  Bannstrahlen  des  Pabsteé
aufgefangen  und  sie  unschädlich  zu  machen  gewußt,  selbst
den,  kirchlichen  Einflüssen  nicht  abholden  Kaiser  neutralisirt;
kurz  er  hatte  die  Reformation  unter  seinem  Herzen  genährt
und  gepflegt,  sie  war  gewissermaßen  sein  Kind,  nur  daß  sie
nicht  seinen  Namen  trug.  —  Mit  Recht  folgte  seiner,  der
Erde  entfliehenden  Seele  das  Zeugniß  nach:  daß  er  ein  Sohn
des  Friedens  gewesen;  denn  troß  der  unruhvollen,  gährungs-——



»)  Sehr  treffend  urtheilt  Böttiger  in  seiner  geistvollen  sächsischen
Geschichte:  „es  war  gut,  daß  die  Reformatson  nicht  eher  Sache
der  Fürsten  wurde,  als  bis  sie  Sache  des  Volkes  geworden
war.“
        <pb n="193" />
        Friedrich's  des  Weisen  Tod.  157

reichen  Zeit,  hatte  er  im  Laufe  seiner  ganzen  Regierung
keinen  Krieg  gefuͤhrt.  Seine  politische  Besonnenheit,  die
Achtung  und  der  Einfluß,  welchen  er  als  einer  der  mächtigsten
  Fuͤrsten  und  redlichsten  Maͤnner  genoß,  hatten  es  immer
  gefügt,  daß  er  durch  friedliche  Verhandlungen  eben
dasselbe  bezweckte,  was  ein  Anderer  nur  durch  Hilfe  des
Schwertes  errungen  haben  würde.  Ohne  ein  hartnäckiges
Widerstreben  zu  dußern,  hatte  er  gleichwohl  Luther'n  und
dessen  Lehre  gegen  den  Bann  des  römischen  Stuhles,  wic
gegen  die  vom  Kaiser  ausgesprochene  Reichsacht  beschuͤtzt,
dabei  aber  dennoch  die  Achtung  gegen  Beide  nicht  verletzt,
indem  er  nur  den  Einwand  walten  ließ,  daß  er  Luther'n
nicht  eher  der  Strafe  des  Bannes  und  der  Acht  für  verfallen
  ansähe,  bis  derselbe,  sammt  scihen  aufgestellten  Grundsätzen,
  befriedigend  widerlegt  worden  sey.  Indem  er  es
vermied,  offene  Gewalt  anzuwenden,  bewog  er  die  Gegner
der  Reformation,  ihn  bei  diesen  friedlichen  Gesinnungen  zu
erhalten  und  die  von  ihm  vertretene  Sache  nicht  mit  besonderem
  Eifer  anzugreifen.  Ein  Religionskrieg,  im  Beginne
der  Reformation,  würde  leicht  den  ganzen  jungen  Bau  daniedergeworfen
  haben;  allein  unter  dem  langen  Frieden  des
weisen  Churfürsten  bereits  erstarkt  und  besser  eingewurzelt,
durfte  sie  später  losbrechende  Stürme  weit  weniger  scheuen.
Er  batte  die  größte  Saat  der  Zeit  reifen  sehen,  und,  ein
weiser  Gärtner,  wollte  er  das  Wachsthum  derselben  weder
hemmen,  noch  unzeitig  beschleunigen.  Dadurch  gewann  die
Frucht  an  natürlicher  Kraft  und  innerm  Halte,  und  die
Erndte,  welche  freilich  eigentlich  erst  uber  seinem  Grabe  gedieh,
  segnete  sein  Andenken.  —  Wie  man  glaubt,  aus  liebender
  Rücksicht  für  seinen  Bruder  Johann  und  dessen  Nachkommenschaft,
  blieb  Friedrich  unvermchlt.  Daß  aber  ein
so  warmes,  empfindungsreiches  Gemüth,  wie  das  seine,  sich
auch  der  Liebe  bedürftig  fühlen  mußte,  darf  wohl  nicht
Wunder  nehmen.  Gleichwohl  verleitete  ihn  dieses  Bündniß
nie  zu  Aufwand  oder  besondern  Protectionen.  Zwei  natürlichen
  Söhnen,  welche  ihm  eine  gewisse  Anna  Weller  aus
Moͤllsdorf  gebar,  vermachte  er  in  seinem  letzten  Testamente
        <pb n="194" />
        158  Johann  der  Bestaͤndige.

(1525)  das  Schloß  Jessen,  nebst  1000  Gulden  jahrlichen
Einkommens.  Nicht  minder  bedachte  er  darin  seine  Diener
sehr  großmüthig,  wie  sein  Hofprediger  Spalatin  dankbar
erwähnt.

Es  gehdrte  zu  den  glücklichsten  Wahlen  des  waltenden
Schicksals,  daß  es  dem  besonnenen,  weise  vermittelnden
Friedrich  —  der  so  ganz  geschaffen  war,  die  entstehende
Reformation  zu  vertreten  —  den  feurigen,  sinnesfesten  Johann
  folgen  ließ,  der  wiederum  ganz  der  Mann  war,  der
mittlerweile  schon  zu  einer  gewissen  Selbstständigkeit  gediehenen
  Reformation  —  welche  jetzt  mehr  eines  kräftigen  Vertheidigers,
  als,  wie  früher,  eines  Beschützers  bedurfte  —  in
ihrem  Fortgange  zu  befördern  und  zu  stüßen.  Johann
hatie,  neben  der  Liebe  zu  Künsten  und  Wissenschaften,  ssch
auch  frühzeitig  im  Dienste  des  Kriegs  versucht  und  war
dem  ritterlichen  Maximilian  I.  auf  verschiedenen  Kriegszügen
  gefolgt,  wo  er  sich  zuerst  im  Kriege  gegen  die  Ungarn
rühmlichst  auszeichnete  und  Einer  der  Ersten  die  Mauern
von  Stulweißenburg  erstieg.  Auch  an  dem  Zuge  gegen  die
aufrührischen  Bauern  hatteer  Theilgenommen.  Hatte  Friedrich,
obgleich  innerlich  für  die  Wahrheiten  der  Reformation  erglähend,
  dieselbe  vor  der  Welt  doch  gleichsam  nur  bingehen
lassen,  so  erklärte  sich  Johann  sogleich,  mit  aller  Offenheit
und  ohne  alle  Räcksicht,  für  dieselbe,  in  weichen  Grundsätzen
sich  sein  Sohn  Johann  Friedrich  auf  das  innigste  an  ihn
anschloß.  Zu  ihnen  gesellte  sich,  mit  gleicher  Begeisterung
für  die  Sache,  der  biedere  Landgraf  Philipp  von  Hessen,
ein  treuer  Kämpfer  im  Dienste  des  Glaubens  und  der  Ueberzeugung.
  Gemeinschaftlich  wurden  sie  bald  darauf  in  die
sogenannten  „Packischen  Händel“  hineingezogen,  welche  zu
großen  Gährungen  Anlaß  gaben.  Otto  von  Pack,  aus  einer
  angesehenen  Meißnischen  Familie,  und  mit  hinlänglichen
Kenntnissen  ausgerästet,  ward  frühzeitig  in  der  Kanzelei
Herzog  Georgs  angestellt,  wo  er,  durch  Fleiß  und  Treuc,
bald  zum  Vicekanzler  stieg,  dann  aber  sich  von  dem  herzoglichen
  Hofe  beleidigt  glaubte  und  in  die  Dienste  des  Landgrasen
  Philipp  von  Hessen  trat,  welchem  er  im  Februar
        <pb n="195" />
        Johann  der  Bestaͤndige.  159

1528  zu  Dresden  das  angebliche  Original  einer  Bundesurkunde
  zeigte,  ihm  auch  dasselbe  in  die  Haͤnde  zu  spielen  versprach,
  wenn  ihm  der  Landgraf  4000  Gulden  zu  Bestechung
der  Beamten  verwillige.  Diese  Urkunde  enthielt  ein  am  12.
Mai  1527  zu  Breslau  zwischen  dem  freilich  sehr  katholischen
Ferdinand  von  Boͤhmen,  den  Churfuͤrsten  von  Mainz  und
Brandenburg,  dem  Herzoge  von  Baiern,  dem  Erzbischof  von
Salzburg,  den  Bischoͤfen  von  Bamberg  und  Wuͤrzburg  und
dem  Herzog  Georg  von  Sachsen,  abgeschlossenes  geheimes
Buͤndniß,  welches  dahin  zielte,  erstlich,  den  Koͤnig  Ferdinand
in  den  Besitz  von  Ungarn  zu  bringen,  desgleichen  mit  gemeinschaftlichen
  Kräften  die  Reformation  und  ihre  Anhänger
  niederzudrücken,  besonders  aber  dem  Churfürsten  Johann
von  Sachsen  durch  Gewalt  der  Waffen  die  Wahl  zu  lassen,
ob  er  Luther'n  und  die  Mitketzer  ausliefern  und  im  Punkte
der  Religion  Alles  wieder  in  den  vorigen  Stand  bringen,
oder  Land  und  Würden  verlieren  wolle;  in  welchem  letztern
Falle  dem  Herzog  Georg  der  größte  Theil  des  Landes  verbleiben
  und  der  übrige  an  Ferdinand  und  den  Churfürsten
von  Brandenburg,  ingleichen  an  die  fränkischen  Bischdfe  fallen
  sollte.  Dieselbe  Wahl  sollte  auch  dem  Landgraf  Philipp
  gestellt  werden,  obschon  man  ihm,  in  Rücksicht  auf  seine
Jugend,  sein  Land  zurückzugeben  einig  geworden  war.  Der
reizbare  Philiop  gerieth  bei  Einsicht  dieser  von  Pack  ihm  gezeigten
  Urkunden  in  heftigen  Zorn  und  reis'te  ohne  Weiteres
  zu  Churfürst  Johann,  den  er  in  Weimar  traf,  ihm  die
gemachte  Entdeckung  in  aller  Hitze  mittheilte,  und  da  auch
dieser  auf  seiner  Hut  seyn  zu  müssen  glaubte,  am  9.  März
mit  ihm  ein  Bündniß  gegen  die  verschwornen  Fürsten  abschloß
  und  sofort  mit  demselben  wegen  eines  Vertheidigungsplanes
  übereinkam.  Der  feurige,  ungeduldige  Philipp  wollte,
ohne  erst  offene  Schritte  der  Verschwornen  abzuwarten,  allsogleich
  zum  Angriff  gegen  dieselben  schreiten.  Johann's  Räthe

  und  Freunde  waren  aber  mit  diesem  gewaltsamen  Verfahren

  nicht  einverstanden,  sondern  vielmehr  der  nicht  unklugen
  Meinung,  man  müsse  doch  sich  nicht  unbedingt  von
dem  Vertrauen  zu  einer  leicht  zu  verfälschenden  Schrift,  lei-1528
        <pb n="196" />
        160  Johann  der  Beständige.

ten  lassen,  besonders  bei  so  gewichtigem  Unternehmen,  son—
dern  die  jenes  geheimen  Buͤndnisses  beschuldigten  Fuͤrsten  erst
befragen,  ob  sie  wirklich  dieses  Anschlages  schuldig,  und  selbst
im  Falle  ihres  Eingestaͤndnisses,  sie  lieber  auf  guͤtliche  Weise
zu  dem  Rechten  zuruͤckzubringen  suchen.  Der  ungeduldige
Philipp  mochte  diese  Bedaͤchtigkeiten  und  Erwaͤgungen  nicht
erst  abwarten,  sondern  fiel,  ohne  sich  von  den  Abmahnungen
  des  Churfuͤrsten  bewegen  zu  lassen,  mit  einem  bedeuten—
den  Heere  in  das  Mainzische  und  Bambergische  Gebiet  ein.
Hier  erst  ließ  ihn  die  Besorgniß  —  daß  der  Churfuͤrst  viel—
leicht,  von  seinen  Raͤthen  bewogen,  ihn  mitten  in  der  Gefahr
im  Stiche  lassen  moͤchte  —  zu  der  vorher  versaͤumten  fried—
lichen  Maßregel  schreiten,  seinem  Schwiegervater,  dem  Herzog
  Georg,  schriftlich  das  demselben  angeschuldigte  feindselige
Bündniß  vorzuhalten.  Dieser  war,  oder  zeigte  sich  über  diese
Anklage  sehr  bestürzt  und  betheuerte,  daß  zu  cinem  Bündnisse
  dieser  Art  nie  die  entfernteste  Idee  vorhanden  gewesen
und  daß  diese  ganze  Sache  ein  Hirngespinst  und  das  Werk
lägnerischer  Verldumdung  sey.  Eine  gleiche  Antwort  ertheilten
  die  sämmtlichen,  dieses  Bundes  theilhaft  bezeichneten
  Fürsien.  Verlegen  berief  sich  Philipp  auf  die  in  Dresden
  eingesehene  Urkunde,  welche  Pack  jedoch  nicht  mehr  im
Original  beibringen  konnte  und  dadurch  der  Wahrscheinlichkeit
  des  ganzen  Handels  einen  gefährlichen  Stoß  versetzte,
obschon  er  einwendete:  das  Original,  welches  sich  im  Archive
Herzogs  Georg  befunden  habe,  musse  —  vielleicht  weil  Georg
aus  dem  Bunde  herausgetreten  —  vernichtet  worden  seyn.
Durch  Vermittelung  der  Churfürsten  von  der  Pfalz  und  von
Trier,  verstand  sich  der  Landgraf  Phllipp  zu  einem  Vergleiche,
  in  Folge  dessen  er  seine  Truppen  aus  einander  gehen
ließ.  Dagegen  mußten  ihm  die  Bischdfe  von  Mainz,  Bamberg
  und  Wörzburg  (unbegreiflicher  Weise,  nachdem  Philipp,
wahr  oder  unwahr,  die  Grundlosigkeit  seines  Verdachtes  und
folglich  seines  Feldzuges  zugeben  mußte,  weil  er  aus  Mangel
  an  Beweisen  seine  Anklage  nicht  durchführen  konnte!)
100,000  Gulden  für  die  gehabten  Kriegskosten  erlegen.
Churfürst  Johann  trat  diesem  Vergleiche  bei,  erhielt  aber,
        <pb n="197" />
        Johann  der  Beständige.  161

obschon  er  durchaus  die  Ruhe  nicht  gebrochen  hatte,  dennoch
vom  Kaiser  Vorwürfe,  daß  er  den  Frieden  gestört  und  eigentlich
  Strafe  verwirkt  habe.  Landgraf  Philipp,  um  der
Wahrheit  auf  die  Spur  zu  kommen,  leitete  nunmehr  ein
Verhör  gegen  Pack  ein,  welches  jedoch  keine  bestimmte  Aufklärung
  gab,  indem  derselbe  die  Originalurkunde  nicht  mehr
herbeischaffen  konnte,  und  weil  sowohl  er,  wie  auch  die  andre
  Partei,  ohngefähr  gleich  gute  Gründe  für  und  gegen  dle
Sache  aufstellten.  Am  Ende  blieb  Wahrheit  und  Unrecht
in  dieser  Angelegenheit  unentschieden  und  noch  jetzt  schwebt
der  Schleier  des  Geheimnisses  darüber,  obschon  man  allerdings
  glauben  mochte,  daß  Etwas  an  der  Sache  gewesen
sey  und  daß  die  verschwornen  Fürsten  nur  wegen  frühzeitiger
  Entdeckung  ihres  geheimen  Anschlages  denselben  wiederum
  fallen  ließen.  Herzog  Georg  bestand  nebst  den  übrigen
  Fürsten  darauf,  daß  Philipp  ihnen  den  Pack  ausliefern
solle,  um  durch  peinliche  Befragung  die  Wahrheit  von  demselben
  zu  ermitteln.  Philipp  war  edel  genug  diese  Forderung
  abzuweisen,  doch  hatte  ihm  Pack  zu  viel  Aerger  gemacht
  und  ihn  zu  sehr  ohne  Beweise  gelassen,  als  daß  er
nicht  gegen  denselben  hätte  aufgebracht  seyn  sollen.  Er  gab
daher  demselben  den  Abschied  und  schickte  ihn  fort.  Herzog
Georg  aber,  der  ihm  unablässig  nachspürte,  entdeckte  ihn
1536  durch  seine  Kundschafter  in  Holland,  als  derselbe  sich
eben  nach  England  übersetzen  lassen  wollte,  und  ließ  ihn  zu
Mecheln  auf  dem  Blutgerüste  enden.  Das  Dunkel,  welches
über  der  ganzen  Sache  schwebt,  läßt  ungewiß,  ob  er  fuͤr
eine  Lüge,  oder  für  eine  politische  Wahrheit  starb.

Das  feste  Zusammenhalten  der  beiden  evangelischen  Fürsten,
  Johanns  von  Sachsen  und  Philipps  von  Hessen,  gab
der  Reformation  mitten  unter  den  bedrohlichen  Umständen,
welche  für  sie  hervorwuchsen,  doch  einen  bedeutenden  Halt.
Die  Gegner  der  Sache  sahen  dies  auch  ein  und  wollten
wieder  einmal  ernsthaftere  Maßbregeln  versuchen,  um  das
Wormser  Edict  in  Anwendung  zu  bringen  und  dadurch  mit
einem  Male  das  neue  Gebaude  über  den  Haufen  zu  werfen.
  Der  Kaiser  hatte  von  Spanien  aus,  selbst  mehrere

11
        <pb n="198" />
        162  Johann  der  Beständige.

Male  ernstlich  daran  erinnert  und  seine  Gesinnungen  gegen
die  Kirchenneuerung  sehr  unzweideutig  zu  verstehen  gegeben.
Gleichwohl  war  es  noch  immer  nicht  zu  ernsthaften  Maßregeln
  gekommen,  und  immer  von  Neuem  wurde  die  letzte
Entscheidung  und  die  Vollziehung  des  Wormser  Spruchs
einer  allgemeinen,  oder  wenigstens  einer  Nationalversammlung
  in  Deutschland  vorbehalten.  Diese  heilsame  Saumseligkeit
  wurde  durch  die  Umstände  bedingt;  den  Kaiser  beschäftigte
  nicht  nur  ein  neuer  italienischer  Krieg  sehr  lebhaft,
sondern  auch  die  Türken,  welche  in  Ungarn  einfielen  und  die
Gegenwehr  des  Kaisers  ndthig  machten,  mußten  auf  solche
Weise,  wider  ihr  Wissen,  der  Sache  der  Reformation  zu
Hilfe  kommen.  Der  Kaiser  konnte,  so  lange  er  nicht  mit
den  auswärtigen  Gegnern  fertig  war,  es  innerhalb  Deutschland
  zu  keinem  letztentscheidenden  Schritte  kommen  lassen,
weil  ein  solcher  leicht  zu  einem  Kriege  geführt  und  dieser
ihn  solchen  Falls  noch  nicht  gehbrig  gerüstet  gefunden  haben
würde.  Nach  längerm  Hin=  und  Herzögern  —  während
dessen  Churfürst  Johann  in  seinem  Reformationseifer  nicht
1527  stillstand  und  besonders  1527  die  großt  Kirchenoisitation  in
1528  seinen  Landen  anordnete,  welche  auch  im  folgenden  Jahre
zu  Stande  kam  und  durch  Johannes  Räthe  und  Theologen,
Luther,  Melanchthon,  Spalatin,  Myconius  und  Andere  vollzogen
  wurde,  bei  welcher  Gelegenheit  Luther  den  Zustand
der  Schulen  meist  noch  sehr  in  Verwilderung  antraf  und
daher,  um  zu  einem  übereinstimmenderen  und  haltbaren
Religions  =  Unterricht  Veranlassung  zu  geben,  erst  seinen
kleinen,  dann  seinen  großen  Catechismus  schrieb  —  nach
diesem  Zögern  entschloß  sich  der  Kaiser  (1.  Aug.  1528.)
einen  neuen  Reichstag  nach  Speyer  auszuschreiben,  welcher
1529  jedoch  erst  im  folgenden  Jahre  zu  Stande  kam  und  fehr
zahlreichen  Besuch  erhielt.  Churfürst  Johann  fand  sich,  in
Melanchthon's  und  mehrer  Andern  Begleitung,  persönlich  in
Speyer  ein,  mußte  sich  aber  von  Seiten  der  Katholischen
ziemlich  schndde  und  geschraubt  behandeln  lassen.  Der  Kaiser,
  welcher  nicht  in  Person  erscheinen  konnte,  ließ  sich  durch
den  Koͤnig  Ferdinand  und  einige  andere  Fürsten  vertreten.
        <pb n="199" />
        Johann  der  Beständige.  163

In  der  Religionsangelegenheit,,  welche  zuerst  vorgenommen
wurde,  kam  es  durch  Stimmen-Mehrheit  zu  dem  bedenklichen
  Resultate:  man  müsse  den  Kaiser  ersuchen,  ein  allgemeines,
  oder  wenigstens  ein  National-Concilium  binnen  kurzer
  Frist  zu  veranstalten.  Bis  dahin  sollte  Niemand  mehr
die  neue  Lehre  annehmen;  in  denjenigen  Ländern  aber,  wo
sie  ohne  Gefahr  für  die  bffentliche  Ruhe  nicht  mit  einem
Male  abzuschaffen  sey,  solle  man  sich  einstweilen  aller  Neuerungen
  enthalten  und  Niemanden  verboten  seyn,  Messe  zu
hören  oder  zu  halten.  —  Dieser  Abschied  erregte  unter  den
evangelischen  Ständen  große  Bewegung,  denn  dadurch  war
die  früher  bestimmte  Gewissensfreiheit  auf  einmal  zernichtet
und  der  Anfang  gemacht,  die  neue  Lehre  nicht  nur  in  ihrer
Weiterverbreitung  zu  hemmen,  sondern  sie  selbst  von  dem
Standpunkte  hinwegzukämpfen,  welchen  sie  bis  jetzt  erreicht
hatte,  indem  man  das  Abspringen  von  ihr  gestattete,  das
Hinzutreten  aber  untersagte.  Es  kam  daher  anfangs  zu  Einreichung
  einer  von  dem  Churfürsten  Johann  von  Sachsen,
dem  Landgrafen  Philipp  von  Hessen,  dem  Fürsten  Wolfgang
von  Anhalt  und  dem  Lüneburg'schen  Kanzler  unterzeichneten
  Beschwerde,  in  welcher  vorgebracht  wurde,  daß  dasjenige,
  was  auf  dem  vorigen  Neichstage  einstimmig  festgesetzt
worden,  auch  nicht  durch  bloße  Stimmenmehrzahl,  sondern
ebenfalls  einstimmig  zurückgenommen  werden  müsse.  Da
jedoch  die  Reichsversammlung,  welcher  die  Beschwerden  vorgelegt
  wurden,  keine  Rücksicht  darauf  nehmen,  sondern  ohne
Weiteres  zu  den  fernern  Berathungen  schreiten  wollte,  so
verlangten  die  Beschwerenden  (19.  April  1529)  von  der
Reichsversammlung,  daß,  wenn  es  bei  jenem  Beschlusse  verbleiben
  solle,  man  auch  ihre  Protestation  dem  Reichsabschiede
einverleiben  möchte.  Auch  dies  unterblieb  jedoch,  und  es
geschah  nichts  weiter,  als  daß  man  die  Namen  der  Protestirenden
  in  der  Unterschrift  des  Reichsabschiedes  fehlen  ließ.
Bevor  noch  die  Stände  auseinander  gingen,  ließen  die  Protestirenden
  eine  feierliche  Appellation  aufsetzen,  mittels  deren
sie  von  einer  jeden,  ihnen  begegneten,  oder  künftig  noch  begegnenden

  Beschwerde  an  den  Kaiser  oder  an  eine  kuͤnftige
11•.
        <pb n="200" />
        164  Johann  der  Bestaͤndige.

Kirchenversammlung  appellirten.  Churfürst  Johann  von  Sachsen,
  als  Vorstand,  Markgraf  Georg  von  Brandenburg-Anspach,
  die  Herzöge  Ernst  und  Franz  von  Lüneburg,  der  Landgraf
  von  Hessen,  der  Fürst  von  Anhalt  und  vierzehn  Reichsstädte,
  welche  noch  ausserdem  beitraten,  unterschrieben  diese
Appellation,  welche,  ohngeachtet  König  Ferdinand  dies  hintertreiben
  wollte,  sowohl  vom  Churfürsten  von  Sachsen,
wie  auch  vom  Landgrafen  von  Hessen,  sobald  sie  heimgekehrt
  waren,  in  ihren  Landen  ffentlich  bekannt  gemacht
wurde.  Durch  dieses  Protestationsverfahren'  wurde  der  evangelischen
  Partei  der  Name  der  Protestantischen  beigelegt,
welcher,  so  wenig  er  auch  zur  Bezeichnung  eines  Religionsbekenntnisses
  sich  eignen  will,  indem  er  nur  einen  politischen
Act  andeutet,  uns  von  jener  wichtigen  Handlung  her,  wodurch
  die  Eoangelischen  sich  zuerst  als  eine  selbstständige
Glaubensgemeinde  ankündigten  und  sich  von  den  Frrthümern
  der  rdimischen  Kirche  öffentlich  lossagten,  lieb  seyn
mag.  Zu  bedauern  war  es,  daß  Luther,  dieser  Mann  der
Freiheit,  dennoch  nicht  jene  Toleranz  und  Vorurtheilslosigkeit
besaß,  welche  das  Bündniß  der  evangelisch  Gesinnten  hätte
um  ein  Bedeutendes  ausbreiten  und  krästigen  konnen.  Die
von  Ulrich  Zwingli  gleichzeitig  mit  Luther  verbreitete,  schweizerische
  Lehre,  welche  nur  in  Erklarung  der  Einsetzungsworte
des  Abendmahls  von  der  Lutherischen  abwich,  bot  freudig
die  Hand,  sich  mit  ihrer  Schwester  zu  vereinigen.  Luther
und  Zwingli  wurden,  da  Ersterer  sich  sehr  hartnäckig  in  dieser
  theologischen  Spylbenfechterei  bewies,  zu  Marburg  zusammengefährt,
  um  sich  zu  vereinigen  und  fortan  eine  einzige
Gemeinde  zu  bilden.  Zwingli  zeigte  sich  dusserst  nachgiebig
und  wollte  um  jeden  Preis  diese  wichtige  Einigung  veranlassen,
  aber  Luiher,  der  überhaupt  in  spätern  Jahren  immer
  mehr  an  Eigensinn  und  selbst  an  Kleinigkeitskrämerei
zunahm  und  dadurch  bisweilen  das  schöne  Bild  seiner  selbst
schwächte,  gab  nicht  im  Mindesten  nach  und  so  wurde  die
Spaltung  zweier  Kirchen  begründet,  welche  ihre  übereinstimmenden
  Grundsätze,  ja  selbst  ihre  gleichzeitigen  und  so  unmittelbar
  verwandten  Schicksale  recht  eigentlich  für  einander
        <pb n="201" />
        Johann  der  Beständige.  165

und  zur  gemeinschaftlichen  innigsten  Verschwisterung  erschaffen
  hätten.  Fast  mochte  man  glauben,  daß  Luther,  der  nie
eine  Nebenreformation  begünstigt  hatte,  durch  eine  gewisse
Eifersucht,  sich  zum  alleinigen  Hort  eines  Glaubens  aufzuwerfen,
  zu  diesem  unseligen  Starrsinn  verleitet  worden  sey,
der  so  betrübende  Folgen  nach  sich  zog  und  eines  der  schoͤnsten
  Böndnisse  vereitelte.  Es  wäre  besser  gewesen,  Churfürst
Johann  hätte  hier  einen  Machtspruch  über  Luthern  verhaͤngt,
als  daß  er,  ihm  folgend,  diese  Spaltung  aufnahm,  zufolge
deren  die  schweizerische  und  die  lutherische  Partei,  jede  ihre
Sache  zu  einer  besonderen  machten  und  auch,  jede  auf  einem
  andern  Wege,  sie  vertraten.

Die  protestirenden  Fürsten  hielten,  kurz  nach  dem  Reichstage
  zu  Speyer,  eine  Zusammenkunft  in  Nürnberg,  auf
welcher  beschlossen  wurde,  drei  Abgeordnete  in  der  Protestationssache
  an  den  Kaiser  zu  schicken,  welcher  sich  eben  in
Piatenza  befand.  Der  Kaiser  nahm  sie  nicht  eben  gnädig
auf  und  da  er  ihnen,  als  sie  die  Appellation  ihrer  Herren
zu  überreichen  wünschten,  keine  Audienz  geben  wellte  und
sie  ihm  dieses  Instrument  durch  seinen  Seeretair  in  die  Hände
spielen  ließen,  so  ward  er  so  aufgebracht,  daß  er  sie  zu  Arrest
  bringen  ließ  und  ihnen,  erst  nachdem  sie  ihm  als  Gefangene
  nach  Parma  gefolgt  waren,  ihre  Freiheit  wiedergab.

Wie  wenig  gute  Hoffnung  auch  dieses  ungütige  Benehmen
  des  Kaisers  den  Evangelischen  für  ihre  Sache  einflößte,
so  ließ  sich  derselbe  doch  in  seinem  Ausschreiben  zu  einem
Reichstage  nach  Augsburg  vom  21.  Januar  1530  gelinde  1530
vernehmen,  denn  er  erklärte  darin,  daß  er  eines  Jeden  Meinung
  im  Punkte  der  Religion,  in  Liebe  und  Güte  anhdren,
überlegen  und  wo  mglich  zu  vereinigen  suchen  wollte.
Churfürst  Johann  erhielt  dazu  eine  besondere  schriftliche  Einladung
  vom  Kaiser,  woraus  man  ersehen  konnte,  daß  dieser
Reichstag  sich  vorzüglich  auch  auf  die  kirchlichen  Händel  lenken
  und  eine  Art  von  Nationalconcilium  abgeben  werde.
Aus  dieser  Rücksicht  ließ  Johann  durch  seine  Wittenberger
Theologen  eine  kurze  Uebersicht  der  evangelischen  Hauptlehren
  aufsetzen,  welche  bei  den  Reichstags-Erdrterungen  einen
        <pb n="202" />
        166  Johann  der  Bestaͤndige.

Maßstab  fuͤr  die  Abweichungen  der  alten  und  neuen  Kirche
darleihen  sollte.  Dieser  Entwurf  wurde  in  siebenzehn  Artikeln
  dem  Churfuͤrsten  zu  Torgau  uͤberreicht,  daher  sie  den
Namen  der  Torgauer  Artikel  erhielten.  Obgleich  man  den
Churfürsten  von  mehreren  Seiten  gewarnt  hatte,  personlich
in  Augsburg  zu  erscheinen,  so  reis'te  er  doch  von  Torgau
aus  dorthin  ab.  Ihn  begleiteten,  aufser  vielen  sächsischen  Edlen
  und  Rittern,  die  Theologen  Jonas,  Spalatin  und  Melanchthon.
  Luther  dagegen  ward  in  Koburg  zurückgelassen,  weil
man  ihn,  als  einen  Geächteten,  in  Augsburg  und  unter  den
Augen  des  Kaisers  nicht  sicher  glaubte.  Der  Kaiser,  welcher
von  Bologna  kam,  nahm  sich  mit  seiner  Reise  sehr  viel  Zeit,
wodurch  seiner  katholischen  Umgebung  noch  mehr  Gelegenheit
  ward,  ihm  den  Protestantismus  auf  eine  moglschst  gehässige
  Weise  zu  schildern.  Da  man  von  Seiten  der  protestantischen
  Fürsten  hinter  diesem  langen  Ausbleiben  des
Kaisers  eine  unlautere  Absicht  vermuthete,  und  man  diesem
dagegen  wiederum  hinterbrachte,  der  Churfürst,  welcher  sehr
schnell  und  mit  einem  bedeutenden  Gefolge  nach  Augsburg
gekommen  sey,  scheine  Verdächtiges  im  Schilde  zu  führen,
so  wurden  von  beiden  Seiten  mehrmals  Abgeordnete  gewechselt.
  Der  Churfürst  rechtfertigte  sich  wegen  dieses  üblen
Ansinnens  in  einem  weitlaufigen  Schresben  an  den  Kaiser
und  suchte  demselben  nochmals  eine  milde  und,  beide  Theile
versohnende  Entscheidung  an's  Herz  zu  legen.  Demohngeachtet
  ließ  der  Kaiser  noch  immer  auf  sich  warten,  wodurch
den  bereits  seit  länger  in  Augsburg  versammelten  Fuͤrsten
viele  Beschwerden,  besonders  aber  Geldkosten  verursacht
wurden,  wie  denn  die  Kasse  des  Churfürsten  allein  jcde
Woche  100  Gulden  für  Brod,  und  2000  Gulden  für  die
übrigen  Ausgaben  hergeben  mußte,  ein  in  jener  Zeit  sehr
bedeutender  Aufwand.  Wahrscheinlich  wollte  man  durch
dieses  lange  Wartenlassen,  besonders  aber  durch  die  ihnen
hiermit  verursachten  Kosten,  die  protestantischen  Herren  ctwas
mürbe  machen,  vielleicht  Manche  derselben  gar  zur  Rückreise
bewegen.  Desgleichen  suchte  sich  der  Kaiser  dadurch  ein
Muͤthchen  zu  kühlen,  daß  er  den  evangelischen  Predigern  das
        <pb n="203" />
        Die  augsburgische  Consession.  167

Predigen  untersagen  ließ,  dagegen  er,  um  eine  gewisse  Neutralitaͤt
  zu  bekunden,  seinen  katholischen  Predigern  eine  gleiche
Weisung  gab,  uͤber  welchen  Punct  sich  Johann  in  seinem
Schreiben  ebenfalls  mit  loͤblichem  Freimuthe  aussprach.  Fuͤr
die  lange  Frist  des  Wartens  aber  ward  von  Melanchthon
die  reichlichste  Entschaͤdigung  geboten,  indem  er  diese  Zeit
dazu  benutzte,  auf  den  Grund  der  Torgauer  Artikel  das,  unter
  dem  Namen  der  Augsburgischen  Confession  bekannte,
  nach  Hauptbegriffen  entworfene  evangelische  Glaubensbekenntniß
  —  worinnen  die  Grundsätze  und  Lehrbegriffe
dieser  Religionspartei  mit  aller,  einem  Melanchthon  beiwohnenden
  Gelehrsamkeit,  Klarheit  und  Mäßigung  entwickelt
waren  —  außzusetzen.  Gleich  nach  ihrer  Beendigung  ward
sie  nicht  nur  Luther'n  zur  Beurtheilung  zugesandt,  sondern
auch  allen  protestantischen  Ständen  vorgelegt,  und  Alle  waren
  mit  der  trefflichen  und  einleuchtenden  Schrift  bestens
einverstanden.  Am  15.  Juni  Abends  kam  endlich  der  Kaiser
  mit  vielem  Glanze  in  Augsburg  an.  Als  Reichserzmarschall
  trug  Churfürst  Johann  ihm,  bei  seinem  Einzuge,  das
Schwert  voran  und  es  mochte  den  Katholiken  wohl  unangenehm
  in  die  Augen  stechen,  daß,  als  der  päbstliche  Gesandte
seinen  Segen  sprach  und  der  Kaiser  und  sein  ganzes  Gefolge
auf  die  Kniee  fielen,  Johann  und  die  übrigen  protestantischen
Fürsten  kein  Knie  beugten.  Ja,  es  stand  Letzteren  eine  noch
unbequemere  Probe  bevor,  denn  wahrscheinlich  mit  Absicht
hatte  man  die  Ankunft  des  Kaisers  just  an  dem  Abende  vor
dem  großen  katholischen  Feste,  dem  Frohnleichnamstage,  geschehen
  lassen,  und  der  Kaiser  muthete  ihnen  zu,  daß  sie
der  Procession  dieses  Festes  beiwohnen  sollten.  Dies  lehnten
  sie  äußerst  bestimmt  ab,  und  der  Markgraf  Georg  von
Brandepburg  besonders,  welcher  hierbei  für  die  protestantischen
  Fürsten  das  Wort  führte,  gerieth  dabei  so  in  Hitze,
daß  er  die  Hand  an  seinen  Hals  legte  und  erklärte:  daß  er
lieber  augenblicklich  niederknieen  und  sich  den  Kopf  abschlagen
  lassen,  als  gegen  seine  Ueberzeugung  sich  den  Gebräuchen
  einer  irrigen  Lehre  unterziehen  wolle.  Seine  Hitze  ndthigte
  dem  Kaiser  ein  nicht  ungütiges  Lächeln  ab  und,  ohne

1530
        <pb n="204" />
        168  Die  augsburgische  Confession.

zu  zuͤrnen,  erwiderte  er:  „loͤver  Foͤrst,  nit  Kopf  af!  nit  Kop
af!“  —  Dennoch  war  man,  um  die  Protestanten  zu  einer
fuͤr  sie  demuͤthigenden  Handlung  zu  bewegen,  zudringlich
genug,  dem  Churfuͤrsten  Johann  noch  um  eilf  Uhr  des
Nachts  eine  Erklaͤrung  abzuverlangen,  worauf  dieser  jedoch
nichts  entgegnete,  als  daß  man  ihn  jetzt  ruhen  lassen  moͤge.
Am  andern  Morgen  aber  ließ  er  —  da  ihn  selbst  (vielleicht
  planmaͤßig)  eine  Unpäßlichkeit  zu  Hause  festhielt  —
durch  seinen  Sohn  Johann  Friedrich  und  die  übrigen  Fürsten,
  dem  Kaiser  eine  ziemlich  derbe  Erklärung  überbringen
und  das  Ende  war,  daß  sie  der  Procession  nicht  beiwohnten.
  Vier  Tage  später  (20.  Juni)  ward  der  Reichstag
mit  einer  feierlichen  Messe  in  der  Cathedralkirche  erbffnet,
wobei  Johann  wiederum  das  Erzmarschalschwert  vortrug,
nachdem  er-  und  seine  Freunde  zuvor  ausdrücklich  erklärt
hatten,  daß  sie  sich  die  Messe  nichts  angehen  ließen  und
keine  der  Ceremonien  beobachten  würden.  Sie  hielten
Wort,  und  der  päbstliche  Nuncius  nahm  dies  mit  so  vielem
Aerger  auf,  daß  er  in  die  lateinische  Rede,  welche  er  hielt,
eine  Menge  der  giftigsten  Anspielungen  einfließen  ließ,  die
ziemlich  grob  gewesen  seyn  müssen,  da  selbst  der  nicht  eben
protestantisch  gesinnte  Churfürst  von  Mainz  sich  tadelnd  darüber
  aussprach.

In  der  zweiten  Versammlung  (24.  Juni)  gewannen  die
Protestanten  —  nachdem  der  päbstliche  Gesandte  Campegius
eine  bedeutend  lange  Rede  vom  Verfall  der  Religion  (i.  e.
des  Pabstthums)  gehalten  hatte  und  dann  mit  weitschweisigen
  Worten  auf  den  Türkenkrieg  gekommen  war  —  endlich
Gelegenheit,  ihre  Interessen  zur  Sprache  zu  bringen;  Johanns
  Kanzler,  Pontanus,  hielt  den  Vortrag  auf  bescheidene
und  kräftige  Weise,  und  nach  längeren  Debatten,  ertheilte
der  Kaiser  den  protestantischen  Fürsten  und  Ständen  endlich
die  Vergünstigung,  für  den  folgenden  Tag  ihr  feierliches
Glaubensbekenntniß  öffentlich  vor  der  Reichsversammlung
vorlesen  zu  dürfen.

So  erschien  denn,  nach  längern  Gegenkämpfen,  der
große,  ewig  denkwürdige  Tag  (25.  Juni),  wo  die  neue  ge-
        <pb n="205" />
        Die  augsburgische  Confession.  169

laͤuterte  Lehre  —  obgleich  verfolgt,  geächtet  und  von  roͤmischen
  Bannstrahlen  angesengt  —  frei  ihre  Stimme  fuͤr  ihr
Recht  und  ihre  Wahrheit  vor  Kaiser  und  Reich  erhob,  wo,
was  gekeimt  und  aufgegangen  in  der  engen  Zelle  des  sinnenden
  Moͤnches  Martin,  als  ein  heiliges  Panner  von  maͤchtigen
Fuͤrsten,  Staͤdten  und  Staͤnden  vor  dem  Richtstuhle  der
Welt  hingepflanzt  und  durchgekaͤmpft  wurde.  Die,  welche
die  Confessionsurkunde  unterschrieben,  waren  folgende:  der  Churfürst
  Johann  von  Sachsen,  Markgraf  Georg  von  Brandenburg,
  die  Herzoge  Ernst  und  Franz  von  Lüneburg,  Landgraf
Philipp  von  Hessen,  Herzog  Johamn  Friedrich  von  Sachsen,
Wolfgang  Fürst  von  Anhalt,  wie  auch  die  beiden  Städte
Nürnberg  und  Reutlingen.  Die  beiden  Kanzler  Johann's,
Pontanus  und  Baier,  legten  sie  in  einer  deutschen  und  einer
lateinischen  Abschrift  vor,  und  der  Kaiser  wollte,  vielleicht
ebenfalls  aus  Eigensinn  gegen  die  Protestanten,  sie  in  lateinischer
  Sprache  vorlesen  lassen.  Churfürst  Johann  aber  bemerkte
  sehr  am  rechten  Orte:  daß  man  sich  auf  deutschem
  Grund  und  Boden  befinde,  und  der  Kaiser  sich  daher
  hoffentlich  auch  den  deutschen  Vortrag  gefallen  lassen
werde.  Diese  gute  Bemerkung  wirkte,  und  der  Kanzler
Baier  las  nunmehr  das  ganze,  aus  acht  und  zwanzig  Artikeln
  bestehende  evangelische  Glaubensbekenntniß,  mit  lauter
und  deutlicher  Stimme  vor.  Obschon  dies  ziemlich  lange
währte  —  er  hatte  gegen  zwei  Stunden  daran  zu  lesen  —
so  herrschte  doch  eine  so  tiefe  Stille  (welche  evangelischer
Seits  die  Andacht,  bei  der  Gegenpartei  aber  die  Neugier
veranlassen  mochte),  daß  man  sogar  unten  im  Hofe  jedes
Wort  verstand.  Der  Kaiser  nahm  hierauf  das  lateinische
Exemplar  eigenhändig  an  sich,  Pontanus  überreichte  es  ihm
mit  den  Worten:  „Allergnäádigster  Kaiser,  dies  ist  ein  solches
  Bekenntniß,  welches  mit  gbttlicher  Hilfe  auch  wider
der  Hoͤllen  Pforten  bestehen  kann.“  Das  deutsche  Exemplar
ward  dem  Churfürsten  von  Mainz,  zur  Aufbewahrung  im
Reichsarchive  übergeben.  Der  ruhige  und  würdevolle  Styl
dieses  Werkes  Melanchthon's  sprach  sogar  viele  Gegner  des
Protestantismus  an,  auch  der  Kaiser  schien  tief  davon  ergriffen
        <pb n="206" />
        170  Die  augsburgische  Confession.

und  versprach,  dieser  wichtigen  Angelegenheit  nachzudenken
und  seinen  Beschluß  später  zur  allgemeinen  Kenntniß  gelangen
  zu  lassen.  Daß  die  Anhänger  der  schweizerischen  Lehre,
statt  sich  den  Evangelischen  unmittelbar  anzuschließen  und
dadurch  sich  und  diese  zu  verstärken,  ein  besonderes  Glaubenöbekenntniß
  für  sich  einreichten,  war  eine  traurige  Folge  der  durch
Luther's  Unnachgiebigkeit  veranlaßten  Spaltung  und  zerriß
die  schöne  Einheit  und  Gemeinkraft  des  großen  Confessionswerkes!
  —  Weniger,  als  Melanchthon's  treffliches  Werk,
sagte  dem  Kaiser  die,  seinem  Willen  gemäß,  von  seinen  katholischen
  Theologen  abgefaßte  Widerlegungsschrift  zu,  die
er  selbst  so  grausam  zusammenstrich,  daß  sie  von  ihrem  anfänglichen
  ungeheueren  Umfange  —  sie  soll  ursprünglich  auf
280  Blätter  stark  gewesen  seyn  —  bis  auf  die  bescheldene
Stärke  von  zwolf  Bogen  zusammenschrumpfte,  über  welche
kaiserliche  Einnähung  dieser  sogenannten  Confutation  sich
besonders  der  Mitverfasser  derselben,  Dr.  Eck,  tiefbeleidigt
fand.  In  diesem  bedeutend  verjüngten  Umfange  ward  sie
am  5.  August  ebenfalls  in  öffentlicher  Reichsversammlung
verlesen,  doch  mochten  ihre  eigenen  Schbpfer  nicht  viel  Vertrauen
  zu  dieser,  mit  gänzlicher  Umgehung  der  Bibel,  aus
dem  geistlichen  Wust  der  Decretalien  und  Kirchenväter  zusammengesuchten
  Confutation  haben,  wenigstens  versagte
man,  wahrscheinlich  um  eine  kritische  Section  zu  verhindern,
den  protestirenden  Fürsten  die  erbetene  Abschrift  davon,  und
Melanchthon  mußte  daher  aus  dem  Gedächtnisse  eine  Apologie
  der  Confession  verfassen,  die  der  Kaiser  jedoch  unterdrückte,
  dabei  auch  alles  fernere  Disputiren  untersagte  und
die  wunderliche  Forderung  that,  die  evangelische  Partei  solle
mit  der  katholischen  in  Frieden  leben  (dann  hbätte  erst  letztere
  aufhören  müssen,  mit  jener  im  fortwährenden  Kriege  zu
leben).  Dieser  unbestimmte  und  nichts  sagende  Bescheid
führte  zu  neuen  Weitlaufigkeiten,  da  die  Protestanten  es  natärlich
  nicht  dabei  beruhen  lassen  konnten.  Die  Confessionsverhandlungen
  währten  nunmehr  beinahe  schon  drei  Monate,
ohne  daß  eigentlich  etwas  ausgemacht  gewesen  wäre.  Die
Fürsten  wurden  des  langen  und  kostspieligen  Aufenthaltes  in
        <pb n="207" />
        Die  augsburgische  Confession.  171

Augsburg  müde;  der  ungeduldige  Landgraf  Philipp  war
schon  abgereist  und  hatte  sich  in  einem  hinterlassenen  Briefe
an  den  Churfürsten  von  Sachsen,  mit  dem  Erkranken  seiner
Gemahlin  entschuldigt,  auch  Johann  machte  bereits  Miene,
abzureisen,  und  der  Kaiser  hielt  ihn  nur  durch  die  Versicherung
  zurück,  daß  die  Angelegenheiten  innerhalb  einiger  Tage
zu  einem  entscheidenden  Schlusse  kommen  sollten.  Am  22.
September  erfolgte  endlich  der  freilich  nicht  erbaulich  klingende
  Reichsabschied,  in  welchem  es  hieß:  daß  der  Kaiser
ihrem  Glaubensbekenntnisse  zwar  ein  williges  Ohr  geliehen,
sie  aber  auch  genügend  damit  habe  widerlegen  lassen  (durch
die,  vor  ihrer  eignen  Abschrift  sich  fürchtende  Confutation).
Da  es  aber,  ohngeachtet  dieser  gegenseitigen  Erdrterungen,
zu  keiner  Einigung  über  alle  Artikel  gekommen  sey,  so  wolle
der  Kaiser  den  Protestirenden  bis  zum  15.  April  des  folgenden
  Jahres  Bedenkzeit  lassen,  inwiefern  sie  sich,  üb#e  die
abweichenden  Artikel,  mit  der  katholischen  Kirche  wieder  vereinigen
  konnten.  Bis  dahin  sollte  jeder  Reichsstand  Ruhe
halten,  der  Churfürst  von  Sachsen  aber,  wie  auch  die  ihm
gleichdenkenden  Fürsten,  nichts  Neues  in  Religionssachen
drucken  oder  verkaufen  lassen,  besonders  aber  den  katholischen
Unterthanen  ihrer  Lande  in  Ausübung  ihres  Glaubens  nicht
hinderlich  seyn.  Rücksichtlich  der  kirchlichen  Mißbräuche  aber
werde  man  den  Pabst  und  alle  christliche  Mächte  zu  bestimmen
  suchen,  daß  spätestens  binnen  Jahresfrist  ein  allgemeines
  Kirchenconcilium  zu  Stande  käme.  Gegen  dieses  theils
nachtheilige  und  willkührliche,  theils  ausweichende  Erkenntniß
  ließ  sich  der  Kanzler  Pontanus,  im  Namen  des  Churfürsten
  und  der  protestirenden  Stände,  nachdrücklich  vernehmen,
  besonders  aber  that  er  dar:  daß  von  einer  geschehenen
  Widerlegung  ihrer  dargelegten  Grundsätze  durchaus  nicht
die  Rede  seyn  konne,  zumal  man  ihnen  jene  seyn  sollende
Confatation  nicht  einmal  abschriftlich  mitgetheilt  und  ihnen
also  die  Gelegenheit  benommen  habe,  dieselbe  Punkt  für
Punkt  zu  würdigen.  Der  Kaiser  antwortete  hierauf  mit  der
sehr  runden,  aber  uͤbcl  begründeten  Erklärung:  daß  ihre  Lehre,
  als  längst  für  ketzerisch  erklärt  und  verdammt,  auch  jedes
        <pb n="208" />
        172  Die  augsburgische  Confession.

Rechtes  entbehre;  daß  er  deshalb  auf  unbedingte  Annahme
des  Reichsabschiedes  bestehe,  und,  wenn  sie  sich  dem  nicht
fuͤgten,  sie  dazu  zwingen  werde.  Churfuͤrst  Johann  wartete
diese  weiteren  Hin=  und  Hererdrterungen  nicht  ab,  sondern
reiste  einen  Tag  nach  Verlesung  des  Abschiedes,  von  Augsburg
  ab.  Als  er  sich  beim  Kaiser  üblichermaßen  beurlaubte
und  ihm  dieser  zum  Lebewohl  die  Hand  reichte,  sagte  Carl
mit  dem  Tone  bedauernden  Vorwurfs:  „Ohm,  Ohm,  das
haͤtt'  ich  mich  zu  Euer  Liebden  nit  versehen!“  Der  Churfürst
überging  dies  mit  Schweigen,  soll  aber  durch  den  Markgrafen
  Georg  von  Brandenburg  dem  Kaiser  noch  haben  sagen
  lassen,  daß  er  von  Sr.  kaiserlichen  Majestät  sich  lieber
seinen  alten  grauen  Kopf  abschlagen  lassen,  als  sich  von  der
reinen  evangelischen  Lehre  trennen  wollte,  worauf  der  Kaiser
wiederum  geantwortet:  „Nit  Kop  af,  min  Först,  nit  Kop
aff  —  Mehrere  katholische  Fürsten,  unter  ihnen  die  von
Mainz,  Trier  und  Pfalz,  fanden  selbst  den  Reichsabschied  zu
hart  gegen  die  protestirende  Partei.  Hätte  Carl  V.  nicht
kurz  vorher  dem  Pabste  —  dessen  Einfluß  ihm  zu  seinen
politischen  Absichten,  besonders  rücksichtlich  der  Thronerb-=schaft
  für  den  Erzherzog  Ferdinand,  erforderlich  war  —  sein
Wort  geben  müssen,  daß  er  von  seiner  bisherigen  Nachsicht
gegen  die  evangelische  Lehre  abstehen  und  dieselbe  unterdrücken
  wolle,  so  würde  er,  bei  seiner  persönlichen  Achtung
für  die  Confession,  sich  gewiß  ohngleich  milder  gescigt  haben.
So  kam  es,  daß,  aller  Bitten,  Vorstellungen  und  Protestationen
  ohngeachtet,  am  19.  Novbr.  der  kaiserliche=  und  Reichs-Abschied
  ohne  alle  Milderung  ausgefertigt  und  bekannt  gemacht
  wurde.  Einige  Tage  früher  waren  auch  die,  vom
Churfürsten  Johann  und  vom  Landgrafen  Philipp  in  Augsburg
  zurückgelassenen  Gesandten,  von  dort  aufgebrochen,  jedoch
  nicht,  ohne  sich  vorher  gegen  den  Churfürst  von  Mainz,
als  Erzkanzler,  schriftlich  erklärt  zu  haben:  daß  sie  und  ihre
Herren  keinesweges  ihren  Willen  in  das  kaiserliche  Decret
gäben,  daß  die  evangelischen  Stände,  falls  sie  bis  zu  einem
Concilium  keinen  allgemeinen  und  beständigen  Frieden  erhielten,
  keinen  Beistand  gegen  die  Türken  leisten  und  zu  Kam-
        <pb n="209" />
        Der  Schmalkaldische  Bund.  173

mergerichtsbeisitzern  nur  augsburgische  Confessionsverwandte
ernennen  und  anerkennen  wuͤrden.

Das  Benehmen  des  Kaisers,  die  kurze  Bedenkzeit,  welche
er  ihnen  vergoͤnnet  hatte,  mußte  die  saͤmmtlichen  protestirenden
  Fuͤrsten  wohl  glauben  machen,  Carl  V.  sehe  diese
ihnen  gegebene  Frist  nur  als  eine  Vorbereitung  zum  Kriege
an,  und  sie  waren  daher  genoͤthigt,  auch  ihrerseits  sich  nach
Hilfe  und  Verstärkung  umzusehen.  Besonders  war  ein  kraͤftiges
  Zusammenhalten  noͤthig,  um  die  Wahl  Ferdinand's,
des  so  Erzkatholischen,  zum  römischen  Könige,  zu  hintertreiben,
  an  welcher  Carl  mit  grôßtem  Eifer  arbeitete,  auch  dieserhalb
  eine  Reichsversammlung  in  Cöln  vorbereitete,  und
den  Churfürsten  Johann  auf  eine  etwas  versteckte  Weise  dahin
  einlud.  Dieser  sah  ein,  daß  nunmehr  keine  Zeit  zu
verlieren  sey,  um  kräftig  gegen  Hinterlist  und  gegen  offne
Gewalt  das  Werk  ihrer  Ueberzeugung  zu  vertheidigen.  Daher
  eilte  er,  die  protestirenden  Fürsten  und  Stände  zu  einer
Berathung  nach  Schmalkalden  zum  22.  Decbr.  einzuladen
und  sendete  an  seiner  Statt  seinen  Sohn,  den  Herzog  Johann
  Friedrich,  nach  Cöln.  In  Schmalkalden,  wo,  des
Churfürsten  Einladung  gemäß,  die  meisten  protestirenden
Fürsten  und  Stände  in  Person,  und  die  übrigen  durch
Stellvertreter  erschienen,  erwägte  man  mit  vieler  Ruhe  und
Umsicht  nicht  nur,  was  ihnen  von  Seiten  des  Kaisers  bevorstehen,
  sondern  auch,  wie  man  den  zu  vermuthenden
Feindseligkeiten  am  besten  und  unübereiltesten  begegnen
mochte.  Um  nun  dem  Bunde,  welchen  man  vor  der  sichtbaren
  Gefahr  einzugehen  für  dringend  nothwendig  fand,
gleichwohl  nicht  zu  frühz#itig  einen  kriegerischen  Schein  zu
geben,  sondern  demselben  völlig  einen  friedlichen  Charakter
  zu  erhalten  und  dadurch  ihn  in  den  Augen  der  Welt
für  rechtmäßig  und  billig  gelten  zu  lassen,  gab  man  dem
Bunde  vor  der  Hand  keinen  andern  Zweck:  als  den  Kaiser
schriftlich  zu  ersuchen,  daß  in  den,  von  Seiten  des  Kammergerichts
  gegen  die  Evangelischen  bereits  gethanen  Schritten
nicht  weiter  gegangen  werden  moge,  und  —  obschon  man,
wegen  Furchtsamkeit  einiger  Bundesglieder,  über  die-
        <pb n="210" />
        174  Der  Schmalkaldische  Bund.

sen  Punkt  noch  nicht  ganz  einig  war  —  wenn  unter  kirchlichem
  Vorwande  Feindseligkeiten  gegen  ein  Mitglied  des
Bundes  unternommen  oder  angedroht  werden  sollten,  sich
mit  Rath  und  That  treulich  beistehen  zu  wollen.  Unterzeichnet
  wurde  dieser  Vertrag  von  dem  Churfuͤrsten  von  Sachsen,
dem  Herzog  Ernst  von  Luͤneburg,  dem  Landgrafen  Philipp,
dem  Fuͤrsten  Wolfgang  von  Anhalt,  den  Grafen  Gebhard
und  Albrecht  von  Mansfeld,  und  den  Staͤdten  Magdeburg
und  Bremen.  Die  Namensunterschriften  der  Gesandten
des  Markgrafen  Georg  von  Anspach  und  der  übrigen  evangelischen
  Reichsstädte  mußten  wegbleiben,  weil  sie  keine
Vollmacht  hatten,  sich  zu  unterzeichnen.  Wegen  der  Wahl
Ferdinands  zum  roͤmischen  Könige,  erließen  sie  noch  eine
besondere  Vorstellung  an  den  Kaiser,  worin  sie  diese  Wahl
als  den  Reichsgrundsätzen  zuwider  bezeichneten  und  ihn  davon
  abzustehen  zu  bewegen  suchten.  Doch  blieb  diese  Vorstellung
  ohne  Erfolg,  und  Ferdinand  ward  am  1.  Januar
1531  1531  wirklich  gewählt,  wogegen  Churfürst  Johann  durch
seinen  Sohn  diese  Wahl  für  ungesetzmäßig  erklären  und
feierlich  gegen  dieselbe  protestiren  ließ.  Durch  die,  in  ihrer
Bundesformel  sich  aussprechende  Maßigung  hofften  die
schmalkaldischen  Verbündeten  auch  im  Auslande  ihrer  Sache
Anhänger  zu  erwerben,  daher  sie  ihre  Appellation  gegen  den
Reichsabschied,  wie  auch  eine  Apologie  ihres  Verfahrens  und
überhaupt  eine  getreue  Erzählung  des  ganzen  Verlaufs  der
Sache,  an  alle  auswärtigen  Hoͤfe  sandten.  Von  England  und
Frankreich  gingen  schon  nach  einigen  Monaten  Antworten
ein,  die  sich  zwar  im  Ganzen  für  die  Sache  der  Protestirenden
  erklärten  und  ihre  Theilnahme  an  diesen  Angelegenheiten
  ausdrückten,  übrigens  aber  ahnen  ließen,  daß  ihre
Theilnahme  vor  der  Hand  mehr  in  Worten,  als  in  Thaten
bestehen  werde;  obschon  der  König  von  England  einen  Theologen
  an  Johann  sendete,  welcher  sich  näher  uͤber  den  Stand
der  Dinge  und  die  Richtung  des  ganzen  Protestantismus
erkundigen  und  belehren  follte.  Bei  dem  steigenden  Ernste  der
dußeren  Spaltung  und  der  immer  dichter  sich  zusammenziehenden
  Gefahr,  hielt  man  die  Tendenz  des  ersten  Schmal-
        <pb n="211" />
        Der  Schmalkaldische  Bund.  175

kaldischen  Bundes  für  zu  unbestimmt  und  zu  locker,  ünd  veranstaltete
  demzufolge  eine  zweite  Zusammenkunft  in  Schmalkalden,
  woselbst  am  27.  Februar  1531  ein  wirkliches  Bündniß
  auf  sechs  Jahre  zu  Stande  kam,  nach  welchem  sie,
wenn  Einer  von  ihnen  oder  ihren  Unterthanen  um  der  Religion
  willen  angefochten  werden  sollte,  sich  gemeinsam  beistehen
  und  Keiner  ohne  der  Andern  Bewilligung  wieder  Frieden
  eingehen  wollte.  Leider  schlossen  sich  der  Markgraf
Georg  und  mehrere  Reichsstädte,  obgleich  sie  der  protestantischen
  Partei  angehoͤrten,  doch  noch  immer  von  diesem
Schmalkaldischen  Bündnisse  aus.  Dennoch  war  durch  diesen
  Bund,  welcher  der  protestantischen  Gemeinde  nunmehr
auch  einen  politischen  innern  Halt  und  eine  dußere  Gesammtheit
  verlieh,  ein  wichtiger  Schritt  gethan  und,  da  dieses
Bündniß  keinesweges  einen  offensiven  Charakter  trug,  sondern
  sich  nur  auf  eine  gemeinsame  Vertheidigung  ihrer  religidsen
  Freiheit  und  politischen  Sicherheit  beschränkte,  so
konnte  es  dem  Kaiser  kein  eigentliches  Aergerniß  geben,  wie
derselbe  dies  auch  in  seiner  Capitulation  erklärt  hatte.  Dennoch
  sah  er  dieses  Zusammenhalten  der  protestantischen  Fürsten
  und  Stände  keinesweges  mit  günstigen  Augen  an,  und
am  übelsten  mochte  er  es  aufnehmen,  daß  man  auch  auswärtige
  Hoͤfe  in  das  protestantische  Interesse  zu  ziehen  suchte.
Noch  näher  und  bestimmter  sprachen  sich  die  Schmalkaldischen
  Verbündeten  durch  ihre  Abgeordneten  auf  einer  neuen
Versammlung  zu  Frankfurt  im  Juni  1531  aus,  wo  man
sich  besonders  darüber  einigte,  daß  man  den  rdmischen  Koͤ-nigstite
  Ferdinands  nicht  anerkennen  wolle.  Auch  wurden
festere  Bestimmungen  über  die  Art  und  Weise  ihrer  Vertheidigung
  im  Falle  eines  zu  erleidenden  Angriffs  getroffen  und
zugleich  über  die  Aufnahme  der  schweizerischen  Glaubensbekenner
  in  das  Bündniß,  verhandelt.

Wie  wenig  auch  Carl  V.  gerade  auf  schonende  Räcksichten
  gegen  die  Protestanten  bedacht  war,  so  sah  er  doch  ein,
daß  er  mit  seiner  Strenge  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg
etwas  zu  hitzig  in  das  Feuer  gegangen  war  und  durch  sein
hartes  Betragen  einen  Anlauf  genommen  hatte,  der  sich
        <pb n="212" />
        176  Der  Schmalkaldische  Bund.

für  den  Augenblick  nicht  ausführen  ließ  und  ihn  in  Gefahr
brachte,  seiner  Würde  einen  Stoß  zu  versetzen.  Denn  wie
eifrig  er  sich  auch  scheinbar  nur  von  seiner  Ueberzeugung
und  von  seiner  Verehrung  für  die  Rechte  der  Kirche  leiten
ließ,  so  galten  seine  Maßregeln  dennoch,  wie  immer,  selbstsüchtigen
  Plänen.  Er  wünschte  in  Deutschland  einen  innern
Krieg  zu  entflammen,  um  beiden  Theilen  Gelegenheit  zu  geben,
  sich  gegenseitig  zu  schwächen  und  dadurch  ihnen  Allen
zusammen  die  Kraft  zu  einem  Widerstande  gegen  seine  eigenen
despotischen  Absichten,  welche  er  auf  die  politische  Freiheit=Deutschlands
  hegte,  abzusaugen.  Er  unterstäützte  daher  diese
Spaltung,  und  da  er  sah,  daß  die  protestantische  Partei  ihr
Interesse  gleich  anfangs  mit  weit  mehr  Wärme  und  Muth
vertrat,  als  die  katholische,  welche  ohne  gemeinschaftlichen
Trieb,  sich  ziemlich  nachlässig  hingehen  ließ,  so  stellte  er  sich
an  die  Spitze  der  letzteren,  indem  er  glaubte,  ihr  dadurch
einen  Hebel  zu  geben.  Doch  war  er  keinesweges  gemeint,
diese  Angelegenheit,  für  welche  es  ihm  an  religidser  Ueberzeugung
  fehlte,  mit  seinen  eignen  Mitteln  auszufechten.  Er
hoffte  vielmehr,  die  Katholiken  würden  ihren  Glauben  eben
so  kräftig  politisch  geltend  zu  machen  streben,  als  die  Protestanten
  den  ihrigen.  Allein  er  irrte  sich.  Denn  erstlich
fehlte  es  den  Katholiken  —  welche  zum  gröôßten  Theile  große
Beschwerden  gegen  die  Mißbräuche  des  rômischen  Stuhles
hegten  und  offen  aussprachen  —  an  einer  durchgreifenden
Uebereinstimmung,  besonders  aber  an  einer  anfeuernden  Begeisterung
  für  ihre  Kirche;  dann  aber  mochten  sie  hin  und
wieder  auch  die  selbstsüchtigen,  der  gemeinsamen  Freiheit
Deutschland's  gefährlichen  Absichten  des  Kaisers  spüren  und
klug  genug  seyn,  sich  nicht  als  sinnlose  Werkzeuge  derselben
gebrauchen  lassen  zu  wollen.  Es  war  daher  dem  Kaiser
sehr  erwünscht,  daß  die  Churfürsten  von  Mainz  und  der
Pfalz  ihn  um  Erlaubniß  baten,  vermittelnd  zwischen  dem
Reiche  und  den  evangelischen  Fürsten  auszutreten  und  den
Frieden  zu  erhalten  zu  suchen,  und  er  gab  dieser  Bitte  gern
Gehdr.  Die  beiden  Friedensfürsten  fingen  sonach  mit  dem
Churfürsten  von  Sachsen  und  dem  Landgrafen  von  Hessen
        <pb n="213" />
        Der  Schmalkaldische  Bund.  177

Unterhandlungen  an,  und  in  Folge  dessen  kam  es  im  April
1532,  nachdem  die  Protestanten  sich  bei  weitem  nicht  so  1532
nachgiebig  hatten  finden  lassen,  als  man  geglaubt,  zu  einer
Zusammenkunft  in  Schweinfurt  zwischen  den  Abgeordneten
der  vermittelnden  Fürsten  und,  protestantischer  Seits,  dem
Herzog  Johann  Friedrich  und  andern  evangelischen  Fürsten
und  Ständen.  Hier  gab  es  nun  einen  Hauptanstoß  in  der
Weigerung  der  Evangelischen,  den  Erzherzog  Ferdinand  als
rèmischen  König  anzuerkennen.  Es  kam  hier  so  wenig  zu
einem  Resultate,  daß  man,  um  die  Unterhandlungen  nicht
mit  einem  Male  zu  zerschlagen,  wenigstens  über  eine  zweite
Versammlung  einig  ward,  die  im  Juni  auch  wirklich  gehalten
  ward.  Auch  hier  kam  es  jedoch,  statt  einer  wesentlichen
Einigung,  nur  zu  einem  Waffenstillstande  (wenn  man,  da
noch  kein  Krieg  ausgebrechen,  sich  dieses  Wortes  bedienen
darf),  dem  man  den  schdnen  Namen  des  ersten  Religionsfriedens
  vom  23.  Juli  beilegte,  worin  jedoch  nichts  weiter
ausgemacht  war,  als  daß,  bis  auf  ein  zu  haltendes  Concilium,
  zwischen  Kaiser  und  Ständen-ein  allgemeiner  Friede
beobachtet  werden  und  kein  Theil  den  andern,  unter  kirchlichem
  oder  sonstigem  Vorwande,  befehden  solle.  Die  Hauptsache
  aber,  welche  sich  der  kluge  Kaiser  von  den  treuherzigen
  Protestanten  bedungen  hatte,  war:  daß  Lettere,  so
gut  wie  die  Katholischen,  zur  Hilfe  gegen  die  Türken  beitragen
  mußten.  Eine  üble  Clausel  war  es,  daß  dieser  Vertrag
  sich  nur  auf  die  unmittelbaren  Mitglieder  der  verhandelnden
  protestirenden  Partei  ausdehnte,  mithin  die  schweizerischen
  Glaubensgenossen  wiederum  ausschloß  und  dadurch
es  dem  Kaiser  hätte  möglich  machen  können,  erst  mit  den
Schweizern  allein  fertig  zu  werden  und  dann,  nach  Ablauf
des  Friedens,  wieder  die  Evangelischen  für  sich  vorzunehmen.
Mit  diesem  Vertrage  war  also  für  die  Protestanten  nichts
weiter  gewonnen,  als  ein  vorldufiger  Friede,  der,  unter  den
waltenden  Umständen,  dem  Kaiser  noch  bei  weitem  willkommener
  seyn  mußte,  als  ihnen  selbst.  Dem  Kaiser  dagegen
war,  ausser  vorläufiger  innerer  Ruhe,  deren  er  so  sehr  bedurfte,
  auch  noch  Hilfe  gegen  die  Türken  geworden.  Höch-12
        <pb n="214" />
        178  Tod  Johann's  des  Beständigen.

stens  konnten  die  Protestanten  sich  daraus  den  schmeichelhaften
  Schluß  entnehmen,  daß  man  sie  doch  nicht  für  gar
zu  unbedeutend  nehme,  indem  man  sich  vielfache  Mühe  gegeben,
  sie  zu  einem  solchen  Frieden  zu  bringen.  Churfürst
Johann  lag  schwer  erkrankt  danieder  und  hatte  diesen  Vertrag
  daher  durch  seinen  Sohn  Johann  Friedrich  eingehen
lassen.  Am  bittersten  erklärte  sich  der  feurige  Philipp  von
Hessen  gegen  diesen  Frieden,  dessen  Nichtigkeit  er  wohl  einsah;
  er  wäre  darüber  mit  Johann  Friedrich  beinahe  in
Streit  gerathen,  wenn  nicht  sich  die  Räthe  vermittelnd  dazwischen
  geworfen  hätten.  Wie  wenig  sonach  auch  die  Protestanten
  mit  diesem  Nominalfrieden  erlangt  hatten,  so  war
selbst  dieses  Wenige  und  dieser  Schein  von  Vortheil,  der
ihnen  dadurch  geworden,  den  Erzkatholischen  —  wie  z.  B.
dem  Kdnig  Ferdinand,  dem  Herzog  Georg  von  Sachsen,  besonders
  aber  dem  Pabste  —  noch  immer  zu  viel,  und  sie
waren  mit  diesem  Vertrage  wenig  besser  zufrieden,  als  auf
der  andern  Seite  der  Landgraf  Philipp  von  Hessen,  welcher
sich  kaum  des,  freilich  ungegründeten  Gedankens  erwehren
konnte,  Fohann  Friedrich  habe  sich  durch  Eingehung  dieses
Friedens,  dem  Kaiser  noch  besonders  gefällig  bezeigen  und
dabei  einige  Vortheile  für  seine  eigne  Person  erjagen  wollen.

Kurz  nach  Abschluß  dieses  Friedens,  der  nur  einen  Abschnitt,
  nicht  cinen  Abschluß  der  begonnenen  und  noch  zu  erwartenden
  Religionskämpfe  bildete,  und  mitten  in  den  Streitseligkeiten
  über  den  Frieden  selbst,  der  einem  Baume  mit
gemalten  Früchten  glich,  starb  am  16.  August  1532  Churfürst
  Tohann,  auf  dem  Schlosse  Schweiniß  im  66.  Jahre
seines  Alters.  Niemand  von  seinen  Anverwandten  war  bei
ihm,  als  er  verschied;  daher  auch  Luther,  welcher  eben  zu
seinem  Tode  kam,  schmerzlich  ergriffen  ausrief:  „Lieber  Gott,
wie  so  einsam  stirbt  doch  dieser  große  Fürst,  daß  auch  weder
  Sohn,  Vetter,  noch  ein  andrer  Freund  bei  ihm  ist.“
Er  fand  seine  Ruhestätte  in  der  Schloßkirche  zu  Wittenberg,
an  der  Seite  seines  verklärten  Bruders,  Friedrich  des  Weisen.
  —  In  Johann  ging  ein  treues,  redliches  Gemüth  und
der  standhafteste  Tünger  der  neuen  gelduterten  Lehre  zu
        <pb n="215" />
        Charakter  Johann's  des  Beständigen.  170

Grabe.  Wenn  ihm  auch  die  feine  Umsicht,  die  tiefe  Staatsklugheit
  seines  Bruders  abging,  so  ersetzte  er  diesen  Mangel
wiederum  durch  seine  muthige  Beharrlichkeit,  seine  unerschütterliche
  Glaubensfestigkeit,  die  keine  Gefahren  und  selbst  keine
politischen  Opfer  scheute.  Er  würde  der  Sache  der  Reformation
  noch  forderlicher  gewesen  seyn,  wenn  er  eben  so  viel
Vertrauen  zu  seinem  eignen  Urtheile,  als  zu  der  Wahrheit
und  dem  guten  Rechte  der  von  ihm  verkämpften  Sache  gehabt
  haͤtte,  statt  oft  zu  unbedingt  der  scholastischen  Klügelei
und  Buchstabentreue  seiner  geistlichen  Räthe,  Luther  und  Melanchthon
  nicht  ausgenommen,  selbst  in  Verhandlungen,  die
mehr  dem  weltlichen  Urtheile  angehdrten,  nachzugeben  und
sich  davon  leiten  zu  lassen.  Doch  diese  kleine  Schwäche,  die
ihren  Grund  nur  in  der  kindlichen  Frommigkeit  dieses  Fürsten
  hatte,  kann  nicht  im  Mindesten  den  Ruhm  seiner  Glaubens=
  und  Thatentreue,  noch  seine  hohen  Verdienste  um  die
Reformation  —  welcher  er,  politischer  Seits,  zuerst  Bahn
brach  —  schmälern.  Es  war  eine  abgeschmackte  und  selöst
von  den  Gegnern  der  Reformation  keines  Zutrauens  gewürdigte
  Lüge,  wenn  müßige  papistische  Köpfe  in  Wien  auszusprengen
  versuchten,  der  Churfürst  habe  kurz  vor  seinem  Ende
der  Lutherischen  Lehre  wieder  entsagt  und  den  Kaiser  erfuchen
  lassen,  seinem  Sohne  Johann  Friedrich  die  Churwürde
so  lange  vorzuenthalten,  bis  derselbe  die  Reformation  in  seinem
  Lande  gänzlich  vertilge.  Johann  hatte  während  seines
Lebens,  so  unwandelbar  und  mit  so  vieler  Entsagung  für
die  neue  Lehre  gewirkt  und  gewagt,  daß  seine  Ueberzeugung
wohl  auf  unerschütterlichem  Grunde  stehen  mußte.  Ein  Rücktritt
  zu  den  Irrthuͤmern  der  rdmischen  Kirche  in  der  Stunde
des  Todes  würde  daher,  selbst  wenn  er  mehr  als  Lüge  wäre,
  nur  auf  Rechnung  einer,  der  nahen  Aufloͤsung  vorangehenden
  Nervenschwäche  und  Sinnenverwirrung,  keinesweges
aber  einer  gesunden  Erkenntniß  und  wirklichen  Sinnesaͤnderung
  gesetzt  werden  können.

Eben  so  unermüdet,  wie  Johann  für  seine  religiöse  Ueberzeugung
  wirkte  und  strebte,  richtete  er  auch  seine  Sorgen
auf  innere  Ordnung  und  Ruhe  in  seinen  Landen.  Nach  Til-12

  *
        <pb n="216" />
        180  Charakter  Johann's  des  Beständigen.

gung  der  Bauern-Unruhen,  gegen  welche  Johann  persoͤnlich
zu  Felde  gezogen  war,  trachtete  er  mit  allem  Ernste,  den
blutig  errungenen  innern  Frieden  zu  befestigen  und  zu  erhalten.
  Die  noch  erregte  Zeit  machte  strenge  Maßregeln
ndthig,  wie  uns  denn  von  ihm  gemeldet  wird:)  „seinen
Vuterthanen  ließ  er  alle  Wehr,  als  Harnisch,  Buchssen,
Spieß,  Helleparten,  und  drgl.  mehr  nemen,  also,  daß  keiner
bey  Verlierung  Leibs  und  Guts  in  seiner  Behausung  mehr
nicht,  denn  eine  Art  und  Beihl,  ond  so  er  uber  Feld  wanderte,
  ein  weis  Steblin  eines  Daumens  dick,  ond  ein  Brodmesser
  one  eine  Spitzen  haben  durffte.  Vud  wo  einer,  als
ein  Verächter  dieses  Verbots  angetroffen  wardt,  den  hat  ein
seder,  der  sein  Herr,  und  mechtig  seyn  köndte,  ohn  alle  straffe
macht  zu  entleiben  ond  umzubringen  gehabt.““  Bei  alledem
war  Johann  mild  und  verzeihend,  so  daß  er  nur  schwer  an
die  Unterzeichnung  eines  Todesurtheils  ging  und  sich,  rücksichtlich
  des  Delinquenten,  gern  mit  der  Hoffnung  tröstete:
„Ei,  er  wird  wohl  noch  fromm  werden.“  Um  die  Rechtspflege
  und  Gerichtsordnung  erwarb  sich  Johann  in  seinen
Landen  bedeutende  Verdienste,  er  gründete  im  Jahre  1529
ein  neues  Hofgericht  zu  Wittenberg  und  richtete  auf  Verbesserung
  des  Münzwesens  und  der  Polizeipflege  sein  besonderes
  Augenmerk.  Mit  dem  Herzog  Georg  von  Sachsen  war
er,  nicht  nur  als  religibse  Gegenpartei,  sondern  auch  wegen
der  Bergwerke,  Münzen,  Straßen  und  einer  gemeinschaftlichen
  Lehen,  längere  Zeit  in  Irrungen  und  Mißhelligkeiten
verwickelt,  bis  am  17.  Juli  1531  durch  die  von  beiden  Seiten
  erwählten  zwei  und  dreißig  Schiederichter,  der  sogenannte
  Grimmaische  Machtspruch  zu  Stande  kam,  wodurch
beide  Theile  sich  verglichen  und  aussöhnten,  worüber  die  Unterthanen
  beider  Herren  so  viele  Freude  empfanden,  daß  man
die  Glocken  läutete  und  Freudenfeuer  anzündete.  In  Folge
dieser  Aussöhnung  untersagte  der  Churförst  Luther'n  brieflich,
ferner  so  scharf  gegen  den  Herzog  Georg  zu  schreiben.  Seine

——

*)  W.  Kraussius:  Vom  Ursprunge  des  Hauses  zu  Sachsen.
        <pb n="217" />
        Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.  181

unerschuͤtterliche  Liebe  für  die  Reformation  verursachte,  daß
ihm  der  Kaiser  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg  die  Belehnung
  über  seine  Länder  verweigerte  und  ihm  dieselben  nicht
eher  ertheilen  wollte,  bis  er  der  neuen  ketzerischen  Lehre  entsagt
  haben  würde.  Diese  treue  Ausdauer  erwarb  ihm  mit
Recht  den  Namen  des  Standhaften.  Die  rdmische  Partei
hatte  sich,  wie  es  scheint,  früher  nicht  einen  so  starken  und
ausdauernden  Beschützer  der  Reformation  in  ihm  vermuthet,
sondern  vielmehr  geglaubt,  daß  mit  seinem  Bruder  und  Vorgänger
  sich  dieselbe  in  das  Grab  legen  werde,  wie  auch
Luther  erwähnt:  „da  Herzog  Friedrich  von  Sachsen  lebet,
der  thewre  werthe  Fürst  (des  man  nicht  vergessen  soll)  da
trösteten  sich  beide,  geistliche  und  weltliche  Tyrannen  auf
seinen  Tod,  und  sprachen:  es  ist  um  zwei  Augen  zu  thun,
wenn  dieselbigen  zu  sind,  so  liegt  des  Luthers  Ketzerey  auch.“
Hierinnen  hatten  sie  sich  freilich  stark  geirrt,  denn  Johann
bekannte  sich  weit  offener  und  unverhaltener  für  die  Reformation,
  als  Friedrich,  der,  den  Sinn  seiner  Zeit  verstehend,
die  neue  Lehre  nur  zu  dulden,  zu  schützen  suchte,  und  kommenden
  Zeiten  es  überließ,  sie  zu  verfechten.  Luther  pflegte
von  beiden  Brüdern  zu  sagen:  mit  Friedrich  sey  die  Weisheit,
  mit  Johann  aber  die  Redlichkeit  gestorben.  Man
könnte  zur  Unterscheidung,  Friedrich  den  Gärtner  und  Pfleger,
  Johann  den  streitbaren  Wächter  der  Reformation  nennen.
  Mit  halbgezogenem  Schwerte  ging  Johann,  der  freudige
  Glaubensstreiter,  schlafen;  aber  schon  die  nächstkommende
  Zeit  sollte,  über  seinem  Grabe,  die  halbentblöste
Glaubenswasse  aus  der  Scheide  ziehen  und  den  blutigen
Kaufpreis  der  neuen  Geistesfreiheit  hinwerfen.

Der  Sohn  und  Nachfolger  des  Verewigten,  Johann  Friedrich,
  mit  dem  Beinamen:  der  Großmüthige,  war  am  30.
Juni  1503  zu  Torgau  geboren.  Man  könnte  ihn,  nicht  ohne
Grund,  den  Winkelried  der  Protestanten  nennen,  welcher,  der
Erste  im  Glaubenskampfe  vordringend,  auch  das  erste  Opfer
desselben  werden  mußte,  aber,  durch  seinen  eignen  politischen
untergang,  seiner  Sache  und  der  über  seinem  Falle  nachdringenden
  Reformation  den  Sieg  errang.  Ein  sterbender  Bote,
        <pb n="218" />
        182  Johanu  Friedrich  der  Großmuͤthige.

brachte  er  den  Sieg  daher,  ohne  seinen  Antheil  mehr  daran
zu  finden.  Das  Mißgeschick,  welches  sein  spaͤteres  Leben
bezeichnele,  glaubte  man  schon  in  dem  gelben  Kreuze  prephezeit,
  das  er  an  seinem  Körper  mit  auf  die  Welt  brachte,
und  wirklich  begann  sein  Unstern  frühzeitig  damit,  daß  er
schon  am  zwolften  Tage  seiner  Geburt,  seine  Mutter  durch
den  Tod  verlor.  Er  erhielt  unter  Spalatin's  und  Crosner's
  Anleitung,  eine  sorgfältige  Erziehung,  legte  sich  schon
in  früher  Jugend  mit  Glück  und  Liebe  auf  das  Studium
der  Geschichte  und  dusserte  auch  frühzeitig  schon  viel  Frômmigkeit
  und  einen  entschlossenen  Sinn,  der,  wenn  ihm  noch
bessere  und  weisere  Rathgeber  zur  Seite  gestanden  hätten,
gewiß  die  besten  Früchte  getragen  haben  würde.  Er  hatte
schon  1521  seinen  Oheim,  Friedrich  den  Weisen,  auf  den
Reichstag  nach  Worms  begleitet,  und  folgte  später  seincen
Vater  auf  die  Versammlungen  zu  Speyer  und  Augsburg.
Die  begeisterte  Unerschrockenheit,  mit  welcher  er  hier  das
neue  Glaubensgut  gegen  weltliche  und  geistliche  Uebermacht
vertheidigt  sah,  härtete  auch  seine  Frômmigkeit  bald  zum
wahren  Glaubensmuthe  ab.  Auf  dem  Reichstage  zu  Cöln
erschien  er  im  Namen  seines  Vaters  und  protesticte  daselbst,
wie  wir  schon  gehdrt  haben,  gegen  die  rômische  Königswahl
Ferdinand's,  eine  Handlung,  die  ihm  Carl  V.  wahrscheinlich
nie  vergessen  hat.  Man  will  behaupten,  daß  man  ihm  schon
damals,  als  er  aus  Coln  wieder  hinausgereiset,  Leute  nachgesendet
  habe,  die  ihn  aufsuchen  und  zurückbringen  sollten,
ihn  aber  nicht  mehr  antrafen.  Nach  dem  Tode  seines  Vaters
  folgte  er  demselben  in  der  Chur  Sachsen;  die  übrigen
Lande  aber  regierte  er  gemeinschaftlich  mit  seinem  Halbbruder,
  Johann  Ernst,  bis  zum  Jahre  1542,  wo  er  denselben
mit  der  Pflege  Coburg  und  einer  jährlichen  Summe  von  14,000
Gulden  abfand,  für  welche  letztere  er  ihm  mehrere  Aemter,
Städte  und  Schlösser  verpfändete.  Bald  nach  seinem  Regierungsantritte
  unternahm  er  eine  sehr  zweckmaßige  Verbesserung,
  indem  er  nämlich  die  bisherigen  Einkünfte  einiger
Kloͤster  dazu  verwendete,  die  Besoldung  der  Lehrer  an  der
Universität  Wittenberg  zu  erhöhen  und  ihre  Einkünfte  zu
        <pb n="219" />
        Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.  183

erweitern,  ihr  auch  die  Jurisdiction  uͤber  ihre  Doͤrfer  zugestand.
  Ein  Jahr  spaͤter  ließ  er  auch  eine  allgemeine  Kirchen-Visitation
  in  seinen  Landen  anstellen,  welcher  sich  hauptsaͤchlich
  Justus  Jonas,  Johann  Bugenhagen,  Georg  Spalatin,
  Justus  Merius  und  Friedrich  Myconius  unterzogen,  und
durch  welche  wiederum  so  manche,  der  Reformation  guͤnstige
und  dieselbe  befestigende  Einrichtung  getroffen  wurde.  Besonders
  wurde  darauf  gesehen,  daß  das  Abendmahl  unter
beiderlei  Gestalt  gereicht  und  alle  Sonntage  in  den  Kirchen
ein  Hauptstuͤck  aus  dem  Catechismus  oͤffentlich  verlesen  ward.
Dagegen  untersagte  Johann  Friedrich  dem  Philipp  Melanchthon,
  nach  Frankreich  zum  König  Franz  I.  zu  reisen,  welcher
  ein  Religionsgespräch  mit  demselben  gewünscht  hatte;
denn  er  fürchtete,  Melanchthon's  Nachgiebigkeit  kennend,  daß
dieser  sogar  gegen  den  Geist  der  Reformation  Manches  zugeben
  und  nachlassen,  und  dadurch  der  Sache  mehr  nachtheilig
  als  nöätzlich  werden  mochte.  Uebrigens  führte  Johann
  Friedrich  die  Protestation  seines  Vaters  gegen  die
Wahl  Ferdinand's  weiter,  und  weigerte  sich,  denselben  als
romischen  Kdnig  anzuerkennen.  Da  hieraus  allerdings  neue
Mißhelligkeiten  abzusehen  waren,  so  unternahmen  es  der
Churfürst  von  Mainz  und  der  Herzog  Georg  von  Sachsen,
diese  Irrungen  zwischen  Ferdinand  und  Johann  Friedrich  zu
vermitteln,  und  es  gelang  ihnen,  zu  Cadan  in  Böhmen  am
29.  Juni  1534  einen  Vergleich  zwischen  Beiden  zu  Stande
zu  bringen,  in  welchem  ausgemacht  wurde:  daß  in  Religionsangelegenheiten
  ferner  nicht  mit  Gewalt  verfahren,  der
Närnberger  Relsgionsfeiede  bei  Kraft  erhalten  werde  und
daß  der  Koͤnig  Ferdinand  bewerkstelligen  sollte,  daß  das
Reichskammergericht  von  jedem  Verfahren  gegen  die  Protestanten
  abstände.  Die  schweizerischen  Glaubensgenossen  und
sonstigen,  der  Reformation  so  nahe  stehenden  Parteien  blieben
leider!  abermals  von  diesem  Vergleiche  ausgeschlossen.  Dagegen
  ecklärte  sich  Johann  Friedrich  nebst  seinen  Bundesgenossen,
  nunmehr  Ferdinand  als  rèmischen  Koͤnig  anzuerkennen,
  jedoch  mit  einem  Vorbchalte,  welcher  Deutschland's
Freiheit  für  künftige  Faͤlle  vor  ähnlichen  Königswahlen  bei

1533

1531
        <pb n="220" />
        1541

1533

184  Johann  Friedrich  der  Großmüthige.

Lebzeiten  des  Kaisers,  verwahren  sollte.  Dieser  letztere  Punkt
verursachte  neue  Frrungen,  so  daß  Johann  Friedrich  wieder
auf  seine  vorige  Weigerung,  Ferdinand  anzuerkennen,  zurückkam;
  bis  endlich  am  11.  Mai  1544  auf  dem  Reichstage  zu
Speyer  sich  diese  Mißhelligkeiten  beilegten,  und  der  Churfürst
  zugleich  die  bisher  ihm  verweigerte  Bestätigung  des  mit
dem  Herzoge  Johann  III.  von  Cleve,  dessen  Tochter  er  geehelicht,
  abgeschlossenen  Vertrags  erhielt,  wodurch  Johann
Friedrich  und  seine  Nachkommen,  nach  Abgang  des  Cleve“'-schen
  Mannsstammes,  das  Herzogthum  erblich  an  sich  zu
nehmen  hatten.  Im  Cadan'schen  Vergleiche  erhielt  Johann
Friedrich  auch  die  Zusicherung,  daß  ihm  die,  seinem  Vater
vorenthaltene  Belehnung  des  baldigsten  ertheilt  werden  sollte;
demzufolge  er  sich  im  folgenden  Jahre  nach  Wien  begab
und  dort  vom  Kbnig  Ferdinand,  den  der  Kaiser  ausdrücklich
  hierzu  beauftragt  hatte,  mit  der  Chur  und  den  Ernestinischen
  Landen  belehnt  wurde.  Während  er  nach  Wien  gereist
  war,  hatte  der  Pabst  Paul  III.  den  Cardinal  Vergerius
  als  Gesandten  nach  Deutschland  gesendet,  um  sämmtliche
  evangelische  Fürsten  und  Stände  zu  einem  Concilium
nach  Mantua  einzuladen.  Vergerius  ließ  sich,  da  er  den
Churförsten  zu  Wittenberg  nicht  in  Person  antraf,  mit  Luther
in  eine  Unterredung  ein,  welche  jedoch  nichts  weiter  bezweckte,
  als  daß  Luther  ihm  seine  Meinung  über  die  Unaufrichtigkeit
  des  Pabstes  —  welcher  das  Concilium  keineswegs
so  eifrig  betreibe,  als  er  sich  stelle  —  sagte.  Vergerius
wünschte  nicht,  den  Churfürsten  in  Wittenberg,  wo  er  denselben
  unter  dem  Einfluße  Luthers  wußte,  zu  sprechen,  sondern
  reisete  ihm  weiter  entgegen,  traf  ihn  in  Prag  und  entledigte
  sich  dort  seines  Ausftrags.  Von  mehreren  Seiten  mit
Verdacht  gegen  feindselige  Maßregeln  der  romischen  und
kaiserlichen  Partei  erfüllt,  welche  der  Kaiser  dadurch  bestetigte,
  daß  er  sich  dagegen  zu  vertheidigen  suchte,  fand  sich
Johann  Friedrich  bewogen,  eine  neue  Zusammenkunft  nach
Schmalkalden  anzuberaumen,  zumal  die  Frist  des  dort  geschlossenen
  Bündnisses  bald  zu  Ende  lief  und  die  Herzöge
von  Pommern  dem  Bunde  beizutreten  wünschten.  Auf  dieser
        <pb n="221" />
        Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.  185

neuen  Zusammenkunft  im  December  1535  wurde  ausgemacht,
daß  Alle,  welche  sich  zur-evangelischen  Lehre  bekannten,  auf
Verlangen  zu  dem  schmalkaldischen  Bunde  zugelassen  und
der  Bund  selbst,  welcher  mit  dem  Februar  1537  zu  Ende
ging,  auf  zehn  Jahre  verlängert  werden  sollte.  Auf  der
spater,  im  April  1536,  nach  Frankfurt  ausgeschriebenen  Versammlung,
  wurde  diese  Uebereinkunft  nochmals  bestätigt,
und  auf  der  im  September  desselben  Jahres  gehaltenen  neuen
Versammlung  zu  Schmalkalden  wurde  dieser  Beschluß  in
eine  Bundesformel  aufgefaßt  und  von  allen  Bundesgenossen
in  Person  oder  durch  Stellvertreter  unterzeichnet.  Der  Herzog
  Ulrich  von  Würtemberg,  die  Herzdge  Barnim  und  Philipp
  von  Pommern,  die  Fürsten  Johann,  Georg  und  Joachim
  von  Anhalt,  und  die  Städte,  Augsburg,  Hannover,
Frankfurt  und  Hamburg  wurden  in  den  Bund  ausgenommen,
und  beschlossen,  10,000  Mann  Fußvolk  und  2000  Pferde  auf
gemeinschaftliche  Rechnung  zu  unterhalten.  Zu  Häuptern  des
Bundes  wurden  der  Churfürst  Johann  Friedrich  und  der
Landgraf  Philipp  von  Hessen  erwählt,  und  zwar  dergestalt,
daß  Beide  in  der  ebersten  Leitung,  alle  halbe  Jahre  mit  einander
  abwechseln  sollten.  Diese  Einrichtung  zerstäckelte  offenbar
  die  Leitung  des  Bundes,  und  war  eine  Quelle  des
spater  über  denselben  hereinbrechenden  Unglücks.  Viel  besser
wäre  es  —  wie  auch  Landgraf  Philipp  sich  dusserte  —
gewesen,  wenn  ihm,  der  an  kriegerischem  Sinne  und  dazu
gehdriger  Erfahrung  dem  Churfürsten  überlegen  war,  die
ausschließliche  oberste  Leitung  der  Kriegsangelegenheiten  des
Bundes,  dem  Churfürsten  aber  die  innere  Gestaltung  des
Bundes  und  dessen  diplomatische  Lenkung  zugefallen  wäre.
Auf  der  letzten  Versammlung  zu  Frankfurt  hatte  man  beschlossen,
  eine  Gesandtschaft  an  den  Kaiser  zu  schicken  und
ihn  um  seine  Zustimmung  zu  bitten,  daß  auch  diejenigen,
welche  nach  dem  Nürnberger  Religionsfrieden  dem  schmalkaldischen
  Bunde  beigetreten  wären,  dessen  Vorrechte  theilen
  dürften.  Der  Kaiser,  andere  Angelegenheiten  vorschüzzend,
  versprach  seinen  Entschluß  später  den  Bundesgenossen
  zukommen  zu  lassen.  Da  man  nun  glauben  musßte,

1536
        <pb n="222" />
        1537

186  Johann  Friedrich  der  Großmüthige.

daß  die  kaiserliche  Antwort  sich  hauptsächlich  auf  das  bevorstehende
  allgemeine  Concilium  berufen  wörde  und  man,  die
Religionsangelegenheiten  anlangend,  demselben  bestmeglichst
begegnen  wollte,  so  beauftragte  der  Churfürst  seine  Wittenberger
  Theologen,  besonders  auch  Luther'n,  gleichsam  als
Erklärung  der  Augsburgischen  Confession,  einige  Hauptartikel
  der  evangelischen  Lehre  zu  entwerfen,  um  sie  auf  dem
Concilium  vorzulegen  und  als  Grundlage  des  über  die  neue
Lehre  zu  fassenden  Entschlusses  zu  betrachten.  Luther  setzte
diese  schmalkaldischen  Artikel  in  seiner  gewohnten  kernigen  und
scharfen  Weise  auf,  welche  die  Mißbräuche  der  rdmischen
Kirche  in  grellen  Umrissen  hinstellte.  Aber  diese  Vorbereitungen
  waren  vor  der  Hand  vergeblich  gewesen,  denn  das
Concilium  —  welches  der  Pabst  dußerlich  betrieb  und  innerlich
  hemmte  —  kam  noch  immer  nicht  zu  Stande,  obschon
die  deutschen  Stände  drohten,  daß  sie,  wenn  man  noch  länger
  damit  zögerte,  nunmehr  ein  National-Concilium  veranstalten
  wörden,  auf  welches  freilich  der  Pabst  sehr  wenig
Einfluß  gehabt  haben  möchte.  Der  Churfürst  Johann  Friedrich,
  obschon  ein  kaiserlicher  Gesandte,  der  Reichsvicekanzler
Held,  ihn  noch  besonders  gebeten,  das  Concilium  nicht  länger
  durch  sein  Ausbleiben  aufzuhalten,  weigerte  sich,  dasselbe
in  Mantua  vor  sich  gehen  zu  lassen,  da  er  keinen  Grund
wüßte,  weshalb  eine  deutsche  Religionsangelegenheit  in  Italien
  ausgemacht  werden  solle.  Aber  eben  in  der  Hoffnung
einer  Weigerung  des  Churfürsten  hatte  der  Pabst  ausdrücklich
  Mantua  gewählt,  und  Johann  Friedrich,  dem  der  kaiserliche
  Gesandte  angenehme  Ausscchten  von  den  günstigen
Folgen  dieses  vorhabenden  Conciliums  für  die  Sache  der
Protestonten  zu  eroffnen  strebte,  unterstützte  durch  seine  Weigerung,
  ohne  es  zu  wissen,  die  Sache  des  Pabstes.  Dem
kaiserlichen  Abgesandten  folgte  auch  bald  ein  päbstlicher  Botschafter,
  welcher  zwei  Einladungsschreiben  des  Pabstes  an
den  Churfürsten  zu  dem  vorhabenden  Concilium  brachte.  Aber
man  war  unaufmerksam  genug,  die  päbstlichen  Schreiben
uneroͤffnet  zurückzugeben  (vielleicht  weil  man  darin  Bitterkeiten
  vermuthete  und  sich  die  Aergerniß  darüber  ersparen
        <pb n="223" />
        Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.  187

wollte,  was  gleichwohl  dieses  Verfahren  des  Churfuͤrsten
nicht  rechtfertigt,  welches  wahrscheinlich  auf  Betrieb  des  in
seinem  Zorne  gegen  den  roͤmischen  Hof  nicht  immer  die
rechte  Mitte  haltenden  Luthers  stattfand)  und  auf  der
Weigerung,  das  Concilium  in  Mantua  zu  beschicken,  zu  beharren.
  Die  kühne  Weise,  mit  welcher  die  Protestanten  auf
ihrer  Meinung  auch  diesmal  beharrten,  schien  ihrer  Sache
neue  Freunde  und  Anhänger  gewinnen  zu  wollen.  England
  schloß  sich  der  neuen  Lehre  immer  inniger  an,  König
Christian  III.  trat  dem  Schmalkaldischen  Bündnisse  bei,
auch  Joachim  von  Brandenburg  war  auf  dem  Wege,  sich
ihm  in  die  Arme  zu  werfen,  und  der  Churfürlt  Hermann
von  Cöln  ging  schon  seit  längerer  Zeit  damit  um,  die
evangelische  Lehre  in  seinem  Erzstifte  einzuführen.  Gegen
diesen  wachsenden  Anhang  des  Protestantismus  mußten,
wie  der  Gegentheil  recht  wohl  einsah,  auch  von  kaiserlicher
und  päbstlicher  Seite  Vorsichtsmaßregeln  getroffen  werden.
Besonders  gab  sich  der  Vicekanzler  Held,  der  die  ihm  gewordene
  rund-abschlägige  Antwort  und  die  dadurch  verursachte
  Vereitelung  des  Mantuaischen  Conciliums  so  wenig
verdauen  konnte,  daß  es  ihn  schon  in  Schmalkalden  zu  heftigen
  Ergießungen  seiner  Galle  und  zu  Drohungen  hingerissen
  hatte,  alle  erdenkliche  Mühe,  dem  Schmalkaldischen
Bunde  zum  Trotz  eine  Opposition  zu  Stande  zu  bringen.
Er  recrutirte  mit  so  vielem  Eifer  unter  den  katholischen  Fürsten
  und  Ständen,  daß  er  sich  wirklich  Beitritt  verschaffte.
So  wurde  denn  auf  seinen  Betrieb,  als  Gegenbündniß  zu
dem  schmalkaldischen,  von  dem  Kaiser  und  dem  roͤmischen
Könige  Ferdinand,  den  Erzbischofen  von  Mainz  und  Salzburg,
  den  Herzdgen  Wilhelm  und  Ludwig  von  Baiern,  Georg
  von  Sachsen,  und  Erich  und  Heinrich  von  Braunschweig,
am  10.  und  12.  Juni  1538  der  sogenannte  heilige  Bund
auf  eilf  Jahre  geschlossen.  Um  einen  Versuch  zur  gütlichen
Vereinigung  der  beiden  Religionsparteien  zu  machen,  veranstaltete
  man  noch  einen  besondern  Convent  zu  Frankfart,
woselbst,  nebst  den  Bevollmächtigten  des  Kaisers  und  des
rdmischen  Koͤnigs,  die  Churfürsten  von  der  Pfalz  und  von
        <pb n="224" />
        1539

188  Johann  Friedrich  der  Großmüthige.

Brandenburg  als  Vermittler,  und  der  Churfürst  von  Sachsen
  mit  dem  Landgrafen  von  Hessen  als  Oberhäupter  der
Schmalkaldischen  Verbündeten  erschienen.  Es  ward  hier  bei
weitem  mehr  hin  und  wieder  gesprochen,  als  ausgemacht,
und  endlich  kam  man  über  einen  sogenannten  friedlichen
Anstand  auf  funfzehn  Monate  üuberein,  während  dessen  der
Nürnberger  Religionsfriede,  mit  welchem  man  sich  viel  umhertrug,
  in  Kraft  erhalten  werden  sollte.  Zugleich  setzte  man,
ungeschreckt  durch  die  fruchtlosen  früheren  Versuche  dieser
Art,  ein  neues  Religionsgespräch  fest.  Der  friedliche  Anstand
  kam  jedoch  nicht  eigentlich  zu  Stande,  weil  die  Erklärung
  des  Kaisers  nicht  in  der  gesetzten  Zeit  erfolgte;  und
das  Religionsgespräch,  welches,  obschon  erst  im  Januar

1541  1541,  wirklich  zwischen  Melanchthon  und  dem  immer  schlagfertigen

  Eck,  in  Worms  statt  fand,  führte  eben  so  wenig
zu  einem  Ziele,  als  die  früheren  ähnlichen  Verhandlungen.
Dieses  Hinausziehen  eines  Conciliums  und  eines  Resultates
wurde  von  einigen  Händeln  ernsterer  Art  unterbrochen.  Heinrich
  der  Jüngere  von  Braunschweig  hatte  sich  schon  seit
länger  als  ein  erbitterter  Gegner  der  Reformation  gezeigt,
wofür  auch  sein  schneller  Beitritt  zu  dem  heiligen  Bunde
einen  neuen  Beweis  lieferte.  Der  Churfürst  von  Sachsen
und  der  Landgraf  von  Hessen  hatten  dieserhalb  kein  gutes
Blut  zu  ihm,  aber  die  Spannung  artete  in  heftigen  Grimm

1538  aus,  als  dem  Landgrafen  durch  Zufall  Heinrichs  Briefwechsel

  mit  Mainz  überliefert  ward,  woraus  dessen  seindselige
  Absichten  gegen  die  evangelische  Sache  sehr  unverholen
hervorgingen.  Der  hitzige  Landgraf  schlug  über  diese  Entdeckung
  sofort  in  ganz  Deutschland  Lärm.  Heinrich  suchte
theils  sich  zu  rechtfertigen,  theils  aber  auch  Anklagegründe
gegen  den  Churfürsten  von  Sachsen  und  den  Landgrasen  vorzubringen,
  wodurch  endlich  auf  beiden  Seiten  ein  wäthender

Federnkrieg  entstand,  der,  namentlich  von  Braunschweig  aus,

mit  grober  und  unanständiger  Animosität  geführt  wurde.
Die  offenen  Feindseligkeiten,  welche  sich  Heinrich,  gegen  die
Ecrlaubniß  des  Kaisers,  wider  die  dem  schmalkaldischen  Bunde
beigetretenen  Städte  Goslar  und  Braunschweig  erlaubte,
        <pb n="225" />
        Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.  189

und  in  Folge  deren  diese  Städte  ihre  Bundesgenossen  um
Hülfe  anrufen  mußten  —  wozu  noch  der  Umstand  kam,
daß  in  Sachsen  und  den  benachbarten  protestantischen  Ländern
  um  jene  Zeit  eine  Menge  Feuersbrünste  vorfielen,  deren
  Anstifter,  nachdem  man  ihrer  habhaft  geworden,  geradezu
bekannten,  daß  sie  von  den  Leuten  des  Herzogs  Heinrich
dazu  gedungen  worden  —  veranlaßten  endlich  den  Churfürsten
  von  Sachsen  und  den  Landgrafen  von  Hessen,  mit  einem
  nicht  unbedeutenden  Heere  in  Heinrichs  Staaten  einzufallen,
  die  Stadt  Wolfenbüttel  wegzunehmen  und  demzufolge
  das  ganze  Land  unter  ihre  Gewalt  zu  bringen.  Herzog
  Heinrich  hatte  es,  da  er  nur  geringen  Widerstand  hatte
leisten  können,  für  gerathen  gehalten,  gleich  im  Beginne
des  Kriegs  seinem  Lande  den  Räcken  zu  wenden  und  sich,
nebst  seinem  Sohne  Carl,  zu  dem  Herzoge  von  Baiern  zu
flüchten.  Die  schmalkaldischen  Bundeshäupter  nahmen  hierauf
  Besitz  von  dem  eroberten  Lande  und  regierten  es  gemeinsam,
  bis  sie  es  im  Jahre  1545,  in  Gemäßheit  der
Wormser  Capitulation,  dem  Kaiser  zur  Sequestration  überließen.
  Ein  von  Heinrich  gegen  die  Segquestration  unternommener
  Angriff  mißglückte,  denn  obschon  er  mit  einem
Heere  in  das  ihm  abgenommene  Land  einfiel  und  einen
Theil  desselben  wieder  besetzte,  so  nöthigte  ihn  doch  sehr
bald  ein  gegen  ihn  gesendetes,  ohngleich  stärkeres  Heer,  sich
nebst  seinem  Sohne  gänzlich  dem  Landgrafen  zu  ergeben,  der
Beide  nach  Ziegenhayn  in  Verwahrung  bringen  ließ,  wo
sie  auch  bis  zur  spätern  Auflösung  des  Schmalkaldischen
Bundes  blieben  und  erst  nach  diesem  ihre  Freiheit  und  Wiedereinsetzung
  erlangten.

Während  der  schmalkaldische  Bund  so  ernsthaft  die,  zweien
seiner  verbündeten  Städte  widerfahrenen  Beleidigungen  gerächt
  hatte,  entspannen  sich  dem  Churfürsten  von  Sachsen
abermalige  Händel.  Der  Administrator  des  Bisthums
Naumburg  —  welches  unter  dem  Erbschutze  des  Churfürsten
von  Sachsen  stand,  ohne  daß  er  es  jedoch  unter  seiner  besondern
  Rechtspflege  gehabt  hätte  —  Pfalzgraf  Philipp,
Bischof  von  Freisingen,  war  im  Januar  1541  verstorben.  1541
        <pb n="226" />
        190  Johann  Friebrich  der  Großmuͤthige.

Dieser  Todesfall  kam  dem  Churfuͤrsten  Johann  Friedrich  sehr
gelegen,  denn  in  Naumburg  war  der  Wunsch,  Antheil  an  der
Kirchenverbesserung  zu  nehmen,  schon  seit  laͤngerer  Frist  sehr
lebhaft  gefuͤhlt  worden  und  man  hatte,  um  denselben  zu
verwirklichen,  schon  mehrfache  Schritte  gethan,  aber  immer
hatte  das  Capitel  sie  zu  hintertreiben  gewußt.  Nach  dieses
Administrators  Tode  war  Johann  Friedrich  auf  nichts  eifriger
  bedacht,  als  sofort  einen  evangelischen  Bischof  in  Naumburg
  einzusetzen  und  dadurch  die  dort  so  innig  ersehnte  Reformation
  hinzuverpflanzen.  Aber  das  Domkapftel,  welches
andern  Sinnes  war,  kam  den  Churfürstlichen  Commissarien
zuvor  und  erwählte  den,  der  römischen  Kirche  eifrig  ergebenen
Fulius  Pflug,  Domprobst  von  Zeitz  und  aus  altem  meißnischen
Adel,  zum  Bischof,  eine  Wurde,  welcher  er  durch  die  von
ihm  gemachten  ausgezeichneten  geistlichen,  historischen  und
politischen  Studien  in  Leipzig,  Straßburg  und  Italien,  allerdings
  gewachsen  war.  Dennoch  setzte  sich  Johann  Friedrich
dieser  Wahl  heftig  entgegen,  und  obschon  das  Stift  Naumburg
  zu  beweisen  suchte,  daß  es  vom  Churfürsten  von  Sachsen
  in  keiner  Weise  abhängig  sey,  sondern  unmittelbar  unter
Reichsgerichtsbarkeit  stehe,  so  ließ  der  Churfürst  doch  durch
Erêrterung  der  Universität  Wittenberg  das  Gegentheil  beweisen
  und,  trotz  der  Einwürfe  des  Kaisers,  entsetzte  er  den
Pflug  und  vergab  die  Bischofsstelle  an  den  Magdeburgischen
Superintendenten  Nicolaus  Amsdorf,  welcher  sie  auch  bis
zum  Sturze  des  Churfürsten  behauptete,  nach  welchem  Ereignisse
  aber  der  von  Kaiser,  Kirche  und  Reich  vertretene
Pflug  in  seine  bestrittenen  Rechte  wieder  eintrat.

Auch  mit  dem  Herzoge  Moritz  von  Sachsen  gerieth  Johann
  Friedrich  schon  damals  in  einen  vorübergehenden  Streit,
der  sich  jedoch  ziemlich  hartnäckig  anließ.  Moritz's  Vater,
Herzog  Heinrich  —  der  Bruder  des  streng  katholischen  Georgs
  —  war  noch  bei  des  Letztern  Lebzeiten  dem  schmalkaldischen
  Bunde  beigetreten,  und  hatte  sich  dabei  verpflichtet,
seinen  Sohn  Moritz  protestantisch  erziehen  und  später  dem
Bunde  beitreten  zu  lassen.  Als,  wenige  Monate  nach  seinem

1541  Bruder  Georg,  auch  Herzog  Heinrich  im  August  1541  starb,
        <pb n="227" />
        Johann  Friedrich  der  Groß  muͤthige.  191

folgte  ihm  sein  Sohn  Moritz  in  der  meißnischen  Herzogswuͤrde.
Obschon  dieser  Protestant  war,  so  hielten  ihn  doch  seine
hochfliegenden  Plaͤne  ab,  dem  schmalkaldischen  Bunde  beizutreten,
  weil  er  es  dadurch  mit  dem  Kaiser  verdorben  haben
wuͤrde,  auf  welchen  er  vielleicht  schon  damals  Absichten  und
Hoffnungen  setzte.  Vielmehr  brachen,  einige  Monate  nach
seines  Vaters  Tode,  zwischen  ihm  und  Johann  Friedrich,
Mißhelligkeiten  aus.  Unerwiesene  Ueberlieferungen  sagen,
der  Streit  sey  über  dem  Spiele  entstanden,  welchem  Moritz
so  leidenschaftlich  ergeben  gewesen,  daß  er  einmal  die  Stadt
Wurzen  darauf  setzen  wollte,  und  er  habe  den  vom  Churfürsten
  deshalb  erhaltenen  Verweis  so  übel  genommen,  daß
er  sich  durch  offenen  Krieg  zu  rächen  gesucht.  Aber  die  eigentliche
  Ursache  war,  daß  der  Churfürst  Johann  Friedrich
der  Meißnischen  Stiftsstadt  Wurzen,  welche,  so  wie  das
ganze  Bisthum  Meißen,  unter  dem  gemeinsamen  Schutze
beider  Linien  stand,  eigenmächtig  und  ohne  Moritz's  Einwilligung
  abzuwarten,  die  damals  ausgeschriebene  Türkenhilfe
auferlegte.  Als  der  Bischof  von  Meißen  sich  weigerte,  nahm
der  Churfürst  die  Stadt  mit  400  Mann  ein.  Moritz  aber
raffte  in  der  Eile  ein  Heer  auf  und  rückte  auf  seinen  Vetter
los,  so  daß  es  schon  nahe  am  Treffen  war,  als  noch  zu
rechter  Zeit  durch  Moritz's  Schwiegervater,  den  Landgraf
Philipp  von  Hessen,  eine  gütliche  Vermittelung  (10.  April
1542)  zu  Grimma  getroffen  wurde,  so  daß  diese  Feindseligkeiten
  diesmal  ohne  Schwertstreich  sich  beilegten.  Da  dieser
Vertrag  eben  am  Ostermontage  zu  Stande  kam,  wo  der
Krieg  die  Kämpfer  um  die  Osterfladen  gebracht  haben  würde,
so  ward  derselbe  der  Fladenkrieg  geheißen.  Johann  Friedrich
hatte  indessen  durch  diesen  Vorfall  wenigstens  merken  konnen,
  was  sich  von  dem  jungen  Herzog  Moritz  erworten
ließe  und  wie  man  gegen  denselben  seine  Maßregeln  zu  nehmen
  hätte.  Ja,  obgleich  scheinbar  der  Kaiser  Carl  und  der
roͤmische  König  Ferdinand  in  ziemlich  gutem  Vernehmen  mit
dem  Churfürsten  standen,  ihm  auch  —  namentlich  durch  Bestätigung
  des  Cleveschen  Ehevertrages  und  durch  verabredeteverwandschaftliche
  Bänder  —  sich  gefällig  erwiesen,  so

1542
        <pb n="228" />
        1544

192  Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.

laͤßt  sich  doch  mit  guten  Gründen  glauben,  daß  der  Kaiser
schon  damals  dem  Herzog  Moritz  heimliche  Hoffnungen  auf
die  sächsische  Churwürde  machte  und  Beide  bereits  in  lebhaften,
  durch  einige  unzufriedene  sächsische  Räthe  unterstützten
  Verhandlungen  standen.  Es  war  auch  traurig  genug,
daß  Johann  Friedrich  und  der  schmalkaldische  Bund  überhaupt
  nicht  einsehen  wollten,  wie  die  adußerliche  Nachgiebigkeit
  der  katholischen  Partei  keinesweges  aus  ihrem  guten
Willen,  sondern  nur  aus  ihrer  verlegenen  und  bedrängten
Lage  entsprang.  Denn  der  Kaiser  lag  krank  in  Italien  und
hatte  vollauf  mit  dem  Kriege  gegen  Frankreich  zu  thun,
während  der  König  Ferdinand  sich  im  Kampfe  gegen  die
Türken  manche  schlimme  Lection  holte.  Statt  diese  Verlegenheit
  des  Kaisers  und  des  Reichs  zu  nützen  und  zur  rechten
  Zeit  mit  ernsthaften  Forderungen  aufzutreten,  nagte  der
schmalkaldische  Bund  genügsam  an  kleinen  Scheinvortheilen,
die  man  ihm  noch  obendrein  als  Abfalle  kaiserlicher  Gnade
hinwarf  und  die  ihm  für  die  Dauer  durchaus  nichts  nützten,
und  ließ  die  günstige  Gelegenheit,  wo  die  Noth  des  Gegners
ihm  gestattet  hätte,  Bedingungen  vorzuschreiben  und  der  Reformation,
  welche  sich  zur  Zeit  noch  immer  von  ungeborenen
  Concilsen  nahrte,  mit  einem  Male  freie  Bahn  zu  brechen,
  unergriffen  vorüber  fliehn.  Nur  zu  schnell  und  unwiederbringlich
  war  diese  schöne  Gelegenheit,  die  so  unendlich  viel
für  Gegenwart  und  Zukunft  hätte  zu  wege  bringen  koͤnnen,
enteilt,  an  welcher  Unthätigkeit  der  sonst  so  feurige  Philipp
von  Hessen,  in  politische  und  andere  Hirngespinnste  verloren,
noch  mehr  Antheil  hatte,  als  der  von  Natur  trägere  Johann
Friedrich.  Leßterer  zeigte  sich  auf  dem  1544  zu  Speier  gehaltenen
  Reichstage,  wo  rücksichtlich  der  Religion  wieder  so
gut  wie  nichts  ausgemacht  wurde,  dergestalt  nachgiebig,  daß
sich  der  Kaiser  selbst  darüber  verwundern  mußte,  und  wenn
er  bei  dieser  Gelegenheit  seinen  Hofleuten  die  zweckmäßige
Bedeutung  gab,  daß  sie  nicht  durch  ein  zügelloses  Leben,  der
evangelischen  Lehre  Schmach  bringen,  die  Predigten  fleißig
besuchen,  und  sich  des  bei  Festlichkeiten  üblichen  Saufens
enthalten  sollten;  so  that  er  für  den  guten  Ruf  seines  Hof-
        <pb n="229" />
        Johann  Friedrich  der  Großmuͤthige.  193

staates  mehr,  als  für  die  Sache  der  Reformation,  obschon
man  selbst  in  diesem  Mangel  an  Thätigkeit  und  Umsicht  keinen
  Einwurf  gegen  seinen  guten  Willen  und  seine  Redlichkeit
  suchen  darf,  welche  er  nur  zu  bald  mit  den  schwersten
Opfern  bekennen  sollte.  Er  schien  das  Unwetter,  welches  sich
schon  so  lebhaft  vorbereitete,  beinahe  gar  nicht  zu  ahnen,  und
begegnete  ihm  auch  nicht  eher,  bis  es  schon  im  vollsten  Ausbruche
  war.  Hochstens  ließ  er  von  den  Kanzeln  das  Volk
zum  Gebet  und  zur  Buße  vermahnen,  um  die  drohenden
Kriegswetter  abzuwenden.

Am  18.  Sepkember  1544  schloß  Carl  V.  zu  Crespy
Frieden  mit  Frankreich  und  bekam  dadurch  wieder  die  Hände
frei,  die  er  auch  sofort  gegen  die  Protestanten  zu  gebrauchen
  Willens  war.  Er  arbeitete  jetzt  mit  Eifer  an  der  Verwirklichung
  des  schon  so  oft  angesetzten  und  immer  nicht  eigentlich
  zu  Stande  gekommenen  Concils  —  dessen  immerwährende
  Verlegung  Luther  mit  den  beißenden  Witzworten
treffend  genug  bezeichnete:  „der  Pabst  schleppe  sich  mit  dem
Concilium,  wohin  Niemand  kommen  wolle,  wie  die  Katze
mit  den  Jungen,  und  koͤnne  keinen  Ort  finden,  wo  es  zu
halten  sey?“  Aber  der  Churfürst  weigerte  sich  standhaft,  ein
Concilium  zu  beschicken,  welches  der  Pabst  berufe,  weil  in
dieser  Berufung  auch  schon  der  ganze  Charakter  des  Concils
ausgeprägt  lag.  Eben  so  bestimmt  verweigerte  er  des  Kaisecrs
Begehren,  den  Julius  Pflug  an  die  Stelle  des  Amsdorf  in
das  Bisthum  Naumburg  einzusetzen.  Dieser  vielleicht  dem
Kaiser  erwünschte  Widerstand  bestimmte  ihn,  seine  Maßregeln
  gegen  die  Protestanten  nunmehr  unverholener  und
ernsthafter  zu  betreiben.  Er  warb  in  den  Niederlanden,  in
Spanien  und  Italien  Leute  und  ließ  sich  (26.  Juni  1546)
mit  dem  Pabste  in  ein  Bündniß  ein,  kraft  dessen  ihm  dieser
  Soldaten  und  Geld  zum  Kriege  gegen  die  Protestanten
herzugeben  sich  verpflichtete.  So  bereitete  sich  der  so  oft  unterdrückte,
  aber  unausbleibliche  Glaubenskrieg  endlich  ernsthaft
  vor,  Luther  hatte  ihn  geahnet,  aber  stets  geförchtet.
Obgleich  unerschrocken,  so  weit  es  seine  eigne  Persen  anlangte

  war  doch  zu  viel  moͤnchische  Schuͤchternheit  ihm  eizwei-
  13
        <pb n="230" />
        194  Martin  Luther's  Tod.

gen,  als  daß  er  einen  Krieg  haͤtte  ansehen  moͤgen,  dessen
Blut  zum  großen  Theile  einer  von  ihm  aufgestellten  Meinung
  floß,  obschon  er  eben  so  weit  entfernt  geblieben  waͤre,
dieser  seiner  Furcht  auch  nur  ein  Jota  von  seiner  einmal
gefaßten  und  vor  Gott  und  Menschen  ausgesprochenen  Ueberzeugung
  zu  opfern.  Sein  guter  Stern  wollte  dem  alten
muͤden  Glaubenshelden  diesen  schmerzlichen  Kampf  zwischen
seiner  Ueberzeugung  und  seinem  menschlichen  Gefuͤhle  ersparen,
und  entnahm  ihn  der  Welt,  noch  ehe  das  Unwetter  sich
entlud,  welches  schon  so  schwuͤl  uͤber  seinem  und  den  Haͤuptern
  seiner  Juͤnger  stand.  Dr.  Martin  Luther  starb  am
18.  Februar  1546  im  63.  Jahre  seines  Lebens,  zu  Eisleben,
wohin  er  gereist  war,  um  einen  Streit  zu  schlichten.  Er
hatte  für  das  große,  wunderbare  Werk,  welches  er  begonnen
  und  ausgeführt,  anfangs  Nichts,  als  seine  eigne  Ueberzeugung
  einsetzen  konnen;  aber  beinahe  unbewußt  hatte  er
damit  an  das  Herz  der  Deutschen  gegriffen  und  schnell  hatten
  sich  hinreichende  Kämpfer  und  Bekenner  für  seine  Sache
gefunden.  Selten  ging  er  zu  weit  in  seinen  Meinungen,
wohl  aber  in  deren  Durchführung.  Doch  ward  durch  seine
Heftigkeit,  unter  den  obwaltenden  Umständen,  immer  weit
mehr  gefordert,  als  verdorben,  und  unter  seinen  Launen,  die
sich  besonders  im  Alter,  eine  Folge  ruheloser  Kämpfe,  einstellten,
  litt  nur  seine  unmittelbare  Umgebung,  nicht  aber  die
Sache.  Ist  auch  vielleicht  sein  Leben  noch  größer  und  bedeutsamer,
  als  er  selbst,  muß  man  auch  zugeben,  daß  die
Reformation  schon  seit  lange  als  Zündstoff  in  dem  deutschen
Volke,  ja  in  der  Menschheit  vorbereitet  lag  und  nur  eines
Anlasses  wartete,  um  hervorzubrechen,  und  daß  Luther  sonach
  nicht  der  Schdpfer,  sondern  eben  nur  das  Werkzeug
eines  grèßern,  vielleicht  von  ihm  selbst  nicht  durchga#ngig  erfaßten,
  durch  die  Zeit  hervorgebrachten  Werkes  war;  so
ist  Luthern  dennoch  nachzurühmen,  daß  er  vor  der  Größe
der  Schöpfung  —  welche  sich,  zufällig  von  ihm  erweckt,  so
ungeahnet  riesenhaft  vor  ihm  aufrichtete  —  nicht  erschrak,
daß  er  sie  schnell  verstehen  lernte  und  das  gewaltige  Werk
kühn  aufgriff  und  weiterbildete.  Er  steht  als  ein  Mann
        <pb n="231" />
        Der  Schmalkaldische  Krieg.  195

da  von  tiefem  Verstande,  von  freier  heiterer  Ansicht  des  Heiligen
  wie  des  Weltlichen,  der  trotz  seiner  Heftigkeit,  eine
gluͤckliche  Mitte  zwischen  uͤberlegender  Kaͤlte  und  schwaͤrmescher
  Hitze  beobachtete,  der,  —  furchtlos  fuͤr  sich  selbst,  —  sorgend
und  behutsam  fuͤr  die  sich  zu  ihm  bekennende  Partei,  wahre
Liebe,  Uneigennuͤtzigkeit  und  Selbstverlaͤugnung  mit  reinem
Gottessinne  einte.  Er  war  der  Mann  der  Kraft,  der  Treue
und  der  Wahrheit  seines  Jahrhunderts  und  sein  Geist  entflammte
  noch  spaͤte  kommende  Zeiten.  Der  Churfuͤrst,  den  der
Tod  seines  Lehrers  und  Freundes  mit  tiefer  Wehmuth  ersuͤllte,
  ließ  den  Entseelten  von  Eisleben,  wo  derselbe  zu
leuchten  angefangen,  abholen  und  in  der  Schloßkirche  zu
Wittenberg  beisetzen.  Sein  fürstliches  Wort,  welches  er
schon  fruͤher  einmal  dem  kranken  Luther  gab:  daß  dessen
Weib  sein  Weib,  und  dessen  Kinder  seine  Kinder  werden
sollten,  suchte  er  redlich  zu  halten  und  ließ  den  Vormuͤndern
der  Lutherschen  Kinder  eine  für  die  damalige  Zeit  nicht  unbedeutende
  Summe  auszahlen.

Am  5.  Januar  1546  wurde  ein  Reichstag  zu  Regensburg
  erdffnet,  auf  welchem  die  schlimmen  Absichten  des  Kaisers
  und  der  katholischen  Partei  immer  deutlicher  an's  Licht
traten.  Die  Spannung  zwischen  beiden  Theilen  hatte  im
kurzen  unendlich  sich  erweitert.  Man  wollte  von  katholischer
Seite  die  Entscheidung  der  kirchlichen  Zwistigkeiten  einzig  und
allein  einem  zu  veranstaltenden  neuen  Concilium  anheimstellen
  und  den  Protestanten  zumuthen,  sich  den  Aussprüchen
desselben,  welche  natürlich  unter  dem  unmittelbarsten  Einfluße
des  Pabstes  gestanden  haben  würden,  unbedingt  zu  unterwerfen.
  Darauf  konnten  sich  die  Protestanten  (der  Churfürft
von  Sachsen  und  der  Landgraf  von  Hessen  waren,  obschon
es  der  Kaiser  ausdrücklich  verlangte,  nicht  in  Person,  sondern
  durch  Abgeordnete  auf  diesem  Reichstage  erschienen)
freilich  nicht  einlassen,  welche  vielmehr  auf  billigere  und
freiere  Bedingungen  und  auf  ein  Nationalconcil  bestanden.
Da  der  Kaiser  so  unversteckt  seine  kriegerischen  Werbungen
betrieb,  sich  mit  den  italienischen  Fürsten,  besonders  aber
insgeheim  mit  dem  Herzog  Moritz  verband,  von  dessen  Ge-13
        <pb n="232" />
        196  Der  Schmalkaldische  Krieg.

sinnungen  der  Churfuͤrst  fuͤr  sich  und  seine  Bundesgenossen
sich  eben  nicht  etwas  Gutes  versehen  durfte;  so  ließen  ihn
die  schmalkaldischen  Verbuͤndeten  auf  dem  Regensburger
Reichstage  um  eine  Erklaͤrung  bitten:  wem  diese  kriegerischen
Zuruͤstungen  eigentlich  gaͤlten?  Der  Kaiser  gab  die  zwar
nicht  offenbar  drohende,  aber  doch  ziemlich  unzweideutige  Erklaͤrung:
  daß  zwar  sein  ganzes  Bestreben  sich  darauf  gerichtet
  und  noch  richte,  die  Irrungen  zu  vergleichen  und  den
Frieden  zu  erhalten,  daß  er  auch  denen,  die  ihm  dabei  behilflich,
  sich  gnädig  und  väterlich  zeigen,  dagegen  aber  wider
die  Ungehorsamen  nunmehr  mit  Ernst  und  Strenge  verfahren
  werde.  Diese  Antwort  mußte  den  protestantischen  Fürsten,
  freilich  etwas  spät,  die  Augen  dffnen;  sie  hielten  eiligst,
noch  während  des  Regensburger  Reichstages,  eine  Zusammenkunft
  in  Ulm  und  ließen,  um  sich  nicht  zuvorkommen
zu  lassen,  ihre  Soldaten  schon  in's  Feld  rücken.  Am  4.
Juli  hielten  der  Churfürst  von  Sachsen  und  der  Landgraf
von  Hessen,  als  die  Oberhäupter  der  schmalkaldischen  Verbündeten,
  eine  Unterredung,  worin  sie  sich  über  den  Plan
des  Feldzuges  beriethen,  zeigten  von  hier  aus  dem  Herzog
  Wilhelm  von  Baiern  ihr  Vorhaben  an  und  erließen
zugleich  ein  Schreiben  an  den  Kaiser,  in  welchem  sie  sich
gegen  den  Vonvurf  des  Ungehorsams,  den  derselbe  ihnen
gemacht,  zu  rechtfertigten  suchten,  worauf  sie  aber  keine  Antwort
  erhielten.  Hierauf  ließen  sie  am  15.  Juli  ein  Manisest
  ergehen,  in  welchem  sie  die  Ursachen  des  beginnenden
Krieges  entwickelten,  die  Absscht  der  kaiserlichen  Rüsiungen
angaben  und  damit  ihre  noöthige  Gegemwehr  rechtfertigten.
Am  nämlichen  Tage  blitzte  auch  ein  Bannstrahl  des  Pabstes
gegen  die  schmalkaldischen  Ketzer  los,  welcher  mit  vielem  Geräusch
  den  Bund  des  Kaisers  mit  dem  rdmischen  Stuhle
bekannt  machte  und  einen  Kreuzzug  gegen  die  Feinde  der
Kirche  predigte.  Sündenablaß  und  die  gewöhnlichen  himmlischen
  Vortheile  für  die,  welche  das  Schwert  gegen  die
Ketzer  ziehen  und  zu  deren  Aubörottung  beitragen  würden,
fehlten  hierbei  nicht.  Fünf  Tage  spater  (20.  Juli)  wurde
vom  Kaiser  zu  Regensburg  die  Reichsacht  uber  den  Chur-
        <pb n="233" />
        Der  Schmalkaldische  Krieg.  197

fürsten  von  Sachsen  und  den  Landgrafen  von  Hessen  ausgesprochen,
  ihre  Unterthanen  der  Treue  und  des  Gehorsams
gegen  sie  entbunden  und  Alle  mit  derselben  Strafe  bedroht,
die  sich  als  Verbündete  den  Geachteten  anschlößen  oder  denselben
  Schut  verliehen.  Man  machte  ihnen  zum  Vorwurf,
daß  sie,  besonders  durch  die  (längst  verjährten)  Packischen
Händel  und  durch  die  Braunschweigischen  Invasionen  (welche
  der  Kaiser,  als  Segquester,  selbst  gutgcheißen  hatte)  den
Landfrieden  verletzt,  geistliche  Stifter  und  weltliche  Güter
eingezogen,  der  Rechtspflege  des  Fiscus  sich  entgegengestellt
und  nicht  nur  unter  sich,  sondern  auch  mit  auswärtigen
Mächten  (weil  sie  denselben  ihre  Protestation  mitgetheilt)
gefährliche  Einverständnisse  angefangen  hätten.  Die  Verbündeten
  schickten  dieser  Achtserklärung  —  welche  der  Kaiser,
ohne  erst  die  Zustimmung  der  Churfürsten  abzuwarten,  über
sie  ausgesprochen  —  am  11.  August  eine  Verwahrungsschrift
  entgegen,  und  da  der  Kaiser  selbige  nicht  annahm,
ließen  sie  am  2.  September  einen  Fehdebrief  an  ihn  folgen,
  der  —  weil  die  Schmalkaldischen,  wenn  sie  ihn  an
don  Kaiser  gerichtet  hätten,  als  Rebellen  erschienen  wären  —
die  kurze  Titulatur  enthielt:  „Karl'n,  der  sich  den  fünften
rdmischen  Kaiser  nennet.“  So  kurzen  deutschen  Titel  hatte
Karl  V.  allerdings  unter  seinen  Spaniern  zu  lieben  verlernt.
  Leider  ließ  die  gänzlich  verschiedene  Individualität
der  beiden  Bundeshäupter  gleich  die  erste  günstige  Gelegene
heit,  den  Kaiser  noch  in  Regensburg  abzuschneiden,  unbenutzt
entfliehn,  wie  denn  überhaupt  unzweckmäßiges  Zogern  und
Unentschlossenheit,  oder  unübereinstimmende  Meinungen  der
schmalkaldischen  Häupter,  diesem  Feldzuge  verderblich  wurden.
  Man  ließ  dem  Kaiser,  der  sich  unangefochten  nach
Ingolstadt  gezogen,  Zeit  und  Ruhe,  hier  die  zu  ihm  stoßenden
  Hilfsvolker  abzuwarten,  die  man  einzeln  leicht  abgewehrt
  hätte,  während  sie  nunmehr  in  ihrer  Vereinigung  eine
furchtbare  Kriegsmasse  bildeten.  Die  Italiener,  mit  welchen
Karl  sich  ebenfalls  durch  den  Pabst  verstärken  ließ,  mochten
zum  Theile  wohl  von  einer  rohen  fanatischen  Wuth  gegen
die  Ketzer,  mit  welchen  sie  kämpfen  sollten,  beseelt  seyn,  selbst
        <pb n="234" />
        198  Der  Schmalkkaldische  Krieg.

wenn  auch  die  Ueberlieferung  nicht  zu  erweisen  wäre,  daß
Farnese,  welcher  die  päbstlichen  Hilfötruppen  aus  Italien
heraus  dem  Kaiser  zufährte,  bei  seinem  Aufbruche  geprahlt
habe:  er  wolle  in  Deutschland  ein  solches  Blutbad  veranstalten,
  daß  sogar  sein  Pferd  im  Blute  der  Lutheraner  sollte
schwimmen  können.  Sobald  Karl  V.  so  unerwartet  glücklich
  seine  Verstärkungen  an  sich  gezogen  hatte,  blieb  er  nicht
länger  ruhig,  drängte  die  Verbündeten  überall,  wo  sie  sich
ihm  entgegenstellten,  zurück  und  eroberte  mehrere  Städte.
Zu  spät  sahen  die  Verbündeten  die  traurige  Frucht  ihres
Zoͤgerns  und  Zeitverlierens  ein  und  bereuten  es  bitter,  daß
sie  nicht  schon  bei  Ingolstadt  den  Kaiser  angegriffen,  ehe
derselbe  noch  so  großen  Zufluß  an  Hilfsvolkern  erhalten.
Dennoch  hatten  diese  Erfahrungen  sie  nicht  hinlänglich  gewitzigt,
  denn  bei  wiederkommenden  Gelegenheiten,  wo  durch
einen  schnellen  Entschluß  ein  Vortheil  zu  erringen  und  einem
  Verluste  vorzubeugen  gewesen  wäre,  verloren  sie,  wie
sie  früher  dies  gethan,  die  Zeit  in  Zaudern  und  Unentschlossenheit.


Seinem  mit  Herzog  Morißz  bestehenden  geheimen  Einverständnisse
  gemäß,  hatte  der  Kaiser  den  Letztern  mit  der
Vollziehung  der  Acht  an  dem  Churfürsten  Johann  Friedrich
beauftragt.  Um  nicht  der  böffentlichen  Stimme  —  welche
sich  ohnedies  schon  laut  tadelnd  gegen  ihn  aussprach,  weil
er,  statt  der  Sache  seines  Glaubens  beizutreten,  dieselbe  vielmehr
  bekämpfe  und  unterdrücke  —  zu  viel  gerechten  Stoff
zu  geben,  weigerte  sich  anfangs  Moritz  scheinbar,  sich  dieser
Achtsvollstreckung  an  seinem  leiblichen  Verwandten  zu  unterziehen
  und  ließ  sich  vom  Kaiser  einen  drohenden  Befehl
geben,  dieses  Amt  zu  unternehmen  oder  im  Unterlassungsfalle
  die  Acht  seines  Vetters  zu  theilen.  Doch  war  es  nicht
schwer  zu  begreifen,  daß  Kaiser  Carl  und  Herzog  Moritz
hiermit  nur  eine  Komddie  spielten,  die  ihnen  obendrein  nur
Wenige  glaubten.  Moritz  säumte  nicht,  diesen  kaiserlichen
Drohbrief  bekannt  zu  machen,  schrieb  auch  an  Johann  Friedrich
  dieserhalb,  entschuldigte  die  gegen  ihn  zu  unternehmenden
  feindseligen  Schritte  mit  der  harten  Nothwendigkeit  und
        <pb n="235" />
        Der  Schmalkaldische  Krieg.  199

gab  ihm  zugleich  den  listigen  Trost:  daß  er,  Moritz,  des
Churfuͤrsten  Laͤnder  fuͤr  den  Augenblick  nur  deshalb  in  Beschlag
  naͤhme,  damit  sie  nicht  in  fremde,  schonungstose  und
habgierige  Hände  fallen,  sondern  bei  Sachsen  bleiben  mochten;
  daß  er  auch  dieselben  nur  schutzweise  besetze,  um  sie,
nach  beendigten  Unruhen,  dem  Kaiser  und  allen  Katholischen
zum  Possen,  in  des  Churfürsten  Hände  unversehrt  zurückzugeben.
  Diese  unredliche  Verdrehung  hatte  gleichwohl  Glaubwürdigkeit
  für  sich,  denn  einmal  war  Moritz,  wenn  auchnicht
  Schmalkaldischer  Bundesgenosse,  doch  Protestant,  ihm
also  nicht  zuzutrauen,  daß  er  so  offen  feindselig  gegen  den
Glauben,  zu  welchem  er  sich  bekannt,  verfahren  werde,  dann
war  er  auch  des  Churfürsten  nächster  Verwandter,  dem  man
doch  einigermaßen  Rücksichten  für  seinen  Vetter  zutrauen
durfte,  endlich  hatte  ihm  Fohann  Friedrich  noch  besonders
seine  Ländereien,  im  Fall  eines  Krieges,  zum  Schutze  empfolen
  und  Moritz  denselben  zugesagt;  mithin  kam  sein  Gewissen
  hier  noch  ganz  besonders  mit  in's  Spiel,  und  dies
mochte  des  Churfürsten  Verdacht,  wenn  auch  nicht  entfernen,
doch  schwankend  machen.  Als  Ende  October  1546  Koͤnig
Ferdinand  mit  seinen  Truppen  in  das  Voigtland  einfiek,
schützte  Moritz  vor,  daß  er  für  seine  eigenen  Länder  zu  viel  zu
besorgen  haben  werde,  wenn  er  sich  nicht  anschlosse,  er  siel
daher  in  Chursachsen  ein,  nahm  zuerst  Zwickau  weg,  dann
Werda,  und  viele  andere  Orte,  endlich  auch  Altenburg,
  und  noch  vor  Ende  des  Jahres  war,  ausser  Eisenach,
  Wittenberg  und  Gotha,  ganz  Chursachsen  in  seiner
Gewalt.  Erschüttert  vernahm  Johann  Friedrich  die  Nachricht
  von  dem  Schicksale  seiner  Länder  und,  um  der  feindlichen
  Gewalt  nicht  Zeit  zu  lassen,  sich  dort  noch  mehr  festzusetzen,
  suchte  er  auf  dem  Bundestage  zu  Ulm  von  seinen
Verbündeten  die  Vergünstigung  zu  erlangen,  daß  er  mit  einem
  Theile  des  Heeres  zur  Rettung  seiner  Länder  zurückeilen
dürste;  freilich  wieder  ein  übler  Umstand,  indem  man  dadurch
  der  Rettung  eines  Theiles  vielleicht  die  Sache  selbst
aufopferte  und  seine  Kraft,  die  man  gegen  des  Feindes
überlegene  Macht  zusammenzuhalten  Ursache  hatte,  wieder-
        <pb n="236" />
        lõn

200  Der  Schmalkaldische  Krieg.

um  theilte  und  zerstäckelte.  Die  Verbündeten  waren  zwar
anfangs  der  Meinung,  daß  man  lieber  vom  Kaiser  einen
Frieden  zu  erhalten  suchen  möchte  und  es  wurden  auch  dieserhalb
  Schritte  gethan.  Aber  der  Kaiser,  die  Lage  seiner
Gegner  und  den  Stand  der  Dinge  überhaupt  mit  dem  ihm
eigenen  Scharfblicke  durchschauend,  schrieb  so  harte  Bedingungen
  vor  und  verlangte  so  unbedingte  Unterwerfung  mit
Land  und  Leuten,  daß  man  unmöglich  darauf  eingehen
konnte.  Hätte,  kurze  Zeit  vorher,  der  Churfürst  bei  Giengen
schneller  zugegriffen  und  sich  nicht  auch  dort  erst  in  langweilige,
  ihren  Zeitpunct  verpassende  Berathungen  eingclassen,  so
ba#tte  er  viellcicht  den  Mann,  der  jetzt  so  übermäthige  Bedingungen
  vorschrieb,  fangen  und  ihm  Bedingungen  vorschreiben
  können.  Aber  es  ist  wirklich  herzzerreißend  und
entzweit  endlich  selbst  mit  dem  guten  und  redlichen  Willen  der
Schmalkaldischen  Bundesoberhäupter,  wenn  man  bedenkt,
wie  viele  so  günstige  und  naheliegende  Gelegenheiten,  sich
selbst  zu  Herren  des  Schicksals  zu  machen,  sie  unbenutzt
gelassen  und  wie  sie  dadurch  sich  und  der  Sache  so  schmerzliche
  Verluste  bereitet  haben!  —  Man  ließ  also  den  Churfürsten
  mit  dem  größten  Theile  der  Armee  nach  Sachsen  gehen.
  Hier  war  ihm  das  Glück  günstig,  denn  da  Moritz  —
in  der  festen  Ueberzeugung,  daß  dem  Churfürsten,  der  bereits
so  schwere  Verluste  erfahren,  nicht  beifallen  werde,  zurückzukommen
  —  sich  dieses  Besuches  durchaus  nicht  versehen,
vielmehr  seine  Truppen  schon  in  die  Winterquartiere  hatte
gehen  lassen;  so  ward  es  dem  Churfürsten  ziemlich  leicht,
feine  Lande  beinahe  in  eben  so  kurzer  Zeit  wieder  zu  erobern,
als  er  sie  verloren  hatte.  Hierdurch  aufgemuntert  und  von
einem  nur  zu  gerechten  Zorngefühle  geleitet,  eilte  er,  wiewohl
  in  ehrlichem  Kampfe,  dem  treulosen  Moritz  dasselbe
Schicksal  zu  bereiten,  welches  er  kurz  vorher  durch  ihn  erlitten.
  Er  fiel  in  dessen  Lande  ein  und  eroberte  dieselben  in
kurzer  Zeit,  bis  auf  Dresden  und  Leipzig.  Leßsteres  hielt
sich,  obschon  er  es  (6.  —  7.  Januar  154/)  hart  belagerte,
sehr  tapfer,  doch  mochten  die  Belagerten  wohl  von  des
Churfürsten  eignen  Offizieren,  welche  zum  Theil  ihre  Fami-
        <pb n="237" />
        Der  Schmalkaldische  Krieg.  201

lien  in  dieser  Stadt  wußten,  heimlich  beguͤnstigt  und  geschont
  werden.  Johann  Friedrich,  um  die  Zeit  und  seine  Kraͤfte
nicht  nutzlos  zu  vergeuden,  brach  daher  die  Belagerung  ab
und  ging  nach  Altenburg,  um  seinen  Kriegern  eine  kurze
Ruhe  zu  goͤnnen;  denn  auf  eine  lange  durfte  er  nicht  rechnen,
  weil  der  Kaiser  eifrige  Anstalten  machte,  seinem  bedraͤngten
  Bundesgenossen  Moritz,  der  sich  zu  Dresden  in
einer  sehr  unbehaglichen  Lage  besand,  zu  Hilfe  zu  eilen.
Wirklich  langte  auch  gar  bald  ein  Vortrab  dieser  kaiserli—
chen  Hilfe  in  der  Person  des  Markgrafen  Albrecht  von
Brandenburg  =  Culmbach  an.  Aber  Albrecht  ließ  es  sich  zu
lange  bei  der  anmuthigen  Wittwe  (Herzogs  Johann,  des
Sohnes  Georgs  des  Bärtigen)  Elisabeth,  die  zu  Rochlit  ihren
Hof  hielt,  gefallen.  Johann  Friedrich  ging  ihm  entgegen,
überrumpelte  den  galanten  Albrecht  und  nahm  ihn  (2.  März)
nach  einem  Gefechte,  worin  die  Brandenburger  unterlagen,
gefangen.  Erschreckt  durch  diese  neuen  drohenden  Aussichten,
entfioh  Moricz  nach  der  böhmischen  Gränze  und  Joham
Friedrich  rückte  nach  dem  Erzgebirge  vor.  Noch  immer  lächelte
  ihm  —  freilich  aber  auch  nur  ihm,  deun  das  schmalkaldische
  Bundeheer  war,  nach  des  Churfürsten  Abgange,  so
gut  wie  aufgelos't,  und  der  Kaiser  hatte  die  einzelnen  protestantischen
  Stände  auf  harte  Weise  zur  Ruhe  verwiesen  —
das  Gluck.  Die  Böhmen  waren  vom  Kdnig  Ferdinand
aufgefordert  worden,  ihm  Hilfe  gegen  den  Churfürsten  von
Sachsen  zu  leisten.  Da  aber,  noch  von  Huß  her,  unter  den
Bohmen  ein  protestantischer  Keim  sich  regte  und  der  rdmische
  Stuhl  vicl  Widerwillen  bei  ihnen  vorfand,  so  weigerten
  sie  sich  dieses  Beistandes,  oder  betrieben  ihn  wenigstens
sehr  lau.  Ferdinand  glaubte  nunmehr,  sie  mit  Gewalt  zur
Hilfeleistung  antreiben  zu  müssen,  aber  er  fuhr  damit  noch
übler.  Die  Böhmen  widersetzten  sich  ihm  nunmehr  offenbar,
  errichteten,  unter  Vorstand  eines  Caspar's  von  Pflug,
ein  Bündniß  zum  Schutze  ihrer  Freiheit,  und  setzten  sich  mit
dem  Churfürsten  in  Einverständniß,  welcher  ihnen,  unter
Thumöhirn,  einen  Theil  seiner  Truppen  sandte  und  dafür  von
ihnen  die  Zusicherung  aller  Unterstützung  erhielt.  Aber  dem
        <pb n="238" />
        202  Der  Schmalkaldische  Krieg.

unglücklichen  Churfürsten  sollte  nicht  mehr  die  Zeit  kommen,
von  diesen  neu  sich  ihm  eröffnenden  Vortheilen  Gebrauch  zu
machen.  Moritz  suchte,  um  nur  einigermaßen  Zeit  zu  gewinnen,
  den  Churfürsten  zu  einem  Waffenstillstande  zu  bewegen,
  den  dieser  —  am  unrechten  Orte  übereilt,  wie  er
sonst  am  unrechten  Orte  zu  zögern  pflegte  —  ihm  zugestand.
Indessen  hatte  der  Kaiser  aus  Schwaben  her,  wo  er  sich
bereits  Ruhe  verschafft,  und  über  Böhmen,  wo  er  sich  mik
den  Truppem  des  Königs  Ferdinand  und  des  Herzogs  Moritz
verstärkte,  sich  (12.  April)  auf  den  Weg  nach  Sachsen  gemacht.
Churfürst  Johann  Friedrich  befand  sich  eben  zu  Meißen,  als  er
die  Nachricht  von  der  Ankunft  des  Kaisers  vernahm.  Aber
der  unglückliche  Fürst  war  dergestalt  von  Verräthern  umgeben,
  daß  man  einstimmig  ihn  zu  überreden  wußte,  es  sey
dies  nicht  das  Heer  des  Kaisers,  sondern  nur  ein  umherziehender
  Schwarm  gewesen,  und  er  habe  noch  nicht  Ulrsache,
seine  Stellung  an  der  Elbe  aufzugeben,  zumal  vielleicht  die
Böhmen,  welche  ihren  Beistand  zugesagt,  dem  katholischen
Heere,  wenn  es  den  Durchgang  durch  ihr  Land  versuche,
eine  Scharte  beibringen  würden.  Obgleich  nun  der  Churfürst
  zum  Theil  seine  Leute  zu  kennen  schien  —  wie  wenigstens
  seine,  wenige  Tage  vor  der  verhängnißvollen  Schlacht,
in  schmerzlicher  Ironie  gethane  Aeußerung  schließen  laßt:  er
sey  reicher,  als  Christus;  denn  dieser  habe  nur  einen  Verrdther
  am  Tische  gehabt,  an  seinem  Tische  aber  gebe  es
viel  solcher  Leute  —  so  verlaugnete  sich  sein  Mißtrauen  doch
gerade  im  entscheidendsten  Augenblicke,  und  er  glaubte  wirklich
  den  Kaiser  noch  fern.  Aber  bald  mußte  dlese  Selbsttäuschung
  schwinden;  er  wurde  überzeugt,  daß  das  feindliche
Heer  mit  eiligem  Zuge  sich  der  Elbe  näherte,  und  beschloß
daher  sich  in  die  Festung  Wittenberg  zu  werfen,  wo  er  allerdings
  sich  eine  Zeitlang  hatte  halten  und  während  dessen
sich  gehörig  auf  den  Kampf  vorbereiten  können.  Er  brannte
daher,  um  den  Kaiserlichen  den  Uebergang  zu  verwehren,  die
Meißner  Elbbrücke  hinter  sich  ab  und  lagerte  sich  bei  Mühlberg.
  Die  Kaiserlichen  waren  ihm  am  andern  llfer  der  Elbe
nachgeeilt  und  standen  am  24.  April  ihm,  durch  den  Fluß
        <pb n="239" />
        Der  Schmalkaldische  Krieg.  263

getrennt,  gegenöüber.  Sie  versuchten  den  Uebergang,  würden
ihn  aber  schwerlich  bewerkstelligt  haben,  wenn  nicht  ein
Mäller  —  aus  Nache,  weil  ihm  Tags  vorher  die  churfürstlichen
  Soldaten  seine  Pferde  weggenommen  hatten  —  ihnen
eine  Furth  durch  die  Elbe  gezeigt  hätte.  Stait  hier  noch
einmal  Alles  aufzubieten,  um  dem  Feinde  den  selbst  unter
den  günstigsten  Umständen  noch  immer  schweren  Uebergang  zu
verleiden,  ließ  der  Churfürst  in  moglichster  Eile  nach  Torgau
und  Wittenberg  aufbrechen  und  göônnte  dadurch  den  Feinden
cinen  um  so  leichtern  Uebergang.  Diese  benutzten  auch  in
der  That  diesen  Vortheil  so  gut,  daß  sie  den  Uebergang  sehr
schnell  bewerkstelligten  und  den  Churfürsten  in  der  lochauer
Haide  einbolten.  Hätte  er  sich  mit  seinem  Gebete  etwas
kürzer  gefaßt,  so  hätte  er  einen  weit  bedeutenderen  Vorsprung
haben  konnen.  Er  hatte  sich  dadurch,  daß  er  starke  Truppenabtheilungen
  nach  Niedersachsen  und  Bohmen  geschickt,
so  geschwächt,  daß  er  nur  noch  über  9  bis  10,000  Mann
zu  verfügen  hatte,  dagegen  waren  die  Kaiserlichen  gegen
36,000  Mann  stark.  Doch  die  Noth  war  da,  und  die
Schlacht  konnte  nicht  vermieden  werden.  Der  Churfürst
stellte  sein  Heer  in  der  Haide  in  eine  gute  Schlachtordnung,
die  wohl  etwas  ausgreichtet  haben  könnte,  waͤre  nicht  die
Uebermacht  auf  der  andern  Seite  und  der  Verrath  unter
seiner  nächsten  Umgebung  wach  gewesen,  ermahnte  seine
Krieger  zum  tapfern  Widerstande  und  gab  die  Losung  zum
Angriff  mit  den  Worten:  „Gottes  Wort  bleibt  in  Ewigkeit!“
  Die  Kaiserlichen  fochten  unter  dem  Schlachtrufe:  „St.
Georg,  Burgund  und  Hispania!“  Den  ersten  Angriff  gegen
die  eine  Seite  der  churfürstlichen  Armee  machten  Moritz's
Schützen,  auf  der  andern  Seite  griffen  die  neapolitanischen
Truppen  an;  bald  folgte  auch  die  übrige  Heeresmacht.  Die
sächsische  Reiterei  ward  zuerst  geworfen  und  brachte  durch
ihre  ungestüme  Flucht  auch  das  Fußvolk  in  Unordnung,
welches  noch  einige  Zeit  widerstand.  Aber  einmal  erschüttert,
  ward  es  durch  den  wüthenden  Anfall  der  feindlichen
Reiterei  auch  bald  zum  Weichen  gebracht  und  in  planlose
Hausen  zersprengt,  welche  ordnungslos  hin  und  wieder
        <pb n="240" />
        204  Johann  Friedrich's  Gefangenschaft  und  Abdankung.

noch  fochten  oder  flohen.  In  einem  dieser  fechtend  fliehenden
  Haufen  befand  sich  auch  der  Churfuͤrst.  Er  war  in
das  nahe  Gehoͤlz,  die  Schweinart  genannt,  gekommen,  als
die  Kaiserlichen  ihn  und  die  Seinigen  umringten.  Trotz  seiner
  schweren  Leibesgestalt  —  die  ihn  nicht  nur  den  Feinden
leicht  kenntlich  machte,  sondern  ihm  auch  Fliehen  und  Fechten
erschwerte  —  focht  er  mit  der  größten  Tapferkeit  und  wehrte
sich  seiner  Haut  gewaltig.  Er  hieb  und  stach  mehrere  der
Kaiserlichen  nieder;  aber  auch  seine  wenigen  Getreuen,  die
ihn  in  dieser  schwersten  Stunde  selnes  Lebens  nicht  verlassen,
  waren  getddtet,  er  selbst  blutete  heftig  aus  einer  Wunde
im  linken  Backen.  Doch  wollte  er  sich  wenigstens  keinen
Ausländer  ergeben;  als  er  jedoch  unter  den  Feinden  einen
ihm  bekannten  meißnisch=  sächsischen  Edelmann,  Thilo  von
Trotta,  gewahrte,  zog  er  seinen  Ring  vom  Finger  und  gab
ihm  denselben  mit  den  Worten:  „Ich  will  dein  Gefangener
seyn.  So  führe  mich  denn  hin!“  Selbst  der  fanatische
Ferdinand  sagte  von  ihm,  daß,  wenn  Alle  so  gefochten  wie
der  Churfürst,  derselbe  wohl  nicht  geschlagen  und  gefangen
worden  wäre.  Von  seinem  ganzen  Heere  waren  nur  400  Mann
entflohen,  welche  des  Churfürsten  ältester  Sohn,  nachdem  er
im  Treffen  verwundct  worden  war,  nach  Wittenberg  hineinführte.
  Die  Uebrigen  waren  getodtet  und  gefangen.
Der  Kaiser  sagte,  wie  einst  Cdsar,  von  diesem  Siege:  Veni,
vidi,  jedoch  mit  der  bescheidenen  Wendung:  Deus  vicit.
Im  Grunde  hatte  Niemand  ihm  besser  siegen  hbelfen,  als
die  Schmalkaldener  selbst.  Der  Kaiser  behandelte  den  gefangenen
  Churfürsten  nicht  mit  der  Achtung,  welche  dessen
Muth  und  dessen  Unglück  verdiente.  Als  derselbe,  heftig  aus
der  empfangenen  Wunde  im  Gesicht  blutend,  vor  ihm  erschien
und  ihn  mit  den  Worten:  „Allergnädigster  Kaiser!“  begrüßte,
  antwortetc  er  bitter:  „bin  ich  nun  Kaiser?“  Als  nun
Tener  um  ein  fürstliches  Gefängniß  bat,  entgegnete  der  Kaiser:
  er  werde  ein  Gefängniß  erhalten,  wie  er  es  verdiente.
Da  bedeckte  der  Churfürst  wieder  sein  Haupt  und  sagte  gefaßt:
  „Ich  bin  in  Eurer  Gewalt;  macht  mit  mir,  was  Euch
beliebt.“  Auch  der  König  Ferdinand  ließ  sich  mit  bittern
        <pb n="241" />
        Johann  Friedrich's  Gefangenschaft  und  Abdankung.  205

Vorwuͤrfen  gegen  den  gefangenen  Churfuͤtsten  heraus,  der
ihn  und  seine  Kinder  habe  verjagen  und  in  schmaͤhliche
Armuth  bringen  wollen.  Der  Churfuͤrst  schwieg:  aber  er
gab  durch  seinen  standhaften  Muth  im  Ungluͤcke  bessere  Beweise
  von  Seelengröße,  als  seine  Feinde  und  er  selbst  vorher
  im  Glücke,  und  verdiente  sich  hier  mit  vollem  Rechte
den  ihm  gewordenen  Beinamen  des  Großmüthigen,  besser
wohl  des  Großherzigen.

Der  Kaiser  zog  hierauf  nach  Torgau,  welches  ihm  ohne
Widerstand  die  Thore  öffnete,  von  hier  aus  vor  Wittenberg,
  welches  der  älteste  Sohn  des  gefangenen  Churfürsten
behauptete.  Da  Letterer  eine  ziemlich  starke  Besatzung  bei
sich  hatte  und  der  Ort  zu  befestigt  war,  auch  der  Kaiser  des
groben  Geschützes  entbehrte,  so  ward  Carls  Aufforderung,  sich
zu  ergeben,  mit  Bestimmtheit  zurückgewiesen.  Da  der  Kdnig
Ferdinand  und  mehrere  Katholischen  ohnedies  in  den  Kaiser
drangen,  dem  gefangenen  Churfürsten  den  Kopf  abschlagen
zu  lassen,  so  wollte  er  sich  wenigstens  einer  Spiegelfechterei
dieser  Art  bedienen,  um  Wittenberg  zum  Uebergange  zu  bringen.
Er  ließ  ein  Kriegsgericht  über  den  Churförsten  halten,  welches
demselben  —  der  Kaiser  hatte  dies  gewünscht  —  als  Aufrührer
und  Geachteten  das  Leben  absprach.  Der  Churfürst  vernahm
  das  Todesurtheil,  als  man  ihm  dasselbe  überbrachte,
mit  so  vieler  Kaltblütigkeit,  daß  er  sich  nicht  einmal  im
Schachspiel,  womit  er  sich  eben  die  Zeit  vertrieb,  sidren  ließ.
Als  Carl  V.  dem  Sohne  Johann  Friedrich's  sagen  ließ,
daß,  wenn  er  Wittenberg  nicht  ubergebe,  man  ihm  den
Kopf  seines  Vaters  schicken  werde;  ließ  dieser  zurücksagen:
er  werde  ihnen  dafür  den  Kopf  des  von  seinem  Vater  gefangenen
  Markgrafen  Albrecht,  den  man  in  Wittenberg  festhielt,
  senden.  Doch  sollte  es  nicht  so  weit  kommen.  Der
Churfürst  Joachim  II.  von  Brandenburg  eilte  schleunigst  in
das  Lager  des  Kaisers  und  bat  für  das  Leben  des  Gefangenen.
  Seine  Bitten  unterstützte  der  Herzog  Wilhelm  zu
Cleve,  und  selbst  der  Herzog  Moritz  —  war  es  aus  Mitleid,
aus  Gewissen  oder  Schaamgefühl  —  verwendete  sich  beim
Kaiser  für  das  Leben  seines  gefangenen  Vetters,  der  bereits
        <pb n="242" />
        208  Johann  Friedrich's  Gefangenschaft  und  Abdankung.

nicht  mehr  Churfürst  war,  sondern  nur  noch  Johann  Friedrich
  der  Aeltere  hieß.  So  ward  demselben  zwar  das  Leben
  zugesichert,  aber,  zufolge  der  von  ihm  unterzeichneten
Wittenberger  Capitulation  (19.  Mai)  mußte  er  für  sich  und
seine  Nachkommen  auf  die  Churwürde  Veczicht  leisten,  desgleichen
  seine  meisten  Länder  abtreten,  Wittenberg  übergeben
und  Gotha's  Festungswerke  abtragen  lassen,  den  von  ihm
gefangen  gehaltenen  Markgrafen  Albrecht  ohne  Lösegeld  freilassen,
  das  Reichskammergericht  anerkennen,  die  Restitution
  des  durch  den  schmalkaldischen  Bund  vertriebenen  Herzogs
  Heinrich  von  Braunschweig  zugeben,  jedem  Bündnisse
gegen  den  Kaiser  und  den  rômischen  König  entsagen  und
bis  auf  weitere  Bestimmung  des  Kaisers  Gefangener  bleiben.
  Diese  Capitulation  war  eine  dem  zu  Plündernden  abgezwungene
  Plünderungserlaubniß.  Nur  das  tridentische
Concilium  erkannte  Johann  Friedrich  durchaus  nicht  an;
sein  Glaube  stand  ihm  höher,  als  irdische  Macht  und  Ehre.
Die  abgetretenen  Güter  und  Lande  Johann  Friedrich's  fielen,
zufolge  dessen  leberweisungsbriefes  vom  1.  Juni,  an  Herzog
  Moritz,  welcher  dafür  die  auf  diesen  Landen  haftenden
aͤltern  Schulden  übernahm  und  den  Kindern  Johann  Friedrich's
  einen  Jahrgehalt  von  50,000  Gulden  aussetzte,
ihnen  auch  dieserhalb  mehrere  Städte,  Aemter  und  Schlösser
  unterpfändlich  einrdumte.  Nach  Abschluß  dieser  harten
Capitulation  dffnete  Wittenberg  seine  Thore  und  der  Kaiser
hielt  seinen  Einzug.  Johann  Friedrichs  Gemahlin  kam  zu
Carl  in  das  Lager  und  bat  unter  vielen  Thränen  für  ihren
Gemahl.  Carl  nahm  sie  schonend  auf,  doch  konnte  sie  weiter
  nichts  von  ihm  erlangen,  als  die  Vergünstigung,  daß
ihr  Gemahl,  unter  Begleitung,  sie  noch  einmal  in  Wittenberg
  besuchen  und  ihr  Lebewohl  sagen  durfte.  Er,  dem  man
Alles  genommen,  hatte  doch  noch  Trost  für  sein  Weib  und
seine  Kinder.  So  reich  wäre,  an  seiner  Stelle,  keiner  seiner
Sieger  gewesen.  In  Wittenberg  benahm  sich  der  Kaiser
ziemlich  gnddig;  er  wollte  nicht  einmal  zugeben,  daß  man
um  seinetwillen  den  evangelischen  Gottesdienst  unterbreche;
vielleicht  hätte  er  aus  Neugierde  ihm  beigewohnt.  Uebrigens
        <pb n="243" />
        Johann  Friedrich's  Gefangenschaft  und  Abdankung.  207

soll  er  sich  haben  merken  lassen,  daß  man  ihm  früher  viel
zu  schlimme  Begriffe  von  evangelischen  Ländern  und  Sitten
beigebracht  und  daß  er  Alles  über  Erwarten  gut  gefunden
habe.  Ihm,  den  in  seinen  Glaubensstreiten  ja  stets  nur
weltliche  Absichten  geleitet  hatten,  konnte  das  ziemlich  gleichgültig
  seyn.  Doch  that  er  wohl  daran,  noch  einmal  recht
den  Kaiser  und  den  Sieger  zu  spielen;  denn  nach  dem  Siege
von  Mühlberg  hatte  auch  Carl's  Gestirn  seinen  Senith  erreicht
  und,  als  hätte  ein  rächerisches  Schicksal  den  Kranz
seines  Ruhmes  gerade  durch  einen  Sieg  schließen  wollen,  der
ihm  für  die  Folge  nichts  half,  wohl  aber  Nachtheil  und
Reue  brachte,  sollte  von  da  aus  keine  glänzende  That  mehr
Carl's  Leben  schmücken.  Ja,  da  er  in  spaterer  Zeit  —  just
von  denen  getuscht  und  verrathen,  welche  er,  auf  Kosten
Getreuerer,  reich  und  groß  gemacht  hatte  —  über  so  Vieles
eine  andere  Ansicht  gewann  und  sein  vergangenes  Leben  mit
allem  seinen  Glanze  doch  nur  wie  ein  großer  Irrthum  ihm
erschien,  soll  er,  bei  dem  Anblick  einer  Abbildung  der  Mühlberger
  Schlacht,  auf  den  darauf  mit  abgebildeten  Johann
Friedrich  gezeigt  und  seufzend  ausgerufen  haben:  „Hätte
ich  diesen  bleiben  lassen,  der  er  war,  so  wäre  ich  auch  geblieben,
  der  ich  war.“  —  Doch  dies  nur  beildufig.  Ob  die
Sage  wahr,  daß  Carl  V.  die  Schloßkirche  zu  Wittenberg
besucht  und  denen  aus  seinem  katholischen  Gefelge  —  die
ihn  angegangen:  er  moͤge  Luther's  dort  ruhende  Gebeine  ausgraben
  und  verbrennen  lassen  —  die  kaiserliche  und  deutsche
Antwort  gegeben:  er  führe  keinen  Krieg  mit  den  Todten,
auch  habe  Luther  schon  seinen  höhern  Richter  gefunden;  mag
dahingestellt  seyn.  Wenigstens  klingt  sie  recht  gut.  Bevor
noch  der  Kaiser  das  Lager  vor  Wittenberg  verließ,  übertrug
er  (am  4.  Juni)  dem  Herzog  Moritz  die  Chur  Sachsen  nebst
den  dazu  gehörigen  Landen,  und  im  folgenden  Jahre  (24.
Februar)  ertheilte  er  ihm  die  feierliche  Belehnung.  Johann
Friedrich  mußte  dieser  Handlung  beiwohnen  und  that  dies,
ohne  seiner  Standhaftigkeit  untreu  zu  werden,  geschweige
denn  seiner  Würde  etwas  zu  vergeben,  die  er  treu  von  dem
einstigen  Fürsten  jetzt  auf  den  Menschen  übertrug.  Ihm

1548
        <pb n="244" />
        206  Johann  Friedrich's  Gesangenschaft  und  Abdankung.

selbst  gdnnte  man  später  den  Titel  eines  „gebornen  Churfürsten
  von  Sachsen,“  der  im  Naumburger  Vertrage  foͤrmlich
  bestätigt  ward.  Es  war  dies  unter  solchen  umständen,
ein  Prädicat,  welches  eben  so  viel  Rührendes  und  Wehmüthiges,
  als  Fronisches  mit  sich  führte.  Seine  Gemahlin
zog  mit  ihren  Kindern  nach  Weimar;  sie  sämmtlich  trugen
Trauerkleider  und  legten  diese  nicht  eher  ab,  bis,  nach  fünfjähriger
  Gefangenschaft,  Johann  Friedrich  in  den  Kreis  der
Seinen  zurückkehrte.  Dies  war  dann  freilich  ein  Zurückkehren
  aus  dem  Schiffbruche,  welchem  nur  das  Leben  und  die
innere  fröhliche  leberzeugung  abgerungen  worden  war.  —
Waͤhrend  so  Johann  Friedrich  kämpfend  seinem  boͤsen
Schicksale  begegnete  und  erlag,  befand  sich  sein  Verbündeter,
der  Landgraf  Philipp  von  Hessen,  in  einer  allerdings  nicht
eben  trostreichen  Lage,  welche,  statt  dusserster  Entschlossenheit,
in  ihm  eine  Art  von  Lethargie  hervorbrachte.  Statt  seinem
Bundeögenossen  zu  Hilfe  zu  eilen,  denselben  seiner  Noth  zu
entreißen  und  dadurch  an  ihm  wiederum  einen  kräftigen
Helfer  für  sich  selbst  zu  gewinnen,  sah  er  wehklagend,  aber
unthätig  dessen  Falle  zu  und  war,  des  geschlossenen  Glaubensbündnisses
  gänzlich  vergessend,  nur  darauf  bedacht,  seine
Länder  zu  schützen.  Da  er  aber,  nach  des  Churfürsten  Mißgeschick,
  allerdings  sich  nicht  mehr  die  hinreichende  Kraft  zum
Widerstande  zutrauen  durfte,  so  war  der  Unglückliche  sehr
erfreut,  als  der  Churfürst  Johann  von  Brandenburg  und  der
Churfürst  Moritz,  Philipp's  Schwiegersohn,  eine  Vermittelung
  zu  Srtande  brachten,  nach  welcher  sich  der  Landgraf
freiwillig  dem  Kaiser  unterwerfen  fsollte.  Aber  Joachim  und
Moritz,  welche  ihm  seine  Freiheit  zugesschert  hatten,  waren
selbst  damit  getäuscht  worden,  und  als  Philipp  zu  Halle
Bn  (19.  Juni  1547)  sich  fußfällig  dem  Kaiser  uͤberlieferte,
ward  er  als  Gefangener  betrachtet  und  theilte  das  Schicksal
seines  einstigen  Bundesgenossen.  Beide  beglelteten  von  nun
an,  als  Gefangene,  den  Kaiser  auf  allen  seinen  Sügen.
Des  Leßtern  erstes  und  einziges  ernstliches  Geschäft  in  geistlichen
  Angelegenheiten  war,  daß  er  den  von  Johann  Friedrich
  eingesetzten  Bischof  zu  Naumburg,  Nicolas  Amsdorf,
        <pb n="245" />
        Das  Interim.  209

entfernte  und  den  fruͤher  vertriebenen  Julius  Pflug,  den
das  Domkapitel  ohne  des  Churfuͤrsten  Bewilligung  gewaͤhlt
hatte,  wieder  einsetzte.  Hierauf  begab  sich  Carl  nach  Augsburg,
  wohin  er  einen  Reichstag  angesetzt  hatte  und  wo  er
sich,  wie  schon  so  oft,  bemuͤhte,  die  kirchlichen  Spaltungen
auszugleichen  und  die  verschiedenen  Glaubensparteien  wieder
zu  vereinigen.  Er  griff  also  zu  einem  schon  vor  sieben  Jahren
  einmal  versuchten  Mittel;  er  ließ  nämlich  durch  einige
Theologen  ein  Glaubensformular  ausarbeiten,  welches,  bis
zu  volliger  Feststellung  der  kirchlichen  Angelegenheiten,  einstweilen
  als  Richtschnur  in  allen  deutschen  Ländern  —  den
katholischen  wie  den  evangelischen  —  gelten  sollte  und  deshalb
  das  Interim  genannt  wurde.  Es  war  ein  theologisches
Gemengsel  katholischer  und  evangelischer  Grundsätze,
bunt  und  unharmenisch,  wie  die  damalige  Kirche  selbst.  Den
Protestanten  konnte  es,  wegen  des  darinnen  merklichen  Obenaufschwimmens
  des  Katholicismus,  natürlich  nicht  zusagen,
und  es  fand  daher  auf  ihrer  Seite  den  entschiedensten  Widerspruch.
  Der  gefangene  Churfürst,  den  der  Kaiser  anfangs
durch  Versprechungen,  dann  aber  durch  Drohungen  zu  Annahme
  des  Interims  zu  bewegen  suchte,  war  auf  keine
Weise  dahin  zu  bringen,  das  Interim  anzuerkennen,  noch
seine  Söhne  zu  dessen  Annahme  schriftlich  zu  bereden.  Wohl
aber  warnte  er  sie  davor  und  ermahnte  sie  zur  Beharrlichkeit
  im  Glauben.  Er  ließ  es  sich  nicht  kränken,  daß  man
von  da  an  seine  Gefangenschaft  bedeutend  schärfte,  ihm  seinen
  Hofprediger,  den  er  bisher  bei  sich  gehabt,  entfernte  und
selbst  die  Bücher,  mit  denen  er  sich  zu  beschäftigen  pflegte,
unter  ihnen  hauptsächlich  die  Bibel,  wegnahm.  Das  waren
  kleinliche  Nekkereien,  des  Kaisers  am  unwürdigsten,  der
hoffentlich  nichts  davon  erfuhr,  wie  weit  man  sich  erlaubte,
gegen  den  gefangenen  Fürsien  zu  gehen.  Selbst  wen  Johann
  Friedrich's  Saumseligkeit,  die  er  sich  im  Zustande  der
Freiheit  zu  Schulden  kommen  ließ  und  wodurch  er  seinen
Fall  befoördert  hatte,  früher  gegen  ihn  eingenommen,  konnte
ihm  im  Unglücke  seine  Achtung  nicht  versagen  und  mußte
ihm  zugesichen,  daß  er  mehr  Held  in  der  Niederlage  war,
14
        <pb n="246" />
        210  Das  Interim.

als  seine  Gegner  im  Siege.  Die  Bemerkung,  welche  er
aussprach,  als  man  ihm  seine  Buͤcher  entzog:  „Nehmen  sie
mir  gleich  meine  Buͤcher,  so  sollen  sie  mir  doch  das,  was
ich  daraus  gelernt,  nicht  aus  dem  Herzen  reißen!“  kann
pikant  genannt  werden.  Aber  nicht  nur  die  evangelischen
Fürsten  —  unter  ihnen,  freilich  nicht  so  unbedingt,  auch  Churfürst
  Moritz  —  weigerten  sich  entschlossen,  das  Interim  anzunehmen;
  selbst  unter  den  Katholiken  fand  es  heftigen  Widerstand,
  denn  auch  sie  konnten  dieses  verunglückte
Religions-Amalgema,  wie  das  Interim  ihnen  darbot,  unmoglich
  mit  Ueberzeugung  aufnehmen:  sie  glaubten  zu  wenig
dabei  zu  gewinnen,  eben  so  wie  die  Protestanten  dabei  zu
viel  zu  verlieren  meinten.  Am  meisten  aber  eiferten  der
Pabst  und  die  romische  Geistlichkeit  gegen  das  Interim;  sie
konnten  es  unmoglich  verschmerzen,  daß  der  Kaiser  —  ohne
ein  Concil  berufen  zu  lassen  und  dort  dem  Pabste  und  der
Geistlichkeit  die  Entscheidung  zu  überlassen  —  diese  Religionsangelegenheiten
  wie  weltliche  Dinge  auf  einem  bloßen
Reichstage  aus  eigner  Macht  entscheide  und  so  leichthin
über's  Knie  breche,  obendrein  auch  die  Communion  unter
beiderlei  Gestalt  anordne  und  die  Priesterehe  gestatte.  Doch
die  nunmehr  folgenden  Begebenheiten,  bei  welchen  Churfürst
Moritz  —  nach  glücklicher  Abspielung  seiner  frühern  zweideutigen
  Rolle  —  als  Held  und  Triebbad  erscheint,  machen
einen  kleinen  Rückblick  auf  die  Trennung  der  belden  sächsischen
  Linien,  der  Ernestinischen  und  der  Albertinischen,  welcher
  Letztere  Moritz  angehdrte,  nöthig,  um  die  Einsicht  in
die  eintretenden  Verhältnisse  zu  erleichtern.
        <pb n="247" />
        211

Herzoge  der  Albertinischen  Linie  bis  auf  Churfürsft
MoriG.

—  —

Schon  weiter  oben  ist  am  gehoͤrigen  Orte  die  zwischen  den
Soͤhnen  Friedrich's  des  Sanftmuͤthigen,  Ernst  und  Albrecht,
stattgefundene  Theilung  (26  August  1485)  besprochen  wor-  1485
den,  zufolge  welcher  der  jungere  Bruder,  Albrecht,  kraft  des
ihm  zustehenden  Wahlrechts,  das  Meißner  Land  an  sich
nahm  und  seinem  Bruder,  freilich  gegen  dessen  Wunsch  und
Erwartung,  das  von  der  Natur  minder  bevorzugte  Thüringen
  überließ.  Albrecht  besaß  einen  lebhaften,  unternehmenden
  Geist,  der  ihn  frühzeitig  eine  Liebe  für  kriegerische  Unternehmungen
  fassen  ließ.  Er  leistete  dem  Kaiser  Friedrich
III.  in  den  Kriegen  gegen  den  Ungamkönig  Mathias,  wic
auch  gegen  den  Herzog  von  Burgund,  Carl  den  Kühnen,  und
gegen  die  Niederländer,  die  wichtigsten  Dienste  und  schloß
sich  uberhaupt  dem  Interesse  Oestkerreich's  auf  das  Innigste
an,  so  daß  man  ihm  dies  sogar  hat  zum  Vorwurfe  machen
wollen.  Denn  die  Anerkennung,  welche  ihm  von  Seiten  des
Kaisers  für  seine  Treue  widerfuhr,  bestand  meistentheils  aus
Scheinvortheilen,  wic  z.  B.  die  ihm  ertheilte  Anwartschaft
auf  Jülich  und  Berg,  die  später  auch  auf  die  Ernestinische
Linie  ausgedehnt  wurde.  Als  der  heldenmüthige  Ungar,
Mathias,  in  seinen  Eroberungen  so  weit  gekommen  war,
daß  er  dem  Kaiser  ganz  Niederdsterreich  und  Wien  selbst
abnahm,  wußte  sich  Kaiser  Friedrich,  der  immer  mit  seinen
Finanzen  in  der  größten  Verwirrung  war  und  daher  Albrecht
doppelt  schátzen  mußte,  in  welchem  er  nicht  nur  einen  tap-14
  *
        <pb n="248" />
        22  Albrecht  der  Beherzte.

fern  Arm,  sondern,  was  Ersterem  beinahe  noch  mehr  galt,
auch  einen  großmüthigen  Verleger  fand,  nicht  besser  zu  hel-1187
  sen,  als  daß  er  dem  Herzog  Albrecht  das  Hauptcommando
über  die  Truppen  ertheilte.  Diese  Auszeichnung  war  keinesweges
  dankbar.  Dem  Kaiser  fehlte  es  an  Truppen,  wie
am  Gelde,  und  bei  diesem  doppelten  Mangel  war  es  für
Albrecht  eine  mißliche  Sache,  es  mit  den  wohlgerüsteten
Ungarn  und  ihrem  Heldenkdnige  aufzunehmen,  der  gleichwohl
  ihm  das  Zeugniß  gegeben  haben  soll  daß  er  sich  vor
Albrecht  mehr  scheue,  als  vor  der  ganzen  österreichischen
Macht.  Der  Mangel  an  Geld  und  Truppen  nothigte  Albrecht,
  obgleich  er  in  einigen  kleinern  Gefechten  den  Ungarn
siegreich  begegnet  war,  doch  bald  einen  Waffenstillstand  anzunehmen,
  in  welchem,  um  nicht  endlich  ganz  Oesterreich  an
sie  zu  verlieren,  den  Ungarn  für  die  von  ihnen  gemachten
Entschädigungs  =  Forderungen,  bis  auf  weitere  Verfuͤ—
gung,  die  von  ihnen  gemachten  Eroberungen  einstweilen  pfandweise
  überlassen  wurden.  Der  Kaiser  Friedrich,  obschon  er
auch  so  ganz  und  gar  nichts  zu  seinem  eignen  Schub  gethan
  hatte,  war  dennoch  wegen  dieses  unvermeidlichen  Stillstandes
  heftig  erbittert  auf  Albrecht  und  ließ  ihn  auf  dem
Reichstage  zu  Nürnberg,  wohin  dieser  gekommen  war,  um
seine  auf  52,000  Gulden  berechneten  Kosten  zu  liquidiren,
nicht  einmal  vor  sich.  Die  Scheu  vor  der  Ligquidation
mochte  den  zähen  Kaiser  wohl  noch  mehr  dazu  veranlassen,
als  sein  Unwille  gegen  den  heldenmüthigen  Sachsen.  Er
that  jedoch  wohl,  seinen  Zorn,  christlicher  Weise  gemäß,  nicht
zu  lange  währen  zu  lassen,  weil  er  Albrecht  sehr  schnell  wieder
  brauchte.  Die  Flanderer,  welche  mit  dem  Hause  Oesterreich
  in  heftige  Fehde  gerathen  waren,  hatten  des  Kaisers
  Sohn,  Maximilian,  gefangen  genommen  und  machten
sogar  Miene,  ihn  seinem  groößten  Feinde,  dem  Könige  Carl
VIII.  von  Frankreich  auszuliefern.  Ihn  zu  befreien,  sollte
Albrecht  sogleich  mit  einem  bedeutenden  Heere  nach  den
Niederlanden  aufbrechen,  der  auch,  aus  wunderlicher  Anhänglichkeit
  an  den  Kaiser,  damit  nicht  säumte,  bei  seiner  Ankunft
  in  Mecheln  jedoch  Maximilian  schon  frei  fand.  Aus
        <pb n="249" />
        Albrecht  der  Beherite.  213

Dankbarkeit  ernannte  der  Kaiser  Albrechten,  der  schon  von
fruͤher  her  die  Wuͤrde  eines  Reichsbannertraͤgers  bekleidete,
zum  Statthalter  der  Niederlande,  eine  große,  aber  gar  nicht
eintraͤgliche  Auszeichnung;  denn  die  Niederlaͤndischen  Staͤdte
standen  in  geheimer  Verbindung  mit  Oesterreichs  damaligem
härtesten  Gegner,  Frankreich,  und  waren  so  hartnäckig  in  Vertheidigung
  ihrer  Freiheiten  und  Rechte,  so  zu  Verschwoͤrungen
  und  Empbrungen  geneigt,  daß  ein  Statthalter  über  sie,
sich  nur  durch  unermüdetste  Wachsamkeit  behaupten  konnte
und  das  Schwert  nicht  aus  der  Hand  legen  durfte,  um  jeden
  Augenblick  zum  Kampfe  mit  den  Unruhestiftern  bereit
zu  seyn.  Dennoch  führte  Albrecht  diese  Statthalterschaft  mit
groͤßtem  Ruhme,  die  Niederländer  fürchteten  ihn,  als  den
Unbezwinglichen,  und  es  gelang  ihm,  bis  zum  Jahre  1493  1193
die  empdrerischen  Provinzen,  Brabant,  Seeland,  Holland
und  Friesland,  welche  durch  den  mit  Frankreich  geschlossenen
  Frieden  ihren  Rückhalt  verloren  hatten,  beinahe  voͤllig
zur  Ruhe  zu  bringen,  wo  er  sodann  diese  schwierige  Statthalterschaft
  wieder  abgab.  Man  mochte  es  von  Seiten
Oesterreichs  endlich  selbst  einsehen,  daß  man  den  treuesten
und  stärksten  Bundesgenossen  auf  gewissenlose  Art  abgespeist
hatte  und  wenigstens  noch  zum  Scheine  etwas  thun  müsse.
Ausser  der  schon  erwähnten  Anwartschaft  auf  Jülich  und
Berg,  trug  man  Albrecht  —  nachdem  derselbe  vorher  die
ihm  angebotene  Stelle  als  oberster  Reichshauptmann  aus
dem  Grunde  ausgeschlagen  hatte,  weil  wahrscheinlich  diese
Wärde  ohne  Gehalt  geblieben  wäre  —  mit  Genehmigung
des  Churfürsten  die  Erbstatthalterschaft  über  Friesland  an.
Obgleich  einträglicher,  als  die  Statthalterschaft  über  die
Niederlande,  war  sie  doch  auch  nicht  unbedingt  zu  preisen.
Die  Friesen  hatten  sich  schon  seit  länger  als  ein  sehr  widerspenstiges
  Voik  erwiesen,  welches  durchaus  keinen  Zaum
dulden  wollte  und  noch  größere  Gegenkraft  erforderte,  um
nieder  gehalten  zu  werden,  als  die  Niederländer.  Zudem
hatte  sich  der  Kaiser  das  Wiedereinlbsungsrecht  vorbehalten
und  konnte  von  demselben  vielleicht  gerade  zu  einer  Zeit  Gebrauch
  machen  wollen,  wo  Albrecht  angefangen  hatte,  für
        <pb n="250" />
        1196

1500

214  Albrecht  der  Behenze.

die  erst  daran  gewendeten  Opfer  und  Mühen  einige  Entschaͤ-digung
  zu  finden.  Auch  mochte  man  dem  Herzog  Albrecht
zugeslüstert  haben,  der  Kaiser  trage  ihm  absichtlich  eine
Würde  an,  welche  eine  fortwährende  Aufbictung  seiner  kriegerischen
  Kräfte  nöthig  mache,  um  die  von  ihm  gefürchtete
  Macht  des  Hauses  Sachsen,  wenn  auch  nicht  zu  schwachen,
  weniastens  anderweit  zu  beschäftigen.  Diese  Gründe
bewogen  Albrecht,  diesmal  nicht  so  schnell  zuzugreifen.  Indessen
  ließ  er  sich  doch  zuletzt  noch  willig  finden  und  übernahm
  die  friesische  Statthalterwürde.  Auch  war  er  so  glücklich,
  durch  Hilfe  des  Grafen  von  Ostfriesland,  die  widerstrebenden
  Friesen  zur  Ruhe  zu  verweisen,  setzte  seinen  zweiten
Sobn  Heinrich  als  Virestatthalter  ein  und  begab  sich  nach
Sachsen  zurück,  wohin  ihn  ein  beabsichtigter  Landtag  rief.
Doch  war  Albrecht  noch  nicht  lange  aus  Friesland  fort,  als
ihn  die  Nachricht  ereilte,  daß  die  Friesen  einen  neuen  sehr
ernsthaften  Aufstand  veranlaßt  hätten,  daß  sie  sogar  den
Vicestatthalter  Heinrich  —  welcher  ihnen  Steuern  abgefordert
  und  eine  Burg  zu  Harlingen  erbaut  hakte  —  in  Franeker
  belagerten  und  Willens  wären,  denselben,  sobald  sie
ihn  in  ihre  Gewalt  bekämen,  nebst  den  Seinigen  an  Ketten
aufzuhängen.  Diese  Nachricht  erschreckte  Albrecht  sehr,  denn
er  mußte  erst  in  Sachsen  rüsten.  Als  er  im  Juni  1500  in
Friesland  ankam,  fand  er  schon  mchrere  seiner  Freunde  zu
Heinrichs  Schutze  herbeigekommen,  und  diese  hatten  den
Friesen  schon  mehrere  Niederlagen  beigebracht.  Albrecht'e
Hinzukunft  entschied  den  Sieg,  Franeker  wurde  entsetzt  und
der  hartbedrängte,  einem  so  schmählichen  Tode  bestimmte
Heinrich  glücklich  seiner  gefahrvollen  Lage  entrissen.  Den
Empdrern  bekam  ihr  Anschlag  sehr  übel;  man  nahm  ihnen
auch  die  bercits  von  ihnen  herbeigebrachte  Kette  ab,  an
welcher  sie  den  Vicestatthalter  aufzuhängen  gedachten.  Minder
  gut  gelang  es  Albrecht  mit  der  unternommenen  Belagerung
  von  Gröningen.  Es  fehlte  ihm  an  Gelde,  seine  Truppen
  zu  besolden,  und  diese  wurden  darüber  so  gegen  ihn
erbittert,  daß  sie  nicht  übel  Lust  bezeigten,  ihn  den  Gröningern
  auszuliefern,  die  vielleicht,  trotz  der  Wegnahme  der
        <pb n="251" />
        Albrecht  der  Behente.  215

Franckerischen,  doch  noch  eine  Kette  für  ihn  aufgetrieben
haben  würden.  Dieser  böse  Umstand,  der  ihm  gerade  bei
einem  entscheidenden  Unternehmen  hindernd  entgegentrat,  ergriff
  ihn  so  tief  und  schmerzlich,  daß  er  daruͤber  krank  wurde
und  (12.  September  1500)  zu  Emden,  in  einem  Alter  von
58  Jahren  starb.  Sein  Leichnam  ward  einbalsamirt  und
in  der  Fuͤrstenkapelle  zu  Meißen  in  der  Naͤhe  Friedrich's
des  Streitbaren,  mit  welchem  er  im  Leben  viele  Aehnlichkeit
  (besonders  dadurch,  daß  er  im  Anschluß  an  das  Kaiserhaus,
  eine  Menge  auswaͤrtiger  Kriege  focht,  welche  seinem
Namen  Glanz,  aber  seinem  Lande  keinen  Vortheil  brachten)
hatte,  beigesetzt.

Albrecht  war  ein  Fürst  von  großen  Gaben,  tapfer,  beharrlich
  und  treu,  ein  würdiger  Zeitgenosse  des  letzten  Ritters,
  Maximilians  von  Oesterreich.  Seine  Anhänglichkeit
an  dieses  Haus  ging  wohl  zu  weit,  besonders  da  er  für
seine  eignen  Länder  —  die  er  durch  seine  immerwährenden
dußern  Kriege  im  Interesse  Oesterreichs,  doch  einigermaßen
vernachlässigen  mußte  —  so  wenig  dabei  gewann;  ein  Vorwurf,
  welcher  mehr  der  undankbaren  Kargheit  Oesterreichs
zur  damaligen  Zeit,  als  ihm  selbst  beizumessen  ist.  Ehrenvoll,
  wenn  auch  nicht  hinreichend  politisch  motivirt,  war
jedenfalls  seine  standhafte  Ausdauer  auf  der  Seite  des  Kaisers;
  die,  stinen  Aeußerungen  gemäß,  wirklich  ihren  Grund
weit  mehr  in  gewissenhafter  Befolgung  seines  Pflichtgefühles,
  als  in  politischen  Speculationen  gehabt  haben  mag;
denn  als  man  ihm  vorstellte,  daß  er  zu  viel  für  Oesterreich
thue  und  es  vielleicht  dereinst  nicht  vergolten  bekommen
werde,  antwortete  er;  „Ich  hab'  mich  einer  Sache  unterstanden,
  und  ich  wollte,  daß  alle  mein  Land  und  Gut,  so
ich  auf  Erden  habe,  zu  Gelde  gemacht  wären,  ich  wollte
meinem  Herrn  Kaiser  Maximilian  solche  Dienste  thun,  daß
man  davon  ein  tausend  Jahr  sollte  zu  sagen  und  zu  schreiben
  wissen;“  und:  „es  wäre  besser,  daß  alle  Fürsten  zu
Sachsen  nach  Brod  gingen,  denn  ein  roèmischer  König.“  —
Ohngeachtet  dieses  Fehlers,  mehr  nach  aussen,  als  nach  innen
  zu  streben  und  lieber  entfernte  Eroberungen  zu  ergreifen,
        <pb n="252" />
        26  Albrecht  der  Beherzte.

als  das  schon  Besitzende  und  seine  Erbländer,  welche  doch
den  größten-Anspruch  auf  seine  Thätigkeit  hatten,  zu  pflegen;
  muß  man  ihm  den  Ruhm  lassen,  daß  er  die  wenige
Zeit,  die  ihm  im  Schooße  seines  Landes  ward,  nach  Kraften
  nützte.  Er  machte  sich  um  Rechtspflege  und  deren  Feststellung
  vielfach  verdient  und  die  Erbauung  des  Freiberger
Doms,  der  neuen  Albrechtsburg  und  der  Brücke  zu  Meißen
  danken  wir  ihm.  Von  seiner  Gemahlinn  Zedena  —
einer  Tochter  des  muthigen  Böhmenkönigs  Georg  Podiebrad,
nach  dessen  Tode  ihm  sogar  einc,  freilich  nur  kurz  währende
Aussicht  auf  den  Thron  von  Böhmen  eröffnet  wurde  —
hinterließ  er,  ausser  einer  Tochter,  welche  sich  an  den  Erzherzog
  Sigmund  von  Oesterreich  und  dann  an  Herzog  Erich
den  Aelteren  von  Braunschweig  vermählte,  drei  Söhne:
Georg  den  Bärtigen,  Heinrich  den  Frommen  und  Friedrich,
von  denen  die  beiden  Ersten  eir  mder  in  der  Regierung  folgten,
  Friedrich  aber,  zum  Hochmeister  des  deutschen  Ordens
in  Preußen  erwählt,  für  abgefunden  erachtet  ward,  obschon
er  drei  Jahre  vor  seinem  Tode  —  er  starb  1510  zu  Rochlitz
  —  die  Hochmeisterwürde  niederlegte.

Da  Albrecht,  aus  eigner  Erfahrung,  die  üblen  Folgen
einer  Ländertheilung  kannte,  so  hatte  er  noch  am  18.  Februar
  1499  zu  Mastricht,  unter  Zuziehung  einiger  Landstände,
  mit  seinen  beiden  altesten  Söhnen  Georg  und  Heinrich
  einen  Vertrag  abgeschlossen,  dem  sich  Beide  fögten  und
worin  festgesetzt  wurde:  daß  die  meißnischen  und  thüringischen
  Lande  inskünftig  ungetheilt  bleiben  und  Gcorg,  als
der  dlteste,  die  alleinige  Regierung  darüber  führen,  dagegen
aber  seinem  Bruder  Heinrich  die  Erbstatthalterschaft  über
Friesland  überlassen  sollte.  Im  Falle  dieser  die  Statthalterschaft
  über  die  unruhigen  Friesen  nicht  behaupten  konnte,
oder  dieselbe  vom  Kaiser  wieder  eingelèôf't  würde,  sollte
Heinrich  die  Aemter  Freiberg  und  Wolkenstein,  wiewohl  mit
Ausnahme  der  Oberhoheit  und  der  Bergwerke,  erhalten,
nebst  dem  vierten  Theile  der  Landeseinkünfte,  nach  Abzug
der  Ausgaben  und  der  Zinsen  für  Landesschulden.  Auch  ward
festgesetzt,  daß  nach  beider  Brüder  Absterben,  jedesmal  der
        <pb n="253" />
        Georg  der  Bärtige.  217

älteste  Sohn  in  der  ungetheilten  Regierung  folgen,  und
im  Falle  derselbe  zur  Regierung  untauglich  befunden,  der
Nächstfolgende  für  ihn  eintreten  sollte.  Nur  dic  inskünftig
anfallenden  Lande  sollten  theilbar  seyn.  Dieser  Vertrag
—  welcher,  statt  der  sonst  üblichen,  im  Ernestinischen  Sachsen
  noch  beibehaltenen  Primogenitur,  mehr  ein  Seniorat  feststellte
  —  ward  von  Georg  und  Heinrich  unterschrieben,  nach
Albrecht's  Tode  vom  Kaiser  Maximilian  (14.  Debr.  1500)
bestätigt,  und  dadurch  gläücklich  einer  künftigen  Ländertheilung
vorgebeugt.

Georg,  welcher  laut  des  Mastrichter  Vertrages,  die  alleinige
  Regierung  über  die  Meißnischen  Lande  übernahm,  entwickelte
  frühzeirig  viele  gute  Eigenschaften  und  legte  sich  mit
Glück  und  Fleiß  auf  Aneignung  gelehrter  Kenntnisse,  so  daß
er  später  mit  den  gelehrtesten  Männern  seiner  Zeit  im  lebhaften
  Verkehre  stand  und  nur  Luther's  Leidenschaftlichkeit  ihn
mit  Unrecht  Stultorum  stultissimum  nennen  konnte.  Wie
Georg  ernst,  einfach  und  tieffinnig  war,  so  war  dagegen  sein
Bruder  Heinrich  sanft,  weichlich  und  verschwenderisch,  dem
die  Statthalterschaft  über  die  unruhigen  Friesen,  die  ihm
noch  bei  Lebzciten  seines  Vaters  die  bewußte  Kette  zugedacht
hatten,  bald  unbequem  ward,  daher  er  diesen  Posten  schon  1503  1503
abgab  und  seinem  Bruder  Georg,  der  sich  schon  1504  dort  1504
hatte  huldigen  lassen,  im  Tahre  1505  urkundlich  abtrat,  da-  1505
gegen  aber  die  für  den  Fall,  daß  er  die  friesische  Statthalterschaft
  nicht  behaupten  konne,  ihm  vertragsweise  zugestandenen
  Aemter  Freiberg  und  Wolkenstein  an  sich  nahm  und,
statt  des  ihm  bestimmten  vierten  Theiles  der  Landeseinkünfte,
eine  jährliche  Summe  von  12,500  Gulden  und  eine  ebenfalls
  jährliche  Lieferung  von  12  Fuder  Wein  ausgesetzt  erhielt,
  welche  dem  lebenslustigen  Heinrich  besser  zusagen  mochten,
  als  die  frühern  unausgesetzten  Unannehmlichkeiten  mit
den  wilden  Friesen  und  die  Gefahr  ihrer  Ketten.  Georg
ließ  sich  anfangs  sehr  auf  diese  friesischen  Angelegenheiten
ein  und  unternahm  Maßregeln,  als  ob  er  diese  Statthalterschaft
  auf  ewige  Zeiten  festzuhalten  gedenke.  Es  gelang
ihm,  nach  längerer  Belagerung,  die  Stadt  Gröningen  1507  150
        <pb n="254" />
        218  Georg  der  Baͤrtige.

zur  Uebergabe  zu  bringen,  und  er  ertheilte  die  Aufsicht  uͤber
Friesland  dem  Grafen  Edzard  von  Ostfriesland,  der  ihm  bei
der  Belagerung  der  Stadt  Groͤningen  Dienste  geleistet  hatte,
sie  nach  erfolgter  Uebergabe  aber  als  eigne  Eroberung  betrachtete
  und  sie  herauszugeben  sich  weigerte.  Georg  konnte
ihm  anfangs  keinen  sehr  ernsthaften  Widerstand  entgegensetzen
  und  war  froh,  daß  es  wenigstens  vor  der  Welt  schien,
als  ob  er  dem  Grafen  die  friesischen  Lande  freiwillig  übertragen
  habe,  Aber  Edzard  griff  immer  weiter  um  sich,  verbündete
  sich  mit  dem  Herzoge  Carl  von  Geldern  und  machte,
da  die  Gröninger  sich  endlich  nicht  Georg,  sondern  Carl  von
Geldern  unterwarfen,  dem  Herzog  Georg  den  Kopf  so  warm,
daß  dieser  die  Lust  an  ganz  Friedland  verlor  und  seine  Erbstatthalterschaft
  (1515)  dem  Erzherzoge  Carl  von  Oesterreich,
dem  der  Rückkauf  freistand,  um  200,000  Gulden  rheinisch
überließ.  Das  war  das  erste  ruhige  Geld,  welches  die  friesische
  Statthalterschaft  —  von  welcher  der  Kaiser,  als  er  sie
Georg's  Vater,  dem  Herzog  Albrecht  übertrug,  so  viel  Aufhebens
  gemacht  hatte  —  dem  Meißnischen  Hause  eintrug.
Herzog  Georg,  welcher,  von  seinem  wissenschaftlichen
Sinne  geleitet,  sich  seine  Universität  zu  Leipzig  sehr  am  Herzen
  liegen  ließ,  mußte  wohl  vorzugsweise  unter  den  deutschen
  Fürsten  aufmerksam  werden,  als  die  ersten,  anfangs
schüchternen  Strahlen  der  Reformation  sich  über  Deutschland's
  Gauen  verbreiteten.  Seine  Einsicht  war  durch  die
genossene  gelehrte  Bildung  zu  sehr  geklärt  worden,  als  daß
ihm  die  Mängel  und  Mißbräuche  der  romischen  Kirche  hätten
  entgehen  sollen,  und  Niemand  konnte,  wie  dies  auch
seine  Stellung  auf  den  Reichstagen  bewies,  ernstlicher  eine
Kicchenverbesserung  wünschen,  als  er.  E  hielt  auch  in  seinen
  Landen  die  Geistlichkeit  kurz  genug,  und  wie  wenig  er
gewohnt  war,  ihr  Willkührlichkeiten  nachzusehen  oder  sich
gar  Eingriffe  von  ihr  gefallen  zu  lassen,  konnte  man  am
besten  aus  der  entschiedenen  Sprache  abnehmen,  deren  er  sich

gegen  den  Merseburger  Bischof  bediente,  als  dieser  das  von
Georg  gewünschte  und  eifrig  betriebene  Religionsgespräch

lälg  zwischen  Luther  und  Eck  hintertreiben  wollte  und  zu  diesem
        <pb n="255" />
        Georg  der  Baͤrtige.  219

Zwecke  ein  Verbot  dagegen  ergehen  ließ.  Georg  ließ  zornig
das  Verbot  von  den  Thoren  herabreißen  und  dem  Bischof
drohend  sagen,  daß  er  selbst,  wenn  die  roͤmischen  Geistlichen
auf  solche  Weise  das  Licht  zu  scheuen  fortfuͤhren,  die  Welt
von  ihrer  Ignoranz  und  Barbarei  unterrichten  wolle.  Ein
Fuͤrst  von  so  aufgeklaͤrten  und  festen  Gesinnungen,  als  welcher
  Georg  sich  kund  gab,  haͤtte,  bei  zweckmaͤßiger  Behandlung,
  gewiß  fuͤr  die  Reformation  gewonnen  werden  koͤnnen
und  wuͤrde,  sobald  er  sich  einmal  fuͤr  dieselbe  erklaͤrt  haͤtte,  bei
seiner  Geistesfestigkeit  und  seinem  weltlichen  Einflusse,  derselben
  gewiß  vom  entschiedensten  Nutzen  gewesen  seyn.  Aber
Georg,  ohngeachtet  der  ihm  nicht  abzusprechenden  Aufklärung,
  hing  doch  mit  einigen  Vorurtheilen  zusammen
und  war  so  innig  mit  denselben  verwachsen,  daß  er  vorsichtig
und  überlegt  behandelt  werden  mußte,  um  ihn  für  die  Sache
  einzunehmen.  Luther'n  jedoch  fehlte,  bei  seiner  Heftigkeit
und  Ungeduld,  die  rechte  Weise,  einen  Georg  zu  behandeln,
und,  einmal  für  die  Sache  verloren,  war  derselbe,  bei  seiner
freilich  übertriebenen  Beharrlichkeit,  nie  wieder  für  dieselbe
zu  gewinnen,  noch  derselben  zu  befreunden.  Zwar  hatte,
dem  Urtheil  der  Mehrzahl  nach,  in  seinem  Religionsgespräche
  Luther  den  Sieg  davongetragen;  dennoch  aber  hatte  er
nicht  Georg's  Meinung  für  sich,  und  dies  war  entscheidend
für  dessen  Gesinnungen.  Georg  wünschte,  mehr  im  Sinne
des  gelehrten  Erasmus  von  Rotterdam,  mit  welchem  er  hausig
  Briefe  wechselte,  eine  Reformation,  durch  welche,  ohne
die  Grundpfeiler  des  Katholicismus  umzustoßen,  die  Sittenverderbniß
  der  Geistlichkeit  verbannt  und  die  übertriebenen
Einnahmen  und  Bereicherungen  der  Kirche,  zum  Nachtheile
des  Staates,  abgeschafft  oder  vermindert  würden.  Luther
aber  ging  ihm  weiter,  er  griff  nach  Georg's  Meinung  Dinge
in  der  Religion  an,  welche,  ohne  Schaden  zu  bringen,  besser
so  gebliebsn  wären,  wie  sie  einmal  waren.  Dahin  mochte
Georg  auch  den  Umstand  rechnen,  daß  Luther  darauf
  bestand,  das  Abendmahl  in  beiderlei  Gestalt  zu  erhalten,
  welcher  Punkt,  wie  manche  andere  Behauptung  Luther's,
den  Herzeg  noch  obendrein  an  den  ihm  sehr  verhaßten  Huß
        <pb n="256" />
        220  Georg  der  Baͤrtige.

erinnerte,  um  dessen  Todes  willen  Deutschland  so  furchtbare
Verwuͤstungen  hatte  ausstehen  muͤssen,  und  ihn  nun  doppelt
gegen  die  Reformation  einnahm,  die  er  uͤberhaupt  nicht
durch  einen  einzelnen  Mann,  sondern  durch  Gesammtheit,
ja  durch  Deutschland  selbst  auf  einem  allgemeinen  Concil
herbeigefuͤhrt  wissen  wollte.  Nachdem  er  solchergestalt  sich
einmal  gegen  die  Reformation,  wie  sie  war,  oder  besser  gegen
  das  Lutherthum  ausgesprochen  und  entschieden  hatte,
besaß  dieses  an  ihm  einen  eben  so  unwandelbaren  Gegner,
als  es,  wenn  es  seine  Meinung  fuͤr  sich  gewonnen  haͤtte,
einen  standhaften  Freund  und  Beschuͤtzer  an  ihm  gehabt
haben  würde.  Durch  die  übertriebenen  und  häufig  ungerechten
  Angriffe,  welche  der  rücksichtslos  heftige  Luther  gegen
  ihn  unternahm,  der  den  keinesweges  zelotischen,  geschweige
einen  Finsterer  zu  nennenden  Georg  unpassend  Apostolum
Diaboli  hieß,  wurde  derselbe  natürlich  in  seiner  Abneigung
gegen  die  Reformation  bestärkt  und  vielleicht  eben  erst  durch
sene  nicht  immer  anständigen  Diatriben  zu  den  spatern  harten
  Maßtregeln  gegen  Luther's  Anhänger  verleitet.  Keineswegs
  ist  Georg  zu  rechtfertigen,  daß  er  in  seinem  Verfahren
gegen  die  evangelisch  gesinnten  Einwohner  zu  weit  ging  und
sich  sogar  der  Tyranney  gegen  sie  schuldig  machte.  Er  untersagte
  die  Verbreitung  der  neuen  Lehre  in  seinen  Landen
unter  Androhung  der  härtesten  Strafen,  schränkte,  um  der
Reformation  auf  alle  Weise  den  Weg  zu  verschließen,  selbst
seine  Universitct  Leipzig,  auf  welche  er  doch  so  viel  hielt
und  der  er  gern  auf  jede  Weise  den  Vorrang  vor  der  jungen
  Wittenberger  erworben  hätte,  bedeutend  ein,  verwies
eine  große  Anzahl  seiner  Unterthanen,  welche  im  Verdachte
evangelischer  Gesinnungen  standen,  des  Landes  und  beraubte
Andere  ihrer  Güter.  Es  fielen  sogar  Hinrichtungen  vor.
Vielleicht  galt  diese  Härte  mehr  Luther'n  selbst,  als  seiner
Sache,  und  der  beleidigte  Herzog  suchte  jede  Frucht  des
kühnen  Mönches,  der  ihn  angetastet,  zu  vertilgen,  ja  selbst
dessen  Andenken  auszurotten,  indem  er  seiner  Lehre  einen
fortwährenden  Vernichtungskrieg  ankündigte.  Freilich  eine
Personalrache,  unter  welcher  ein  ganzes  Land,  ja  eine  ganze
        <pb n="257" />
        Georg  der  Bärtige.  221

Zeit  zu  leiden  hatte.  Schwärmerische  Ungebührnisse,  wie
z.  B.  das  Treiben  der  Wiedertäufer,  der  Bilderstürmer,  und
der  damit  verbundene  Bauernkricg  —  gleichsam  die  Kindertollheiten
  der  noch  jungen  protestirenden  Zeit,  die  erst  im
längern  Verlaufe  sich  selbst  verstehen  lernen  und  ihre  eigne
Bedeutung  erfassen  konnte  —  brachte  Georg,  bei  seinem  einmal
  gegen  die  Sache  gefaßten  Vorurtheile,  ebenfalls  auf  unmittelbere
  Rechnung  der  Resormation  und  glaubte  nunmehr,
selbst  aus  staatsrechtlicher  Rücksicht  und  zu  Sicherstellung
der  Landerruhe,  zum  schärfsten  Verfahren  gegen  die  Reformation
  und  ihre  Anhänger  verpflichtet  zu  seyn.  Freilich
konnte  Georg  mit  diesen  seinen  Verfolgungen  nur  dem  Einzelnen
  wehethun;  gegen  die  Sache  selbst  waren  dies  Alles
doch  nur  Lufthiebe,  denn  trotz  seiner  weltlichen  Macht  beschäftigte
  er  doch  nur  einen,  im  Verhältniß  zum  Ganzen
kleinen  Kreis,  besonders  aber  nur  einen  abgemessenen  Zeitraum,
  über  dessen  Gränzen  hinaus  sein  Wirken  nicht  reichen
konnte.  Ja  sein  Feind,  der  Protestantismus,  sollte  ihm  noch
bei  Lebzeiten  sehr  nahe  rücken.  Sein  Bruder  Heinrich,  der,
mit  den  friesischen  Händeln  abgefunden,  in  Stille  und  Behaglichkeit
  über  das  ihm  zugefallene  kleine  Land,  bestehend
aus  den  Aemtern  Freiberg  und  Wolkenstein,  regierte  und
mit  der  churfürstlichen  Linie,  zu  welcher  Georg  in  ziemlich
gespannten  Verhältnissen  stand,  in  gutem  Vernehmen  lebte,
goͤnnte  auch  seiner  Gattin  Catharina  von  Meklenburg,  einer
durch  ihren  Geist  sich  freilich  Uber  ihn  erhebenden  Frau,  einen
  nicht  unbedeutenden  Einfluß.  Diese  hatte  fröhzeitig
evangelische  Luft  getrunken  und  unter  ihrem  Schutze  griff
in  Freiberg  die  Reformation  rasch  um  sich.  Der  von  Georg
um  evangelischer  Grundsötze  willen  vertriebene  Anton  von
Schdnberg  fand  an  Catharinen  eine  Beschützerin  und  Jüngerin,
und  man  beschloß,  mit  vereinten  Kraften  auf  Herzog  Heinrich
  loszuwirken,  um  auch  ihn  für  die  neue  Lehre  zu  stimmen.
  Er,  der  heitere  Weltmann,  dessen  Charakter  der  despotische
  Ernst  der  rdmischen  Kirche  nic  zugesagt  haben  mochte,
zeigte  keinen  großen  Widerstand;  nur  fürchtete  er  den  Zorn
seine5  Bruders  und  unternahm  daher  anfangs  keine  offenen
        <pb n="258" />
        1537

1539

222  Georg  der  Baͤrtige.

Schritte,  obschon  er  selbst  der  neuen  Lehte  beitrat,  ihr
auch  in  seinen  Landen  sich  unter  Hand  auszubreiten  vergoͤnnte
  und  den  Einfluß  der  roͤmischen  Kirche  immer  mehr
verringerte.  Herzog  Georg  creiferte  sich  freilich  sehr  darüber
  und  that  sogar  vielfache  Schritte,  um,  da  er  selbst  keine
männlichen  Erben  hinterließ  —  er  hatte,  von  fünf  Söhnen
und  vier  Tochtern,  nur  eine  Tochter  und  einen  zur  Regierung
  untauglichen  blödsinnigen  Sohn  am  Leben  —  dem
Bruder  nur  unter  der  Bedingung  die  Erbfolge  zu  überlassen,
wenn  derselbe  wieder  zum  Katholicismus  zurückkehrte.  Vorzüglich
  sollten  Heinrich's  Söhne,  nach  Georg'ö  ausdrücklichem
  Verlangen,  bei  der  rômischen  Kirche  bleiben  und  in  der
Religionsverfassung  der  meißnischen  Lande  keine  Aenderung
zu  unternehmen  sich  verbindlich  machen,  im  Weigerungsfalle
aber  der  Kaiser  und  der  romische  Kdnig  Ferdinand  diese
Lande  in  Besitz  nehmen,  bis  diese  Bedingungen  erfällt  waͤ—
ren.  Er  wollte  dies  in  seinem  zu  errichtenden  Testamente
feststellen,  wozu  er  freilich,  in  Gemäßheit  des  Mastrichter
Vertrages,  durch  welchen  die  Erbfolge  bereits  ihre  gewissen
Bestimmungen  erfahren  hatte,  kein  Recht  mehr  besaß.  Schon
früher  hatte  er  gedroht,  seinem  Bruder  Heinrich  den  ausgesetzten
  Jahrgehalt  zu  entziehen,  aber  da  dieser  1537  dem
Schmalkaldischen  Bund  beitrat  und  von  diesem  Schuß,  erforderlichen
  Falles  auch  Schadloshaltung  erwarten  durfte,
so  fruchtete  diese  Drohung  nicht.  Eben  so  wenig  half  Georg's
  seltsamer  Versuch,  Heinrich  dadurch  von  der  Erbfolge
auszuschließen,  indem  er  seinem  einzigen  Sohn  Friedrich  eine
Frau  gab  und  von  ihm  männliche  Erben  verhoffte.  Der  arme
Friedrich  erfreute  sich  nur  wenige  Wochen  des  Ehestandes
und  starb  im  Februar  1539,  ohne  den  Stamm  gerettet  zu
haben.  Selbst  zu  Vollziehung  des  schon  erwähnten  Testamentes,
  auf  welches  Georg  seine  letzte  Hoffnung  sectzke,  sollte
es  nicht  kommen;  denn  am  17.  April  1539,  noch  nicht  drei
Monate  nach  seinem  Sohne  Friedrich,  übereilte  ihn  zu  Dresden
  selbst  der  Tod  im  68.  Lebensjahre,  und  er  war  der
letzte  der  Meißnischen  Herzoge,  der  nach  Meißen  begraben
wurde.  Den  Beinamen  des  Bärtigen  führte  er,  weil  er
        <pb n="259" />
        Georg  der  Baͤrtige.  223

nach  dem  Tode  seiner  Gemahlin  Barbara,  einer  Tochter  des
Koͤnigs  Kasimir  von  Polen,  sich  zum  Zeichen  bestaͤndiger
Trauer  seinen  Bart  wachsen  ließ.  In  ihm  verlor  die  roͤmische
  Kirche  ihren  festesten  Stamm.  Es  ist  wahrhaft  zu  beklagen,
  daß  ein  Fürst  von  so  guten  Eigenschaften,  wie  Georg,
  seine  bessere  Ueberzeugung  groͤßtentheils  einem  indivis
duellen  Vorurtheile,  nämlich  seiner  personlichen  Abneigung
gegen  Luther  aufopferte,  und  daß  dadurch  sein  Leben,  das
anfangs  so  freudige  Hoffnungen  gab,  verfehlt  und  zwecklos
wurde.  Seinc  Macht,  wie  auch  seine  ursprünglich  guten
Ansichten  hätten  ihn  bestimmt,  der  muthigste  und  glücklichste
Vorkämpfer  seiner  Zeit  zu  werden.  Die  Geschichte  mag  ihn
beweinen,  daß  er,  von  hartnäckigem  Widerwillen  gegen  Einzelheiten
  geleitet,  sich  gegen  das  Ganze  verschwor,  sich  zum
Unterdrücker  einer  Sache  aufwarf,  zu  deren  Schirm  er  geboren
  war,  und  so  den  schdnen  Zweck  verfehlte,  der  als
Keim  in  ihm  selbst  und  in  seinem  Schicksale  lag.  Aber  dennoch
  darf  man  das  blinde  Verdammungsurtheil,  welches  seine
Feinde,  unter  ihnen  Luther,  über  Georg  aussprechen,  niche
unterschreiben.  Bei  dem  großen  Irrthume,  welcher  sein  Leben
  bezeichnet,  treten  doch  auch  Lichtseiten  in  demselben  hervor,
  besonders:  Beharrlichkeit  und  Treue.  Sein  Gemüth
war  auch  für  sanftere  Regungen  empfänglich,  und  nur  seinem
Haße  gegenüber,  erscheint  er  hart  und  rücksichtslos.  Selbst
gegen  seine  Feinde  verschmähte  er  es,  sich  kleinlicher  Mittel
zu  bedienen,  und  er  soll  —  sich  rühmlichst  von  der  Gewissenlosigkeit
  lossagend,  welche  die  rèmische  Kirche  gegen  Ketzer
damals  gestattete  und  uͤbte  —  mit  tiefer  Empoͤrung  sich  dagegen
  ausgesprochen  haben,  als  einige  katholische  Herren  den
Kaiser  bereden  wollten,  das  Luther'n,  als  einem  Ketzer,  gegen
  welchen  weder  Treue  noch  Glaube  zu  beobachten,  versprochene
  freie  Geleite  nicht  zu  halten.  Georg's  schweres
haͤusliches  Ungluͤck  —  der  Verlust  seiner  Gattin,  wie  beinahe
  aller  seiner  Kinder  und  das  traurige  Schicksal  der  leben
  gebliebenen  —  mochte  wohl  auch  noch  beitragen,  seine
Seele  zu  verfinstern  und  eine  Härte  über  sein  Leben  zu
verbreiten.  Sterbend  schien  er  noch  eine  bestimmtere  Ahnung
        <pb n="260" />
        224  Heinrich  der  Fromme.

des  neuen  Glaubenslichtes  mit  hinuͤber  zu  nehmen.  Sein
Ende  war  christlich  und  versöhnend  und  neigt  sich,  wie  eine
milde  Abendröthe,  über  sein  von  düstern  Wolken  und  zuckenden
  Zwielichtern  durchkreuztes  Leben,  welches  durch  trübe
Mißverständnisse  anders  hervorgetreten  war,  als  es  ursprünglich
  in  ihm  lag  und  sich  der  Welt  zeigen  sollte.  Kurz
vor  ihm  war  auch  Hugo,  Burggraf  zu  Leißnig  und  Besitzer
  der  Herrschaft  Penig,  als  der  Letzte  seines  Geschlechtes
zu  Grabe  gegangen.  Die  Burggrafen  von  Leißnig,  wahrscheinlich
  Abkbômmlinge  der  alten  Burggrafen  zu  Altenburg,
nicht  aber,  wie  man  ebenfalls  geglaubt  hat,  des  alten  sächsischen
  Helden,  Graf  Wiprecht's  von  Groitsch,  waren  Vasallen
  der  Meißner  Markgrafen;  demzufolge  nach  Hugo's
unbeerbtem  Tode,  seine  Besitzungen  an  den  Herzog  zurückfielen,
  zumal  seine  hinterlassene  Gattin  die  als  Leibgedinge
ihr  ausgesetzte  Halfte  der  Herrschaft  von  Penig  dem  Herzog
  ebenfalls  um  eine  bestimmte  Summe  überließ.
Ohngeachtet  der  ihm  zugedachten  Schwierigkeiten  übernahm
  Heinrich,  sogleich  nach  seines  Bruders  Georg  Tode,
die  Regierung.  Er  war  von  jeher  mehr  ein  vergnägter  und
behaglicher  Freund  des  Lebens,  als  weltlicher  Sorgen  gewesen
und  ließ  sich's  daher  auch  als  regierender  Herr  so  ziemlich
wohl  gehen.  Der  so  innig  evangelische  Churfürst  Johann
Friedrich  übte  einen  großen  Einfluß  auf  Heinrich  aus  und
wußte  die  Reformation  in  dessen  Landen  kräftigst  zu  fordern.
Sie  fand,  außer  dem  größten  Theile  der  Geistlichkeit  und
der  Mehrzahl  des  Adels,  unter  dem  Volke  in  Meißen  bereits
  sich  tüchtig  vorgearbeitet  und  ward  mit  großer  Bereitwilligkeit
  ausgenommen.  Die  Heiligen  wurden  in  ihrer  Verehrung
  immer  mehr  gekürzt,  die  katholischen  Gebräuche  immer
  mehr  entfernt  und  das  ganze  kirchliche  Formenwesen
bildete  sich,  in  schneller  Vereinfachung,  auch  schnell  der  Reformation
  zu.  Die  große  allgemeine  Kirchenvisitarion,  welche
  schon  im  Juni  1539  begann,  vollendete  das  Werk,  die
Kloster  wurden  zwar  —  da  man  mit  löblicher  Vorsicht  zu
Werke  ging  und  wohl  wußte,  daß,  wenn  man  nur  den
Grund  gut  untergrabe,  das  alte  Gebaude  schon  von  selbst
        <pb n="261" />
        Heinrich  der  Fromme.  225

uͤber  den  Haufen  stuͤrzen  wuͤrde  und  daß  in  diesem  natuͤrlicheren
  Gange  der  Dinge  die  Welt  weniger  ein  Aergerniß
erblicke,  als  wenn  man  das  Frühere  zu  hitzig  zerstdre  und  ihm
gerade  dadurch  Antheil  erwecke  —  noch  nicht  förmlich  aufgehoben,
  aber  in  ihrem  Wesen  so  sehr  reducirt,  daß  sie  endlich
  nur  der  Form  nach  noch  bestanden,  und  auf  ähnliche
Weise  der  ganze  Katholicismus  nicht  offenbar  gestürzt,  aber
so  in  sich  selbst  ausgeweidet,  daß  gleichsam  nur  noch  die
dusseren  Waͤnde  davon,  ohne  mehr  innern  Halt  zu  haben,
stehen  blieben,  die  gar  bald  auch  vollends  in  sich  selbst  zusammenbrechen
  mußten.  Entschiedenere  Schritte  wagte  man
rücksichtlich  der  Universität  Leipzig  zu  unternehmen,  welche
unter  der  beinahe  vierzigjährigen  Regierung  Georg's,  allerdings
  ziemlich  in  katholischen  Grundsätzen  ertrunken  war.
Da  die  gelehrten  Disputationen,  mit  denen  man  erst  die
Sache  angreifen  wollte,  zu  nichts  Entscheidendem  führten,  so
wählte  man  das  kürzere  und  schneller  wirkende  Mittel,  die
gar  zu  beharrlichen  orthodoxen  Zeloten  zu  entfernen  und  an
ihre  Stelle  Männer  einzusetzen,  welche  sich  den  Forderungen
  einer  siegenden  neuen  Zeit  besser  zu  fügen  wußten.
Somit  war  der  große  Schritt  gethan  und  die  Reformation
  mit  ihren  tausend,  auch  in  weltliche  Wissenschaften  eingreifenden
  verborgenen  Aesten,  auch  auf  die  Universitaͤt  Leipzig
  verpflanzt.  Es  war  ein  mächtiger  Sprosse,  den  man
damit  in  den  Schoos  der  Zeit  senkte;  Jahrhunderte  haben
seitdem  ihn  getränkt  und  groß  gezogen,  und  er  hat  seine
Zweige  in  die  Welt  gesendet,  wie  der  wunderbare  Weltbaum
an  Mimer'b  Brunnen,  von  welchem  die  Lieder  der  Scalden
  tdnen:  Seine  Wurzeln  haben  im  Unwetter  der  Begebenheiten,
  die  unser  Vaterland  erschütterten,  dessen  Boden
geistig  zusammengchalten.  Ohne  die  Universität  Leipzig
würde  Sachsen  der  geistigen  Gesammtheit  entbehren.  Die
Stände,  welche  unter  Georg's  Regierung  Alles  mehr  in
einem  gewissen  Gleise  hatten  gehen  sehen,  schüttelten  die
Koͤpfe,  als  Heinrich,  freilich  blos  die  Maschine  des  Schmalkaldischen
  Bundes,  mit  einem  Male  so  viele  Veränderungen
  vornahm  und  sie  ihn  die  Reformation  vor  ihren  Augen

15
        <pb n="262" />
        226  Heinrich  der  Fromme.

aus  dem  von  rdmischen  Agenten  ziemlich  hart  getretenen  Bo—
den  stampfen  sahen.  Sie  nahmen  es  Ubel,  dabei  zu  wenig
befragt  worden  zu  seyn  und  fanden  bald  Gelegenbeir,  ihr
Mißvergnügen  an  den  Tag  zu  legen.  Geerg's  Verlassenschaft
  fand  man  stark  verschuldet,  und  da  auf  das  verhandene
  baare  Geld  Andere  ihre  Erbansprüche  machten,  so  gericth
  Heinrich  in  Verlegenheit,  wie  er  diese  Schulden  decken
sollte.  Er  sah  sich  gendthigt,  den  Nath  der  Stände  zu  su—
chen  und  zu  diesem  Swecke  einen  Landtag  nach  Chemnitz
auözuschreiben.  Hier  gaben  ihm  die  Stände  sehr  offen  ihre
Empfindlichkeit  darüber  zu  erkennen,  daß  sie  in  den  Angelegenheiten
  der  Reformatien  so  ganz  und  gar  nicht  befragt
worden  wären.  Heinrich  erklärte  sich  mit  ziemlicher  Bestimmtheit,
  und  man  gab  endlich  von  beiden  Seiten  etwas
nach.  Der  Herzog  nahm  seinen,  auf  Verringerung  der  Mänie
lautenden  Antrag  zurück,  bestätigte  den  Landständen  ihre  Privilegien,
  und  man  ward  sonach  einig,  jene  ven  Georg  binterlassene
  Schulden,  welche  gegen  500,000  fl.  auemachten,
durch  eine  zehnjährige  Verlängerung  der  Bierzebende  einzubringen.
  Derlei  Irrungen  trugen  vollends  bei,  dem  gemäthlichen
  Heinrich,  der  nic  großen  Geschmack  an  den  Regierungssorgen
  gefunden  hatte,  die  Sache  zu  verleiden.  Er  hatte
schon  früher  mehr  durch  seine  Gemahlin  und  seine  Ratte,
als  durch  sich  selbst  regiert;  aber  er  sehnte  sich  noch  mehr
nach  Ruhe,  und  obschen  sein  Sohn  Moritz  ihm  nicht  gan
zu  Willen  gelebt,  besonders  gegen  seinen  Wunseh  die  Techter
  des  mit  Heinrich  in  keinen  guten  Verhaltnissen  stehenden
Landgrafen  Philipp  von  Hessen  geheirathet  und  auch  in  anderer
  Hinsicht  einen,  dem  sanften  Charakter  des  Vaters  nicht
entsprechenden  stürmischen  Sinn  geoffenbaret  hatte,  so  entschloß
  sich  Heinrich  doch,  ihm  noch  bei  Lebzeiten  die  Regierung
  abzutreten.  Gegen  seinen  vorherigen  Entschluß,  seine
Länder  beiden  Söhnen  zu  überlassen,  hatte  sich  Moritz  aus-1311
  drücklich  erklärt.  So  ließ  er  denn  am  7.  August  1541  seinen
  Sohn  Moriß  die  Regierung  antreten;  jedoch  nicht  obne
ihm  cinige  Nätde  an  die  Seite  zu  setzen,  durch  welche  er
vielleicht  den  frühzeitig  sich  offenbarenden  kecken  Sinn  des
        <pb n="263" />
        Herzog  Moritz.  227

Juͤnglings  zu  beherrschen  gedachte.  Diese  Abttetung  sollte
zugleich  Heinrich's  letzte  weltliche  Handlung  seyn,  denn  er
segnete  schon  eilf  Tage  spaͤter  (18.  August)  das  Zeitliche.
Er  starb  im  69  Jahte  seines  Alters  zu  Dresden  und  ward
nach  Freiberg  begraben,  für  welches  er  stets  eine  entschiedene
  Vorliebe  gehabt  hatte.  Obschon  seine  Indioidualität
wie  auch  sein  Fürstenleben  sich  in  kleinen  Kreisen  bewegten
und  von  keinen  großen  Eigenschaften  und  Ereignissen  geschmückt
  wurden,  so  hat  ihn  doch  seine  Annahme  der  Lutherischen
  Lehre,  wodurch  die  Reformation  in  die  meißnischsächsischen
  Lande,  (wo  sie  kaum  einige  Jahre  vorher  an  Georg
einen  so  beharrlichen  Gegner  und  Unterdrücker  fand)  Eingang
erhielt  und  wodurch  der  neuen  Lehre  ihr  wichtigster  und  glücklichster
  Streiter,  nämlich  Heinrich's  Sohn,  Moritz,  erworben
ward,  unserer  Erinnerung  wie  unsers  Dankes  würdig  gemacht
und  die  Geschichte  verdankt  ihm  einen  folgenreichen  Umschwung.
Ob  der  lebenslustige,  joviale  Heinrich  —  den  gewissermaßen
  eine  gutmüthige  Bequemlichkeit  für  die  Einfachheit  der
evangelischen  Lehre  einnahm  —  sich  für  den  Beinamen  des
Frommen  eignete,  welchen  die  Erkenntlichkeit  der  Protestanten
  ihm  rücksichtlich  seiner  heilsamen  Einwirkung  auf  die
Reformation  in  Sachsen  beigelegt  hat,  sey  dahin  gestellt.
Vielleicht  dürfte  sich  Heinrich  gerade  auf  dieses  Prädicat  die
wenigste  Rechnung  gemacht  haben;  doch  er  ging  als  ein
leutseliger,  heiterer  und  redlicher  Mann  zu  Grabe,  und  so
mag,  im  ausgedehnteren  Sinne,  ihm  schon  der  Beinamen  des
Frommen  gebühren.  Von  seiner  Gemahlin  Katharina,  welche
im  Leben  einen  ersprießlichen  Einfluß  auf  ihn  gehabt  hatte
und  die  ihn  um  zwanzig  Jahre  überlebte,  hinterließ  er,  nebst
drei  Töchtern,  die  beiden  Söhne  Moritz  und  August,  welche
ihm  nach  einander  in  der  Regierung  folgten.

Es  war  cine  große  verhängnißvolle  Zeit,  die  Herzog  Heinrich'é
  Grab  zu  ihrer  Wiege  wählte  und  unmittelbar  über
seinem  Sarge  aufstieg;  denn  in  seinem  Sohne  Moritz  tritt
der  merkwürdigste  Fürst  aus  der  Albertinischen  Linie,  ja  der
bedeutungsreichste  Held  Sachsens  überhaupt,  auf  die  Schaubühne
  der  Weltgeschichte.  Sein  Leben,  welchem  ein  so  frü-15

  *
        <pb n="264" />
        228  Herzog  Moritz.

hes  Ziel  gesetzt  war,  gleicht  einer  Kette,  welche,  von  kurzer
Laͤnge,  aber  aus  dichten  und  gewaltigen  Gliedern  bestehend,
zwei  aus  einander  strebende  Zeiten  maͤchtig  zusammenhaͤlt;
denn  er  erkämpfte  in  kurzem,  jaͤhen  Streite  und  mit  schnellem
  Siege  den  kühnsten  Uebergang  für  unsern  Glauben.  —

Am  21.  März  1521  erblickte  Moritz  zu  Freiberg  das  Licht
der  Welt.  Seine  Jugend,  in  verschiedenen  und  sehr  abweichenden
  Kreisen  umhergeworfen,  mußte  frühzeitig  einen
Reichthum  des  Lebens  in  sich  aufnehmen.  Wenn  der  kleine
Hof  seines  Vaters,  der  übrigens  dem  feurigen  Knaben  schlecht
genügte,  und  der  Einfluß,  welchen  dort  seine  geistvolle  Mutter
auf  ihn  übte,  wenigstens  dazu  diente,  seinen  Geist  zu  entwickeln
  und  die  ersten  Strahlen  der  Reformation  mit  unvergänglicher
  Wirkung  in  sein  junges  Herz  zu  werfen,  vielleicht
auch  die  von  mütterlicher  Seite  auf  ihn  vererbten  Anlagen
zu  Eigenwillen  und  Herrsucht  in  ihm  auszubilden,  so  mochte
der  uppige,  glänzende  und  nicht  eben  sittliche  Hof  des  Churfürsten
  Albrecht  von  Mainz,  bei  welchem  er  später  einige
Zeit  zubrachte,  wiederum  ihn  mit  dem,  ihm  eigenen  Sinne
zu  weltlichem  Genuße  und  zu  dußerem  Glanze  erfüllen,  während
  sein  nachmaliger  Umgang  mit  seinem  Vetter,  Georg
von  Sachsen,  ihm  Etwas  von  dessen  festem  Willen  voerleihen
  mochte.  Es  mußten  viele  für  Moritz  günstig  zusammenwirkende
  Umstände  vorausgehen,  um  ihn  auf  den  Platz
zu  erheben,  auf  welchem  wir  ihn  später  erblicken,  und  nicht
nur  Muth  und  Tapferkeit,  sondern  auch  List,  Verschlagenheit,
  ja  viellcicht  noch  mehr:  Pflicht  und  Gewissen  mußte  daran
  gesetzt  werden,  um  eine  so  schnelle  und  glänzende  Laufbahn
  zu  gewinnen,  wie  Moritz.  Der  junge  Fürst  trat,  sobald
  er  zur  Regierung  gekommen  war,  sogleich  mit  vieler
Energie  auf  und  zeigte  eine  Selbstständigkeit,  welche  sich
neben  dem  Andenken  an  seinen,  von  Gattin,  Räthen  und
endlich  von  dem  Schmalkaldischen  Bunde  gegängelten  Vater
um  so  glänzender  hervorhebt.  Diese  übertriebene  Anhänglichkeit,
  welche  sein  Vater  gegen  den  schmalkaldischen  Bund
gehegt  hatte,  schien  Moritz  mit  einer  gewissen  Bitterkeit  gegen
  den  letzteren  erfüllt  zu  haben  und,  obschon  er  demfselben
        <pb n="265" />
        Herzog  Moritz.  229

mit  seinem  Vater  zugleich  beigetreten  war,  so  sagte  er  sich
doch  spaͤter  ziemlich  deutlich  davon  los.  Das  Lockere,  Unzusammenhaͤngende
  dieses  durch  zwei  Oberhaͤupter  von  so
verschiedener  Gemuͤthsart,  wie  Johann  Friedrich  von  Sachsen
und  Philipp  von  Hessen,  geleiteten  Bundes,  und  die  Unsi—-cherheit,
  womit  derselbe  meist  auftrat,  konnte  Moritz  unmoͤglich
  dafuͤr  einnehmen.  Er  war  ein  Feind  innerer  Halbheit
und  wollte  nur  einer  Sache  vorstehen,  die  mit  Bestimmtheit
und  Kraft  ihr  Ziel  verfolge.  Der  Geist,  in  welchem  sein
Vater  regiert  hatte,  oder  regieren  hatte  lassen,  sagte  ihm
nicht  zu,  daher  schritt  er  gleich  anfangs  zu  bedeutenden  Aenderungen,
  die  theilweis  sehr  zum  Nachtheile  der  Räthe  und
Begünstigten  seines  Vaters  ausschlugen,  und  so  wußte
der  junge  Fürst  sich  überraschend  schnell  von  allen  Einflüssen
frei  zu  machen,  selbst  von  dem  seiner  Mutter.  Er  ließ  das
Testament  seines  Vaters  neun  Jahre  lang  (bis  1550)  unerdffnet
  liegen,  weil  er  Ursache  hatte  zu  glauben,  daß  sein
Vater  darin  eine  Doppelregierung,  oder  vielmehr  eine  Ländertheilung
  zwischen  ihm  und  seinem  Bruder  August  anbefehle,
  in  welche  Moritz,  nach  dem  Vertrage  von  Mastricht,
zu  willigen  weder  verbunden  noch  gesonnen  war.  Doch
zeigte  er  sich  in  anderer  Hinsicht  gegen  seinen  Bruder  August
  nicht  karg,  sondern  überließ  ihm  eine  bedeutende  Anzahl
von  Städten  und  Aemtern,  deren  jährkiches  Einbringen  auf
40,000  Gulden  geschätzt  werden  konnte.  Mit  seinem  Vetter
Johann  Friedrich,  der  daher,  daß  Moritz  sich  so  sichtlich
  von  dem  schmalkaldener  Bunde  zurückzog  und  demselben
  mit  einem  Male  jedem  Einfluß  abschnitt,  wohl  eine
Bitterkeit  gegen  ihn  gefaßt  haben  mochte,  blieb  er  nicht  lange
in  gutem  Vernehmen,  und  als  Fener,  wie  wir  schon  weiter
oben  gehoͤrt  haben,  wegen  verweigerter  Türkensteuer  die  unter
  beiderseitigem  Schutze  stehende  Stiftöstadt  Wurzen  mit
gewaffneter  Hand  einnahm,  zègerte  Moritz  keinen  Augenblick,
dem  Churfürsten  feindselig  entgegenzueilen,  so  daß  dieser
„Fladenkrieg“  wohl  ernsthafter  abgelaufen  wäre,  hätte  Philipp
  von  Hessen  nicht  noch  zu  rechter  Zeit  sich  zum  Vermittler
  aufgeworfen  und  eine  Versdhnung  bewerkstelligt.  Das

15  12
        <pb n="266" />
        230  Herzog  Meritz.

mochte  wohl  dem  Churfürsten,  wie  den  Schmalkaldenern  überhaupt
  schon  ein  wenig  die  Augen  über  Moritz  oͤffnen.  Noch
in  demselben  Jahre  schloß  sich  Moritz  mit  einigen  seiner  auserwählten
  Truppen  dem  Zuge  nach  Ungarn  an,  welcher  dieses
  Land  von  den  Türken  befreien  sollte.  Er  legte  hier  überzeugende
  Proben  seines  Muthes  und  seiner  Tapferkeit  ab,
doch  wäre  er  beinahe  ein  Opfer  derselben  geworden,  denn
bei  einem  Gefechte  mit  den  Türken,  wurde  er  von  einem
Hinterhalte  überfallen  und  umzingelt.  Sein  Pferd  stuͤrzte
mit  ihm,  und  schon  blitzten  die  krummen  Söbel  der  Feinde
über  seinem  Haupte,  als  ein  Edelknecht,  Sebastian  von  Reibisch,
  der  Einzige,  welcher  in  diesem  gefahrvollen  Augenblicke
ihm  zur  Seite  war,  sich  über  ihn  bin  warf  und  mit  seinem
Körper  die  Stiche  und  Hiebe  auffing,  welche  dem  Fürsten
galten.  Der  Wackere  ward  ein  Opfer  seiner  Treue,  hatte
aber  durch  seinen  edelmüthigen  Tod  den  Beglestern  des  Herzogs
  Zeit  gewonnen,  sich  durch  den  Türkenhaufen  hindurch
Bahn  bis  zu  ihrem  Herrn  zu  brechen  und  ihn  der  dringen-1513
  den  Lebensgefahr  glöcklich  zu  entreißen.  In  den  beiden  fol-U#
  genden  Jahren  zog  er  dem  Kaiser  mit  Hilfstruppen  gegen
Frankreich  zu.  Schon  von  da  an  mochte  zwischen  ihm  und
dem  Kaiser  sich  ein  gewisses  Einverständniß  bilden;  er  gewann
  durch  seine  Anhänglichkeit,  deren  Motive  anfangs  vielleicht
  selbst  der  schlaue  Carl  V.  nicht  ganz  durchschaute,  die
Gunst  des  Kaisers  und  befestigte  sich  darin  in  dem  Grade,
in  welchem  er  demselben  immer  unentbehrlicher  ward.  Man
darf  ihm,  der  mit  so  verschlossener,  endlich  alle  Rücksichten
verldugnender  Beharrlichkeit  seine  Plane  zu  verfolgen  pflegte,
und  an  Verwirklichung  von  Lieblingswünschen  Alles,  ja  selbst
seinen  Ruf  vor  der  Welt  setzte,  wohl  die  Aeußerung  zutrauen,
daß  er  eher  seinen  Vater,  als  den  Kaiser  verlassen  würde,
wie  wenig  er  auch  —  da  diese  Anhänglichkeit  bei  ihm  nur
auf  politischen,  nicht  auf  moralischen  Gründen  fußte  —  später
  von  diesem  Grundsatze  sich  leiten  ließ.  Die  weit  ausgreifenden
  Plane  für  die  Zukunft,  welche  in  dem  festverschlossenen
  Busen  des  unruhigen  fürstlichen  Jünglings  heimlich
gohren  und  sich  regten,  zogen  ihn  indessen  keinesweges  von
        <pb n="267" />
        Herzog  Moritz.  231

der  Gegenwart  und  von  der  Sorgsamkeit  fuͤr  das  innere
Wohl  seiner  Laͤnder  ab.  Namentlich  trieb  ihn  sein  kriegerischer
  Sinn,  vielleicht  im  Vorgefuͤhle  naher  Stuͤrme,  seine
Laͤnder  nach  aussen  zu  sichern,  und  da  es  darin  an  festen
Plaͤtzen  fehlte,  so  ließ  er  mehrere  Städte,  wie  Leipzig,  Dresden
  und  Pirna,  gut  befestigen.  Der  Reformation  und  der
vorschreitenden  sittlichen  Ausbildung  wußte  er  in  seinen  Ländern
  dadurch  bedeutenden  Vorschub  zu  leisten,  daß  er  außerordentlich
  viel  für  Vermehrung  und  Verbesserung  der  Schulen
that.  Ohne  durch  die  von  ihm  in  seinen  Landen  veranlaßte
  Einziehung  von  Kirchengütern  sich  selbst  zu  bereichern,
verwendete  er  die  daraus  geldsten  Summen  und  Einkünfte  zu
Gründung  dreier  Landesschulen  zu  Meißen,  Pforte  und  Merseburg,
  deren  letztere  später  (1550)  nach  Grimma  verlegt
wurde.  Diese  ruhmwürdigen  Stiftungen  geschahen  hauptsächlich
  auf  Veranlassung  der  beiden  herzoglichen  Räthe,  Ernst
von  Miltitz  und  Dr.  Georg  von  Kommerstadt.  Ebenfalls  aus
dem  Ertrage  der  Kirchengüter  wurden  der  Universität  Leipzig
bedeutende  Zuschüsse  ertheilt,  sie  erhielt  das  Paulinerkloster
mit  allen  Gebäuden  und  Bibliotheken,  nebst  den  sogenannten
  fünf  neuen  Dorfschaften,  2000  Gulden  wurden  als  fährlicher
  Beischuß  dem  Gehalte  der  Universitätslehrer  zugelegt,
eine  Anzahl  Stipendien  und  Freitische  für  unbemittelte  Studirende,
  wurden  veranstaltet,  und  selbst  in  dem  innern  Wesen
  der  Universitt,  namentlich  in  dem  Vortrage  der  theologischen
  und  philosophischen  Wissenschaften,  manche  nützliche
Verbesserung  getroffen  und  durch  herbeigerufene  neue,  den

Sinn  ihrer  Zeit  besser  erkennende  Lehrer  befestigt.  An  der-Spitze

  dieser  Universitctsreform  standen  Männer,  wie  Philipp
  Melanchthon  und  Joachim  Camerarius.  Wenn  auch
diese  nützlichen  Einrichtungen  nicht  unmittelbar  von  Moritz
—  dessen  Mangel  an  gelehrter  Bildung  ihn  zu  solchen  Dingen
  ungceignet  machte  —  ausgehen  konnten,  sondern  fremder
Ausführung  bedurften,  so  liegt  doch  schon  in  der  Bereitwilligkeit,
  mit  welcher  er  diese  Reformen  gestattete  und  die  Mittel
  dazu  hergab,  eine  Bürgschaft,  wie  sehr  er  Kunst  und
Wissenschaft  zu  schätzen  wußte  und  wie  ihm,  wenn  auch

1513
        <pb n="268" />
        232  —  u
die  lefere  Enscct,  doch  keinebwedes  chͤtiet  und  erbssiner
Sinn  abging:  8  S8  eines  seiner  Biographen,
  Geotg  Arnold's  (4  1588.):  Moritz  war  von  Liebe

für  gelehrte  Männe  5,  ,  abgleich  er,

Schrben,  keine  Kenntniß  in  den  Wissenschaften  besaß,  volle

Beistim  eriient.  Ein  issenso
1  ½  in  gelehete  E  Min

ie  debte  wischen  dem  Hethog  Heinrich  von

ergeblich  den
t  *f  0  !*  **rv  el
*n  auf  sich  gel  Seite  des  Letzteren,

Praunschweiger  in  die  diucht  und  detam  den  Herjog  selbs
*r**  st“utW’ß  'eizn.  handgrasen  übenga5.
ließ  ihr  ie

»-miallaldischen
  Vandes
  Zeit  behielt,  dem  unerhoͤrt  groden  Vrieswechsel  weitet
ochzusinnen,  den  er,  vor  Vedinn  der  ossenen  deindseigteiten
n  Friedrich  gefuͤhrt  und  der

Bunde  nur  einen  n,  des  beseelenden  Willens  erman
Zinden  K#rder  erblcie/  der  noch  eines  lebten  Siaßes  war
        <pb n="269" />
        Herzog  Moritz.  233

tete,  um  vollends  aus  einander  zu  fallen.  Freilich  galt  es
ein  mehr  noch  gewaltsames,  als  kuͤhnes  Spiel.  Moritz  mußte
die  heiligsten  Bande,  welche  Verwandtschaft,  Glaubensverbindung
  und  Freundesvertrauen  um  ihn  schlangen,  zerreißen  und
abschwoͤren,  mußte  den  Freund  und  Blutsverwandten  Johann
  Friedrich,  der  ihm  seine  Laͤnder  zum  Schutz  anempfohlen
  hattte,  taͤuschen  und  verrathen,  den  Vater  seines  Weibes
aufopfern  und  seinen  Ruf,  sein  Gewissen  vor  der  ganzen  Welt
in  die  Schanze  schlagen;  denn  sein  Verrath  an  Johann  Friedrich,
  dem  er  seine  Lande  zu  schuͤtzen  versprochen,  empoͤrte
selbst  des  Letztern  Feinde.  Kurz,  es  mußten  in  jenen  Augenblicken
  alle  Güter  der  Ehre  und  des  Gewissens  in  die
Schanze  geschlagen  werden,  um  das  Eine  zu  gewinnen,  wonach
  Moritz's  unbezwinglicher  Ehrgeiz  und  seine  Herrschbegierde
  lechzten.  Als  hätte  ihm  ein  goldner,  wunderbarer
Traum  dieses  Ziel  gewiesen  und  ihm  zu  eigen  gegeben,  so
jagte  er,  erbarmungslos  über  Liebe,  Pflicht  und  Freundschaft
wegsetzend,  dem  schoönen  Bilde  nach,  welches  für  ihn,  den
Ueberkräftigen,  mehr  als  eine  bloße  Wolke  war.  Er  wurde
der  Vollstrecker  der  kaiserlichen  Acht  an  Johann  Friedrich,
fiel,  während  derselbe  mit  den  schmalkaldischen  Verbündeten
an  der  Donau  stand,  plöôtzlich  in  dessen  Länder  ein  und  bemeisterte
  sich  deren  beinahe  insgesammt  in  wenigen  Tagen,
ward  aber  von  dem,  von  der  Donau  zurückeilenden  Churfärsten
  derselben  eben  so  schnell  wieder  beraubt  und  in  seinem
cignen  Lande  hart  bedrängt,  bis  ihn  der  zu  Hilfe  herbeieilende
  Kaiser  durch  den  Sieg  bei  Mühlberg  aus  der  bedrohlichen
  Lage  riß,  wie  wir  dies  schon  in  Johann  Friedrich's
Leben  ersahen.  Moritz  selbst  hätte  diesen  für  ihn  so  hochbelohnenden
  Sieg  beinahe  nicht  erlebt;  er  wagte  sich  in  der
Möhlberger  Schlacht  zu  weit  vor  und  kam  dabei  einem  seindlichen
  Reiter  so  nahe,  daß  derselbe,  scharf  auf  ihn  anlegend,
ihn  erschossen  haben  würde,  hätte  ihm  nicht  zufällig  das  Gewehr
  versagt.  Die  Folge  dieses  vernichtenden  Sieges,  die
Wittenberger  Capitulation,  in  welche  der  hart  verrathene
Churfürst  willigen  mußte,  brachte  für  Moritz  die  heißersehnte,
mit  schweren  Opfern  des  Gewissens  erkaufte  Frucht,  das

1517
        <pb n="270" />
        234  Moritz  erlangt  die  Churwuͤrde.

Churthum  und,  ausser  dem  Churkreise,  einen  bedeutenden  Theil
der  Ernestinischen  Laͤnder.  Die  feierliche  Belehnung  erhielt

1548  er  am  24.  Februar  1548  auf  dem  Reichstage  zu  Augsburg
und  mit  ihr  war  fuͤr  ihn  der  hochste  Gipfel  weltlicher  Macht
errungen,  den  selbst  seine  kühnsten  Träume  nicht  überfliegen
konnten.

Der  Versuch  ist  oft,  aber  immer  gleich  vergeblich  gemacht
worden,  Moritz's  damalige  Handlungsweise,  namentlich  sein
Verfahren  gegen  Johann  Friedrich,  dem  er  Schutz  zugesagt
und,  statt  dessen,  ihn  störzen  half,  um  sich  in  Besiß  seiner
Länder  zu  bringen,  rechtfertigen  und  ihr  die  häßliche  Farbe
des  Verrathes  und  des  Treubruches  nehmen  zu  wollen.  In
der  That  giebt  es,  vom  moralischen  Standpuncte  aus  betrachtet,
  keine  Entschuldigung  für  Moritz;  wohl  aber  verdient
sein  Benehmen  als  ein  politischer  Universalstreich  eine  Anerkennung,
  insofern  man  dabei  das  Ziel  über  dem  Wege,  auf
welchem  es  erlangt  wurde,  vergessen  darf.  Moritz  föhnte
die  strenge  Weltgeschichte  durch  spaͤteres  ruhmwürdiaes  Handeln
  mit  seinem  frühern  Unrechte  aus.  Er  hatte  Alles  daran
gesetzt,  um  eine  Stufe  im  Leben  zu  erringen,  und  betrachtete
  dieselbe,  als  sie  erklommen  war,  wie  ein  Heiligthum,
das  zwar  mit  List  und  Gewalt  hatte  erobert  werden  müössen,
das  er  aber  nunmehr  durch  Würde  und  Tugend  behaupten
wollte.  Er  hatte  gleichsam  eine  ungehcure  Lüge  unternehmen
  müssen,  ehe  er  wahr  seyn  durfte,  er  hatte  sich  die  Tugend
  durch  ein  Perbrechen  erkämnft.  Wohl  mochte  er  es
dem  Wesen  des  Schmalkaldischen  Bundes  angesehen  haben,
daß  derselbe  nicht  geeignet  sey,  die  Glaubenslehre,  deren  Vertheidigung
  sein  Zweck  hieß,  wirklich  zu  schuͤtzen.  Er  hielt
sich  selbst  besser  für  den  Mann,  der  diesen  Glauben  vertheidigen
  könne;  allein  so  lange  er  den  schmalkaldischen  Bund
bestehen  sah,  war  sein  Wirken  ein  gehemmtes  und  ge#theiltes.
  Allein  wollte  er  stehen,  allein  der  Retter  seyn  und
Hheißen,  und  so  schmetterte  er  in  seinem  kühnen  ungestüme
lieber  den  eignen  Bundesgenossen  nieder,  als  daß  er  einen
nur  lästigen,  Nichts  fruchtenden  Beistand  von  ihm  angenemmen
  hätte.  Seine  Handlung  ist  so  eigenthümlich,  sie  ist  so
        <pb n="271" />
        <pb n="272" />
        <pb n="273" />
        Moritz  erlangt  die  Churwürde.  235

verdammenswerth  und  großartig  zugleich,  daß  es  eben  so
schwer  ist,  sie  zu  verwerfen  als  sie  zu  rühmen.  Jeden  Andern
  als  einen  Moritz,  würde  eine  Hinterlist,  wie  er  sie  gegen
  den  bedauernswürdigen  Johann  Friedrich  übte,  zum
Heuchler  gemacht  haben;  aber  Moritz  fündigte  im  Dienste
einer  so  großen  und  gerechten  Sache,  sein  Betrug  geschah  so
zu  Gunsten  der  Vernunft  und  Wahrheit,  daß  selbst  der
strengste  historische  Beurtheiler  ansteht,  den  Stab  über  seinen
  Verrath  zu  brechen.  Moritz's  Leben  gleicht  dem  Erdflusse.
  Unterirdisch,  in  trüben,  vereinzelten  Quellen  anfangs
fortrieselnd,  vielfach  aufgehalten,  muß  er  auch  vielfache  Umwege
  nehmen,  um  seinen  scheuen  Pfad  zu  verfolgen.  Aber
einmal  seine  Mündung  gewinnend,  verschmäht  er  fortan
jedes  Dunkel  und  Hehl,  jeden  Umweg,  und  steigt  mächtig
zum  Tage  herauf,  den  er,  ein  schdnes  Bild  der  Kraft  und
Reinheit,  von  da  an  nie  wieder  verläßt.  Moritz's  Charakter
  ist  im  Beginne  ein  Labyrinth,  das  sich  aber  zuletzt  in
Einklang,  Wahrheit  und  Harmonie  endigt.  Nachdem  er  sich,
wie  er  anfangs  mußte,  den  Umständen  gefügt  und  eben  durch
Beugsamkeit  Herr  derselben  geworden  war,  gehbrte  er  sich
selbst  an,  und  sich  war  er  treuer,  als  vorher  den  Umständen.
Er  hätte,  wie  sein  richtiger  Blick  dies  wohl  ersah,  niche
gleich  anfangs  als  Beschüter  der  protestantischen  Sache  auftreten
  können,  er  mußte  sich  vielmehr  selbst  erst  zum  Beschüter
herankämpfen,  und  dazu  bot  ihm  gerade  derjenige  unbewußt
die  Hand,  gegen  dessen  Tyrannei  er  später  als  Verfechter
und  Rächer  der  evangelischen  Freiheit  auftrat.  So  mußte
er,  um  später  den  Glauben  retten  zu  können,  beinahe  nothgedrungen
  erst  dessen  matte  Stütze  —  den  schmalkaldischen
Bund  —  zertrümmern,  die  nur  hindern  aber  nicht  mehr  helsen
  konnte.  Ein,  besonders  wegen  seiner  Kürze  beinahe  bis
zur  Ueberfülle  reiches  Leben,  welches  von  so  vielfachen,
scheinbar  sich  widersprechenden  und  doch  endlich  ssch  in  einer
geheimnißvollen  Uebereinstimmung  begegnenden  Motiven
durchkreuzt  ist,  bleibt  srines  dußerlichen  schnellen  Abbrechens
wegen,  obschon  ihm  deshalb  doch  der  innere  Abschluß  nicht
fehlt,  für  den  Historiker  eine  schwere  Aufgabe,  und  er  hat
        <pb n="274" />
        236  Moritz  und  die  Reformation.

mit  seinem  eigenen  Gemuͤthe  Noth',  um  sich  von  Moritz's
anfaͤnglichem  Verfahren  nicht  zu  tief  empoͤren  und  von  dessen
  spaͤterem  Ruhme  nicht  zu  uͤberspannter  Vorliebe  hinrei—
ßen  zu  lassen,  und  sich  selbst  vor  einem  Schwanken  zwischen
Abneigung  und  Begeisterung  zu  bewahren.

Der  Kaiser,  den,  neben  politischen  Ruͤcksichten,  wirklich
auch  eine  gewisse  persönliche  Zuneigung  an  Moritz  gefesselt
zu  haben  scheint,  haͤtte  eigentlich  sehr  schnell  Ursache  gehabt,
an  Moritz's  unbedingter  Anhaͤnglichkeit  irre  zu  werden  und
einzusehen,  daß  dieser  da,  wo  er  sich  selbststaͤndig  fuͤhlte,
auch  gern  seine  eigenen  Wege  gehe.  Denn  auf  dem  naͤm—
lichen  Reichstage  zu  Augsburg,  auf  welchem  Moritz  die  Belehnung
  vom  Kaiser  erhalten  hatte,  weigerte  er  sich,  das  Interim,
  welches  der  Kaiser  den  deutschen  Fürsten  und  Ständen
  sehr  angelegentlich  aufzudringen  suchte,  unbedingt  anzuerkennen.
  Zwar  war  er  noch  zu  vorsichtig,  um  es  ohne
Weiteres  abzulehnen,  allein  er  speiste  den  ungeduldigen  Kai—
ser  mit  einer  ausweichenden  Antwort  ab;  indem  er  vorschützte:
daß  er  in  einer  Glaubenssache  dieser  Art  nicht  aus  eigner
Kenntniß  eine  Erklärung  zu  geben  sich  getraue,  sondern  sich
erst  mit  seinen  Theologen  und  Ständen  darüber  berathen
müsse.  Um  jedes  weitern  unangenehmen  Drängens  und
Zuredens  von  Seiten  des  Kaisers  recht  schnell  überhoben  zu
seyn,  reiste  er,  kurz  nach  Publscirung  dieses  vielverspotteten
Interims,  plotzlich  ab.  Leicht  hätte  er  durch  dieses  Benehmen
  zu  frühzeitig  den  Verdacht  des  Kaisers  wecken  können;
daher  galt  es  vor  der  Hand  sich  noch  einigermaßen  etwas
geschmeidig  und  nachgsebig  finden  zu  lassen.  Er  ging,  sobald
er  wieder  daheim  war,  mit  seinen  Theologen  sogleich  an  die
Arbeit  und  wendete  das  Interim  von  allen  Seiten  herum,
um  wenigstens  einiges  Anwendbare  herauszufinden.  Mit
Hilfe  des  friedliebenden  Melanchthon,  der  lieber  von  seiner
eigenen  Ueberzeugung  etwas  nachgab,  als  daß  er  es  zu  Unscieden
  kommen  ließ,  brachten  sie  auch  wirklich  das  sogenannte
  Leipziger  Interim  zu  Stande,  welches  zwar  in  mehreren
  Puncten  sich  dem  kaiserlichen  nicht  anschloß,  aber  doch
von  den  eifrigen  Evangelischen,  besonders  von  den  niedersäch-
        <pb n="275" />
        Moritz  und  die  Reformation.  237

sischen  und  thuͤringischen  Gottesgelehrten  fuͤr  gewissenswidrig
nachgebend  befunden  und,  nebst  seinem  Schoͤpfer,  in  hestigen
  Streitschriften  auf  das  Bitterste  geschmaͤht  wurde.  Der
Unwille,  den  sein  Leipziger  Interim  in  der  protestantischen
Welt  erregte,  kam  dem  klugen  Moritz  vielleicht  nicht  unerwünscht;
  denn  um  so  eher  konnte  er  den  Kaiser  überzeugen,
wie  viel  er  durch  unbedingte  Annahme  des  Interims  gewagt
haben  würde  und  wie  ihm  schon  durch  eine  gemilderte  Anwendung
  desselben  Hader  und  Feindschaft  erwachse.  Hatte
Luther  noch  gelebt,  so  würde  dessen  Einfluß  auf  Moritz's
Thcologen,  namentlich  auf  Melanchthon,  es  nie  auch  nur  zu
einem  Leipziger  Interim  haben  kommen  lassen,  oder  die  Angriffe
  gegen  dasselbe  würden  noch  bei  weitem  heftiger  ausgefallen
  seyn,  als  sie  schon  ohnedies  waren.  Fast  traten  die
Katholiken  —  auf  deren  Seite  sich  doch  eigentlich  das  Interim
  neigte,  indem  es,  bei  der  unsicher  gewordenen  Bahn,
gleichsam  nur  eine  Interimöbrücke  abgab,  um  unterdessen
die  von  Partelungen  aufgerissene  alte,  romische  Kirchenstraße
wieder  festzustampfen  und  gangbar  zu  pflastern  —  entschiedener
  gegen  dieses  Interim  auf,  als  Moritz  und  seine  Theologen,
  und  der  Protestantismus  schien  beinahe  subtil  katholisch
werden  zu  wollen.  Aber  er  schien  es  auch  nur.

Trotz  dieses  Widerstandes,  den  er  von  zwei  Seiten  fand,
arbeitete  der  Kaiser  doch  mit  mühsamer  Beharrlichkeit  an
seinem  Interim  fort,  welches  ihm  formlich  zur  fixen  Idee  geworden
  war.  Man  begreift,  wenn  man  den  Gegenstand
näher  betrachtet,  wirklich  nicht,  wie  des  Kaisers  gesunder
Sinn  das  Interim,  dieses  theologische  Wischiwaschi,  aus
verkühltem  Katholicismus  und  den  Hefen  des  Evangelismus
zusammengesetzt,  mit  so  heißer  Gier  zu  Credit  bringen  wollte
und  für  seine  eigene  Person  Geschmack  daran  finden  konnte.  Wäre
mehr  politischer  Scharfsinn  in  Deutschland  vorhanden  gewesen,
  so  hátte  das  Interim,  welches  der  Kaiser  als  Keil
zwischen  die  beiden  Glaubensparteien  trieb,  dieselben  zu  einer
gewissen  Einigung  bringen  sollen.  Denn  beiden  Theilen  war
das  Interim  gleich  sehr  zuwider,  und  sie  konnten  wohl  einsehen,
wie  der  Kaiser  durch  dasselbe  sich  eine  kirchliche  Entschei-
        <pb n="276" />
        238  Moritz  und  die  Reformation.

dung  aneignen  und  zwischen  Katholiken  und  Protestanten
einen  neuen  Zankapfel  werfen  wollte,  über  den  beide  Theile
in  Aerger  gerathen  und,  ohne  an  den  Urheber  zu  denken,
dabei  einen  neuen  Sturm  gegen  die  herrschenden  Verhältnisse
unternehmen  moͤchten.  Leider  hatte  er  sich  in  seiner  Rechnung
  auf  den  deutschen  Charaktet  nicht  geirrt:  beide  Parteien
waren  nur  in  ihrem  Aerger  mit  einander  einverstanden,
sonst  aber  blieben  sie  getrennte  Leute,  ja  dieses  Interim,  in
welchem  jeder  Theil  den  Andern,  trotz  dessen  cigenen  Widerstrebens,
  doch  noch  gegen  sich  bevorzugt  glaubte,  diente  nur
die  Spaltung  zu  mehren.  Die  richtigste  Ansicht  über  die
Sache  hatten  vielleicht  die  Gassenbuben  zu  Magdeburg  —
eine  Stadt,  welche,  als  Mitglied  des  schmalkaldischen  Bundes,
  sich  am  lautesten  und  entschiedensten  gegen  das  Interim
  aussprach  —  in  einem  Liede,  welches  sie  frank  und
frei  in  den  Straßen  trällerten:

„„Glückselig  ist  der  Mann,

Der  Gott  vertrauen  kann,

Und  hütet  sich  vorm  Interim,

Denn  's  hat  'n  Schalk  hinter  ihm.“

Dafür  faßte  auch  der  Kaiser  einen  heftigen  Zorn  gegen

die  Stadt,  den  er  gar  bald  an  ihr  auszulassen  Anstalt  machte.
Er,  der  nicht  die  Kirche  in  sich,  sondern  sich  in  der  Kirche
befestigen  und  zum  Theil  durch  sie  herrschen  wollte,  dachte
gar  bald  darauf,  seinem  Interim,  dem  man,  so  lange  es
friedlich  anklopfte,  beinahe  allenthalben  Hof  und  Thüre  verschloß,
  mit  Gewalt  der  Waffen  Eingang  zu  bahnen.  Er
verband  damit  den  Lieblingsplan,  mit  Umgehung  seincs  Bruders
  Ferdinand,  die  Nachfolge  auf  dem  deutschen  Throne  auf
seinen  Sohn  Philipp  zu  übertragen  und  Deut'hland  und
Spanien  unter  Einem  Scepter,  auch  möglichst  zu  Einem
Reiche  zu  vereinigen.  Dies  hieß  freilich  die  deutsche  Freiheit
auf  das  Engste  mit  spanischem  Servilismus  amalgamiren,
und  der  Reformation  wäre  mit  dem  neuen  Krönungsgeläute
wohl  die  Todtenglocke  gezogen  worden.  Carl  V.  war  durch
sein  lehtes  Glück  so  launisch  und  übermüthig  gemacht,  daß
er  sich  gar  nicht  sehr  angelegen  seyn  ließ,  seine  Plänc  zu
        <pb n="277" />
        Moritz  und  die  Reformation.  239

verheimlichen,  und  Deutschland  erschreckt  in  seine  Entwuͤrfe
blicken  durfte.  Die  Zeit,  wo  die  Siege,  welche  Moritz,  gegen
  Pflicht  und  Gewissensruͤcksichten  den  Kaiser  hatte  erkaͤmpfen
  helfen,  Deutschlands  Freiheit  binnen  kurzem  für
immer  zu  untergraben  drohten,  scheint  denselben  mit  lebhafter
  inneren  Unruhe  erfüllt  zu  haben.  Gegen  ihn  kehrte
sich  die  große  Anklage  Deutschlands,  er  hatte  die  Freunde
seines  Glaubens  aufgegeben  und  gestürzt  und  dem  herrschund
  ränkesächtigen  Kaiser  dadurch  zu  einer  Gewalt  verholfen,
  die  demselben  nunmehr  Alles,  auch  das  Schlimmsste  zu
unternehmen  gestattete.  Die  schlimme  Frucht,  welche  hauptsöchlich
  er  genährt  hatte,  drohte  ihn  selbst,  seinen  Glauben
und  seine  Länder  mit  Unheil  zu  erfüllen.  Mit  qucklendem
Selbstvorwurse  sah  er  der  nächsten  Zukunft  entgegen  und
erschrak  vor  dem  Abgrunde,  den  er  selbst  gedffnet  hatte  und
der  nun  auch  ihn  mit  zu  verschlingen  drohte.  Ueberdies
hatte  der  Kaiser  ihn  getäuscht,  indem  er  Moritz's  Schwiegervater,
  den  Landgrafen  Philipp  von  Hessen,  für  dessen
Freiheit  er  sich  verbürgt,  seinem  Versprechen  zuwider  noch
immer  gefangen  hielt  und  sogar,  nachdem  derselbe  einen  Versuch
  zur  Flucht  unternommen,  in  noch  strengerer  Haft  hielt.
Philipps  Sohne  gedachten  sich  nunmehr  ernsthafter  an  Moritz,
  der,  als  der  Landgraf  sich  dem  Kaiser  ergab,  ihm,  vom
Bischof  von  Arras  getauscht,  seine  Freiheit  zugesichert  hatte,
zu  halten  und  forderten  ihn  deshalb  durch  offentlichen  Anschlag
an  den  Dresdner  Kirchthüren  zum  Einlager  auf.  Dieser
Umstand  und  das  Schicksal  seines  Schwiegervaters  mochten
enddlich  entschiedener  noch,  als  die  Sache  des  gesammten
Deutschlands,  Moritz  zu  einem  Entschlusse  bringen.  Durch
List  wollte  er  wieder  gut  machen,  was  er  einst  durch  List
übel  gemacht  hatte,  und  gewiß  war  sie  diesmal  an  ihrem
Orte,  denn,  einem  Carl  V.  gegenüber,  wäre  offene  Gewalt,
ohne  gehdrige  Vorbereitung,  Wahnsinn  gewesen.  Der  schlaue
Carl  wurde  endlich  in  seinen  eignen  Netzen  gefangen  und  der
Nimbus  der  Unfehlbarkeit,  wie  der  Unbessegbarkeit,  welcher
seit  lange  sein  Haupt  umleuchtet  hatte,  sollte  mit  überra-
        <pb n="278" />
        240  Moritz  und  die  Reformation.

schender  Eile  von  ihm  abfallen  und  fortan  fuͤr  immer  ihm
untreu  werden.

1550  Der  Kaiser  hatte  auf  den  4.  Juni  1550  einen  zweiten
Reichötag  nach  Augsburg  ausgeschrieben,  mit  dem  ausdrücklichen
  Verlangen,  daß  sich  die  Fürsten  und  Stände,  mit
Ausnahme  derer,  welche  durch  Krankheit  abgehalten,  in  Person
  einfinden  mochten.  Demohngeachtet  beschickte,  zu  seinem
  großen  Mißvergnügen,  ein  großer  Theil  derselben  diesen
Reichstag  durch  Abgeordnete.  Er  wöünschte  besonders  zu  ermittelh,
  inwiesern  das  Concilium  in  Trident  weiter  zu  betreiben,
  dem  Interim  nachzukommen,  die  Widerseßlichen  zu
züchtigen  und  alles,  die  Geistlichkeit  und  geistliche  Güter  Betreffende
  wieder  in  den  vorigen  Stand  zu  versetzen  sey?  Die
Puncte  wegen  des  Concils  und  des  Interim's  erregten,  wie
so  oft  schon,  auch  diesmal  lebhafte  Differenzen.  Die  Protestanten
  bezogen  sich  wiederum  auf  ihre  Erklärungen,  die
sie  bereits  auf  frühern  Reichstagen  in  diesem  Betreff  von  sich
gegeben  hatten.  Besonders  bestand  man,  im  Fall  es  zu
einem  Concil  käme,  darauf,  daß  der  Pabst  nicht  als  Richter
in  einer  ihn  selbst  betreffenden  Angelegenhest,  sondern  ebenfalls
  nur  als  Partei  erscheine,  und  die  evangelische  Geistlichkeit
  eben  so  gut  ihre  Stimme  habe,  als  die  katholische.
Weniger  entgegen  konnte  man  dem  Kaiser  wegen  Bestrafung
der  Widersetzlichen  seyn,  und  so  wurde  denn  beschlossen,  an
der  Schmalkaldischen  Bundesstadt  Magdeburg,  welche  durch
kecke  Beharrlichkeit  den  Zorn  des  Kaisers  am  meisten  auf
sich  geladen  hatte,  die  Acht  zu  vollziehen.  Morit  hatte  sich
mit  seiner  Meinung  über  das  Concil  dem  Kaiser  ziemlich
nachgiebig  gezeigt,  und  auch  sonst  sich  dessen  Gunst  zu  erhalten
  gewußt,  so  daß  derselbe  ihm,  wie  er  gewünscht,  die  Vollziehung
  der  Acht  gegen  Magdeburg  auftrug  und  ihn  zu  diesem
Zweck  hinreichend  mit  Geld  und  Truppen  versah,  deren  Moritz
  zu  seinem  vorhabenden  kühnen  Unternehmen  bedurfte,  da  seine
Stände  ihm  eine  solche  Unterstützung  vorenthlelten.  Im  November
1550  fing  er  an  Magdeburg  zu  belagern,  betrieb  jedoch  die
Belagerung  mit  so  vieler  Saumseligkeit,  daß  die  Städter
sich  Glück  wünschen  mochten,  einen  so  gelinden  Feind  bekom-
        <pb n="279" />
        Moritz  und  die  Reformation.  241

men  zu  haben.  Moritz  gedachte  auch  weder  sehr  rasch  noch
sehr  streng  gegen  die  Stadt  zu  verfahren,  sondern  sich  die—
selbe  fuͤr  dringende  Faͤlle  zu  einem  festen  Standorte  aufzubewahren.
  Er  benutzte  die  Zeit,  um  insgeheim  ein  enges
Buͤndniß  mit  seinem  Schwager,  Wilhelm  von  Hessen,  dem
Sohne  des  gefangenen  Landgrafen,  und  mit  dem  Markgraf
Albrecht  von  Brandenburg  =  Culmbach  einzugehen.  Ja  man
war  kühn  genug,  den  alten  Nebenbuhler  des  Kaisers,  Frankreich,
  über  welches  damals  Heinrich  II.  herrschte,  zu  diesem
Bunde  zu  ziehen,  und  damit  aus  dieser  Vereinigung  mit  dem
Ausländer  gegen  den  deutschen  Kaiser  keine  Gefahr  für
Deutschland  selbst  erwüchse,  hatte  Moritz  dem  König  von
Frankreich,  für  seine  Beihülfe  und  seinen  Schutz,  ausdrücklich
  nur  die  Besitznahme  jener  Städte  zugestanden,  welche
nicht  deutscher  Zunge  wären.  Damit  waren  die  Städte,
Metz,  Toul,  Cambray  und  Verdun  gemeint.  Ausserdem
machte  man  dem  Kbnige  sogar  Hoffnung  auf  die  deutsche
Kaiserwürde,  woran  derselbe  um  so  leichter  glaubte,  da  dieselbe
  schon  das  lockende  Siel  mehrerer  französischen  Könige
gewesen  war.  Während  Moritz  so  im  Stillen  wirkte  und
unermüdlich  Kräfte  für  seinen  Plan  sammelte,  den  er  selbst
dem  Verdachte  gegenüber,  dennoch  mit  vieler  Schlauheit  zu
verbergen  wußte,  war  Magdeburg  mehr  durch  geheime  Verhandlungen,
  als  durch  ausseren  Belagerungszwang  so  weit
gebracht  worden,  daß  man  es,  jenachdem  Moritz  dies  für
nöthig  erachtet  hätte,  zu  jeder  Stunde  zur  Uebergabe  bringen
  konnte.  Dies  mußte  denn  auch,  um  den  schon  wachsenden
  Verdacht  nicht  zu  zeitig  zu  rechtfertigen,  endlich  geschehen,
  und  so  capitulirte  nach  einer  einjaährigen  Belagerung,
im  Novbr.  1551  Magdeburg  auf  ausserordentlich  leichte  Be=  1z51
dingungen,  welche  Moritz  der  Stadt  zugestand.  Er  bewilligte
  ihr  alle  frühere  Vorrechte,  gestattete  ihr  sogar,  ihre
Festungswerke  beizubehalten,  die  er  sich  —  obschon  der  Kaiser
  sie  zerstoͤrt  wissen  wollte  —  heimlich  zu  einem  Waffenplatze
ausersehen  hatte  und  ließ  sich  in  seinem  und  des  Kaisers
Namen  huldigen.  Der  Kaiser  hatte  an  dieser  gelinden  Capitulation

  wenig  Freude  und  gab  dies  Moritz  zu  verstehen.
VI.  Heft.  16
        <pb n="280" />
        1552

242  Moritz  und  die  Refermation.

Aber  dieser  schützte  einige  Gründe  vor,  und  die  Sache  beruhte
  auf  sich.  Zum  Gläck  hatte  der  Kaiser  zu  wenig  Achtung
  für  die  deutsche  Klugheit,  und  war  daher  derjenige,  welcher
  in  seinem  Verdachte  am  langsamsten  sich  zeigte.  Mit
der  Beschickung  des  tridentischen  Concils  wußte  ihn  Moritz
auch  schlau  hinzuhalten  und  durch  Umständlichkeiten,  die  sonst
nicht  Moritz's  Sache  waren,  und  gesuchte  Hindernisse  die
Sache  hinauszuschieben.  Der  entscheidende  Schlag  aber
näherte  sich  immer  mehr.  Moritz  betrieb,  unverlockt  von  seinem
  sugendlichen  Feuergeiste,  sein  Vorhaben  mit  so  vieler
Ruhe  und  Besonnenheit  und  wußte  sebr  richtig  den  günstigen
  Moment  weder  zu  Uberellen,  noch  zu  verzögern,  daß  sowohl
  Vorbereitung  als  Ausführung  ihm  zum  wahren  Ruhme
gereichen.  Seine  Stände  zagten  vor  einem  Schritte  gegen
den  Kaiser  und  suchten  daher  Moritz  auf  alle  Weise  davon
abzureden;  er  sah  sich  aus  diesem  Grunde  genêthigt,  auch
sie  im  Dunkeln  über  seine  wirklichen  Absichten  zu  lassen  und
erkldrte  ihnen  im  März  1552  zu  Torgau,  daß  er  sich,  seinem
Versprechen  getreu,  für  den  gefangenen  Philipp  von  Hessen
zum  Einlager  stellen  müsse.  Noch  im  nämlichen  Monate  brach
er  mit  seinen  Truppen  —  die  er,  nach  der  Uebergabe  Magdeburgs,
  wohlweislich  nicht  wieder  entlassen  hatte  —  von  Thäringen
  auf,  zog  die  hessischen  und  Brandenburgisch  =  Culmbachischen
Truppen  an  sich,  und  so  ging  es,  nachdem  die  Verbündeten,
wie  das  Manifest  sagte,  einmal  Herz  und  Mannheit  geschbpfet,“
  in  Eilmärschen  vorwärts,  um  „im  Namen  Gottes  und
mit  Heereskraft  und  gewaltiger  Hand  die  Erledigung  des
Landgrafen  und  des  gefangenen  Herzogs  Johann  Friedrich
zu  suchen,  das  beschwerliche  Joch  des  vorgestellten  viehischen
Servituts  und  ODienstbarkeit  von  sich  zu  werfen,  und  die
alte  löbliche  Freiheit  ihres  geliebten  Vaterlandes  der  deutschen
  Nation  acerrime  zu  vindiciren  und  zu  errekten.“  Zu
Ende  des  Monats  hatten  sie  mit  ihrem  über  30,000  Mann
starken  Heere  Augsburg  erreicht,  welches  capitulirte.  Zu
gleicher  Zeit  rückte  der  König  Heinrich  nach  Lothringen  vor,
und  versicherte  sich  der  befestigten  Städte.  Der  Kaiser  hatte
sich,  um  dem  Tridentischen  Concil  ndher  zu  seyn,  von  Augs-
        <pb n="281" />
        Moritz  und  die  Reformation.  243

burg  nach  Innsbruck  begeben  und  sich  dort  von  allen  Truppen
entblößt,  von  welchen  er  sich  sonst  gern  auf  die  Reichstage
begleiten  ließ.  Wäre  Moritz  nicht  durch  die  Meuterei  eines
seiner  Regimenter  aufgehalten  worden,  so  wäre  der  Kaiser
in  seine  Hände  gefallen.  Mit  genauer  Noth  gelang  es  Letzterem,
  der  eben  stark  am  Podragra  litt  und  daher  kein  Pferd
besteigen  konnte,  in  einer  Sänfte  zu  entfliehen  und  nach
Villach  in  Kärnthen  zu  eilen.  Johann  Friedrich,  wie  leicht
es  ihm  bei  dieser  Verwirrung  auch  geworden  wäre,  aus  seiner
  Haft  zu  entkommen,  verschmähte  dennoch  mit  edlem
Stolze,  von  dieser  Gelegenheit  Gebrauch  zu  machen  und
folgte  dem  Kaiser  treulich  auf  seiner  Flucht.  Haͤtte  Morit
den  fliehenden  Kaiser  hartnäckig  verfolgen  wollen,  so  würde
er  denselben  doch  noch  eingeholt  haben;  aber  die  alte  Regel:
dem  fliehenden  Feind  eine  goldne  Brücke  zu  bauen,  hielt  ihn
ab,  denselben  gefangen  zu  nehmen.  Moritz  hätte  befürchten
müssen,  durch  Gefangennehmung  des  Kaisers  selbst  dessen
Gegner  zu  reizen  und  ihm  Helfer  zu  erwecken,  die  den  Kaiser
  zwar  gern  in  der  Bedrängniß,  aber  dennoch  nicht  in  der
Haft  erblicken  wollten;  auch  trug  er  vielleicht  eine  gewisse
Scheu,  den  Kaiser,  dem  er  doch  ohnstreitig  seine  Macht  verdankte,
  auf  das  Aeußerste  zu  treiben,  und  er  hätte  vielleicht
kaum  den  Muth  gehabt,  seinem  Gefangenen  unter  die  Augen
  zu  treten.  Noch  ehe  Moritz  auf  Innsbruck  losging,  hatte
der  Kaiser  ihm  durch  seinen  Bruder  Ferdinand  gütliche  Vorschlaͤge
  machen  lassen,  die  jedoch  nichts  bezweckten,  als  den
jungen  Sieger  aufzuhalten  und  dem  Kaiser  Zeit  zu  gewinnen.
Moritz  merkte  dies  und,  ohne  die  ihm  gethanen  Versprechungen
  geradezu  abzulehnen,  ließ  er  sich  dennoch  nicht  aufbalten.
  In  Innsbruck  gestattete  er  sogar  seinen  Soloaten,  das
Eigenthum  des  Kaisers  und  der  spanischen  Truppen  zu  plündern,
  dagegen  mußten  sie  das  des  Konigs  Ferdinand  und
der  Einwohner  unangetastet  lassen.

Sieggekront  eilte  Moricz  nach  Passau,  wo  sich  nebst  dem
Kdnig  Ferdinand,  die  Gesandten  der  Churfürsten  und  vieler
andern  regierenden  Herren  eingefunden  hatten.  Hier  fährte
er  eine,  an  ihm,  dem  stets  Zurückhaltenden,  ungewohnte

16  *
        <pb n="282" />
        244  Moritz  und  die  Reformation.

kühne  Sprache,  welche  des  Kaisers  bedrohliche  Absichten  gegen
  die  Freiheit  und  Selbstständigkeit  Deutschlands  deutlich
genug  rägte.  Den  hohlen  Drohungen,  welche  der  Kaiser
durch  seine  Abgeordneten  laut  werden  ließ,  sah  man  es  an,
wie  wenig  es  ihm,  in  seiner  damaligen  Verlegenheit,  damit
Ernst  war.  Beide  Theile  mußten  endlich  froh  seyn,  daß  es
zwischen  ihnen  zu  einem  Vergleiche  kam,  denn  auch  Moritz
würde,  besonders  da  Frankreich  —  in  der  richtigen  Ahnung,
daß  die  von  den  deutschen  Verbündeten  ihm  zugesscherten
Vortheile  sich  schwerlich  verwirklichen  möchten  —  seine  Truppen
  zurückzog,  seine  kühne,  angreifende  Stellung  für  die
Dauer  nicht  haben  behaupten  können.  Es  kam  demnach  der
Passauer  Vertrag  zu  Stande,  der  am  2.  August  1552
unterzeichnet  wurde  und  welcher  bestimmte,  daß  der  Landgraf
  Philipp  in  Freiheit  gesetzt,  in  Hinsicht  der  kirchlichen
Angelegenheiten  aber  binnen  sechs  Monaten  ein  Reichstag  gehalten
  werden  sollte,  der  Alles  friedlich  zu  entscheiden  habe.
Schon  von  jetzt  an  sollte  ein  beständiger  Friede  zwischen
beiden  Religionsparteien  bestehen,  die  Protestanten  in  ihrem
Glauben  geduldet  und  geschützt,  alle  frühere  Mandate  gegen
sie  aufgehoben  und  ihnen  der  Zutritt  zu  dem  Reichskammergericht
  eben  so  verstattet  werden,  wie  den  Bekennern  des  romisch-katholischen
  Glaubens.  In  einem  Ergänzungsartikel
wurde  von  Ferdinand  noch  besonders  versprochen,  daß  der
bisherige  Friede  zwischen  beiden  Religionsparteien  bis  zur
endlichen  Entscheidung  bestehen  sollte,  wenn  auch  letztere  auf
dem  angesetzten  Reichstage  noch  nicht  ermittelt  werden  konnte.
  Dagegen  hatten  die  Verbündeten  die  Waffen  niederzulegen
  oder  sie  zur  Unterstützung  Ferdinands  gegen  die  Türken
zu  gebrauchen.

Moritz,  der  wohl  einsah,  daß  er  gegen  den  Katser  nur
mit  einem  schnellen,  entscheidenden  Schlage,  wie  der  von
ihm  ausgeführte,  Etwas  habe  ausrichten  können,  aber  es
nicht  füglich  auf  einen  dauernden  Kampf  dürfe  ankommen
lassen,  war  über  diesen  Vertrag  ziemlich  erfreut,  der  den  Protestanten
  Frieden  und  Freiheit  gewährte,  obgleich  es  ihm
nicht  ganz  nach  seinem  Sinne  war,  daß  die  Entscheidung
        <pb n="283" />
        Moritz  und  die  Reformation.  245

über  die  abweichenden  Glaubenspuncte  selbst,  erst  noch  einem
Reichstage  vorbehalten  bleiben  sollte.  Doch  durfte  er,  nachdem
  beinahe  in  einem  Augenblicke  so  Wichtiges  vollbracht
worden  war,  nunmehr  mit  Recht  auch  von  der  Zeit  Etwas
hoffen.  Seinem  Versprechen  gemäß  führte  er  dem  Könige
Ferdinand  Hölfstruppen  nach  Ungarn  gegen  die  Türken  zu,
wodurch  er  den  Vortheil  gewann,  sein  Heer,  ohne  den  Vertrag
  zu  brechen  oder  Aufsehen  zu  erregen,  nicht  auseinander
gehen  lassen  zu  dürfen,  sondern  es,  im  Fall  der  ränkevolle
Kaiser  einen  Räöcktritt  unternehme,  sogleich  wieder  bei  der
Hand  zu  haben.  Die  Türken  hatten  den  Arm  und  das
Schwert  des  sächsischen  Fürsten  schon  aus  früheren  Zeiten
her  kennen  und  fürchten  gelernt,  auch  war  der  Ruhm  seines
Heldenmuthes  ihnen  neuerlich  wieder  von  Deutschland  aus
zugedrungen.  Daher  erfüllte  sie  seine  Ankunft  mit  Bestürzung
  und  sie  zogen  sich  vor  ihm  zurück.

Nicht  so,  wie  Moritz,  mit  richtigem  Blicke  die  mogliche
Erndte  eines  Unternehmens  und  einer  Zeit  würdigend  und
nicht  so  bereitwillig  sich  damit  begnügend,  trat  Moritz's  Verbündeter,
  Markgraf  Albrecht  von  Brandenburg  -Culmbach
auf.  Er  hatte  sein  Vergnügen  und  seine  Rechnung  bei  dem
Kriege  gefunden  und  ihn  noch  möglichst  lange  fortzuführen
gewünscht.  Der  Passauer  Vertrag  endigte  diese  Hoffnung.
Er  zürnte  heftig  auf  Moritz,  daß  dieser  dem  Vertrage  beigetreten
  war  und  sagte  sich  davon  los,  führte  auch  den  Krieg
auf  eigne  Faust  sort.  Er  verheerte  die  meißnischen,  thüringischen
  und  fränkischen  Gebiete  und  spielte  der  Reichsstadt
Närnberg  hart  mit.  Der  Kaiser  selbst,  der  dem  Passauer
Vertrage  wenigstens  hinterrücks  einen  Streich  spielen  wollte,
unterstützte  den  unruhigen  Markgrafen  insgeheim  in  seinen
Friedensstdrungen.  Auch  Frankreich,  welches  Moritz  in  dem
Passauer  Vertrage  gänzlich  hatte  vergessen  lassen,  setzte  die
Feindseligkeiten  fort  und  brachte  den  spanischen  Heeren  des
Kaisers  gewaltige  Verluste  bei.  Das  Gestirn  des  mächtigen
  Carl's  hatte  sich  schon  seit  dem  Siege  bei  Mühlberg  geneigt,
  und  es  wollte  dem  aufgegebenen  Günstlinge  des  Glückes
nichts  mehr  gelingen.  Die  Anträáge  zu  einer  neuen  Verbin-
        <pb n="284" />
        246  Moritz  und  die  Reformation.

dung,  welche  Moritz  von  Seiten  Frankreichs  erhielt,  wies
er  zuruͤck.  Er  hatte  Ursache,  die  Gefahr  mehr  in  der  Naͤhe
aufzusuchen,  denn  er  konnte  nicht  einmal  wissen,  mit  welchen
  Gesinnungen  gegen  ihn  Johann  Friedrich,  der  seit  dem

1552  28.  August  (1552)  seiner  Haft  entledigt  war,  zurückkehre.
Vor  Allem  aber  hatte  er  daran  zu  denken,  sich  gegen  seinen
vorherigen  Bundesgenossen,  den  Markgrafen  Albrecht,  schlagfertig
  zu  halten,  welcher  seine  kühnen  Raubzüge  noch  immer
fortsetzte  und,  aus  dem  Süden  Deutschlands  umlenkend,  im
drohenden  Anmarsch  auf  Norddeutschland  und  auf  Sachsen
begriffen  war.  Daher  verband  sich  Moritz  mit  dem  Konig
Ferdinand,  dem  Herzog  Heinrich  von  Braunschweig,  mit  der
Reichsstadt  Nürnberg  und  den  Bischöfen  von  Bamberg  und
Würzburg  gegen  den  Markgrafen  Albrecht.  Bei  dem  Dorfe
Sievershausen  im  Lüneburgischen,  stießen  die  Heere  auf

1553  einander  und  es  kam  am  9.  Juli  1553  zu  einem  blutigen
Treffen,  in  welchem,  nach  hartnäckigem  Widerstande  und  längerem
  Schwanken  der  Entscheidung,  Albrecht  eine  gänzliche
Niederlage  erlitt.  Moritz  aber  erhielt  rücklings  einen  Schuß,
von  welchem  er  nicht  wieder  genesen  sollte.  Ohngeachtet
der  tödtlichen  Verwundung,  hatte  er  noch  Geistesstörke  genug,
um  Befehle  zur  Verfolgung  des  Feindes  zu  geben,  einen
Bericht  über  die  Schlacht  aufzusetzen  und  sein  Testament
niederschreiben  zu  lassen.  Zwei  Tage  darauf  (11.  Juli.)
starb  der  junge,  muthige  Held  im  33.  Jahre  seines  Alters,
an  seiner  Wunde  und  fand  in  Freiberg  neben  seinem  Vater
die  lange  Ruhestätte  nach  einem  kurzen,  aber  rastlos  bewegten
  Daseyn.  Nebst  ihm  fanden  die  beiden  Söhne  des  Herzogs
  von  Braunschweig,  Philipp  Magnus  und  Carl  Victor,
in  der  Schlacht  von  Sievershausen  den  Tod.

Moritz  hinterließ  von  seiner,  ihn  überlebenden  Gattin
Agnes,  der  Tochter  des  merkwürdigen  Philipps  von  Hessen,
nur  eine  Tochter  Anna,  welche  spater  die  Gattin  des  in  der
Niederländischen  Geschichte  gefeierten  Prinzen  Wilhelm  von
Oranien  wurde.  Ein  Sohn,  Albrecht,  war,  noch  als  Kind,
ihm  im  Tode  schon  vorangegangen;  daher  sein  Ländererbe
        <pb n="285" />
        Johann  Friedrich's  letzte  Tage.  247

auf  seinen  Bruder  August  uͤberging.  Moritz  steht  am  Horizonte
  der  Weltgeschichte  als  ein  leuchtendes,  aber  raͤthselhaftes
  Gestirn.  Er  hatte  einst  seinen  Ruf  gewagt,  aber  den
Ruhm  damit  gewonnen.  Sein  Leben  war  so  wunderbar,
daß  er  die  kleineren  und  gewoͤhnlicheren  Interessen  des  Gewissens
  verloren  geben  mußte,  um  die  groͤßeren  zu  erringen.
Selbst  sein  Sieg  uͤber  den  Kaiser,  der  ihn  erhoben,  ist  mehr
als  That  glaͤnzend,  denn  als  Handlung  loͤblich.  Und  dennoch
  bleibt  er,  bei  allen  den  vielen  Zweideutigkeiten  seines
Charakters  und  seiner  Handlungsweise,  der  groͤßte  Fuͤrst,
den  Sachsen  uͤberhaupt  besessen  hat.  Die  Klugheit,  womit
er  eine  sturmbewegte,  riesige  Wellen  werfende  Zeit  zu  durchsteuern,
  die  Kraft,  womit  er  nicht  nur  sich  auf  dem  errungenen
  Platze  gegen  Neid  und  Gegenmacht  zu  behaupten  wußte,
sondern  von  da  aus  auch  noch  die  heiligsten  Angelegenheiten
Deutschlands  mit  gewaltigem  Arm  schuͤtzte,  macht  ihn  als
Staatsmann  wie  als  Held  zu  einem  Vorbilde  fuͤr  alle  Zeiten,
  besonders  wenn  man  die  zarte  Jugend  erwägt,  in  welcher
  er  sich  schon  selbstständig  zeigte.  Dennoch  scheint  es,
daß  das  Schicksal  ihn  nur  zu  einem  Werkzeuge  für  ssch
gebrauchen  wollte,  da  es  ihn,  sobald  er  das  ihm  zugewiesene
Werk  erfüllt  hatte,  schnell  dem  Schauplatze  entrückte  und  ihn
—  vielleicht  eine  Vergeltung  manches  früher  von  ihm  begangenen
  Unrechts  —  im  nothgedrungenen  Kampfe  gegen  einen
vormaligen  Bundesgenossen,  durch  eine  hinterrücks  abgeschossene
  Kugel  fallen  ließ.  Ob  er  durch  Freundes  Hand  siel,
bleibt  unentschieden.  Sein  Tod  hat  etwas  von  der  geheimnißvollen
  Weise  des  Todes  an  sich,  der  den  Schwedenkonig
Gustav  Adolf  ereilte,  welcher  in  vielfacher  Beziehung  dem  Helden
Moritz  vielleicht  ähnlicher  ist,  als  man  glaubt.  Die  Sage,
daß  Moritz  von  einem  seiner  Diener  erschossen  ward,  den
ein  im  Amte  Moritzburg  aufgefundener  Zettel  v.  Karras
nennt,  muß  vor  der  Hand  unerdrtert  bleiben.
Johann  Friedrich,  welchem  am  1.  September  1552  der  1552

Kaiser  seine  völlige  Freiheit  ertheilte  —  vielleicht  weniger
aus  Schuldigkeit,  denn  man  hatte  des  Armen  nicht  einmal
        <pb n="286" />
        248  Johann  Friedrich's  letzte  Tage.

im  Passauer  Vertrage  gedacht,  als  weil  der  Kaiser  in  ihm  einen  erbitterten
  Feind  gegen  Moritz  loszulassen  glaubte  —  kehrte  in  den
Kreis  der  Seinigen  zurück.  Als  er  sich  bei'n  Kaiser  für
die  erhaltene  Freiheit  bedankte  und  Abschied  nahm,  konnte
ihm  dieser  das  Zeugniß  nicht  versagen,  daß  er  sich  als  redlicher
  Mann  gehalten.  Seine  Rückkehr  ward  durch  die  Liebe
seiner  Freunde  und  seiner  Bürger  dusserst  rührend  und  feierlich.
  Allenthalben  begegneten  dem  befreiten  Fürsten  Segnungen
  und  Blumen,  und  Freudenfeuer  bezeichneten  seinen
Weg.  Kein  siegreicher,  aber  ein  desto  treuer  befundener  Held
des  Glaubens,  kehrte  er  aus  fünfjährigen  schweren  Banden,
in  die  Arme  der  Freiheit  und  der  Liebe  zurück,  und  seine
Gattin  durfte  nunmehr  mit  Freuden  die  Trauerkleider  ablegen.
  Im  Triumphe  brachte  man  ihn  nach  seiner  Residenz
Weimar;  er  hatte  an  Land  verloren,  aber  an  Glauben,  Ruhm
und  Liebe  gewonnen.  Nach  Moritz's  Tode  erneuerte  er  bei'm
Kaiser  seine  Ansprüche  auf  die  Chur  und  die  verlornen  Lande,
allein  er  ward  zurückgewiesen,  weil,  als  Moritz  (1548)  belehnt
  ward,  auch  dessen  Bruder  August  zugleich  die  Mitbelehnung
  erhalten  hatte.  Doch  vermittelte  August's  Schwiegervater,
  der  König  Christian  III.  von  Dänemark,  einen
1551  Vertrag,  welcher  am  24.  Februar  1554  zu  Nürnberg,  zwischen
  Johann  Friedrich  und  August  abgeschlossen  ward.  Johann
  Friedrich  mußte  darin  zwar  die  Wittenberger  Capitulation
  bestätigen  und  jedem  Groll  gegen  die  Albertinische
Linie  entsagen,  erhielt  aber  dafür  das  Amt  und  Schloß  Altenburg,
  mit  den  Städten  Schmöllen  und  Lucca  und  mehreren
  Schriftsassen;  ferner  die  Aemter  Sachsenburg,  Herbisleben
  (mit  Ausnahme  der  Stadt  Tennstädt)  und  das  Recht
zu  beliebiger  Einlösung  der  Aemter  Alstädt  und  Königsberg-Zugleich
  ward  ihm  das  Recht  zugestanden,  den  —  freilich
mehr  schmerzlichen  als  erfreulichen  Titel:  „geborner  Churfuͤrst““
  fortzuführen,  und  seine  Söhne  erhielten  als  Zubehdrungen
  der  in  der  Wittenberger  Capitulation  ihnen  zuerkannten
  Länder,  das  Amt  Schwarzwald  nebst  mehreren
Städten,  Klöstern  und  Ortschaften,  denen  August  die  Sum-
        <pb n="287" />
        Johann  Friedrich's  Tod.  249

me  von  100,000  Gulden  beilegte.  So  war  nach  dem  schweren
  Verluste  wenigstens  Einiges  wiedergewonnen,  und  dem
übriggebliebenen  Ernestinischen  Länderbestande  eine  gewisse
Abgeschlossenheit  und  Selbstständigkeit  gesichert,  die  mit  einer
  freundlicheren  Zukunft  für  sein  Land  und  seine  Nachkommen,
  Johann  Friedrich's  brechenden  Blick  verklärte.  Der
schwergeprüfte  Fürst  legte  wenige  Tage  nach  diesem  Vergleiche
  das  lebensmüde  Haupt  zum  Schlummer  nieder;  der
Tod  fand  ihn  am  3.  März  1554  zu  Weimar,  nachdem  er
in  einem  funßzigjährigen  Leben  die  wunderbarsten  Wechsel
des  Schicksals  und  der  Zeit  erfahren  hatte.  Sein  treues
und  tugendhaftes  Weib  war  um  nicht  mehr  als  eilf  Tage
früher  gestorben  und  erleichterte  dem  kranken  Fürsten  den
Ausgang  aus  einer  Welt,  die  ihm  schweren  Kummer  bereitet
  hatte,  aber  dankbar  seinen  Namen  im  Angedenken  behielt.
  Die  Achtung  Aller  folgte  ihm  in's  Grab.  Er  hatte
nicht  mit  dem  Glanze  und  dem  Glücke  eines  Moritz,  wohl
aber  mit  unerreichter,  frommer  Treue  für  seinen  Glauben
gekämpft  und  ihn  selbst  fallend  festgehalten,  so  daß  der  stolze
Sieger,  der  ihn  niederwarf,  vergebens  sich  mühte,  ihm  auch
dieses  Kleinod  zu  entringen.  Sein  Herz  überwog  allerdings.
seinen  Geist  und  ließ  ihn,  da  er  am  meisten  mit  jenem  kämpfte,
unterliegen;  aber  sein  ungebeugter  Muth,  sein  durch  unerschütterliche
  Treue  und  Redlichkeit  geheiligtes  Unglück  weisen
ihm  dennoch  einen  Platz  unter  den  ersten  Fürsten  Sachsens
an,  wenn  man  auch  zugeben  muß,  daß  er  als  Mensch  grsßer
  war,  denn  als  Fürst.  Sein  Andenken  umleuchtet  nicht
der  Glanz  der  Thaten,  insofern  dieselben  am  liebsten  nur
nach  dem  Gelingen  angeschlagen  zu  werden  pflegen,  wohl
aber  die  Heiligkeit  des  Mißgeschicks,  und  der  Genius  der
sasischen  Geschichte  mag  auf  das  Monument  eines  Johann
Friedrich  schreiben:  „er  ging  ein  zu  seines  Herrn  Freude.“
Er  ward  in  der  Stadtkirche  zu  Weimar,  neben  seiner  Gemahlin
  Sibylle  von  Cleve  beigesetzt,  von  welcher  er  drei
Söhne  hinterließ:  Johann  Friedrich  den  Mittlern,  Johann
Wilhelm  und  Johann  Friedrich  den  Jüngern,  die,  zufolge
        <pb n="288" />
        250  Johann  Friedrich's  Tod.

seines  Testaments,  die  von  ihm  hinterlassenen  Länder  gemeinschaftlich
  und  ungetheilt  regierten  und  denen  er  sterbend
die  dringende  Ermahnung  gegeben  hatte,  mild  und  gerecht
zu  regieren,  den  Frieden  zu  schützen  und  die  Treue  zu  bewahren.
  Mit  ihm  begrub  man  den  standhaftesten  Vertheidiger
  der  Refermation,  und  den  letzten  Churfürsten  Ernestinischer
  Linie.
        <pb n="289" />
        251

Vierte  Abtheilung.

Chursachsen  unter  August.  —  Der  dreißigjaͤhrige
Krieg  in  seiner  Einwirkung  auf  Sachsen.

—  ——
—

August,  der  Bruder  des  heldenmüthigen  Moritz,  folgte  demselben
  in  der  Regierung.  Er  hatte  an  dem  Hofe  seines  Vaters
  zu  Freiberg  nur  seine  erste  Jugend  zugebracht  und,  was
dieser  kleine  Hof  ihm  nimmer  hätte  erzeugen  können,  durch
feühzeitigen  Eintritt  in  die  Welt  eine  groͤßere,  umfassendere
Anschauung  des  Lebens  und  der  Verhältnisse  gewonnen.
Seine  Erziehung  erhielt  er  am  Hofe  des  Königs  Ferdinand
zu  Prag  und  schloß  mit  dessen  Sohne,  dem  nachherigen
Kaiser  Maximilian  II.,  ein  Freundschaftsbündniß,  welches
später  nicht  ohne  Folgen  für  Sachsen  blieb.  Er  erhielt  im
Jahre  1544  die  Administration  über  das  Stift  Merseburg,
trat  sie  jedoch  1548  an  den  Weihbischof  zu  Mainz,  Michael
Sidonius,  mit  Vorbehalt  der  Chursächsischen  Landeshoheit,
wieder  ab  und  vermählte  sich  zu  Torgau  mit  Anna,  der
Tochter  des  Königs  Christian  III.  von  Dänemark,  seit  welcher
  Zeit  er  sich  meist  in  Weißenfels  aufhielt,  bis  er  durch
den  Tod  seines  Bruders  das  Ruder  der  Regierung  bekam.
Er  befand  sich,  als  sein  Bruder  starb,  eben  zu  Copenhagen
bei  seinem  Schwiegervater  und  mußte  sich  bei  dieser  Nachricht
  beeilen,  in  sein  Land  zurückzukehren  und  sich  auf  den  er-1518
        <pb n="290" />
        252  Churfürst  Auguft.

ledigten  Fürstenstuhl  zu  setzen,  da  der  geborne  Churfürst  Johann
  Friedrich  seine  Ansprüche  auf  die  ihm  geraubte  Churwürde
  und  die  verlornen  Lande  geltend  zu  machen  strebte.
Zwar  ward  demselben  die  Antwort  ertheilt,  daß  August  bereits
  die  Mitbelehnung  der  Chur  erhalten  habe  und  diese
ihm  also  nicht  streitig  gemacht  werden  könne;  allein  er  wollte
sich  mit  diesem  Ausspruche  nicht  begnügen  und  glaubte  hierzu
vielleicht  um  so  bessern  Grund  zu  haben,  da  der  Markgraf
Albrecht  zu  Brandenburg,  den  Willen  zu  haben  schien,  ihn
in  seinen  Ansprüchen  zu  unterstützen  und  ihm  wieder  zu  dem
verlornen  Eigenthum  zu  verhelfen.  August,  der  hieraus  Weitldufigkeiten
  und  vielleicht  sogar  Nachtheile  für  sich  erwachsen
sah,  suchte  durch  Verträge  denselben  vorzubeugen.  Dies  gelang
  ihm  ganz  nach  seinem  Wunsche.  Er  söhnte  sich  durch
fremde  Vermittelung  mit  dem  Markgrafen  Albrecht  am  11.
1553  September  1553  aus,  und  kurz  darauf,  am  24.  Februar
1554  1554,  kam  durch  Vermittelung  seines  Schwiegervaters  zwischen
ihm  und  Johann  Friedrich  der  Naumburger  Vertrag  zu  Stande,
worin  Letzterer  sich  mit  einigen  Aemtern  und  einer  Summe
Geldes  zufrieden  stellen  ließ  und  seine  bisher  gemachten  Ansprüche
  aufgab.  Dieser  Vertrag  ward  nicht  nur  von  den
Fürsten  beider  Linien,  welche  letztere  sich  zufolge  desselben
vollkommen  verfsöhnten,  sondern  auch  von  dem  roͤmischen
Konige  Ferdinand,  dem  Könige  von  Dänemark,  dem  Churfürsten
  Joachim  von  Brandenburg,  dem  Herzoge  Wilhelm
von  Jülich,  dem  Landgrafen  Philipp  von  Hessen  und  von
mehreren  Städten  unterzeschnet.  Da  auf  dem  Reichstage  zu
1555  Augöburg  1555  ausgemacht  worden  war,  daß  in  jedem
Kreise  Deutschlands  ein  Kreisoberster  gewählt  werden  sollte,
dem  die  Wahrnehmung  des  Rechtes  und  die  Bewahrung
des  Landfriedens  anvertraut  seyn  sollte,  so  wurde  —  da
seit  1522  die  Churfürsten  von  Sachsen  das  Kreisausschreibeamt
  für  Obersachsen  besessen  hatten  —  der  Churfürst  August
  auf  dem  (im  Decbr.  1555)  von  ihm  ausgeschriebenen
Reichstage  zu  Zerbst,  trotz  des  Entgegenwirkens  der  Grafen
von  Schwarzburg,  Mansfeld,  Stolberg,  Hohenstein  und
Schönburg,  zum  Kreisobersten  gewaͤhlt  und  dieses  Amt  ist
        <pb n="291" />
        Churfuͤrst  August.  253

seitdem  bestaͤndig  bei  dem  Churhause  Sachsen  geblieben,  obschon
  es  spaͤter  beinahe  voͤllig  in's  Vergessen  kam,  indem
seit  1683  keine  Kreisversammlungen  mehr  gehalten  worden
sind.  Da  August's  fruͤherer  Aufenthalt  am  Prager  Hofe
ihn  sowohl  dem  Koͤnige  Ferdinand,  als  auch  dessen  Sohn
und  Nachfolger  Maximilian  II.  befreundet  hatte,  so  erneuerte
er  (den  13.  April  1557)  mit  Ferdinand  die  bereits  im  Jahr  1357
1430  zwischen  Sachsen  und  Böhmen  gestiftete  Erbeinigung,
zufolge  deren  ein  Vertrag  zu  gegenseitigem  Schutze  und  zu
ungehindertem  Fortgange  des  beiderseitigen  Handels  bestand.
Es  scheint  aber,  daß  Böhmen  von  diesem  Vertrage  größern
Nutzen  gezogen,  aber  demselben  weniger  eifrig  nachgekommen
sey,  als  Sachsen,  welches  wiederholt  Ursache  hatte,  sich  über
die  Fahrlássigkeit  Bdhmens  in  Unterstützung  der  Sache  seines
Alliirten,  zu  beklagen.  Das  durch  die  goldne  Bulle  Carl's
IV.  den  sämmtlichen  Churfürsten  zugestandene  Privilegium
de  non  appellando,  welches  Sachsen  natürlich  ebenfalls
ausübte,  war  seit  einiger  Zeit  von  dem  Reichskammergerichte
  nicht  hinreichend  beachtet  worden  und  dieser  Umstand
  ward  von  einigen  Sachsischen  Grafen  und  Edlen,  unter
ihnen  der  Graf  Albrecht  von  Mansfeld,  welcher  sich  unter
Reichsunmittelbarkeit  zu  stellen  strebte,  begierig  aufgegriffen.
Sie  wollten  sich  nicht  mehr  den,  von  der  Landesregierung
zu  Dreêden  und  dem  Oberhofgerichte  zu  Leipzig  ausgesprochenen
  Urtheilen  fügen,  sondern  unternahmen  Berufungen  an
das  Reichskammergericht,  welches  sie  in  diesen  Ausflöchten
unterstützte  und  den  sächsischen  Gerichten  so  lange  mit  der
Vollzlehung  der  auögesprochenen  uUrtheile  cinzuhalten  gebot,
bis  das  Churhaus  Sachsen  das  ihm  zustehende  Recht  de
non  appellando  erwiesen  habe.  August  griff  sofort  zu  Maßregeln,
  um  sein  Recht  auf's  Neue  festzustellen;  aber  man
suchte  die  Sache  auf  die  lange  Bank  zu  bringen  und  erst
auf  seine  bestimmte  Erklärung,  daß  er  auch  ohne  nochmalige
Bestätigung,  das  ihm  zustehende  Recht  in  Anwendung  bringen
  werde,  erfolgte  am  2.  Mai  1559  vom  Könige  Ferdinand
  die  Erneucrung  des  Privilegiums  de  non  appellando
sowohl  für  das  Albertinische,  wie  für  das  Ernestinische  Sach-
        <pb n="292" />
        254  Churfürst  August.

sen,  und  August  suchte  dasselbe  dadurch  noch  fester  zu  stellen,
indem  er  zu  Dresden  ein  Appellationsgericht  anlegte,  wel—
ches  aus  sechs  Adelichen  und  sechs  Studirten,  desgleichen
einem  adelichen  Praͤsidenten  bestand.  Durch  diese  Einrich—
tung  wurde  Sachsens  Privilegium  für  immer  gesichert  und
in  Anwendung  gebracht,  und  es  fielen  seitdem  die  Appella—
tionen  an  das  Reichskammergericht,  welches  eifersuͤchtig  auf
dieses  Recht  gewesen  war  und  deshalb  die  unruhigen  Edlen
in  ihrem  Verlangen  nach  der  Reichsunmittelbarkeit  unter—
stuͤtzt  hatte,  gänzlich  weg.  Um  dieselbe  Zeit  fiel  in  Sachsen
  der  sogenannte  Saukrieg  var,  eine  Begebenheit,  die  wiederum
  einmal  ein  lebendiges  Bild  des  einstigen  Faustrechts
herauf  führte.

Die  Erben  des  im  Jahr  1555  verstorbenen  Bischofs  von
Meißen,  Nicolaus  II.  aus  dem  adelichen  Hause  Carlowitz,
wollten  von  dem  neuen  Bischof  Johann  von  Haugwitz,
durchaus  ein  angeblich  zweites  Testament  ihres  verstorbenen
Verwandten  heraushaben,  da  das  vorgefundene  Testament
aͤlter  und  von  ihm  noch  als  Domherr  niedergelegt  worden
war.  Der  Bischof  Johann  versicherte,  von  einem  solchen
zweiten  Testamente  seines  Vorgängers  nichts  zu  wissen,  geschweige
  denn  dasselbe  in  seinen  Händen  zu  haben;  aber
die  Carlowitzischen  Erben  —  unter  ihnen  besonders  Augufst's
Stallmeister,  Hanns  von  Carlowitz  —  beruhigten  sich  bei
dieser  Erklärung  nicht,  sagten  dem  Bischof  eine  förmliche
Fehde  an,  fielen  in  sein  Gebiet  ein  und  berannten  Stolpen,
wo  der  Bischof  seinen  Aufenthalt  hatte,  Wurzen,  Mägeln
und  Bischofswerda.  Besonders  suchten  sie  ihm  zu  schaden,
indem  sie  seine  Reichsunterthanen  plünderten  und  mißhandelten,
  und  ihnen  die  Schaaf=  und  Schweinheerden  forttrieben.
  Davon  der  Name  Saukrieg.  Nachdem  die  Carlowictzischen,
  ausser  Stelpen  und  Bischofswerda,  den  ganzen  Sieft
in  ihre  Gewalt  gebracht  hatten,  schlug  sich  —  wahrscheinlich
mit  absichtlicher  Saumseligkeit,  die  Folge  eines  gespannten
Verhältnisses  mit  dem  Bischof  —  der  Churfürst  in's  Mittel
und  brachte  einen  Vergleich  zu  Stande,  in  welchem  jedoch,
seltsam  genug!  nicht  die  Anstifter,  sondern  der  Bischof  zu
        <pb n="293" />
        Churfürst  August.  255

Erstattung  des  hohen  Schadenanschlags,  der  sich  auf  30,000
Gulden  belief,  wie  auch  obendrein  zu  Erlegung  einer  Summe
  von  4000  Gulden  an  seine  Gegner,  verurtheilt  wurde.
Es  war  offenbar,  daß  nur  des  Churfürsten  personliche  Ungnade
  —  die  der  Bischof  sich  durch  absichtliches  Verzögern
des  vom  Churfürsten  gewünschten  Austausches  von  Stolpen
und  Bischofswerda  gegen  das  Amt  Mählberg,  welcher  erst
nunmehr  bewerkstelligt  wurde,  zugezogen  hatte  —  dem  Bischef
  einen  so  nachtheiligen  und  unbedingt  rechtswidrigen  Uetheilöspruch
  zusiehen  konnte,  und  von  mehreren  Seiten  hat
dieses  willkührliche  Rechtsverfahren  dem  Churfürsten  August
nicht  unverdienten  Tadel  zugezogen.

Als  Ferdinand  —  der,  nach  Carl's  V.  Resignation,  den
deutschen  Kaiserthron  bestiegen  hatte  —  seinen  Sohn  Marimilian
  zum  römischen  Könige  wählen  ließ,  erhielt  das  chursächsische
  Haus  (5.  Deebr.  1562)  vom  Kaiser  die  Anwartschaft
  auf  das  Förstenthum  Anhalt  zugetheilt.  Zwar  wollte
das  Churhaus  Brandenburg  dieselbe  Anwartschaft  füc  sich
schon  von  dem  Kaiser  Friedrich  III.  erhalten  haben,  aber  es
konnte  dieselbe  nicht  näher  erweisen  und  so  wurde,  zumal  es
keine  besondern  Schritte  vieserhalb  that,  nicht  weiter  Rücksicht
  darauf  genommen.  Vielmehr  erhielt  —  nachdem  Ferdinand
  gestorben  und  dessen  Sohn  Maximilian  II.  den  deutschen
  Thron  bestiegen  hatte  —  August  auf  Maximilian's  erstem
  Reichstage  zu  Augsburg  1566  die  Belehnung  über  alle
seine  Länder  und  Würden.  —  Diese  Handlung  geschah  mit  vieler
  Feierlichkeit  unter  freiem  Himmel,  welcher  alte  Gebrauch
bei  dieser  Gelegenheit  zum  letzten  Male  geübt  worden  zu
seyn  scheint.  Auf  demselben  Reichstage  wurde  die  Achtserklärung
  gegen  Wilhelm  von  Grumbach  erneuert.  Dieser
Grumbach,  ein  Ueberbleibsel  des  begrabenen  Faustrechts,  dessen
  Nachwehen  noch  immer  nicht  ganz  aufhdren  wollten,
gab  Veranlassung  zu  heftigen  und  unglücklichen  Händeln.
Er  war  ein  Freund  und  Helfershelfer  des  unruhigen  Markgrafen
  Albrecht  von  Brandenburg-Culmbach,  dem  er  auch
in  seiner  Fehde  gegen  die  Bischöfe  von  Bamberg  und  Wuͤrz
burg  thätigen  Beistand  geleistct  hatte.  Die  Folge  davon

1562

1566
        <pb n="294" />
        256  Churfürst  August.

war,  daß  er  mit  dem  Markgrafen  zugleich  in  die  Reichsacht
versiel  und  daß  ihm  der  Bischof  von  Würzburg,  Melchior
von  Zobel,  dessen  Vasall  er  war,  sowohl  seine  Güter  einzog,
  als  auch  seiner  Gattin  ein  Legat  vorenthielt,  welches
derselben  von  einem  ihrer  Verwandten  ausgesetzt  worden
war.  Dies  versetzte  den  wilden  Grumbach  in  eine  solche
Wuth,  daß  er  auf  Mordgedanken  kam  und  wirklich  den
Bischof,  als  er  eben  aus  der  Stadt  über  die  Brücke  nach  seinem
  Schlosse  ritt,  durch  einige  von  ihm  angestellte  Mordgesellen
  erschießen  ließ.  Der  Verdacht  fiel  sogleich  auf
Grumbach  und  das  Domcapitel  brachte  sofort  eine  Anklage
gegen  ihn  vor  den  Kaiser.  Aber  Grumbach  wußte  sich  die
unzufriedene  Stimmung  eines  großen  Theils  des  deutschen
Adels  —  welcher  seit  der  Reformation  seinen  Einfluß  auf
die  Staatsverhältnisse  und  sein  patricisches  Uebergewicht  über
das  Volk  vermindert  sah  und  ausserdem  meist  von  dem
Streben  nach  Reichsunmittelbarkeit  beseclt  war  —  zu  Nutze
zu  machen,  verband  sich  mit  mehreren  mißvergnügten  Edlen,
wie  Wilhelm  von  Stein,  Albrecht  von  Rosenberg,  Ernst  von
Mandelsloh,  Jobst  von  Zedtwitz  u.  A.  und  wußte  sich  sogar
  in  das  Vertrauen  des  Herzogs  Johann  Friedrich  II.  —
des  dltesten  Sohnes  des  unglücklichen  Johann  Friedrich  —
einzuschleichen,  indem  er  demselben  hochsliegende  Plane  vorspiegelte,
  die  besonders  auf  Wiedererlangung  der  Churwürde
hinzielten,  und  dessen  Haß  gegen  das  chursächsische  Haus,
dessen  Grôöße  auf  den  Trümmern  der  Größe  seines  Hauses
  wurzelte,  reichliche  Sättigung  versprach.  Der  Herzeg  besaß
  die  Beharrlichkeit  seines  unglücklichen  Vaters,  die  bei
ihm,  zumal  sie  bisweilen  der  höhern  und  bessern  Motive
entbehrte,  in  Starrsinn  und  Hartnäckigkeit  ausartete.  Wilhelm
  von  Grumbach's  Einschläge  fanden  bei  ihm  um  so
willigeres  Gehöèr,  da  dieselben  von  des  Herzogs  Canzler,  Johann
  Brück,  unterstützt  wurden.  Auf  die  Gunst  und  den
Schutz  des  Herzogs  pochend,  legte  sich  Grumbach  einen
Schwarm  Reiter  zu,  fiel  mit  ihnen  in  die  Stadt  Würzburg
1563  ein,  plünderte  sie  und  erzwang  (2.  Octbr.  1563)  von  den
daselbst  befindlichen  Domherren  einen  Vergleich,  in  welchem
        <pb n="295" />
        Churfuͤrst  August.  257

sie  ihm  die  Ruͤckgabe  der  eingezogenen  Guͤter,  ingleichen  eine
Summe  Geldes  und  die  Einstellung  des  gegen  ihn,  wegen
des  Mordes  am  Bischof,  eingeleiteten  Processes,  zugestehen
mußten.  Dieser  Landfriedensbruch  erbitterte  den  Kaiser  heftig
  und  er  sprach  über  Grumbach  und  dessen  Anhänger  die
Reichsacht  aus,  mit  deren  Vollstreckung  man  jedoch  nicht  so
schnell  zu  Stande  kam.  Johann  Friedrich  II.  war  unbedachtsam
  genug,  dem  Geächteten  sammt  seinen  Streitgesellen
Obdach  zu  gönnen,  und  der  listige  Grumbach  wußte  ihn
immer  mehr  für  die  vorgespiegelten  Aussichten  auf  Kaiserthron
  und  Churwürde  zu  gewinnen.  Es  kam  auch  wirklich
zu  Streifereien  in  das  chursächsische  Geblet,  und  Grumbach
trieb  seine  Verwegenheit  so  weit,  daß  er,  wovon  freilich  der
Herzog  wahrscheinlich  nichts  wußte,  Meuchelmörder  gegen
den  Churfürsten  August  aussendete,  die  jedoch  ihr  Ziel  verfehlten
  und  ihre  blutige  Absicht  auf  dem  Rade  büßten.  Man
gab  sich  alle  Muͤhe,  den  verblendeten  Herzog  zu  bewegen,
daß  er  Grumbach  aufgebe  und  ihm  seinen  Schutz  entziehe,
aber  dieser  hatte  durch  seine  politischen  Spiegelfechtereien  der
Einbildungökrast  Johann  Friedrich's  so  angenehme  Träume
vorgegaukelt,  daß  der  Herzog  nur  mit  Ausftüchten  antwortete
  und  ihn  kräftiger,  als  je,  schutte.  Der  Kaiser  Maximilian
  erneuerte  also  auf  seinem  ersten  Reichstage  zu  Augsburg
  (1566)  die  Reichsacht  gegen  Grumbach  und  dessen  Anhänger
  und  bedeutete  den  Herzog  Johann  Friedrich  II.  sehr
ernsthaft,  den  Grumbach  festzunehmen  und  auszuliefern,  widrigenfalls
  die  Reichsacht  auch  auf  ihn,  den  Beschützer  des
Geächteten,  ausgedehnt  werden  würde.  Der  Herzog  ließ,  gewaltsam
  in  sein  Schicksal  stürmend,  selbst  die  Drohungen
des  Kaisers  unbeachtet,  er  blieb  bei  dem  Vorsatze,  Grumbach
zu  schützen  und  setzte,  um  jedem  Versuche  zur  Wahrmachung
der  kaiserlichen  Drohung  zu  begegnen,  die  Stadt  Gotha  und
das  befestigte  Schloß  Grimmenstein  in  Vertheidigungszustand.
Vergeblich,  wie  die  ernsthaften  Drohungen  des  Kaisers,  waren
  die  Bitten  und  Ermahnungen  des  Churfürsten  von  der
Pfalz,  des  Landgrasen  von  Hessen  und  des  Churfürsten  von
Sachsen.  Dies  veranlaßte  endlich  den  Kaiser,  seine  Dro-17
        <pb n="296" />
        1567

258  Churfärsi  August.

hung  in  Erfüllung  gehen  zu  lassen  und  die  Reichsacht  nunmehr
auch  über  Johann  Friedrich  II.,  als  Aufnehmer  und  Schutzer
Grumbach's,  zu  verhängen.  Mit  der  Vollstreckung  dieses
Achtspruches  wurde  der  Churfürst  August,  als  Kreisvorsteher,
beauftragt.  Es  legte  sich  nun  ein,  aus  den  vier  hierzu  gewählten
  Kreisen,  Ober=  und  Nieder-Sachsen,  Franken  und
Westphalen  zusammengebrachtes,  40,000  Mann  starkes  Heer
vor  Gotha,  in  welcher  Stadt  sich  die  Geächteten  befanden.
Am  23.  Decbr.  ließ  der  Churfürst  durch  einen  Edelknaben
die  Stadt  auffordern.  Der  Herzog  nahm  sowohl  den  chursächsischen,
  als  den  kaiserlichen  Herold  mit  spottischer  Freundlichkeit
  auf  und  beschenkte  sse  mit  Münzen,  auf  denen  er  als
Churfärst  genannt  war.  Hierauf  begann  die  Einschließung
der  Stadt  Gotha  und  des  Schlosses  Grimmenstein,  und  der
Churföürst  begab  sich  im  Januar  des  folgenden  Jahres  nach
Saalfeld,  woselbst  die  thäringischen  Stände  und  Unterthanen
aller  ihrer  bisherigen  Pflichten  gegen  Johann  Friedrich  II.
entlassen  und  dafür  an  dessen  jängern  Bruder  Johann  Wilhelm
  überwiesen  wurden,  welcher  nun  mit  vor  Gotha  zog.
Die  Stadt  war  schon  berannt  worden  und  man  traf  nunmehr
  schon  alle  Anstalten  zu  einer  förmlichen  Belagerung.
Gotha  war  ziemlich  gut  befestigt  und  hinlänglich  mit  Vorräthen
  versehen,  um  eine  längere  Belagerung  auszuhalten.
Aber  die  Bürger  —  welche  man  erst  glauben  gemacht  hatte,
die  Belagerer  wären  herbeigekommen,  um  die  reine  Lehre  zu
unterdrücken  und  auszurotten  und  die,  in  solcher  Voraussetzung
  anfangs  wahrscheinlich  tüchtigen  Widerstand  leisten
wollten  —  kamen  noch  zu  rechter  Zeit  dahinter,  daß  der
ganze  Kampf  sich  nur  um  die  Person  des  Grumbach  und
um  dessen  Spießgesellen  handle  und  daß  der  Bruder  des
Herzogs  selbst  unter  den  Belagerern  sich  befände.  Diese
Entdeckung  veranlaßte  einen  Aufstand  der  Bürger  Gotha's,
sie  bemächtigten  sich  der  Person  Grumbach's  und  seiner
Hauptgehülfen  und  hielten  sie  auf  dem  Rathhause  fest.  Der
Magistrat  und  die  Ritterschaft  wurden  von  den  erzürnten
Bürgern  gedrängt  und  endlich  halb  willenlos  zur  Capitulation
  mit  hingerissen,  Die  Hauptbedingungen  der  Capitula-
        <pb n="297" />
        Churfuͤrst  August.  259

tion:  daß  naͤmlich  der  Herzog  Johann  Friedrich  sich  auf
Gnade  und  Ungnade  dem  Kaiser  ergeben,  Grumbach  mit
seinen  festgehaltenen  Anhaͤngern  dem  Churfuͤrsten  August  ausgeliefert
  werden,  die  Besatzung  auseinandergehen,  Magistrat
und  Buͤrgerschaft  aber  knieend  Abbitte  thun  und  dem  Herzog
Johann  Wilhelm  als  nunmehrigen  Landesherrn  huldigen
mußte,  wurden  zugestanden  und  die  Thore  geoͤffnet.  Der  ungluͤckliche
  Herzog  buͤßte  seine  Anhaͤnglichkeit  an  Grumbach
mit  lebenslaͤnglichem  Gefaͤngniß;  er  wurde  nach  Dresden,
von  da  aber  nach  Oesterreich  abgefuͤhrt  und  starb  endlich
nach  acht  und  zwanzigjaͤhriger  Haft,  (1595)  zu  Steyer.
Erst  todt,  begruͤßte  er  die  sächsische  Erde  wieder;  er  ward
in  der  Hauptkirche  zu  Coburg  begraben.  Schneller  und
schrecklicher  endeten  Grumbach  und  Bruͤck:  Beide  wurden,  nach
bestandener  Folter,  geviertheilt;  ihre  Genossen  theils  gekoͤpft,
theils  gehangen,  das  ausserordentlich  feste  und  alte  Grimmenstein
  mit  vieler  Mühe  und  schweren  Kosten  geschleift,
was  später  dem  Kaiser  sehr  leid  gewesen  seyn  soll.  Der
Churfürst  August  erhielt  für  die,  von  ihm  auf  286,216  Gulden
  berechneten  Kriegskosten,  zu  denen  noch  55,598  Gulden
für  die  unternommenen  Demolitionen  kamen,  die  Aemter
Sachsenburg,  Arnshaug,  Weida  und  Ziegenrück  unterpfändlich
  vom  Ernestinischen  Hause;  später  (1660)  wurden  dieselben
  vdllig  an  das  Albertinische  Haus  abgetreten  und  daraus
  —  mit  Ausnahme  des  Amtes  Sachsenburg,  welches
zum  thüringischen  Kreise  geschlagen  ward  —  der  Neustädter
Kreis  gebildet.  Da  der  Churfürst  sich  durch  die  ihm  verpfändeten
  Länder  noch  nicht  hinlänglich  gedeckt  sah,  so  wurde
ihm  im  Jahre  1573  vom  Kaiser  Maximilian  II.  die  Anwartschaft
  auf  fünf  Zwölftheile  der  Hennebergischen  Erbschaft
  ertheilt.  August  machte  auf  diese  Art  Erwerbungen
für  Gegenwart  und  Zukunft,  und  wenn  man  bios  auf  die
politischen  Folgen  seiner  Handlungsweise  sieht,  so  waren
seine  Länder  ihm  dafür  allerdings  zu  Danke  verpflichtet.
Allein  die  Härte,  welche  er  gegen  seinen  Verwandten  Johann
  Friedrich  II.  übte,  besonders  dadurch,  daß  er  seiner
Freilassung,  für  welche  sich  mehrere  Fürsten  angelegentlich
17  *

1573
        <pb n="298" />
        260  Churfuͤrst  August.

bei'm  Kaiser  verwendeten,  eifrig  entgegenarbeitete,  fand  starke
und  wohl  nicht  ungerechte  Mißbilligung,  die  theils  heimlich,
theils  offen  gegen  ihn  ausgesprochen  wurde.  Das  meiste
Aufsehen  erregte  ein  auf  ihn  gemachtes  Spottgedicht:  die
„Nachtigall;“  es  wirkte  so  stark,  daß  man  dem  Verfasser
an  Leib  und  Leben  wollte.  Ueberhaupt  scheint  August  in
solchen  Faͤllen  eine  sehr  duͤnne  Haut  besessen  zu  haben,  so
daß  der  leiseste  Spott  oder  Tadel  unbehaglich  ihn  ergriff  und
ihn  —  was  freilich  nicht  eben  der  Beleg  eines  reinen  Bewußtseyns,
  geschweige  denn  einer  großen  Scele  —  zu  Feindschaft
  und  Nache  gegen  den  Urheber  hinriß,  wofür  sich  mehrere
  Fälle  als  Beweise  vorfinden.

Durch  den  Tod  des  letzten  (Titular-)  Burggrafen  von
Meißen  plauischer  Linic,  des  Grafen  Heinrich  von  Hartenstein,
  fiel  die  burggräfliche  Reichöstandschaft,  wie  auch  Titel
und  Wappen  an  den  Churfürsten  August.  Die  burggräflichen
Länder  und  Güter,  hatte  der  Burggraf  Heinrich  II.  schon
im  Jahre  1439  durch  den  sogenannten  Machtspruch  an  Chursachsen
  überlassen  und  blos  Titel  und  Wappen  und  die  Reichsstandschaft
  noch  für  sich  behalten.  Auch  von  denjenigen
Gütern,  welche  die  Burggrafen  als  Voigte  von  Plauen  be-1330

  sessen  hatten,  hatte  August  schon  im  Jahre  1559  Amt  und
Schloß  Voigtöberg,  die  Städte  Plauen,  Oelsnitz  und  Adorf,
nebst  einigen  Flecken  unterpfandlich,  und  später  (1569)  erblich
  an  sich  gebracht.  Eben  so  fiel  ihm  das  Amt  Pausa  zu.
Dennoch  machte  es  ihm  Mühe,  die  Belehnung  darüber  zu
empfangen;  denn  die  erworbenen  Güter  waren  böhmische
Lehen,  und  August  mußte  sich  erst  verbindlich  machen,  keine
böhmische  Lehngüter  weiter  an  sich  zu  kaufen,  ehe  Kaiser
Maximilian  II,  als  König  von  Böhmen,  ihm  die  Belehnung
ertheilte.  August  ward  nicht  müde,  sich  unaufhörlich  nach
neuen  Erwerbungen  umzusehen,  und  was  sein  Bruder  Moritz
durch  Klugheit  und  Kühnheit  vereint  ausrichtete,  gelang  ihm
durch  einen  gewissen  politisch=  kaufmännischen  Tact.

Die  alten  berühmten  und  einst  mächtigen  Grafen  von
Mansfeld,  welche  von  den  Herren  von  Querfurt  abstammten,
  theilten  sich  in  zwei  Linien,  die  Ernestinische  und  Alber-
        <pb n="299" />
        Churfuͤrst  August.  261

tinische,  oder  hinter-  und  vorder-ortische,  zu  welchen  noch
eine  mittel-ortische  kam.  Die  vorderortische  Linie  war  im
sechszehnten  Jahrhundert  in  eine  starke  Schuldenlast  gerathen,
die  man  auf  mehr  als  zwei  Millionen  Gulden  anschlug.
Die  Gläubiger  rissen  bereits  ein  Stück  nach  dem  andern  an
sich,  und  um  nicht  das  ganze  Land  in  die  Hände  der  Gläubiger
gerathenzu  lassen,  schlossen  die  Lehnsherren,  Chursachsen,
Magdeburg  und  Halberstadt,  am  13.  September  1570  den
Leipziger  Sequestrationsabschied,  nach  welchem  drei  Oberaufseher
  das  Land  verwalteten  und  die  Gläubiger  abgefunden
wurden,  die  Grafen  aber  einen  bestimmten  Unterhalt  erhielten,
  womit  die  meisten  derselben  einverstanden  waren.  Da
jedoch  dieses  dreifache  Lehnswesen  zu  häufigen  Irrungen  führte,
so  schloß  der  Churfürst  August  1573  den  im  folgenden  Jahre
auch  vom  Kaiser  bestätigten  Permutationsreceß  mit  Halberstadt,
  durch  welchen  er  die  volle  Lehnsherrlichkeit  über  alle
Güter,  welche  die  Grafen  von  Mansfeld  biöher  von  Halberstadt
  zu  Lehen  getragen,  tauschweise  an  sich  brachte.  Er
ließ  durch  einen  Oberaufseher,  welcher  seinen  Sitz  zu  Eißleben
  hatte,  die  mansfeldischen  Einkünfte  erheben  und  da  dieselben,
  wegen  der  Schwere  der  Schuldenlast,  knapp  genug
zu  Abtragung  der  Zinsen  und  der  Scquestrationskosten  reichten,
  so  dauerte  die  Sequestration  bis  zum  volligen  Absterben
  des  mansfeldischen  Grafenhauses  (1780),  worauf  das
sequestrirte  Land  zu  einem  eröffneten  Lehen  wurde  und  beinahe
  gänzlich  an  Chursachsen  siel.  Die  drei  Bisthümer  Meißen,
  Merseburg  und  Naumburg,  welche  schon  seit  längerer
Zeit  alle  Mühe  angewendet  hatten,  sich  der  landesförstlichen
Hoheit  und  Schutzgerechtigkeit  Chursachsens  zu  entziehen  und
sich  unter  Reichsunmittelbarkeit  zu  stellen,  wußte  August
ebenfalls  näher  an  sich  anzuschließen.  Er  verglich  sich

1570

1573
1574

im  Jahre  1561,  nach  erfolgtem  Ableben  des  Bischofs  Michael  1561

Sidonius,  mit  dem  Domkapitel  zu  Merseburg,  und  im  Jahre
1564,  nach  dem  Tode  des  Julius  von  Pflug,  der  schon  weiter
  oben  erwähnt  worden  ist,  mit  dem  Capitel  zu  Naumburg
  dahin,  daß  sie  seinen  Sohn  Alexander  zu  ihrem  Administrator
  wählten,  welcher  wiederum,  mit  Genehmigung  der

1561
        <pb n="300" />
        262  Churfuͤrst  August.

Capitel,  die  Stiftsregierung  seinem  Vater  abtrat,  und  diesem
  blieb,  nach  Alexanders  Tode  (1565),  die  Administration
beider  Stifte.  Auch  das  Bisthum  Meißen  nebst  dem  Col-1581

  legiatstifte  Wurzen,  wurde  im  Jahre  1581  dem  Churfürsten
vom  Bischof  Johann  von  Haugwitz  auf  gewisse  Jahre  uͤber—
geben;  allein  dieser  unbestimmten  Zeit  ohngeachtet,  behielt
das  Bisthum  Meißen  seit  dieser  Uebergabe  immer  einen  Administrator
  aus  dem  chursächsischen  Hause,  und  wurde  Letterem
  spater,  unter  Johann  Georg  II.  auf  immer  überlassen.
  So  war  der  Streit  mit  den  widerspenstigen  Bisthümern
  endlich  auch  beigelegt.

August  verstand  dasjenige,  was  die  kühne  Staatsklugheit
und  das  Gläck  seines  Bruders  erworben  hatten,  auf  eine  vorsichtige
  und  richtige  Weise  zu  befestigen  und  einzuwurzeln.
Beinahe  ohne  jedes  kriegerische  Mittel  —  wenn  man  die
kurze  Reichsfehde  gegen  Johann  Friedrich  II.  abrechnet,  welche
August  geleitet  hatte  —  waren  durch  ihn  wichtige  Eroberungen
  gemacht  worden,  durch  welche  sich  sein  Länderbesitz
immer  mehr  abrundete  und  an  innerm  Halte  gewann.  Aber
man  muß  ihm  den  Ruhm  lassen,  daß  seiner  Regierung  auch
eine  böhere  Tendenz,  als  blos  dussere  Erweiterung  und  Sicherstellung
  seines  Länderbesitzes,  zum  Grunde  lag.  Durch
zweckmäßige  Einrichtungen,  welche  mehr,  als  jene  kaufmännische
  Politik,  für  seinen  Beruf  zum  Fürsten  zeugten,  verstand
  er  auch  die  innere  Bedeutsamkeit  seiner  Länder  zu  erhöhen,
  die  Intelligenz  zu  befördern,  dem  Wohlstande  behülflich
  zu  seyn,  kurz  alle  Pulse  des  innern  Staatslebens  in
thätigen  und  heilsamen  Gang  zu  bringen.  Seine  Einrichtungen
  für  diese  Zwecke  geben  einen  Scharfsinn,  eine  Staatskenntniß
  und  zugleich  eine  treffende  allgemeine  Anschauung
kund,  worin  keiner  seiner  Zeitgenossen  ihm  gleich  kam.  Er
überflog  durch  diese  Vorzüge  unstreitig  sein  ganzes  Jahrhundert,
  und  selbst  vor  spätern  Zeiten  —  wo  das,  was  ihm  nur
angeborner  richtiger  Sinn  und  ein  gesundes  Naturgefühl
eingaben,  systematisch  betrieben  und  als  Wissenschaft  betrachtet
  wurde  —  hätte  er  nicht  die  Schranken  räumen  dürfen.
Nach  der  kurzen,  und  mehr  nach  aussen  als  nach  innen  ge-
        <pb n="301" />
        Churfuͤrst  August.  263

richteten  Helden=  und  Regentenzeit  eines  Moritz,  dessen  Wirksamkeit,
  als  eine  nur  vorbereitende,  eine  nachfolgende  ordnende
und  befestigende  Thätigkeit  erforderte,  durfte  kaum  ein  anderer
  Fürst,  als  August  erscheinen,  der  alles  von  seinem  Vorgänger
  Erworbene  bestens  zu  pflegen  verstand.  Unter
jedem  andera  Fürstenwirken  würden  viele  der  errungenen
Vortheile  wieder  daraufgegangen  seyn,  denn  erhalten  ist
schwerer  als  erobern;  und  man  muß  in  dieser  Reihefolge  die
scharfsinnige  Fügung  des  Schicksals  bewundern,  welche  dem
zusammenkämpfenden  und  erringenden  Helden  Moritz  den
besonnenen  Pfleger,  den  klugen  Sammler  August  folgen  ließ.
Zwei  so  große  Fürstenleben,  welche  in  ihrer  verschiedenen
Richtung  sich  so  zweckmäßig  berührten  und  gleichsam  gegenseitig
  ergänzten,  mußten  freilich  auf  Sachsens  inneres  und
dußeres  Gedeihen  die  wichtigsten  und  ersprießlichsten  Folgen
haben.

Einer  Hauptverbesserung  bedurfte  die  sächsische  Rechtsverfassung.
  Hier  konnte  freilich  nicht  mit  cinem  Male  Alles
geleistet  werden;  der  Weltgeist  hatte  durch  die  Reformation
einen  zu  riesigen  Vorschritt  gethan,  als  daß  menschliche  Institutionen,
  zumal  die  noch  bestehenden  eingerostet  und  zu
sehr  hinter  der  Zeit  zurückgeblieben  waren,  ihm  se  schnell
hätten  folgen  können.  Dennoch  faßte  August  dieses  schwierige
  Werk  —  ein  um  so  undankbareres,  da  der  Erfolg  nicht  dem
ersten  Kraftaufwand  entsprechen  konnte,  sondern  mehr  von
einer  kommenden  Zeit  erwartet  werden  mußte  —  mit  Muth
und  umsicht  an.  Die  frühern  Zeitalter  hatten  nichts  für
die  Verbesserung  des  Privatrechtes  gethan  und  so  sah  sich
dasselbe  theils  unsichern  Bestimmungen,  theils  veralteten,
nicht  mehr  mit  der  Gegenwart  zu  vereinbarenden  Satzungen,
theils  aber  auch  der  offenen  Willkühr  des  Nichters  überantwortet.
  Einige  Landesordnungen  von  früherher,  ebenfalls  den
Anforderungen  der  Zeit  im  Ganzen  nicht  mehr  entsprechend,
zeugten  von  der  grobsten  Lückenhaftigkeit  und  richteten  sich  beinahe
  blos  auf  polizeiliche  Reformen.  Fremde  Rechte,  nicht
immer  der  Beschaffenheit  des  Landes  und  des  Volkes  acclimatisirt,
  hatten  sich  in  die  Lücken  der  einheimischen  gedrängt,
        <pb n="302" />
        264  Churfuͤrst  August.

und  was  von  den  letztern  noch  uͤbrig  geblieben,  bedurfte
wiederum  erst  einer  Erlaͤuterung.  Mehrere  Staͤdte,  in  denen
man  die  Unzulaͤnglichkeit  der  inlaͤndischen  Rechte  einsah  und
dennoch  es  verschmaͤhte,  sich  der  auslaͤndischen  zu  bedienen,
hatten  ihre  Gewohnheiten  zum  Rechte,  ihre  Lieblingsansich—
ten  allmahlig  zum  Gesetze  gestaltet;  man  nannte  sie  Statuten,
doch  entbehrten  sie  nicht  nur  der  Bestimmtheit,  sondern  hauptsächlich
  der  Umfassenheit  und  der  allgemeinen  Anwendbarkeit,
  insofern  sie  meist  nur  individuellen  Bedürfnissen  und
Rücksichten  entsprachen.  Man  mußte  sich,  bei  dieser  Unklarheit,
  Verschiedenheit  und  der  unausreichenden  Beschaffenheit
der  sächsischen  Rechtsverfassung,  größtentheils  an  die  romischen
  und  kanonischen  Rechte  halten,  deren  Unübereinstimmung
  zu  dem  Lande,  namentlich  aber  zu  der  in  so  vielen
Hauptpuncten  umgestalteten  Zeit,  ebenfalls  zu  einer
Menge  von  Irrthümern,  Widerspruchen  und  Unpassenheiten
führte.  Es  war  daher  dringend  nöthig,  den  Land=  und  den
stddtischen  Gesetzen  einen  allgemeinen  innern  Anhalt  zu  verleihen
  und  sie  auf  ein  gewisses  Princip  zurückzuleiten,  wodurch
der  bisherigen  Zersplitterung  abgeholsen  würde.  August  setzte,
1572  zu  diesem  Zwecke,  im  Jahre  1572  eine  Gesetzcommission  aus
churfürstlichen  Räthen  und  aus  Juristen  der  Leipziger  und
Wittenberger  Universktät  zu  Meißen  nieder.  Sie  kamen  binnen
  vier  bis  fünf  Wochen  mit  einem  Entwurfe  zu  cinem
Gesetzbuche  zu  Stande,  den  August  auf  einem  Ausschußtage
zu  Meißen  der  sächsischen  Ritterschaft  vorlegte.  Allein  theils
war  dieser  Entwurf  in  sich  selbst  dusserst  mangelhaft,  theils
fand  er  auch  bei  den  Städten,  die  man  bei  dem  Ausschußtage
  übergangen  hatte,  sehr  viel  Widerspruch.  August  beschloß
  daher,  den  Entwurf  einer  gänzlichen  Umarbeitung  zu
unterwerfen,  welches  Geschäft  er  seinem  umsichtigen  und  gelehrten
  Canzler  D.  Cracau  übertrug.  Derselbe  legte  noch
cine  ziemlich  strenge  Feile  an,  und  wußte  auch  wirklich  dem
neuen  Gesetzbuche  eine  übereinstimmendere  Form  abzugewinnen,
  obschon  es  selbst  in  dieser  verbesserten  Gestalt  noch
1572  Vieles  zu  wünschen  übrig  ließ,  Es  wurde  von  August  unter
  dem  Namen  der  Constitutionen  —  welche  Begriffe  hat
        <pb n="303" />
        Churfuͤrst  August.  265

die  neueste  Seit  an  dieses  Wort  geknäpft!  —  mitgetheilt
  und  die  Gerichte  seiner  Lande  darauf  verwiesen.  Einige
dicser  Constitutionen  wurden  nicht  verdffentlicht,  sondern  den
Gerichten  zu  besonderer  Anwendung  handschriftlich  mitgetheilt.
Später  erschienen  jedoch  auch  diese  gedruckt.

Neben  dem  Ruhme  eines  thätigen  Gesetzgebers,  wodurch
er  sich  den  Beinamen  des  sächsischen  Justinians  erwarb,
ward  ihm  mit  besonderem  Rechte  das  Lob  eines  weisen  und
umsichtigen  Staatswächters.  Er  sorgte  mit  unermäüdlicher
Umsscht  für  gute  Verwendung  des  Bodens  und  wußte  hierbei
  seine  Leute  mit  großer  Kenntniß  zu  wählen.  In  jeder
Hinsicht  unterstützte  er  den  Landbau,  dessen  Wichtigkeit  für
den  Wohlstand  eines  Landes  ihm  vollkommen  einleuchtete,
der  vaterländische  Obst=  und  Weinbau  ward  unter  ihm  mit
verdoppelter  Thätigkeit  betrieben  und  das  Forstwesen  gewann
an  Bedeutung,  indem  er,  als  ein  großer  Jagdfreund,  nicht
nur  das  Jagdwesen  selbst  mit  vieler  Vorliebe  cultivirte,  sondern
  auch,  neben  dem  starken  Holzhandel,  den  Sachsen  damals
  nach  aussen  trieb,  durch  Anlegung  guter  Baumschulen
jedem  künftigen  Mangel  an  Holz  zu  begegnen  und  den  starken
  Verbrauch  bestens  zu  decken  wußte.  Mit  gleicher  Aufmerksamkeit
  richtete  er  seine  Blicke  auf  den  vaterländischen
Bergbau,  den  er  nach  Möglichkeit  ausbeutereich  zu  machen
und  demselben,  wie  z.  B.  durch  die  Bearbeitung  des  Kobalds
zu  blauer  Farbe,  manche  ergiebige  Seite  abzugewinnen  verstand.
  Durch  seine  Bergwerksordnung  stellte  er  diesen  Zweig
noch  fester  und  ließ  durch  erfahrne  Maänner,  die  er  begierig
aufsuchte  und  an  sich  zog,  das  Schmelz=  und  Hüttenwesen
zweckmäßig  verbessern.  Selbst  Perlenfischerei,  Goldwäscherei,
Voͤgel-  und  Bienenzucht,  Teich=  und  Fischordnung  entgingen
seinem  Blicke  nicht  und  wurden  durch  ihn  gefördert  und  gesichert.
  Seiner  Zeit  voraneilend,  arbeitete  er  schon  an  einer
Verminderung  der  Frohndienste,  wohl  wissend,  welch  ein
Unterschied  zwischen  den  Resultaten  eines  freiwilligen  und
denen  eines  erzwungenen  Fleißes  bestehe,  und  verpachtete  die
landesherrlichen  Domainen.  Selbst  dem  Gelde,  welches  andere
  Fürsten  in  nutzloser  Ruhe  zu  vergraben  und  zu  vermau-
        <pb n="304" />
        266  Churfuͤrst  Auguf.

ern  pflegen,  verlieh  er  einen  Umschwung,  indem  er  Capitalien
  in  den  Aemtern  niederlegte  und  sie  im  Einzelnen  ausleihen
  ließ,  wodurch  sich  auf  doppelter  Seite  Vortheile  erdffneten,
  indem  Mancher  dadurch  Mittel  in  die  Hände  bekam,
seinem  Unternehmungsgeiste  eine  Bahn  zu  eroöffnen,  und  das
ausgeliehene  Geld  wiederum  Zinsen  abwarf.  Ganz  besonders
  aber  wußte  August  den  Gewerbsgeist  im  Manufacturund
  Fabrikfache  anzuspornen  und  zog,  um  die  fdrdernden
Kräfte  zu  vermehren,  über  20,000  Colonisten  aus  den  Niederlanden,
  welche  sie  wegen  kicchlichen  Druckes  verließen,  in
seine  Lande  herein.  Von  dort  aus  siedelte  sich  die  Baumwollen
  -Manufactur,  dieser  für  Sachsen  später  so  hochwichtige
  Gewerbszweig,  herüber.  Die  Kenntnisse  der  nach  Sachsen
  gezogenen  Ausländer  paarten  sich  nunmehr  mit  dem  Fleiße
der  Eingebornen,  die  Fabriken  erreichten  schon  damals  eine
sehr  erfreuliche  Bluͤthe  und  der  Handel  mit  inländischen  wollenen,
  seidenen,  baumwollenen  und  leinenen  Zeuchen  ward
bedeutend.  Im  Ertgebirge  ward  das  Spitzenklöppeln  mit
Gläck  und  Geschicklichkeit  betrieben;  kurz,  von  August  angeregt,
  erwachte  in  Sachsen  ein  neues  gewerbthätiges  Leben
und  blühte  in  fröhlicher  Betriebsamkeit  einem  allgemeinen
Wohlstande  zu.  Mutter  Anna,  von  deren  hauswirthlicher
Geschaftigkeit  man  sich  noch  jetzt  so  Vieles  zu  erzählen  weiß,
mag  ihrem  fürstlichen  Gatten  bei  solchen  Anordnungen  wohl
manchen  practischen  Wink  ertheilt  haben.  Selbst  das  bisherige
  Botenwesen  bildere  er,  freilich  ohne  den  Plan  abzuschließen,
  einer  Posteneinrichtung  zu  und  würde  wahrscheinlich
noch  mehr  zu  Vervollkommnung  dieser  Sache  gethan  haben,
wenn  sich  ihm  nicht  Widerstand  entgegengedrängt  haͤtte.
Bei  Unvollkommenheiten  und  Beschraͤnkungen  finden  immer
gewisse  Leute  ihre  Rechnung,  und  das  Widerstreben  solcher
Einzelnen,  die  sich  von  der  allgemeinen  Unbequemlichkeit
maͤsten,  ist  es  eben,  was  jeder  heilsamen  Neuheit  den  Eingang
  trotzig  vertreten  mochte.  Unter  keinem  Fürsten  hat
Sachsen  in  seinen  innern  Verhältnissen  so  schnelle  Fortschritte
gemacht,  als  unter  August,  und  unbedingt  muß  man  ihn,
obschon  man  mit  Unbehagen  und  Bedauern  auch  schwächere
        <pb n="305" />
        Churfuͤrst  August.  267

Zuͤge,  ja  sogar  Flecken  an  ihm  wahrnimmt,  in  Absicht  auf
seine  Verdienste  um  Ordnung,  Wohlstand  und  Intelligenz
in  seinen  Landen,  den  ersten  Regenten  seiner  und  mancher
andern  Zeit  nennen.  So  oft  er  sich  jedoch  in  andre  Interessen
  mischte,  irrte  er  meist  in  seinem  Vortheile.

Schweren  Kummer  verursachten  dem  Churfürsten  die  damals
  ausbrechenden  Religionshändel.  Luther  und  Melanchthon
  —  im  Leben  so  innig  verbrüderte  Seelen  —  hatten
im  Tode  gleichsam  eine  widerstrebende  Stellung  gegen  einander
  angenommen,  die  freilich  eigentlich  nur  in  der  Augentäuschung
  der  Nachwelt  lag.  Luther  war  gegen  sein  Lebensende
  hin,  immer  unbeugsamer,  beharrlicher  geworden,  und
diese  seine  Sinnesart  gab  freilich  nicht  immer  den  rechten
Maaßstab,  wie  und  mit  welchen  Mitteln  eine  junge  Lehre
auftreten  und  sich  durchkämpfen  dürfe.  Seine  Unbeugsamkeit,
  die  sich  sogar  auf  nicht  immer  wesentliche  Dinge  lenkte,
hatte  Manches  verdorben;  man  darf  nur  an  die  durch  ihn
veranlaßte  Lossagung  der  schweizerischen  Glaubensgenossen
denken.  Wo  sein  Feuereifer  rücksichtslos  seinen  Pfad  verfolgte
  und  sich  lieber  auf=  als  Etwas  nachgab,  suchte  der
friedliche  Melanchthon,  mit  seiner  mildern  Ansicht  und  seinem
  feinern  Weltsinne,  zu  vermitteln,  nachzulassen  und  zu
vereinigen.  Luther's  strenger  Eifer  hatte  in  der  letzten  Zeit
manches  Gemüth  seiner  Lehre  entfremdet  und  es  Melanchthon's
  Grundsätzen  zugeführt,  der  freilich  nicht  im  Geringsten
Etwas  von  einer  Trennung  ahnete  und  erschrocken  seyn  würde,
  wenn  er  hätte  glauben  können,  daß  er  der  Stifter  einer
neuen  kirchlichen  Partei  werden  sollte.  Nach  seinem  Tode
(19.  April  1500)  schlossen  sich  seine  Schüler  und  Freunde  —
unter  ihnen  des  Churfürsten  nächste  Räthe  und  Begünstigte,
wie  der  Geheimerath  Cracau,  der  Leibarzt  Peucer  (Melanchthon's
  Schwiegersohn)  der  Hofprediger  Schütz,  der  Kirchenrath
  Stößel  u.  A.  —  seinen  Ansichten  noch  naͤher  an,  sie
traten  unwillkührlich  dadurch  der  schweizerischen  Lehre  im
Puncte  des  Abendmahls  bei,  die  hierin  freilich  dem  denkenden
  Manne  durch  ihr:  „es  bedeuket,“  besser  zusagen  mußte,
als  Luther's  mystisch=  künstliche  Auslegung  und  seine  Mei-
        <pb n="306" />
        268  Churfuͤrst  August.

nnug  von  einer  geheimnißvollen  Mittheilung  des  wahren  Leibes
  und  Blutes.  Wie  jede  innige  Ueberzeugung,  so  draͤngte
auch  sie  es,  Andere  fuͤr  ihre  Ansicht  zu  gewinnen.  Der  An—
hang  mehrte  sich  schnell  und  bedeutend,  und  der  Streit  uͤber
das  Abendmahl  griff  immer  mehr  um  sich,  so  daß  eine  Re—
formation  der  Resormation  nahe  schien.  Obschon  sich  diese
Philippisten  —  wie  man  sie  nach  ihrem  Meister,  Pbllipp
Meclanchthon,  nannte  —  keincsweges  an  die  hartverschricene
Lehre  Calvin's  anschlossen,  so  bezeigten  sie  doch  derselben  eine
Duldung  und  Achtung,  welche  sie  unmittelbar  in  den  Verdacht
  des  Calviniömus  brachte  und  ihnen  den  Lamen:  Kryptocalvinisten
  erwatb.  Während  besonders  von  der  Wittenberger
  Universität  aus,  welche  noch  immer  der  milde  Geist
Melanchthon's  durchwehte,  die  Grundsaͤtze  der  Philippisten
sich  immer  mehr  verbreiteten,  wuchs  in  gleichem  Verhältniße
  auch  der  Widerstand  dagegen,  und  der  Churfürst  August
  begann  mitunter  aufmerksam  zu  werden.  Aber  seine
philippistischen  Räthe  wußten  ihn  mit  so  vieler  Vorsicht  zu
behandeln,  ihm  so  behutsam  ihre  Meinungen,  so  weit  er  sie
kennen  sollte,  beizubringen,  daß  er,  ohne  es  eigentlich  zu
ahnen  und  trotz  seiner  strengen  Anhänglichkeit  an  Luther,
selbst  Einer  der  Ihrigen  ward.  Freilich  war  der  Churfürst
gewissermaßen  in  einer  Tauschung  gehalten,  jedoch  nur  über
die  äussere  Form,  denn  der  Philippismus,  dem  er  sich,  ohne
an  dessen  Existenz  zu  glauben,  selbst  angeschlossen  hatte,  enthielt
  in  seinen  wesentlichen  Theilen  durchaus  nichts,  die
Wahrheit  und  das  Gewissen  Verletzende.  Er  ließ  also  sorglos
  so  Manches  geschehen,  was  die  Ausbreitung  des  sogenannten
  Kryptocalvinismus  sehr  unterstützte;  dahin  gehörte
besonders  die  Einführung  des  Wittenberger  Katechiömus  an
die  Stelle  des  Lutherischen.  Von  Jena  und  Weimar  aus,
wo  das  Lutherthum  auf  eine  sehr  orthodore  und  hartnäckige
Weise  verfochten  wurde,  erhob  sich  ein  großes  Geschrei  gegen
  den  Kryptocalvinismus  in  Chursachsen,  und  der  herzoglich
  sächsische  Hof,  ebenfalls  von  dem  strengen,  unnachgiebigen
  Geiste  der  dortigen  Lutheraner  beseelt,  half  dieses  Geschrei
  mehren.  Da  ereignete  sich  plötzlich  ein  Todesfall,  der
        <pb n="307" />
        Churfuͤrst  August.  269

dem  Kryptocalvinismus  noch  groͤßere  Bahn  brach.  Der  Herzog
  Johann  Wilhelm  von  Weimar  starb  und  August  verschaffte
  sich  die  Vormundschaft  uͤber  die  beiden  Prinzen.  Die
Kryptocalvinisten  —  nunmehr  schon  muthiger  geworden  und
diesmal  die  von  ihrem  Vorbilde,  Melanchthon,  ererbte  weise
Duldsamkeit  und  Mäßigung  gaͤnzlich  verläugnend  —  verfielen
  in  den  Eiferergeist  ihrer  Gegner.  Durch  ihren  Betricb
wurden  eine  Menge  streng=  lutherischer  Theologen  von  Weimar
  und  Jena  schonungslos  verjagt  und  ihre  Stellen  mit
Wittenberger  Theologen  besebt.  Diese  gewaltsamen  Schritte
veranlaßten  nunmehr  auch  diejenigen  coangelischen  Fürsten  zur
Sprache,  welche  bisher  mehr  oder  weniger  geschwiegen  hatten.
Von  allen  Seiten  ward  der  Churfürst  August  mit  Briefen
überhäuft,  welche  ihm  den  Calvinismus  seiner  Räthe  bewiesen
  und  deren  steigende  Willkühr  anklagten.  Dies  und
die  wirklich  verringerte  Vorsicht  der  Philippisten,  welche  den
von  inniger  Ueberzeugung  fär  Luthern  erfüllten  Churfürsten
nunmehr  offencr  auf  eine  fremde  Seite  zu  ziehen  versuchten
und  ihm  dadurch  zeigten,  daß  wirklich  eine  Trennung  zwischen
  seinen  Räthen  und  den  Lutheranern  bestehe  (was  er
bisher  immer  für  ein  bloßes  Hirngespinst  der  Letteren  gehalten
  hatie),  mußte  dem  in  langer  Selbsttäuschung  erhaltenen
  August  die  Augen  oͤffnen.  Er  gerieth  bei  dieser  Entdeckung
  in  heftigen  Zorn;  denn  eines  Theiles  mochte  es  ihn
tief  schmerzen,  daß  seine  nächsten  Freunde  und  Vertrauten
ein  so  trügerisches  Spiel  mit  seiner  religidsen  Ueberzeugung
sich  erlaubt,  mehr  aber  noch  mochte  es  sein  Selbstgeföhl,
ja  in  gewissem  Sinne  seine  Eitelkeit  verletzen,  wenn  er  bedachte,
  daß  er,  ohne  es  zu  merken,  einer  Spaltung  beigetreten,
  die  man  oft  bei  ihm  verklagt  und  an  welche  er  doch
nie  geglaubt  hatte,  und,  ohne  es  zu  wissen  und  zu  wollen,
seinem  von  ihm  hochverehrten  Luther  abwendig  geworden
war;  und  daß  man,  unter  seinem  Beistande,  dem  Lutherthume
  entgegengewirkt  hatte.  Die  gereizte  Eitelkeit  seiner
Gattin,  Anna,  welche,  ebenfalls  strenge  Lutheranerin,  sich
dennoch  ganz  in  das  nämliche  Trugspiel  hatte  hineinreißen
lassen,  wie  ihr  Gemahl,  kam  hinzu;  obendrein  mochte  sie  ei-
        <pb n="308" />
        1524

1575

270  Churfürst  August.

nen  persönlichen  Widerwillen  gegen  Cracau  hegen,  dessen  Ansehen
  bei  ihrem  Gemahle,  ihr  den  von  ihr  gewünschten  Einfluß
  auf  Regierungs=  und  Staatsangelegenheiten  verkümmerte
  und  den  sie  daher,  gut  oder  boͤse,  von  seinem  Platze
entfernt  wissen  wollte.  Auf  solche  Weise  ward  des  Churfürsten
  eigener  Zorn  noch  durch  den  Zorn  seiner  Gattin  gemehrt
und  angefacht,  und  er  dadurch  zu  einer  Härte  gegen  seine
sonstigen  Freunde  gestimmt,  die  man  ihm  selten  gut  geheißen
  hat  und  die  ihm  um  so  weniger  ansteht,  da  er,  obschon
nur  aus  Mangel  eigner  Erkenntniß  (für  welche  endlich  aber
doch  nur  er  —  der  Mann,  der  Fürst  —  selbst  verantwortlich
  bleibt)  gewissermaßen  die  religibse  Meinung,  mithin  auch
die  Schuld  —  wenn  es  wirklich  eine  gab  —  seiner  Rathe
theilte.  Es  kam  nun  zu  einer  scharfen  Untersuchung,  D.
Cracau,  Peucer,  Stössel  und  der  Hofprediger  Schutz,  wurden
  1574  verhaftet  und  ihnen  der  Proceß  gemacht.  Cracau,
dessen  wichtige  Verdienste  um  die  sächsische  Gesetzgebung
August  eben  so,  wie  der  einstigen  Freundschaft  vergaß,  mußte
den  Zorn  seines  Gebieters  und  vielleicht  mehr  noch  der  ihm
erbitterten  Churfürstin  am  schwersten  empfinden.  Man  brachte
ihn  auf  die  Folter  und  die  bestandene  Marter  brachte  dem
unglücklichen  Manne  (16.  März  1575)  den  Tod.  Percer
hatte  eine  langwierige  Haft,  theils  zu  Nochlitz,  theils  zu
Leipzig  auszustehen  und  erhielt  erst  unter  August's  zweiter
Gemahlin  1586  seine  Freiheit;  doch  hatte  selbst  der  lange
Kerkerzwang  seine  freudige  Ueberzeugung  nicht  wanken  machen
  können  und  er  bekannte  sie  fest  auch  als  Gefangener.
Der  Hofprediger  Schüt  erlebte  ebenfalls  den  Tag  seiner
Befreiung;  nicht  aber  Stössel,  welcher  im  Gefängnisse  starb.
Eine  strenge  theologische  Untersuchung  ging  durch  alle  chursächsische
  Lande;  mehrere  Wittenbergische  Theologen  —  unter
ihnen  Pezel  und  Cruciger  —  verloren  ihre  Stellen.  Alle
Uebrigen,  Prediger  wie  Schulmänner,  mußten  die  sogenannte
Formula  concordiae  unterschreiben  —  welche,  nachdem  das
früher  entworfene  „torgauische  Buch“  zu  vielen  Widerspruch
gefunden  hatte,  auf  dessen  Grund  von  einigen  Theologen
des  Churfürsirn,  Andred  u.  A.  zu  Kloster-Bergen  entwor-
        <pb n="309" />
        Churfuͤrst  August.  271

fen  worden  war  —  oder  auf  ihre  Stellen  Verzicht  leisten.
Durch  diese  Strenge  konnte  man  wohl  innerhalb  der  chursächsischen
  Lande,  der  Concordienformel  Eingang  und  dußerliche
  Ancrkennung  verschaffen,  jedoch  nicht  das  Ausland
dafür  gewinnen,  wo  sie  starken  Widerspruch  fand.  Die
Caloinisten,  welche  sich  durch  sie  geächtet  glaubten,  hätten
beinahe  dem  Churfürsten  August  offene  Feindseligkeiten  erwiesen;
  selbst  Elisabeth  von  England  wäre  beinahe  gegen  ihn
aufgereizt  worden,  und  er  mußte  eiligst  eine  Erklärung  von
sich  geben,  daß  seine  Maßregeln  nur  dem  protestantischen
Deutschland,  nicht  aber  dem  protestantischen  Auslande  gelten
  sollten.  Natürlich  konnten  August  und  Anna  mit  diesem
ihren  Eifererverfahren  nur  die  außere  Form  todtschlagen,
doch  der  Geist  der  Neuerung  regte  sich  um  so  geschäftiger
in  den  Trümmern  seiner  Hülle.  Die  Geistlichen  hielten  sich
zwar,  um  ihre  Stellen  nicht  einzubüßen,  genau  an  die  ihnen
  aufgedrungenen  Dogmen,  sie  buchstabirten,  da  Geist  und
Herz  nicht  so  leicht  sich  der  Form  zu  fügen  wußten,  wie
das  seelenlose  Wort,  die  Religion  nach  Sylben  und  Saͤtzen
ihren  Gemeinden  war,  aber  mit  den  Abweichungen  ging  auch
die  Ueberzeugung  für  manchen  Theil  des  schon  früher  Bestehenden
  verloren.  Man  hatte  Alles  oder  Nichts  unterdrückt.
Nach  dem  Tode  seiner  Gemahlin,  Anna,  (15.  October
1585)  —  die  noch  weit  achtbarer  gewesen  seyn  würde,  wenn  1585
sie  ihre  wirthschaftlichen  Sorgen  nicht  auch  auf  Landesund
  Religionsangelegenheiten  ausgedehnt  hätte,  verheirathete
sich  August  ziemlich  schnell  wieder  an  Agnes  Hedwig,  die
dreizehnjährige  Tochter  des  Herzogs  von  Anhalt.  Schon  am
3.  Januar  1586  fand  zu  Dessau  das  feierliche  Beilager  1586
statt.  Doch  sollte  diese  Ehe  eine  sehr  kurze  seyn,  denn  schon
am  11.  Februar  dieses  Jahres,  mithin  kaum  sechs  Wochen  nach
der  Vermählung,  starb  August  zu  Dresden  an  dem  Schlage,
im  sechszigsten  Jahre  seines  Alters,  und  ward  im  churfürstlichen
  Begräbniß  zu  Freiberg  neben  Mutter  Anna  beigesetzt.
Er  hatte  Sachsen,  unmittelbar  nach  heftigen  Stürmen,  zur
schönsten  Blüthe  innerer  Betriebsamkeit  und  Wohlhabenheit
gebracht  und  einen  neuen  Beweis  geführt,  daß  minder  glän-
        <pb n="310" />
        272  Churfuͤrst  August.

zende,  aber  wahre  und  friedliche  Herrschertugenden  geeigneter
sind,  ein  Land  zu  begluͤcken,  als  Heldenmuth,  Ritterthum
und  Waffenglanz.  Eine  friedliche  Erde,  nur  durch  den  Pflug
des  Landmanns  zerrissen,  nahm  den  stillen  Fuͤrsten  in  ihren
Schoos  auf,  welchem  der  Segen  eines,  vom  Gefuͤhle  des
Wohlscyns  durchströmten  Volkes  in  das  Grab  folgte.  Nicht
minder,  als  sein  eigenes,  schaͤtzten  ihn  fremde  Laͤnder  und
das  deutsche  Reich.  Er  hatte  durch  Stiftung  dreier  Collegien,
  des  Cammercollegiums,  des  Appellationsgerichtes  und
des  geheimen  Rathscollegiums,  sich  auch  in  der  vaterländischen
  Rechtsgeschichte  ein  bleibendes  Denkmal  gegründet,
sich  um  Landwirthschaft,  Handel,  Bergbau,  Fabrik=  und  Manufacturwesen
  unschätzbare  Verdienste  erworben.  Auch  mancher
  schöne  und  zweckmäßige  Bau  erzählte  von  ihm;  denn
Bauen  gehdrte  zu  seinen  Steckenpferden  und  er  konnte  sich
um  so  leichter  dieses  Vergnügen  erlauben,  da  er  bei  seiner
trefflichen  innern  Einrichtung,  immer  bei  Gelde  war  und  also
Etwas  zur  allgemeinen  Zierde  beizutragen  die  Mittel  besaß.
Er  hatte  Augustusburg,  Annaburg  und  noch  mehrere  Schloͤsser
erbaut,  das  Zeughaus  zu  Dresden  angelegt  und  den  Königstein
  befestigt.  Die  Verfassung,  welche  er  seinem  Lande  gab,
konnte  zu  seiner  Zeit  unbedingt  als  eine  Musterverfassung
für  alle  übrigen  Staaten  gelten;  dem  in  einem  langen  Gewohnheitsdaseyn
  vor  ihm,  erstarrten  Gesetze,  wußte  er  neues
Leben,  neue  Schwungkraft  zu  verleihen  und  die  Anwendung
war  gewiß  noch  bei  weitem  besser,  als  das  Geses  selbst.
Künstlern  und  Gelehrten  war  er  Freund,  und  er  selbst  verlegte
  sich  mit  Vorliebe  auf  einige  Wissenschaften,  wic  er  denn
z.  B.,  das  wunderlich  =  gierige  Goldstreben  seiner  Zeit  theilend,
  sich  gern  in  alchymistischen  Operationen  versuchte,
welche  natürlich  nicht  das  verhoffte  Resultat  geben  mochten.
Auch  an  der  Drehbank  vertrieb  er  sich  manche  Stunde.  Die
Achtung,  welche  er  im  Auslande  genoß,  verschaffte  ihm,  bei
der  polnischen  Königswahl  (1572)  mehrere  Stimmen;  doch
ging,  gewiß  zu  seinem  Gläcke,  seine  Wahl  nicht  durch.  Von
funfzehn  Kindern,  die  ihm  seine  Anna  geboren,  waren  nur  noch
vier  am  Leben,  denn  eilf  derselben  hatte  der  trauernde  Va-
        <pb n="311" />
        Christian  J.  273

ter  in  die  Grube  legen  muͤssen.  Die  vier  uͤberlebenden  waren
  drei  Toͤchter  und  ein  Sohn,  welcher,  unter  dem  Namen
Christian  I,  seinem  Vater  in  der  Regierung  folgte.  Die
juͤngste  von  August's  hinterlassenen  Toͤchtern,  Anna,  war  an
den  Herzog  Johann  Casimir  von  Sachsen-Coburg  vermaͤhlt,
doch  hatte  diese  Ehe  einen  sehr  traurigen  Ausgang,  denn  der
Herzog  ließ  sich  1593  von  Anna,  weger  verletzter  ehelicher
Treuc,  scheiden  und  sie  zu  ewigen  Gefängniß  verurtheilen,
in  welchem  sie  drei  und  zwanzig  Jahre  zubrachte,  bis  (1613)
der  Tod  sie  befreite.

Es  war  eine  große  Aufgabe,  die  Regierung  in  eben  dem
Geiste  fortzuführen,  wie  es  dem  reichbefähigten  August  gelungen
  war.  Es  gehöbrt  endlich  auch  mehr  noch  dazu,  ein  fremdes
  System  richrig  aufzunehmen  und  weiterzubilden,  als  es
zu  ersinden.  Die  Schwierigkeit  wächst,  wenn  auch  von
aussen  eine  neue  Epoche  eintritt  und  fremdartige  Verhältnisse
berücksichtigt  werden  müssen,  ohne  daß  dabei  das  Ziel  aus
den  Augen  verloren,  noch  der  Pfad  geändert  werden  soll.
Christian  I.  war  freilich  nicht  der  Mann,  sich  in  den  Sinn
der  Regicrung  seines  Vaters  zurückzuversetzen  und  dieselbe  in
ihrer  Bedeutung  zu  erfassen.  Hierzu  fehlte  es  ihm  an  Einsicht,
  aber  es  hätte  ihm  auch  die  Kraft  gemangelt,  dieses
Werk  fortzuführen,  selbst  wenn  er  es  begriffen.  Aus  gutem
Grunde  hatte  ihm  sein  Vater  (1581)  den  Vorsitz  in  dem
1574  von  ihm  errichteten  geheimen  Rathscollegium  ertheilt,
um  ihn  frühzeitig  in  Landesangelegenheiten  einzuweihen  und
ihn  dadurch  in  eine  gute  Vorschule  zu  dem  einst  ihm  zufallenden
  Herrscheramte,  einzuführen.  Aber  Christian  hatte  weder
  den  Scharfblick,  noch  den  ausdauernden  Ernst  seines
Vaters,  und  da  sich  mit  diesen  Mängeln  auch  noch  eine
körperliche  Schwäche  verband,  so  verfiel  er  um  so  schneller
und  gänzlicher  fremdem  Einflusse.  Auf  seinem  ersten  Landtage
  zu  Torgau  (1587)  berieth  sich  Christian  mit  seinen
Ständen  besonders  wegen  ernsthafterer  Uebungen  der  Soldaten,
  welche  unter  der  friedlichen  Regierung  Churfürst  August's
(der  mehr  auf  gute  Disciplin,  als  auf  vieles  Exerciren  seiner
  Kricger  gehalten  zu  haben  scheint)  wohl  ebenfalls  auf

18

1587
        <pb n="312" />
        1501

274  Christian  1.

friedlichen  Fuß  zuräckgekommen  waren,  und  wegen  besserer
Ausrüstung  fester  Plätze,  wie  z.  B.  des  Königsteins.  Schon
August  war  vom  Koͤnig  Heinrich  von  Navarra  um  Hilfe
angesprochen  worden,  hatte  jedoch  sich  durch  ausweichende
Antworten,  besonders  durch  das  freilich  ziemlich  seltsame
Ansinnen:  daß  König  Heinrich  und  die  Hugenotten  erst  der
Concordienformel  beitreten  sollten,  loszumachen  gesucht.  Christian
  hatte  günstige  Begriffe  von  den  Hugenotten  und  da  ihm
Heinrich  als  Oberhaupt  derselben  galt,  so  ließ  er  schon  auf
der  Versammlung  zu  Lüneburg  (Juli  1580)  sich  nicht  abgeneigt
  finden,  Etwas  für  Heinrich  zu  thun.  Doch  zogerte
sich  dies  hinaus,  und  erst  im  Jahr  1591,  wo  der  nunmehrige
  Kènig  Heinrich  der  IV.  seine  Bitte  wiederholte,  schickte
er  ihm  nebst  einer  nicht  unbedeutenden  Jeldsumme,  ein
Corps  Truppen  zu,  obschon  seine  Räthe  ihm  mit  guten  Gründen
  davon  abrathen  wollten.  Die  Erpeditien  trug  jedoch
keine  besonderen  Früchte,  und  Christian  erhielt,  für  die  aufgewendeten
  Kriegskosten,  welche  sich  auf  nicht  weniger  als
zwölf  Tonnen  Goldes  belaufen  haben  sollen  —  einen  Schuldschein
  vom  Konig  Heinrich  ausgestellt,  der  jedoch  nie  bezablt
worden  ist.  Christian's  Räthe  mochten  das  wohl  vorausgesehen
  haben;  aber  just  diesmal  scheint  Christian,  was  sonst
nicht  seine  Art  war,  seinen  eigenen  Weg  gegangen  zu  seyn.
Der  wirthliche  August  würde  große  Augen  dazu  gemacht
haben,  wenn  er  auf  solche  Weise  Truppen  und  Geld  hötte
verschleudern  sehen.

Aber  noch  schmerzlicher  würde  es  August  empfunden  haben,
  wenn  er  es  hätte  mit  ansehen  müssen,  wie  alle  die  von
ihm  mit  Blut  und  Mühe  bezahlten  Anstrengungen,  den  Kryptocalvinismus
  auszurotten,  unter  seinem  Sohn  und  Nachfolger,
  Christian  I.,  voͤllig  nutzlos  gemacht  wurden,  und  wie
dieser  duldsam  cine  religidse  Ueberzeugung  in  seinen  Landen
aufkommen  ließ,  welche  zu  unterdrücken,  August  Seelenruhe
und  Freundschaft  hingeopfert  und  sich  mit  den  Verwürfen
der  Mit=  und  Nachwelt  belastet  hatte.

Der  willenlose,  weichliche  Christian  bedurfte  auf  seinem
Füärstenstuhle  einer  guten  Stütze,  er  mußte  regiert  werden,
        <pb n="313" />
        Christian  J.  275

um  regieren  zu  koͤnnen,  und  ein  verhaͤngnißvolles  Schicksal
stellte  ihm  auch  wicklich  einen  Mann  an  die  Seite,  wie  er
ihn  brauchte.  Dies  war  D.  Nilcolaus  Crell  aus  Leipzig,
ein  talent=  und  wissensvoller  Mann,  welcher,  nachdem  er
in  Grimma  und  dann  in  Leiyzig  studirt,  sich  in  letzterer
Stadt  als  Jurist  so  sehr  ausgezeichnet  hatte,  daß  er  die
Aufmerksamkeit  des  Churfürsten  August  auf  sich  zeg,  welcher
ihn  nach  Dresden  berief.  Christian,  dessen  volles  Vertrauen
er  gewonnen  hatte,  erhob  ihn  zu  seinem  Canzler  und  gab
allmählig  alle  Sorgen  und  alle  Macht  der  Regierung  in  seine
Hände.  Crell,  welcher  sich  vom  Churfürsten  ausdrücklich  die
freie  Ausübung  seincs  reformirten  Glaubens  vorbehalten  hatte,
wußte  in  den  ganzen  Churfürstlichen  Landen  gar  bald  dem
Calvinismus  allen  moglichen  Vorschub  zu  gewähren  und
durfte  hierin  um  so  freier  walten,  da  der  Churfürst  selbst
von  dem  Gemahle  seiner  Schwester  Elisabeth,  dem  eifrig
calvinistischen  Pfalzgrafen  Johann  Casimir  von  Lautern,
sehr  für  diese  Lehre  gestimmt  wurde.  So  erhielt  das  Schulund
  Canzelwesen  eine  caloinistische  Form;  Crell  füllte  die
Consistorien  und  die  höheren  geistlichen  Stellen  mit  Calvinisten,
  mit  deren  Hilfe  —  namentlich  der  beiden  Hofprediger  Johann
  Salmuth  und  David  Steinbach,  in  denen  sich  die  Obercensür
  vereinigte  —  er  allen  erscheinenden  theologischen  Schriften
  die  gewünschte  caloinistische  Färbung  zu  verleihen  wußte.
Bibel  und  Catechismus  mußten  sich  diesem  Geiste  fögen  und
den  Priestern  ward,  bei  Verlust  ibres  Amtes,  verboten,  bei
der  Taufe  den  Erorcismus  —  das  Austreiben  des  Teufels
aus  dem  Taͤuflinge  —  anzuwenden.  Besonders  die  letztere
Einrichtung  veranlaßte  große  Bestürzung  unter  dem  gemeinen
  Volke,  welches  damals  allerdings  noch  nicht  durch  die
Form  bis  zu  dem  Geiste  einer  Glaubenslehre  vorgedrungent
war;  die  Meisten  glaubten,  daß  der  Teufel,  der  keinen  Exorcismus
  mehr  zu  bestehen  habe,  jetzt  wirklich  in  dem  Kinde
bleibe;  Viele  eilten  in  dieser  Vesorgniß  an  entiegene  Orte,
wo  der  Exorcismus  noch  erlaubt  war,  und  bei  mehrfachen
Gelegenheiten  wurde  der  taufende  Priester  durch  Drohungem
und  Gewaltthátigkeiten  von  dem  gemeinen  Manne  gezwungen,
18  *
        <pb n="314" />
        276  Christian  I.

das  Kind  auf  den  Exorcismus  zu  taufen.  Diese  Teufelsfurcht
  lieferte  eben  nicht  den  besten  Beweis  fuͤr  die  Aufklaͤ-rung
  der  Zeit;  indessen  haͤtten  Crell  und  seine  Theologen
besser  gethan,  die  Vorurtheile  eines  Volkes,  welche,  gleich
den  Launen  eines  Kindes,  nur  allmaͤhlig  abgewoͤhnt  werden
koͤnnen,  nicht  mit  solchem  Ungestuͤm  anzugreifen,  sondern  die
Zeit,  als  das  beste  Heilmittel  fuͤr  solche  Gebrechen,  mehr
mitwitken  zu  lassen.  Nur  wenige  Beschwerden  von  den
vielen,  die  sich  erhoben,  konnten  bis  zu  dem  Churfürsten  gelangen,
  denn  es  ging  Alles  durch  Crell's  Hände  und  dieser
wußte  schon,  wie  viel  der  Churfürst  erfahren  dürfe,  und  wie
viel  nicht.  Gleichwohl  wurde  so  laut  gemurrt,  daß  man
sich  gendthigt  sah,  an  einigen  Orten  den  Exorcismus  wieder
zuzulassen.  Dagegen  wurden  mehrere  Geistliche,  welche  sich
den  kirchlichen  Anordnungen  nicht  fügen  wollten,  ihrer  Aemter
  entsetzt  und  des  Landes  verwiesen,  und  selbst  der  Hofprediger,
  D.  Mirus,  welcher  sich  zu  freimüthige  Aeusserungen
  gegen  dieses  Verfahren  erlaubt  hatte,  ward  gefangen
auf  den  Kdnigstein  gebracht.  Die  Unzufriedenheit  gegen  Erell
wurde  dadurch  gemehrt,  daß  er,  um  alle  Landesangelegenheiten
  in  seine  Hand  zu  bekommen,  das  von  August  geführte
geheime  Rathscollegium  beinahe  ganz  ausser  Thätigkeit  brachte
und  dafär  Alles  der  Landesregierung  zur  Entscheidung  anheim
  fallen  ließ,  auch  das  nach  Dresden  versetzte  Obercensistorium
  wieder  aufhob  und  nach  Meißen,  wo  es  vordem
bestanden,  zurückverlegte.  Die  allgemeine  Erbitterung  gegen
Crell  stieg  immer  mehr,  wahrscheinlich  wurde  dieselbe  von
einem  Theile  des  Adels,  welcher  es  nicht  mit  ansehen  konnte,
daß  ein  Mann  von  bürgerlicher  Abkunft  das  unbedingte  Verkrauen
  seines  Fürsten  genieße  und  die  Zügel  der  Regierung
nach  seiner  Willkühr  führe,  noch  angefacht.  Dennoch  stand
Crell,  so  lange  der  Chürfürst  unter  den  Lebenden  weilte,
unerschütterlich  fest  auf  seinem  Platze,  und  der  geschmeichelte
Günstlig  mochte  wohl  kaum  auf  den  Fall  denken,  daß  der
Churfürst  sterben  könne.  Zu  seinem  Verderben  sollte  dies
nur  zu  früh  geschehen.  Christian  I.  starb  am  25.  Septem-1591
  ber  1591.  im  31.  Jahre  seines  Alterb  zu  Dresden.  Man
        <pb n="315" />
        Ehristian  I.  277

wollte  behaupten,  Gift  habe  ihn  so  jung  aus  der  Welt  geraumt,
  und  wenn  sich  auch  keine  nähern  Beweise  für  die
Wahrheit  dieses  Gerüchtes  vorfanden,  so  widerfpricht  es  doch
durchaus  nicht  der  Mbglichkeit,  da  beinahe  auf  keine  andere
Weise,  als  durch  dessen  Tod,  den  gewaltsamen  Fortschritten
des  Calvinismus  ein  Ziel  zu  setzen  war,  und  manche  strenge
Anhänger  des  Evangelismus  vielleicht  selbst  das  dusserste
Mittel  nicht  scheuten,  um  die  neue  eingedrungene  Lehre  zu
vernichten,  ehe  sie  selbst  ihr  gänzlich  erliegen  müßten.  Doch
würde  seine  schwächliche  Körperbeschaffenheit,  welcher  er  obendrein
  an  der  reichbesetzten  Tafel  —  der  er  vor  Allem  zugethan
  —  oft  mehr  zumuthete  als  sie  ertragen  konnte,  einen
natürlicheren  Grund  für  sein  frühzeitiges  Absterben  bieten,
den  man  selbst  in  den  Leichenpredigten  anzuführen  nicht  unterließ.
  Er  war  ein  Fürst  von  wenig  Willenskraft  und
Selbstthätigkeit  gewesen;  die  Mängel  und  Willkührlichkeiten,
wie  die  gelegentlichen  Vorzüge  seiner  Regierung  fallen  ihm
weder  unmittelbar  zur  Last,  noch  gereichen  sie  ihm  zum  besondern
  Verdienste.  Er  hatte  fremdem  Willen  eine  geeignete
Gliederpuppe  abgegeben,  nur  daß  sein  Tod  auch  diejenigen,
die  ihn  geleitet,  zum  Fallen  brachte.  Er  wurde  nach  Freiberg
  begraben.  Durch  Erbauung  des  schönen  und  geradumigen
  Stallgebäudes  zu  Dresden,  hatte  er  sich  ein  Verdiensk
um  die  dusseren  Vorzüge  dieser  Residenz  erworben;  dieser
Bau  kam  ihm  gegen  200,000  Thaler  zu  stehen.  Auch  hatte
er  das  Churfürstliche  Begräbniß  zu  Freiberg  erneuet  und  verschdnt,
  wozu  ihn  die  im  Amte  Schwarzenberg  und  in  der
Grafschaft  Hartenstein  entdeckten  Marmorbrüche  veranlaßten,
und  den  Ritterorden  der  goldnen  Gcsellschaft  gestiftet,  welchem
  jedoch  nur  kurze  Zeit  zu  bestehen  vergdnnt  war.
Christian  I.  hinterließ  von  seiner  Gemahlin  Sophia,  einer
  brandenburgischen  Prinzessin  und  einer  um  die  Erzichung
ihrer  Kinder  sehr  eifrig  besorgten  Mutter,  drei  minderjährige
Soͤhne,  Christian  II.,  Johann  Geerg  I.,  —  welche  ihm  hintereinander
  in  der  Regierung  folgten  —  und  August,  welcher
  nach  seines  Vaters  Tode,  zum  Administrator  von  Zeiz
und  Nürnberg=  postulirt  wurde  und  schon  im  Jahre  1615
        <pb n="316" />
        278  Friedrich  Wilhelm,  als  Administrator.

starb.  Ausser  ihnen  hinterließ  Christian  von  derselben  Gemahlin
  noch  zwei  Tochter,  Sophia,  spater  die  Gemahlin  des
Herzogs  Franz  von  Pommern,  und  Dorothea,  welche  Aebtissin
  von  Quedlinburg  wurde  und  als  solche  starb.

Die  Vormumschaft  über  die  minderjährigen  Soͤhne  Christian's
  I.  gebuhrte  nach  den  Gesetzen  der  Verwandischaft,
dem  Herzoge  Friedrich  Wilhelm  von  Weimar.  Aber  da
zwischen  den  beiden  sächsischen  Linien,  noch  von  der  Wittenberger
  Capitulation  her,  ein  heimlicher  Haß  bestand,  der  durch
August's  Verfahren  gegen  den  ungläcklichen  Johann  Friedrich
  II.  neue  Nahrung  bekommen,  so  hatte  Christian  sich
entschlossen,  die  Administration  über  seine  Sehne  und  sein
Land,  nicht  dem  Herzoge  von  Weimar  allein  zu  überlassen,
sondern  durch  Testamentsbestimmung  ihm  seinen  Schwiegervater,
  den  Churfürsten  Georg  von  Brandenburg,  als  Mitvormund
  an  die  Seite  zu  stellen.  Da  jedoch  der  Churfürst
von  Brandenburg  das  nähere  Recht  des  Herzogs  Friedrich
Wilhelm  von  Weimar  zum  Vormund  einsah,  so  trat  er
zurück,  jedoch  mit  dem  Vorbehalte,  daß  man  in  wichtigen
Angelegenheiten  ihn  um  Rath  zu  fragen  habe.  Der  Weimarische
  Hof  war  von  jeher  der  Sitz  des  strengen  Lutherthumes
  gewesen  und  es  ließ  sich  daher  voraussehen,  daß
Friedrich  Withelm  sich  vor  Allem  beeilen  werde,  die  Fortschritte
  des  Krypcocalvinismus  zu  hemmen,  ja  ihn  sogar  mit
Güte  oder  Gewalt  auszurotten.  Diese  Maßregel  —  welche
die  Calvinlsten  mit  Furcht,  die  Evangelischen,  die  nunmehr
den  Teufel  wieder  frei  aus  den  Taduflingen  heraustreiben  zu
dürfen  hofften,  mit  Frcude  und  Sehnsucht  erwarteten  —
blieb  auch  wirklich  nicht  aus,  denn  sogleich  nach  Christian'se
Tode,  ndmlich  schon  am  23.  October  (1591)  wurde  Crell
nebst  zwei  Serretalren  verhaftet;  ein  gleiches  Schicksal  erfuhren
  bald  darauf  die  in  sein  Denken  und  Wirken  cingeweihten
  Theologen,  Salmuth,  Steinbach,  Pierius  und  Gundermann.
  Doch  war  der  Gewaltschritt  der  Verbafeung
schneller  bewerkstelligt,  als  ein  Anklagepunct  gefunden;  denn
Crell  konnte  sich,  was  die  in  Religionssachen  vorgenommenen
  Neuerungen  anlangte,  auf  die  Unterschrift  und  Bestali=
        <pb n="317" />
        Friedrich  Wilhelm,  als  Administrator.  279

gung  seines  Herrn,  des  verstorbenen  Churfürsten  beziehen.
Der  ganze  Proceß  gegen  ihn  ward  mit  beispielloser  Leidenschaftlichkeit
  und  ohne  alle  ausreichende  Gründe  gefährt;
viemehr  leuchtete  aus  dem  ganzen  Verfahren  nur  der  rachgierige
  Haß  eines  Theils  des  Adels  hervor,  welchem  Crell
mit  Kraft  die  Spitze  geboten  hatte  und  der  es  ihm  nicht
verzeihen  konnte,  daß  er,  ein  Bürgerlicher,  den  bochsten  Einfluß
  im  Staate  geübt  hatte.  Man  mußte  zu  allerhand
Vorwänden  und  gesuchten  Anklagepuncten  greifen,  um  eine
politische  Schuld  auf  ihn  zu  wälzen;  so  klagte  man  ihn  z.
B.  an,  daß  er  den  Churfürsten  mit  seinen  Landständen  habe
in  ein  ubles  Vernehmen  bringen  wollen,  daß  er  ihn  dem
Hause  Oesterreich  abwendig  zu  machen  gesucht  und,  namentlich
  mit  Frankreich,  einen  geheimen  Briefwechsel  von  böser
Absicht  gegen  das  Land  und  gegen  den  Kaiser  geführt  habe.
Allen  diesen  Anklagen  sah  man  es  deutlich  an,  wie  sie  erzwungen
  und  herbeigeholt  waren,  daher  fand  das  ganze  Verfahren
  Mißbilligung,  und  mehrere  Stände,  ja  sogar  ein  Theil
des  Adels,  wendeten  sich  mit  einer  Beschwerdeschrift  an  den
Churfürsten  von  Brandenburg,  worin  sie  den  ganzen  Proceß
gegen  Crell  als  eine  Machination  persönlicher  Feinde  darstellten.
  Auch  das  Reichskammergericht  fällte  ein  für  Crell
günstiges  Erkenntniß;  aber  der  Herzog  Friedrich  Wilhelm
ließ  dasselbe  durch  ein  erwirktes  kaiserliches  Reseript  für  ungültig
  erkldren,  und  die  Prager  Appellationskammer,  welcher
  man,  seltsam  genug!  die  richterliche  Entscheidung  in  dieser
  Sache  überließ,  sprach  das  Todesurtheil  uber  Crell  aus.
Der  Herzog  Friedrich  Wilhelm  ließ  einen  Tag  früher,  ehe
er  seine  Administration  niederlegte;  Crell'’n  diese5  Urtheil  ankündigen.
  Dem  Unglücklichen  half  es  nichts,  daß  er  bis
zum  letzten  Augenblicke  seine  Unschuld  betheuerte,  er  ward
vom  Königstein  abgeholt  und  am  9.  October  1601  auf  dem  1601
Markte  zu  Dresden  enthauptet,  nachdem  er  eine  zehnjährige
Haft  erlitten  hatte.  Wenige  Tage  früher  hatte  Christian  II.
die  Selbstregierung  übernommen.  Ein  boͤses  Zeichen,  daß
die  erste  öffentliche  Handlung,  welche  sich  unter  seiner  neuen
Regentschaft  ereignete,  so  ziemlich  einem  Justizmorde  ähnlich
        <pb n="318" />
        1592

1691

1602

280  Christian  II.

soh.  Mit  dem  Blute  des  unglücklichen  Crell  ward  auch  das
Andenken  Christians  I.  besudelt,  dessen  Freund  und  Günsiling
der  Hingerichtete  war  und  der  zu  den  Handlungen  desselben
fast  därchgängig  seine  Bewilligung,  ja  seine  Unterschrift  hergegeben
  hatte.  Noch  ziemlich  lange  nach  Crell's  Hinrichtung
dauerte  der  Streit  über  seine  Schuld  oder  Nichtschuld
fort,  ein  Preceß,  der  freilich  nur  noch  für  oder  gegen  das
wesenlose  Andenken  des  Getoͤdteten  geführt  werden  konnte,
und  wesentlich  überflüssig  blieb,  so  lange  man  nicht  die  Kunst
besaß,  abgehauene  Köpfe  wieder  aufzusetzen.

Das  Verfahren  gegen  den  Kryptocalvinismus  war,  während
  des  Crell'schen  Processes,  mit  vielem  Eifer  betrieben
worden,  und  Friedrich  Wilhelm  kam,  als  Administrator,  auf
dem  Landtage  (1592)  zu  Torgau,  wo  ein  namhafter  Theil
der  sächsischen  Ritterschaft  sich  offen  von  der  Anklage  gegen
Crell  lossagte,  mit  den  Ständen  dahin  überein,  daß  man
eine  allgemeine  Kirchenvisitation  anstellte,  und  zugleich  wurden
  vier  Artikel,  als  bestimmende  Gränze  zwischen  lutherischer
und  caloinischer  Glaubenslehre,  festgesetzt,  welche  Jeder  unterschreiben
  oder  auf  Amt  und  Brod  Verfzicht  leisten  mußte.
Zum  Gluͤck  waren  dies  die  letzten  Zuckungen  der  Intoleranz
der  Protestanten  gegen  einander  selbst,  und  die  Zeit  war
nahe,  welche  ihnen  gewaltsam  befahl,  sich  näher  einander
anzuschließen,  um  nicht  vereinzelt  unterzugehen:

Nach  zurückgelegtem  achtzehnten  Jahre  ubernahm  Christian
  II.  selbst  die  Regierung,  wie  auch  die  Vormundschaft
über  seine  beiden  minderjährigen  Brüder  und  die  Administration
  des  Stiftes  Meißen,  und  Friedrich  Wilhelm  legte
die  von  ihm  geführte  Administration  nieder.  Leßterer  starb
schon  im  folgenden  Jahre,  und  Christian  II.  erhielt,  nebst
Friedrich  Wilhelm's  Bruder  Johann,  die  Vormundschaft  über
des  Verstorbenen  Sohne.  Allein  Christian  hätte,  was  seine
Fählgkeiten  als  Regent  anbelangte,  für  sich  selbst  noch  lange
Zeit  eines  Vormunds  bedurft,  denn  er  übertraf  selnen  Vater
noch  an  Willenlosigkeit,  Schwäche  und  Schlaffheit,  wenn  er
denselben  auch  bei'm  Becher  übersah.  Seine  Jovialität  und
sein  Geschmack  in  der  Ausübung  und  Anstellung  ritterlicher
        <pb n="319" />
        Christian  II.  281

Lustbarkeiten  und  Uebungen  konnten  nicht  für  seine  Nachlässigkeit
  in  der  Regierung  entschädigen.  Ausserdem  war  er  wenigstens
  ein  eifriger  Lutheraner;  daher  er  die  von  dem  vorigen
  Administrator  Friedrich  Wilhelm,  angcordnete  Unterschrift
  der  vier  Artikel,  in  einen  formlichen  Religionseid  verwandelte,
  womit  nun  freilich  mehr  gegen  den  Calviniemus,
als  für  den  Evangelismus  gethan  war.  —

Ein  wichtiges,,  leider  jedoch  durch  Christian's  Unkräftigkeit
  für  Sachsen  erfolgloses  Ereigniß,  war  der  jülich=  clevische
  Erbfolgestreit.  Durch  den  unbeerbten  Tod  des  Herzogs
  Johann  Wilhelm  (25.  März  1609)  waren  die  Herzogthämer
  Jülich,  Cleve  und  Berg,  die  Grafschaften  Mark  und
Ravensberg  und  die  Herrschaft  Ravenstein  erledigt  worden.
Diese  schèöne  Ländererbschaft,  durch  ihre  Lage,  Ergiebigkeit
und  Bevolkerung  gleich  begehrenswerth,  zog  viele  Bewerber
an,  und  es  meldeten  sich  als  solche:  beide  sächsische  Häuser,
der  Churfürst  Johann  Siegmund  von  Brandenburg,  der
Palzgraf  Philipp  Ludwig  von  Neuburg,  der  Markgraf  Carl
von  Burgau  und  der  Pfalzgraf  Johann  von  Zweibrück.  Schon
im  Jahre  1483  hatte  der  Herzog  Albrecht  von  Sachsen,
wegen  seiner  thätigen  und  treuen  Anhänglichkeit  an  das
haböburgische  Haus,  von  dem  Kaiser  Friedrich  III.  die  Anwartschaft
  auf  Jülich  und  Berg  erhalten,  welche  drei  Jahre
später  auch  auf  die  Ernestinische  Linie  ausgedehnt  und  im
Jahr  1495  vom  Kaiser  Maximilian  I.  beiden  Kinien  nochmals
  bestätigt  worden  war.  Nebst  dem  war  auch  voch  in  dem
Ehevertrage  des  Churfürsten  Johann  Friedrich  mit  seiner  Gemahlin
  Sibylla  von  Cleve,  im  Jahre  1526  bestimmt  worden,
  daß,  nach  dem  Absterben  des  Clevischen  Mannsstammes,
  das  Herzogthum  Cleve  auf  Johann  Friedrich  und  dessen
  männliche  Nachkommen  übergehen  sollte,  ein  Vertrag,

welcher  auf  dem  Reichstage  zu  Speyer  1544  auch  noch  die

Bestätigung  Kaiser  Carls  V.  erhielt.  Die  anderen  Pratendenten
  leiteten  ihre  Ansprüche  von  ihren  Gemahlinnen  her.
Der  verstorbene  Herzog  Johann  Wilhelm  hatte  nämlich  vier
Schwestern  gehabt.  Die  Tochter  der  altesten  Schwester  war
an  den  Churfürsten  von  Brandenburg,  die  zweite  Schwester

1600
        <pb n="320" />
        282  Christian  II.

an  den  Pfalzgrafen  von  Neuburg,  die  dritte  an  den  Markgrafen
  von  Burgau  und  die  jüngste  an  den  Pfalzgrasen  von
Sweibrück  vermählt.  Seltsam  genug  hatte  Kaiser  Carl  V.,
obschon  er  dem  Churfürsten  Johann  Friedrich  den  clevischen
Erbvertrag  bestdtigt,  am  19.  Juli  1546  auch  noch  Johann
Wilhelms  Vater,  dem  Herzoge  Wilhelm  von  Jülich,  Cleve
und  Berg,  als  derselbe  sich  mit  der  Tochter  des  rmischen
Königs  Ferdinand  vermählte,  ein  sogenanntes  Pririlegium
Habilitationis  ertheilt,  zufolge  dessen,  in  Ermangelung  männlicher
  Erben,  auch  Wilhelm'ê  Töchter  und  deren  mannliche
  Nachkommen  successionöfüähig  seyn  sollten.  Auf  dieses
Privilcgium  sich  berufend,  wollte  der  Churfürst  von  Brandenburg,
  weil  er  die  Tochter  einer  Tochter  Herzog  Wilhelm'e
zur  Gattin  hatte,  alleinige  Ansprüche  auf  das  Erbe  erheben
und  alle  Mitbewerber  ausgeschlossen  wissen.  Allein  ihm  ward
vom  Pfalzgrafen  von  Neuburg  der  richtige  Einwurf  gemacht,
daß  das  Privilegium  sich  nur  auf  die  männlichen  Nachkommen
  der  Tochter,  nicht  aber  auf  die  weiblichen  beziehe  und
daß  daher  nicht  Brandenburg,  sondern  er,  der  Pfalzgraf,  Ansprüche
  zu  machen  habe,  indem  er  von  seiner  Gattin,  der
Schwester  des  Herzogs  Wilhelm,  cinen  Sohn  besitze.  Burgau
  und  Zweibrück  verlangten  nichts,  als  eine  Theilung  des
Ländererbes,  aber  diese  bestritten  Brandenburg  und  Neuburg,
auf  den  Grund  jenes  Privilegiums.  Die  altesten,  mithin
die  gültigsten  Ansprüche  besaß  Sachsen  und  gewiß  würden
dieselben  durchgedrungen  seyn,  hätte  ein  Anderer  als  Christian
  dieselben  geltend  machen  sollen.  Aber  dieser  besaß
nicht  den  Nachdruck,  um  seine  Ansprüche  mit  Ernst  durchzuführen
  und  zu  vertheidigen;  er  ging,  wie  immer,  saumselig
und  lau  zu  Werke  und  Oesterreich  war  eben  so  lau  in  der
unterstützung  seiner  guten  Rechte.  Besser  hatten  sich  Churbrandenburg
  und  Pfalz=  Neuburg  dazu  gehalten;  kaum  war
ihnen  die  Nachricht  von  Herzog  Johann  Wilhelm's  Absterben
  zugekommen,  so  hatten  sie  sofort  von  den  sämmtlichen
juͤlich'schen  Ländern  Besitz  genommen  und,  statt  bei  ihren
einander  widerstreitenden  Ansprüchen,  in  Feindseligkeiten  unter
sich  zu  gerathen  und  dadurch  den  Mitbewerbern  das  Spiel
        <pb n="321" />
        Christian  II.  283

zu  erleichtern,  fanden  sie  es  klüglich  für  besser,  am  31.  Mai
1609  zu  Dortmund  einen  Interimsvergleich  mit  einander
einzugehen,  in  welchem  sie  sich  dahin  vereinigten,  daß  fie,
mit  Bewilligung  der  Landstände,  die  in  Streit  begriffenen
Lande  bis  zu  volliger  Entscheidung  der  Streitfrage,  gemeinschaftlich
  regieren  und  sich  bis  dahin  gegenseitig  in  solchem
Besitze  schützen  und  vertheidigen  wollten.  Die  beiden  „possidirenden

  Fürsten“  wurden  keincsweges,  wie  sie  vielleicht  gefärchtet,

  in  dieser  Stellung  von  Sachsen  beunruhigt;  der
Churfürst  Christian  haßte  ernstliche  Fehden  und  hoffte  blindlings
  die  Erfüllung  seines  Rechtes  von  dem  richterlichen  Ausspruche
  Oesterreichs,  welches  bei  diesem  Streite  gern  selbst
ctwas  erschnappen  wollte  und  daher  eine  ziemlich  unaufrichtige
  Rolle  spielte.  Der  Churfürst,  obschon  er  alle  Wege  des
friedlichen  Rechtes  einschlug,  ward  vom  kaiserlichen  Hofe  nur
mit  leeren  Versprechungen  und  Hoffnungen  hingchalten;  und
als  er  sich  in  Person  zum  Kaiser  nach  Prag  begab,  erhielt
er  am  7.  Juli  1610  die  Belehnung  über  die  Jülichschen
Lande  für  das  ganze  Haus  Sachsen;  doch  hatte  dies  keine
wichtigern  Folgen,  als  daß  Sachsen  von  da  an  sich  Titel
und  Wappen  dieser  Lande  aneignen  durste.  Eine  kaiserliche
  Commission,  welche  zu  Ermittelung  des  Streites  zu
Cöln  unter  dem  Vorsitz  des  Herzogs  Johann  Casimir  von
Sachsen-Coburg  niedergesetzt  wurde,  führte  ebenfalls  zu  nichts.
Spater  veranlaßten  der  Markgraf  Christian  von  Baircuth  und
der  Landgraf  Ludwig  von  Hessen  zwar,  daß  der  Churfürst
von  Brandenburg  geneigt  ward,  Sachsen  in  den  Mitbesfitz
aufzunehmen,  uud  auf  einer  dieserhalb  gehaltenen  Zusammenkunft
  in  Jüterbock  (21.  März  1611)  ward  ausgemacht,  daß
das  Gesammthaus  Sachsen  mit  Brandenburg  und  Pfalz=Ncuburg
  zugleich,  bis  zu  Entscheidung  des  ganzen  Streites,
den  Mitbesitz  der  jülichschen  Lande  genießen,  die  Regierung
durch  ein  Consilium  lormatum  bewerkstelligt  und  der  Streit
dem  Kaiser  und  den  Fürsten  des  Reichs  zur  Entscheidung
anheimgestellt  werden  sollte.  Aber  auch  dieser  Vertrag,  für
welchen  in  Sachsen  schon  das  Te  Deum  angestimmt  wurde,
zerschlug  sich  wieder,  indem  die  Gemahlin  des  Churfürsten

1010

1611
        <pb n="322" />
        284  Christian  II.

von  Brandenburg,  auf  welche  sich  der  Anspruch  ihres  Gatten
an  das  Juͤlichsche  Erbe  gruͤndete,  gleich  am  Tage  nach  der
Unterzeichnung  dieses  Vertrags,  gegen  denselben  protestirte
und  auch  Pfalz-Neuburg  nichts  von  demselben  wissen  wollte.
Es  fruchtete  nichts,  daß  (5.  Decbr.  1611.)  der  Kaiser  diesen
  Vertrag  bestätigte.  Die  Verhandlungen  schwankten,  immer
  mehr  ermattend,  noch  eine  geraume  Weile  fort,  und  im
Westphälischen  Frieden  verglich  man  sich  wiederum  dahin,  daß
dieser  Streit  auf  dem  Wege  des  Rechtes  oder  der  Güte
ohne  Verzug  (I)  entschieden  werde  sollte.  Aber  das  Ende
aller  dieser  vielen  Verhandlungen,  Vergleiche  und  Bestimmungen
  war,  daß  Churbrandenburg  und  Pfalz-Neuburg
durch  einen  Vertrag  zu  Cleve  (9.  Septbr.  1666)  die  streitigen
  Lande  unter  sich  theilten,  worüber  sie  (1687)  sogar  eine
kaiserliche  Bestätigung  erhielten,  und  daß  Sachsen  —  ein
wirklich  komisch  =  trauriges  Resultat  nach  so  vielen  Bemuhungen
  und  bei  so  guten  Rechtsgründen  —  sich  mit  Titel
und  Wappen  der  ihm  weggeschnappten  Lande  zieren  durfte,
eine  hungernde  Vergünstigung,  welche  Christian  durch  seine
Lässigkeit  im  Beginne  des  Erbfolgestreites,  auf  seinem  Gewissen
  hatte.  —

Eben  so  lau,  so  farblos,  wie  in  der  Durchsetzung  seiner
Erbfolgerechte,  zeigte  sich  Christian  in  ciner  Angelegenheit,
welche,  nächst  ihrer  politischen  Seite,  auch  noch  ein  höheres
Interesse  enthielt.  Die  schwankende,  kraftlose  Denkweise  des
Kaisers  Rudolf's  II.  den  selbst  seine  Brüder  und  seine  nächsten
  Verwandten  als  einen  verlorenen  Posten  betrachteten
und  sich  deöhalb  beinahe  verächtlich  von  ihm  wendeten,  genügte
  den  gewaltigen  Gährungen  jener  Zeit  so  wenig  und
hielt  dieselben  so  wenig  in  ihren  Schranken,  daß  sich  immer
unaufhaltsamer  eine  Hauptentscheidung  der  Dinge,  besonders
in  religiser  Rücksicht,  vorbereitete.  Die  Schwäche  des  kaiserlichen
  Oberhauptes  in  Deutschland  war  nicht  geeignet,  die
Regungen  der  politischen  und  kirchlichen  Parteiungen  im
Reiche  zurückzuhalten,  und  von  doppelter  Seite  nahmen  dieselben
  gar  bald  einen  bestimmten  Charakter,  eine  offene
Stellung  an,  indem  sich  (4.  Mai  1608)  unter  dem  Namen
        <pb n="323" />
        Idhann  Georg  I.  285

der  Union,  eine  protestantische  Hauptpartei  bildete,  an
deren  Spitze  —  statt  des  Churfürsten  von  Sachsen,  dem,
als  dem  mächtigsten  Haltpuncte  des  Protestantismus  in
Deutschland,  wohl  diese  Stelle  gebührt  hätte  —  der  reformirte
  Churfürst  Friedrich  IV.  von  der  Pfalz  stand.  Es  scheint
nicht,  daß  Christian  es  bereut  hat,  sich  dieser  ehrenvollen
Wärde,  als  Oberhaupt  des  protestantischen  Bundes,  verlustig
gemacht  zu  haben.  Er  hatte  nicht  den  Muth  sich  zu  einer
Partei  zu  bekennen,  welche  den  kühnsten  und  würdigsten
Kampf  der  Welt  zu  beginnen  entschlossen  war,  zumal  deren
Stellung  sich  auch  gegen  Oesterreich  richtete,  zu  welcher  Macht
Christian,  ohne  eigentlich  das  Warum  zu  wissen,  ein  blindes
Vertrauen  hegte.  Auch  hatte  er  —  durch  das  Vordraͤngen
eines  resormirten  Fürsten  im  sülichschen  Erbfolgestreite,  ein
so  heftiges  Vorurthell  gegen  die  Reformirten  gefaßt,  daß  er
sich  nicht  entschließen  konnte,  das  Glied  eines  Bundes  zu
werden,  welchem  sie  mit  angehdrten.  Der  Gegenbund,  welchen
  die  katholischen  Mächte,  an  ihrer  Spitze  den  Herzog
Maximilian  von  Baiern,  unter  dem  Namen:  die  Liga,  emichteten,
  würde,  da  hier  allerdings  gern  oder  ungern  eine  Partei

  ergriffen  seyn  wollte,  den  indifferenten  Christian  mit  der

Zeit  doch  wohl  zu  einer  Wahl  genöthigt  haben,  wenn  nicht
der  Tod  ihm  die  Unannehmlichkelt  einer  bestimmten  Erklärung
  —  die  einmal  nicht  in  Christians  Natur  lag  —  zu
ersparen  herbeigeeilt  wäre.  Christian  II.  starb  am  23.  Juni
1611  zu  Dresden  am  Schlagflusse,  im  noch  nicht  vollendeten
  28.  Lebensjahre.  Der  Tod  war  der  einzige  energische
Schritt,  den  er  im  Leben  wagte,  und  das  churfürstliche  Erbbegräbniß
  nahm  in  ihm  den  lahmen  Vorläufer  einer  hereinbrechenden
  großen  Zeit  auf.  Von  seiner  Gemahlin,  Hedwig,
einer  Prinzessin  von  Dänemark,  binterließ  er  keine  Nachkommenz
  daher  folgte  ihm  sein  älterer  Bruder,  Johann  Georg  I.
in  der  Regierung.

Es  hätte  des  Geistes  und  des  Armes  eines  Moritz  bedurft,
  um  Sachsen  glücklich  durch  jene  verworrenen  und  stürmenden
  Zeitverhältnisse  zu  führen,  welche  nunmehr  über
Deutschland  hereinbrachen.  Der  Zündstoff,  welcher  seit  Jah-1611
        <pb n="324" />
        286  Johann  Georg  I.

ren  in  reichlicher  Gülle  sich  aufgehduft  hatte,  fing  nunmehr
an,  seine  Gegenstände  anzugreifen  und  sich  bemerkbar  zu  machen.
  Johann  Georg  übertraf  seinen  Bruder  und  Vorgänger
  an  Einsicht,  und  endlich  wohl  sogar  an  Willenskraft;
dennoch  wäre  er  bei  weitem  geeigneter  gewesen,  den  Abschluß
einer  so  mächtig  erregten  Zeit  zu  bilden,  als  sich  selbst  in
ihrem  innersten  Wirbelkreise  zu  befinden  und  sie  mittelbar
selbst  mitzuerzeugen.  Er  hatte,  während  sein  verstorbener
Bruder  Christian  eine  enge  stubenschwüle  Erziehung  genossen,
sich  schon  in  früher  Jugend  in  das  Leben  hinaus  gewagt,
seine  Frische  cingeathmet  und  die  dunstige  Leere  wieder  aus
Kopf  und  Herzen  vertrieben,  die  er  vielleicht  früher  daheim
Eingeschluckt  hatte.  Er  besaß  Lebhaftigkeit  des  Geistes  und
hatte  demselben  durch  eine  Reise  nach  Italien,  die  er  in  seinem
  funfzehnten  Jahre  (1601)  unternahm  und  die  um  so
besser  bei  ihm  anschlug,  da  er  während  derselben  größtentheils
  auf  alle  Vorzüge  und  Bequemlichkeiten  seines  fürstlichen
  Standes  verzichtete,  noch  bessere  Nahrung  geboten.  Leider
  zeigte  er  durch  sein  Verhalten  in  den,  während  seiner
Regierung  losbrechenden  Stürmen,  daß  er  mehr  noch  unstaͤt,
als  lebhaft,  und  daß  eben  seine  Lebhaftigkeit  mehr  eine  zappelnde,
  als  eine  in  sicherer  Richtung  kühn  vorschreitende,  zu
nennen  war.  Er  lebte,  obschon  Beide  wohl  nicht  durchgängig
  zusammen  übereinstimmen  konnten,  mit  seinem  Bruder
Christian  in  gutem  Vernehmen  und  dieser  gestattete  ihm  vom
Jahre  1607  an,  mehrfachen  Antheil  an  den  Regierungsgeschäften.
  Als  derselbe  starb,  trat  Tohann  Georg  sogleich  in
dessen  Würden  und  Besisungen  ein,  und  empfiag  hierüber
die  Huldigung  der  vornehmsten  Stände.  Er  reglerte  noch
kein  Jahr,  als  der  Tod  des  Kaisers  Rudolf  II.  und  das
dadurch  entstehende  Interregnum,  ihm  (1612)  die  Ehre  des
Reichsvicariates  zuwege  brachte.  In  dieser  Würde  erkannte
er  den  Pfalzgraf  Johann  II  von  Zweibrück  als  Mitvicarius
an.  Doch  zog  ihm  diese  Ehre  mancherlei  Aergernisse  und
Streitigkeiten  zu.  Erfreulicher  mochte  ihm  das  zweite  Reichsvicariat
  seyn,  welches  er  nach  dem  Tode  des  Kaisers  Ma-1610
  thias,  im  Jahr  1619,  in  Gemeinschaft  mit  dem  Churfürsten

1612
        <pb n="325" />
        Johann  Georg  I.  287

von  der  Pfalz,  übernahm;  denn  die  utraquistischen  Stände  in
Böhmen,  welche  den  neuen  Kaiser  nicht  anerkannten,  erwiesen,
  daß  Boͤhmen  und  Schlesien  unter  saͤchsischem  Vicariat
stehe  und  erbaten  den  saͤchsischen  Vicariatsschutz.  Diese  boͤhmischen
  Unruhen  haͤtten  dem  Churfuͤrsten  noch  weit  glaͤnzendere
  Fruͤchte  bringen  koͤnnen,  wenn  er  den  Muth  gehabt
haͤtte,  danach  zu  greifen,  obschon  ein  guͤnstiger,  oder  vielmehr
ein  bleibender  Erfolg  zweifelhaft  genug  gewesen  wäre  und
man  ihm  daher  seine  Bedenklichkeiten  nicht  zum  Vorwurfe
machen  kann.  Die  utraquistischen  Stände  in  Böhmen,
welche  nach  Mathias  Tode  sich  hartnäckig  weigerten,  den
ihnen  eingesetzten  Ferdinand  als  König  anzuerkennen,  sondern
  auf  vollige  Wahlfreiheit  Anspruch  machten,  richteten
anfangs  ihre  Blicke  auf  Tohann  Georg  und  boten  ihm  die
böhmische  Konigskrone  an.  Aber  Johann  Georg  —  mrchr
wohl  aus  Unentschlossenheit,  alz  aus  wirklicher  Anhänglichkeit
  an  Oesterreich  —  wies  dieses  Anerbieten  von  sich  und
rieth  ihnen,  bei  ihrem  Koͤnige  Ferdinand  zu  bleiben.  Er  hatte
demselben,  als  dieser  ihn  1617  nebst  seinem  Bruder  Mathias
besuchte,  versprochen,  ihm  seine  Stimme  zu  geben  und  mechte
nicht  wortbrüchig  werden.  Nicht  so  enthaltsam,  als  die
Churfürsten  von  Sachsen,  zeigte  sich  der  Churfürst  Friedrich
V.  von  der  Pfalz,  welcher,  auf  den  Beistand  der  Union,  deren
Oberhaupt  er  war,  und  auf  den  seines  Schwiegervaters,  des
Königs  von  England  bauend,  die  ihm  dargebotene  böhmische
Krone  annahm,  obschen  ihm  Johann  Georg  nicht  ohne  guten
  Grund  davon  abgerathen  hatte.  Dieser  hegte  anfangs
die  freilich  kaum  ausführbare  Absicht  der  Neutralität  und,
um  dieselbe  behaupten  und  seine  Lande  gegen  alle  Durchzüge
  schutzen  zu  können,  setzte  er  es  auf  einem  Kreistag  zu
Leipzig  im  Jahre  1620  durch,  daß  man  ein  4000  Mann  starkes
  Corps  herzustellen  beschloß,  welches  ihm,  als  Kreisobersten,
anvertraut  seyn  sollte.  Doch  gab  er  diesen  Entschluß,  der
unter  so  dringenden  Verhältnissen  schwerlich  durchzuführen
gewesen  wáre,  bald  wieder  auf.  Es  mochten  ihn  vielerlei
Gründe  zu  dieser  Willensänderung  veranlassen.  Am  meisten
wirkten  wahrscheinlich  die  Bitten  und  Versprechungen  des
        <pb n="326" />
        288  Johann  Georg  I.

Kaisers  Ferdinand,  welcher  ihm  Ersatz  aller  Kriegskosten  zusagte
  und  die  Versicherung  gab,  in  Religionsangelegenheiten
durchaus  nichts  in  Böhmen  ändern  zu  wollen,  ihm  ausserdem
  auch  wohl  noch  Hoffnung  auf  eine  glückliche  Entscheidung
  des  sälichschen  Erbfolgestreites  machte  und  sonst  noch
ihn  zu  kddern  wußte.  Johann  Georg's  Räthe,  theils
heimlich  vom  Kaiser  gewonnen,  theils  erbitterte  Feinde  der
Calvinisten,  lagen  dem  Churfürsten  auch  in  den  Ohren  und
suchten  ihn  gegen  die  Union  zu  stimmen.  Unter  ihnen  mochte
wohl  des  Chuefürsten  Hofprediger,  D.  Mathias  Hoe  von
Hoenegg,  den  der  Kaiser  durch  vielfache  Vortheile  bestochen
hatte  und  der  ebenfalls  ein  fanatischer  Gegner  der  Reformirten
  war,  nicht  wenig  zu  Johann  Georg's  Entschlusse  beitragen,
  und  andere  churfürstliche  Vertraute,  wie  v.  Schonberg
  und  v.  Loß,  mochten  nicht  minder  das  Ihrige  thun.
Von  so  vielen  Seiten  überredet  und  von  so  vielen  Gründen
bewogen,  denen  sich  vielleicht  auch  noch  die  Furcht  beigesellte,
daß  das  ernestinische  Sachsen  ihm  gefährlich  werden  konne,
trat  der  Churfürst  offen  auf  des  Kaisers  Seite,  obwohl  seine
eigenen  Stände  sowohl,  wie  seine  Theologen  zu  Wittenberg
diesen  Schritt  durchaus  nicht  gut  hießen,  besonders  weil  sie
dem  kaiserlichen  Versprechen,  daß  die  geistlichen  Güter  der
Protestanten  durchaus  nicht  gefährdet  werden  sollten,  schwerlich
  ganz  traueten.  Doch  der  Schritt  war  nun  einmal  geschehen;
  der  Kaiser  berief  sich  obendrein  auf  die  zwischen
Sachsen  und  Böhmen  bestehende  Erbeinigung  —  auf  welche  übrigens
  das  Volk  der  Böhmen  nochgerechtere  Ansprüchehatte,  als  ihr
König  —  und  trug  dem  Churförsten  auf,  mit  einem  Hcere  in  Böhmen
  einzurücken,  worunter  er  auch  dieLausitzen,  so  wie  Schlesien
und  Mähren,  als  Theilnehmer  an  den  Unruhen  verstand,  und  diese
  Länder  mit  Güte  oder  Gewalt  zum  Gehorsam  zurückzuführen.
  Der  Churfürst  brach  auch  wirklich  mit  einem  Hecre  von
15,000  Mann  nach  den  Lausien  auf,  croberte  Bauten  und
die  andern,  vom  Markgrafen  von  Brandenburg--  Jägerndorf
  besetzten  Städte  und  unterwarf,  bis  auf  Görlitz,  dem
Kaiser  das  ganze  Land.  Da  sich  die  Bewohner  ohne  Widerrede
  den  vom  Churfürsten  publicirten  kaiserlichen  Befehlen
        <pb n="327" />
        Johanu  Georg  I.  289

fuͤgten,  so  bestaͤtigte  er  ihnen,  in  des  Kaisers  Namen,  ihre
bestehenden  Religionsfreiheiten.  Der  Kaiser  war  mit  dieser
Milde  durchaus  nicht  einverstanden,  obschon  er  selbst  dem
Churfürsten  Vollmacht  hierzu  gegeben  hatte,  welcher  sich  auch
auf  dieselbe  berief  und  sie  in  Schlesien,  welches  sich  im  folgenden
  Jahre  dem  Kaiser  unterwarf,  wiederum  cusübte.  Zwar
erklärte  der  Churfürst  Friedrich  V.  von  der  Pfalz,  als  Gegenkönig
  von  Böhmen,  den  Churfürsten  von  Sachsen  aller
böhmischen  Lehne  verlustig,  doch  kam  dieser  Spruch  nicht
zur  Anwendung,  denn  dic  bekannte  unglückliche  Schlacht
auf  dem  weißen  Berge  bei  Prag  (8.  Novbr.  1620)  stärzte
den  unglücklichen  Friedrich  vom  böhmischen  Throne  herab
und  machte  ihn  aus  einem  Kenige  zu  einem  Flächtlinge.
Nach  diesem  entscheidenden  Siege,  den  Friedrichs  Kleinmuth
noch  mehr  vollendete,  nahm  Kaiser  Ferdinand  eine  ganz  andere
  Miene  an  und  die  zweideutige  Milde,  welche  er  vorher
geübt  oder  wenigsten5  unter  der  Hand  hatte  uͤben  lassen,
verwandelte  sich  jetzt,  wo  er  keinen  Räckhalt  mehr  besorgen
  zu  duͤrfen  glaubte,  in  offene  Härte  und  Grausamkeit.
Ven  den  vorher  vertriebenen,  jetzt  durch  ihn  zurückberufenen
Jesuiten  angestellt,  zeigle  er  dem  unterworfenen  Lande  nunmehr
  eine  forchterliche  Siegermiene.  Blutgerüste  bczeichnelen
  seine  Siegerbahn,  Untersuchungen  und  Blutverhöre  begannen,
  und  Hinrichtungen  über  Hinrichtungen  bewiesen  den
bestürzten  Böhmen,  in  wessen  Hände  sie  gefallen.  Von  ihren
  fruͤhern  Vertraͤgen,  Freiheiten  und  Rechten,  die  Ferdinand's
  Vorfahren  ihnen  ertheilt,  war  jeht  keine  Rede  mehr,
der  Majestätsbrief,  das  heiligste  Eigenthum  der  böhmischen
Nation,  ward  zerrissen,  die  cvangelischen  Kirchen  geschossen,
ihre  Priester  verjagt,  und  ihren  Bekennern  die  obrigkeitlichen
Aemter  entrissen.  Mit  Schrecken  sab  der  Churfürst  von  Sachsen
  jetzt  ein,  welcher  Sache  er  gedient  hatte  und,  trotz  seiner
  Charakter=  Halbheit,  unterließ  er  nicht,  dem  Kafser  seine
Mißbilligung  über  ein  solches  Verfahren  zu  erkennen  zu  geben,
  wozu  er  auch  sehr  gerechte  Ursache  hatte,  indem  ja
der  Kaiser  selbst  ihm  versprochen,  nichts  in  Religionssachen
in  Böhmen  zu  ändern.  Auch  mit  der  willkührlichen  und
Oift.  19
        <pb n="328" />
        20  Johann  Georg  I.

ungesetzlichen  Achtserklaͤrung,  welche  der  Kaiser  uͤber  den  geschlagenen
  Churfürsten  von  der  Pfalz  aussprach,  war  Johann
Georg  nicht  einverstanden,  und  weigerte  sich  auch  anfangs,
in  die  Uebertragung  der  pfalzischen  Churwuͤrde  auf  den  Herzog
Maximilian  von  Baiern,  des  Kaisers  Bundesgenossen,  einzu—
willigen,  weiche  der  Kaiser  auf  dem  Regensburger  Fürsten-1623
  tage,  im  Anfange  des  Jahres  1623  veranlaßte.  Doch  der
schlaue  Kaiser  wußte  am  besten,  mit  welchen  Mitteln  man
die  Gewissenhaftigkeit  eines  Johann  Georg  niederschlagen
koͤnne:  er  übertrug  demselben,  für  die  von  ihm  auf  sieben
Millionen  berechneten  Kriegskosten,  unterpfaͤndlich  die  beiden
Markgrafthuͤmer  Ober-  und  Niederlausitz,  welche  fruͤher  durch
Carl  IV.  der  boͤhmischen  Krone  einverleibt  worden  waren.  Dieser
  freilich  erhebliche  Vortheil,  welchen  Johann  Georg  im
Ganzen  leicht  genug  erworben  hatte,  stimmte  ihn  nachgiebiger
  und,  nach  immer  schwächeren  Debatten,  willigte  er  auf
der  Versammlung  zu  Schleusingen,  im  Juli  1624,  in  die
Uebertragung  der  pfalzischen  Churwürde  auf  Maximilian  von
Baiern  ein,  zumal  man  ihm  vorfpiegelte,  daß  nur  Friedrich
persönlich  dadurch  gestraft,  seinen  Nachkommen  aber  nichts
von  ihren  Rechten  entzogen  werden  sollte.  Um  dem  Churfürsten
  von  Sachsen  noch  besser  die  Augen  zuzudrücken,  ließ
er  den  wirklichen  Vortheilen  noch  einige  Scheinbegünstigungen
  folgen,  die  nur  dessen  Ehrgeiz  anregen,  nicht  aber  ihn
1625  waͤrmen  konnten;  er  ertheilte  ihm  nämlich  im  Jahre  1625
die  Anwartschaft  auf  die  Grasschaft  Hanau,  nebst  den  dazu
gehdrigen  Reichslehen,  ingleichen  auf  die  Grasschaft  Schwarzburg,
  den  halben  thüringer  Wald,  und  auf  Alles,  was  die
Grafen  von  Schwarzburg  vom  Reiche  in  Lehen  gehabt,  wie
auch  auf  die  braunschweigischen  Relchslehen,  welche  Friedrich
Ullrich  inne  hatte,  und  die  nicht  in  gesammter  Hand  der
übrigen  Herzoge  begriffen  waren.  Diese  Vortheile  lagen
freilich  sämmtlich  sehr  entfernt,  und  es  ließ  sich  so  gut  wie
nichts  davon  erwarten.  Auch  hätte  Johann  Georg,  von  dem
damals  noch  immer  nicht  beendigten  jülichschen  Erbfolgestreite
ber,  eine  Abneigung  gegen  Anwartschaften  aller  Art  empfinden
  sollen.  Vielleicht  zog  ihn  der  damit  verbundene  Vor-
        <pb n="329" />
        Johann  Georg  l.  201

theil  mehr  an:  daß  er  und  seine  Nachfolger  vom  Kaiser,
statt  des  frühern  „Gnaden,“  nunmehr  den  Titel  Durchlaucht
  erhielten,  und,  statt  „Deine  Liebden,“  nunmehr  „Eure
Liebden“  von  ihm  geheißen  wurden.  Einige  Jahre  später
hätte  er  sich  für  diese  Auszeichnung  nicht  mehr  besonders
bei'm  Kaiser  zu  bedanken  nöthig  gehabt;  denn  in  der  Capitulation
  Ferdinands  II.  wurde  bestimmt,  daß  der  Kaiser
allen  geistlichen  und  weltlichen  Churfürsten  den  Titel:  Durchlaucht
  geben  mußte,  welcher  spaäter  unter  Carl  VII.  zu  dem
Superlativ  =  Titel:  Durchlauchtigst,  avancirte.  Für  solche
kaiserliche  Artigkeit  mußte  der  Churfürst,  bei  Anspruch  auf
Lebensart,  sich  schon  auch  gefüällig  zeigen.

Dennoch  sollte  das  gute  Vernehmen  zwischen  dem  Churfürsten
  und  dem  Kaiser  schnell  genug  einen  Stof  erleiden.
Die  Art,  wie  Letzterer  sich  in  dem  unterworfsenen  Böhmen
benahm,  das  Reactionssystem,  welchem  er  dort  vollen  Lauf
gönnte,  mußte  endlich  selbst  dem  Argwohnlosesten  die  Augen
oͤffnen  und  ihm  die  wahren  Absichten  des  Kaisers  sowohl
in  politischer,  als  besonders  in  kirchlicher  Hinsicht  öffnen.
Auch  Johann  Georg,  bei  welchem  sich,  nach  dem  ersten  Freudenrausche
  über  die  erhaltenen  schönen  Pfänder  und  die  blizzenden
  Titel,  die  Ueberzeugung  etwas  später,  als  bei  den
Uebrigen  einfand,  wurde  allmälig  mit  Besorgniß  erfüllt  und
diese  nahm  überhand,  da  der  Kaiser  seine  Anmaßungen  auch
auf  ihn  erstreckte.  Schon  seit  1625  war  Johann  Georg's
zweiter  Sohn,  August,  Coadjutor  des  Bisthums  zu  Magdeburg
  und  dieses  postulirte  ihn  1628  zum  Administrator.
Der  Kaiser  aber  wollte  dem  Domcapitel  durchaus  seinen
Sohn  Leopold  Wilhelm  zum  Administrator  aufdringen,  worin
der  Pabst  ihn  unterstützte,  und  verlangte  vom  Churfürsten
Johann  Georg,  daß  er  in  die  vom  Domcapitel  geschehene
Postulation  seines  Sohnes  nicht  willigen  sollte.  Dies  reizte
vielleicht  mehr  des  Churfürsten  Empfindlichkeit,  als  sein  politisches
  Gefühl.  Aber  der  Kaiser,  nachdem  er  sich  seit  der
Schlacht  auf  dem  weißen  Berge  einmal  in  seiner  wahren
Gestalt  gezeigt  hatte,  ging  mit  übermüthig  eilenden  Schritten
weiter.  Er  trat  (6.  März  1629)  mit  seinem  verrufenen  Re=  1629

19  *

1628
        <pb n="330" />
        292  Johann  Georg  I.

stitutionsedicte  heraus,  zufolge  dessen  alle  seit  dem  Passauer
Vertrage  eingezogenen  mittelbaren  Stifter,  Klöster  und  sonstigen
  Kirchengüter  restituirt,  in  die  gegen  den  geistlichen  Vorbehalt
  in  protestantischen  Händen  gebliebenen  Disthümer
wiederum  katholische  Bischdfe  eingesetzt  und  den  katholischen
Ständen  freigestellt  wurde,  in  ihren  Landen  das  Kirchenwesen
  auf  den  frühern  Fuß  zurückzubringen.  Zwar  verband
sich  der  Kaiser  aus  besonderer  Rücksicht  dazu,  daß  dieses
Restitutionsedict  auf  die  sächsischen  Hochstifter,  Meißen,
Merseburg  und  Naumburg=  Zeitz  ohne  Wirkung  bleiben
sollte;  aber  diesmal  sprach  die  Stimme  des  gesammten  pretestantischen
  Deutschlands  lauter  in  Johann  Georg's  Brust,
als  sein  individuelles  Interesse.  Er  machte  dem  Kaiser  durch
eine  Gesandtschaft  die  dringendsten  Vorstellungen,  und  machte
ihm  bemerkbar,  daß  dieses  so  voͤllig  willkührliche,  ohne  alle
Beistimmung  der  Reichsstände  erdffnete  Edict,  Deutschland
zu  Empdrung  und  Aufruhr  bringen  müsse.  Doch  richtete  er
damit  nichts  aus  und  man  rechnete  es  ihm  hoch  an,  daß
seine  Lande  von  der  Wirkung  des  Edicts  verschont  bleiben
sollten.  Der  Kaiser,  nach  der  Demüthigung  seiner  Feinde,
nach  der  völligen  Unterjiochung  Böhmens,  und  an  der  Spitze
von  nicht  weniger,  als  160,000  Mann,  die  ihm  zu  jener
Zeit  zu  Gebote  standen,  konnte  sich  allerdings  sicher  fühlen,
und  die  Einschläge  seiner  Jesuiten,  die  ihm  vielleicht  noch
besondere  himmlische  Hilfsvoͤlker  von  seiner  „Generallissima,“
der  Jungfrau  Maria,  zusagten,  machten  sein  Gewissen  und
seine  Eidbrüche  eben  so  stich=  und  kugelfest,  als  den  besten
Panzer.  Mit  den  Klagen  und  der  Unzufriedenheit  der  deutschen
  Fürsten,  stieg  des  Kaisers  Trotz  und  Hartnäckigkeit.
Seine  Soldaten  —  deren  Aufführung  immer  das  beste  Wetterglas
  für  die  Denkweise  des  Gebieters  abgiebt  —  erlautten
  sich  schon  auf  deutschem  Boden  allerlei  Ausschweifungen
und  die  sächsischen  Gränzen  mußten  so  gut,  wie  andere  Länder,
  darunter  leiden,  und  dies  war  ein  zwar  scharses,  aber
wirksames  Mittel,  um  den  Churfürsten,  der  ohne  einen  ausserordentlichen
  und  besonders  fählbaren  Anlaß.  muthwaßlich
noch  lange  geschwankt  haben  würde,  zu  cinem  Eneschlusse
        <pb n="331" />
        Johann  Georg  I.  293

zu  bringen.  Doch  sollten  selbst  unter  so  dringenden  Umständen,
  noch  viele  Bedenklichkeiten  und  halbe  Maßregeln  vorangehen,
  ehe  es  zu  einem  entscheidenden  Schritte  kam.  Die
neuen  Weitlaufigkeiten  wurden  standesmäßig  mit  Berathschlagungen
  eröffnet  und  Johann  Georg  berief  zu  diesem  Zwecke,
als  Director  des  evangelischen  Deutschlands,  die  protestantischen
  Fürsten  und  Stände  nach  Leipzig,  woselbst  nebst  ihm,
der  Churfürst  von  Brandenburg,  die  Herzöge  von  Altenburg
und  Weimar,  der  Landgraf  von  Hessen  =  Cassel  und  mehrere

  andere  protestantische  Fürsten  (im  Februar  1631)  er=  1631

schienen,  und  wo  man  übereinkam,  dem  Kaiser  nochmals
wegen  Zurücknahme  des  Restitutionsedicts  und  wegen  Einstellung
  der  Kriegsbeschwerden  dringende  Vorstellungen  zu
machen  und,  im  Fall  dies  abermals  ohne  Erfolg  bliebe,  eine
Truppenmacht  in  Gemäßheit  der  Kreisordnung  zusammenzubringen
  und  mit  Gewalt  der  Waffen  die  hartangetasteten
Grundrechte  des  deutschen  Reiches  zu  schützen.  Zu  gleicher
Zeit  wurde  in  Leipzig  von  den  dort  anwesenden  lutherischen
und  reformirten  Chrelogen  ein  Collegium  gehalten,  welches
eine  Vereinigung  der  beiden  Religionsparteien  zum  Zwecke
hatte,  aber,  wie  schon  so  mancher  frühere  Versuch  dieser  Art,
zu  keinem  Zwecke  führte,  wie  noth  auch  eine  solche  Eininigung
  beiden  Theilen  that,  indem  die  Lutherisehen  sehr  des
Zuwachses  dusserer  Kräfte,  die  Refermirten  aber  auch  einer
ihr  Recht  vertretenden  Partei  bedurften,  da  sie  durch  das
Restitutionsedict  ohne  allen  Antheil  an  dem  Religionsfrieden
bleiben  sollten.  Mit  allen  diesen  Verhandlungen  war  nun
cigentlich  nichts  gethan,  als  die  Zeit  verloren  worden;  aber
es  hatte  sich  mittlerweile  eine  andere  Begebenheit  zugetragen,
  welche,  mehr  als  diese  fruchtlosen  Berathungen,  dem
Laufe  der  Dinge  einen  gewaltsamen,  donneréhnlichen  Stoß
gab  und  die  Zögernden  endlich,  selbst  widerstrebend,  zur
That  fortriß.

Am  25.  Juli  1630,  während  das  protestantische  Deutschland
  noch  sehr  in  planlosem  Schwanken  begriffen  war,  landete
  der  König  von  Schweden,  Gustav  Adolf,  mit  einem
Heere  von  ungefähr  14,000  Mann  an  den  Küsten  Pommerns.

1630
        <pb n="332" />
        294  Johann  Geors  I.

Ohne  daß  Deutschland  für  den  Augenblick  einen  tiefern  Hintergrund
  in  dem  Plane  des  großen  Schwedenkönigs  ersehen
konnte,  durften,  mit  gerechter  Verbannung  jedes  Zweifels,
die  Protestanten  in  ihm  ihren  Bundesgenossen  und  Helfer
erblicken.  Die  Feststellung  seines  eigenen  Thrones  schon
mußte  Gustav  Adolf  bewegen,  der  Unterdrückung  des  protestantischen
  Deutschlands  entgegenzuarbeiten.  Aber  auch,  wenn
seine  Absichten  noch  heher  flogen,  wenn  der  Glanz  einer  zu
gewinnenden  Kaiserkrone  ihn  über  das  Meer  herüberrief,  so
konnte  er  nur  von  den  entfesselten  Armen  des  Protestantismus
  auf  den  deutschen  Thron  gehoben  werden,  und  in  jedem
Falle  mußte  der  Entfaltung  seines  eigenen  Gläckes,  der  Enthüllung
  seines  eigenen  Gestirns,  die  Errettung  Deutschlands
aus  den  Banden  kirchlicher  Hinterlist  und  politischer  Uebermacht
  vorangehen.  Gustav  Adolf  hatte  vorausgesetzt,  daß
die  deutschen  Fürsten  es  einsehen  würden,  wie,  ausser  seinem
kühnen  Willen,  ihm  sogar  die  Nothwendigkeit  die  Rettung
Deutschland's  zur  Pflicht  machte,  und  glaubte  um  so  sicherer
  auf  ihren  Beistand  rechnen  zu  dürfen.  Allein  zu  seinem
Befremden  stieß  er,  statt  auf  freudiges  Entgegenkommen,
vielmehr  auf  Vedenklichkeit,  Mißtrauen,  sa  auf  förmlichen
Widerstand.  Am  meisten  waren  ihm  gerade  die  beiden
Hauptstützen  der  protestantischen  Freiheit,  die  Churförsten  von
Brandenburg  und  von  Sachsen  entgegen.  Johann  Georg
zogerte  noch  immer,  etwas  Entscheidendes  gegen  Oesterreich
zu  unternehmen,  an  welches  er  —  zufolge  der  vorurtheilsvollen
  Räcksicht,  welche  mittelmäßige  Charaktere  auf  Leute
von  hohem  Range  und  dusserer  Würde  nehmen  —  eine
fortwährende  Anhänglichkeit  hatte,  obschon  es  nicht  immer
seinen  Dank  verdient  hatte.  Ueberdies  konnte  er  auch  eine
geheime  Eifersucht  gegen  Gustav  Adolf  nicht  bemeistern,  indem
  derselbe  sich  jetzt  gleichsam  in  seine  Stelle,  in  die  eines
Directors  des  protestantischen  Deutschlands  drängte  und  er,
bei  nur  einiger  Selbsterkenntniß,  demselben  allerdings  mehr
Kopf  und  Muth,  als  sich  selbst,  mithin  auch  überwiegenden
Einflus  in  dieser  Verrichtung  zutrauen  mußte.  Er  wollte
—  wenn  denun  einmal  die  unbequeme  Nothwendigkeit,  daß
        <pb n="333" />
        Johann  Georg  I.  295

Deutschland  errettet  werden  mußte,  eintrat  —  auf  eigne
Faust  allenfalls  der  Retter  Deutschlands  seyn,  wo  er  dann
vielleicht  doch  noch  einige  Rücksicht  auf  Oesterreich  haͤtte  nehmen
  können.  Der  Schwede  aber  stand  ihm  im  Lichte,  und
ehe  Deutschland  diesem  seine  Rettung  verdanken  sollte,
hätte  Johann  Gcorg  es  vielleicht  lieber  ungerettet  gelassen.
Doch  da  er  vielleicht  hoffte,  daß  Gustav  Adolf,  wenn  er  in
Deurschland  keine  Unterstätzung  fände,  bald  freiwillig  oder
gezwungen  den  Räckweg  antreten  würde,  so  bereitete  er  mit
anständiger  Gemächlichkeit  sich  selbst  zur  Errettung  Deutschlands
  vor,  und,  in  Gemäßheit  des  Convents  zu  Leipzig,
wurden  bereits  Werbungen  unternommen,  welche  die  Intriguen
  des  österreichischen  Hofes  umsonst  zu  vereiteln  strebten.
Eigentlich  ging  Johann  Georgs  Absicht  dahin,  jede  offensive
Stellung  gegen  Oesterreich  zu  vermeiden  und  sich  vielmehe
in  einer  vermittelnden,  zioischen  dem  Kaiser  und  dem  protestantischen
  Deutschland  zu  erhalten,  die  freilich  in  einer  schon
so  weit  vorgeschrittenen  Crisis  zu  spät  kam,  nach  der  Einmischung
  des  Schweden  aber  vollig  unausführbar  wurde
und  den  Churfürsten  mitsammt  seinen  sächsischen  Landen  angstvoll
  zwischen  Thür  und  Angel  gebracht  haben  würde.  Der
Kaiser  war  verblendet  genug,  dem  Churfürsten,  statt  ihn  in
dieser  schwankenden  Stellung  so  lange  wie  möäglich  zu  erhalten,
  vielmehr  ernsthaft  anzudeuten,  daß  er  sich  von  dem
Leipziger  Bunde  zurückziehen  sollte,  und  diesem  Verlangen,
da  es  nicht  gehört  wurde,  Drohungen  nachfolgen  zu  lassen.
Magdeburg'ê  fürchterliches  Schicksal,  die  Zerstdrung  dieser
schönen  blühenden  Stadt  (10.  Mai  1631)  durch  den  kaiser=  1631
lichen  General  Tilly  —  welcher  vielleicht  vorzubeugen  gewesen
  waͤre,  wenn  Johann  Georg  dem  Konige  ven  Schweden,
der  zum  Entsatze  Magdeburgs  herbeigeeilt  kam,  den  Durchmarsch
  durch  sein  Land  nicht  mit  grausamer  Neutralitätssucht
  verweigert  hätte  —  veränderte  schrecklich  die  ganze
Scene.  Nach  einem  dreitägigen  Morden  und  Verwüsten
verkundete  Tilly  mit  Hyänengemüthlichkeit  den  Uebriggebliebenen
  Pardonz  der  Muth  des  vorher  ziemlich  verlegenen
Kaisers  stleg  auf's  Neue  und  der  Protestantismus  schien
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        296  Johann  Georg  I.

über  Magdeburg's  blutigen  Trümmern  den  Todesstoß  erhalten
  zu  haben.  Obgleich  Tohann  Georg  noch  immer  sich  zu
keinem  selbstthätigen  Schritte  entschließen  konnte,  so  ward
er  doch  nun  bald  in  die  Nothwendigkeit  versetzt,  für  seine
cigene  Sicherheit  besorgt  zu  seyn.  Tilly  rückte  drohend  auf
Leipzig  los  und  Johann  Georg  mußte  nunmehr  eilen,  sich  in
die  Arme  des  Königs  von  Schweden  zu  werfen,  dessen  Bundesgenossenschaft
  er  so  lange  Zeit  ausgeschlagen  hatte.  Er
ließ  durch  seinen  Gesandten  die  dringende  Bitte  an  Gustav
  Adolf  ergehen,  ihn  in  sein  Bündniß  aufzunehmen
und  ihm  Beistand  zu  gewähren.  Dem  Schwedenkdnige
konnte  dieser  Beitritt  cines  so  mächtigen  Fürsten,  der,  so
lange  er  Freund  des  Kaisers  blieb,  ihm  nic  den  Rücken  frei
gelassen  hätte,  nur  erwünscht  seyn,  aber  eben  so  wenig  verkannte
  er  den  Wankelmuth  des  Churfürsten,  daher  er,  wenn
auch  nur  zum  Schein,  dem  sächsischen  Abgesandten  anfangs
mit  Kälte  und  mit  Zweifeln  entgegnete  und  ihm  zu  verstehen
  gab,  daß  er  sich  von  der  Treue  des  Churfürsten,  dessen
Räthe  sich  von  Oesterreich  besolden  ließen,  nicht  viel  versprechen
  könne.  Er  stellte  harte  Bedingungen  und  verlangte
vom  Churfürsten  nicht  weniger,  als  daß  ihm  derselbe  Wittenberg
  einrdume,  seinen  altesten  Prinzen  als  Geißel  stelle
und  die  hbeimlich  österreichisch  gesinnten  Räthe  ausliefere.  Dem
Churfürsten  war  in  seiner  schrecklichen  Verlegenheit  keine  Bedingung
  zu  schwer.  Er  ließ  zurücksagen,  daß  nicht  nur  Wittenberg,
  sondern  er  selbst  und  sein  ganzes  Land  sich  dem
Könige  zu  Geißel  darstellen  wollten,  und  Gustav  Adolf,  von
des  Churfürsten  Angst  vielleicht  noch  mehr  gerührt,  als  von
seinem  Vertrauen,  stand  großmäthig  von  seinen  ersten  harten
Bedingungen  ab  und  verlangte,  ausser  Oeffnung  der  Elbpässe,
nur  hinreichenden  Proviant  für  die  schwedische  Armee.  Es
war  hohe  Zeit,  daß  der  Churfürst  sich  unter  jeder  Bedingung
  der  Hilfe  des  Königs  versicherte,  denn  Tilly  drang  mit
einem  starken  Heere  immer  tiefer  in  Sachsen  ein,  von  ihm
geängstigt,  hatte  sich  Leipzig  ergeben  und  Merseburg  wurde
von  seinem  Unterfeldherrn  Pappenheim  genommen.  Der
sonst  so  schwankende  Churfürst  hatte  im  Bewußtseyn,  daß
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        Johann  Georg  J.  297

ein  Gustav  Adolf  ihm  zur  Seite  stehe,  gewaltigen  Muth
crlangt,  und  um  seine  Lande  nicht  länger  der  Willkuͤhr  eines
  grausamen  Feindes  ausgesetzt  zu  sehen,  wünschte  er  sehnlichst
  eine  Hauptschlacht.  Gustav  Adolf  —  theils  aus  weiser
  Heldenvorsicht,  theils  auch,  um  den  Muth  und  die  Treue
des  Churfürsten  einer  nochmaligen  Prüfung  zu  unterwerfen  —
ausserte  Bedenklichkeiten  wegen  einer  zu  unternehmenden
Schlacht  und  gab  dem  Churfürsten  zu  bedenken,  daß  durch
eine  Hauptschlacht  auch  so  ziemlich  Alles  mit  einem  Male
auf  die  Spitze  gestellt  und  daß,  wenn  das  eigensinnige  Glück
sie  diesmal  verlasse  und  den  Sieg  auf  die  Seite  des  Feindes
  lenke,  zwar  für  ihn,  den  Konig,  weniger  gewagt  sey,
indem  ihm  die  Rückkehr  in  seine  Lande  freistehe  und  er  in
Schweden  eine  gute  Schanze  gegen  die  Kaiserlichen  finde,
daß  aber  die  schwersten  Folgen  der  Niederlage  dem  Churfürsten
  zur  Last  fallen  und  ihn  der  vollen  Rache  des  Kailers
  preiegeben  würden.  Darauf  wußte  der  Churfürst,  dessen
  Heer  sich  in  der  Gegend  von  Düben  mit  den  Schweden
vereinigt  hatte,  freilich  nicht  viel  zu  antworten;  er  konnte
nichts,  als  seinen  sehnlichen  Wunsch  nach  einer  Hauptentscheidung
  durch  eine  Hauptschlacht  ausdrücken,  und  der  Koͤ—
nig,  dem  es  mit  seinen  Sweifeln  nicht  so  ernst  gewesen  war,
der  vielmehr  den  Churfürsten  —  welcher,  so  lange  ihm  die
geringste  Aussicht  offen  blieb,  sich  und  die  Seinigen  mit
Sweiseln  und  Erwägen  zu  quälen  pflegte  —  an  den  Abhang
eines  Entschlusses  führen  wollte,  gab  endlich  seine  Einwilli—
gung.  Nicht  so  schnell  konnte  sich  diesmal  der  alte  blutige
Kriegsmann  Ailly  zu  einer  Schlacht  entschließen;  wie  eine
böse  Ahnung  zog  es  ihn  von  einem  eatscheidenden  Kampfe
gegen  den  jungen  schwedischen  Helden  zurück,  gegen  seine
sonstige  Gewohnheit  schwankte  und  zagte  er.  Er  begann
sich  bei  Leipzig  zu  verschanzen  und  hätte  nicht  der  ungestüme
Pappenheim  den  Widerstrebenden  beinahe  gewaltsam  zum
Kampfe  hingerissen,  so  würde  er  sich  noch  eine  geraume
Weile  durch  ausweichende  Bewegungen  hinzuhalten  gesucht
haben.  Halb  gezwungen  gab  er  seine  feste  Stellung  auf,
und  bei  Breitenfeld  ohnweit  Leipzig,  fiel  nunmehr  die  große
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        2098  Johann  Georg  I.

entscheidende  Schlacht  vor,  in  welcher  blutig  über  das  Wohl
oder  Wehe  des  neuen  Glaubens  gewürfelt  wurde.  Tilly
hatte,  nach  langem  Zögern,  gleichwohl  diesmal  zu  keinem
guten  Entschlusse  kommen  können,  mühsam  rang  er  seinem
sonst  so  unternehmenden  Geiste  —  der  ihn  bisher  stets  zum
Sieger  gemacht  hatte  —  einen  obendrein  verfehlten  Plan
ab;  der  düstre  Würgengel  Magdeburg's  sollte  seinen  Sieger
  finden.  Zwar  schien  der  Anfang  der  Schlacht  sich  günstig
  für  Tilly  zu  zeigen,  denn  es  gelang  ihm,  sich  mit  Ungestäm
  auf  den  linken  Flügel  der  Verbündeten  zu  werfen,
welcher  aus  Sachsen  bestand  und,  da  es  meist  junge  noch
wenig  geübte  Soldaten  waren,  in  Unordnung  gerietb.  Der
Churfürst,  welcher  so  hitzig  auf  eine  Hauptschlacht  bestanden,
war,  als  die  Seinigen  wichen,  keiner  der  letzten  und  sprengte
athemlos  gegen  Eilenburg  hin,  wo  er  wieder  Halt  machte.
Nur  die  altern  Regimenter  der  Sachsen  hielten  Stand  und
vereinigten  sich,  um  den  Ruhm  ihrer  Waffen  und  ihres  Volkes
  zu  retten,  unmittelbar  mit  den  Schweden.  Die  ausgezeichnete
  Feldherrnkunst  Gustav  Adolfs  und  die  Tapferkeit
der  Seinigen,  wußte  diesen  augenblicklichen  Nachtheil  in
Vortheil  zu  verwandeln,  eine  kühne  Schwenkung  gegen  die
Anhöbe,  wo  Tilly  sein  Geschütz  im  Räücken  seiner  Armee
aufgepflanzt  hatte,  setzte  ihn  in  Besitz  desselben  und  ließ  die
Kaiserlichen  nunmehr  die  Wirkung  ihres  eigenen  Geschützes
empfinden.  Dies  entschied  Tilly's  gänzliche  Niederlage.
Das  furchtbare  Heer,  welches  er  geführt,  noch  vor  einigen
Stunden  der  Schrecken  des  protestantischen  Deutschlands,
wurde  zum  großen  Theil  vernichtet  —  ein  gewaltiges  Gottesgericht
  für  den  Mordbrand  an  Magdeburg!  —  und  seine
Ueberbleibsel  zersprengt.  Tilly's  blutiger  Lorbeer  ward  ihm
durch  diesen  Tag  vom  Haupte  gerissen,  8000  seiner
Krieger  deckten  die  Wahlstadt,  selbst  ein  großer  Theil  der  fliehenden
  ward  unterweges,  Viele  durch  die  Rache  des  erbitterten
  Landvolkes,  erschlagen.  Unbedeutend  gegen  den  schrecklichen
  Verlust  der  Kaiserlichen,  war  der  Verlust  der  Schweden.
  Dies  war  die  Ausbeute  eines  einzigen  glorreichen  Tages,
  des  7.  Septembers  1631.  Die  unmittelbare  Folge  die-
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        Johann  Georg  l.  299

ses  großen  Sieges  —  zu  welchem  der  von  Eilenburg  eilig
zurückkehrende  Churfürst  dem  schwedischen  Konige  seinen  freudigen
  Glückwunsch  abzustatten  nicht  ermangelte,  welcher  ihm
lächelnd  dankte,  daß  er  ihm  zu  einer  Hauptschlacht  gerathen—
war  die  Wiedereroberung  Leipzigs,  welche  Johann  Georg
mit  leichter  Mühe  bewerkstelligte,  und  die  Befreiung  Merseburgs.
  Allein  unendlich  bedeutender  waren  die  geistigen  Folgen
  dieses  Sieges.  Durch  des  Kaisers  anfängliches  Glück,
namentlich  durch  die  von  ihm  gewonnene  Schlacht  am  weißen
  Berge,  war  die  Sache  der  Protestanten  beinahe  so  gut
wie  aufgegeben,  sie  selbst  begannen  an  ihrem  Schecksale  zu
verzweifeln  und  die  Katholiken  sahen  mit  triumphirenden
Blicken  schon  die  nahe  gänzliche  Verbreitung  des  Reactionsedicts.
  Die  Halbheit  in  den  Maßregeln  der  Protestanten
und  die  Zersplitterung  derselben  unter  sich,  ließ  noch  die
letzten  Hoffnungen  untergehen  und  so  durfte  der  Kaiser,  ohne
den  Vorwurf  unzeitiger  Erwartungen  auf  sich  zu  laden,
sich  schmeicheln,  der  geistigen  und  politischen  Freiheit  Deutschlands
  des  Ehesten  den  Todcsstoß  versetzen  zu  konnen.  Der
Breitenfelder  Sieg  gab  der  Sache  mit  einem  Male  ein  anderes
  Ansehen.  Der  Nimbus  der  Unüberwindlichkeit  fiel
von  des  Kaisers  Haupte,  nachdem  sein  gefürchteter  Feldherr
Tilly  in  einer  einzigen  Schlacht  alle  Früchte  seines  frühern
Ruhmes  eingebüßt  hatte,  und  das  mittlere  Deutschland  stand
plotzlich  dem  schwedischen  Heldenkönig  offen.  Ja  der  Kaiser
  selbst  waͤre  in  Wien  nicht  sicher  gewesen,  wäre  Gustav
Adolf,  statt  nach  den  Main=  und  Rheingegenden  sich  zu
wenden,  durch  Böhmen  hin  nach  der  österreichischen  Hauptstadt
  aufgebrochen.  Die  Protestanten,  welche  sich  schon
aufgegeben  hatten,  schdpften  wieder  Vertrauen  zu  ihren  Kräften
  und  zu  ihrer  Sache,  und  selbst  Johann  Georg  bekam
Muth.  Die  Sachsen  drangen  unter  Aruheim  in  Böhmen
ein,  welches  ihnen  jetzt  so  gut  wie  keinen  Widerstand  leisten
konnte,  nahmen  ohne  viele  Mühe  mehrere  bedeutende  Plätze
und  endlich  selbst  Prag.  Doch  verläugnete  sich  des  Churfürsten
  geheime  Anhänglichkeit  an  den  Kaiser  selbst  in  dieser
endlichen  Stellung  nicht,  er  ließ  gegen  die  kaiserlichen
        <pb n="338" />
        300  Johann  Georg  I.

Schätze  und  Palläste  die  größte  Schonung  walken,  und  besonders
  mochte  Arnheim,  der  anerkannt  heimlich  vom  Kaiser
besoldet  wurde,  sich  auf  Rücksichten  gegen  den  Feind  einlassen,
  die  Gustav  Adolfs  ohnedies  keinesweges  günstige  Meinung
  von  ihm  nicht  eben  verbessern  konnten.  Der  siegreiche
Schwede  hatte  freilich  dem  Churfürsten  und  seinem  Feldherrn
volle  Ursache  gegeben,  eifersüchrig  auf  ihn  zu  werden,  insofern
  geistige  Ueberlegenheit  demselben  ausgesetzt  ist,  und  dies
brachte,  wenn  auch  nicht  förmliches  Entgegenwirken,  doch
eine  Lässigkeit  auf  sachsischer  Seite  zuwege,  welche  nachtheilig
  und  hemmend  auf  die  allgemeine  Sache  zurückwirkte.
Der  Kaiser,  welcher  um  ein  Heer  und,  was  vielleicht
noch  empfindlicher,  um  das  Vertrauen  zu  seinem  einst  siegreichen
  Feldherrn  ärmer  geworden  war,  mußte  sich  wohl,  in
beiderlei  Sinsicht,  nach  Ersatz  umseben.  Der  fräher  von  ihm
verabschiedete  Wallenstein,  welcher  mit  scheinbarer  Gleichgültigkeit
  dem  Gange  der  Dinge  von  seiner  böhmischen  Restidenz
aus  zuschauete  und  mit  heimlicher  Gier  der  Gelegenheit  harrte,
wo  der  Kaiser  durch  den  Drang  der  Nothwendigleit  ihm
wieder  in  die  Arme  geführt  werde,  war  es,  nach  welchem
seine  schiffbrüchige  Hoffnung  griff.  Der  stolze  Vasall  schrieb
seinem  Kaiser,  dessen  Verlegenheit  er  nur  zu  leicht  durchschauen
konnte,  harte  Bedingungen  vor,  und  dieser  befand  sich  nicht
in  der  Verfassung,  sich  derselben  weigern  zu  konnen.  Kaiser
und  Vasall  wurden,  wie  sehr  Lebterer  auch  drückte,  Handelseinig
  und  Wallenstein  brachte  durch  den  kriegslustigen
Klang  seines  Namens  —  der  jeden  Soldaten  mit  sicherer
Hoffnung  nach  Beute  und  Sieg  erfüllte  —  und  durch  seine
unerreichte  Werbekunst,  in  kurzer  Zeit  ein  starkes  Kriegsheer
zusammen,  das  aus  dem  Boden  gestampfte  schien,  und  ubernahm
  den  Oberbefehl  über  Heer  und  Feldzug.  Es  ward
ihm  nicht  schwer,  die  Sachsen  wieder  aus  Böhmen  heraus
zu  drängen,  da  dem  Churfürsten  selbst  nicht  viel  daran  gelegen
  war,  sich  dort  zu  behaupten,  und  dieser,  nachdem  der
Schwedenkönig  ihn  der  ersten  dringenden  Verlegenheit  entrissen,
  in  seinen  Gesinnungen  gegen  denselben,  schon  sehr  erkaltete
  und  allmählig  darauf  dachte,  sich  eine  Hinterpforte
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        Johann  Georg  I.  301

zur  Aussöhnung  mit  dem  Kaiser  offen  zu  kassen.  Doch  kam
er  mit  seinen  Entschlüssen  nicht  so  schnell  in's  Reine  und
sehte  daher,  wiewohl  nachlässiger,  die  Bundesgenossenschaft
mit  den  Schweden  leidlich  genug  fort.  Aus  Böhmen  verdrängt,
  zogen  sich  die  Sachsen  nach  der  Oberlausitz  und  von
da  nach  Schlesien,  wo  sie  nicht  unbedeutende  Vortheile  errangen
  und  sich  in  mehreren  Plätzen  festsetzten.  Dies  bewog
Wallenstein,  welcher  in  der  Nähe  von  Nürnberg  ein  Lager
bezogen  hatte  und  darin  vergebens  von  Gustav  Adolf  angegriffen
  worden  war,  seine  Stellung  aufzugeben  und  seinen
Generalen,  Holke  und  Gallas,  zu  folgen,  welche  er  bereits
nach  den  sochsischen  Landen  vorangeschickt  hatle,  wo  dieselben
  unter  grausamen  Verwüstungen  Herren  mehrerer  Plätze
geworden  waren.  Johann  Georg,  welcher  Leipzig  abermals
in  der  Gewalt  der  Kaiserlichen  sah,  beschwor  den  König  von
Schweden,  den  er  in  jeder  Verlegenheit  gut  zu  finden  wußte,
flehendlich,  von  seinem  vorhabenden  Zuge  nach  Baiern  und
Oesterreich  abzustehen  und  schleunig  nach  Sachsen  zurückzueilen,
  um  ihn  und  sein  Land  der  drohenden  Gefahr  zu  entreißen.
  Die  Nähe  von  Leipzig,  welche  schon  einmal  dem
Glaubenskampfe  verhängnißvoll  geworden  war,  sollte  wiederum
  die  blutige  Entscheidung  einer  großen  Frage  der  Menschheit
  sehen.  Gustav  Adolf  hatte  sich  bei  Naumburg  gclagert,
und  Wallenstein,  in  der  Meinung  daß  sein  Gegner  den
Winter  dort  zubringen  wollte,  entließ  bereits  den  General
Pappenheim  von  sich  und  sendete  ihn  mit  ciner  Truppenabtheilung
  über  Halle  nach  dem  Rheine  hin.  Kaum  aber  war
diese  Trennung  geschehen,  so  folgte  Gustav  Adolf  dem  Wallenstein
  gegen  Leipzig  hin  und  Wallenstein  mußte  schleunig
Pappenheim  zurückberufen.  Bei  Lützen  kam  es  am  6.  November
  zu  der  ewig  denkwürdigen  Schlacht,  in  welcher  der
große  Vorkaämpfer  der  protestantischen  Freiheit,  Gustav  Adolf,
sein  Leben  ließ  und  sterbend  die  heilige  Sache  besiegelte,
welche  er  im  Leben  so  heldenmüthig  verfochten  hatte.  Verbrüdert
  durch  den  allversdhnenden  Tod  folgte  ihm  sein  ungestümer
  Feind  Pappenheim  in's  Grab,  der  bei  Lützen,  ebenfalls
  tödlich  verwundet,  bald  darauf  zu  Leipzig  starb.  Die

1632
        <pb n="340" />
        W2  Johann  Georg  I.

fallenden  Sügel  der  noch  unentschiedenen  Schlacht  ergriff,  bei  Gustav
  Adolf's  Falle,  der  kühne  Herzog  Bernhard  von  Weimar,
dessen  jugendliches  Heldengestirn  gleichsam  aus  dem  Blute
Gustav  Adolf's  aufzutauchen  und  den  entfliehenden  Heldengeist
  des  großen  Schwedenkönigs  noch  erfaßt  zu  haben  schien,
um  ihn  in  seine  eigne  Brust  aufzunehmen.  Er  behauptete
siegreich  das  Schlachtfeld,  und  Wallenstein  zog  sich  ziemlich
eilig  nach  Böhmen  zurück.  Ob  Gustav  Adolf,  durch  die
Schwäche  seiner  Augen  und  den  Staub  des  Schlachtfeldes
geblendet  und  einem  feindlichen  Haufen  zu  nahe  geführt,
durch  die  Kugeln  der  Kaiserlichen  oder  eines  verratherischen
Freundes,  des  Herzogs  Franz  Albrecht  von  Lauenburg,  fiel,
ist  noch  unerwiesen.  Mit  seiner  Leiche  wurden  auch  seine
weiteren  Plane  begraben,  die  vielleicht  keinem  kleinern  Ziele,
als  dem  deutschen  Kaiserthrone  zuslogen.  Der  Tod  zog
einen  Schleier  über  diese  Nebenabsichten  Gustav  Adolfs  und
rettete  ihm  den  Ruhm  des  Befreiers  von  Deutschland,  der
vielleicht  durch  ein  längeres  Leben  und  durch  fortgesetztes
Kriegsglück  verloren  gegangen  wäre.  So  war  es  der  tedtenden
  Kugel  vorbehalten,  das  herrliche  Bild  des  rettenden,
siegenden  Königs  vor  entstellenden  Flecken  zu  bewahren  und
sein  Andenken  für  ewige  Zeiten  zu  heilsgen.

Johann  Georg  trug  den  Dank,  welchen  er  dem  gefallenen
  Könige  schuldete,  nicht  eben  auf  dessen  Volk  über.  Er
hatte  schon  nicht  ohne  Eifersucht  zugesehen,  daß  Gustav  Adolf
sich  das  Directorium  unter  den  Evangelischen  anmaßte,  obschon
  er,  bei  nur  einiger  Gerechtigkeit,  zugeben  mußte,  daß  Letzteres
  keinen  bessern  Händen  anheimfallen  könne.  Nach  des  Königs
  Tode  aber  meinte  Johann  Georg  um  so  gewisser,  dieses  früher
ihm  zustehende  Directorium  wieder  zu  erhalten  und  fand  sich
um  so  unangenehmer  in  seinen  Erwartungen  getäuscht,  da
der  schwedische  Reichskanzler  Arel  Oxenstierna,  welcher,  neben
  der  Vormundschaft  über  Gustav  Adolf's  minderjährige
Tochter  und  Nachfolgerin  Christina,  auch  die  Angelegenheiten
  in  Deutschland  leitete,  auf  einer  Versammlung  zu  Heilbronn
  (April  1633)  die  vier  Kreise,  Franken,  Schwaben,
1633  Ober=  und  Niederrhein,  zu  einem  Bündnisse  mit  Schweden
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        Johann  Georg  1.  303

zu  vermoͤgen  wußte,  uͤber  welches  ihm  das  Directorium,  obgleich
  mit  Zuordnung  eines  Concilii  sormati,  zuerkannt  wurde.
Diese  Zuruͤcksetzungen,  die  freilich  dem  Churfuͤrsten  nicht  mit
Unrecht  empfindlich  seyn  mußten,  erkaͤlteten  ihn  immer  mehr
fuͤr  die  allgemeine  Sache,  und  er  begann,  bei  seiner  ohnedies
  dem  Helden  so  sehr  entsremdeten  Natur,  bereits  mit
vieler  Vorliebe  dem  Gedanken  an  Frieden  Raum  zu  gönnen.
Von  österreichischer  Seite  unterließ  man  nicht,  in  diese  Bresche
  der  Johann  Georg'schen  Standhaftigkeit  mit  allen  Mitteln
  der  List  und  Verführung  einzudringen,  und  der  König
von  Dänemark  suchte,  neidisch  auf  Schwedens  Glück  und
Macht,  ebenfalls  den  wankenden  Churfürsten  zu  einem  voͤlli—
gen  Abfalle  von  Schweden  zu  bewegen.  Dahin  kam  es
freilich  vor  der  Hand  noch  nicht;  doch  neigte  sich  Johann
Georg,  trotz  Oxenstierna's  freundlichen  Erbietungen,  immer
mehr  dem  Friedensentschlusse  zu,  und  durch  dänische  Vermittelung
  wurde  bereits  die  Stadt  Breslau  zum  Orte  des
Congresses  bestimmt.  Doch  zerschlugen  sich  diese  Verhandlungen,
  und  Wallenstein,  dem  damals  ein  Frieden  zwischen
Sachsen  und  dem  Kaiser  noch  nicht  in  seine  Plane  passen
mochte,  erneuerte  die  Feindseligkeiten,  indem  er  im  August
1633  das  Voigtland  und  das  Erzgebirge  verwüstete.  Auch
die  im  folgenden  Jahre  zu  Leitmeritz  begonnenen  Unterhand=  1631
lungen  hatten  keinen  Erfolg;  doch  trat  die  Eisersucht  Sachsens
  gegen  Schweden  immer  unverdeckter  an's  Licht  und  es
ging  bereits  so  weit,  daß  die  Sachsen  unter  Arnheim  die  Schweden
  aus  dem  von  ihnen  besetzten  Glogau  mit  Waffengewalt
hinauêtrieben.  Die  Niederlage,  welche  die  Schweden  unter
Bernhard  von  Weimar  bei  Nordlingen  (November  1634)
erlitten,  brachte  endlich  den  schwankenden  Churfürsten  zu  dem
ernsthaften  Entschlusse  des  Friedens.  Der  Churfürst  hatte
keine  Lust,  der  Bundesgenosse  eines  einmal  Geschlagenen  zu
bleiben,  der,  bisher  beinahe  stets  Sieger,  ihn  und  sein  Land
zweimal  vom  sichtlichen  Verderben  errettet  hatte.  Man
nahm  daher  im  November  1634  in  Pirna  die  zu  Leitmerit
abgebrochenen  Friedensunterhandlungen  wieder  auf,  und  am
30.  Mai  des  folgenden  Jahres  kam  zwischen  dem  Kaiser  1635
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        304  Johann  Georg  I.

und  dem  Churfürsten  von  Sachsen,  zu  Prag  der  lang  besprochene
  und  verhandelte  Hauptfriede  zu  Stande,  in  welchem
  bestimmt  wurde,  daß  in  Hinsicht  aller  mittelbaren
Stifter,  Klöster  und  anderen  geistlichen  Güter,  welche  die
Protestanten  vor  dem  Passauer  Vertrage  eingezogen,  der
Augsburgische  Religionsfriede  in  Kraft  erhalten  werden,  die
unmittelbaren  Stifter  und  geistlichen  Göter  aber,  die
vor  dem  Passauer  Vertrage,  und  alle  mittelbare  und  unmittelbare,
  welche  nach  dem  erwähnten  Vertrage  den  Protestanten
  zugefallen,  noch  auf  vierzig  Jahre,  von  Abschluß
des  Friedens  an  gerechnet,  in  ihren  Händen  bleiben,  und  in
dieser  Zeit  die  freie  Religionsausäbung  des  einen  oder  #8.
andern  Theils,  wie  sse  am  12.  November  1027  gewesen,
gestattet  seyn  sollte:  Binnen  zehn  Jahren  sollte  von  einer
Commission  friedensgeneigter  Stände  aus  beiden  Confessionen
  hieräber  ein  Vergleich  verhandelt  werden  und,  im  Falle
dieser  nicht  zu  Stande  käme,  nach  Verlauf  jener  vierzig
Jahre  jedem  Theile  die  Rechte  gesichert  bleiben,  welche  er
am  12.  November  1627  behauptet  hätte.  Das  Erzstift
Magdeburg,  ein  früherer  Gegenstand  des  Streites,  sollte
dem  Sohne  Fohann  Georg's,  August,  auf  Lebenszeit  verbleiben;
  der  Churfürst  aber  die  vier  dazu  gehbrigen  Aemter,
Querfurt,  Jüterbock,  Dame  und  Burg,  als  Magdeburg’sche
Lehen  bekommen.  Das  Stift  Halberstade  sedoch  sollte  dem
Erzherzog  Leopold  Wilhelm  zufallen,  das  Kammergericht  mit
Besitzern  beider  Religionstheile  in  gleicher  Anzahl  besetzt  und
die  ehemalige  freie  Reichsstadt  Donauwerth  restituirt  werden,
  wenn  der  Churfürft  von  Baiern  Ersatz  für  die  aufgewandten
  Kriegskosten  erhalten  hätte.  Der  Kaiser  und  die
protestantischen  Stände  sollten  Alles,  was  sie  seit  der  Ankunft
  des  Kdnigs  von  Schweden  einander  abgenommen  hatten,
  gegenseitig  wieder  herausgeben;  zwischen  dem  Kalfer  und
dem  Churfürsten,  nebst  den  bisher  ihnen  ergeben  gewesenen
katholischen  und  evangelischen  Ständen,  sollte  eine  allgemeine
Amnestie  von  1630  an  gelten,  wovon  jedoch  die  ausgenommen,
  welche  Theil  an  den  böhmischen  Unruben  gehabt.  Ingleichen
  bleibe  dem  Kaiser  das  fernere  Verfahren  in  der
        <pb n="343" />
        Johann  Georg  1.  305

pfälzischen  Angelegenheit  freigestellt,  weil  ihm  durch  den
Pfalzgrafen  alle  bisherigen  Unruhen,  Nachtheile  und  Kosten
erwachsen;  nur  des  Pfalzgrafen  Wittwe  sollte  ein  Leibgedinge
  und  seine  Kinder  einen  Unterhalt  aus  kaiserlicher  Gnade
erhalten.  Der  Churfürst  selbst  sollte  mitwirken,  um  dasjenige,
  was  Schweden  und  Frankreich  in  Deutschland  besetzt
hätten,  wieder  heraus  zu  bekommcn,  und  zur  Vollziehung
der  verglichenen  Puncte  sollte,  mit  Beistand  der  dabei  betheiligten
  Fürsten,  der  Kaiser  ein  Kriegsheer  herstellen  und
der  Churfärst  von  Sachsen  den  Oberbefehl  über  dasselbe  führen.
  In  einem  Nebenreceß  zu  diesem  Frieden,  wurde  wegen
  der  Lausitzen  Bestimmung  getroffen.  Gern  hätte  der
Kaiser  den  Churfürsten  wegen  der  von  Letterem  berechneten
Kriegskosten,  die  sich  an  Capital  und  Zinsen  auf  nicht  weniger
  als  72  Tonnen  Goldes  beliefen,  auf  andere  und  beqducmere
  Weise  abgefunden;  doch  lag  ihm  zu  viel  an  Vollendung
  des  Friedenöschlusses,  als  daß  er  hierin  nicht  auch
seiner  Seits  etwas  zugegeben  hätte,  und  so  wurde  denn  in
diesem  Nebenreceße  die  Ober=  und  Niederlausitz  dem  Churfürsten
  von  Sachsen  erblich,  jedoch  als  ein  Mannslehen  der
Krone  Böhmen,  an  welche  es  nach  dem  Erlbschen  des  churfürstlichen
  und  herzoglich=  altenburgischen  Hauses  und  dem
Absterben  aller  Lehnkfolger,  zurückfallen  sollte,  zugestanden
und  ihm  am  30  April  des  folgenden  Jahres  formlich  übergeben.


Dieser  Friedensschluß  erregte  im  protestantischen  Deutschland
  die  größte  Unzufriedenheit  und  man  rechnete  es  dem  Churfürsten
  sehr  übel  an,  daß  er  sich  in  einen  Vertrag  eingelassen,
  der  ihm  selbst  nur  theilweise  nüße  und  keinesweges
den  von  ihm  früher  gehegten  Erwartungen  entspreche,  der
protestantischen  Sache  aber  den  offenbarsten  Nachtheil  bringe,
  indem  darin,  undankbar  genug!  der  Schweden  nicht
gedacht  und  kein  Preis  für  eine  Räumung  Deutschlands  ihnen
  zugestanden,  sondern  dieselben  nunmehr  aus  Freunden  in
Feinde  verwandelt  wurden.  Eben  so  ungerecht  und  wo  moglich
  noch  schmachvoller  fand  man  es,  daß  vermoͤge  dieses
Friedens,  die  Bohmen  und  Pfälzer  von  der  Amnestie  ausge-20



1636
        <pb n="344" />
        306  Johann  Georg  I.

nommen  und  der  Härte  des  Kaisers,  der  Rache  seiner  Jesuiten
  überliefert  wurden,  daß  der  Friede  nur  die  Augöburgischen
  Confessionsbekenner,  nicht  aber  die  verwandten  protestantischen
  Parteien,  wie  z.  B.  die  Reformirten,  in  sich  schloß,
mithin  Letztere  feigsinnig  aufopferte,  daß  die  eingezogenen
geistlichen  Güter  nach  vierzig  Jahren  an  die  Katholiken  zurückfallen
  sollten,  mithin  nur  eine  halbe  Maßregel  ergriffen  und
ein  halber  Vortheil  errungen  worden.  Und  daß  der  Churfürst
von  Sachsen,  den  allerdings  weder  seine  Talente,  noch  selne
Gesinnungen  det  evangelischen  Partei  würdig  machten,
bei  diesen  Verhandlungen  gleichwohl  ein  unumschränktes  Directorium
  über  die  evangelischen  Angelegenheiten  willkührlich
sich  angemaßt,  erregte,  wie  überhaupt  der  ganze  Friedensschluß
  und  Johann  Georg's  Benehmen  hierbei,  eine  Mißbllligung,
  die  sich  sogar  in  beißenden  Schriften  gegen  Letzteren
Luft  machte.  Doch  er,  der  nur  in  fixen  Ideen  lebte  und
das  Nahe  bald  für  fern,  bald  das  Ferne  für  nahe  ansah,
war  über  die  vermeintlichen  Vortheile  dieses  Friedens  so
hocherfreut,  daß  ihn  derlei  üble  Bemetkungen  gar  nicht  in
seinem  Freudentaumel  stören  konnten.  Spaßhaft,  obgleich
natürlich  war  es,  daß  er  auch  Andere  seiner  fixen  Ideen
theilhaft  glaubte  und  sich  sehr  wunderte,  daß  die  Schweden,
denen  er  hoffnungsvoll  den  Antrag  machte,  diesem  Frieden
beizutreten  und  ihnen  sogar  aus  Reichsmitteln  eine  starke
Summe  Geldes  anbot,  wenn  sie  Deutschland  räumen  wollten,
  statt  erfreut  diesen  Vorschlägen  Gehèr  zu  geben,  sich
mit  Erbitterung  dagegen  strdubten.  Besser,  als  bei  ihnen,
wenn  auch  nur  allmählig,  drang  der  Churfürst  bei  der  Mehrzahl
  der  deutschen  Stände  durch.  Sie  Alle  hatten  in  dem
Kriege  mehr  oder  weniger  gelitten,  ihre  Länder  waren  erschoͤpft
  und  so  mußten  sie,  nach  dem  Abfalle  eines  so  mächtigen
  Bundesgenossen,  wie  des  Churfürsten  von  Sachsen,  ebenfalls
  endlich  den  Friedensvorstellungen,  welche  ihnen  Letterer
mit  vielem  Eifer  machte,  Gehdr  geben.  Daher  traten,  halb
freiwillig,  halb  nothgedrungen,  der  Herzog  Wilhelm  von
Sachsen-Weimar,  wie  auch  seine  beiden  Brüder  Albrecht  und
Ernst,  die  Herzöge  von  Braunschweig,  Meklenburg  und  Pom-
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        Johann  Georg  I.  30“

mern,  der  Churfürst  von  Brandenburg,  die  Städte  Luͤbeck,
Hamburg,  Bremen,  Braunschweig,  Erfurt,  Frankfurt  am
Main  u.  A.  diesem  Vertrage  bei.  Hessen  -Cafsel  allein  gab
sein  bestehendes  Bündniß  mit  Schweden  nicht  auf.

Die  Stellung  des  Churfürsten  Lon  Sachsen  in  Räcksicht
auf  Schweden  war,  nach  dem  Prager  Friedensschlusse  und
nach  seiner  Aussbhnung  mit  dem  Kaiser,  von  der  Art,  daß
es  von  der  biöherigen  Bundesgenossenschaft  sehr  bald  zu
Feindseligkeiten  kommen  mußte.  Am  6.  October  1635  erklärte
  er  den  förmlichen  Krieg  gegen  Schweden.  Doch  zeigte
der  Erfolg  nicht  eben,  daß  er  durch  das  neue  Bündnitz  mit
dem  Kaiser  das  Glück  an  seine  Fersen  gefesselt  habe,  vielmehr
  wollte  ihm  nichts  so  recht  gelingen,  während  die  Schweden
  dagegen  mit  dem  Verluste  des  wankelmüthigen  Bundesgenossen
  sich  das  Glück  zurückerkauft  zu  haben  schienen
und  ihren  Waffen  sich  eine  neue  ruhmvolle  Bahn  erdffnete.
Gleich  der  Beginn  des  Krieges  war  für  Sachsen  unglücklich,
denn  bei  Ddmitz  wurden  sie  unter  Baudis  —  dem  Nachfolger
  Arnheim's,  welcher,  aus  Unzufriedenheit  mit  dem  Prager
  Frieden,  dem  Churfürsten  den  Dienst  aufgesagt  hatte  —
am  22.  October  von  den  schwedischen  General  Rudwen,  mit
Verlust  von  4000  Mann  geschlagen.  Ein  ähnlicher  Schlag
folgte  diesem  Verluste  nur  zu  schnell.  Acht  sächsische  Regimenter,
  welche,  unter  Vitzthum,  bei  Ruppin  zu  den  Oesterreichern
  stoßen  sollten,  wurden  am  7.  October  durch  den  schwedischen
  Feldmarschall  Banner  aufgerieben.  Durch  diesen  Unglücksfall
  ward  den  Schweden  der  Weg  nach  Sachsen  gedffnet,
  das  bedauernswürdige  Land  mußte  fürchterlich  für  die  Treulosigkeit
  seines  wankelmüthigen  Fürsten  büßen,  denn  die  Schweden,
  voll  Erbitterung  gegen  den  Abfall  der  ehemaligen  Bundeögenossen,
  haus'ten  unmenschlich  und  Mord,  Plünderung
und  Verstümmlung  nebst  den  Verheerungen  der  Flamme
bezeichneten  die  Straße,  welche  sie  zogen.  Sie  verwösteten
Alles  mit  so  unberechneter  Verheerungssucht,  daß  sie  sich
dadurch  selbst  die  Mittel  raubten,  um  bestehen  zu  können
und  sich  daher  an  die  Bode  zurückzogen.  Dies  machte  es  zwar
dem  Churfürsten  moglich,  sich  bei  Eisleben  mit  dem  dsterei-20*



1635

1636
        <pb n="346" />
        308  Johann  Georg  I.

chischen  General  Hatzfeld  zu  vereinigen  und  nach  dreiwdchentlicher
  Belagerung  sich  (3.  Juli  1636)  Magdeburg's  zu
bemeistern;  aber  am  24.  September  wurde  das  vereinigte
kaiserliche  und  sächsische  Heer  bei  Wittstock  von  Banner
schwer  geschlagen,  wozu  die  heimliche  Anhänglichkeit  mehrerer
  sächsischen  Offiziere  an  Schweden  beigetragen  haben
mag.  Das  kaiserlich=  sächsische  Heer  verlor  vier  bis  fünftausend
  Mann,  Viele  fanden  noch  auf  der  Flucht  den  Tod.
Johann  Georg  mußte  sich  eilig  nach  Meißen  zurückziehen.
Hatzfeld  drängte  sich  nach  Hessen  hinein.  Banner  goͤnnte
ihm  jedoch  dort  nicht  lange  Zeit,  sondern  verjagte  die  Kalserlichen
  aus  dem,  den  Schweden  treu  gebliebenen  Hessen,  eroberte
  Erfurt,  schlug  bei  Eulenburg  die  Sachsen,  befeßte
Torgau  und  wirthschaftete  fürchterlicher,  als  je,  in  Sachsen.
Die  gräßlichsten,  erfindungsreichsten  Martern  wurden  von  den
wüthenden  Schweden  an  den  unglücklichen  Einwohnern  verübt,
  welche  die  Qualen  der  Inquisitionsgewölbe  und  Folterkammern
  noch  hinter  sich  zurückließen.  Der  berüchtigte
Schwedentrank  —  d.  i.  Mistjauche  welche  man  den  Menschen
  gewaltsam  einfüllte,  denen  man,  wenn  sie  sich  übervoll
  getrunken,  auf  den  Leib  sprang  —  wird  noch  jetzt
mit  Entsetzen  genannt.  Leider  zeigten  sich  die  kaiserlichen
Truppen  eben  so  erfinderisch,  oder  sie  hatten  es  wenigstens
den  Schweden  schnell  abgelernt.  Solche  Segnungen  hatte
Johann  Georg's  Politik  über  sein  Land  gebracht!  Wurzen,
Strehla,  Belgern,  Schilda,  Schmiedeberg,  Liebenwerda,  Leißnig
und  Colditz  wurden  durch  Banner's  Soldaten  niedergebrannt.

Der  ganze  Krieg  hatte,  seit  Gustav  Adolf's  Tode,  einen
andern  Charakter  angenommen  und,  statt  seiner  frühern  bestimmteren
  Tendenz,  sich  in  kleinere  Massen  zerstückelt.  Er
erinnerte  lebhaft  an  den  Burgenkrieg  des  Mittelalters;  aus
dem  Staatenkampfe  war  ein  Soldatenkrieg  geworden,  welcher
  sich,  ohne  ein  festes  politisches  Ziel  im  Auge,  dahin
wendete,  wo  es  Unterhalt  und  Beute  zu  hoffen  gab,  und
die  traurige  Folge  dieser  Verwandlung  war,  daß  sich  der
Krieg  nunmehr  weniger  gegen  die  Heere,  als  gegen  die  friedlichen
  Einwohner  und  deren  Eigenthum  richtete.  Die  Feld-
        <pb n="347" />
        Johann  Georg  I.  309

herren,  von  ihren  Herrschern  darauf  angewiesen,  und  aus
Mangel  besserer  Unterstuͤtzung,  verwandelten  sich  in  Hordenführer
  und  Naubritter,  dic  Soldaten  in  Freibeuter  und  Banditen.
  Es  war  eine  dästere  Erde,  welche  am  15.  Februar
1637  der  katholische  Kaiser  Ferdinand  II.  verließ,  er  selbst
hatte  sie  reichlich  mit  Blute  überstrdmen  helfen  und  gern
konnte,  im  Vertrauen  auf  den  nahen  Himmel,  auf  welchen
er,  nach  der  Versicherung  seiner  Geistlichen  und  Fesuiten,  durch
seinen  Ketzerhaß  den  besten  Anspruch  hatte,  der  Kaiser  aus  dieser
finstern  Welt  scheiden.  Die  freilich  nicht  grundlose  Erbitterung
  der  Protestanten  hat  Ferdinand's  II.  Andenken  wohl  noch
mehr  in's  Dunkle,  Grelle  herabgezogen,  als  sein  wirklicher
Charakter  als  Mensch  es  eigentlich  verdient  haben  mag.
Unter  Vorurtheilen,  die  man  ihm  frühzeitig  eingeimpft,  erzogen,
  von  Jesuitismus  und  katholischer  Schwärmerei  umgeben,
  erschien  ihm  Alles  was  er  that,  in  einem  andern  Lichte,
als  der  Welt,  und  der  Sklave  eines  mit  seinem  Throne  verwachsenen
  Systems,  dessen  Schwächen  zu  durchschauen  er
nicht  die  Einsicht  und  welches  zu  verldugnen  er  weder  den
Muth  noch  die  Kraft  und  den  Geist  besaß,  wurde  er  zu  einem
  Verfahren  veranlaßt,  dessen  Härte  man  ihm  eben  als
Verdienst,  dessen  abstoßende  Strenge  man  ihm  als  Tugendsinn
  zu  schildern  wußte.  Daß  Ferdinand,  selbst  bei  seinem
Fanatiömus,  bei  seinen  Beschränktheiten,  nicht  ohne  Vorzüge
des  Geistes  und  Herzens  war,  muß  man  selbst  als  sein  Gegner
zugestehen,  und  schon  die  Festigkeit,  womit  er,  zum  Theil  unter
  Hoffnungêleeren  Aussichten,  und  mit  beispiellosen  Hindernissen,
  seine  Ueberzeugung  durch  die  That  besiegelte  undnicht
einen  Augenblick  sinken  ließ,  erweckt  Achtung  für  seinen  Charakter,
  obgleich  Mißbilligung  gegen  seine  Ansichten,  die  von
fremdem  Einflusse  ausgingen,  während  jener  unveräußerlich  ihm
selbst  angehdrte.  Er  hatte  die  rdmische  Kdnigswahl  seines
Sohnes  noch  zu  rechter  Zeit  bewirkt,  und  dieser  folgte  ihm,
als  Ferdinand  III.  auf  dem  Kaiserthrone.

Dem  Anfang  der  Regierung  des  neuen  Kaisers  lächelten
einige  Glücksblicke.  Der  Feldmarschall  Banner,  welcher
Leipzig  belagert  hatte  und  diese  Gegend  rdumen  mußte,
wäre  bei  Torgau  beinahe  von  den  kaiserlichen  Truppen,  de-
        <pb n="348" />
        1641

310  Johann  Georg  I.

ren  Hauptmasse  auf  ihn  losging,  völlig  eingeschlossen  worden.
  Hartbedrängt  suchte  er  freie  Bahn  nach  Pommern
hinein  zu  gewinnen,  doch  der  Uebergang  über  die  Oder  wäre
ihm  von  dem  nachdringenden  Feinde  beinahe  übel  verleidet
  worden,  wenn  nicht  seine  List  und  Kühnheit  Letztere  irregeführt
  und  ihn  selbst  glücklich  nach  Pommern  hineingebracht
  hätte.  Das  schwererschbpfte  Sachsen  blicb  nach  dem
Abzuge  des  gefürchteten  Helden  eine  Weile  von  ihm  befreit
und  konnte  nach  den  entsetzlichen  Drangsalen,  welche  es  erlitten,
  wenigstens  einen  kurzen  Athem  schöpfen.  Swar  sah
ihn  in  den  folgenden  Jahren  das  geängstigte  Sachsen  wiederum
  innerhalb  seiner  Gränzen,  und  die  Leiden,  welche  der
harte  Krieger  ihm  schon  früher  bereitet,  wiederholten  sich
dem  armen  Lande.  Doch  sollte  es  von  ihm  bald  einen
ewigen  Frieden  bekommen,  denn  der  kühne  Banner  starb  im
Jahre  1641  zu  Halberstadt,  und  an  seine  Stelle  trat  Torstenson,
  ein  Mann,  der  mit  einem  schwüchlichen,  leidenden
Körper  überraschende  Geisteskraft,  Entschlossenheit  und  Umsicht
  vereinigte.  Uunter  ihm  ward  Sachsen  abermals  der

1612  Schauplatz  des  Krieges,  und  in  Gemeinschaft  mit  dem  General

  Königsmark,  belagerte  er  Leipzlg.  Die  kaiserliche  Armee
  rückte  unter  dem  Exzherzog  Leopold  Wilhelm  und  dem
Generale  Piccolomink  zum  Entsatze  heran,  und  auf  dem
verhängnißvollen  Schlachtfelde  von  Breitenfeld,  wo  vor  eilf
Jahren  der  alte  Kriegsmann  Tilly  seinen  Ruhm  durch  den
jugendlichen  Helden  von  Schweden  verlor,  ward  noch  einmal
  die  Schlacht  zwischen  Schweden  und  Kaiserlichen  geschlagen.
  Die  Letteren  hatten  sich  auf  diesem,  ihnen  feindseligen
  Boden  kein  Glück  zu  versprechen,  sie  erlitten  auch
diesmal  eine  blutige  Niederlage  und  mußten  sich  nach  Böhmen
  zurückziehen.  Leipzig  konnte  sich  nun  nicht  mehr  halten,
  es  capitulirte  und  ergab  sich  den  Schweden,  welche,
gegen  bedeutende  Zahlungen,  es  mit  der  Plünderung  verschonten.
  Diese  wichtige  Festungsstadt  blieb  auch  noch  über
den  Westphälischen  Frieden  hinaus,  bis  zum  Juli  1650,  mithin
  gegen  acht  Jahre,  in  den  Händen  der  Schweden.  Hartnäckig
  wehrte  sich  Freiberg,  dessen  Belagerung  die  Schweden
aufzugeben  gendthigt  wurden,  da  Piccolomini  zum  Entsatze
        <pb n="349" />
        Johann  Georg  I.  311

herbeieilte.  Die  unaussprechlichen  Leiden  welche  dieser  furchtbare
  Krieg,  namentlich  durch  Johann  Georg's  Bruch  mit  den
Schweden,  uͤber  Sachsen  gebracht  hatte,  nahmen  dadurch
erst  ihr  spaͤtes  Ende,  daß,  besonders  durch  Veranlassung  der
Söhne  des  Churfürsten,  dem  schwankenden  Johann  Georg,
der  mehr  hartnöckig,  als  standhaft,  die  Partei  des  Kaisers
festhielt,  und  erst  durch  die  entscheidendsten  Unglücksfälle  auf
andere  Gedanken  gebracht  werden  konnte,  ein  Waffenstillstand
  mit  den  Schweden  abgenöthigt  wurde,  der  am  27.
August  1645  zu  Kötzschenbrode  bei  Dresden  zu  Stande  kam,  1645
anfangs  zwar  nur  auf  sechs  Monate  lautete,  dann  aber  allmählig
  bis  zum  Westphälischen  Hauptfrieden  verlängert
wurde.  Die  Bedingungen  dieses  Stillstandes  waren  freilich
nicht  niedrig,  doch  war  die  Ruhe  und  Sicherheit,  welche  dadurch
dem  verarmten  und  erschopften  Lande  wiedergegeben  ward,
damit  nicht  zu  theuer  erkauft.  Der  Churfürst  durfte  zufolge
dieses  Vertrages,  dem  Kaiser  nichts,  als  das  übliche  Reichscontingent
  stellen,  mußte  ihm  jede  in  Sachsen  vorzunehmende
Werbung  versagen,  den  Schweden  freien  und  friedlichen
Durchzug  durch  sein  Land  gestatten,  jedoch  so,  daß  sie  sich
der  Residenz  immer  nur  auf  drei  Meilen  nähern  durften,  und
ihnen  monatlich  11,000  Thaler  —  in  der  spatern  Verlängerung
  des  Waffenstillstandes  ward  diese  Summe  auf  8000
Thaler  ermäßigt  —  nebst  einem  bestimmten  Quantum  an
Lebenomitteln  liefern.  Dagegen  mußten  die  Schweden  die
von  ihnen  besetzten  sächsischen  Plätze,  mit  Ausnahme  Leipzigs
  herausgeben.  Der  Elbpaß  bei  Torgau  sollte  den
Schweden  und  den  Sachsen  zu  gemeinschaftlicher  Besetzung
überlassen  bleiben.  Der  Churfürst  hatte  den  Frieden  näher
geglaubt,  als  er  wirklich  war,  und  sich  dadurch  um  so  eher
bewogen  gefunden,  die  schweren  Bedingungen  des  Waffenstillstandes
  einzugehen.  Aber  trotz  der  langwierigen  Unruhen,
  nahmen  sich  die  kriegführenden  Mächte  mit  den  Friedensunterhandlungen
  Zeit,  da  sie  immer  noch  irgend  einen
bedeutenden  Coup  ausführen  und  dadurch  sich  glänzendere
Bedingungen  erzwingen  zu  können  glaubten.  Erst  im  April
1646  beschickte  Johann  Georg  den  schon  seit  Jahresfrist  er-  1646
        <pb n="350" />
        312  Johann  Georg  J.

oͤffneten  Friedenscongreß  zu  Osnabruͤck,  und  obendrein  nur
durch  die  beiden  Hofraͤthe  Pistorius  und  D.  Leuber.  Sachsen
  nahm  bei  diesem  Friedensschlusse,  welcher  unter  schwedischem
  Haupteinflusse  stand,  eine  ziemlich  unangenehme  Stellung
  ein,  es  hatte,  durch  seine  wechselnde  Rolle  im  Kriege
selbst,  keiner  von  beiden  Parteien  zu  Danke  gehandelt,
  und  am  allerwenigsten,  durch  sein  starres  Ankleben  am
österreichischem  Interesse,  sich  die  Zufriedenheit  der  Schweden
  erworben,  deren  Stimme  auf  diesem  Congreße  die  bei
weitem  uberwiegende  war.  Zudem  glaubte  man  Sachsen
durch  die  Vortheile  des  mit  so  allgemeinem  Unwillen  aufgenommenen
  Prager  Friedens,  der  besonderö  die  Schweden  so
tief  gegen  Sachsen,  als  den  Urheber  dieses  Friedens,  erbittert
  hatte,  hinlänglich,  selbst  für  die  spätern  großen  Kriegsdrangsale
  und  Kosten  abgefunden,  daher  nahm  man  wenig
Räcksicht  auf  dasselbe  und  es  mußte  den  noch  immer  unversöhnten
  Zorn  Schwedens,  der  freilich  nur  die  Person  des
Churfürsten)  nicht  aber  das  Land  hätte  treffen  sollen,  theuer
genug  büßon.  So  kam  es,  daß  für  die  beispiellosen  Opfer
und  Leiden  seines  Landes,  der  Churfürst  von  Sachsen  nichts
weiter  gewann,  als  daß  er  in  dem  Besitze  der  magdeburgischen
  Aemter,  Querfurt,  Jüterbock,  Dame  und  Burg,  bestätigt
  wurde.  Hinsichtlich  des  Erzstifts  Magdeburg  wurde
ausgemacht,  daß  es  dem  dermaligen  Adminsstrator,  August
von  Sachsen,  nur  auf  Lebenszeit  gehören,  dann  aber,  unter
dem  Titel  eines  Herzogthums,  an  Chur-Brandenburg  fallen
solle.  Für  den  jülichschen  Erbfolgestreit  —  welcher  einen
Hauptgrund  zu  Johann  Georg's  Anhänglichkeit  an  das  Kaiserhaus
  abgeben  mochte,  indem  er  dadurch  eine  günstige  Entscheidung
  des  Streites  zu  erlangen  hoffte  —  wurde  so  viel  als
gar  nichts  gethan,  indem  derselbe  auf  eine  Entscheidung  auf
dem  Wege  des  Rechts  oder  der  Güte  hingewiesen  wurde.
Besser  wurde  Hessen  =  Cassel  für  seine  Anhänglichkeit  an
Schweden  bedacht.  Zu  den  fünf  Millionen,  welche  dem
schwedischen  Heere  als  Absindungssumme  bewilligt  wurden,
kamen  über  267,000  Thaler  auf  Sachsen,  und  Leipzig  ward
1650  erst  1650  von  den  Schweden  geräumt,  nachdem  dieser  Be-
        <pb n="351" />
        Johann.  Georg  I.  313

trag  entrichtet  war.  Das  Dircctorium  der  evangelischen
Angelegenheiten  in  Deutschland,  welches  bisher  die  Krone
Schweden  behauptet,  auf  dem  Congresse  zu  Osnabrück  aber
der  Herzog  von  Sachsen-Altenburg  sich  angemaßt  hatte,
mußte  —  da,  in  Gemäßheit  des  Westphälischen  Friedens,
Alles  wieder  in  den  vorigen  Stand  versetzt  werden  sollte  —
Chursachsen  auf's  Neue  zugestanden  werden.  Der  Churfürst
aber  weigerte  sich  —  angeblich,  weil  er  dadurch  neue  Factionen
  unter  den  deutschen  Reichsständen  herbeizuführen  fürchte
—  es  anzunehmen,  und  wunschte  dieses  Directorium  gänzlich
  eingestellt  zu  wissen.  Doch  dies  war  nicht  die  Ansicht
der  Stande;  vielmehr  war  man  schon  auf  dem  Wege,  dieses
Directorium  an  Magdeburg  zu  geben,  wodurch  es  mit  der
Zeit  dem  Churfürsten  von  Brandenburg  zugefallen  wärc,
welcher  sich  auch  sehr  eifrig  um  dasselbe  bewarb;  daher  eilte
Johann  Georg  es  anzunehmen,  um  nicht  den,  nicht  eben  von
ihm  begünstigten  Nebenbuhler  sich  zuvorkommen  zu  lassen.
Ob  er  sich  immer  würdig  gezeigt,  die  Leitung  der  evangeli—
schen  Angelegenheiten  in  Deutschland  anvertraut  zu  erhalten,
sey  dahin  gestellt.  —

Dies  waren  fuͤr  Sachsen  die  Fruͤchte  des  dreißigjaͤhrigen
Krieges!  Flammen,  Martern,  Waffen  und  Seuchen,  hatten
eine  furchtbare  Heerschau  in  dem  ungluͤcklichen  Lande  gehalten
  und  es  zum  Gerippe  ausgezehrt.  Städte  waren  niedergebrannt,
  Fluren  verwuͤstet,  eine  ganze  Generation  —  moͤchte
man  sagen  —  verwaist.  Und  welcher  Ersatz  ward  dafuͤr
geboten!  Die  unbesonnensten  Wagnisse  haͤtten  nicht  so  bodenloses
  Elend  über  das  Land  hereinführen  können,  als  das
klügelnde  Saudern,  das  schwankende  Ueberlegen  und  Rücksichtnehmen
  des  Churfürsten,  dessen  Charakterlose  Diplomatik
sich  —  leider  nur  an  seinem  unschuldigen  Lande  —  furchtbar
  rächte.  Wären  diese  Opfer  nur  wenigstens  für  einen
Glauben,  für  eine  religidse  oder  politische  Ueberzeugung  dargebracht
  worden,  so  wären  sie  noch  immer  weniger  schmerzlich
  gewesen;  aber  eben  das  voͤllige  Nichtvorhandenseyn  einer
  bestimmten  Ueberzeugung  hatte  sie  verschuldet.  Viele
Fürsten  haben  ihre  Länder  noch  elender  gemacht,  als  Johann
        <pb n="352" />
        314  Johann  Georg  I.

Georg,  aber  keiner  um  so  gar  kein  Ziel,  als  er.  Eben  so
wenig  als  er,  bei  groͤßerem  Gluͤcke,  fuͤr  ein  eigentliches  Etwas
  gesiegt  haben  würde,  hatte  er  für  ein  Etwas  verloren.
Er  hatte  blindlings  das  Glück  und  die  Bläthe  seines  Landes
  feil  geboten,  ohne  einen  Gegenpreis  auch  nur  zu  kennen.
Er  hatte  nicht  einmal  für  ein  Lügenbild,  nicht  einmal  für
einen  Wahn,  geschweige  denn  für  einen  Glauben,  er  hatte
für  ein  Nichts  gestritten  und  verloren.  Ihn  konnte  kein  Bewußtseyn
  tröften,  er  hatte  für  nichts  gekämpfe,  als  für  den
Verlust,  und  die  Ehre  würde  ihm,  selbst  als  Sieger,  verleren
  geblieben  seyn.

Die  Verordnungen,  welche  er  nach  Herstellung  des  Friedens
  traf,  waren  nicht  eben  geeignet,  mit  seinem  politischen
Nichts-Systeme,  das  er  während  dreißig  fürchterlicher  Jahre
so  kläglich  durchgefochten  hatte,  zu  versohnen.  Sachsen  hatte
wiederholtermaßen  durch  unternommene  Theilungen  empfindlich
  gelitten,  und  wirklich  hat  das  Wort:  „Theilung“
im  Verlauf  der  ganzen  sächsischen  Geschichte  bis  auf  die
juͤngsten  Zeiten  eine  wahrhaft  fürchterliche  Bedeutung  erhalten.
  Dennoch  fand  Johann  Georg  weder  in  seiner  Erfahrung,
  noch  in  der  Geschichte  eine  Abmahnung  vor  demselben
Schritte,  und  er  wollte,  wiederum  auf  Kosten  des  Landes,
unter  seinen  vier  Söhnen  eine  Verfügung  treffen,  zufolge
deren  auch  die  jüngeren  hinreichend  bedacht  würden.  Besonders
  war  es  die  Vorliebe  für  seinen  zweiten  Prinzen,  August,
welche  ihn  zu  diesem  Unternehmen  verleitete.  Durch  seinen
geheimen  Secretair  Berlich  ließ  er,  ohne  vorherige  Berathung
  mit  seinen  Ständen,  welche  sehr  unzufrieden  damit

1652  waren,  im  Juli  1652  eine  Art  von  Testament  aufsetzen,
  zufolge  dessen  dem  altesten  seiner  Söhne  Johann
Georg  II.,  ausser  der  demselben  gebührenden  Chur=  und
den  Churlanden,  die  Burggrafschaft  Magdeburg,  der  Leipziger,
  meißnische  und  erzgebirgische  Kreis,  die  Oberlausitz,  das
Stift  Meißen  und  Wurzen  und  die  mansfeldische  Sequestration
  zufiel.  Der  Herzog  August  sollte,  nebst  dem  im
Prager  Frieden  ihm  zugestandenen,  und  im  westphälischen
Frieden  bestätigten  Erzstift  Magdeburg,  die  vier  Aemter
        <pb n="353" />
        Johann  Georg  I.  315

und  Staͤdte,  Quetfurt,  Juͤterbock,  Dame  und  Burg,  die
Aemter  Langensalze,  Weissenfels,  Sachsenburg,  Eckardsberge,
Freiburg,  Bibra,  Sangerhausen,  Weißensee,  Heldrungen,
Sittichenbach  und  Wendelstein,  und  ausserdem  die  Anwartschaft
  auf  die  Grafschaft  Barby  erhalten;  Christian  das
Stift  Merstburg  und  die  Niederlausitz  mit  Dobrilugk,  Fürstemwalde,
  Bitterfeld,  Delitsch  bei  Zoͤrbig;  und  Moriß  das
Stift  Naumburg-Zeis,  die  Herrschaft  Tautenburg  und  das
Amt  Frauenpriesnitz,  die  Aemter  Vogtsberg,  Plauen  und
Pause  (voigtländischen  Kreises)  Arnshaug,  Weida,  Triptis
und  Ziegenrück  (Neustädter  Kreises)  und  den  chursächsischen
Antheil  an  der  Grasschaft  Henneberg.  Im  Bewußtseyn,
über  die  Hochstifter  ziemlich  frei  verfügt  zu  haben,  ließ  er
im  Juli  1656  noch  eine  besendere  Schrift  niedersetzen,  in
welcher  die  chursächsischen  Rechte  auf  die  drei  Stifter  ausführlich
  dargestellt  und  die  Vestimmung  getroffen  wurde,
daß  nach  dem  Absterben  der  damaligen  Capitularen,  keine
neuen  erwählt,  und  die  Hochstifter  den  übrigen  Erblanden
einverleibt  werden  sollten.  Er  wollte  die  kaiserliche  Bestätinung
  dieser  letztern  Verfügung  nachsuchen  —  das  Testament
war  schon  im  November  1652  vom  Kaiser  Ferdinand  III.
zu  Prag  bestaätigt  worden  —  aber  der  Tod  überraschte  ihn,
noch  ehe  er  diesen  Schritt  thun  konnte,  am  8.  October
1656  zu  Dresden,  im  72.  Lebensjahre,  und  das  churfürstliche
  Begräbniß  zu  Freiberg  nahm  den  Greis  nach  einer
mehr  als  fünf  und  vierzigiéhrigen  Regierung  auf.  Von
seiner  zweiten  Gemahlin,  Magdalena  Sibylle  von  Brandenburg,
  hinterließ  er,  ausser  den  vier  Prinzen,  Johann  Georg
II.  welcher  ihm  in  der  Chur  nachfolgte,  August,  Christian

und  Moritz,  die  Prinzessinen,  Sophie  Eleonore,  Maria  Elisabeth

  und  Magdalena  Sibylle,  davon  die  erste  an  den
Landgrafen  Georg  von  Hessen  -Darmstadt,  die  zweite  an  den
Herzog  Friedrich  von  Holstein  =  Gottorp,  und  die  Leßtere  an
den  Kronprinzen  Christian  von  Dänemark,  nach  dessen  Tode
aber  an  den  Herzog  Friedrich  Wilhelm  von  Altenburg  sich
vermahlten.  Ausser  seinen  leiblichen  Kindern  hatte  er  51
Enkel  und  19  urenkel  gesehen.

1656
        <pb n="354" />
        316  Johann  Georg  I.

Er  war  mit  geringen  Fähigkeiten  und  mit  noch  geringerem
  Charakter  in  cine  wilde,  ungeheuere  Zeit  hineingeschleudert
  worden,  die  wohl  geeignet  gewesen  wire,  selbst
den  Mittelmaßigen  sich  selbst  zu  entreißen  und  zu  etwas  zu
machen.  An  ihm  bewirkte  sie  das  Gegentheil,  sic  ließ  ihn
so  weit  hinter  sich  zurück,  daß  er  in  diesem  Abstande  beinahe
  zum  Nichts  einschrunpfte.  Vielleicht  hätte  eine  friedlichere
  Epoche  ihm  mehr  Gelegenheit  gegeben,  wenn  auch
nicht  fürstliche,  doch  brgerliche  Tugenden  zu  entwickeln,  und
vielleicht  hätte  er  selbst  in  seiner  großen  Zeit  eine  nicht  ganz
schlechte  Nebenrolle  gespielt,  wenn  er  an  einem  weniger  bedeutsamen
  Platze  gestanden,  und  statt  eigenen  Entschlusses,
wozu  er  freilich  der  Mann  nicht  war,  nur  einen  subordinirten
  Beruf,  ein  politisches  Canzelistenamt  bekleidet  hätte.
Phlegma  und  Vorurtheil  sind  die  Hauptbestandtheile  seines
Wesens;  fixe  Ideen  und  schlechtbasirte  Speculationen  machen
  den  Geist  seiner  Regierung  aus.  Die  Religion  übte  er
mit  Schwärmerei,  aber  ohne  Begeisterung,  mit  individueller
Aengstlichkeit,  aber  ohne  umfassende  Liebe.  Nachgiebig  gegen
das  offene  Gegentheil,  war  er  gehässig  gegen  unwesentliche
Abwelchungen;  daher  seine  Gefalligkeit  gegen  die  Katholiken
und  sein  Haß  gegen  die  Reformirten.  Er  war  eine  Null
in  dem  Riesenexempel  seiner  Zeit.  Seine  Bundesgenossen
bedienten  sich  seiner  als  nothwendiges  Spielwerk,  seine  Feinde
verachteten  ihn;  er  konnte  es  weder  zur  Liebe,  noch  zum
Haße  bringen.  Auch  seine  Unterthanen  scheinen  keine  große
Achtung  für  ihn  gehegt  zu  haben,  denn  er  passirte  im  Gespräche
  sehr  oft  unter  dem  Namen  des  „Bierkönigs.“  Bei
seiner  Charakterlosigkeit  scheint  er  wenigstens  nicht  ohne  gutmüthige
  Anlagen  gewesen  zu  seyn,  und  es  war  daher  ein
um  so  gewissenloseres  Spiel,  welches  sich  seine,  vom  Kalser
  erkauften  Räthe  mit  ihm  zu  treiben  erlaubten,  die  durch
ihre  schlechte  Leitung  fehe  viel  zu  seiner  armlichen  Politik
und  zu  der  dadurch  veranlaßten  Entwürdigung  seines  Andenkens
  beigetragen  haben.

2
        <pb n="355" />
        Zweites  Buch.

Geschichte  Chursachsens  nach  Beendigung  des  dreißigjaͤhrigen
  Krieges  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.
        <pb n="356" />
        <pb n="357" />
        319

Erste  Abtheilung.

Von  Johann  Georg  II.  bis  zu  dem  Tode  Friedrich
  August's  I.

—
——
—-—

Die  mißlichen  Folgen  des  von  Johann  Georg  I.  errichteten
Theilungstestamentes,  welche  so  ziemlich  vorauszusehen  gewesen
  waren,  blieben  nicht  lange  aus.  Das  Schlimmste
hierbei  war,  daß  dieses  Testament  an  Unklarheit  und  Unbestimmtheit
  kränkelte  und  daher  der  Habsucht  oder  dem  Mißverstande
  sehr  viele  Ausflucht  zu  willkührlichen  Auslegungen
gestattete.  Die  drei  jüngern  Prinzen  säumten  nicht,  sich
diese  Undeutlichkeit  sofort  zu  Nutze  zu  machen,  und  so  bestand,
  wahrscheinlich  gegen  die  Absicht  des  verstorbenen  Vaters,
  jeder  von  ihnen  darauf,  das  ihm  zugetheilte  Land  mit
voller  Hoheit  und  als  ein  freies  Fürstenthum  zu  besitzen.
Ein  solcher  Anspruch  aber  widersprach  durchaus  dem  vom
Herzog  Albrecht  im  Jahre  1499  errichteten,  und  vom  Kaiser
Maximilian  bestätigten  Primogeniturrechte,  in  Gemäßheit  dessen
  die  Erblande  des  Albertinischen  Hauses  immer  ungetheilt
  bleiben  sollten  und  welches  von  allen  spätern  Churfürsten
  anerkannt  und  befolgt  worden  war.  Es  würde  dem
altesten  Bruder,  dem  nunmehrigen  Churfürsten  Johann  Georg
  II.  wahrscheinlich  durchgegangen  seyn,  wenn  er  sich  auf
jenes  Primogeniturrecht  berufen  und  demzufolge  seinen  Brä-
        <pb n="358" />
        320  Johann  Georg  II.

dern  die  völlige  Oberhoheic  und  das  Recht  freien  und  selbstständigen
  Fürstenthumes  hätte  streitig  machen  wollen;  aber
theils  seine  angeborne  Friedensliebe  und  Gutmüthigkeit,  theils
seine  Achtung  gegen  den  Willen  seines  Vaters,  ließ  ihn  den
Weg  der  Güte  und  des  Vergleichs  vorziehen.  Die  jüngern
Brüder  stimmten  ihre  Forderungen  ebenfalls  ein  wenig  herab,
zumal  sie  bei  den  Ständen,  welche  uber  das  Testament  befragt
  wurden,  nur  Befremden  und  Mißbilligung  gegen  dasselbe
  vorfanden  und  einsahen,  daß  sie  nur  auf  dem  Wege
des  Vergleichs  Einiges  rekten,  nicht  aber  in  einem  Prozesse
bestehen  würden.  Daher  kam  es,  unter  Altenburgischer  Vermittelung,
  am  22.  April  1657  zu  einem  Hauptrecesse,  in
welchem  Johann  Georg  II.  großmüthig  genug,  die  im  Testamente
  verordnete  Theilung  beinahe  in  allen  Puncten  bei
Kräften  erhielt;  nur  sollten  die  Schriftsassen  in  den  Landestheilen
  der  Brüder,  mit  Ausnahme  mehrerer  Aemter,  desgleichen
  das  Kriegs=  und  Friedensrecht  und  die  dahin  gehoͤ—
rigen  Bündnisse,  Werbungen,  Musterungen,  Erhaltung  oder
Auflösung  des  Heeres,  das  Aufgebot  der  Ritterschaft  2c.
dem  Churfärsten  allein  verbleiben.  Ferner  behielt  der  Churfürst
  die  Besuchung  oder  Beschickung  der  Reichs=  Kreis-Probations=
  und  Deputationstage  für  sich;  eben  so  verblieb
  ihm  allein  das  Appellationsgericht  zu  Dresden.  Die
Land  und  Ausschußtage  anlangend,  welche  der  Churfürst
allein  auszuschreiben  hatte,  mußten  die  Brüder  versprechen,  dieselben
  nicht  nur  zu  beschicken,  sondern  auch  ihre  Unterthanen  anzuhalten,
  dieselben  zu  besuchen.  Die  verwickelte  Sache  wurde,
wie  Johann  Georg'ê  Testament,  auch  auf  eine  etwas  verwickelte
  Weise  niedergeschrieben,  und  die  Dunkelheit  der
Receßurkunde  führte  zu  wiederholten  Irrungen,  welche  selbst
über  den  Tod  des  damaligen  Churfürsten  hinauswährten.
So  neckte  Johann  Georg's  J.  Unüberlegtheit  ihn  selbst  noch
im  Grabe.  Auf  demselben  Dresdner  Landtage,  wo  dieser
Hauptreceß  zu  Stande  kam,  erhielt  Johann  Georg  II.  auch
die  Huldigung  seiner  Stände,  jedoch  nur  unter  dem  ausdrücklichen
  Vorbehalte,  daß  in  Religionssachen  nicht  das
Mindeste  verändert  werden  dürfe.  Der  Grund,  welcher  die
        <pb n="359" />
        Johann  Georg  II.  321

Stände  zu  dieser  ungewöhnlichen  Clausel  veranlaßte,  war
die  Besorgniß,  daß  einer  der  sächsischen  Fürsten  zur  katholischen
  Kirche  übertreten  wolle,  wozu  vielleicht  der  verstorbene
  Churfärst  durch  sein  Verhältniß  zu  Oesterreich  beigetragen
  hatte.  Diese  Vorsicht  macht  den  sächsischen  Ständen
  Ehre.  Im  März  desselben  Jahres  starb  der  Kaiser  Ferdinand
  III.,  und  Johann  Gcorg  II.  erhielt  ohne  Widerspruch
  das  Reichsvicariat,  obgleich  er  zu  dieser  Zeit  noch
nicht  einmal  die  Reichsbelehnung  crhalten  hatte.  Baiern  erkannte
  er  als  Mitvicar,  und  Churpfalz  widersetzte  sich  vergeblich.
  Die  Wahl  eines  neuen  Kaisers  verzögerte  sich  bis
in  die  Mitte  des  folgenden  Jahres,  und  der  Churfürst  ernannte,
  als  er  sich  auf  den  Wahltag  nach  Frankfurt  begab,
seinen  Bruder  Moritz  von  Sachsen-Seitz,  zum  Statthalter
in  Chursachsen  für  die  Zeit  seines  Aussenbleibens.

Im  Juni  1660  ließ  Johann  Georg  II.  durch  seine  nach
Wien  gesendeten  Räthe  die  kaiserliche  Belehnung  einholen,
bei  welcher  Gelegenheit  der  Kaiser  sowohl  den  Dresdner
Hauptreceß  bestatigte,  als  auch  dem  Churfürsten  die  Bestätigung
  der  Anwartschaft  auf  das  Lauenburgische  gab,  welche
schon  Friedrich  der  Weise  und  dessen  Bruder  Johann  im
Jahre  1507  vom  Kaiser  Maximilian  I.  erhalten  hatten.  Im
namlichen  Jahre  (1660)  kam  auch  der  Hennebergische  Theilungsreceß
  zu  Stande;  nach  welchem  Johann  Gecorg's  II.
Bruder,  Herzog  Moritz  von  Sachsen-Zeitz,  fünf  Zwolftheile
der  Hennebergischen  Lande  erhielt,  auf  sein  Abloͤsungsrecht
des  sechöten  Zwolftheiles  Verzicht  leistete  und  man  sich  aufserdem
  noch  dahin  verglich,  daß  Zei,  Altenburg  und  Weimar
  und  Gotha  mit  dem  Hennebergischen  Reichs=  und  Kreis-Votum
  alterniren  sollten.  Wenn  man  Johann  Georg's  II.
Nachgiebigkeit  gegen  seine  Brüder,  wenn  auch  nicht  durchgängig
  billigen,  doch  wenigstens  nicht  tadeln  kann,  so
wird  man  doch  nicht  mit  ihm  einverstanden  seyn  können,
daß  er  in  der  Erfurter  Angelegenheit  zu  viel  von  seinen  Rechten
  vergab.  Wie  so  manche  Städte  und  Beguͤterte,  strebte
auch  die  Stadt  Erfurt  nach  Reichsunmittelbarkeit.  Diesem
widersetzte  sich  besonders  Churmainz,  welches  schon  seit  län-21



1658

1660
        <pb n="360" />
        1663

322  Johann  Georg  II.

gerer  Zeit  seine  Absichten  auf  diese  Stadt,  trotz  Chursachsens
  Entgegenwirken,  mit  vieler  Beharrlichkeit  geltend  zu
machen  strebte  und  seine  Ansprüche  besonders  darauf  gründete,
  daß,  vor  Ausbruch  des  dreißigjährigen  Krieges,  die
Erfurter  den  Churfürsten  von  Mainz,  zu  dessen  Didces  ihre
Stadt  gehörte,  in  ihr  Kirchengebet  eingeschlossen,  worin
Churmainz  einen  Beweis  der  landesherrlichen  Hoheit  für  sich
finden  wollte.  Als  daher,  während  der  Stürme  des  dreißigjährigen
  Krieges,  die  Erfurter  wahrscheinlich  mit  gutem
Grunde,  diese  Einschliessung  in's  Gebet  vergessen  hatten,  verlangte
  Churmainz  die  Erneuerung  dieser  Ceremonie,  und  als
Jene  sich  dessen  weigerten,  ging  Churmainz  sogar  an  den
Kaiser  und  wußte  von  diesem  einen  Befehl  an  die  Erfurter
auszuwirken,  daß  sie  das  Gebet  für  das  Erzstift  Mainz  und
dessen  jedesmaliges  Oberhaupt  wieder  aufnehmen  sollten.
Die  Erfurter  nahmen  jedoch  keine  Rücksicht  darauf,  obschon
der  Churfürst  von  Sachsen  und  die  Herzöge  von  Weimar
und  Gotha  ihren  Gesandten  schickten,  um  die  Sache  zu  vermitteln
  und  sie  zu  Befolgurg  des  kaiserlichen  Befehles,  mit
dem  nothigen  Vorbehalte,  zu  veranlassen.  So  wurde  denn
im  September  1663  die  Acht  über  Erfurt  ausgesprochen;
dem  kaiserlichen  Herold  aber,  welcher  diesen  Ulrtheilsspruch
der  Stadt  zu  verkünden  kam,  wäre  von  dem  muthwilligen
Pöôbel  beinahe  Hals  und  Leben  angetastet  worden.  Man
machte  also  Anstalt,  die  Acht  zur  Erfüllung  zu  bringen.  Die
Vollziehung  hätte,  da  Erfurt  im  obersächsischen  Kreise  lag,
dem  Churfärsten  von  Sachsen,  nicht  aber  dem  Churfürsten
von  Mainz  geböhrt,  der  um  so  weniger  sich  dazu  eigneke,
da  er  selbst  Partei  in  dieser  Sache  war.  Dennoch  wußte
es  Letterer  dahin  zu  bringen,  daß  ihm  die  Vollziehung  der
Acht  gegen  Erfurt  übertragen  wurde  und  er  beleldigte  die
Reichsgesetze  auch  noch  dadurch,  daß  er  sich,  zur  Belagerung
der  Stadt,  fremder  —  nämlich  franzoͤsischer  und  lothringischer
  Truppen  bediente.  Zwar  wendeten  sich  die  obersachsischen
  Stände  an  den  Kaiser,  und  gaben  ihre  Beschwerde
gegen  ein  solches  Verfahren  ein,  und  Johann  Georg  II.
ersuchte  den  Churfürsten  Friedrich  Wilhelm  von  Brandenburg,
        <pb n="361" />
        Johann  Georg  II.  323

durch  seine  Vermittelung  Churmainz  auf  bessere  Gedanken
zu  bringen.  Allein  ehe  noch  diese  Maßregeln  in  gehoͤrigen
Gang  kamen,  war  Erfurt,  gegen  die  Versicherung  vollkommener
  Religionsfreiheit,  zur  Uebergabe  gebracht  worden  und
der  Churfürst  von  Mainz  hatte  in  Person  die  Huldigung  der
Stadt  empfangen.  Zwar  würde  Sachsen,  wenn  es  mit
Energie  sein  Recht  hätte  verfolgen  wollen,  den  Churfürsten
von  Mainz  allerdings  für  diese  widerrechtliche  Besinahme
verantwortlich  haben  machen  können;  aber  die  chursüächsischen
Minister  wurden  von  Churmainz  dergestalt  mit  Geld  bestochen,
  daß  sie  sich  die  ndthige  Mühe  gaben,  den  friedliebenden
  Churfürsten  zur  Abtretung  seines  Hoheits=  und  Schutzrechts
  über  Erfurt,  zu  bereden.  Zwar  machte  das  Ernestinische
  Haus  anfangs  Miene,  seine  Rechte  ernsthafter  geltend
zu  machen;  aber  der  gutmüthige  Johann  Georg  übernahm

1664

selbst  die  Vermittelung,  und  so  kam  im  December  1665  zu  1665

Leipzig  ein  Receß  zu  Stande,  in  Folge  dessen  die  Ernestinischen
  Fürsten,  gegen  einige  Entschädigungen,  ihren  Rechten
rücksichtlich  Erfurt's  entsagten.  Der  Churfürst  Johann  Georg
II.  that,  nach  ciner  persdnlichen  Zusammenkunft  mit  dem

Churfürsten  von  Mainz  zu  Schulpforte  (März  1667),  ein  1667

Gleiches  und  entsagte  in  einem  geheimen  Recesse  allen  bisherigen
  chursächsischen  Rechten  an  Erfurt.  Die  listige  Ueberredung
  zu  dieser  Entsagung,  durch  seine  Minister,  war  so
offenbar,  daß  sein  Nachfolger,  Johann  Georg  III.  diese
geheimen  Verträge  und  die  dadurch  bezweckte  Alienation
nicht  anerkennen  wollte.  Leider  aber  konnte  sein  Protest  nur
in  der  Form  geschehen,  ohne  daß  Etwas  wirktich  wiedererlangt
  worden  wäre.

Mit  Schweden  schloß  Johann  Georg  1I.  (6.  Juli  1666)  1606

zu  Halle  ein  Böndniß,  kraft  dessen  sle  sich  gegenseitig  schützen
  und  Hilfe  leisten  wollten,  falls  Einer  von  ihnen,  dem
Inhalt  des  westphälischen  Friedens  zuwider,  angefochten
würde.  Schon  srüher  (1664)  war  er  einen  ähnlichen  Vertrag
  mit  Frankreich  eingegangen,  der  von  letzterer  Seite
schwerlich  ganz  redlich  gemeint  war  und  wahrscheinlich  eine
Art  Falle  enthielt,  die  Ludwig's  XIV.  Ländergier  und  seine
21  *
        <pb n="362" />
        324  Johann  Georg  II.

heimlichen  Absichten  auf  Deutschland,  dem  ehrlichen  Sachsen
zu  legen  suchten.  Im  Kloster  Zinna,  unweit  Jüterbock  traf

16657  (August  166/))  Johann  Georg  mit  Churbrandenburg  und
Braunschweig  eine  Uebereinkunft,  nach  welcher  sie  einen  neuen
Münzfuß  gemeinschaftlich  anerkannten,  der  bis  zum  Jahre
1690  galt.  Auf  eben  dieser  zinnischen  Zusammenkunfst  warnte
der  Churfürst  von  Brandenburg  den  Churfürsten  von  Sachsen
  vor  den  Intriguen  Frankreichs  und  suchte  ihm  die  Gefahr,
  welche  seine  Verbindung  mit  diesem  Staate  herbeiführen
  könne,  zu  schildern.  Aber  Johann  Georg  glaubte  in
dem  wachsenden  Einflusse  Brandenburgs  einen  noch  gefährlichern
  Nebenbuhler  zu  erblicken,  und  wenigstens  spätere  Zeiten
  haben  seine  Besorgniß  nicht  ungerechtfertigt  gelassen.  —
Ausser  diesem  giebt  die  Regierung  Johann  Georg's  II.  keine  besondere
  Ausbeute.  Die  alten  Streitigkeiten  mit  Lauenburg  wegen
der  im  Wappen  dieses  Hauses  geführten  Churschwerter  wur-1671

  den  im  Septbr.  1671  dahin  verglichen,  daß  der  Herzog  Julius
Franz  diese  Churschwerter  künftig  nicht  mehr  im  Hauptwappen,
  sondern  nur  im  letzten  Schilde  führen  sollte.  Zugleich
wurde  auch  eine  Erbverbrüdcrung  zwischen  Chursachsen  und
Lauenburg,  in  Betreff  der  Lausitz  und  der  Laucnburgischen
Lande  gestiftet.

1680  Eine  Seuche,  welche  im  Jahre  1680  in  Dresden  ausbrach,
  veranlaßte  Johann  Georg  II.,  sich  nach  Freiberg  zu
begeben,  wo  ihn  am  22.  August  de5  nämlichen  Jahres  der
Tod  überraschte.  Er  hatte  sein  Leben  auf  67  Jahre  gebracht,
und  ward  im  Erbbegräbniß  zu  Freiberg  beigesetzt.  Von  seiner
  Gemahlin,  Magdalene  Sibylle  von  Brandenburg,  hinterließ
  er  —  nebst  einer  Tochter,  welche  sich  an  den  Markgrafen
  Christian  Ernst  von  Culmbach  vermählte  —  einen
einzigen  Prinzen,  welcher  ihm,  als  Johann  Georg  III.  in
der  Regierung  folgte.

Der  Umsturz,  welchen  die  Zeit  durch  den  vorangegangenen
  dreißigjährigen  Krieg  und  andere  zusammentreffende  Umstände
  erlitt,  hatte  manche  Neuerung  nöthig  gemacht,  die
Johann  Georg  II.,  bei  der  hohen  Mittelmäßigkeit  seiner
Gaben  wie  seines  Willens,  mit  Mißbehagen  empfand.  Das
        <pb n="363" />
        Johann  Georg  II.  325

neue  Defensionssystem,  der  Anfang  zum  stehenden  Heere,
führte  ebenfalls  zu  Weitläufigkeiten.  Die  Ritterschaft,  deren
  Heldenzeit  ohngefähr  mit  Erfindung  des  Pulvers  zu
Grabe  gegangen  war  und  die  jeßt  eine  behagliche  Ruhe  den
Stuͤrmen  des  Schlachtfeldes  vorzog,  vielleicht  auch  durch
dieses  neue  Werbesystem  ihr  militairisches  Uebergewicht  über
den  Bürger  verleren  zu  haben  glaubte,  wußte  sich  endlich
durch  Geld  vom  Dienste  loszukaufen,  wodurch  das  ritterschaftliche,
  auf  die  Nilterpferde  vertheilte  Donativ  zuerst  begründet
  und  dann  in  dieser  Form  beibehalten  wurde.  Von
der  Landschaft  mußte  der  Churfürst  manchen  wohlverdienten
Vorwurf  verschlucken,  der,  wenn  er  ihn  eben  so  befolgt
hätte,  als  er  ihn  verstand,  nicht  ohne  gute  Folgen  geblieben
seyn  würde.  Der  Verfall  der  Sitten,  namentlich  aber  der
steigende  Luxus,  machten  eine  Verbesserung  der  Polizei  ndthig,
  zu  welcher  sich  der  Churfürst  willig  verstand,  spater
jedoch  durchaus  nichts  davon  hoͤren  wollte,  als  man  mit
Recht  bemerkte,  daß,  rücksichtlich  der  Einschränkung  übermä-Higen
  Aufwandes,  bei  Hofe  zuerst  der  Anfang  gemacht  werden
  musse.  Ueberhaupt  mußte  der  Churfürst  wegen  seiner
lockern  Hofwirthschaft  und  seiner  Verschwendung,  bei  der
unendlichen  Armuth  seines  Landes,  von  seiner  Landschaft
viele  bittere  Bemerkungen  und  ernsthafte  Vorstellungen  hoͤ-ren,
  die  leider,  bei  seiner  Gefühls=  und  Verstandesflachheit,
nie  viel,  geschweige  denn  lange,  fruchteten.  Bessern  Fortgang
  hatten  die  zu  Erledigung  der  Landesgebrechen  getroffenen
  Maßregeln.  Besonders  heilsam  war  die  zu  Entscheidung
  zweifelhafter  Rechtsfälle,  in  welchen  die  Farultäten,
Schdppenstühle  und  Landesgerichte  früher  oft  ganz  abweichende
  Urtheile  gefällt  hatten,  bestimmte  Deputation,  welcher
  zugleich  die  Revision  der  Polizciordnung  oblag.  Durch
diese  und  noch  manche  innere  Verbesserungen,  welche  freilich
mehr  seiner  Zeit,  als  seiner  Regierung  zu  gute  kommen,
fällt  noch  ein  gewisser,  wenn  auch  nicht  eigentlich  aͤchter
Schimmer  auf  das  Leben  dieses  Churfürsten,  der  wohl  eine
der  mattesten  Fürstengestalten  in  der  sächsischen  Geschichte
bilden  dürfte.
        <pb n="364" />
        1661

326  Johann  Georg  III.

Von  seinem  Sohne  und  Nachfolger,  Johann  Georg  III.,
durfte  man  sich  wenigstens  mehr  Festigkeit  und  männliche
Kraft  versprechen,  da  er  frühzeitig  Neigung  zum  Kriege  und
persönliche  Beherztheit  verrieth.  Er  hatte  schon  als  Churprinz,
in  den  Kampfen  gegen  Frankreich,  viele  kriegerische  Thätigkeit
  bewährt,  und  in  dem  von  seinem  Vater  schon  im  Jahre
1672  ihm  übertragenen  Posten  eines  Landvoigts  in  der  Oberlausitz,
  hatte  er  sich  manche  nütliche  Vorkenntnisse  für  den
künftigen  Herrscherstand  erworben,  die  ihm  später  wohl  zu
statten  kamen.

Einen  Beweis  seiner  bessern  Willenskraft  gab  er  sehr
bald  nach  seinem  Regierungsantritte.  Er  hatte  mit  Unlast
gesehen,  wie  sein  Vater  sich  von  seinen  Bruͤdern  gängeln
ließ  und  deren  Habsucht  mit  schwächlicher  Nachgiebigkeit  zu
befriedigen  strebte.  Um  sich  nicht  auf  gleiche  Weise  von  diesen
  begehrlichen  Vettern  bevortheilen  zu  lassen,  erklärte  er
auf  dem  Deputationstage  zu  Meissen  (20.  Dechr.  1680)
durch  eine  feierliche  Urkunde  und  drei  mit  deren  Inhalt  verwandte
  Schreiben  an  seine  Vettern,  daß  er,  bevor  man
sich  nicht  über  alle  streitige  Puncte  geeinigt,  die  Gültigkeit
des  großväterlichen  Testaments  und  des  freundbrüderlichen
Hauptvergleiches,  nicht  anerkennen  werde,  daß  er  auch  die
landesfürstliche  Oberbotmäßigkeit  über  ihre  Gebicte  nie  aufgebe
  und  die  von  seinem  Vater  allzufreigebiger  Weise  eingerdumte
  Uebergabe  der  Schriftsassen  in  den  Aemtern  Weissenfels,
  Freiburg,  Delitzsch,  Bitterfeld  und  Zörbig  an  die
Weissenfelser  und  Merseburger  Linie,  widerrufe.  Der  nur
erst  zur  Regierung  gelangte  Herzog  Johann  Adolf  von  Sachsen-Weissenfels,
  welcher,  dem  Willen  seines  Vaters  gemäß,
sich  in  gutem  Verständniß  mit  der  Churlinie  erhalten  wollte,
zeigte  sich  willfährig  und  gab  in  einer  zu  Torgau  geschlossenen
  Uebereinkunft  (12.  Mai  1681)  nicht  nur  ohne  alle  Entschädigung,
  seine  Ansprüche  auf  die  Schriftsassen  in  Weissenfels
  und  Freiburg  auf,  sondern  gab  auch  in  einer,  der  erstern
  sehr  schnell  folgenden  zweiten  Uebereinkunft,  sein  Fürstenthum
  Querfurt,  welches  bisher  beinahe  vollig  unabhängig
  von  Chursachsen  gewesen  war,  unter  chursächsischen  Erb-
        <pb n="365" />
        Johann  Georg  HI.  327

schutz.  In  dem  sogenannten  Dresdener  Elucidationsrecesse
vom  12.  Septbr.  1682  erkannte  der  Herzog  die  übrigen
staatsrechtlichen  Vorzüge  des  Churhauses  an  und  wurden
hierüber  die  weitläuftigern  Bestimmungen  getroffen.  —  Nicht
so  friedlich,  als  die  Weissenfelser  Linie,  fügten  sich  dem  Verlangen
  des  Churfärsten  die  Herzoge  Moritz  Wilhelm  von
Sachsen-Zeit  und  Christian  von  Merseburg.  Vielmehr  mußte
er  an  ihnen  den  heftigsten  Widerstand  erfahren,  ja  sie  verklagten
  ihn  wegen  der  Maßregeln,  die  er  gegen  das  großväterliche
  Testament  und  den  freundbrüderlichen  Vergleich  getroffen,
  sogar  am  kaiserlichen  Hofe,  und  diese  Irrungen
wurden  für  den  Churfürsten  um  so  unangenehmer,  da  der
kaiserliche  Hof,  ohngeachtet  der  dem  Erstern  schuldigen  Verbindlichkeiten,
  wiederholt  sich  auf  die  Seite  der  jüngern  Linien
  schlug,  und  ihnen  seine  Unterstätzung  wie  auch  seine
besondere  Gunst  bezeigte,  indem  er  z.  B.  ihnen  1689  urkundlich
  den  Titel  Durchlaucht  gewährte,  den  damals  nicht
cinmal  die  alten  Fürsten  durchgangig  behaupteten.

Dem  Churfürsten  mußten,  bei  den  kriegerischen  Unternehmungen,
  welche  ihn  beschäftigten,  dergleichen  Mißhelligkeiten
  doppelt  unangenehm  seyn.  Das  deutsche  Reich  ward
damal5  von  einer  dringenden  Gefahr  bedroht,  die,  wenn
nicht  noch  im  letztentscheidenden  Augenblicke  Hilfe  gekommen
wäre,  von  unabsehbaren  Folgen  für  Welt  und  Kirche  härte
werden  konnen.  Die  Türken,  jene  alten  wäthenden  Erbfeinde
  Oesterreich's,  hatten  die  gefährliche  Nachbarschaft  wieder
  einmal  benutzt,  mit  zahlreicher  Macht  Ungarn  überschwemmt
  und  belagerten  mit  fürchterlicher  Hartnäckigkeit
Wien,  dessen  Burger,  auf's  Aeußerste  gefaßt,  bewaffnet
die  Mauern  ihrer  geliebten  Stadt  vertheidigten.  Kara  Mustapha,
  der  Anführer  der  Unglaubigen,  ängstigte  die  Stadt
durch  Unterminirung  und  durch  die  aufgesteckte  schreckliche
Blutfahne.  Nur  der  unerschrockenen  Ausdauer  des  Commandanten,
  Rüdiger  von  Starhemberg,  der  von  der  Höhe  des
Stephansthurms  mit  scharfem  Blick  jede  Bewegung  des
Feindes  belauschte,  und  der  heldenmüthigen  Kraft  seiner  Bürger
  konnte  es  gelingen,  die  Belagerung  bis  zum  spaͤten  Au-168
        <pb n="366" />
        328  Johann  Georg  III.

genblicke  der  Rettung  auszuhalten.  Der  bestürzte  Kaiser  Leopold,
  welcher  dem  Feinde  nur  mit  geringer  Macht  begegnen
konnte,  sprach  den  Churfürsten  von  Sachsen  um  Hilfe  an

1683  und  dieser  führte,  nach  einem  am  4.  Jun.  1683  abgeschlossenen
Bündnisse,  dem  kaiserlichen  Heerfährer  Herzog  Karl  V.  von
Lothringen,  10,000  Mann  zu  Hilfe.  Dem  vereinigten  christlichen
  Heere  schlossen  sich  fränkische,  schwäbische  und  baiersche
  Truppen  an  und,  die  allgemeine  Hoffnung  zu  beleben,
stieß  der  heldenmüthige  Polenkdnig  Johann  Sobiesky  mit
15,000  seiner  Tapfern  zu  ihnen.  So  verstärkt,  griffen  sie
die  gewaltigen  Massen  der  Türken  mit  Muth  und  Klugheit
am  12.  September  an,  stürmten  ihr  Lager  und  jagten  sie
blutig  in  die  Flucht.  Wien  war  gerettet.  Die  Sachsen
hatten  an  der  Ehre  des  Sieges  den  gerechtesten  Antheil  und
der  Churfürst  hatte  seine  personliche  Tapferkeit  so  gut  bewährt,
  daß  er  in  personliche  Lebensgefahr  gerieth  und  nur
durch  die  muthige  Treue  eines  seiner  Officiere  gerettet  ward.
Der  Kaiser,  den  wahrscheinlich  ein  neidisches  Schaamgefühl
gegen  die  fremden  Retter  zum  Undankbaren  machte,  behandelte
  sowohl  den  Polenkönig,  wie  den  Churfürsten  von  Sachsen,
  zum  Dank  für  den  geleisteten  Heldendienst,  mit  verletzender
  Kälte,  und  Johann  Georg,  se  tief  verletzt,  kehrte
sofort  nach  Sachsen  zurück.  Er  theilte  das  Schicksal  seines
Ahnen,  Albrecht  des  Beherzten,  der  für  seine,  dem  Hause
Oesterreich  geleisteten  treuen  Dienste  sich  ebenfalls  schnde
Anerkennung  und  hohlen  Dank  erwarb.

Ein  von  dem  Churfürsten,  rücksichtlich  des  Türkenkrieges,
nach  Leipzig  ausgeschriebener  obersächsischer  Kreistag,  welchen
  man  am  1.  August  eröffnete,  hatte,  um  kleinlicher  Ur—
sache  willen,  ein  tragisches  Ende.  Es  kam  daher,  weil  der
herzoglich  gothaische  Gesandte  mit  6  Pferden  in  die  Versammlung
  gefahren  war,  welches  Recht  ihm  die  churfürstlichen
  Abgcordneten  nicht  zugestanden  und  daher  starkes  Geschrei
  über  diese  Wesentlichkeit  erhoben.  Der  Streit  ward
so  laut,  daß  die  Directorialgesandtschaft  darüber  mit  ihrer
Petition  gar  nicht  zu  Worte  kommen  konnte  und  dieselbe
unüberreicht  ließ.  Man  wußte  sich,  bei  so  ausserordentli-
        <pb n="367" />
        Johann  Georg  III.  329

chem  Falle,  nicht  anders  zu  helfen,  als  daß  man  den  ganzen
  Convent  auseinander  gehen  ließ.  Andere  Irrungen  —
unter  denen  es  hoffentlich  nicht  die  wirksamste  war:  daß  die
herzoglichen  Gesandten  nicht  mehr  auf  bloßen  lederbeschlagenen
  Stühlen,  sondern,  gleich  den  churfürsilichen,  auf  sammtnen
  Lehnsesseln  sitzen  wollten  —  kamen  hinzu,  und  so  wurden
  von  da  an  die  obersächsischen  Krelstage  gänzlich  aufgehoben.


Mit  der  Republik  Venedig,  wohin  er  selbst  reisete,  und

mit  deren  Dogen  schloß  Johann  Georg  im  Jahre  1685  einen  1635

Subsidientractat,  zufolge  dessen  er  ihr  drei  Regimenter  Sachsen
  überließ,  die  sich  bei  der  Eroberung  von  Morca  rühmlich
auszeichneten.  Ja,  wie  üblen  Lohn  auch  der  Churfürst  sich
vom  Kaiser  geholt,  so  war  er  doch  edel  genug,  demselben,
unter  Anfährung  des  Herzogs  Christian  von  Merseburg,  wiederum
  5000  Sachsen  zu  Hilfe  zu  senden,  welche  unter  dem
General  Schôning  den  heißen  Tag  (2.  Septbr.  1686)  mitmachten,
  wo  das  seit  145  Jahren  von  den  Türken  besetzte
Ofen  denselben  muthig  entrissen  wurde,  und  den  Ruhm  der
Tapferkeit  verdienten.

Johann  Georg  war  vom  Schicksal  nicht  bestimmt,  einen
Nuhepunct  seines  Lebens  zu  erringen,  und  wo  die  Hauptkämpfe
  nachließen,  entspannen  sich  ihm  wenigstens  kleinere
Mißhelligkeiten.  Mit  Brandenburg,  welches  schon  seit  laͤngerer
  Zeit  eine  starke  Rivalität  gegen  Sachsen  behauptete,
gerieth  er  wegen  der  Abtei  Quedlinburg  und  über  das  Fürstenthum
  Querfurt  in  Unfrieden.  Wichtiger  aber,  als  diese
Händel,  war  der  Lauenburgische  Erbfolgestreit,  welcher  nach
dem  unbeerbten  Ableben  des  Herzogs  Julius  Franz  von
Lauenburg  (1.  Septbr.  1689)  losbrach.  Schon  am  28.
Tuli  1507  hatten  Churfürst  Friedrich  der  Weise  und  sein
Bruder  Herzog  Johann  der  Deständige  vom  Kaiser  Maximilian
  I.  die  Anwartschaft  auf  Lauenburg  erhalten.  Leider
ließ  diese  Amvartschaft  in  Zweifel,  ob  sie  der  Ernestinischen
oder  der  Albertinischen  Linie  des  Hauses  Sachsen  zugehdre,
und  wahrscheinlich  würde  jetzt  hierüber  zwischen  beiden  Linien
  eine  Streitfrage  entstanden  seyn.  Ehe  aber  noch  beide

1686

1689
        <pb n="368" />
        330  Johann  Georg  HI.

Linien  Zeit  gewannen,  auf  streitlichem  oder  friedlichem  Wege
ihre  Anspruͤche  gegen  einander  geltend  zu  machen,  so  erstand
Beiden  ein  zweiter  Nebenbuhler,  der  schneller  im  Handeln,
als  Jene  im  Eroͤrtern  waren.  Der  Churfürst  Johann  Georg
  hatte,  infolge  seines  einleuchtendern  Anwartschaftrechtes,
am  6.  Octbr.  durch  einen  abgesendeten  Bevollmaͤchtigten  vor
Notar  und  Zeugen  Besitz  von  Lauenburg  nehmen  lassen.
Aber  schon  am  10.  October  ließ  der  Herzog  Georg  Wilhelm
von  Braunschweig-Celle,  die  Absicht  einer  ihm,  als  niedersaͤchsischem
  Kreisobersten,  gebuͤhrenden  Sequestration  vorschüzzend,
  das  Lauenburgische  Gebiet  durch  Truppen  besetzen,  denen
  die  wenigen  chursaͤchsischen  Soldaten  freilich  das  Feld
raͤumen  mußten.  Statt  es  aber  bei  der  vorgeschuͤtzten  Se—
questration  bewenden  zu  lassen,  trat  er  nunmehr  auch  mit
Anspruͤchen  an  das  Land  hervor,  welche  er  darauf  gruͤndete,
daß  sein  Ahnherr  Heinrich  der  Loͤwe,  dieses  Land  einst  von
den  Polaben  erobert,  und  das  Braunschweigische  Haus  niemals
  auf  diese  Eroberung  verzichtet  hätte,  dann  berief  er
sich  auch  auf  eine,  noch  vor  der  saͤchsischen  Anwartschaft
eingegangene  Erbverbrüderung  mit  Lauenburg  von  13609,
welcher  jedoch  nie  die  kaiserliche  Bestaͤtigung  geworden  war.
Gleichen  Mangel  hatten  auch  die  Mecklenburgischen  Anspruͤche
ruͤcksichtlich  ihrer  aufgewiesenen  beiden  Erbverbruͤderungen  von
1431  und  1518.  Außerdem  erhob  auch  noch  das  Haus  Anhalt,
  auf  den  Grund  gemeinschaftlicher  Abstammung  von  einem
  Stammvater,  Ansprüche,  die  sich  jedoch  wiederum  dadurch
  bestreiten  ließen,  daß  nicht  dieser  gemeinschaftliche
Stammvater,  sondern  erst  dessen  Sohn  das  Lauenburgische
an  sich  gebracht  hatte.  Durch  diese  mehrseltigen  Ansprüche
ward  der  Fall  sehr  verwickelt.  Wäre  Johann  Georg  damals
nicht  durch  seine  Theilnahme  an  dem  Kriege  gegen  Frankreich
  zu  sehr  beschäftigt  worden,  so  hätte  er  viellescht  seine
Ansprüche  durch  den  Nachdruck  der  Waffen  untersttzt.  Aber
unter  diesen  Uumständen  mußte  er  die  Sache  dem  Wege  der
rechtlichen  Entscheidung  anvertrauen,  der  selten  der  kürzeste
ist.  Auch  ihm  war  es,  wie  so  manchem  Prozessirenden,  nicht
beschieden,  den  Ausgang  zu  erleben,  und  erst  sein  zweiter
        <pb n="369" />
        Johann  Georg  III.  331

Nachfolger,  der  immer  geldbedürftige  Churfürst  Friedrich  August
  I.  verglich  sich  im  Juni  1697  mit  dem  Herzoge  von
Braunschweig-Celle  dahin,  daß  er  Letzterem  die  Lauenburgischen
  Ansprüche  gegen  1,100,000  Gülden  abtrat,  wobei
er  sich  jedoch  den  Rückfall  des  Landes,  nach  Abgang  des
Braunschweigischen  Hauses,  wie  auch  Titel  und  Wappen
von  Engern  und  Westphalen  vorbehielt,  welches  Recht  schon
Johann  Georg  von  1689  an  geübt  hatte.  Spater  (1732)
ging  auch  Sachsen-Gotha,  an  welches,  mit  Ausnahme  von
Koburg-Saalfeld,  die  übrigen  Häuser  Ernestinischer  Linie
ihre  Lauenburg'schen  Rechte,  gegen  eine  Geldvergütung  abgetreten
  hatten,  cinen  Vertrag  mit  dem  Könige  von  Großbritannien
  ein  und  erhielt,  nebst  den  gleichen  Titeln,  60,000
Thaler.  Sachsen-Koburg  trat  für  10,000  Thaler  ebenfalls
dem  Vergleiche  bei.  Dies  war,  im  Vergleich  zu  den  langen
  und  vielen  Streitigkeiten,  welche  vorangegangen  waren,
  freilich  ein  billiges  Abkommen!  Wenigstens  hatte  die
sächsische  Titulatur  den  Prozeß  gewonnen.

Die  stumpfe  Gleichgältigkeit,  mit  welcher  Deutschland
den  habgierigen  Kunstgriffen  Frankreich'S  zusah,  welches  durch
seinen  eben  so  ränkesüchtigen  als  geistvollen  König,  den  vielbesprochenen
  Ludwig  XIV.  *)  immer  mehr  Ländereien  an  sich

—  —

*)  Höchst  bezeichnend  spricht  sich  ein  auf  den  Tod  Ludwig's  XIV.
verfaßtes  älteres  französisches  Gedicht  über  diesen  Fürsten  aus,
dessen  eigentliche  Größe  nur  auf  potitischer  Effectmacherei  beruhte.
  Leider  ward  mir  dieses  Gedicht  nur  in  der  Uebersetzung
bekannt:

Da  liegt  der  große  Held,  ein  hochberühmter  König,

Der  nie,  was  groß,  gethan,  und  doch  der  Große  hieß;z
Groß,  weil  ihm  ein  Gemahl,  vor  großer  Lust,  zu  wenig;
Groß,  weil  er  Niemand  groß  aus  Scheelsucht  werden  ließ;
Groß,  weil  er  große  Schläg'  in  mancher  Schlacht  errungen;.
Groß,  weil  er  großes  Land  in  große  Noth  gesetzt;

Groß,  weil  er  großes  Geld  von  Groß  und  Klein  erzwungen  —
—  Hier  aber  in  der  Gruft,  wo  ist  die  Größe  jetzt?

(s.  die  Zeitschrift  5/Hebe“,  Jahrg.  1831.)
        <pb n="370" />
        332  Johann  Georg  III.

riß,  empoͤrte  Johann  Georg's  Gefuͤhl.  Um  Ludwig's  Intriguen,
welche  Deutschlands  Unentschlossenheit  und  Uneinigkeit  so  trefflich
  für  Frankreichs  Raubsucht  zu  benutzen  wußten,  die  nèthigen
Gränzen  zu  setzen,  war  Johann  Georg  schon  am  8.  April
1681  zu  Finsterwalde  ein  Schutzbundniß  mit  dem  Churfürsten
  von  Brandenburg,  Friedrich  Wilhelm,  eingegangen,
nach  welchem  Sachsen  2000  Mann  Fußvolk  und  600  Reiter,
  Brandenburg  aber  um  ein  Drittheil  Mannschaft  mehr
stellen  sollte.  Ohngeachtet  dieser  Vorbereitungen,  trat  der
Churfürst  von  Brandenburg  doch  dußerst  leise  auf  und  suchte
—  eingedenk,  wie  sehr  im  vorigen  Kriege  ihn  das  deutsche
Reich  ohne  Unterstützung  gelassen  —  den  offenen  Bruch  mit
Frankreich  auf  alle  mögliche  Weise  zu  vermeiden.  Dem  ungeduldigen
  Johann  Georg  waren  diese  halben  Maßregeln
und  die  Bedenklichkeit  Brandenburg'ö  sehr  unbehaglich,  er
ließ  es  an  Vorstellungen  nicht  fehlen,  die  zum  Theil  die
Lage  der  Dinge  sehr  wahr  schilderten.  „Könnte  man“  —
gab  er  dem  Brandenburger  zu  bedenken  —  „auch  mit  dem
Betragen  des  kaiserlichen  Hofes  nicht  immer  einverstanden
seyn,  so  müßten  sich  doch  die  Reichsstände  an  ihn  anschließen,
  weil  ihr  beklderseitiges  Interesse  unauflbsbar  zusammenhänge.
  Denn  eher  nicht  werde  der  König  von  Frankreich
ruhen,  bis  er  die  Kaiserkrone  an  sich  gezogen,  und  der  deutschen
  Nation  dasselbe  Joch  auferlegt,  welches  auf  Frankreich
laste.  In  der  Uneinigkeit  der  Deutschen  selbst  finde  Frankreich
  scine  beste  Unterstützung.  Den  Friedensschlüssen,  welche
Ludwig  nach  seinem  Gefallen  auslege  und  beachte,  dürfe
man  nicht  trauen;  wenn  die  Deutschen  erst  völlig  die  Wafsfen
  aus  der  Hand  gegeben,  so  werde  man  sehen,  wie  Ludwig
  seinen  Verträgen  nachzukommen  pflege.  Nur  durch  festes
  Zusammenhalten  sey  der  drohenden  Gefahr  zu  begegnen;
und  wenn  die  Macht  nicht  ausreiche,  um  Frankresch  anzugreifen,
  so  werde  sie  doch  ausreichen,  um  das  Vaterland
zu  vertheidigen.  2c.“  Er  verschwendete  seine  gesunden  Gründe
umsonst,  und  erst,  als  Frankreich's  Uebermuth  sich  immer
1686  zudringlicher  machte,  entstand  endlich  (9.  Jul.  1686.)  der
sogenannte  Augsburgische  Bund,  welchem  der  Kaiser  nebst
        <pb n="371" />
        Johann  Georg  III.  333

dem  gesammten  dͤsterreichischen  Hause,  ja  selbst  Spanien,
ferner  der  Koͤnig  von  Schweden,  der  Churfuͤrst  von  Baiern,
der  bairische,  der  fraͤnkische  und  oberrheinische  Kreis  und  das
ganze  fuͤrstliche  Haus  Sachsen  beitraten.  Wie  wenig  Frankreich
  von  einem  deutschen  Bundnisse  zu  halten  geneigt  war,
zeigte  die  darauf  geprägte  Spottmünze,  welche  die  schmeichelhafte
  Umschrift:  „Parturiunt  montes“  etc.  trug.  Seltsam
  genug  trat  Johann  Georg  nicht  diesem  Augsburger
Bunde  bei.  Vielleicht  hielt  er  es  für  ehrenvoller,  aus  freier
Willkühr,  als  aus  Bundespflicht  für  das  deutsche  Vaterland
zu  kämpfen.  Wenigstens  ließ  er,  wo  es  für  die  allgemeine
Sache  zu  handeln  galt,  keinen  Augenblick  auf  sich  warten.
Denn  als,  nach  der  Kriegserklärung  gegen  das  deutsche
Reich,  Ludwig  XIV.  im  October  1688  ein  starkes  französisches
  Heer  in  die  Rheinlaänder  einfallen  ließ,  eilte  Johann
Georg  schon  im  September  mit  14,000  Mann  herbei,  um
vor  der  Hand  wenigstens  die  Gränzen  von  Franken  zu  decken.
Die  Saumseligkeit  der  deutschen  Rüstungen  ließ  leider  den
franzôsischen  Mordbrennerschaaren,  welche  der  finstere  Louvois
gegen  Deutschland  trieb,  Zeit,  die  unglückliche  Pfalz  auf
das  schmählichsie  zu  verwüsten.  Erst  im  folgenden  Jahre  —
nachdem  der  muthige  Sachse  allein  im  Felde  gestanden  —
bildete  sich  das  große  deutsche  Heer,  von  60,000  Mann  am
Rheine.  Der  Herzog  von  Lothringen,  welcher  den  Oberbefehl
  über  dasselbe  hatte,  hielt  mit  dem  Churfürsten  von
Sachsen,  der,  nach  kurzer  Heimkehr,  sich  mit  dessen  Heereömacht
  vereinigte,  wie  auch  mit  dem  Churfärsten  von
Baiern  und  dem  Landgrafen  von  Hessen,  einen  Kriegsrath,
in  welchem  die  Belagerung  von  Mainz  beschlossen  wurde.
Bei  dieser  Belagerung  kam  Johann  Georg  mehrere  Male
in  Lebensgefahr;  seinen  Vetter,  den  Herzog  Christian  von
Weißenfels,  der  ihm  vor  Mainz  gefolgt,  ereilte  eine  tddtende
Kugel.  Nach  acht  Wochen  ging  Mainz  durch  Capitulatioh
über.  Johann  Georg's  wankende  Gesundheit  nöthigte  ihn,
bald  darauf  nach  Sachsen  zurückzukehren.  Dennoch  begab
er  sich  im  Mai  des  folgenden  Jahres  wieder  zum  Heere,
aber  nur  um  Zeuge  des  üblen  Fortganges  der  sachsischen

1688

1689

1690
        <pb n="372" />
        334  Johann  Georg  III.

Waffen  zu  seyn.  Mittlerweile  nahm  sein  Unwohlseyn  dergestalt
  überhand,  daß  die  Aerzte  ihm  ganz  ernsthaft  abricthen,
  einen  abermaligen  Feldzug  in  Person  mitzumachen.
Da  er  aber  sich  in  ein  neues  Bündniß  mit  dem  Katser  eingelassen,
  nach  welchem  er  12,000  Mann  zu  stellen  sich  verpflichte:,
  und  Jener  ihm  den  Oberbefehl  am  Rhein  übertragen
  hatte,  so  schlug  der  kriegslustige  Fürst  das  Bedenken
seiner  Aerzte  in  den  Wind  und  erklärte,  dem  ehrenden  Rufe
zu  folgen,  selbst  wenn  er  gensthigt  wäre,  sich  über  den
Rhein  tragen  zu  lassen.  Leider  sollte  seine  entschlossene  Selbstaufopferung
  gleichwohl  der  allgemeinen  Sache  nicht  die  verhofften
  Früchte  tragen!  Mit  dem  Anführer  der  kaiserlichen
1001  Truppen,  Caprara,  ging  er  über  den  Rhein;  aber  die  steten  Zwisiigkeiten
  zwischen  Caprara  und  dem  chursächsischen  Feldmarschall
  Schôning,  welche  bei  jeder  Gelegenheit  einander  opponirten,
  führten  auch  hier  zu  Nachtheilen.  Die  Feinde  gewannen
  Zeit,  bei  Philippsburg  den  Rhein  zu  überschreiten,
und  die  Deutschen  waren  nunmehr  gezwungen,  ebenfalls  über
denselben  zurückzugechen.  Eine  ansteckende  Krankheit,  welche
im  deutschen  Heere  ausbrach,  ergriff  auch  den  Churfürsten
von  Sachsen.  Vergebens  ließ  er  sich  nach  Tübingen  bringen;
  er  starb  daselbst  am  12.  September  1691,  44  Jahre
alt.  Feierlich  ward  der  todte  Fürst  nach  seinem  Vaterlande
abgeführt  und  im  Dome  zu  Freiberg  —  der  Ruhestätte  seiner
  Ahnen  —  beigesetzt.

Er  war  ein  Fuͤrst  von  kriegerischer  Lust  und  Fähigkeit,
der  nur  zu  sehr  durch  die  Umstände  und  durch  die,  seiner
entschlossenen  Sinnesart  entgegengesetzte  Saumseligkeit  seiner
  Bundesgenossen,  in  seinem  Wirken  gehemmt  wurde.
Besser  und  weiser  wérc  es  freilich  von  ihm  gewesen,  wenn
er,  diese  Hindernisse  berücksichtigend,  seiner  kriegerischen
Laune  ein  zweckmäßiges  Ziel  gesetzt  hätte.  Das  Ritterthum,
welches  ihm  in  den  Gliedern  lag,  war  nicht  mehr  für  seine
Zeit  gemacht  und  kounte  ihm  höchstens  einen  dußern  Schimmer
  von  Ruhm  erwerben,  der  die  seinem  Lande  dadurch  verursachten
  Nachtheile  nicht  aufwog.  Ritterlicher  Sinn  und
eine  biedere  Großmuth,  welche  sich,  selbst  dem  offenen  Un-
        <pb n="373" />
        Johann  Georg's  III.  Ted.  335

danke  gegenüber  nicht  verläugnete,  sind  ihm  nicht  abzusprechen
  und  erheben  ihn  zu  einer  Fürstengestalt,  auf  welcher
der  historische  Blick  gern  verweilt;  daher  er,  als  selbstständiges
  Bild,  uns  noch  werther  seyn  muß,  als  in  dem  Zusammenwirken
  mit  seiner  Zeit  und  Umgebung.  Für  die  innere
Wohlfahrt,  Ruhe  und  Ordnung  seines  Landes  konnte  er
freilich,  da  sein  Augenmerk  sich  immer  auf  allgemeinere  deutsche
  Interessen  und  auf  dußere  Kämpfe  richtete,  weniger
thun,  zumal  diese  Angelegenheiten  ihn,  während  seiner  kurzen
  Regierung,  großentheils  von  seiner  Heimath  fern  hielten.
  Von  seiner  Gemahlin,  Anna  Sophia  von  Dänemark,
hinterließ  er  zwei  Söhne,  Johann  Georg  IV.  (geb.  18.  October
1668.),  und  Friedrich  August  I.  (geb.  12.  Mai  1670).
Der  Kronprinz  erhielt  noch  bei  Lebzeiten  seines  Vaters,  von
seinem  mütterlichen  Großvater,  dem  dänischen  Könige  Friedrich
  III.,  den  Titel  eines  Erben  von  Dänemark  und  Norwegen,
  den  er  allen  seinen  übrigen  Titeln  vorsetzen  mußte,
und  die  Versicherung  der  Erbfolge  in  diesen  Ländern,  welche
ihm  auch  zukam,  da  das  dort  eingeführte  Königsgesetz  auch
weibliche  Nachkommen  protestantischen  Glaubens  in  die  Erbfolge
  aufnimmt.

Johann  Georg  IV.  berechtigte,  hinsichtlich  seiner  natürlichen
  Anlagen,  wie  auch  der  ihm  gewordenen  sorgsamen
Erzichung,  zu  günstigen  Hoffnungen.  Leider  sollten  alle  angeborenen
  und  ausgebildeten  Vorzüge,  in  einer  einzigen  wilden
  Leidenschaft,  durch  ein  unwüurdiges  Wesen  geweckt  und
genährt,  verkummern  und  untergehen.  Noch  als  Kronprinz
entbrannte  er  in  hefeiger  Liebe  zu  der  Tochter  des  Obersten
Rudolf  von  Neitzschütz  (unter  Johann  Georg  IV.  zum  Generallieutenant
  erhoben),  Magdalena  Sibylle.  Obgleich  korpere
lich  schon,  war  sie  darch  ihre  vernachlässigte  geistige  Bildung
doch  keineswegs  geeignet,  einen  so  vielbefähigten  Mann,  wie
Johann  Georg  IV.,  zu  fesseln.  Dennoch  war  seine  Liebe  zu
ihr  so  unwandelbar,  ja,  obgleich  im  Genusse  gesättigt,  so
innig  und  glühend,  daß  der  Verdacht  auf  Zauberkünste  und
Liebestränke,  die  man  dem  Unglücklichen  gereicht  und  dadurch
  seine  Flamme  unersättlich  gemacht  habe,  jener  Zeit
        <pb n="374" />
        1692

336  Johann  Georg  IV.

wohl  zu  vergeben  war.  Umsonst  suchte  sein  Vater,  den  die
ungestuͤme  Heftigkeit  dieser  Leidenschaft  fruͤhzeitig  mit  ernsteren
  Besorgnissen  erfüllen  mochte,  ihn  durch  Zerstreuungen
edlerer  Art,  namentlich  durch  Reisen  nach  England,  Frankreich
und  Holland,  dieselbe  vergessen  zu  machen.  Umsonst  ließ
er  den  feurigen  Prinzen  Theil  an  seinen  eignen  Feldzügen
gegen  Frankreich  nehmen.  Die  unglückliche  Flamme  brach
unter  jedem  Mittel,  sse  zu  dämpfen,  nur  noch  gewaltsamer
hervor.  Fast  schien  sie,  als  sie,  nach  dem  Tode  seines  Vaters
  und  seinem  Regierungsantrikcte,  freier  walten  durfte,
weniger  gefährlich,  als  in  ihrer  vorherigen  Unterdrückung.
Wenigstens  zeugten  die  ersten  Regentenhandlungen  des  jungen
  Churfürsten  von  einer  rühmlichen  umsicht  und  Besonnenheit,
  die  gleichsam  in  jener  Liebe  nur  einen  befeuernden
Antrieb,  nicht  aber  eine  sinnverwirrende  Lähmung  zu  verrathen
  schien.  Eingedenk  der  politischen  Meinung  seines  Vaters
  in  Bezug  auf  Frankreich,  ging  er  mit  dem  fränkischen
und  schwäbischen  Kreise  einen  Vertrag  ein,  nach  welchem  er,
gegen  angemessene  Vergutung,  ihre  Grenzen  mit  einem  Theile
seiner  Truppen  zu  decken  sich  anheischig  machte.  Auch  entsprach
  er  bestens  den  Hoffnungen  des  Churfürsten  Friedrich
III.  von  Brandenburg,  der  ihn  im  Januar  1692  personlich
zu  Torgau  besuchte,  und  schloß  mit  demselben  ein  sehr  enges
  Bündniß  gegen  die  von  Frankreich  her  drohende  Gefahr.
Beide  Fürsten  mußten  sehr  zufrieden  mit  dieser  gegenseitigen
Vereinigung  seyn;  denn  zum  Andenken  daran  stifteten  sie
den  Rirterorden  der  guten  Freundschaft  oder  vom  güldenen
Armband,  dessen  Zeichen  in  einem  goldenen  Medaillon  bestand,
  auf  dessen  einer  Seite  sich  zwischen  Lorbeerzweigen
das  sächsische  Churschwert  und  das  brandenburgische  Erzkämmerer-Scepter
  kreuzten  und  zwei  geharnischte  Hände  —  mit
der  umschrift:  „auf  immer  vereinigt“  —  )  in  einander
ruhten,  während  die  andere  Seite  die  Namenszüge  der  beiden
  Churfürsten  nebst  den  bedeutungsvollen  Worten:  „aufrichtige
  Freundschaft“  zeigte.  Das  Bündniß  erhielt  eine

*)  Wer  denkt  dabei  nicht  an  das  Jahr  181521  —
        <pb n="375" />
        Johann  Georg  IV.  337

neue  Gewähr  durch  die  kurz  darauf  in  Berlin  erfolgende
Verlobung  des  Churfürsten  von  Sachsen  mit  der  verwittweten
  Markgräfin  von  Anspach,  Eleonore  Erdmuthe  Louise,
aus  dem  Hause  Eisenach.  Leider  sah  man  diesem  Bündnisse
in  seinem  Entstehen,  wie  in  seinem  Fortgange  zu  sehr  die
künsiliche  Mechanik  einer  Convenienzheiratb  an.  Wie  es
heißt,  ging  Johann  Georg  seiner  Braut,  bei  ihrem  Einzuge,
nicht  einmal  entgegen,  sondern  stand  während  dessen  mit
der  Neibschüß  im  Fenster.  Welche  Gefühle  aber  mußten  sich
der  Braut  bemächtigen,  als  sie  ihrem  Verlobten  zugeführt
ward  und  dieser  sie  mit  der  zartsinnigen  Bemerkung  empfing:
„Sie  müssen  wohl  toll  seyn,  daß  sie  in  den  Hundstagen
ein  sammetnes  Kleid  tragen!“  Bei  solchen  Verständigungen
zwischen  Brautleuten  fehlte  freflich  nicht  viel,  daß  die  Ehe
rückgängig  gemacht  worden  wäre,  wenn  nicht  des  Churfürsten
  von  Brandenburg  gegründete  Vorstellungen  diesem  öfsentlichen
  Aergernisse  noch  vorgebeugt  hätten.

Schr  bald  änderte  sich  auch  die  Politik  des  Churfärsten,
und  die  vorher  von  ihm  gezeigte  Selbstständigkeit  gab  einer
schwankenden  Charakterlosigkeit  Raum.  Besonders  mochte
ihn  sein  Feldmarschall,  von  Schöning,  der  sich  von  Brandenburg
  beleidigt  glaubte,  in  seinem  Eifer  an  der  deutschen
Sache  gegen  Frankreich  wanken  machen;  wenigstens  zog  er
die  bisher  gestellte  starke  Mannschaft  zurück  und  gab  nur
noch  sein  gewöhnliches  Contingent  zum  Reichskriege  her.
Es  sind  sogar  ziemlich  glaubwürdige  Zeugnisse  vorhanden,
daß  er  sich  von  dem  hannoverschen  Minister  Groote  zu  einem
  heimlichen  Neutralitätsvertrage  bereden  ließ,  der  auf
Gründung  einer  dritten,  vom  Kaiser  unabhängigen  Partei
zielte.  Obendrein  war  der  Churfürst  damit  in  eine  Schlinge
gefallen,  denn  Groote  reis'te,  ehe  man  vermuthete,  nach
Wien  und  entdeckte  dort  dem  Kaiser  das  Bündniß,  welches
sein  Herr  aufzuldsen  gesonnen  sey,  wenn  der  Kaiser  ihm  die
Churwürde  verleihen  wolle..  Dem  Herzoge  von  Hannover
gluckte  dieser  Plan  und  er  erlangte  den  Churhut,  wodurch
jener  Neutralitätsvertrag  vatürlich  sich  wieder  erledigte.  Das

räthselhafte  Benehmen  des  Churfürsten  von  Sachsen  aber
UIl.  Hest.  22
        <pb n="376" />
        338  Johann  Georg  IV.

mußte  bald  darauf  der  obenerwaͤhnte  Schoͤning  ausbaden,
dem  man  nicht  nur  einen  großen  Theil  der  Schuld  an  den
Maßregeln  seines  Herrn,  sondern  auch  ein  geheimes  Ein—
verstaͤndniß  mit  Frankreich  zuschrieb.  Als  daher  Schoͤning
im  Sommer  1692  in  Teplitz  eine  Badecur  gebrauchte,  wurde
er  unversehens  von  oͤsterrcichischen  Soldaten  festgenommen
und  auf  die  Festung  Spielberg  in  Maͤhren  gebracht,  wo
man  ihm  einen  Halsproceß  zu  machen  drohte.  Der  Chur—
fuͤrst  war  hieruͤber  sehr  bestuͤrzt  und  machte  diesen  Fall  in
Form  einer  Beschwerde  sogar  auf  dem  Reichstage  anhaͤngig.
Aber  der  Kaiser  betrachtete  den  Schoͤning  als  einen  Reichs—
verraͤther,  uͤber  welchen  ihm  die  Gerichtsbarkeit  um  so  mehr
zustehe,  da  er  ihn  in  seinen  Erblanden  haͤtte  festnehmen
lassen.  Zwar  hoffte  der  Churfürst  im  Wege  der  Verhandlung
  mehr  auszurichten  und  schloß  mit  dem  Kaiser  ein  neues
Böndniß,  nach  welchem  er,  jedoch  erst  nach  Schöning's
Freilassung,  Hilfstruppen  zu  stellen  hatte.  Doch  zog  sich  die
Sache  noch  in  die  Länge,  so  daß  der  Churfürst  die  Freilassung
  Schbning's  nicht  erlebte,  welcher  Lebtere  zuletzt  einen
kaiserlichen  Minister  mit  nicht  weniger  als  30,000  Thalern
bestach  und  dadurch  sich  die  Freiheit  verschaffte.  Dahin
hatten  es  weder  der  Chuxrfürst,  noch  fremde  Vermittelungen
bringen  können!

Dergleichen  Aergernisse  —  selbst  wenn  sie  den  Unfall  eines
  Freundes  betrafen  —  konnten  den  Churfürsten  schwerlich
  so  tief  treffen,  da  dieser  im  wüsten  Rausche  seiner  Leidenschaft
  für  die  Neitschütz  allmälig  blind  für  andere  Aussendinge
  wurde.  Das  ehrsiüchtige  Mädchen,  oder  mehr  wohl
dessen  Mutter  —  denn  die  schöne  Sibylle  war,  bei  all'  ihren
  dusserlichen  Reizen,  doch  so  ungebildet,  daß  sie  nicht
einmal  ihre  Liebesbriefe  selbst  schreiben  konnte,  sondern  ihre
Mutter  hierzu  gebrauchen  mußte  —  hatte  keinen  geringern
Plan,  als  den  Churfürsten  zu  bereden,  seine  Ehe  zu  trennen
und  die  Maitresse  zur  Gemahlin  zu  erheben.  Hierzu  war
Sibyllen  zuvörderst  eine  Standeserhöhung  vonnöthen,  welche
der  Churfürst  durch  den  Kaiser  für  sie  zu  erlangen  wünschte,
daher  er  auch  mit  demselben,  trotz  der  Schoning'schen  Dif-
        <pb n="377" />
        Johann  Georg's  IV.  Tod.  339

ferenz,  in  gutem  Vernehmen  zu  bleiben  strebte.  Es  ward
ihm  nicht  schwer,  seiner  Geliebten  den  Reichsgrafenstand

vom  Kaiser  zu  ermitteln,  sie  erhielt  im  Februar  1693  das  1693

Diplom  zu  Wien  ausgefertigt,  welches  ihr  den  Titel  einer
Gräfin  von  Rochlitz  und  die  Prädicate  „Hoch  und  Wohlgeboren“
  zugestand.  Nicht  so  schnell  ging  es  mit  dem  Fürstentitel,
  welchen  Johann  Georg  der  neuen  Gräfin  auszuwirken
  wünschte;  doch  ließ  er  sich  keine  Mühe  verdrießen,  und
dieser  Wunsch  war  ein  Hauptmotiv,  daß  er  mit  dem  Kaiser
  einen  neuen  Bund  einging,  demzufolge  er  12,000  Mann
gegen  die  Franzosen  in's  Feld  stellen  und  dafür  400,000
Thaler  Subsidiengelder  crhalten  sollte.  Desgleichen  trat  er
der  zwischen  dem  Kaiser  und  den  Niederlanden  am  12.  Mai
1689  gestifteten  großen  Allianz  bei,  welcher  sich  bereits  mehrere
  Staaten,  unter  ihnen  England,  angeschlossen  hatten.
Er  selbst  ging  in  Person  zur  Armee,  welche  der  Prinz  Ludwig
  von  Baden  befehligte.  Die  Gräfin  von  Rochlitz  begleitete
  ihn  auf  diesem  Feldzuge,  welcher  sein  und  ihr  letzter
werden  sollte.  —

Ein  tragischer  Schicksalsgriff  vereitelte  alle  weitern  stolzen
  Plane  der  neuen  Grafin,  die  sich  —  wozu  Johann  Georg's
  Betheuerungen  sie  allerdings  berechtigten  —  schon  zur
Churfürstin  träumen  mochte.  Sie  ward  —  eine  beissende
Ironie  zu  dem  hochfliegenden  Leben  des  stolzen  Weibes  —
von  den  Kinderblattern  ergriffen  und  wurde  durch  dieselben
am  4.  April  1694  eine  Beute  des  Todes.  Der  unglückliche
Churfürst,  welcher  nicht  von  ihrer  Leiche  zu  trennen  war
und,  in  stumpfer  Verzweiflung  darüber  hingeworfen,  das
Gift  der  Krankheit  in  sich  athmete,  wurde  ein  Opfer  seiner
wahnsinnigen  Liebe.  Ebenfalls  von  den  Kinderblattern  besallen,
  die  er  sich  am  Lager  der  Sterbenden  und  an  ihrer
Leiche  geholt  hatte,  folgte  er  ihr  schon  nach  drei  Wochen
(27.  April)  im  Tode.  Das  Erbbegräbniß  zu  Freiberg  nahm

ihn  —  den  letzten  sächsischen  Landesfürsten,  der  dorthin  begraben
  wurde  —  auf.  Seiner  Geliebten  hatte  er  vorher

noch  ein  fast  fürstliches  Leichenbegängniß  angeordnet;  sie
22

1694
        <pb n="378" />
        340  Johaun  Georg's  IV.  Tod.

ward  hinter  dem  Altare  der  Sophienkirche  zu  Dresden  ein—
gesenkt.

Man  hatte  sich,  wie  schon  weiter  oben  bemerkt,  die  un—
baͤndige  Glut  des  Churfuͤrsten  fuͤr  die  Neitzschuͤtz  nur  durch
den  Glauben  an  Zauberkuͤnste  erklaͤren  koͤnnen,  und  dies
ging  so  weit,  daß,  nach  dem  Tode  Beider,  eine  Untersuchung
  gegen  die  Mutter  der  verstorbenen  Graͤfin  und  mehrere
  Mitbeschuldigte  eingeleitet  wurde.  Muthmaßlich  war  in
gewißer  Hinsicht  dieser  Verdacht  nicht  ganz  ungegründet.
Die  Gräsin  und  ihre  Mutter  hatten,  im  Glauben  ihrer  Zeit,
sich  allerdings  gewisser  tollen  Zaubereien  bedient,  durch
welche  sie  das  Herz  des  Churfürsten  unlbsbar  zu  fesseln
meinten.  Daß  zufällig  Sibyllens  Schönheit  das  gelang,
was  die  angewendeten  Zaubermittel  schwerlich  bewirkt  hätten,
  gab  gleichwohl  Ursache,  noch  mehr  an  die  Wirksamkeit
  Leßzterer  zu  glauben.  Man  grub  den  Leichnam  der  Neitzschütz
  wieder  aus  und  raubte  ihm  unter  andern  auch  ein
aus  dem  Haupthaare  des  Churfürsten  geflochtenes  Haarband,
welchem  man  die  Schuld  von  Jcohann  Georg's  tödtlichem
Aushalten  bei  der  Leiche,  zuschrieb.  Mehrere  Milbeschuldigte
geriethen  in  Strafe;  die  Mutter  der  NeiGschütz  —  welcher
Johann  Georg's  Bruder,  Friedrich  August,  schon  fräher  heftige
  Drohungen  angethan  hatte  —  mußte  eine  peinliche  Untersuchung
  bestehen,  und  kam  erst  später  wieder  in  Freiheit.
Ihren  Zauberkünsten  maß  man  allgemein,  selbst  von  Seiten
  der  Landschaft,  den  frühzeitigen  Tod  des  Churfürsten  bei.

In  der  That  kann  der  gewaltsame  Untergang  Johann
Georg's  IV.  nur  mit  Wehmuth  erfüllen.  Nach  mehrseitigen
  Zeugnissen  war  er  ein  Fürst  von  ursprünglich  schönen
Anlagen,  von  denen  uns  in  der  ersten  Zeit  seiner  Regierung
manche  erfreuliche  Zeugnisse  begegnen.  Sein  scharfer  Verstand
  und  sein  praktischer  Ueberblick  verursachte  lässigen  Beamten
  manche  Beschämung,  die  durch  seine  beissenden  Bemerkungen
  nicht  eben  getilgt  werden  konnte.  Schade,  daß
so  viel  Geist  und  Liebenswürdigkeit  so  bald  in  unwürdigen
Banden  erschlaffte,  in  ungemaßigter  Leidenschaft  erstarb!
Sein  Bruder  und  Nachfolger,  der  sich  schwerlich  an  ange-
        <pb n="379" />
        <pb n="380" />
        <pb n="381" />
        Friedrich  August  J.  341

borenem  innern  Werthe  mit  ihm  messen  durfte,  haͤtte  durch
sein  duͤsteres  Beispiel  wohl  von  dem  Wege  zuruͤckgeschreckt
werden  koͤnnen,  den  er,  freilich  mit  weniger  Ungluͤck,  ebenfalls
  einschlug,  wie  oft  er  auch  dem  Bruder  mit  Warnungen
  und  Vorstellungen  laͤstig  geworden  war.

Der  verstorbene  Churfuͤrst  hatte  aus  seiner  ungluͤcklichen
Ehe  mit  der  verwittweten  Markgraͤfin  von  Anspach  erklärlicher
  Weise  keine  Kinder  hinterlassen,  daher  sein  juͤngerer
Bruder,  Friedrich  August  I.  (als  nachheriger  Koͤnig  von  Polen
  der  II.)  ihm  in  der  Churwürde  folgte.  Die  Natur  hatte
diesen  Fürsten  mit  allen  Vorzügen  ausgestattet,  durch  welche
er  sich  geistig  und  körperlich  geltend  machen  konnte.  Schon
als  Kind  trug  er  die  Spuren  seiner  späteren  männmlichen
Schdnheit  so  sichtbar  aufgeprädgt,  daß  ihn  die  Hofleute  nur
das  „schdne  Prinzlein“  nannten.  Durch  frühzeitige  koͤrperliche
  Uebungen  aller  Art  —  wie  Reiten,  Fechten,  Springen,
  Schießen,  Fahnenschwingen,  Ringelrennen,  Tanzen,
Ballschlagen  2c.  —  wurde  die  ihm  angeborene  Körperkraft
zur  herculischen  Stärke  ausgebildet,  die  sich  in  beinahe  unglaublichen
  Proben  kühn  versuchen  durfte.  Ob  hierzu,  neben
  der  Milch  seiner  wahrscheinlich  wendischen  Amme,  wirklich
  die  Milch  einer  trächtigen  Löwin,  welche  sein  Vater,
um  ihn  zu  kräftigen,  ihm,  als  Säugling  schon,  Theelöffelweise
  soll  haben  beibringen  lassen  P),  etwas  beigetragen,
bleibe  dahingestellt.  Mehr  mochten  wohl  die  eisernen  Kugeln
  thun,  welche  sein  Exercitienmeister  ihn  erst  halten,  dann

*)  Die  Churfürstin,  Friedrich  August's  Mutter,  soll  gewaltig  erschrocken
  seyn,  als  sie  hinter  diese  Säugungsart  kam,  und  es
ihrem  Vater,  dem  Könige  Friedrich  III.  von  Dänemark,  geklagt.
haben:  „wie  man  ihr  theures  Kind  mit  wilder  Thiere  Milch  habe
füttern  und  dadurch  sich  an  Gott  und  an  ihrem  königlichchurfürstlichen
  Stamme  verfündigen  wollen.“  Ob  nun  Lö-—
wenmilch  gerade  einem  „königlich  -churfürstlichen"“  Magen  gefährlicher
  sey,  als  einem  bürgerlichen,  und  worin  die  Versündigung
bestanden,  da  der  königlich  -churfürstliche  Stamm  doch  gewiß  den
Genuß  anderer  wilden  Thiere  —  z.  B.  eines  Eberkopfes  —
nicht  verschmäht  haben  dürfte,  sey  dahin  gestellt.  —  —
        <pb n="382" />
        342  Friedrich  August  I.

werfen,  zuletzt  schwingen  ließ  und  wodurch  sich  seine  Muskelstärke
  recht  allmälig  entwickeln  lernte.  Seine  geistigen
Fahigkeiten  strebten  seinen  körperlichen  die  Wage  zu  halten,
obschon  sie  ssch  mehr  auf  Witz,  Lebhaftigkeit  und  Kunstgeschmack,
  als  auf  Tiefe  und  Reife  des  Verstandes  richteten.
Eitelkeit,  Prachtliebe  und  Abentheuersucht,  vor  Allem  aber
ein  unbändiger  Hang  zur  Wollust  (die  höhere  Liebe  diente
ihm  nur  als  Maske),  welchem  seine  gewaltige  Natur  vollkommene
  Freiheit  gestatten  durfte,  verkehrten  seine  adussern
und  innern  Vorzüge  gar  bald  in  bloße  Mittel  zu  Erreichung
seiner  uylautern  Zwecke  und  zu  Befriedigung  seiner  zägellosen
  Begierden,  die  ihn,  obgleich  er  sie  mit  Gold  und  Prunk
umkleidete,  allmilig  ganz  in  den  Staub  niederzogen.

Durch  vielfache  Reisen,  welche  er  noch  als  Prinz  nach
Frankreich,  Holland,  England,  Spanien,  Portugal,  Italien
  und  Ungarn  unternahm,  hatte  er  frühzcitig  seine  Weltkenntniß
  und  seinen  Geschmack  ausgebildet,  aber  auch  von
der  üppigen  Weichlichkeit  des  franzdsischen  Hofes,  den  der
seitdem  in  Pracht  und  Manieren  von  ihm  nachgeäffte,  aber
im  Geiste  unerreichte  Ludwig  XIV.  unterhielt,  angenommen.
  Die  spanische  Romantik,  welche  er  ebenfalls  in  einzelnen
  Flittern  von  seinen  Reisen  zurückbrachte,  konnte  bei
dem  niedrig-sinnlichen  Friedrich  August  I.  nur  zum  Berrbilde
  werden  und  mußte  jenen  keuschen  Reiz  verlieren,  der
das  spanische  Ritterthum  auszeichnet.  So  für  den  Süden
zu  grob-wollöstig,  für  den  Norden,  ohngeachtet  aller  ehysischen
  Kraft,  zu  erschlafft  und  weichlich,  wurde  er  zu  einer
verzerrten  Copie  fremder  Sitten,  und  sein  ganzes  historisches
Bild  wird  einem  gesunden  Auge  unendlich  widrig.  Doch
gehen  wir,  nach  dieser  vorläufigen  Charakterskizze,  nunmehr
zu  seinem  Leben  über.  —

Sein  ungeduldiger  Sinn  —  er  und  seine  Zeitgenossen
hielten  es  für  kriegerische  Neigung  —  wünschte  Veränderung,
und  da  diese  nirgend  reichhaltiger,  als  im  Kriege  zu  finden
war,  so  stimmte  er  für  Krieg.  Er  hatte  schon  früher  in
Wien  mit  dem  Ungarnkönig  und  späteren  Kaiser  Joseph  I.
Freundschaft  geschlossen,  und  dies  mochte  ihn  näher  zu  Oester-
        <pb n="383" />
        Friedrich  August  I.  343

reich  hinziehen.  Er  erneuerte  daher  am  23.  Mai  1694  den
schon  von  seinem  Vorgänger  mit  dem  Kaiser  abgeschlossenen
Subsidienvertrag,  wobei  er  sich  zugleich  in  einem  besondern
Artikel  anheischig  machte,  zur  Readmission  der  Krone  Böhmen
  zum  Besitz  aller  Churgerechtsamen  bestens  behilflich  zu
seyn.  Dem  anfänglichen  Plane  des  Kaisers,  den  Oberbefehl
  über  die  Armee  am  Rheine  gegen  die  Franzosen,  dem
Prinzen  Ludwig  von  Baden  zu  übertragen,  zeigte  sich  der
Churfürst  abgeneigt;  vielmehr  trug  derselbe  darauf  an,  daß
die  oberste  Anführung  der  Reichsarmee  von  50,000  Mann
ihm,  jedoch  unter  Abhängigkeit  vom  Könige  Wilhelm  von
England,  anvertraut  werden  sollte,  wobei  er  noch  aufserdem
den  Feldmarschall  Schoͤning,  der,  zufolge  des  vorigen  Tractates,
  ausser  Thätigkeit  hatte  gesetzt  werden  müssen,  wieder
in  den  Dienst  einrücken  zu  lassen  beabsichtigte.  Der  letztere
Punct  war  dem  kaiserlichen  Hofe  nicht  annehmlich,  und
nach  einigen  Debatten,  schloß  man  am  17.  April  1695  ei-  1695
nen  andern  Tractat,  wodurch  dem  Churfürsten  das  oberste
Commando  über  die  Armee  gegen  die  Türken  zufiel.  Er
selbst  hatte  8000  Mann  Hilfstruppen  zu  diesem  Behufe  zu
stellen,  deren  Verpflegung  dem  Kaiser  obliegen  sollte,  wogegen
  der  Churfürst  auf  die  früher  verhandelten  Subsidiengelder
  Verzicht  leistete.  Von  aller  Beihülfe  zu  dem  Feldzuge
am  Rheine  blieb  er  nunmehr  verschont;  es  war  ihm  sogar
nachgelassen,  seine  8000  Mann  aus  Ungarn  zuräckzuziehen,
im  Falle  der  kaiserliche  Hof  dem  Tractat  zu  nahe  träte  oder
seinen  eigenen  Erblanden  Gefahr  drohete.  Bei  all  diesen
Auszeichnungen,  welche  man  dem  Churfürsten  angedeihen
ließ,  mußte  er  doch  in  Wien  —  wohin  er  sich  im  Juni
begeben  hatte  und  wo  man  ihn  mit  vielen  Ehrenbeteigungen
  empfing  —  in  Beziehung  auf  das  ihm  übertragene
Commando  über  die  kaiserliche  Armee  einen  Diensteid  ablegen,
  der  sich  nicht  ganz  wohl  mit  seinem  Stolze  vertrug
und  wobei  ihn  nur  der  Umstand  trösten  konnte,  daß  der
Churfürst  von  Baiern  seiner  Zeit  sich  derselben  Unannehmlichkeit
  hatte  unterziehen  müssen.  Das  vorsichtige  und  bedachtsame
  System  Oesterreichs  gab  es  einmal  nicht  anders  zu.
        <pb n="384" />
        344  Friedrich  Angust  J.

Der  Anfang  seiner  Feldherrn-Laufbahn  ward  nicht  eben
vom  Gläcke  beguͤnstigt;  sie  war  ihm  zum  Theil  schon  dadurch
  verleidet,  daß  er  unter  seinen  Feldherren  auch  den  ungefälligen
  Caprara  dulden  mußte.  Sultan  Mustapha  II.
der,  theils  des  bessern  Scheines  wegen,  theils  um  seine  Horden
  noch  stürmischer  zu  begeistern,  dem  Kriege  das  Ansehen
cines  Glaubenskampfes  gab,  drang  ungestum  vor,  ging  (im
Septbr.)  über  die  Donau  nach  Temeswar  und  vernichtete
bei  Lugos  ein  deutsches  Corps  unter  Veterani.  Man  zog
sich  nunmehr  von  beiden  Seiten  in  die  Winterquartiere  und
der  Churfürst  sagte  dem  Kaiser  neue  4000  Mann  Hilfstrup-1696

  pen  zu.  Im  August  des  folgenden  Jahres  legte  sich  der
Churfürst  vor  das  von  den  Türken  besetzte  Temeswar,  und
als,  wic  er  wahrscheinlich  gewollt,  der  Sultan  mit  der
Hauptarmee  zum  Entsaß  herbeikam,  zog  er  ihm  entgegen
und  lieferte  ihm  am  27.  August  die  blutige  Schlocht  bei
Olasch,  in  welcher,  nach  beiderseitigem  schweren  Verluste,
die  Türken  das  Schlachtseld  behaupteten.  Dieser  mißliche
Erfolg,  welchem  sich  noch  mancherlei  Verdrießlichkeiten  beigesellten,
  die  dem  Churfürsten  der  Wiener  Hof  und  seine
Feldherrn  brüteten,  bestimmte  Ersteren,  das  Obercommando
abzugeben,  dem  seine  Erfahrung  und  Kriegskenntniß  auch
schwerlich  gewachsen  war,  obgleich  er  die  Schuld  des  Verlustes
  von  Olasch  dem  untapfern  Verhalten  einiger  Regimenter
  beimessen  wollte.  Ihn  beschäfrigten  bereits  seine  Plane
auf  die,  durch  den  Tod  des  heldenmäthigen  Polenkönigs,  Johann
  Sobiesky  (1696)  erledigte  polnische  Krone,  durch  welche
er  freilich  nur  zu  glänzen,  sonst  aber  weder  sich,  noch  seine
Unterthanen  zu  wärmen  hoffen  durste.  Sein  Abgang  vom
Obercommando  ward  gar  nicht  schmerzlich  vermißt;  er  hatte
sich  nur  durch  rohe  Muskelkraft  ?),  nie  aber  durch  mehr  als
allgewohnliches  Feldherrntalent  hervorgethan.  Seine  von
ihm  bei  der  Armee  in  Ungarn  zurückgelassenen  Hilfstruppen
nahmen  im  folgenden  Jahre  Theil  an  dem  großen  Siege,

—.--  —

*)  Die  Türken  nannten  ihn,  hinsichtlich  seiner  gewaltigen  Körperkraft:
  Demir  helhe  —  die  Eisenhand.
        <pb n="385" />
        Friedrich  August  J.  345

welchen  (am  11.  Septbr.)  der  berühmte  Eugen  von  Savoyen
  bei  Zentha  uͤber  die  Türken  errang,  der  den  fliehenden
  Sultan  in  so  wilde  Verzweiflung  brachte,  daß  er  sich  die

Haare  zerraufte.  Mit  diesem  Siege  war  die  Kriegsmacht

der  Türken  vor  der  Hand  gebrochen,  und  der  siegreiche  Eugen
  konnte  bald  darauf  den  vortheilhaften  Frieden  von  Carlowitz
  schließen,  durch  welchen  Oesterreich  in  den  Besicz  von
Siebenbürgen  und  Slavonien  kam  und  seinem  Bundeösgenossen
  in  Venedig  zu  der  Erlangung  von  Moreca  verhalf.

Friedrich  August's  Ehrgeiz  und  Prunkliebe  ließ  ihm  den
Besitz  der  polnischen  Krone  in  einem  unendlich  verlockenden
Lichte  erscheinen,  und  wie  wenig  es  ihm  auch  an  vernünftigen
  Vorstellungen  gefehlt  haben  mag,  die  ihm  den  hohlen
Kern  dieses  flimmernden  Erwerbes  hinlänglich  hätten  begreiflich
  machen  können,  so  war  er  doch  entschlossen,  selbst
das  Hochste  und  Heiligste  an  dieses  trügende  Kleinod  zu
setzen.  Man  hätte  glauben  sollen,  daß  schon  die  Beschränkungen,
  welcher  in  Polen  durch  die  Feudalaristokratie  des
Adels  und  durch  die  zu  beschwörenden  Verträge,  die  königliche
  Gewalt  sich  sügen  mußte,  den  zu  eigensinniger  Willkühr
  geneigten  Charakter  des  Churfürsten  wenig  ansprechen
koͤnnten,  wenn  er  auch  sich  über  die  kärglichen  Ausbeuten
der  polnischen  Krone  hinweggesetzt  hätte.  Aber  da  er  in  dem
polnischen  Königsmantel  nur  einen  Gallarock  erblickte,  in
welchen  sich  seine  äußere  Eitelkeit  um  jeden  Preis  zu  kleiden
wünschte,  so  ließ  er  sich  durch  die  innere  Verwilderung  des
polnischen  Staatswesens  nicht  abschrecken  und  leistete,  bei
dem  bekannten  widerspenstigen  Stolze  des  dortigen  Adels,
gern  Verzicht  auf  die  wirkende  königliche  Gewalt,  wenn
ihm  nur  die  königliche  Würde  nicht  entging.  Und  um  dieses
  glänzende  Phantom  zu  erhaschen,  erlaubte  er  sich,  auf
Kosten  seiner  Erblande,  die  ungeheuersten  Opfer.  Sein  nach
Polen  gesendeter  Vertraute,  der  Oberst  Jacob  Heinrich
von  Flemming  —  ein  Mann  von  hbchst  zweideutigem  Charakter,
  in  welchem  sich  Anmaßung,  Dreistigkeit,  Ausschweifungssucht
  und  großes  Talent  auf  die  seltsamste  Weise  be-1697
        <pb n="386" />
        346  Friedrich  August  J.

gegneten  —  setzte  ungeheure  Summen  in  Bewegung,  um
seinem  Herrn  die  Stimmenmehrzahl  gegen  den,  ebenfalls
hitzig  um  den  polnischen  Thron  sich  bewerbenden  Prinzen
von  Conti  zu  erkaufen,  welcher  Letztere  durch  seinen  Gesandten,
  Polignac,  ebenfalls  Stimmen  einhandelte,  freilich
aber  im  Zahlen  nicht  so  lange  Athem  halten  konnte,  als
der  verschwenderische  Churfuͤrst  von  Sachsen.  Conti,  der
Vetter  Ludwig's  XIV.,  ward  durch  franzoͤsischen  Einfluß,
Friedrich  August  durch  den  Wiener  Hof  unterstuͤtzt,  den
schon  seine  politische  Eifersucht  gegen  Frankreich  bewegen
mußte,  den  Nebenbuhler  des  Conti  zu  vertreten.  Ein  dritter
  Bewerber,  Jacob  Sobiesky,  Sohn  des  verstorbenen  Königs,
  den  Oesterreich  anfangs  begünstigen  wollte,  konnte
gegen  so  reiche  Concurrenten  freilsch  nicht  auffommen.  Die
Aussicht  blieb  für  Friedrich  August  lange  zweifelhaft,  denn
Conti  wurde  von  dem  Reichsprimas,  Radzijowskynunterstätzt.
  Auch  schien  ihm  seine  Religion  ein  Hinderniß  bei
dieser  Königswahl.  Mit  dieser  Schwierigkeit  war  der,  schon
seit  längerer  Zeit  von  Jesuiten  und  Wiener  Emissairen  bebearbeitete
  Friedrich  August  am  schnellsten  abgefunden;  ehe
man  es  sich  versah,  reis'te  er  nach  Oesterreich  und  trat  am
1697  2.  Jun.  1697  zur  katholischen  Religion  über,  welchen  Uebertritt
  der  päbstliche  Legat  und  der  österreichische  Gesandte  sofort
  dem  polnischen  Reichstage  verbürgten.  Dennoch  war
selbst  am  Wahltage  (17.  Juni)  der  Ausgang  noch  ungewiß.
  Der  Prinz  Conti  wurde  vom  Primas  als  König  ausgerufen,
  aber  durch  des  Ersteren  Zögern  (er  hoffte  eine  Stimmeneinigung
  zu  erhalten)  hatte  sich  die  sächsische  Partei  verstärkt,
  und  während  der  Primas  mit  seiner  Partei  in  die
Kirche  gezogen  war,  rufte  der  Bischof  von  Cujavien  den
Churfürsten  von  Sachsen,  als  August  II.  zum  Könige  von
Polen  aus.  Dieser  verfügte  sich,  auf  die  Nachricht  seiner
Wahl,  sogleich  mit  8000  Mann  nach  Tarnowitz  an  die  polnische
  Grenze;  mit  einer  solchen  Bedeckung  hoffte  er  nöthigenfalls
  dem  Conti  die  Spitze  zu  bieten.  Der  Woywode
von  Wolhynien  kam  ihm  mit  mehr  als  tausend  Polen  ent-
        <pb n="387" />
        Friedrich  August  J.  347

gegen,  und  Friedrich  August  empfing  sie  mit  ausserordentlicher
  Pracht.  Sein  Anzug  allein  soll  uͤber  eine  Million  Thaler
  werth  gewesen  seyn!  Nachdem  er  sich  uͤber  den  Stand
der  Dinge  und  Meinungen  in  Polen  hinlaͤnglich  belehrt  hatte,
  hielt  er  seinen  Einzug  in  Cracau  und  wurde  —  die
Pacta  conventa  hatte  früher  schon  Flemming  in  seinem  Namen
  beschworen  —  durch  den  Bischof  von  Cujavien  gekroͤnt.
Hätte  der  Prinz  von  Conti  —  der  mittlerweile  auf  französischen
  Schiffen  auf  der  Danziger  Rhede  eben  noch  zu  rechter
  Zeit  ankam,  um  das  Teckeum  für  König  August  schie-Hhen
  zu  hdren  —  mehr  Muth,  mehr  Kraft  und  Einsicht  und
vor  allem  mehr  Geld  gehabt,  so  hätte  er  seinem  Nebenbuhler
  das  Spiel  noch  immer  sehr  erschweren  koönnen.  Aber  er
hatte  sich  zu  sehr  auf  seinen  Anhang,  und  sein  Anhang  zu
sehr  auf  ihn  verlassen.  Als  die  Truppen  des  neuen  Königs
bis  Marienburg  vorrückten,  kehrte  Conti  nach  Frankreich  zurück
  und  war  froh,  nicht  noch  in  feindliche  Hände  zu  sallen.
Im  Januar  des  folgenden  Jahres  hiclt  August  seinen  Einzug
  in  Warschau.  Allmlig  wußte  er  durch  Geschenke  und
Schmeicheleien  die  frühere  Gegenpartei  für  sich  zu  gewinnen.
Dennoch  sollte,  wie  sich  bald  zeigte,  der  polnische  Thron
ihm  nichts  weniger  als  ein  weicher  Sißz  seyn.

Der  Uebertritt  des  Churfürsten  zur  katholischen  Kirche
erregte  in  seinem  Erblande  Sachsen  die  tiefste  Betrübniß.
Der  Herrscher  dessenigen  Landes,  welches  die  Reformation
geboren  und  gepflegt  und  dessen  Fürsten  und  Bürger  sie  mit
ihrem  Gut  und  Leben  verkämpft  hatten,  verldugnete  das,  wofuͤr
sein  Volk  gelitten  und  geblutet  hatte.  Und  dies  Alles,  um

eine  Krone  zu  erhaschen,  deren  Besitz  eine  Kette  von  Verlusten

  und  immer  sich  erneuenden  Opfern  bildete.  Nachdem
er  also,  wie  er  sich  erklärte,  „nicht  etwa  aus  Consideration
einiger  Wurden  und  Nußens,  sondern  allein  Gott  vor  Augen
  haltend,  den  rdmisch  -apostolisch  -kgtholischen  Glauben
auf=  und  angenommen  “  suchte  er,  noch  von  Lobskowa  aus,
die  Besorgnisse  seiner  sächsischen  Unterthanen  durch  die  Erklärung
  niederzuschlagen:“  daß  er  sie  bei  dero  augsburgischen

1698
        <pb n="388" />
        348  Friedrich  August  J.

Confession,  hergebrachten  Gewissensfreiheit,  Kirchen,  Gottesdienst,
  Ceremonien,  Universitaͤten,  Schulen  und  fort  allem
andern,  wie  dieselben  anjetzo  besitzen,  allergnaͤdigst  (1)  kraftigst
  erhalten  und  handhaben,  so  auch  denn  Niemanden
zu  der  itzt  angenommenen  katholischen  Religion  zwingen,
sondern  jedwedem  sein  Gewissen  frei  lassen  werde.“  Dieser
Kundmachung  folgte  kurz  darauf  (am  29.  Sept.)  ein  Decret,
  welches  die  ganze  politische  und  kirchliche  Verfassung
des  Landes,  wie  dieselbe  durch  die  bisherigen  Landtagsverhandlungen,
  Abschsede  und  Reversalien  begründet  sey,  auf's
neue  bestätigte.  Auf  dem  großen  Landtage  im  September

1600  1699  —  dem  ersten,  welchen  August  nach  seinem  Uebertritte
  hielt  —  wiederholte  er  sowohl  diese  Versicherungen,
als  auch  das  bei  seinem  Regierungsantritte  geleisiete  Versprechen,
  wegen  Erhaltung  der  bisherigen  Religionsverfassung,
  welche  sich  auf  den  Westphälischen  Frieden  gründete.
Zugleich  erklärte  er,  „daß  er  dem  Director  des  evangelischen
geheimen  Rathes  und  den  geheimen  Räthen  die  Religions-=sachen
  übergeben  und  aufgetragen  habe.“  Hierbei  war  jedoch
  die  Einrichtung  getroffen,  daß  der  Herzog  Friedrich  II.
von  Gotha  das  Directorium  in  allen  kirchlichen  und  Religionssachen“
  ausser  und  in  dem  Churfärstenthum  Sachsen,
auf  dieselbige  Weise,  wie  der  Churfürst  selbst,  commissionsweise,
  so  lange  der  jetzige  König  lebte,  mit  Zuzichung  des
geheimen  Rathes  und  mit  Beobachtung  der  biöherigen  Verfassung,“
  fähren  sollte.  Nur  die  Besetzung  der  Consistorien
und  Professuren,  desgleichen  anderer  Kirchenämter,  so  weit
sie  bisher  von  ihm  abhängig  waren,  behielt  sich  der  König
vor.  Herzog  Friedrich  von  Gotha  gab  schon  im  Jahre  1700
das  ihm  gewordene  Directorium  in  den  Kirchensachen,  an
Konig  August  zurück,  welcher  sie  hierauf,  unter  gleichen  Verhältnissen,
  dem  Herzoge  Tohann  Georg  von  Sachsen-Weißenfels
  übertrug.

Der  Erwerb  Polens  hatte  so  gewaltige  Opfer  gekostet,
daß  sich  König  August  nach  ausserordentlichen  Einnahmen
umsehen  mußte,  wenn  ihm  nicht  wesentliche  Lücken  in  seiner
  Casse  entstehen  sollten.  Er,  der  in  seinem  despotischen
        <pb n="389" />
        Friedrich  August  I.  349

Leichtsinne,  kleinere  Ländereien,  die  nicht  gerade  einen  besondern
  Titel  darboten,  unter  die  beweglichen  Güter  warf,
fand  in  solchen  Verlegenheiten  schon  Rath.  Freilich  konnte
er  die  künstlichen  Zuflüsse,  welche  er  sich  erzeugte,  nicht  auf  1697
die  wohlfeilste  Weise  herstellen.  Aber  solche  Skrupel  konnten
  einen  August  nicht  abhalten  und  frohsinnig  verschlang  er
in  einem  vergnügten  Augenblicke  Kleinode,  an  welchen  noch
eine  späte  Generation  zu  zahlen  hatte.  Er  verkaufte,  wie
schon  weiter  oben  gedacht,  seine  Ansprüche  auf  Sachsen-Lauenburg
  —  mit  Ausnahme  von  Titel  und  Wappen  um
1,100,000  Gulden  an  Braunschweig,  und  für  die  Summe
von  300,000  Thaler  trat  er  Brandenburg  die  Erbvoigtei
über  Quedlinburg,  ingleichen  die  drei  Aemter  Lauenburg,
Sevenberg,  Gerddorf,  ab,  auf  welche  Brandenburg  ohnedies
schon  seit  längerer  Zeit  Ansprüche  erhoben  hatte.  Auch  den
Petersberg  bei  Halle,  noch  ein  Ueberbleibsel  der  alten  Stammgrafschaft
  des  Hauses  Wettin,  gab  er  an  Brandenburg  hin.
Das  Amt  Borna  überließ  er  für  500,000  Gulden  wiederkäuflich
  an  Gotha;  das  Amt  Gräfenhainichen  für  35,000
Thaler  an  Dessau;  das  Amt  Pforta  für  100,000  Gulden
an  Weimar;  den  sächsischen  Antheil  an  Mansfeld  für
600,000  Thaler  an  Hannover.  Aus  gleicher  Industrie  schloß
das  sächsische  Churhaus  einen  seltsamen  Vertrag  mit  den
Fürsten  von  Schwarzburg,  wonach  Ersteres  auf  die  meisten
Oberhoheitsrechte  über  die  Länder  des  Hauses  Schwarzburg
Verzicht  leistete.  Doch  kam  der  Hauptreceß  zwischen  Chursachsen
  und  Schwarzburg  in  diesen  merkwürdigen  Verhandlungen,
  erst  am  8.  October  1719  zu  Stande.  —  Freilich
hieß  diese  Art,  Geld  auf=  und  anzubringen,  mit  dem  Siebe
des  Danaidenfasses  umgehen.  Es  crinnerte  dieses  Verfahren
  an  frühere  und  dunklere  Zeiten,  wo  Fürsten  ihre  Landereien
  wie  kleine  Münze  im  Beutel  umhertrugen  und  sie
für  ein  zufälliges  Herzensgelusten  leichtfertig  hinwarfen.

——
—  —

Außer  den  schon  geschilderten  Nachtheilen,  hatte  der  Er—
werb  der  polnischen  Krone  auch  noch  den,  daß  er  haͤufig
        <pb n="390" />
        350  Friedrich  August  I.

und  dauernd  die  Abwesenhrit  des  Churfürsten  nöthig  machte.
1691  Wöährend  derselben  sendete  er  den  Fürsten  Ego  von  Fürstenberg,
  als  Statthalter,  nach  Dresden,  wo  derselbe  den  Vorsitz
  im  geheimen  Concilium  erhielt.  Zugleich  ward  ihm  vom
Churfürsten  der  Auftrag  und  die  Gewalt  ertheilt,  mit  Beirath
  des  Geheimen  Rathes,  Freiherrn  von  Hoymb,  des
Grafen  von  Ldwenhaupt  und  des  Heren  von  Einsiedel:  „eingerissene
  Mißbräuche  zu  untersuchen  und  abzustellen,  bei  allen
  einlaufenden  Sachen,  insonderheit  bei  dem  Steuer-Münz=
  und  Postwesen,  bei  der  Administration  der  Stadträthe,
  ja  selbst  bei  dem  churfürstlichen  Staabe  bessere  Einrichtungen
  zu  treffen,  alle  Briefschaften  sowohl  von  der  Steuer,
als  von  andern  Behbrden  abzufordern,  Räthe  und  Bediente
  abzudanken,  oder  nach  Anzeigung  begangener  Verbrechen
  zu  verhaften,  die  an  den  Kdnig  selbst  gerichteten  Appellationen
  anzunehmen  oder  zu  verwerfen  2c.“  Die  Macht
des  Fürstenberg  und  seiner  Beiräthe  erstreckte  sich  sonach  auf
Alles,  was  zum  weltlichen  Regiment  gehörte.  Bald  darauf
ward  ihr  Einfluß  noch  vermehrt,  indem  ihnen  die  Untersuchung
  und  Bestrafung  von  Bestechungen  ubertragen  wurde,
und  spaͤter  dadurch,  daß  ihnen  auch  noch  die  Revision  der
Landescollegien  zufiel,  gegen  welche  der  König,  von  geheimen
  Einflästerungen  geleitet,  manchen  Verdacht  gefaßt  hatte.
Ja  die  Commissarien  hatten  sogar  in  Justizsachen  ein  Coneilium
  lormatum  niederzusetzen,  weil  der  Churfürst  selbst
gegen  die  höchsten  Gerichtshöfe  des  Landes  mißtrauisch  gemacht
  worden  war.  Auf  solche  Weise  nahm  diese  Commission
  eine  collegialische  Verfassung  an  und  erhielt  den  Namen
eines  Revisionsrathes,  dessen  unbegränzte  Wirksamkeit  durch
1608  ein  Patent  vom  21.  Juli  1698  bekannt  wurde,  in  welchem
es  unter  andern  anbefohlen  ward:  daß  keine  andere  Behoͤrde
diesem  Revisionscollegium  entgegenhandeln  oder  dasselbe  in
irgend  etwas  hindern,  jedermann  auf  sein  Verlangen  vor
ihm  erscheinen,  sich  demselben  in  keiner  Hinsscht  widersetzen,
noch  mit  unnbthigen  Appellationen  an  die  Person  des  Koͤ—
nigs  selbst  dasselbe  behelligen  solle,  da  er  dergleichen,  nach
der  jenem  Collegium  anbefolenen  kurzen  Verfahrungsweise
        <pb n="391" />
        Friedrich  August  J.  351

gänzlich  verwerfen  werde,  wenn  anders  nicht  wirkliche  Beschwerden
  vorhanden  und  von  dem  Collegium  selbst  nach
eingewendeter  Appellation  keine  Gerechtigkeit  zu  erlangen  gewesen
  sey.  —  Gegen  diese  merkwürdige  Neuerung  suchten
sich  die  Landstände  nach  ihren  Kräften  zu  verwahren,  indem
sie  (im  October  1699)  vorstellten,  daß  die  Generalrevision  1699
eine  groͤssere  Gewalt  erhalten  hätte,  als  je  in  diesen  Landen
erhdrt  gewesen  und  mit  der  Verfassung  (welche  der  Churfürst
  doch  aufrecht  zu  erhalten  versprochen)  vereinbar,  die
Appcllation  an  den  König  selbst  nunmehr  fast  gänzlich  abgeschnitten
  sey.  Sie  beschwerten  sich  mit  Nachdruck  gegen
die  bisherige  Willkühr  des  Reoisionsrathes,  welcher  —  auf
die  bloße  Anzeige  incompetenter,  oft  boshafter  Menschen  —
nicht  nur  über  einzelne  Personen,  sondern  auch  über  ganze
Corpora  sogleich  Revisionen,  Suspensionen,  Inquisitionen
und  Incarcerationen  verhängt  und  die  Ausführung  Leuten
anvertraut  habe,  welche  nicht  einmal  Kenntniß  der  Verfassung
  und  des  Landes  besäßen;  weder  bestehende  Gesetze
noch  Privilegien,  die  selbst  der  Landesherr  heilige,  unangetastet
  lasse,  und  durch  die  unzweckmäßigen  und  nachtheiligen
  Eingrisfe  in  das  Steuerwesen  selbst  dem  Credit  des
Landes  schade.  Auf  den  Grund  dieser  Beschwerden  trugen
die  Stände  auf  schnellmöglichste  Aufhebung  der  Generalrevision,
  wie  auch  auf  Untersuchung  ihres  bisherigen  Verfahrens
  an,  baten,  künftighin  die  Regierung  des  Landes  durch
die  bisherigen  ordentlichen  Behoͤrden  führen  zu  lassen,  wo
aber  Verbesserung  nöthig,  solche  mit  Zuziehung  der  Landschaft
  zu  bewerkstelligen,  und  protestirten  zugleich  gegen  ein
beabsichtigtes  Unterrevisions-Collegium,  welches  man  unter
dem  Namen  eines  Assistenzrathes  zu  errichten  auf  dem  Wege
war.  Der  Revistonsrath,  welchem  diese  Vorstellung  der
Landschaft  mitgetheilt  wurde,  suchte  sich  zwar  darauf  zu
verantworten  und  die  gegen  ihn  vorgebrachte  Anklage  für
Lüge  und  Verleumdung  zu  erklären;  aber  die  Stände  beantworteten
  diese  Gegenvorstellung  so  nachdrücklich  und  bekräftigten
  ihre  ersten  Beschwerden  so  sehr  durch  neue,  daß
der  König  dadurch  bewogen  wurde,  durch  den  Landtagsab-
        <pb n="392" />
        352  Friedrich  August  J.

1700  schied  vom  17.  März.  1700  die  Generalrevision  aufzuheben.
Auch  versprach  er,  für  die  Zukunft  einc  richtige  Regimentsform
  einrichten  zu  lassen,  und  bestätigte  auf's  neue  den
Landständen  von  Ritterschaft  und  Städten  alle  ihre  Rechte
und  Freiheiten,  so  wie  den  Stadträthen  ihre  Ordnungen
und  Verfassungen.  Mit  Bewilligung  des  Koͤnigs  wurde
eine  beständige  Landesdeputation  niedergesetzt,  welche,  bei
des  Crstern  Abwesenheit,  nach  erhaltener  Instruction  die  Anliegen
  des  Landes  durch  geziemende  Vorstellungen  besorgen
sollte.  Im  Jahr  1709  wurde  diese  Landeödeputation  jedoch
durch  den  geheimen  Nath  dadurch  wieder  aufgelöset,  daß  er
den  Deputirten  keine  Auslösung  mehr  aus  dem  Steucrcollegium
  reichen  ließ.  Die  Landstände  suchten  zwar  auf  dem
Landtage  von  1711  die  Wiederherstellung  der  Deputation
zu  bewirken,  alloin  sie  erhielten  ausweichende  Antworten  und
die  Sache  erhielt,  troh  wiederholter  ständischer  Anregung,
keine  bestimmende  Resolution.  —

Mit  der  Aufhebung  des  Revisionsrathes  zugleich,  kam
auch  die  1698  zu  Leipzig,  unter  Aufsicht  des  Landesherrn  errichtete
  Banco  di  depositi  in  Anregung,  welche  Darlehne  zu  6  p.
Ct.  aufnahm,  die  jedoch  erst  nach  gewissen  Fristen  wieder
gekündigt  werden  durften.  Zu  ihrer  Sicherheit  wurden  ihr
von  Geleite,  Accise,  Hütten,  Farbenwerken,  Zehnten  und
andern  Nutzungen  und  den  sämmtlichen  Flössen,  im  Capitalwerth
  2,000,000  Thaler  angewiesen.  Doch  brachten  es
die  Stände  dahin,  daß  in  dem  Landtagsabschiede  vom  17.
März  1700  versprochen  wurde,  es  sollten  keine  gerichtlichen
Depositengelder,  Lehnstämme,  Gelder  von  unmündigen  Kindern,
  Wittwen,  Kirchen  und  frommen  Stiftungen,  noch
sonst  etwas  wider  der  Interessenten  Willen  zur  Bank  gezogen
  werden.  Ueberhaupt  muß  man  den  damaligen  Ständen
  den  Ruhm  der  Thätigkelt,  Besonnenheit,  Ausdauer  und
Freimäthigkeit  lassen;  gegen  den  unglückseligen  Religionswechsel
  der  Person  des  Churfürsten,  obschon  derselbe  unabsehbare
  üble  Folgen  für  die  Zukunft  nach  sich  zog,  konnten  sie
freilich  keine  wirksamen  Schritte  thun.  Um  sich  für  die  Aufhebung
  des  Revisionsrathes  dem  Könige  dankbar  zu  zeigen,
        <pb n="393" />
        Friedrich  August  I.  353

verwilligten  sie  ihm  eine  Million  Gulden,  die  innerhalb  der
nächsten  zwanzig  Jahre  mit  jährlich  50,000  Gulden  abgeführt
  und  bis  zur  volligen  Tilgung  mit  6  p.  Ct.  aus  der
Steuer  verzinnset  werden  sollte.  Diese  neue  Verpflichtung
wurde  durch  einen  Impost  auf  Papier  und  mehrere  andere
Gegenstände  )  vor  der  Hand  gedeckt.  Schon  damals  ward
auch  ein  Versuch  gemacht,  die  Generalaccise  einzuführen,
weil  dadurch  nicht  nur  alle  Unterthanen,  sondern  auch  Fremde,
  für  den  ihnen  gereichten  Schutz,  das  Ihrige  beizusteuern
hätten.  Die  Stände  konnten  durch  die  Einwendung,  daß
in  Sachsen  schon  die  meisten  anderen  Gegenstände  mit  hohen
  Abgaben  belegt  wärcn,  die  Einführung  der  Generalaccise
  nur  verschieben,  mit  welcher  schon  im  folgenden  Jahre
in  der  Grafschaft  Mansfeld  der  erste  Versuch  gemacht  wurde,
  worauf  die  Stadt  Zwickau,  und  unmittelbar  nach  ihr
auch  die  Städte  Torgan,  Oschatz,  Meißen,  Wurzen,  Eilenburg,
  Großenhayn  u.  a.  m.  selbst  um  Einführung  derselben,
  zu  Uebertragung  der  drückenden  Grund=  und  Nahrungssteuern
  baten.  Demgemäß  wurde  im  Jahr  1702  vom
König  eine  Generalacci  -Inspection  errichtet,  und  diese  bald
darauf  in  ein  formliches  Collegium  verwandelt,  dessen  Leitung
  der  durch  Sachkenntniß  hierzu  berufene  Freiherr  von
Hoym  erhielt.  Der  Churfürst  fand  an  diesem  neuen  Abgabensysteme
  so  großes  Wohlgefallen,  daß  schon  auf  dem  Ausschußtage
  von  1704  den  Ständen  der  Entschluß  bekannt  gemacht
  wurde,  die  Consumtionsaccise  in  allen  Städten  des
Landes  einzuführen.  Wie  sehr  auch  die  Stände  sich  dagegen
  auflehnten  —  indem  sie  unter  andern  diese  Abgabe  der
bisherigen  Landesverfassung  widersprechend,  erklärten,  auf
die  dadurch  begunstigte  Willkührlichkeit  und  die  Unterschleife
der  Acciöbedienten  aufmerksam  machten,  der  neuen  Abgabe
den  Vorwurf  der  Ungleichheit  und  Unverhältnißmássigkeit  gaben,
  indem  durch  sie  der  arme  Mann,  dor  eine  zahlreiche

*)  Darunter:  Schuhe,  Stiefeln,  Pantoffeln,  Rieme,  Tabak,  Tabakspfeifen,
  Spielkarten,  Perücken,  Spitzen  aus  Gold  und  Silber,
  Quasten,  ausländische  schwarze  und  weiße  Spitzen  u.  dgl.  m.

1702

1701
        <pb n="394" />
        354  Friebrich  August  J.

Famille  besitze,  mehr  beitragen  müsse,  als  der  reiche,  aber
kinderlose,  dadurch  die  Bürden  des  Landes  ausserordentlich
vermehrt  nannten  —  und  wie  muthig  sie  selbst  die  Ungnade
des  Chufürsten  wagten,  so  konnten  sie  doch  die  formliche
Einführung  dieser  Abgabe  nicht  hemmen.  Der  General-Consumtionsordnung
  (1707)  ging  eine  Dorfaccis-Ordnung
  (1705)  voran,  um  der  gedußerten  Besorgniß  zu  begegnen:
  „daß  Handel  und  Gewerbe  die  beschwerten  Städte
verlassen  und  sich  dagegen  auf's  flache  Land  ziehen,  hierdurch
aber  auf  der  einen  Seite  die  Stadtnahrung  zu  Grunde  gehen,
  auf  der  anderen  hingegen  der  Ackerbau  vernachlässigt
werden  mochte.“  Hatte  der  Churfürst  schon  mit  dieser  Abgabe
  dem  Willen  der  Stände  ganz  entgegen  gehandelt,  so
verleitete  ihn  das  dringende  Geldbedürfniß,  welches  die  Rüstungen
  zum  schwedischen  Kriege  (ebenfalls  eine  Folge  der
Erwerbung  Polens)  verursachten,  zu  noch  eigenwilligern
1W01  Schritten.  So  veranstaltete  er  1704  ohne  Bewilligung  der
Stände,  eine  Anlage  von  24  Quatembern,  bei  welcher  von
jedem  NRitterpferde  50  Fl.  verlangt  wurden.  Diesem  folgte
1705  bald  nachher  (1705)  eine  bisher  ganz  ungewöhnliche  Kopfund
  Vermögensteuer,  wobei  freilich  nur  das  bekannte  Vermögen
  in  Anschlag  kam.  Die  Staatsbeamten  mußten  den
zwolften  Theil  ihrer  Besoldung  hergeben  und  diejenigen,  welche
einen  Charakter  ohne  Amt  behaupteten,  eine  Rangsteuer  entrichten,
  und  nur  die,  welche  nicht  über  1200  Gulden  besa-Hen,
  blieben  von  dieser  Steuer  befreit.  Zugleich  mit  der
Consumtionssteuer,  bestand  auch  eine  andere  Einrichtung,  von
Seiten  der  Stände  mancherlei  Einwürfe.  Sie  betraf  eine
besondere  geheime  Cabinets-Expedition,  welche  unmittelbar
von  dem  Konige  abhängen  sollte.  Dieser  erließ  zugleich  den
Befehl:  „Alles,  was  daraus  ausgefertigt  würde,  auch  vormals
  bereits  unter  des  Secretari##  (Michael  Nehmitz)  Hand
und  Königl.  Majestät  Unterschrift  ausgefertigt  worden,  unweigerlich
  anzunehmen  und  zu  befolgen  —  dawider  zu  keiner
  Zeit,  weder  unter  dem  Vorwand  einer  ermangelnden
Formalität,  noch  der  Erschleichung  zu  handeln.“  Die  Stände
glaubten  hierin  eine  Fortsetzung  der  ihnen  so  verhaßten  ehe-
        <pb n="395" />
        Friedrich  August  I.  355

maligen  Revisionsbehörde  zu  erblicken  und  dadurch  sowohl
die  Verfassung  der  übrigen  Collegien  benachtheiligt,  als  auch
den  Zutritt  zu  der  Person  des  Konigs  erschwert.  Da  der
König  jedoch,  unter  dem  Anscheine  der  Empfindlichkeit  du-Herte,
  daß  diese  befürchteten  Nachtheile  weder  bisher  stattgehabt,
  noch  fernerhin  eintreten  würden,  und  die  Stände
dies  selbst  wahrnehmen  mochten,  so  erklärten  sie:  es  dem
Könige  zu  überlassen,  diese  hochwichtige  Sache  dergestalt
  einzurichten,  daß  die  Hauptverfassung  in  ihrem
Stand  erhalten  werde;  wobei  es  nunmehr  sein  Bewenden
hatte,  so  daß  der  König  sein  Kabinet,  als  seine  gcheime
Kanzelei,  beibehielt.

Verhängnißvoller,  als  alle  diese  innern  Veränderungen,
welche  der  Besitz  Polens  und  der  damit  verbundene  Geldaufwand
  verursachte,  war  der,  ebenfalls  durch  diesen  unglückseligen
  Erwerb  entzündete  Krieg  gegen  Schweden.  Obschon
  August  wahrscheinlich  nur  durch  ein  indirectes  Interesse
zur  Theilnahme  an  diesem  Kriege  verleitet  ward,  so  muß
man  doch  ihr  Hauptmotio  auf  diese  glänzende  Pandorabüchse,
  die  ihm  der  Erwerb  Polens  bot,  zurückieiten.  Mit  Eifersucht
  blickten  die  nordischen  Staaten  auf  die  Größe  Schwedens,
  welche  sich  im  Laufe  des  vorhergegangenen  Jahrhunderts
  auf  die  dußerste  Höhe  geschwungen  hatte.  Mit  Ungeduld
  warteten  sie  der  Gelegenheit,  diesem  Staate  einen
Theil  seiner  gewonnenen  Größe  wieder  zu  entreißen  und
glaubten  dieselbe  herbeigekommen,  als  im  Jahr  1697  der
erst  fünfzehnjährige  Carl  XII.,  dem  man,  freilich  nicht  mit
dem  besten  Grunde,  Unerfahrenheit  und  Geistesbeschranktheit
zutrauete,  den  schwedischen  Thron  bestieg.  Schon  am  24.
März  1698  schloß  der  Churfürst  von  Sachsen  mit  dem  Kd=  1698
nige  Christian  V.  von  Dänemark  eine  Defensiv-Allianz,
wobei  sich  Beide  zu  einer  gegenseitigen  Hilfe  von  8000  Mann
anheischig  machten.  Und  als  im  August  desselben  Jahres
der  Churfürst  mit  dem  russischen  Zaar  Peter  dem  Großen,
in  Rava  zusammenkam,  machte  ihm  dieser  den  ersten  Vorschlag
  zu  einem  Kriege  gegen  Schweden.  Damals  blieb  es
bei  bloßen  Besprechungen,  aber  im  nächsten  Jahre  schloß  16099

23  *
        <pb n="396" />
        356  Friedrich  August  J.

August  sowohl  mit  dem  nunmehrigen  Koͤnige  von  Daͤnemark,
Friedrich  IV.,  durch  Verhandlungen  zwischen  dem  Grafen
Reventlow  und  dem  General  Flemming  zu  Dresden,  als
auch  durch  den  Generalmajor  von  Carlowitz  und  den  Liefländer
  Patkul,  zu  Preobragenskoye  mit  dem  Zaar  ein  wirkliches
  Offensiv=  und  Defensiv  -Bündniß  gegen  Schweden  ab.
Dem  Könige  von  Polen  war  es  hauptsächlich  um  die  Wiedereroberung
  Lieflands  zu  thun,  durch  welche  er  sich  die  polnische
  Nation  um  so  mehr  zu  verpflichten  glaubte,  da  er  in
den  Pactis  conventis  das  Versprechen  geleistet  hatte,  die  der
Republik  Polen  entrissenen  Länder  wieder  an  sie  zu  bringen.
Obgleich  durch  den  polnischen  König  Johann  Kasimir,  in
dem  Frieden  von  Oliva,  Liefland  an  Schweden  abgetreten
worden,  so  fehlte  es  doch  jetzt  nicht  an  einem  hörbaren  Vorwande
  zum  Kriege  (wie  denn  überhaupt  derjenige  stets  einen
  Vorwand  findet,  der  ihn  sucht),  indem  Schweden  sich
damals  verbindlich  gemacht  hatte,  dem  eroberten  Lande  alle
seine  Rechte  zu  lassen,  dieselben  aber  durch  die  auf  dem
schwedischen  Reichstage  von  1680  beschlossene  Reduction  der
veraußerlichen  Krongüter  beeinträchtigt  wurden.  In  diesem
Plane  einer  Wiedervereinigung  Lieflands  mit  Polen,  wurde
er  vorzüglich  durch  einen  mißvergnügten  Liefländer  bestärkt,
den  durch  seine  verhängnißvolle  Laufbahn  denkwürdigen  Johann
  Reinhold  von  Patkul.  Dieser  hatte  zu  Stockholm,  in
mehrfacher  Hinsicht,  die  Sache  seines  Vaterlandes  mit  Eifer
  und  Unerschrockenheit,  sedoch  wohl  nicht  immer  mit  der
nöthigen  Maßigung  geführt,  war,  als  schwedischer  Hauptmann,
  mit  zwei  seiner  Vorgesetzten  in  Händel  verwickelt
worden  und,  vor  eine  Königliche  Commission  nach  Stockholm
  berufen,  wohin  er  auf  das  ihm  verbürgte  sichere  Geleite
  bauend,  wirklich  ging,  sah  er  doch  den  üblen  Ausgang
seines  Prozesses  in  voraus  und  entwich  daher  vor  dessen  Beendigung
  eben  noch  zu  rechter  Zeit,  um  dem  bald  darauf
gegen  ihn  ausgesprochenen  Tedesurtheile  zu  entgehen.  Er
hielt  sich  seitdem  einige  Zeit  in  der  Schweitz  und  in  Fralien
auf,  bis  ihn  1698  Flemming  in  sächsische  Dienste  brachte.
Aber  gleich  der  Anfang  des  Krleges  gegen  Schweden  war
        <pb n="397" />
        Friedrich  August  J.  357

von  Mißgeschick  bezeichnet.  Noch  ehe  die  Sachsen  in  Liefland
  eindrangen,  hatte  Dänemark  durch  einen  Angriff  auf
den  Herzog  von  Holstein-Gottorp,  Friedrich  IV.,  den  Schwager
  und  Freund  Carl's  XlII.  die  Feindseligkeiten  erdffnet.
Aber  der  Herzog  ging  mit  den  schwedischen,  hanndverschen
und  zellischen  Hilfstruppen,  die  er  bekommen,  über  die  Elbe
und  noͤthigte,  die  Dänen  von  der  Belagerung  von  Tonningen
wieder  abzulassen.  Durch  den  Einfall  der  durch  ein  holländisches
  Corps  verstärkten  Verbündeten  in  das  königliche  Holstein,
  wurde  Däncmark  noch  mehr  bedrängt.  Der  Churfürst
von  Sachsen  sendete  ihm  daher  die  versprochenen  8000  Mann
zu  Hilse,  die  jedoch,  naafdem  ihnen  schon  der  Marsch  sehr
erschwert  worden  war,  im  Braunschweigischen  angelangt,
von  hanndverschen  und  zellischen  Truppen  verjagt  wurden.
Diesem  Unfalle  folgte  am  28.  August  1700  der  Travendaler
Friede  zwischen  Schweden  und  dem  hartbedrängten  Dänemark,
  wodurch  der  Churfürst  von  Sachsen  und  der  russische
Zaar  plotzlich  eines  Bundesgenossen  sich  beraubt  sahen  und
die  Allianz  gegen  Schweden  gesprengt  war.  —  Während
dessen  war,  im  Einverständniß  mit  Rußland,  der  Generallieutenant
  Flemming  mit  einem  kleinen  Corps  süchsischer
Truppen  in  Liefland  eingefallen.  Man  hatte  auf  die  Insurrection
  der  liefländischen  Ritterschaft  gerechnet,  welche  zu  bewerkstelligen
  Patkul  alle  Mittel  verschwendete,  aber  diese
zeigte  sich  wider  alles  Verhoffen  unentschlossen  und  wollte
erst  den  Ausgang  abwarten,  wo  dann  freilich  ihr  Beistand
ziemlich  überflüssig  gemacht  worden  wäre.  Der  mißliche  Erfolg
  der  sächsischen  Waffen  raubte  der  liefländischen  Ritterschaft
  vollends  ollen  Muth.  Zwar  hatten  die  Sachsen  sich
der  sogenannten  Koberschanze,  zur  linken  Seite  der  Düno,
bemächtigt  und  dadurch  die  Einnahme  von  Niga  leicht  bewerkstelligen
  zu  konnen  gehofft.  Aber  Riga  widerstand  unter
  seinem  tapfern  Befehlöhaber  Dahlberg  so  nachdrücklich,
daß  die  Sachsen,  erst  nach  Ersturmung  der  Dönamöünder
Schanze  es  nur  einschließen,  aber,  bei  ihrer  Schwäche,  keine
formliche  Belagerung  anfangen  konnten.  Als  aber  schwedi-1700
        <pb n="398" />
        358  Friedrich  August  1.

sche  Hilfstruppen  sich  der  Stadt  naͤherten,  mußten  sich  die
Sachsen  eilig  zuruͤckziehen.

Eben  so  wenig,  als  der  lieflaͤndische  Adel,  rechtfertigte
die  Republik  Polen  August's  Erwartungen  und,  trotz  der
vielfältigen  Versuche  des  Koͤnigs,  lehnte  sie  alle  Vorstellungen,
  sie  zu  einer  Kriegserklärung  zu  bewegen,  mit  der  Erklärung
  ab,  die  Berathung  in  dieser  Angelegenheit  einem
allgemeinen  Reichstage  zu  Überlassen.  Mit  Aufbietung  aller
Kräfte,  brachte  August  eine  Armee  von  20,000  sächsischen
Truppen  zusammen  und  unternahm  mit  derselben  in  eigner
Person  (August  1700)  einen  Anzriff  auf  Riga.  Aber  hier
ereilte  ihn  die  entmuthigende  Nachricht  von  Däánemark's
Friedensschlusse  mit  Schweden.  Sein  einziger,  ihm  gebliebener
  Bundesgenosse,  der  Zaar,  ließ  auch  peinlich  auf  sich
warten,  und  so  war  August  schon  ziemlich  geneigt,  unter
Vermittelung  Frankreich's,  auf  einen  Frieden  zu  denken
(den  er  damals  noch  unter  bedeutend  billigern  Bedingungen
erlangt  haben  würde,  als  später),  als  plötzlich  die  Kriegserklärung
  des  Zaar's  an  Schweden  ihn  auf  andere  Gedanken
  brachte  und  ihn  bewog,  die  Friedensunterhandlungen
wieder  abzubrechen  und  sich  der  Festung  Klockenhausen  zu
bemächtigen,  um  sich  in  Communication  mit  den  Russen  zu
seen.  Aber  das  Glück  der  schwedischen  Waffen  gab  dem
Feldzuge  eine  abermalige,  für  August  verderbliche  Wendung.
Die  Russen  hatten  sich  an  die  Belagerung  von  Narwa  gemacht,
  aber  schon  hier  erlitten  sie  durch  die  ungestüme  Tapferkeit
  Carl's  XII.  und  seiner  Soldaten,  die  der  Anzahl
nach  den  Russen  bei  weitem  nachstanden,  eine  so  schwere
Niederlage,  daß  ihnen  für  den  Augenblick  vollig  Muth  und
Kraft  benommen  waren,  um  noch  etwas  Namhaftes  wagen
zu  können.  Zwar  befestigten,  trotz  dieses  Unfalles,  August
und  der  Zaar  zu  Birsen  ihr  Bündniß  noch  mehr,  aber  vergebens
  schrieb  Ersterer  einen  polnischen  Neichslag  aus;  die
Reichsstände  dußerten  vielmehr  den  dringenden  Wunsch  nach
Frieden  und  baten  ihn,  seine  sächsischen  Truppen  aus  Polen
  hinwegzuziehen,  obgleich  dieselben  zu  dieser  Zeit  dort  ndOthiger
  waren,  als  jemals,  indem  Carl  XII.  bereits  die  ernst-
        <pb n="399" />
        Friebrich  August  J.  359

hafteste  Miene  machte,  die  Sachsen  aus  Liefland  zurückzudrängen
  und  in  Polen  einzudringen.  Wirklich  hatte  er  schon
am  18.  Juli  1701  Riga  erreicht  und  wagte,  ohne  die  am  1701
jenseitigen  Ufer  der  Duͤna  aufgestellten  überlegenen  Sachsen
und  Russen  zu  scheuen,  die  Ueberfahrt,  welche  er  anfangs
durch  den  Dampf  einiger  mit  Hanf  und  Werg  angefüllten
Schiffe  zu  verdecken  wußte.  Am  Ufer  entbrannte  hierauf
die  Schlacht,  die  Russen  liefen  in  verrätherischer  Feigheit
davon,  während  die  Sachsen  grimmigen  Widerstand  leisteten,
  am  Ende  aber  doch  die  Schlacht  verloren.  Die  Dünamünder
  Schanze  —  welche  die  Eitelkeit  des  Königs  bereits
Augustusburg  hatte  taufen  lassen  —  ward  von  dem  muthvollen
  General  Kanitz  mit  800  Mann  noch  bis  Ende  des
Jahres  vertheidigt,  endlich  mußte  er  aber  doch  dieselbe,  nebst
der  hinein  geworfenen  sächsischen  Artillerie  übergeben.  Nach
diesem,  von  ihm  selbst  schwerlich  vorausgesehenen  glänzenden
Fortgange  seiner  Wassen,  stieg  bereits  das  Selbsibewußtseyn
  Carl's  XII.  zu  jugendlichem  Uebermuthe.  Er  wollte
nicht  eher  Frieden  annehmen,  bis  er  seinen  Gegner  August
der  polnischen  Krone  verlustig  gemacht  oder  ihm  einen  Gegenkdnig
  hingestellt  haben  würde,  und  machte  diesen  Entschluß
  schriftlich  der  Republik  Polen  bekannt,  deren  Sicherheit
  er  dadurch  zu  begründen  vorgab.  Vergebens  klopfte  August
  noch  einmal  an  das  Nationalgefühl  der  Polen,  indem
er  seine  sächsischen  Truppen  gänzlich  aus  ihrem  Lande  zurückrufen
  und  sich  einzig  auf  ihren,  der  Polen,  Unterstützung
verlassen  zu  wollen  erklärte.  Ohngeachtet  mehrfacher  Zusi—
cherungen,  die  man  ihm  aus  verschiedenen  Provinzen  des
Relchs  machte,  wurden  seine  kaum  erweckten  Hoffnungen
doch  auf  der  Reichsversammlung  zu  Warschau  im  Januar
1702  wieder  gänzlich  niedergeschlagen;  denn  hier  ging  aus  1702
allen  Erklärungen  deutlich  hervor,  daß  die  Republik  ihre
Gedanken  nur  auf  Frieden,  keinesweges  aber,  wenigstens
nur  in  der  dringendsten  Nothwendigkeit,  auf  Krieg  richte.
August's  Lage  war  in  der  That  die  peinlichste  von  der  Welt,
um  so  mehr  da  Carl  XII.  allen  Friedensanträgen,  die  er
ihm  machen  ließ,  nicht  das  geringste  Gehoͤr  gab.  Selbst
        <pb n="400" />
        1702

360  Friebrich  August  J.

seine  berühmte  Geliebte,  die  durch  Schönheit,  Geist  und
Liebenswürdigkeit  gleich  ausgezeichnete  Gräfin  Aurora  Königsmark,
  sendete  August  umsonst  an  Carl  XII.  Der  rauhe,
kriegsgewöhnte  Weiberrverächter  ließ  sie  nicht  einmal  vor  sich,
vielleicht  weil  er  doch  von  ihren  Reizen  Gefahr  für  seine
Willensfestigkeit  fürchtete,  und  August's  anderer  Abgesandte,
ein  Herr  Graf  Vitzthum  von  Eckstädt,  mochte  sich  nicht  wenig
  wundern,  als  die  Schweden  seine  Pässe  für  unauêreichend
  erklärten  und  den  erschrockenen  Kammerherrn  auf  einige
  Zeit  festmachten.  Carl  XII.  drang  aus  Lithauen  bald
darauf  bis  Warschau  vor,  berieth  sich  zu  Praga  mit  dem,
August  abtrünnigen  Cardinal-Primas  wegen  dessen  Entthronung,
  stürmte  das  durch  natürliche  Schwierigkeiten  befestigte
Lager  August's  bei  Clissow,  wo,  wie  an  der  Düna  die
Russen,  diesmal  die  auf  dem  rechten  sächsischen  Flögel  stebenden
  8000  Polen  zuerst  flohen  und  dadurch  auch  die  Sachsen
  in  Unordnung  brachten.  Cracau  fiel  nunmehr  in  des
Schweden  Hände.  Der  hartbedrängte  August  —  der,  bei
allen  seinen  mannsgfachen  Fehlern,  in  dieser  angstvollen  Lage
doch  nicht  ohne  Würde  dasteht  —  ging  nach  Sendomir,
wo  ihm  die  Stände  von  Kleinpolen  größere  Versprechungen
machten,  als  je,  und  jeden  Schwedischgesinnten  als  einen
allgemeinen  Feind  ansehen  zu  wollen  sich  erklaͤrten.  Es  zeigte
sich  aber,  daß  sie  ihre  Thätigkeit  wiederum  auf  bloße  Friedensverhandlungen
  mit  Carl  XII.  beschränken  wollten,  welche
an  dessen  Hartnäckigkeit  sich  wirkungslos  zerschlugen.  Die
Rathsversammlungen  zu  Thorn  und  Marienburg  stimmten
endlich  dafür,  den  König  mit  gewasfneter  Hand  zu  vertheidigen;
  aber  Mangel  an  Kraft  und  die  Intriguen  der  Gegenparthei
  —  an  ihrer  Spitze  der  Primas  —  ließen  zu  keinen
  nachdruckvollen  Maßregeln  kommen.  Am  1.  Mai  1703
erlitten  die  Sachsen  bei  Pultusk  durch  den  Schwedenkdnig
eine  abermalsge  Niederlage;  und  im  October  mußte  sich
Thorn  nebst  einer  beträchtlichen  sächsischen  Besatzung  den
siegrrichen  Schweden  ergeben.  Der  Reichstag  zu  Lublin,
von  welchem  der  Konig  August  sehr  große  Erwartungen  für
sich  und  seine  Sache  gehegt  hatte,  ließ  ihn  auf  gleiche  Weise
        <pb n="401" />
        Friedrich  August  I.  561

im  Stiche,  wie  alle  früheren  Hoffnungen,  die  er  auf  den
Beistand  der  Polen  gesetzt  hatte;  daher  Patkul  über  den  damaligen
  Verlauf  der  Dinge  sehr  richtig  bemerkte:  von  den
Polen  sey  außer  Worten  nichts  zu  hoffen.  Die  Sache  August's
  war  schon  so  tief  gesunken,  daß  der  Palatin  von  Posen,
  Stanislaus  Lesczinsky,  ohne  sich  zu  scheuen,  eine  foͤrmliche
  Confoͤderation  der  schwedischgesinnten  Woiwodschaften
organisiren  durfte,  die  immer  groͤßeren  Anhang  bekam.  Der
Cardinal-Primas  wagte  sogar,  eine  Versammlung  des  polnischen
  Adels  den  20.  Januar  1704  nach  Warschau  auszuschreiben,
  auf  welcher  die  schwedischen  Abgeordneten  ohne
Weiteres  auf  Entihronung  des  König's  August,  als  einzige
Moglichkeit  eines  Friedens  zwischen  Schweden  und  der  Republik,
  antrugen.  Die  polnische  Adelsversammlung  konnte  einen
  Antrag  leicht  gewähren,  welcher  von  ihrer  eignen  Anregung
  aueging,  und  so  wurde  August  in  einem  sogenannten
  Conföderationsinstrumente  des  polnischen  Thrones  für
verlustig  erklärt.  Es  konnte,  unter  diesen  Umstaänden,  freilich
  nicht  viel  fruchten,  daß  August  durch  einen  zu  Cracau
—  welches  wieder  in  seiner  Hand  war  —  gehaltenen  Reichsrath
  alle  Beschlüsse  des  Warschauer  Conventes  für  ungültig
erklärte,  und  noch  weniger  fruchtete  das  Abmahnungsschreiben,
  welches  der  Zaar  an  die  Confoderirten  erließ,  da  man
es  unter  sächsischem  Einfluß  entstanden  wußte.  Willkommener
  mochte  es  dem  Kenige  seyn,  daß  der  Zaar,  in  einem
durch  Patkul  abgeschlossenen  Tractate,  ihm  12,000  Mann
Infanterie,  die  zu  der  sächsischen  Armee  stoßen  sollten,  und
300,000  Rubel  zusagte.  Auch  die  Republik  ging,  durch
den  Woiwoden  von  Culm,  einen  Tractat  mit  dem  Zaar  ein
und  versprach  21,800  Mann  Reiter  und  26,200  Mann  Fußvolk
  zu  stellen.  August  benahm  sich  ziemlich  thätig.  So
ließ  er  den  Prinzen  Jacob  Sobiesky,  einen  durch  Geburt,
Ansehen  und  Einfluß  ausgezeichneten  Polen  —  den  Carl  XII.
selbst  als  den  würdigsten  Nachfolger  auf  dem  polnischen
Throne  empfolen  haben  soll,  der  aber,  nach  Patkul's  Berichte,
  von  seinem  eignen  Beichtiger  vorgebabten  Meuchelmordes
  bezüchtigt  wurde  —  auf  seiner  Reise  von  Olau  nach

1701
        <pb n="402" />
        362  Friebrich  August  I.

Breslau,  durch  einige  sächsische  Offiziere  aufheben  und  nach
der  Leipziger  Pleissenburg  bringen.  Auch  trat  der  gräößte
Theil  der  polnischen  Kronarmee  auf  August's  Seite;  obgleich
der  Kronfeldherr  Lubomirsky,  der  sich  selbst  Rechnung  auf
die  Krone  machte,  dem  Konige  seindselig  gestimmt  war  und
mit  einigen  Compagnien  nach  Warschau  aufbrach.  Diesen
Gläcksblicken  für  August  folgte  jedoch  bald  ein  neuer  Unfall;
er  wurde  im  März  1704  von  dem  schwedischen  General  Rhenschild
  in  Cracau  überfallen  und  mußte  eilends  entfliehen.
Erst  zu  Sendomse  konnte  er  sich  Ruhe  gönnen.  Die  Wahlverhandlungen
  in  Warschau  wurden  unterdessen  mit  Lebhaftigkeit
  fortgesetzt;  der  Cardinal-Primas  verkündigte  das  Interregnum
  und  gab  sich  viele  Mühe,  den  von  ihm  begünstigten
  Kronfeldherrn  Lubomirsky  auf  den  Thron  zu  bringen.
Dagegen  bestand  Carl  XII.  auf  der  Wahl  seines  Schütlings
  und  Freundes,  Stanislaus  Leszinsky,  und  als  der
Cardinal-Primas  sich  anfangs  hartneckig  finden  ließ,  rückte
seine  schwedische  Armee  gegen  Warschau  vor  und  setzte  durch
diese  ernsthaften  Anstalten  die  von  ihm  begehrte  Wahl  am
12.  Juli  ohne  Mühe  durch.  Die  dagegen  erhobene  Protestation
  des  Pabstes,  welcher  dem  katholisch  gewordenen  August
  nach  seiner  Weise  Beistand  leisten  wollte  und  dafür,
wie  man  glaubte,  seiner  Kirche  in  Sachsen  wichtige  Vortheile
  zu  verschaffen,  ja  selbst  den  Kronprinzen  zum  Uebertritte
  zu  bringen  hoffte,  verhallte  freilich  vor  dem  Geklirre
schwedischer  Waffen.

Das  Gläck,  welches  damaks  wirklich  ein  recht  betrügerisches
  Spiel  mit  August  trieb  und  ihn  auf  Augenblicke  hob,
um  ihn  im  nächsten  Augenblicke  desto  schwerer  fallen  zu  lassen,
  schien  ihm  vorübergehend  abermals  zu  lächeln.  Wchrend
  Carl  XII.  vor  Lemberg  lag,  nahmen  im  September
die  sächsischen  Truppen  Warschau  wieder;  die  Conföderirten
wurden  zerstreut  und  mehrere  derselben  gingen  zu  August
über.  Doch  bald  fiel  bei  Carl's  Rückkehr  Warschau  wieder
in  die  Hände  der  Schweden,  und  August  mußte  sich  nach
Cracau  zurückziehen.  Patkul,  der  jetzt  das  Commando  über
die  russischen  Hilfstruppen  führte,  mußte,  da  er  geraume
        <pb n="403" />
        Friedrich  August  I.  363

Zeit  umsonst  auf  sächsische  Verstärkung  geharrt  hatte  und
er  Carl's  überlegenen  Angriff  zu  fürchten  hatte,  die  Belagerung
  von  Posen  aufheben,  erreichte  noch  glücklich  die  Oder
und  ging,  nachdem  er  die  sächsische  und  polnische  Cavallerie
zu  dem  Konige  hatte  stoßen  lassen,  nach  Sachsen.  Ein  säche
sisches  Infanterie-Corpö,  welches  unter  dem  General  Schulenburg
  sich  ebenfalls  nach  der  Oder  zurückziehen  wollte,  ward
bei  Punitz  von  schwedischer  Reiterei  eingeholt,  und  rettete
sich  vor  dem  Angriffe  derselben,  indem  es  sich  auf  die  Erde
warf  und  die  seindlichen  Reiter  über  sich  weggehen  ließ.
Die  einbrechende  Nacht  begünstigte  dieses  „militairische  Mirarulum,“
  wie  es  Patkul  nannte,  und  die  Kühnen  gingen
über  die  Oder.  August  ging  binnen  kurzem  auch  nach  Sachsen,
  und  die  von  ihm  in  Polen  zurückgelassene  Armee  würde
bald  in  die  ußerste  Bedrängniß  gerathen  seyn,  wenn  nicht
die  russischen  Waffen  allmäálig  einen  Erfolg  gehabt  hätten.
Carl  XII.  ließ  im  Mai  1705  einen  neuen  Reichstag  nach
Warschau  ausschreiben;  eine  neue  Niederlage,  welche,  im
Juli,  die  Sachsen  unter  Paykel  an  der  Weichsel  erlicten,
trieb  seine  Ansprüche  wieder  bedeutend  in  die  Hoͤhe,  und  so
ließ  er  am  4.  October  den  auf  seinen  Betrieb  zum  Koͤnig
gewählten  Stanislaus  Leszinsky  —  dem  er  selbst  eine  neue
goldene  Krone  hatte  verfertigen  lassen,  weil  die  alte  nebst
den  Kleinodien,  nach  Sachsen  gewandert  war  —  feierlich
krönen,  und  schloß  mit  ihm  und  dessen  Partei  einen  Friedens=
  und  Allianztractat,  zufolge  dessen  Beide  dem  Könige
August  und  dessen  Bundesgenossen,  dem  Zaar,  so  lange  mit
gewaffneter  Hand  zusetzen  wollten,  bis  Ersterer  auf  die  Krone
verzichtet  und  Schweden  und  Polen  für  alle  Kosten  und
Nachtheile  Ersatz  erhalten  habe.  Ohngeachtet  der  günstigen
Aussichten  war  doch  weder  dem  Einen,  noch  dem  Andern,
die  Früchte  dieses  Tractats  lange  und  wesentlich  zu  genießen
  bestimmt.

August,  welcher  nach  den  vorangegangenen  Unfällen,
besonders  nach  Paykels  Niederlage,  mit  vielem  Grunde  einen
  Besuch  der  Schweden  in  Sachsen  fürchtete,  hatte  abermals
  Versuche  gemacht,  seinen  Gegner,  selbst  unter  nam-1705
        <pb n="404" />
        364  Friedrich  August  I.

haften  Opfern,  zu  einem  Frieden  zu  bewegen;  aber  die  Untechandlungen
  scheiterten,  wie  immer,  an  Carl's  Härte;  Patkul,
  dem  August  selbst  seine  Meinung  über  den  Zustand
der  Dinge  und  über  eine  mogliche  Rettung  Sachsens  abverlangt
  hatte,  gab  dieselbe  schriftlich  von  sich,  jedoch  nicht
ohne  eine  freimüthige  Schilderung  der  hoffnungslosen,  ja
verzweifelten  Lage  Sachsens  hinzuzufügen,  welche  Zugabe
aber,  verbunden  mit  anderen  Umständen,  ihm  die  Ungnade
August's  zuzog.  Wenigstens  wurde  Patkul  in  der  Nacht
vom  19  —  20.  Deecbr.  auf  Befehl  des  geheimen  Conciliums
sesigenommen  und  auf  den  Sonnenstein,  von  hier  aber  auf
den  Königstein  abgeführt.  Zufolge  August's  Erklärung,  sollte
Patkul  in  geheimen  Unterhandlungen  mit  dem  österreichischen
Gesandten  gestanden  haben,  nach  welcher  er  die  in  Sachsen
stehenden  russischen  Truppen  dem  Kaiser  zur  Verfügung  stellen
  wollte.  Auch  wurde  Patkul  beschuldigt,  daß  er  an  einem
  Particularfrieden  zwischen  dem  Zaar  und  Carl  XII.  gearbeitet
  und  mit  Letzterem  einen  gefährlichen  Vriefwechsel
unterhalten  habe,  was  bei  seinem  vielfach  bekundeten  Hasse
gegen  denselben  durchaus  nicht  glaublich  erscheint.  Anfänglich
  erklärte  sich  der  russische  Hof  über  diese  Verhaftung  seines
  Dieners  mißbilligend,  doch  schien  der  Zaar  zufolge  eines
  Schreibens,  spaͤter  mit  diesem  Schritte  einverstanden.
Freilich  hatte  Patkul  in  seinem,  ihm  abverlangten  Bedenken
  5)  dem  Könige  von  der  entsetzlichen  Lage  Sachsens  mehr
erzchlt,  als  dieser  hatte  wissen  wollen,  der,  von  Maltressen
und  Schmarotzern  umgeben,  das  Gehoͤr  für  freimüthige
Wahrheit  verloren  hatte  und  am  allerwenigsten  sie  so  laut
ausgesprochen  vertragen  konnte,  wie  Patkul  in  seinem  Bedenken
  dies  gethan.

Indessen  konnte  die  Verpdnung  einer  wahrhaften  Angabe
  von  Sachsens  verzweiflungsvoller  Lage,  dlese  Lage
doch  nicht  verbessern.  August  hatte  schon  früher  zu  Grodno
eine  persènliche  Zusammenkunft  mit  dem  Zaar  gehabt  und
6)  Es  führte  den  Titel:  „PHolitische  Offenbarung  oder  geringfügiges

  Bedenken  von  schwedischer  Invasson  in  Sachsen.“
        <pb n="405" />
        Friedrich  August  J.  365

es  war  von  ihnen  beschlossen  worden,  dem  schwedischen  General
  Rhenschild,  waͤhrend  Schulenburg  ihn  angreifen  solle,
in  den  Ruͤcken  zu  fallen.  Dieser  Plan  mißlang  jedoch  gaͤnzlich.
  Schulenburg  ließ  sich  bei  Fraustadt  an  der  polnischschlesischen
  Graͤnze  zu  einem  uͤbereilten  Angriffe  verleiten  und
so  wurde  er,  trotz  seines  der  Zahl  nach  überlegenen  Heeres
—  es  bestand  aus  ohngefähr  20,000  Mann,  unter  denen,
ausser  Sachsen  und  Russen,  freilich  auch  viele  Ausländer
und  Ausreisser  —  am  14.  Febr.  1706  mit  aufserordentlichem
Verluste  gänzlich  geschlagen.  Diesem  schweren  Unfalle  sollte
nur  zu  schnell  der  Hauptschlag  folgen.  Carl  XII.  brach
durch  Schlesien,  ohne  hierzu  erst  die  Erlaubniß  des  Kaisers
abzuwarten,  geradesweges  nach  Sachsen  auf.  Seine  Ankunft
  —  noch  vom  dreißigjährigen  Kriege  her  klang  der  Name:
Schwede,  furchtbar  in  den  Ohren  des  Landmanns  und  des
Börgers  —  versetzte  die  Einwohner  Sachsens  in  Furcht  und
Schrecken.  Carl  suchte  sie  durch  ein  Manifest  zu  beruhigen,
welches  ihnen  Sicherheit  ihrer  Person  und  ihres  Eigenthums
versprach,  und  ging  durch  die  Lausitz  und  Meissen  auf  Leipzig
  los,  welches  sich  ohne  Widerstand  ergab,  während  der,
aus  sächsischen  in  schwedische  Dienste  übergegangene  Obrist
Goͤrz  bei  Bautzen  und  sodann  in  Thüringen  zwei  sächsische
Corps  versprengte.  Carl  XlI.  verlegte  im  September  sein
Hauptquartier  von  Leipzig  nach  Altranstädt,  ein  Ort,  der
von  Carls  großem  Ahnen,  Gustav  Adolf  her,  den  Schweden
heilig  geworden  war.  —  Freilich  galt  der  diesmalige  Krieg
profaneren  Zwecken!

Der  Einfall  der  Schweden  in  August's  Erblande  war  für
diesen  ein  furchtbarer  Schlag.  Er  hatte  jetzt  beinahe  um
jede  Bedingung  Frieden  schliessen  mögen,  allein  er  durfte  die
Verhandlungen  nur  ganz  im  Stillen  betreiben,  indem  er  selbst
sich  unter  scharfer  Aufsicht  seines  Bundesgenossen,  des  rufsischen
  Hofes  befand,  dem  er  nur  von  Unterhandlungen  in
Hinsicht  auf  Kriegssteuern  und  Brandschatzungen,  keinesweges
  aber  von  Friedensverhandlungen  mit  Schweden,  vorsprechen
  durfte.  So  von  doppeltem  Zwange  bedroht,  sendete
August  seinen  geheimen  Rath  von  Imhof  und  den  geheimen

1206
        <pb n="406" />
        366  Friedrich  August  1.

Referendar  Pfingsten  mit  ausgebreiteten  Vollmachten  nach
Sachsen;  sie  trafen  im  September  zu  Bischofswerda  mit
den  schwedischen  Bevollmächtigten,  dem  Grafen  Piper  und
dem  Staatssecretair  Hermelin  zusammen.  Oie  sächsischen
Abgeordneten  mußten,  nachdem  sie  in  ihren  Erbierungen
immer  höher  gestiegen  waren,  zuletzt  (24.  Septbr.)  den
harten  Frieden  von  Altranstädt  unterzeichnen.  Vielleicht  würden
  sie  noch  länger  mit  dem  Abschlusse  gezôögert  haben,  wenn
man  ihnen  nicht  von  einem  zwischen  Rußland  und  Schweden
  verhandelten  Particularfrieden  vorgesprochen  hätte.

Die  Friedensbedingungen,  die  der  König  von  Schweden,
mit  allem  Uebermuthe  der  siegenden  Partei,  vorgeschrieben
hatte,  bestanden  wesentlich  in  folgenden:  der  Koͤnig  August
verzichtet  für  sich  und  seine  Nachkommen  auf  Polen  und  Lithauen,
  behält  aber  den  Titel  eines  Königs  auf  Lebenzzeit,
erkennt  den  König  Stanislaus  an  und  gestattet  demselben
das  Recht,  die  bioher  von  ihm  vergebenen  Aemter  mit  anderen
  Personen  zu  besetzen,  giebt  alle  frühere  Bündnisse,  besonders
  mit  dem  Zaar  von  Rußland  auf;  erklärt  die  Ungültigkeit
  der  in  Polen  für  ihn  errichteten  Confoderationen
und  Reichsschlüsse,  giebt  die  gefangenen  polnischen  Prinzen
Jacob  und  Constantin?)  frei,  liefert  die  schwedischen  leberläufer
  und  Verräther,  namentlich  den  Johann  Reinhold  Patkul,
  aus,  gestattet  den  Schweden  Winterquartiere  und  Erhebung
  ihres  Soldes  und  Unterhalts  in  Sachsen,  übergibt
alle  noch  von  sächsischen  Truppen  besetzten  polnischen  Plätze
mit  Geschütz  und  Kriegsapparat  an  Stanislaus.  Beide
Contrahenten  machen  sich  verbindlich,  die  evangelische  Nelizion
  im  ganzen  romischen  Reiche  beschützen  zu  wollen,  und
König  August  verspricht,  weder  in  Sachsen  noch  in  der  Lausitz
  eine  Veränderung  in  der  evangelischen  Religion  vorzunehmen,
  noch  den  Katholiken  zu  erlauben,  Kirchen,  Schulen,
  Academien,  Collegien  und  Klöster  zu  erbauen.  Dagegen
  wird  dem  Kdnige  August  von  dem  Konige  von  Schwe-—.—



)  Als  Jatob  Sobiesey  von  sächsischen  Offfzieren  ausgehoben  wurde,
war  ihm  sein  Bruder  Constantin  freiwillig  in  die  Haft  gefolgt.
        <pb n="407" />
        Friedrich  August  I.  367

den  und  dem  Koͤnige  von  Polen  (Stanislaus)  gegen  den
Zaar  und  gegen  jeden  Andern,  der  ihn  wegen  dieses  Friedenöschlusses
  angreift,  Beistand  gcleistet.  Die  üblichen  formellen
  Ausdrücke  und  Redensarten  von  ewigem  Frieden  und
fortdauernder  Freundschaft  —  einc  von  sächsischer  Seite  allzu
theuer  bezahlte  —  fehlten  natürlich  nicht,  konnten  aber  doch
den  bittern  Kern  dieses  vielfordernden  Friedensinstrumentes
nicht  versüßen.

Pfingsten  wurde,  wegen  der  Ratification  dieses  Vertrages,
  nach  Petrikow  zu  August  gesendet.  Als  er  aber  demselben
  die  Bestürzung  über  den  Inhalt  des  Friedens  ansah,
hatte  er  nicht  den  Muth,  ihm  den  volligen  Abschluß  zu  melden,
  sondern  war  aus  Verzagtheit  unüberlegt  genug,  den
Konig  auf  annehmbarere  Bedingungen  zu  vertrösten,  die  er
bei  seiner  Ankunft  in  Sachsen  zu  erlangen  gedenke.  So
reiste  er  dorthin  zurück  und  hatte  die  Verwegenheit,  die  Ratifiration
  des  Friedens  auf  ein,  schon  früher  vom  Kdnige  und
von  dem  Großmarschall  v.  Pflugk  unterzeichnetes  Blanquet  zu
schreiben.  Diese,  freilich  nicht  aus  bösem  Willen,  wohl
aber  aus  verblendeter  Furcht  begangene  Täuschung  zog  ihm,
nach  über  ihm  verhängten  Prozesse,  das  Todesurtheil  zu,
welches  aber  August  selbst  in  ewiges  Gefängniß  milderte.
Auch  Imhof,  obschon  dieser  seine  Vollmacht  nicht  eigentlich
überschritten,  mußte  die  böse  Laune,  welche  der  Altranstädter
  Friede  seinem  Herrn  verursachte,  bußen  und  ward  zu
ewigem  Gefängniß  verurtheilt,  erhielt  aber  später  seine  Freibeit
  wieder  und  wendete  sich  nach  Wolfenbüttel.

August  war  so  niedergeschlagen,  daß  er  es  nicht  gleich
über  sich  gewann,  den  Friedensschluß  bekannt  zu  machen,
sondern  ihn  eine  Zeit  lang  sogar  noch  hartnäckig  ldugnete.
Die  Russen  —  welche  wirklich  nichts  von  diesem  Schritte
wußten,  oder  sich  wenigstens  den  Schein  gaben  —  nöthigten
  ihn  daher,  nach  bereits  erfolgter  Ratification  des  Friedens,
  mit  seinen  bei  den  Russen  stehenden  Truppen  den
schwedischen  General  Mardefeld  angreifen  zu  helfen,  der,  obgleich
  August  ihm  heimliche  Nachricht  geben  ließ,  doch  gegen
den  überlegenen  Feind  eine  Schlacht  wagte,  gänzlich  geschla-
        <pb n="408" />
        368  Erledrich  August  I.

gen  und  nebst  2000  Schweden  gefangen  genommen  wurde.
Carl  nahm  dies  so  übel  auf,  daß  er  beinahe  den  Frieden
rückgängig  gemacht  hätte,  und  August  hatte  Noth,  sich  mit
der  dussersten  Nothwendigkeit  zu  entschuldigen,  wobei  er  sich
zugleich  zu  Schadenersatz  erbot.  Erst  am  6.  November,  nachdem
  vorher  nur  von  einem  zehnwochentlichen  Waffenstillstande
  öffentlich  die  Rede  gewesen  war,  wurde  der  Friede
selbst  bekannt  gemacht.

Am  8.  April  1707  mußte  August  auch  die  schimpfliche
Bedingung  erfällen,  seinen  einstigen  Freund  Patkul  dem  racheschnaubenden
  Carl  XII.  auszuliesern.  Er  hatte  sich  vergebens
  von  dieser  Bedingung  zu  befreicn  gesucht,  und  Patkul
  häátte  früher  schon  zu  entfliehen  Gelegenheit  gehabt,  wenn
er  nicht  trotzig  auf  weitere  Untersuchung  seiner  Sache  bestanden
  hätte.  Die  Rache,  welche  Carl  an  dem  schwerverrathenen
  Patkul  nahm,  war  unmenschlich  und  schändet  sein  Andenken.
  Der  Unglückliche  wurde  zu  Casimir,  acht  Meilen
von  Posen,  von  den  Schweden  erst  gerädert  und  dann  geviertheilt,
  und  diese  gräßliche  Hinrichtung  obendrein  durch
eine  so  stämperhafte  Henkershand  vollzogen,  daß  die  fürchterliche
  Qual  des  Schlachtopfers  noch  den  Witz  ihrer  Erfinder
  überstieg.  —  Welche  untilgbare  Flecken  hängen  sich  doch
an  jede  bloße  Soldatengröße,  wenn  nicht  Menschengröße  sie
adelt,  und  wie  unbefriedigend  ist  daher  auch  Carls  XII.  innerer
  Werth  *),  ausserhalb  des  Schlachtfeldes  und  des
Kriegsgetümmels!

Wider  Erwarten  hielten  die  Schweden,  wenigstens  im
Anfange,  gute  Mannszucht  in  Sachsen;  Carl  XII.  felbst
sah  ernstlich  darauf  und  seine  Tcuppen  mußten  sogar,  mit
Ausnahme  der  Fourage,  ihre  Bedürfnisse  baar  bezahlen.

——
——

*)  Ein  unedler  Zug  im  Charakter  Carl's  XII.,  war  auch  seine  unzarte,
  und  obendrein  zwecklose  Forderung:  daß  der  gebeugte  August
  dem  Könige  Stanislaus  schriftlich  zu  seiner  Thronbesteigung
Glück  wünschen  mußte.  August  erfüllte  diese,  mehr  den  Sieger,
als  den  Besiegten  schändende  Bedingung  nicht  ohne  Würde  und
wünschte  dem  neuen  Könige  getreuere  Unterthanen,  als  er  besessen.
        <pb n="409" />
        Friebrich  August  1.  369

Nachdem  er  aber  sich  moͤglichst  genau  uͤber  den  statistischen
Zustand  Sachsens  und  besonders  uͤber  das  dasige  Abgabenwesen
  unterrichtet  hatte,  begann  er  dem  zu  Leipzig  von  ihm
versammelten  staͤndischen  Ausschusse  seine  Forderungen  vorzulegen.
  Er  verlangte  von  den  alten  und  neuen  saͤchsischen
Erblanden,  die  Stifter  und  die  Grafschaft  Schwarzburg  mit
inbegriffen,  monatlich  625,000  Thaler,  oder,  nach  Abrechnung
  der  Fourage,  500,000  Thaler  baar.  Vergebens  suchten
  die  Stände  durch  Schilderung  der  bereits  in  Sachsen
  eingerissenen  Verarmung,  diese  harte  Forderung  herabzustimmen,
  auch  die  Exemtion  des  Adels  und  anderer  prioilegirten
  Personen  zu  bewirken.  Carl  XII.  wies  den  letzten
Punct  durch  die  Bemerkung  zurück:  daß,  wenn  die  Stände
die  von  ihm  verlangte  Summe  aus  der  Luft  entnehmen
könnten,  er  zufrieden  seyn  wolle,  daß  Jedermann  befreit
bliebe.  Eben  so  verwarf  er  das  Anerbieken  der  Stände,
monatlich  320,000  Thaler  und  überdieß  binnen  drei  Monaten
  eine  Summe  von  400,000  Thaler  zu  zahlen;  auch  entließ
  er  die  Stände,  erklärte,  daß  er  selbst  das  Nöthige  wegen
  Vertheilung  der  Kriegscontribution  verfügen  wolle,  und
versprach,  seine  Armee  verhältnißmäßig  durch  das  ganze  Land
zu  vertheilen.  Die  Vorstellungen  der  Stände  waren  ihm
vielmehr  Beweggrund  geworden,  seine  Forderungen  noch  höher
  und  willköhrlicher  zu  stellen  und  mit  rauhem  Siegerübermuthe
  sein  Schwert  in  die  Wage  zu  werfen.  Er  legte
eine  Contribution  von  4  Kaisergroschen  auf  das  Schock,  wodurch
  er  274,767  Thaler  mehr  einstrich,  als  er  anfänglich
verlangt  hatte.  Trob  des  bekannt  gemachten  Friedens,  ward
diese  Contribution  selbst  auf  5  Monate  des  künstigen  Jahres
  angekündigt,  wiewohl  in  immer  abnehmender  Höhe;
endlich  ließ  sich  Carl  für  diese  Abgabe  auf  das  neue  Jahr
mit  bestimmten  Summen  —  für  Januar  und  Februar  mit
450,000  Thaler,  für  März  und  April  mit  400,000  Thaler,
und  für  Mai  mit  300,000  Thaler  —  abfinden.  Das  gänzlich
  erschdpfte  Sachsen  mußte  dazu  von  Holland  400,000
Thaler  leihen.  Bei  dem  Anschlage  wurden,  nach  des  Königs

von  Polen  eigner  Schilderung,  auch  wüste  Grundstücke,  ja
24
        <pb n="410" />
        370  Feiedrich  August  J.

selbst  diejenigen  nicht  verschont,  welche  die  Schweden  in
Brand  gesteckt,  und  bei  Eintreibung  der  Contribution  schätten
  die  Offiziere  das  arme  Volk  nach  Gefallen.  Die  schwedische
  Armee  ward  in  Sachsen  um  das  Doppelte  verstärkt
und  dadurch  nicht  nur  ihr  Unterhalt  vergrößert,  sondern  auch
das  Land  von  junger  Mannschaft  entblös't.  Besonders  verübten
  die  Polen  solche  Gewaltthätigkeiten,  daß  der  König
von  Schweden  selbst  die  gefängliche  Einziehung  dieser  Frevler
  zu  gestatten  sich  gendthigt  sah.  Man  riß  bei  den  häusigen
  Executsonen  der  Armen,  Betten,  Kleidungsstücke  und
das  Nothdürftigste  weg,  und  die  böhmischen  Juden  kauften
dergleichen  geraubte  Effecten  in  Masse.  Carl's  erbarmungslose
  Härte  —  seine  Erpressungen  in  Sachsen  beliefen  sich
überhaupt  auf  23  Millionen  Thaler  —  gegen  ein  Land,  welches
  an  der  Herrschsucht  und  den  verunglückten  politischen  Speculationen
  seines  Fürsten  nicht  den  geringsten  Antheil  hatte,  sondern
nur  widerstrebend  in  dieselben  hineingerissen  worden  war,
bildet  einen  der  mannigfachen  Flecken  seines  rauhen  Charakters.
  Muthmaßlich  wünschte  er  das  Land  dergestalt  auszusaugen,
  daß  es  seinem  Churfürsten,  dem  er  nie  traute,  keine
Unterstützung  für  neuc  Kriegsplane  gewähren  könne.  Das
war  freilich  eine  furchtbare  Politik,  Tausende  elend  zu  machen,
  um  den  Einen  zu  schwächen.  Die  vielfachen  Uebertretungen
  der  Friedensartikel  von  schwedischer  Seite  erregten
allgemeine  Mißbilligung  gegen  Carl  XII.

Erst  im  September  1707  brach  Carl  aus  Sachsen  auf;
vorher  aber  war  er  übermüthig  genug,  dem  Churfürsten  August,
  mit  welchem  er  natürlich  ohngeachtet  des  abgeschlossenen
Friedens  in  sehr  gespanntem  Verhältniß  lebte,  einen  Besuch
zu  Dresden  abzustatten.  Hierauf  kehrte  er  nach  Polen  zurück,
  um  dem  Zaar  ein  gleiches  Loos  zu  bereiten,  wie  der
Churfürst  es  bereits  erfahren.  Seine  ersten  Schritte  krönte
das  Glück;  er  vertrieb  die  Russen  aus  Grodno,  schlug  bei

1206  Holowtschin  ein  russisches  Corps  und  drang  über  Mohilom
und  den  Dnepr  in  das  russische  Gebiet  ein.  Aber  statt  hier
einen  festen  und  schnellen  Plan  zu  verfolgen,  ließ  er  sich  von
eitlen  Hoffnungen  zu  abentheuerlichen  Zügen  verlocken.  Der
        <pb n="411" />
        Friebrich  August  I.  371

Kosakenhettmann  Mazeppa,  von  welchem  er  sich  starken  Beistand
  versprach,  erfuͤllte  seine  Erwartungen  nicht;  Carl  war
ihm  in  die  Ukraine  gefolgt  und  erlitt  am  9.  Juli  1709  bei
Pultawa  durch  die  Russen  die  bekannte  und  so  verhängnißvolle
  Niederlage,  welche  beinahe  die  Früchte  aller  seiner  fruͤ-heren
  Siege  vernichtete.

Schon  im  Juni  1709  war  der  Churfürst  August  eine
neue  Verbindung  gegen  Schweden  mit  dem  Konig  Friedrich
IV.  von  Dänemark,  der  ihm  in  Dresden  einen  Besuch  abstattete,
  eingegangen.  Beiden  hatte  der  König  von  Preussen,
bei  einer  persönlichen  Zusammenkunft  zu  Berlin,  das  Versprechen
  gegeben,  die  dänisch  -polnische  Armee  moglichst  zu
unterstützen.  August  athmete  unter  diesen  freundlichern  Aussichten
  wieder  auf.  Die  Nachricht  von  Carl's  Niederlage
bei  Pultawa  erhdhte  vollends  des  Churfürsten  Muth;  er
verkündete  durch  ein  Manifest  (8.  August  1709.)  seinen  Entschluß,
  den  polnischen  Thron  wieder  zu  besteigen,  bezeichnete
darin  die  Wahl  des  Stanislaus  Lesczinsky  als  unrechtmäßig
  und  den  Altranstädter  Frieden  als  von  Schwedischer
Seite  vielfältig  verletzt.  Was  nach  Anführung  dieser  Gründe,
  die  neue  Kriegserklärung  gegen  Schweden  etwa  noch
Vorwurfsvolles  für  August  gehabt  hätte,  machte  der  Ausspruch
  des  Papstes  zu  nichte,  der  ihn  feierlich  von  seinem
Eide  losband  und  auch  die  Polen  ihrer  dem  Stanislaus  geschworenen
  Treue  überhob.  So  war,  durch  kirchlichen  Machtspruch,
  mit  einem  Male  Gewissen  und  ¾V/  verwahrt.  Der
rauhe,  nur  von  Soldaten=  nicht  von  Glaubensmuth  beseelte
Carl  war,  abgesehen  von  seiner  Confessson,  nie  zu  einem
guten  Sohne  der  Mutter  Kirche  zu  erziehen  gewesen,  und
so  mochte  der  Papst  willig  von  Eiden  gegen  denselben  entbinden.

Churfürst  August  hätte  freilich  besser  gethan,  seinem
furchtbar  erschdpften  Erblande  eine  zweckdienliche  Ruhe  zu
gonnen,  statt  es  zu  neuen  Anstrengungen  zu  bewegen  und
es  gegen  neue  Gefahren  in  den  Kampf  zu  führen.  Aber  er
gefiel  sich  in  dem  polnischen  Königsmantel  zu  gut  und  seine
persduliche  Eitelkeit  betrachtete  denselben  nicht  hinlänglich
  genug  aus  dem  politischen  Gesichtspanete.  Er  er-24.



1709
        <pb n="412" />
        372  Friedrich  August  I.

nannte  daher  wiederum  den  Fürsten  Egon  von  Fürstenberg
zum  Statthalter  seiner  Erblande  während  seiner  Abwesenheit;
zog  mit  13,000  Sachsen  nach  Polen  zurück  und  erneuerte  zu
Thorn  seine  Alllanz  mit  Peter  dem  Großen.  Stanislaus
Lesczinsky  zog  sich  nach  Pommern  zurück  und  erklärte  —
größer  im  Mißgeschicke,  als  August  —  sich  geneigt,  die
Krone  Polens  niederzulegen,  wenn  dadurch  der  Frieden  und
das  Wohl  dieses  ebenfalls  hartverheerten  Landes  zu  bewerkstelligen
  sey.  Ihm  folgte  der  schwedische  General  Crassau
mit  einem  Corps,  welches  Carl  XII.  zu  seinem  Schutze  in
Polen  zurückgelassen  hatte.  Wenig  fehlte,  daß  Crassau  einen
  neuen  schwedischen  Einfall  in  Sachsen  unternommen
und  dadurch  dem  niedergedrückten  Lande  eine  Wiederholung
seines  Schicksales  bereitet  hätte.  Doch  verhüteten  diese  Gefahr
  die  ernsten  Mahnungen  des  Kaisers  und  die  starken
Rüstungen,  welche  August  in  Sachsen  vornahm.  Zum  Schutze
des  Vaterlandes  —  das  seeilich  nur  durch  des  Churfürsten
unkluge  Plane  erst  in  die  Nothwendigkeit  versetzt  worden
war,  sich  zu  schützen  —  organisirte  er  einen  allgemeinen
Landsturm  von  84,000  Mann.  Däncmark's  erste  kriegerische
Schritte  gegen  Schweden  waren  vom  Gläcke  nicht  begünstigt;
  daher  der  Kaiser  Joseph  I.  und  die  Seemächte,  um
den  Krieg  nicht  auf  deutsches  Gebiet  herüberspielen  zu  las-1710
  sen,  am  31.  März  1710  das  sogenannte  Haager  Concert
schlossen,  in  welchem  sie  die  Garantie  einer  vollkommenen
Neutralität  aller  zum  deutschen  Reiche  gehdrigen  Länder  der
kriegfährenden  Mächte  übernahmen.  Die  Theilnehmer  dieses
Concerts  schlossen  nicht  nur  unter  sich,  sondern  auch  mit  dem
Könige  von  Preussen  und  einigen  Reichsständen  eine  Uebereinkunft,
  nach  welcher  sie,  zu  Befestigung  der  Neutralität,
ein  Heer  von  15  —  16,000  Mann  herstellen  wollten.  Der
ungestüme  Carl  XII.  brachte  das  Haager  Goncert  in  einige
Verlegenheit,  indem  er,  ohne  sich  an  die  bereits  erfolgte
beifällige  Erklärung  seines  Senates  zu  binden,  an  allen  Höfen
  dagegen  protestirte,  mit  der  frostigen  Erklärung:  er
werde  seine  Feinde  suchen  und  angreisen,  wo  und  wann  er
sie  fände.  Dies  hatte  zur  Folge,  daß  die  nordischen  Alliir-
        <pb n="413" />
        Friebrich  August  I.  373

ten  nicht  weiter  Anstand  nahmen,  in  die  schwedisch  -beutschen
Provinzen  einzufallen.  Crassau  hatte  Lust  bezeigt,  von  Pommern
  aus  in  Polen  einzubrechen;  daher  rückten,  um  ihm
zuvorzukommen,  die  nordischen  Verböndeten  in  Pommern
ein,  nachdem  Churfürst  August  ein  Manifest  hatte  vorausgehen
  lassen,  welches  erklärte,  daß  dieser  Zug  nicht  gegen
Carl's  Länder,  sondern  nur  gegen  dessen  Truppen  in  Pommern
  gerichtet  sey,  welche  Polen  auf's  neue  zu  beunruhigen
drohten.  Wiemar  ward  von  den  Dänen,  Stralsund  von
den  sämmtlichen  Verbündeten  —  unter  ihnen  der  Churfürst
mit  20,000  Mann  —  belagert.  Als  aber  beide  Festungen
von  Karlskrona  aus  bedeutende  Verstärkung  erhielten,  waren
die  Verbündeten  (Januar  1712.)  gendthigt,  die  Belagerung  1712
oon  Wiszmar  aufzugeben  und  die  von  Stralsund  in  eine
bloße  Sperrung  zu  verwandeln.  Die  Ankunft  des  schwedischen
  Feldmarschalls  Steenbock  und  seiner  10,000  Mann  in
Pommern,  veranlaßte  die  Verbündeten,  sich  gänzlich  von
Stralsund  wegzuziehen.  Der  Krieg  spielte  sich  nunmehr  nach
Meklenburg  hinüber,  und  beide  Armcen  standen  sich  bereits
nahe  gegenüber,  als  der  intriguenreiche  sächsische  Feldmarschall
  Flemming  einen  Waffenstillstand  auf  14  Tage  mit  den
Schweden  schloß.  Die  Ursache  dieses  unerwarteten  Schrittes
  lag  in  den  geheimen  Friedensunterhandlungen,  welche
der  Berliner  Hof  zwischen  Sachsen  und  Schweden  angezettelt
  hatte,  und  nach  welchen  Stanislaus  die  polnische  Krone
an  August  überlassen,  die  sächsischen  und  schwedischen  Truppen
  aber  sich  mit  einander  vereinigen  sollten,  um  gemeinschaftlich
  der  immer  steigenden  Macht  des  russischen  Zaars,
gegen  welche  August  seine  Eifersucht  nicht  unterdrücken  konnte,
  Grenzen  zu  setzen.  Von  August's  Seite  freilich  eine
ziemlich  unehrliche  Verhandlung,  die  jedoch  fruchtlos  bleiben
sollte,  da  der  hartnäckige  Carl,  trotz  seiner  keinsweges  behaglichen
  Lage,  von  Bender  aus  seine  Einwilligung  zu  diesem
  Vertrage  versagte.  Die  Dänen  hatten  auch  an  dem
Waffenstillstande  keinen  Antheil  genommen,  erlitten  (Decbr.
1712.)  bei  Gadebusch  durch  Steenbock  eine  vollständige  Niederlage,
  die  dem  Sieger  jedoch  keine  besondern  Früchte  brach-
        <pb n="414" />
        1713

374  Friedrich  Augusr  J.

te,  indem  die  Verbuͤndeten  immer  noch  das  Uebergewicht  auf
ihrer  Seite  hatten.  Dies  und  Mangel  an  Lebensmitteln
noͤthigten  ihn,  sich  in's  Holsteinische  zu  wenden.  Mit  einem
Theile  seiner  Armee  warf  sich  Steenbock  in  die  Festung  Toͤnningen;
  aber  auch  hier  von  den  Verbuͤndeten  hart  bedrängt,
mußte  er  am.  16.  Mai  1713  die  Oldesworther  Capitulation
eingehen  und  sich  mit  seinem  ganzen  Corps,  aus  ohngefähr
11,000  Mann  bestehend,  ergeben.

In  der  Besorgniß,  daß  nach  dieser  Capitulation,  alle
schwedisch  -deutschen  Länder  in  die  Gewalt  der  Verbündeten,
besonders  der  Russen  kommen  möchten,  hatte  der  Administrator
  von  Holstein,  um  wenigstens  die  Hauptfestungen  zu  erhalten,
  einen  Segquestrationsvertrag  mit  dem  schwedischen
Generalgouverneur,  Grasen  Welling,  zu  Hamburg,  und  einen
zweiten  mit  dem  Könige  von  Preußen  geschlossen.  Infolge  dieser
beiden  Vertráge  sollten  Stettin  und  Wismar  von  zwei  Preussischen
  und  zwei  Holstein  =  Gottorpischen  Bataillons  während
des  Krieges  besetzt,  nach  geschlossenem  Frieden  aber  und  gegen
  Erstattung  der  Kosten,  von  ihnen  an  den  König  von
Schweden  zurückgegeben  werden.  Wegen  Weigerung  des
Koönigs  von  Preussen,  wurde  bald  hernach  ein  aͤhnlicher  Vertrag
  zwischen  dem  Administrator  von  Holstein  und  dem  Konige
  von  Polen  geschlossen,  Kraft  dessen  Letzterer  die  Sequestration
  von  Stettin  und  Stralsund  übernehmen  und  die
Neutralität  Pommerns  bewahren  soslte.  Zwar  wollte  der
schwedische  Gouverneur  von  Pommern  und  Commandant  von
Stettin,  Graf  Meyerfeld,  anfangs  überhaupt  von  keiner
Sequestration  Etwas  wissen  und,  da  ihm  der  Befehl  seines
Königs  hierzu  mangelte,  keine  fremden  Truppen  in  die  Stadt
einlassen;  aber  die  Belagerung  Stettin's  durch  die  Russen
nöthigte  ihn  zur  Uebergabe.  Es  verblieb  nunmehr,  rücksichtlich
  Stettin's,  bei  den  ersten  Sequestrationsverträgen-  und
die  Stadt  wurde  theils  von  holsteinischen,  theils  von  preussischen
  Truppen  besetzt.  Noch  bevor  Stettin  von  den  Russen
  gerdumt  wurde,  schloß  Preussen  mit  den  nordischen  Verbündeten
  (6.  Octobr.  1713.)  zu  Schwed  einen  neuen  Vertrag,
  und  erlangte  dadurch  die  alleinige  Sequestration  über
        <pb n="415" />
        Friedrich  August  I.  375

Stralsund  und  Wismar  (auf  den  Fall  daß  diese  Plätze  in
die  Gewalt  der  Verbündeten  kämen)  und  über  das  ganze
Land  zwischen  der  Oder  bis  an  die  Pecne,  verpflichtete  sich
dagegen  aber  auch,  seden  Angriff  der  Schweden  auf  die  Verbündeten,
  von  den  sequestrirten  Ländern  aus  abzuhalten.
Man  hétte  glauben  können,  daß  durch  diesen  Vertrag,
in  welchem  man  den  Vorläufer  eines  nahen  allgemeinen  Friedens
  zu  erblicken  geneigt  war,  die  Ruhe  im  ndrdlichen
Deutschland  sestgestellt  sey.  Doch  sollte  diese  frohe  Erwartung
  täuschen;  denn  als  Carl  XII.,  seinen  Zufluchtsort  in
der  Türkei  verlassend,  am  22.  November  1714  plötzlich  nach
Stralsund  kam  und  seine  von  Preussen  sequestrirten  Plätze
ernsthaft  zurückverlangte,  weigerte  sich  der  König  von  Preussen
  dieser  Rückgabe,  angeblich  weil  er  für  seine  Forderungen
an  Schweden  noch  unbefriedigt  war,  für  welche  ihm  keine
angebotene  Sicherheit  genägen  wollte.  Um  seiner  Weigerung
zugleich  Nachdruck  zu  verleihen,  schloß  der  Konig  von  Preussen
  mit  Dänemark,  Chursachsen  und  dem  Konige  von  Großbritannien
  (als  Churfürst  von  Hannover)  einen  Bund.  Nachdem
  Carl  XII.  die  preussischen  Besatzungen  aus  Wolgast
und  der  Insel  Usedom  verjagt  hatte,  belagerten  die  Verbündeten
  Stralsund,  welches  Carl  selbst  vertheidigte.  Aber  die
Erfahrenheit  des  sächsischen  Generals  Wackerbarth,  welcher
das  Unternehmen  anföhrte,  brachte  Stralsund,  nach  tapferem
  Widerstande,  am  23.  Decbr.  1715  zur  Capitulation.
Die  game  Besatzung  wurde  zu  Kriegsgefangenen  gemacht,
jedoch  mit  der  Bedingung,  daß  1000  Mann  eingeborener
Schweden  nebst  120  Offizieren  nach  vier  Monaten  in  ihr
Vaterland  zurückkehren  dürften.  Carl  XII.  hatte  schon  zwei
Tage  vor  der  Capitulation,  Stralsund  verlassen  und  sich  unter
  vielfachen  Gefahren  nach  Schonen  geflüchtet.  Der  Anschluß
  des  Churfürsten  August  an  die  Sache  Preussens,  diesmal
  allerdings  nicht  die  gerechteste,  hat  mehrseitige  Mißbilligung
  gefunden.  Allein  wenn  man  bedenkt,  wie  ungeheuer
seine  Länder  unter  Carl's  Härte  gelitten,  wie  dieser  ihn  persônlich
  auf  eben  so  unzarte  als  ungerechte  Weise  gekränkt
und  gedemöthigt,  so  kann  man  gerade  diese  Bereitwilligkeit

1714

1715
        <pb n="416" />
        376  Friedrich  August  J.

August's  —  sich  einer  Fehde  gegen  Carl,  deren  Recht
oder  Unrecht  ein  Anderer  (naͤmlich  Preussen)  zu  vertreten
hatte,  anzuschließen  —  nicht  eben  verdammenswerth
finden.  Wie  dem  auch  sey,  so  wurde  er  für  seine  thätige
Mitwirkung,  von  Preussen  unter  allen  Begriffen  niedrig
belohnt.

Ueblere  Aussichten  erdffneten  sich  für  August  durch  die
zweideutigen  Gesinnungen  des  russischen  Zaars,  welcher,  nicht
eben  zu  Gunsten  August's,  in  geheime  Friedensunterhandlungen
  mit  dem  Könige  von  Schweden  zu  treten  begann  und
fuͤr  das  schon  so  gequälte  Sachsen  neue  Besorgnisse  aufsteigen
  ließ.  Die  verhängnißvolle  Kugel,  welche  am  11.  Decbr.

1718  1718  in  den  Laufgräben  vor  Friedrichshall  Carl's  XII.  unruhigen
  Kopf  durchbohrte  und  seinem  Leben  ein  so  gewaltsam
  schnelles  Ende  machte,  brach  auch  diese  Projecte  ab
und  nahm  aus  August's  Laufbahn  das  größte  Hemmniß
hinweg,  gegen  welches  die  Halbkraft  dieses  Fürsten  immer
vergebens  gerungen  haben  würde.  Aber  auch  die  Welt  überhaupt
  durfte  Carl's  blutigen  Untergang  nicht  beklagen.  Durch
eine  ungezähmte,  von  keiner  höhern  menschlichen  Empfin—
dung,  als  der  rauhen  Lust  am  Kriege,  beherrschte  Kraft  einmal
  aus  den  natürlichen  Schranken  gerissen,  zerrte  er  sich
selbst  in  planloser  Irre  umher.  Sein  trobiges  Ausharren
im  Kampfe  ohne  Aussicht  bessern  Erfolges,  zeugt  weniger
von  der  Beharrlichkeit  cines  Helden,  als  von  der  tollen
Hartnäckigkeit  eines  Schlägers,  der  lieber  das  ihm  Gebliebene
  zertrümmert,  als  das  bereits  Verlorene  aufgiebt.  Daß
er  —  bei  besserm  Uebergewichte  der  regolnden  Vernunft  vor
der  rohen  Kraft  —  eben  so  wichtig  und  segenreich  auf  seine
Zeit  hätte  einwirken  können,  als  er  Andern,  vor  allen  aber
sich  selbst  verderblich  zu  werden  den  Muth  besaß,  darf  Niemand
  bestreiten.  Besonders  wäre  er  der  Mann  gewesen,
über  dem  Gleichgewicht  von  Europa  zu  wachen,  welches  auf
einer  Seite  Rußland's  wachsende  Macht  und  die  Klugheit
seines  Zaars,  auf  der  andern  Preussens  Habgier  zu  erschüttern
  drohten.  Ueber  seinen  Tod,  wie  über  den  seines  großen
  Ahnherrn,  Gustav  Adolf,  schwebt  noch  immer  ein  ge-
        <pb n="417" />
        Friedrich  August  J.  377

heimnißvolles  Dunkel,  ob  das  Rohr  eines  offnen  Feindes,
oder  der  Meuchelmord  von  Freundesseite  die  ködtenden  Kugeln
ihnen  zuführte,  die  beide  in  Deutschlands  Schicksal  so  überraschend
  eingriffen.

Die  Schwester  und  Nachfolgerin  Carl's  XII.,  Ulrike,
war  auf  keine  Weise  geneigt,  in  die  Gesinnungen  ihres  Bruders
  einzugehen,  geschweige  denn  seine  Pane  aufzunehmen
und  weiterzuführen.  Vielmehr  strebte  sie,  sich,  so  viel  moglich,
  mit  ihren  Feinden  zu  vergleichen,  und  so  schloß  im
December  1719  sie  auch  mit  dem  nach  Stockholm  gesendeten
  Beauftragten  des  Churfürsten  von  Sachsen,  dem  General
  Poniatowsky,  einen  geheimen,  mit  einem  Waffenstillstand
verbundenen  Präliminarvertrag,  der  als  Grundlage  des  künftigen
  Friedens  angesehen  wurde.  Sie  entsagten  darin  beiderseits
  ihren  Ansprüchen,  bestätigten  den  Frieden  von  Oliva,
versprachen  die  Freiheit  Polens  schutzen  zu  helfen  und  der
umgreifenden  Macht  des  Zaars,  die  besonders  der  Churfürst
nicht  mit  den  günstigsten  Augen  ansah,  nothwendige  Schranken
  zu  setzen;  August  wurde  von  Schweden  als  rechtmaßiger
König  Polens  anerkannt,  mußte  jedoch  an  Stanislaus  eine  Million
  Thaler  zahlen  und  dieser  durfte  den  Königstitel  fortführen.
Dieser  Vertrag  war  im  Ganzen  für  beide  Theile  so  annehmbar
  und  diese  waren  auch  so  wenig  geneigt,  denselben  zu
kürzen  oder  zu  überschreiten,  daß  man  erst  nach  zehn  Jahren
(1729)  ihn  in  einen  förmlichen  Frieden  verwandelte,  den
(1731  und  1732.)  die  beiderseitigen  Reichsstände  zu  Stockholm
  und  zu  Warschau  bestätigten.

August  durfte  um  so  froher  seyn,  durch  diesen  Vertrag
endlich  einmal  nach  aussen  Frieden  zu  erhalten,  da  er  ohnedies
  im  Innern  seines  neuerworbenen  Reiches,  Polen,  mit
häufigen  Unruhen  zu  kämpfen  hatte.  So  hatten  sich,  noch
während  des  schwedischen  Krieges,  in  Polen  Unruhen  entsponnen,
  die  darin  ihren  Grund  hatten,  daß  August,  unter
dem  Vorwande  des  Krieges,  fortwährend  eine  saächsische  Armee
  in  Polen  stehen  ließ,  welche  dem  Adel  unbequem  wurde
und  die  man  der  Freiheit  des  Reiches  gefährlich  glaubte.
Am  drohendsten  traten  die  Litthauer  zu  Wilna  auf,  die  ei-1719



1715
        <pb n="418" />
        378  Friedrich  August  I.

nen  förmlichen  Bund  stifteten.  Die  Annäherung  der  Russen
machte  zwar  diesem  Aufstande  für  den  Augenblick  ein  Ende;
aber  bei  einer  Abwesenheit  des  Konigs  erneuerten  sich  diese
Unruhen  mit  verdoppelter  Kraft,  und  zu  Tarnogtod  bildete
sich  eine  Conföderation,  welchem  die  Kronarmee  zuerst  beitrat.
  Die  Folge  davon  war  ein  innerer  Krieg  zwischen
Polen  und  Sachsen.  Die  Sachsen  wurden  überall  heftig
angegriffen  und  trotz  der  tapfern  Gegenwehr,  die  sie  zeigten,
kamen  sie  doch  nicht  ohne  starke  Verluste  weg  und  der  Feldmarschall
  Flemming,  welcher  sie  commandirte,  hatte  einen
schweren  Stand.  Die  Friedensverhandlungen,  welche  im
1716  folgenden  Jahre  eingegangen  wurden,  kamen  nicht  wirklich
zu  Stande,  und  die  Verschwdrungen  breiteten  sich  immer
weiter  aus.  Die  Polen  führten  den  Krieg  nicht  nur  mit  Erbitterung,
  sondern  mit  Wuth  und  Grausamkeit,  und  August
würde  immer  mehr  in's  Gedränge  gerathen  seyn,  wenn
nicht  die  Russen  sich  ernsthaft  seiner  Sache  anzunehmen
Miene  gemacht  hätten.  Bei  Kovalew  wurden  die  Confdoderirten
  von  den  Sachsen  geschlagen,  und  hierdurch,  wie  auch
durch  die  russische  Vermittelung,  kamen  die  Friedensverhandlungen
  auf  einer  Conferenz  zu  Warschau  endlich  zu  einem
Erfolge.  Nicht  ohne  Umstände  ertheilten  die  Confdderirten
dem  Vertrage  doch  zuletzt  die  Ratificatson,  wonach  Konig
August  seine  sämmtlichen  sächsischen  Truppen  aus  Polen  wegnehmen
  und  nur  eine  Leibgarde  von  1200  Mann,  gleichviel
  aus  welchen  Landsleuten,  behalten,  allen  bisherigen  Conföderationen
  ein  Ende  gemacht  seyn  und  allgemeine  Amnestie
  walten  sollte.  Daß,  ohngeachtet  der  auf  solche  Weise
vorlaͤufig  wiederhergestellten  Ruhe,  der  Zaar  gleichwohl  noch
zwei  Jahre  hindurch  eine  russische  Armee  in  Polen  stehen
ließ,  war  dem  König  August  freilich  eine  unbequeme  Vorsicht
  und  vermehrte  das  Mißtrauen,  welches  er  überhaupt
in  den  Zaar  setzte,  der  augenscheinlich  in  den  polnischen  Häydeln
  sich  einen  wesentlichen  Einfluß  zu  gründen  strebte.  Die
nordischen  Alliirten  hatten  einander  freilich  nie  mit  besonderer
  Ehrlichkeit,  geschweige  denn  mit  Uncigennützigkeit  gedient,
Jeder  war  schon  so  oft  bereit  gewesen,  sich  auf  die  Seite
        <pb n="419" />
        Friedrich  August  I.  379

des  gemeinschaftlichen  Feindes  zu  schlagen  und  seine  Bundesgenossen
  demüthigen  zu  helfen;  daher  war  es  nicht  zum
Verwundern,  wenn  Jeder  aus  seiner  eignen  zweideutigen
Treue  auch  auf  die  ähnliche  seines  Verbündeten  schloß  und
Keiner  dem  Andern  traute,  eben  so  wenig  als  er  ihm  mit
Aufrichtigkeit  anhing.  —

Daß  bei  den  ungeheuren  Kosten,  welche  die  vielen  Kämpfe
um  die  Krone  Polens  nöthig  machten,  wie  auch  durch  August's
Prachtliebe  und  Aufwand,  die  Steuern  und  Abgaben  nicht
eben  vermindert  wurden,  sondern,  trotz  dem  ausgesaugten
Zustande  des  Landes,  noch  manchen  Zuwachs  erhielten,  war
nicht  zu  verwundern.  Dagegen  mußte  man  der  Regierung
das  Lob  zugestehen,  daß  sie  den  gesunkenen  Wohlstand  des
Landes  auf  mancherlei  Weise  wieder  zu  befördern  und  ihm
aufzubelfen  suchte.  Ein  dusserst  zweckmäßiges  Verfahren  war
es,  daß  die  Regierung  damals  die  inländischen  Manufacturen
  dadurch  zu  unterstützen  suchte,  daß  sie  selbst  zum  Absatze
  der  Fabricate  derselben  nach  Moglichkeit  beitrug,  nicht
aber  etwa  allgemeine  Bedürfnisse  aus  fremden  Ländern  bezog;
  daß  sie  ferner  ihnen  den  Einkauf  der  Materialien  erleichterte,
  indem  sie  verbot,  dieselben  ausser  Landes  zu  führen,
  und  durch  Aufnahme  fremder  geschickter  Fabricanten  die
inländischen  anzuspornen  und  zu  bilden  suchte.  Zu  Leipzig
wurden  von  ausgewanderten  Franzosen  Sammet=  und  Seidenmanufacturen
  angelegt  und  von  einigen  einheimischen  Familien,
  auf  den  Grund  früherer  Anlagen,  Gold=  und  Silberfabriken
  errichtet,  welche  durch  mehrfache  landesherrliche
Privilegien  unterstützt  wurden.  Zu  der  wichtigsten  und  für
Sachsen  segensvollsten  Fabrik  gab  die  Erfindung  des  dortigen
  Porcellans  Veranlassung.  Schon  durch  den  erfinderischen
Tzschirnhausen,  welchem  die  ersten  drei  Glatzhütten  in  Sachsen
  ihre  Entstehung  verdankten  und  der  sich  besonders  durch
seine  Brennspiegel  ein  Verdienst  erworben  hatte,  war  eine
Art  von  Porcellan  zu  Stande  gebracht  worden,  das  jedoch,
besonders  weil  es  zu  spröde  und  glasartig  war,  nicht  die
gehörige  Anwendung  fand.  Die  eigentliche  Erfindung  war
dem  dadurch  so  berühmt  gewordenen  Johann  Friedrich  Bött-
        <pb n="420" />
        380  Friebrich  August  I.

ger  vorbehalten.  Muthmaßlich  zu  Schleitz  um  das  Jahr
1682  geboren,  erlernte  er  in  Berlin  die  Apothekerkunst.  Ein
alchymistisches  Manuscript,  welches  ihm  durch  Zufall  in  die
Hände  siel,  brachte  ihn  auf  den  Gedanken  des  Goldmachens,
der  damals  so  viele  Köpfe  in  Gahrung  versetzte  und  zu  eben
so  vielen  bizarren  Versuchen,  als  Betrügereien  Veranlassung
gab.  Der  Ruf  der  Goldmacherel  hätte  ihn  beinahe  um  seine
vollige  Freiheit  gebracht  und  er  entfloh  noch  zu  rechter  Zeit
aus  Berlin  nach  Wittenberg,  wo  ihn  der  dortige  Commandant
dem  Hofe  empfahl.  Der  König  August,  der  mit  so  vieler  Fertigkeit
  (gemünztes)  Gold  zu  verarbeiten  verstand,  konnte  natürlich
  keinen  Menschen  besser  brauchen,  als  einen,  der  Gold
zu  machen  verstünde,  und  so  faßte  er  sogleich  ein  gewisses
scheues  Vertrauen  zu  Böttger.  Er  ließ  ihn  in  Dresden  unter
  trenger  Aufsicht  mehrerer  Vertrauten  Cunter  ihnen  auch
Tzschirnhausen)  seine  Versuche  anstellen.  So  ferderte  derselbe
  auch  wirklich,  freilich  nur  mittelbar,  Gold  zu  Tage,
namlich  durch  Erfindung  eines  braunrothen  Porcellanes,  welches
  schon  dem  Dschirnhausischen  an  Schönheit  und  Haltbarkeit
  uberlegen  war.  Größer  noch  war  die  Freude,  als  sich
nach  Aufflndung  der  Porcellanerde  zu  Aue  (1709)  eine  weiße
Masse  ergab.  Man  hätete  ihn  nunmehr,  als  einen  goldnen
Vogel,  mit  eben  so  viel  Anstand  als  Vorsscht;  auch  eilte
man  ihn  zu  baronisiren,  obschon  er  in  seinem  adeligen  Stande
keine,  derjenigen  ähnliche  Erfindung  weiter  machte,  die  ihm
im  bürgerlichen  Stande  gelungen  war.  Als  die  Schweden
in  Sachsen  einfielen,  versetzte  man  ihn  auf  den  Konigstein,
damst  er  dort  ungestört  und  unbelauscht  seine  Arbeiten  fortsezte.
  Aber  im  Jahre  1710  wurde  auf  der  Albrechtsburg
zu  Meißen  eine  förmliche  Fabrik  gegründet,  welche  Böttger
bis  zu  seinem  Tode  (1719)  leitete,  obschon  er  in  der  letzten
Zeit  —  wahrscheinlich  aus  Unmuth  über  seine  beschränkte
Freiheit  —  sie  sehr  vernachlässigte.

Zur  Beförderung  des  Handels  wurden  mancherlei,  zum
Theil  zweckmaßige  Schritte  gethan.  Mit  dem  Könige  von
Preussen  wurde  im  Jahr  1728  ein  Tractat  wegen  beidersei-
        <pb n="421" />
        Eriedrich  August  I.  381

tiger  Handelsfreiheit  und  Parification  der  Accisen  6)  abgeschlossen,
  der  vielen  sächsischen  Producten  wieder  eine  freie
Bahn  erdffnete  und  nicht  ohne  gute  Wirkungen  blieb,  durch
Friedrich  II.  aber  später  aufgehoben  wurde.  Eine  vom  Koͤ-nige
  1725  vorgeschlagene  Commercien-Deputation  kam  vor
der  Hand  noch  nicht  zu  Stande,  weil  die  Stände  Bedenklichkeiten
  wegen  der  dazu  ndthigen,  im  Ganzen  unbedeutenden
  Kosten  vorbrachten.  Erst  unter  August's  Nachfolger  trat
sic  in's  Leben.

Das  Münzwesen  ließ  August  eine  seiner  Hauptsorgen
seyn,  daher  während  seiner  Regierung  alle  einheimische
Muͤnzsorten  in  richtigem  Schrot  und  Korne  ausgeprägt  wurden.
  Nur  die  1702  in  Umlauf  gesetzten  Sechser,  von  dem
Volke  Scufzer  genannt,  sanken,  da  man  schnell  ihren  innern
Werth  kennen  lernte,  auf  2  Pfennige  herab,  und  die  Regierung
  selbst  bestätigte  diese  Herabsetzung.  Der  Graf  von
Beichlingen  mußte  viele  Vorwürfe  hoͤren,  daß  er  gegen  den
Willen  des  Konigs  so  viele  Exemplare  dieser  Münzsorte  in
Umlauf  gebracht  habe  und  suchte  sich,  wie  es  scheint  ohne
Erfolg,  dagegen  zu  rechtfertigen.  Diese  unbedeutende  Ausnahme
  hatte  keinen  weitern  Einfluß  auf  die  Richtigkeit  der
übrigen  Gepräge.  Große  Nachtheile  aber  entstanden  durch
den  Geldhandel  der  Kaufleute  und  durch  den  Unfug  der  sogenannten
  Kipper  und  Wipper  »*),  welche  aus  den  benach-—


—

—  ——

*)  Ein  Vorspiel  zu  dem  in  unseren  Tagen  neuentstandenen  preußisch-deutschen
  Zollverbande.  Ein  Vergkeich  zwischen  diesem  und
dem  damaligen  in  den  Verhältnissen  wie  in  den  Resultaten,
würde  gewiß  von  Interesse  seyn.

*“)  „Unter  Kippen  und  Wippen  (zwei  Ausdrücke  von  niedersächsischer
  Abkunft)  verstand  man  ursprünglich  nichts  Anderes,  als
Geld  auswiegen,  um  dann  jede  Sorte  nach  Befinden  anzuwenden.
Später  gab  man  einem  jeden  Geldgeschäfte,  sowohl  dem  erlaubten,
  als  unerlaubten,  diesen  Namen.  Kippen  bedeutet:  niederbeugen,
  Wippen  in  die  Höhe  schnellen.“  (8.  die  Beftage  zu
Klemm's  GEhronik  der  Stadt  Dresden:  „Der  Sammler,“  Nr.  2.
Dresden,  1833.)
        <pb n="422" />
        382  Friedrich  August  I.

barten  Ländern  viele  schlechtere  und  geringhaltigere  Münzsorten
  nach  Sachsen  brachten  und  die  gute  Landesmünze  ausfuͤhrten.
  Das  geschärfte  Münzmandat  vom  9.  Juli  1732
konnte  diesem  Unfuge  nicht  hinlänglich  vorbeugen;  doch  zeigten
  sich  der  König  sowohl  als  die  Stände  sehr  eifrig,  den
Ursachen  dieses  Uebels  auf  den  eigentlichen  Grund  zu  kommen.
  Auch  griff  der  König  zu  dem  von  den  Ständen  besonders
  gutgeheißenen  Mittel,  die  in  den  Grenzorten  in  Umlauf
  gesetzte  schlechte  Münze  durch  den  Münzguaradein  zu
Leipzig  gegen  gute  eintauschen  zu  lassen.

Dem  Bergbau,  ols  einem  der  hauptsüchlichsten  Erwerbsquellen
  Sachsens,  widmete  August  eine  ganz  besondere  Aufmerksamkeit.
  Er  erließ  ein  umfassendes  Gesetz  zu  Abstellung
der  in  Bergwerkssachen  bisher  wahrgenommenen  Mängel,
und  bestimmte  Vorschriften  uber  das  Verfahren  in  dahin  gehèrigen
  Streitigkeiten.  Aeußerst  verdient  machte  er  sich  durch
Geündung  der  General-Schmelzadminsstration  zu  Freiberg.
Dem  drohenden  Holzmangel  zu  begegnen,  erließ  er,  im  Einverständniß
  mit  den  Ständen,  eine  sehr  anwendbare  Vorschrift
  wegen  Pflanzung  und  Pfropfung,  wie  auch  Veredlung
fruchtbarer  und  anderer  Bäume,  welche  leider  nur  zu  hausig
  und  zu  früh  weniger  beachtet  wurde,  als  sie  es  verdient
hätte.

Nicht  minder  erfuhr  unter  August's  Regierung  das  Postwesen,
  dieser  so  hochwichtige  Gegenstand,  manche  zweckdienliche
  Veränderung.  Es  wurden  viele  neue  Posten  angelegt
und  dadurch  das  Ganze  immer  mehr  ausgebildet  und  vervollkommnet.
  Der  Hauptreceß  vom  15.  Januar  1703  beseitigte
  die  bisher  durch  Collisionen  mit  den  Reichsposten  entstandenen
  Irrungen.  Der  General  Flemming  verkaufte  seine,
unter  dem  Titel  eines  Erbpostmeisters  bisher  behaupteten
Rechte,  für  20,000  Thaler  an  den  Konig,  und  das  ganze  sächsische
  Postwesen  ward  nunmehr  von  dem  bicherigen  Leipziger
Postmeister  Kees  auf  12  Jahre  für  200,000  Thaler  wiederkäuflich
  übernommen;  doch  kam  es  noch  vor  Ablauf  dieser
        <pb n="423" />
        Friedrich  August  J.  383

Frist  unter  die  Administration  der  Kammer  zuruͤck.  Auch
wurde,  hauptsaͤchlich  zum  Behuf  des  Postwesens,  durch  den
beruͤhmten  Geographen,  M.  Zuͤrner,  auf  koͤniglichen  Befehl
1721  eine  Ausmessung  des  ganzen  Landes  vorgenommen  und
im  naͤchsten  Jahre  (1722)  uͤberall  steinerne  Meilensaͤulen  an
die  Landstraßen  gesetzt.

Es  leidet  keinen  Zweifel,  daß  —  bei  allen  Nachtheilen,
welche  August's  Prachtliebe  und  Glanzbegierde  in  das  Fi—
nanzsystem  seiner  Erblande  brachte  —  durch  diesen  Aufwand
auch  wiederum  viel  fuͤr  Kunst  und  Gewerbe  gethan  wurde
und  vieles  Geld  in  Umlauf  kam.  August  war  großmuͤthig
und  freigebig;  er  wollte  nicht,  daß  sein  Hausbedarf  nach
der  Methode  hungernder  Finanzrechenmeister  angeschlagen  und
an  den  Fingern  nachgczählt  werde,  noch  daß  die  Hofwirth—
schaft  allenthalben  das  Ersparungssystem  an  der  Stirn  trage
und  die  Beduͤrfnisse  seines  Hauses  groschenweise  aus  der
Krambude  herbeigeschafft  wuͤrden.  Er  wollte  ein  Koͤnig  seyn,
und  kein  Hungerleider,  ein  Lebemann,  und  keine  Betschwester,
  sein  Hof  sollte  Chevaliers  erziehen,  aber  keine  Gecken.

Wie  sehr  jedoch  auch  einzelne  Stände  bei  diesem  Aufwande
  gewannen  und  besonders  des  Kènigs  Günstlinge  —
die  gewöhnlich  mehr  durch  schlaue  Unterstützung  seiner  zahlreichen
  Liebesintrigven,  als  durch  wesentliche  Verdienste,  dazu
geworden  waren  —  reich  durch  seine  Großmuth  wurden,  so
darf  doch  der  unermeßliche  Nachtheil,  der  daraus  erwuchs
und  das  Land  noch  für  lange  spätere  Zeiten  in  Schulden
brachte,  nicht  verschwiegen  werden.  Jedenfalls  stand  sein
Aufwand  mit  den  productiven  Kräften  und  den  Erwerbsquellen
  seines  Landes  durchaus  in  keinem  Verhältnisse.  Die
unselige  fire  Idee,  nach  Ludwig  XIV.  —  den  er  für  einen
wahren  Koönig  hielt,  weil  alle  Cabalen,  Ausschweifungen
und  Verbrechen  eines  Hofes  sich  in  dessen  Person  vereinigten
—  sich  zu  bilden  und  es  demselben  an  Pracht,  Galanterie
und  angeblicher  Ritterlichkeit  gleichzuthun,  gab  seinem  gan-
        <pb n="424" />
        384  Friedrich  August  J.

zen  Leben  eine  verkehrte  Richtung.  Allerdings  mochte  der
Hof  Ludwig's  XIV.  —  welchem  Monarchen  der  Witz  nicht
mit  Unrecht  nachruͤhmte:  daß  er  Geist  genug  besitze,  um  aus
ihm  sechs  Schelme  und  nebenbei  einige  Dutzend  ehrlicher
Leute  zu  bilden  —  mit  seinen  Festen,  Abentheuern,  Intriguen
  und  Schönheiten  viel  Anziehendes  für  August's  jugendliche,
  uberhaupt  uppige  Einbildungskraft  gehabt  haben,  da
er  ihn  noch  als  Prinz  besuchte.  Dennoch  war  er  —  in  vielfacher
  Hinsicht  zu  seiner  Ehre  —  nicht  der  Mann,  um  mit
Ludwig  XIV.  nach  seiner  Weise  in  die  Schranken  zu  treten.
  Es  fehlte  August  keinesweges  an  Witz,  an  Feinheit
und  Lebhaftigkeit  des  Geistes  und  Rundung  der  Manieren;
aber  den  durchdringend  feinen,  imposant-ironischen  Geist  des
Franzosen,  dessen  scherzende  und  bezaubernde  Gewissenlosigkeit
  konnte  er  nicht  erschwingen.  Hierzu  hatte  August  doch
noch  zu  viel  deutsche  Geradheit  und  selbst  zu  viel  Gemuth,  obschon
  dasselbe  sich  mit  einer  tüchtigen  Anlage  zu  Despotismus
  vertragen  mußte.  So  kam  es,  daß  er  seine  gesuchte
Aehnlichkeit  mit  Ludwig  mehr  nur  auf  dusseren  Pomp  beschränken
  mußte.  Doch  war  ihm  hierin  Geschmack  und  finnige
  Wahl  nicht  abzusprechen,  und  sein  Witz  wußte  selbst
den  todten  Edelsteinen  und  Juwelen,  mit  denen  er  sich  gern
in  verschwenderischer  Ueberfülle  umgab,  Leben  und  Bedeutung
  einzuhauchen.  In  Crfindung  sinnreicher  Feste  und  Aufzüge
  that  es  ihm  Keiner  zuvor.  Aber  auch  herrliche  Gebäude
und  Lusischlösser,  noch  jetzt  die  Zierde  und  der  Stolz  unsers
Vaterlandes,  namentlich  der  Residenz,  stiegen  unter  seinen
Auspicien  empor.  Man  denke  nur  an  die  herrliche  Frauenkirche
  (nach  dem  Muster  der  Peterskirche  zu  Rom  erbaut  von
Bähr),  an  das  Prinzenhaus,  das  wegen  Baufüälligkeit  jetzt
nur  wenig  mehr  benutzte  große  Opernhaus,  das  Palais  im
großen  Garten,  besonders  aber  an  den,  in  einem  höchst  eigenthümlichen,
  theils  bizarren,  theils  großartigen  Geschmacke
erbaueten  Zwinger,  welcher  den  Vorhof  zu  einer  neuen  prachtvollen
  Winterresidenz,  die  jedoch  unerbaut  blieb,  bilden  sollte.
Das  schöne  japanische  Palais  in  der  Neustadt  —  vorher  Altdres-
        <pb n="425" />
        Friedrich  August  I.  385

den  genannt  —  muß  hier  auch  in  Erwähnung  kommen.
Das  vom  Grafen  von  Wackerbart  zum  Behuf  einer  Ritteracademie
  erbaute  Palais  wurde  für  200,000  Thaler  von
dem  Könige  gekauft  und  mit  dem  Cadettenhause  vereinigt.
Die  Unterstützung,  welche  er  hierbei  von  Seiten  der  Stände
  haben  sollte,  blieb  aus,  wie  denn  überhaupt  diese
mit  ihrer  kalten  berechnenden  Prosa  sehr  oft  unbehaglich
in  die  glänzenden  Träume  seines  heißen  Gehirns  hineingriffen.


Wie  freigebig  er  sich  auch  den  Künftlern  erwies,  die
seinem  verwöhnten  plastischen  Sinne  durch  erfinderische  Neuheit
  eine  Spannung  zu  geben  verstanden,  oder  ihm  seine
Maitressen  in  üppigen,  durch  ideale  Reize  verlockenden  Stellungen
  darzustellen  wußten,  so  that  er  für  Wissenschaft
und  Gelehrsamkeit  wiederum  weniger,  aufser  wenn  sie  dazu
dienten,  ihm  unmittelbar  zu  schmeicheln,  oder  ihn  zu  verherrlichen.
  Am  meisten  haben  ihm  die  öffentlichen  Kunstsammlungen
  zu  danken,  die  er  durch  allerhand  kostspielige
  Einkäufe  mit  Seltenheiten  und  Prachtstücken  dergestalt
überhäufte,  daß  Dresden  in  dieser  Hinsicht  einen  Vorzug
vor  allen,  selbst  den  großten  Städten  Deutschlands  behauptet.
  Man  denke  nur  an  das  enorm  reiche  grüne  Gewolbe,
  die  Rüstkammer,  die  Bildergallerse  2c.  Freilich  bewog
  ihn  seine  Eitelkeit,  auch  diesen  Sammlungen  immer
sich  selbst  und  seine  persdnliche  Erscheinung  in  allerlei  Abwechselungen
  aufzudrängen.  Besonders  ist  die  Rästkammer
angefüllt  mit  seinen  eignen  Armaturen,  Festgeprängen,  Masken
  u.  s.  w.

Zwar  wurden  bei  diesen  Einkäufen  ungeheure  Summen
an  das  Ausland  vergeudet,  doch  brachten  seine  Baue,  seine
Feste  und  Garderoben  auch  stinen  Unterthanen  theils  Genuß,
  theils  Verdienst  und  Lohn,  zumal  August's  Pracht
auch  noch  viele  reiche  Fremde  in  das  Land  zog,  und  so  aus
diesem  Grunde  mochte  ihm  sein  Land  manchen  Aufwand

bereitwilliger  vergeben,  indem  dadurch  allerdings  das  Geld
IX.  Heft.  265
        <pb n="426" />
        386  Zriedrich  Auguf  1.

in  fortwährenden  ledhaften  Umlaufe  erhalten  und  jeder
Stockung  der  ernährenden  Kräfte  vorgebeugt  wurde.

Schwerern  Vorwurf  moͤgen  ihm  die  unberechbaren  Summen
  bringen,  welche  ihm  seine  Maitressen  und  deren  Kinder
  kosteten.  Die  berüchtigte  Kosel  allein  soll  zwanzig  Mil.
lionen  geschluckt  haben!  Eine  fürchterliche  Fürstenfreigebig-=keit
  in  einem  Lande,  welches  der  Krieg  —  cinc  auöschließliche
  Schuld  dieses  Fürsten  —  unendlich  elend  gemacht  hatte,
  in  dessen  Provinzen  vollkommene  Hungersnoth  wüthete,
während  der  Fürst  Millionen  spielend  in  die  Luft  streute!
Man  muß  um  so  mehr  beklagen,  daß  August,  bei  seinem
fortgesetzten  eifrigen  Bemühen,  Sachsen  zu  einem  Glanze  zu
erheben,  welchem  zu  behaupten  dem  Lande  wohl  die  nöthige
innere  Stärke  fehle,  sein  Leben  diesem,  vom  Glück  ungekrönten
  Streben  weihte  und  dadurch  sich  manchem  gediegenerm
und  muthmaßlich  ersprießlicherm  Wirken  entzog.

Daß  diese  fortwährenden  Liebes=  und  Luxusgedanken,
die  ihn  beschäftigten,  ihn  von  manchem  ernsteren  Gegenstande
  abziehen  mochten,  läßt  sich  erwarten.  Mehrfache  andere
  Pläne  und  Entwürfe  zu  vielleicht  zweckdienlichen  Einrichtungen
  wurden  ihm  durch  die  beständigen  Sorgen  verleidet,
  welche  ihm  die  polnischen  Angelegenheiten  machten.
Denn  in  diesem  Lande  glomm  es  unaufhörlich  unter  der
Asche,  und  wöhrend  seiner  ganzen  Regierung  gab  es  keinen
Augenblick  aufrichtiger  Nuhe.  Besonders  wachte  die  polnische
Nation  eifersüchtig  über  jeden  Schein  einer  umgreifenden
Macht  des  Königs  und  glaubte  durch  jede,  einigermaßen
energische  Maßregel  desselben  seine  Nationalfreiheit  bedroht;
aber  in  jedem  Falle  würde  der  polnischen  Nation  einc  uneingeschränktere
  Macht  ihres  Konigs  von  heilsamen  Einfluß
gewesen  und  dadurch  die  steten  innern  Parteiungen  und  der
Uebermuth  der  Reicheren  und  Mächtigeren  vor  den  Aermeren,
zweckmägtig  niedergedrückt  worden  seyn.  Auch  fürchtete  sie
immer,  daß  er  die  polmsche  Königswürde  erblich  zu  machen
        <pb n="427" />
        Zriedrich  August  I.  38-beabsichtige,

  eine  Besorgniß,  die  freilich  August's  Erblanden
—  welche  unter  der  polnischen  Erwerbung  nur  Krieg  und
Nachtheil  erworben  hatten  —  mehr  zustand,  als  der  polnischen
  Nation.  August  hatte  in  diesem  Polen  einen  wirklichen
  Fcuerbrand  cingefangen;  die  steten  Reibungen,  welche
diese  launische,  eifersüchtige  und  argwöhnliche  Nation  veranlaßte,
  ließen  ihn  nie  zur  Ruhe  kommen,  und  nur  ein
nicht  immer  wohl  angebrachtes  Streben  nach  Glanz  konnte
ihn  veranlassen,  diese  Krone  so  krampfhaft  fest  zu  halten,
die  er  eigentlich  nie  so  recht  besaß,  sondern  gleichsam  nur
im  immerwährenden  Fluge  faßte.  Der  Argwohn,  mit  welchem
  die  Polen  jede  seiner  Einrichtungen  ansahen,  verursachte,
  daß  er  ihrem  Lande  auch  gar  nicht  wesentlich  nüten
konnte.  Er  mußte,  um  nicht  auf  einmal  mit  ihnen  zu  zerfallen,
  sich  sogar  zu  Schritten  bequemen,  welche  mit  seinen
Gefühlen  und  Empfindungen  oft  im  entschiedenen  Widerspruche
  standen.  Ein  grellcs  Beispiel  hiervon  lieferte  der
berüchtigte  Proceß  zu  Thorn.  Als  nämlich  am  16.  Juli
1724  daselbst  eine  katholische  Procession  stattfand,  vermaßen
  sich  einige  Jesuitenschüler,  die  Umstehenden  mit  einigem
Ungestüme  zum  Hutabnehmen  und  Niederknieen  zwingen  zu
wollen.  Darüber  kam  es  zu  Thärlichkeiten,  und  der  erhitzte
Pobel  stuͤrmte  und  verwüstete  das  Collegium  der  Jesuiten.
Diese  verklagten  sofort  den  dortigin  Magistrat,  daß  er,  aus
Gchässigkeit  gegen  den  Catholicismus,  diese  Sache  habe
leicht  hingehen  lassen,  und  August  mußte,  dem  fanatischen
polnischen  Reichstage  zu  Liebe,  die  Haupter  des  Magistrats
zum  Tode  verurtheilen,  auch  —  trotz  der  Vorbitten  der  Höfe
von  Wien,  Berlin  und  Petersburg,  ja  sogar  des  päpstlichen
Nuntius  —  diese  grausame  Strafe  an  neun  Personen  vollziehen
  lassen,  wie  gern  er  auch  milder  verfahren  wäre.  Ja
er  mußte,  weil  die  Polen  den  Kurländern  das  Wahlrecht
bestritten,  sogar  die  auf  dem  Reichstage  zu  Grodno  einstimmig
  erfolgte  Wahl  seines  natürlichen  Sohnes  Moritz,  zum
Nachfolger  Ferdinand's,  des  letzten  Herzegs  aus  dem  kettlerischen
  Stamme,  cassiren,  wje  sehr  er  auch  selbst  sie  gewünscht
  hatte.
25  *
        <pb n="428" />
        388  Friedrich  August  I.

Der  Uebertritt  August's  zum  katholischen  Glauben  hatte
ihn  —  aus  Gründen,  die  wohl  für  einen  Jeden  nicht  schwer
zu  erklären  seyn  mochten  —  keinesweges  fanatisch  gestimmt.
Dennoch  zeigten  sich  von  da  an  häufige  Spaltungen  zwischen
  Protestanten  und  Katholiken,  welche  Letteren  vielleicht
durch  den  Uebertritt  ihres  Fürsten  ein  gewisses  Uebergewicht
gewonnen  zu  haben  glaubten.  Wie  dies  selbst  in  neuesier
Jeit  noch  so  beklagenswerth  geschehen  ist,  so  machten  auch
damals  manche  evangelische  Geistliche  ihrem  Unmuthe  auf
offener  Kanzel  Luft,  und  einer  derselben,  nämlich  der  Archidiacon
  an  der  Dreödner  Kreuzkirche,  M.  Hahn,  welcher  eine
große  Popularität  für  sich  hatte,  wendete  dieselbe  zu  heftigen
  Ausfällen  gegen  die  katholische  Religion  an.  Dies  veranlaßte
  einen,  früher  durch  Hahn  zur  evangelischen  Kirche
übergetretenen,  dann  aber  heimlich  wieder  katholisch  gewordenen
  Schloßtrabanten,  Franz  Laubler?),  den  kühnen  Prediger,
  der  auch  in  weltlicher  Hinsicht  sein  Wohlthäter  geworden
  war,  am  21.  Mai  1726  mit  sechs  Messerstichen  zu
ermorden.  Der  Bösewicht  hatte  auch  Nägel  bei  sich  gehabt,
um  sein  Opfer  förmlich  zu  kreuzigen,  wozu  ihm  jedoch  nicht
die  Zeit  blieb.  Diese  freche  Unthat  hatte  einen  Auflauf  des
Pöbels  zur  Folge,  der  nur  durch  eingerücktes  Milltair  und
durch  die  ausgesprochene  Versicherung,  daß  der  Mörder,
dessen  man  schnell  habhaft  geworden,  harter  Strafe  nicht
entgehen  werde.  Wirklich  wurde  derselbe  auf  offenem  Markte
gerädert  und  erlitt  seinen  gräßlichen  Tod  mit  fanatischer
Kaltblütigkeit.  Hahn's  Andenken  erhielt  sich,  als  das  eines
Glaubensmärtyrers,  lange  unter  dem  Volke,  und  noch  jetzt
findet  man  in  dem  Zimmer  mancher  frommen  Bürgermatrone
  die  Abbildung  der  blutigen  That.  Auch  das  Messer,
dessen  sich  der  Mörder  bediente,  und  die  Nägel,  womit  er
den  Gegenstand  seines  Hasses  kreuzigen  wollte,  sseht  man

*)  Durch  ein  Seßerversehen  hat  er  bei  Bôttiger  den  Namen:
Kaubler,  erhalten.
        <pb n="429" />
        Friedrich  August  J.  389

hin  und  wieder  noch  getren  abconterfeit.  Die  Gruft,  in
welcher  der  Ermordete  unter  großem  Leidgepränge  beigesetzt
  wurde,  befindet  sich  auf  dem  Johanniskirchhofe  zu
Dresden.

Polen,  welches  für  Sachsen  das  Grab  so  vieler  Schätze
und  Geldsummen  geworden  war,  sollte  auch  August's  J.
Grab  werden.  Er  befand  sich  (1733.)  eben  in  Warschau,
um  einen  Reichstag  zu  halten,  als  ein  aͤlterer  Schaden  am
linken  Schenkel,  der  nie  ganz  hatte  heilen  wollen,  auf—
brach  und  in  Brand  uͤberging.  Dies  machte  seinem,  von
Pracht,  Genuͤßen,  Stuͤrmen  und  Abentheuern  bunt  durchkreuzten
  Leben  am  1.  Februar,  nachdem  er  wenige  Tage
zuvor  die  Reichsversammlung  eroͤffnet  hatte,  ein  Ende.  Im
folgenden  Jahre  wurde  sein  Leichnam  zu  Cracau  beigesetzt;
nach  Sachsen  kam  nur  sein  Herz  in  silberner  Kapsel.

Seine  Gemahlin,  Christiane  Eberhardine,  die  sich,  ihrer
  Irdmmigkeit  wegen,  den  Namen  der  „Betsäule  von
Sachsen“  (jedoch  durchaus  ohne  spöttische  Beimischung)
erworben  hatte,  war  ihm  schen  vor  mehrern  Jahren  im
Tode  vorangegangen.  Mehrfache,  den  Frieden  ihrer  Ehe
trübende  Verhältnisse  hatte  sie  anfangs  mit  Leidenschaftlichkeit
  wahrgenommen,  dann  aber  mit  stiller  Ergebung  ertragen.
  Doch  hatte  sie  sich  dadurch  bewogen  gefunden,  sich
von  ihrem  Gemahle,  wie  von  dem  Treiben  der  großen  Welt
mdglichst  zurückzuziehen,  daher  sie  sich  meist  zu  Torgau  oder
Pretsch  aufzuhalten  pflegte.  Nach  Polen  war  sie  nie  gekommen;
  sie  hatte  dieses  Land  aus  Ursachen,  welche  ihr
Leben  sehr  nahe  berührten,  und  wegen  sonstiger  mit  dessen
Erwerbung  verbundenen  Nachtheile  nicht  eben  lieben  gelernt,
und  war  ihm  durch  die  freilich  unerfüllt  gebliebene  Forderung
  der  Polen,  daß  auch  sie,  als  die  Gemahlin  des  Koͤnigs,
ihren  Glauben  ändern  sollte,  noch  fremder  geworden.  Sie
hatte  ihrem  Gemahle  einen  einzigen  Prinzen,  Friedrich  August
  II.,  geboren,  seinen  Nachfolger  in  der  Chur  und  wenig
  später  auch  auf  dem  polnischen  Throne.  Desto  mehr

1733
        <pb n="430" />
        390  Frledrich  Augus  I.

hinterließ  August  I.  von  seinen  Maitressen  und  beildufigen
Abentheuern,  natürliche  Söhne  und  Tochter,  die  er  meistens
noch  bei  seinen  Lebzeiten  mit  vöäterlicher  Freigebigkeit  beschenkt
  und  zu  Würden  oder  zu  glänzenden  Heirathen  befördert
  hatte").

—

*)  Die  zu  Augusts  I.  Zeit  in  den  herzogl.  sächsischen  Nebenlinien
vorgegangenen  Veränderungen  und  Irrungen  glaubt  man  um  so
unbedenklicher  übergehen  zu  dürfen,  se  weniger  sie  in  das  innere
Volksleben  Sachsens  eingreifen.
        <pb n="431" />
        Zweite  Abtheilung.

Vom  Regierungsantritte  Friedrich  Augu'sts  II.  bis
zum  Dresdner  Frieden.

Die  Polen  hatten  mit  ihrem  Argwohne,  daß  August  J.
die  Nachfolge  auf  dem  Throne  ihres  Landes  erblich  zu  machen
  strebe,  allerdings  nicht  so  unrecht  gehabt;  denn  derselbe
hatte  unter  der  Hand  vielfache  Schritte  gethan,  um  seinen
Sohn  zu  seinem  Nachfolger  zu  machen,  jedoch  ohne  Erfolg.
Was  Letzteren  anlangte,  der  als  Friedrich  August  II.  seinem
  Vater  in  der  Chur  Sachsen  folgte,  so  würde  dieser,
bei  seinem  ruhigen  und  gleichgültigen  Sinne,  schwerlich  sehr
eifrige  Jagd  auf  die  polnische  Krone  gemacht  haben,  wäre
er  nicht  durch  Minister  und  Räthe,  denen  er  sich  leider  mit
zu  unbedingter  Hingebung  anvertraute,  gedrängt  worden,
die  Plane  seines  Vaters  zu  verfolgen.  Er  hatte,  auf  Veranlassung
  und  nach  dem  Beispiele  seines  Vaters,  noch  als
Churprinz,  und  zwar,  bei  Gelegenheit  einer  Reise  nach  Italien,
  schon  1711  zu  Bologna,  den  Uebertritt  zur  katholischen
Religion  gethan.  Doch  wurde  —  aus  Gründen,  die  nicht
bekannt  worden  sind  —  dieser  Schritt  sechs  Jahre  lang  verheimlicht,
  und  erst  1717,  als  er  um  die  Exrzherzogin  Maria
Josepha,  Tochter  des  Kaisers  Joseph  II.,  warb  (mit  welcher

1711

ITY
        <pb n="432" />
        392  Friedrich  August  II.

er  sich  im  August  1719  auch  wirklich  vermählte)  öffentlich  bekannt
gemacht.  Hatte  man  schon  bei  dem  Uebertritte  seines  Vaters
  ernsthaft  die  Frage  in  Anregung  gebracht:  —  ob,  nach
diesem  Vorfalle,  Chursachsen  das  Directorium  des  evangelischen
  Religionsantheils  fortführen  könne,  oder  ob  dasselbe  einem
  andern,  protestantischen  Reichsstande  übertragen  werden
müsse?  —  so  ward,  bei  August's  II.  gleichem  Religionswech--sel,
  diese  Frage  nunmehr  mit  größerer  Heftigkeit  wieder  aufgenommen.
  Man  griff  sächsischer  Seits  wieder  zu  derselben
Ausflucht,  die  schon  August  I.  gebraucht  hatte:  ndmlich  daß
die  Sache  nur  eine  persönliche  sey  und  daher  auf  die  dffentlichen
  Angelegenheiten  ohne  allen  Einfluß  bleibe.  Zugleich
erließ  das  Chursächsische  Ministerium  ein  Schreiben  an  die
evangelischen  Reichsstände,  in  welchem  es  alle  Bedenklichkeiten
  gegen  die  Fortdauer  des  sächsischen  Directoriums  niederzuschlagen
  suchte,  und  endlich  erklärte  der  Kdnig  selbst  auf
dem  Reichstage  (Mai  1718)  durch  seinen  Comitialgesandten:
  daß  die  evangelische  Religion  auf  die  namliche  Weise,
wie  bisher,  in  seinen  Staaten  geschützt  und  die  Chursächsische
  Stimme  auf  Reichsständischen  Versammlungen  auch
in  Zukunft  ihre  Religionseigenschaft  unverändert  behalten
solle.  Der  Herzog  von  Weimar  unterstützte  diese  Erklaͤrung
durch  die  Vorstellung:  es  werde  der  protestantischen  Kirche
selbst  am  nachtheiligsten  seyn,  wenn  man  Chursachsen  jenes
Vorrechtes  berauben  und  dadurch  gleichsam  noͤthigen  wolle,
auf  die  katholische  Seite  überzutreten.  Dies  war  freilich  ein
Schluß,  der  sich  schwerlich  mit  Erfolg  hätte  durchfähren  lassen,
  denn  wie  durch  die  beinahe  nothwendige  Rücknahme
des  evangelischen  Directoriums  von  einem  katholissch  gewordenen
  Fürsten,  der  Uebertritt  Chursachsens  auf  katholische
  Seite  bedingt  werden  sollte,  ließe  sich  schwer  erweisen.
  Auch  würde  diese  seltfame  Schlußfolge  des  Herzogs
von  Weimar  eben  so  wenig  zu  einem  Ziele  gefährt  haben,
als  die  Erklärungen  des  Königs  und  seines  Ministeriums;
hätte  man  sich  über  die  Wahl  eines  neuen  Directors  vereinigen
  können.  Die  Befsorgniß,  daß  nicht  nur  der  Ehr-
        <pb n="433" />
        Friedrich  August  II.  393

geiz  Brandenburgs,  welches  sich  am  lebhaftesten  um  dieses
Directorium  bewarb,  sondern  auch  die  von  andern  protestantischen
  Fürsten,  namentlich  Hannover,  verlangte  freie
Wahl,  Unordnungen,  ja  eine  vollige  Unthätigkeit  des  evangelischen
  Religionstheiles  verursachen  werde,  machte,  daß
das  bestrittene  Directorium  auch  ferner  bei  Chursachsen  gelassen
  und  von  diesem  bis  zu  volliger  Auflsung  der  Reichsverfassung
  fortgeführt  wurde.  Auf  dem  Landtage  vom  6.
Mai  1718  hatte  August  I.  die  seinen  sächsischen  Ständen
und  Unterthanen  schon  am  23.  October  1717  gegebene  Religionsversicherung
  noch  feierlich  wiederholt  und  erweitert  und
kurz  darauf  in  dem  Landtagsabschiede  erklärt:  daß  es  bei
dem  an  das  geheime  Concilium  zu  den  Religionsangelegenheiten
  in  =  außerhalb  dieser  Lande  im  Reich  gethanen  Auftrag
  —  sein  unabänderlich  Bewenden  haben.

So  fand  sich  August  II.  in  den  Religionsangelegenheiten
  seiner  Erblande  schon  durch  seinen  Vater  hinlänglich
vorgearbeitet  und  besonders  auch  die  Irrungen  über  das
evangelische  Directorium  berichtigt,  die  ihm  ausserdem  vielleicht
  noch  manchen  Aerger  veranlaßt  haben  würden.  Sonach
  führte  sein  Uebertritt  ihm  nicht  nur  keine  weitern  Unannehmlichkeiten
  herbei,  sondern  brachte  ihn  noch  überdies
dem  polnischen  Throne  um  einen  großen  Schritt  näher.

In  letzterer  Hinsicht  war  freilich  kein  besonderer  Vortheil
  gewonnen;  vielmehr  hatte  die  Regierung  Friedrich  August's
  I.  hinlänglich  bewiesen,  daß  der  Besitz  Polens  nur
durch  unaufhdrliche  Opfer  und  gleichsam  nur  künstlich  fortgesett
  werden  könne.  Gleichwohl  sollte  das  verlockende
Kleinod  der  polnischen  Krone  noch  geraume  Zeit  Sachsens

Kräfte  im  Schach  erhalten,  ohne  auch  nur  eine  kleine  Entschädigung
  zu  gewähren.

Die  ersten  Schritte,  welche  August  II.,  bewogen  durch
die  Vorstellungen  seiner  Räthe,  rücksichtlich  des  polnischen
Ahrones  that,  schienen  nicht  gar  bedeutende  Hoffnungen
zu  geben.  Neben  ihm  bewarb  sich  der  bisherige  Titular-1718
        <pb n="434" />
        394  Friedrich  August  II.

konig,  Stanislaus  Lesczinsky,  um  die  Krone  Polens.  Da
jedoch  dieser  der  Schwiegervater  des  Konigs  Ludwig  XV.
von  Frankreich  war  und  man  befürchten  mußte,  daß  mit
Stanislaus  sich  ein  fränkischer  Einfluß  in  die  Sache  Polens
  und  mittelbar  Deutschlands  einschleichen  werde,  so  waren
  die  andern  Staaten  seiner  Wahl  nicht  günstig,  vielmehr
hatten  sich,  kurz  vor  August's  I.  Tode,  Oesterreich,  Rußland
  und  Preußen  (im  December  1732)  in  dem  sogenannten
  Löwenwaldeschen  )  Tractate  vereinigt,  die  polnische
Wahl  auf  den  Prinzen  Emanuel  von  Portugal,  König
Johann's  V.  Bruder  henzuleiten.  Obschon  man  mit  diesem
Tractate  mehr  nur  Stanislaus  Wahl  und  Frankreich's
Einfluß  hatte  verhindern  wollen,  so  würde  dadurch  doch  ein
Schlag  auf  August's  II.  Hoffnungen  geschehen  seyn,  wenn
dieser  Tractat  bei  August's  I.  Absterben  schon  ratificirt  gewesen
  wäre.  Dies  war  glcklicher  Weise  noch  nicht  geschehen
  und  so  durfte  August,  ohne  seiner  Würde  Etwas
zu  vergeben,  diese  Staaten  um  ihre  Unterstütung  zu  seiner
Wahl  versprechen.  Mit  Oesterreich  und  Rußland  war  er
bald  im  Reinen  und  schloß  mit  Beiden  fermliche  Verträge.
1733  Der  mit  Oesterreich  (vom  16.  Juli  1733)  dehnte  sich  zu
einem  gegenseitigen  Schutzbündnisse  aus,  und  August  verpflichtete
  sich  darin  zu  der  von  seinem  Vater  jederzeit  verweigerten
  Anerkennung  und  Garantie  der  pragmattschen
Sanction,  welche  der  Kaiser  Carl  VI.  mit  dem  stärksien
Eifer  betrieb,  um  dadurch  seiner  Tochter,  Maria  Theresia,
und  deren  Nachkommen  die  Erbfolge  in  der  gesammten
österreichischen  Monarchie  zu  sichern.  Dem  Kaiser  geschah
durch  diese  von  August  zugesagte  Garantie  ein  ganz  besonderer
  Gefalle,  indem  die  Tochter  seines  Bruders  an  den
Churfürsten  verheirathet  war  und  er  daher  gerade  von
sächsischer  Seite  sich  der  größten  Ansprüche  und  Einsprüche

—

*)  Der  Name  rührte  von  dem  russischen  Oberstallmeister,  Grafen
von  Löwenwalde  her,  welcher  diesen  Tractat  zu  Berlin  mit  den

österreichischen  und  preußischen  Ministern  abschloß.
        <pb n="435" />
        Friedrich  August  II.  396

gegen  die  pragmatische  Sanction  versehen  hatte,  und  August
  war  zuvorkommend  genug,  die  pragmatische  Sanction
selbst  fuͤr  den  Fall  anzuerkennen,  wenn  er  die  polnische
Krone  auch  nicht  erlangen  sollte.  Dagegen  versprach  der
Kaiser,  den  Stanislaus  von  der  polnischen  Krone  abzuhalten
  und  dem  Churfürsten  von  Sachsen  zu  dieser  Erwerbung
so  behilflich  zu  seyn,  als  dies  nur  die  polnische  Wahlfreiheit
  und  die  Verpflichtungen  gegen  Nußland  und  Preußen
gestatteten.  —  Auch  Rußland  machte  dem  Churfürsten  keine
Schwierigkeiten,  sondern  versprach  ihm  einen  ahnlichen  Beistand,
  wie  Oesterreich,  da  der  Churfürst  der  Kaiserin  Anna
sich  ebenfalls  gefällig  zeigte,  die  Garantie  der  europäischen
Prooinzen  zusagte,  den  russischen  Kaisertitel  anerkannte,  und
in  Absicht  auf  Liefland  und  Kurland  nachgab.  Den  Beistand
  des  Kdnigs  von  Preußen  zu  erhalten  gelang  ihm
nicht,  da  dieser  persdnliche  Abneigung  gegen  ihn  hegte;  doch
wollte  sich  derselbe,  aus  mehrern  Räcksichten,  wenigstens
neutral  verhalten.  Rußland  und  Oesterreich  liessen  nunmehr
durch  ihre  Gesandten  zu  Warschau  erklären,  daß  sie  keinen
Andern,  als  den  Churfürsten  von  Sachsen  als  König  von
Polen  anerkennen  und  die  Kaiserin  von  Rußland  dessen
Wahl  mit  ganzer  Macht  unterstützen  würde.  Es  sey  dahin
gestellt,  ob  an  ein  Volk,  welchem  die  Wahlfreiheit  zugestanden
  werden  mußte,  eine  solche  Erklärung  überhaupt  zu
thun  war,  auch  würde  dieselbe,  ohne  das  Uebergewicht  der
physischen  Kräfte,  wenig  von  der  polnischen  Nation  berücksichtigt
  worden  seyn,  und  wirklich  wurde  Stanislaus,  der,
als  Kaufmann  verkleidet,  heimlich  durch  Deutschland  nach
Warschau  gekommen  war,  am  12.  September  1733  von
dem  Primas  Potocki  feierlich  zum  Könige  ausgerufen.  Dies
hatte  in  Warschau  einen  kleinen  innern  Krieg  zur  Folge,
denn  die  sächsische  Partei,  freilich  die  schwächere,  trat  sogleich
  in  ein  Bündniß  zusammen.  Sie  würde  sich  jedoch
noch  weit  weniger  haben  halten  koönnen,  als  dies  auch  so
der  Fall,  wenn  nicht  der  russische  General,  Graf  Lasch,
mit  20,000  Mann  auf  Warschau  losgerückt  wäre.  Stanislaus
  entfloh  in  dieser  Gefahr  von  Warschau  nach  Danzig,
        <pb n="436" />
        1731

396  Friedrich  August  II.

und  die  sächsische  Partei,  die  aus  funfzehn  Senatoren  und
ohngefähr  sechöhundert  Edelleuten  bestand,  wählte,  an  ihrer
Spitze  Lipsky,  der  Bischof  von  Cracau,  den  Churfürsten  unter
  dem  Namen  August  III.  zum  Könige  von  Polen.  Am
17.  Januar  des  folgenden  Jahres  fand  seine  seierliche  Krènung
  statt.

Der  Russische  Hof  ließ  sich  die  Sache  des  neuen  Polenkönigs
  sehr  angelegen  seyn.  Lascy,  welcher  seine  Armee
bis  auf  50,000  Mann  verstärkt  hatte  —  wovon  er  jedoch
einen  ansehnlichen  Theil  in  den  polnischen  Pcovinzen  zurückließ,
  um  diese  in  Nuhe  zu  erhalten  —  belagerte  Danzig,
welches  dem  Stanislaus  eine  Zuflucht  geboten  hatte.  Die
Stadt  hatte  eine  starke  Besatzung,  welche  sich  mit  Hinzurechnung
  der  bewaffneten  Bürger  auf  30,000  Mann  belief,
und  da  sie  auf  Entsatz  durch  französische  Truppen  hoffte,  so
leistete  sie  tapfern  Widerstand.  Da  aber  der  Cardinal  Fleury
wenig  für  Stanislaus  Wahl  stimmte  (obschon  dieser  der
Schwiegervater  seines  Königs  war)  so  sendete  er  nur  geringe
  Hilfe.  Die  Stadt  wurde  von  den  Russen,  zu  denen
noch  10,000  Sachsen  unter  dem  Herzog  von  Weißenfels  gestoßen
  waren,  beschossen,  Weichselmünde  crobert  und  die
Franzosen,  welche  die  russischen  Verschanzungen  angriffen,
zurückgeschlagen.  Danzig  mußte  sich  daher  ergeben,  neun
und  vierzig  polnische  Magnaten,  die  sich  darin  befanden,
unterwarfen  sich  nunmehr.  Der  Primas  Potocki  dagegen,
welcher  sich  auf  das  Hartnäckigste  weigerte,  dem  König  August
  den  Eid  der  Treue  zu  leisten,  ward  nebst  dem  franzöèsischen
  Gesandtcen,  Marquis  von  Monti,  gefangen  nach  Thorn
gebracht.  Noch  ehe  Danzig  capitulirt  hatte,  war  Stanis-=laus,
  in  der  Kleidung  eines  Bauern,  und  von  vielfachen
Gefahren  bedroht,  nach  Königsberg  entflohen  und  hatte  dort
preußischen  Schutz  gefunden.  Einzelne  Unruhen  und  Verschwörungen
  in  Polen  gegen  Kdnig  August  kamen  zu  keinem
wesentlichen  Ausbruch  und  blieben  ohne  Erfolg.  Der  König
suchte  durch  ein  Umlaufschreiben  die  ihm  feindliche  Partei
auf  andere  Gesinnungen  zu  bringen.  Dies  gelang  ihm  um
so  mehr,  da  die  Mißvergnügten  einzusehen  anfingen,  daß
        <pb n="437" />
        Friedrich  August  II.  397

Frankreich,  auf  dessen  Hilfe  sie  bei  ihrem  Widerstande  gerechnet
  hatten,  sse  im  Stiche  lasse.  Der  Pacifications-=Reichstag
  zu  Warschau  (im  Juni  1736)  trug  am  meisten  1736
zur  Beruhigung  bisher  unzufriedener  Gemüther  beiz  indem
hier  die  Bestimmung  getroffen  wurde,  daß,  wenn  nicht  die
sächsischen  Truppen,  bis  auf  12,000  Mann  Leibgarden,  binnen
  vierzig  Tagen  das  Land  räumen  würden,  dem  polnischen
Adel  freistehen  solle,  gegen  sie,  wie  als  Feinde,  aufzusitzen.
Nicht  minder  sollten  die  Russen  binnen  der  nämlichen  Frist
das  Reich  verlassen.  Noch  sicherer  nach  aussen  ward  August's
  Lage  schon  da,  als  die  Wiener  Friedens-Präliminarien
  den  von  Frankreich,  Spanien  und  Sardinien  gegen
Oesterreich  geführten  Krieg  endigten  und  er  dadurch  auch  von
jenen  Mächten  als  König  von  Polen  anerkannt  wurde.
Oesterreich  erkauste  diesen  Frieden  nicht  so  ganz  billig.  Stanislaus
  erhielt  von  Franz  von  Lothringen,  dem  Schwiegersohne
  des  Kaisers,  Bar  und  Lothringen,  auch  ward  ihm
für  die  Folge  der  Titel  eines  Königs  von  Polen  und  Großherzogs
  von  Lithauen  zugestanden,  wogegen  er  im  Januar
1736  zu  Königsberg  förmlich  auf  die  polnische  Krone  Verzicht
  leistete,  die  er  zweimal  getragen  und  zweimal  verloren
hatte.  Er  erwarb  sich,  als  nunmehriger  Herzog  von  Lothringen,
  durch  Milde  und  Gerechtigkeit  —  welche  Eigenschaften
  in  der  endlich  erlangten  Ruhe  ihn  durchgängig  bezeichneten
  —  die  Liebe  seiner  neuen  Unterthanen,  lebte  der  Wohlthätigkeit
  und  den  Wissenschaften  und  starb,  allgemein  geachtet
  und  betrauert,  erst  am  23.  Februar  1766  zu  Bonsecours
  bei  Lüneville  an  den  Brandwunden,  die  er  durch

Versengung  seiner  Kleider  und  durch  zu  spät  erschienene
Hilfe  empfangen  hatte.

Der  Wiener  Frieden  hatte  August  auf  dem  polnischen
Throne  endlich  einen  ziemlich  festen  Sitz  verliehen;  dagegen
konnte  er  ihm  leider  nicht  den  Mangel  an  Selbstständigkeit
ersetzen,  die  an  ihm,  wenigstens  in  mancher  Hinsicht  vermißt
  wurde  und  die  eigenwilligen  Ministern  ein  ziemlich
willkührliches  Spiel  gewährte,  ihn  selbst  aber  in  politische
        <pb n="438" />
        398  Friedrich  August  1I.

Frrungen  verflocht,  die  nicht  unmittelbar  von  ihm  ausgingen,
  obschon  er  eines  Theils  als  ihr  Repräsentant  gelten
mußte.  Hieraus  entstanden  für  das  Land  Nachtheile,
welche  August  nach  seinem  bessern  Willen  gern  vermieden
haͤtte,  die  aber  doch  deshalb  nicht  minder  schmerzlich  waren.
In  den  ersten  Jahren  seiner  Regierung  —  hatte  sein  früherer
  Reisebegleiter  und  späterer  Cabinetsminister,  Fürst
Sulkowsky,  den  unumschränktesten  Einfluß  auf  ihn  ausgeübt
  und  die  Regierung  mit  ihrer  vollen  Gewalt  in  den
Händen  gehabt.  Aber  bald  begann  ein  Mann  von  gleichem
  Ehrgeize  und  größerer  Schlauhelt  auf  die  Stelle  des
unumschrankten  Günstlings  Jagd  zu  machen.  Dies  war
der  in  der  Geschichte  Sachsens  ziemlich  berüchtigte  Graf
Heinrich  von  Brühl.  Es  war  kein  kleines  Unternehmen,
den  in  der  Gunst  seines  Fürsten  und  in  den  Interessen
der  Landesverwaltung  so  festgewurzelten  Sulkowöly  zu
stürzen.  Allein  theils  wurde  er  hierin  von  der  Churfürstin
selbst,  die  sich  durch  Sulkowsky's  unumschränkte  Gewalt
über  ihren  Gemahl,  beleidigt  finden  mochte,  theils  durch
den  schlauen  Pater  Quarini  unterstützt.  Da  er  gleichwohl
den  Angriff  gegen  Sulkowsky  nicht  bei  dem  Churfürsten
selbst  zu  unternehmen  wagte,  so  ließ  er  den  Schlag  von
Oesterreich  her  kommen.  Er  verrieth  daher  dem  Wiener  Hofe
einen  Plan  Sulkowsky's,  nach  welchem  August  nach  Carls
VI.  Tode  Böhmen  an  sich  reißen  sollte.  Der  ehrlichere  Sulkowöky,
  der  zu  spät  hinter  das  Gewebe  seiner  Feinde  kam,
erlag  diesen  Anschlagen,  sah  sich  gendthigt,  den  Hof  zu  verlassen
  und  ging,  mit  Beibehaltung  der  bloßen  Generalswürde,
  nach  Polen  zurück.  Brühl  stieg  nunmehr  immer  höher,
und  da  er,  neben  den  neu  ihm  gewordenen  Aemtern,  immer
  auch  noch  die  alten  behielt,  so  vereinigten  sich  endlich
alle  hohe  Staatswürden  in  seiner  Person  und  er  gewann
nicht  nur  den  mächtigsten,  sondern  auch  den  allseitigsten  Einfluß.
  Im  Jahre  1746  wurde  er  oöffentlich  zum  Premier-Minister
  ernannt,  und  daß  er,  neben  der  Befriedigung  seines
  Ehrgeizes,  auch  seine  Säckel  zu  füllen  nicht  unterließ,
zeigte  der  mehr  als  fürstliche  Aufwand,  den  er  machte,  wie
        <pb n="439" />
        Friedrich  August  II.  399

er  denn  von  seinen  Aemtern  einen  jährlichen  Gehalt  von
52,000  Thaler  und  darüber  hatte,  der  ungeheuern  Nebensporteln
  nicht  zu  gedenken,  die  er  sich  zu  verschaffen  waßte.
Trotz  seines  gewaltigen  Aufwandes,  in  welchem  er  selbst  den
Hof  des  Königs  überflügelte,  —  seine  gewöhnliche  Tafel
taug  dreißig  Schüsseln,  bei  Gastmählern  über  hundert,  dabel
hiclt  er  eine  Bedienung,  die  zahlreicher  war,  als  die  irgend
eines  regierenden  Fürsten,  und  verwendete  außerordentliche
Summen  auf  Gärten,  Bibliotheken,  Kunst=  Gemälde  =  und
Naturallensammlungen  und  Luxusartikel  aller  Gattungen  —
hinterließ  er  doch  in  Allem  noch  ein  Vermögen  von  mehr
als  anderthalb  Millionen  Thaler.  Bei  solchen  Bereicherungen
  —  neben  denen  noch  eine  Menge  Schmaroter  und
Günstlinge  ihre  Rechnung  fanden  —  mußte  freilich  das  Land
seufzen.  Allein  zu  den  Ohren  des  Churfürsten  drangen  diese
Klagen  nicht,  weil  Brühl  ihn  gehdrig  zu  verschanzen  und
nur  mit  seinen  eignen  Creaturen  zu  umgeben  verstand,  die
den  Churfürsten  in  einer  steten  Täuschung  über  den  wahren
Stand  der  Dinge  zu  erhalten  wußten.

Ohngceachtet  seiner  ausserordentlichen,  persoͤnlichen  Schmiegsamkeit
  war  Brühl  doch  den  politischen  Ansprüchen  seiner
Stellung,  zumal  in  einer  so  bedenksamen  Zeit,  keinesweges
gewachsen,  und  so  konnte  seine  Leitung  der  auswärtigen
Staatsverhältnisse  Sachsens  keinesweges  das  gut  machen,
was  seine  Willkührlichkeit  und  Habsucht  gegen  das  Vaterland
  selbst  verschuldeten.

Am  20.  October  1740  starb  der  Kaiser  Carl  VI.  —  Kraft  1740
der  von  ihm  unter  so  vielen  Anstrengungen  errichteten,  von
mehreren  europaͤischen  Maͤchten  garantirten  pragmatischen
Sanetion,  nahm  seine  Tochter,  Maria  Theresia,  die  gesammten
  österreichischen  Erblande  in  Besitz.  Sie  wurde  von  den
meisten  deutschen  und  auswaͤrtigen  Hoͤfen,  selbst  von  dem
Oesterreich  so  wenig  befreundeten  Frankreich,  anerkannt;  nur
der  eben  erst  zur  Regierung  gekommene  König  Friedrich  II.
von  Preußen  erhob  Ansprüche  auf  die  schleslschen  Herzogthemer
  Jägerndorf,  Liegnitz,  Brieg  und  Wehlau,  zu  deron  Unterstützung
  er  ohne  Weiteres  in  Schlesien  einffel.  Noch  gre-
        <pb n="440" />
        1711

400  Friedrich  August  LI.

ßer  waren  die  Ansprüche  des  Churfürsten  Carl  Albrecht  von
Balern,  der  geradezu  die  Erbfolge  in  der  ganzen  österreichischen
  Monarchie  für  sich  begehrte,  welche  Forderung  er  nicht
nur  auf  die  Gerechtsame  seiner  Gemahlin,  einer  jungern  Tochter
  Kaiser  Josephs  I.,  sondern  auch  besonders  auf  seine  eigne
Abstammung  von  Kaiser  Ferdinands  I.  altester  Tochter  Anna
gründete,  welche  sich  und  ihren  Nachkommen,  im  Fall  des
Aussterbens  des  österreichischen  Mannsstammes,  das  Erbrecht
  vorbehalten  hatte.

Brühl  schien  für  Chursachsen  anfänglich  mit  Ehrlichkeit
gegen  Oesterreich  handeln  zu  wollen,  und  schloß  sogar  am
20.  October  einen  Bund  mit  Rußland  zu  Unterstützung  der
von  mehreren  Seiten  bedrohten  pragmatischen  Sanction.
Als  aber  Maria  Theresia's  Sache  sich  immer  trüber  gestaltete,
  als  Carl  Albrecht,  mit  Spanien  und  Frankreich  verbündet,
  an  der  Spitze  eines  franzdsischen  und  baierschen
Heeres  sich  Oesterreichs  bemächtigte  und  sich  von  den  dasigen
  Ständen  als  Erzherzog  von  Oesterreich  huldigen  ließ,
als  Maria  Theresia  —  welcher  ihr  Vater  weder  Geld  noch
Truppen  hatte  hinterlassen  konnen  —  auch  ihren  letzten
Bundesgenossen,  den  König  von  Großbrittanien  verlor;  anderte
  sich  auch  Brühls  Politik  und  er  mochte  glauben,  daß
—  da  Maria  Theresia's  Sache  ohnedies  eine  im  voraus
verlorene  sey  —  Sachsen,  statt  den  gegen  Oesterreich  kriegführenden
  Mächten  ihren  Naub  allein  zu  überlassen,  doch
lieber  auch  einen  Antheil  daran  suchen  dürfe.  So  trat  August
  III.  am  19.  September  1741  zu  Nymphenburg  mit
Baiern  und  Frankreich  gegen  Maria  Theresia  zusammen,
nachdem  Brühl  durch  den  franzbsischen  Marschall  Belle-Isle
umgestimmt  worden  war  und  für  Sachsen  die  Aussicht  auf
die  Erwerbung  Mährens  und  eines  Theiles  von  Schlesien
eröffnet  bekommen  hatte.  Demnach  rückten  unter  dem  Grafen
  Rutowsky  22,000  Sachsen  in  Böhmen  ein,  welche,  vereinigt
  mit  den  Baiern,  am  26.  November  1741  Prag  eroberten.
  Um  einen  Vorwand  für  den  Bruch  mit  Oesterreich
und  des  mit  Kaiser  Carl  VI.  geschlossenen  Vertrags  war
ein  Mann,  wie  Brühl,  natürlich  nicht  verlegen.  Es  wurde
        <pb n="441" />
        Friedrich  August  II.  40

von  sächsischer  Seite  erklärt:  daß  die  pragmatische  Sanction
wegen  des  Widerspruches  der  meisten  andern  Mächte,  und
weil  Maria  Theresia  durch  Annahme  eines  Mitregenten,  ihres
  Gemahles  Franz  I.,  dieses  Erbfolgegesetz  selbst  verletzt
habe,  nicht  mehr  gültig  sey,  mithin  die  Erbfolge  der  Gemahlin
  des  Königs  von  Polen,  als  der  altesten  Tochter  von
Leopold's  I.  altestem  Sohne,  nunmehr  in  voller  Kraft  eintreten
  müsse.  Auch  suchte  August  seine  Verbindung  mit
Baiern  zu  nutzen,  um  von  demselben  die  ausdrückliche  Anerkennung
  seiner  von  Oesterreich  stets  verweigerten  Vicariatsgerichtsbarkeit
  über  Böhmen,  wie  auch  die  Abtretung  der
böhmischen  Lehnsherrlichkeit  über  die  gräflich  Reussischen
Besitzungen  zu  erhalten.  Zwar  konnte  er  sich  mit  Baiern
über  dessen  mit  Pfalz  gemeinsam  geübtes  Reichsvicariat  nicht
vereinigen;  dagegen  unterstützte  er  Carl  Albrecht  bei  dessen
Bewerbung  um  die  deutsche  Kaiserkrone  und  trug  auch
zur  diesmaligen  Ausschließung  der  böhmischen  Wahlstimme.
bei.  Beides  ging  durch,  und  am  24.  Jangar  1742  wurde
der  Churfürst  von  Baiern  wirklich,  als  Ca#  VII.,  zum
deutschen  Kaiser  gewählt.

Der  kühne  Geist  der  großen  Maria  Tcheresia  rettete  sie
aus  ihrer  gefahrvollen  Lage.  Die  von  ihr  zum  Beistande
aufgerufenen  Ungarn  drängten  sich  schützend  um  ihre  Königin,
  und  so  konnte  sie,  unterstützt  durch  großbrittannische
und  holländische  Subsidiengelder,  zwei  bedeutende  Armeen
stellen.  Der  ganze  Schauplat  erhielt  dadurch  eine  plotzliche
Veräunderung.  Die  eine  Armee,  von  dem  General  Khevenmüller
  angeführt,  reinigte  Oberbsterreich  wieder  von  den
Baiern,  während  die  andere,  unter  dem  General  Bärenklau,
in  Baiern  selbst  einfiel  und  in  kurzer  Zeit  sich  dieses  Landes
  bemächtigte.  Sachsen  nahm  an  Friedrich's  II.  Einfall
in  Mähren  zwar  einigen  Antheil,  jedoch  war  derselbe  sehr
gering,  und  im  Ganzen  blieb  es  dergestalt  bei  halben  Maßregeln
  stehen,  daß  seine  Truppen  ohne  allen  Antheil  an
den  Erfolgen  blieben.  Der  sächsische  Hof  wußte  dem  Konige
  von  Preußen  sogar  das  geforderte  Belagerungsgeschuͤtz
  vorzuenthalten,  welches  er  zu  der  beabsichtigten  Be-26



1742
        <pb n="442" />
        402  Frledrich  August  II.

lagerung  von  Brünn  nöthig  hatte.  Bei  dieser  absichtlichen
Saumseligkeit  seiner  Bundesgenossen  —  die  Franzosen  folgten
  hierin  dem  Beispiele  der  Sachsen  —  ward  die  Lage  des
siegreichen  Königs  von  Preußen  selbst  bedenklich;  wenigstens
konnte  er,  da  ihm  seine  Absicht  gegen  Brünn  auszufähren
  nicht  gelang,  sich  nicht  in  Mähren  halten,  besonders  da
der  österreichische  Feldherr,  der  Prinz  Carl  von  Lothringen,
sich  ansehnlich  verstärkt  hatte.  Die  Preußen  zogen  sich  daher
  nach  Schlesien  zurück  und  die  Sachsen,  welche  sich  nunmehr
  gänzlich  von  ihnen  getrennt  hatten,  nahmen  ihre  Stellung
  im  Saatzer  Kreise.  Friedrich's  II.  Sieg  bei  Czaslau
über  den  Prinzen  Carl  brachte  Oesterreich  auf  friedliche  Gesinnungen,
  und  so  kam,  unter  großbritannischer  Vermittelung,
  am  11.  Juni  1742  zwischen  Oesterreich  und  Preußen
der  Breslauer  Präliminarvertrag  zu  Stande,  in  welchem
der  König  von  Preußen  ganz  Niederschlesien  und  den  größten
  Theil  von  Oberschlesien,  mit  vöôlliger  Souverainität  und
Unabhängigkeit  von  der  Krone  Böhmen,  erhielt.  Sachsen
ging  gänzlich  leer  aus  und  wurde  obendrein  nur  unter  der
Bedingung  in  den  Frieden  mit  eingeschlossen,  daß  es  seine
Truppen  binnen  16  Tagen  von  der  französischen  Armee  und
aus  den  österreichischen  Staaten  abrufen  sollte.  Dies  geschah
  und  nunmehr  ward  durch  die  beiderseitigen  Erklärungen
  zwischen  Oesterreich  und  Sachsen  vom  23.  und  28.  Juli,
  der  Friede  abgeschlossen.  So  geringen  Lohn  fand  Sachsen
  in  einem  Kriege,  in  welchem  es,  nach  beiden  Seiten,
  gegen  Freund  und  Feind  nur  halbe  Maßregeln  ergriffen
  hatte.  Freilich  Alles  Brühl's  Sache,  welcher  dem  Churfürsten
  über  den  Gang  der  Angelegenheiten  so  falsche  Nachrichten
  gab,  daß,  als  Friedrich  II.  den  Churfürsten  August
  von  dem  erfochtenen  Czaslauer  Siege  in  Kenntnis  setzte,
dieser  nicht  einmal  wußte,  daß  seine  Truppen  sich  von  den
Preußen  getrennt  hatten,  sondern  den  Botschafter  fragte,
wie  die  Sachsen  sich  in  dieser  Schlacht  gehalten  hätten?  —

Die  österreichischen  Waffen  nahmen  inzwischen  einen
glänzenden  Fortgang.  Die  Franzosen  wurden  aus  Böhmen
        <pb n="443" />
        Friedrich  August  II.  403

vertrieben  und  ganz  Baiern  noch  einmal  erobert.  Nicht  minder
  glücklich  war  die  vom  König  von  England  geführte  sogenannte
  pragmatische  Armee,  und  der  Zutritt  Sardiniens
zu  der  Verbindung  Oesterreichs  und  Großbritanniens  erweckte
für  Frankreich  und  Spanien  neue  Gefahren.  Brühl,  welcher
  sich  darin  gefiel,  den  politischen  Speculanten  und  Schatzgräber
  zu  spielen,  leider  aber  nie  darin  glücklich  war,  versprach
  sich,  unter  diesen  Umständen,  von  einem  Bündnisse
mit  Oesterreich  die  größten  Vortheile.  Er  hatte  nicht  nur
durch  sein  höfliches  Benehmen  im  Kriege  gegen  Oesterreich,
sondern  auch  durch  den  Beitritt  zum  Breslauer  Frieden  ein
solches  Buͤndniß  gehörig  vorbereitet,  und  am  20.  December
1743  kam  dasselbe  wirklich  zu  Stande.  Der  oben  besprochene
  Vertrag  von  1733  wurde  zum  Grunde  gelegt,  nach
welchem  Oesterreich  und  Sachsen  sich  auf  den  Fall  eines
Angriffs,  gegenseitigen  Schutz  ihres  Eigenthums  zusagten,
welchem  Versprechen  jedoch  die  Einschränkung  beigefügt  wurde,
  daß  bei  dem  gegenwärtigen  Kriege  Oesterreich  die  sächsische
  Hilfleistung  nicht  in  Anspruch  nehmen  solle.  Maria
Theresia  erkannte  die  schon  in  der  pragmatischen  Sanction  dem
Churhause  Sachsen,  für  den  Fall  des  Abganges  der  männlichen
  und  weiblichen  Nachkommenschaft  Carls  VI.  zugesicherte
  Erbfolge  in  der  österreichischen  Monarchie.  Dieser
Vertrag  ward  noch  weit  inniger  durch  die  neue  Verbindung,
welche  am  13.  Mai  1744  Sachsen  mit  Oesterreich  und
Großbritannien  schloß  und  wodurch  die  in  den  vorigen  Verträgen
  zugesagten  Hilfsvolker,  von  Seiten  Oesterreichs  auf
30,000,  von  Seiten  Sachsens  auf  20,000  Mann  erhöht
werden  sollten.

Unter  dem  Prinzen  von  Lothringen  ging  die  österreichische
Armec,  ermuthigt  durch  die  günstigen  Erfolge  ihrer  Waffen,
sogar  über  den  Rhein,  und  wagte  einen  Einfall  in  das  Elsaß.
  Der  kluge  Friedrich  II.  schöpfte  aus  diesem  kühnen
Vorwärtedringen  des  österreichischen  Heeres  Verdacht,  in
welchem  er  durch  die  Abschriften  bestärkt  wurde,  die  er  heimlich
  von  den  zwischen  Oesterreich,  Sardinien  und  Sachsen
abgeschlossenen  Tractaten  erhalten  hatte.  Er  schloß  daher

26  *

1744
        <pb n="444" />
        404  Friedrich  August  II.

am  22.  Mai  1744  mit  dem  Kaiser,  dem  Churfürsten  von
der  Pfalz  und  dem  Koͤnige  von  Schweden,  als  Landgrafen
von  Hessen-Cassel  die  Frankfurter  Union,  durch  welche,  wie
es  hieß,  die  deutsche  Verfassung  verwahrt,  dem  Kaiser
Schutz  geleistet  und  die  dsterreichischen  Erbfolgedifferen;zen  in
Gäte  oder  durch  rechtliche  Entscheidung  beigelegt  werden  sollten.
  Bald  darauf  trat  auch  Frankreich  bei;  auch  Sachsen
sollte  zum  Beitritte  eingeladen  werden,  obschon  man  seine
Stellung  zu  Oesterreich  genau  genug  kannte,  um  vorauszusehen,
  daß  diese  Einladung  eine  vergebliche  seyn  werde.

Schon  im  August  1744  brach  Friedrich  II.  mit  100,000
Mann  —  die  zum  Cheil,  trotz  der  Protestationen  des  churfürstlichen
  Ministeriums,  ohne  Weiteres  durch  Sachsen  gingen
  —  in  Böhmen  ein,  eroberte  Prag  und  drang  immer
weiter  vor.  Ihn  zurückzudrängen,  mußte  der  Prinz  von  Lothringen
  über  den  Rhein  zurück  nach  Böhmen  aufbrechen.
Mit  ihm  vereinigten  sich  22,000  Sachsen  unter  dem  Herzog
  von  Weißenfels.  Friedrich  II.  mußte  sich  nach  Schlesien
  zurückziehen,  seine  Truppen  Prag  und  Böhmen  rädumen.
Doch  war  dadurch  der  Rhein  und  Baiern  von  österreichischen
Truppen  entblös't  worden  und  dem  Kaiser  war  es  demzufolge
geglückt,  um  die  naämliche  Zeit,  wo  die  Preußen  Böhmen
raͤumten,  seine  Erblande  wieder  zu  erobern.  In  der  Besorgniß,
  daß  Friedrich  II.  seinen  Besuch  in  Böhmen  wiederholen
  und  diesmal  vielleicht  mit  besserem  Nachdrucke  sich  daselbst
  halten  mochte,  stiftete  der  für  Maria  Theresia  am
eifeigsten  thätige  König  von  Großbritannien  am  8.  Januar

1745  1745  zu  Warschau  eine  Quadrupelallianz  zwischen  England,
Holland,  Oesterreich  und  Sachsen.  Leßteres  sagte  Truppen,
England  und  Holland  Geld  zu.  Rußland  und  Polen  wurden
  zum  Beitritte  eingeladen  und  die  Zulassung  aller  dafür
gestimmten  Mächte  festgesetzt.

Am  18.  Januar  1745  starb  Carl  VII.  Die  deutsche
Kaiserkrone,  dieses  verlockende  Kleinod,  hatte  ihm  eine  zahllose
  Menge  von  Stürmen  bereitet,  ihm  sogar  seine  Erblande
für  Zeiten  entrissen,  die  er  nur  wiedereroberte,  um  darin  zu
sterben.  Frankreich,  zu  eifersüchtig,  um  dem  Gemahle  der
        <pb n="445" />
        Eriedrich  August  II.  405

Maria  Theresia  die  deutsche  Kaiserkrone  zu  gönnen,  ließ  dem
Könige  von  Polen  durch  den  Marquis  von  Valori  den  Antrag
  machen,  daß  er  sich  um  die  Krone  bewerben  mochte,  und
sicherte  ihm  auf  diesen  Fall  seine  und  seiner  Bundesgenossen
thaͤtigste  Unterstützung  zu.  Friedrich  II.  konnte  leicht  seine
Unterstützung  ebenfalls  zusagen,  indem  er  im  voraus  wußte,
daß  die  Krone  Polens  sich  nicht  mit  der  deutschen  Kaiserkrone
  vertrage  und  daß  August  zu  tief  im  Interesse  Oesterreichs
  verstrickt  sey,  um  demselben  so  nahe  zu  treten  und  sich
zu  einem  solchen  Spiele  herzugeben.  Valori  wurde  sonach
mit  seinem  Vorschlage  am  saächsischen  Hofe  zurückgewiesen
und  Sachsen  blieb  unverändert  in  seinen  guten  Gesinnungen
gegen  Oesterreich.  Dieses  gewann  bedeutend  an  Ansehen
und  Einfluß  durch  den  füssener  Frieden,  zu  welchem  es  (April
1745)  den  neuen  Churfürsten  von  Baiern,  Maximilian,  nöthigte
  und  in  welchem  derselbe  zwar  seine  Erblande  zurückempfing,
  dafür  jedoch  alle  Ansprüche  auf  die  dsterreichische
Erbfolge  fallen  ließ,  und  dem  Gemahle  der  Königin  Maria
Theresia  seine  Stimme  für  die  vorhabende  Kaiserwahl  zusagte.


Oesterreich  setzte  den  Krieg  gegen  Preußen  in  Oberschlesien
nicht  ohne  allen  Erfolg  fort.  Friedrich  II.  mußte  dieses  Land
aufgeben  und  nach  Niederschlesien  eilen,  welches  durch  die  bei
Königsgrätz  zu  einander  gestoßenen  Oesterreicher  und  Sachsen
in  Gefahr  stand.  Diese  beiden  Mächte  hatten  nichts  Geringeres
  im  Sinne,  als  den  Preußen  das  von  Oesterreich  so
schwer  losgerissene  Schlesien  und  die  Herrschaft  Glatz  wieder
abzujagen,  und  nebenbei  hoffte  man  das  Herzogthum  Magdeburg
  nebst  dem  Saalkreise,  das  Fürstenthum  Krossen  nebst
dem  Züllichauer  Kreise  und  die  in  der  Lausitz  gelegenen  böhmischen
  Lehne  Brandenburgs  zu  erhaschen,  welche  sodann,
nebst  dem  Schwibusser  Kreise,  ganz  oder  theilweis  —  je  nachdem
  das  Glück  die  Waffen  der  Bundesgenossen  begünstigen
werde  —  an  Sachsen  kommen  sollten.

Bis  dahin  hatte  man  sich  Alles  recht  hübsch  ausgelegt,
und  es  fehlte  nur  eine  Kleinigkeit  —  die  Ausführung.  Die
österreichische  Armee  unter  Carl  von  Lothringen  drang,  ver-
        <pb n="446" />
        406  Friedrich  August  Il.

einigt  mit  der  sächsischen,  welche  der  Herzog  Johann  Adolf
von  Weißenfels  führte,  (im  Mai  1745)  von  Schlesien  ein
und  da  sie  nirgend  auf  Widerstand  stießen,  indem  Friedrich  II.
zwischen  Schweidnitz  und  Striegau  seine  Truppen  zusammenzog,
  so  rückten  sie  bis  in  die  Gegend  von  Hohenfriedberg
vor.  Der  Kdnig  hielt  einen  Theil  seiner  Truppen  verborgen,
daher  glaubten  die  Verbündeten  die  Uebermacht  noch  mehr
auf  ihrer  Seite  und  nahmen  eine  nicht  eben  günstige  Stellung,
  welche  Friedrichs  scharfes  Auge  schnell  entdeckte.  Am
4.  Juni  kam  es  zur  Schlacht,  und  Friedrich,  dessen  Preußen
mit  vieler  Wuth  gegen  die  Sachsen  kämpften,  weil  sie  deren
Beitritt  zu  dem  dsterreichischen  Bündnisse  mit  großem  Unmuth
  ansahen,  erfocht  einen  vollständigen  Sieg.  Friedrich,
dessen  Truppen  durch  den  Kampf  selbst  erschöpft  waren,  folgte
den  Geschlagenen  nur  langsam,  so  daß  diese  ihren  Rückzug
in  guter  Ordnung  bewerkstelligen  konnten.  Sachsen  befürchtete
  von  dem  Fürsten  von  Anhalt,  welcher  bei  Halle  ein
preußisches  Heer  zusammenzog,  einen  Einfall;  um  es  gegen
denselben  zu  schützen,  wurden  die  meisten  sächsischen  Truppen
in  ihr  Vaterland  zurückberufen.  Doch  verging  der  Sommer,
ohne  daß  von  einer  oder  der  andern  Seite  Etwas  weiter
unternommen  worden  wäre,  und  erst  am  30.  September  1745
kam  es  bei  Sorr  ohnweit  Trautenau  zur  Schlacht,  in  welcher
  Friedrich  II.,  obschon  seine  Truppenzahl  der  des  Gegners
beinahe  um  die  Hälfte  nachstand,  wiederum  Sieger  blieb.
Am  13.  September  war  Franz  Stephan,  nunmehriger
Herzog  von  Toscana  und  Maria  Theresia's  Gemahl,  zum
deutschen  Kaiser  gewahlt  und  dadurch  Friedrich  August's  II.
Reichsvicariat  beendigt  worden.  Friedrich  II.  hatte  natürlich
es  nicht  ohne  Widerspruch  bewenden  lassen;  doch  hatte  er
sich  —  da  er  von  Frankreich  aus  zu  wenig  unterstützt  wurde
und  seine  Finanzen  erschöpft  waren  —  in  der  mit  dem  Konige
  von  Großbritannien  schon  im  August  zu  Hannover  getroffenen
  Convention,  zu  einem  Frieden  mit  Oesterreich  geneigt
  erklärt,  wenn  ihm  Schlesien  mit  voller  Sicherheit  überlassen
  bleiben  solle.  Man  hatte  aber  von  Seiten  Oesterreichs
  und  Sachsens  sich  eine  zu  hohe  Aufgabe  gestellt,  als
        <pb n="447" />
        Friebrich  August  II.  407

daß  man  fuͤr  einen  solchen  Frieden  haͤtte  stimmen  koͤnnen.
Man  faßte  vielmehr  den  von  Bruͤhl  ausgedachten  kühnen  Entschluß,
  mit  Wintersanfang  den  König  von  vier  Seiten  zugleich
  anzugreifen.  Der  Schpfer  dieses  großartig  aussehenden
  Planes,  Brühl,  konnte  jedoch  in  seiner  Herzensfreude
darüber  zu  wenig  reinen  Mund  halten;  daher  Friedrich  II.
durch  den  schwedischen  Gesandten  Wolfenstjerna  Nachricht
hiervon  bekam  und  seine  Maßregeln  darnach  nahm.  Er  beschloß
  seinen  Gegnern  zuvorzukommen,  rüstete  demnach  in
Schlessen  nach  Kräften  und  suchte  den  Grund  dieser  Rüstungen
  klug  zu  verbergen.  Hierauf  aber  zog  er  seine,  aus
30,000  Mann  Kerntruppen  bestehende,  Armee  bei  Naumburg
  an  den  Gränzen  der  Oberlausitz  zusammen  und  siel
ploͤtzlich  in  dieses  Land  ein.  Vier  sächsische  Regimenter  wurden
  zerstreutz  die  dsterreichische  Hauptarmee,  welche  unter  Carl
von  Lothringen  wenig  früher  ebenfalls  in  jene  Gegend  gerückt
  war,  zog,  statt,  wie  Friedrich  erwartete,  sich  in
eine  Schlacht  einzulassen,  eilig  nach  Böhmen  zuräck.  Die
preußische  Hauptarmee  ließ  es  sich  ruhig  in  der  Gegend  von
Goͤrlitz  gefallenz  der  General  Lehwald  aber  hielt  Bautzen
besetzt,  beunruhigte  von  da  qus  Dresden  und  vereinigte  sich
mit  Anhalt,  welcher  auf  des  Koͤnigs  Befehl  das  nur  schwach
vertheidigte  Leipzig  besetzt  hatte.  Sobald  der  König  die  Besinahme
  Leipzigs  erfahren,  beorderte  er  den  Fürsten  von
Dessau,  sogleich  bis  Meißen  vorzurücken,  um  die  Vereinigung
mit  Lehwald  zu  bewirken  und  den  Kern  der  sächsischen  Armee
unter  Rutowsky,  anzugreifen.  Vorher  aber  ließ  er  durch
den  englischen  Gesandten,  dem  Churfürsten  August  noch  einen
  billigen  Frieden,  nach  Maaßgabe  der  Hanndverschen
Convention  anbieten.  Mit  der  Antwort  Brühls,  daß  der
Churfürst  sich  erst  mit  dem  Wiener  Hofe  berathen  müsse,
ehe  er  eine  bestimmte  Erklärung  geben  könne,  konnte  freilich
dem  Könige  nicht  gedient  seyn.  Auch  die  von  Brühl,  ohne
Zuziehung  des  bereitSs  nach  Prag  entflohenen  Churfürsten,
gegebene  bestimmtere  Erklärung  konnte  dem  Konige  nicht  genügen,
  da  sie  die  Forderung  enthielt,  daß  Preußen  sogleich
alle  Feindseligkeiten  einstellen,  seine  Truppen  aus  Sachsen
        <pb n="448" />
        408  Friedrich  August  II.

zurückziehen  und  Ersatz  für  die  erhobenen  Contributionen  und
Lieferungen  leisten  solle.  Dies  war  eine  Forderung,  die  mit
der  damaligen  Bedrängniß  der  sächsischen  Lage  im  seltsamen
Widerspruche  stand.  Obgleich,  wie  sich  von  selbst  verstand,
diesen  Bedingnissen  durchaus  nicht  geneigt,  wünschte  der
König  doch  diese  Unterhandlungen  weiterzuführen,  wie  wenig
auch  von  sächsischer  Seite  anfänglich  dafür  gethan  wurde.

Der  Fürst  von  Anhalt  hatte  seinen  Marsch  gegen  Meißen
nicht  mit  derjenigen  Geschwindigkeit  ausgeführt,  welche  im
Plane  des  Konigs  lag,  auch  wurde  sein  Nachtrab  in  einem
engen  Wege  vor  dem  Dorfe  Zehren  von  den  Sachsen,  unter
General  Sibilsky,  überfallen  und  zu  Verluste  gebracht.  Doch
bewerkstelligte  er  seine  Vereinigung  mit  Lehwald  in  Meißen,
und  rückte,  verstärkt,  gegen  Wilödruf  vor.  Der  Koͤnig  selbst
rückte  ihm  bis  Meißen  nach,  um  die  Schlacht  zu  decken.
Diese  fand  am  15.  December  bei  Kesselsdorf  statt.  Die
Sachsen  hatten  zum  Theil  in  dem  Dorfe  selbst  eine  sehr
gute  Stellung  eingenommen  und  schlugen  von  da  aus  die
Preußen  zweimal  mit  bedeutendem  Verlust  zurück.  Leider
verließen  sie  diese  Stellung  und  verdeckten  dadurch  ihr  eignes
Geschütz.  Sie  wurden  nunmehr  zurückgedrängt  und  das  Dorf
ging  verloren,  mit  ihm  ein  großer  Theil  der  Hoffnung  des
Sieges.  Dieser  Niederlage  des  linken  Flügels  folgte  auch  die
des  rechten  gegen  Bennersch.  Der  Verlust  der  Sachsen  an
Todten  und  Gefangenen  belief  sich  auf  10,000  Mann;  die
Uebriggebliebenen  slohen  gegen  Dresden  hin.  Dorthin  hatte
sich,  ohne  Antheil  an  der  Schlacht,  die  Armee  des  Prinzen
  von  Lothringen  gezogen;  doch  wagte  sie  unter  diesen
Umständen  nicht  mit  der  verstärkten  und  durch  den  Sieg  ermuthigten
  preußischen  Armee  sich  in  einen  Kampf  einzulassen,
sondern  zog  sich  nach  Böhmen  zurück;  die  Sachsen  folgten
ihr.  Nur  6000  Mann  sächsischer  Landmiliz  waren  in  Dresden
  geblieben,  und  diese  wurden,  als  am  dritten  Tage  Dresden
  auf  Capitulation  sich  ergab,  in  Masse  entwaffnet  und
unter  die  preußische  Armee  gesteckt.

Am  Tage  der  Kesselsdorfer  Schlacht  traf  den  Konig  auch
eine  Notiz  des  englischen  Gesandten  Villiers  (der  früher  am
        <pb n="449" />
        Friedrich  August  II.  409

Dresdner  Hofe  vergeblich  die  Hanndversche  Convention  in
Anwendung  zu  bringen  gesucht  hatte),  daß  Oesterreich  und
Sachsen  jetzt  bei  weitem  mehr  Lust  zu  einem  Frieden  hegten,
als  früher.  Friedrich  II.,  welcher,  ohngeachtet  seines  Glöckes,
gleichsam  ein  weises  Mißtrauen  gegen  dasselbe  hatte  und
seinen  Gesinnungen  treu  blieb,  stimmte  ebenfalls  dafür.  In
Dresden  trafen  in  dieser  Absicht  die  sächsischen  Minister
Bülow  und  Stubenberg,  sowie  dsterreichischer  Seits  der
Graf  Harrach  und  preußischer  der  Staatsminister  Graf  von
Podewils,  insgesammt  mit  den  nothigen  Vollmachten  von
ihren  Hôfen  versehen,  zusammen,  demzufolge  am  25.  December
  1745  der  Doppelfriede  zwischen  Preußen  und  Oesterreich,
  wie  auch  zwischen  Preußen  und  Chursachsen  unterzeichnet
  wurde.  Die  Bedingungen  waren,  im  Verhältniß  zu
den  vorangegangenen  Nachtheilen  ihrer  Waffen,  noch  billig
genug.  Preußen  wünschte  sich  nur  den  Besitz  Schlesiens  zu
sichern  und  ließ  sich  daher,  außer  den  bereits  erhobenen  Contributionen,
  von  Sachsen  nur  eine  Million  Thaler  in  Gold
zahlen.  Uebrigens  schloß  sich  Sachsen  der  hannöverschen
Convention  an,  die  Gemahlin  des  Churfürsten  entsagte  für
sich  und  ihre  Erben  allen  Ansprüchen  auf  die  im  Breslauer
Frieden  vom  Wiener  Hofe  an  Preußen  abgetretenen  Länder,
Friedrich  August  versprach  die  Stadt  Jürstenberg  nebst  dem
Dorfe  Schidlo  und  dem  Oderzoll,  gegen  ein  Aequivalent  an
Preußen  abzutreten,  ferner  Aufrechthaltung  der  protestantischen
  Religion  in  Sachsen  wie  auch  Abstellung  aller  Handelsbedrückungen
  gegen  Preußen,  und  sicherte  allen  Preußen
richtige  Zahlung  ihrer  in  der  sächsischen  Steuer  stehenden
Capitalien  zu.  Die  sächsischen  Gefangenen  wurden  —  mit
Ausnahme  der  in  Dienste  des  Koͤnigs  getretenen  oder  nicht
ansässig  gewesenen  Truppen  —  ohne  Losegeld  freigegeben.  —
Bei  aller  Billigkeit  der,  Sachsen  zugestandenen  Bedingungen,
welcher  Abstand  zwischen  diesen  und  den  noch  vor  kurzem  so
hochfliegenden  politischen  Plänen  Brühls!  Haͤtte  er  die  hanndversche
  Convention  noch  vor  der  Schlacht  von  Kesselsdorf
berücksichtigt,  so  würde  er  freilich  noch  um  ein  Erkleckliches
wohlfeiler  weggekommen  seyn  und  dem  Lande  Geld,  besonders
  aber  Leute  erspart  haben.  —
        <pb n="450" />
        410  Friedrich  August  II.

Der  Aachener  Friede  (18.  October  1748)  beendigte  auch
den  Krieg,  welcher  zwischen  Oesterreich  und  Frankreich  nebst
dessen  Bundesgenossen  noch  immer  fortgeführt  worden  war,
und  die  Ruhe  Deutschlands  schien  dadurch  um  so  fester  gestellt,
  da  alle  Contrahenten  dem  Könige  von  Preußen  Schlesien
  und  Glatz  garantirten.  Doch  war  hiermit  das  gute
Vernehmen  zwischen  den  Hefen  von  Oesterreich  und  Preußen
innerlich  keinesweges  hergestellt.  Vielmehr  konnte  besonders
der  erstere  die  dargebrachten  Opfer  so  wenig  verschmerzen,
daß  man  recht  wohl  voraussehen  konnte,  wie  derselbe  nur
einer  Gelegenheit  wartete,  um  nochmals  den  Wiedergewinn
zu  versuchen.  Fester  war  das  freundschaftliche  Verhältniß
zwischen  dem  Wiener  und  dem  Dresdner  Hofe,  und  da  zwischen
  dem  Churfürsten  von  Sachsen  und  dem  Könige  von
Preußen  Mißhelligkeiten  wegen  des  Leipziger  Stapels  entstanden,
  so  wurde  des  Erstern  Verbindung  mit  Oesterreich  um
so  fester  gestaltet.  Dieses  durch  alte  kaiserliche  und  päbstliche
  Privilegien  bestätigte  Stapelrecht  Leipzigs,  nach  welchem
alle,  in  dem  Umkreise  von  funfzehn  Meilen  vorbeigehende
Kaufmannsgüter  in  diese  Stadt  hineingebracht  und  daselbst
drei  Tage  zum  Verkauf  ausgestellt  werden  sollten,  nebst  dem
damit  verbundenen  Rechte,  daß  in  dem  nämlichen  Umkreise
keine  Messe  noch  Jahrmarkt  bestehen  durfte,  hatte  schon  zu
mehrfachen  Streitigkeiren  mit  andern  Städten  geführt,  so
z.  B.  schon  seit  der  Mitte  des  sechszehnten  Jahrhunderts
auch  mit  Magdeburg,  welches,  auf  den  Grund  aͤlterer
Freiheitsbriefe,  im  Westphälischen  Frieden  eine  ähnliche  Stapelgerechtigkeit
  zugestanden  erhielt.  Hierdurch  litt  der  Leipziger
  Stapel  bedeutend.  In  den  Jahren  1732  und  1.36
hatten  sich  diese  Streitigkeiten  mit  Magdeburg  gemehrt;  der
Dresdner  Friede  hatte  nichts  zu  ihrer  Beilegung  gethan.
Im  Jahre  1755  wurden  die  durch  Magdeburg  gehenden
sächsischen  Frachtwagen  mit  einem  starken  Impost  belegt,
welcher  Repressalien  und  die  Errichtung  einer  neuen  Handelsstraße
  durch  Hannover  veranlaßte.  Die  zur  BVermittelung
dieser  Irrungen  von  beiden  Seiten  nach  Halle  gesendeten
Commissarien  richteten  soviel  wie  nichts  auo.
        <pb n="451" />
        411

Dritte  Abtheilung.

Sachsen  und  der  siebenjaͤhrige  Krieg.

Wie  uͤbel  auch  Sachsen  die  bisherigen  Versuche,  Preußens
Gluͤcke  einen  Damm  zu  setzen  und  sich  auf  dessen  Kosten  zu
bereichern,  bekommen  waren,  so  hatte  sich  doch  dieser  Lieb—
lingsplan  Bruͤhl's  als  fixe  Idee  an  seinem  ganzen  Denken
festgesaugt  und  es  wollte  ihm,  bei  allen  boͤsen  Erfolgen  und
untroͤstlichen  Aussichten,  doch  nicht  gelingen,  ihn  fahren
zu  lassen.  Hierzu  kam,  daß  er  einen  tiefen  persoͤnlichen
Groll  gegen  den  Koͤnig  von  Preußen  gefaßt  hatte,  weil  dessen
scharfer  Blick  Brühl's  Stellung  und  Charakter  laͤngst  durchschaut
  und  sogar  in  seinen  Manifesten  auf  eine,  Letzterem
nicht  schmeichelhafte  Weise  daven  gesprochen  hatte.  Leider,
daß  Friedrich  II.  die  Streiche,  welche  Brühl  heimlich  nach
ihm  führte,  nicht  ihm,  sondern  dem  leidenden  Lande  zurückgeben
  mußte!

Der  Wiener  Hof,  obschon  in  seinen  Gesinnungen  gegen
Preußen  noch  immer  derselbe,  hatte  sein  politisches  System
in  anderer  Hinsicht  namhaft  verändert.  Er  glaubte,  daß
sein  bisheriger  Bundesgenosse,  Großbritannien  —  welches
sich  ihm  freilich  mehr  mit  gutem  Rathe  und  Friedensvorschlägen,
  als  mit  thäátigen  Mitteln  theilnehmend  erwiesen  —
bei  dem  letzten  Friedensschlusse  sein  (Oesterreichs)  Interesse
        <pb n="452" />
        1756

412  Friedrich  August  II.

nicht  mit  dem  noͤthigen  Eifer  wahrgenommen  habe,  und
wuͤnschte  daher  einem  thaͤtigeren  Bundesgenossen  die  Hand
zu  reichen.  Seine  Wahl  fiel  —  der  seit  Jahrhunderten  von
ihm  beobachteten  Politik  ganz  entgegen  —  auf  Frankreich.
Der  Entwurf  wie  die  Ausfuͤhrung  dieses  uͤberraschenden,
aber  keinesweges  unzweckmaͤßigen  Entwurfs  gehoͤrte  dem
Grafen  von  Kaunitz-Rietberg.  Die  Verwirklichung  dieses
Planes  wurde  durch  den  neuen  Krieg  zwischen  Frankreich
und  England,  welcher  wegen  Graͤnzirrungen  in  Nordamerica
herkam,  beschleunigt.  Der  König  von  Großbritannien  schloß
(16.  Januar  1756)  einen  Neütralitätsvertrag  mit  Preußen,
und  schon  am  1.  März  kam  zu  Versailles  zwischen  Oesterreich
  und  Frankreich  ein  ähnlicher  Bund  zu  Stande,  in
welchem  sie  sich  gegenseitig  ihre  gesammten  Europäischen
Staaten  garantirten  und  jeder  zu  diesem  Behufe  mit  24,000
Mann  bereit  zu  seyn  sich  anheischig  machte.  Die  Kaiserin
Elisabeth  von  Rußland  trat  ebenfalls  auf  Oesterreichs  Seite
und  es  begannen  nunmehr  in  Liefland  wie  in  Böhmen  ansehnliche

  Rüstungen.  Friedrich  II.  erhielt  auf  seine  Anfragen

über  den  Grund  dieser  Rüstungen  zwar  unbestimmte  und
ausweichende  Antworten;  dennoch  richtete  man  dieselben
nicht  so  behutsam  ein,  daß  er  nicht  einige  Ahnung  von
dem  hätte  bekommen  sollen,  was  ihm  zugedacht  war.  Noch
bessere  Aufklärung  erhielt  er  durch  die  Verrätherei  des  sächsischen
  Cancellisten  Menzel'),  welcher  seit  1753  dem  preußischen
  Gesandten  zu  Dresden,  Malzahn,  fast  wdchentlich  Abschriften
  von  den  zwischen  den  Cabinetten  gepflogenen  Verhandlungen
  lieferte.  Aus  dieser  unlautern  Quelle,  deren  sich

*)  Hang  zu  Aufwand  und  dadurch  zerrüttete  Vermögens-Umstände
hatten  den  Unglücklichen  zu  dem  verbrechenschen  Berufe  geführt,
gegen  sein  Vaterland  einen  lange  fortgesetzten,  nicht  ohne  Klugheit
  und  Vorsicht  bewerkstelligten  Verrath  zu  begehen,  der  viel  zu
einem  schnelleren  Ausbruch  des  verderblichen  siebenjährigen  Krieges
  beitrug.  Der  unverhältnihmäßige  Aufwand,  den  er  von  dem
Lohne  seines  Frevels  machte,  brachte  ihn  zuerst  in  Verdacht.  Er
starb  erst  1796,  km  70.  Lebensjahre  in  der  Haft  auf  der  Festung
Königstein.
        <pb n="453" />
        Friedrich  August  II.  413

freilich  nur  die  in  der  Wahl  der  Mittel  nicht  kostverächterische
Staatskunst  bedienen  konnte,  erfuhr  Friedrich  II.  unter  andern
  auch:  daß  dem  schon  am  22.  Mai  1746  zwischen
Oesterreich  und  Rußland  abgeschlossenen  Peteröburger  Vertheidigungs=
  Bündnisse  ein  geheimer  Artikel  beigefügt  sey,
worin  Beide  erklärten:  daß,  wenn  Oesterreich,  Rußland  oder
Polen-  von  Preußen  angegriffen  würde,  sie  einander  gegenseitig
  eine  Hilfe  von  60,000  Mann  leisten  wollten,  nicht
alleln,  um  einem  solchen  Angriffe  zu  begegnen,  sondern  auch
zur  Wiedereroberung  der  im  Dresdner  Friedensschlusse  an
Preußen  abgetretenen  Länder.  Zugleich  ergab  sich  daraus,
daß  auch  der  Kdniz  von  Polen  zum  Beitritte  eingeladen  worden,
  bisher  aber  dieser  Einladung  aus  dem  Grunde  noch  nicht
gefolgt  war,  weil  er  in  diesem  Böndnisse  zuvor  seine  eigene
Sicherheit  besser  bedacht  und  an  den  zu  verhoffenden  Eroberungen
  einen  größern  Antheil  zugestanden  haben  wollte,  als
dies  in  dem  früheren  Leipziger  Vertrage  vom  18.  Mai  1745
geschehen  war.

Ausserdem  glaubte  der  König  auch  zu  wissen,  daß  der
Wiener  Hef  ihn  zu  einem  Bruche  mit  Rußland  oder  Polen
zu  bringen  wünsche,  um  dadurch  den  Petersburger  Vertrag
in  Wirksamkeit  treten  zu  lassen,  und  daß  noch  während  des
Winters  1756  —  1757  die  sächsische  Armee  von  18,000  auf
40,000  Mann  erhöht  werden  sollte,  um  dann  im  nächsten
Frühjahre  mit  vereinter  Macht  den  Krieg  zu  beginnen.  Ob
sein  Verdacht  gerade  in  dem  Maase  gegründet  war,  läßt
sich  nicht  bestimmen.  Wahrscheinlich  hatte  man  nicht  sowohl
  einen  Ueberfall  gegen  ihn  beschlossen,  als  man  vielmehr
  glaubte,  er  werde  über  kurz  oder  lang  selbst  den  Frieden
  stdren,  und  man  in  diesem  Falle  mit  dem  entworfenen
Angciffsplane  über  ihn  herfallen  wollte.  Genug,  Friedrich
wußte,  daß  man  mit  gefährlichen  Planen  gegen  ihn  umgehe
und  daß  man  in  fortwährenden  heimlichen  Rüstungen  gegen
  ihn  begriffen  sey.  Je  länger  er  seinen  Gegnern  zu  Fortsetzung
  dieser  Rüstungen  Zeit  gönnte,  desto  mehr  mußten
sie  ihm  über  den  Kopf  wachsen  und  wenn  ihnen  dann  wirklich
  die  Gelegenheit  gegeben  wurde,  den  angeblichen  Entwurf
        <pb n="454" />
        414  Friedrich  August  II.

auszuführen,  nämlich  ihn  von  vier  Seiten  zugleich  anzugreifen,
  so  mußte  er  freilich  unterliegen.  Gegen  diese  drohenden
  Gefahren  glaubte  Friedrich  sich  eines,  allerdings  gewaltsamen
  Mittels  bedienen  zu  dürfen,  ja  zu  müssen.  Er  beschloß,
  den  Angriff  nicht  abzuwarten,  sondern  ihm  zuvorzukommen
  und  dadurch  die  Macht  seiner  Feinde  in  ihrem  ersten
  Keime  zu  brechen,  die  ihm  ausserdem  verderblich  zu  werden
  drohte.

Sachsen,  als  das  am  wenigsten  gerüstete  Land,  obgleich
ein  Jahr  später  auch  dieses  ihm  höchst  gefährlich  hätte  werden
  können,  war  ihm  um  so  mehr  zu  Eröffnung  des  Krieges
  nöthig,  da  es  schon  seiner  Lage  wegen  einen  guten
Mittelpunct  zwischen  seinem  und  dem  Gebiete  seiner  Feinde
abgab.  Mitten  im  Frieden  brachen  demnach  am  29.  August
  1756  von  verschiedenen  Seiten  her,  drei  preussische
Colonnen,  zusammen  60,000  Mann,  in  Sachsen  ein.  In
der  Gegend  von  Pirna  sollten  sie  zusammentreffen.  Sie
schrieben  überall  in  Sachsen  starke  Liescrungen  aus,  und  in
Torgau,  welches  Friedrich  befestigen  ließ,  wurde  sogar  ein
Preussisches  Feld-Kriegsdirectorium  angelegt,  an  welches
hinfort  alle  Kammer=  und  Landedeinkünfte  abgeliefert  werden
  sollten.  Ohngeachtet  dieser  sehr  gewaltsamen  Schritte,
mühte  sich  dennoch  ein  um  diese  Zeit  erscheinendeb  Manifest
des  Königs,  darzuthun,  daß  er  in  Sachsen  keinesweges  ein
feindliches  Land  erblicke,  sondern  dasselbe  nur  zu  seiner  Sicherheit,
  während  seines  Krieges  mit  Oesterreich,  in  Depot
nehme.  Die  von  ihm  angefangenen  gütlichen  Unterhandlungen
  waren  der  Art,  daß  der  sächsische  Hof  mit  Ehren
nicht  darauf  hätte  eingehen  können.

Der  offene  Friedensbruch  Preussens  hatte  Sachsen  so  unvorbereitet
  gefunden,  daß  man  in  größter  Hast  nur  ohngefähr
  17,000  Mann  zusammenbrachte,  welche  —  statt,  da
man  auf  österreichische  Hilfe  rechnete  und  auch  wohl  rechnen
durfte,  sich  lieber  gleich  nach  Böhmen  zu  wenden  —  ein
von  der  Natur  durch  Bergringe  und  Felsen  stark  befestigtes
Lager  in  der  Gegend  von  Pirna  bezogen.  Freilich  konnte  diese
natürliche  Schutwehr  nicht  auch  gegen  den  Hunger  schuͤ—
        <pb n="455" />
        Friedrich  August  II.  415

tzen,  welcher,  da  die  Armee  nur  auf  15  Tage  verproviantirt
  war,  sehr  bald  einzureissen  begann.  Ueberdies  war  durch
dieses  Verschanzen  der  saͤchsischen  Truppen,  das  ganze  Land
dem  Feinde  voͤllig  preisgegeben,  obschon  man  dasselbe,
der  Uebermacht  gegenuͤber,  ohnedies  schwerlich  lange  haͤtte
schuͤtzen  können.  Die  Preußen  bemaͤchtigten  sich  ohne  Muͤhe
der  Hauptstadt  und  schlossen  die  Sachsen  ein.  Das  Zeughaus
  in  Dresden  wurde  aufgeräumt,  die  königlichen  Cassen
überall  in  Beschlag  genommen,  die  höhern  Landescollegien
ausser  Thätigkeit  gesetzt  und  dem  Obersteuercollegium  eine
preussische  Commission  beigegeben.  Die  mit  dem  größten
Theile  ihrer  Familie  in  Dresden  zurückgebliebene  Churfürstin
wurde  zwar  mit  Anstand  behandelt,  doch  ließ  ihr  der  König
durch  den  Commandanten  von  Dresden,  den  Grafen  Wylich,
  die  Schlössel  des  Archives,  die  sie  in  Verwahrung  genommen
  hatte,  abndthigen;  worauf  man  sich  der  verdächtigen
  Papiere  —  welche  zum  großen  Nachtheile  zurückgelassen
worden  waren  —  bemächtigte  und  vom  Grafen  von  Herzberg
eine  diplomatische  Vertheidigungsschrift  für  das  Verfahren  des
Königs  verfassen  ließ,  welches  jedoch  selbst  hierdurch  nicht
allenthalben  gerechtfertigt  werden  konnte.  Die  Unterhandlungen,
  welche,  unter  Vermittelung  des  Großbritannischen
und  Holländischen  Gesandten,  mit  dem  Konige  von  Polen
angeknüpft  wurden,  fuͤhrten  zu  nichts,  da  dieser  eines  Theiles
  hartnäckig,  im  Ganzen  aber  nicht  ohne  Würde  und  Festigkeit
  sich  benahm.  Die  von  Friedrich  II.  ihm  verwilligte
Neutralität,  wenn  er  seine  Truppen  sogleich  aus  einander  gehen
  lassen  wolle,  schlug  er  aus,  noch  weniger  konnte  er  auf
ein  ihm  zugemuthetes  Bündniß  gegen  Oesterreich  eingehen,
und  mit  Recht  sagte  August  in  seinem  Schreiben,  worin
er  diese  Anträge  ablehnte:  daß  ihm  Ehre  und  Redlichkeit,
die  er  bis  in  sein  sechszigstes  Jahr  behauptet,  nicht  erlaubten,
  gegen  eine  Fürstin  die  Wassen  zu  ergreifen,  die  ihm
keine  Ursache  hierzu  gegeben.  Daß  der  König  von  Preussen,
ohngeachtet  der  ihm  gewordenen  würdevollen  Erwiederung,  sich
noch  immer  bemühte,  den  Churfürsten  zu  jenen  Schritten  bereden
  zu  lassen,  war  eben  so  wenig  zu  billigen,  als  daß  er
        <pb n="456" />
        416  Friedrich  August  II.

dem  Churfürsien  die  zu  einem  vorhabenden  Meichstage  ges
wünschten  Pässe  nach  Werschau  vorenthielt;  wie  denn  überhaupt
  nur  blinde  Vergdtterer  des  übrigens  großen  Friedrich
  II.  seinem  Benehmen  gegen  Sachsen,  welches  weder
Vorsicht  noch  Nothwendigkeit  in  diesem  Grade  bedingten,
ihren  Beifall  zollen  werden.

Um  Sachsen  von  jeder  österreichischen  Hilfe  abzuschneiden,
  ließ  Friedrich  durch  einen  Theil  seines  Heeres  unter
dem  Markgrafen  Carl,  das  sächsische  Lager  blokiren,  während
  er  selbst  nach  Aussig  ging,  wo  der  Feldmarschall  Keith
mit  einem  andern  Theile  der  Preussen  stand,  um  die  Oesterreicher
  unter  dem  General  Brown  zu  beobachten,  die  am
1.  October  1756  bei  Lowositz  von  ihm  geschlagen  wurden.
Dies  machte  die  Lage  der  Sachsen  noch  schwieriger.  Trotz
der  erlittenen  Niederlage  bot  Brown  dennoch  Alles  zur  Befreiung
  der  Sachsen  auf  und  röckte  daher  mit  8000  Mann
in  die  Gegend  von  Schandau.  Die  Sachsen  konnten,  wegen
  stürmischer  Witterung,  statt  am  11.  October,  erst  zwei
Tage  später  ihren  Uebergang  über  die  Elbe  bewerkstelligen,
durch  welche  Verzögerung  der  König  Jeit  zu  Verstärkungen
diesseits  der  Elbe  gewann.  Durch  widrige  Zufälle  hatte
Brown,  als  die  Sachsen  beim  Lilienstein  über  die  Elbe  gingen,
  keine  Nachricht  davon  erhalten  können;  auch  hatten
die  Sachsen  ihre  Bagage  und  ihr  Geschübzauf  der  andern
Seite  der  Elbe  zurücklassen  müssen,  welches  den  in  das  verlassene
  Lager  nachrückenden  Preussen  in  die  Hände  fiel.  So,
ohne  gegenseitige  Nachricht  von  einander,  konnten  sich  die
Oesterreicher  und  die  Sachsen  nicht  zusammenfinden;  die  Letzteren,
  ihres  unangreifbaren  Lagers  verlustig,  zogen  in  steilen,
  unwegsamen  Gründen,  welche  Regen  und  Unwetter
beinahe  vollig  ungangbar  gemacht  hatte,  ohne  Nahrung,
dem  Hunger  und  der  Kälte  preisgegeben,  umher;  ihre  Lage
war  verzweiflungsvoll.  Brühl  meinte  von  seinem  sichern
Komngstein  herunter,  wohin  er  und  der  Churfürst  mit  den
Prinzen  sich  gestüchtet:  sie  sollten  sich  zu  den  Oesterreichern
durchschlagen.  Dies  war  freilich  eine  Zumuthung  an  eine
von  Hunger,  Kälte  und  allen  erdenklichen  Strapazen  abgemat-
        <pb n="457" />
        Friedrich  August  II.  417

tete  Armee,  die  der  kluge  Brühl  nur  in  seinem  sichern  und
warmen  Vestungszimmer  thun  konnte,  daher  man  ihm  mit
Recht  sagen  ließ:  er  möge,  als  tapferer  Feldherr,  sich  nur
selbst  erst  an  die  Spitze  stellen.  Es  mußte  daher  endlich  der
vom  Churfürsten  selbst  bewilligte  schwere  Schritt  geschehen
und  der  Feldmarschall  Rutowsky  schloß  (October  17560)
zu  Ebenheit  am  Fuße  des  Lilienstein  die  Capitulation,  nach
welcher  die  auf  wenig  über  14,000  Mann  zusammengeschmolzene
  sächsische  Armee  sich  in  preussische  Kriegsgefangenschaft
  begab.  Die  Unglücklichen  genossen  hiervon  sogleich  den
Vortheil,  daß  man  ihnen  Brod  reichte.  Die  Officiere  mußten
  ihr  Ehrenwort  geben,  nicht  mehr  gegen  Preußen  zu  dienen
  und  wurden  freigelassen;  dagegen  wurden  die  Unterofficiere
  und  Gemeinen  in  preussische  Uniform  gesteckt  und
gendthigt,  dem  Kdnige  von  Preußen  den  Eid  der  Treue  zu
schwören,  um  gegen  ihr  eigenes  Vaterland  zu  sechten.  Der
Churförst  erhielt  nur  seine  Fahnen,  Pauken  und  Standarten
zurück.  Doch  nützte  sich  der  König  mit  diesen  gewaltsamen
Werbungen  für  sein  Heer  nur  wenig,  denn  ganze  Bataillons
dieser  Unfreiwilligen  rissen  mit  den  Regimentscassen  aus  und
liefen  entweder  zu  den  Polen  oder  zu  den  Franzosen,  wo
der  Prinz  Kaver  ein  eignes  Corps  aus  ihnen  schuf,  welches
sich  später  bis  auf  10,000  Mann  vermehrte  und  mit  den
Franzosen  sich  oft  gegen  die  Alllirten  auszeschnete.  Der  Konig
glaubte  diesem  Davonlaufen  seiner  sächsisch  -preussischen  Truppen
  dadurch  ein  Ende  zu  machen,  daß  er  sie  als  Besatzungen
  in  die  Städte  legte;  aber  dieser  Versuch  lief  noch  übler
ab;  denn  in  Leipzig  böffneten  sie  sich  mit  Gewalt  einen  Ausgang
  und  zogen  am  hellen  Tage  ab,  und  in  andern  Städten,
  wie  z.  B.  Wittenberg  und  Pirna,  nöthigten  sie  ihre
Commandanten,  sich  dem  Feinde  zu  ergeben,  oder  sie  liesen
im  Gefechte  selbst  den  Feinden  zu  und  fochten  sogleich  gegen
die  Preußen.  Dem  Kenigstein  gestand  man  Neutralität  zu,
und  es  durfte  nach  dieser  Uebereinkunft  die  dasige  Besatzung
nicht  vermehrt,  noch  die  Elbschiffahrt  der  Preußen  von  oben
berab  beunruhigt  werden.  Auch  erhielt  der  Churfürst  nun-27
        <pb n="458" />
        418  Friedrich  August  11.

mehr  die  früher  ihm  vorenthaltenen  Pässe  nach  Warschau.
Die  Sachsen  hatten,  ohngeachtet  ihres  Unglücks,  durch  ihren
  bewiesenen  muthigen  Widerstand  ,  den  nur  die  unglücklichsten
  Zufälle  zuletzt  endigten,  die  Preußen  in  ihrer  Nähe
beschäftigt  und  ihnen  dadurch  die  Gelegenheit  genommen,
das  noch  nicht  gehdrig  vorbereitete  österreichische  Heer  in
Böhmen  anzugreifen,  welches  dazumal  schwerlich  hätte
Stand  halten  können.  Die  Preußen  selbst  ehrten  die  Tapferkeit
  der  sächsischen  Soldaten  und  gaben  ihnen  das  Seugniß,
  daß  sie  durch  ihre  muthvolle  Ausdauer  in  der  widerwärtigen
  Lage,  die  deutschen  Provinzen  Maria  Theresla's
gerettet  hätten,  obschon  die  Oesterreicher  dies  wenig  anerkannten.


Sachsens  unverdientes  Mißgeschick  erregte  Theilnahme
und  die  bewiesene,  nicht  immer  edle  Härte  des  Konigs  von
Preußen  diente  nicht  eben  dazu,  seine  zahlreichen  Gegner  mit
ihm  auszusdönen.  Der  König  von  Frankreich,  Ludwig  XV.
wurde  durch  die  Dauphine  Maria  Josepha  um  Belstand
und  Rache  gegen  Preußen  beschworen,  und  was  ihren  Thráänen
  allein  vielleicht  nicht  gelungen  wärc,  vollendeten  die
Reize  der  Madame  Pompadour,  welche  der  Wiener  Hof
sich  gencigt  zu  machen  verstand.  Auch  die  Kaiserin  von  Rußland,
  Elisabeth,  welche  sich  persönlich  von  Friedrich  II.  beleidigt
  glaubte  und  daneben  sich  Rechnung  auf  eine  Eroberung
  von  ganz  Preußen  machte,  ging,  nachdem  sie  schon
im  December  1756  dem  Vertrage  von  Versailles  beigetreten

1757  war,  am  22.  Januar  1757  eine  noch  engere  Verbindung
mit  Maria  Theresia  ein.  Nicht  minder  trat  Schweden,  obgleich
  gegen  die  Meinung  des  Königs,  auf  Frankreichs  Zureden
  dem  Bunde  gegen  den  König  von  Preußen  bei,  dessen
Einfall  in  Sachsen  und  Böhmen,  man  auf  dem  deutschen
Reichstage  als  einen  Landfriedensbruch  bezeichnete  und  ihn,
mit  Bestimmung  der  Stände,  durch  einen  Reichserecutionskrieg
  zu  strafen  beschloß.  Friedrich's  Härte  gegen  Sachsen
mißbilligte  selbst  sein  Bundesgenosse,  der  König  von  Großbritannien,
  der  sich  öbrigens  noch  enger  mit  ihm  verband.
        <pb n="459" />
        Friedrich  August  II.  419

Bei  Annaͤherung  des  Fruͤhjaͤhres  ging  Friedrich  —  nachdem
  er  im  Winter  1756  —  1757  noch  alle  Kraͤfte  des  schwererschoͤpften
  Sachsens  begierig  aufgezehrt,  Lieferungen  und  Contributionen
  vermehrt,  die  Besoldungen  der  churfuͤrstlichen  Diener
  zuruͤckgehalten  oder  gar  eingezogen  und  allenthalben  Recruten
  ausgehoben  hatte  —  nach  Böhmen,  um  dem  Auftreten
  der,  Oesterreich  verbuͤndeten  Maͤchte  zuvorzukommen,
und  gewann  (6.  Mai)  das  entscheidende  Treffen  bei  Prag.
Dagegen  mußte  er  am  18.  Juni  die  furchtbare  Niederlage
bei  Collin  erleiden.  Den  Sieg  uͤber  ihn  veranlaßten  einige
sächsische  Cavallerie  -Regimenter,  die,  als  die  Oesterreicher
wankten  und  die  Preußen  schon  die  Sieger  zu  seyn  glaubten,
  unter  dem  sächsischen  Dragonerobersten  Benkendorf  sich
mit  unerhörter  Wuth  auf  die  Preußen  warfen,  furchtbar  auf
sie  einhieben  und  so  den  entrissenen  Sieg  wiedergewannen.
Die  Sachsen  wollten  sich  rächen  und  ihr  beleidigtes  Vaterlandsgefühl
  machte  sich  in  dieser  Schlacht  blutig  Luft.  Unter
dem  Kriegsgeschrei:  „dies  für  Striegau!“  hieben  sie  Friedrich's
  herrliche  Leibgarde  nieder;  die  Schmach  des  unglücklichen
  Vaterlandes  ward  in  dieser  Schlacht  tapfer  abgesöhnt!
Die  Folge  war,  daß  Friedrich  die  Belagerung  von  Prag
wieder  aufheben  mußte  und  sich  nach  Sachsen  zurückwendete;
  sein  altester  Bruder  August  Wilhelm  ging  nach  der
Lausitz.  Die  Oesterreicher  folgten  ihm  unter  dem  Herzog
von  Lothringen  und  dem  General  Daun,  und  da  es  ihnen
gelang,  sich  in  Gewalt  des  wichtigen  Passes  Gabel  zu
setzen,  so  langten  sie  noch  vor  der  preussischen  Armee  bei
Zittau  an.  Die  unglückliche  Stadt  wurde  von  den  Oesterreichern
  —  den  Bundesgenossen  der  Sachsen!  —  in  Brand
geschossen,  so  daß  nur  60  Huser  stehen  blieben  und  mehr
als  400  Bürger  dabei  umkamen.  Dennoch  schlugen  sich  die
Preußen  durch;  nur  ein  kleiner  Theil  derselben  ward  gefangen.


Nunmehr  sammelte  sich  in  der  Gegend  von  Nürnberg
auch  die  zur  Befreiung  von  Sachsen  bestimmte  Reichsexecutionsarmee;
  wie  immer  auf  das  Bunteste  *t

27  *
        <pb n="460" />
        420  Friedrich  Augußt  II.

und  ohne  allen  innern  Zusammenhalt.  Das  Commando
über  dieses  militairische  Quodlibet  war  dem  Prinzen  Joseph
von  Hildburghausen  anvertraut,  zu  welchem  —  befehligt
durch  den  Prinzen  Soubise,  einen  Schützling  der  Madame
Pompadour  —  eine  franzosische  Armee  zu  Erfurt  stieß.  Der
Koͤnig  zog  ihnen  nach  Thüringen  entgegen;  aber  diese  hielten
  es  nicht  für  gerathen,  seine  vollige  Nähe  erst  abzuwarten,
  sondern  zogen  sich  ohne  Weiteres  nach  Gotha  und  Eisenach
  zurück.  Ein  französisches  Corps,  welches  Gotha  besetzt
  hatte,  lief  hastig  vor  der  preussischen  Reiterei  davon  und
ließ  derselben  eine  große  Eroberung  von  Parfümersen,  Pomaden,
  Schlafröcken,  Pudermänteln  und  Regenschirmen  zurück.
  Die  vielfarbige  Reichsarmee  hielt  sich  noch  schlechter,
als  die  Franzosen.  Thüringen  war  besonders  froh,  von  den
Letzteren  gereinigt  zu  seyn,  die  überall,  wo  es  keinen  Feind
gab,  sich  gegen  die  armen,  wehrlosen  Einwohner  sehr  kriegerisch
  zeigten  und  durch  üble  Wirthschaft  das  nachbrachten,
was  sie  auf  dem  Schlachtfelde  gern  versäumten.  —  Nicht
so  leicht  ward  es  den  Preußen  in  der  Oberlausitz  gemacht;
vielmehr  ward  das  Corps  des  preussischen  General  Winterfeld,
  bei  Görlitz  durch  den  österreichischen  General  Nadasdi
geschlagen,  Winterfeld  selbst  —  den  Friedrich  II.  besonders
begünstigte  —  getödtet,  und  der  Prinz  von  Bevern  dadurch
gendthigt,  mit  der  von  ihm  befehligten  preussischen  Hauptarmee
  sich  bis  nach  Liegnitz  zurückzuziehen,  worauf  die  Oberlausitz
  in  die  Hände  der  Oesterreicher  kam.  Daun  folgte
dem  Prinzen  von  Bevern  nach  Schlesien,  und  dieser,  bei
Breslau  verschanzt,  befand  sich  in  einer  unangenehmen  Lage,
da  der  König  doch  von  der  feanzösischen  und  Reichsarmee
zu  sehr  beschäftigt  ward,  als  daß  er  ihm  zu  Hilfe  hätte  eilen
  konnen.  Die  Gegend  von  Leipzig  hatte  durch  die  Franzosen,
  welche  —  als  der  Koͤnig  seine  Stellung  bei  Erfurt
aufgab  —  bis  dahin  vorgedrungen  waren,  unendliche  Drangsale
  zu  bestehen,  indem  diese,  obgleich  Sachsens  Bundesgenossen,
  ärger,  als  in  Feindesland,  hauf  ten,  die  sämmtlichen
  Dörfer  in  der  Gegend  total  plünderten  und  nicht  ein-
        <pb n="461" />
        Friedrich  August  II.  421

mal  die  Kirchen  verschonten.  Zwar  eilte  ihnen  der  Koͤnig
uͤber  Leipzig  bis  Weißenfels  entgegen  und  nahm  hier  ein
ganzes  franzoͤsisches  Corps  gefangen,  doch  wurde  er  an  der
Saale,  deren  Bruͤcken  die  Franzosen  abgebrochen  hatten,  so
lange  aufgehalten,  bis  der  General  Keith  bei  Halle  den
Fluß  uͤberschritten  und  Soubise  sich  von  dem  anderen  Ufer
weggezogen  hatte.  Bei  Roßbach  hatten  die  Franzosen  und
Reichstruppen,  zusammen  60  —70,000  Mann  stark,  auf
einer  Anhöhe  eine  so  günstige  Stellung  eingenommen,  daß
die  nur  22,000  Mann  starken  Preußen  sie  nicht  fuͤglich  angreifen
  konnten.  Unklugerweise  gingen  Jene  aus  dieser
Stellung  heraus  und  erlitten  sofort  (5.  Novbr.  1757)  eine
vollständige  Niederlage.  Die  Reichstruppen  waren  sogleich
bei  den  ersten  Kanonenschüssen  entlaufen  und  kamen  erst  in
Franken  wieder  zu  sich.  Die  Befreiung  Sachsens  war  durch
diesen  Schlag  vereitelt  und  diese  fehlgeschlagene  Hoffnung
wirkte  auf  die  schon  vorher  geschwächte  Gesundheit  der  Churfürstin
  so  heftig,  daß  man  sie  eilf  Tage  später  (17.  Novbr.)
todt  im  Bette  fand.

In  Schlesien  waren  die  Oesterreicher  bisher  glücklicher
gewesen;  am  22.  Novbr.  war  sogar  Breslau  in  ihre  Hände
gefallen.  Friedrich  brach  daher,  gleich  nach  der  Schlacht
von  Roßbach,  eiligst  nach  Schlesien  auf,  und  durch  den
glänzenden  Sieg  bei  Leuthen  hatte  er,  bis  auf  Schweidnit,
diese  ganze  Provinz  wieder  erobert.  Sachsen  blieb  nur  noch
von  einem  kleinen  preussischen  Corps  unter  dem  Prinzen
Heinrich  besetzt.  Erst  um  die  Mitte  des  folgenden  Jahres  bemühte
sich  Daun  abermals,  Sachsen  von  den  Preußen  zu  reinigen.
Er  wollte  hierzu  die  Abwesenheit  des  Königs  benutzen,  der
den  Russen  entgegen  gezogen  war.  Daun's  Behutsamkeit
verbot  ihm  jedoch  auch  diesmal,  schnell  vorzudringen.  Während
  Friedrich  (25.  August)  die  Russen  bei  Zorndorf  schlug,
stand  Jener  bei  Görlitz,  brach  dann  nach  Sachsen  auf  und
lagerte  sich  bei  Stolpen.  Mit  ihm  vereinigte  sich  die  Reichsarmee,
  unter  ihrem  neuen  Führer,  dem  Prinzen  Heinrich
von  Zweibrücken,  welchem  es  gelang,  den  Sonnenstein  zu

1753
        <pb n="462" />
        42  Lriedrich  August  II.

erobern.  Daun  wollte  nunmehr  zur  Belagerung  Dresdens
schreiten;  aber  der  dortige  preussische  Commandant,  Graf
von  Schmettau,  erklaͤrte  sich  entschlossen,  im  Fall  einer  Belagerung
  die  Vorstaͤdte  von  Dresden  abzubrennen.  Da  er,
trotz  aller  Bitten  und  Wehklagen  des  Rathes  und  der  Einwohner,
  auf  diesem  Entschlusse  bestand,  so  wendete  man  sich,
seinem  Rathe  gemäß,  an  die  Kaiserlichen  und  beschwor  sie,
die  Belagerung  aufzugeben.  Diese  Vorstellungen  und  die
energische  Erklärung  des  Commandanten,  sich  im  schlimmsten
  Falle  von  Straße  zu  Straße  zu  schlagen  und  das  mit
Pulver  untergrabene  Palais  des  Churprinzen  zu  seinem  letzten
  Castell  zu  machen  (er  hätte  vielleicht  besser,  als  der  Zeitungsheld
  von  Antwerpen,  Chassé,  Wort  gehalten),  veranlaßte
  Daun,  sich  Dresden  aus  dem  Sinne  zu  schlagen.
Auch  sein  zweiter  Entwurf,  dem  Prinzen  Heinrich,  der  bei
Chemnitz  stand,  in  den  Rücken  zu  fallen,  während  Zweibrücken
  ihn  von  vorn  angreifen  sollte,  um  ihn  so  aufzureiben,
  unterblieb,  weil  der  König  zurückkam  und  in  der  Gegend
  von  Dresden  zu  Heinrich  stieß.  Aber  der  behutsame
Daun  —  dieser  österreichische  Fabius  Cunctator  —  war,
wie  sehr  es  auch  der  König  wünschte,  nunmehr  auch  nicht
aus  seinem  festen  Lager  bei  Stolpen  herauêzubringen.  Endlich
  verließ  er  es,  aber  nur  um  ein  eben  so  festes  Lager  bei
Kottlitz  ohnweit  Löbau  zu  beziehen.  Friedrich,  ihm  folgend,
nahm  eine  gewagte  Stellung  auf  den  Anhöhen  bei  Hochkirchen.
  Hier  bereitete  ihm  Daun  (13—  14.  October)  jenen
vernichtenden  nächtlichen  Ueberfall,  der  den  Preußen  gegen
9000  Mann  und  hundert  Stäck  Geschüß  kostete,  beinahe  allen
Generalen  —  unter  ihnen  dem  König  selbst—  Wunden  brachte
und  dem  General  Keith,  der  den  König  Tags  vorher  noch
gewarnt  und  ihm  cinen  Ueberfall  vorausgesagt  hatte,  das
Leben  kostete.  Leider  benutzte  Daun  diesen  ausserordentlichen
Sieg  bei  weitem  nicht  so,  wie  er  gesollt  hätte,  sondern  verschanzte
  sich  bei  Cannewitz  und  ließ  dem  Könige  Zeit,  sich
zu  verstärken  und  nach  Schlesien  zu  gehen.  In  Sachsen
war  nur  ein  kleines  pteussisches  Corps  unter  dem  General
        <pb n="463" />
        Friedrich  August  II.  423

Fink  zuruͤckgeblieben;  daher  glaubte  Daun,  jetzt  seine  Anschlaͤge
  auf  Dresden  erneuern  zu  muͤssen.  Wirklich  leitete  er
eine  Belagerung  ein,  und  der  Commandant  Schmettau  ließ,
seinem  diesfallsigen  Versprechen  gemaͤß,  sofort  einen  Theil  der
pirnaischen  Vorstadt  in  Brand  stecken.  Als  sich  hierauf  der
Koͤnig  von  Schlesien  her  Dresden  wieder  naͤherte,  zog  Daun  ab.
Die  Versicherung,  daß  sein  Abzug  nur  aus  Achtung  gegen
die  koͤnigliche  Familie  in  Dresden  geschehe,  haͤtte  er  sich
wohl  besser  erspart.  Er  ging  nach  Boͤhmen  zuruͤck,  die  Reichsarmee
  aber  nach  Franken,  wo  sie  im  Mai  des  folgenden
Jahres  von  Prinz  Heinrich  bis  Naumburg  gejagt  wurde,
viele  Gefangene  und  ihre  Magazine  verlor.  Dagegen  mußte
die  Mehrzahl  der  in  Sachsen  zuruͤckgebliebenen  preussischen
Truppen  nach  der  Oder  aufbrechen,  indem  die  Russen  das
brandenburg'sche  Gebiet  bedrohten;  nur  Dresden,  Leipzig,
Torgau  und  Wittenberg  blieben  von  den  Preußen  besetzt.
Die  Reichsarmec,  hierin  eine  neue  günstige  Gelegenheit  zu
einer  Befreiung  Sachsens  wahrnehmend,  rückte  vor  Leipzig,
welche  wenig  befestigte  Stadt  ohne  langen  Widerstand  übergeben
  wurde.  In  Torgau  wehrte  sich  der  tapfere  preussische
Commandant  Wolfersdorf  mit  ausserordentlichem  Muthe;
aber  Mangel  an  Munition  noͤthigte  auch  ihn  endlich,  die
ihm  gebotene  ehrenvolle  Capitulation  anzunehmen.  Leichter
bekam  man  Wiltenberg,  dessen  Besatzung,  zum  großen  Theile
aus  Sachsen  bestehend,  die  Friedrich  in  preussische  Uniform.
gezwängt  hatte,  den  Commandanten  zu  schleuniger  Annahme
der  Capitulation  drängte.  Die  österreichischen  Generale  Maquire
  und  Guasco  hatten  Dresden  schon  seit  dem  9.  August
eingeschlossen,  der  Herzog  von  Zweibrücken  gesellte  sich  mit
der  Reichsarmee  zu  ihnen.  Schmettau  ließ  abermals  einen
Theil  der  Vorstädte  anzünden  und  hatte  der  Neustadt  ein
gleiches  Schicksal  zugedacht,  sobald  sie  vom  Feinde  beschossen
würde,  was  jedoch  die  Vorstellungen  des  churfärstlichen  Hofes
verhüteten.  Schmettau's  frühere  hartnäckige  Beschlüsse  wurden
  durch  die  Nachricht  von  der,  von  den  Preußen  verlerenen
Schlacht  bei  Cunnersdorf,  stark  erschöttert.  Der  König  felbst,
        <pb n="464" />
        424  Friedrich  August  II.

welcher  ihm  diesen  Unfall  meldete,  gab  ihm  zugleich  zu  erkennen,
  daß  es,  nach  diesem  gewaltigen  Verluste,  schwer
halten  moͤchte,  Dresden  zu  entsetzen,  und  er  deshalb  im
schlimmen  Falle  auf  eine  Capitulation  bedacht  seyn  moͤge,
durch  welche  wenigstens  die  dort  befindlichen  Cassen  gerettet
würden.  Nachdem  Schmettau  noch  einige  Wechen  vergebens
  auf  Entsatz  gewartet  hatte,  unterzeichnete  er  endlich  am
4.  September  die  Capitulation,  welche  ihm  und  seiner  Besatzung
  freien  und  ehrenvollen  Abzug  mit  Bagage,  Artillerie,
Munition  und  Geldwagen  —  ihr  Inhalt  soll  sich  auf  5  Millionen
  belaufen  haben,  die  man  aus  dem  so  zerrütteten  Lande
erpreßt  hatte  —  zusicherte.  Hätte  er  nur  einen  halben  Tag
noch  ausgehalten,  so  wäre  Dresden  dem  Koͤnige  von  Preußen
erhalten  gewesen;  denn  kaum  war  die  Capitulation  unterzeichnet
  und  ein  Thor  von  den  Oesterreichern  besetzt,  als  der
von  dem  Koͤnige  zum  Entsatze  Dresdens  herbeigeschickte
preussische  General  Wunsch  zwei  Meilen  vor  der  Hauptstadt
erschien.  Einige  seiner  Untergebenen  wollten  Schmettau  nunmehr
  bereden,  unter  diesen  Umständen  die  Capitulation  nicht
zu  halten,  doch  war  Schmettau,  aus  mehreren  Gründen,
anderer  Meinung  und  zog  ab.  Der  Konig,  obgleich  er  ihm
selbst  zu  diesem  Schritte  gerathen,  vergab  ihm  gleichwohl
die  Uebergabe  Dresdens  nie  und  bewog  durch  seine  Ungnade
denselben,  sich  von  der  Armee  zu  entfernen.  Leipzig,  Wittenberg
  und  Torgau  wurden  durch  Wunsch  den  Preußen  wieder
gewonnen,  wodurch  diese  wieder  festen  Fuß  in  Sachsen
faßten  und  an  eine  Wiedereroberung  des  Landes  denken
konnten.  Diesem  Plane  gemäß,  ließ  der  König  den  General
Fink  mit  Truppen  nach  Sachsen  gehen,  mit  welchem  sich
kurz  darauf  der  Prinz  Heinrich  veresnigte.  Um  diesen  in
seinem  Lager  bei  Strehla  einzuschließen,  theilte  Daun  seine
Armee  in  verschiedene  Corps,  er  änderte  aber  seinen  Entschluß,
als  das  stärkste  dieser  Corps  geschlagen  wurde,  und  nahm
endlich  eine  feste  Stellung  in  der  Gegend  von  Plauen  bei
Dresden.  Friedrich  II.  aber  ließ,  um  Daun  wo  moöglich
einzuschließen  oder  zurückzusagen,  seine  Armee  ein  Lager  bei
        <pb n="465" />
        Friedrich  August  II.  425

Wilsdruf  beziehen.  Da  er  Daun  von  —  abzuschneiden
wünschte,  so  schickte  er  den  General  Fink  mit  11,000  Mann
nach  Dippoldiswalda,  um  die  nach  Böhmen  führenden  Pässe
zu  besetzen.  Die  Oesterreicher,  durch  aufgefangene  Briefe
von  dem  Unternehmen  in  Kenntniß  gesetzt,  überfieken  Fink
am  20.  Novbr.  mit  40,000  Mann.  Ohngeachtet  des  heftigen
  Verlustes,  den  er  gleich  anfangs  erlitt,  wehrte  er  sich
nach  Moglichkeit,  ward  aber  dergestalt  eingeschlossen,  daß
an  kein  Entkommen  mehr  zu  denken  war,  mußte  daher  capituliren
  und  sich  mit  seinem  ganzen  Corps  ergeben.  Statt
nunmehr  die  durch  diesen  großen  Verlust  so  sehr  geschwächten
Preußen  anzugreifen,  verhielt  sich  Daun  unthätig  in  seinem
Lager  bei  Plauen  und  ließ  den  König  im  Besitz  des  bei  weitem
  größten  Theiles  von  Sachsen.  Für  dieses  Land,  welches
  zwei  feindliche  Armeen  beherbergen  mußte,  war  der
Winter  1750  —60  eine  fürchterliche  Zeit.  Durch  die  Cantenirungéquartiere,
  welche  nur  unvollkommen  gegen  die  ausserordentliche
  Strenge  dieses  Winters  schützen  konnten,  litten
beide  Armeen  und  es  brachen  ansteckende  Krankheiten  aus,
welche  einer  Menge  Menschen  das  Leben  kosteten.  Zudem
qudlte  Friedrich  II.  das  unglückliche  Land  wiederum  auf  das
Grausamste  mit  ungeheuern  Contributionen  und  Lieferungen,
die  er  aus  ihm  erpreßte,  und  recrutirte  so  stark  es  nur  anging,
  so  daß  er  bald  wieder  Ueberfluß  an  Truppen  hatte.
Das  Jahr  1760  entwickelte  den  größten  Scenenreichthum
des  Krieges,  aber  auch  für  Sachsen  die  größten  Drangsale.
Ein  im  Juni  unter  dem  General  Lascy  vorrückendes  österreichisches
  Corps,  mußte  sich  vor  den  Preußen  zurückziehen;
dann  aber  veranlaßte  die  Niederlage  Fouquet's  bei  Landshut
—  die  den  Oesterreichern  ganz  Schlesien  erdffnete  —  den
Konig,  zum  Schutz  dieser  Provinz  seinen  Marsch  in  die  Lausitz
zu  nehmen,  wohin  Daun  ihm  von  der  Seite,  Lascy  im
Räcken  folgte.  Daun  stand  noch  eher  an  den  Gränzen
Schlesiens,  als  der  Konig,  welcher  plotzlich  sich  umkehrte  und
Lascy  nothigte,  sich  über  die  Elbe  nach  Plauen  zu  wenden,
wo  mittlerweile  die  Reichsarmee  unter  dem  Prinzen  von
        <pb n="466" />
        126  Friedrich  August  II.

Zweibrücken  angekommen  war,  mit  welcher  er  sich  vereinigte.
Friedrich  1I.  hoffte  nunmehr,  Dresden  zu  einer  schnellen  Capitulation
  zu  bringen;  da  aber  der  Commandant  Magquire
von  keiner  Uebergabe  wissen  wollte,  so  wurde  vom  14.  Juli
an  die  Stadt,  anfangs  mit  leichterem,  dann  aber  mit
schwerem  Geschütz,  beschofsen.  Die  Preussen  brannten,  um
sich  den  Wällen  besser  nähern  zu  konnen,  einen  Theil  der
Vorstädte  an  und  das  Feuer  griff  nun  mit  aller  Wuth  um
sich.  Ganze  Straßen  brannten  von  einem  Ende  bis  zum
andern  nieder.  Auch  der  Thurm  der  Kreuzkirche  fing  Feuer
und  zerschmetterte  im  Einsturze  das  Dach  und  das  Gebäude.
Wem  es  moglich  wurde,  der  rettete  sich  in  die  Neustadt;
die  von  den  unglücklichen  Eimwohnern  in  bombenfesten  Kellern
  verwahrte  Habe  wurde  von  der  österreichischen  Besatzung
selbst  aufgesucht  und  geplündert.  Nach  Daun's  Rückkehr  —
die  zum  Unglück  für  die  Stadt  nur  zu  spät  erfolgte  —  wurden
  die  Preußen  von  dem  diesseitigen  Elbufer  völlig  weggejagt,
  und  die  Neustadt  war  wieder  frei.  Die  Oesterreicher
wagten  daher  häufige  Ausfälle,  und  in  der  Nacht  vom  21
—  22  Juli  wurden  die  anstärmenden  Preußen  so  nachdrücklich
  zurückgeschlagen,  daß  der  Koͤnig  seine  ganze  Stellung
verändern  mußte  und  dadurch  Dresden  für  ihn  verloren  war,
zumal  es  seiner  Armee  an  Munition  mangelte  und  die
Oesterreicher,  als  Herren  der  Elbe,  die  Zufuhr  verhinderten.
Die  Nachricht,  daß  die  Festung  Glatz,  der  Schlässel  Schlesiens,
  den  Preußen  verloren  gegangen  sey,  war  ein  neuer
Schlag  für  ihn  und  beschleunigte  seinen  Aufbruch  nach  Schlesien.
  Dresden  athmete  nunmehr  wieder  auf,  aber  was
hatte  es  durch  diesen,  obgleich  fehlgeschlagenen  Versuch  Friedrich's
  II.  gelitten  und  verloren!  Fünf  Kirchen  und  416  Haͤuser
  lagen  in  Asche,  Tausende  von  Einwohnern,  die  sich  Brodlos
  gemacht  sahen,  mußten  zu  dem  Wanderstabe  greifen,
Unzählige  waren  verarmt,  Viele  hatte  der  Tod  hingerafft.  Der
eidlich  beschworene  Verlust  an  Eigenthum  betrug  1,176,  405
Thaler.  Diese  neuen  Wunden  konnte  das  ohnedies  sieche
Land  lange  nicht  verschmerzen.
        <pb n="467" />
        Friedrich  August  II.  427

Friedrich  ließ  den  General  Huͤlsen,  mit  einem  nur  maͤßig
starken  Corps  in  Sachsen  zurück.  Daun  und  Lasch  folgten
mit  der  österreichischen  Hauptarmee  dem  Könige  wiederum
nach  Schlesien,  und  die  Eroberung  Sachsens  blieb  der
Reichsarmee  überlassen,  welche  durch  ein  österreichisches
Corps  unter  Haddick  und  dann  auch  noch  durch  12,000
Würtemberger  verstärkt  wurde.  Sie  nöthigte  den  General
Hülsen,  nach  tapferem  Widerstande  Torgau  zu  verlassen;  und
nahm  auch  Wittenberg,  nachdem  vorher  der  größere  Theil
der  Stadt  eingeäschert  worden  war.  Hülsen  hakte,  nach  tapferer
  Gegenwehr  gegen  die  Uebermacht,  im  October  Sachsen  ganz
räumen  mussen.  Als  jedoch,  in  demselben  Monate,  der  Konig
  von  seinem  glücklichen  Feldzuge  in  Schlesien  und  Brandenburg,
  nach  Sachsen  zurückkehrte  und  sich,  nach  Ueberschreitung
  der  Elbe,  bei  Langenreichenbach  lagerte,  zog  sich
die  ReichSarmee  von  der  Elbe  weg  und  nach  Leipzig  zurück,
wo  sie  —  in  der  Hoffnung,  daß  Daun  zu  ihr  stoßen  werde
—  sich  zu  verschanzen  begann.  Als  diese  Erwartung  jedoch
fehlschlug  und  die  Würtemberger  obendrein  sich  von  der
Reichsarmee  trennten,  gab  sie  Leipzig  ohne  Widerstand  auf,
welches  sofort  Hülsen  besetzte.  Friedrich  wendete  sich  nunmehr
  gegen  Daun,  welcher  ein  festes  Lager  bei  Torgau  bezogen
  hatte,  griff  ihn,  trotz  aller  Schwierigkeiten,  (3.  Novbe.)
an,  und  gewann,  obgleich  nicht  ohne  bedeutende  Opfer,
die  Schlacht.  Dieser  Sieg  machte  den  König  wieder  zum
Meister  von  ganz  Sachsen,  mit  Ausnahme  Drebdens,  und
bereitete  ihm  die  Winterquartiere  in  Leipzig.  Wie  immer,
trat  Friedrich  auch  hier  mit  ungeheuren  Forderungen  auf,
die  nicht  weniger,  als  eine  Million  Thaler  betrugen.  Der
Magistrat  weigerte  sich  standhaft,  dieses  Verlangen  zu  erfüllen;
  die  Preußen  drohten,  im  fortgesetzten  Weigerungsfalle,
mit  Brand  und  hingen  deshalb  schon  Pechkränze  an  den
Häusern  auf.  Da  die  Preußen  jedoch  durch  Einéáscherung
der  Stadt  sich  selbst  am  wehesten  gethan  haben  würden,
so  glaubte  man  mit  Recht  dieser  Drohung  nicht.  Wohl  aber
wurden  die  ersten  Magistratspersonen  und  die  vornehmsten
        <pb n="468" />
        1761

428  Erledrich  August  II.

Kaufleute  in's  Gefängniß  geworfen  und  auf  das  Hartesie
behandelt.  Die  meisten  gab  man  zwar  nach  zehn  Tagen
wieder  frei;  aber  17  der  Angesehensten  hielt  man  vier  Monate
  eingesperrt,  und  als  sie,  trotz  der  schmählichsten  Behandlung
  es  verschmähten,  dem,  die  Kräfte  der  durch  den
Krieg  schon  so  sehr  erschoͤpften  Stadt  weit  übernehmenden
Verlangen  nachzugeben,  drohte  man  sie  sogar  als  Geiseln
nach  Magdeburg  zu  schleppen.  Fünwahr,  Friedrich  gestattete
sich  gegen  ein  in  unverschuldetes  Ungluck  gerathenes  Land,
die  grôößte  Härte.

Endlich  gelang  es  einem  wackern  Berliner  Kaufmann
Gotzkowsky,  der  sich  eben  in  Leipzig  befand,  die  geforderte
Summe  auf  800,000  Thaler  herabzuhandeln,  für  welche  er
sich  selbst  edelmäthig  verbargte.  Es  war  dies  nicht  die  erste
und  nicht  die  leßbte  Edelthat  dieser  Art,  welche  Gotzkoweky
übte.

Das  folgende  Jahr  war  für  Sachsen  ein  milderes,  indem
  der  Krieg  sich  nunmehr  in's  Ausland  zog.  Ein  Theil
der  preussischen  Armee  ging  mit  dem  Könige  nach  Schlesien,
der  ubrige  blieb  unter  Prinz  Heinreich  in  dem  Lager  bei
Meißen  stehen.  Daun  stand  unverrückt  in  seinem  festen
Lager  bei  Plauen.  Die  Reichsarmee  rückte,  unter  dem  Feldmarschall
  Serbelloni,  in's  Voigtland  ein  und  lagerte  sich
bei  Ronneburg,  von  wo  aus  sie  mehrere  vor  sich  liegende
Plätze,  wie  Gera,  Zeitz,  Naumburg  u.  s.  w.  besetzte.  Die
Angriffe  der  Preußen  gegen  sie  hatten  keinen  wesentlichen
Erfolg;  als  aber  Seidlitz  mit  6000  Mann  sich  der  Reichsarmee
  in  die  linke  Flanke  legte,  zog  sich  dieselbe  nach  Weida
hinter  die  Elster.  Die  Schritte  zu  einem  künftigen  Frieden
waren  sehr  matt;  besonders  da  das  deutsche  Reich  selbst
nicht  so  recht  wußte,  ob  es  überhaupt  eigentlich  den  Krieg
mitführe,  oder  nicht,  und  Friedrich  dessen  Theilnahme  standhaft
  bestritt.  Man  konnte  daher  auch  nicht  einig  werden,
ob  es  Antheil  an  den  Friedensverhandlungen  zu  nehmen
habe.  Die  Plane  der  Kriegführenden  Mächte  versteckten  sich
hinter  diese  Hemmungen  und  vermehrten  sie  dadurch.  Einige
        <pb n="469" />
        Frledrich  August  II.  49

Aussicht  auf  den  Frieden  eröffnete  sich  durch  den  Tod  der
Kaiserin  Elisabeth  von  Rußland,  einer  der  großen  weiblichen
Feinde  Friedrich's.  Ihr  Nachfolger,  Peter  III.  schon  seit
Jahren  dem  Könige  von  Preußen  befreundet,  rief  seine
Truppen  sogleich  von  der  österreichischen  Armee  aus  Schlesien
  ab,  gab  alle  Eroberungen  an  Preussen  zurück  und  schloß
Frieden  (5.  Mai).  Nicht  volle  drei  Wochen  später  trat  auch
Schweden,  nach  einem  (22.  Mai)  zu  Hamburg  unterzeichneten
  Frieden,  vom  Kriegsschauplatze  ab.  Da  Rußland's
Friedensverwendungen  am  Wiener  Hofe  vergeblich  waren,
so  ließ  es  sogar  ein  Truppencorps  zu  den  Preußen  stoßen,
das  jedoch,  nach  Peters  Sturze,  zurückgerufen  wurde.  —
Während  dessen  wurde  der  Krieg,  besonders  in  Schlesien,
lebhaft  fortgesetzt,  wohin  auch  Daun  berufen  ward.  An
seiner  Stelle  befehligte  Serbelloni  nunmehr  auch  die  Oesterreicher
  in  Sachsen.  Durch  die  zu  große  Ausdehnung  seiner
Truppen  machte  er  es  dem  Prinzen  Heinrich  möglich,  die
Oesterreicher  von  der  Reichsarmee  zu  trennen,  sich  des  Erzgebirges
  zu  bemächtigen  und  Böhmen  zu  bedrohen.  Serbelloni,
  durch  die  Bemerkungen  der  Kaiserin  verletzt,  legte
das  Commando  nieder,  welches  nunmehr  der  Freiherr  von
Haddik  übernahm,  der  anfangs  die  Preußen  bis  hinter  Nossen
  zurückdrängte.  Aber  durch  des  Prinzen  Heinrich  Sieg  bei
Freiberg,  kam  das  Erzgebirge  wieder  völlig  in  die  Hände
der  Preußen.  Um  nicht  durch  erfolglose  Scharmützel  unndthig
  die  Soldaten  zu  ermüden,  ward  am  24.  Novbr.  für
die  Wintermonate  ein  Waffenstillstand  geschlossen,  nach
welchem  Preußen  und  Oesterreicher  die  Winterquartiere  bezogen.
  Beide  ersahen  sich  gewohntermaßen  Sachsen  hierzu
aus.

Nachdem  am  3.  November  1762  zwischen  Frankreich,
England  und  Spanien  die  Friedens-Präáliminarien  zu  Fontainebleau
  zu  Stande  gekommen  waren,  erwachte  in  den
deutschen  Mächten  die  Sehnsucht  nach  Frieden  ebenfalls  mit
größerem  Ernste.  Oesterreich  war,  nach  dem  Austritte  Rußlands
  aus  dem  Bunde,  und  bei  der  Ohnmacht  des  so  furcht-1762
        <pb n="470" />
        176

430  Friedrich  August  11.

bar  erschopften  Sachsens,  hierzu  besonders  geneigt.  Sachsen,
  dessen  tiefe  Wunden  so  schmerzlich  nach  Frieden  rangen,
hatte  diese  Gesinnungen  seines  Bundesgenossen  kaum  wahrgenommen,
  als  der  Churprinz  Friedrich  Christian  —  dessen
Vaterlandsliebe  sich  in  diesem  Kriege  mehrfach  rühmlich  bethätigt
  hatte  —  auch  schon  den  König  von  Preußen  um
eine  Erklärung  bitten  ließ.  Da  dieselbe  im  Ganzen  zu  Gunsten
  eines  Friedens  auöfiel;  so  schaffte  der  Churprinz  nunmehr
  auch  eine  Erklärung  des  Wiener  Hofes  herbei,  deren
hin  und  wieder  zweideutige  und  dunkle  Stellen  durch  den
sächsischen  Gesandten  zu  Wien,  Grafen  Flemming,  genügend
aufgeklärt  wurden.  Friedrich  II.,  dem  eine  Fortsetzung  des
Krieges  aus  vielfachen  Gründen  bedenklich  werden  mußte,
indem  ihm  nicht  nur  Englands  Subsidien  föhlbar  abgingen,
sondern  auch,  bei  verlängertem  Kampfe,  in  Sachsen,  Schlesien
  und  Brandenburg  Seuche  und  Hungersnoth  befürchtet
werden  mußten,  willigte,  da  ihm  die  vorgelegten  Puncte  annehmbar
  erschienen,  in  den  angetragenen  Friedenscongreß
ein  und  so  wurde  am  15.  Februar  1763  auf  dem  sächsischen
  Jagdschlosse  Hubertsburg  der  doppelte  Friede  zwischen
Oesterreich  und  Preußen,  und  zwischen  Preußen  und  Sachsen  abgeschlossen.
  Die  beiden  kriegführenden  Hauptmächte,  Oesterreich
  und  Preußen,  kehrten  beinahe  durchgängig  zu  den  Bedingungen
  des  Breslauer  Friedens  zurück;  besonders  wurde
die  schon  damals  zugegebene  Abtretung  Schlesiens  an  Preussen
  —  welcher  Punct  gleichwohl  die  hauptsächlichste  Ursache
des  siebenjährigen  Krieges  geworden  war  —  vollkommen
bestätigt.  Man  hatte  also  eigentlich  umsonst  gekämpft  und
so  ungcheures  Blut  war  für  ein  Nichts  geflossen.

Der  Dresdner  Friede  von  1745  wurde  zur  Grundlage
des  gegenwärtigen  zwischen  Preußen  und  Sachsen  gemacht,
und  der  zehnte  Artikel  des  ersteren,  die  freie  Passage  durch
Schlesien  nach  Polen  betreffend,  wurde  noch  besonders  bestätigt.
  Friedrich  II.  verpflichtete  sich,  alle  Staaten  Friedrich
  August's,  welche  derselbe  vor  dem  Kriege  besessen,  binnen
  drei  Wochen  nach  der  Ratification  zu  rdumen,  die  Kriegs-
        <pb n="471" />
        432  Friedrich  August  II.

heit  aber  bei  der  Ritterschaft  und  den  Städten  angerichtet
hat,  nicht  zu  vergleichen.  —  Durch  unerschütterliche  und  allen
  Glauben  übersteigende  Geldanforderungen  hat  man  ihnen
die  doppelte  und  dreifache  Einbringung  des  wahren  Werths
ihrer  unbeweglichen  Güter  mit  Wuth  und  Härte  abgedrungen;
  mehr  als  sie  auf  Feldern  und  Wiesen  zu  erbauen  vermocht,
  durch  mannigfaltige,  auch  zu  öfteren  moglichst  erschwerte
  Lieferungen,  und  nach  Gutbefinden  vorgenommene
Fouragierungen  ohne  Zurücklassung  des  zum  Saamen  und
Brödung  unentbehrlichen  Bedürfnisses  entwendet;  alle  Vorrdthe
  bei  lästigen  Einquartirungen  und  Durchzügen  ausgeleeret,
  und  ihre  vorher  nach  Möglichkeit  geschonten  Waldungen
  niedergehauen.  Ihr  Viehstand  ist  theils  durch  haufige
Vorspannungen  und  andre  Folgen  des  Kriegs,  theils  durch
die  ausgebrochene  und  noch  jetzt  in  manchen  Gegenden  wüthende
  Viehseuche  zerstrt;  ja  hin  und  wieder  alles  bewegliche
  Gut  durch  Plünderungen  verzehrt,  und  über  das  alles
die  beste  junge  Mannschaft  durch  Werbungen  vertrieben  und
viele  Hauswirthe  durch  Krankheit  aufgerieben  worden.  Es
wäre  daher  sehnlichst  zu  wünschen:  daß,  so  wie  nach  Ablauf
  des  30  jährigen  Krieges,  dessen  Schrecken,  Schäden
und  Drangsale  in  den  sieben  Jahren  der  vor  wenig  Monaten
  beendigten  Unruhen  wiederhergestellt,  ja  vermannigfaltigt
  worden,  geschehen,  denen  bis  aufs  Blut  ausgesogenen
Unterthanen  eine  äusserst  bedürftige  Erquickung  und  Befreiung
  von  Abgaben  gewährt  werden  konnte.“

Wenn  man  auch  annimmt,  daß  zu  dieser  Schilderung
etwas  grelle  Farben  angewendet  worden,  so  ist  doch  gewiß,
daß  die  blutigen  Bedrückungen  und  Erpressungen,  welche
sich  die  Preußen  in  dem  unglücklichen  Sachsen  gestatteten,
nicht  leicht  übertrieben  werden  koͤnnen.  Friedrich  II.  selbst
giebt  allein  die  von  ihm  erzwungenen  Contributionen  auf
40  bis  50  Millionen  an,  daher  man,  mit  Hinzurechnung  der  Lieferungen
  recht  gern  70  Millionen  annehmen  kann.  Die  Summen,
  welche  die  Allürten  dem  Vaterlande  kosteten,  kommen
hier  nicht  einmal  in  Anschlag.  Das  dadurch  in  Umlauf
        <pb n="472" />
        Friedrich  August  II.  433

gesetzte  Geld  kam  nur  Einzelnen  zu  Gute  und  die  am  meisten
  dabei  gelitten,  schmeckten  am  wenigsten  von  diesen
Summen.  Und  diese  Erpressungen  geschahen  an  einem  Lande,
  welches  noch  nicht  von  den  Drangsalen  des  nordischen
Krieges,  noch  nicht  von  dem  Aufwande  des  vorigen  Fürsten
sich  hatte  erholen  können.

Ausser  den  nachtheiligen  Einstüssen  auf  die  Bevölkerung,
welche  in  diesem  Kriege  um  mindest  90,000  Menschen  zurückgegangen
  war,  gehörte  auch  die  durch  den  Krieg  herbeigefährte
  traurige  Münzverwirrung  zu  dessen  zahlreichen  Uebeln.
Gleich  bei  der  Besetzung  Dresdens  war  daselbst  das  Münzamt
  von  den  Preußen  in  Beschlag  genommen  und  von  ihnen
  ausgeübt  worden.  Sie  schlugen  unter  chursächsischem
Bildniß  und  Wappen  anfangs  ziemlich  leidliche  Münzen.
Aber  vom  Jahre  1757  bis  1750  wurden  unter  preussischem
Stempel  sogenannte  Zwolfmariengroschen  von  sehr  verschlechtertem
  Gehalte  ausgeprägt.  Noch  üblere  Wirthschaft  trieb
man  mit  der  Münzstätte  zu  Leipzig,  welche  gar  an  jüdische
Unternehmer  verpachtet  wurde.  Diese  prägten,  unter  koniglich
  polnischem  und  chursächsischem  Bild  und  Wappen,  besonders
  eine  Masse  von  Achtgroschenstücken,  auf  welche  man
betrügerischer  Weise  eine  frühere  Anzahl  (1753)  setzte.  Das
Volk  nannte  diese  Geldstücke  nach  einem  dieser  jüdischen
Münzpächter,  Ephraimiten.  Diese  Industrie  fand  Nachahmung
  in  mehrern  Provinzen  des  nördlichen  Deutschlands,
die  schlechten  Müunzen  wurden  eingeschmolzen,  um  noch
schlechtere  daraus  zu  schlagen,  und  es  entstand  hieraus  ein
furchtbarer  Unfsug  durch  die  Geldmäller  und  Kipper  und
Wipper,  die  daraus  für  sich  bedentenden  Gewinn  zogen,
im  Uebrigen  aber  dem  allgemeinen  Credit  den  empfindlichsten
Nachtheil  bereiteten.  Demselben  abzuhelfen,  erschien  sogleich
nach  Ablauf  des  Friedens  eine  allgemeine  Verordnung,  wodurch
  die  meisten,  während  des  Krieges  in  Umlauf  gesetzten
schlechten  Münzsorten  verrufen  wurden,  die  zu  Leipzig  aber
geschlagenen  Achtgroschenstücke  bis  zum  1.  Juli  1763  den
Werth  von  drei  guten  Groschen  behielten,  binnen  welcher

Frist  sie  in  der  Münzstätte  ausgewechselt  werden  mußten.
X  Dett  28
        <pb n="473" />
        434  Friedrich  August  II.

Durch  dasselbe  Edict  ward  auch  zuerst  der  Conventions=  oder
20  Guldenfuß  in  Sachsen  eingeführt,  nachdem  die  meisten
deutschen  Staaten  hierin  vorangegangen.  —  Diese  und  andere
  zweckdienliche  Maßregeln  gingen  vorzugöweise  von  der,
nach  geschlossenem  Frieden  niedergesetzten  Restaurationscommission
  aus,  deren  Vorschläge  und  Entwürfe  sich  unter  andern
  auch  auf  Wiedererbauung  der  Hauser  und  Plätze,  auf
Emporbringung  der  Städte  (durch  verminderte  Zinsen,  Leihanstalten,
  Wiederherstellung  des  Steuercredits,  Herbeiziehung
  von  Handwerkern  und  Manufacturisten  in  die  Städte,
zweckmäßige  Besetzung  der  Rathsstähle  und  Erschwerung  der
Processe  zwischen  Bürgerschaft  und  Stadtráäthen)  und  auf
Verbesserung  des  vaterländischen  Justiz=  und  Polizeiwesens
richteten.  Leider  konnte  und  wollte  die  Landesversammlung
von  1763,  diese  Entwürfe  der  Restaurationscommission  nicht
immer  so  berücksichtigen,  wie  sie  es  verdient  hätten.  Am
meisten  richteten  die  Stände  ihr  Augenmerk  auf  Wiederherstellung
  des  Steuercredits,  über  welche  schon  eine  Vorberathschlagung
  durch  den  König,  einen  Ausschuß  der  Ritterschaft
  und  vierzehn  Städte  gehalten  worden  war,  die  auch
ziemlich  noththat,  da  die  Schulden  bereits  zu  einer  Höhe
von  40,000,000  Thaler  gestiegen  waren.
        <pb n="474" />
        43

Vierte  Abtheilung.

Vom  Tode  Friedrich  August's  II.  bis  zum  Regierungsantritte
  Friedrich  August's  III.

——,

Maoan  war  mit  den  Landtagsverhandlungen,  zu  deren  Behuf
Friedrich  August  persdnlich  wieder  nach  Dresden  gekommen
war,  noch  nicht  bis  zum  Schlusse  gekommen,  als  plölich
—  mitten  unter  den  Vorbereitungen  zu  einer  neuen  großen
Oper  —  der  Churfürst  am  5.  October  17/63,  im  61.  Lebensjahrc,
  mit  Tode  abging.  Im  Puncte  Polens  und  des  damit
verbundenen  Religionswechsels  eine  Copie  seines  Vaters,
gab  August  sich  übrigens  sehr  in  die  Hand  des  intriguenreichen
  und  pfiffigen,  aber  troß  dem  nicht  immer  klugen
Brühl,  dem  weiter  keine  Speculationen  gelangen,  als  diejenigen,
  welche  unmittelbar  seinem  eignen  Beutel  und  seinem
individuellen  Interesse  galten.

Brühl,  der  wohl  wußte,  daß  mit  diesem  Todesfalle  seine
Rolle  ausgespielt  sey,  legte  sofort  seine  Stelle  nieder.  Aber,
wie  er  im  Leben  gleichsam  die  Farbe  zu  dem  Bilde  des
Churfürsten  geliefert  hatte,  sollte  er  auch  mit  demselben  ziemlich
  zugleich  von  der  Bühne  abtreten.  Er  starb  am  28.  October
1763,  also  noch  nicht  vier  Wochen  nach  dem  Churfürsten;

28“
        <pb n="475" />
        436  Friedrich  August“s  II.  Cod.

eine  beinahe  geheimnißvolle  Uebereinstimmung.  Die  großen
Veruntreuungen,  welche  er  am  Lande  begangen,  kamen  nach
seinem  Tode  nur  theilweis  zum  Vorschein.

Friedrich  August  II.  hinterließ  von  15  Kindern,  die  er
mit  seiner  Gemahlin  gezeugt,  5  Söhne  und  5  Dochter,  welche
den  Titel  königliche  Prinzen  und  Prinzessinnen  von  Polen  und
Litthauen  führten.  Seine  Söhne  waren  folgende:  der  Churprinz
  Friedrich  Christian  (geb.  5.  Septbr.  1722),  Franz
Taver  August  (geb.  25.  Aug.  1730),  französischer  Generallieutenant
  der  von  den  Preußen  zu  der  französischen  Armee  übergegangenen
  sächsischen  Truppen,  später  Administrator  Sachsens;
  Carl  Christian  Joseph  (geb.  13.  Juli  1733),
Herzog  von  Curland;  Albrecht  Casimir  August  (geb.
11.  Aug.  1738),  Generalfeldmarschall  und  Statthalter  von
Ungarn,  dann.  Herzog  zu  Teschen  und  (1781—  1793)  Statthalter
  der  Niederlande;  und  Clemens  Wenceßlaus
(geb.  28.  Septbr.  1739),  kaiserlicher  Generalfeldmarschalllieutenant,
  später  Erzbischof  und  Churfürst  von  Trier.

Friedrich  Christian,  welcher  seinem  Vater  in  der  Chur
Sachsens  folgte,  hatte  um  so  schdnere  Hoffnungen  zu  seinem
  Fürstenwerthe  erweckt,  da  er  während  der  Drangsale
des  sfebenjährigen  Krieges  sich  mit  edlem  Eifer  und  nach
allen  Kräften  des  unglücklichen  Vaterlandes  angenommen,
warm  und  wahr  für  dasselbe  gesprochen,  und  sich  selbst  durch
die  ausweichenden,  ja  bisweilen  sprdden  Antworten  Friedrichs
  II.  nicht  davon  hatte  abschrecken  lassen.  Er  hatte
daher  im  Voraus  die  Liebe  seines  Landes  für  sich,  und
wurde  um  so  besser  in  den  Anstalten  unterstützt,  welche  er
zu  Heilung  der  tiefen  Kriegswunden  traf.  Die  Wicderher-Kellung
  des  Steuercredits,  welche  nicht  nur  im  Hubertsburger
  Frieden,  sondern  auch  in  einem  zu  Ostern  1763  an
das  Land  erlassenen  Avertissement  versprochen  worden,  beschäftigte
  ihn  vor  Allem.  Wegen  Abzahlung  der  Landesschulden,
  welche  nach  der  Berathung  der  Stände  29,432,328  Thlr.
3  Gr.  52  Pff.  betrugen,  wurde  beschlossen,  daß  jährlich
1,100,000  Thaler  aus  den  sichersten  Einkünften  des  Landes
abgezahlt  werden  sollten.  Der  Churfürst  fögte  der  Anerken-
        <pb n="476" />
        Friedtich  Christian.  427

nung  dieser  Schuld  und  dieser  Abzahlungsweise,  noch  die  dem
Lande  besonders  vortheilhafte  Erklaͤrung  hinzu:  daß,  einem
staͤndischen  Gesuche  vom  17.  Septbr.  1763  gemaͤß,  alle  der
Kammer  zustehende  Steuerscheine  aus  der  jährlichen,  zur  Tilgung
  der  landschaftlichen  Schulden  anzuordnenden  Verloosung
  gänzlich  hinwegbleiben  sollten,  indem  er  sich  jedoch,  wie
billig,  ihre  Anerkennung  und  dereinstige  Bezahlung,  wie  auch
ihre  Verzinsung  mit  3  Proc.  vorbehielt.  Besonderen  Dank
verdiente  die  strenge  und  gewissenhafte  Weise,  womit  diese
Maßregeln  zu  Wiederherstellung  des  Steuercredits  betrieben
wurden  und  die  auf  das  Land  den  wohlthätigsten  Einfluß
übte.  Nach  einem  landesherrlichen  Decrete  vom  15.  August
1763  wurden  für  inländische  fromme  Stiftungen  —  welche
durch  die  während  des  Krieges  ausgebliebenen  Zinsen  dargeliehener
  Steuercapitalien,  wie  auch  durch  die  Ermäßigung
der  Zinsen  auf  3  Proc.  sehr  zurückgekommen  —  vom  Ueberschuß
der  Steuereinkünfte  jährlich  8000  Thlr.  ausgesetzt,  welcher
Summe  der  folgende  Landtag  5000  Thlr.  zu  Gunsten  der
Leipziger  und  Wittenberger  Universitäten  und  der  Landschulen
Meißen  und  Grimma,  zulegte.  Nur  die  Erhaltung  der  Armee
  machte  auf  diesem  Landtage  —  wo  Fürst  und  Stände
sich  so  ganz  in  ihren  Ansichten  begegneten  und  gegenseitig
unterstützten  —  einige  Weillduftigkeiten,  die  jedoch  durch
Friedrich  Christian's  aufopfernden  Edelmuth  ebenfalls  beseitigt
  wurden.  Er  setzte  die  Beiträge  zur  Miliz  von  den  alten
Erblanden  auf  850,000  Thaler  herab,  mit  der  Erklärung,
die  dadurch  mangelnden  150,000  Thaler  aus  seiner  eigenen
Chatoulle  ersetzen  zu  wollen.  Solche  Schritte  mußten  ihm
wohl  die  Herzen  seiner  Bürger  gewinnen!

Die  von  Friedrich  August  I.,  im  Jahre  1697  gestiftete
Malerschule  wurde  unter  Friedrich  Christian,  nach  einem  von
dem  bekannten  Hagedorn  entworfenen  Plane,  zu  einer  Akademie
  der  zeichnenden  und  bildenden  Künste  erweitert  und
ihre  Einkünfte  auf  16,000  Thlr.  erhöhet.  Unter  der  folgenden
  Regierung  kam,  auf  Hagedorn's  Betrieb,  ein  dhnliches
Institut  für  Leipzig  zu  Stande,  welches  jenem  in  Dresden
gleichsam  die  Hand  reichte.  Beide  Akademsen  haben  auf
        <pb n="477" />
        438  Friedrich  Chrisiian's  Tod.

Bildung  des  Geschmacks,  Erweckung  und  Befestigung  plastischen
  Sinnes,  besonders  aber  auf  Verfeinerung  vaterländischer
  Fabricate  und  Erzeugnisse  im  Allgemeinen,  den  günstigsten
  Einfluß  gehabt,  und  wenn  in  neuester  Zeit,  rücksichtlich
  der  Dresdner  Akademie,  deren  Mitglieder  als  fleißige
Lehrer  nicht  das  Lob  verdienten,  welches  ihnen,  als  Künstlern,
  zukam,  so  lag  die  Schuld  des  damit  herbeigefährten
Rückgangs  der  Akademie,  an  dem  Künstlerfinne  der  Zeit  —
der  mehr  durch  eigne  Schôpfungen  glänzen  und  seiner  Eitelkeit
  huldigen,  als  durch  prunklose  Mittheilung  seines  Wissens
  Nußen  schaffen  will  —  nicht  aber  an  den  cdlen  Stiftern
  der  Anstalt.  —

Friedrich  Christian  sollte  leider  die  Früchte  dieser  schönen
Stistungen,  an  denen  sein  sanftes  Gemöth  sich  so  innig  gelabt
  haben  würde,  nicht  erleben,  denn  schon  am  17.  December
  1763  —  nach  einer  also  nur  zweimonatlichen  Regierung
  —  starb  er  an  einem  Schlagslusse.  Schöne  und
menschenfreundliche  Entwürfe  gingen  mit  ihm  zu  Grabe.
Es  war  zu  beklagen,  daß  nach  der  dreißigjährigen
Regierung  eines  Friedrich  August  II.,  einem  Friedrich  Christian
  kaum  zwei  Monate  zur  Regierung  vergönnt  waren.
Sein  längeres  Wirken  würde  noch  manche  Wunde  geschlossen
  haben;  auch  hätte  er  durch  seine  Volksthümlichkeit,  besonders
  durch  seine  stete  Zugänglichkeit  für  den  geringsten
seiner  Unterthanen,  seinem  Sohne  und  Nachfolger,  Friedrich
August  III.,  der  viele  gute  Eigenschaften,  aber  nie  Volksthümlichkeit
  besaß  und  offenbar  zu  sehr  an  Hofformen  früherer
Jahrhunderte  hing,  ein  treffliches  Vorbild  gewähren  können.

Von  seiner  (bis  1780)  ihn  überlebenden  Gemahlin,
Maria  Antonla  von  Baiern  (Tochter  Kaiser  Carls  VII.),
hinterließ  er  vier  Söhne:  Friedrich  August  (geb.  23.  December
  1750)  Carl  (geb.  24.  Septbr.  1552,  gest.  8.  Septbr.
1781)  Anton  (geb.  27.  Deebr.  1755)  und  Maximilian
  (geb.  13.  April  1759).  Die  aͤlteste  Prinzessin,  Maria
Amalia,  vermählte  sich  mit  dem  Herzog  Carl  von  Zweibrücken
  und  starb  1795;  die  jüngere,  Maria  Anna,  starb
unvermählt,  im  Kreise  ihrer  Familie,  am  26.  November  1820.
        <pb n="478" />
        Die  Zeit  der  Administration.  439

Da  der  Churprinz,  Friedrich  August,  bei  seines  Vaters
Tode  erst  dreizehn  Jahre  alt  war,  so  regierte,  während  dessen
  Minderjährigkeit,  Friedrich  Christians  ältester  hinterlassener
  Bruder,  Franz  Kaver,  als  Administcator  über  Sachsen.
Obgleich  mit  gutem  Willen  und  mit  eifriger  Thätigkeit  ausgerüstet,
  gelang  es  dem  Administrator  doch  nicht,  in  dem
milden  Geiste  seines  trefflichen  Bruders  forkzuwirken.  Seine
kriegerische  Neigung,  die  sich  freilich  in  der  Epoche  untet
seinem  Vater  vollkommen  hätte  sättigen  können,  hatte  eine
gewisse  militairische  Röstigkeit  über  sein  Wesen  verbreitet,
welche  sich  nicht  erlaubte,  mit  der  zarten,  sorgenden  Vorsicht
  seines  Bruders  auch  in  die  kleinern  Verhältnisse  des
Staatslebens  einzugehen.  Dennoch  nahm  er  im  Allgemeinen
  die  Entwürfe  und  Anstalten  Friedrich  Christians  zu  neuer
Belebung  der  Intelligenz  und  Wiederherstellung  des  gesunkenen
  Credits  mit  thäátigem  Sinne  wieder  auf  und  führte  sie
mit  umsicht  weiter.  Das  Ersparungssystem,  welches  unter
Christian  bereits  zu  Abzahlung  der  Schulden  begonnen  hatte,
  sagte  freilich  vielen  Leuten,  besonders  solchen,  welche
sich  in  den  Strahlen  der  Brühl'schen  Sonne  gewärmt  hatten,
  nicht  zu.  Daher  entfernte  Xaver  viele  derselben,  mit
Pension,  vom  Staatdienste,  stiftete  dafür  verschiedene  neue
zeitgemäße  Aemter,  oder  regulirte  die  schon  bestehenden.  Da
Sachsens  Wohlstand  sich  besonders  auf  Landwirthschaft  und
Gewerbswesen  gründete,  beide  aber  durch  die  Stürme  des
siebenjährigen  Krieges  harte  Stdrungen  erlitten  hatten,  und
daher  eines  neuen,  antreibenden  und  ordnenden  Hebels  bedurften,
  so  wurde,  nach  einem  Plane  Christian's,  die  schon
seit  1735  bestandene  Commerciendeputation,  vermöge  Xaver's
  Genehmigung  vom  14.  April  1764,  nunmehr  in  eine,
das  gesammte  materielle  Staatsleben  umfassende  Landes-Oeconomie
  =  Manufactur=  und  Commercien  =  Deputation
  umgeschaffen,  welcher  hauptsächlich  die  oberste
Aussicht  und  Leitung  der  Landwirthschaft,  des  Gewerbswesens
  und  des  Handels,  die  Anordnung  der,  für  einzelne  Gegenstände
  und  Zweige  derselben  erforderlichen  Aufmunterungen
  und  Prämien  —  warum  hat  diese  heilsame  Anordnung
        <pb n="479" />
        440  Die  Zeit  der  Administration.

in  Sachsen  doch  so  ganz  nachgelassen?!  —  wie  auch  die
Controle  über  das  Steigen  und  Sinken  der  Bevölkerung,
oblag.  Sachsen  ging  mit  dieser  zweckmäßigen  Anstalt  den
übrigen  Staaten  voran,  und  man  muß  um  so  mehr  bedauern,
  daß  es  gegenwärtig  hierin  auch  fast  allen  andern
Staaten  nachsteht.  —  Die  Rückschritte,  welche  unter  den
Einflässen  eines  langen,  verheerenden  Krieges,  der  sachsische
Bergbau  gemacht  hatte,  gaben  die  nächste  Veranlassung  zur
Gründung  der  Bergakademie  in  Freiberg,  welche,  nach-1765

  dem  im  Decbr.  1765  der  Administrator  deren  Stiftungsurkunde
  unterzeichnet  hatte,  zu  Ostern  des  folgenden  Jahres
erdffnet  ward.  Anfänglich  wurden  dieser  Anstalt  jährlich
nicht  mehr,  als  1200  Rthlr.  aus  der  Freiberger  Oberzehntencasse
angewiesen,  die  nicht  nur  zu  Besoldung  der  Lehrer  und  Anschaffung
  der  erforderlichen  Hilfsmictel  an  Büchern,  Instrumenten,
  Modellen,  Mincralien  u.  s.  w.,  sondern  auch  zu
Stipendien  für  hoffnungsvolle  und  unbemittelte  Zöglinge
aubreichen  sollten.  Wie  leicht  vorauszusehen,  mußte,  mit
der  zweckmäßigen  Erweiterung  und  Ausdehnung  der  Anstalt,
auch  diese  Summe  sehr  bald  bedeutend  erhöht  werden.  Hätte
der  Administrator  voraussehen  können,  daß  wenig  später  an
allen  deutschen  Hoftheatern  der  zweite  Liebhaber  jährlich  eine
Summe  erhalten  sollte,  welche  der  für  ein  ganzes  umfassendes
  und  gemeinnätiges  vaterländisches  Lehrinstitut  ausgesetzten
  gleichkam,  so  würde  der  ernste  Taver  ein  bitteres  Lacheln
  wohl  nicht  haben  unterdrücken  können!  —

Durch  das  seit  dem  Jahre  1765  errichtete,  aber  erst
durch  ein  Mandat  von  1768  nach  seiner  collegialischen  Einrichtung
  in  Wirksamkeit  tretende  Dresdener  Mediscinal-=collegium,
  erhielt  das  Medicinalwesen  in  Sachsen  eine
zweckmäßige  Aufsicht  und  wurden  den  Pfuschercuren  der
Quacksalber  und  Consorten  die  crforderlichen  Gränzen  gesetzt.
  —  Eine  im  Jahr  1764  bekannt  gemachte  Hof-Rangordnung,
  in  welcher  der  Rang  der  Staatsbeamten  nach
fünf  Classen  festgestellt  wurde,  setzte  besonders  das  wechselseitige
  Verhältniß  der  Staatsbehdrden  zu  einander,  wie  auch
des  Militairs  zu  den  Civilbeamten,  in  ein  bestimmteres
        <pb n="480" />
        Die  Zeit  ber  Adminsstration.  441

Licht.  —  Nicht  weniger  erhielt  das  Mllitatewesen,
welches  dem,  kriegerischen  Angelegenheiten  besonders  holden
Xaver  sehr  am  Herzen  liegen  mußte,  eine  neue  Gestaltung.
Die  höchsten  militairischen  Würden  zählten  einen  Feldmarschall,
  zwei  wirkliche  Generale,  vier  Generallieutenants  und
acht  Generalmajors,  und  sowohl  die  Garden,  wie  die  Fuß=  und
Reiterregimenter  wurden  einer  neuen  Einrichtung  unterworfen.
Die  Avancements  der  Officiere  sollten  künftig  nicht  mehr
von  Willkühr  und  Begünstigung  abhängen,  die  Disciplin,
aber  auch  die  bessere  Verhaltung  der  Soldaten  besser  beaufsichtigt
  werden.  Mehrere  Schlösser,  wie  die  zu  Leipzig,
Stolpen,  Senftenberg  und  Pirna,  warden  nicht  mehr  als
Festungen  unterhalten,  die  bisher  darin  gelegenen  Invalidenbesatzungen
  zu  Garnisonen  umgestaltet,  die  neugeschaffene
Artillerie  bestens  beachtet,  im  J.  1768  zu  Dresden  eine  Artillerieschule
  errichtet,  der  militairische  St.  Heinrichsorden
erneuert  und  ihm  eine  Rente  von  15,000  Thle.  angewiesen.
Die  Vorliebe,  mit  welcher  Kaver  diese  auf  militairische  Angelegenheiten
  sich  beziehenden  Anordnungen  betrieb,  ließ  ihn
wiederholt  vergessen,  daß  er  in  einem  von  Kriegsdrangsalen
ausgesaugten  und  verarmten  Lande  haushalte,  und  hätte  er
allcin  seinem  Kopfe  folgen  dürfen,  so  würde  der  Armeaufwand
  den  bei  weitem  größten  Theil  der  geschwächten  Landescinkünfte
  verschlungen  haben.  Mit  den  Ständen  gerieth
er,  wegen  seiner  diesen  als  unverhältnißmäßig  erscheinenden
  Forderungen  für  den  Bedarf  und  für  Vermehrung  des
Heeres,  einige  Male  hart  zusammen  und  erhielt  sich  nicht
frei  von  dem  Vorwurfe  willkührlichen  und  zu  unbeugsamen
Sinnes.  Dennoch  ließ  er  noch  zu  rechter  Zeit  von  seinem
Gelüsten  auf  die  polnische  Krone  ab,  nachdem  auf  russischen
Betrieb,  die  Polen  den  Stanislaus  Poniatowsky  zu  ihrem
Koͤnige  gewählt  hatten,  und  verzichtete  am  6.  Octbr.  1765,
im  Namen  des  Churprinzen,  auf  Polen,  so  wie  zwei  Wochen
spater  Stanislaus  allen  Ansprüchen  an  Sachsen  entsfagte.
Die  Verpachtung  der  Generalaccise,  wodurch  bieher  Anlaß
  zu  mannigfachen  Irrungen  und  Unterschleisen  gegeben
worden  war,  wurde  schon  im  Decbr.  1763  aufgehoben;
1765  die  ersten  zweckdienlichen  Vorkehrungen  gegen  die  bis-
        <pb n="481" />
        442  Die  Zeit  der  Administration.

herigen  Mißbraͤuche  der  Zünfte  und  Innungen  getroffen,  und
zu  Wiederherstellung  der  Landstraßen,  welche  im  Kriege  fehr
gelitten  hatten,  im  nämlichen  Jahre  eine  Generalinstruction
für  die  Straßenbaucommission  und  deren  ausübende  Diener,
  erlassen.  Am  30.  April  1764  wurde  auch  das,  schon
1749  von  den  Ständen  berathene  neue  Lehnsmandat,  und
am  20.  Decbr.  1766  das  noch  weit  früher,  nämlich  schon
auf  dem  Landtage  von  1746  begutachteke  strenge  Gesetz  gegen
  die  Banqueroutiers,  wie  auch  eines  gegen  die  Hazardspiele
  bekannt  gemacht.  Im  nämlichen  Jahre  wurde  zu
Halle  auch  eine  Convention  mit  Preußen  zu  Erleichterung
des  Handels  auf  den  Messen  beider  Staaten  unterzeichnet.

Ein  dusserst  wichtiges  Geschenk  erhielt  Sachsen  durch
den  König  Carl  III.  von  Spanien,  in  ohngefähr  hundert
spanischen  Schafen  und  hundert  Widdern,  die  im  Juli
1765  ankamen.  Man  wußte  sich  später  #hnliche  Sendungen
  zu  verschaffen,  und  diese  waren  für  die  Veredlung  der
sächsischen  Schafe  und  ihrer  Wollen  vom  vortheilhaftesten
Einslusse.  Zu  Hohenstein  legte  man  eine  Schule  für  sechs
Schäfer,  und  ebendaselbst,  so  wie  auch  noch  zu  Lohmen
und  Rennersdorf,  churfürstliche  Schéfereien  an.  Die  Kammergüter
  erhielten  Abkèmmlinge  spanischer  Zucht  zum  Geschenke,
  viele  Rittergüter  brachten  deren  ebenfalls  durch  Kauf
oder  Schenkung  an  sich,  und  so  veredelte  sich  die  Wolle  allmaͤlig
  im  ganzen  Lande.  Hierdurch  eröffnete  sich  für  Sachsen
  einer  der  wichtigsten  Industriezweige.  Die  immcr  steigende
  Ausbeute  und  Güte  der  Wolle  brachte  bedeutende
Summen  ein,  und  man  schlug  den  jährlichen  Wollenverkauf
zu  Leipzig  auf  70,000  Stein,  im  Geldbetrag  auf  ohngefähr
1,500,000  Thlr.  an.  —  In  diesen  und  ähnlschen  Eimichtungen
  war  der  gute  Wille  und  die  Thätigkeit  des  Administrators
  nicht  zu  verkennen.  Dennoch  ließen  anderseits  seine
Wildlkührlichkeiten  und  seine  rücksichtslosen  Forderungen  für
das  Militair,  selnen  Abgang  von  der  Administration  nicht
so  sehr  beklagen.  Ruhe  war  des  harterschöpften  Landes  erstes
  Bedürfniß,  und  diese  zu  geben,  lag  nicht  so  recht  in
seinem  unruhigen  Charakter.

—

—
        <pb n="482" />
        Drittes  Buch.

Vom  Regierungsantritte  Friedrich  August's  III.  bis
auf  die  jetzige  Zeit.
        <pb n="483" />
        <pb n="484" />
        —  —
½ß  —  4  —  —.—

Erste  Abtheilung.

Sachsen  unter  Friedrich  August  bis  zu  seiner  Erhebung
  zu  einem  Königreiche.

Roch  vor  dem  23.  Decbr.  1768,  an  welchem  Tage  Friedrich  1768
August')  sein  achtzehntes  Jahr  vollendete,  nämlich  schon  am
15.  September  desselben  Jahres,  legte  Franz  Kaver  die  Administration
  nieder  und  überließ  seinem  Neffen  die  Regierung.
Das  Schicksal  hatte  den  jungen  Churfürsten  in  eine
Scheidegränze  der  Zeit  hingestellt,  wo  Sachsen,  allmälig  seine
tiesen  Kriegswunden  heilend,  einem  neuem  gewerbthätigen
und  sogar  geistigen  Leben  entgegenrang  und  wo  überhaupt
die  ganze  deutsche  und  europaͤische  Menschheit  in  jähem  Stoße
einer,  anfangs  in  grellen  Streiflichtern  sich  ankündigenden,
dann  aber  in  immer  sanftere  Strahlen  übergehenden  Morgenröthe
  entgegeneilte.  Wenn  Friedrich  August  auch  die  gewaltige
  Bedeutung  einer  solchen  Zeit  schwerlich  in  ihrem
vollsten  Sinne  verstand,  so  gebührt  ihm  doch  das  Lob  eines

—

)  Bei  Schilderung  dieses  Fürsten  und  seiner  Zeit  bin  ich,  was
die  äussere  Geschichtsfolge  anlangt,  besonders  dem,  jedem  vaterländischen
  Leser  auf  das  Angelegentlichste  zu  empfehlenden  Quellenwerke
  des  bochverdienten  Pölig:  „Die  Regierung  Friedrich  Anguste“
  rc.  (Leipzig,  1830.)  —  gefolgt.  Daß  ich,  in  historischen
Meinungen  und  politischen  Ansichten,  mich  demselben  weniger  an
schloß,  ist  Sache  für  sich.
        <pb n="485" />
        446  Friedrich  August  III.

Fuͤrsten,  der,  wenn  auch  nicht  durch  geistige  Ueberfülle,  doch
durch  verstandige,  leidenschaftlose  Ruhe,  durch  würdevollen
Ernst,  vor  Allem  aber  durch  aufopfernde  Rechtlichkeit,  gewissermaßen
  über  seiner  Zeit  stand.  Die  große  Schule  des
Unglücks,  die  ihn  frühzeitig  aufnahm,  bildete  seine  nicht
unbedeutenden,  Fähigkeiten  besser  aus,  als  es  vielleicht
  unter  glücklichern  Verhältnissen  geschehen  wäre.
Die  Leiden  des  siebenjährigen  Krieges,  welche  ihn  so
nahe  berührten,  verbreiteten  einen  Ernst  über  sein  Wesen,
das  sich  überhaupt  im  leichten  und  heiteren  Lebensgenusse
  nicht  recht  beimisch  fand.  Friedrich  August  sollte,
wie  eine  ernste  Reflexion,  auf  die  Galanterieen  des  Urgroßvaters
  folgen;  er  war  das  Inbild  des  entrauschten  Sachsens,
das,  vom  Taumel  des  Schmerzes  wie  des  Genusses  erwacht,
allmálig  ernste,  und  freilich  nicht  behagliche  Betrachtungen
über  seinen  eignen  Zustand  anstellte.  Was  dem  jungen  Fürsten
  besonders  zu  Statten  kam,  war  eine  ausserordentliche
Gedächtnißkraft.  Diese  machte  ihm  besonders  schnell  die
Sprachen  eigen,  deren  Kenntniß  er  bis  zu  einer  gewissen
Tiefe  trieb.  Pflanzenkunde  und  Naturwissenschaften  zogen
ihn  vor  Allen  an,  ihnen  gesellte  sich  —  ein  scharfer  Contrast
  zu  den  vorzugsweise  von  ihm  geliebten  trockneren  Dingen
  —  die  Musik  zu,  die  er  jedoch  mehr  mit  mathematischer
  Genauigkeit  betrieb.  Jedenfalls  hatte  Marcolini
große  Verdienste  um  Friedrich  August.  Er  verlieh  demselben
plastischen  Sinn  und  feuerte  dessen  Geist  an.  Man  mochte
es  dem  Italiener  billig  nachsehen,  daß  er,  auf  des  Churfärsten
  Freundschaft  und  die  ihm  geleisteten  Dienste  pochend,
sich  hin  und  wieder  Willkührlichkeiten  gestattete.  Daß  er
z.  B.  italienische  Künstler  zum  Nachtheile  deutscher  begünstigt
habe,  scheint  ein  nicht  durchgängig  gegründeter  Vorwurf  zu
seyn,  indem  sich  viele  Beispiele  aufführen  ließen,  wo  er
deutschen  Künstlern  die  größte  Aufmunterung  und  Unterstützung
  erwies.  Daß  er  aber,  wenn  auch  nicht  auf  unmittelbarem
  Wege,  den  Churfürsten  zu  behandeln  und  die  Zugänge
  zu  demselben  durch  seine  Leute  zu  beseßen  verstand,
möchte  schwerer  zu  läugnen  seyn.  Einfluß  auf  die  Staats-
        <pb n="486" />
        Friedrich  August  III.  447

und  Regierungsangelegenheiten  suchte  Marcolini  nicht,  da
Friedrich  August  jedes  dergleichen  Bestreben  durchschaute  und
übel  aufgenommen  haben  würde.

Der  Administrator,  obschon  er  es  übrigens  redlich  mit
dem  Churprinzen  gemeint  zu  haben  scheint,  unternahm  gleichwohl
  keine  Schritte  rücksichtlich  dessen  Erziehung,  und  so
kam  Friedrich  August,  mehr  durch  sich  selbst  gebildet,  zur
Regierung  eines  Landes,  das,  wie  wir  schon  bemerkt,  vom
Taumel  des  Leidens  wie  des  Genusses  allmälig  zum  trostleeren
  Selbstbewußtseyn  zurückkehrte  und  erschreckt  in  die  tiesen
  Wunden  sah,  welche  in  der  eignen  Brust  seinem  Blicke
entgegenklafften  und  die  Friedrich  August  erkannte.

In  einer  ruhigeren  Zeit  würde  Sachsen  sich  unter  Friedrich
  August  aller  Segnungen  des  Friedens  erfreut  haben,
denn  jedenfalls  war  dieser  Fürst  ein  Staatsmann,  der  seines
  Gleichen  suchte.  Aber  jener  ungeheuren  Epoche,  jenen
welterschütternden  Stürmen  waren  seine,  in  der  friedlichen
Stille  des  Cabinets  ausgearbeiteten  und  auch  dessen  Charakter
  tragenden  Plane  nicht  gewachsen.  Sie  bedurften  einer
ruhigen  Sonne,  um  zu  gedeihen.  Stellen  wir  Friedrich  August
  unabhängig  von  diesen  äusseren  Unfällen  hin,  so  bleibt
uns  in  ihm  ein  edles,  würdevolles  Fürstenbild,  das  zwar
nicht  mit  den  siegenden  Blitzen  des  Genie's  leuchtet,  das
aber  dem  Sachsen  theuer  seyn  muß,  weil  dieser  Fürst  die
Todeszuckungen  seines  Vaterlandes  schwer  mitempfinden  mußte
und  Letzterem  der  begleitende  und  mitleidende  Freund  in  den
schwersten  Augenblicken  war,  die  dieses  Land  überhaupt  erlebte.


Einer  der  schönsten  Züge  in  Friedrich  August's  Regierung
ist  jenes  gänzliche  Enthalten  aller  Willkühr,  Eine  strenge
Gerechtigkeit  ließ  er  uber  jede  seiner  Handlungen  wachen,
und  jede  derselben  trug  das  Gepräge  der  Ueberlegung  und
der  Zweckmäßigkeit.  Obgleich  er  mit  seiner  Zeit  nicht  glei--chen
  Schritt  hielt  und  auch  nicht  uberall  halten  durfte,  da
ihr  krankhaftes  Emporreißen  keine  gleichmáßige  Entwickelung,
sondern  die  Nothwendigkeit  eines  frühern  oder  spätern  Zurückschreitens
  voraussehen  ließ,  so  wußte  er  doch  in  vieler
        <pb n="487" />
        448  Eriedrich  August  111.

Hinsicht  die  nakürliche  Entwickelung  des  Staatslebens  zu
fördern.  Er  würde  Sachsen  vor  sedem  Rücksinken  kräftig
geschützt  haben.

Das  monarchische  Princip  —  welches  allerdings  mit
Friedrichs  August's  Denken  und  Fühlen  innig  verwachsen
war,  verleitete  ihn  gleichwohl  nie  zu  Machtsprüchen,  ausser
in  Fällen  des  schönen  Fürstenvorrechtes  der  Begnadigung.
Gesetzlichkeit  leitete  jede  seiner  Handlungen.

Friedrich  August  hegte  eine  Abneigung  gegen  kühne  Neuerungen,
  er  erklärte  sich  als  ein  Freund  des  Bestehenden,
und  wie  wichtige  Vortheile  auch  eine  solche  Sinnesart  des
Fürsten  auf  einer  Seite  mit  sich  bringt,  so  will  doch  dabei
immer  auf  Zeit  und  Umstände  Rücksicht  genommen  seyn,
was  ihm  oft,  aber  nicht  immer  gelang.  Immer  aber  begleiteten
  Redlichkeit  und  Vorsicht  jede  seiner  Maßregeln.

Doch  gehen  wir  von  dieser  mehr  personlichen  Schildecung
  des  Churfürsten  nunmehr  auf  allgemeinere  Angelegenheiten
  über.  —  Dem  freundschaftlichen  Verhältnisse  mit
Oesterreich  —  das  Sachsen,  als  der  kleinere  Staat,  freilich
besser  und  theurer  cultivirt  hatte,  als  letzteres  —  folgte  eine
Annäherung  an  Preußen,  welche  anfangs  nur  von  der  persbnlichen
  Freundschaft  der  beiderseitigen  Regenten  ausging,
allmälig  aber  sich  der  Stellung  beider  Staaten  selbst  mittheilte.
  So  weit  Friedrich  August's  strenge  Selbstständigkeit
  dies  überhaupt  zuließ,  nahm  er  sich  dicsen  großen  Freund
zum  Vorbilde,  und  dies  wäre  vielleicht  noch  folgenreicher  gewesen,
  hätte  zwischen  Beider  Geist  und  Gemüth  mehr  natürliche
  Aehnlichkeit  bestanden.

Ein  Ereigniß  unbedeutenderer  Art,  wo  es  gleichwohl  gute
Rechte  zu  vertreten  gab,  sollte  dem  jungen  Churfürsten  einen
Vorschmack  der  großen  Streitfragen  geben,  in  welche  er  leider!
  bald  so  tief  verwickelt  ward.  Das  reichsgräáfliche  Haus
Schönburg  strebte,  rücksichtlich  der  drei  Herrschaften,  Glauchau,
Waldenburg  und  Lichtenstein,  sich  der  sächsischen  Landesund
  Lehnshoheit  zu  entziehen,  indem  es  dieselben  für  böhmische
  Reichsafterlehen  erklärte  und  sich  dabei  auf  kaiserliche
Urkunden  berief,  die  es  allerdings  gab.  Allein  zufolge  der
        <pb n="488" />
        Friedrich  August  III.  419

geographischen  Lage  hatten  die  Markgrafen  von  Meissen  und
nunmehrigen  Churfürsten  von  Sachsen  diese  Hoheit  behauptet
  und  auch  wirklich  geübt.  Diese  Verhaltnisse  hatten  zu
wiederholten  Streitigkeiten  geführt,  und  die  Grafen  von
Schönburg  wurden  von  Oesterreich  lebhaft  in  ihrem  Bestreben
  unterstützt.  Eine  Schuldklage  des  preussischen  Grafen
Finkenstein  gegen  den  Grafen  Albert  Christian  Ernst  von
Schonburg  veranlaßte,  daß  die  Landesregierung  zu  Dresden
die  gerichtliche  Execution  an  des  Letztern  Mobilien  und  Einkünften
  verfügte.  Der  Oesterreichische  Hof,  welchem  sich
Schönburg,  um  der  sächsischen  Rechtspflege  zu  entgehen,  in
die  Arme  warf,  nahm  sich  seiner  an  und  Maria  Theresia
verlangte  die  Wiederherstellung  der  Dinge  in  den  vorigen
Stand.  Der  Churfürst  erklärte  darauf:  „er  habe  nur  seine
Hoheitsrechte  behauptet,  ohne  die  böhmischen  Lehnsrechte  zu
beeinträchtigen;  der  Gang  des  Rechts  gegen  den  Grafen
könne  nicht  unterbrochen  werden.“  Ohne  weitere  Antwort
von  Seiten  der  Kaiserin  -Königin,  so  wie  ohne  vorherige  Requisition,
  rückten  gegen  200  Mann  österreichische  Soldaten
durch  das  Erzgebirge  in  Glauchau  ein  und  führten  den  Grafen
  dahin  zurück.  Um  die  Mißverhältnisse  seiner  Seits  nicht
zu  mehren,  ließ  der  Churfürst  seine  Truppen  die  Standquartiere,
  wohin  die  Oesterreicher  kommen  würden,  räumen,  und
verwahrte  seine  Rechte  in  einer  diplomatischen  Note.  Dagegen
  ließ  die  Kaiserin-Königin  der  Schbnburgischen  Gesammtregierung
  zu  Glauchau  erklären,  daß  der  Receß  vom  4.  Mai
1740  aufgehoben  sey  und  sie  die  Landes=  und  Oberlehnsherrschaft
  über  die  erwähnten  drei  Herrschaften  in  ausschließlichen
  Besitz  nehme.  Die  Schöônburgischen  Unterthanen  wurden
  an  die  Krone  Böhmen  gewiesen  und  bedeutet,  sich  nicht
mehr  nach  sächsischen  Perordnungen  zu  fügen.  Zur  Bekraͤftigung
  wurden  an  den  Gränzen  der  drei  Herrschaften  die
Reichsadler  aufgesteckt.  Des  Churfürsten  wiederholte  und
von  Preußen  unterstützte  Vorstellungen  blieben  geraume  Zeit
unbeantwortet,  und  endlich  blieb  der  Wiener  Hof  bei  dem
durch  Kaunitz  gethanen  Versprechen  stehen,  daß  man  die
österreichischen  Truppen  und  die  böhmische  Lehnscommission
29
        <pb n="489" />
        450  Friedrich  August  1ll.

zurückberufen  werde.  Der  bald  darauf  ausbrechende  baierische
Erbfolgekrieg  unterbrach  die  Unterhandlungen,  obschon  der
Schuldprozeß  gegen  den  Grafen  von  Schbnburg  seinen  Fortgang
  nahm.  Der  Teschener  Friede,  in  welchem  Böhmen
auf  seine  Schönburgischen  Lehnsrechte  Verzicht  leistete,  machte
diesen  Streitigkeiten  spät  genug  ein  Ende,  und  ließ  Chursachsen,
  rücksichtlich  dieser  Angelegenheit,  im  Besitze  seiner
Rechte.
Während  dieser  Mißhelligkeiten  zwischen  Oesterreich  und
177  Sachsen,  starb  am  30.  December  1777  der  Churfürst  Maxmilian
  Joseph  von  Baiern  und  mit  ihm  erlosch  die  Wilhelmische
  Linie  des  Wittelsbacher  Mannsstammes.  Des
Verstorbenen  Schwester,  die  verwittbete  Churfürstin  von  Sachsen,
  hatte,  als  Allodialerbin  ihres  Bruders,  am  1.  Mai  1776
ihre  Ansprüche  an  ihren  Sohn,  den  Churfürsten,  abgetreten.
Obgleich  nach  dem  im  Jahre  1329  zu  Pavia  zwischen  beiden
  Wittelsbachischen  Linien  abgeschlossenen  Theilungs=  und
Erbvertrage,  so  wie  nach  der  im  westphälischen  Frieden  bestimmten
  churpfälzischen  Erbfolge  in  Baiern  und  nach  mehreren
  zwischen  beiden  Linien  getroffenen  Hansverträgen,  allerdings
  der  Churfürst  von  der  Pfalz,  Carl  Theodor,  die  gegründetsten
  Ansprüche  auf  die  Erbfolge  besaß,  indem  er  mit  dem
Verstorbenen  einen  gemeinschaftlichen  Stammvater  an  dem
Pfalzgrafen  Otto  von  Wittelsbach  hatte;  so  erhob  dennoch
Oesterreich,  auf  Gründe  gestützt,  die  freilich  nicht  die  größte
Haltbarkeit  besaßen,  sehr  ernsthafte  Ansprüche  und  leitete
dieselben  so  nachdrücklich  ein,  daß  noch  vor  Maximilian  Joseph's
  Tode  ein  österreichischer  Heerhaufe  sich  an  der  Gränze
zusammenzog  und,  nach  Carl  Theodors  Besitznahme,  Niederbalern
  besetzte,  waͤhrend  ein  anderer  gegen  die  Oberpfalz  losbrach,
  indem  Oesterreich  nicht  nur  auf  Niederbaiern,  sondern
  auch  auf  mehrere  bdhmische  Lehen  in  der  Oberpfalz  und
auf  die  Herrschaft  Mindelheim  Ansprüche  machte.  Seltsam
genug  war  Carl  Theodor's  Verlangen  nach  dem  so  wischtigen
  baierschen  Besitz  sehr  lau,  daher  schloß  schon  am  5.  Januar
  1778  sein  Abgeordneter  zu  Wien  mit  dem  Fürsten
Kaunit  eine  Convention  ab,  in  welcher  der  kinderlose  Carl
        <pb n="490" />
        Friedrich  August  III.  451

Theodor  die  Anspruͤche  Oesterreichs  in  soweit  anerkannte,  daß
letzterem  ganz  Niederbaiern,  die  Herrschaft  Mindelheim,  die
boͤhmischen  Lehen  in  der  Oberpfalz  und  die  vom  Kaiser  Joseph
  II.  als  erledigtes  Reichslehen  betrachtete  Landgrafschaft
Leuchtenberg  zufallen,  dem  pfalzischen  Hause  dagegen  das
Recht  der  Erb-  und  Lehnsfolge  in  Ober=  und  Niederbaiern,
mit  Ausnahme  der,  Oesterreich  zugestandenen  Theile,  überlassen
  seyn  sollte.  Zugleich  behielten  sich  beide  Theile  vor:
über  einen  Austausch  einzelner  Theile  oder  des  ganzen  Complexus
  sich  noch  weiter  zu  vergleichen.  Carl  Theodor  gab
seine  Vortheile  mit  so  vieler  Bereitwilligkeit  aus  der  Hand,
daß  er  vor  der  Natification  dieser  Convention  nicht  einmal
erst  die  Urkunde  einzusehen  begehrte,  aus  welcher  Oesterreich
seine  Ansprüche  herleitete.  Diese  Zerstückelung  eines  deutschen
  Staates  und  zu  Gunsten  des  österreichischen  Abründungs=
  und  Vergrößerungssystems,  konnte  den  übrigen  Mächten
  nicht  gleichgültig  seyn.  Die  entschiedenste  Sprache  führte
der  König  von  Preußen,  Friedrich  II.,  der  sich,  auf  die  vom
Wiener  Hofe  ihm  gemachte  Nachricht  dieser  Convention,  sogleich
  sehr  ensthaft  dagegen  erklärte.  Zugleich  ermunterte
derselbe  den  muthmaßlichen  Erben  der  pfalzischen  Cur,  den
Herzog  Carl  von  Zweibrücken,  sich  gegen  die  Wiener  Convention
  zu  erklären,  die  ohne  seine  Einstimmung  der  Gültigkeit
entbehre.  Der  Churfürst  von  Sachsen  dagegen  sendete,  zu
Verfolgung  seiner  Ansprüche,  den  geheimen  Rath  von  Zehmen
  nach  München,  um  die  Versiegelung  der  Mobiliar=  und
Archiobehältnisse  zu  besorgen  und  die  Alodialgüter  in  Besitz
zu  nehmen.  Aber  Zehmen  fand  so  wenig  Bereitwilligkeit  zu
Anerkennung  der  Rechte  seines  Herrn  vor,  daß  er  (9,  Februar
  1778)  dessen  Anspräche  durch  eine  Protestation  verwahrte.
  Keinen  bessern  Erfolg  hatten  die  Schritte  des
sächsischen  Gesandten  zu  Wien,  dem  man  auf  sein,  die  sächsischen
  Ansprüche  erdrterndes  Promemoria  zur  Antwort  gab:
daß  die  Kaiserin  =  Königin  sich  selbst  als  die  erste  und  älteste
  Regredient=  (Rückgangs-)  Erbin“)  betrachte  und  nicht

Dieses  angebliche  Regredienzrecht  leitete  Marfa  Tperesta  von  ihrer
29  *
        <pb n="491" />
        462  Friedrich  August  III.

gemeint  sey,  sich  von  einem  jungen  Erben  ausschließen  zu
lassen.  Freilich  stand  dies  nicht  im  Einklange  mit  der,  1740
bei  ihres  Vaters  Tode  von  ihr  gegebenen  Erklärung,  worin
sie  nur  das  Recht  des  näch  sten  oder  letzten  Erben  anerkannte
  und  wonach  des  Churfürsten  Mutter  das  unbedingte
Recht  für  sich  gehabt  hätte.  Auch  die  Herzoge  von  Mecklenburg
  suchten  eine  ältere,  vom  Kaiser  Maximilian  I.  ihrem
Hause  ertheilte  Anwartschaft  auf  die  Landgrafschaft  Leuchtenberg
  geltend  zu  machen.  Die  drei  Concurrenten,  Zweibrükken,
  Sachsen  und  Mecklenburg  suchten  die  Vermittelung  des
Konigs  von  Preußen,  der,  besorgt  gemacht  durch  Oesterreichs
  Vergrößerungssystem,  einem  Jeden  Hoffnung  auf  Unterstützung
  machte,  sich  der  chursächsischen  Ansprüche  aber  mit
besonderem  Eifer  annahm.  Obschon  von  dieser  Seite  unterstützt,
  gab  der  Churfürst  seinen  friedlichen  Gesinnungen  doch
mehr  Gehdr,  als  dem  politischen  Speculationsgeiste,  und  erklärte
  sich  geneigt,  auf  einen  ansehnlichen  Theil  seiner  Ansprüche
  zu  verzichten,  wenn  dadurch  die  allgemeine  Ruhe  zu
erhalten  sey.  Aber  die  Unnachgiebigkeit  des  Wiener  Hofes
vereitelte  dieses  Anerbieten  und,  obwohl  Maria  Theresia  den
Frieden  zu  erhalten  wünschte  (freilich  ohne  auch  etwas  Wesentliches
  nachgeben  zu  dürfen),  so  stimmte  doch  Josephs  II.
Feuergeist  für  Krieg,  der  auch,  nachdem  die  zeither  mit  Preußen
  und  Oesterreich  nochmals  gepflogenen  Unterhandlungen
erfolglos  blieben,  erdffnet  wurde.  In  dieser  erwartungsvollen
  Zeit  halte  der  Churfürst  von  Sachsen,  einen  von  seinem
Freunde,  dem  Konige  von  Preußen,  ihm  gemachten  Vorschlag
—  die  beiden  Lausitzen  bis  an  die  schwarze  Elster  ihm  abzutreten
  und  dagegen  die  Erbfolge  in  den  Fürstenthümern  Anspach
  und  Baireuth,  nach  dem  Tode  des  letzten  kinderlosen
Markgrafen,  zu  übernehmen  —  mit  der  Erklärung  ausgeschlagen:
  daß  er  sich  nicht  entschließen  konne,  ihm  ergebene  und
völlig  treue  Unterthanen  abzutreten  und  gegen  andere  zu  vertauschenz
  eine  Antwort,  die  seinem  Rechtlichkeitssinne  volle

Abstammung  von  Maria  Anna,  Tochter  Wilhelms  V.  von
Basern  und  Gemahlin  Ferdinand's  II,  ab.
        <pb n="492" />
        Friedrich  August  III.  453

Ehre  machte,  da  der  Tausch  mit  Land  und  Leuten,  zu  Folge
dessen  die  Menschen  als  ein  zu  verdusserndes  und  zu  überantwortendes
  Ding  und  Eigenthum  betrachtet  werden,  im
Naturrechte  nicht  eben  die  beste  Unterstützung  findet.  Zwar
wurde  von  Preussischer  Seite  dieses  Anerbieten  wiederholt
und  Oesterreich  begünstigte  dieses  Tauschproject  ungemein;
dennoch  blieb  der  Churfürst  bei  seiner  abschlägigen  Erklärung
stehen.  Schon  glaubten  durch  diesen  Vorfall  Preußen  und
Sachsen,  jeder  den  andern  für  sich  erkaltet;  aber  die  persönliche
  Freundschaft  der  beiden  Regenten  hatte  nicht  darunter
gelitten,  und  Sachsen  durfte  diese  Bemerkung  um  so  erfreulicher
  seyn,  da  Oesterreich  ihm  selbst  das,  anfangs  von  dem
Churfürsten  verlangte  Recht  der  Neutralität  nur  unter  der
Bedingung  zugestehen  wollte:  daß  den  Oesterreichern  der  freie
Durchzug  durch  Sachsen  verstattet,  ingleichen  die  Festung
Kdnigstein  auf  zwei  Jahre  überlassen  und  das  sächsische  Heer
bis  auf  4000  Mann  vermindert  werde.  Am  3.  Juli  1778
eröffnete  Friedrich  II.  den  Krieg.  Zu  dem  unter  Anführung
des  Prinzen  Heinrich  (Bruder  Friedrichs  II.)  durch  Sachsen
ziehenden  preußischen  Heere  stießen  22,000  Sachsen.  Der
österreichische  General  Laudon,  welcher  seit  einiger  Zeit  an
der  sächsischen  Gränze  stand  und  von  da  einzelne  Streifzüge
nach  Sachsen  hinein  unternehmen  ließ,  die  nicht  ohne  Plöünderung
  und  Gewaltthätigkeiten  abliesen,  suchte  das  preußische
  Heer  von  Böhmen  abzuhalten.  Dennoch  umging  Heinrich
  eines  dieser  vorgeschobenen  bsterreichischen  Streifcorps,
welches  zum  groößten  Theile  gefangen  ward,  und  drang  in
den  Leitmeritzer  Kreis  ein,  wurde  aber  durch  Laudon's  Stellung
  in  seinem  Anschlage  auf  Prag  gehindert.  Dafür  gelang
  ihm  jedoch  die  Vereinigung  mit  seinem  Bruder,  der  von
Schlesien  her  nach  Böhmen  einbrach.  Der  Kaiser  Joseph  II.
lag  bei  Jaromitz  hinter  der  Elbe  mit  dem  österreichischen
Hauptheere  in  einem  fest  verschanzten  und  fast  unangreifbaren
  Lager.  Der  erste  Feldzug  im  Sommer  1778  blieb  demnach
  ohne  Schlacht,  und  den  Winter  beschäftigten  wiederholte
  diplomatische  Verhandlungen.  Maria  Theresia  wünschte
Frieden,  zumal  ihr  Bundesgenosse,  Frankreich,  ihr,  als  dem

17#8
        <pb n="493" />
        I779

454  Friedrich  August  11I.

diesmal  herausfordernden  Theile,  die  verlangte  Unterstützung
abschlug;  dagegen  Preussens  Bundesgenosse,  Rußland,  sich
zu  thätiger  Hülfe  gegen  Oesterreich  erbot,  falls  dasselbe  sich
der  friedlichen  Vereinigung  entziehe.  Es  kam  demnach  zu
eifrigen  Unterhandlungen,  und  am  13.  Mai  1779  wurde  zu
Teschen  der  Friede  abgeschlossen.  Die  Wiener  Convention
zwischen  Oesterreich  und  Pfalz  ward  darin  aufgehoben,  Oesterreich
  erhielt  die  Festung  Braunau  mit  dem  Innviertel.  Der
Churfürst  von  der  Pfalz  gestand  Sachsen  für  dessen  bairische
Allodialerbschaft  6  Millionen  Gulden  zu,  die  er  in  vier  und
zwanzig  halbjährigen  Terminen  abzutragen  sich  verpflichtete,
und  überließ  dem  Churfürsten  von  Sachsen  die  ihm  von  Böhmen
  abgetretenen  Rechte  der  Oberlehnshoheit  über  die  drei
Schbnburgischen  Herrschaften,  Glauchau,  Waldenburg  und
Lichtenstein:  „so  daß  weder  jetzt,  noch  jemals,  den
Rechten  des  Churfürsten  von  Sachsen  auf  besagte  Herrschaften
  irgend  ein  Widerspruch  oder  Hinderung,  es  sey
von  wem  es  wolle,  entgegenstells  werden  könne.“  Die
Grafen  von  Schdnburg  wollten  sich  diesem  Vertrage  anfangs
  nicht  sägen,  weil  derselbe  ohne  ihre  Genchmigung
abgeschlossen  worden,  und  führten  vor  dem  Reichshofrathe
eine  neue  Klage,  die  ihnen  jedoch  nichts  nützte,  und  so  unterwarfen
  sie  sich  endlich  dem  Spruche,  wodurch  diese  Hoheitsstreitigkeiten
  gänzlich  beigelegt  waren.  Der  Churfürst
von  Sachsen  entsagte  nunmehr  ellen  weitern  Ansprüchen  an
die  Allodialerbschaft;  Mecklenburg  begnügte  sich,  für  seine
Ansprüche  auf  Leuchtenberg,  mit  dem  Pririlegium  de  non
appellando.  —  Die  von  Churpfalz  erhaltenen  Summen  schlug
Friedrich  August,  eben  so  redlich  als  großmüthig,  nicht  zu
seiner  Chatoulle,  sondern  zur  Hauptcasse.  Jedes  seiner  Geschwister
  erhielt  für  seinen  Antheil  an  jener  Erbschaft  50,000
Thaler  davon  —  Prinz  Anton,  als  Erbe  des  Erzherzogs  Carl,
das  Doppelte,  das  Uebrige  ward  zu  theilweiser  Tilgung  der
in  den  Jahren  1744,  1745  und  1750  gemachten  hanndverschen
  Schuld  von  31  Millionen  Thaler  verwendet,  welche
  mit  dem  Jahre  1790  gänzlich  erlosch,  wo  dann  auch  die
        <pb n="494" />
        Friedrich  August  III.  455

verpfändeten  Landeseinkünfte  und  cedirten  Steuerscheine  völlig
  an  Sachsen  zurückkamen.

Am  29.  November  1780  starb  Matia  Theresia,  durch
ihre  Schicksale,  wie  durch  den  kühnen  und  sichern  Geist,  womit
  sie  Herr  derselben  ward,  achtbar  und  denkwürdig.  Ihr
folgte  in  der  Regierung  des  österreichischen  Ländervereins,  ihr
berühmter  Sohn,  Joseph  II.,  grôößer  noch  durch  das,  was
er  entworfen  und  gewollt,  als  durch  das,  was  ihm  gelungen.
  Sein  kühner  Geist  wollte  nicht  nur  alle  Pulse  des
innern  Staatslebens  beflügeln,  welche  sein  feuriges  Gemüth
freilich  mehr  zur  Fieberglut,  als  zur  natürlichen  Wärme
brachte  —  sondern  auch  dussere  Erweiterung  und  Abrundung
erzielen.  Die  Erwerbung  Baierns  —  welcher  er  schon  früher
mit  weit  grösserem  Eifer  nachgestrebt  haben  würde,  hätten
nicht  die,  mit  den  zunehmenden  Jahren  immer  friedlicher  sich
gestaltenden  Gesinnungen  seiner  Mutter  ihn  in  diesem  Plane
beschränkt  —  nahm  er,  nachdem  er  durch  ihren  Tod  zu  grdsserer
Willens-Freihoit  gelangt,  mit  um  so  größerer  Vorliebe  wieder
auf,  da  dieser  Plan  seinen  Staaten  die  moglichste  äussere  Abrundung
  und  innere  Gesammtheit  versprach.  Die  im  Utrechter
  und  Badener  Frieden  erworbenen  belgischen  Provinzen
  lagen  dem  innern  Herzen  seiner  Staaten  zu  fern,  als
daß  sie  dem  Abrundungösysteme,  das,  als  fixe  Idee  seiner
Zeit,  auch  ihn  ergrifsen,  hätten  von  besonderm  Werthe  seyn
kôönnen;  daher  hegte  er  den  Wunsch,  dieselben,  mit  Ausnahme
  der  Grafschaft  Namur  und  des  Herzogthums  Luxemburg,
  gegen  Baiern  an  Carl  Theodor  zu  vertauschen,  dem
sodann  die  Würde  eines  Königs  von  Burgund  werden  sollte.
Der  willenlose  Carl  Theodor  war  schnell  für  diesen  Tausch
gewonnen.  Desto  ernsthafter  verweigerte  der  Herzog  von
Zweibrücken,  den  man  bedeutete,  daß,  nachdem  Carl  Theodor
bereits  eingewilligt,  der  Tausch  auch  ohne  seine,  des  Herzogs,
Eimwilligung  vor  sich  gehen  werde.  Da  Jeseph  II.  in  diesem
  Projecte  durch  die  Kaiserin  von  Rußland  unterstützt
wurde,  so  suchte  der  Herzog  von  Zweibrücken  die  Vermittelung
  Friedrichs  II.,  der,  je  mehr  Joseph's  rasche  Neuerungen
  die  Welt  in  Erstaunen,  aber  auch  in  Besorgniß  setzten,
        <pb n="495" />
        456  Der  Fuͤrstenbund.

ein  um  so  treuerer  Waͤchter  der  deutschen  Sicherheit  und  Unabhaͤngigkeit
  ward  und  seine  fruͤheren  politischen  Gewaltschritte
durch  Streben  nach  Eintracht  und  Ruhe  versoͤhnte.  Dieser
verwendete  sich  bei  der  Kaiserin  von  Rußland  für  den  Herzog
  und  erhielt  von  derselben  die  tröstliche  Antwort,  daß  ihr
zwar  dieser  Tausch  für  beide  Theile  nutzreich  erschienen  sey,
daß  derselbe  aber  auch  mit  beiderseitiger  Einwilligung  geschehen
  müsse.  Auch  Frankreich,  als  Mitgarant  des  Teschener
  Friedens,  erklärte,  daß,  wegen  Weigerung  des  Herzogs
von  Zweibrücken,  der  Kaiser  sein  Tauschproject  bereits  aufgegeben
  habe,  allein  Joseph's  eigne  Erkldrung  blieb  noch  immer
aus.  Hierdurch  fühlte  sich  Friedrich  II.  bewogen,  zu  Aufrechthaltung
  der  Integrität  und  Verfassung  des  deutschen
Reiches,  Sachsen  und  Hannover  zu  einem  Bunde  einzuladen,
der  besonders  gegen  Oesterreichs  um  sich  greifende  Ansprüche
und  bereits  erlangte  Uiberlegenheit,  Deutschlands  Gleichgewicht
schütze.  Der  Churfürst  von  Sachsen  ließ,  von  der  Nothwendigkeit
  dieser  Vorsicht  durchdrungen,  am  23.  Juli  1.85
durch  den  Grafen  Zinzendorf  diese  Bundes-Urkunde  unterzeichnen;
  ein  Gleiches  that  Hanover.  Der  Bweck  dieses  „Fürstenbundes“
  war,  die  Verfassung  Deutschlands  nach  Maßgabe
  des  westphälischen  Friedens,  der  kaiserlichen  Wahlcapitulation
  und  der  übrigen  Reichsgesetze,  zu  vertreten.  Ein
zu  fährender  vertraulicher  Briefwechsel  sollte  Deutschlands
Wohl  in  stetem  Auge  behalten  und  auf  jede  Beschwerde  aufmerksam
  machen.  Nur  in  den  geheimen  Artikeln  deutete  man
auf  den  von  Oesterreich  beabsichtigten  Ländertausch  hin.  Das
ehrenvolle  Ziel  dieses  Bundes,  für  dessen  Aufrichtigkeit  Friedrich
  August's  Name  die  beste  Gewähr  leistete,  ermunterte
mehrere  deutsche  Fürsten  —  unter  ihnen  der  Churfürst  von
Mainz  und  sein  Coadjutor  von  Dalberg,  die  Herzoge  von
Zweibrücken,  Weimar,  Gotha,  Braunschweig  und  Mecklenburg,
  der  Landgraf  von  Hessen-Cassel,  und  die  Fürsten
von  Osnabrück  und  Anhalt  —  demselben  beizutreten.  Friedrich
  II.  hatte  dadurch  seinem  bewegten  Leben  die  schöne  Friedenskrone
  aufgesetzt,  die  ihm  bald  ins  Grab  nachfolgte.  Er
        <pb n="496" />
        Der  Fuͤrstenbund.  457

starb  am  17.  August  1786,  in  einer  Zeit,  die  seiner  Gegen=  1786
wart  vielleicht  mehr,  als  jede  andere  bedurft  hätte.

Sein  großer  Gegner,  Joseph  II.,  der  ihn  hochgeachtet
und  ihn  zum  Vorbilde  genommen  —  folgte  ihm  nur  zu
schnell  (20.  Februar  1790)  im  Tode,  aber  unter  sehr  verschiedenen
  Verhältnissen.  Friedrich  II.  hatte,  nachdem  der
Krieg  ihn  in  seinem  Besitzthume  behauptet,  dasselbe  durch
Frieden  und  Staatsweisheit  befestigt,  und  eine  heitere  Zukunft
  für  sein  Land,  trat  verklärt  in  den  Todeskampf  des
greisen  Königs.  Joseph  II.,  nicht  an  Geist,  nur  an  practischer
  Erfahrung  ihm  nachstehend,  an  edlem  und  feurigem
Willen  beinahe  unerreicht,  sah  sterbend  alle  seine  goldenen
Träume  und  Hoffnungen  vernichtet.  Er  hatte  ein  Begläcker
der  Menschen  werden  wollen  und  es  nur  darin  versehen,  daß
er,  gleich  dem  Propheten  des  Orients,  seinem  politischen  Glauben
  durch  Gewalt  Bahn  brechen  zu  müssen  glaubte,  weil
seinem  Feuergeiste  die  Geduld  fehlte,  die  freie  und  natürliche
Entwickelung  der  Dinge  abzuwarten.  Waͤre  Joseph  II.  in
der  Ausführung  seiner  Entwürfe  eben  so  tiefblickend  gewesen,
  wie  großtentheils  in  seinen  Entwürfen  selbst,  so
würde  die  Geschichte  keinen  groͤsseren  Fürsten  aufzuweisen  haben,
  als  ihn.  Friedrich  August  bekam  durch  des  großen  Kaisers
  Tod,  das  Reichsvicariat  für  die  Länder  sächsischen  Rechts
in  die  Hände  und  errichtete  demgemáß  zu  Dresden  eine  Reichsvicariatscommission.
  Die  Kaiserwahl  Leopolds  II.  brachte
die  Irrungen  in's  Stocken,  welche  hinsichtlich  der  Grenzen
der  beiden  Reichsvicariate  sich  entspannen.  Aber  der  schnelle
Tod  desselben  Kaisers  (1.  März  1792)  —  dessen  Hintritt  für  1792
Oesterreich  lange  empfindlich  geblieben  wäre,  hätte  er  nicht
einen  Franz  II.  zum  Nachfolger  gehabt  —  brachte  dem  Churfürsten
  von  Sachsen  zum  zweiten  Male  das  Vicariat  zuwege.
Franz  II.  sollte  der  letzte  Kaiser  seyn,  den  Deutschland  sich
(5.  Juli  1792.)  erwählte,  würdig  schloß  sich  mit  ihm
die  ehrwürdige,  alte  Reihe  der  deutschen  Kaiser,  und  je
schmerzlicher  ihn  Deutschland  vermissen  sollte,  desto  freudiger
blühte  unter  seiner  gedeihenden  Hand  Oesterreich  mit  seinen
riesigen  Seitensprossen  empor,  das  durch  ihn  nicht  nur  die
        <pb n="497" />
        158  Die  Bauernunruhen.

gewaltsamen  Risse  schloß,  welche  der  zu  übereilte  Neuerungsgeist
Fosephs  II.  verursacht  hatte,  sondern  auch  die  Wunden  eines
langen,  nothgedrungenen  Vertheidigungskampfes  bewundernswürdig
  schnell  heilte  und  verschmerzte  und  Deutschlands  befresender
  Ritter  wurde.

Während  Deutschland  nur  von  dem  schrillenden  Geräusche
diplomatischer  Streitigkeiten  und  Sylbenstechereien  erfüllt
blieb,  war  im  Westen  die  ungeheure  Explosion  geschehen,  zu
welcher  die  frühern  Jahrhunderte  langsam,  aber  unwiderstehlich
  den  Zündstoff  zusammen  getragen  hatten.  Frankreich,
vom  Stumpffinne  zu  plötzlichem  Wahnsinne  erwacht,  schwamm
in  Verzweislung,  Entzücken  und  Blut,  überschattet  von  dem
meinungsbunten,  nach  allen  Seiten  hin  und  wieder  gezerrten
Panner  der  Revolution.  Der  Donner  ihres  Schreckens,  wie
das  Jubelbrüllen  ihrer  politischen  Bacchanalien  hallte  im  hundertfältigen
  Echo  nach  Deutschland  herüber,  verwünscht  und
beklatscht,  gefürchtet  und  ersehnt.  Die  politischen  Zeitblätter
Deutschlands,  welche  diese  Vorfälle  meldeten,  jagten  die  Meinungen
  der  Leser  im  tollen  Kreiswirbel  um  sich  her  Ceine  freilich
  vielfach  abweichende  Wiederholung  dieses  fränkisch-beutschen
Echo's  brachte  das  Jahr  1830).  Sachsen,  das  schon  mehrfach
  bewiesen  hat,  daß  nur  seine  niedern  Stände  eines  revolutionairen
  Sinnes  fähig  sind,  daß  aber  der  Volks-Charakter
in  seiner  höhern  Ausbildung  sich  beinahe  gänzlich  davon  lossagt,
  blieb  theilweise  von  diesem  Taumel  nicht  unergriffen.
Ob  sich  die  Ideen  der  neuen  Freiheit  von  selbst  entwickelt
oder  durch  französische  Emissarien  angeregt  wurden,  ist  schwer
zu  bestimmen.  JFedenfalls  unterlag  es  keinem  Sweifel,  daß
das  Verhältniß  der  sichsischen  Bauern  in  vielfacher  Hinsicht
ein  gedrücktes  war.  Am  meisten  litten  sie  in  der  Stellung
zu  ihren  Gutsherren  und  den  Patrimonialgerichten.  Der  Gutsherr
  erlaubte  sich  gern  die  auffallendsten  Willkührlichkeiten
gegen  sie,  und  der  von  Ersterem  abhängige  Gerichtsverwalter
  getraute  sich,  um  es  mit  seinem  Patrone  nicht  zu  verderben,
  nur  selten,  ein  ihnen  günstiges  Urtheil  auszusprechen
Dagegen  gebrach  es  den  Bauern  oft  an  Geld  und  an  Beherztheit,
  um  die  Sache  vor  eine  höhere  Behoͤrde  zu  bringen.
        <pb n="498" />
        Die  Bauernunruhen.  159

Die  Jäger,  auf  Friedrich  August's  Jagdliebhaberei  pochend,
hofften  ihn  sich  geneigt  zu  machen,  wenn  sie  in  ihren  Revieren
  einen  möglichst  starken  Wildstand  unterhielten  und  die
Felder  der  Bauern  litten  allerdings  viel  durch  das  angehäufte
Wild.  Der  ihnen  gereichte  Wildschaden  =  Ersatz  blieb  immer
  eine  mangelhafte  Vergütung,  und  da  es  bei  Angabe  dieser
  Schäden  einer  gerichtlichen  Beglaubigung  bedurfte,  so
ward  die  Sache  noch  obendrein  umständlich  und  zeitraubend.
  Die  Bauern,  dieser  Beschwerde  müde,  gedachten  endlich
  sich  selbst  zu  helfen.  In  14  Dörfern  des  Amtes  Hohenstein
  beganden  sie  mit  einem  Male  eine  allgemeine  Wildvertreibung
  und  dieses  Beispiel  fand  an  immer  mehreren
Orten  Nachahmung.  Dieser  Selbsthilfe  zu  steuern,  wurde  eine
churfürstliche  Commission  niedergesetzt,  welche  die  Sache  untersuchte,
  die  Klagen  der  Bauern  zwar  etwas  übertrieben  finden
  wollte,  ihnen  aber  doch  nicht  allen  Grund  absprechen
konnte.  Dem  Churfürsien  war  dies  genug,  um  den  Befehl
zu  Niederschiessung  alles  Wildes  zu  geben,  und  wenn  auch
diese  Maßregel  auf  eine  Weise  ausgeführt  wurde,  daß  sie
nicht  vollkommen  dem  beabsichtigten  Entwurfe  entsprach  und
namentlich  nicht  die  gewünschte  Dauer  hatte,  so  war  doch
des  Fürsten  Wille  zu  loben.

Ein  Unbekannter  brachte  im  Sommer  1790  ein  schrift=  1790
liches  „Promemoria"“  nach  Dittersdorf,  worin  das,  Städtchen
  Lauenstein  aufgefordert  wurde,  einer  Revolution  gewärtig
  zu  seyn  und  sich  den  16  —  18,000  Mann  anguschließen,
die  mit  fliegenden  Fahnen  und  klingendem  Spiele  über  Dresden
  nach  Pillnitz  ziehen  wüden,  um  den  Churfürsten  in  ihre
Mitte  zu  nehmen  und  ihn  im  Triumphe  nach  Dresden  zu
führen.  Es  sollten  ihm  dabei  folgende  Puncte  vorgelegt
werden:  1)  Absetzung  aller  derer  von  ihren  Aemtern,  die  Sachsen
  bisher  unglücklich  gemacht  hätten,  nach  Befinden  mit
Confiscation  ihrer  Güter;  2)  Errichtung  einer  Nationalgarde
zu  Fuß  und  zu  Pferde;  3)  Veränderung  des  Accisewesens;
4)  die  Beschränkung  der  Rittergutsbesitzer,  damit  sie  Sachsen
  nicht  zu  einer  Wüste  und  Eindde  der  Gerechtigkeit  machten;
  5)  die  Hegung  des  Wildes  aufzuheben;  6)  keine  Juris
        <pb n="499" />
        460  Die  Bauernunruhen.

practici  ferner  zu  dulden,  die  nicht  wirkliche  Gerichtsbestallungen
  hätten;  7)  dem  geistlichen  Ministerium  Verfassungsregeln
  zu  setzen;  8)  Umänderungen  in  der  Fleisch  =  und  Tranksteuer.
  Die  Puncte  waren  also  nicht  ohne  allen  Verstand
gewählt,  und  hätte  nicht  die  Clausel:  —  daß  jeder  Ort,  der
diesen  Aufforderungen  nicht  Gehdr  leiste,  geplündert  werden
solle  —  einigermassen  wieder  an  den  fanatischen  Bauernsinn
erinnert,  so  hätte  vielleicht  das  Ganze  bessern  Credit  gehobt.
Dennoch  war  der  zugezogene  Arzt  oberfláchlich  oder  schonend
genug,  den  verhafteten  Uiberbringer  dieses  Pro  Memoria  für
einen  Narren  zu  erklaren,  daher  Leßterer  nur  in  einstweilige
  Verwahrung  genommen  und  1809  wieder  frei  gelassen
wurde.  —

Dadurch  war  die  Sache  jedoch  nur  von  einer  Seite  gehemmt,
  nicht  aber  unterdrückt;  denn  im  August  des  nämlichen
  Jahres  brachen  auf  mehrern  Ddrfern  in  der  Gegend
von  Lommatsch  ernsthafte  Unruhen  unter  den  Bauern  aus,
denen  die  Vorgänge  in  Frankreich,  wie  sie  ihnen  durch  die
damals  vielgelesene  Bauernzeitung  zukamen,  die  Kopfe  verwirrten.
  Gleichwohl  hatten  die  guten  Leute  durchaus  keine
bochverrätherischen  Plane;  ihr  Aufstand  galt  nur  der  Härte
und  Habsucht  der  Gutshewen  und  sie  waren  überzeugt,  daß
der  Churfürst  nichts  von  den  über  sie  verhängten  Bedrückungen
  wisse.  Die  ihm  schuldigen  Abgaben  wollten  sie  gern  entrichten,
  dagegen  aber  verweigerten  sie  die  hergebrachten
Dienstleistungen  und  die  Hutungs=  und  Triftgerechtigkeit,  unter
  Vorwendung  ihres  Nothstandes,  namentlich  des  Futtermangels.
  Die  zusammengerotteten  Bauern  hielten  unter  sich
auf  strenge  Ordnung,  gestatteten  ssch  durchaus  keine  Räubereien,
  sondern  suchten  durch  kleine  Gewaltthätigkeiten  anderer
  Art  —  die  obendrein  meist  einen  gewissermassen  gesetzlichen
  Anstrich  hatten  —  zu  ihrem  frühern  Schaden  zu  kommen.
So  nöbthigten  sie  z.  B.  ihren  Gutsherrschaften  Reverse  wegen
künftiger  Aufhebung  der  Frohnen,  ab,  ließen  sich  früher  erhaltene
  Ohrfeigen  und  Schimpfworte  mit  Geld  vergüten  u.
s.  w.  Zu  Pezschwitz  wurden  die  dahin  gesendeten  30  Mann
Artilleristen  nebst  ihrem  Lieutenant,  von  den  Bauern  ent-
        <pb n="500" />
        Die  Bauernunruhen.  461

waffnet  und  gefangen,  eben  so  mußten  die  im  Kreisamte  Meissen
  eingebrachten  Arrestanten,  auf  das  Verlangen  von  2000
Bauern,  in  Freiheit  gesetzt  worden.  Zu  Erstickung  dieser
Auftritte,  erhielten  die  Beamten  in  denjenigen  Orten,  wo
die  Ruhe  noch  nicht  gestoͤrt  worden,  bestimmte  Verhaltungsmaßregeln;
  für  diejenigen  Orte  aber,  wo  der  Aufruhr  wüthete,
  wurde  eine  besondere  Commission,  an  ihrer  Spitze
der  Vicecanzler  von  Burgsdorf,  errichtet  und  ein  Truppencorps
  bestimmt,  um  die  Anordnungen  jener  Commission  zu
vollziehen.  Deu  Unruhestiftern  wurde  in  einem  Patente  vom
26.  August  1790  harte  Ahndung  angedroht,  auf  die  Entdeckung
  der  Aufwiegler  Prämien  gesetzt,  zugleich  aber  auch
den  Unterthanen  Gehdr,  und  eben  so  schleunige  als  gewisse
Abstellung  aller  gegründeten  Beschwerden  zugesichert.  Zugleich
  mit  jenem  Patente  erging  auch  an  die  Landescollegien
ein  Befehl  zu  modglichster  Beschleunigung  der  zwischen  Obrigkeiten
  und  Unterthanen  anhängigen  Processe,  und  zu  moglichst
kurzer,  dem  Rechte  und  der  Billigkeit  gemaßer  Erdrterung
und  Abstellung  der  sich  gegründet  darstellenden  Beschwerden.
Am  nämlichen  Tage  wurde  auch  die  Commission  angewiesen,
  die  Beschaffenheit  und  den  Ursprung  des  entstandenen
Unfugs  genau  zu  untersuchen  u#d  auf  sofortige  Wiederherstellung
  der  Ruhe  bestens  hinzuwirken.  Es  war  wohl  ein
Mißgriff,  daß  die  Belisitzer  jener  Commission  einzig  aus  Adeligen
  bestanden,  die  nicht  nur  durch  Verweigerung  der  Frohnen
  sich  persönlich  interessirt  fühlen,  sondern  auch  auf  die,
den,  meist  adeligen,  Gutsherren  den  Gehorsam  aufkündigenden
Bauern  um  so  erbitterter  seyn  konnten;  wie  denn  überhaupt,
besonders  damals,  die  Klufst  zwischen  Adel  und  Bauernstand
noch  so  weit  war,  daß  das  Naturrecht  und  das  Menschengefühl
  sie  zu  überschreiten  nicht  immer  der  Mühe  werth  fand.
Zum  Glück  war  der  Vorstand  dieser  Commission,  v.  Burgsdorf,
  ein  eben  so  rechtlicher,  als  aufgeklärter  und  hellsehender
  Mann,  der  in  seinem  Berichte,  welcher  die  Wiederherstellung
  der  Ruhe  im  Wesentlichen  ankündigte,  dußerst  richtig
  bemerkte,  daß  die  Härte  und  Sportelsucht  mehrerer  Gerichtshalter,
  desgleichen  der  Rittergutsbesstzer  oder  deren  Die-
        <pb n="501" />
        462  Die  Bauernunruhen.

ner  uͤbertriebene  Strenge,  wahrscheinlich  die  Veranlassung
zum  Ausbruche  dieser  Unruhen  gegeben  haͤtten,  indem  die
groͤbsten  Gewaltthaͤtigkeiten  eben  da  veruͤbt  worden,  wo  die
Unterthanen  am  bittersten  uͤber  druͤckende  Behandlung  geklagt
haͤtten.  Von  einem  zusammenhaͤngenden  Plane  oder  einem
fremden  Einflusse  versicherte  die  Commission  nicht  die  geringste
Spur  gefunden  zu  haben,  sondern  die  Bauern  schienen  —
durch  die  von  den  Zeitungen  erzaͤhlten  Ereignisse  in  Frankreich
  angeregt  —  nur  der,  wohl  nicht  so  ganz  und  gar  verdammlichen
  Meinung  gewesen  zu  seyn,  daß,  was  auswirts
für  den  Bauernstand  geschähe,  wohl  auch  in  Sachsen,  ohne
Verletzung  der  Pflichten  gegen  den  Landesherrn,  geschehen  dürfe.
So  wurde  denn,  nachdem  man  sich  von  der  Wiederherstellung
  der  Ruhe  überzeugt  hatte,  durch  ein  churfürstliches  Reseript
  vom  13.  Novbr.,  die  Commission  wieder  aufgelöst,
ihr  aber  eine  besondere  Anerkennung  ihrer  bewährten  Zweckmäßigkeit
  ertheilt.  Diejenigen  Bauern,  welche,  ohngcachtet
der  gegen  sie  versuchten  Gewalt,  sich  nichr  zu  einer  Theilnahme
  am  Aufstande  hatten  verleiten  lassen,  erhielten  Medaillen
  und  noch  ausserdem  Belohnungen  in  Gelde.  Die
der  Untersuchung  folgenden  Strafen  sielen  ziemlich  gelind
aus,  denn  von  200  Verhofteten  wurden  nur  34  zum  Festungsbau
  oder  zum  Konigstein  verurtheilt  und  auch  diese,
durch  die  Milde  des  Churfürsten,  schon  im  folgenden  Jahre
insgesammt  wieder  in  Freiheit  gesetzt.  So  war  durch  das
gemäßigte  Benehmen  des  Churfürsten,  durch  die  Mannzzucht
und  den  richtigen  Tact  des  Militairs,  besonders  aber  durch
die  Umsicht  und  Gerechtigkeit  der  Commission,  in  kurzer  Zeit
und  ohne  Blutvergießen  ein  Aufruhr  gedampft.

Der  Ruf  von  Friedrich  August's  Milde,  Redlichkeit  und

umsicht  war  bereits  so  weit  gediehen,  daß  der  polnische
1791  Reichstag  im  Jahre  1791  ihm  die  Krone  Polens  erblich
antrug.  Das  ungläckliche  Polen,  seit  Jahren  der  Schauplatz
  erbitterter  Kämpfe,  widerstrebender  Parteiungen,  und
durch  diese  in  seinem  Streben  nach  Selbstständigkeit  und
Einheit  immer  auf's  Neue  zurückgeworfen,  hatte  durch
        <pb n="502" />
        Antrag  der  polnischen  Krone.  463

seine  erste  Theilung  zu  der  Ueberzeugung  kommen  müssen,  daß
seine  eigne  innere  Gesetzlosigkeit  und  Parteiung  sein  gefährlichster
  und  siegreichster  Feind  sey.  Es  überzeugte  sich,
daß  nur  durch  ein  innerlich  geordneteres  Staatsleben  und
durch  ein  bedingtes  Hingeben  in  einen  allgemeinen  Willen,
Rettung  zu  finden  sey.  Der  Krieg  Rußlands  gegen  die  Pforte
(1787),  wobei  Oesterreich  sich  auf  die  Seite  des  Ersteren
schlug,  und  der  zu  gleicher  Zeit  (1788)  entbrennende  Krieg
Schwedens  gegen  Rußland,  wodurch  gleich  drei  der  bedeutendsten
  und  in  dieser  Angelegenheit  am  meisten  zu  berücksichtigenden
  europdischen  Mächte  gegenseitig  in  Schach  gestellt
  wurden,  mußte  den  Polen  allerdings  als  die  gelegenste
Zeit  gelten,  sich  dem  russischen  Einflusse  zu  entzlehen  und,
zu  Befestigung  seiner  wiedererlangten  größern  Selbstständigkeit,
  eine  Verbindung  mit  einer  auswärtigen  Macht  einzugehen,
  welche  nicht  minder,  als  Polen,  Rußlands  Vergrdsserungssysteme
  ein  beobachtendes  Ziel  zu  stellen  wünsche.
Es  fand  diese  Macht  in  Preußen,  welches  die  kriegerisch  enge
Verbindung  der  beiden  Kaiserhöfe  nicht  ohne  Besorgniß  ansehen
  konnte,  und  so  kam,  nach  längeren  Verzögerungen,
am  20.  März  1790  ein  Frcundschafts=  und  Bundesvertrag
zwischen  Polen  und  Preußen  zu  Stande,  worin  beide  Theile
einander  gegenseitig  für  alle  ihre  Besitzungen  Gewähr  leisteten
  und  sich,  im  Falle  eines  Angriffes,  einander,  wo  es  erforderlich
  sey,  mit  ihrer  ganzen  Macht  zu  unterstützen,  versprachen.
  Nachdem  auf  diese  Weise  der  erste  Schritt  zu  bestimmterer
  Ausbildung  und  Befestigung  des  polnischen  Staats  geschehen
  war,  wurde  der  schon  früher  mit  großer  Stimmenmehrheit
  vom  Reichstage  angenommene  Vorschlag:  den  polnischen
  Wahlthron  in  einen  künftigen  Erbthron  für  das
söchsische  Churhaus  zu  verwandeln,  der  neuen  Verfassung  vom
3.  Mai  1791  als  Grundgesetz  einverleibt.  Diese  neue  Verfassung
  bot,  obschon  sie  sich  den  bisherigen  Formen  nur  behutsam
  und  vorsichtig,  keinesweges  aber  mit  jäher  Neuerung
entwand,  dennoch  viele  zweckmäßige  Aenderungen  dar,  und
eben  darin,  daß  sie  das  Neue  sich  naturgemäß  aus  dem  Bestehenden
  entwickeln  ließ,  lag  die  Börgschaft  ihrer  Aechtheit
        <pb n="503" />
        464  Autrag  der  polnischen  Krone.

und  ihres  laͤngeren  Bestandes,  den  freilich  unverhoffte  Stuͤrme
und  Gesammtumwaͤlzungen  nur  zu  schnell  abbrechen  sollten.
Dieser  Verfassung  zufolge  ward  der  rdmische  katholische  Glaube
  für  die  herrschende  Religion  in  Polen  erklärt,  zugleich
aber  allen  übrigen  Bekenntnissen  Schutz  und  Freiheit  zugesichert.
  Der  der  Verfassung  vorangegangene  Freiheitsbrief
verbürgte  den  Städten  ihre  Gerechtsame;  dem  Adel  wurden
zwar  seine  Freiheiten  und  Vorrechte  bestätigt;  doch  erhielten
die  Bauern  und  Dorfgemeinden  das  Recht,  mit  ihren  Grundherren
  Verträge  einzugehen,  der  Bauer  stand  fortan  unter
dem  Schutze  des  Gesetzes.  Der  Reichstag  zerfiel,  unter  dem
Vorsitze  des  Königs,  in  zwei  Stuben  (Cammern),  die  der
vom  Volke  auf  Landtagen  gewählten  Landboten  und  die  der
Senatoren.  Die  vollziehende  Gewalt  fiel  dem  Könige  zu;
doch  durfte  dieselbe  weder  Gesetze  geben  noch  auslegen,  in
der  Hohe  und  der  Vertheilung  der  Steuern  und  Abgaben
keine  Aenderung  treffen,  keine  Staatsanleihen  machen,  keinen
Krieg  erklären,  weder  Friedensschlüsse,  noch  Verträge  oder
diplomatische  Urkunden  definitiv  abschließen.  Sie  durfte  nur
vorläufige  Unterhandlungen  mit  dem  Auslande  und  vorlausige
  Anstalten  für  die  innere  Ruhe  und  Sicherheit  treffen.
Räcksichtlich  des  Thrones  erklärte  die  Verfassung  im  Namen
des  Königs  Stanislaus  Augustus  Folgendes:  „Wir  wollen
und  verordnen,  daß  der  polnische  Thron  auf  immer  ein  Familien-Wahlthron
  seyn  soll.  Die  zur  Gnüge  erfahrenen
Uebel  der,  die  Regierung  periodisch  zertrümmernden  Zwischenreiche;
  Unsere  Pflicht,  das  Schicksal  jedes  Einwohners  in
Polen  sicher  zu  stellen  und  dem  Einflusse  auswärtiger  Mächte
auf  immer  zu  steuern;  das  Andenken  der  Herrlichkeit  und
Glückseligkeit  Unsers  Vaterlandes  zu  der  Zeit  der  ununterbrochen
  regierenden  Familien;  die  Nothwendigkeit,  Fremde
von  dem  Streben  nach  dem  Throne  zurück  zu  halten  und
dagegen  mächtige  Polen  zur  einmüthigen  Beschätzung  der
Nationalfreiheit  zurückzuführen,  haben  Uns,  nach  reifer  Ueberlegung,
  bewogen,  den  polnischen  Ahron  nach  dem  Gesetze
der  Erbfolge  zu  vergeben.  Wir  verordnen  daher,  daß  nach
Unserm,  der  Gnade  Gottes  heimgestellten  Ableben,  der  jetzige
        <pb n="504" />
        Antrag  der  polnischen  Krone.  465

Churfürst  von  Sachsen  in  Polen  König  seyn  soll.  Die  Dynastie
  der  kuͤnftigen  Koͤnige  von  Polen  wird  also  mit  der
Person  Friedrich  August's,  jetzigen  Churfuͤrsten  von  Sachsen,
ihren  Anfang  nehmen,  dessen  Nachkommen  de  lumbis  männlichen
  Geschlechts  Wir  den  polnischen  Thron  bestimmen.
Der  aͤlteste  Sohn  des  regierenden  Koͤnigs  soll  dem  Vater
auf  dem  Throne  nachfolgen.  Sollte  aber  der  jetzige  Churfürst
  von  Sachsen  keinen  Nachkommen  männlichen  Geschlechts
erhalten;  so  soll  auf  den  Fall  der  vom  Churfürsten,  mit
Genehmigung  der  versammelten  Stände  für  seine  Minzessin
Tochter  gewählte  Gemahl  die  Linie  der  männlichen  Erbfolge
auf  dem  polnischen  Throne  anfangen.  Daher  erklären  Wir
die  Maria  Augusta  Nepomucena,  Prinzessin  Tochter  des
Churfürsten,  zur  Infantin  von  Polen;  behalten  aber  dabei
der  Nation  das  keiner  Präscription  unterworfene  Recht  vor,
nach  Erldschen  des  ersten  Hauses  auf  dem  Throne  ein  anderes
  zu  wählen.  —  Jeder  Konig  wird,  bei  seiner  Thronbesteigung,
  der  Gottheit  und  der  Nation  den  Eid  leisten,  auf
die  Erhaltung  der  gegenwärtigen  Verfassung  und  auf  die
pacta  conventa,  die  mit  dem  jetzigen  Churfürsten  von  Sachsen,
  als  ernanntem  Thronfolger,  werden  abgeschlossen  worden
  seyn  und  die  ihn,  eben  so  sehr,  als  die  alten,  verpflichten
  werden.“

Obschon  sonach  von  Seiten  Polens  Alles  mit  sichtlichem
Eifer  vorbereitet  war  und  der  Fürst  Adam  Czartoryski  bald
nachher  in  Dresden  eintraf,  um  dem  Churfürsten  von  Sachsen
  die  polnische  Krone  anzutragen;  so  begegnete  Friedrich
August  diesem  schmeichelhaften,  ihm  so  leicht  gemachten  Erwerbe,
  dem  seine  Vorfahren  mit  Hast  und  Opfern  nachgejagt
  waren,  mit  lobenswerther  Besonnenheit.  Besonders
machte  es  ihm  Bedenken,  mit  welchen  Augen  der  russische
Hof  diesen  Schritt  ansehen  werde,  und  da  Catharina  IEI.
über  die  Ereignisse  in  Polen  ein  räthselhaftes  Stillschweigen
beobachtete,  so  bat  er  sich  Bedenkzeit  aus.  Er  suchte  diese
Frist  zu  benutzen,  um  durch  seinen  Gesandten  in  Petersburg
  die  Gesinnungen  des  dortigen  Hoses  über  diese  Angelegenheit
  zu  erforschen;  aber  dieser  konnte  von  Catharina

30
        <pb n="505" />
        466  Antrag  der  polnischen  Krone.

keine  andere  Antwort  erlangen,  als  daß  sie  mit  dem  klugen
Benehmen  des  Churfuͤrsten  vollkommen  einverstanden  sey.
Seine  Vorsicht  hatte  ihn  sehr  richtig  geleitet;  denn  kaum
hatte  Catharina  durch  den  (9.  Januar  1792.)  zu  Jassy  mit
der  Pforte  abgeschlossenen  Frieden  die  Hände  wieder  frei,  als
sie  die  von  Oesterreich  und  Preußen  ihr  gemachten  Anträge
—  dem  von  ihnen  rücksichtlich  Polens  eingegangenen  Vertrage
  beizutreten,  demgemäß  der  Churfürst  von  Sachsen  den
polnischen  Thron  besteigen  sollte  —  ablehnte.  Preußen  —
einen  Bruch  mit  Rußland  fürchtend  —  suchte  sich  nunmehr
auch  seinen  mit  Polen  eingegangenen  Verpflichtungen,  nach
welchen  es  Letzteres  gegen  den  Angriff  Rußlands  hätte  beschützen
  müssen,  wohl  oder  übel  zu  entziehen.  Polens  Mißgeschick
  wollte  es  meist  immer,  daß  es  hartnäckige  Feinde,
aber  minder  feste  Bundesgenossen  haben  sollte.  Da  die
neue  Verfassung,  zufolge  ihrer  zweckmäßigen  Verbesserungen,
unter  denen  immer  gewisse  verjährte  Prätensionen  zu  leiden
pflegen,  auch  in  Polen  selbst  ihre  Gegner  hatte,  so  wurde
von  zwolf,  mit  jener  neuen  Ordnung  der  Dinge  unzufriedenen
  Polen  der  sogenannte  Targowiczer  Bund  gebildet,  welchem
  Catharina  ihren  Schutz  zusagte  und  dem,  um  seiner
Goͤnnerin  nicht  zu  mißfallen,  auch  der  wankende  König  Stanislaus
  Augustus  beitrat.  Unter  diesen  Umständen  that
Friedrich  August  das  Zweckmäßigste,  d.  h.  er  lehnte  den  Antrag
  ab.  Polens  innere  Zerspaltung  rächte  sich  furchtbar  an
ihm,  und  gab  es  nicht  nur  mehr  als  je  fremdem  Einflusse
hin,  sondern  vollendete  seine  politische  Vernichtung.  Die
Gründer  der  neuen  Verfassung  entflohen  in's  Ausland;  im
Maͤrz  1793  ward  von  Rußland  und  Preußen  die  zweite
Theilung  Polens  vorgenommen,  welcher  im  Jahr  1795
die  dritte  und  letzte  Theilung  des  ungläcklichen  Landes
sich  anschloß  und  dasselbe  aus  der  Reihe  der  europälschen
Mächte  verschwinden  ließ.  In  Warschau  befand  sich,  als
diese  Stadt,  zufolge  der  dritten  Theilung,  an  Preußen  kam,
der  von  den  sechsisch  -polnischen  Königen  erbaute  Pallast,
welchen  Preußen  für  den  Preis  von  70,000  Ducaten  an  sich
kaufte.  Die  ebenfalls  daselbst  befindliche  sächsische  Porzel-
        <pb n="506" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  467

lan-Niederlage  wurde  weggeschafft,  und  so  zog  sich  Sachsen
  vor  der  Hand  gänzlich  von  Polen  zurück.

Waͤhrend  dessen  war  der  revolutionaire  Stoff  in  einem
großen  Theile  Europa's,  namentlich  in  Frankreich,  immer
mehr  zu  seiner  Entladung  gekommen,  und  die  furchtbare
Wirkung  verbreitete  sich  so  weit,  die  brennenden  Funken  des
furchtberen  Staatenbrandes  wurden  theils  durch  Zufall,  theils
durch  Absicht,  so  sehr  nach  allen  Seiten  hin  getragen,  daß
dieser  graßliche  Doppelzustand  von  Vernichten  und  Erschaffen,
  sich  dem  gesammten  Europa  mittheilen  und  alle  herköômmliche
  Formen  sprengen,  alle  gesetzliche  Ordnung  und  gesellschaftliche
  Verträge  stürzen  zu  wollen  schien.  Mit  Recht
erblickten  die  deutschen  Thronen  hierin  für  sich  eine  drohende
Gefahr  und  hielten  es  für  gemeinschaftliche  Pflicht  der  Selbsterhaltung,
  gegen  Frankreichs  Umwälzungen  hemmend  einzuschreiten.
  Besonders  wurde  Ludwig's  XVI.  Schicksal,  der
von  seinen  eignen  Unterthanen  in  schmählicher  Haft  gehalten
  wurde,  ein  Gegenstand  der  unmittelbarsten  Theilnahme
aller  deutschen  Souveraine,  ja  Deutschlands  selbst.  Die
Sache  erschien  den  deutschen  Mächten  von  so  hoher  Wichtigkeit,
  daß  die  beiden  mächtigsten  Staaten,  Oesterreich  und
Preußen,  ihr  vorheriges  gespanntes  Verhältniß  zu  einander,
darüber  vergaßen  und  rücksichtlich  Frankreichs  sich  zu  gemeinschaftlichen
  Maßregeln  mit  einander  vereinigten.  Kaiser
Leopold's  Besonnenheit  ließ  zwar  mit  Recht  hoffen,  daß  die
gegen  Frankreich  zu  unternehmenden  Schritte  von  der  nöthigen
  Vorsicht  begleitet  seyn  würden.  Dennoch  fürchtete  Friedrich
  August  nicht  ohne  Grund,  daß  diese  Vorsicht  nicht  alle
übrige  deutsche  Mächte  beseelen  werde,  zugleich  sah  er  ein,
daß  jeder  zu  rasch  gegen  Frankreich  gethane  Schritt  nur  die
Wuth  dieses  fieberhaft  erhitzten  Landes  mehren  müsse;  er
wünschte  daher  jedem  Bündnisse,  welches  eine  entschiedene
Stellung  in  dieser  Angelegenheit  verrathe,  fern  zu  bleiben
und  wußte  diesen  Grundsatz  mit  eben  so  viel  Energie  als
schonender  Behutsamkeit  durchzuführen.  Das  System,  welches
  er  hierbei  beobachtete,  geht  am  deutlichsten  aus  der,  seinen

  auswärtigen  Gesandten  mitgetheilten  Instruction  hervor,
30  *
        <pb n="507" />
        1791

468  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

dle  sich  ohngefähr  folgendermaßen  ausspricht"):  „Das  System
  Sr.  Durchlaucht  des  Churfürsten  ist:  unwandelbar  in
den  einmal  angenommenen  Grundsätzen  zu  beharren;  so  viel
moglich  mit  allen  europdischen  Mächten  in  gutem  Vernehmen
  zu  leben;  durchgängig  die  Redlichkeit  Seiner  Absichten,
die  Geradheit  der  von  Ihm  eingeschlagenen  politischen  Wege
zu  bekunden;  auf  keine  Weise  gerechte  Ursache  zu  Mißtrauen
zu  geben;  so  viel  von  Ihm  abhängt,  zur  Bewahrung  der
öffentlichen  Ruhe  und  des  allgemeinen  Friedens  beizutragen,
einzig  die  Sicherheit  und  die  Beschützung  Seiner  Staaten
und  die  Aufrechthaltung  der  deutschen  Verfassung  vor  Augen
zu  haben;  sich  in  keine  Angelegenheit  zu  mischen,  die  mit
diesen  Gegenständen  nicht  in  genauer  Beziehung  steht,  sondern
  vielmehr  so  lange  als  moͤglich  die  größte  Neutralitat
zu  beobachten,  mithin  auch  sich  die  Hände  durch  keinen
förmlichen  Vertrag  binden  zu  lassen,  welche  Ihn  von  seinen
eignen  Interessen  hinweg  zu  fremden  Händeln  hinziehen  und
Ihn  von  den  Sorgen  um  die  Regierung  seiner  Staaten  ablenken
  könnte.  Der  Beitritt  des  Churfürsten  zu  dem  deueschen
  Bunde  ist  durchaus  nicht  als  eine  Abweichung  von
diesem  Systeme  zu  betrachten:“

Bei  diesen  Grundsätzen  konnte  der  von  dem  Kaiser  von
Oesterreich  und  dem  Könige  von  Preußen  ihm  angekündigte
Besuch  ihn  nur  verlegen  machen;  doch  bewies  Friedrich  August
  gerade  in  dieser  unbehaglichen  Lage  seinen  Tact  und
die  Festigkeit  seiner  Gesinnungen.  Am  25.  August  1791
trafen  die  beiden  Monarchen  von  Oesterreich  und  Preußen,
Leopold  II.  und  Friedrich  Wilhelm,  nebst  ihren  Kronprinzen,
und,  von  Seiten  Rußlands,  der  Prinz  von  Nassau  auf  dem
Lustschlosse  Pillnitz  bei  Dresden  ein.  Zugleich  mit  ihnen,
aber  uneingeladen,  erschienen  der  Graf  von  Artois  (nachmals
  Carl  X.,  Kdnig  von  Frankreich),  der  Marquis  von
Bouillé,  Calonne  und  mehrere  andere  französische  Emigranten.
  Da  die  aus  Frankreich  kommenden  ersten  Emigranten
keinesweges  aus  dem  Kerne  des  Adels  und  des  Landes,  son-—.--



  Das  Original  ist  in  französischer  Sprache  abgefaßt.
        <pb n="508" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich,  469

dern  meist  aus  nichtsbedeutenden  Hofmaͤnnern  und  vertrockneten
  Aristokraten  bestanden  (die  Besseren  verließen  erst  speter
  Frankreich),  so  war  ihr  Erscheinen  dem  Churfürsten  wohl
schwerlich  sehr  gelegen.  Auch  dienten  sie  nur,  den  auswärtigen
  Mächten  falsche  und  verschrobene  Begriffe  von  dem
innern  Zustande  Frankreichs,  namentlich  über  die  angebliche
Geringfügigkeit  seiner  streitbaren  Kräfte,  beizubringen  und
einen  Kreuzzug  gegen  jenes  Land  der  Revolution  als  eine
erstaunlich  leichte  Sache  zu  schildern.  Friedrich  August  erhielt
  sich  bei  dieser  Zusammenkunft  die  volle  Neutralität  des
Wirthes  und  nahm  an  den  Verhandlungen  selbst  so  gut  wie
keinen  Antheil.  Am  27.  August  erließen  die  Herrscher  von
Oesterreich  und  Preußen  eine  gemeinschaftliche  Erklärung,
in  welcher  sie  sich  zu  Anwendung  der  wirksamsten  Mittel
verbanden,  „um  den  König  von  Frankreich  in  den  Stand
zu  setzen,  in  vollkommener  Freiheit  die  Grundlagen  einer
solchen  monarchischen  Verfassung  festzustellen,  wie  sie  den
Rechten  des  Souverains,  so  wie  der  Wohlfahrt  der  franzèsischen
  Nation  gleich  sehr  entspreche.  Der  Kaiser  und  der
König  seyen  entschlossen,  gemeinschaftlich  und  mit  der  erforderlichen
  Macht  auf  Erreichung  dieses  Zweckes  hinzuwirken,
  und  hätten  deshalb  ihren  Heeren  die  nöthigen  Befehle
gegeben,  bereit  zu  seyn.“  Diese  Erklärung  war  das  einzige
öffentlich  bekannt  gewordene,  wesentliche  Resultat  dieser  Zusammenkunft;
  denn  die  geheimen  Artikel,  welche  diesem  Vertrage
  beigefügt  gewesen  seyn  sollen  und  die  angeblich  eine
Verwendung  beider  Hoͤfe  von  Rußland  wegen  Uebertragung
der  polnischen  Krone  auf  Chursachsen  bezweckten,  sind  von
Oesterreich  und  Preußen  nicht  als  ächt  zugegeben  worden.
Friedrich  August  hatte  an  dieser  Erkldrung  Oesterreichs  und
Preußens  rücksichtlich  Frankreichs,  weder  durch  Unterhandlung,
  noch  durch  Beistimmung,  geschweige  denn  durch  Unterzeichnung,
  Antheil  genommen,  und  auch  in  der  Folge
blieb  er  —  wie  er  auch  später  dem  Directorium  zu  Paris
auf  mittelbarem  Wege  erklären  ließ  —  dabei  stehen,  sein
Contingent  als  Reichsstand  herzugeben.
Am  7.  Februar  1792  wurde  zu  Berlin  zwischen  den  1792
        <pb n="509" />
        1793

470  Stellung  Sachsens  gegen  Frankreich.

Höfen  Oesterreich  und  Preußen  ein  Bündniß  zur  Gewährleistung
des  gegenwärtigen  Besitzstandes  ihrer  Staaten  und  zu  gegenseitiger
  Unterstützung  im  Falle  eines  Angriffs,  abgeschlossen.  Rußland,
  Großbritannien,  die  Niederlande  und  auch  Chursachsen
sollten  zum  Beitritte  eingeladen  werden.  Zwar  starb  mitten
in  diesen  Vorbereitungen,  am  1.  März  1792  der  Kaiser  Leopold
  II.,  und  die  Jacobiner  in  Frankreich  unterließen  nicht,
über  den  Todesfall  dieses  ausgezeichneten  Fürsten  —  der  ihnen
  ein  um  so  gefährlicherer  Gegner  war,  je  mehr  jeder  seiner
  Schritte  von  weiser  Vorsicht  und  leidenschaftlosem  Ernste
bezeichnet  war  —  ihre  hämische  Freude  zu  dußern,  als  eine
von  Oesterreich  mitgetheilte  Note  ihnen  die  unwillkommene
Versicherung  gab,  daß  durch  den  Heimgang  Leopold's  II.
die  Gesinnungen  des  Wiener  Hofes  keine  Aenderung  erfabren
  hätten.  Der  Churfürst  wurde  nunmehr  formlich  zum
Beitritte  eingeladen,  ließ  aber  über  die  Modificationen  dieses
  Beitritts  noch  da  unterhandeln,  als,  auf  Anregung  des
neuen  Kaisers,  auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg  (23.
November  1792.)  der  Reichskrieg  gegen  Frankreich  beschlossen
  wurde,  den  man  jedoch  erst  am  22.  März  des  folgenden
Fahres  foͤrmlich  erklärte.  Wie  schon  bemerkt,  stellte  Friedrich
  August  hiebei  nur  das  ihm  abverlangte,  anfangs  dreifache,
  dann  fünffache  Reichscontingent,  ohne  als  Macht  gegen
  Frankreich  aufzutreten,  schloß  jedoch  über  die  Stellung
dieses  Contingents  am  7.  Januar  1793  zu  Berlin  eine  Convention
  mit  Preußen.  Unter  dem  gemeiaschaftlichen  Oberbefehle
  der  Herzogs  von  Braunschweig  wohnte  der  sächsische
Heerestheil  der  Belagerung  von  Mainz  bei,  und  focht  mit
Ruhm  bei  Pirmasenz  und  bei  Kaiserslautern.  Uebrigens
aber  mußten  sie  das  allgemeine  Mißgeschick  des  ziemlich
abentheuerlichen  Zuges  theilen,  den  der  Herzog  von  Braunschweig
  mit  so  großer  Ruhmredigkeit  begonnen  und  dann
mit  eben  so  großer  und  unbegreiflicher  Schnelligkeit  in  einen
Räckzug  verwandelte,  dessen  Mühseligkeiten  und  Verluste  vielleicht
  die  einer  Hauptniederlage  noch  überstiegen.  Dem  übertrieben
  angestrengten  Anlaufe  war  nach  seinem  Mißlingen
eine  schnelle  und  dauernde  Abspannung  gefolgt;  der  Herzog
        <pb n="510" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  471

von  Braunschweig  legte  den  Oberbefehl  nieder  und  Preußen
trat,  wie  seine  laue  Theilnahme  schon  seit  laͤngerer  Zeit  hatte
voraussehen  lassen,  gaͤnzlich  von  der  Theilnahme  am  Kriege
zurück;  indem  es  am  5.  April  1795  den  Baseler  Separat-  1795
frieden  mit  Frankreich  schloß.

Als  bald  darauf  (17.  Mai)  Frankreich  und  Preußen
über  eine  Demarcationslinie  sich  vereinigten,  wodurch  das
ndrdliche  und  das  südliche  Deutschland  von  einander  getrennt
und  jeder  zum  Bereiche  des  Erstern  gehdrige  Reichsstand,  der
sein  Contingent  vom  Reichsheere  abrief,  unter  preußischen
Schutz  gestellt  ward,  auch  mehrere  der  bedeutendsten  norddeutschen
  Reichöstände  der  preußischen  Demarcationslinie  beitraten
  (Hessen  -Cassel  schloß  sogar  einen  förmlichen  Frieden
mit  der  Republik  Frankreich);  so  betrachtete  gleichwohl  der
Churfürst  von  Sachsen  —  ohngeachtet  seiner,  durch  den
Nichtbeitritt  zur  Demarcationslinie,  in  gewisser  Hinsicht  zweideutig
  sich  gestaltenden  Lage  —  einen  solchen  Separatvertrag
  als  unvereinbar  mit  der  deutschen  Reichsverfassung,  und
ließ  (Septbr.  1795),  bei  der  Fortdauer  des  Reichskrieges,
sein  Contingent  zu  den,  von  Clairfait  angeführten  HOesterreichern
  stoßen.  Das  Verlangen  Deutschlands  und  seines  edelmüthigen
  Kaisers  Franz  J.  nach  einem  Reichsfrieden,  zerschlug
sich  an  der  doppelten  Ansicht  beider  Parteien,  indem  Frankreich
  die  Abtretung  des  linken  Rheinufers,  Deutschland  hingegen
  die  Bestimmungen  des  Westphälischen  Friedens  als
Grundlage  des  Friedens  forderte.  Erst  als  die-Franzosen
den  Rhein  uberschritten  und  das  Innere  Deutschlands  bedrohten,
  rief  der  Churfürst  sein  Contingent  zurück,  ließ  es
aber  im  Jahre  1796  von  neuem  an  den  Rhein  zurückkehren,  1706
wo  es  dem  heldenmüthigen  Erzherzoge  Carl  (15.  Juni)  bei
Wetzlar  über  die  Franzosen  unter  Lefebore,  den  Sieg  erkämpfen
  half.  Die  ersten  Unglücksschläge  dffneten  Frankreich  die
Augen  über  seinen  eigenen  Zustand,  besonders  über  die
Mängel  seiner  bisherigen  Kriegsoperationen;  es  brachte  neue
Ordnung  und  neues  Leben  in  den  neuen  Kampf,  und  bald
zeigten  sich  die  Folgen;  denn  siegreich  drangen  die  franzoͤsischen
  Feldherren,  Bonaparte  in  Italien,  Moreau  und  Jour=
        <pb n="511" />
        1797

472  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

dan  nach  Franken  und  nach  Baiern  vor.  Erschreckt  durch  die
plötzliche  Nähe  eines  kühnen  und  kraftvollen  Feindes,  eilten
mehrere  der  bedeutendsten  Reichsstände,  den  ihnen  dictirten
Frieden  anzunehmen.  Glücklicher  und  besonnener  zog  sich
Friedrich  August  aus  der  drohenden  Gefahr;  ohne  alle  Opfer
oder  erniedrigende  Bedingungen  schloß  er  am  13.  August
1796  zu  Erlangen,  mit  der  franzdsischen  Republik  einen
Waffenstillstands  =  und  Neutralitätsvertrag,  und  ließ  sein
Contingent,  welches  nunmehr  den  nach  dem  Breisgau  sich
wendenden  Oesterreichern  nicht  folgen  durfte,  an  der  südlichen
  Gränze  des  obersächsischen  Kreises  sich  aufstellen.  Es
mochte  freilich  dem,  einigermaßen  an  legitimen  Formen  hängenden
  Churfürsten  einen  gewissen  moralischen  Anstoß  gegeben
  haben,  daß  er  durch  diesen  Vertrag  eine  Republik,
welche  durch  Volkswillkühr  und  Königsmord  dazu  geworden
war,  factisch  anerkennen  mußte.  Bonaparte's  reißender
Siegeslauf  und  seine  drohende  Bewegung  von  Italien  gegen
Oesterreichs  Hauptstadt,  machte  dem  Kampfe  ein  Ende.  Am
17.  October  1797  schloß  Oesterreich  mit  der  Republik  Frankreich
  den  Frieden  von  Campo  Formio,  welcher  zugleich  die
Eröôffnung  eines  Congresses  zu  Rastadt  bestimmte,  um  daselbst
  den  Frieden  zwischen  Frankreich  und  dem  deutschen
Reiche  zu  verhandeln.  Auch  der  Churfürst  von  Sachsen  war
zum  Mitgliede  der  nach  Rastadt  ernannten  Reschsdeputation
gewählt  worden  und,  bei  seinem  redlichen  Wunsche  nach
Frieden,  versäumte  er  nicht,  seiner  dahin  beorderten  Gesandtschaft
  den  gemessensten  Auftrag  —  daß  sie  zur  Erhaltung
  der  Selbsiständigkeit  des  deutschen  Reichs  nachdruckvoll
hinwirken  möge  —  zu  ertheilen.

Daß  diese  Bemühungen  nicht  den  von  Friedrich  August
gewünschten  Erfolg  haben  würden,  ließ  sich  voraussehen.
Oesterreich's  eiserne  Standhaftigkeit  erlaubte  ihm  nicht,  den
Uebermuth  der  französischen  Republik  so  fruͤhzeitig  triumphiren
  und  deren  verderbliche  Anschläge  gegen  Deutschlands
Unabhängigkeit  so  schnell  zur  Reife  kommen  zu  lassen.  Der
Riesenkampf,  den  es,  wiederholtermaßen  aufgegeben  von
seinem  eignen  Schützlinge,  für  Deutschland  auszuführen  ent-
        <pb n="512" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  473

schlossen  war,  sollte  beginnen;  der  Rastadter  Congreß  ging
blutig  zu  Ende.  Oesterreich  und  Frankreich  traten  auf's
neue  gegen  einander  in  die  Schranken.  ODeutschland  ahnete
wohl  noch  nicht,  welche  bittere  Früchte  ihm  seine  Unentschlossenheit
  und  seine  Untha#tigkeit  bringen  sollte.  Es  ließ
Oesterreich  allein  in  den  Todeskampf  ziehen;  das  ganze  nördliche
  Deutschland,  mit  ihm  auch  Chursachsen,  verhielt  sich
neutral.  Oesterreichs  ruhmvolles  Unglück  zog  (9.  Februar
1801)  den  Frieden  von  Löncville  nach  sich;  Frankreich  riß  1801
das  linke  Rheinufer  zu  sich  hinüber.  Zu  Leitung  des  davon
bedingten  Säcularisationsgeschäftes  wurde  eine  abermalige
Reichsdeputation  errichtet,  zu  deren  Mitgliede  auch  jetzt  Friedrich
  August  erwählt  wurde.  Er  suchte  bei  diesem  schwierigen
  Geschäfte  mit  möglichster  Gewissenhaftigkeit  und  Schonung
  zu  Werke  gehen  und  die  Vertheilung  der  Entschädigungsmasse
  mit  strenger  Unpartheilichkeit  zu  bewerkstelligen.
Aber  seine  Rechtlichkeit  und  Mäßigung  fand  nicht  allenthalben
  den  gewünschten  Anklang  und  so  wurde  bei  dieser  Zutheilung
  —  ein  Gegenstand,  der  nicht  näher  hieher  gehoͤrt
—  mancher  Willkühr  und  manchem  habgierigen  Gelsten
Lauf  gelassen,  was  dem  strengen  Rechtsgefühle  des  biedern
Churfürsten,  der  obendrein  jeder  nur  einigermaßen  ungleichmäßigen
  Neuerung  abhold  war,  schmerzlich  werden  mochte.
Am  18.  Mai  1804  erstieg  der  Mann  des  Schicksales,  1801
Napoleon  Bonaparte,  den  höochsten  Gipfel  seines  zauberhaften
  Glückes,  indem  das  bewundernde  Frankreich  ihn  zu  seinem
  Kaiser  erhob.  Friedrich  August  —  damals  noch  von
dem  glücklichen  Geiste  geleitet,  der  ihn  jede  zu  selbstständige
politische  Stellung  fliehen  hieß  —  begnügte  sich  damit,  Napoleon's
  Kaisertitel  anzuerkennen,  ohne  jedoch  eine  innigere  Anndherung
  an  jenes  Gestirn  zu  suchen,  das,  Feuer  und  Glanznicht
aus  sich  selbst  erzeugend,  sondern  fremden  Quellen  entschdpfend,
  durch  zu  große  Nähe  nur  verderblich  zu  werden  drohte.
Im  nämlichen  Jahre  erkannte  der  Churfürst  von  Sachsen
auch  die  Würde  eines  Erbkaisers  von  Oesterreich  (Franz  I.)  an.
Napoleon's  immer  unüberwindlicher  sich  gestaltende
Macht,  verbunden  mit  seinem  offenbaren  Hange  zu  stets  er-
        <pb n="513" />
        474  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

neuten  Eroberungen,  wie  zu  politischer  Trübfischerei,  erregten
  den  deutschen  und  europäischen  Mächten  ernsthafte  und
gerechte  Besorgnisse.  Schon  hatte  er  sich  die  eiserne  Krone
der  Lombardei  auf  die  stolze  Stirn  gesetzt,  die  Einverleibung
Genua's  mit  Frankreich  ausgesprochen  und  sich  über  ganz
Italien  die  hochste  schiedsrichterliche  Gewalt  angemast.  Bald
sollte  auch  Deutschland  dieselbe  empfinden.  England,  mit
aller  Großartigkeit  seiner  innern,  und  aller  Kleinlichkeit  seiner
dussern  Politik,  hatte,  hinter  seine  Wellendamme  versteckt,
an's  Schwert  gegriffen,  um  Andere  zum  Kampfe  gegen
Frankreich  aufzumuntern  und  sie  dann  nach  seiner  Weise  im
Stiche  zu  lassen.  Die  Besetzung  Hannovers  durch  franzeèsische
  Truppen  war  die  Folge  davon.  Zum  Glück  für  Deutschland
  hatte  England  rechtlichere  Bundesgenofsen,  als  es  meist
verdiente.  Es  gelang  dem  rastlos  gegen  Frankreich  wirkenden
  Pitt,  eine  Coalition  zu  Stande  zu  bringen,  deren  Verfechter
  das,  nach  so  großen  Unfallen  noch  immer  kampfmuthige
  Oesterreich  war.  Rußland  und  Schweden  nahmen  an
dieser  Verbindung  Theil;  dagegen  war  Preußen  nicht
aus  seiner  Karen  Neutralität,  die  es  festhielt,  herauszubringen.
  Es  glaubte  nur  auf  diese  Weise  die  Ruhe  des
nördlichen  Deutschlands  zu  sichern  und,  um  dieser  seiner
Stellung  den  nöthigen  bewaffneten  Nachdruck  zu  geben,
rüstete  es  sich  mit  Macht.  Da  sein  Einfluß  in  Norddeutschland
  der  bei  weitem  vorherrschende  war  und  das  System
  der  Neutralität  zugleich  so  ganz  in  den  Grundsätzen  des
Churfürsten  von  Sachsen  lag,  so  war  dieser,  auf  die  datüber
  ihm  gemachten  Erdffnungen  des  preußischen  Hofes,  zu
einem  d  hnlichen  Verhalten  sehr  geneigt  und  ließ  deshalb
durch  seinen  Gesandten,  den  Grafen  von  Görz,  dem  Berliner
  Hofe  (19.  Septbr.  1805)  erklären:  „daß  er  an  dem
Neutralitätssysteme  des  deutschen  Nordens  Theil  zu  nehmen
bereit  sey,  daß  er  aber  zuvor,  wegen  des  von  ihm  aufzustellenden
  Heerestheiles,  theils  den  Umfang,  welchen  Preußen
  dieser  Neutralität  geben  wolle,  theils  die  darin  begrifsenen
  Staaten,  theils  die  dem  sächsischen  Heerestheile  zu
gebende  Bestimmung  kennen  zu  lernen  wünsche.“  Der
        <pb n="514" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  475

preußische  Minister  von  Hardenberg  erwiederte  darauf:  „daß
der  Koͤnig  sein  ganzes  Heer  auf  den  Kriegsfuß  setzen  werde,
daß  Churhessen  seinen  Beitritt  bereits  erklaͤrt  habe,  daß  aber
die  Bestimmung  des  saͤchsischen  Heerestheiles  noch  nicht  naͤ-her
  bezeichnet  werden,  sondern  nur  von  Umstaͤnden  abhaͤngen
  koͤnne.“  Preußen  hatte  Ursache,  seiner  Neutralität  ein
bewaffnetes  Gewicht  zu  geben,  da  Rußland,  nachdem  es
vergeblich  die  Erlaubniß  zum  Durchzuge  seiner  Heere  durch
die  preußischen  Provinzen  nachgesucht  hatte,  diesen  Durchzug
  zu  erzwingen  Miene  machte.  Dänemark  wagte  es  nicht,
eine  nähere  Verbindung  mit  Preußen  einzugehen,  und  die
letztere  Macht,  deren  anfängliche  Vorsichtsmaßregeln  wohl
nur  gegen  Rußland  gerichtet  waren,  wurde  mit  ihrer  Besorgniß
  nach  einer  andern  Seite  hingerichtet,  als  das  franzdsische
  Heer  ohne  weitere  Anfrage  in  das  neutrale  Anspachische
  Gebiet  einfiel  und  dort  den  Durchzug  bewerkstelligten.
  Dies  brachte  in  den  Gesinnungen  des  Berliner  Cabinetes
  eine  große  Veränderung  hervor.  Am  11.  October  verlangte
  Preußen  den  freien  Durchzug  zweier  Heerestheile
durch  Sachsen  nach  Franken,  welchen  Friedrich  August  auch
bewilligte,  und  am  17.  October  erklärte  der  preußische  Gesandte
  zu  Dresden:  „Die  Franzosen  hätten  durch  ihren
Durchzug  durch  die  Fürstenthümer,  die  Neutralität  des  Konigs
  auf  eine  böffentliche  und  empfindliche  Weise  verletzt;  es
müßten  daher  schleunige  Mittel  ergriffen  werden,  um  gegen
ein  ähnliches  Unternehmen  sich  zu  sichern.  Der  Konig  wolle
daher  seinen  Mitständen  zu  Hilfe  kommen  und  mit  dem
Churfürsten  von  Sachsen  über  die  gemeinschaftliche  Sache
eine  feste  Uebereinkunft  treffen.  Er  lade  daher  den  Churfürsten
  ein,  sogleich  20,000  Mann  auf  den  Kriegsfuß  zu  setzen
  und  sie  zwischen  Freiberg  und  Zeitz  cantonniren  zu  lassen.
  Der  Konig  aber  werde  in  dem  Fürstenthume  Bayreuth
ein  Corps  von  36  Bataillonen  und  55  Escadronen  mit  der
noͤthigen  Artillerie  aufstellen,  die  zum  Theile  durch  Sachsen
ziehen  sollten.  Er  erwarte  daher  von  der  Freundschaft  des
Churfürsten  die  nöthigen  Befehle  zur  Aufnahme  und  guten
Behandlung  dieser  Truppen.“  —  Diese  Note  wurde  am  20.
        <pb n="515" />
        476  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

Octbr.  von  Sachsen  dahin  beantwortet:  „daß  der  Churfürst,
  überzeugt  von  der  Nothwendigkeit,  die  Neutralität  zu
behaupten,  bereits  seine  Mitwirkung  an  den  zu  ergreifenden
Maßregeln  zugesichert  und  deshalb  befohlen  habe,  von  seinem
  Heere  4  Schwadronen  Husaren,  16  Schwadronen  Reiterei,
  4  Bataillone  Grenadiere,  14  Bataillone  Fußvolk,  mit
4  Batterieen,  jede  zu  8  Stück,  auf  den  Kriegsfuß  zu  setzen.
In  Hinsicht  der  übrigen  Verständigungen  erwarte  er  die  noͤ—
thigen  Aufklarungen.“

Der  schwere  Unfall,  den  die  Oesterreicher  bei  Ulm  (14.
Octbr.)  erlitten,  gab  den  Begebenheiten  ein  gewaltsam  veraͤndertes
  Ansehen.  Noch  aber  hatte  Napoleon  die  Russen
zu  bezwingen,  die  —  freilich  zu  spät  für  ihre  Bundesgenossen
  —  gegen  das  Lauenburgische  vordrangen.  Oesterreich
und  Großbritannien  gaben  sich  alle  mögliche  Mühe,  Preußen
zu  einem  Beitritte  zu  vermodgen.  Aber  noch  immer  konnte
sich  diese  Macht  von  ihrem,  während  des  ganzen  bisherigen
franzôsischen  Eroberungskrieges  beibehaltenen  Systeme  nicht
losreißen,  und  erst  als  Kaiser  Alexander  von  Rußland
mit  seiner  einnehmenden  Ueberredungsgabe  selbst  nach  Berlin
  kam,  wurde  am  3.  November  zwischen  Rußland  und
Preußen  der  geheime  Vertrag  zu  Potsdam  unterzeichnet,  nach
welchem,  wie  anfangs  verlautete,  Preußen,  als  vermittelnde
Macht,  auf  Erfüllung  der  Bedingungen  des  Lüneviller  Friedens
  bestehen,  und,  im  Falle  Frankreich  sich  nicht  dazu  verstände,
  mit  Rußland  gemeinschaftlich  einen  neuen  Kampf
gegen  Frankreich  erffnen  sollte.  Die  nähern  Bestimmungen
  dieses  Vertrags  waren:  1)  Der  König  von  Preußen
übernimmt  die  bewaffnete  Vermittelung.  2)  Der  Vertrag
von  Lüneville  bleibt  unverändert  2c.  3)  Sendung  eines  vertrauten
  Unterhändlers  an  Napoleon  mit  diesen  Anträgen.
4)  Rußland  will  zufrieden  seyn,  wenn  Napoleon  diese  Bedingungen
  annimmt,  und  den  Kaiser  von  Frankreich  und  den
König  der  Lombardei  anerkennen.  5)  Waffenstillstand,  sogleich
  nach  Annahme  der  Bedingungen;  Position  der  verschiedenen
  Heere  bis  zum  Definitiofrieden.  6)  Der  Zweck
ist:  Europa  ein  neues  System  zu  geben;  daher  nöthiges
        <pb n="516" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  477

Einverständniß  über  die  aufgestellten  Bedingungen.  7)  Vier
Wochen  nach  Abreise  des  Unterhändlers  muß  die  Unterhandlung
  beendigt  seyn,  indeß  die  preußischen  Truppen  ihre
Stellungen  einnehmen.  8)  Im  Falle  der  Nichtannahme  tritt
Preußen  mit  180,000  Mann  und  mehr,  wo  nöthig,  in's
Feld;  es  versichert  gleichfalls  den  Beitritt  der,  seinen  Schutz
anerkennenden  Staaten.  9)  Preußen  stipulirt  sich  auf  den
Fall  des  Krieges,  a.  englische  Subsidien  für  sich,  Sachsen
und  Hessen,  vom  Tage  der  Verletzung  des  preußischen  Gebietes
  an,  und  vier  Monate  für  die  Kosten  der  Mobilmachung,
  aufserdem  ein  Arrondissement;  b.  Verproviantirung
aus  den  russischen  Staaten;  c.  beim  Frieden  eine  sichere
Grenze,  durch  Acquisitionen  oder  durch  Tausch  im  Verhältnisse
  zu  Preußens  Anstrengungen.  10)  Concertirung  eines
Operationsplanes,  und  Bestimmung  eines  Centralpunctes,
von  wo  aus  die  großen  Operationen  geleitet  werden  sollen.
11)  Genaues  Einverständniß  zwischen  den  beiden  Mächten
und  Mittheilung  aller  Proposstionen,  die  ihnen  von  Frankreich
  gemacht  würden.  12)  Natiffcationen  an  demselben
Tage  der  Unterzeichnung  und  Vollziehung  aller  Artikel,  die
nicht  eventuell  sind.  —  Eine  Ministerialdepesche  vom  23.
Novbr.  beauftragte  den  Grafen  von  Görtz,  dem  Berliner  Cabinete
  zu  erdffnen:  daß,  nachdem  der  Graf  von  Haugwitz
mittelst  Privataudienz  dem  Churfürsten  von  Sachsen  die  angekündigten
  Erôffnungen  gemacht,  der  Churfürst  Bedenken
trage,  dem  Potsdamer  Vertrage  beizutreten,  dafern  derselbe
nicht  sdrmlich  mitgetheilt  worden  wäre.  In  Hinsicht  der
englischen  Subsidien  sey  übrigens  der  Churfürst  nicht  geneigt,
  dieselben  anzunehmen;  er  würde  vielmehr,  im  Falle
eines  Krieges,  eine  Uebereinkunft  deshalb  mit  Preußen,  der
unmittelbaren  Unterhandlung  mit  England  vorziehen.  Das
zweite  Schreiben  des  Kdnigs  von  Preußen  (vom  12.  Decbr.)
—  worin  dieser  den,  nach  der  Schlacht  von  Austerlitz  zwischen
  Frankreich  und  Oeslerreich  abgeschlossenen  Waffenstillstand
  anzeigte  und  meldete,  daß  er  die  Bewegung  seines
Heeres  gegen  den  obern  Main  einstweilen  einstelle  und  demselben
  zuvorderst  eine,  die  Sicherheit  des  gesammten  noͤrd-
        <pb n="517" />
        478  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

lichen  Deutschlands  bezweckende  Stellung  geben  werde  —
wurde  am  15.  Decbr.  vom  Churfuͤrsten  dahin  beantwortet:
„daß  er  den  Grundsatz  der  Neutralität  in  allen  Faͤllen  festhalte,
  wo  es  nicht  auf  die  Sicherheit  seiner  Staaten  und
auf  die  Erfuͤllung  seiner  reichsstaͤndischen  Pflichten  ankomme;
daß  er  sich  daher  nach  Kraͤften  zur  Theilnahme  an  der  Beschuͤtzung
  der  Neutralitaͤt  und  Sicherheit  theils  der  eigenen,
theils  anderer  Staaten  und  des  noͤrdlichen  Deutschlands  bereit
  erklaͤre.  Sollten  aber  die  Bemuͤhungen  des  Koͤnigs  zur
Erhaltung  des  Friedens  keinen  Erfolg  haben,  und  des  Churfürsten
  Neutralitaͤtssystem  nicht  länger  behauptet  werden  können,
  sondern  dazu  ernstlichere  und  ausgedehntere  Maßregeln
erfordert  werden;  so  wünsche  der  Churfürst,  ohne  Theilnahme
an  fremdem  Interesse,  mit  dem  Koͤnige  in  nähere,  vertrauliche
  Mittheilungen  zu  treten;“  und  in  Hinsicht  des  Potsdamer
  Vertrages  ward  dem  preußischen  Minister  von  Hardenberg
  die  Erdffnung  gemacht:  „der  Churförst  finde  in  diesem
  Vertrage  viele  Stipulationen,  die  seinem  und  Deutschlands
  Interesse  fremd  wären;  es  stehe  also  nicht  in  seiner
Macht,  dem  Vertrage  beizutreten.“

Die  Vortheile,  welche  Napoleon  gegen  die  Oesterreicher
erkämpfte,  trieben  die  preußischen  Entschlüsse  wieder  zurück;
Ende  Decembers  eröffnete  der  König  dem  Churfürsten,  daß
er  seh  auf  die  Behauptung  der  Neutralität  des  nördlichen
Deutschlands  beschränke,  und  der  Churfürst  konnte  nach  seiner
  Eigenthümlichkeit  hierbei  wohl  schwerlich  etwas  Passenderes
  antworten,  als:  „er  stimme  mit  diesen  Gesinnungen  völlig
  überein  und  erwarte  die  nädheren  Mittheilungen  darüber.“
—  Preußen  hatte  mit  seinen  entscheidenden  Schritten  so
lange  gezögert,  bis  Napoleon  durch  seine  Siege  eine  Stellung
  angenommen  hatte,  in  welcher  er  weit  geneigter  war,
Bedingungen  vorzuschreiben,  als  sich  vorschreiben  zu  lassen.
Haugwitz  kam  mit  den  übermüthigen  Vorschlägen  Napoleon's
nach  Berlin  zurück  und  glaubte  noch  Wunder  wie  gut  er
seine  Sache  gemacht  habe,  während  Preußen  über  diese  entehrenden
  Vorschläge  —  die  eigentlich  schon  nicht  mehr  Vorschläge,
  sondern  Vorschriften  waren  —  zürnte.  Verwundert,
        <pb n="518" />
        Gachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  479

daß  die  Welt  seinem  diplomatischen  Talente  nicht  den  ver—
hofften  Kranz  reichte,  schickte  sich  Haugwitz  kopfschuͤttelnd  an,
Napoleon  zu  einer  Milderung  der  Bedingungen  des  vorlaͤufig
mit  ihm  geschlossenen  Contractes  —  kraft  dessen  das  Buͤndniß
  zwischen  Frankreich  und  Preußen  erneuert  werden  und
Preußen  fuͤr  Anspach,  Cleve  und  Neuenburg  den  Churstaat
Hannover  eintauschen  sollte,  durch  dessen  Besitznahme  es
durchaus  in  ein  feindseliges  Verhältniß  zu  Großbritannien
kommen  mußte  —  zu  vermogen.  Aber  Napoleon,  in  dessen
Politik  es  vorzugsweise  lag,  die  fremden  Mächte  unter  einander
  gegenseitig  in  Schach  zu  stellen,  war  von  diesem  Tauschprojecte
  auf  keine  Weise  zurückzubringen,  und  so  mußte

Preußen,  nach  dem  am  15.  Februar  1806  zu  Paris  abge=  1806

schlossenen,  noch  drückenderen  Vertrage,  sich  (1.  April)  herbeilassen,
  Hannover  in  Civilbesitz  zu  nehmen  und,  um  dem
dadurch  veranlaßten  Bruche  mit  England  gleich  einen  stärkern
Nachdruck  zu  geben,  die  Mündungen  der  in  die  Nordsee  sich
ergiessenden  Flüsse  den  Britten  zu  verschließen.

Deutschland  war  durch  den  Frieden  von  Preßburg  gänzlich
  unter  scanzösischen  Einfluß  gekommen,  überall  ward  es
von  dem  Sieger  bewacht,  der,  im  Besitze  der  wichtigsten
Gränzfestungen,  allenthalben  freien  Fuß  auf  deutschen  Boden
  hatte.  Der  letzte  Schein  einer  deutschen  Freiheit  und
Selbstständigkeit  war  dahingesunken,  sein  muthigster  und
ausdauerndster  Vertheidiger,  Oesterreich,  schwer  verwundet,
und  Napoleon  brach  sich  bereits  Bahn  für  fernere  Verfügungen,
  indem  er  im  Preßburger  Vertrage  schon  nicht  mehr
von  einem  deutschen  Reiche,  sondern  nur  von  einem  „deutschen
Staatenbunde,“  sprechen  ließ,  und  sich  in  einem  Schreiben
an  den  französischen  Senat  darüber  aussprach,  wie  er  sich
die  Bedingungen  des  gemeinschaftlichen  Bandes  aller  Föderativstaaten
  des  franzdsischen  Reiches  vorbehalte.  Daß
Deutschland,  wie  im  Zustande  der  vollkommensten  Lethargie,
dem  franzesischen  Eroberer  am  hilfreichsten  die  Hand  zu  seiner
  eignen  Unterjochung  bot,  ging  wiederum  aus  einem
Hauptschritte  hervor,  indem  am  12.  Juli  1806  sechszehn
süddeutsche  Reichsstände  zu  Paris  die  Urkunde  des  Rheinbun-
        <pb n="519" />
        480  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich,

des  unterzeichneten,  wodurch  gegen  acht  Millionen  Deutsche
aus  aller  Gemeinschaft  mit  dem  deutschen  Reiche  heraustraten
  und  sich  unter  Napoleons  unmittelbarsten  Einfluß  begaben,
  der  sich  von  da  an  den  Titel  eines  Protectors  des
Rheinbundes  zulegte.  In  dieser  Eigenschaft  ließ  er  schon
am  1.  August  durch  seinen  Geschäftöträger  Bacher  auf  dem
Reichstage  zu  Regensburg  erklären:  „er  erkenne  das  Daseyn
einer  deutschen  Reichsverfassung  nicht  mehr  an,  wohl  aber
die  gänzliche  und  vollkommene  Souverainität  derjenigen  Fürsten,
  aus  deren  Staaten  Deutschland  nunmehr  bestehe,
und  mit  welchen  er  diesenigen  politischen  Verhältnisse  beibehalte,
  wie  mit  den  übrigen  unabhängigen  europdischen  Staaten.“
  Da  jedem  bisherigen  Reichsstande  der  Beitritt  zum
rheinischen  Bunde  freigestellt  wurde,  eine  Einladung,  die
schon  so  viel  als  Bedingung  war;  so  war  um  so  mehr  vorauszusehen,
  daß  der  franzdsische  Einfluß  sehr  bald  das  gesammte,
  nordliche  wie  sudliche  Deutschland  überschwemmen
werde.  Nachdem  Diuutschland  selbst  so  eifrig  beflißen  war,
alle  Formen  umzustürzen,  die  es  lange  Jahrhunderte  lang
heilig  und  ehrwürdig  gehalten  hatte,  konnte  der  deutsche
Kaiser  seine  Würde  nicht  besser  bewahren,  als  indem  er  einem
  Diadem  entsagte,  das,  von  einer  Seite  durch  frechen
Umsturz,  von  der  andern  (deutschen)  Seite  durch  tiefe
Gleichgültigkeit  entweiht  und  aufgegeben,  ihm  fortan  nicht
mehr  lieb  seyn  konnte.  So  legte  denn  (6.  August.)  Franz  II.
die  rdmisch=  deutsche  Kaiserkrone  nieder,  mit  der  würdevollen
  Erklärung:  „daß  er  sich  durch  die  neuesten  Vorgänge  in
der  Unmoglichkeit  befinde,  die  durch  die  Wahlcapitulation
übernommenen  Verpflichtungen  ferner  zu  erfüllen  und  jenes
Diadem  nur  so  lange  in  seinen  Augen  Werth  haben  konnte,
als  er  vermocht  habe,  dem  ihm  von  Churfürsten,  Fürsten
und  Ständen  des  Reiches  bezeigten  Vertrauen  zu  entsprechen.
Er  zähle  zugleich  die  bisher  im  Reichsverbande  gestandenen
Staaten  von  demselben  los  und  entbinde  alle  Stände  und
Diener  des  Reiches  von  ihren,  bisher  gegen  ihn  gehabten

Pflichten.“
        <pb n="520" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  481

Durch  diese  foͤrmliche  Aufloͤsung  des  deutschen  Reiches
und  die  Stiftung  des  Rheinbundes,  war  das  nördliche
Deutschland  auf  sich  selbst  angewiesen  und  ohne  eigentliche
Stätze.  Napoleon  munterte  zwar  zum  Scheine  Preußen  zur
Errichtung  eines  norddeutschen  Bundes  auf;  aber  Preußens
noch  nicht  beigelegte  feindselige  Verhältnisse  mit  England
(eine  Frucht  der  hanndverschen  Besitznahme),  ingleichen  seine
Spannung  mit  Schweden  und  die  immer  zweideutiger  sich
gestaltenden  Gesinnungen  Napoleons,  deren  verdächtiger  Hintergrund
  bereits  unverholener  an's  Licht  trat,  machten  es  bedenklich,
  dieser  Aufmunterung  Folge  zu  leisten,  und  verboten
  vielmehr  jeden  energischen  Schritt.  Auch  gab  Napoleon
dadurch  —  daß  er  mehrere  norddeutsche  Mächte  sehr  angelegentlich
  zum  Beitritte  zu  dem  Rheinbunde  einlud,  während
er  den  drei  Hansestädten  verbot,  dem  norddeutschen  Bunde
beizutreten  —  am  besten  zu  erkennen,  wie  ernst  es  ihm  mit
jener  Aufmunterung  gewesen  war.  Preußen  mußte  wohl
endlich  daraus  abnehmen,  wie  viel  es  von  Napoleon  zu
fürchten  hatte,  der  es  ihm  nicht  vergeben  konnte,  daß  es
ihm  gewissermaßen  die  Spitze  hatte  bieten  wollen,  und  rachedürstend
  des  Anlasses  wartete,  um  es  angreifen  und  über
seinen  Fall  hinweg  in  das  innerste  Mark  der  deutschen  Kraft
vernichtend  eindringen  zu  können.  Es  wollte  der  drohenden
Gefahr  nicht  ungerüstet  begegnen,  eilte  daher  eine  leidliche
Aussdhnung  mit  Schweden  einzugehen  und  England  zu  freundschaftlichen
  Gesinnungen  zurückzuführen,  was  ihm  nicht
schwer  wurde.  Schon  am  25.  Juli  hatte  der  König  dem
Churfürsten  von  Sachsen  ein  freundliches  Schreiben  zugesendet
  und  ihn  zu  einem,  dem  Rheinbunde  gleichsam  als  Gegenfestung
  hinzustellenden  Fdderativsysteme  eingeladen,  welches
  —  die  Mächte  von  Preußen,  Sachsen  und  Hessen,  in
einer  engen  Verbindung  umfassend,  deren  jedes  eine  Art
Protection  über  die  kleineren  Staaten  übernähme  —  die  Rettung
  des  nördlichen  Deutschlands  bezwecke.  Der  Churfürst,
ohne  dabei  aus  den  Augen  zu  verlieren,  was  er  der  Sicherheit
  Norddeutschlands  und  seinen  Pflichten  als  Reichsstand

schuldig  war,  ging  jedoch  mit  löblicher  Vorsicht  zu  Werke.
XI.  Heft.  31
        <pb n="521" />
        482  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

Er  antwortete  (30.  Juli)  dem  Koͤnige:  „daß  er  bereit  sey,
eine  durch  die  Erbverbruͤderung  zwischen  Sachsen,  Brandenburg
  und  Hessen,  und  durch  die  deutsche  Association  bereits
begruͤndete,  naͤhere  Verbindung  einzugehen,  aber  auch  die
Mittheilung  des  Planes  derselben  wuͤnsche.  Der  Graf  von
Goͤrtz,  mit  Instruction  und  Vollmacht  versehen,  werde  unverzöglich
  auf  seinen  Gesandtschaftsposten  nach  Berlin  zurückkehren.““
  —  Diesem  war  es  zur  besondern  Pflscht  gemacht,
zu  erforschen,  welcher  Art  die  dermaligen  Verhältnisse  zwischen
  Frankreich  und  Preußen  wären.  llebrigens  zeigte  sich
der  Churfürst  der  Meinung,  daß  auch  Oesterreich  dazu  gezogen
  werden  und  Rußland  Theil  an  dem  Bündnisse  nehmen
  müsse,  falls  es  nicht  durch  den  zu  Paris  unterzeichneten
  Frieden  davon  abgehalten  würde;  auch  wollte  er  seine
Verbindlichkeit  keinesweges  auf  Hannover  ausdehnen.  Diese
angetragene  Zuziehung  Oesterreichs  und  Rußlands  lehnte
Haugwitz  ab,  „indem  Preußen  von  Napeleon  eingeladen
worden,  im  nördlichen  Deutschland  einen  öhnlichen  Bund
zu  stiften,  wie  der  Rheinbund  im  südlichen  sey,  und  Napoleon
  sich  die  Veränderung  der  fürstlichen  Würden,  als  eine
Folge  davon,  gefallen  lassen  werde.“  Als  Haupt  des
sächsischen  Hauses  ward  der  Churfürst  veranlaßt,  die  herzoglich=
  sächsischen  Linien  zu  dem  Bunde  einzuladen;  zugleich
ward  er  gefragt:  ob  er  nicht  sogleich  die  königliche  Würde
annehmen  wolle  (was  zu  einem  Artikel  des  Bundesvertrages
  werden  sollte  ),  weil  der  Churfürst  von  Hessen,  dem
ebenfalls  die  königische  Würde  angetragen  worden,  sich  hierin
nach  Sachsen  richten  wolle.  Die  Gewährleistung  Hannovers
  wollte  Preußen  dem  Churfürsten  erlassen,  nur  sollte,
wegen  der  von  den  Franzosen  in  Deutschland  angenommenen
Stellung,  der  Abschluß  des  Bundes  nach  Kraften  beschleunigt
  werden,  auch  der  Churfürst  das  etwaige  Mißtrauen  des
Wiener  Cabinets  wegen  der  gegenwärtigen,  einzig  durch  die
ZBeitverhältnisse  hervorgernsenen  Unterhandlung,  beseitigen.
Zur  Beruhigung  aller  Bedenklichkeiten  des  Churfürsten,  ward
demselben,  zugleich  mit  dem  Entwurfe  zum  Bündniß  mit
Hessen  und  mit  dem  Plane  zum  norddeutschen  Bunde,  eine
        <pb n="522" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  483

Stelle  aus  einer  Depesche  des  Marquis  von  Lucchesini  mitgetheilt,
  welche  sich  beruhigend  darüber  aussprach,  wie  Napoleon
  über  die  Stiftung  eines  solchen  Bundes  denke.  Als
Preußen  von  Napolcon's  treulosem  Schritte  —  nämlich  daß
dieser  mit  England  wegen  Zurückgabe  des,  Preußen  früher
beinahe  aufgedrungenen  Hannovers  unterhandle  —  in  Kenntniß
  gesetzt  ward,  mußte  ihm  die  Gründung  eines  Bundes,
wie  der  beabsichtigte,  immer  wichtiger  und  dringender  werden.
  Nachdem  von  sächsischer  Seite  häusige  Erörterungen
mit  dem  Herrin  v.  Hänlein,  der  den  Entwurf  zur  Organisation
  dieses  Bundes  redigirte,  stäattgefunden  hatten  —  ward
derselbe  am  21.  August  durch  Haugwitz  an  Görtz  mitgetheilt,
unter  dem  Titel:  „Vorldusige  Grundlinien  zu  einer  neuen
Consiitution  für  das  nördliche  Dcutschland,  unter  dem  Namen
  des  nordischen  Reichsbundes.“  Er  bestand  in  folgenden
  einzelnen  Artikeln:  *)“  1)  Zweck  des  Bundeß:  Sicherheit
  von  Aussen  und  im  Innern.  Die  drei  vorzüglichsten
Glieder  sind  Preußen,  Sachsen  und  Hessen.  2)  Preußen
nimmt  die  Würde  eines  Kaisers  von  Norddeutschland  an,
Sachsen  und  Hessen  die  Königswürde.  3)  Die  übrigen
Mitglieder  sind:  a.  Dänemark  wegen  Holstein;  b.  Schweden
  wegen  Pommern;  c.  Sachsen-Weimar,  Gotha,  Meiningen,
  Coburg,  Hildburghausen;  d.  Braunschweig;  e.  Mecklenburg=
  Schwerin  und  Strelitz;  s.  Oldenburg;  g.  der  Fürst
von  Fulda;  h.  Die  Reichsstädte:  Hamburg,  Bremen,  Lübeck.
  4)  Den  Titel  Großherzog  nehmen  an:  die  dlteste  herzoglich
  -sächsische  Linie,  der  Herzog  von  Braunschweig,  die
alteste  herzoglich  -Mecklenburgisch  Linie,  der  Herzog  von  Oldenburg;
  der  Fürst  von  Oranien-Fulda  wird  Herzog.  5)
Das  Berliner  Cabinet  ladet  in  seinem  Namen,  und  im  Namen
  der  beiden  Mitpaciscenten,  sämmtliche  Stände  zum
15.  October  zu  einem  Congresse  nach  Dessau  ein,  um,  unter
  preußischem  Vorsitze,  eine  fdrmliche  Verfassungsurkunde
zu  entwersen.  Vorläufig  werden  als  Hauptpuncte  derselben

·)  S.  Pölle:  Friedrich  August.  Bd.  I.  S.  277.
31“
        <pb n="523" />
        484  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

aufgestellt:  6)  Preußen,  Sachsen  und  Hessen  bilden  das
Directorium  des  Bundes;  alle  Antraͤge  werden  an  das  Directorium,
  und  von  diesem  zur  Dictatur  gebracht.  Ueber
die  Stimmenzahl  der  drei  paciscirenden  Hoͤfe  wird  man  sich
vergleichen.  Der  brandenburgische  Kreis  umschließt,  aufser
den  eigenen  preußischen  Provinzen,  Mecklenburg,  Schwedisch-Pommern,
  Holstein,  Oldenburg  und  Fürstenthum  Luͤbeck,
Braunschweig,  Hamburg,  Bremen,  Läbeck.  Der  preußischen
  Landeshoheit  wird  der  südliche  Theil  der  fürstlich  =  und
gräflich=  reussischen  Länder  unterworfen  8)  Der  sächsische
  Kreis  begreift,  ausser  den  eigenen  chursächsischen  Besitzungen,
  sämmtliche  sächsische  Herzogthümer,  die  Länder
des  Hauses  Anhalt,  die  Grasschaft  Henneberg.  Der  nbrdliche
  Theil  der  gräflich=  reussischen  Länder  und  die  Grafschaft
Schwarzburg  werden  der  sächsischen  Landeshoheit  unterworfen.
  9)  Der  hessische  Kreis  enthält,  ausser  den  eigenen
Landen,  das  Herzogthum  Fulda,  und  die  zugleich  unter  hessischer
  Landeshoheit  stehenden  Grafschaften  Waldeck,  Lippe-Detmold,
  Lippe-Schaumburg,  die  Grafschaften  Schlitz,
Pyrmont,  Rittberg  und  Rheda.  10)  Alle  reichsritterschaftliche
  Besitzungen  werden  von  den  Landesherren,  in  deren
Ländern  sie  liegen,  mediatisirt.  11)  Die  Besitzungen  der  deutschen
  Ritterorden  fallen  den  Landesherren,  in  deren  Gebiete
sie  liegen,  als  Eigenthum  zu.  Die  Präbendirten  werden
pensionirt;  auch  wird  ein  Pensionsfond  für  verdiente  Männer
  gebildet.  12)  Die  Reichsstände  sind  der  höchsten  Gerichtsbarkeit
  des  Bundes  und  der  oberherrlichen  Aufsscht  eben
so  unterworfen,  wie  vorher  der  des  Kaisers  und  Reiches.
Sie  sind  allezeit  neutral  und  conseriptionsfrei,  bezahlen  aber
für  Charitativ  =  Subsidien.  13)  Dem  Oberhaupte  des  Bundes
  stehen  alle  Vorrechie  des  deutschen  Kaisers  in  den  ständischen
  Ländern  zu.  Im  Falle  der  Minderjährigkeit  des  Regenten,
  üben  Sachsen  und  Hessen  abwechselnd  die  Rechte  des
Bundesoberhauptes  aus.  14)  Bei  einem  auswärtigen  Angriffe
  sind  sämmtliche  Stände  die  ganze  Masse  ihrer  Mittel
dem  Bunde  schuldig;  sie  dürfen  keine  Verbindungen  mit  andern
  Staaten  eingehen,  welche  dem  Bunde  gefährlich  wer-
        <pb n="524" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  485

den  können.  Die  regulaire  und  gewöhnliche  Kriegsmacht
des  Bundes  ist  240,000  Mann.  Dazu  stellen:

u.  Preußen  mit  Mecklenburg

und  Braunschweig  165,000  Mann.
b.  Sachsen  mit  den  herzogl.
Häusern  und  Anhalt  35,000  =
c.  Hessen  mit  Fulda  22,000  =
d.  Dänemark  mit  Oldenburg  12,000  "=e.
  Schweden  6,000  =
240,000  Mann.

15)  Die  Fürsten,  welche  in  Absicht  der  Stellung  der  festgesetzten
  Militairmacht  sich  mit  einander  vereinigen,  treffen
ein  gütliches  Abkommen  unter  sich.  16)  Der  Congreß  wird
die  Mittel  bestimmen,  die  säumigen  Stände  zur  Erföllung
ihrer  übernommenen  Verpflichtungen  executorisch  anzuhalten.
17)  Die  Militairmacht  jedes  Kreises  stehet  unter  dem  Commando
  des  Standes,  von  welchem  der  Kreis  den  Namen
führt.  In  Kriegszeiten  steht  das  ganze  Bundesheer  unter
den  Befehlen  des  Oberhauptes.  Die  ganze  Militaireinrichtung
  wird  auf  dem  Bundescongresse  durch  die  von  Preußen,
Sachsen  und  Hessen  beauftragten  Militairpersonen  näher  bestimmt.
  18)  Die  Polizei=  und  Justizverfassung  soll,  ohne
unnütze  Beschränkung  der  bereits  bestehenden  Anstalten,  in
den  einzelnen  Ländern  eingerichtet  werden.  19)  Die  Ausführung
  der  Congreßbeschlüsse  über  allgemeine  Polizeigegenstände
  wird  jedem  Landesherrn  im  Einzelnen,  und  jedem
Kreisdirector  im  Ganzen  überlassen.  20)  Es  soll  ein  nordlsches
  höchstes  Bundestribunal  errichtet  werden,  mit  dem
Sitze  in  einer  der  drei  Hansestädte.  21)  handelt  von  den
Klagen  gegen  die  Regenten  bei  dem  Bundesgerichte,  und
von  dem  Recurse  von  diesem  an  den  Bundescongreß.  22)
Die  Execution  der  Urtheile,  so  wie  die  Regulirung  des  ständischen
  Schuldenwesens,  werden,  nach  den  Anträgen  des
Bundesgerichts,  von  den  Kreisdirectoren  geführt  und  vollzogen.
  23)  Streitigkeiten  der  Stände  unter  sich  sollen  durch
Compromißsprüche  entschieden  werden.  Dem  Congresse  wird
        <pb n="525" />
        466  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

die  Sache  vorgelegt;  der  Beklagte  wäáhlt  zwei  Gesandte  als
Compromiß-Richter;  der  Kläger  fügt  den  dritten  hinzu.
Diese  drei  entscheiden  pro  arbitrio  boni  viri,  und,  wenn  sie
sich  nicht  vereinigen  koͤnnen,  durch  einen  vom  Congresse  gewählten
  Obmann.  Die  Ausfertigung  des  Spruches  geschieht
im  Namen  des  Congresses;  es  findet  keine  Appellation  statt.
24)  Gleich  nach  Auswechselung  der  Ratificationen,  die  noch
vor  dem  letzten  August  stattfinden  soll,  soll  diese  Vereinbarung
  von  den  drei  Hôfen  den  Kaiserhöfen  zu  Wien,  Paris
und  Petersburg  bekannt  gemacht,  so  wie  den  im  dritten  Artikel
  genannten  Bundesständen,  mit  der  im  fünften  Artikel
festgesetzten  Einladung  zum  Beitritte  und  zur  Versammlung
des  Congresses,  abschriftlich  mitgetheilt  werden.“  —

Dem  Churfärsten  von  Sachsen  wollte  in  diesem  Cntwurfe
Manches  nicht  gefallen,  und  er  schien  die  allgemeine  Besorgniß,
  daß  einige  fürftlich  -sachsische  Lande  einer  fremden  Landeshoheit
  unterworfen  werden  sollten,  zu  theilen.  Während
er  noch  im  Erwägen  dieser  Angelegenheit  begriffen  war,
schloß  der  heflische  Gesandte,  von  Waitz,  mit  Preußen  eine
Allianz  ab,  in  deren  Urkunde  ausdrücklich  festgestellt  war,“
daß  der  Churfürst  von  Sachsen  sofort  von  beiden  Theilen
eingeladen  werden  sollte,  der  gegenwärtigen  Vereinigung  in
gleicher  Absicht,  durch  Abschliessung  eines  gleichmäßigen  Tractates,
  oder  wie  derselbe  es  sonst  gut  finden  werde,  beizutreten.“
  Friedrich  August  gab  durch  Zögern  am  besten  zu
erkennen,  daß  er  mit  dem  Entwurfe  nicht  durchgängig  einverstanden
  sey,  und  er  ließ  in  dieser  Beziehung  an  Haugwitz
  erklären:  „die  Organisation  des  nördlichen  Deutschlands
erfordere  Zeit  und  Ueberlegung;  man  werde  sächfscher  Seits
ein  Gegenprofect  geben;  die  Allianz  aber  betrachte  der  Churfürst
  als  Erneuerung  der  Erbverbrüderung,  und  sey  daher  im
voraus  mit  derselben  einverstanden.  Zu  den  großen  Rüstungen
  sehe  übrigens  der  Churfürst,  bei  Frankreichs  freundschaftlichen
  Versicherungen,  keine  Nothwendigkeit.  Wegen  der
Annahme  des  Kalsertitels  von  Seiten  Preußens,  wären
Sachsen  und  Hessen  keine  vortäusigen  Mittheilungen  gemacht
worden;  auch  habe  man  keine  Nachricht,  daß  Napolcon  den
        <pb n="526" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  487

deutschen  Kaisertitel  annehmen  wolle,  vielmehr  behaupte  man
in  Wien,  es  bestehe  eine  Acte,  worin  er  sich  verbindlich  gemacht
  habe,  den  deutschen  Kaisertitel  nicht  anzunchmen.“
Bei  all'  der  lobenswerthen  Vorsicht,  welche  der  Churfürst  in
dieser,  unter  den  obwaltenden  Umständen  allerdings  nicht
unbedenklichen  Angelegenheit  übte,  zeigen  sich  doch  seine  Maaßregeln
  etwas  zu  sehr  im  Lichte  der  Halbheit.  Preußen  benahm
  sich  in  dieser  Sache  sehr  nachgiebig,  und,  obschon  es,
bei  der  immer  drohendern  Stellung  Frankreichs,  den  Wunsch
des  Churfürsten  —  daß  es  die  Truppenbewegungen  doch  so
lange  als  möglich  aussetzen  möchte,  um  Frankreich  keinen
Argwohn  zu  geben  —  nicht  erfüllen  durfte,  so  erklärte  es
dafür:  „der  Koͤnig  werde  den  Kaisertitel  nur  auf  Antrag
von  Sachsen  und  Hessen  annehmen.“  Dagegen  war  Preußen
  mit  dem,  von  sächsischer  Seite  mitgetheilten  Gegenentwurfe
  zu  einem  norddeutschen  Bunde,  besonders  wegen  des
Vorbehalts  der  Garantie  von  Hannover,  nicht  zufrieden.
Preußens  censthafte  kriegerische  Maßregeln  bestimmten  den
Churfürsten,  das  sächsische  Heer  auf  den  Kriegsstand  zu
setzen;  zugleich  ließ  er  aber  auch  das  französische  Cabinet
über  seine  friedlichen  Absichten,  und  seine  blos  der  Vertheidigung
  geltenden  Schritte  aufklären,  und  man  schien  von
franzosischer  Seite  seine  Stellung,  wie  sie  auch  kommen
moͤge,  zu  ignoriren.  Gegen  das  von  Preußen  beabsichtigte
Vorrücken  der  Truppen  über  die  Gränze  mußte  der  Churfürst
sich  erklären,  indem  dies  seine  erklärte  Devensive  überschritten
  und  ihn  zum  angreifenden  Theile  gemacht  haben  würde.
Preußen  beschwerte  sich  über  die  vom  Churfürsten  verzögerte
Abschliessung  des  Allianztractates;  dieser  genehmigte  am  20.
September  den  Entwurf  zu  einer  Militairconvention  mit
Preußen,  ließ  aber  zugleich  durch  seinen  Gesandten  zu  Paris
  erklären:  „daß  der  Churfürst  bei  seinem  Defensivsysteme
beharre;  daß  er  zwar  einen  Theil  seiner  Truppen  zu  dem
preussischen  Heere  habe  stoßen  lassen,  aber  nur  unter  der
Bedingung,  die  sächsische  Gränze  nicht  zu  überschreiten,  und
sich  von  ihm  zu  trennen,  wenn  es  offensiv  gegen  Frankreich
verfahren  solltc.“  Obschon  nach  dem  Einräcken  der  preussischen
        <pb n="527" />
        488  Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.

Truppen  in  Sachsen,  der  franzbsische  Gesandte  erklärte:
„daß  Napoleon  dies  als  Feindseligkeit  betrachte,“  und  deshalb
  seine  Pässe  forderte,  so  glaubte  doch  der  Churfürst  dadurch
  seine  Verhältnisse  mit  Frankreich  noch  nicht  abgebrochen,
  und  Napoleon's  Erklaͤrung  durch  Talleyrand  (vom  19.
Septbr.):  „der  Kaiser  wünsche,  daß  der  Churfürst  vollkommen
  frei  handle,  entweder  zum  norddeutschen  oder  zum  süddeutschen
  Bunde  trete;  nur  konne  der  Kaiser  keine  Association
  anerkennen,  die  unter  den  Waffen  gebildet  worden  wäre,“
schien  sich  zu  bestätigen.  Rücksichtlich  der  von  Preußen  wegen
Verzögerung  des  Allianzabschlusses  geführten  Klage,  suchte  sich
der  Churfürst  zu  rechtfertigen  und  erklärte  dem  Kdnige:  „daß
Graf  von  Görtz  unverzüglich  einen  abgeänderten  Entwurf  zur
Allianz  erhalten  würde,  worin  des  Churfürsten  Beitritt  zum
nordischen  Bunde  erwähnt  wäre;  nur  wünsche  er,  daß  das
Detail  dieses  Bundes  noch  aufgeschoben  werden  möchte,“
da  Dänemark,  Oldenburg,  Mecklenburg  und  die  Hansestädte
  sich,  in  der  zweiten  Hälfte  des  Septembers,  weigerten,
  dem  norddeutschen  Bunde  beizutreten.  Auch  erhielt  am
23.  Septbr.  Goͤrtz  Auftrag  zu  Abschliessung  des  Allianzvertrages,
  wenig  später  auch  zu  Unterzeichnung  einer  Militair-Convention
  mit  Preußen;  der  sächsische  Gegenentwurf  zum
norddeutschen  Bunde  wurde  ihm  in  15  Artikeln  in's  preussische
  Hauptquartier  nachgeschickt.  Da  aber  der  Churfürst  von
Hessen  den  durch  Waitz  zu  Berlin  verhandelten  Allianztractat
  nicht  ratificirte,  weil  Preußen  sich  die  vormaligen  Rechte
des  Kaisers  anmaßen  wolle,  so  erhielt  (6.  Octbr.)  Goͤrtz
die  Weisung,  den  Allianzvertrag  nicht  zu  unterzeichnen,  indem
  durch  Hessens  Rücktritt  die  Lage  der  Dinge  völlig  gedndert
  worden  sey.  Der  Drang  der  Ereignisse  aber  sollte
gar  bald  die  Vorsicht  des  Churfürsten  unnütz  machen  und
ihn  zwingen,  sein  Heer  unbedingt  den  Preußen  zu  überlassen.

———-üt

Preußens  dreifache  Ultimatsforderung:  daß  die  französischen
  Heere  Deutschland  ohne  Weiteres  räumen,  daß  Frank-
        <pb n="528" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  489

reich  der  Bildung  eines  norddeutschen  Bundes,  der  alle  in
der  Fundamentacte  des  Rheinbundes  nicht  ausdrücklich  genannte
  Reichsstände  umfasse,  in  keiner  Art  hinderlich  iseyn,
die  drei  Abteien  zurückgeben  und  Wesel  nicht  mit  dem  dlrecten
  Reiche  vereinigen  sollte  —  gab  dem  Schwanken
der  gegenseitigen  Stellungen  den  Ausschlag.  Napoleon  antwortete
  durch  nichts,  als  durch  vermehrte  Rüstungen.  Da
seine  Ueberlegenheit  meist  in  der  schlauen  und  furchtbar  schnellen
  Benutzung  der  Fehler  seiner  Gegner  bestand,  so  wäre
auf  preussischer  Seite  wohl  eine  noch  gröfsere  Planmäsigkeit
und  Abgeschlossenheit  der  Operationen  wünschenswerth  gewesen.
  Der  Mangel  daran  und  besonders  einer  innern
Einheit  der  Bewegungen,  die  von  dem,  auch  geistig  zum
Greise  gewordenen  72  jährigen  Oberfeldherrn,  dem  Herzoge
Ferdinand  von  Braunschweig,  freilich  nicht  mehr  zu  erwarten
  stand,  mußte  die  Hoffnungen  für  die  preussische  Sache,
troß  des  hohen  Muthes  ihrer  Verfechter,  bedeutend  herabstimmen.
  Gleich  der  Anfang  sollte  diese  niederschlagenden
Erwartungen  nur  zu  sehr  rechtfertigen.  Am  8.  October
warf  der  Großherzog  von  Berg  die  schwache  preussische  Vorpostenkette
  über  die  Saale  zurück.  Am  folgenden  Tage  mußte
der  preussische  General  Tauenzien,  von  den  Franzosen  umgangen,
  sich,  mit  Verlust  der  Magazine  von  Hof,  zurückziehen.
  Ein  grösseres  Unglück  war  dem  10.  October  vorbehalten;
  der  Vortrab  des  Hohenloheschen  Corps,  aus  Preussen
  und  Sachsen  bestehend,  wurde  bei  Saalfeld  von  der
beinahe  vierfach  groͤssern  lebermacht  der  Franzosen  angegriffen
  und  nach  verzweifeltem  Widerstande  schwer  geschlagen.
Der  Anführer,  Prinz  Ludwig  von  Preußen,  zog  den  Tod
der  Gefangenschaft  vor;  zwei  seiner  Tapfern  ließen  sich  auf
seinem  Leichname  tddten.  Das  preussische  Heer  war  voͤllig
umgangen.  Der  14.  October  vollendete  durch  die  Doppelschlacht
  bei  Auerstädt  und  bei  Jena  Preußens  Verderben.
Gegen  6000  Sachsen  fielen  auf  einmal  in  die  Hände  der
Franzosen;  Napoleon  unterhielt  sich  am  15.  Octbr.  zu  Jena
sehr  gürig  mit  den  122  gefangenen  süchsischen  Offizieren  und
entließ  sie  gegen  ihr  Ehrenwort,  nicht  wieder  gegen  Frank-
        <pb n="529" />
        490  Sachsens  St.  lung  gegen  Frankreich.

reich  zu  dienen,  in  ihr  Vaterland.  Auch  die  sächsische  Mannschaft
  wurde  frei  gegeben,  die  Rcitcrei  jedoch  unter  Zurücklassung
  ihrer  Pferde.  Napoleon  wollte  durch  diese  schonende
Behandlung  des  allerdings  nur  gezwungen  den  Kampf  theilenden
  Sachsens  die  öffentliche  Meinung  für  sich  gewinnen;  auch
lag  ihm  an  der  Neutralisirung  eines  Landes,  dessen  Lage
ihm  für  seine  weiteren  Operationen  im  Herzen  Deutschlands
wichtig  war  und  Vortheile  bot.  Darauf  hinzielend,  hatte  Napoleon
  schon  am  10.  Octobr.  aus  seinem  Hauptquartiere  zu
Ebersödorf  einen  Aufcuf  an  die  Sachsen  erlassen:  „Sachsen!
Die  Preußen  haben  Ener  Land  überfallen;  Ich  betrete  dasselbe,
  Euch  zu  befreien.  Sie  haben  gewaltsam  das  Band
Eurer  Truppen  aufgeldset  und  ihrer  Armee  angeknäpft.  Ihr
sollt  Euer  Blut  vergießen,  nicht  nur  für  ein  fremdes,  sondern
sogar  für  ein  Euch  entgegengesetztes  Interesse.  Meine  Hecre
waren  eben  im  Begriffe,  Deutschland  zu  verlassen,  als  Euer
Gebiet  verletzt  ward;  sie  werden  nach  Frankreich  zurückkehren,
  wenn  Preussen  Eure  Unabhängigkeit  anerkannt  und  den
Planen  entsagt  haben  wird,  die  es  gegen  Cuch  im  Schilde
führt.  —  Sachsen!  Euer  Fürst  hatte  sich  bis  jetzt  geweigert,
solche  pflichtwidrige  Verbindungen  einzugehen.  Wenn  er  sie
seitdem  einging,  so  ward  er  durch  den  Einfall  der  Preussen
dazu  gezwungen.  Ich  war  taub  gegen  die  eitle  Herausforderung,
  welche  Preussen  gegen  mein  Volk  richtete,  so  lange
taub,  als  es  nur  auf  seinem  Gebiete  in  Wassenrüstung
trat;  dann  erst,  als  es  Euer  Gebiet  verletzte,  hat  Mein
Minister  Berlin  verlassen.  —  Sachsen!  Euer  Loos  liegt  jetzt
in  Eurer  Hand.  Wollt  Ihr  im  Zweifel  stehen  zwischen  denen,
  die  Euch  untersochen,  und  denen,  die  Euch  schützen
wollen?  Meine  Fortschritte  werden  die  Existenz  und  Unabhängigkeit
  Eures  Fürsten,  Eurer  Nation  befestigen.  Die  Fortschritte
  der  Preussen  würden  Euch  ewige  Fesseln  anlegen.
Heute  würden  sie  die  Lausitz,  morgen  die  Ufer  der  Elbe  verlangen.
  Doch,  was  sage  ich?  Haben  sie  nicht  Alles  verlangt?
  nicht  schon  längst  versucht,  Euern  Herrscher  zur  Anerkennung
  einer  Oberherrschaft  zu  zwingen,  die,  unmittelbar
Euch  aufgelcgt,  Euch  aus  der  Kette  der  Nationen  reißen
        <pb n="530" />
        Sachsens  Stellung  gegen  Frankreich.  491

würde?  —  Eure  Unabhaͤngigkeit,  Eure  Verfassung,  Eure
Freiheit  würden  dann  ein  bloßer  Gegenstand  der  Erinnerung
seyn;  und  die  Manen  Eurer  Vorfahren,  der  tapfern  Sachsen,
  würden  sich  entrüsten,  Euch,  ohne  Wiederkehr,  von
Euren  Nebenbuhlern  unter  das  Joch  so  lange  vorbereiteter
Knechtschaft  gebeugt,  und  Euer  Land  zu  einer  preussischen
Provinz  herabgewürdigt  zu  sehen.“  —  Diese  Worte  klangen
freilich  sehr  einladend,  und  dieselben  mochten  nun  Glauben
finden,  oder  nicht,  so  wäre  es  jedenfalls  unter  diesen  Umständen
  nicht  rathsam  gewesen,  diesem  Aufrufe  zu  widerstreben,
  der,  wie  die  nächste  Zukunft  beweisen  sollte,  nicht
ohne  allen  prophetischen  Geist  war.  Ehe  der  Churfürst  von
Sachsen  über  Napoleons  Gesinnungen  noch  die  nbthige  Gewißheit
  hatte,  machte  er,  bei  der  Annäherung  der  franzdsischen
  Truppen,  sich  schon  bereit,  Dreöden  zu  verlassen  und
anderwärts  Sicherheit  für  seine  Person  zu  suchen,  eine
Maßregel,  womit  er  freilich  einigermaßen  bewies,  daß  der
Heldengeist  seiner  Zeit,  von  welchem  sich  alle  übrigen  Herrscher
  Europa's  ergriffen  fühlten,  nicht  in  diesem  Grade  auf
ihn  einzuwirken  vermochte.  Noch  zu  rechter  Zeit  traf  der
sächsische  Major  Funk  mit  Napoleon'S  Erklärung  ein:  derselbe
  werde  eine  Flucht  des  Churfürsten  als  ein  Zeichen  persönlicher
  Feindschaft  betrachten.  Obschon  man  demzufolge
den  Beschluß  faßte,  auf  Selbsterhaltung  zu  denken,  indem
Sachsen  durch  Preußen  nicht  mehr  geschützt  werden  könne,
auch  die  Allianz=  und  Militairconvention  mit  selbigem  noch
nicht  abgeschlossen  war;  so  zgerte  doch  der  Churfürst  noch,
seine  Truppen  von  den  Preußen  zurückzurusen.  Als  aber  der
Major  Thielmann  ihm  Napoleon's  Erklrung  brachte:  daß  er,
wenn  der  Churfürst  seine  Truppen  nicht  sofort  von  denen
der  Preußen  trenne,  das  Land  feindselig  behandeln  würde,
mußte  auch  dieser  Schritt  gethan  werden;  der  Churfürst  unterließ
  auch  nicht,  die  unabwendbare  Nothgedrungenheit
dieser  Handlung  dem  Konige  von  Preußen  vorstellen  zu  lassen.
  Sachsen  wurde  nunmehr  von  den  Franzosen  neutral
erklärt;  aber  es  mußte  dennoch  mit  schweren  Opfern  diese
Ruhe  erkaufen.  In  Leipzig  belegten  die  Franzosen  alle  eng-
        <pb n="531" />
        492  Sachsens  Neutralitaͤt.

lische  Waaren  und  Gelder,  so  wie  alle  Magazin=  und  Pulver-Worräthe
  mit  Beschlag,  und  legten  der  Stadt  große
Zahlungen  und  Lieferungen  in  Tuch  auf.  Dresden  wurde
schonender  behandelt;  es  wurden  zwar  alle  Posten,  mit
Ausnahme  des  Schlosses,  von  bairischen  Truppen  besetzt,
doch  blieben  hier,  wie  überhaupt  im  ganzen  Lande,  sämmtliche
  vaterländische  Behèrden  in  ihrer  vollen  Wirksamkeit.
Das  Gouvernement  der  Stadt  übernahm  der  franzdsische
Kammerherr  und  Oberstlieutenant  Thiard.  Dem  Lande  überhaupt
  wurde  von  Napoleon  eine  Contribution  von  25  Millionen
  Franken  (7,053,358  Thaler)  aufgelegt,  wovon  der
Churfürst  edelmüthig  ein  Drittheil  selbst  übernahm,  so  wie
er  überhaupt  dem  Lande  das  Drückende  der  Kricgsabgaben
durch  Vorschüsse  aus  seinen  eignen  Cassen  und  durch  Naturallieferungen
  von  seinen  Kammergütern  zu  mildern  suchte.
Zu  Erhebung  der  Regquisitionen  wurden  in  den  Städten
Dresden,  Leipzig,  Wittenberg  und  Naumburg  —  als  Mittelpuncten
  der  von  der  obersten  französischen  Kriegsbehoͤrde
bestimmten  vier  Kreise  —  französische  Intendanten  angestellt.


Die  Neuerungen,  welche  diese  Ereignisse  in  das  innere
Getriebe  des  politischen  Systems  brachten,  hatten  die  Entlassung
  der  beiden  Cabinetsminister,  von  Loß  und  von  Low,
zur  Folge.  Napoleon  hatte  schon  zu  Wittenberg  auf  des
Churfürsten  Empfang  gerechnet  und  seine  Empfindlichkeit  darüber,
  daß  dies  nicht  geschehen,  mußte  vielleicht  der  nach
Berlin  geschickte  sächsische  Gesandte,  Graf  Bose,  einigermassen
  entgelten,  dem  man  dort  von  französischer  Seite  mehrere
Schwierigkeiten  machte,  so  daß  die  von  ihm  angeknäpften
Friedensunterhandlungen  sich  gar  keinem  entscheidenden  Ziele
nähern  wollten.  In  dieser  Hinsicht  entschloß  sich  der  Churfürst,
  in  Person  nach  Berlin  zu  Napoleon  zu  reisen  und  denselben
  mündlich  zu  sprechen.  Doch  kam  der  Churfürst  erst
in  Berlin  an,  nachdem  der  rastlose  Napoleon  diese  Stadt
oerlassen,  und,  wegen  des  Vordringens  der  Russen  nach  der
Weichsel,  sich  nach  Posen  begeben  hatte.  Hier  wurde  am
11.  December  1806  von  dem  französischen  Marschall  Duroc
        <pb n="532" />
        Der  Friebe  von  Posen.  493

und  dem  saͤchsischen  Obercammerherrn,  Grafen  Bose,  der
Friede  zwischen  Frankreich  und  Sachsen  unterzeichnet,  welcher
solgende  Bestimmungen  enthielt:

Der  Churfürst  tritt  dem  Rheinbunde  bei  und  übernimmt
alle  Gerechtsame  und  Verpflichtungen  desselben.  Er  nimmt
den  königlichen  Titel  an  und  erhält  in  dem  Collegium
der  Bundesversammlung  und  in  der  Reihe  der  Könige  seinen
Sitz  nach  der  Ordnung  seiner  Einführung.  Diese  Einführung
unterblieb,  so  wie  die  Eröôffnung  der  Bundesversammlung
selbst.  Er  gestattet,  ohne  vorherige  Einwilligung  des  Rheinbundes,
  unter  keiner  Bedingung  den  Truppen  irgend  einer,
nicht  zum  Bunde  gehdrigen  Macht  den  Durchzug  durch  sein
Land.  —  Da  die  Gesetze  und  Acten,  welche  das  in
Deutschland  bestehende  Recht  des  Gottesdienstes  bestimmen,
durch  die  Auflösung  des  ehemaligen  deutschen  Reichskörpers
abgeschafft  und  übrigens  nicht  mit  den  Grundsätzen  verträglich
  sind,  auf  welche  die  Confdderation  gegründet  ward;  so
soll  die  Ausübung  des  katholischen  Gottesdienstes  im  ganzen
Königreiche  Sachsen  der  Ausübung  des  lutherischen  Gottesdienstes
  ganz  gleich  gestellt  werden,  und  die  Unterthanen  beider
  Religionen  (Confessionen),  ohne  Einschränkung,  die  nämlichen,
  bürgerlichen  und  politischen  Rechte  genießen.  Se.  Majestat
  der  Kaiser  macht  dies  zu  einer  ganz  besonderen  Bedingung.“)
  In  dem  künftigen  Frieden  mit  Preußen  wird
der  Kaiser  von  letztgenannter  Macht  die  Abtretung  des  Cottbusser
  Kreises  an  Sachsen  sich  bedingen;  dagegen  tritt
Sachsen  an  einen,  vom  Kaiser  noch  zu  bezeichnenden  Fürsten
ein,  an  Bevdlkerung  und  sonst  dem  Cottbusser  Kreise  gleichstehendes
  Gebiet  zwischen  Eichsfeld  und  Erfurt  ab,  dessen
Gränzen  durch  von  beiden  Seiten  ernannte  Commissarien,
nach  Auswechselung  der  Ratificationen  bestimmt  werden  sollen.
Sachsens  Contingent  soll,  für  den  Fall  eines  Kriegs,  in
20,000  Mann  von  allen  Waffengattungen,  für  den  gegenwärtigen
  Feldzug  aber,  in  Räücksicht  der  stattgehabten  Ereig-*)

  Nicht  haltlos  war  die  Vermuthung,  Napoleon  habe,  aus  Gefälligkeit
  für  Friedrich  August,  diese  Bedingung  dictirt.  —
        <pb n="533" />
        494  Sachsen  ein  Koͤnigreich.

nisse,  nur  in  1500  Mann  Reiterei,  4000  Mann  Fußvolk,
300  Mann  Artilleristen  und  12  Kanonen  bestehen.  Alle
Contributionen  fallen  mit  dem  Augenblicke  der  Unterzeichnung
gegenwaͤrtigen  Friedens  weg.

Haͤtte  der  nunmehrige  Koͤnig  sich  auf  Kosten  anderer
Maͤchte  vergroͤßern  wollen,  so  wuͤrde  ihm  dies  gewiß  nicht
schwer  gefallen  seyn,  da  gewoͤhnlich  alle  Fuͤrsten,  bei  ihrem
Zutritte  zum  Rheinbunde,  aus  der  Masse  der  franzoͤsischen
Eroberungen  starke  Laͤndererwerbungen  erlangten,  und  man
im  franzoͤsischen  Hauptquartiere  dem  saͤchsischen  Gesandten
ausdruͤcklich  Winke  zu  einer  solchen  Vergrößerung  gegeben
hatte.  Allein  Bose  hatte  in  seiner  Instruction  zur  Unterhandlung
  mit  Napoleon  die  besondere  Weisung  erhalten:  daß
er  bei  etwanigen  Laͤndervergroͤßerungs-Antraͤgen  von  Seiten
des  franzoͤsischen  Kaisers,  immer  vor  Augen  haben  sollte,
daß  der  Churfuͤrst  von  jedem  ehrgeizigen  Streben  nach  Vergrößerung
  auf  fremde  Kosten  weit  entfernt  sey  und  bleiben
werde.

Am  20.  December  1806  wurde  zu  Dresden  die  Erhebung
  Sachsens  zu  einem  Königreiche  und  die  Annahme  der
königlichen  Würde  durch  Friedrich  August,  bffentlich  ausgerufen.
  Es  contrastirre  seltsam  mit  dem  hereinbrechenden  Zeitalter
  der  umwälzungen,  und  gab  einen  wunderlichen  Contrast
  zu  dem  Siege  des  Neuern,  den  Sachsen,  wenn  auch
nicht  gegen  seinen  Willen,  doch  gegen  seine  Individualitét
repräsentiren  mußte:  daß  diese  Neuerung  durch  einen  in
die  vollste  Geschmacklosigkeit  des  Halb-Antiken  gekleideten
Herold  öffentlich  verkündet  wurde,)  so  daß  die  bunte  Abbildung
  dleses  verunglückten  Costüm's  noch  lange  besprochen
wurde.

*)  „Nachdem  durch  die  allweise  Vorsehung  Gottes  es  dahin  gediehen
ist,  daß  die  bisberigen  churfürstlichen  Lande  zu  einem  Königreiche
  erhoben  worden  sind;  so  wird  der  Allerdurchlauchtigste
und  Großmächtigste  Fürst  und  Herr,  Herr  Friedrich  August,
als  König  von  Sachsen  feierlich  ausgerufen  und  dieses  Seinem
  getreuen  Volke  zu  kund  und  zu  wissen  gethan.“

·—“"“
        <pb n="534" />
        Zweite  Abtheilung.

Von  der  Erhebung  Sachsens  zu  einem  Koͤnigreiche,
bis  zu  der  Schlacht  bei  Leipzig.

Die  Fuͤrsten  der  Foͤderativstaaten  des  franzdsischen  Reiches
waren,  wie  leicht  erklärlich,  die  ersten,  welche  den  neuen
König  anerkannten;  doch  folgten  die  übrigen  europaͤischen
Mächte  bald  nach.  Diese  ganze,  von  Napoleon  improvisirte
politische  Umgeburt  war,  beim  Lichte  besehen,  nichts  als
eine  architectonische  Verzierung  eines  Hauses,  dessen  Last
dadurch  nur  vermehrt  und  dessen  Druck  gegen  den  unsichern
Grund  dadurch  nur  um  so  gefährlicher  unterstützt  wurde.
Auch  der  Churfürst,  bei  aller  Ruhe  seines  urtheils,  fühlte
sich  in  seiner  eignen  Meinung  höher  gestellt,  daß  der  erste
Mann,  der  Mann  des  Jahrhunderts  ihn,  pelitisch  wie  persoͤnlich,
  seiner  Freundschaft  würdigte.  Daß  dieser  ihn  bisweilen
  auch  als  Mittel  für  seine  allseitigen  Zwecke  betrachteie,
  war  er  zu  stolz  zu  vermuthen;  vielleicht  verwechselte  er
auch  Napoleons  System  mit  seinem  eigenen,  und  glaubte,
daß  derselbe,  statt  der  Verfechter  des  Despotismus,  vielmehr
der  Verfechter  des  Monarchismus  sey.  Kurz  Napoleon  durfte
sich  uͤber  den  getäuschten  Kdnig  aller  Vortheile  freuen,  welche
  das  siegende  Genie  noch  vor  dem  Verstande  voraus  hat.
Das  Verhältniß  des  Churfürsten  zu  dem  fränkischen  Eroberer
war  anfangs  die  Folge  der  Nothwendigkeit,  spater  der  getäuschten
  Uiberzeugung,  zuletzt  wo  beide  Talitzmane  fehlten,
das  Werk  der  Consequenz,  es  ging  aus  der  Potirik  mehr
        <pb n="535" />
        496  Buͤndniß  mit  Frankreich.

und  mehr  in  die  Moral  über.  In  jener  Rücksicht  kann
ihn  Niemand  tadeln,  in  letzterer  kann  die  Welt  ihn  loben.
Die  Verpflichtungen  des  Koͤnigs  von  Sachsen,  als  neuen
Rheinbund-Mitgliedes,  eroͤffneten  sich  mit  einem  Schritte,
der  den  rechtlichen  Gesinnungen  desselben  verletzend  und  schwer
seyn  mußte.  Er  sah  sich  genöthigt,  das  für  den  gegenwärtigen
  Feldzug  bestimmte  Contingent  von  6000  Mann  zu  stellen,
  welche  der  fremde  Eroberer  nunmehr  gegen  Sachsens
vorherigen  Bundesgenossen,  den  König  von  Preußen,  führte,
welcher  Letztere  selbst  erklärt  hatte,  daß  er  seinen  Verbündeten
  nicht  mehr  schützen  könne.  Diese  sächsischen  Truppen
nahmen  unter  Polenz  Antheil  an  der  Belagerung  Danzigs,
1807  (dessen  Capitulation  (24.  Mai  1807)  für  Napoleon  ein  so  hocherwünschter
  Glücksfall  war)  so  wie  kaum  drei  Wochen  später
  an  der  Schlacht  bei  Friedland  (14.  Juni).  Am  7.  Juli
wurde  zu  Tilsit  der  Friede  zwischen  Frankreich  und  Rußland,
  und  am  9.  zwischen  Frankreich  und  Preußen  abgeschlossen.
  Preussen,  um  die  Haͤlfte  zusammenschmelzend,  trat
damit  auf  einige  Zeit  aus  der  Reihe  der  größeren  Mächte
Europa's  heraus.  Sachsen  erhielt  von  den,  Preußen  entrissenen
  Ländereien  den  bereits  im  Posener  Frieden  ihm  zugesicherten
  Cottbusser  Kreis,  eine  Enclave  der  Niederlausit,
wofür  jedoch  der  König  von  Sachsen  später  ein  gleiches  Terrain
  an  das  Königreich  Westphalen  abtreten  mußte;  endlich
mußte  Preußen  auch  auf  alle  Besitzungen  des  Konigs  von
Sachsen  und  des  Hauses  Anhalt  auf  dem  rechten  Ufer  der
Elbe  verzichten.  Danzig  ward  zur  freien  Stadt  erklärt  und
unter  sächsischen  und  preußischen  Schutz  gestellt.  Zugleich
ward  der  König  für  seine  Person  zum  Herzoge  von  Warschau
  erklärt,  einem  aus  abgetretenen  polnisch-preußischen
Besitzungen  gebildeten  neuen  Staate,  und  in  dieser  Würde
von  Rußland  und  Preußen  anerkannt.  Friedrich  August
übernahm  beide  neue  Besitzungen  mit  einem  gewissen  verlegenen
  Mistrauen.  Er  konnte  sich  dieser  Erwerbungen  richt
so  recht  freuen,  da  er  vielleicht  deren  Unbestand  ahnete.  Jedenfalls
  wurde  durch  die  schonende  Art,  wie  er  diese  neuen
Besitzungen  annahm,  ihr  spaterer  Verlust  leichter  und  wür-
        <pb n="536" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  497

devoller  fuͤr  ihn  zu  ertragen.  Der  Cottbusser  Kreis  behielt,
ohne  der  Niederlausitz  oder  den  uͤbrigen  Laͤndern  des  Koͤnigs
einverleibt  zu  werden,  seine  bisherige  Verfassung.  Ruͤcksichtlich
  des,  nach  den  Bestimmungen  des  Posener  Friedens,  fuͤr
den  Eintausch  des  Cottbusser  Kreises  abzutretenden  Ländergebietes,
  wurde,  mit  Veränderung  des  am  22.  Juli  1807
abgeschlossenen  Vertrags,  am  19.  März  1803  eine  Convention
  abgeschlossen  und  demnach  das  Amt  Gommern  mit  Elbenau
  und  Nanis,  die  Grafschaft  Barby,  mit  Ausnahme
von  Walter-Nienburg,  das  sächsische  Miteigenthum  an  der
Ganerbschaft  Treffurt  und  der  Voigtei  Dorla,  und  das  ganze
sächsische  Mansfeld  mit  Ausnahme  von  Artern,  Vockstädt
und  Bornstädt,  an  Westphalen  abgetreten.  Für  die  Verzögerung
  dieser  Abtretung  zahlte  Sachsen  an  Westphalen
200,000  Franken  und  überließ  ihm  vom  1.  Januar  1808
an  alle  Einkünfte  der  abgetretenen  Gebiete.

Dem  neuen  Herzogthume  Warschau  bestimmte  der  Tilsiter
  Frieden  eine  Versassung,  welche  die  Freiheiten  und  Privilegien
  der  dortigen  Einwohner  schützte,  ohne  die  Ruhe  der
benachbarten  Staaten  zu  gefährden.  Zu  Verbindung  des
Herzogthums  mit  den  sächsischen  Erblanden  des  dortigen
Regenten,  wurde  dem  Konige  von  Sachsen  der  freie  Gebrauch
  einer  Militairstraße  durch  den  preußischen  Staat  zugestanden.
  Die  neue  Verfassung  des  Herzogthums  Warschau,
obgleich  nicht  ganz  der  früheren  Reichstagverfassung  sich  entfremdend,
  gestand,  zu  Folge  des  sie  bezeichnenden  monarchischen
Princips,  dem  Herzoge  doch  großere  Rechte  zu,  als  die,
welche  1791  dem  Könige  von  den  Polen  angetragen  wurden.
  Zufolge  dieser  neuen  Verfassung  ward,  mit  vollkommener
  Glaubensfreiheit,  die  katholische  als  Staatsreligion
ausgesprochen,  die  Leibeigenschaft  abgeschafft,  jeder  Bürger
gleich  vor  dem  Gesetze.  Die  herzogliche  Krone  von  Warschau
  ward  erblich  in  der  Person  des  Königs  von  Sachsen,
seiner  Erben  und  Nachfolger,  nach  der  im  sächsischen  Hause
eingeführten  Erbfolgeordnung.  Dem  Koͤnige  gehörten  die
Verrichtungen  der  vollziehenden  Gewalt  in  ihrem  ganzen
Umfange,  so  wie  die  Initiative  der  Gesetze;  er  konnte  will-32
        <pb n="537" />
        196  He#ogthum  Warschau.

kührlich  einen  Theil  seiner  Gewalt  einem  Vicekdnige  übertragen
  oder  einen  Präsidenten  des  Ministerrathes  ernennen;
er  berief,  prorogirte  und  vertagte  die  Versammlung  des  allgemeinen
  Reichstages,  desgleichen  die  Landtage  und  Gemeindeversammlungen.
  Die  im  Verhaltnisse  zu  den  nöthigen
  Ausgaben  sehr  unbedeutenden  Güter  der  herzoglichen
Krone  bestanden  in  einem  jährlichen  Einkommen  von  7  Millionen
  polnischer  Gulden  (ohngefähr  4  Gr.  oder  18  Kreuzer),
halb  auf  Landgüter  und  Domainen,  halb  auf  den  öffentlichen
Schat  angewiesen,  und  in  dem  königlichen  und  sächsischen
Pallaste  zu  Warschau.  Der  aller  zwei  Jahre  zu  Warschau
sich  versammelnde  allgemeine  Reichstag  bestand  aus  zwei
Kammem,  der  Kammer  des  Senates  und  der  Kammer  der
Landboten;  das  Gebiet  des  Herzogthums  bestand  aus  sechs
Departements.  Der  Codex  Napoleon  bildete  das  börgerliche
Gesetzbuch;  das  Verfahren  war  dffentlich.  Die  bewaffnete
Macht  zählte,  ohne  die  Nationalgarden,  30,000  Mann.
Napoleon  unterzeichnete  bei  seiner  Ankunft  zu  Dresden  (22.
Juli  1807)  nebst  fönf  Mitgliedern  der  bisherigen  Warschauischen
  Regierungscommission,  diese  neue  Verfassung  des
Herzogthums  Warschau.  Napoleon's  Anwesenheit  zu  Ehren
stisftete  Friedrich  August  auch  den  Orden  der  Rautenkrone,
angeblich  „zur  Erinnerung  an  die  Zeiten,  wo  die  Vorsehung
zu  des  Regenten  und  seiner  Staaten  Erhaltung  so  kräftig
gewirkt  hatte“;  die  Devise  dieses  Ordens  lautete:  Proridenliae
  memor.  Uibrigens  umfaßte  das  Herzogthum  Warschau,
nach  den  Bestimmungen  des  Tilsiter  Friedens  und  nach  der
spctern  Einverleibung  Neu-Schlesiens,  1851  Quadratmeilen
mit  2,319,396  Einwohnern  (unter  ihnen  163,130  Juden).
Friedrich  August's  Uneigennützigkeit  offenbarte  sich  hinsichtlich
Polens  auf  glänzende  Weise,  und  was  seine  Vorfahren  an
dieses  Land  vergeudet  hatten,  gab  er  mit  stiller  Wohlthätigkest,
  mit  großmüthiger  Milde  dem,  in  seinem  innern  Finanzwesen
  furchtbar  erschöpften  Staate  hin.

Wenn  es  nicht  zu  leugnen,  daß  Napoleon  —  sey  es
aus  Stolz,  Politik,  oder  aus  einer  gewissen  angeborenen
Güte  —  sich  den  von  ihm  lliberwundenen  in  gewisser  Hin-
        <pb n="538" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  499

sicht  nachgiebig,  schonend,  ja  sogar  großmuͤthig  zeigte;  so
verlaͤugnete  er  gegen  Preußen  großentheils  diese  Schonung.
Ein  geheimer  Haß  erfuͤllte  ihn  gegen  diese  Macht  oder  deren
Regierung,  und  so  erlaubte  er  sich,  selbst  nachdem  er  denselben
  völlig  niedergeworfen  und  vernichtet  hatte,  noch  immer
Streiche  gegen  den  schon  Sterbenden  zu  führen.  Indem  er
das  überwundene,  so  schwer  geschlagene  Land  immer  durch
neue  Forderungen  ängstigte  und  erschdpfte,  ließ  er  ihm  nicht
cinmal  Zeit,  sich  zu  verbluten.  Obgleich  der  König  von
Sachsen,  soweit  er  hierbei  betheiligt  war,  mit  großer  Schonung
  und  Leutseligkeit  versuhr,  so  gewann  er  doch,  bei  seiner
  innigen  Verbindung  mit  Napolcon,  in  vieler  Hinsicht
den  Schein,  als  theile  er  dessen  Härte  gegen  Preußen.
Napoleon's  neue  Gewaltstreiche,  besonders  gegen  Spanien
  und  Portugal,  die  bei  glücklichem  Erfolge  leicht  eine
gefährliche  Nückwirkung  auf  Deutschland  haben  konnten,
machten  hier  eine  nachdruckvolle  Aufmerksamkeit  ndthig,  und
Oesierreich,  dem  in  der  ganzen  Napoleon'schen  Zwangsperiode
der  Ruhm  von  Deutschlands  treuem  Eckard  gebührt,  fand  es
daher,  ohne  seinerseits  die  Veranlassung  eines  Bruches  des
bestehenden  guten  Vernehmens  mit  Frankreich  zu  beabsichtigen,
  für  nothwendig,  durch  starke  Rüstungen  und  Armeeverstärkungen,
  sich  gegen  die  drohende  Gefahr  in  Vertheidigungsstand
  zu  setzen.  Diese  zweckmäßige  Vorsicht  Oesterreichs
erregte  Napolcon's  ernsthafte  Aufmerksamkeit  so  sehr,  daß
auf  seine  Veranlassung  im  Sommer  1808  ein  sachsisches  180
Corps  von  13,400  Mann  zwei  Lager  zwischen  Pirna  und
Budissin  bezsehen  mußten.  Doch  kehrten  die  Sachsen  in
ihre  Standquartiere  zurück,  als  zu  Erfurt  im  September
und  October  Napoleon  sich  mit  dem  Kaiser  von  Raßland
und  den  meisten  Fürsten  des  Rheinbundes  auf  einen  Fuß
gesetzt  hatte,  der  ihm  fuͤr  den  Fall  eines  ausbrechenden  Krieges
  mit  Oesterreich,  die  gewuͤnschten  Mittel  an  die  Hand
zu  geben  versprach.  Der  vorausgesehene  Kampf  wurde  nur
verzoͤgert,  nicht  aufgehoben.  Die  Unzufriedenheit,  welche  sich
in  einzelnen  Theilen  Deutschlands  gegen  Napoleon  regte,
war,  obschon  einzelne  kühne  Männer,  wie  z.  B.  der  Herzog
32#
        <pb n="539" />
        500  Bündniß  mit  Frankreich.

von  Braunschweig,  Schil  u.  A.,  ihr  Thatenkraft  zu  geben
suchten,  noch  nicht  genug,  um  die  Deutschen,  bei  dem  offenbaren
  Phlegma  ihrer  Entschlüsse,  zum  entschiedenen  Handeln  zu
bringen.  Oesterreich  hatte,  wenn  es  sich  von  der  Stimmung
Deutschlands  etwas  versprach,  dessen  Charakter  zu  hoch  angeschlagen.
  Nur  das  bergreiche  Tyrol  zeigte  sich  kräflig  bereit,
  den  Kampf  für  das  geliebte  Hecrscherhaus  Oesterreich,
dem  man  es  entreißen  wollte,  mit  unerschütterlicher  Ausdauer
1800  zu  wagen.  Schon  im  März  1809  drangen  die  österreichtschen
Heeresmassen  gegen  die  Grinzen  Baierns,  Warschau's  und
Italiens  vor.  Nachdem  am  24.  April  Friedrich  August  auch
seinerseitS  den  Krieg  gegen  Oesterreich  erklärt  hatte,  stellten
sich  die  Sachsen  unter  den  Oberbefehl  Bernadette  s.  Der
Konig  aber,  der  sein  Land  nicht  binlänglich  gedeckt  und  die
böhmische  Gränze  sehr  nahe  wußte,  entfloh  aus  seinem  Lande
und  suchte  für  sich  und  die  Seinigen  Sicherheit  in  Frankfurt
  am  Main,  wo  er  sich,  nachdem  er  vorher  auf  drei
Monate  Sold  hatte  auszahlen  lassen,  vom  18.  Juni  bis
zum  8.  August  aufhielt.  Gleich  im  Beginne  des  Kampfe
sielen  unter  dem  Erzherzog  Ferdinand  30,000  Oesterreicher
in  das  Herzogthum  Warschau  ein,  in  der  Absicht,  dasselbe
für  Preußen  wieder  zu  erobern.  Poniatowéky,  welcher  Polen
  vertheidigte,  hatte  zu  werig  Mannschaft,  um  ernsthaften
Widerstand  zu  leisten,  daher  er  am  21.  April  den  Oesterreichern
  die  Stadt  Warschau  räumen  mußte.  Aber  dieser
Vortheil  der  österreichischen  Waffen  war  ven  kurzer  Dauer.
Poniatowsky'#  Einfall  in  Galizien  rief  die  dortigen  Polen.
unter  die  Waffen;  der  Erzherzog  Ferdinand  mußte  Warschau
wieder  ausgeben  und  sich  nach  Mähren  zurückziehen.  So
wurde,  nach  wechselnden  Vortheilen  und  Verlusten,  Polen
von  den  Oesterreichern  wieder  geräumt.  Napoleon's  entscheidender
  Sieg  bei  Wagram,  der  auch  mit  sächsischem  Blute
ziemlich  theuer  erkauft  worden  war,  brachte  einen  Waffensticstand,
  und  später  (14.  Octbr.)  den  Wiener  Frieden  zu
wege.  Die  Sachsen,  welche  bis  dahin  unter  Reynier  in
und  bei  Preßburg  gestanden,  hatten  durch  Seuchen  und
bitzige  Krankheiten  (zum  Theil  wohl  durch  den  unberechnet
        <pb n="540" />
        Büändniß  mit  Frankreich.  501

haͤufigen  Genuß  des  schweren,  blutverdickenden  Ungarweins)
starke  Verluste  erlitten.  Sachsen  selbst  blieb,  trotz  der  Entfernung
  des  eigentlichen  Kriegsschauplatzes,  dennoch  nicht  von
den  Drangsalen  des  Krieges  verschont.  Der  kuͤhne  Herzog  von
Braunschweig-Oels  hatte,  unterstützt  von  englischen  Subsidien,
  in  Boͤhmen  ein  Haͤuflein  tapferer  Maͤnner  um  sich
gesammelt.  In  Verbindung  mit  zwei  oͤsterreichischen  Hcerestheilen,
  drang  er  gegen  Norddeutschland  vor,  um  seine
von  Napoleon  ihm  vorenthaltenen  Erblande  mit  gewaffneter
Hand  zu  erobern,  warb  in  Leipzig  und  Dresden  Truppen,
erzwang  sich  Lieferungen  und  schlug  sich  mit  einer  Handroll
Helden  glücklich  bis  nach  Elsfleth  durch,  wo  er  sich  nach
England  einschiffte.  Schneller,  als  er  —  dem  es  beschieden
  war,  noch  den  gcoßen  Befreiungskampf  gegen  Napoleon
mitzuschlagen  —  war  der  emmthige  Parteigänger  Schill  von
der  Bühne  getreten,  der  (31.  Mai)  zu  Stralsund  im  ungleichen
  Kampfe  fiel.  Deutschland  verstand  damals  seine
Heldengeister  noch  nicht;  sonst  hätten  die  Thaten  solcher
Männer  mehr  Anklang  und  besseren  Erfolg  finden  müssen.  —

Dresden  war,  während  des  Vordringens  des  kühnen
Braunschweigers,  in  dsterreichische  Gewalt  gekommen;  die
von  dem  entflohenen  Koͤnige  dort  einstweilen  eingesebzte  Regierungsbehörde
  verwendete  sich  unmittelbar  bei  dem  Erzher—
zoge  Carl  um  Schonung  des  Landes.  Der  Kdnig  mißbilligte
von  Frankfurt  aus  diese  Maßregel,  die  ohne  seinen
Auftrag  geschehen  war,  dffentlich  und  ertheilte  der  Regierungsbehdrde
  dieserhalb  einen  Verweis,  ließ  auch  das  vom
Erzherzoge  Carl  an  die  Regierungsbehörde  eingehende  Antwortschreiben
  uneröffnet  an  Napoleon  gelangen,  weil  wie
ein  berufener  Vertheidiger  Friedrich  August's  erklärt,  dieses
Verfahren  der  Regierungsbehdrde  „den  Anschein  einer  politischen
  Verhandlung  haben  und  den  Verdacht  eines  geheimen
Einverständnisses  der  sächsischen  Regierung  mit  Oesterreich  erregen
  konnte.“

Oesterreich,  von  Deutschland  verkannt  und  ohne  Beistand
gelassen,  mußte  den  Frieden  mit  schweren  Oofern  erkaufen;
es  verlor  im  Wiener  Frieden  gegen  2000  Quadratmeilen.
        <pb n="541" />
        502  Buͤndniß  mit  Frankreich.

Sachsen  sollten  sechs  von  der  Lausitz  eingeschlossene  boͤhmische
Ortschaften  einverleibt  werden,  deren  Uebergabe  jedoch  nie
erfolgte.  Dagegen  erhielt  das  Herzogthum  Warschau  —
Napoleon  schien  an  dieser  neuen  Schoͤpfung  ein  besonderes
Wohlgefallen  zu  finden  —  ganz  Westgalizien,  die  Stadt
Krakau  mit  einem  Landstriche  auf  dem  rechten  Ufer  der  Weichsel,
  und  den  Zamosker  Kreis  in  Ostgalizien  (Friedrich  August
hatte  zu  dieser  Vergrößerung  des  Herzogthums  keinen  Anlaß
  gegeben).  Die  wichtigen  Salzwerke  von  Wieliczka  sollten
  Oesterreich  und  Warschau  in  gemeinschaftlichem  Besitze
  haben.  Das  Herzogthum  hatte  dadurch  in  Allem  gegen
920  Quadratmeilen  mit  1,400,000  Einwohnern  erworben,
und  diesex  Zuwachs  wurde  in  vier  neue  Departements  abgethcilt.
  Trotz  dieser  Erwerbungen  konnte  der  im  Innern
des  Herzogthums  zehrende  Mange  nicht  beschwichtigt  werden,
daher  der  Konig  sich  genösthigt  sah  (1.  Decbr.  1810)  ein
Papiergeld  zu  neun  Millionen  polnischer  Gulden  zu  stiften,
und  im  folgenden  Jahre  (1811)  eine  Anleihe  von  12  Millionen
  Franken  für  Warschau  aufzunehmen.  Durch  die  Auflösung
  des  deutschen  Ordens  (24.  April  1809)  fiel  die  sogenannte
  Ballei  Thüringen  dem  Könige  von  Sachsen  zu,
welcher  bereits  die  Oberhoheit  darüber  geubt  hatte.  Als  im
October  1810  ein  Edict  des  Koͤnigs  von  Preußen  alle  Kloster,
  Capitel,  Comthureien  2c.  des  Johanniterordens  für  knigliche
  Domainen  erklärte,  zog  der  König  von  Sachsen  die
beiden,  in  der  Niederlausitz  gelegenen  Ordensämter,  Friedland
  und  Schenkendorf,  cin  und  verweigerte  die  Bestätigung
des  durch  den  damaligen  Heermeister,  Prinz  Ferdinand  von
Preußen,  unternommenen  Verkaufs.  Dies  hatte  eine  Menge
streitlicher  Erdrterungen  zwischen  Preußen  und  Sachsen  zur
Folge,  die  bis  zu  den  allgemeinen  politischen  Umwälzungen
des  Jahres  1813  währten.

Nachdem  Napoleon  im  Jahre  1809  vom  Könige  von
Sachsen  und  vielen,  theils  herkoömmlichen,  theils  neu  geschaffnen
  Koönigen  und  Fürsten,  zu  Paris  besucht  worden  war,
trennte  er  bald  darauf  seine  Ehe  mit  Josephinen,  die  den
Grundstein  zu  dem  Riesenbaue  seines  Gläckes  gelegt  hatte,
        <pb n="542" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich  503

und  vermaͤhlte  sich  mit  der  Erzherzogin  Marie  Luise  von
Oesterreich,  der  Tochter  Franz  I.  Die  auf  diese  Verbindung
gebauten  schonen  Hoffnungen  mancher  Politiker  für  die  nunmehrige
  Dauer  des  Friedens  sollten  sich  nur  zu  schnell
schmerzlich  täuschen.  Sachsen,  das,  zufolge  seiner  vermittelnden
  Lage,  Napoleons  militairische  Plane  unaufhörlich
durchkreuzten  und  zu  einem  vollkommenen  Waffenplatze  umzugestalten
  strebten,  mochte  sich  dieser  Aufmerksamkeit,  die  es
dem  Wolteroberer  eingeflößt  hatte,  nicht  eben  schr  freuen.
Vor  Allem  dachte  er  ihm  eine  neue  Fcsiung  zu,  da  die  vorhandenen
  seinen  Wünschen  nicht  entsprachen.  Wittenberg
fiel  ihm  zuerst  als  ein  hierzu  geeigneter  Platz  in  die  Augen
und  er  ließ  es  daher  durch  seinen  Gesandten  zu  Dresden,
Bourgoing,  nöäher  besichtigen.  Da  dieser  jedoch  an  der  Lage
des  Ortes  Manches  auszusetzen  hatte  und  Torgau  ihm  passender
  schien,  so  wurde  letztere  Stadt  zur  künftigen  Festung
Sachsens  bestimmt.  Dagegen  sollten  die  Festungswerke  Wittenbergs
  abgetragen  werden,  wozu  es  jedoch  vor  der  Hand
nicht  kam.  Der  von  dem  allgemeinen  Swingheern  anbefohlene
  Bau  dieser  neuen  Festung  zu  Torgau  brachte  freilich
das  durch  den  Krieg  ohnedies  erschöpfte  und  geldarme  Land
in  nicht  geringe  Verlegenheit,  denn  man  mußte  denselben
in  Allem  auf  5  bis  6  Millionen  Thaler  anschlagen.  Allein
Napolcon  war  gewöhnt,  seine  Befehle  erfüllt  zu  sehen,  und
so  mußten  Land  und  Stände  sich  zu  Aufbringung  des  Aeussersten
  bequemen.

Wenn  Deutschland  und  Europa  in  den  vorhergehenden
Kampfen  einen  schwankenden  Charakter  gezeigt  hatten,  so
sollte  das  Jahr  1810  ein  gewisses  inneres  Reifen  der  Zeit
mitbringen,  das,  wenn  auch  noch  nicht  unmittelbar  nach  1810
aussen  hervortretend,  doch  die  Bürgschaft  eines  baldigen  ernstern
  und  entscheidendern  Gegenkampfes  in  sich  trug.  Die
warme  Bewunderung,  welche  Kaiser  Alexander  eine  Zeitlang
der  militairischen  Größe  Napoleons  gezollt  hatte,  ging  allmaͤlig
  in  ein  kaltes,  kopfschüttelndes  Staunen  über;  die
Trennung  zwischen  Beiden  ward  immer  entschiedener,  immer
sichtbarer.  Den  nächsten  Grund  zu  Alexanders  zunehmender
        <pb n="543" />
        504  Buͤndniß  mit  Frankreich.

Kälte  hatte  Napoleon  durch  die  Beraubung  des  Schwagers
desselben,  des  Herzogs  von  Oldenburg,  gegeben.  Der  gezwungene
  Beitritt  zum  Continentalsysteme  wurde  für  Rußland
  eine  schwere  Bürde,  und  da  Napoleon  durch  häufige
Ertheilung  sogenannter  Licenzbriefe  selbst  zugab,  daß  dieses
System  nicht  in  seiner  vollen  Strenge  durchzuführen  möglich
sey,  so  glaubte  auch  Rußland  mildernde  Verfügungen  treffen
  zu  dürfen.  Dies  geschah  durch  einen  cussischen  Ukas
(Deebr.  1810),  der  nicht  nur  in  den  strengen  Handelsverboten
  einige  Ausnahmen  gestattete  und  unter  neutraler  Flagge
  englische  und  Colonialwaaren  einzuführen  crlaubte,
sondern  auch  die  Einfuhr  mehrerer  französischer  Fabrikate  untersagte.
  Von  französischer  Seite  wurde  hierüber  sogleich
bittere  Klage  geführt.  Oesterreich,  welches  immer  schmerzlicher
  überzeugt  ward,  daß,  ohngeachtet  aller  Opfer,  die  es
für  Deutschlands  Freiheit  und  Unabhängigkeit  dargebracht
hatte,  doch  nicht  ein  dauernder  und  allgemeiner  Friede  eintreten
  wollte,  begann  den  durch  Familienverbindung  nur  vorübergehend
  beseitigten  Unwillen  gegen  den  nimmer  ruhenden
Eroberer  mit  verstärkter  Macht  wieder  aufzunehmen  und
drohte  über  kurz  oder  lang  mit  aller  ihm  eignen,  unerschöpflichen
  inneren  Krast  von  neuem  auf  den  Kampfplatz  zu  treten.
  Großbritannien  unterließ  nicht,  durch  allerlei,  bisweilen
  auch  kleinliche  Mittel  den  keimenden  Haß  gegen  den
Welttyrannen,  in  den  europdischen  Mächten  zu  verstärken
und  demselben  nachzuhelfen.  Preußen,  nach  schwerer
Erniedrigung  den  kommenden  Zeitpunct  ahnend,  rüstete  mit
eben  so  viel  Vorsicht  als  Nachdruck,  und  so  bereitete  sich  schon
jetzt  der  große  Weltkampf  vor,  der,  obschon  noch  einige
Zeit  zurückgehalten,  doch  nicht  ausbleiben  konnte.  Wichtig
für  das  Gedeihen  der  gegen  Napoleon's  Zwingherrschaft  sich
vorbereitenden  Opposition,  war  Schwedens  immer  engeres  Anschließen
  an  letztere.  In  Spanien  wüthete  noch  immer  der
Kampf  fort,  und  die  pyrendische  Halbinsel  sollte  an  Frankreichs
  schönsten  Kräften  gierig  und  unaufhörlich  nagen.

Um  sich  zu  der  bevorstehenden  Erweiterung  des  Kamofes
vochdruck#oll  shloNapolcon  im  Febrr  152
        <pb n="544" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  505

März  1812  Bündnisse  mit  Preußen  und  Oesterreich.  Die
wirkliche  Gesinnung  dieser  beiden  Mächte  gegen  ihn  kannte
er  damals  noch  nicht  oder  wollte,  um  nicht  zu  ungelegener  1812
Zeit  zu  einem  Bruche  mit  ihnen  genöthigt  zu  seyn,  sie  nicht
kennen.  Vielleicht  glaubte  er  auch,  sich  der  Treue  Preußens,  welches
  um  jeden  Preis  Erweiterung  seines  Terrains  zu  erlangen
suchen  mußte,  hinlänglich  zu  versichern,  indem  er  ihm,  auf
den  Fall  einer  glücklichen  Beendigung  des  Krieges  mit  Rußland,
  eine  Gebietsvergrößerung  antrug.  Auf  solche  Weise
glaubte  Napoleon  sich  nach  zwei  Seiten  hin  genügend  für
den  erwarteten  Kampf  gesichert  zu  haben.

Polen,  durch  Gewaltgriffe  zersplittert  und  zerrissen,  glaubte
diesen  Zeitpunct  mit  krampfiger  Anstrengung  ergreifen  zu  müssen,
  um  seine  Unabhängigkeit  wieder  zu  erkämpfen.  Bei  dem
Drange  der  Umstände  übertrug  der  Koͤnig  von  Sachsen,  als
Herzog  von  Warschau,  dem  dortigen  Ministerrathe  die  Macht,
in  schleunigen  Fällen  die  Rechte  des  Königs  und  der  Verfassung
zu  vertreten.  Kraft  dieser  Vollmacht  berief  das  Ministerconseil
einen  allgemeinen  polnischen  Reichstag,  der  sich  —  in  Gemäßheit
  des  ausgesprochenen  Wunsches  der  russisch-polnischen  Provinzen
  nach  Wiedervereinigung  mit  ihren  ehemaligen  Brüdern
—  bald  darauf  in  eine  Generalconfdderation  verwandelte,  die
die  Wiederherstellung  des  Königreiches  Polen  aussprach.  Alle
waffenfähige  Männer  wurden  zur  Befreiung  des  Vaterlandes
aufgerusen;  Napolcon,  von  den  Polen  um  Unterstützung  ihres
  Befreiungskampfes  gebeten,  bestätigte,  mit  Ausnahme
des  österreichischen  Galiziens,  die  Beschlüsse  der  Generalconfoͤderation.
  Bald  erhoben  sich  60,000  Polen  zum  Kampfe
für  Napoleon  gegen  Rußland,  den  sie  als  einen  Kampf  für
ihre  eigne  Sache  betrachteten.  Daß  Napoleon  mit  den  hochherzigen
  Vaterlandsgefühlen  der  Polen  ein  so  grausam  trügerisches
  Spiel  trieb  und  sich  ihres  Armes  nur  zu  Durchfechtung
  seiner  eigenen  selbstsüchtigen  Plane  bediente,  ohne
einen  wahrhaft  crnstlichen  Willen  zur  Befreiung  dieses  patriotisch
  erglühten,  tapfern  Volkes  zu  hegen,  wird  immer  ein
häßlicher  Flecken  in  seinem  Leben  bleiben.  Wer  große  Gefsale
  Anderer  zu  bloßen  Mitteln  für  seine  eigne  Habgier
        <pb n="545" />
        506  Bänduiß  mit  Frankreich.

herabwürdigen  kann,  ist  selbst  keiner  großen  Geefühle  fählg.
Friedrich  August,  an  den  ebenfalls  eine  Adresse  zu  Bestätigung
  der  Beschlüsse  der  Generalconfdderation  erging,  trat,
als  Herzog  von  Warschau,  der  Bestätigung  Napoleon's  bel.
Mit  carthagkschem  Hochsinn  bot  das  erschöpfte  Polen  seine
letzten,  dussersten  Kräfte  zu  diesem  Kampfe  auf,  von  welchem
  es,  unedel  getäuscht  durch  des  Tyrannen  eigennützige
List,  Befreiung  für  sich  hoffte.  Die  Reichsten  und  Mächtigsten
  der  Nation  verschmäheten  es  nicht,  als  gemeine  Krieger
  in  die  Reihen  der  Vaterlandsvertheidiger  zu  treten  und
nebenbei  noch  ihr  Vermoͤgen  der  allgemeinen  Sache  freudig
hinzugeben,  Frauen  legten  mit  edlem  Wetteifer  ihren  Schmuck
auf  den  Altar  des  Vaterlandes.  Mächtig  erstarkt  durch
den  Beitritt  der  Polen  —  er  stritt  diesmal  nicht  durch  Soldner,
  sondern  durch  eine  Nation  —  erklärte  Napoleon  am
22.  Juni  den  Krieg  gegen  Rußland,  und  die  Eroffnung  des
zweiten  polnischen  Krieges.  Ganz  Deutschland  beinahe  zog
mit  ihm,  und  wer  hätte  diesem  Kampfe,  der  von  Napoleon
mit  so  riesigen  Kräften,  mit  einer  gleichsam  schon  durch  ihren
  Anblick  zermalmenden  Uebermacht  begonnen  ward,  ein
so  furchtbar  tragisches  Ende  vorausgesagt?!  Der  großte
Theil  der  Sachsen  nahm  an  den  Hauptkämpfen  gegen  die
Russen  Antheil.  Die  von  dem  Hauptheere  abgesonderte  sachsische
  Brigade  Klengel  ward  am  27.  Juli  bei  Kobryn  von
der  russischen  Armee  unter  Tormassow  mit  sechéfacher  Uebermacht
  angegriffen  und  nach  einem  zehnstündigen  blutigen
Kampfe,  noch  ehe  Reynier  zum  Entsatz  herbeieilen  konnte,
gefangen  genommen.  Auch  in  der  furchtbaren  Schlacht  an
der  Moskwa  (7.  Septbr.)  fochten  die  Sachsen  mit  Auszeichnung.
  Die  Flammen  des  eroberten  Moskau  schleuderten
die  Sieger  aus  dem  verhofften  Ueberflusse  der  Winterquartiere
  auf  die  starren,  gräßlichen  Eisgefilde  des  riesigen  Reschs
und  in  die  Schreckensarme  des  Hungers.  Napoleons  Friedensanträge
  —  man  war  sie  an  dem  eisernen  Krieger  sonst
nicht  so  leicht  gewöhnt  —  wurden  von  Rußland  zurückgewiesen,
  und  die  Lage  der  Franzosen  verwandelte  sich,  bei
dem  jähen  Ueberhandnehmen  der  Kälte,  wie  des  Mangels,
        <pb n="546" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  507

aus  einer  anfangs  bedenklichen  in  eine  verzweifelte  und  furchtbar
  hoffnungslose.  Die  Sachsen  hatten,  im  Verhaͤltniß  zu
ihrer  Zahl,  ebenfalls  ungcheuren  Verlust  erlitten;  dem  Reste
blieb  der  schauderhafte  Uibergang  über  die  Brücke  der  Berezina
  —  jenes  selbst  in  der,  an  Schrecknissen  reichen  Kriegsgeschichte
  beispiellose  Nachtstäck  —  vorbehalten.  Auch  die,
Warschau  deckenden  Sachsen  mußten  sich  in  wiederholten
Gefechten,  gegen  einen  meist  überlegenen  Feind  schlagen  und
wurden  bedeutend  geschwächt.  Sachsen  hatte  dem  ungeheuren
  Grabesschlunde  Rußlands  seine  reichliche  Beisteuer  gebracht;
  Napoleon's  Riesenbau  den  ersten  entscheidenden
Stoß  erhalten,  der  ihn  in  seinen  Grundfesten  erschütterte.
Ungebeugt  von  diesen  schrecklichen  Schlägen,  bot  Napoleon
seinen  ganzen  Troß  auf,  um  durch  neue  Gefahren  die  gehabten
  Verluste  zu  ersetzen.  Die  ganze  polnische  Nation
ward  von  ihm  zum  Kampfe  aufgerufen,  jeder  Stand,  jedes
Alter  sollte  sich  unter  die  Waffen  stellen,  der  Fürst  Poniatowsky
  der  Anführer  seyn.  Dagegen  erklärte  der  Kaiser  von
Rußland  allgemeine  Amnestie  für  die  Polen,  welche  gegen
Rußland  gefochten  oder  Stellen  unter  den  Franzosen  bekleidet
  hätten.  Des  preußischen  Generals  York  Waffenstillstand
mit  den  Russen,  mehrte  Napoleon's  Verlegenheit.  Der  König
  von  Preußen  mißbilligte  zwar  anfangs  diesen  eigenmächtigen
  Schritt  Vork's;  aber  in  seinem  ganzen  Lande  sprach
die  Stimme  des  Volks  zu  laut  gegen  die  französische  Allianz,
als  daß  man  nicht  auch  von  oben  ein,  der  allgemeinen
Stimmung  entsprechenderes  System  hätte  annehmen  sollen.
Der  König  verließ  seine,  noch  von  den  Franzosen  besetzte
Hauptstadt  und  ging  nach  Breslau.  Der  patriotische  Sinn
regte  sich  mächtig  durch  ganz  Preußen  und  rief  alles  unter
die  Waffen.

Der  Vicekönig  Eugen  drängte  sich  mit  dem  Reste  des  1813
Hccres  glücklich  nach  Sachsen  hinein.  Die  Sachsen  hatten
unter  dem  General  Le  Coq  bei  Kalisch  ein  hltziges  Gefecht
zu  beslehen,  welches  zu  ihrem  Nachtheile  ausschlug.  Ebenfalls
  zu  Kalisch  wurde  zwischen  Rußland  und  Preußen  (Februar
  1813)  ein  Angriffs=  und  Vertheidigungsbündniß,  auf
        <pb n="547" />
        508  Buͤndniß  mit  Frankreich.

die  Bedingung  der  Wiederherstellung  Preußens  nach  seinem  Bestande
  vor  dem  Kriege  von  1806,  abgeschlossen  und  schon  am
16.  März  von  Preußen  der  Krieg  gegen  Frankreich  erklärt,
Preußens  Volk  und  Heer  zum  Kampfe  aufgeboten  und  die
Gründung  der  Landwehr  und  des  Landsturmes  angeordnet.
Oesterreich  hatte  vergebens  den  Frieden  zu  vermitteln  gesucht,
und  in  der  Wahrnehmung,  daß  Napoleon's  starrer  Troß
absichtlich  jedes  Mittel  zu  einer  friedlichen  Ausgleichung  entkräfte,
  trat  es  endlich  entschiedener  auf.  Vergeblich  bot  Napoleon,
  dessen  alter  Groll  Preußen  um  jeden  Preis  zu  vernichten
  strebte,  Oesterreich,  für  den  Fall  eines  Bündnisses
mit  ihm,  den  Wiederbesitz  des  einst  von  Maria  Theresin
an  Friedrich  den  Großen  verlorenen  Schlesiens;  Oesterreich  erklärte
  sich,  das  System  einer  bewaffneten  Neutralität  zu  ergreisen.
  Sachsen  mußte  unter  solchen  Umständen  der  trüben
Aussicht,  wiederum  den  Mittelpunct  des  Kampfes  zu  bilden,
Raum  geben.  Um  aber  seine  Wahl  nicht  zu  unmittelbar  unter
französischen  Zwang  zu  stellen,  lehnte  der  König  von  Sachsen
  Napoleon's  dringende  Einladungen,  nach  Frankfurt  oder
Mainz  zu  gehen,  ab  und  begab  sich  mit  seiner  Familie  nach
Plauen  im  Voigtlande,  von  da  nach  Regensburg  und  endlich
  nach  Prag.  Die  zu  seiner  Verfügung  in  Sachsen  stehenden
  Truppen  mußten  ihm,  trotz  Napoleon's  wiederholter
Forderung,  sie  ihm  zu  überlassen,  folgen;  auch  suchte  er
brieflich  Napoleon  zu  Annahme  der  von  Oesterreich  gethanen
Friedensvermittelungen  zu  bewegen.  Wie  sehr  aber,  troß
der  immer  bedrohlicher  sich  gestaltenden  Lage  der  Dinge,  der
König  noch  immer  an  Napoleon's  Glück)  glaubte  und  durch
fortdauerndes  Zusammenhalten  mit  demselben,  die  Sicherhest
seiner  Staaten  und  das  Glück  seiner  Unterthanen  zu  begründen
  hoffte,  geht  aus  seinem,  unmittelbar  vor  seiner  Abreise

*)  Seinem  Danktbarkeitsgefühle  gegen  Napoleon  hatte  er  wohl  schon
hinlänglich  Genüge  geleistet,  obschon  es  sehr  machtig  in  seinem
Herzen  sprach.  In  Berlin  sagte  er  zu  Herrn  v.  Gagern:  „Zweimal
  stand  es  in  der  Hand  dieses  mächtigen  Mannes,  mich  zu
verderben,  und  er  that  es  nicht.  Dessen  werde  ich  immerdar  eingedenk

  seyn.“
        <pb n="548" />
        Buͤnduiß  mit  Frankreich.  509

erlassenen  Patente  vom  23.  Februar  hervor,  welches,  weil  es
in  vielfacher  Hivsicht  die  damalige  politische  Uiberzeugung  und
die  Ansichten  des  Kriegs  ausspricht  und  auch  weil  es  einen  denkwürdigen
  Schritt  bezeichnet,  hier  wohl  eine  Stelle  verdient:

„Wir  sehen  Uns  durch  die  Zeitereignisse  gendthigt,  Unsere
  Hauptstadt  zu  verlassen  und  Uns  nach  einem  andern
Theile  Unserer  Lande  zu  begeben,  wo  Wir,  so  lange  die
Umstände  es  erfordern  und  gestatten,  Uns  aufzuhalten  gedenken.
  Dem  politischen  Systeme,  welchem  Wir
seit  sechs  Jaohren  uns  fest  angeschlossen  haben,
verdanket  der  Staat  allein  in  diesem  Zeitraume
seine  Erhaltung  bei  den  drohendsten  Gefahren.
Treu  Unsern  Bundesverpflichtungen,  vertrauen  Wir  auch
dermalen  mit  Zuversicht  auf  den  glücklichen  Erfolg,
welchen  Uns,  wenn  auch  Unsere  auf  Herstellung  des  Friedens
  gerichteten  Wünsche  noch  zur  Zeit  unerfüllt  bleiben
sollten,  die  mäch  tige  Unterstützung  Unsers  großen
Alliirten,  der  thätige  Beistand  der  verbündeten  Mächte
und  die  erprobte  Tapferkeit  Unserer,  mit  Ruhm  bedeckten
Krieger  im  Kampfe  für  das  Vaterland,  verspricht.  Unsere  geliebten
  Unterthanen  werden  Uns  durch  Treue,  Ausdauer  und
Ruhe  die  Uns  so  innig  am  Herzen  liegenden  Zwecke,  den  der
moͤglichsten  Abwendung  und  Erleichterung  der  Uebel  des  Krieges,
  so  wie  den  Unserer  baldigen  Wiedervereinigung  mit  ihnen,
am  sichersten  befördern.  In  dem  fünf  und  vierzigjährigen
Zeitraume  Unserer  Regierung  haben  Wir  unter  dem  Wechsel
  der  Ereignisse  die  Wohlfahrt  des  Landes  und  das  Beste
Unserer  Unterthanen  zum  einzigen  Gegenstande  Unserer  Bestrebungen
  gemacht,  und  für  alle  Sorgen  in  dem  sich  immer
gleich  gebliebenen  Vertrauen  und  der  unverbröchlichen  Anhänglichkeit
  Unsers  Volkes  die  erwünschteste  Belohnung  gefunden.
  Wir  sind  gewiß,  von  diesen  Gesinnungen,  dir  sich
in  der  Zeit  der  Prüfung  am  rühmlichsten  bewaͤhren,  auch  jetz
fortwährend  neue  Beweise  zu  erhalten;  und  #o  hoffen  Wir
unter  Gottes  Beistand  bald  zu  den  Unsrigen  zuxäckzukehren
und  für  ihr  dauerndes  Wohl,  nach  Unserer  besten  Erkenntniß,
  ferner  zu  wirken.  Alle  Landesbehbrden  verblei-
        <pb n="549" />
        510  Bündnif  mit  Frankreich.

ben  bei  Unserer  Abwesenheit  in  ihrer  verfassungsmäßigen
  Wirksamkeit.  Die  Fürsorge  für  dab
Beste  des  Landes  in  allen  durch  den  Kriegszustand  herbeigeführten
  Vorfällen  und  Verhältnissen,  haben  Wir  ciner  allhier
  (zu  Dresden)  niedergesetzten  Immediatcommission
übertragen,  an  welche  alle  Obrigkeiten  und  Unterthanen
Unsers  Königreiches,  in  den  erwähnten  Angelegenheiten  sich
zu  wenden  und  deren  Anweisungen  zu  befolgen  haben.  Wir
ermahnen  nochmals  Unsere  getreuen  Unterthanen,  durch  ein
ruhiges,  ordnungsmäßiges  und  mit  Unseren  das  wahre
Beste  des  Vaterlandes  unverrückt  bezweckenden,  Gesinnungen
und  Absichten  übereinstimmendes  Verhalten  den  alten  Ruhm
des  sächsischen  Volkes  zu  behaupten.““  Alle  Besoldungen  und
Pensionen  ließ  der  König  bei  seiner  Abreise  auf  vier  Monate
  vorauszahlen.

Sachsen,  seit  Jahrhunderten  daran  gewöhnt,  gegen  die
Kriegsfurse  den  gastlichen  Wirth  abgeben  zu  müssen,  hatte
auch  setzt  wieder  die  nahe  Aussicht  vor  sich,  zum  Schauplatz
des  Kampfes  ersehen  zu  werden.  Nach  Wittenberg  sendete
Napoleon  den  General  Lapoype  als  Gouverneur,  welcher,  um
die  Stadt  schneller  und  sicherer  befestigen  zu  können,  die
Vorstädte  mit  232  Häusern  niederbrennen  lies.  Das  von
Reynier  und  #e  Cog  geführte  stebente  Armeecorps,  welches
in  und  bei  Dresden  stand,  ward  von  zwei  französischen  Divisionen
  unter  Davoust  abgeldset,  welcher  am  19.  März,  um
die  Verbindung  mit  der  Neustadt  abzubrechen,  und  den  Andrang
  der  Ruffen  aufzuhalten,  den  dritten  Pfeiler  der  dasigen
Elbbrücke  mit  übereilter  Schonungslosigkeit  sprengen  ließ,
ein  Schritt,  der  allgemeine  Gährung  in  die  Gemüther  der
dortigen  Eimwohner  brachte,  und  das  bereits  eingerissene
Murren  gegen  die  französische  Allianz  noch  vermehrte.  Am
21.  März  erhielt  der  General  Le  Coq  den  Befehl  des  Kénigs
  von  Sachsen,  die  süchsischen  Truppen  von  den  Franzosen
  zu  trennen  und  nach  Torgau  zu  führen,  in  welcher
Festung  der  Gencral  Thielmann  stand  und  den  ausdrücklichen
  Befehl  vom  Könige  hatte,  dieselbe,  ohne  königlichen
Auftrag,  den  Truppen  keiner  Macht  zu  5ffnen.  Die  Fran-
        <pb n="550" />
        Bünduniß  mit  Frankreich.  511

zosen  hielten  sich  bis  zum  26.  in  Dresden,  dann  aber  marschirten
  sie  ab  und  die  Russen  besetzten  unter  Winzingerode
die  Stadt.  Vergebens  ergingen,  von  Seiten  der  Verbündeten,
die  dringendsten  Einladungen  an  Friedrich  August,  der  Sache
Deutschlands  gegen  den  fremden  Unterdrücker  beizutreten;
seine  Anhänglichkeit  an  diesen  horte  jett  schon  auf  standhaft
zu  heißen.  In  seiner  ausweichenden  Antwort  konnte  er  sich
gegen  den  König  von  Preußen  sogar  einer  gewissen  Bitterkeit
  wegen  Besetzung  des  cottbusser  Kreises  —  den,  obgleich
Preußen  ihn  tractatmaßig  an  Sachsen  abgetreten  hatte,
Blücher  dennoch  für  Letzteres  wieder  in  Besitz  nahm  —  nicht
erwehren.

Der  Kampf  der  Meinungen  hatte  sich  in  Sachsen  bereits
  zu  Gunsten  der  Allürten  entschieden,  welche  durch  Aufrufe
  allenthalben  die  Gemüther  und  Meinungen  für  ihre
Sache  zu  gewinnen  und  der  französischen  zu  entfremden  suchten.
An  Sachsen  wurden  —  da  hier  zwischen  dem  Systeme  des
Monarchen  und  der  Ueberzeugung  des  Volkes  der  entschiedenste
  Abstand  herrschte  —  dieselben  Mittel  erprobt.  Blücher
schien  diesen  Geist  in  Sachsen  am  besten  zu  kennen  und  diese
Ueberzeugung  stimmte  den  rauhen  „Marschall  Vorwärts“
zu  besonderer  Milde  gegen  das  Land,  daher  er  von  Bunzlau
aus  seinen  Truppen  nicht  nur  anbefahl:  „mild  und  menschlich
  gegen  die  Sachsen  zu  seyn,  sie  als  künftige  Bundesgenossen
  zu  betrachten,  die  nur  die  durch  Frankreichs  Arglist
irre  geleitete  Politik  ihres  Landesherrn  bis  jetzt  verhindert
habe,  die  Waffen  gegen  den  fremden  Unterdrücker  zu  kehren  ;“
sondern  auch  die  Sachsen  selbst  aufrief:  „sich  mit  ihm  zu
vereinigen,  die  Fahne  des  Aufstandes  gegen  die  fremden
Unterdrücker  zu  erheben  und  frei  zu  seyn.“  Noch  eigenthuͤmlicher
  und  mit  einer  gewissen  naiven  Treuherzigkeit,  dem  russischen
  Charakter  verwandt,  äußerte  sich  der  vom  Grafen  von
Wittgenstein  von  Berlin  aus  erlassene  Aufruf  an  die  Sachsen,
  der  diesen  Kampf  gegen  den  fränkischen  Zwingherrn  mit
den  einstigen  Kämpfen  der  Sachsen  gegen  Carl  den  Großen  verglich:
  „Leset  in  curen  Chroniken,  da  werdet  ihr  finden,  es
gab  auch  einmal  einen  herrschsüchtigen  Kaiser  der  Franken,
        <pb n="551" />
        512  Buͤndniß  mit  Frankreich.

man  nannte  ihn  Carl  den  Großen,  der  hat  dreißig  Jahre
gegen  euch  Krieg  fuͤhren  muͤßen,  um  euch  zu  unterjochen.
Damals  hattet  ihr  auch  einen  Koͤnig,  er  hieß  Wittekind;
der  fuͤhrte  euch  selbst  in  den  blutigen  Kampf  für  eure
Freiheit.  Wer  nicht  mit  der  Freiheit  ist,  der  ist  gegen
sie.  Darum  wählt  meinen  brüderlichen  Gruß  oder  mein
Schwert.  Auf,  auf!  Bewafsfnet  euch,  und  wäre  es  auch
nur  mit  Sicheln  und  Sensen  und  Keulen.  Vertilgt  die
Fremdlinge  von  eurem  Boden!“  —  Wieloersprechender
klang  noch  sein  späterer  Aufruf  von  Belzig  aus,  der  mit  den
hochherzigen  Worten  schloß:  „Sachsen!  Deutsche!  Unsere
Stammbäume,  unsere  Geschlechtsregister  schließen  mit  dem
Jahre  1812.  Die  Thaten  unserer  Ahnen  sind  durch  die  Erniedrigung
  ihrer  Enkel  verwirkt.  Nur  die  Erhebung  Deutschlands
  bringt  wieder  edle  Geschlechter  hervor  und  gibt  denen,
welche  es  waren,  ihren  Glanz  zurück.“  —

Es  war  schmerzlich  für  die  Sachsen,  durch  die  Polkkif
ihres  Königs  zu  einem  Kampfe  gezwungen  zu  seyn,  der  mit
ihrer  Uiberzeugung  im  vollkommensten  Widerspruche  stand.
Die  Verhandlungen  mit  Oesterreich,  zu  Folge  deren  der  König
dem  von  dieser  Macht  behaupteten  Systeme  einer  bewaffneten
  Neutralität  beitreten  wollte,  zerschlugen  sich  durch  Oesterreichs
  Beitritt  zum  Kampfe  der  Verbündeten;  auch  wäre  für
Sachsen  ein  solches  System  schwerlich  ausföhrbar  gewesen.
Zu  manchen  Zeiten  mochten  dem  Könige  von  Sachsen  wohl
Zweifel  aufsteigen  und  seine  Ausdauer  schwanken;  am  5.  Mai
gab  er,  noch  ununterrichtet  von  der  Schlacht  bei  Lützen,  dem
General  Thielmann  die  schriftliche  Weisung:  Torgau  auch
dann  nicht  für  Frankreich  zu  öffnen,  wenn  das  Glück  der
Wassfen  die  Franzosen  wieder  an  die  Elbe  führen  sollte.

Die  Schlacht  bei  Großgörschen  (2.  Mai)  —  Napoleon
zog  es  aus  Vorliebe  für  große  historische  Erinnerungen  vor,
ste  die  Schlacht  bei  Lützen  zu  nennen  —  entschied  sich,  trotz
der  Tapferkeit  der  Verbündeten,  für  Napolcon,  und  hatte  die
Besetzung  Leipzigs  durch  die  Franzosen  zur  Folge.  Napoleon
selbst  ging  nach  Dresden  und  zeigte  sich  dort  sehr  unwillig
gegen  die  Immediatcommission.  Besonders  kehrte  sich  sein
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        Buͤndniß  mit  Frankreich.  513

Sorn  gegen  Thielmann,  der  sich  geweigert  hatte,  dem  Marschall
  Ney,  auf  dessen  Verlangen,  Torgau  zu  dffnen.  Dem
ausdrücklichen  Befehle  des  Königs  entgegen,  mußte,  auf
Napoleon's  Verlangen,  die  Immediatcommission  durch  einen
  Abgeordneten  die  Uebergabe  Torgau's  anbefehlen.  Der
König  von  Sachsen,  der  vergebens  auf  eine  bestimmende
Antwort  von  Oesterreich  wartete,  befand  sich  in  der  peinlichsten
  Verlegenheit,  welche  Maßregeln  er  ergreifen  solle.  Am
3.  erhielt  er  einen  Brief  des  Herzogs  von  Weimar,  der  ihm
Napoleon's  Durchreise  und  zugleich  dessen  Aeusserung  über
Sachsen  mittheilte:  „Ich  will,  so  hatte  Napoleon  gesprochen,
  daß  der  König  sich  erkläre;  ich  werde  dann  wissen,
was  ich  zu  thun  habe;  ist  er  aber  gegen  mich,  so  wied
er  Alles,  was  er  hat,  verlieren.“  Drei  Tage  später  überbrachte
  der  franz.  Gesandte,  Baron  Serra,  dem  Kdnige
ein  eigenhändiges  Schreiben  Napoleon's,  und  verlangte  unter
ziemlich  verständlichen  Drohungen  die  sofortige  Vereinigung
der  in  Böhmen  stehenden  sächsischen  Truppen  mit  den  Franzosen.
  Des  Kdnigs  Lage  gestaltete  sich  immer  peinlicher.
Er  wollte  seine  Erklárung  zurückhalten,  bis  der  erwartete
dsterreichische  Gesandte  eingetroffen  sey;  doch  dieser  blieb,
angeblich  durch  Unwohlseyn  verhindert,  aus.  Am  7.  Mai
erschien  auch  noch  der  geheime  Rath,  Graf  Hohenthal,  in
Prag  und  theilte  dem  Koͤnige  die  von  Napoleon  der  Leipziger
Deputation  gegebene  drohende  Erklärung  über  das  Schicksal,
welches  Sachsen  zu  erwarten  habe,  mit,  schilderte  zugleich
Napoleon's  Unwillen  über  die  von  Thielmann  den  Franzo-=sen
  geweigerte  Oeffnung  Torgau's  und  über  die  ebenfalls
durch  Thielmann  geschehene  Erwähnung  eines  zwischen  Oesterreich
  und  Sachsen  abgeschlossenen  genauen  Bündnisses.
Der  Konig,  welcher  so  viel  für  sein  Land  zu  fürchten  hatte
und  vor  der  Hand  den  Verbündeten  nicht  von  Nutzen  seyn
zu  konnen  glaubte,  mußte  sich  wohl  oder  übel  entschließen,
dem  Drange  des  Augenblicks  —  diesem  Tyrannen  kleiner
Staaten  —  nachzugeben.  Er  schrieb  demnach  unterm  8.
Mai  an  Thielmann:  „daß  er  sich  bewogen  finde,  dem  neuerlichen
  Verlangen  des  Kaisers  von  Frankreich  gemäß,  die
33
        <pb n="553" />
        514  Buͤndniß  mit  Frankreich.

Festung  Torgau  und  deren  Besatzung  den  Befehlen  des  anderweit
  zum  Commandanten  des  siebenten  Armeecorps  bestimmten
  Generals  Reynier  zu  übergeben;  Ahielmann  solle
sich  mithin  hiernach,  ohne  Berücksichtigung  der  ihm  zeither
  unter  der  Beziehung  auf  ein  Einverständniß  mit  Oesterreich
  ertheilten  Befehle,  achten  und  mit  Reynier  darüber  sich
vereinigen,  welcher  Theil  der  Garnison  zum  Dienste  in  der
Festung  verbleiben  und  welcher  zur  Bildung  des  siebenten
Armcecorps  herausgezogen  werden  solle.“  Thielmann  oͤffnete
nunmehr  Torgau,  trat  aber,  um  sein  Nichteinverstandenseyn
mit  diesem  Schritte  zu  beweisen,  aus  dem  sächsischen  Dienste
und  ward  Generaladjutant  und  Generallieutnant  des  Kaisers
von  Nußland.  Die  zahlreichen  Erdrterungen  über  das  Lobenswerthe
  oder  Unrechte  in  Thielmann'é  Handlungsweise
gehdren  nicht  weiter  hieher.  —  Die  Stürme  der  Ereignisse
drängten  sich  immer  dichter  über  Friedrich  August's  Haupte
zusammen;  der  Graf  von  Einsiedel,  der  französische  Oberst
von  Montesquiou  trafen,  während  der  Konig  den  General
v.  Gerödorf  an  den  Kaiser  geschickt  hatte,  in  Prag  ein,  und
der  König  sollte  sich  nunmehr  entscheidend  erklären:  ob  er
in  seine  Hauptstadt  zurückkehren,  Torgau  und  alle  vorhandene
  sächsische  Truppen  dem  Kaiser  zur  Verfügung  stellen
und  seinen  Verpflichtungen  als  Mitglied  des  Rheinbundes
nachkommen  wolle;  da  im  Verweigerungsfalle  der  Kaiser
Sachsen  als  ein  erobertes  Land  ansehen  und  behandeln
werde.  Zwei  Stunden  gab  man  ihm  Bedenkzeit,  es  war
daher  nicht  moglich,  vorher  noch  den  Rath  des  Ssterreichischen
  Hofes  einzuholen,  auch  drängten  den  König,  bei  seinem
  redlichen  Sinne,  wirklich  seine  Verpflichtungen  als  Mitglied
  des  Rheinbundes,  von  welchem,  ausser  Mecklenburg,
sich  noch  kein  Staat  losgesagt  hatte,  obgleich  Baiern  nur
noch  mit  Unlust  dieses  alte  Verhältniß  fortbestehen  ließ.
So  blieb,  in  dieser  rathlosen  und  aufgegebenen  Stellung,
dem  König  keine  andere  Wahl,  als  (12.  Mai)  nach  Dresden
  zurückzukehren,  ein  Schritt,  von  welchem  er  den  Kaiser
von  Oesterreich  zu  benachrichtigen  nicht  unterließ.  Napoleon
empfing  ihn  zwischen  dem  großen  Garten  und  dem  Dorfe
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        Buͤndniß  mir  Frankreich.  515

Gruͤnau  mit  großer  Feierlichkeit  und  dem  vollsten  imperatorischen
  Glanze,  mit  welchem  sich  der  Weltbesieger  in  Augenblicken,
  wo  es  zu  effectuiren  galt,  zu  umgeben  wußte.  Der
Koͤnig  konnte,  bei  seiner  Wiederanwesenheit,  so  Manches
zur  Linderung  der  Kriegsuͤbel  beitragen  und  that  es  nach
Kraͤften,  obschon  Sachsen  noch  immer  schwer  unter  der
eisernen  Umarmung  des  fränkischen  Bundesgenossen  zu  seufzen
  hatte.  Das  Gemäth  des  Volkes  hatte  sich  bereits  ganz
der  französischen  Sache  abgewendet  und  nur  mit  Widerwillen
  fochten  die  Sachsen  für  einen  Verbündeten,  den  sie  dadurch
  nur  abhalten  konnten,  ihr  Feind  zu  werden,  ohne  sich
andere  erhebliche  Vortheile  von  ihm  zu  versprechen.  Dresden
  wurde  mit  Emsigkeit  befestigt  und  in  einen  Waffenplatz
umgeschaffen.  Napoleon  gedachte  diese  Stadt  —  die,  obschon
  er  sich  noch  immer  mit  dem  trügerischen  Scheine  des
Siegers  zu  umkleiden  verstand,  doch  bereits  zum  weiten
Gefängnisse  für  ihn  geworden  war,  indem  die  Verbündeten
ihn  hier  im  immer  engern  Kreise  umschlossen  —  mit  krampfiger
  Anstrengung  festzuhalten.  Die  Verbündeten  wurden
über  die  Elbe  zurückgedrängt  und  setzten  sich  in  der  Oberlausitz
  sest,  wo  sie  sich  mächtig  verstärkten.  Bei  Bischofswerda
  lieferten  sich  der  russische  General  Miloradowitsch  und
der  Marschall  Macdonald  eine  Schlacht,  und  das  Städtchen
wurde  von  den  Franzosen  nutzlos,  lediglich  in  einem  Anfalle
von  Raubsucht  und  grausamer  Zeitvertreiberei,  niedergebrannt.
Mit  Mühe  wurde  dem  franzbsischen  Kaiser  eine  kleine  Summe
  als  Schadenersatz  für  die  verheerte  Stadt  abgefleht.
Den  einzelnen  Gefechten  bei  Königswartha  und  Weißig  folgten
  die  Hauptschlachten  von  Bautzen  und  Wurschen,  in  denen
Napoleon,  obschon  nicht  mehr  mit  der  einstigen  Leichtigkeit
und  nur  mit  großem  Aufroande  von  Menschen,  Sieger  blieb
und  die  Verbündeten  zum  Rückzuge  nach  Schlesien  nbthigte.
Der  Wasffenstillstand  von  Poischwitz  ließ  elne  kurze  Nuhe
hoffen,  von  welcher  jedoch  Sachsen  wenig  gewahrte,  indem
die  Franzosen  nunmehr  beinahe  ausschließlich  auf  Sachsen
angewiesen  waren  und  durch  ihre  Bedürfnisse,  oft  auch  noch
durch  Plünderungen  und  Gewaltstreiche  die  letzten  Kräfte  des
33  *
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        516  Buͤndniß  mit  Frankreich.

schwergebeugten  Landes  aufzehrten.  Der  Waffenstillstand
wurde  aber  noch  zu  rechter  Zeit  kund,  um  den  von  Czernitscheff
  beabsichtigten  Angriff  auf  das  vom  Herzoge  von  Padua
  besetzte  Leipzig  zu  verhindern.  Die  Stadt  selbst  aber
wurde,  in  Gemäßheit  eines  Napoleon'schen  Befehles:  „wegen
  des  Benehmens  mehrerer  Indioiduen  bei  den  neuesien
politischen  Ereignissen,“  in  Belagerungszustand  erklärt,  in
welchem  man  es  vier  Wochen  lang  hielt.  Eine  Deputation
der  Landstände  sollte  unter  diesen  dringenden  Verhaltnissen
die  besten  Mittel  zu  Erhaltung  des  Staatscredits  und  zu
siegreichem  Ausharren  im  Kampfe  gegen  verheerende  Kriegsübel,
ausfindig  machen,  und  Friedrich  August  gab,  wie  sehr  auch
die  Noth  ein  strenges  Zusammenraffen  aller  Zuflüsse  entschuldigt
  haben  würde,  am  12.  October  die  Erklärung,  daß
er,  zur  Schonung  der  Unterthanen  und  in  Bezug  auf  die
ndthig  gewordenen  neuen  Bewilligungen,  alle  Rückstände
aus  der  früheren  ständischen  Bewilligung  auf  das  Jahr  1813,
theils  zu  den  erhöhten  Militairbedürfnissen  theils  zu  den
Kosten  des  Torgauer  Festungsbaues,  theils  zum  Ersatze  des
Kriegsaufwandes  im  Jahr  1809,  bis  auf  weitere  Anordnung
gestunde.“  Die  Verbündeten,  wie  die  Franzosen,  rusteten
mit  Anstrengung,  und  Napoleon,  obgleich  an  quantitativen
Streitkräften  jetzt  hinter  seinen  Gegnern  zurücksiehend,  hatte
dafür  den  Vortheil,  ihnen  überall  auf  der  kürzeren  Linie
naher  zu  seyn,  als  sie  ihm,  sich  daher  immer  mit  seiner
vollen  Macht  auf  ein  vereinzeltes  Glied  des  Feindes  werfen
zu  können  und  sonach,  wenn  auch  im  Ganzen  der  Schwächere,
  auf  dem  Puncte  des  Kampfes  doch  immer  als  der
überwiegend  Stärkere  aufzutreten.  Aber  durch  lange  Kriege
hatte  man  ihm  das  Geheimniß  dieses  seines  Siegeszaubers
abgelernt.  Die  Verbündeten  begegneten  nunmehr  seiner
Kriegskunst  auf  eine  Weise,  welche  deren  Wirkung  aushob,
indem  sie  —  trotz  der,  durch  den  weiten  Umkreis,  welchen  sie  um
Napoleon,  dem  Ziel=  und  Mittelpuncte  des  allgemeinen  Kampfes,
  zu  beschäftigen  hatten,  gelegten  Hindernisse  —  ihre  Stellungen
  gleichwohl  so  nahmen,  daß  eine  Heeresabtheilung  immer
durch  eine  oder  mehrere  andere  gedeckt  war  und  daß  sonach,
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        Buͤndniß  mit  Frankreich.  517

gegen  welche  Position  nun  Napoleon  auch  immer  vorprallen
mochte,  ihm  immer  eine  andere  in  Flanke  und  Ruͤcken  blieb.
Der  ungeduldige  Stuͤrmer,  welcher  auf  diese  Weise  den  Feind
immer  an  mehrern  Armen  zugleich  anfassen  mußte,  wurde
dadurch  in  erfolglosen  Versuchen  abgequaͤlt,  und  dieses  unerwartete
  Concentriren  der  Gegenkräfte  vollendete  zuletzt  seinen
  Untergang.

Noch  verzoͤgerte  sich  jedoch  die  Entscheidung,  und  Napoleon's
unbehagliche  Lage  ward  sogar  durch  manchen  scheinbaren  Glücksblick
  gelichtet,  den  er  —  gewöhnt,  um  so  trotziger  auf  sein
Gläck  zu  pochen,  je  seltener  es  bereits  ihm  lächelte,  —  übermüthig
  auffaßte.  Der  König  von  Dänemark,  uneinverstanden
mit  der  von  ihm  geforderten  Abtretung  Norwegens  an
Schweden,  und  der  Bedingung,  unter  den  Befehl  des  Kronprinzen
  von  Schweden  25,000  Mann  Hülfstruppen  zu  stellen,
  schloß  am  10.  Juli  ein  neues  Bündniß  mit  Napoleon
ab,  und  erklärte  den  Krieg  an  Schweden.  Oesterreich  nährte
noch  immer  die  Hoffnung,  durch  seinen  Einfluß  den  Frieden
zu  vermitteln  und  ließ  durch  eine  am  30.  Juni  vom  Grafen
  Metternich  zu  Dresden  geschlossene  Convention  einen  Congreß
  zu  Prag  vorbereiten,  welchen  Frankreich,  Rußland  und
Preußen  beschicken  sollten.  Napoleon,  nur  zum  Scheine  und
des  Zeitgewinns  halber  diese  Friedensverhandlungen  aufnehmend,
  sorgte  dafür,  daß  dieselben  zu  keinem  Resultate  führten.
Mit  dem  10.  August  brachen  sie  ab.  Oesterreich,  welches,  ohngeachtet
  seiner  Sehnsucht  nach  Frieden,  erkannt  hatte,  daß
demselben  in  Napoleon's  Person  ein  unübersteigliches  Hinderniß
entgegenstehe,  hatte  seine  Rüstungen  mittlerweilen  vollendet
und  —  nachdem  zu  Reichenbach  nicht  nur  (14.  Juni)  ein  Vertrag
  zwischen  Preußen  und  Großbritannien,  sondern  auch  (15.
Juni)  ein  Subsidienvertrag,  so  wie  (6.  Juli)  zu  Peterswalde
  hierzu  ein  Ergänzungsvertrag  zwischen  Rußland  und
Großbritannien  unterzeichnet  worden  war  —  erließ  auch
Oesterreich  am  12.  August  sein  Kriegsmanifest,  welches  eine
wahrhaft  classische  Schilderung  der  französischen  Epoche,  namentlich
  auch  eine  Geschichte  des  Prager  Convents  enthielt
und  die  Hoffnung  aussprach:  „daß  ein  durch  gemeinschaftliche
        <pb n="557" />
        518  Buͤndniß  mit  Frankreich.

Noth  und  gemeinschaftliches  Interesse  gestifteter  Bund  mit
allen  fuͤr  ihre  Unabhaͤngigkeit  bewaffneten  Maͤchten  diesen
Anstrengungen  ihr  volles  Gewicht  geben  moͤge.“

Dresden  wurde  der  Mittelpunct  der  franzoͤsischen  Operationen,
  auf  diesen  Ort  stützte  sich  Napoleon  eben  so  sehr  im
Bewußtseyn  der  Wichtigkeit  dieser  Stellung,  als  auch  vermoͤge
  seines  sieggewohnten  Trotzes,  der,  gleich  dem  düstern
Friedländer,  dasjenige,  dem  er  nachjagte,  an  sich  zu  reißen
und  zu  behaupten  trachtete,  und  wäre  es  mit  Ketten  an  den
Himmel  gebunden.  Auch  die  Verbündeten  suchten  ihn  in
seinem  Lager  auf.  Napoleon  hatte  Dresden,  so  viel  die
Zeit  es  gestattete,  befestigen  lassen  und  es  mit  Verschanzungen
  und  Pallisaden  umgeben,  und  so  erwartete  er  in  seiner
finstern  Zuverldssigkeit  seinen  Feind.  Am  26.  August  näherten
  sich  die  Verbündeten  in  sechs  Heeresabtheilungen  den
fünf  französischen  Verschanzungen  vor  Dresden.  Napoleon
wußte  die  Sachsen  und  Franzosen  zu  ungestümen  Muthe  zu
entflammen,  und  selbst  seine  junge  Garde,  aus  kaum  dem
Knabenalter  entwachsenen  Jünglingen  bestehend,  schlug  sich
mit  wüthender  Tapferkeit,  zumal  sie,  wenn  sie,  zurückgeworfen,
sich  der  Stadt  wieder  näherte,  von  ihren  eignen  Cameraden
mit  einem  Kugelregen  begrüßt  wurde.  Um  die  Verschanzungen
  wurde  furchtbar  gekämpft;  die  Oesterreicher  zeichneten  sich
bei  den  Angriffen  darauf  tapfer  aus,  verloren  aber  auch  dabei
  viele  Leute.  Die  Franzosen  wurden  aus  einigen  Schanzen
  gedrängt,  nahmen  sie  aber  auch  eben  so  schnell  wieder.
Die  Verbündeten  sahen  ein,  daß  eine  wohlbefestigte  und  von
einem  sowohl  starken,  als  tapfern  und  kriegserfahrnen  Feinde
besetzte  Stadt  nicht  so  schnell  zu  nehmen  sey.  Der  Heldentod
Moreau's  wurde  Dresdens  Rettung.  Er,  der,  von  Napolcon
mit  oft  kleinlichem  Neide  verfolgt,  bei  Dresden  den  Verbündeten
  als  kriegserfahrener  Freund  zur  Seite  stand  und  am
cifrigsten  auf  die  Einnahme  der  Stadt  bestand,  wurde  auf
den  Hoͤhen  von  Räcknitz  durch  eine  Kugel  —  ob  sie  aus  ciner
  französischen  Schanze,  oder  von  einer  reitenden  franzoͤ-sischen
  Batterie  kam,  deren  einige  sich  dem  Feinde  sehr  nahe
wagten,  ist  ungewiß  —  tödtlich  verwundet.  Wäre  er  am
        <pb n="558" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  519

Leben  geblieben,  so  würde  die  Belagerung  fortgesetzt  worden
seyn  und  Dresden  vielleicht  in  einen  Schutthaufen  verwandelt
  haben,  oder  Dresden  wäre  in  die  Hände  der  Verbündeten
  gefallen  und  Napoleon  würde  nunmehr  zum  Belagerer
geworden  seyn.  Die  Sachsen  thaten  sich  bei  der  Vertheidigung
  Dresdens  rühmlich  hervor,  besonders  die  Regimenter
Zastrow  und  die  Gardecuirassire,  welche  unerschrocken  bergauf
  gegen  die  feindlichen  Batterien  anstürmten  und  in  Carré“'s
einhieben.  Noch  einmal  war  Napoleon  Sieger;  gegen  15,000
Gesangene  fielen  in  seine  Hande,  Dresden  war  für  den
Augenblick  befreit  und  die  Verbündeten  zogen  sich  nach  Böhmen
  zurück.  Diesem  Glücköblicke  folgte  aber  ein  schwerer
Unfall  auf  dem  Fuße,  indem  am  30.  August  der  General
  Vandamme,  welcher  den  Verbündeten  nach  Böhmen
vorangeeilt  war,  um  sie  von  dort  abzuschneiden,  bei  Culm
eine  vollständige  Niederlage  erlitt  und  mit  8000  Mann  in
die  Hände  der  Verbündeten  fiel.  Die  sächsischen  Truppen
waren  seit  ihrem  Auszuge  von  Torgau,  von  6000  Mann
auf  4000  zusammengeschmolzen,  wurden  aber  durch  angestrengte
  Bemühungen  dergestalt  ergänzt,  daß  sie,  beim
Aufbruche  aus  dem  Lager  bei  Görlitz,  über  15,000  Mann
stark  waren.  Sie  sollten  den  stolzen  Plan  Napoleon's,  gegen
Berlin  vorzudringen  und  dadurch  Preußen  in  seinem  Mittelpuncte
  zu  fassen  und  zu  üngstigen,  unterstützen,  erlitten  aber
in  der  Schlacht  bei  Großbeeren  —  durch  Oudinot's  Schuld,
der  die  Generale  Reynier  und  Bertrand  auf  unerklärbare
Weise  im  Stiche  ließ  —  schwere  Verlusie.  Die  Trümmer
der  in  dieser  Schlacht  versprengten  Heeresmassen  zu  sammeln,
wurde  Ney  von  Napoleon  nach  Wittenberg  gesendet.  Nach
anfangs  günstigem  Erfolge  wurde  Ney  von  den  Verbündeten,
die  durch  den,  spät  genug  erscheinenden  Kronprinzen  von
Schweden  ansehnliche  Verstärkung  erhielten,  bei  Dennewitz
gänzlich  geschlagen.  Die  zwischen  den  französischen  Heerführern
  bestehenden  Eifersüchteleien  trugen  sehr  viel  zu  diesem
schlimmen  Erfolge  bei;  dennoch  unterließen  die  Franzosen,
die  Schuld  immer  gern  dem  Fremden  beimessend,  auch  diesmal
  nicht,  die  Schuld  der  Niederlage  auf  die  Sachsen  zu
        <pb n="559" />
        520  Bündniß  mit  Frankreich.

wälzen,  deren  Bravour  selbst  die  Gegner  ehrend  anerkannt
hatten.  Dergleichen  absichtliche  Kränkungen  in  unglücklichen
Fällen,  bei  ausbleibendem  Danke  in  glücklichen,  mußten  die
deutschen  Bundesgenossen  der  Franzosen  wohl  in  ihrem  Eifer
  erkälten,  zumal  sie  recht  gut  einsahen,  daß  sie  nicht  für
die  rechtmäßige  Sache  ihr  Blut  verspritzten,  und  daß  dieser
Kampf,  bei  Napoleon's  rastlosen  Unterjochungsentwürfen,
gar  kein  Ende  absehen  lasse.  Schon  nach  der  Schlacht  bei
Dennewitz  gingen  verschiedene  gefangene  Sachsen  und  Wurtemberger
  zu  den  Verbündeten  über.  Napoleon  stieß  nunmehr
überall  auf  Verluste;  das  Glück,  das  einst  seine  köstlichsten
Gaben  mit  verschwenderischer  Ueberfülle  auf  ihn  ausgeleert
hatte,  achtete  sich  nunmehr  auch  mit  ihm  abgefunden  und  kehrte
ihm  für  immer  den  Rücken.  Nach  einem  erfolglosen  Zuge
in  die  Lausitz,  kehrte  Napoleon,  unmuthig,  daß  Blücher  ihm
vorsichtig  ausgewichen  war,  nach  Dresden  zurück  und  unternahm
dann  einen  Zug  gegen  Böhmen,  den  jedoch  die  bei  Nollendorf
  gegen  ihn  vorprallenden  Verbündeten  vereitelten  und
in  einen  Rückzug  nach  Dresden  verwandelten.  Diese  nutzlosen
  Hin=  und  Herzüge  untergruben  mehr,  als  offene
Schlachten,  die  beste  Kraft  des  franzdsischen  Heeres,  das
in  dieser  unthätigen  Ruhelosigkeit  zugleich  ermüdete  und  erschlaffte.
  Napoleon's  Feldherren,  die  durch  angehäuften  Reichthum
  sich  an  ein  bequemes  Leben  gewöhnt  und  den  Geschmack
  für  Strapatzen  verloren  hatten,  waren  am  unmuthigsten
  dabei,  und  ihr  Mangel  an  Entschlossenheit  und  Eifer
  wirkte  nachtheilig  auf  das  Gluck  der  französischen  Waffen.
Durch  betrügerische  Commissaire  und  die  nichtswürdigsten
Unterschleife  aber  wurde  der  gemeine  Krieger,  den  Napoleon
auf  das  beste  versorgt  glaubte,  dem  bittersten  Mangel  preisgegeben,
  und  während  die  Beamten  ganze  Lieserungen  unterschlugen
  und  zu  Spottpreisen  verkauften,  starben  viele
Franzosen  in  den  Straßen  Dresdens  im  buchstäblichen  Sinne
den  Hungertod.  So  hatten  sich,  neben  Napoleon's  eigenem
Uebermuthe  und  friedensscheuem  Trotze,  auch  noch  die  Lauheit
  seiner  Generale,  die  ruchlose  Betrügerei  seiner  Beamten
zu  seinem  Untergange  verschworen.  Immer  drückender  wurde
        <pb n="560" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  521

den  Sachsen  die  französische  Bundesgenossenschaft,  die  ihnen
den  Tadel  Deutschlands,  und  von  Frankreich  keinen  Dank
zuwege  brachte.  Am  22.  Sept.  ging  auch  das  vom  Major
  v.  Bünau  geführte  sächsische  Infanterie-Bataillon  über,
im  Rücken  der  französischen  Armee  operirten  verschiedene
Streifcorps  mit  Glück,  und  fast  jeder  Tag  war  für  die  Franzosen
  von  irgend  einem  Verluste,  an  Terrain  oder  Leuten,
bezeichnet.  Wittenberg  wurde  25.  —  30.  Septbr.  von  den
Preußen  sogar  mit  Congreveschen  Brandraketen  beschossen  und
über  dreißig  Hduser  angezündet,  ohne  daß  die  von  La  Poype
vertheidigte  Stadt  sich  ergab.  Dagegen  konnte  Bertrand,  aus
Mangel  an  hinreichenden  Streitkräften,  den  Uebergang  des
ihm  mehr  als  vierfach  überlegenen  Feindes  bei  Wartenburg
auf  das  linke  Elbufer  nicht  hindern;  vielmehr  ward  er,  nach
tapferem  Widerstande,  von  einem  andern  Heerestheile  im
Rücken  angegriffen  und  durch  die  Elbaue  bis  nahe  bei  Dessau
  zurückgedrangt.  Die  Heere  der  Verbündeten  dräckten
vom  Süden  und  Norden  her  gegen  die  verhängnißvollen
Niederungen  Leipzigs  hin.  Napoleon  fand  sich  dadurch  bewogen,
  Dresden,  mit  Zurücklassung  von  30,000  Mann  unter
  dem  Marschall  St.  Cyr  und  dem  General  Lobau,  zu
verlassen  und  an  beiden  Ufern  der  Moldau  vorzudringen.  Er
ließ  Ney  gegen  Dessau  hin  und  Reynier  mit  den  Sachsen
über  die  Elbbrücke  bei  Wittenberg  vorrücken,  um  seine  Gegner
  glauben  zu  machen,  seine  nächsten  Operationen  würden  sich
gegen  Berlin  richten,  von  welcher  Stadt  er  den  Feldmarschall
Blücher  und  den  Kronprinzen  von  Preußen  durch  Zerstdrung
der  Elbbrucken  von  Roßlau,  Acken  und  Wartenburg  abschneiden
  ließ.  Statt  der  erwarteten  Nachrichten  von  seinen
über  das  Erzgebirge  vordringenden  Verbündeten,  ereilte  ihn
zu  Düben  die  Nachricht  von  dem  Uebertritte  des  Königs
von  Baiern  zur  deutschen  Sache.  Er  brach  nunmehr  nach
Leipzig  auf,  wo  er  am  14.  October  mit  dem  Koͤnige  von
Sachsen  eintraf.  Hier  häufte  er  noch  einmal  alle  militairische
  Wucht,  die  Europa  ihm  unterjocht  hatte,  um  sich  zusammen,
  um  mit  der  ungeheuren  Rüstung  zugleich  zusammenzubrechen.
  Der  Konig  von  Neapel  eröffnete  am  14.  Octbr.
        <pb n="561" />
        522  Bündniß  mit  Frankreich.

bei  Liebertwolkwitz  durch  ein  Gefecht  gegen  Wittgenstein  und
Klenau  das  Vorspiel  zu  dem  letzten  großen  Kampfe  Napoleon's
  auf  deutschem  Boden.  Kopfschüttelnd  bekannte  sich
der  abentheuerliche  Murat,  daß  der  Feind  es  ernstlich  meine;
denn  beinahe  wäre  er  selbst  gefangen  genommen  worden.
Ausserdem  brachte  dieses  Gefecht  keine  Entscheidung,  da
Schwarzenberg  dadurch  nur  die  Stellung  und  die  Stärke  der
Franzosen  hatte  ermitteln  wollen.  Am  16.  Octbr.  entbrannte
der  Hauptkampf,  und  zwar  in  zwei  Schlachten  zugleich,  nämlich
  im  Süden  von  Leipzig  bei  Wachau,  im  Norden  bei
Möckern,  an  der  Spitze  der  Verbündeten,  hier  Blücher,  dort
Schwarzenberg.  Von  beiden  Seiten  wurde  mit  Erbitterung
und  Todesverachtender  Kühnheit  gefochten.  Am  Nachmittage
durchbrach  Napoleon  durch  wüthende  Angriffe  und  ein  moͤrderisches
  Feuer  das  Centrum  der  Verbuͤndeten,  Wittgenstein
mußte  sich  zurückziehen  und  die  Franzosen  stürmten,  bereits
siegestrunken,  von  den  Anhöhen  über  Wachau  bis  Güldengossa
  vor  und  nahmen  26  Kanonen  weg.  Zu  fruͤh  ließ  sich
Napoleon  von  diesem  anscheinenden  Glücke  verleiten,  die  Siegesnochricht
  nach  Leipzig  hineinzusenden  und  die  Glocken  läuten
  zu  lassen.  Nur  zu  schnell  waren  die  Franzosen  durch  die
russischen  Garden  wieder  aus  Güldengossa  verdrängt,  30,000
Oesterreicher  kamen  unter  Colloredo  bei  dem  Hauptheere  an,
und  am  Abende  hatten  die  Verbündeten  ihre  alten  Stellungen
  wieder  eingenommen.  Meckern  wurde,  nach  mehrern
abgeschlagenen  Stürmen  und  unter  fürchterlichem  Blutvergießen,
  von  den  Preußen  genommen.  Napoleon's  düsterm
Blicke  entfaltete  sich  das  Verderbliche  seiner  Lage;  er  ließ
den  Verbündeten  anbieten,  daß  er,  jedoch  ohne  entehrende
Bedingungen,  Deutschland  rdumen  wollte,  erhielt  aber  keine
Antwort  darauf.  Immer  dichter  wurde  er  gegen  Leipzig  hingedrängt,
  dessen  historischer  Boden  zu  dem  Schauplatze  der
ewig  denkwürdigen  Vöôlkerschlacht  bestimmt  war.  Nopoleon
wollte  den  sächsischen  Heerestheil  nach  Torgau  aufbrechen
lassen,  allein  man  fand  die  Straße  versperrt.  Der  17.  October
  war  ohne  Feindseligkeiten  abgegangen,  der  folgende
Tag  aber  sollte  die  Entscheidung  bringen.  Friedrich  August
        <pb n="562" />
        Buͤndniß  mit  Frankreich.  523

erhielt  waͤhrend  der  Schlacht  die  Nachricht,  daß  die  Reiterei
zum  groͤßten  Theile  zur  Nordarmee  uͤbergegangen  sey  und
daß  die  Infanterie  und  Artillerte  ein  Gleiches  zu  thun  geneigt
  scheine,  wenn  man  sie  nicht  von  den  Franzosen  trenne.
Den  redlichen  Fuͤrsten  konnte  dieses  Verfahren  seiner  Truppen,
  selbst  gegen  einen  von  der  oͤffentlichen  Meinung  mit
Recht  aufgegebenen  Bundesgenossen,  nur  mit  Unwillen  und
Wehmuth  erfuͤllen,  und  wie  uͤbel  es  auch  bereits  um  die
Wage  der  Schlacht  stand,  so  gab  er  doch  auf  jene  Nachricht
  die  würdevolle  Erklärung:  „seine  Truppen  könnten  ihre
Anhänglichkeit  an  seine  Person  nicht  besser  an  den  Tag  legen,
  als  durch  die  genaueste  Erfüllung  ihrer  Dienstpflicht;
er  setze  Ubrigens  ein  unbegrenztes  Vertrauen  in  ihre  Treue.“
Demohngeachtet  ging  am  18.  October  Nachmittags  die  sächsische
  Insanterie  und  Artillerie  zwischen  Paunsdorf  und  Sellerhausen
  über,  eine  unehrenvolle  Handlung,  aber  für  Napoleon
  ein  neuer  furchtbarer  Schlag.  Nothdürftig  ergänzte
er  die  dadurch  verursachten  Lücken  durch  einen  Theil  seiner
Garden;  mit  dem  Anbruche  der  Nacht  trat  das  besiegte  französische
  Heer  seinen  Ruͤckzug  an.  Napoleon  ließ  dem  Könige
von  Sachsen  melden,  daß  er  das  Heer  hinter  die  Saale
nach  Erfurt  führen  werde,  und  ihn  fragen,  ob  er  in's
Hauptquartier  nachfolgen  oder  in  Leipzig  bleiben  wollte.  Zugleich
  ließ  er  ihn  versichern,  daß  er  bei  dem  französischen
Heere  volle  Sicherheit  für  seine  Person  finden  solle.  Friedrich
  August  aber  erwiederte  mit  Bestimmtheit:  „daß  er  in
Leipzig  bleiben  und  der  Großmuth  und  Gerechtigkeit  der  verbündeten
  Monarchen  sich  überlassen  wolle.“  Am  19.  October
  Morgens  kam  Napoleon  selbst  zu  dem  Konige  und  lud
ihn  ein,  ihn  nach  Weißenfels  zu  begleiten  und  von  dort  aus
mit  den  Verbündeten  Unterhandlungen  einzugehen.  War  es
ein  Gefühl  der  Freundschaft,  das  ihn  vermochte,  den  Fürsten,
  der,  unschuldig  an  dem  Uebergange  seiner  Truppen,
für  ihn  einem  schweren  Schicksale  entgegenzugehen  im  Begriffe
  stand,  in  seine  eigne  Rettung  aufzunehmen,  oder  war
es  —  was  jedoch  die  nunmehr  cintretende  Ohnmacht  Sachsens
  nicht  glaublich  macht  —  eine  neue  politische  Specula-
        <pb n="563" />
        524  Naͤchste  Folgen  der  Schlacht  bei  Leipzig.

tion,  den  schon  so  hart  geprüften  Koͤnig  noch  tiefer  in  seir
Schicksal  zu  verflechten;  genug,  Friedrich  August  blieb  bei  seiner
  Erklärung  stehen.  Napoleon  erklärte  hierauf  den  König  aller
Verpflichtungen  gegen  ihn  für  entbunden  und  ritt,  trotz  des
kühlen  Octobertages  sich  häufig  den  Schweiß  von  der  Stirn
trocknend,  auf  der  Heerstraße  nach  Thüringen.  Eine  Flattermine,
  welche  unmittelbar  hinter  ihm  die  Elsterbrücke  am
Ranstädter  Thore  sprengte,  entzog  ihn  seinen  Verfolgern,
schnitt  aber  auch  den  zurückgebliebenen  Franzosen  den  Weg
der  Rettung  abz  der  letzte  öffentliche  Act  Napoleon'scher  Selbstrücksicht,
  auf  deutschem  Boden,  nicht  gutgemacht  durch  seinen
  Auftrag  an  den  Herzog  von  Bassano,  dem  Kenige  von
Sachsen  die  französischen  Lazarethe,  die  Gefangenen  und  besonders
  die  Polen  zu  angelegentlicher  Fürsorge  zu  empfehlen.

Ausgemacht  ist  es,  daß  man  während  der  Schlacht  von
Leipzig,  den  Kdnig  über  den  wahren  Stand  des  Kampfes  bis
zum  letzten  Augenblicke  in  Zweifel  ließ,  und  dies  war  vielleicht
  eine  Veranlassung  mehr  für  ihn,  sich  erst  nach  der
Schlacht  von  Napoleon  loszumachen,  ein  Schritt,  der,  wenn
er  nur  um  einen  Tag  früher  erfolgt  wäre,  ihm  gewiß  schweren
Kummer  erspart  haben  würde.  Schon  am  17.  Octbr.  Abends
meldete  ein  zur  Uumgebung  des  Kaisers  Napoleon  commandirter
  Offizier  von  der  sächsischen  Armee,  dem  General  Gersdorf,
  daß  Napoleon  selbst  die  Schlacht  für  verloren  erklärt
und  so  eben  mit  seinen  Marschällen  die  Retirade  besprochen
habe,  mit  dem  Antrage,  daß  der  General  Gersdorf  doch  den
König  sogleich  davon  unterrichten  moge,  damit  dieser  seine
Maßregeln  darnach  nehmen  könne.  Dennoch  that  es  der
General  Gersdorf  nicht,  sondern  ließ  vielmehr  den  König  in
dem  Glauben,  daß  die  Schlacht  nicht  verloren  gehen  koͤnne.“)
Nach  Napoleon's  Abzug  aus  Leipzig,  gab  der  Kdnig  seinen,
auf  dem  Markte  aufgestellten  Truppen  den  Befehl,  sich  ruhig
  zu  verhalten,  und  zugleich  sendete  der  Stadtmagistrat
eine  Deputation  an  den  Fürsten  Schwarzenberg  ab,  um

·)  Verbürgte  Mittheilung  aus  dem  Munde  jenes  Offiziers.
        <pb n="564" />
        Naͤchsie  Folgen  der  Schlacht  bei  Leipzig.  525

Schonung  fuͤr  die,  mit  Sturm  bedrohte  Stadt  zu  bitten.
Da  die  Deputation,  wegen  des  am  Thore  bereits  entbrannten
  Gefechtes,  wieder  umkehrte,  gab  der  Koͤnig  ihr  den  Obersten
  von  Ryssel  als  Parlamentair  mit  und  ließ  zugleich  in
seinem  Namen  um  Schonung  für  die  Stadt  und  um  Anknüpfung
  von  unterhandlungen  bitten.  Der  Kaiser  Alexander
  ädufserte  sich  nicht  ohne  Bitterkeit  über  das  Verhalten
des  Königs,  und  erklärte,  daß  er  mit  demselben  sich  in  keine
Unterhandlungen  einlassen  werde,  gab  aber  auch  die,  wenigstens
  für  das  furchtbar  geängstigte,  von  Schreckensscenen  und
Kriegsgräueln  bis  zum  Uebermaß  erfüllte  Leipzig,  trostreiche
  Versicherung:  „daß  er  die  Gesinnungen  der  Bewohner
Leipzigs  ehre  und  wisse,  wie  die  Stadt  für  die  allgemeine
Sache  gelitten  habe;  er  selbst  werde,  an  der  Spitze  seiner
  Krieger,  Einer  der  Ersten  in  die  Stadt  ziehen,  und  die
noch  unter  den  Fahnen  des  Feindes  stehenden  sächsischen
Kriege,  welche  sich  mit  seinen  Heeren  vereinigten,  würden
als  Brüder  ausgenommen  werden.“  Napoleon  hatte  noch
vor  seinem  Abzuge  den  Fürsten  Poniatowsky  und  den  Marschall
  Macdonald  beordert,  Leipzig  bis  zum  letzten  Augenblicke
  zu  vertheidigen.  Am  19.  October  Mittags  1  Uhr  drangen
  die  Verbundeten  zu  drei  Thoren  herein.  Die  Sachsen
und  andere  deutsche  Truppen  leisteten  keinen  Widerstand;
die  sich  widersetzenden  Franzosen  traf  Tod  oder  Gefangenschaft.
  Poniatowsky  und  Maedonald  warfen  sich,  nach  der
Zerstdrung  der  Elsterbrücke,  mit  ihren  Pferden  in  den  Strom.
Letzteren  trug  sein  Roß  glücklich  an  das  andere  Ufer;  Poniatowsky
  aber,  schwer  verwundet,  fand  seinen  Tod  in  den
Wellen.  Ein  edler  Pole,  durch  goldene  Träume  an  eine
Wiedergeburt  seines  Vaterlandes  verführt  und  durch  eine  verhängnißvolle
  Treue  an  das  Schicksal  des  franzdsischen  Imperators
  gefesselt,  eines  schonern  Todes  werth!  Reynier,  Lauriston
  und  Bertrand  fielen  in  Gefangenschaft.  Nach  der  Einnahme
  von  Leipzig  kam  sogleich  der  Kronprinz  von  Schweden
  zu  dem  Kenige  von  Sachsen,  und  ertheilte  ihm  noch
die  freundschaftlichsten  Versicherungen.  Während  derselbe  sich
oben  bei  dem  Konige  befand,  kamen  auch  der  Kaiser  von
        <pb n="565" />
        326  Nächste  Folgen  der  Schlacht  bei  Leipzig.

Rußland  und  der  König  von  Preußen,  unter  dem  Jubelrufe
der  Bewohner  Leipzigs,  vor  die  Wohnung  des  Köônigs  von
Sachsen  geritten,  stiegen  daselbst  ab  und  blieben  an  der
Schwelle  des  Hauses  stehen.  In  diesem  Augenblicke  kam
der  Kronprinz  von  Schweden,  begleitet  von  dem  Koͤnig  von
Sachsen,  in  dessen  Umgebung  sich  die  Generale  von  Zeschau,
von  Gersdorf,  von  Bose  und  der  Oberste  von  Heinecken  befanden,
  die  Treppe  herab.  Alexanders  Miene  verkündete
deutlich  die  Hoffnung  und  den  Wunsch,  daß  der  König  von
Sachsen  herauskommen  und  sie  empfangen  werde.  Dies  geschah
  jedoch  nicht,  sondern  der  König  blieb  auf  der  letzten
Stufe  der  Treppe  stehen;  die  beiden  Herrscher  und  der  Kronprinz
  sprachen  noch  einige  Worte  leise  zu  einander,  setzten
sich  dann  wieder  zu  Pferde  und  ritten  fort.  Vergeblich  sandte
später  der  Kdnig  seinen  Generaladjutanten  an  die  Monarchen
und  ließ  um  die  Erlaubniß  bitten,  ihnen  seinen  Besuch  abzustatten,
  und  eben  so  wirkungslos  blieben  die  weitern
Schritte  und  Briefe.  Am  Nachmittage  wurde  dem  Koͤnige
durch  den  geheimen  Rath  von  Anstetten  angekündigt:  „daß
der  Kaiser  Alexander  ihn  als  seinen  Gefangenen  betrachte
und  daß  eine  persönliche  Zusammenkunft  beiden  Theilen  nur
unangenehm  seyn  würde.“  Die  sächsischen  Garden  vor  des
Königs  Wohnung  hatten  schon  früher  das  Gewehr  strecken
müssen  und  waren  durch  russische  Truppen  abgelös't  worden.
Seine  Gemahlin  erhielt  zwar  vom  Kaiser  Alexander  einen
Besuch,  doch  konnte  sie  denselben  nicht  dazu  vermögen,  den
König  zu  sehen  und  zu  sprechen.  Diesem  wurde  am  21.  October
  durch  Anstetten  der  Beschluß  der  Verbündeten  überbracht,
  welcher  ihm  Berlin  —  späterhin  das  Lustschloß
Friedrichsfelde  zu  seinem  Aufenthalte  bestimmte,  und  am
23.  reiste  er  mit  seiner  Gemahlin  und  Tochter,  begleitet  von
dem  Cabinetsminister  Grafen  von  Einstedel  und  dem  Generale
  Zeschau,  unter  russischer  Escorte  nach  Berlin  ab,  nachdem
  er  vergebens  den  Wunsch  ausgesprochen  hatte,  sich  in
seinen  eigenen  Staaten  einen  Aufenthaltsort  auswählen  zu

dürfen.

—
        <pb n="566" />
        Innere  Verhaͤltnisse  1807  —  1813.  527

Nicht  mit  ihrer  allmaͤhlig  glaͤttenden  und  ordnenden
Schwinge,  sondern  wie  ein  schneidender  Pflug  war  die
Zeit  uͤber  Sachsen  dahin  gestrichen.  Die  ganze  bistorische
Entwickelung  Sachsens  hatte  nach  aussen  einen  jähen  Vernichtungsschlag
  erfahren  und  die  Pulse  seines  Staatslebens
drohten  eine  verderbliche  Stockung.  Das  Land  bedurfte,
nachdem  es  sich  im  Kampfe  gegen  die  Umstände  verblutet
hatte,  einer  sanft  aufrichtenden  Hand  und  fand  sie  in  Friedrich
  August,  der,  vom  einstigen  Glücksscheine  nicht  geblendet,
jetzt  im  Ungläücke  seine  Kraft  freier  entwickelte,  als  damals.

Er  hatte  die  Veranderungen,  welche  Sachsen's  Erhebung
  zu  einem  Königreiche  auf  dessen  inneres  Staatsleben
nothwendig  ausüben  mußte,  auf  die  schonendste  Weise  in's
Leben  treten  lassen  und  dem  Uebergange  zu  den  neuen  Verhältnissen
  alles  zu  Rasche,  Contrastirende  und  Gewaltsame
benommen;  daher  bestätigte  er  auch,  ohne  die  Souverainitätsrechte
  des  Rheinbundes  in  Anwendung  zu  bringen,  auf  dem
Ausschußtage  der  Stände  am  10.  Mai  1807  „die  bisherige
Landesverfassung  und  die  in  selbiger  gegründeten  Rechte.“
In  Gemäßheit  der  Bestimmungen  des  Posener  Friedens  setzte
er  fest:  „daß  die  Ausübung  des  rdmisch-katholischen  Gottesdienstes
  der  Ausübung  des  Gottesdienstes  der  Augsburgischen
Confessionsverwandten  gänzlich  gleichgestellt  werden,  und  die
Unterthanen  beider  Religionen  gleiche  bürgerliche  und  politische
  Rechte  ohne  Einschränkung  genießen  sollten  “"  womit,
„zu  Beruhigung  der  Unterthanen  augsburgischer  Confession,“
die  kdnigliche  Versicherung  verbunden  war,  daß  sie  bei  ihren
  Kirchen,  Gottesdienste,  Gebräuchen,  böffentlichen  Lehrund
  Unterrichtsanstalten,  Beneficien,  Einkünften  und  Nutzungen,
  auch  piis  causis  gelassen  und  ohne  Abbruch  geschuͤtzt
werden  sollten.  Das  den  Rittergütern  zustehende  Jus  patronatus
  über  Kirchen  und  Schulen  hinsichtlich  des  Juris
nominandi,  praesentandi  et  vocandi  zu  erledigten  Kirchenund
  Schulámtern  wurde  auch  auf  rdmisch  -katholische  Lehnsinhaber
  übertragen,  dabei  aber  ausdrücklich  festgesetzt:  „daß
es  nicht  anders,  als  nach  Maßgabe  der  kirchlichen  Gesetze
und  Verfassung  sächsischer  Lande  und  gemaß  der  im  pro-
        <pb n="567" />
        526  Innere  Verhältuisse  1807  —  1813.

testantischen  Kirchenrechte  angenommenen  Grundsaͤtze  erfolge.“
Die  Schriften  katholischer  Verfasser  uͤber  ihre  Kirche  wurden
unter  die  Censur  des  Vicarius  apostolicus  gestellt.  Aber
auch  die  Reformirten  wurden,  obschon  der  Posener  Friede
ihrer  nicht  besonders  gedacht  hatte,  auf  Antrag  der  Staͤnde
1811,  in  buͤrgerlicher  und  politischer  Beziehung  den  Lutheranern
  und  Katholiken  gleichgestellt.  Am  23.  August  1809
hob  ein  Patent  des  Koͤnigs  die  fremde  Lehnsherrschaft  im
Kdnigreiche  auf  und  erklärte  die  von  irgend  einem  auswärtigen
  Lehnsherren  abhängig  gewesenen  Lehne  für  ihm  angefallen.


Im  Finanzwesen  wurden  mancherlei  Maßregeln  nöthig,
die,  wenn  auch  für  den  Augenblick  drückend,  doch  durch  die
Zeitumstände  zu  unabänderlich  bedingt  waren,  als  daß  sie
hätten  unterbleiben  dürfen,  und  die  wenigstens  zu  der  Erwartung
  berechtigten,  daß  die  Opfer  der  Gegenwart  doch  die  Zukunft
  freigekauft  und  daß  diese  augenblicklichen  Nachtheile  bleibenden
  Verlusten  vorgebeugt  haben  würden;  Hoffaungen,  die
freilich  durch  die  nachfolgenden,  allen  Gesetzen  des  Weltgangs
  Hohn  sprechenden,  ungeheuern  Ereignisse  schmerzlich  getäuscht
  wurden.  Nachdem  mit  der  Abschließung  des  Posener
Friedens,  die  Behufs  der  Contribution  eingesetzte  französische
Verwaltung  sogleich  aufhörte,  ließ  der  König  hinsichtlich  der
Rückstände  eine  Convention  mit  dem  franzöôfischen  Generalintendanten
  unterzeichnen,  nach  welcher  er  die  Gewährleistung
der  Reste  übernahm  und  über  deren  Tilgung,  wie  über  andere
  Verhältnisse  zu  Frankreich,  mit  den  Ständen  sie  berieth.
  Demgemäß  wurde  die  verlängerte  Aussetzung  der
Ausloosung  der  Steuerscheine  (mit  Ausnahme  jährlich  auszuloosender
  200,000  Thlr.)  und  eine  Anleihe  von  4  Millionen
  Thaler,  wofür  neue  landschaftliche.  Obligationen  creirt
werden  sollten,  beschlossen.  Von  400,000  Chalern,  welche
auf  kniglichen  Antrag  die  steuerfreie  Ritterschaft  bewilligt
hatte,  wurden  150,000  Thaler  zur  Tilgung  des  Drittheils
der  an  Frankreich  restirenden  Contribution,  die  anderen
250,000  Thlr.  zur  Deckung  der  dringendsten  Kriegsbedürfnisse
  bestimmt.  Die  Cassenbillets  wurden  (24.  März  1807)
        <pb n="568" />
        Innere  Verhaͤltnisse  1807  —  1813.  529

von  14  Million  auf  3  Millionen  Thaler  gesieigert  und  davon
  das  letzte  Dritttheil  der  französischen  Contribution  getilgt,
wie  auch  Städten,  Gemeinden  und  selbst  Individuen,  die
durch  den  Krieg  am  schwersten  mitgenommen  worden  waren,
Unterstäützung  geleister.  Wegen  Aushebung,  Einquartierung
und  besserer  Verpflegung  der  Truppen,  ingleichen  wegen  anderer
  Naturallieferungen,  wegen  Anlegung  von  Lazarethen
und  gleichmäßiger  Betheilung  solcher  Landestheile,  die  zufolge
ihrer  Lage  von  jenen  Beschwerden  unbetroffen  geblieben  waren,
  wurde  am  6.  Nov.  1807  zu  Dresden  eine  dem  geheimen
  Consilium  unmittelbar  untergeordnete,  sogenannte  „Landescommission“
  eingesetzt,  welche  ein  Conferenzminister  als
Director  leitete  und  die  aus  sechs  Commissarien,  drei  ritterschaftlichen
  und  drei  städtischen  Deputirten  bestand.  Die  von
dieser  Commission  ausgeschriebenen  Summen  flossen  in  die
Peräquationscasse,  welche  die  von  der  Commission  angewiesenen
  Vergütungsgelder  auszahlte.  Die  Ritterschaft  trug  zu
jeder  ausgeschriebenen  Million  freiwillig  60,000  Thlr.  bei.
Die  Kriegsjahre  1809  und  1812  aber  nahmen  die  Peräquationscasse
  dermaßen  in  Anspruch,  daß  die  Landescommission
am  20.  August  1812  sich  zu  einem  Rescripte  veranlaßt  fand,
nach  welchem  sie  für  diese  Casse  eine  zinsbare  Anleihe  bis
zu  300,000  Thalern  erdffnete.  Haͤtte  nicht  des  Landesfürsten
  beispiellose  Sparsamkeit  und  Ordnung,  worin  auch  die
erlangte  Kdnigswürde  keine  Aenderung  verursachte,  unaufherlich
  ausgeglichen  und  nachgeholsen,  so  würden  diese  Wunden
  in  unabsehbare  Zeiten  nachgeblutet  haben.  Der  Werth
der  Cassenbillets,  welche  zu  Ende  1812  bis  auf  5  Millionen
angewachsen  waren,  erhielt  sich  bis  zum  Februar  1813  auf
gleicher  Hdhe.  Als  aber  um  diese  Zeit  die  Kriegsunruhen
sich  den  Grenzen  Sachsens  zuwaälzten  und  die  Geschäftsleute
ihre  Papiere  zu  versilbern  trachteten,  zeigte  sich  freilich  diese
Art  künstlichen  Credits  in  seinem  nachtheiligen  Lichte  und  der
Ahaler  in  Cassenbillets  sank  bis  auf  13  Groschen  herab,
worunter  besonders  die  Beamten  litten,  die  halb  in  baarem
Gelde  und  halb  in  Cassenbillets  ausgezahlt  wurden.  Diesem
  abzuhelsen,  und  „um  die  Masse  der  im  Umlaufe  befind-XII.
  Heft.  34
        <pb n="569" />
        530  Innere  Verhaͤttnisse  1807  —  1813.

lichen  Cassenbillets  nach  Erforderniß  der  gegenwärtigen  Zeitumstände
  zu  vermindern,  und  dadurch  den  Cours  derselben
zu  verbeffern,“  watd  eine  freiwillige  Anleihe  von  2  Millionen
Thalern  in  Cassenbillets  gegen  5  Procent  Zinsen  und  gegen
Räckzahlung  in  baarem  Gelde  erdffnet,  eine  Maßregel,  deren
Folgen  in  den  Stürmen  der  nächstfolgenden  Zeit  untergingen.
  Die  fortwährenden  Anleihen  drohten  aber,  ohngeachtet
ihrer  unausweichbaren  Nothwendigkeit,  dem  Staatscredit
Sachsens  gefährlich  zu  werden;  daher  erklärte  ein  Mandat
vom  24.  März  1810  die  seit  dem  22.  Juni  1661  ertheilten
Steuerbefreiungen  als  nichtig,  und  am  13.  November  und
10.  December  1811  folgten  die  Generalien  und  Ausschreiben
hinsichtlich  der  Beiziehung  der  biöher  freigebliebenen  Güter
und  Grundstücke  zu  den  ausserordentlichen  neuen  Staatsbedürfnissen.
  Das  Bedürfniß  aber,  dem  gesammten  Abgabensysteme
  eine  neue,  feste  Unterlage  zu  verleihen,  sprach
das  Mandat  vom  9.  Juli  dahin  aus:  daß  die  beim  Landtage
  1811  nach  dem  zeither  üblich  gewesenen  Fuße  bewilligt
wordenen  Abgaben  zwar  auch  serner  nach  demselben  erhoben,
dem  zeitherigen  Abgabensysteme  aber  ein  neues  an  die  Seite
gesetzt  werden  solle,  das  bei  Echebung  aller  noch  außerdem
zur  Bestreitung  der  Staatsbedürfnisse  vom  Lande  aufzubringenden
  Summen,  die  alleinige  Norm  abzugeben  habe.  Das
neue  Abgabensystem  beruhe  auf  dem  Grundsatze,  daß  die
nach  selbigem  zu  erhebenden  Abgaben  unter  alle  Staatsbürger,
  ohne  Ausnahmen,  möglichst  gleichmäßig  vertheilt
und  die  Grundstäcke  nach  Maßgabe  ihres  Werthes  beigezogen
  werden  sollen.  Die  neue  Grundabgabe  treffe  in  verhältnißmäßiger
  Gleichheit  das  Grundeigenthum  nach  seiner
reinen  Ertragsfähigkeit,  zu  deren  Ausmittelung  für  jeden  Ort
ein  Grundcataster  angefectigt  werden  solle.

In  den  kriegsunruhigen  Zeiten,  wo  Elend  und  Vertrautseyn
  mit  grellen  Schreckensscenen  aller  Art  so  leicht  zu  Sittenverwilderung
  führen  konnte,  that  eine  geregelte  Justizund
  Polizei-Verfassung  doppelt  noth.  Friedrich  August  nahm
auf  dieses  Bedürfaiß  mit  vieler  Umsicht  Bedacht.  Durch
das  Generale  vom  30.  April  1810  worde  im  Königreiche
        <pb n="570" />
        Innere  Verhaͤltnisse  1807  —  1813.  531

eine  Gensd'armerie  als  Polizeimiliz  errichtet,  welche  sich  besonders
  mit  Aufsuchung  und  Festnehmung  der  Bettler,  Vagabonden
  und  anderer,  die  Ruhe  oder  Sicherheit  gefährdenden
  Personen  abgeben  sollte.  Um  der  Beamten-Verwahrlosung
  vorzubeugen,  wurden  durch  ein  Rescript  vom  20.  Juni
1810  Dienstlisten  bei  den  koniglichen  Justizämtern  anbefohlen,
  „um  eine  vollständige  Uebersicht  von  den  Kenntnissen,
Fähigkeiten  und  dem  moralischen  Werthe  der  dabei  angestellten
  Beamten,  zu  erlangen  und  dadurch  bei  Dienstbesetzungen
  die  Auswahl  geschickter  und  rechtlicher  Individuen  zu
veranlassen.“  Ein  Mandat  vom  1.  Augast  1811  setzte  den
Wucher  bei  den  von  Christen  an  Juden  ausgestellten  Schuldund
  Wechselverschreibungen  zweckmäßige  Schranken.

Sehr  entsprechende  Maßregeln  wurden  auch  mit  dem
Forstwesen  vorgenommen,  die  sich  in  verschiedenen  Jahren
immer  mehr  dem  richtigen  Ziele  näherten.  Am  15.  Deecbr.
1807  wurden  jährliche  Berichte  rücksichtlich  der  Holzcultur
und  der  Forstverbesserungen  anbefohlen,  und  durch  ein  zweites
  Generale  vom  20.  Juni  1810  sowohl  die  Einkünfte  der
Forstbedienten  verbessert,  als  auch  Verfügungen  getroffen,
um  die  Reviere  und  Walddistricte  nach  richtigen  und  zweckdienlichen
  Verhältnissen  unter  das  Forstpersonale  zu  vertheilen.
  Desgleichen  erschien  am  30.  Juli  1813  ein  Mandat
  über  die  Wald-Nebenbenutzungen,  um  über  ihnen  nicht
die  eigentliche  und  wesentliche  Bestimmung  des  Waldes,  die
Forstproduction,  aus  den  Augen  zu  verlieren.  Ein  Mandat
vom  29.  Juni  1810  brachte  mannigfache  Innungsgebrechen
in  Wegfall,  namentlich  wurden  die  sogenannten  Gesellenladen,
  die  Brüder=  oder  Gesellenschaften  völlig  abgeschafft,
den  Herbergsvätern  neue  Instructionen  gegeben,  die  so  zweckdienlichen
  Wanderbücher  für  reisende  Handwerker  eingeführt
und  noch  manche  andere  nötzliche  Verfügung  getroffen.

Die  wilderregte  Zeit  war  den  Künsten  und  Wissenschaften
  nicht  günstig,  da  diese  lieblichen  Kinder  des  Lichts  nur
unter  einem  heiteren  politischen  Himmel  gedeihen  wollen  und
vor  dem  Geräusche  der  Waffen  scheu  zu  entfliehen  pflegen.
Innere  Sorgen  benahmen  den  Sinn  für  diese  Güter,  und

34-=
        <pb n="571" />
        532  Innere  BVerhaͤltnisse  1807  —  1813.

Verarmung  raubte  die  Mittel  sie  zu  unterstützen.  Eine  um
so  segensreichere  Edelthat  Friedrich  August's  war  es  daher,
daß  er,  vermöge  einer  Schenkung  vom  18.  Septbr.  1811,
die  im  Jahre  1809  ihm  zugefallenen  Güter  des  deutschen
Ordens,  an  die  beiden  Universitäten  und  die  drei  Landesschulen
  überließ,  und  zwar  „zu  einem  wahren  unwiderruflichen
Eigenthume  auf  ewige  Zeiten.“  Das  Besitztthum  des  deutschen
  Ordens  innerhalb  des  Kdnigreichs  Sachsen,  bestand  in
den  zur  vormaligen  Ballei  Thöringen  gehbrigen  vier  Comthurhöfen
  Zwäszen,  Lehsten,  Liebstädt  und  Nagelstädt  nebst  den
dabei  befindlichen  Dörfern  und  Dorfantheilen,  und  in  dem
Comthurhofe  zu  Griefstädt.  Der  nach  Abzug  der  NReallasten
und  Wirthschaftsausgaben  in  15,735  Thlr.  18  Gr.  bestebende
  Gesammtertrag  des  Grundvermogens  dieser  Stliftung
sollte  „als  ein  gemeinschaftlicher  Fonds  für  die  genannten
wissenschaftlichen  Lehranstalten  angesehen  und  zum  Besten
derselben  verwendet  werden.“  Von  jenem  Ertrage  wurden,
nach  einem  Rescripte  vom  7.  Marz  1812,  jährlich  1000  Thlr.
zu  22  Stipendien  für  katholische  und  zu  11  Stipendien  für
reformirte  unvermögende  Studirende  angesetzt.

Andere  Uebelstände  für  die  Wissenschaft  und  die  Thätigkeit
  der  Geister  waren  leider  durch  des  Churfürsten  Fürsorge
und  Freigebigkeit  nicht  zu  heben.  Napoleon,  von  einem,  jeder
  künstlich  evzeugten,  nicht  auf  festen  Grundstützen  ruhenden
  Größe  eigenen,  Mißtrauen  erfüllt,  sah  nichts  so  sehr,  als
die  Presse,  mit  argwöhnischen  Augen  an.  Der  ungeheure
Mann,  der,  an  der  Spitze  seiner  Legionen,  dem  Drohen
Europa's,  dem  Strckuben  einer  Welt  kaltsinnig  Schach  bot,
gerieth  in  Convulssonen  vor  einem  gedruckten  Ausfalle,  der
sich  schüchtern  in  eine  lange  Umschreibung  verkroch  und,  ihm
gegenüber,  das  Pusten  eines  Kindes  nach  einem  Sternbilde
war.  Er  übersah  die  Tausende  von  Bajonneten,  die  sich
gegen  seinen  eisernen  Thron  kehrten,  über  einer  einzigen  Federspitze,
  die  ihm  von  dem  britischen  Eilande  oder  von  einem
  ihm  unzugänglichen  Winkel  des  Continents  her  drohte,
und  hätte  die  Welt  schon  deshalb  erebern  mögen,  um  alle
        <pb n="572" />
        Innere  Verhaͤltniffe  1807  —  1813.  533

Federn  des  Erdballs  zu  seinen  Unterthanen  zu  zaͤhlen  und  der
steten  Angst  uͤberhoben  zu  seyn,  daß  seine  aͤussere  Wuͤrde
durch  den  Einfall  eines  Witzkopfes  auf  irgend  eine  Weise
gefaͤhrdet  werden  koͤnne.  Bei  diesen  Grundsaͤtzen  hatte  die
Presse  sich,  unter  Napoleon's  Zwingherrschaft  uͤber  Deutschland,
  freilich  keiner  besondern  Begünstigung  zu  erfreuen;
vielmehr  ließ  er  dieselbe  in  allen  Föderatiostaaten  des  französischen
  Reiches  und  den  übrigen  Ländern,  die  sein  Einfluß
erreichte,  auf  tausendfache  Weise  belauschen  und  beaufsichtigen;
  so  daß  endlich  in  Deutschland  kein  gedrucktes  Wort
mehr  erschien,  was  nicht  auf  mittelbare  Weise  der  franzosischen
  Censur  unterlegen  wäre.  Auch  Sachsen,  welches
Napoleon  mit  seiner  besondern  Vorliebe  beehrte  —  ein  Vorzug,
  der,  Despoten  gegenüber,  selten  zum  Vortheile  des
Gegenstandes  ausfällt  —  mußte  sich  diesen  Ansichten  fügen  und
erlitt  dadurch  in  seiner  Schrift=  und  Wortfreiheit  manche
Einschränkungen,  die  keinesweges  von  dem  milderen  Sinne
des  Königs  ausgingen.  Es  wurde  ein  besonderer  politischer
Censor  zu  Leipzig  ernannt,  und  ein,  das  Censur=  und  Bücherwesen
  betreffendes  neues  Mandat  damit  in  Verbindung
gesetzt.  Unter  die  unmittelbare  Cenfur  jenes,  mit  besonderer
Instruction  versehenen  politischen  Censors  gehdrten  alle,  aus
Leipziger  Offizinen  hervorgehende  politische,  geschichtliche,  statistische
  und  geographische  Schriften,  „insoweit  sie  die  Geschichte
  des  Tages  und  der  neuesten  Zeitereignisse  und  Staatenverhäáltnisse,
  und  zwar  von  und  mit  dem  Jahre  1788,
zum  Gegenstande  hatten.“  Namentlich  hatte  er  sein  Augenmerk
  auf  die  in  Leipzig  erscheinenden  politischen  Zeitungen,
wie  überhaupt  auf  alle,  auch  nicht  als  politischer  Tendenz
sich  ankündigenden,  zu  richten.  Das  am  10.  August  1813
folgende  neue  Mandat  enthielt  die  besondern  Censurgesetze,
welche  im  Ganzen  darauf  hinausliefen,  daß  nichts  gedruckt
werden  solle,  „was  der  Religion,  den  guten  Sitten  und
der  Erhaltung  der  offentlichen  Ruhe  und  Ordnung  entgegen
stehe,“  ein  Maßstab,  dem  man  durchaus  nicht  den  Vorwurf
des  Unbilligen  oder  Abschweifenden  machen  kann,  der  aber
gleichwohl  gegen  die  oft  unmotivirte  Aengstlichkeit  einzel-
        <pb n="573" />
        534  Innere  Verhaͤltnisse  1807  —  1813.

ner  geist=  und  kenntnißloser  Censoren  noch  immer  besser  basirt
  seyn  könnte.  —

Wie  in  den  Zeiten  der  Volkerwanderung  von  den  Romern,
  so  nahmen  in  unsern  Tagen  die  Deutschen  von  den
Franzosen  eine  neue  Fechtweise  an.  Die  dußerst  planvolle
und  wirksame  Anwendung  concentrirter  Massen,  welche  Napoleon's
  Kriegskunst  charakterisirt  und  die  ihn,  ob  auch  im
Allgemeinen  der  schwächere  Theil,  doch  an  dem  Orte  des
Angriffs  jederzeit  mit  uberwiegender  Stärke,  mit  erdrückender
  Uebermacht  auftreten  ließ,  hatte  vorzugsweise  die  ungeheuern
  Resultate  erzielt,  die  in  kurzer  Zeit  Napoleon's  Bild
aus  dem  Bereiche  einzeln  vertheilter  Weltgröße  gleichsam
den  Regsonen  des  Ueberschwenglichen,  Ueberirdischen  zutrug.
Seine  Kunst  wurde  ihm  zwar  theuer  abgelernt,  aber  er  ging
auch  unter,  als  die  Welt  diesen,  lange  unbegreiflichen  Zauber
  durchblickt  hatte;  man  kann  sagen:  er  war  todt,  als  er
sich.  verstanden  sah.  Mit  bluttriefendem  Schwerte  hatte  er
den  fremden  Streitern  das  System  seiner  Strategie  vorgezeichnet,
  und,  ohne  es  zu  wollen,  eine  neue  Hriegsschule
in's  Leben  gerufen,  die  für  die  Stellung  der  europäischen
Staaten,  sowohl  unter  einander,  als  zu  nichteuropdischen
Mächten,  von  der  ersprießlichsten  Wichtigkeit  war  (man  darf
wohl  behaupten,  daß  in  gewisser  Hinsicht  der  Geist  des
kodten  Napoleon  auch  die  Russen  über  den  Balcan  führte).
Auch  Friedrich  August,  obgleich  er  die  von  Napolcon  ihm
zugemuthete  Einführung  der  militairischen  Conseription  ablehnte,
  erkannte  die  Nothwendigkeit,  sich  der  neuen  Kricgsund
  Heerverfassung  in  manchen  Puncten  anzuschließen,  zumal
  sein  Beitrikt  zum  Rheinbunde  in  dieser  Hinsicht  eine
größere  Gleichförmigkeit  mit  Frankreich  zur  natürlichen  Bedingung
  machte.  Er  ließ  zuvörderst  kriegskundige  Männer
die  Mittel  und  den  Plan  prüfen,  wornach  das  sächsische
Heer  am  leicheesten  dem  französischen  verähnlicht  werden  könne.
Die  erforderlichen  Veränderungen  gründeten  sich  zunächst  auf
die  Werbung,  das  Verwaltungsfach  und  das  Avancement
der  Offiziere,  das  hinfort  nicht  mehr  blos  vom  Dienststalter,
sondern  auch  von  Talent  und  Anwendbarkeit  abhängig  seyn
        <pb n="574" />
        Innere  Verhaͤltnisse  1807  —  1813.  535

sollte.  Nach  dem  Muster  der  Napoleon'schen  Kriegskunst
suchte  man  durch  weniger,  aber  staͤrkere  Massen  zu  wirken,
daher  man,  an  die  Stelle  vier  aufgeloͤster  Fußregimenter,
zwei  leichte  Regimenter  Fußvolk  schuf,  die  dem  Heere  zeither
  abgegangen  waren.  Die  bleibenden  acht  Reiterregimenter
  wurden  durch  das  eingegangene  neunte  verstärkt;  das
Artilleriecorps  zu  Dresden  vereinigt,  ein  stehender  Train  gegründet
  und  zu  dem  Ingenieurcorps  eine  neugebildete  Compagnie
  Sappeurs  genommen,  zugleich  das  Heer  in  Dioisionen
  und  Beigaden  eingetheilt  und  Vieles  in  der  militairischen
  Organisation  zweckmäßig  umgestaltet.  Leider  sollte  das
sächsische  Heer  sich  in  seiner  neuen  Verfassung  zuerst  in  dem
verheerenden  Kampfe  von  1812  zeigen,  der  Napolcon's  Bundebgenossen
  die  Blüthe  ihrer  Mannschaft  kostete.
        <pb n="575" />
        —  —  —

Dritte  Abtheilung.

—

Sachsen  unter  dem  fremden  Gouvernement.  Wiener
  Congreß  und  Friede.  1813  —  1815.

—

Leipzigs  blutgetränkter  Boden  war  das  Grab  französischer
Machtherrschaft  über  Deutschland  geworden.  Ein  großer,
siegesherrlicher  Erfolg,  aber  für  Sachsen  vor  der  Hand  der
Anlaß  trostloser  Verzweiflung!  Hineingerissen  in  das  Verderben
seines  besiegten  Bundesgenossen,  gleichsam  mit  ihm  geächtet
und  zur  Heerstraße  des  ungeheuern  Kampfes  ausersehen,
befand  sich  das  unglückliche  Land  in  einem  entsetzlichen  Gewirr
  auferlegter  Leiden  und  ewig  sich  erneuender  Gefahren,
die  sein  König,  gefangen  und  ungewiß  über  sein  Schicksal,
nicht  einmal  mit  ihm  theilen  konnte.  Hoffnungslose  Erschopfung
  schlich  durch  alle  Pulse  seines  Staatslebens;  Leipzig
  schwamm  noch  in  Blut,  rauchende  Trümmer  feierten
düster  die  neue  Aera,  welche  über  die  Erde  heraufsteigen
sollte;  Dresden  war  noch  in  der  Gewalt  der  Franzosen,  die,
von  allen  Seiten  bedroht  und  angegriffen,  in  wilder  Angst
gegen  den  eignen  Bundesgenossen  wütheten,  der  sie  nicht  mehr
zu  unterstützen  vermochte.  Hunger,  Armuth,  Krankheit,  das
Menschenelend  in  seinem  vollsten,  gräßlichsten  Farbenreichthume
  lagerte  sich  über  das  todeswunde  Land;  die  Rüstungen,
  Verpflegungen  und  Requisitionen  hatten  vom  1.  Januar
  1813  bis  15.  Juli  1814  nicht  weniger  als  67  Millionen
  Thaler  betragen.  Dabei  lagen  die  Felder  verwüstet,
die  Familien  waren  verwalst,  die  Schulden  ausserordentlich
        <pb n="576" />
        Sachsen  nach  der  Schlacht  bei  Leipug.  537

vermehrt;  so  daß  in  diesem  Gedränge  von  Mangel  und
JFammer  kein  Ende  abzusehen  war.

Schon  vor  dem  Eintritt  der  Russen  und  Preußen  auf
sächsisches  Gebiet  im  April  1813,  hatten  dieselben  eine
Centralverwaltung  aller  von  ihnen  zu  erobernden  Länder  errichtet,
  an  deren  Spitze  der  preußische  Staatsminister  Freiherr
  von  Stein  trat,  deren  Wirksamkeit  jedoch  durch  den
Ausgang  der  Schlacht  bei  Luͤtzen  unterbrochen  wurde.  Nach
der  Schlacht  von  Leipzig  ward  sie  auf  ausgedehntere  Weise
erneuert,  und  sollte  sich  uͤber  alle  Laͤnder  erstrecken,  die  sich
von  dem  Buͤndniß  gegen  Frankreich  ausgeschlossen  hatten.
Zum  Generalgouverneur  im  Koͤnigreiche  Sachsen  wurde  der
russische  General  Fürst  von  Repnin  ernannt,  unter  welches
Gouvernement  auch  das  Fäürstenthum  Altenburg  und  die
Reußischen  Länder  gestellt  und,  als  Organ  der  amtlichen
Mittheilung,  ein  eigenes  General-Gouvernementsblatt  für
Sachsen  gedruckt  wurde.  Als  Chef  und  General-Director
der  Polizei  in  diesen  Ländern  wurde  der  russische  Oberst
von  Rosen  angestellt.  Nach  Dresdens  Capitulation  wurde
diese  Stadt  der  Aufenthalt  Repnin's.

Das  Gouvernement  trat  unter  schwierigen  Umständen
auf;  es  sollte  ordnen  und  vermitteln,  während  der  Krieg
noch  nicht  geendigt  war.  Die  Verfolgung  der  französischen
Heerestrümmer  sebte  Deutschland  noch  immer  in  Flammen,
und  selbst  in  Sachsen  war  Alles  noch  in  lebhaftem  Kriegszustande,
  indem  in  Dresden  noch  Gouvion  St.  Cyr  mit
30,000  Mann  stand,  gegen  welche  Russen  und  Oesterreicher
  unter  Tolstoy  und  Klenau  immer  näher  vorrückten.
Dresden  empfand  während  dieser  Zeit  alle  Leiden  des  Kriegs;
ansteckende  Krankheiten  rafften  Tausende  der  Einwohner  wie
der  Besatzung  dahin  und  die  ganze  Stadt  war  von  grellen
Bildern  des  Todes  angefüllt.  Man  stürzte  die  Leichen  hausenweise
  aus  den  obersten  Stockwerken  der  Hauser  auf  die
Gasse  und  warf  sie  dann  —  sicher  manchen  Scheintodten
unter  ihnen  —  in  große  Gruben.  Ein  Versuch  der  Franzosen,
  sich  auf  der  Großenhayner  Straße  durchzuschlagen,
verunglückte,  und  die  Noth  nahm  immer  mehr  überhand.
        <pb n="577" />
        538  Zeit  des  russischen  Gouvernements.

Endlich  am  11.  Novbr.  1813  kam  die  Capitulation  der  Stadt
und  Festung  Dresden  zu  Stande,  nach  welcher  die  Garnison
  von  Dresden  zwar  kriegsgefangen  seyn,  aber  zur  Auswechselung
  nach  Frankreich  abgeführt  werden  sollte.  Die
Verbündeten  ratificirten  jedoch  diese  Bestimmungen  nicht;
die  Franzosen  sollten  entweder  kriegsgefangen  nach  Böhmen
gebracht,  oder  wieder  in  Besitz  von  Dresden  gesetzt  werden.
Zum  Gläck  hatten  sie  sich  selbst  durch  Versenkung  vieler
Munition  und  Vernagelung  der  meisten  Kanonen  der  Mittel
beraubt,  Dresden  länger  zu  behaupten.  Am  27.  Decbr.
capitulirte,  nach  einem  längern  Bombardement,  auch  Torgau,
und  Wittenberg  ward  13.  —  14.  Januar  1814  von  den
Preußen  mit  Stkurm  genommen.  Dagegen  wöhrte  die  schon
srüher  zugestandene  Neutralität  des  Königsteins,  den  ein
sächsischee  Befehlshaber  hielt,  fort.

Ein  Patent  des  Fürsten  Repnin  erklärte  am  27.  October
  1813,  daß  in  Sachsen  und  den  andern  verwalteten  Ländern
  die  Landesverfassung,  so  weit  dies  mit  den  bestehenden
Verhältnissen  sich  vereinigen  lasse,  beibehalten  werden  solle.
Eine  Verordnung  desselben  vom  12.  Nov.  schrieb  für  Sachsen,
  Altenbarg,  das  Reußische  und  Schwarzburgische  cine
ausserordentliche  Steuer  von  2  Millionen  Thaler  aus,  die
nicht  durch  eine  förmliche  Anleihe,  sondern  durch  Central-Stenercscheine
  abgetragen  wurden.  Dem  Generalgouverneur
gab  Repnin,  nach  Verlegung  des  Gencralgouvernements
nach  Dresden,  einon  Gouvernementsrath  bei,  welcher  an  die
Stelle  des  „durch  die  Abwesenheit  des  Kdnigs  ausser  Thätigkeit
  gesetzten  and  daher  als  aufgeldset  zu  betrachtenden“
geheimen  Cabineks  trat;  daher  auch  am  2.  Jannar  1814  die
Besoldungen  der  bei  diesem  Cabinet  angestellten  Personen
cingezogen  wurden.  Sämmtliches,  zu  den  Domainen  und
Regalien  nicht  gehdrige  königliche  Eigenthum  ließ  Repnin
mit  Beschlag  belegen,  und  die  Ausmünzung  im  Jahre  1812,
zwar  mit  dem  königlichen  Stempel,  aber  mit  dor  Jahreszahl
1814  fortsetzen.  Die  vorräthigen  Gelder  und  die  Papiere  aus
der  koöniglichen  Chatoulle  mußton  an  die  Haaptcasse  abgeliefert
werden.  Um  die  1813  in  ihrem  Werthe  so  tief  herunterge-
        <pb n="578" />
        Zeit  des  russischen  Gouvernements.  539

gangenen  saͤchsischen  Cassenbillets  wieder  zu  heben,  wurde  zu
Leipzig,  am  11.  Februar  1814  eine  neue  Auswechselungs-Anstalt
  errichtet,  welche,  nach  einer  monatlichen  Steigerung
bis  zum  Juli  1815,  einen  Thaler  Cassenbillet  im  Februar
1814  mit  18  Gr.  und  endlich  im  Juli  1815  mit  23  Gr.
3  Pf.  auswechselte,  welcher  letzte  Satz  sodann  fortbestehen
sollte.  Die  Schweizergarde  und  das  saͤchsische  General-Kriegsgerichtscollegium
  loͤs'te  Repnin  im  April  1814  auf,  wogegen
  er  eine  Abtheilung  der,  der  Militairverwaltung  vormals
vorgesetzten  Generalgouvernements  =  Section  zu  der  obersten
Militair-Justizbehèrde  ernannte.  Um  dieselbe  Zeit  wurde  auch
eine  Kriegsverwaltungskammer,  später  auch  ein  Bauzahlamt
errichtet;  das  Pageninstitut  zu  Dresden  aber  aufgehoben  und
mit  dem  Cadettenhause  vereinigt.  Noch  wurde  im  Juli
1814  eine  Anleihe  von  einer  Million  Thaler  in  Cassenbillets
ausgeschrieben.  Den  Bekenmern  der  griechischen  Kirche  ertheilte
  Repnin  gleiche  bürgerliche  Rechte,  wie  die  den  Katholiken
  und  den  Reformirten  bereits  zugesicherten,  auch  kündigte
er  eine,  nach  dem  Muster  der  Vereine  in  England  und  St.
Petersburg,  in  Dresden  gestiftete  Bibelgesellschaft  an  und
ermunterte  das  Publicum  zu  freiwilligen  Beiträgen.

Mit  der  Reorganisation  der  sächsischen  Armee  war  das
Gouvernement  gleich  vom  Anfange  an  sehr  eifrig  beschöftigt
und  suchte  dieselbe  auf  20,000  Mann  in  der  Linie  und
20,000  Mann  Landwehr  zu  erweitern.  Die  Truppen  des
Königreiches  Sachsen,  der  Henogthümer  Weimar,  Altenburg
  und  Oldenburg  bildeten  das  dritte  der  acht  deutschen
Armcecorps  und  wurden  unter  den  Oberbefehl  des  Herzogs
Carl  August  von  Weimar,  als  Generalisssmus,  gestellt,
welcher  von  Sachsen  monatlich  2000  Ahaler  Tafelgelder  bezog.
  Unter  ihm  ging  dieses  Corps  nach  Belgien,  hatte  mehrere
  Gefechte  mit  den  Franzosen  unter  Maison  und  zog  am
8.  Februar  1814  mit  Bülew  zugleich  in  Brüssel  ein.  Nath
Napoleon's  Abdankung  zog  es  in  die  Niederlande  in  Canto-—
nirungen,  die  Landwehr  und  die  Freiwilligen  gingen  in  ihre
Heimath  zurück.  Dem  Herzog  von  Weimar  folgte  der  General
Thielmann  in  dem  Oberbefehle  öber  das  Cerps,  das  später  in
        <pb n="579" />
        540  Zeit  des  russischen  Gouvernements.

Cantonirung  am  Niederrhein  kam.  Der  ohngefaͤhr  3000  Freiwillige
  umfassende  Banner  wurde  am  31.  März  1814  vom
Kaiser  Alexander  den  russischen  Garden  einverleibt  und  kam
dadurch  in  eine  minder  beschwerliche,  gesichertere  Stellung.
Sachsen  lebte,  wegen  des  Schicksals  seines  Koͤnigs  und
seiner  eignen  Zukunft,  in  fuͤrchtender  Erwartung.  Wie  in
jeder  politischen  Crisis,  ließ  es  auch  damals  das  Geruͤcht
nicht  an  Uebertreibungen  und  Verdrehungen  fehlen.  Namentlich
  erzählte  man  sich  mit  vieler  Gewißheit  von  einer  bevorstehenden
  gänzlichen  Abtretung  Sachsens  an  Preußen,  eine
Aussicht,  die  allerdings  nicht  so  fern  lag.  Der  Koͤnig  ließ
es  indessen  an  thätigen  Schritten  nicht  fehlen.  Sogleich
nach  seiner  Ankunft  in  Berlin,  berief  er  den  Generalmajor
von  Watzdorf  zu  sich  und  sendete  ihn  mit  ausgedehnter  Vollmacht
  uad  drei  Schreiben  an  die  Monarchen  nach  Frankfurt
  am  Main.  Allein  derselbe  wurde  nicht  als  Unterhändler
  anerkannt.  Kaiser  Alexander  gab  einige  Hoffnung,  jedoch
  ebenfalls  nur  in  ziemlich  ausweichenden  Antworten:
„  Sachsen  würde  in  allen  Fällen  Sachsen  bleiben,  und  er
hoffe,  daß  Gott  ihn  in  den  Stand  setzen  werde,  im  Frieden
endlich  dem  königlichen  Hause  seine  Freundschaft  und  seine
Theilnahme  zu  bewähren.“  Um  durch  sein  Vertrauen  dem
Vertrauen  der  verbündeten  Herrscher  entgegen  zu  kommen,  schrieb
der  König  am  24.  Decbr.  1813  an  den  Kaiser  von  Rußland
und  suchte  für  seinen  Neffen,  den  Prinzen  Friedrich,  die  Erlaubniß
  nach,  dem  Feldzuge  beiwohnen  zu  dürfen,  erbot  sich
auch  später,  gegen  denfelben  Monarchen,  die  Festung  Kenigstein,
  unter  gewissen  Voraussetzungen,  den  verbundeten  Monarchen
  einzurdumen,  und  sprach  den  Wunsch  aus,  den
sächsischen  Gesandten  zu  Paris  aus  seiner  diplomatischen
Stellung  abzurufen.  Aber  alle  seine  Anerbietungen  blieben
unbeantwortet.  Gleichwohl  blieb  er  jeder  Klage  bei  andern
Höfen  fern,  setzte  keiner  Maßregel  des  Gouvernements  in
Sachsen  Hindernisse  entgegen  und  schwieg  über  manche  Anmaßungen
  desselben,  in  der  gewissen  Voraussehung,  daß
der  Kaiser  Alexander  sie  ohnedies  mißbilligen  würde  und
daß  eine  entschiedene  Aenderung  der  Dinge  nicht  lange  mehr
        <pb n="580" />
        Zeit  des  rufsischen  Gouvernements.  541

ausbleiben  koͤnne,  und  in  der  eben  so  sichern  Ueberzeugung,
daß  etwaige  Umtriebe  und  Kunstgriffe  sich  vergebens  bemühen
würden,  sein  Volk  ihm  abwendig  zu  machen  und  ihm  dessen
Liebe  zu  entziehen.  Nach  der  Capitulation  von  Paris  und
der  Abdankung  Napoleon's  stattete  der  Kdnig  den  Verbündeten
  schriftlich  seinen  Glückwunsch  ab  und  sprach  die  Hoffnung
für  eine  sofortige  Entscheidung  zu  Gunsten  seiner,  auß.  Aber
auch  diese  Briefe  blieben  unbeantwortet,  und  die  Hoffnungen
wurden  dadurch  eben  nicht  gesteigert.

Das  Gouvernement  suchte  jede  nur  einigermaßen  bethaͤtigte
  Anhänglichkeit  des  sächsischen  Volkes  an  seinen  Koͤ-nig
  zu  unterdrücken  und  nahm  deshalb  sogar  zu  drohenden
Schritten  seine  Zuflucht.  Die  Vaterlands  =  und  Fürstenlicbe
der  Sachsen  hatte  daher  manche  schwere  Prüfung  zu  ertragen,
  die  aber  zum  Ruhme  des  Volks  bestanden  wurde  und
für  die  Zweckmäßigkeit  der  kdniglichen  Regierung  eine  vortheilhafte
  Gewähr  gab.  Dem  eben  so  allgemein,  als  dringend
  ausgesprochenen  Wunsche  gemäß,  versammelten  sich
im  Mai  1814  zu  Leipzig  die  verschiedenen  Stände  des  Landes,
  um  sowohl  über  ihre  eignen  Interessen,  wie  auch  über
die  zweckmäßigsten  Schritte  zur  Wiederkehr  Les  Königs  zu
berathschlagen.  Allein  sie  wurden  in  ihrem  Vorhaben,  eine
Deputation  an  die  verbündeten  Monarchen  abzusenden,  durch
den  in  Leipzig  anlangenden  Generalpolizeidirector  von  Rosen
  gestdrt  und  zur  Untersuchung  gezogen.  Demohngeachtet
hatten  die  Stände  den  Muth,  eine  dahin  zielende  Vorstellung
  an  die  verbündeten  Menarchen  gelangen  zu  lassen,  und
dem  Generalgouverneur  wurde  noch  außerdem  eine  Bittschrift
überreicht,  um  die  Absendung  einer  ständischen  Deputation
an  die  Verbündeten  zu  gestatten,  was  jedoch  Repnin  verweigerte,
  welcher  den  Gouvernementscommissarien  sogar  die
von  den  Ständen  geschehenen  Schritte  als  „aufrührerische
Bewegungen“  schilderte  und  mit  der  Einlegung  eines  russischen.
Armeecorps  von  60,000  Mann  drohte.  Trotz  dieser  und
anderer  Schritte  wurden  von  Seiten  der  Viertelsmeister  und
Stadtrepräásentanten,  desgleichen  von  der  Ritterschaft,  dem
Heere  und  den  Ständen,  Adressen  für  die  baldige  Rückkehr
        <pb n="581" />
        542  Zeit  des  russischen  Gouvernenients.

des  Koͤnigs  und  die  Bewahrung  der  Selbststaͤndigkeit  Sachsens
  erlassen.  Repnin  selbst  entschuldigte  sich  spaͤter,  bei
Niederlegung  seines  Gouvernements,  über  die  von  ihm  nothgedrungen
  der  Regung  der  Volksempfindungen  entgegengesetzten
  Maßregeln,  auf  eine  Weise,  die  seinem  Gefuͤhle
  als  Mensch  Ehre  machte.  Da  alle  seine  bisher  gethanen
  Schritte  erfolglos  blieben,  so  theilte  der  König  von
Sachsen  im  Juli  1814  den  sämmtlichen  europdischen  Mächten
  eine  Denkschrift  mit:  „Darstellung  der  politischen  Handlungsweise
  des  Königs  während  der  letzten  Jahre,“  welche
das  ganze  Verhalten  des  sächsischen  Cabinets  seit  1807  entwickelte
  und  darauf  den  Beweis  gründete:  daß  er,  als
Souverain  und  als  Mitglied  des  deutschen  Staatenvereins,
fortiwaéhrend  der  Dankbarkeit  seines  Volkes  und  dem  Vertrauen
  der  andern  Mächte  nachgestrebt  habe,  daß,  in  der
franzôsischen  Epoche,  er  nur  dem  Drange  der  Umstande  gewichen
  sey,  unbeschadet  der  ihm  stets  heiligen  Grundsätze
des  Volkerrechtes;  daß  er  unter  den  Rheinbundfürsten  die
ersten  unzweideutigen  Schritte  gethan,  sich  den  Verbündeten
zu  nähern,  und  nur  die  Uebermacht  der  Ereignisse  diese
Schritte  vereitelt  habe;  daß  er,  ohne  den  verbündeten  Monarchen
  jemals  als  directer  Feind  zu  begegnen,  ihnen  nur
insofern  militairische  Kräfte  entgegengestellt  habe,  als  unauflbsliche
  Bundespflicht  es  ihm  auferlegt,  und  er  die  ersten
freien  Augenblicke  ergriffen  habe,  ihnen  entgegen  zu  kommen;
daß  er  endlich  während  seiner  Gefangenschaft  den  Monarchen
ein  unbedingtes  Vertrauen  an  den  Tag  gelegt  und  daß  er  und
sein  Volk,  sowohl  rückfichtlich  der  Bersprechungen  der  Verbündeten,
  als  wegen  des  wohl  verstandenen  politischen  Interesse  's
aller  Staaten,  ein  Recht  hätten,  der  unverkürzten  Erhaltung
Sachsens  und  seiner  rechtmäßigen  Dynastie  sich  zu  gewärtigen.
  —  Nachdem  der  erste  Pariser  Friede  nichts  über  Sachsen
  entschieden  hatte,  durfte  man  die  Enrscheidung  der  sachsischen
  FKrage  von  dem  zu  Wien  zu  erbffnenden  Congresse
hoffen.  Hier  nahmen  sich  der  König  Maximilian  von  Baiern
und  der  Herzog  von  Sachsen-Koburg  am  lebhaftesten  der  Wiedereinsetzung
  des  Königs  von  Sachsen  an,  aber  der  von  Letzte-
        <pb n="582" />
        Zeit  des  russischen  Gouvernements.  543

rem  zu  dem  Congresse  bevollmächtigte  Graf  von  der  Schulenburg-Klosterrode
  konnte  vor  dem  Mai  1815  von  den  Congreßmächten
  nicht  die  Anerkennung  seiner  amtlichen  Würde
erlangen.  Außer  der  bereits  gedachten  Denkschrift  erhoben
sich  verschiedene  kräftige  Stimmen  für  die  Sache  des  Konigs
  von  Sachsen,  auch  in  Wien  kamen  zwei  Schriften
zu  seinen  Gunsten  in  Umlauf.  Aber  auch  gegen  ihn  und
seine  Ansprüche  kamen  Schriften  zum  Vorschein,  deren  eine,
freilich  nicht  zur  Ehre  des  Verfassers,  sogar  von  einem  Sachsen
  herrührte.  Mit  besonderem  Eifer  suchte  Lord  Castlereagh,
der  damals  noch  nicht  —  wie  der  Spott  sagte,  ebenfalls
aus  Theilungssucht  —  den  Durchschnitt  seiner  eignen  Kehle
bewerkstelligt  hatte,  das  Messer  an  Sachsen  zu  setzen  und
sein  Antwortschreiben  an  Hardenberg  war  mit  Bitterkeit  gegen
  den  Konig  von  Sachsen  abgefaßt.  Kraftooll  und  umsichtig
  aber  sprach  das  Schreiben  des  Herzogs  von  Sachsen-Koburg
  für  Sachsens  Erhaltung,  als  eine  Bedingung  des
Rechts  und  des  allgemeinen  Interesse,  und  der  Fürst  von
Metternich  erklärte  nicht  nur:  „daß  das  directe  Interesse
Oesterreichs  in  vielen  Hinsichten  an  die  Erhaltung  Sachsens
geknäpft  sey,“  sondern  deutete  auch  auf  die  engen  Familienbande
  zwischen  den  regierenden  Häusern  von  Oesterreich  und
von  Sachsen  hin,  mit  der  würdevollen  Bemerkung:  „daß
die  Ausführung  des  Planes  einer  gänzlichen  Vereinigung
Sachsens  mit  Preußen,  von  Seiten  der  deutschen  Mächte
Mißtrauen  gegen  Preußen  und  Anklagen  gegen  Oesterreich
veranlassen  würde.“  Die  vorläufige  Folge  jener  Verhandlungen
  war,  daß  Rußland  das  Gouvernement  über  Sachsen
an  Preußen  abgab,  und  zwar  mit  einer  Erklärung,  welche
die  gänzliche  Einverleibung  Sachsens  in  Preußen,  auf  eine
vollig  unzweifelhafte  Weise  aussprach:  „daß  nämlich  dadurch
die  Verbindung  Sachsens  mit  Preußen,  welche  ncchstens
auf  eine  noch  sormlichere  und  feierlichere  Weise  werde
bekannt  gemacht  werden,  eingeleltet  und  beide  Voͤlker  gleichsam
  verbunden  werden  solltenz  dasi  ferner  der  König  von
Preußen,  als  künftiger  Landesherr,  erklären  lasse,  wie  er
nicht  gesonnen  sey,  Sachsen  als  eine  Provinz  seinen  Staaten
        <pb n="583" />
        544  Proviforische  Besitznahme  Sachsens  durch  Preußen.

ceinzuverleiben,  sondern  mit  demselben,  unter  dem  Namen
eines  Koönigreiches  Sachsen,  zu  vereinigen  u.  s.  w.“
Die  an  demselben  Toge  (8.  Novbr.)  durch  Repnin  den  sächsischen
  Landständen  zugefertigte  Bekanntmachung  sprach  ohngtfaͤhr
  ein  Gleiches  aus,  auch  wurde  durch  denselben  noch  anbefohlen,
  vom  6.  November  1814  an,  Friedrich  August  und
dessen  Familie  aus  dem  Kirchengebete  wegzulassen  (eine  Verfügung,
  welcher  die  wenigsten  Geistlichen  nachkamen)  und
überhaupt  nur  „für  die  Obrigkeit“  zu  beten;  und  das
preussische  Gouvernement  sprach  bei  seinem  Eintritte  von
keiner  provisorischen  Besitznahme,  sondern  sagte  nur:  daß  die
bièher  von  rusüscher  Seite  geschehene  Besetzung  und  Verwaltung
  Sachsens,  nunmehr  auf  des  Konigs  von  Preußen
Majestät  übergegangen  sey.

Auf  die  Nachricht  von  der  bevorstehenden  prooisorischen
Besitznahme  Sachsens  durch  Preußen,  womit  sich  das  Gerücht
  eines  dem  Könige  anzutragenden  Ländercesatzes  verband,
erließ  derselbe  unter'm  4.  November  1814  von  Friedrichsfelde
aus,  die  sogenannte  „Rechtsverwahrung  des  Kdnigs  von
Sachsen  gegen  die  königlich  preußische  provisorische  Besitznahme
  seiner  Staaten  und  gegen  jede  Verfügung  über  dieselben,“
  welche  der  Graf  von  der  Schulenburg  allen  Congreßmächten
  mittheilte  und  die  ihres,  die  damalige  Lage
Sachsens,  wie  seines  Königs  auf  eine  ergreifende  Weise
charakterisirenden  Inhalts  wegen,  hier  wohl  einen  ungeschmálerten
  Platz  verdient:  „Wir  Friedrich  August  von  G.
G.  König  von  Sachsen,  Herzog  von  Warschau  2c.  Wir
vernehmen  zu  Unserer  tiefen  Bekümmerniß,  daß  von  Seiten
S.r.  Maj.  des  Königs  von  Preußen  zu  einer  provisorischen
Besitznahme  Unserer  sächsischen  Lande  soll  verschritten  werden.
  Unser  fester  Vorsatz,  alle  und  jede  Schicksale  Unsers
Landes  zu  theilen,  Unser  Vertrauen  auf  die  Gerechiigkeit
und  den  Edelmuth  der  verbündeten  Monarchen,  und  Unsere
Absicht,  ihrer  Verbindung  beizutreten,  sobald  es  in  Unserer
Willkühr  stehen  würde,  bestimmten  Uns,  nach  der  Schlacht
bei  Leipzig  die  Sieger  dort  abzuwarten.  Das  verlangte  Gehör
  ward  Uns  aber  versagt,  und  man  noͤthigte  Uns,  das
        <pb n="584" />
        Provisorische  Besitznahme  Sachsens  durch  Preußen.  546

Land  zu  verlassen  und  nach  Berlin  Uns  zu  begeben.  Se.  Maj.
der  Kaiser  von  Rußland  ließ  Uns  jedoch  zu  erkennen  geben,
daß  Unsere  Entfernung  aus  Sachsen  nur  in  militairischer
  Hinsicht  nöthig  sey,  und  Sie  forderten  Uns  zugleich
auf,  Ihnen  ein  unbeschränktes  Vertrauen  zu  widmen.  Auch
erhielten  Wir  von  J.  J.  M.  M.  dem  Kaiser  von  Oesterreich
und  dem  Konige  von  Preußen  unverkennbare  Beweise  von
Ihrer  Freundschaft  und  Theilnahme.  Wir  durften  Uns  daher
  der  Hoffnung  überlassen,  daß  Wir,  sobald  die  militairischen
  Ruͤcksichten  aufgehoͤrt  haben  würden,  in  Unsere  Gerechtsame
  wieder  eingesetzt  und  Unserm  geliebten  Volke  zurückgegeben
  werden  würden.  Wir  konnten  eine  baldige  gläckliche
  Veränderung  Unserer  Lage  mit  desto  größerer  Zuversicht
erwarten,  da  Wir  Unsern  aufrichtigen  Wunsch,  zur  Herstellung
  der  Rechte  und  der  Freiheit  mitzuwirken,  den  verbündeten
  Menarchen  auf  das  Angelegentlichste  zu  erkennen
gegeben  hatten,  und  in  jeder  Uns  möglichen  Maße  bemühet
gewesen  waren,  Unsere  wahre  Ergebenheit  gegen  Ihre  Personen,
  und  Unsere  unverstellte  Anhänglichkeit  an  der  Sache,
welche  der  Zweck  Ihrer  Anstrengungen  war,  an  den  Ta

zu  legen.  Es  gereichte  Uns  daher  zum  empfindlichsten  Schmerze,
als,  nach  dem  Abschlusse  des  Pariser  Friedens,  Unsere  wiederholten
  Bitten  um  die  unverlängerte  Zurückgabe  Unserer
Staaten  keinen  Eingang  fanden,  und  Wir  Unsere  gerechten
Erwartungen  getäuscht,  und  die  Entscheidung  über  Unser  und
Unserer  Lande  theuerstes  Interesse  bis  auf  den  zu  Wien  zu
haltenden  Congreß  auêzgesetzt  sahen.  Doch  weit  entfernt,
den  Gerüchten  Glauben  beizumessen,  die  seit  dem  Pariser
Frieden  über  das,  Unsere  Lande  bedrohende  Schicksal  sich
zu  verbreiten  anfingen,  setzten  Wir  ein  volles  Vertrauen  in
die  Gerechtigkeit  der  verbündeten  Monarchen,  ob  Wir  gleich  die
Ursache  der  Uns  widerfahrenen  Behandlung  nicht  zu  erforschen
vermögen.  Der  große  Zweck  des  so  glücklich  beendigten
Krieges  ist  die  Erhaltung  und  Befestigung  der  rechtmäßigen
Throne  gewesen;  die  dazu  verbündeten  Mchte  haben  es  in
feierlichen  Proclamationen  mehrmals  aukgesprochen,  daß  ihre
Absicht  nur  auf  Wiederherstellung  des  Rechtes  und  der  poa
        <pb n="585" />
        546  Theilung  Sachsens.

litischen  Freiheit  von  Europa,  nicht  auf  Eroberungen  und
Vergroͤßerungen  ausgehe;  es  ist  Sachsen  insbesondere  die
Erhaltung  seiner  Integritaͤt  auf  das  Bestimmteste  zuge—
sichert  worden,  und  von  dieser  macht  die  Erhaltung  seines
Regentenstammes,  gegen  den  die  Nation  ihre  fortwaͤhrende
Anhänglichkeit  und  ihren  einmüthigen  Wunsch  der  Wiedervereinigung
  mit  ihm  öffentlich  kund  gethan  hat,  einen  wesentlichen
  Bestandtheil  aus.  —  Wir  haben  den  Gang  und
die  Gründe  Unsers  politischen  Benehmens  in  der  letztvergangenen
  Zeit  den  großen  Mächten  von  Europa  offen  und  vollständig
  mitgetheilt.  Wir  dürfen  auch  zu  dem  einsichtsvollen
und  gerechten  Urtheile  derselben  das  zuversichtliche  Vertrauen
hegen,  daß  sie  die  Reinheit  Unserer  Absichten  anerkannt,
und  davon,  daß  Unsere  Theilnahme  an  dem  für  Deutschland
unternommenen  Kampfe  nur  durch  die  Lage  Unserer  Lande
und  durch  die  Macht  der  Umstände  behindert  worden  ist,  sich
überzeugt  halten  werden.  —  Die  Unverletzlichkeit  der,  auf
Unsere  angestammten,  nur  durch  rechtmäßige  Erwerbungen
vereinigten  Lande,  Uns  und  Unserm  Hause  zustehenden  Gerechtsame
  liegt  am  Tage;  die  ungesaumte  Wiedereinsetzung
in  diese  Gerechtsame  ist  eine  nothwendige  Folge  davon.  Wir
würden  Unseren  Pflichten  gegen  Unser  Haus  und  gegen  Unser
  Volk  ungetreu  werden,  wenn  Wir  den  gegen  Unsere
Lande,  im  Momente  der  zu  erwartenden  gänzlichen  Räckgabe
derselben,  beabsichtigten  neuen  Maßregeln  stiälschweigend  zusehen
  wollten.  Wir  finden  Uns  daher  durch  die  königlich  preu-Kischer
  Seits  intendirte  provisorische  Besitznahme  Unserer  sächsischen
  Staaten  gedrungen,  Unsere  heiligen  Rechte
gegen  die  Besitznahme  und  gegen  alle  daraus  zu
ziehenden  Folgen  auf  das  feierlichste  zu  verwahren.
  Wir  thuen  dieses  hierdurch,  unter  Unserer  eigenhändigen
  Unterschrift,  vor  dem  Congresse  zu  Wien  und  im
Angesichte  von  ganz  Europa,  und  Wir  wiederholen  dabei
öffentlich  die  gegen  die  verbündeten  Monarchen  schon  früher
gethane  Erklärung,  daß  Wir  in  die  Abtretung  der
von  Unsern  Ahnherren  ererbten  Staaten  niemals
  willigen  und  zur  Annahme  eines  Aequi-
        <pb n="586" />
        Theilung  Sachsens.  547

valents  dafuͤr  Uns  unter  keiner  Bedingung  ver—
stehen  werden.“

Die  Sache  wurde  viel  hin  und  hergezogen.  Die  franzoͤsische
  Gesandtschaft  zu  Wien  nahm  sich  des  Koͤnigs  von
Sachsen  in  einer  trefflich  ausgearbeiteten  Denkschrift  an  den
Congreß,  mit  Waͤrme  an.  Es  wurde  darin  gefragt:  „Wer
sollte  den  König  richten?  Etwa  seine  Ankláger,  oder  die,
welche  von  seiner  Beraubung  Vortheile  ziehen  wollen?  Oder
sollen  ihn  die  Sachsen  richten?  Sachsen  hegt  keinen  andern
Wunsch,  als  ihn  wieder  zu  erhalten.  Oder  Deutschland?
Deutschland  verlangt  vor  allen  Dingen,  daß  der  Konig  in
seine  Rechte  wieder  eingesetzt  werde.  Oder  der  Congreß?
Welcher  zum  Congreß  abgesandte  Minister  ist  dazu  beauftragt?
  Der  Kbnig  ist  nicht  gerichtet  worden,  weil  er  nicht
gerichtet  werden  konnte.  Wie  sollte  er  verurtheilt  seyn?
Sollte  die  Confiscation,  nachdem  sie  aus  den  Gesetzbüchern
aller  aufgeklärten  Vöôlker  gestrichen  worden,  im  neunzehnten
  Jahrhunderte  in  das  allgemeine  Recht  Europa's  eingeführt
  werden?  Oder  wäre  etwa  die  Confiscation  eines  Koͤ-nigreiches
  weniger  empdrend?"““  —  Gleichwohl  wurde  mit
diesen  kraftvollen  Vertheidigungen  mehr  für  die  diplomatische
Ehre,  als  für  die  Sache  selbst  gethan.  Entscheidender  war
die  ernste  Erklärung,  welche  der  größte  deutsche  Staatsmann
dieses  großen  Jahrhunderts,  der  Fürst  von  Metternich,  am
10.  Decbr.  1814  dem  Fürsten  von  Hardenberg  gab,  indem
er  zwar  die  Versicherung  der  wohlwollendsten  Gesinnungen
seines  Kaisers  gegen  Preußen  gab,  zugleich  aber  bemerkte:
daß  die  deutschen  Höfe  erklärt  hätten,  daß  sie  dem  beabsichtigten
  deutschen  Staatenbunde  auf  eine,  ihre  eigene  Sicherheit
  so  sehr  gefährdende  Grundlage,  nicht  beitreten  könnten.  —
Gleichwohl  beharrte  Preussen  in  einer,  zunächst  dem  Kaiser
Alexander  mitgetheilten,  wenige  Tage  später  erfolgenden  Note
Hardenberg'6,  auf  der  gänzlichen  Erwerbung  Sachsens,  weil
nur  dadurch  der  Stand  von  1805  zu  erreichen  sey,  schlug
auch  zugleich  vor,  den  Koͤnig  von  Sachsen,  falls  Münster,
Paderborn  und  Corvey  mit  300,000  Einwohnern  nicht  ausreichend
  seyn  mochten,  durch  „eine  andere,  weit  beträchtlichere,

35  *
        <pb n="587" />
        548  Theilung  Sachsens.

selbst  das  Doppelre  betragende  Besitzung  auf  dem  linken
Rheinufer“  zu  entschädigen.  —  Die  verschiedenartigen  Ansichten
  der  Congreßmächte  über  die  sächsische  Frage  und  über
manchen  andern  Punct  führten  unter  ihnen  zu  großen  Spannungen,
  die  bereits  nahe  waren,  in  offene  Feindseligkeiten
auszubrechen.  Schon  hatte  der  Großfürst  Constantin  cinen
kriegerischen  Aufruf  an  die  Polen  erlassen,  Lord  Castlereagh,
der  um  weniges  früher  Sachsen  ganz  aus  seinen  Fugen
reißen  wollte,  erhielt  von  höherm  Orte  den  Wink,  von  der
gänzlichen  Ueberlassung  Sachsens  an  Preußen  abzustehen,
dergestalt,  daß  dem  Könige  von  Sachsen  mindestens  eine
Million  Einwohner  verbleiben  müßten.  Mitten  unter  diese
gährenden  Meinungen  schlug  Preußens  Erklärung:  daß  man
jeden  weitern  Widerspruch  wegen  Einverleibung  Sachsens
in  den  preußischen  Staat,  als  eine  Kriegserklärung  ansehen
werde.  Dies  hatte  die  Abschließung  eines  geheimen  Allianz-Vertrags
  zwischen  Oesterreich,  Großbritannien  und  Frankreich
zur  Folge.  Diese  gegenseitig  angenommene  ernstere  Miene
führte  die  Mächte  in  ihren  Forderungen  einander  wieder  näher,
  so  daß  Rußland,  statt  des  vollen  Besitzes  des  Herzogthums
  Warschau,  sich  mit  einem  ansehnlichen  Theile  desselben
  begnügte,  und  statt  des  ganzen  Königreichs  Sachsen,
der  Bevèlkerung  nach  zwei  Fünftheile  desselben  an  Preußen
kamen.  Die  gegenseitige  Wiederanndherung  der  Congreßmächte
  ward  zur  vollkommenen  Eintracht,  als  Napoleon  aus
Elba  entfloh,  im  Siegeosturme  seine  Partei  in  Frankreich  um
sich  sammelte  und  schon  am  20.  März  1815  triumphirend
wieder  in  Paris  einzog.  Die  gemeinschaftliche  Gefahr  führte
zum  besten  Einverständniß  zurück;  auf  Sachsens  Schicksal
wirkte  dies  im  Ganzen  wohl  nachtheilig,  indem  man  diese
Sache  nunmehr  mit  größerer  Eile  betrieb  und  sie,  ohne
dem  Kdnige  Zeit  zu  vollständiger  Durchführung  seines  Rechtes
  zu  lassen,  gleichsam  über  das  Knie  brach.  Schon  zu
Anfang  des  Februar  1815  waren  die  Hauptcongreßmächte
darüber  einig  geworden:  daß  Preußen  denjenigen  Theil  von
Sachsen  erhalten  solle,  „welcher  eine  Linie  abschneidet,  nach
welcher  die  Städte  Seidenberg  an  der  böhmischen  Grenze,
        <pb n="588" />
        Thellung  Sachsens.  5#0

Reichenberg  zwischen  Goͤrlitz  und  Bautzen,  Wittichenau,  Ortrand,
  Mühlberg,  mit  dem  geraden  Wege  über  Märzdorf
und  Gröbeln  zwischen  beiden,  Schilda,  Eilenburg,  Schkeuditz,
  Altranstädt,  Lützen  und  der  ganze  Floßgraben  jenseits
der  weißen  Elster  an  Preußen  fallen,  und  die  sich,  das
Stift  Zeitz  einschließend,  bei  der  Stadt  Lucca  im  Altenburgischen
  endigt.  Der  ganze  Neustädter  Kreis,  das  chursächsische
  Henneberg  und  die  sächsischen  Enclaven  im  Reussischen
fallen  auch  noch  an  Preußen.“  Der  Kdnig  von  Sachsen,
vom  Kaiser  Franz  I.  in  die  Nähe  der  Congreßstadt  eingeladen,
  reiste  von  Friedrichsfelde  nach  Preßburg.  Eine  Deputation
  des  Congresses  legte  ihm  am  9.  März  die  beschlossenen
Puncte  vor,  worauf  jedoch  der  sächsische  Minister  Graf  v.
Einsiedel  eine  Note  übergab:  „daß  der  König  die  Gültigkeit
der  Verfügungen  nicht  anerkennen  werde,  welche  ohne  Zuziehung
  seines  eigenen  Bevollmächtigten  getroffen  worden.
Nachdem  der  Konig  seine  Freiheit  wieder  erlangt  habe,  sey
kein  Hinderniß  mehr  vorhanden,  mit  ihm  selbst  zu  unter—
handeln;  man  koͤnne  uͤber  seine  Rechte  ohne  seine  Bewilligung
  nicht  verfuͤgen,  er  werde  nie  zugeben,  daß  man  seine
Staaten  als  erobert  betrachte,  und  fuͤge  dos  Begehren  hinzu,
  daß  der  provisorischen  Regierung  aufgetragen  werden
moͤge,  alle  Maßregeln  einzustellen,  welche  Bezug  auf  die
vorgehabte  Theilung  haben  koͤnnten.  Mit  geruͤhrtem  Herzen
nehme  er  endlich  die  Vermittelung  der  erhabenen  Souveraine
an,  welche  bisher  sich  zu  seinen  Gunsten  verwendet.“  —
Die  Deputation  erklaͤrte  jedoch  in  einer  Gegennote,  daß
jene  Vermittelung  nicht  eher  statt  finden  koͤnne,  bis  der
König  eine  foͤrmliche  Beitrittsurkunde,  ruͤcksichtlich  der  festgestellten
  Abtretungen  und  Bestimmungen,  eingereicht  habe.
Mittlerweile  hatte  Napoleon's  Wiedererscheinen  in  Frankreich
  auf  dem  Congresse  große  Bewegung  veranlaßt.  Die
Noten  wechselten  daher  hastiger  und  man  strebte,  die  Angelegenheiten
  zu  einem  schleunigsten  Abschlusse  zu  bringen.
Die  Bevollmächtigten  der  fünf  Mächte  erklärten  daher  an
Einsiedel:  1.)  „daß  über  die  dem  Könige  von  Sachsen  angesonnenen
  Territorialabtretungen,  vermöge  der  zwischen  den
        <pb n="589" />
        550  Theilung  Sachsens.

Verbuͤndeten  bestehenden  Uebereinkunft,  eine  weitere  Unterhandlung
  durchaus  nicht  statt  finden  koͤnne,  daher  der  Koͤnig  auf
das  dringendste  eingeladen  wuͤrde,  seine  unbedingte  Zustimmung
  zu  derselben  zu  geben;  2)  daß  der  König  in  den  Besitz
  der  ihm  bleibenden  Laͤnder  erst  dann  wieder  eingesetzt
werden  koͤnne,  wenn  er  seine  abzutretenden  saͤchsischen  und
warschauischen  (der  letztern  wurde  hier  zum  ersten  Male  ge—
dacht)  Unterthanen  ihrer  Pflicht  gegen  ihn  werde  entlassen
und  seinen  Beitritt  zu  der  zwischen  den  verbündeten  Mächten
  wider  Napoleon  Bonaparte  geschlossenen  Alllanz  werde
erkldrt  haben.““  Man  verlangte  über  diese  Puncte  in  der
kürzesten  Frist  seine  kategorische  Erklärung,  „weil  der  provisorische
  Zustand  Sachsens  nicht  läünger  dauern  könne.“
Erfolglos  blieben  die  Berathungen,  welche  der  Koͤnig  dieserhalb
  mit  seinen  vornehmsten  Staatsbeamten  anstellte,  eben
so  die  Bitten  der  zu  Wien  erscheinenden  sächsischen  Städtc-Depautationen
  im  Namen  des  sächsischen  Volkes.  Nach  hartem
  Kampfe  mit  sich  selbst  und  in  der  Ueberzeugung  von
der  Fruchtlosigkeit  weitern  Widerstrebens,  erklärte  der  Koͤ—
nig  am  6.  April:  „er  sey,  der  Gewalt  weichend,  zwar
Willens,  sich  in  die  ihm  vorgelegten  Beschlüsse  der  Mächte
zu  fügen,  knüpfe  aber  diese  Zustimmung  an  folgende  Bedingungen.
  Er  wolle  die  Unterthanen  in  den  abgetretenen
Provinzen  und  die  aus  denselben  gebürtigen  Soldaten  des
ihm  geleisteten  Eides  entlassen,  sobald  er,  nach  der  Räumung
des  ihm  verbleibenden  Theiles  des  Königreichs,  dahin  zurückgekehrt
  und  dessen  Regierung  wieder  übernommen  haben  würde.
Ueber  den  Beitritt  zur  erneuerten  Allianz  gegen  Frankreich
wolle  er  sich,  sogleich  nach  der  Unterzeichnung  des,  Sachsen
betreffenden  Vertrages,  erklären.  Endlich  behalte  er  sich,  für
den  zu  erleidenden  Verlust,  eine  verhältnißmäßige  Entschädigung
  vor,  wenn  künftige  Arrangements  und  Mittel  dazu
den  Verbündeten  sich  darbten.“  Die  Gegenerklärung  der
Bevollmächtigten  der  Mächte  aber  bestand  auf  unbedingten
Beitritt,  und  als  der  König  auch  dann  noch  auf  seinen  Bedingungen
  beharren  wollte,  setzte  der  Beschluß  des  Ausschusses
  der  Congreßmächte  „einen  peremtorischen  Termin
        <pb n="590" />
        Theilung  Sachsens.  551

von  fünf  Tagen  fest,  binnen  welchem  Se.  Majestät  zur  Abschließung
  der  gedachten  Beitrittsverträge  Vollmachten  auszustellen
  oder  zu  erwarten  habe,  daß  die  ihm  gemachten  Anträge,
  nach  dem  Ablaufe  dieser  Frist,  ganz  zurückgenommen,
  und  über  die,  nach  den  schon  bestehenden  Verträgen
übrig  bleibenden  Landestheile  anderweit  verfüget  werden
würde.“  Unter  diesen  Umständen  wäre  eine  fortgesetzte
Durchführung  seiner  Rechtsgründe  freilich  nicht  an  ihrem
Platze  gewesen,  und  so  wurde  am  18.  Mai  der  Vertrag
abgeschlossen,  wobei  die  fänf  Mächte  die  Gewährleistung
übernahmen,  daß  der  dem  Könige  verbleibende  Theil  Sachsens
  binnen  15  Tagen  nach  Auswechselung  der  Ratificationen,
  und  die  Verwaltung  des  Landes  dann  sofort  an  die
von  dem  Koͤnige  zu  ernennende  Commission  übergeben  werden
  solle.  Der  Vertrag  erhielt,  auf  das  Verlangen  der
Bevollmächtigten  Oesterreichs,  Rußlands  und  Preußens,  die
Form  eines  Friedensschlusses.

Dies  die  Geschichte  der  Theilung  Sachsens,  die  man
deshalb  hier  mit  einiger  Genauigkeit  darzustellen  noͤthig
glaubte,  weil  der  vielverbreitete  Mangel  der  nähern  Kenntniß
  ihrer  Motioen  zu  mancherlei  schiefen  Urtheilen  über  die
Politik  des  Kdnigs  Anlaß  gegeben  hat  und  weil  diese  Katastrophe
  von  jeher  die  große  historische  Strestfrage  über  sein
Handeln  und  Wirken  gewesen  ist.  Dem  Könige  wurde  oft
zum  Vorwurfe  gemacht,  was  doch  nur  die  unberechenbare
Folge  einer  ungeheuren,  mit  keinem  frühern  Maße  zu  messenden
  Seit  war,  die  anfangs  in  ihren  kühnen  Schdpfungen
eben  so  Überraschend,  als  spater  in  der  Vernichtung  ihrer
cignen  Ausgeburten  ungestüm  und  unaufhaltsam  war.  Ein
verworrenes  Gewebe  von  Zufaͤllen  und  Verhältnissen  stürzte
Sachsen  aus  dem  Morgentraume  einer  mächtigen  und  reichen
Zukunft  in  die  bange  Nacht  der  Zerstückelung.  Selbst  Redlichgesinnte
  fählten  sich  damals  zu  dem  trügerischen  Wunsche
versucht,  daß  Sachsen,  ehe  es  die  Leiden  einer  Theilung  erfahre,
  lieber  ganz  unter  fremde  Hoheit  kommen  moͤge.
Aber  wer  würde  jetzt,  wo  Sachsen  sich  glücklich  von  dem
schweren  Kampfe  erholt  und,  neben  der  geretteten  und  ver-
        <pb n="591" />
        552  Theilung  Sachsens.

mehrten  Selbstständigkeit,  sich  unverkennbar  einem  neuen
Höhepuncte  seines  Wohlstandes  nähert,  noch  senen  Wunsch
verwirklicht  wissen  wollen?  Und  wer  könnte  es  einem  Fursten
  verargen,  der,  liebend  seinem  Volke  ergeben,  sich,  in
der  Unmoglichkeit,  es  ganz  zu  behaupten,  wenigstens  einen
Theil  desselben  zu  erhalten  strebt?  Die  Berufung  auf  die
biblische  Mutter,  welche  ihr  Kind  lieber  der  Gegnerin  überlassen,
  als  es  durch  das  Schwert  getheilt  wissen  wollte,
würde  verungläcken,  da  das  Leben  eines  Volkes  nicht  das
organische  eines  Kindes  ist  und,  unter  einer  weisen  Regserung,
  auch  einem  abgerissenen  Landestheile  eine  innere  Gesammtheit,
  ein  selbstständiger  Lebensgeist  einzufloͤßen  ist,  wozu
  Sachsen  selbst  das  Beispiel  lieferte.

Der  soldatische  Geist  hatte  sich  nicht  so  ruhig  den,  mit
der  provisorischen  Regierung  eintretenden  Beschränkungen  zu
sügen  vermocht,  als  der  mehr  passive  Bürgersinn;  vielmehr
hatten  Bewegungen  statt  gesunden,  die  zu  beklagenswerthen
Scenen  Anlaß  gaben.  Die  Nachricht  von  den,  durch  Burgerschaft
  und  Stände  an  die  Verbündeten  erlassenen  Avressen,
  wegen  Wiederherstellung  des  Königs  veranlaßte  die
Offiziere  der  sächsischen  Armee  zu  einem  gleichen  Schritte.
Der  General  Kleist  von  Nollendorf,  dem  diese  Adressen  zugesendet
  wurden,  nahm  solche  sehr  übel  auf  und  verfügte  sogar
  die  Versetzung  des  Gencrallieutnants  von  Le  Coq  und
des  Obersten  von  Zezschwitz  Dies  hatte  die  Erklärung  des
Generals  von  Liebenau,  mit  sämmtlichen  sächsischen  Reiteroffizieren
  der  Bestimmung  des  Generals  Le  Coq  folgen  zu
wollen,  zur  Folge;  zugleich  weigerten  sich  auch  die  Truppen,
den  Rhein  zu  überschreiten.  Wegen  der,  in  einzelnen  Ausdrücken
  veränderten  Adressen  ließ  Repnin  das  Mißfallen  des
Kaisers  von  Rußland  erkldren.  Im  Februar  1815  gelangte
die  Nachricht  der  vom  Congresse  festgestellten  Theilung  Sachsens,
  zu  dem  sächsischen  Heere,  dessen  Hauptauartier  Lüttich
geworden  war;  die  Officiere  befragte  man,  „welchem  Herrn
sie  in  Zukunft  dienen  wollten  „“  mit  der  Bemerkung,  daß
jedem  Offiziere  nach  seinem  Patente,  eine  Anstellung  in
preussischen  Diensten  gesichert  bleibe.  Aber  kaum  der  vierte
        <pb n="592" />
        Theilung  Sachsens.  553

Theil  dersenigen  Offiziere,  deren  Geburtsorte  bei  der  bevorstehenden
  Theilung  an  Preußen  kommen  sollten,  erklärten
sich  für  den  preußischen  Dienst.  Die  Offiziere  der  Reiterei
verlangten,  vor  Abgabe  ihrer  Erklärung,  den  Befehl  ihres
Konigs  zu  sehen,  der  sie  ihret  Eides  entbände.  Da  Thielmann
  keinen  solchen  Befehl  aufweisen  konnte,  so  ward  das
Vernehmen  noch  übler.  Der  König  von  Sachsen,  den  man
fragte,  wie  das  sächsische  Corps  sich  zu  verhalten  habe  7  erklärte:
  „den  Bestimmungen  zu  folgen,  welche  von  den  Befehlshabern
  der  alllirten  Mächte  gegeben  werden  dürften.“
Von  preußischer  Seite  aber  erging  an  den  Feldmarschal.
Blücher  die  Verordnung:  aus  sämmtlichen  Regimentern  des
sachsischen  Armeecorps  zwei  Brigaden  zu  bilden,  wovon  die
erste  hauptsächlich  aus  Soldaten  der  künftig  zu  Preußen  gehörenden
  Provinzen,  die  zweite  aber  der  Mehrzahl  nach  aus
Soldaten  derjenigen  Provinzen  bestünde,  die  dem  Koͤnige
von  Sachsen  verbleiben  sollten.  Abgesehen,  daß  diese  Ordre
nicht  besagte,  inwiefern  diese  Beschlüsse  auch  die  Genehmigung
  des  Konigs  von  Sachsen  hätten,  ward  sie  von  Blächer
auch  noch  dahin  ausgedehnt,  daß  nicht  ganze  Regimenter
und  Lataillone  zu  den  bestimmten  Brigaden  stoßen,  sondern
die  einzelnen  Mannschaften  nach  Maßgabe  ihrer  Geburtsorte
und  der  gezogenen  Theilungslinie  geschieden,  mithin  ganz
neue  Regimenter  gebildet  werden  sollten.  Dies  erweckte  unter
  dem  sächsischen  Militair  große  Gährung.  Die  Soldaten,
welche  sahen,  wie  alle  ihre  Offiziere  zu  dem  General  von
Gneisenau  gingen,  wurden  gegen  diese  selbst  mistrauisch,
und  es  kam  zu  Gemurre,  ja  sogar  zu  Thätlichkeiten.  Blächer
  war  genöthigt,  insgeheim  Lüttich  zu  verlassen,  und  befahl,
  daß  die  Sachsen  nach  verschiedenen  Richtungen  aus
dem  Orte  marschiren  sollten.  Die  Garde  kam  unter  Schwierigkeiten
  dem  Befehl  nach;  zwei  Grenadierbataillone  aber
verlangten  durchaus,  der  Garde  zu  folgen,  kehrten  nach  dem
Abmarsche  eipenmächtig  wieder  um  und  bezogen  einige  Dörfer
  bei  Namur.  Hier  wurden  sie  von  zahlreichen  preußischen
  Truppen  mit  Kanonen  umzingelt,  entwaffnet,  dem
Gardebataillone  seine,  von  der  Königin  von  Sachsen  selbst
        <pb n="593" />
        554  Der  Friede  zwischen  Sachsen  und  Preußen.

gestickte  Fahne  verbrannt,  sechs  Grenadiere  aber  und  ein
Tambour  erschossen.  Die  entwaffneten  Truppen  brachte  man
als  Gefangene  über  Wesel  nach  Magdeburg.

Am  18.  Mai  1815  wurde  von  den  beiderseitigen  Bevollmächtigten
  der  Friede  zwischen  Sachsen  und  Prrußen  in  25.
Artikeln  abgeschlossen,  uud  am  21.  vom  Kdnige  von  Sachsen
  ratificirt.  Der,  die  Abtretung  behandelnde  zweite  Artikel
besagte  wörtlich:  „Se.  Maj.  der  König  von  Sachsen  entsagen
  auf  ewige  Zeiten,  für  Sich  und  alle  Ihre  Nachkommen
zu  Gunsten  Sr.  Maj.  des  Königs  von  Preußen,  allen
Rechten  und  Ansprüchen  auf  die  hierndchst  angegebenen  Provinzen,
  Districte  und  Gebiete  oder  Gebietstheile  des  Königreichs
  Sachsen,  und  Se.  Maj.  der  König  von  Preusfsen
werden  diese  Länder  in  aller  Souverainität  und  mit  allem
Eigenthumerechte  besitzen  und  dieselben  mit  Ihrer  Monarchie
vereinigen.  —  Die  dergestalt  abgetretenen  Districte  und
Gebiete  werden  von  dem  übrigen  Königreiche  Sachsen  durch
eine  Linie  getrennt  werden,  welche  fernerhin  die  Linie  zwischen
  den  beiden  Gebieten  von  Sachsen  und  Preussen  bilden
wird,  so  daß  alles,  was  innerhalb  der  durch  diese  Linie
gebildeten  Abgrenzung  begriffen  ist,  an  Se.  Maj.  den  König
  von  Sachsen  zurückfällt,  und  daß  dagegen  des  Königs
von  Sachsen  Maj.  auf  alle  Districte  und  Gebiete  Verzicht
leisten,  welche  ausserhalb  dieser  Linie  liegen  und  Ihnen
vor  dem  Kriege  gehdrt  haben  mochten.  —  Diese  Linie
wird  anheben  von  der  böhmischen  Grenze  bei  Wiese,  in
der  Gegend  von  Seidenberg,  indem  sie  daselbst  dem
Flußgebiete  des  Baches  Wittich  bis  zu  seinem  Einflusse
in  die  Neiße  folgt.  Von  der  Neiße  wird  sie  sich  an  den
Eigenschen  Kreis  wenden,  indem  sie  zwischen  Tauchrik,  das
an  Preußen  kommt,  und  Bertöhoff,  das  Sachsen  behält,
durchgeht;  sodann  wird  sie  der  nördlichen  Grenze  des  Eigenschen
  Kreises  folgen  bis  zu  dem  Winkel  zwischen  Paulsdorf
  und  Obersohland;  von  da  wird  sie  wester  gehen  bis
zur  Grenze,  welche  den  Görlitzer  Kreis  von  dem  Baußner
Kreise  trennt,  so  daß  Ober-,  Mittel=  und  Niedersohland,
        <pb n="594" />
        Der  Friede  zwischen  Sachsen  und  Preußen.  555

Olisch  und  Radewitz  bei  Sachsen  verbleiben.  Die  große
Poststraße  zwischen  Görlitz  und  Baußen  wird  bis  an  die
Grenze  der  beiden  genannten  Kreise  preußisch  seyn.  Sodann
wird  die  Linie  der  Grenze  des  Kreises  folgen  bis  Dubrauke,
hierauf  sich  über  die  Höhen  zur  Rechten  des  Löbauer  Wassers
  ziehen,  so  daß  dieser  Bach  mit  seinen  beiden  Ufern  und
und  den  daran  gelegenen  Ortschaften  bis  Neudorf,  mit
Einschluß  des  Dorfes  selbst,  bei  Sachsen  verbleiben.  —
Diese  Linie  wendet  sich  hierauf  über  die  Spree  und  das
Schwarzwasser,  Libka,  Hermsdorf,  Ketten  und  Solchdorf
werden  preußisch.  Von  der  schwarzen  Elster  bei  Solchdorf
wird  man  eine  gerade  Linie  ziehen  bis  zur  Grenze  der  Hercschaft
  Königsbrück  bei  Großgräbchen.  Diese  Herrschaft  verbleibt
  bei  Sachsen  und  die  Linie  folgt  der  nordlichen
Grenze  dieser  Herrschaft  bis  zur  Grenze  des  Amtes  Großenhayn
  in  der  Gegend  von  Ortrand.  Ortrand  und  die
Straße  von  diesem  Orte  über  Merzdorf,  Stolzenhayn
und  Gröbeln  nach  Mühlberg  mit  allen  Ortschaften,  durch
welche  diese  Strasse  geht,  gelangen  dergestalt  an  Preuben,
  daß  kein  Theil  der  genannten  Straße  ausserhalb
des  preußischen  Gebietes  bleibt.  Von  Gröbeln  an  wird  die
Grenze  bis  zur  Elbe  bei  Fichtenberg  gezogen  werden  und  der
des  Amtes  Möühlberg  folgen.  Fichtenberg  wird  preußisch.
Von  der  Elbe  bis  zur  Grenze  des  Stiftes  Merseburg  wird
die  Linie  auf  die  Weise  bestimmt  werden,  daß  die
Aemter  Torgau,  Eilenburg  und  Delitzsch  preußisch  werden,
  die  Aemter  Oschatz,  Wurzen  und  Leipzig  hingegen  bei
Sachsen  verbleiben.  Die  Linie  wird  den  Grenzen  dieser
Aemter  solgen,  indem  sie  jedoch  einige  Enclaven  und  halbe
Enclaven  abschneidet.  Die  Straße  von  Möhlberg  nach
Eilenburg  wird  ganz  auf  dem  preußischen  Gebiete  seyn.  —
Von  Podelwitz,  welches  zu  dem  Amte  Leipzig  gehört  und
bei  Sachsen  verbleibt,  wird  die  Linie  das  Stift  Merseburg
dergestalt  durchschneiden,  daß  Breitenfeld,  Hainichen,  Großund
  Klein-Dölz,  Markranstädt  und  Knaut-Naundorf  bei
Sachsen  verbleiben,  Modelwitz,  Schkeuditz,  Klein  =  Liebenau,
  Altranstädt,  Schköhlen  und  Zietschen  an  Preußen
        <pb n="595" />
        556  Der  Frlede  zwischen  Sachsen  und  Preußen.

fallen.  Von  da  an  wird  die  Linie  das  Amt  Pegau  zwischen
dem  Floßgraben  und  der  weißen  Elster  durchschneiden.  Der
erstere  wird  von  dem  Puncte  an,  wo  er  sich  unkerhalb  der
Stadt  Crossen,  die  zu  dem  Amte  Haynsburg  gehbrt,  von
der  weißen  Elster  trennt,  bis  zu  dem  Puncte,  wo  er  sich
unterhalb  der  Stadt  Merseburg  mit  der  Saale  vereinigt,
in  seinem  ganzen  Lause  zwischen  diesen  beiden  Städten  mit
seinen  beiden  Ufern,  zu  dem  preußischen  Gebiete  gehören.
Von  da,  wo  die  Grenze  an  die  des  Stiftes  Zeitz  stößt,  wird
sie  dieser  folgen,  bis  zu  der  altenburgischen  Grenze  bei  Lucca.
  —  Die  Grenze  des  Neustädter  Kreises,  der  ganz  an
Preußen  übergeht,  bleibt  unverändert.  Die  voigtländischen
Enclaven  im  Reußischen,  nämlich  Gfell,  Blintendorf,
Sparenberg  und  Blankenberg,  sind  in  dem  Antheile
Preußens  begriffen.“  Die  übrigen  Artikel  bestimmten:  um
nirgend  ein  Privateigenthum  zu  verletzen,  sollen  von  preußischen
  und  sächsischen  Commissarien  die  Länder,  welche  nach
diesem  Vertrage  einen  andern  Souverain  bekommen,  abgegrenzt,
  und,  nach  Beendigung  ihrer  Arbeit,  Karten  entworfen
und  Grenzpfähle  errichtet  werden.  Die  an  Preußen  übergehenden
  sächsischen  Provinzen  und  Districte  werden  den
Namen:  Herzogthum  Sachsen,  erhalten,  der  König  von
Preußen  noch  den  Titel  eines  Herzogs  von  Sachsen,  Landgrafen
  von  Thüringen,  Markgrafen  der  belden  Lausitzen  und
Grafen  von  Henneberg  führen.  Die  nicht  an  Preußen  übergehenden
  sächsischen  Provinzen  und  Gebiete  sollen  binnen
15  Tagen  vom  Tage  der  Auswechselung  der  Ratificatsonen
an,  von  den  preußischen  Truppen  gerdumt  und  den  sachsischen
  Behörden  übergeben  werden.  Durch  besondere  Commissionen
  wird  sofort  die  Auseinandersebung,  wegen  der
Archive,  Schulden,  Kassen,  Rückstände,  Kassenbillers,  des  Eigenthumes
  der  offentlichen  Anstalten  und  frommen  Stiftungen
  der  Armee,  Artillerie  und  Kriegsvorräthe  begonnen  werden.
Bei  dem  Heere  folgen  alle  Militairpersonen,  welche  nicht
Offizierrang  haben,  derjenigen  der  beiden  Regierungen,  für
welche  der  Geburtsort  sie  bestimmt.  Die  vom  Offizierrange,
ingleichen  die  Feldprediger  und  Wundärzte,  und  die  weder  in
        <pb n="596" />
        Der  Friede  zwischen  Sachsen  und  Preußen.  557

Sachsen  noch  in  Preußen  Geborenen  haben  sich  den  Dienst
frei  zu  wählen.  Die  Schulden  ungetheilter  Provinzen  bleiben
  auf  diesen  haften,  die  der  getheilten  folgen  den  Einkünften,
  auf  welche  sie  fundirt  sind,  oder  hätten  fundirt  werden
sollen.  Ein  Gleiches  gilt  von  den  ausstehenden  Forderungen.
Die  von  der  Centralsteuer  eingegangenen  Verpflichtungen
haben  beide  Theile  zu  vertreten.  Die  Kassenbillets  übernehmen,
  nach  dem  Großenverhältniß  der  beiden  Landestheile,
beide  Fürsten.  Preußen  verspricht,  Alles,  was  das  Eigenthum
  und  das  Interesse  der  beiderseitigen  Unterthanen  betrifft,
  nach  den  liberalsten  Grundsätzen  bestimmen  zu  lassen,
besonders  hinsichtlich  solcher  Individuen,  welche  Besitzungen
unter  beiden  Regierungen  behalten,  wie  auch  des  Leipziger
Handels  u.  s.  w.  Den  Einwohnern  der  abgetretenen,  wie
der  übrigen  Provinzen  steht  es  frei,  aus  einem  Gebiete  in
das  andere  auszuwandern,  jedoch  mit  Vorbehalt  der  Militairpflichtigkeit,
  und  ihr  Vermoͤgen  herauszuziehen,  ohne  zu
einem  Abzugsgelde  verpflichtet  zu  seyn.  Der  Kaiser  von
Oesterreich,  als  Vermittler  dieser  Auseinandersetzungen,  wird
einen  bevollmächtigten  Commissarius  zu  den  Arbeiten  der  ernannten
  Commission  mitwirken  lassen.  Die  Gemeinden,
Corporationen,  frommen  Stiftungen  und  Unterrichtsanstalten
behalten,  unter  allen  Verhältnissen,  ihre  Besitzungen  und
Einkünfte.  Die  von  dem  Wiener  Congreß  angenommenen
allgemeinen  Grundsätze  für  die  freie  Schiffahrt  auf  den  Flüssen,
  werden  auch  der  Commission  zur  Richtschnur  dienen.
Preußen  verpflichtet  sich,  der  sächsischen  Regierung  jahrlich
150,000,  auf  Verlangen  auch  bis  zu  250,000  Centner  Salz
ohne  Ausgangszoll  und  zu  einem  Preise  zu  liefern,  welcher,
ohne  für  die  sächsischen  Unterthanen  den  gegenwärtigen  Verkauföpreis
  zu  erhdhen,  dem  Konige  von  Sachsen  den  Genuß
einer,  der  früheren  moͤglichst  nahe  kommenden  Salzsteuer
sichert.  Auch  Eetraide,  Brennmaterialien,  Bauholz,  Kalk,
Schiefer,  Möhlsteine,  Ziegeln  u.  s.  w.  sollen  von  Ausfubrzoͤllen
  frei  bleiben.  Kein,  in  einem  der  beiden  Theile
Sachsens  wohnhaftes  Individuum  soll,  wegen  politischen
oder  kriegerischen  Antheils  an  den  Ereignissen  des  am  30.  Mai
        <pb n="597" />
        558  Der  Friede  zwischen  Sachsen  und  Preußen.

1814  beendigten  Krieges,  einer  Untersuchung,  Kraͤnkung  oder
Verfolgung  unterworfen  seyn.  Der  Koͤnig  von  Sachsen  entsagt
  fuͤr  sich,  seine  Nachfolger  und  die  Prinzen  seines  Hau—
ses,  allen  Anspruͤchen  an  das  Herzogthum  Warschau  und  er—
kennt  die  Souverainitaͤtsrechte  uͤber  dieses  Land  an,  wie  sie
durch  den  Wiener  Vertrag  vom  3.  Mai  festgesetzt  wurden,
und  giebt  die  Archive,  Karten,  Plane  und  sonstige  dem  Her—
zogthume  Warschau  zugehoͤrige  Urkunden  zuruͤck.  Dagegen
ist  er,  hinsichtlich  der  Schulden  dieses  Herzogthums,  aller
Verantwortlichkeit  und  aller  Verpflichtungen  entbunden.  Die
aus  den  saͤchsischen  Kassen  in  das  Herzogthum  Warschau
geflossenen  2,550,193  Gulden,  welche  Sachsen  reclamirte,
sollen  durch  die  von  Oesterreich,  Rußland  und  Preußen  nie—
derzusetzende  Liquidationscommission,  bei  welcher  auch  Sachsen
  einen  Commissarius  accreditiren  kann,  zur  Berichtigung
vorgenommen  werden.  Dies  der  wesentliche  Inhalt  der  übrigen
  wichtigern  Artikel.

Sachsen  verlor,  nach  moglichst  genauer  Berechnung,
durch  diese  Abtretung  3673  □  M.  und  864,400  Einwohner,
und  behielt  in  dem  ihm  gebliebenen  grössern  Theile  des  Meißner,
  Leipziger  und  Voigtländischen  Kreises  und  der  Oberlausitz,
  sowie  in  dem  ganzen  Erzgebirgischen  Kreise,  auf  einem
Flächenraume  von  271  Geviertmeilen,  eine  1,182,/140  Seelen
  starke  Bevölkerung.

An  die  Bewohner  des  abgetretenen  Theiles  von  Sachsen
erließ  der  König  einer  traurigen  Pflicht  gemäß,  am  22.  Mai
einen  Abschied:  „Meine  Bemühungen,  so  schmerzliche  Opfer
abzuwenden,  sind  vergeblich  gewesen.  Ich  soll  von  Euch
scheiden,  und  das  Band  muß  getrennt  werden,  das  durch
Eure  treue  Anhänglichkeit  Mir  und  Meinem  Hause  so  theuer
war,  und  auf  welches  seit  Jahrhunderten  das  Glück  Meines
Hauses  und  Eurer  Voreltern  sich  gründete.“  Zugleich  entließ
  er  sie  ihrer  Pflichten  gegen  ihn  und  sein  Haus  und  empfahl
  ihnen  Treue  und  Gehorsam  gegen  ihren  neuen  Landesherren.
  Am  27.  März  1815  trat  er  auch  dem  Bunde
        <pb n="598" />
        Der  Friede  zwischen  Sachsen  und  Preußen.  559

gegen  Napoleon  bei  und  verpflichtete  sich,  8000  Mann  Linientruppen
  und  eine  gleiche  Anzahl  Landwehr  zu  stellen,
und  am  8.  Juni  unterzeichnete  fuͤr  ihn  der  Geheimerath  von
Globig  die  deutsche  Bundesacte,  wobei  Sachsen  in  der  engern
  Bundesversammlung  eine  Virilstimme,  im  Plenum
aber  vier  Stimmen  zugestanden  erhielt.
        <pb n="599" />
        Vierte  Abtheilung.

Sachsen  in  seiner  neuen  Gestalt  bis  zu  dem  Tode
des  Koͤnigs  Friedrich  August,  5.  Mai  1827.

—

Nachdem  am  5.  Juni  1815  das  preußische  Gouvernement
sich  nach  Merseburg  zuruͤckgezogen  hatte,  kehrte  am  7.  Juni
Friedrich  August  nach  Dresden  zuruͤck.  Die  Sachsen,  von
jeher  von  einer  außerordentlich  treuen  Anhänglichkeit  an
ihr  Fürstenhaus  beseelt,  feierten,  auf  jedem  Wege,  den  der
Wiederkehrende  nahm,  seine  Rückkunft  durch  tausend  Zeichen
der  Liebe  und  Verehrung.  Das  Ungluck  —  dieser  ernste
Hohepriester  des  Menschenlebens,  immer  bestimmt,  ihm  die
höbere  Weihe  zu  geben  —  hatte  um  das  Haupt  des  ehrwürdigen
  Fürsten  einen  neuen  Nimbus  gebreitet,  den  das
Glack  glänzender,  aber  nicht  ächter  und  dauernder  hätte  spenden
  können,  und  Friedrich  August,  obgleich  nicht  lebhafter
Aeusserungen  seines  Gefühles  fähig,  mochte  darum  nicht
minder  tief  empfinden,  daß  auf  dem  Altare  der  Geschichte
die  Segenswünsche  cines  weinenden  Volkes  eine  noch  helligere
  Bedeutung  haben,  als  das  Jubelgeschrei  eines  von  den
statterhaften  Schwingen  des  Glückes  umrauschten.

Es  konnte  nicht  fehlen,  daß,  mitten  in  der  schönen  Gesammtheit
  der  Volkstreue  und  Standhaftigkeit,  auch  Einzelfälle
von  Wankelmuth  oder  Eigennutz  untergelaufen  waren.  Friedrich
  August,  zu  umsichtig,  als  daß  ihm  dergleichen  entgangen
  wäre,  blickte  schonend  darüber  hin.  Gleiche  Duldung
        <pb n="600" />
        Friedrich  August's  Rückkehr.  561

fanden  abweichende  politische  Ansichten  vor  ihm,  ohne  daß
ihn  dies  zur  Gleichgiltigkeit  gegen  diejenigen,  welche  in  der
Zeit  des  Ungluͤcks  und  der  Ungewißheit  ihre  unerschuͤtterliche
Treue  bewaͤhrten,  verfuͤhrt  haͤtte.  Seinen  Dank  sprach  das
am  7.  Juni  erscheinende  Patent  auf  eine  ruͤhrende  Weise
aus:  „Euer  Koͤnig,  ihr  Sachsen,  ist  in  eure  Mitte  zurückgekehrt;
  zwar  tiefgebeugt  von  den  Leiden,  die  Ihn  und  euch
zeither  betroffen  haben,  und  durchdrungen  von  dem  Schmerze
der  Trennung,  die  einen  großen  Theil  Seiner  treuen  und
geliebten  Unterthanen  Ihm  entrissen  hat;  aber  nicht  ohne
den  Trost,  den  Ihm  das  Vertrauen  auf  die  Liebe  und  den
Sinn  des  ihm  uͤbriggebliebenen  Volkes  gewaͤhrt.  Ihr  habt
das  Unvermeidliche  ruhig  ertragen;  ihr  habt  unter  allen  Ereignissen,
  die  euch  niederdruͤckten,  den  Sinn  fuͤr  Recht  und
Pflicht  in  euch  lebendig  erhalten;  ihr  habt  eure  Anhänglichkeit
  an  Uns  vor  den  Augen  von  ganz  Europa  laut  und  unzweideutig
  ausgesprochen.  Wie  sollten  wir,  bei  dem  Gelsste,
der  euch  belebt,  bei  den  Gesinnungen,  die  ihr  gegen  Uns  zu
Tage  gelegt  habt,  Uns  nicht  der  beruhigenden  Zuversicht
überlassen,  daß  es  Uns  unter  dem  Beistande  Gottes  durch
Unsere  und  eure  vereinigten  Ansirengungen  gelingen  werde,
die  tiefen  Wunden  nach  und  nach  zu  heilen,  die  das  Unglück
  der  Zeit  euch  geschlagen  hat,  und  Wohlstand  und  Zufriedenheit
  wieder  unter  euch  zu  verbreiten.“  Zuglesch  forderte
  er  seine  Unterthanen  auf,  zur  Erleichterung  der  unabwendlichen
  Lasten,  welche  die  von  neuem  drohende  Stdrung
der  dffentlichen  Ruhe  mit  sich  führen  konne,  nach  Kräften
mit  hinzuwirken.  Die  in  der  Verfassung,  den  Gesetzen  und
Einrichtungen  des  Landes  von  den  zeitherigen  Gouvernements
verfügten  Abänderungen  sollten  sorgfältig  geprüst,  und  nach
Umständen  beibehalten  oder  aufgehoben  werden.  Der  sächsischen
  Nationalcocarde  bestimmte  der  Konig  die  weiße  Farbe
mit  grünem  Rande,  und  am  12.  August  unterzeichnete  er
die  Statuten  des  von  ihm  neugestifteten  Civil  -Verdienstordens;
  an  die  Spitze  des  Ordensrathes)  trat  der  Minister  Graf
von  Einsiedel.

Nach  seinem  Beitritte  zu  dem  Bunde  gegen  Napoleon,
XII.  Heft.  36
        <pb n="601" />
        502  Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

zu  einem  Contingent  von  16,000  Mann  verpflichtet,  fand
Friedrich  August  sein  Land  in  einem  zu  erschdpften  Zustande
wieder,  um  diese  Militairmacht  aus  dessen  unmittelbaren
Mitteln  herzustellen.  Er  schloß  daher  zum  ersten  Male  einen
  Subsidienvertrag  mit  England,  worauf  das  säüchsische
Heer,  unter  dem  Oberbefehle  des  Herzogs  von  Koburg  und
geführt  von  Le  Coq,  begleitet  von  den  sächsischen  Prinzen
Friedrich  und  Clemens,  gegen  Frankreich  aufbrach.  Nachdem
  die  Schlacht  von  Waterloo  Napoleon's  Macht  aus's
Neue  und  für  immer  daniedergeschmettert  hatte,  blieben  von
dem  sächsischen  Heere  nur  noch  5000  Mann  in  Frankreich
bei  dem  Beobachtungsheere  unter  Wellington  zurück.  Von
den  700  Millionen  Franken,  welche  Frankreich  als  Entschädigung
  an  die  Verbündeten  zahlte,  erhielt  Sachsen  einen
Antheil  von  6,804,746  Franken  311  Centimen,  womit  der
Mehraufwand  bei  dem  Heere  von  1816  an  bestritten  wurde.
Am  14.  Juli  1816  trat  der  König  dem  von  den  Herrschern
von  Oesterreich,  Rußland  und  Preussen  gestifteten  heiligen
Bunde  bei.

Vielleicht  hätte  diese  Zeit,  wo  Sachsen  ja  doch  einmal
von  den  meisten  Seiten  eine  Wiedergestaltung  erfahren  mußte,
noch  besser  zu  zweckmäßigen  Umbildungen,  zum  gemeinschaftlichen
  Ausschleisen  mancher  durch  Alter  und  Abnutzung  eingerissenen
  Scharten  und  Unförmigkesten,  angewendet  werden
konnen,  und  beinahe  durchgängig  hatte  man  sich  in  dieser
Hinsicht  mehr  erwartet,  als  wirklich  geschah.  Es  wäre  hier,
wo  nothwendig  die  Hand  an  Vieles  gelegt  werden  mußte,
nur  ein  unbedeutender  Zuschuß  von  Kraftanwendung  erforderlich
  gewesen,  um  Manches  noch  näher  in  die  Zeit  einzupassen
und  abzurunden,  und  sicher  würde  dadurch  der  kommenden
Zeit  zweckmäßig  in  die  Hände  gearbeitet,  der  jähe  Sprung
zu  dem  Neuen,  zu  welchem  sie  sich  vor  unsern  Augen  entschließen
  mußte,  ihr  erspart  und  mehr  in  einen  allmdligen
und  natürlichen  Uebergang  verwandelt  worden  seyn.  Aber
einmal  mochte  Friedrich  August  wissen,  daß  rasche  Neuerungen
  überhaupt  nicht  in  der  Natur  seines  Landes  lagen,
theils  war  er  ihnen  auch  für  seine  eigne  Person  ziemlich
        <pb n="602" />
        Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.  563

abhold,  und  so  geschah  es,  daß  man  bei  dieser  neuen  Gestaltung
  allerdings  zu  mancher  altern  Form  zurückkehrte,  die
bereits  ziemlich  vom  Wege  ablag  und  mit  dem  durch  die  ereignißvolle
  Zeit  herbeigeführten  veränderten  Stande  der
Dinge  in  mehrfachem  Contrast  stand.  Dies  zeigten  auch
die  vorgenommenen  Veränderungen  in  den  Landesbehörden,
die,  obgleich  in  mehr  als  einer  Rücksicht  entsprechend  und
ersprießlich,  doch  immer  einem  gewissen  innern  Abschlusse
noch  fern  blieben.

Da  durch  die  bestandenen  Abtretungen  der  Wirkungskreis
  des  geheimen  Consiliums  sich  beschränkt  hatte,  so  wurde,
  an  dessen  Stelle,  am  6.  Oct.  1817  der  neu  organisirte
geheime  Rath  begründet,  welche  oberste  Staatsbehbrde  hauptsächlich
  zur  Berathung  des  Regenten,  und  zwar  verfassungsmässig,
  in  allen  die  Landesverfassung,  Gesetzgebung  und  allgemeinen
  Verwaltungseinrichtungen  betreffenden  Angelegenheiten,
  so  wie  im  Uebrigen  nach  landesherrlichem  Gutbefinden
  bestimmt  seyn  sollte.  Die  bisher  vom  geheimen  Consilium
  geführte  Oberaufsicht  sollte  dieses  neue  Collegium,  und
zwar  in  nunmehriger  Ausdehnung  auf  die  gesammte  dffentliche
  Verwaltung,  bekommen  und  vor  ihm  Beschwerden  gegen
  die  Landescollegien  und  Behdrden  angebracht  werden.
In  besonders  wichtigen  und  zweifelhaften  Fällen  sollten  sich
die  Mitglieder  des  geheimen  Rathes  mit  den  Cabineteministern,
  auch  nach  Befinden  mit  den  übrigen  Chefs  der  Landescollegien
  u.  s.  w.  zu  einem  unter  Beiwohnung  der  sächsischen
  Prinzen  abzuhaltenden  Staatsrathe  vereinigen,  wobei
der  Konig  selbst  den  Vorsitz  führe.  Für  ständische  und  Steuer-Angelegenheiten
  blieb  der  geheime  Rath  die  Mittelbehörde;
die  evangelischen  Religions,-Kirchen,  -Universitéts=  und  Schulsachen
  verblieben  ausschließend  den  Conferenzministern.  —
Die  Stände  waren  mit  dieser  Verfügung  nicht  in  jeder  Hinsicht
  einverstanden,  daher  sie  einige  Vorstellungen  dagegen
beibrachten,  auch  über  die  Stellung  und  Tendenz  des  geheimen
Rathes  nähere  Aufschlüsse  wünschten.  Diese  erfolgten  in
dem  kdniglichen  Decrete  vom  30.  April  1821,  worin  auch
bestimmt  wurde,  daß  die  evangelischen  Religions,-Kirchen-,

36
        <pb n="603" />
        564  Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

Unlversitäts  =  und  Schul-Angelegenheiten  nach  Abgange  eines
  oder  mehrerer  Conferenzminister,  den  sämmtlichen  evangelischen
  Mitgliedern  des  geheimen  Rathes  übertragen  werden
sollten  (was  1825  ausgeführt  wurde),  daß  der  Director
des  zweiten  Departements  des  geheimen  Finanzcollegiums,
nach  Abgange  des  jetzigen,  nicht  mehr  im  geheimen  Rathe
sitzen  solle.  Die  von  den  Ständen  beantragte  Aufnahme
des  Ober-Steuerdirectors  in  den  geheimen  Rath  lehnte  der
Koͤnig  ab.  Am  19.  Novbr.  1821  wurde,  nach  vorhergegangenem
  Specialreseripte,  der  Prinz  Friedrich  in  den  geheimen
Rath  eingeführt  und  erhielt  bei  dessen  Sitzungen  und  Betathungen
  das  Stimmrecht.

Nachdem  der  Kenig  gleich  nach  seiner  Rückkehr  im  Allgemeinen
  eine  zu  unternehmende  Verringerung  des  Personals
in  den  obern  Collegien  und  eine  andre  Geschäftsvertheilung
festgesetzt  hatte,  wurde  am  22.  Sept.  1815  die  neue  Gestaltung
  des  geheimen  Finanz-Collegiums  bekannt  gemacht,
welches,  bisher  aus  drei  Departements  zusammengesetzt,  fortan
nur  noch  aus  zweien  bestehen  sollte,  wovon  das  erste  das  die
Verfassung  des  Collegiums,  die  Hauptcassen,  die  Posten,
die  Strassen  und  Wasserbaue,  die  Salzversorgung  und  die
indirecten  Abgaben  Betreffende,  das  zweite  die  Domainen,
Forsten,  den  Bergbau,  die  Münze  und  das  Bauwesen  umfassen
  sollte.  Seit  dem  11.  Decbr.  1822  nahm  der  Prinz
Fohann  Antheil  an  den  Geschäften  des  geheimen  Finanzcollegiums;
  durch  Specialreseript  vom  15.  April  1825  wurde
ihm  das  Vice-Präsidium  übertragen.  —  Die  unter  dem
Gouvernement  organisirte  Kriegsverwaltungökammer  bestaͤ-tigte
  am  23.  Novbr.  1815  der  König  als  oberste  Behörde
für  die  Verwaltung  aller,  das  inländische  Militair  betrefsenden
  Angelegenheiten.

Die,  seit  1788  aus  zwei  Senaten  bestehende  Landesregierung
  wurde  durch  Decret  vom  14.  Jan.  1818  in  drei
Departements  getheilt,  deren  erstes  die  Lehnssachen,  die
Hoheits=  und  Regierungsangelegenheiten,  die  Differenzen
über  die  Ressortverhältnisse  der  Landesregierung,  die  Verfasfungssachen
  des  Collegiums  und  seiner  Kanzlei,  und  die  dem-
        <pb n="604" />
        Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.  563

selben  anvertrauten  Cassenverwaltungen;  das  zweite  die  Civil,=
  Justiz=  und  Vormundschaftssachen,  und  das  dritte  die
Criminal,-Justiz=  und  Polizei-  Angelegenheiten  umfaßte.  Auch
die  Kanzlei  der  Landesregierung  wurde  in  drei  Abtheilungen
getheilt  und  erhielt  ein  Ein=  und  Abgangébureau.  Die
sämmtlichen  Kanzleipersonen  wurden,  statt  der  bisherigen,
zu  Mißbräuchen  mancher  Art  Anlaß  gebenden  Sportelgenüsse,
  auf  feste  Besoldungen  gestellt.

Nach  vernommenem  Dafürhalten  der  oberlausitzischen
Stände,  welche  nunmehr  mit  den  Ständen  der  alten  Erblande
  zur  allgemeinen  Landesversammlung  verbunden  wurden,
  und  nach  erstattetem  Gutachten  der  Landesbehbrden,
erfolgte  durch  königliches  Mandat  vom  12.  März  1821,  die
neue  Organisation  der  Verfassungs=  und  Verwaltungöbehbrden
  der  bei  Sachsen  gebliebenen  Oberlausitz.  Statt  des
bisherigen,  mehr  burcaukratisch  verwaltenden  Oberamtes  wurde,
  zur  Besorgung  der  für  die  Gesetzgebung  und  Verwaltung
in  Justiz-,  Polizei-,  Grenz=  und  Hoheits-,  Lehns,  Kirchen=
  und  Schulsachen  vorkommenden  Geschäfte  in  oberer
Instanz,  die  collegialisch  verhandelnde  Oberamtsregierung
eingeführt.  Ein  Amtöhauptmann  bildete  die  Mittelbehbrde
in  Regierungsangelegenheiten.  Die  Proceßgesetze  der  Erblande
  wurden,  durch  Mandat  vom  13.  März  1821,  auch
in  der  Oberlausitz  eingefährt.

Das  bisher  dem  geheimen  Rathe  untergeordnete  Oberhofgericht
  zu  Leipzig  wurde  durch  Rescript  vom  18.  Jan.
1822  unter  die  Landesregierung,  und  die  Appellationen  in
Fustizsachen  unter  das  Appellationsgericht  gestellt,  nachdem
bereits  am  7.  Juni  1819  der  Leipziger  Schbppenstuhl  in
Verfassungssachen  der  Regierung  untergeordnet  und  am  6.
März  1818  die  dortige  Juristenfacultät  in  zwei  Senate  getheilt
  worden  war.

Nach  Aufhebung  der  1791  errichteten  besondern  Gesetz
commission,  wurden  die  Gesetzgebungsarbeiten  unter  verschiedene
  Commissionen  und  Deputationen  vertheilt.  Die  Ausarbeitung
  eines  bürgerlichen  Gesetzbuches  wurde  dem  Appellationsrathe
  Dr.  Schumann,  die  Abfassung  eines  eignen
        <pb n="605" />
        566  Gachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

Strafgesetzbuches  fuͤr  Sachsen,  nachdem  die  vorher  dafuͤr  ernannte
  Deputation  freiwillig  zuruͤckgetreten  war,  dem  Hofund
  Justizrathe  Dr.  Stuͤbel,  unter  Direction  des  Conferenzministers
  von  Globig  und  unter  Communication  mit
dem  Dr.  Schumann,  uͤbertragen.  Die  Staͤnde,  denen  auf
dem  Landtage  1824  die  entworfenen  ersten  beiden  Abtheilungen
  vorgelegt  wurden,  trugen  Bedenken,  vor  Vollendung
des  ganzen  Werkes  ihr  Gutachten  abzugeben;  und  Stuͤbel's
Tod  unterbrach  die  Fortsetzung  des  Entwurfes.

Den  Antrag  der  Staͤnde  auf  dem  Landtage  1817:  der
Zeitersparniß  wegen  die  beabsichtigte  Verbesserung  des  gerichtlichen
  Verfahrens  auf  eine  zweckmäßige  Combination  der
alten  und  erlduterten  Proceßordnung  von  1622  und  1721
zu  beschränken,  widerriethen  mit  Recht  die  Justizcollegien
als  einen  Rückschritt,  und  der  Koͤnig,  einen  Mittelweg  einschlagend,
  beauftragte  am  26.  Novbr.  1826  eine  Deputation
  zu  Entwerfung  eines  Proceßgesetzes,  das,  ohne  eine
neue  vollständige  Gerichtsordnung  zu  seyn,  und  ohne  die
dltern  Gesetze  ganz  aufzuheben,  vielmehr  mit  Zugrundelegung
der  altern  Proceßordnungen  von  1622  und  1724,  und  der
spaͤtern  Proceßgesetze,  denjenigen  durch  den  Gerichtsgebrauch
entstandenen  Mängeln  der  Civilrechtspflege  beikomme,  deren
  Folge  der  Verschleif  der  Processe  sey,  durch  Abschneidung
des  letztern  aber  dem  dringendsten  Bedürfnisse  der  Gesetzgebung
  auf  dem  kürzesten  Wege  abhelfe.“  Zu  Verbesserung
  der  Gerechtigkeitspflege  wurden  seit  des  Koͤnigs  Räückkehr
  mehrfältige  Verfügungen  getroffen,  welche  einzeln  aufzuzählen
  hier  der  Raum  fehlt,  und  die,  wenn  auch  nicht  mit
überraschender  Eile,  doch  auf  gutangelegtem  Wege  und  desto
sicherer  einer  Einheit  und  umfassenden  Vervollkommnung  entgegenstrebten.


Für  die  Polizeiverwaltung  wurden  wichtige  und  nutzreiche
  Schritte  gethan  und  dieselbe,  mit  Ausnahme  der  Städte
Dresden  und  Leipzig,  unter  die  Aufsicht  der  Kreis=  und
Amtaöhauptleute  gestellt.  Die  Gensd'armerie  wurde  zu  einer
allgemeinen  Landespolizeianstalt  eingerichtet,  die  Paßverhdltnisse
  ndher  bestimmt,  und  die  Gesundheits=  und  Medicinal-
        <pb n="606" />
        Sachsens  Wiedergesialtung  seit  1815.  567

politei  wesentlich  vervolllommnet.  Die  Festung  Sonnenstein
bei  Pirna  war  1810  zu  einer  Verpflegungsanstalt  fuͤt  Gemüthskranke
  hergestellt  worden,  kehrte  jedoch  unter  dem  franzdsischen
  Uebergewichte  1813  in  den  Festungszustand  zurück  und
wurde  erst  im  folgenden  Jahre  den  daraus  vertriebenen
Kranken  wieder  geôffnet.  Das  Medicinal-,  Apotheken=  und
Hebammenwesen  kam  unter  zweckmäßige  Fürsorge  und  Aufcht.


che  „zum  Behufe  der  schnellen  Bekanntwerdung  und
der  Aufbewahrung  und  Sammlung  der  in  Sachsen  erscheinenden
  gesetzlichen  Anordnungen“  herauskommende  Gesetzsammlung,
  die  mit  dem  1.  Jan.  1818  begann,  schloß  sich  als
Fortsetzung  an  den  Codex  Augusteus  an.  Im  nämlichen
Fahre  erfolgte  auch  die,  durch  die  eingetretenen  Veränderungen
nöthig  gewordene  neue  Hof-Nangordnung.

Die  wirksamsie  und  richtigste  Maßregel  zur  Wiedererwerbung
  des  Wohlstandes  und  zur  natürlichen  Erhöhung  der
Staatseinkünfte  war  die  Aufmerksamkeit,  welche  die  Regierung
  der  Landwirthschaft  und  deren  Beforderung  widmete.
Die  Landesdconomie-Manufactur=  und  Commerciendeputation
  suchte  durch  Prämien  und  Preisaufgaben  den  Wetteifer
im  indusiriellen  Streben  zu  erhöhen,  wobei  die  Ausstellung
von  Erzeugnissen  des  inländischen  Gewerbfleißes  nicht  ohne
Wichtigkeit  war.  Der  angeborene  industrise  Sinn  der  Bewohner
  Sachsens  kam  den  Wünschen  von  oben  kräftig  entgegen,
  und  zwar  auf  eine  Weise,  daß  die  Resultate  die
Bemühungen  der  Regierung  unverkennbar  in  ihrem  Verhältnisse
  überstiegen,  wie  schwer  auch  die  große  Concurrenz  mit
dem  Auslande  dagegen  andrückte  und  besonders  den  Absatz
der  Meißner  Porcellanfabrik  bedeutend  heruntertrieb,  wozu
wohl  auch  Mängel  und  Lässigkeiten  in  der  damaligen  Leitung
dieser  Anstalt  beitrugen.  Besonders  wohlthätig  auf  den  sächsischen
  Handel  wirkten  das  am  13.  März  1820  aufgestellte
vereinsachte  neue  System  der  Leipziger  Handelsabgaben,  wie
auch  die  Verfügungen  hinsichtlich  der  inländischen  Elbschifffahrt,
  vor  allem  aber  die,  in  Folge  der  Wiener  Coogreßverhandlungen,
  am  23.  Juni  1821  zu  Dreöden  von  Oest  er-
        <pb n="607" />
        568  Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

reich,  Preussen,  Sachsen,  Hannover,  Dänemark,  Mecklenburg,
  Schwerin,  Anhalt  und  Hamburg  unterzeichnete  Elbschifffahrtsacte.
  Eine  große  Veränderung  ging  mit  der
Forst=  und  Jagdverwaltung  vor,  rücksichtlich  deren  durch
Generale  vom  13.  April  1816  umfassende  gesetzliche  Bestimmungen
  an's  Licht  traten.  Zugleich  wurde  die  bisherige  Privat-Forstlehranstalt
  zu  Tharant  in  eine  königliche  Forstakademie
  verwandelt  und  auf  Kosten  des  Staates  unterhalten.
Ein  gleiches  Augenmerk  erfuhr  das  Postwesen.  Mit  Aufhebung
  des  Bautzener  Oberpostamtes  (1.  April  1816)  kam
das  gesammte  Oberlausitzer  Postwesen  unter  das  Leipziger
Oberpostamt.  Am  3.  Decbr.  1822  erschien  eine  neue  Post-Tar-Ordnong,
  durch  welche  das  Briefporto  theilweise  freilich
  eine  große  Erhöhung  erfuhr.  Mit  Dank  mußte  man
die  Einrichtung  der  Eilposten,  hauptsächlich  aber  die  Verbesserung
  der  Straßen  anerkennen,  indem  seit  des  Königs  Wiederkehr
  bis  zu  seinem  Tode  mehr  als  62  Wegemeilen  in
Chausseen  verwandelt  wurden,  wozu  der  König  drei  Theile,
die  Landstände  einen  Theil  der  Kosten  übernahmen.

Die,  nach  Abtretung  der  sächsischen  Salzbergwerke  an
Preussen,  auf  Befehl  des  Königs  und  mit  bedeutendem  Kostenaufwande
  an  mehreren  Orten  angestellten  Salzbohroersuche
  blieben  leider  ohne  Erfolg,  doch  verdiente,  bei  der  Wichtigkeit
  des  Gegenstandes,  schon  der  bloße  Versuch  Anerkennung.
  —

Zur  Aufsicht  über  das  Kämmerei=  und  Communvermsgen
  der  Städte  erschien  am  30.  Decbr.  1818  ein  Mandat,
nachdem  ein  Jahr  früher  für  Leipzig  ein  Regulativ,  zur
Bildung  einer  Seadt=  und  Communal-Repräsentation,  als
berathender  Behbrde,  erschienen  war.  Erwähnenswerth  sind
auch  die  zu  Dresden  (1820)  und  zu  Leipzig  (1825)  gegrundeten
  Sparcassen.

Mit  rastloser  Thätigkeit  verfolgte  der  König  die  Ausgleichung
  des,  durch  die  ungeheuern  Kriegsstürme  in  ein  starkes
  Mißverhältniß  gekommenen  Metall=  und  Papiergeldes,
und  die  geordnete  Abtragung  der  aufgelaufenen  Staatsschulden,
  zu  welchem  Zwecke  er  eine  größere  Vereinfachung  des
        <pb n="608" />
        Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.  569

Staatshaushaltes  und  eine  möglichste  Einschränkung  in  seinem
  Hofstaate  eintreten  ließ.  Seinem  Eifer  und  seiner  besonnen
  ordnenden  Umsicht  gelang  hierin  beinahe  das  Unmoͤgliche,
  und  Sachsens  Credit,  der  sich  in  dem  schweren  Zeitraume
  1813  —  1815  für  unabsehbare  Zeiten  verblutet  zu
haben  schien,  hob  sich  zu  einer  überraschenden  Höhe  schon
im  Verlaufe  der  nächsten  Jahre.  Zu  den  seit  des  Königs
Rückkehr  erlassenen  staatswirthschaftlichen  Gesetzen  gehörte
die  Aufhebung  mehrerer  Aus=  und  Einfuhrverbote,  die,  besonders
  in  letzterer  Hinsicht,  freilich  auch  ihre  Mängel  hatte;
  die  neue  Einrichtung  der  Stempelsteuer;  die  neue  allgemeine
  Geleitsordnung,  die  jedoch  nicht  mehr  fuͤr  ihre
Seit  paßte,  die  allgemeine  General  =  Accis  =  Ordnung;  die
Bestimmung  der  Ausgangs-Abgaben  u.  s.  w.  In  der
Theuerung  der  Jahre  1816  und  1817  bewilligte  der  Kdnig
aus  den  Landescassen  bedeutende  Vorschüsse,  um  Getreide
im  Auslande  einzukaufen,  das  zum  Theil  gegen  ermaßigte
Preise  verkauft  wurde,  und  um  Arme  baar  zu  unterstützen.

Durch  die  am  28.  August  1819  unterzeichnete  „Hauptconvention“
  erfolgte  endlich  die,  durch  mancherlei  Umstände
schwierig  gewordene  Auseinandersetzung  zwischen  Sachsen  und
Preussen.  Sachsen  erhielt  dadurch  einen  richtigen  Blick  in
seine  vorher  noch  immer  verworrenen  Verhältnisse  und  erfuhr
nunmehr  mit  Bestimmtheit  die  Größe  und  Ausdehnung  seiner
  noch  habenden  Obliegenheiten  und  Verpflichtungen.  Die
sächsische  Staatsschuld  betrug,  nach  dieser  Auseinandersetzung,
  noch  16,660,7/71  Thlr.  2  Gr.  7  Pf.

Die  letzte  Zeit  hatte  eingreifende  Umgestaltangen  im
Kriegswesen  mit  sich  gebracht,  die  in  mehrfacher  Hinsicht
wohl  auch  Noth  gethan  hatten.  Freilich  mußte,  nach  der
eingetretenen  Verkleinerung  des  Landes,  ein  ganz  neuer
Masstab  angelegt  werden,  und  im  Ganzen  scheitt  bei  dem
Heere,  namentlich  was  die  höhern  Militairchargen  anlangte,
  das  abnehmende  Verhältniß  mit  dem  des  Landes
wohl  nicht  ganz  übereinstimmend  fort.  Viele  Einrichtangen
dieser  Art  waren  aber  auch  unverkennbar  der  Zeit  and  den
Verhältnissen  entsprechend.  Dahin  gehbrten  die  bei  den  Feld-
        <pb n="609" />
        570  Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

regimentern  errichteten  Reglmentsschulen,  an  deren  Spitze
kenntnißreiche  Offiziere  standen  und  worin  Unteroffiziere  und
Gemeine  sich  in  ihrem  Berufe  weiter  fortbilden  konnten,  und
auch  die,  1820  für  die  Fußvolkregimenter  angeordneten
Schwimmschulen.  Die  beabsichtigte  Errichtung  einer  Reservearmee
  aus  der  Mannschaft  vom  18.  bis  zum  32.  Lebensjahre,
  kam,  weil  die  Stände  sie  mit  dem  Charakter  und
den  eigenthämlichen  Verhältnissen  Sachsens  nicht  vereinbar  fanden,
  nicht  zu  Stande.  Am  28.  Sept.  1816  erging  ein  königliches
  Rescript  wegen  der  Militairpensionen;  ein  neues  Strafgesetzbuch
  für  die  sächsischen  Truppen  folgte  am  4.  Febr.
1822;  auch  ward  im  nämlichen  Jahre  eine  Militair-Strafanstalt
  eröffnet  und  die  neue  Organisation  die  Gerichtöbehörden
  bei  den  Truppen  angeordnet.  Nach  vorangegangenen
landsiändischen  Berathungen  wurde  durch  Mandat  vom  15.
Febr.  1825  hinsichtlich  der  Ergänzung  des  Heeres  und  der
Entlassungen  verfügt.  Der  Ersatz  des  Abganges  an  gemeiner
  Mannschaft  sollte  durch  Aushebungen  geschehen;  doch
sollten  auch  Freiwillige  angenommen  werden  können,  die
Militairpflichtigkeit  mit  dem  20.  Jahre  eintreten.  Durch
Ausstellung  von  vier  Classen  wurde  dafür  gesorgt,  daß  durch
die  Aushebungen  nicht  dem  Studium,  dem  Handel  und  Gewerbe
  nützliche  Individuen  entzogen  wurden.  Die  Dienstzeit
  wurde  auf  acht  Jahre  gestellt  und  die  Kriegsverwaltungskammer
  zur  obersten  Rekrutirungs=  und  Reclamationsbehdrde
bestimmt.  Der  Bundesmatrikel  gemäß,  wurde  das  sächsische
  Heer  auf  12,000  Mann  gesetzt,  bestehend  aus  einer
Gardedivision,  4  Lilinienregimentern  Fußvolk,  2  leichten  Infanteriebataillonen,
  3  Schützenbataillonen,  einem  Garde-Reiterregimente
  und  2  leichten  Reitergimentern,  1  Regiment
Fußartillerie,  1  Brigade  reitender  Artilleric,  1  Bataillon
Artillerietrain,  1  Companie  Handwerker,  und  1  Garnisondivision
  zu  Konigstein.

Da  aus  dem  Schutte  des  Revolutionskrieges  sich  überhaupt
  gleichsam  ein  neues  Universal-Lehrgebäude  erhob  und
der  alte  Maßstab  gar  nicht  mehr  für  die  mit  gewaltsamer
Eile  hervorgeschossene  neue  Zeit  ausreichen  wollte;  so  wur-
        <pb n="610" />
        Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.  571

den  hinslchtlich  des  Schulwesens,  das  durch  Einquartierungen,
Durchmärsche  oder  Plünderungen  in  Verwilderung  gerathen
war,  viele  wesentliche  Verbesserungen  nöthig.  Ein  Reseript
vom  17.  Mai  1816  ordnete  eine  umfassendere  Visitation
der  Schulen  an  und  verfügte:  „daß  den  allenthalben  aus
den  Acten  ersichtlichen  Klagen  über  die  Schulversäumnisse  der
Kinder  moglichst  abzuhelfen  und  an  solchen  Orten,  wo  noch
kein  eignes  Schulhaus  sey,  die  Erbauung  desselben,  oder  wenigstens
  die  Einrichtung  einer  besondern  Schulstube,  desgleichen
  die  hauptsächlich  in  großen  Schulen  durchaus  noͤthige
Classenabtheilung  der  schulfähigen  Kinder,  auf  jede  thunliche
und  zweckmäßige  Weise  befördert  werden  sollte.“

Auch  das  Kirchenwesen  in  Sachsen  machte  zweckmaßige
Bestimmungen  nöthig.  Demnach  wurden  durch  Regulativ
vom  7.  Aug.  1818  die  kirchlichen  Rechtsverhältnisse  der  evangelisch
  -reformirten  Glaubensgenossen  in  Sachsen  festgestellt;
die  Wahrnehmung  und  Handhabung  der  kirchlichen  Rechte
der  Reformirten  dem  Kirchenrathe  zu  Dresden,  die  oberrichterliche
  Gewalt  aber  in  geistlichen  Rechtssachen  und  bei  eingewandten
  Appellationen,  der  königlichen  Landesregierung
und  dem  Appellationsgerichte  übertragen.

Ueber  die  Gleichstellung  der  bürgerlichen  Rechte  der  Katholiken
  mit  denen  der  Protestanten,  waren  schon  im  Posener
  Frieden  die  nöthigen  Bestimmungen  getroffen  worden,
und  jeder  Unbefangene  fühlte  in  dieser  Maßregel  gewiß  seine
Zeit  auf  eine  erfreuliche  Weise  geehrt.  Zu  beklagen  war
es,  daß  beide  Confessionen  diese,  durch  das  Gesetz  bestätigte
zweckmäßige  Annäherung  nicht  immer  auf  die  rechte  Weise
fort  setzten  und  mit  ihren  Ansichten  hinter  der  Weisheit  und
Gerechtigkeit  jenes  Gesetzes  zurückblieben.  Wenn  hierin  ein
Theil  der  Protestanten  von  einem  gewissen  Geiste  des  Unfriedens
  und  der  Unduldsamkeit  nicht  immer  freizusprechen
war,  so  kann  auch  nicht  verschwiegen  werden,  daß  die  katholische
  Partei  ihre  rechtmäßig  gewonnenen  Vortheile  nicht
stets  mit  der  nöthigen  Mäßigung  und  Vorsicht  verfolgte-Namentlich
  gaben  die  in  einem  öffentlichen  Anschlage  der
hochsten  katholischen  Kirchenbehörde  (vom  20.  Novbr.  1824),
        <pb n="611" />
        572  Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

übel  gewählten  Ausdrücke  von  „Aufhdren  der  Ketzerei“  u.  s.
w.  Anlaß  zu  nicht  ungegründeten  Beschwerden,  da  an  das
Wert  „Ketzerei“,  obschon  es  sich  diesmal  keineswegs  auf  eine
christliche  Glaubenspartei  bezog,  sich  doch  zu  unangenchme
Erinnerungen  aus  den  Zeiten  des  Religionshafses  und  des
Vorurtheiles  knüpften,  als  daß  man  seine  Wahl  zu  einem
öffentlichen  Anschlage  in  einem  protestantischen  Lande  hätte
weise  nennen  können.  In  den  darüber  entbrannten  Schriftfehden
  schlug  sich  die  Cenfur  ziemlich  sichtbar  auf  die  Scite
der  Katholiken,  denen  sie  manche  Ausfälle  hingehen  ließ,
während  sie  die  Gegenschriften  der  Protestanten  zum  großen
Theile  unterdrückte;  eine  nicht  ersprießliche  Maßregel,  indem
die  Polemik  nunmehr  aus  den  Federn  in  die  Gemüther  überging
  und  das,  was  bei  einiger  Wortfreiheit  ein  gelehrter
Streit  geblieben  seyn  würde,  dadurch  zur  bürgerlichen  Streitsache
  ward.  Daß  diese  beklagenswerthe  Spannung  selbst
auf  den  Canzeln  nicht  ruhte,  wobei  besonders  der  damalige
Prediger  der  protestantischen  Kirche  in  der  Neustadt  zu  Dresden
  sich  tadelnswerth  machte,  mußten  die  Verständigen  mit
Wehmuth  empfinden.  Nur  allmadlig  schlief  jener  Streit  ein,
besonders  da  der  erwähnte  Prediger  auf  dergleichen  Canzelausfälle
  seine  Popularität  bauete  und  den  Streit  daher  bis
zum  Ueberdruß  in  die  Länge  zog.  Daß  mit  dieser  Spannung
  gerade  der,  den  Ständen  vorgelegte  Gesetzesentwurf
über  die  Ausübung  der  katholisch  -geistlichen  Gerichtsbarkeit
in  den  Erblanden  und  über  die  Bestimmung  der  Verhältnisse
zwischen  Protestanten  und  Katholiken,  zusammentraf,  war
ein  übler  Zufall,  und  die  Stände  reichten  eine  besondere
Schrift  ein,  die  manche  Aussetzungen  gegen  jenen  Entwurf
enthielt  und  sich  dahin  erklärte:  „daß  der  Entwurf  noch  einmal,
  mit  Zuziehung  der  Conferenzminister  und  nach  eingeboltem
  Gutachten  des  Kirchenrathes  und  der  dresdener  und  leipziger
  Consistorien,  bearbeitet  und  der  nächsten  Landtagsversammlung
  vorgelegt  werden  möge;  denn  so  wie  das  Gesetz  gegenwärtig
  vorliege,  sei  es  mit  den  Grundsätzen  wahrer  Rcligionsparftät
  vollig  unvereinbar  und  raͤume  der  katholischen
Kirche  Brrechtigungen  ein,  welche  der  protestantischen  nie
        <pb n="612" />
        Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.  573

zugestanden  hätten.“  Ohne  die  nachgesuchte  nochmalige  Vernehmung
  der  Stände,  erschien  am  19.  Febr.  1827  der  erwähnte
  Entwurf  als  Mandat,  begleitet  von  einem  mit  zweckmä-Kiger
  Umsicht  und  Unparteilichkeit  abgefaßten  zweiten  Mandate,
betreffend  den  Uebertritt  von  einer  christlichen  Confession  zur
andern,  und  besonders  den  wichtigen  Punct  enthaltend:  daß
der  Geistliche,  mit  welchem  eine  Person  vor  ihrem  Uebertritte
  sich  noch  zu  besprechen  habe,  und  der  von  der  bisherigen
  Confession  des  Angemeldeten  seyn  mäüsse,  sich  eine  Herabwürdigung
  der  Confession,  zu  welcher  Letterer  überzutreten
  beabsichtige,  nicht  erlauben  dürfe.  —  Die  Erhöhung  des
Reformationsfestes  zu  einem  ganzen  Feiertage,  zeugte  von
des  Königs  Achtung  für  jede  Confession.

Durch  die  Landestheilung  war  Leipzig  zur  einzigen  Universitct
  Sachsens  geworden,  und  jemehr  die  gesiörten  Verhältnisse
  des  Landes  anfangs  auch  auf  dieses  Institut  ungünstig
  einwirkten,  desto  mehr  bedurfte  es  der  landesvaterlichen
  Theilnahme  und  Unterstützung.  Am  meisten  wurde  dies
in  Hinsicht  der  Bibliothek  empfunden,  die,  ohngeachtet  erhaltener
  namhafter  Bereicherungen,  doch  in  manchen  Zweigen
größere  Vervollständigung  erheischte.  Der  Konig  schaffte  ihr
mit  bedeutenden  Kosten  eine  reichhaltige  philologische  Büchersammlung
  an,  schenkte  zum  Neubaue  des  kleinen  Fürstencollegiums
  zu  Leipzig,  5000  Thaler  baar  und  bewilligte  einen
  jährlichen  Zuschuß  von  150  Thaler  auf  10  Jahre,  um
die  Zinsen  der  für  diesen  Bau  noch  aufzunehmenden  Capitale
  zu  decken.  Die  Stände,  welche  anfangs  den  an  sie  ergehenden
  Aufforderungen,  die  Universität  kraftig  unterstützen
zu  helfen,  bei  weitem  nicht  in  der  gewünschten  Maße  nachkamen,
  entschlossen  sich  endlich  ebenfalls  zu  bedeutenderen  Bewilligungen,
  so  daß  nunmehr  auch  angehende  hoffnungsvolle
Privatlehrer  unterstützt,  die  Besoldungen  und  Pensionen  zu
gering  besoldeter  Lehrer  erhöht,  so  wie  die  im  Kriege  beschädigten
  Hrsäle  wieder  hergestellt,  oder  auch  neue  angelegt,
  und  sonstige  zweckdienliche  Maßregeln  getroffen  werden
konnten.  Die  durch  den  Befreiungskampf  gegen  Napoleon
erregte,  seitdem  fortdauernde,  und  nur  in  ihrer  Richtung
        <pb n="613" />
        574  Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.

veränderle  politische  Bewegung,  von  welcher  sich  namentlich
die  deutsche  studirende  Jugend  ergriffen  fühlte,  nahm  die
Aufmerksamkeit  der  Regierungen  in  lebhaften  Anspruch,  zumal
da  jene  Bewegung  im  Ganzen  wohl  mehr  nach  außen,  als
nach  innen  wirkte  und  daher  in  ihren  Erscheinungen  stärker
war,  als  in  ihrem  wirklichen  Bestande.  Die  im  August
1819  zu  Carlsbad  versammelten  deutschen  Minister  und  Diplomaten,
  unter  ihnen  auch  ein  Bevollmächtiger  des  Königs
von  Sachsen,  nahmen  diesen  Gegenstand  auf,  und  die  gefaßten
  Beschlüsse,  welche  sich  auf  die  Gebrechen  des  deutschen
  Schul=  und  Universitätswesens  und  den  Mißbrauch
der  Presse  bezogen,  wurden  beim  Bundestage  zu  Frankfurt
bekannt  gemacht.  Bei  jeder  Universität  sollte  ein  aufserordentlicher
  landesherrlicher  Bevollmächtigter  angestellt  werden,
  um  über  die  strengste  Vollziehung  der  bestehenden  Gesetze
  und  Diseiplinarvorschriften  zu  wachen  und  den  Geist
der  akademischen  Lehrer  in  ihren  Vorträgen  zu  beobachten,
doch  ohne  in  das  Wissenschaftliche  und  in  die  Lehrmethode
unmittelbar  sich  einzumischen.  Die  Presse  anlangend,  wurde
zu  Frankfurt  bestimmt:  „daß  Schriften,  die  täglich,  oder
heftweise,  oder  unter  zwanzig  Bogen  erscheinen,  in  keinem
deutschen  Staate  ohne  Censfur  gedruckt,  bei  den  übrigen  erscheinenden
  Schriften  aber  die  in  jedem  einzelnen  Staate  bestehenden
  Gesetze  beibehalten,  jedoch  bei  allen  Schriften  die
Verleger,  und  bei  allen  Zeitungen  und  Zeitschriften  die  Redacteure
  genannt  werden  sollten.“  Der  König  machte  durch
ein  Mandat  vom  13.  Novbr.  1819  diesen  Beschluß  des
deutschen  Bundes  über  die  Presse  bekannt,  der  vorldufig
auf  5  Jahre  in  Wirksamkeit  blieb,  dann  aber  auf  unbestimmte
  Zeit  verlängert  wurde.

Neben  der  Universitct  Leipzig,  durften  auch  die  Land=  und
Färstenschulen  zu  Meißen  und  Grimma  sich  ansehnlicher  Unterstützungen
  freuen;  und  auch  für  die  städtischen  gelehrten
Schulen,  die  bereits  Zuschüsse  hatten,  bestimmten  die  Stände
  jährlich  900  Thaler.  Die  chirurgisch-medicinische  Akademie
  zu  Dresden,  mit  welcher  sich  die  Thierarzneischule  verband,
  wurde  1815  umgestaltet  und  ihre  Unterhaltung  auf
        <pb n="614" />
        Sachsens  Wiedergestaltung  seit  1815.  575

dffentliche  Kosten  übernommen.  Die  Oberbehörde  dieser  Akademie
  wurde  die  Landesregierung,  und  das  Institut  sonst
noch  auf  vielfache  Art  unterstützt.

Unter  die  dankenswerthesten  Einrichtungen  gehörte  auch
die  erhöhte  Unterstützung  der  Akademie  der  bildenden  Künste
zu  Dresden.  Die  Lehrer  derselben  erhielten,  was  freilich
auch  noth  that,  ansehnliche  Gehaltszulagen,  und  junge  Künstler
  bekamen  Reisestipendien  nach  Italien.  Es  wurden  gute
Gipömodelle  und  Muster  angeschafft,  der  Akademie  eine  Bauschule
  beigegeben,  und  den  durch  ihre  Leistungen  sich  hervorthuenden
  Zöglingen  Gratificationen  ausgesetzt.  In  Hinsicht
des  Dresdener  Hoftheaters  wurden  die  von  dem  fremden
Gouvernement  veranlaßten  Umgestaltungen  zum  Theile  beibehalten.


Neben  den  Berathungen  über  einige  Veränderungen  in
der  ständischen  Verfassung,  kamen  auch  die  wiederholten  Anträge
  der  Stände  wegen  größerer  Publicität  der  landständischen
  Verhandlungen  zur  Sprache.  Allein  der  König  verweigerte
  dies  entschieden,  und  die  Stände  gaben  seiner
Weigerung  zwar  nach,  erklärten  aber  würdevoll:  „daß  sie,
in  Hinsicht  auf  die  von  ihnen  erbetene  Publicität  der  Landtagöschriften,
  von  ihren  früher  dargelegten  Ansichten,  welche
ihnen  diese  Maßregel  als  überwiegend  nothwendig  darstellten,
  sich  auch  jetzt  nicht  zu  trennen  vermöchten,  jedoch  eine
nochmalige  Wiederholung  dieses  Wunsches  der  persdnlichen
Ueberzeugung  Sr.  Konigl.  Maj.  gegenwärtig  aufopferten.“
Die  von  den  Ständen  1824  in  einer  besondern  Schrift  eingereichten
  Vorschläüge  wegen  Abkürzung  des  Geschäftsganges
auf  den  Landtagen  und  deren  Dauer,  stießen  sich,  wie  so
manche  andere  Anträge,  eben  an  diese  noch  nicht  erreichte
Abkürzung  des  Gescháftsganges  im  Allgemeinen,  und  kamen
deshalb  nicht  zur  Erledigung;  obschon  wichtige  Puncte  darunter
  waren,  wie  z.  B.  die  Einführung  gleichfrmiger  Maße
und  Gewichte  u.  a.  m.

Am  20.  Septbr.  1818  wurde  Friedrich  August's  funfzigjährige
  Regierung  gefeiert,  ein  jedem  Sachsen  ehrwürdiger
und  erhebender  Tag.  Die  Höfe  ließen  ihren  Glückwunsch
        <pb n="615" />
        576  Friedrich  August's  Tod.

abstatten;  viele  hohe  Gäste  erschienen  in  Person,  und  Behörden
  und  Bürgerschaft  wetteiferten  in  Beweisen  der  Liebe
und  der  Freude;  auch  die  preussisch  gewordenen  Sachsen  standen
  darin  nicht  nach.  In  Dresden  gründete  der  Magistrat
zum  Andenken  dieses  Tages  eine  allgemeine  höhere  Bürgerschule,
  die  Friedrich  August's  =  Schule  genannt;  auch  ward
ebendaselbst  eine  Anstalt  zur  Unterstützung  hilfsbedürftiger
Blinden  und  Augenkranken  gestiftet;  zu  Chemnitz,  Zwickau,
Kirchberg  und  Frauenstein  neue  Schulgebäude  eroffnet  und
in  mehreren  andern  Städten  wohlthätige  oder  gemeinnätige
Anstalten  begründet.

Bis  zu  den  letzten  Tagen  seiner  Regierung  im  vollen  Besitze
  seiner  geistigen  Kräfte  und  in  der  selbstständigsten  Thätigkeit,
  erkrankte  Friedrich  August  in  der  Nacht  vom  1.  zum
2.  Mai  1827;  das  Uebel  nahm  sofort  einen  ernsten  Charakter
  an  und  machte  schon  am  5.  Mai  seinem  Leben  ein
Ende.  Es  war  just  der  Todestag  des  um  6  Jahre  ihm
vorangegangenen  Napoleon,  des  Mannes,  in  dessen  Schicksal
  er  verhängnißvoll  einverflochten  worden  war  und  der
auch  im  Tode  die  geheimnißvolle  Beziehung  zu  ihm  nicht
aufgeben  zu  wollen  schien.  Das  Bild  des  Todten  von  St.
Helena,  an  dessen  Daseyn  sich  für  Friedrich  August  und  für
Sachsen  die  Aussicht  einer  großen  Zukunft  geknüpft  hatte,
und  dessen  Erinnerung  tief  in  die  Seele  des  greisen  Königs
verwachsen  war,  schritt,  wie  es  scheint,  auch  noch  im  letzten
  Augenblicke  durch  seinen  Todetraum;  denn  es  wurde
behauptet,  daß  die  Lippen  des  Sterbenden,  der  bereits  nicht
mehr  der  Erde  angehbrte,  noch  den  Namen  „Napoleon“
lispelten,  ehe  sie  sich  fuͤr  immer  schlossen.
        <pb n="616" />
        Fuͤnfte  Abtheilung.

——

Sachsens  neue  Verfassung  und  die  Umgestaltung
seiner  Staatsverhältnisse  seit  dem  Regierungsanrritte
König  Anton's  I.  bis  auf  die  neuesten  Zeiten.

——  —.  —
—-“4  —  —.

Die  verwitterten  Staatsformen  Sachsens  die  bereits  an
dem  furchtbaren  Stoße  des  Jahres  1815.  in  sich  zerschellt
und  seitdem  von  der  zerstörungssüchtigen  und  baugierigen
jungen  Zeit,  wie  altes  Ruinenwerk,  immer  heftiger  angegriffen
  worden  waren,  hatte  Friedrich  August  treu,  aber
über  die  Zeit  hinaus  zusammen  zu  halten  gesucht  und  ihnen
ein  künstliches  Leben  verliehen,  das  mit  dem  Leben  des  Konigs
  selbst  zusammen  brechen  mußte.  Ihm,  dem  Zöglinge
einer  altern  Zeit,  hatte  man  es  billig  nachsehen  dürfen,
wenn  er  ihr  in  Sachsen  das  Scepter  auch  da  noch  goͤnnte,
als  sie  es  bereits  bei  andern  Ländern  und  Volkern  verloren
hatte.  Seine  Redlichkeit  und  Treue  heiligte  selbst  die  abgelebten
  Formen  und  sie  wurden  dem  Volke,  das  ihn  liebte,
theuer  um  seinetwillen.  Jemehr  jedoch  schon  in  den  letzten
Jahren  seiner  Regierung,  bei  seinem  Volke  die  Sehnsucht
nach  einem  jugendlicheren  Staatsleben  bemerkbar  geworden
war,  desto  weniger  ließ  sich  hoffen,  daß  die  Anhänglichkeit
an  das  Alte,  die  in  Friedrich  August's  Person  ein  ehrwürdiges
  Asyl  gefunden  hatte,  den  Koͤnig  überleben  werde.
Friedrich  August  starb  und  ein  greiser  Nachfolger  bestieg  den
verlassenen  Thron  des  Bruders.  Der  besonnene  Beobachter
aber  ubersah  nicht,  daß  auch  für  die  Regierung  Anton's  sich
XllI.  Hett.  37
        <pb n="617" />
        578  Sachsen  unter  König  Anton  1827  —  1830.

viele  günstige  Umstände  vereinigten.  Gleich  bei  seinem  Regierungsantritte
  machte  der  neue  König  seinen  Ministern  und
geheimen  Räthen  das  bescheidene,  den  Fürsten  gewiß  aber
ehrende  Geständniß:  daß  er,  im  Greisenalter  und  so  spät
zum  Throne  berufen,  sich  völlig  auf  ihre  Treue  verlassen
müsse.  Es  berechtigte  des  Königs  angeborene  Güte  und  Urtheilskraft
  zu  der  Ueberzeugung,  daß  Gefühl  und  Weieheit
ihn  unter  den  vorgeschlagenen  Maßregeln  leicht  die  bessern
und  zweckmäsigern  würden  wählen  lassen,  wenn  anders  von
Seiten  seiner  Minister  ihm  derselbe  redliche  Wille  entgegen
käme,  den  er  vertrauensvoll  im  eignen  Herzen  trug.  Die
Nähe  einer  zärtlich  geliebten,  mit  allen  Vorzügen  des  Geistes
  und  Herzens  geschmückten  Gemahlin,  Maria  Theresia
von  Oesterreich,  beglückte  ihn  und  nicht  ohne  Grund  durfte
man  hoffen,  daß  der  König  dem  thätigen  Geiste  der  jungen
Prinzen  des  Kdniglichen  Hauses  mit  Freuden  einen  Einfluß
auf  die  Verhältnisse  gewähren  und  aus  diesem  Zusammenwirken
  sich  gegenseitig  verstehender  und  innig  befreundeter
Kräfte  ein  schones  Ganze  sich  entwickeln  werde.

König  Anton  begann  seine  Fürstenthätigkeit  durch  ein
Geschenk  von  mindest  einer  Million,  indem  er  die  Gebühren
erließ,  welche  alle,  dem  König  lehnpflichtige  Güter  nach  altem
  Rechte  bei  jeder  Regierungsverdnderung  bezahlen  mußten.
Diese  dankbar  empfundene  Edelthat  wurde  von  verschiedenen
andern  wohlth#tigen  Maßregeln  begleitet.  Hierher  gehdrte
die  Verminderung  des  Wildstandes  in  den  kbniglichen  Forsten,
  die  dem  zeither  oft  von  Wildschäden  heimgesuchten
Bauer  eine  dusserst  frohe  Beruhigung  gewährte.  Große
Freude  hatte  das  Volk  auch  an  dem  nunmehr  wirklich  begonnenen
  Baue  der  von  allen  Seiten  so  dringend  gewünschten
Muldenbrücke  bei  Wurzen,  zu  welchem  unter  der  vorigen  langjährigen
  Regierung  immer  nicht  hatte  Zeit  werden  wollen.
Kurz  man  sah,  obschon  nicht  gerade  entscheidende  Resultate
nach  aussen,  doch  eine  gewisse  innere  Regsamkeit,  einen,
wenn  auch  langsam,  doch  beharrlich  vorschreitenden  Willen,
Fvt  ¾B  der  Zeit  sich  einem  schônern  Ziele  zu  nähern  verprach.
        <pb n="618" />
        Sachsen  unter  Koͤnig  Anton  1827  —  1830.  579

Die  anfänglich  ausgesprochene  Erklärung  der  neuen  Regierung,
  die  Verwaltung  des  Landes  nach  den  Grundsätzen
des  verstorbenen  Herrschers  führen  zu  wollen,  war  wohl
mehr  der  Ausspruch  einer  liebenden  Anerkennung  des  heimgegangenen
  edlen  Fürsten,  als  der  einer  unbedingten  politischen
  Ueberzeugung;  denn  obschon  die  nächsten  Maßregeln
kein  bestimmtes  Abweichen,  von  dem  Wege  der  frühern
Regierung  verricthen,  so  ließ  sich  doch  eine  gewisse  freiere
Bewegung  in  den  Handlungen  der  neuen  Regierung  nicht
verkennen.  Dies  zeigte  sich  selbst  in  der  Gesetzgebung,  welche,
  obgleich  die  seit  lange  bearbeiteten  allgemeinen  Gesetzbucher
  für  bürgerliches  und  peinliches  Recht,  wie  auch  die
so  sehr  noththuende  Prozeßordnung  zu  Abkürzung  des  schleppenden
  Rechtsganges  noch  immer  nicht  in's  Leben  treten
wollten,  doch  durch  manche  zweckmäßig  ergänzende,  oder
verbessernde  Gesetze  bereichert  wurde,  wie  z.  B.  über  die
Verbürgung  der  Frauenöpersonen;  über  die  Geschlechtsvormundschaft;
  über  die  Rechtsgrundsätze  und  das  Verfahren
in  Huthungssachen;  zur  Begünstigung  der  Taubstummen  bei
Erlernung  eines  Gewerbes;  über  die  Grundsatze  der  Allodialerbfolge
  und  damit  in  Verbindung  stehender  Rechtsfälle;  die
Aufhebung  der  stillschweigenden  Hypotheken;  die  Abschaffung
der  Agenten  bei  einigen  Landesbehörden;  ein  Mandat  über
das  Untersuchungsverfahren  in  Brandstiftungs  fällen;  über
das  Verfahren  beim  Auswandern  sachsischer  Unterthanen;
über  Rettung  der  Kinder  von,  vor  der  Entbindung  gestorbenen
  Möttern;  ferner  allgemeine  Rechtögrundsätze  über  Frohnund
  Dienstsachen  u.  s.  w.  Ausserdem  beschäfeigten  sich  besondere
  Commissionen  und  Deputationen  mit  Gesetzen  über
die  Abschaffung  der  Frohn=  und  Huthungsgerechtigkeit  und
mit  einem  Entwurfe  zu  einer  neuen  Gewerbeordnung,  ein
Punct  bei  welchem  selbstsüchtige  Rücksichten  der  Betheiligten
am  stdrendsten  einwirkten,  und  wo  Gildentrotz  und  Monopolberufung
  Einzelner  sich  bleiern  an  die  freiere  Entwickelung
des  Gewerbgeistes  hingen.  Im  polizeilichen  Fache  wurden
mancherlei  Anordnungen  getroffen,  namentlich  die  für  Gesundheitspfiege
  und  Polizei  gebildete  eigne  Abtheilung  der

37“
        <pb n="619" />
        380  Sachsen  unter  König  Anton  1827  —  1830.

Landesregierung.  Dresden  erhielt  Gaasbeleuchtung,  eine
für  den  innern  städtischen  Verkehr  einflußreiche  Stadtpost,
ein  Correctionsbaus  für  aufgegriffene,  von  den  Eltern  verwahrloste
  Knaben.  Nur  griff  die  Polizei  in  ihrer  Wirksamkeit
  immer  mehr  um  sich  und  begann  allmählig  alle  Sweige
bürgerlicher  Verhältnisse  in  eine  Art  von  Belagerungöstand
zu  versetzen.  Auch  wurde,  in  einer  Zeit,  wo  das  Geld  zu
wichtigeren  Dingen  nöthig  war,  manche  bedeutende  Summe
  von  ihr  in  Unwesentlichkeiten  vergeudet,  die  oft  nur  eine
gewisse  behördliche  Estelkeit  unrerstützten  und  eine  dussere
Decoration  bezweckten.

Im  Finanzwesen  blieben  noch  immer  Einschränkungen
zu  machen  übrig,  und  nur  einige  kostspielige,  überflüssige
  Stellen  wurden  eingezogen.  Die  bedeutenden  Ueber—
schüsse  zu  denen  es  das  Obersteuer-Collegium  gebracht  hatte,
  ließen  einen  Erlaß  von  2  Quatember  und  2  Pfennig  zu.
Am  unvollkommensten  bethätigte  sich  das  System  der  indirecten
  Steuern,  namentlich  die  inländische  Accise,  welche
viele  Gegenstände  einer  so  vielfachen  Besteuerung  unterwarf,
daß  diese  endlich  den  reellen  Werth  der  Sache  überstieg.
Allein  das  eigentliche  Hemmniß  war  nicht  in  Cinzelnheiten,
sondern  in  der  Landesverfassung  im  Allgemeinen  zu  suchen.
Das  geheime  Cabinet  hatte  sich  aus  einer  blossen  Expeditson
des  Fürsten  zu  einer  obersten  Behörde  hinaufgearbeitet,  in
welcher  die  wichtigsten  Angelegenheiten  mit  strenger  Heimlichkeit
  verhandelt  und  entschieden  wurden.  Die  landständische
  Verfassung  trug  gar  noch  die  meisten  Schlacken  des
Mittelalters  an  sich,  ohne  seine  Kraft  zu  theilen.  Von  einer
  Volksvertretung  im  reinern  Sinne  war  dabei  wenig
die  Rede.  Im  Ganzen  beschränkte  sich  die  Vertretung  nur
auf  einzelne  Casten.  Die  Einsichtsvollen  und  Freimüthigen
wurden  von  einer  gewissen  Seite  her  in  ihrer  Wieksamkeit
beschränkt.  Die  Aengstlichkeit  der  Cenfur  konnte  dennoch
nicht  alle  Stimmen  zurückhalten,  die  sich  am  muthigsten
und  erfolgreichsten  in  der,  durch  eine  ziemlich  liberale  Censur
  begünstigten  „Biene“  erhoben  und  die  Nothwendigkeit
einer  Reform  der  landständischen  Verfassung  aussprachen.
        <pb n="620" />
        Sachsen  unter  König  Anton  1827  —  1830.  581

Natürlich  fehlte  es  auch  nicht  an  andern  Stimmen,  die  in
vieler  Hinsicht  dem  Alten  zudrängten  und  namentlich  die
Vortheile  einer  Repräsentatioverfassung  bestritten.  Aber  in
der  Nothwendigkeit  zeitgemäßer  Verbesserungen  in  der  Landesverwaltung,
  im  Gesetzfache,  im  Fabrikwesen  u.  f.  w.  kamen
  endlich  Alle  überein,  und  nur  durch  die  Parthei  des
Cabinetsministers  von  Einsiedel,  als  des  Repräsentanten  der
Stabilität,  wurde  das  Panier  der  politischen  Unbeweglichkeit
  lange  siegreich  verfochten,  und  wie  auf  jener  Seite  die
Ueberzeugung,  auf  dieser  der  Troß  in  gleichem  Verhaͤltnisse
zunahmen,  so  trat  der  Kampf  des  Alten  und  Neuen  immer
  bestimmter  hervor  und  man  durfte,  selbst  unter  ungünstigen
  Verhältnissen  hoffen,  daß  aus  diesem  Kampfe  ein  verjüngtes
  Leben  für  Sachsen  aufsteigen  werde.

Auf  dem  ersten,  unter  der  neuen  Regierung  gehaltenen
und  ganz  in  der  alten  Form  am  6.  Januar  1830  erdffneten
  Landtage  trat  diese  Spaltung  sehr  deutlich  hervor.  Das
Verlangen  nach  zweckmäßigen  Neuerungen  und  Umgestaltungen
  sprach  sich  immer  deutlicher  aus,  und  obgleich  die  koͤ-nigliche
  Proposition  sich  für  moglichste  Beibehaltung  des
Alten  erklärte,  so  wurde  doch  in  manchen  Punkten  bereits
Etwas  nachgegeben.  Dahin  gehdrte  die  Bewilligung  des
Druckes  der  Landtagsacten,  freilich  ausschließlich  für  die
Stände,  und  die  Archive.  Trotz  des  Widerspruchs  des  engern
  Ausschusses,  setzte  die  Ritterschaft  es  durch,  daß  in
einem  Zusatze  der  Präliminarschrift  der  Koͤnig  gebeten  wurde,
  eine  allgemeine  Uibersicht  des  Staatehaushaltes  vorlegen
  zu  lassen,  was  jedoch,  als  in  der  Verfassung  und  im
Herkommen  nicht  begründet,  verweigert  wurde.  Zugleich
fanden  die  Stände,  daß  die  aus  der  Vorzeit  herüber  gekommenen
  Formen  der  Verfassung,  deren  segensreiche  Wirkung
für  frühere  Zeiten  sie  zwar  nicht  verkannten,  doch  den  Bedürfnissen
  der  Gegenwart  nicht  entsprachen,  daher  sie  eine
Verbesserung  der  Landtagsordnung  und  eine  zweckmäßige  Gestaltung
  der  ständischen  Verfassung  wünschten.  Die  Regierung,
  obgleich  sie  sich  nicht  für  Veränderungen  in  der  Ständeverfassung
  erklärte,  zeigte  sich  gleichwohl  geneigt,  Anträge
        <pb n="621" />
        582  Sagchsen  unter  König  Anton  1827  —  1830.

zur  Verbesserung  des  Geschäftsganges  zu  hoͤren.  Die  bisherige
  Einrichtung  der  vielfach  gespaltenen  Ständeversammlung
  hatte  die  Einigung  einer  bestimmten  Mehrheit  über  einen
  Antrag,  sehr  gehemmt;  der  Watzdorfische  Antrag  auf
eine  Umgestaltung  der  Landesverfassung  und  Einführung  repräsentativer
  Formen,  gab  dem  vorher  unbestimmten  Verlangen
des  Volkes  im  Allgemeinen  plötzlich  das  rechte  Wort  in  den
Mund.  Jedenfalls  waren  die  Stände  diesmal  von  einem
Geiste  beseelt,  den  man  bisher  zuweilen  schmerzlich  genug
an  ihnen  vermißt  hatte.  Sie  baten,  nur  eine  dreijaͤhrige
Bewilligung  geben  und  sich  im  Jahre  1832  wieder  versammeln
  zu  dürfen,  mit  dem  Zusatze,  daß  diese  dreijährige  Bewilligung
  nur  in  der  provisorischen  Voraussetzung  geschehe,
daß  das  Gesuch  um  Mittheilung  einer  Staatöhaushaltsübersicht
  Gewährung  finden  werde.  Diese  Würde,  welche  die
Stände  diesmal  zeigten,  gab  sich  auch  bei  andern  Gegenständen
  kund.  So  nahm  die  Universitat  Leipzig  das  Recht
in  Anspruch,  über  die  Lehren  der  evangelischen  Kirche  und
die  davon  abweichenden  Lehrmeinungen  mit  würdigem  Freimuthe,
  nach  eigener  Uiberzeugung  aussprechen  zu  dürfen,  und
die  Mehrheit  der  Stände  suchte  auch  auf  andere  Weise  die
Gerechtsame  der  evangelischen  Kirche  in  lebhafte  Anregung
zu  bringen.  Aeusserst  zweckentsprechend  war  es,  daß  der
vormalige  Kreishauptmann  von  Wictersheim  die  so  nothwendige
  Einführung  einer  allgemeinen  Städteordnung  in
Antrag  brachte,  mit  der  wichtigen  Bemerkung:  daß  der
nachtheilige  Einfluß,  der  altherkömmlichen  Verfassung  auf
die  innere  Verwaltung,  dem  Emporkommen  der  Städte  ein
wesentliches  Hinderniß  entgegensetze.  Sicher  hatte  die  kraftvolle
  Opposition,  welche  die  Stände  behaupteten,  zuerst
die  feste  Stellung  des  Cabinetsministers,  welcher,  als
Hauptverfechter  des  Bestehenden,  auch  die  heftigsten  Anläufe
des  unaushaltsam  vordringenden  Neuen  bestehen  mußte,
nachdrüucklich  erschüttert  und  seinen  nahen  Sturz  vorbereitet,
und  während  die  Stände  mit  so  überraschendem  Muthe  das
System  der  Stabilität  in  allen  seinen  zahlreichen  Verschanzungen
  angriffen,  theilte  sich  auch  dem  Volke  ein  belebender
        <pb n="622" />
        Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.  583

Geist  mit,  der  anfangs  freilich  sich  nicht  in  einer  abgeschlossenen
  Form,  sondern  in  Gaͤhrungen  und  Zuckungen  aussprach.
  Bei  groͤßerer  Oeffentlichkeit  der  Verhandlungen,
wuͤrde  der  erwachende  Volkssinn  sich  in  einer  feurigen  Theilnahme
  bekundet  habe.  Beunruhigende  Geruͤchte  und  Stadtlügen,
  die  unausbleiblichen  Symtome  jedes  gereizten  Zustandes,
  mehrten  diese  Stimmung.  Besonders  fabelte  man
von  einer  geheimen  Polizei,  von  Herübersiedelung  der  Jesuiten
  nach  Sachsen  und  von  andern  grundlosen  Dingen,
während  einige  Behörden  durch  Aengstlichkeit  diesen  Glauben
zu  theilen  und  den  gefürchteten  Reactionen  in  die  Hand  zu
arbeiten  schienen.

Bei  all  dieser  heftigen  und  immer  weiter  um  sich  greifenden
  Verstimmung,  bedurfte  es  doch  gewaltsamer  Antriebe,
um  den  ruhigen,  ordnungliebenden  Sinn  des  sachsischen
Volkes  zu  offenem  Aufstande  hinzureißen.  Aber  eine  Zeit,
welche  so  lebhaft  unter  den  Geistern  Streiter  für  sich  wirbt,
bringt  meist  auch  dussere,  materielle  Veranlassungen  mit,
welche  den  Zündstoff  in  offenen  Brand  verwandeln.

Die  Stellung  der  Protestanten  und  Katholiken  in  Sachsen
zueinander,  war  in  zu  häufige  Aaregung  gekommen,  als  daß
diese5  Verhältniß  nicht  bei  der  nahen  Jubelfeier  der  augsburgischen
  Confession,  auf  irgend  eine  Weise  sich  hätte  kund  geben
  sollen.  Daß  man,  selbst  von  Seiten  protestantischer  Behörden,
  die  beabsichtigte  Feier  der  augsburgischen  Confession
keincöwwegs  zu  unterstätzen  Anstalten  traf,  sie  vielmehr  zu  ignoriren,
  wenn  nicht  förmlich  zu  hemmen  trachtete,  war  eine
übel  angebrachte  Rücksicht.  Der  Polizei-Präsident  von  Ende
in  Leipzig  stôörte  den  bereits  vom  Rector  gestatteten  feierlichen
Aufzug  der  Studirenden  in  Uniform.  Das  Volk,  durch
früheren  häufgen  Anlaß  gegen  die  Polizei  eingenommen  und
diesmal  durch  sie  in  seiner  Schaulust  betrogen,  rottete  sich
am  Abende  (25.  Juni)  zusammen,  warf  dem  vom  Ende  die
Fenster  ein  und  leistete  gegen  die  eingreifende  Polizei,  heftigen
  Wiederstand.  Ein  ganz  unschuldiger,  nur  durch  Zufall
in  den  Menschenstrom  hineingerissener  Kaufmannediener,
Gottschalk,  wurde  dabei  von  einem  Polizeidiener  tddtlich  ver-
        <pb n="623" />
        584  Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.

wundet.  Dies  gab  dem  anfangs  planlosen  Tumulte  selbst
in  den  Augen  der  ruhigen  Bürger  eine  gewisse  moralische
Weihe.  Kein  Diener  der  Polizei  durfte  sich  bei  dem  feierlichen
Begräbnisse  Gottschalks  sehen  lassen.  Aber  nicht  nur  in
Leipzig,  sondern  auch  in  Dresden  hatte  die  Feier  der  augsburgischen
  Confession  zu  unruhigen  Aufteitten  geführt.  Die
unerleuchtet  geblicbenen  Fenster  des  Rathhauses,  veranlaßten
unter  dem  Volke  bittere  Bemerkungen.  Durch  ein  Mißverständniß
  kam  es  gar  auf  den  Verdacht,  man  habe  die  in
den  Fenstern  eines  Hauses  aufgestellten  Bildnisse  Luthers
und  Melanchtons  verunglimpfen  wollen,  und  der  Zorn  der
Menge  wuchs,  als  Einer  in  jenen  ernsten  Augenblicken  einen
  verrufenen  Gassenhauer  bei  offenen  Fenstern  sang.  Die
Menge  wollte  die  Hausthüre  sprengen  und  die  Polizei,  dem
Volke  nicht  minder  wie  die  in  Leipzig  verhaßt,  konnte  durch
ihr  Eingreifen  nur  die  Erbitterung  mehren,  nicht  aber  sie
beschwichtigen;  doch  stellte  die  heranrückende  leichte  Infanterie
die  Ruhe  ohne  Schwierigkeit  wieder  her.  Unzweckmäßig  genug
erhöhte  man  den  Ausdruck  des  unbedeutenden  Tumulté,  der
ausserdem  schnell  vergessen  worden  wäre,  dadurch,  daß  man,
Kleich  als  hätte  es  einen  förmlichen  Aufruhr  gegeben,  noch  am
Abende  des  dritten  Festtags  große  Truppenmassen  aufstellte,  die
Hauptstraßen  sperrte  und  durch  Polizeibefehl  gebot,  daß  jedermann
  nach  10  Uhr  nach  Hause  gehen  sollte.  Selbst  auch  jene
Bewohner,  die,  ohne  von  diesem  Besehle  Erwas  zu  wissen,
spaͤt  vom  Lande  hereinkamen,  wurden  barsch  behandelt;  dies
veranlaßte  neue  Händel  und  neue  Verhaftungen.

Bei  dieser  immer  unverholener  hervortretenden  hestigen
Spannung,  siel  die  Nachricht  der  Parifer  Juliustoge,  wie
ein  leuchtender  und  zündender  Blitzstrahl  in  die  Gemüther,
die  jetzt  gleichsam  sich  erst  bewußt  wurden,  was  sie  eigentlich
  wollten,  Die  Thätigkeit  der  Leipziger  Polizei,  welcher
man  nun  einmal  Alles  übel  zu  nehmen  pflegte,  gab  abermals
  den  Impuls.  Bei  einem  Polterabende  im  Brühl
(2.  Sepebr.)  wobei  es  etwas  laut  herging,  wurde  ein,  wie
es  scheint,  bei  der  Sache  ganz  unbetheiligter  Schmiedelehrling
  von  einem  Polzeisoldaten  blutig  geschlagen.  Darüber
        <pb n="624" />
        Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.  585

zur  Rede  gestellt,  insultirte  derselbe  die  auf  das  Geschrei
des  Verwundeten  herbeieilenden  Buͤrger.  Die  Folge  war,
daß  der  Polizeisoldat  nebst  seinen  Gefaͤhrten  furchtbare
Pruͤgel  bekam,  ein  Manoͤver,  das  aus  den  benachbarten
Fenstern  mit  Bravorufen  und  Beifallsklatschen  begleitet  wurde,
und  daß  die  Lehrlinge  dem  von  Ende  die  Fenster  einwarfen,
die  Thuͤre  einstießen  und  im  Hause  selbst  Alles  demolirt  haben
  wuͤrden,  hätten  nicht  vorgeschobene  Weinfaͤsser  sie  am
weitern  Vordringen  gehindert.  Als  man  noch  nach  10  Uhr
die  Laternen  anzuͤndete,  wurden  auch  diese  von  der  Menge
zerschlagen.  Die  von  Magistrat  und  Polizei  erlassenen  Anschlaͤge
  hatten  keine  besondere  Wirkung;  denn  am  andern
Abende  wiederholte  sich  der  Tumult  und  mehrfache  Verhaftungen
  fanden  statt.  Am  4.  berief  der  Magistrat  die  Bürger-Reprasentanten
  und  die  Innungen  zusammen,  um  die
etwaigen  Wünsche  der  Bürger  zu  vernehmen  und  ihnen  die
Aufrechthaltung  der  Ordnung  anzuempfehlen;  bei  welcher
Gelegenheit  mehrere  wackere  Bürger  sich  freimüthig  über  die
Mißbräuche')  aussprachen,  durch  welche  jene  unruhigen  Bewegungen
  großentheils  herbeigeführt  worden.  Abends  rottete
  sich  wiederum  die  Masse  zusammen;  das  herbeigerufene
Militair  enthielt  sich  besonnen  jeder  Gewaltthätigkeit,  die
schwerlich  zur  Ruhe,  wohl  aber  zu  Empoͤrung  und  Blutvergießen
  geführt  haben  würde.  Das  Volk  verlangte  mit  Heftigkeit
  die  Absetzung  des  v.  Ende,  wie  auch  mehrerer  Subalternen
  des  Rathes  und  der  Polizei,  überhaupt  gänzliche
Abschaffung  der  Polizei,  wie  sie  dermalen  sey,  Freilassung
der  an  den  beiden  Abenden  Verhafteten,  Verminderung
drückender  Abgaben  u.  s.  w.  Was  die  beängstigten  Behörden
für  den  Augenblick  gewähren  konnten,  geschah.  Demohngeachtet
  zerstörte  die  Menge  das  Haus  eines  besonders  von
ihr  gehaßten  Rarhsmitgliedes,  desgleichen  mehrere  offentliche
Häuser,  die  sie  von  der  Polizei  insgeheim  begünstigt  glaubte,
  das  Haus  des  Baumeisters  Erkel,  dem  man  Schuld

*)  Am  aue  führlichsten  sind  sie  aufgezählt  in  E.  H.  F.  Hartmann's
Schrife:  die  Leipziger  Unruhen,  ihre  uUrsachen,  Schrecknisse  und
Folgen  (Gera  1850),  woselbst  sich  auch  die  Actenstücke,  Verordnungen
  und  Vorstellungen  besinden.
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        586  Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.

gab,  daß  er  100  eiserne  Bettstellen  fuͤr  das  Johannishospital,
  des  unbedeutend  wohlfeileren  Preises  wegen,  ausserhalb
Leipzigs  habe  verfertigen  lassen.  Thüren  und  Meubeln,  kurz
alles  wurde  in  dem  Landhause  des  Letztern  zerschlagen,  selbst
die  Trümmer  warf  man  in  den  Teich.  Ausserdem  aber
wurde  kein  einziges  Bürgerhaus  beschädigt,  noch  irgend  ein
Einwohner  beleidigt.  Die  Zerstdrer  hielten  sich  streng  nur
an  die  Gegenstände  ihres  Rachedurstes  und  begnügten  sich
ausserdem  mit  Drohungen.  Am  5.  bildete  sich,  nach  vorhergegangenem
  Aufrufe  von  Seiten  des  Magistrats,  die  Bürgergarde,
  welcher  sich  Gelehrte,  Studirende,  Künstler,  Kaufleute,
  Handwerker  bereikwillig  anschlossen,  um  die  Ruhe
wieder  herzustellen.  Am  folgenden  Tage  trafen  zwei  von
der  Regierung  bevollmächtigte  Beamte  zur  Untersuchung  der
vorgefallenen  Unruhen  in  Leipzig  ein,  v.  Ende  kam  dem  allgemeinem
  Wunsche  entgegen  uud  dankte  ab.  Von  allen
Seiten  wurden  jetzt  die  Beschwerden  laut,  die  sich  früher
nicht  hervorgewagt  hatten.  Der  Handelsstand  wies  in  seiner
  Vorstellung  vom  8.  Septbr.  darauf  hin,  wie,  bei  dem
zunehmenden  Sinken  des  Handels  und  Gewerbes,  bei  einer
Schuldenlast  von  mehrern  Millionen,  die  hohen  Abgaben
und  Steuern  immer  unerschwinglicher  geworden  wären,  und
an  welchen  Mängeln  und  Fehlern  die  Berwaltung  des  städtischen
  Vermögens  und  die  Communrepräsentation  bisher  gekrankelt
  habe.

Die  Botschaft  dieser  Leipziger  Vorfälle  veranlaßte  in
Dresden  große  Bewegung  und  diente  die  Aufregung  ihrem
Höhepuncte  zuzuführen.  Das  schüchterne,  mißtrauische  Benehmen
  einiger  Behörden,  mehrte  die  Zuversicht  und  die  revolutionaire
  Laune  gab  sich  unter  den  niedern  Ständen  immer
  unverholener  zu  erkennen.  Auber's  „Stumme  von
Portici,“  mit  ihren  aufrührerischen  Tönen,  so  recht  dazu  gemacht,
  die  Gefühle  der  emporten  Menge  auszusprechen,
mußte  jedem  öffentlichen  Concerte  vorzugsweise  ihre  Melodien
leihen,  and  die  Marsellaise,  ein  bekanntes  Prachtstück  der
Volkswuth,  hörte  man  an  allen  Orten,  in's  Unzähliche  wiederholt,
  spielen;  auch  erblickte  man  an  mehrern  Personen  die
        <pb n="626" />
        Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.  587

franzoͤsischen  Dreifarben  und  an  den  Straßenecken  waren
während  der  Nacht  sehr  haͤufig  aufrührerische  Anschläge  angeschlagen
  worden.  Der  Abzug  der  leichten  Infanterie  auf
Cantonirung,  dem  zu  Folge  man  die  Wachen  nur  schwach
besetzen  konnte,  erleichterte  den  Ausbruch.  Am  9.  September
  Abends  zogen  aus  den  Vorstädten  zwei  Volkshaufen  unter
  ungewöhnlichem  Lärmen  in  die  Stadt,  schrien  viel  von
Börgerfreiheit  und  Gleichheit  durch  einander,  brachten  den
Leipzigern  ein  Lebehoch,  zerschlugen  die  Laternen  und  ließen
sich  selbst  durch  die  Nähe  des  königlichen  Schlosses  in  ihrem
Treiben  nicht  irre  machen.  Durch  neuen  Zulauf  vermehrt,
drängte  sich  der  Haufe  nach  dem  Altmarkte  vor  das  Rathhaus,
  das  wegen  der  ermangelnden  Beleuchtung  am  Confessionsfeste
  einen  übeln  Eindruck  zurückgclassen  hatte.  Da  die
Rathswächter,  nichts  Gutes  ahnend,  das  Hausthor  schnell
verschlossen,  so  stiegen  einige  verwegene  Männer  auf  Leitern
zu  dem  Balcon  hinauf,  warfen  Schriften  und  Geräthe  zu
den  Venstern  hinab,  die  unten  zu  einem  Haufen  aufgethürmt
und  verbrannt  wurden,  verschonten  jedoch  diejenigen  Stockwerke,
  in  denen  vormundschaftliche  Acten  und  öffentliche
Gelder  verwahrt  wurden.  Mit  noch  größerer  Kampflust
wurde  von  einem  andern  Haufen  das  ohnweit  des  Nathhauses,
  in  der  Scheffelgasse  befindliche  Polizeigebdude  angegriffen,
  die  Thüre  gewaltsam  erbrochen,  die  Polizeidiener
verjagt  und  die  Verhafteten  befreit.  Mit  unerhdrtem  Grimme
  warf  sich  die  Menge  auf  Alles,  was  sich  in  dem  Hause
vorsand.  Tische,  Stühle,  Kleidungen  und  Schriften,  Alles
wurde,  mit  den  Fenstern  selbst,  auf  die  Gasse  herabgestürzt,
jeden  neuen  Wurf  beglestete  ein  wüstes  Siegekgeschrei,  und
die  Umstehenden  beschäáftigten  sich,  die  herabsallenden  Gegenstände
  auf  einander  zu  häufen  und  zu  verbrennen.  Die
Flamme  beleuchtete  gräßlich  das  wilde  Gemälde  der  Nacht,
das  wie  ein  dumpfer,  angstvoller  Traum,  vor  den  bestürzten
Einwohnern  auftauchte,  und  die  Thüren  der  gegenüber  stehenden
  Gebdude  wurden  von  dem  Feuer  gesengt  und  angeschwärzt.
  Unter  den  Brandstiftern  selbst  wurde  Keiner  eigentlich
  kenntlich.  Sie  selbst  schienen  von  dieser  Schreckensnacht
        <pb n="627" />
        588  Anfang  der  Unruhen  in  Sachsen.

geboren  und  dann  auch  von  ihr  verschlungen,  und  Keinen
der  Hauptthaͤter  sah  man  spaͤter  wieder.  Der  Schall  der
Sturmglocke  und  der  Trommeln  schien  die  Buͤrger  nur  an
die  Bewachung  des  eigenen  Heerdes  zu  mahnen.  Nur  einige
der  Buͤrgergarde  kamen  herbei  und  auch  diese  waren  eben
nicht  eifrig,  das  Polizeigebaͤude  zu  retten.  Die  herbeige—
rufene  wenige  Mannschaft  von  der  Artillerie  war  dem  Haufen
  nicht  gewachsen,  benahm  sich  aber  mit  soviel  Besonnen—
heit,  daß  selbst  die  Empoͤrer  sie  mit  Achtung  behandelten.
Das  Schuͤtzenbataillon  aber,  welches  vom  Confessionsfeste
her  den  Unwillen  der  Buͤrger  gegen  sich  hatte,  wurde  bei
seinem  Anruͤcken  mit  einem  Steinregen  und  mit  Feuerbränden
  empfangen,  und  mußte,  da  es  keinen  Befehl  zu  feuern
hatte,  vor  der  wuͤthenden  Menge,  die  ihm  unter  Hohnge—
laͤchter  und  unter  dem  Gebrüll:  „Schuͤtzen  hinaus“  mehrere
Strassen  folgten,  sich  zuruͤckziehen.  In  den  Morgenstunden
zuͤndeten  die  Meuterer  auch  die  Steinkohlenvorraͤthe  im
Polizeihause  an  und  die  Flammen  bedrohten  die  nebenstehenden
  Gebaäude,  von  denen  man  nur  mit  Mühe  den  Brand
abwendete.  Selbst  das  Dach  des  Polizeihauses  wurde  abgetragen
  und  alle  Anstalten  getroffen,  letzteres  gänzlich  wegzutilgen
  und  der  Erde  gleich  zu  machen.  Das  Wachhaus
am  Wilsdruffer  Thore  wurde  von  einem  Pöbelhaufen  angefallen,
  und  die  Schützen  mußten  auf  höhern  Befehl  die
Stadt  verlaßen.  Die  Bürgergarde  übernahm  den  Dienst.
In  den  Frühstunden  des  andern  Tages  (10.  Septbr.)  schlugen
  die  Bürger  dem  Stadtrathe  eine  allgemeine  Bewaffnung
als  das  sicherste  Mittel  zu  Wiederherstellung  der  Ruhe,  vor,
welche  auch  sofort  mit  bewundernswürdiger  Schnelligkeit  ins
Leben  trat.  Männer  und  Jünglinge  aus  allen  Ständen  eilten
in  das  Zeughaus,  um  sich  mit  Waffen  zu  versehen  und  sich  die
weiße  Binde,  das  Zeichen  der  Gutgesinnten,  um  den  Arm  zu
schlingen.  Schon  am  Nachmittage  des  ersten  Tages  waren  2000
Mann  unter  den  Waffen.  Das  in  dem  verheerten  Pollzeigebäude
noch  immer  umherkramende  Gesindel  (die  eigentlichen  Anführer
hatten  sich  noch  vor  Anbruch  des  Tages  zerstreut,  ohne  daß
man  ihnen  auf  die  Spur  kam)  wurde  festgenommen,  und
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        Folgen  der  Unruhen.  589

von  der  Communal-  und  Buͤrgergarde  die  Wachen,  wie  auch
die  aͤussern  Zugaͤnge  zur  Stadt,  zu  Abwehrung  etwaiger  Angriffe
  von  aussen,  besetzt.

So  trat  denn  aͤusserlich  wieder  Ruhe  ein,  aber  der  Brand
in  den  Gemuͤthern  glomm  noch  immer  fort,  und  keiner  konnte
sich  verhehlen,  daß  zu  Wiederherstellung  einer  dauernden
Ordnung  und  Zuftiedenheit  etwas  Entscheidendes  geschehen
und  in  den  veralteten  Formen,  gegen  welche  sich  der  erwachende
  Volksgeist  immer  bestimmter  erklärte,  manche
zweckmäsige  Aenderung  vorgenommen  werden  musse.  Die
vom  Könige,  unter  Vorsitz  des  Prinzen  Friedrich  August
niedergesetzte  Commission  zu  Aufrechthaltung  der  össentlichen
Ruhe,  erkannte  in  einer  Bekanntmachung  vom  11.  Septbr.
das  Benehmen  der  Bewohner  Dresdens  rühmend  an  und
erklrte  zugleich  sich  bereitwillig,  Wünsche  und  Anträge  über
städtische  und  öffentliche  Angelegenheiten  anzunehmen  und  zu
erdrtern.  Demgemäs  kamen  am  andern  Tage  in  der  Altstadt
  viele  Büraer  und  Einwohner  zusammen,  um  sich  über
die,  der  dffentlichen  Wohlfahrt  geltenden  Wönsche  zu  besprechen.
  Dahin  gehdrten:  Abschaffung  der  Polizeibehorde,
Einführung  einer  neuen  Stadtordnung,  Erniedrigung  mehrerer
  drtlicher  Abgaben,  Abänderung  der  seit  1822  eingeführten
  Grenzzoll=  und  Acciseverordnungen,  Schutz  der  evangelischen
  Landeskassen  gegen  Abstüsse  für  fremdartige  Zwecke,
Repräsentation  der  Dresdner  Bürgerschaft  auf  dem  nächsten
Landtage,  und  Entfernung  solcher  Staatsbeamter,  welche
hartnäckig  am  Alten  klebten  u.  s.  w.  Dieser  letztere  Wunsch
wurde  in  der  Hauptsache  schnell  erfüllt.  Der  König  Anton
den  die  Kunde  jener  erschütternden  Vorfälle  in  der  Hauptstadt,
  mit  tiefem  Schmerze  erfüllte,  um  so  mehr,  da  man
ihn  immer  in  dem  Glauben  an  die  vollkommene  Zufriedenheit
  seiner  Unterthanen  gelassen  hatte,  beklagte  tief  ergriffen
die  schwere  Täuschung:  „Ich  habe  geglaubt,  daß  mein
Volk  mich  licbe;  ich  habe  Keinen  gekrankt  und  alles  so  gelassen,
  wie  es  unter  meinem  Bruder  war.“  Mit  ernstem
Vorwurfe  aber  wendete  er  sich  an  den  Minister  v.  Einsiedel,
daß  dieser  ihn  über  die  Stimmung  des  Volkes  in  der
        <pb n="629" />
        590  Folgen  der  Uuruhen.

Tduschung  erhalten  habe.  Dieser  konnte  freilich  nur  eigne
Unkenntniß  vorschützen,  obgleich  ihm  aus  guter  Quelle  jene
Ereignisse  schon  mehrere  Wochen  früher  vorausgesagt  worden
  waren.  Für  seine  personliche  Sicherheit  besorgt  und
vom  Konige  selbst  dazu  aufgefordert,  bat  Einsiedel  um  seine
Entlassung,  die  ihn  nicht  ganz  unverschuldet  traf,  wenn
man  auch  zugeben  mußte,  daß  die  einmal  gegen  ihn  gekehrte
Volksungunst  ihm  auch  diejenigen  Uebel  beimaß,  welche  er  nicht
herbeigerufen  und  welche  zu  beseitigen  nicht  in  seiner  Macht
stand.  An  seine  Stelle  wurde  der  Freiherr  von  Lindenau,
dem  schon  von  Altenburg  her  der  Ruf  eines  hochverdienten,
uncigennützigen  Staatsmanns  folgte  und  auf  den  auch  der
Wunsch  des  Volks  seine  Wahl  lenkte,  vom  Koͤnige  berufen.

Der  Prinz  Friedrich,  schon  seit  länger  der  Liebling  des
sächsischen  Volks,  hatte  durch  seine  würdevolle  und  theilnehmende
  Thätigkeit  in  jenen  verhängnisvollen  Augenblicken,
das  allgemeine  Vertrauen  noch  fester  an  sich  geknäpft.  Am
12.  Septr.  ernannte  der  König,  mit  Umgehung  seines  eigenen
damit  einverstandenen  Bruders,  des  Herzogs  Maximilian,  seinen
  altesten  Neffen,  den  Prinzen  Friedrich  August,  zum  Mitregenten.
  Das  sächsische  Volk  wußte  dankbar  die  Größe  dieser  Entsagung,
  sowohl  von  Seiten  des  Königs,  wie  auch  des  Prinzen
Maxmilsan  und  dessen  edler  Gemahlin,  die  bei  diesem  Schritte
besonders  thaätig  gewesen  war,  zu  ermessen,  und  den  vorangegangenen
  Stürmen  folgte  zum  ersten  Male  ein  siegreiches
Leuchten  der  Freude.  Die  Begeisterung  für  den  nunmehrigen
  Prinzen  Mitregenten  zeigte  sich  gleich  bei  der  diesem  Ereignisse
  zu  Ehren  angestellten  Illumination  in  ihrem  reinsten
Lichte  und  die  Bürger  spannten  ihm  die  Pferde  aus  und
zogen  ihn  über  die  Brücke  nach  dem  Schlosse.  Das  aber
in  diesem  Freudentaumel  die  angeborene  Vorsicht  der  Sachsen
  keinesweges  unterzugehen  drohte,  zeigte  die  Empfindlichkeit,
  welche  einige  mißverstandene  Ausdrücke  in  öffentlichen
Anschlägen  sogleich  wieder  in  die  Gemüther  brachte.  Daher
mußten  in  Dresden  wie  in  Leipzig,  einige  Anschläge  die  eine
den  Wönschen  der  Börger  nicht  entsprechende  Deutung  zuließen,
  zurückgenommen  und  durch  andere  ersetzt  werden.  Auf
        <pb n="630" />
        Folgen  der  Unruhen  591

diese  Weise  kehrte  endlich  der  Glaube  in  die  Brust  der  Bürger
  und  mit  ihm  auch  eine  festere  Ruhe  in  die  Hauptstadt
wieder,  und  die  Rückkehr  des  Militairs,  von  welcher  man
sich  nicht  die  besten  Folgen  versprochen  hatte,  brachte  keine
Mißverhältnisse  hervor.  Die  Communalgarde  erbot  sich,  mit
ihm  gemcinschaftlich  Dienst  zu  thun,  und  der  Prinz-Mitregent
  gewährte  dieses  Anerbieten  durch  eine  Erklärung,  deren
Worte  tief  in  jeder  Sachsenbrust  wiederhallten  und  die  auch
in  dieser  vaterländischen  Schrift  eine  Erinnerung  verdienen:
„Ich  habe  mich  nicht  getauscht;  das  Vertrauen,  welches  ich
vom  ersten  Augenblicke,  in  Sie  setzte,  hat  sich  herrlich  bewährt.
  Vertrauen  erweckt  wieder  Vertrauen;
darum  bitte  ich  sie,  meine  Herren,  vertrauen  sie  auch  mir!
Ich  glaube  es  zu  verdsenen,  mein  Inneres  sagt  es  mir.
Mit  den  liebevollsten  Gefühlen,  welche  ich  in  meinem  Herzen
von  der  Jugend  auf  genährt,  werde  ich  mit  allen  Kräften
für  das  Wohl  des  Staates  sorgen.  Glauben  Sie,  es  sind
nicht  leere  Worte,  die  ich  zu  Ihnen  sage;  vielmehr  soll  mein
künftiges  Leben  nur  dahin  gerichtet  seyn,  alles  Gute  zu  befordern
  und  stets  für  das  Wohl  des  Staates  zu  sorgen.“
Am  13.  Septbr.  schon  erfolgte  die  Bekanntmachung,  daß
der  Stadtrath  auf  sein  Recht,  keine  Rechnung  über  das
Gemeindevermögen  abzulegen,  verzichtet  habe.  Von  Seiten
der  Neustädter  Bürger  bat  man,  in  Folge  des  angekündigten
  freien  Gehdres,  aller  Wünsche  und  Beschwerden,  um
baldige  Berufung  der  Stände,  Vorlegung  genauer  Uebersicht
  des  Staatéhauêhaltes,  zweckmáßigere  Repräsentation
der  Staatsbürger,  Milderung  des  Censurzwanges,  Aufhebung
des  Geleites,  Erhaltung  und  Belebung  der  Industrie,  gleichmäßige
  Vertheilung  der  Abgaben,  moglichste  Einschränkung
eller  Staatbausgaben,  Verhütung  aller  Mißverhältnisse  zwischen
  den  verschiedenen  Confessionen  und  ernstliche  Wachsamkeit
  gegen  die  Jesuiten.  Noch  trug  man  in  besonderer  Räcksicht
  auf  die  Hauptstadt,  auf  Abschaffung  des  Polizeicollegiums,
  auf  Rückgabe  dieses  Verwaltungszweiges  an  den
Stadtrath,  für  diesen  selbst  aber  auf  eine  bessere  Einrichtung
und  vollständige  Controle  durch  die  Communrepräsentanten,
        <pb n="631" />
        592  Folgen  der  Unruhen.

auf  Vertretung  der  Stadt  bei  Landtagen  durch  nicht  selbst
gewaͤhlte  Mitglieder  des  Rathes,  auf  bessere  Regulirung  des
Armenwesens,  Aufhebung  des  Mahlzwanges,  Reduction  des
Brückenzolles  auf  den  fruͤhern  Fuß,  Beschraͤnkung  der  Willkühr
  der  Dresdner  Baucommission,  Aufhebung  der  Nationalgarde
  und  auf  einen  erweiterten,  besser  basirten  Accistarif
an.  Die  Altstaͤdter  Buͤrger  schlossen  viele  dieser  Puncte
ebenfalls  in  ihre  Petition  ein,  trugen  aber  auch  auf  Schutz
der  Zuͤnfte  und  Innungen  gegen  Beeintraͤchtigungen  durch
Nichtbuͤrger,  auf  Einschraͤnkung  mehrerer  staͤdtischer  Abga—
ben,  wie  auch  der  Jurisdictionsconflicte  zwischen  Magistrat
und  Landesregierung  hinsichtlich  des  neuen  Anbaues  u.  s.  w.
ferner,  in  allgemeiner  Ruͤcksicht,  auf  eine  bessere  Münzverfassung,
  Abaͤnderung  der  Recrutirungsgesetze  und  darauf  an,
daß  die  Kosten  des  katholischen  Cultus  nicht  mehr  den  Evan—
gelischen  zur  Last  fallen.  Die  Antwort  der  Commission  auf
diese  Beschwerden  mußte  im  Ganzen  gute  Wirkung  thun;
es  wurde  darin  die  Umgestaltuug  der  Polizeibehoͤrde  zugegeben,
  das  Versprechen  einer  neuen  Stadtordnung  wiederholt.
Zugleich  erklärte  sich  die  Commissson  darin  geneigt,  fuͤr  die
Vertrekung  der  Bürgerschaft  durch  gewählte  Abgeordnete  auf
dem  Landtage  zu  wirken,  versprach  die  Aufhebung  der  meisten
brtlichen  Belastungen,  verwies  übrigens  wegen  der  über  allgemeine
  Landesangelegenheiten  ausgesprochenen  Wünsche,  auf
die  Berathung  mit  den  Landständen,  gab  aber  Hoffnung  auf
eine  dem  innern  Verkehre  günstige  Veränderung  des  Systems
der  indirecten  Abgaben.  Was  die  Beschwerde  über  den
Aufwand  der  katholischen  Geistlichkeit  betraf,  so  sollte,  wie
die  Commission  bemerkte,  dieser  Punct  auf  übertriebenen  Gerüchten
  beruhen;  doch  wollte  man  künftig  für  einen  bessern
Erfolg  der  eigenen  Beiträge  der  katholischen  Glaubensgevossen
  sorgen.  Der  Punct  wegen  jesuitischer  Ansiedelung  ward
würdevoll  mit  der  gewiß  richtigen  Erklärung  erledigt,  daß
es  nie  im  Sinne  der  Regierung  gelegen  habe,  den  Jesuiten
Eingang  zu  gewähren,  weniger  konnte  man  es  gut  helßen,
daß,  hinsichtlich  der  Bikte  um  Preffreiheil,  auf  die  Cenfurverordnung
  von  1812  verwiesen  wurde,  da  diese  im  Gewirre
        <pb n="632" />
        Folgen  der  Uuruhen.  593

dusserer  politischer  Reibungen  und  unter  den  Auspicien  Napoleonischen
  Joches  in's  Leben  getreten,  auf  die  gegenwirtige
  Zeit  gar  nicht  in  Anwendung  zu  bringen  war,  wie  dies
auch  die  von  den  Leipziger  Buchhandlungen  und  Buchdruckereien
  eingereichte  Adresse  sehr  richtig  bemerkte,  welche  zugleich
  die  durch  den  Censurzwang  dem  sächsischen  Buchhandel
  und  dem  vaterländischen  Wohlstande  im  Allgemeinen
drohende  Gefahr  schilderte,  den  Vicarius  apostolicus  in  Dresden
  als  cine  Censurbehörde  anzuerkennen  Anstand  nahm,
um  Preßfreiheit  mindest  zu  Besprechung  innerer  Angelegenheiten,
  wie  auch  um  Sicherheit  der  mit  Censur  gedruckten
  Schriften  und  um  zweckmáßigere  Einrichtung  der  Büchercommissson
  in  Leipzig  bat,  der  man  einen  Abgeordneten  der
dasigen  Buchhandlungen  und  Buchdruckereien  an  die  Seite
gestellt  zu  sehen  wünschte.

Daß  die  statt  gefundenen  Ereignisse  in  Dresden  und
Leipzig  nicht  die  Ausgeburten  nur  örtlicher  Beschwerden  gewesen
waren,  bewicsen  die  wenig  später  auch  in  andern  Gegenden
des  Landes  —  obwohl  unblutiger  und  vorübergehender  —
ausbrechenden  unruhigen  Bewegungen.  Am  stürmischsten  ging
es  in  Chemnitz  her,  wo  Bürgerschaft  und  Stadtrath  seit
längerer  Zeit  in  großer  Spannung  lebten,  wodurch  auch  der
Entwurf  eines  neuen  städtischen  Verfassungsgesetzes  veranlaßt
worden  war.  Hier  wurde  das  Haus  eines  katholischen
Kaufmanns  —  nicht  sowohl  aus  Fanatismus,  als  aus
Handelsneid  und  Raubsucht  —  geplündert  und  verwüstet,
und  über  zwanzig,  wegen  versäumter  Frohndienste  in's  Gefängniß
  gesetzte  Bauern  befreit.  Eine  in  der  Eile  bewaffnete
Bürgerwache  brachte  auch  hier  die  Ruhe  zurück.  In  Pirna,
Freiberg  und  Meißen  fanden  seit  dem  13.  September  Börgerversammlungen
  statt,  um  sich  über  eine  neue  Einrichtung
des  Gemeinwesens  zu  besprechen;  was  zum  Theil  das  Versprechen
  von  Seiten  der  Stadträthe  zur  Folge  hatte,  daß
dieselben  über  die  Verwaltung  des  Stladtvermogens  künftig
Rechenschaft  abzulegen  sich  anheischig  machten.  Dem  beabsichtigten
  Einzuge  der  Bergleute,  kam  man  durch  Erhöhung
ihrer  Lohnung  zuvor.  In  einigen  Städten  des  Erzgebirges

38
        <pb n="633" />
        5  Folgen  der  Unruhen.

und  des  Voigtlandes  galten  die  ausbrechenden  Tumulte  nur
dem  Beamtendespotismus,  den  auch  eine  Stimme  aus  Zittau,
  wo  die  Ruhe  ungestoͤrt  blieb,  als  den  eigentlichen  Ge—
genstand  des  Volksunwillens  bezeichnete.  Um  so  leichter
ward  die  Grundlosigkeit  einiger  umherlaufenden  Gerüchte,  welche
  die  stattgehabten  Unruhen  einem  auswärtigen  Einflusse
beimaßen,  dargethan;  wenn  man  auch  glauben  darf,  daß
die  unermittelt  gebliebenen  Anstifter  zum  Theil  höber  gestellte
Personen  waren,  als  die  meistentheils  dem  bloßen  Pöbel  angehdrenden
  Vollzieher.  —  Der  in  vielfacher  Hinsscht  hartbedrückte
  Bauernstand  gab  ebenfalls  Spuren  bedenklicher  Aufregung,
  und  an  mehrern  Orten  kam  es  zu  gewaltsamen
Auftritten;  aber  eine  Bekanntmachung  der  Regierung  vom
30.  Septbr.,  welche  eine  nahe  Abloͤsung  der  Belastungen
des  bäuerlichen  Grundeigenthumes  hoffen  ließ,  war  von  du-Herst
  beruhigender  Wirkung.  Ausser  einzelnen  Dorfgemeinden,
traten  auch  120  Dörfer  des  meißnischen  Kreises  zu  einer  Beschwerdeschrift
  zusammen  und  nahmen  darin  auch  das  Recht
der  Vertretung  in  der  Ständeversammlung,  in  Anspruch.
Die  Schnelligkeit,  womit  man  die  den  Städten  gegebenen
  Zusagen  zu  erfüllen  trachtete,  zeugte  von  dem  ernsten
und  redlichen  Willen  der  Regierung.  In  Leipzig  und  Dresden
  wurden  kurz  hintereinander  Anordnungen  über  die  Wahl
neuer  Wortführer  der  Gemeinden  bekannt  gemacht,  wobei  in
Dreöden  die  Frage,  ob  das  Ortsbürgerrecht  ausschließlich
als  Grundlage  der  Reprásentation  gelten,  oder  ob  die  Stimmberechtigung
  sich  überhaupt  auf  die  Stadtbewohner,  jedoch
nach  Maßgabe  ihrer  directen  Steuern,  ausdehnen  solle,  einige
  Erdrterungen  veranlaßte.  Mit  besonderer  Thaͤtigkeit
betrieb  man  die  Organisation  einer  allgemeinen  Communalgarde
  im  ganzen  Lande,  welche  an  die  Stelle  der  alten
National=  und  Bürgergarde,  eines  innerlich  und  äusserlich
bereits  welken  Institutes,  treten  sollte.  Zweckmäßig  war  es,
daß  man  mit  dem  Eintritte  zu  dieser  neuen  Bürgerwehr,
welche  zunächst  über  innere  Sicherheit  wachen  sollte  (wo
militairische  Einmischung  unnöthig  und  bedenklich  sey),  nicht
die  Schwierigkeiten  kostspieliger  Uniformen  und  Auszeichnungen
  verband,  die  bei  der  Nationalgarde  manchem  ärmern
        <pb n="634" />
        Wiederholte  Unruhen.  595

Bürger  so  drückend  geworden  waren,  sondern  daß  die  gewöhnliche
  Tracht,  einzig  durch  die  weißen  Binden  und  durch
die  Flinten,  welche  dem  Justitute  geliefert  wurden,  bezeichnet,
für  den  beabsichtigten  Zweck  ausreichen  dursten.  Die  Wirksamkeit
  der  Polizel  wurde  damit  in  das  Bereich  der  gewöhnlichen
  Fälle  zurückgewiesen.

Aber  bei  all'  dem  thätigen  Eifer,  womit  die  Regierung
das  Riesenwerk  der  neuen  Gestaltung  anfaßte,  wollte  in
einzelnen  Gemüthern  der  Groll  und  die  Aufregung  noch  nicht
schwinden.  Da  dies  jedoch  nur  bei  Leuten  der  Fall  war,
die  eine  Umgestaltung  des  Staates  für  das  Werk  einer  Nacht
hielten,  so  mußte  gegen  diese  eben  so  sehr  die  Strenge  des
Gesebes,  wie  der  Unwille  der  bessern  Bürger  sich  kehren.
Manchen,  die,  auf  die  Barenhaut  der  Gewohnheit  hingestreckt,
ohne  Mühe  und  gleichsam  zu  ihrer  eignen  Verwunderung  auf
den  Weg  zum  Wohlstande  und  Reichthume  gerathen  waren,
mochte  auch  mit  der  neuen  Ordnung  der  Dinge  nicht  gedient
seyn,  welche  dem  Monopolwesen  einen  Hauptstoß  zu  versetzen
drohte;  wenigstens  zogen  Viele,  die  anfangs  auf  wohlfeile  Weise
die  Freisinnigen  gespielt  hatten,  sich,  nach  reiferer  Beobachtung
des  Terrains,  hinter  die  Barricaden  des  Hergebrachten  zurück
  oder  zerfielen  lustiger  Weise  in  zwei  Hälften,  davon
eine  auf  Reform  und  Gemeinwesen  drang,  während  die
anderc  geizig  und  engherzig  ihre  Privilegien  umfaßte,  um
sie  nicht  im  brausenden  Strome  der  Neuerung  mit  fortgerissen
  zu  sehen.  So  brachte  schon  der  Abend  des  4.  Octbr.
1830  eine  abermalige  Störung  der  Ruhe,  indem  in  der
Dreödner  Altstadt  sich  ein  Auflauf  arbeitsloser  Gesellen  und
Handwerksburschen  und  eingeschlichenen  Gesindels,  dessen  Aufenthalt
  durch  die  Unterbrechung  der  polizeilichen  Wachsamkeit
unterstützt  worden  war,  bildete,  den  jedoch  das  Einschreiten
der  Communalgarde  sehr  bald  beseitigte  und  über  20  Verhaftete
  dem  Königsteine  zuführte.  Obgleich  sich  nichts  Näheres
ermitteln  ließ,  so  wurde  doch  so  viel  klar,  daß  diese  abermalige
  Unruhe  den  Charakter  der  Reaction  trug  und  unter
den  Auspicien  von  Leuten  stand,  deren  beschränkte  Fähigkeiten
  sich  in  dem  Zeitalter  der  Monopole  besser  befunden  hat-38

  *
        <pb n="635" />
        596  Wiederholte  Unruhen.

ten,  als  da,  wo  Entfesselung  der  allgemeinen  Thaͤtigkeit
dem  Talentvollen  und  Fleißigen  das  offenbare  Uebergewicht
in  die  Hand  zu  spielen  versprach.  Am  21.  Octbr.  wurde
sogar  ein  Plan,  an  zwei  Orten  der  Hauptstadt  zugleich  Brand
zu  stiften,  entdeckt  und  vereitelt;  eben  so  ging  es  mit  der
Absicht  einiger  Verwegenen,  den  Pulverthurm  in  ihre  Gewalt
  zu  bekommen,  um  dadurch  Pulver  zu  erhalten.  Bei
einigen  dieser  Vorfälle  mochte  wohl  mehr  Schadenfreude
oder  Schabernack  im  Spiele  seyn,  als  wirklicher  Emporungsgeist;
  so  z.  B.  bei  den  Pulverschlägen,  welche  am  Reformationsfeste
  die  Feier  des  protestantischen  Gottesdienstes
stdren  sollten,  wie  auch  bei  den  Drohbriefen  an  einen  protestantischen
  Prediger,  ihn  auf  der  Kanzel  zu  erschießen.
Uebrigens  konnten  dergleichen  ohnmächtige  Spucke  des  Unsinns
  oder  der  thörichten  Wuth  die  Feier  des  hochwichtigen
Festes  keinesweges  schwächen,  obschon  Leipzig,  hinsichtlich
dieser  Fcier,  die  Residenz  bei  weitem  hinter  sich  zurückließ.
Heftige  Reibungen  aber  verursachte  die  unternommene  Auflösung
  der  Nationalgarde.  Viele,  die,  so  lange  dieses  Institut
  bestanden,  sich  nur  mit  Widerwillen  diesem  Dienste
gefügt  und  dessen  Beschwerden  bei  weitem  übertrieben  hatten,
  begannen  in  dem  Augenblicke,  wo  dasselbe  sich  auflösen
und  sie  heraustreten  sollten,  es  plötzlich  lieb  zu  gewinnen,
betrachteten  diese  Auflösung  als  eine  Beschimpfung,  und  weigerten
  sich  sehr  stürmisch,  derselben  zu  gehorchen.
Bedenklicher  und  gefährlicher  für  die  öffentliche  Ruhe
sollte  ein  anderer  Uumstand  werden.  In  Dresden.  hatte  sich
aus  verschiedenen  Ständen,  namentlich  aus  Gewerbtreibenden,
ein  sogenannter  Bürgerverein  gebildet,  der  auf  einem  Kafseehause
  sich  versammelte  und  seine  anfangs  harmlosere  und
zweckmäßigere  Tendenz,  die  der  Geselligkeit  und  verständigen
Besprechung  über  vaterländische  Angelegenheiten,  allmällg  in
den  Charakter  eines  politischen  Ultraismus  ausarten  ließ.
Der  Verein  erließ  öffentliche  Einladungen  an  die  Gemeindevertreter,
  um  gemeinsame  Wünsche  mit  ihnen  zur  Sprache
und  zur  Berathung  zu  bringen;  wogegen  die  Regierungsbehörde
  am  26.  März  1831,  mittelst  einer  Verfügung,  die
        <pb n="636" />
        8

Wiederholte  Unruhen.  507

Communrepräsentanten  als  die  ausschließlichen  gesetzméßigen
Wortführer  der  Gemeinden  bezeichnete  und  den  Stadtrath
beauftragte,  den  Börgerverein  in  die  Grenzen  eines  geselligen
  Privatvereines  zurück  zu  weisen.  Gleichwohl  erließen
kurz  darauf  die  Vorsteher  des  Vereines  eine  Aufforderung,
worin  dessen  Zweck  näher  dargethan  wurde,  nämlich  sich
über  das  Interesse  der  Einwohnerschaft  zu  besprechen  und
auf  Abhilse  der  Beschwerden  anzutragen.  Diese  bisher
selbst  in  ihrer  Verirrung  nicht  würdelose  Haltung  des  Vereines
  ging  in  offene  Widerspenstigkeft  über,  als  er,  nachdem
am  6.  April  die  Regierungsbehörde  seine  Aufldsung  befohlen
hatte,  sich  zwei  Tage  darauf  um  so  zahlreicher  versammelte
und  bel  dieser  Gelegenheit  aufregende  Gedichte  und  Aufrufe
vorlesen  und  austheilen  ließ.  Noch  immer  zögerte  man
ernsthaft  einzuschreiten,  und  erst  als  eine,  von  Mitgliedern
des  Vereines  ausgearbestete  und  heimlich  gedruckte  „Constitution,
  wie  sie  das  sächsische  Volk  sich  wünscht,“  in  Umlauf
gesetzt  wurde,  die  mit  ihren  wirren  Phantasieen  von  Abschaffung
  des  Adels,  Volkssouverainität,  Auflösung  des  stehenden
  Heeres  u.  s.  w.  ein  treffendes  Bild  der  verworrenen
Zeitansichten  gewährte,  wurden  strengere  Maßregeln  nöthig;
in  deren  Folge  am  16.  zwei  Mitglieder  des  Vereines,  als
der  Vertheilung  jenes  Entwurfs  angeklagt,  festgenommen
wurden.  Aber  am  andern  Tage  ging  ein  zum  Theil  bewaffneter
  Volk5haufe  auf  das  Rathhaus  los,  griff  den  dort  stehenden
  schwach  besehbten  Communalposten  an  und  befreite
mit  Gewalt  die  in  einem  anstoßenden  Gebäude  gefangen  gehaltenen
  Vereinsmitglieder.  Die  nach  und  nach  verstärkte
Communalgarde  und  ein  herbei  kommendes  Linienbataillon
zerstreuten  die  Meuterer,  deren  Wuth  sich  selbst  dem  Prinzen
  Johann  gegenüber,  nicht  verleugnet  hatte;  die  befreiten
Gefangenen  wurden  aufs  neue  verhaftet,  mit  ihnen  mehrere
Verdächtige  oder  in  dem  Handgemenge  Aufgegriffene.  Der
folgende  Tag  brachte  noch  gewallsamere  Auftritte.  Im  Gewandhause
  fand  eine  starke  Versammlung  statt,  die  den  vorüberreitenden
  Prinzen  Johann  sturmisch  wegen  Besceiung  der
Verhafteten  anging  und,  als  dieser  es  entschieden  verwei-
        <pb n="637" />
        598  Wiederholte  Unruhen.

gerte,  einen  heftigen  Tumult  begann.  Auf  dem  Markte
stellten  sich  die  Communalgarde  und  die  Linientruppen  auf,
gegen  welche  mit  einbrechender  Daͤmmerung  zahlreiche,  wie
es  heißt,  durch  ausgestreutes  Geld  verstärkte  Hausen  aus
den  umherbefindlichen  Gassen  vordrangen  und  ihnen  mit
Schimpfworten  und  Steinwuͤrfen  zusetzten.  Vergebens  wur—
den  die  Empoͤrer  wiederholt  aufgefordert,  aus  einander  zu
gehen;  wiederholte  Schimpfworte  und  verstaͤrkter  Steinhagel
waren  die  Antwort.  Auf  der  Wilsdruffer  Gasse  war  ein
Haufe  schon  beschäftigt,  das  Straßenpflaster  aufzuhacken,
um  Steine  in  Vorrath  zu  gewinnen,  und  die  über  die
Schleußengruben  gedeckten  Balken  auszuheben,  um  dadurch
besonders  dem  reitenden  Militair  die  Straße  zu  verwehren.
Am  heftigsten  wurde  das  Militair  von  der  Badergasse  aus
angegriffen  und  insultirt;  doch  muß  die  Geduld  und  Nachsicht
  der  Krieger  gerühmt  werden,  obgleich  selbst  dies  ohne
Wirkung  auf  die  empdrte  Menge  blieb.  Mittlerweilen  langte
der  Befehl  an,  auf  den  Haufen,  wenn  gütliches  Zureden
nicht  fruchten  wolle,  Feuer  zu  geben.  Mit  Wärme  und
Gefühl  sprachen  mehrere  der  Offiziere  nochmals  die  tobende
Menge  an,  ermahnten  sie  zum  friedlichen  Auseinandergehen  und
schilderten  die  bejammernswerthen  Folgen  ihres  Nichtgehorchens,
  welches  unausbleiblich  nach  sich  ziehen  würde,  daß
man  den  erhaltenen  Befehl  erfällen  und  unter  sie  schießen
müsse.  Die  Menge,  in  einem  thdrigten  Gefühle  der  Sicherheit,
  hatte  keinen  Glauben  zu  dieser  Drohung,  und  endlich
geschah  das  Fürchterliche;  nach  vorherigem  Blindschießen
(welches  jedoch,  wie  alles  Frühere,  erfolglos  blieb  und  nur
neuen  Spott  der  Menge  über  die  „Mondschelnladung“  zur
Folge  hatte)  gaben  die  Soldaten  Feuer,  und,  obgleich  die
Mehrzahl  derselben,  in  edelmüthiger  Schonung,  ihre  Flinten
über  die  Köpfe  der  Menge  hinaus  gerichtet  und  so  abgefeuert
zu  haben  scheint  (wie  wenigstens  mehrere  Spuren  von  Kugeln
  bewiesen,  welche  an  die  Obergewände  der  Häuser  und
deren  Erker  angeschlagen  hatten),  so  fielen  doch  zahlreiche
und  bedeutende  Verwundungen  vor  und  Mehrere  wurden
sogar  getödtet.  Der  Haufen  zerstreute  sich  nun  zwar  für  den
        <pb n="638" />
        Wiederholte  Unruhen.  599

Augenblick,  doch  entbrannte  nach  einigen  Stunden,  theils
auf  dem  Markte,  theils  auf  dem  Antonsplatze  vor  dem  Wilsdruffer
  Thore,  der  Kampf  von  neuem;  hinter  dem  Verschlage
eines  großen  Bauplatzes  hervor  gaben  die  Tumultuanten
sogar  Feuer  auf  das  Militair,  und  nur  allmälIg  konnten  die
einrückenden  Truppen  die  Ruhe  wiederherstellen.  Dieselben
  bivouaquirten  auf  dem  Markte  und  blleben  in  der
Stadt,  welche  während  dieser  Zeit  sich  in  einem  Belagerungsstande
  befand.  Die  Verhaftungen  mehrten  sich  mit
jedem  Tage,  und  die  Namen  der  Schuldigen  wurden  bekannt
gemacht;  jugleich  aber  suchten  der  König  und  der  Prinz-Mitregent
  durch  einen  Anschlag  die  Gemüther  der  Besseren  zu
beruhigen,  indem  sie  versicherten:  „daß  die  dem  Volke  gegebenen
  Zusagen  gewissenhaft  erfüllt  und  keines  seiner  Rechte
ihm  entzogen  werden  solle.“  Von  mehrern  Städten  des
Königreiches  gingen  Adressen  an  die  Fürsten  ein,  worin  der
Unwille  über  die  stattgefundenen  Ereignisse  sich  aussprach.
Der  etwas  vorlaute  Ton  der  von  Leipzig  erlassenen  Adresse
—  welche  sich  geberdete,  als  sey  die  geheiligte  Person  des
Konigs  in  der  Hauptstadt  nicht  mehr  sicher,  und,  unter  dringendem
  Anrathen  großtmoglichster  Strenge,  das  konigliche
Haus  einlud,  seinen  Aufenthalt  nach  Leipzig  zu  verlegen  —
erregte  in  Dresden  Unwillen  und,  als  bald  darauf  in
Leipzig  eben  so  bedeutende  Unruhen  ausbrachen,  spöttische
Bemerkungen.  Schon  am  30.  August  hatte  in  Leipzig  die
Weigerung  eines  Theiles  der  Communalgarde,  die  ihr  angewiesene
  neue  Wache  zu  beziehen,  gewaltsame  Auftritte  und
endlich  gar  ein  offenes  Handgemenge  zur  Folge,  in  welchem
ziemlich  Viele  getbdtet  und  verwundet  wurden.  Diese  Ereignisse
  in  den  beiden  Hauptstädten  des  Landes  zogen  zahlreiche
  Untersuchungen  und  Verurtheilungen  nach  sich  Die
Urtheile,  welche  jedoch  nirgend  über  Festungs=  und  Zuchthausstrafe
  hinaus  gingen,  wurden  bekannt  gemacht;  nicht
so  die  Ergebnisse  der  Untersuchung;  daher  über  manche
Puncte  und  lrsachen  dieser  beklagenswerthen  Vorfälle  noch
ein  Dunkel  waltet,  das  der  historischen  Motivirung  hemmend
  entgegen  tritt.
        <pb n="639" />
        600  Die  neue  Verfassung.

Lichter,  als  fuͤr  Leipzig,  brach  fuͤr  Dresden  der  4.  September
  1831  an,  der  Tag,  wo  der  Landtag  geschlossen  und
das  neue  Staatsgrundgesetz  bekannt  gemacht  wurde.  Dem
bedeutungövollen  Tage,  der  sich  als  das  siegende  Resultat
aus  einem  Gewirr  von  Meinungen,  niedergeworfenen  Herköômmlichkeiten
  und  verfochtenen  Interessen  erhob,  wurde
auch  eine  würdige  Feier.  Im  Landtagsabschiede  wurde  zugleich
  versprochen,  daß  die  durch  die  Verfassungsurkunde  bedingten,
  neuen  organischen  Einrichtungen  und  Gesetze,  darunter
  die  Bildung  der  Ministerialdepartements,  die  Umgestaltung
  der  ganzen  Landesbehörden,  die  Einberufung  der
neuen  Stände  unter  der  neuen  Landtagsordnung,  das  destnitive
  Wahlgesetz,  das  so  sehnlich  erwartete  Ablbsungsgesetz,
baldigst  bekannt  gemacht  werden  und  zur  Anwendung  kommen
  sollten.  Die  durch  die  Verfassung  festgesetzte  ministerielle
  Verantwortlichkeit  sollte  bis  dahin  auf  den,  die  königlichen
  Befehle  contrasignirenden  Cabinetsministern  (v.  Lindenau
  und  v.  Minkwitz)  haften.  Die  seierliche  Uebergabe  der
Urkunde  an  den  biöherigen  Landtagömarschall  wurde  von  dem
altesten  der  Conferenzminister,  von  Nostitz,  durch  eine  gehaltvolle
  Rede  würdig  begleitet  und  darin  bemerke:  daß  die  schon
mit  diesem  Tage  in  Kraft  tretende  neue  Verfassung  zwar,  wie
jedes  menschliche  Werk,  noch  der  Verbesserung  und  Vervollständigung
  unterliege,  aber  auch  schon  in  ihrer  gegenwärtigen  Gestalt
  den  Geist  eines  höher  entwickelten  Staatslebens  in  sich
schließe,  und  daß  „das  Bewußtseyn,  nur  für  das  Gemeinwohl
  gehandelt  und  gewirkt  zu  haben,  für  die  bedeutenden
Opfer  entschcdigen  werde,  welche  zu  diesem  Zwecke  jetzt
Landesherr,  und  Stände  dargebracht;  indem  ZJener  der
Willkühr  entsagt,  unbedingt  Gutes  stisten  zu  können,
diese  dagegen  auf  das  schöne  Vorrecht  Verzicht  geleistet  hätten,
  des  Landes  Bestes  ausschließend  vertreten  und  berathen
  zu  dürfen.“  Der  Landtagémarschall,  Graf  v.  Bünau,
dankte  für  die  Uebergabe  der  Urkunde,  und  dieselbe  wurde
unter  Kanonendonner  und  Glockengeläute,  und  unter  Gewehrsalven
  der  aufmarschirten  Communalgarde=  und  Linien-Bataillons,
  von  ciner  ständischen  Deputation  in  fünf  Staals-
        <pb n="640" />
        Die  neue  Verfassung.  601

wagen  durch  die  in  Reihen  aufgestellten  Truppen  in  das
Ständehaus  gebracht,  um  dort  feierlich  niedergelegt  zu
werden.

Der  König  hatte  bei  der  Uebergabe  der  Urkunde,  (mit
seinem  Fürstenworte  versprochen,  die  Verfassung  stets  zu
schutzen  und  zu  bewahren,  mit  dem  Wunsche,  daß  sie  seinem
  Volke  zum  Heil  und  Segen  werden  moͤge,  und  Tausende
  von  Herzen  sprachen  den  frommen  Wunsch  des  gütigen
Fürsten  in  freudiger  Hoffnung  nach.  Die  wesentlichsten  Bestimmungen
  der  Verfassung  werden  am  besten  aus  folgendem
  übersichtlichen  Auszuge  erhellen.

Der  erste  Abschnitt  von  dem  Königreiche  und  dessen  Regierung
  im  Allgemeinen,  besagt,  daß  das  Königreich  Sachsen,
  als  ein  unter.  Einer  Verfassung  vereinigter,  untheilbarer
Staat  des  deutschen  Bundes,  ohne  Zustimmung  der  Stände
in  seinen  Bestandtheilen  oder  den  Rechten  der  Krone  unverdusserlich
  bleibt.  Die  Regierungsform  ist  monarchisch  mit
landständischer  Verfassung.  Der  König,  als  souveraines
Oberhaupt,  übt  alle  Rechte  der  Staategewalt  unter  den
durch  die  Verfassung  festgestellten  Bestimmungen  aus  und
kann,  ohne  Zustimmung  der  Stände,  weder  zugleich  Oberhaupt
  eines  andern  Staates  werden,  noch  seinen  wesentlichen
Aufenthalt  ausserhalb  des  Landes  nehmen.  Der  zweite  Abschnitt
  vom  Staatsgute,  sowie  von  dem  Vermögen  und  den
Gebührnissen  des  königlichen  Hauses,  setzt  fest:  daß  das
Staatsgut,  als  untheilbare  und  in  ihren  wesentlichen  Bestandtheilen
  zu  erhaltende  Masse,  Alles  umfaßt,  was  die
Kronc  an  Gebiet,  Domainen,  Gebäuden,  Forsten,  Bergwerken,
  Regalien,  Einkünften,  autzbaren  Rechten,  öffentlichen
Anstalten  besitzt  oder  erwirbt,  das  königliche  Fideicommiß
aber  mehrere  namhaft  angegebene  Schlöôsser  und  Paläste,
Marställe  und  die  wissenschaftlichen  und  artistischen  Sammlungen
  in  Dresden  begreift,  und  demselben  Alles  zuwächst,
was  der  König  wahrend  seiner  Regierung  aus  einem  privatrechtlichen
  Titel  oder  durch  Ersparnisse  an  der  Civilliste  erwirbt,
  wenn  er  daräber  nicht  unter  Lebenden  verfügt  hat.
Der  König  bezieht,  als  Aequivalent  für  die  den  Staatscas-
        <pb n="641" />
        602  Die  neue  Verfassung.

sen  auf  die  jedesmalige  Dauer  der  Regierungszeit  des  Königs.
überwiesenen  Nutungen  der  königlichen  Domainen,  eine  mit
den  Ständen  auf  die  Dauer  seiner  Regierung  verabschiedete
Summe  von  500,000  Thalern  jährlich  als  Ciloilliste,  eine
Summe,  welche  weder  ohne  seine  Zustimmung  vermindert,  noch
ohne  Zustimmung  der  Stände  erhöht  werden  kann  und  die  niemals
  mit  Schulden  belastet  werden  darf.  Der  dritte  Abschnitt
von  den  allgemeinen  Rechten  und  Pflichten  der  Unterthanen,
spricht  freie  Wahl  des  Berufes,  gleiche  Verpflichtung  zur  Va--terlandsvertheidigung
  und  freies  Auswanderungsrecht  aus,  erklärt,
  daß  Niemand  gezwungen  werden  kann,  sein  Eigenthum
oder  Recht  zu  Staatszwecken  abzutreten,  setzt  volle  Gewissensfreiheit
  fest,  gleiche  Rechte  der  Bekenner  christlicher  Confessionen,
  Rechtsgleichheit  hinsichtlich  der  Berufung  zum  Staatsdienste,
  gleiche  Verpflichtung,  zu  den  Staatblasten  beizutragen;
verspricht  Preßfreiheit  unter  den  aus  andern  deutschen  Staatégrundgesetzen
  bekannten  Beschränkungen,  und  Aufhebung  der
zeitherigen  Realbefreiungen.  Der  vierte  Abschnitt  setzt  fest,
daß  alle  Staatsdiener,  namentlich  die  Minister,  für  ihre
Dienstleistung  verantwortlich  sind,  und  daß  der  bißherige
Auftrag  in  Evangelicis  auf  den  Cultusminister,  welcher
evangelisch  senn  muß,  in  Verbindung  mit  zwei  andern
Ministern  derselben  Confession  übergeht.  Der  funfte  Abschnitt
  von  der  Rechtspflege,  betrifft  die  Verwaltung  der  Gerichtsbarkeit
  nach  gesetzlich  bestimmter  Instanzenordnung,
schreibt  den  Gerichten  vor,  ihren  Entscheidungen  die  Gründe
beizufügen,  und  sichert  ihnen  Unabhängigkeit  von  dem  Einflusse
  der  Regierung  zu;  erklärt,  daß  Niemand  ohne  gesetzlichen
  Grund  verhaftet,  bestraft  und  über  24  Stunden  Über
die  Ursache  seiner  Verhaftung  in  Ungewißheit  gelassen  werden
  darf,  und  daß  dem  Koͤnige  die  Abolition,  Verwandelung,
  Minderung  und  Erlassung,  jedoch  nicht  die  Schärfung
der  Strafe  zusteht.  Allgemeine  Vermogensconfiscatienen
und  Moratorien  von  Staatswegen  sind  aufgchoben;  auch
die  privilegirten  Gerichtsstände  sollen  aufhören.  Der  sechste
Abschnitt  von  den  Kirchen,  Unterrichtsanstalten  und  milden
  Stiftungen,  untersagt  die  Errichtung  neuer  Klöster,  wie
        <pb n="642" />
        Die  neue  Verfassung.  603

auch  die  Aufnahme  von  Jesuiten  oder  andern  geistlichen  Orden,
  und  unterwirft  die  geistlichen  Behörden  aller  Confessionen
  der  Oberaussicht  des  (protestantischen)  Cultus-Ministeriums.
  Der  siebente  Abschnitt  bestimmt  die  Verhältnisse
der  Stände,  nach  ihrer  Organisation,  Wirksamkeit,  ihrem
Susammentreten  zum  Landtage  und  dessen  Geschäftsbetrieb.
Fuͤr  das  ganze  Königreich  besteht  eine  allgemeine,  in  zwei
Kammern  abgetheilte  Ständeversammlung,  jedoch  mit  beibehaltener
  Provinziallandtagsverfassung  in  der  Oberlausitz  und
Kreistagverfassung  in  den  Erblanden.  In  ihren  Rechten  u.
s.  w.  stehen  beide  Kammern  sich  gleich.  Die  erste  Kammer
zaͤhlt,  ausser  den  volljéhrigen  Prinzen  des  königlichen  Hauses,
41  Mitglieder,  unter  denen  der  Koͤnig  10  Rittergutsbesitzer,
die  von  ihren  Rittergütern  einen  jährlichen  Reinertrag  von
mindest  4000  Thaler  beziehen,  auf  Lebzeiten,  und  die  ersten
Magistratspersonen  aus  sechs  beliebigen  Städren  erwählt,
während  die  Bürgermeister  von  Dresden  und  Leipzig  verfassungsmäßig
  ihren  Platz  in  der  Kammer  behaupten.  An  der
Wahl  der  in  Kreis=  und  oberlausitzischen  Provinzial-Versammlungen
  zu  wählenden  12  Rittergutsbesitzer  nimmt  jeder  Inhaber
der  im  Wahlgesetze  für  stimmfahig  erklärten  Rittergüter  Theil;
die  Wählbarkeit  bindet  sich  an  den  Besitz  eines  Rittergutes  von
mindest  2000  Thaler  jährlichen  Reinertrages.  Den  Präsidenten
der  ersten  Kammer  wählt  der  König  aus  der  Mitte  der  Ritterguts=
  oder  Herschaftsbesitzer  zu  jedem  Landtage  besonders.  Die
zweite  Kammer  besteht  aus  20  Abgeordneten  der  Ritterschaft,
zu  deren  Wahlfähigkeit  ein  Gut  von  mindestens  600  Thlr.
Reinertrag  gehdrt,  25  Abgeordnete  der  Städte,  25  des
Bauernstandes  und  5  Vertreter  des  Handels  und  des  Fabrikwesens.
  Von  drei  zu  drei  Jahren  tritt  ohngefähr  ein
Dritthefl,  jedoch  wieder  erwählbar,  aus.  Der  Präsident
dieser  Kammer  wird  vom  Könige  aus  vier  von  der  Kammer
  erkorenen  Mitgliedern  gewählt.  Das  Wahlgesetz  ist
ohne  ständische  Zustimmung  nicht  zu  verdndern.  Die  beiden
Präsidenten  schwören  in  die  Hände  des  Königs,  die  übrigen
Mitglieder  in  die  der  Präsidenten:  die  Staatsverfassung  treu
zu  bewahren  und  in  der  Ständeversammlung  das  unzer-
        <pb n="643" />
        604  Die  neue  Verfassung.

trennbare  Wohl  des  Koͤnigs  und  des  Vaterlandes  nach  bestem
  Wissen  und  Gewissen  bei  Antraͤgen  und  Abstimmungen
stets  zu  beobachten.  Den  Staͤnden  steht  in  der  Kammer
freie  Aeusserung  ihrer  Meinung  zu;  doch  kann  dieses  Recht
durch  Mißbrauch  und  ungeziemende  Rede  verwirkt  werden.
Die  Staͤnde  genießen  während  des  Landtages  Unverletzlichkeit
  der  Person.  Den  Gesetzentwuͤrfen  sind  auch  die  Motive
beizugeben.  Ohne  Zustimmung  der  Staͤnde  kann  kein  Ge—
setz  erlassen,  abgeaͤndert  oder  authentisch  interpretirt  werden.
Dringend  noͤthige  Verordnungen,  die  durch  Aufschub  ihren
Zweck  verfehlen  wuͤrden,  erlaͤßt  der  Koͤnig;  doch  sind  fuͤr
die  Eile  sammtliche  Minister  durch  ihre  Contrasignatur  verantwortlich
  und  verpflichtet,  den  Ständen  bei  nächster  Versammlung
  die  Verordnungen  vorzulegen.  Die  vom  Bundestage
  gefaßten  Beschlüsse  führt  der  König  auch  ohne  Sustimmung
  der  Stände  aus;  bei  den  Mitteln  der  Ausführung
ist  die  Mitwirkung  der  Stände  nicht  ausgeschlossen.  Bei
getheilter  Meinung  der  Kammern  über  die  Annahme  eines
Gesetzes,  müssen,  um  dasselbe  zu  verwerfen,  mindest  zwei
Drittel  der  Anwesenden  für  die  Verwerfung  stimmen.  Ein
von  den  Ständen  mit  Abänderungen  angenommener,  aber
vom  Koͤnige  nicht  genehmigter  Entwurf  kann  entweder  zurückgenommen,
  oder  mit  Wlderlegungsgründen,  oder  mit  Abaͤnderungen,
  wie  die  Regierung  sie  vorschlägt,  noch  einmal
an  denselben  Landtag  gebracht  und  dann  von  der  Regierung
unbedingte  Erklärung  uber  Annahme  oder  Ablehnung  verlangt
  werden.  Ein  von  den  Ständen  gänzlich  abgelehnter
Gesetzentwurf  kann  erst  bei  dem  folgenden  Landtage  unverändert,
  während  des  laufenden  aber  nur  verändert  an  die
Stände  gebracht  werden.  Ohne  die  Sustimmung  der
Stände  können  die  directen  und  indirecten  Algaben
nicht  verändert,  ohne  ihre  Bewilligung  nicht  ausgeschrieben
und  erhoben  werden;  auch  sind  sie  befugt,  Norhwendigkeit
und  Hähe  der  Ansätze  zu  prüfen,  Bemerkungen  darüber  zu
machen  und  sich  über  Annahme,  Dauer  und  Art  der  Eintreibung
  zu  entschließen.  Nach  jedesmal  erdffnetem  Landtage,
  haben  sie  sich  eine  genaue  Berechnung  der  Einnahme
        <pb n="644" />
        Die  neue  Verfassung.  605

und  Ausgabe  der  verflossenen  drei  Jahre,  nebst  Voranschlag
für  die  nächsten  drei  Jahre  mittheilen  zu  lassen.  Ihre  Antraͤge
  auf  Verminderung  wegen  des  aufzubringenden  neuen
Bedarfs  muͤssen  von  bestimmten  Gruͤnden  und  Angabe  des
Planes  zu  den  beabsichtigten  Ersparnissen,  begleitet  seyn.  Bei
nicht  ersolgender  Vereinigung  mit  den  Staͤnden  uͤber  die  Bewilligung,
  läßt  der  Koͤnig  die  Abgaben  nach  Maßgabe  der
frühern  Bewilligung  noch  auf  ein  Jahr  ausschreiben  und  erheben,
  hat  aber  sechs  Monate  vor  Ende  dieser  Frist  die  Stände
ausserordentlich  zu  berufen.  In  den  übrigen  Fällen  sind,
ohne  Bewilligung  der  Stände,  die  Einnehmer  nicht  zur
Einforderung  berechtigt,  noch  die  Unterthanen  zur  Entrichtung
verpflichtet.  Anlehen  können  ohne  ständische  Zustimmung
nicht  statt  finden.  In  dringenden  Fällen,  wo  eine  ausserordentliche
  Berufung  der  Stände  unmoglich  ist,  können  zwar
financielle  Maßregeln  getroffen  werden,  doch  ist  die  Genehmigung
  der  Stände  nachzuholen.  Die  Staatsschuldentilgungscasse
  steht  unter  ständischer  Verwaltung,  doch  unter  dem
Oberaufsichtsrechte  der  Regierung,  und  die  Stände  haben
über  Erhaltung  des  Staatsgutes  und  Hausfideicommisses  zu
wachen.  Sie  sind  befagt,  rücksichtlich  aller  in  ihren  Wirkungökreis
  gehdrenden  Gegenstände,  ihre  gemeinsamen  Wünsche
  und  Anträge  beizubringen,  z.  B.  auf  Abstellung  ersichtlicher
  Gebrechen  der  Landesverwaltung  und  Rechtspflege,
worüber  auch  einzelnen  Mitgliedern  ihre  Wünsche  und  Anträge
  an  die  Kammer  zu  bringen  freisteht.  Deögleichen  kann
jede  einzelne  Kammer  Beschwerden  gegen  die  oberste  Staatsbehörde
  oder  einzelne  Minister  stellen.  Ohne  ausdrückliche
Sanction  des  Königs  gilt  kein  ständischer  Beschluß.  Auf  jeden
  ständischen  Antrag  folgt  eine  hochste  Entschliessung,  im
ablehnenden  Falle  mit  Anführung  der  Gründe,  wo  moͤglich
noch  im  Verlaufe  des  Landtages.  Von  drei  zu  drei  Jahren
findet  ein  ordentlicher,  in  Gesetzgebungs=  und  sonstigen  dringenden
  Fällen,  wie  auch  vier  Monate  nach  jedem  Regierungswechsel,
  ein  ausserordentlicher  Landtag  statt.  Der  Konig
verfügt  die  Eröffnung,  Schließung,  Vertagung  des  Landtages
oder  Auflösung  der  zweiten  Kammer,  welche  auch  die  Ver-
        <pb n="645" />
        606  Die  neue  Verfassung.

tagung  der  ersten  nach  sich  zieht;  doch  darf  die  Vertagung
  nicht  über  sechs  Monate  dauern.  Die  Ergebnisse  des
Landtages  werden  im  Landtagsabschiede  zusammengefaßt,
welcher,  nach  eigenhändiger  Vollziehung  durch  den  Kdnig,
den  Ständen  arschriftlich  eingehändigt  und  in  die  Gesetzsammlung
  aufgenommen  wird.  Jede  Kammer  verhandelt  besonders
  und  behauptet  eine  Curiatstimme.  Zu  Berathungen  der
Stände  muß  mindest  ein  Drittheil  derselben,  zu  Beschlüssen
in  der  ersten  Kammer  die  Hälfte,  in  der  zweiten  zwei  Drittheile
  der  Mitglieder  gegenwärtig  seyn.  Absolute  Stimmenmehrheit
  veranlaßt  mit  wenigen  Ausnahmen  die  Beschlüsse;
bei  Stimmengleichheit  wird  der  Gegenstand  in  der  nachsten
Sitzung  wieder  vorgenommen  und  dann  kommt  erforderlichen
Falls  dem  Praäsidenten  die  entscheidende  Stimme  zu.  Glaubt
ein  ganzer  Stand  oder  zwei  Drittheile  desselben  in  der  zweiten
  Kammer  sich  durch  den  Beschluß  der  Mehrheit  verletzt,
so  giebt  er  eine  Separatstimme.  Können  beide  Kammern
über  einen  Gegenstand  nicht  einig  werden,  so  ernennen  sie
unter  beiden  Vorständen  eine  gemeinschaftliche  Deputation
und  bringen  deren  Berathungsergebniß  wiederum  an  die
Kammer.  Erfolgt  auch  dann  keine  Einigung,  so  wird  von
jeder  Kammer  eine  besondere  Schrift  eingereicht.  Beschlüsse,
über  welche  man  sich  vereinigt  hat,  werden  in  einer  gemeinsamen
  Schrift  vor  die  oberste  Behörde  gebracht.  In  beiden
Kammern  werden  die  Sitzungen  bffentlich  gehalten,  konnen
jedoch,  auf  Antrag  der  kdniglichen  Commissarien  oder  dreier
Mitglieder,  in  geheime  verwandelt  werden.  Der  achte  und
letzte  Abschnitt  betrifft  die  Gewähr  der  Verfassung.  Bei
seiner  Thronbesteigung  verspricht  der  König,  in  Gegenwart
des  Gesammtministeriums  und  der  beiden  Präsidenten  der
letzten  Ständeversammlung,  bei  seinem  fürstlichen  Worte
die  Beobachtung  und  Beschützung  der  Verfassung.  Eben  so
gilt,  nächst  dem  Versprechen  der  Treue  und  des  Gehorsams
  gegen  den  König,  der  Unterthaneneid  und  der  Eld  der
Civilstaatsdlener,  wie  auch  der  Geistlichen  aller  Confessionen,
der  Beobachtung  der  Landesverfassung.  Den  Standen  steht
es  zu,  Beschwerdon  wegen  Verletzung  der  Verfassung  durch
        <pb n="646" />
        Die  neue  Verfassung.  607

Ministerien  oder  Behörden,  an  den  König  zubringen,  wie
auch  dieserhalb  die  Vorstände  der  Ministerien  förmlich  zu
verklagen,  und  zwar  vor  dem  zum  gerichtlichen  Schutze  der
Verfassung  begründeten  Staatsgerichtshofe,  der  aus  einem  vom
Koͤnige  gewählten  Präsidenten  und  zwölf,  zur  Hälfte  vom  Koͤnige,
zur  Hälfte  von  den  beiden  Kammern  gewählten  Richtern  besteht.
Derselbe  währt  von  einem  Landtage  zu  dem  andern  und  werden
  dessen  Mitglieder  zu  diesem  Behufe  besonders  verpflichtet
  und  ihres  Unterthanen=  und  gewöhalichen  Dienst-Eides
entbunden.  Diese  Behbrde  erkennt  über  Handlungen  der
Vorstände  der  Ministerien,  welche  die  Verfassung  umzustürzen
  drohen  oder  sie  in  einzelnen  Puncten  verletzen.  Anträge
wegen  Abänderungen,  Erläuterungen  oder  Zusätzen  der  Verfassungsurkunde,
  konnen  vom  Konige  an  die  Stände,  und
umgekehrt,  gebracht  werden;  zu  einem  gültigen  Beschlusse
aber  ist  die  Uebereinstimmung  beider  Kammern  vonnöthen.
Bei  nicht  erfolgender  Vereinigung  der  Regierung  und  der
Stände  über  zweifelhafte  Puncte  der  Verfassungsurkunde,
kommt  dem  Staatzgerichtshofe  die  Entscheidung  zu,  dessen
Ausspruch  als  authentische  Interpretation  gilt  und  befolgt
wird.  Schließlich  versichern  der  König  und  der  Prinz-Mieregent
  bei  ihrem  fürstlichen  Worte,  die  in  diesem  Staatsgrundgesetze
  des  Königreiches  enthaltenen  Zusagen  genau
erfüllen  und  die  Verfassung  gegen  alle  Eingrifse  und  Verletzungen
  kräftigst  schützen  zu  wollen,  ein  schdnes  bedeutsames
  Wort,  das  bisher  der  Sachsenfürsten  würdig  erfuͤllt
worden  ist.

Für  Sachsen  stiegen  mit  dieser  neuen  Ordnung  der  Dinge
freundliche  Hoffnungen  hernieder,  und  die  rüstige  Kraft,  womit
  das  in  seinem  Hauptplane  bereits  geordnete  Werk  nunmehr
  auch  in  seiner  Ausführung  angefaßt  wurde,  gab  Gewähr,
  daß  die  gegenwärtige  Generation  nicht,  wie  Moses,
das  gelobte  Land  der  neuen  Gestaltung  nur  von  fern
sehen  werde.  Eher  mußte  man  befürchten,  daß  die  junge
Saat  in  Sachsen  wohl  einen  vermögenden,  aber  nicht  immer
  einen  bereitwilligen  Boden  finden  werde,  in  welchem
das  Alte  zu  tiefe  Wurzeln  geschlagen  hatte  und  daher  oft
        <pb n="647" />
        608  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

mit  greisenhaftem  Trotze  dem  hereinbrechenden  Neuen  den
Weg  vertrat.  In  vielfachen  Faͤllen  bestaͤtigte  sich  diese  Besorgniß
  nur  zu  sehr;  doch  konnte  die  Gewohnheit  mit  ihrer
Krücke  in  ihrem  Kampfe  gegen  die  Sache  der  Resorm  nicht
aushalten  und  ihr  Widerstand  ließ,  nachdem  er  schwächer
und  schwächer  wurde,  endlich  ein  volliges  Aufhoͤren  hoffen.
Entmuthigend  war  es  einigermaßen,  daß  nicht  alle  Stände
des  Volkes  sich  zu  der  edlen  Entsagung  ihres  Königs  aufschwingen
  konnten  und  mit  engherziger  Selbstsucht  noch  immer
  an  Bevorzugung  und  sogenannten  Gerechtigkeiten  hingen,
  die,  von  einer  längst  begrabenen  Zeit  gespendet,  mit  den
Forderungen  der  Gegenwart  —  wo,  damit  Alle  gewinnen
konnten,  Alle  etwas  aufgeben  und  freiwillig  verlieren  mußten
  —  im  grellsten  Widerspruche  stand.  Besonders  spukte
das  angemoderte  Gespenst  des  Monopolwesens  noch  immer,
gleich  einem  ewigen  Juden,  durch  die  meisten  sächsischen
Verhandlungen;  Zunftzwang  und  Gildenneid  wirthschafteten
oft  recht  unbehaglich  da,  wo  am  lautesien  über  Gemeingeist
gepredigt  oder  gedruckt  wurde.  Doch  dies  waren  nur
Rheumatismen  des  Staatslebens,  und  diese  durch  die
Selbstsucht  Einzelner  erzeugten  Gebrechen  konnten  nicht  bis  in
das  Herz  der  neuen  Schdpfung  dringen,  die  im  Ganzen  sich
kräftig  und  immer  freier  entwickelte.  Eine  bestimmtere  und
concentrirtere  Stellung  gewannen  die,  biöher  in  ein  Labyrinth
von  Instanzen  und  Cabinetsweisungen  verwickelten  Verhältnisse
  durch  die  Einsetzung  von  sechs  Ministerialbehörden,
dem  Ministerium  der  Justiz  unter  dem  Staateminister  von
Könneritz,  der  Finanzen  unter  dem  Staateminister  von  Seschau,
  des  Innern  unter  dem  Staatsminister  von  Lindenau,
des  Krieges  unter  dem  Staateminister  und  General  von
Zezschwitz,  des  Cultus  und  dffentlichen  Unterrichtes  unter  dem
Staatsminister  Dr.  Müller,  des  Auswärtigen  unter  dem
Staatsminister  und  General  von  Minkwitz;  sämmtlich  in
dem  Gesammtministerium  vereinigt,  dem  die  Begutachtung
der  Gesetze,  die  Berathung  wichtiger  Angelegenheiten,  zumal
wenn  sie  in  mehrere  Ministerialdepartements  zugleich  einschlagen,
  der  Bundestagssachen,  des  Staatsbudgets  u.  s.  w.
        <pb n="648" />
        Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  600

obliegen  und  welches  als  die,  alle  Verhandlungen  der  Regierung
  mit  den  Ständen  vermittelnde,  oberste  Staatsbehörde
  dasteht.  Eine  Verordnung  vom  16.  November  1831
rief  den  Staatsrath  in's  Leben,  welchem  die  Berathung  der
unmittelbar  an  ihn  gewiesenen  Angelegenheiten,  vorzüglich
wichtiger  Gesetzgebungssachen,  gehört.  An  die  Stelle  der
biéherigen  Landesregierung,  einer  zugleich  oberrichterlichen  und
verwaltenden  Behdrde,  traten,  bis  zur  Einrichtung  des  gesammten
  Justizwesens  und  bis  zur  Errichtung  von  Mittel—
behörden  für  Verwaltungsangelegenheiten,  zwei  Behörden,
das  unter  dem  Justizministerium  stehende  Landessustiscollegium,
  und  die  Landesdirection,  welche  unter  dem  Ministerium
des  Innern  als  Centralverwaltungsbehörde  dasteht.  Die
mit  ungeduldiger  Sehnsucht  erwartete  Städteordnung,  deren
durch  die  allgemeine  Reform  der  Verwaltung  veranlaßte  Verzoͤgerung
  hier  und  da  schon  zu  der  Besforgniß  einer  im  Werke
begriffenen  Reaction  führte  zumal  an  manchen  Orten  die  Stadträthe
  die  neuen  Gemeindeeinrichtungen  eifrig  genug  zu  hemmen
versuchten),  erschien  erst  am  2.  Febr.  1832.  Das  reiflich
erwogene  und  umgestaltete  Gesetz  bietet,  indem  die  Oberaufsicht
  des  Staates  nirgend  hemmend  eingreift,  der  Selbstständigkeit
  der  städtischen  Gemeinden  einen  kräftigen  Schutz.
Noch  während  des  Fahres  1832  wurde  die  Städteordnung
in  den  meisten  Städten  des  Landes  eingeführt,  wobei  mehrere
  kleine  Städte  zweckmäßig  auf  die  Gerichtsbarkeit  Verzicht
  leisteten.  Durch  das  Gesetz  über  Ablösungen  und  Gemeinheitstheilungen
  vom  17.  März  1832  wurde  ein  bedeutender
  Schritt  zum  Bessern  gethan  und  den  Forderungen  der
Zeit,  wie  des  natürlichen  Rechtes  auf  eine  rühmliche  Weise
vorgearbeitet.  Obgleich  die  Regierung  an  dem  Grundsatze
hielt,  daß  erworbene  Rechte  nicht  ohne  Entschädigung  entzogen
  werden  dürften,  so  ging  sie  doch  bei  Anwendung  desselben
  mit  Liberalität  zu  Werke  und  mehrere  übertriebene
Ansprüche  von  Seiten  der  Berechtigten  mußten  daher  sich
sügen.  Eine  Generalcommission  leitete  das  schwierige  Geschaft
  der  Ablösung,  die  bei  Frohnen  gemeiniglich  durch  Zahlungen,
  bei  Dienstbarkeiten  aber  auch  durch  Abtretung  von
39
        <pb n="649" />
        610  Inners  Verhaͤltnisse  der  neuesten  geit.

Land  geschieht,  wobei  die  Wahl  der  Ablosungsmittel,  bei
ausbleibender  freiwilligen  Vereinigung,  jederzeit  dem  Verpflichteten
  gehört.  Die  besonderen  dauerlichen  Verhältnisse
der  Oberlausitz  machten  auch  besondere  Bestimmungen  nothig.
Mit  dem  1.  April  1832  ging  die  Erbunterthänigkeit  ein,
nach  welcher  der  Hörige  bisher  verbunden  gewesen  war,  der
Herrschaft  die  Erlaubniß  zur  Niederlassung  an  einem  andern
Orte  oder  zur  Entfernung  auf  besiimmte  Zeit  abzukaufen,
ihr  seine  Kinder  zum  Zwangdienste  zu  stellen,  und  durch
welche  die  Herrschaft  das  Recht  gehabt  hatte,  nicht  entlassene
Erbunterthanen  allenthalben  zurückzufordern,  die  Besitzungen
des  Unterthanen  gegen  dessen  Willen  autzzukaufen  und  ihm
ein  pflichtiges  Eigenthum  aufzuzwingen,  Einrichtungen,  welche
  ihre  Zeit,  die  sie  gebahr,  noch  nach  Aeonen  schänden
werden  und  deren  Aufhebung  unsere  Zeit  nicht  sowohl  adelt
—  zumal  sie  zu  keiner  Vernichtung,  sondern  nur  zu  einer
Ablôsung  derselben  gegen  andere  Opfer  schritt  —  als  sie
um  einen  Schandflecken  ärmer  macht.

Die  Hemmungen,  welche  Manche  von  den  Bundesbeschlüssen
  für  die  neue  constitutionelle  Verfassung  befürchten
zu  mässen  glaubten,  traten  keineswegs  ein.  Die  Regierung
aber  befestigte  das  in  sie  gesetzte  Vertrauen  auf  würdevolle
Weise,  indem  sie,  bei  Bekanntmachung  der  Beschlüsse  am
24.  Juli,  mit  Hindeutung  auf  das  ständische  Bewilligungsrecht,
  die  bestimmte  Erklärung  gab:  daß  die  Bundeöbeschlusse
den  gesammten  verfassungsmäßigen  Rechten  der  Stände  nirgend
  Eintrag  thun  könnten  und  sollten.  Auch  legle  es  ein
vollwichtiges  Zeugniß  für  den  hochherzigen  Sinn  ab,  welcher
  die  Regierung  beseelte,  daß  sie  schon  früher  die  gottesdienstliche
  Feier  des  Jahrestages  der  Uebergabe  der  Verfassungsurkunde
  anbefohlen  und  auch  auf  andere  Weise  zu  dessen
  festlicher  Begehung  aufgemuntert  hatte,  wobei  nur  empfohlen
  wurde,  daß  man  die  ausschließliche  Beziehung  dieses
  Festes  auf  Sachsen  vor  Augen  haben  möge.  Jeder
Sachse  bestätigte  sich  in  seinem  Herzen  die  Worte  der  Bekanntmachuug:
  „die  Freunde  des  Vaterlandes  werden  aus
dieser  Anordnung  mit  gerechter  Freude  entnehmen,  welchen
        <pb n="650" />
        Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  611

hohen  Werth  unsere  Fürsten  auf  den  Eintritt  der  neuen
Verfassung,  mit  welchem  eine  neue  Aera  in  dem  innern
Staatsleben  des  Königreiches  Sachsen  beginnt,  legen,  und
darin  eine  neue  Bestätigung  ihres  ernsten  Willens,  die  weitere
  Ausbildung  dieser  Grundlage  zu  angemessenen  Institutionen
  in  unserm  öffentlichen  Leben,  zum  Glücke  des  ihnen
anvertrauten  Volkes  moglichst  zu  fördern,  erblicken.“

Die  Wahlen  hatten,  wie  vorauszusehen,  zu  manchen
Weitläusigkeiten  geführt,  die  sich  freilich  nicht  umgehen  ließen,
  da  nur  bei  gewissenhafter  und  strenger  Durchführung
der  angenommenen  Formen  sich  eine  feste  Grundlage  gewinnen
  ließ.  Das  Wahlgesetz  selbst  bedurfte,  wie  im  Verlaufe
seiner  Anwendung  sühlbar  wurde,  noch  mancher  Ergänzung;
auch  bot  die  Güterschätzung  der  Wählbaren  manche  Schwierigkeit.
  Doch  ließ  man  sich  von  diesen  umumgänglichen
Hemmungen  nicht  entmuthigen,  sondern  schritt  ordnend  und
sichtend  dem  Ziele  näher.  So  kam  man  endlich  mit  den
Wahlen  zu  Stande,  und  eine  Bekanntmachung  vom  22.
December  berief  die  Stände  auf  den  22.  Januar  1833.
Jum  Püääsidenten  der  ersten  Kammer  hatte  die  Regierung
den  Landesältesten  der  Oberlausitz,  von  Gerêdorf,  erwählt;
Präsident  der  zweiten  Kammer  wurde  der  Abgeordnete  des
Bauernstandes,  General  von  Leyßer.  Der  Landtag  wurde
am  27.  Januar  auf  eine,  in  mancher  Hinsicht  der  früheren
ahuliche,  feierliche  Weise  erdffnet;  doch  richtete,  was  früher
nicht  der  Fall  gewesen,  der  König  vom  Throne  herab  einige
bewillkemmende  Worte  an  die  Stände,  und  der  Staatsminister
  v.  Lindenau  wies  sodann  in  seiner  Rede  auf  die  Aufgabe
  des  Landtags  hin,  den  Geist  und  Sinn  der  Verfassung
  auf  das  gesammte  Staatbleben  überzutragen  und  das
neue  Gebäude  so  fest,  ruhig  und  vernunftgemäß  zu  begründen,
  daß  jede  künftige  Ständeversammlung  nur  darauf  forkzubauen
  habe;  worauf  der  Präsident  der  ersten  Kammer  eine
kurze  Anrede  an  die  Fürsten  richtete.  Da,  während  dies
geschrieben  wird,  der  Landtag  erst  seit  wenigen  Wochen  zu
seinem  schon  länger  erwarteten  Schlusse  gelangt  ist,  so  moͤchte
es  eben  so  voreilig  scheinen,  als  zwecklos  seyn,  schon  jetzt

30“
        <pb n="651" />
        612  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

einen  Ueberblick  zu  unternehmen.  In  einer  so  hochentscheidenden
  Krisis  ist  jedes  unzeitige  Wort  Entweihung;  diese
Momente  der  Entwickelung  sind  heilig,  wie  die  Pulsschläge
ceines  Schwererkrankten,  für  dessen  Rettung  jedoch  schon
Bürgschaft  eingelegt  ist;  sie  wollen  durch  ernste  Theilnahme,
durch  stille  Aufmerksamkeit  gefeiert  seyn,  und  gern  bescheide
ich  mich  daher,  diese  Uebersicht  des  ersten  constitutionellen
  Landtages  einer  spätern  Zeit  aufzuheben.  )  Eine
mitten  in  die  ständischen  Verhandlungen  fallende  Urlaubsreise
  des  Ministers  von  Lindenau  brachte  eine  gewisse  Unruhe
  in  die  Gemüther,  zumal  nicht  zu  verkennen  gewesen
war,  daß  er,  im  Hauptbesitze  des  Volksvertauens,  von  einer
gewissen  Opposition  auch  ziemlich  harte  Angriffe  zu  bestehen
gehabt  hatte.  Zwar  hatte  er,  noch  während  seiner  Abwesenheit,
  sich,  von  Seiten  der  beiden  Kammern,  der  ehrendsten
Beweise  von  Achtung  und  Vertrauen  zu  erfreuen;  dennoch
aber  legte  er  nach  seiner  Rückkehr  das  Ministerium  des  Innern
  nieder,  welches  nunmehr  auf  den  Staatsminister  von
Carlowitz  überging,  und  behielt  nur  den  Vorsitz  im  Gesammtministerium,
  wie  auch  die  unmittelbare  Leitung  der  Strafund
  Versorgungsanstalten  und  die  Obcraufsicht  über  die  wissenschaftlichen
  und  artistischen  Sammlungen  in  Dresden.
Unter  die  wichtigsten  und  von  den  Kammern  mit  besonderem
Eifer  verhandelten  Gegenstände  gehörte  der  Gesetzentwurf
über  die  Verhältnisse  der  Staatsdiener,  wobei  auch  der
Punct  zu  lebhafter  Erdrterung  kam,  wie  weit  die  administrativen
  Befugnisse  der  Ministerialbehörden  hinsichtlich  völliger
oder  einstweiliger  Entlassung  der  Staatsdiener  sich  erstrecke.
Zugleich  kam  auch  der  schon  1830  in  Anregung  gebrachte
Plan  einer  Staatsdienerwittwenkasse  zur  Sprache.  Die  Erwerbung
  des  Heimathsrechtes  wurde  durch  den  Gesetzentwurf
über  Staatsgehdrigkeit,  Staatsbürger=  und  Heimathsrecht
an  schwerere  Bedingungen  gebunden,  und  mit  der  Berathung

—  8-*)

  In  den  alljährig  erscheinenden  Surplemenken  zu  diesem  Geschichtsbuche
  (s.  das  Vorwort)  wird  auch  eine  kurze  Geschichte  des  jetzigen,
wie  auch  der  folgenden  Landtage,  nebst  Uebersicht  der  wichtigsten
Berathungen  und  Ergebnisse,  enthalten  seyn.
        <pb n="652" />
        Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  613

der  Gesetzentwürfe  über  die  gegenseitigen  Verhältnisse  der  Justiz-
  und  Verwaltungsbehdrden,  über  die  Aufhebung  und  Einführung
  der  privilegirten  Gerichtsstände  und  über  die  Errichtung
  von  Kreiödfrectionen,  als  Mittelbehörden  für  die  Verwaltung,
  wurden  vorbereitungsweise  auch  die  einer  zweckmäßigen
  Reform  entgegensehenden  Verhältnisse  der  evangelischen
Kirche  in  Berührung  gebracht.  Der  den  Ständen  vorgelegte
Vertrag  zwischen  der  Regierung  und  den  oberlausitzischen
Provinzialständen  vom  9.  Dechr.  1832  stellte  die  auf  alte
Verträge,  besonders  den  Traditionsreceß  von  1635  gegrün
deten  Verhältniße  der  Oberlausicz,  in  Uebereinstimmung  mit
dem  neuen  Staatsgrundgesetze,  und  brachte,  ohne  daß  dadurch
  die  durch  alte  Verfassung  und  mehrseitige  Rechte  gebeiligten
  Eigenthömlichkeiten  umgestoßen  wurden,  eine  guͤnstige
  Ausgleichung  der  Verfassungs=  und  Verwaltungsformen
jener  Provinz  mit  denen  der  Erblande  zuwege.  Mit  einer,
bisweilen  an  Breite  grenzenden  Gewissenhaftigkeit  wurde
auch  über  die  neue  Gesindeordnung  berathen,  ein  Gegenstand,
bei  welchem  freilich  so  manche  hergebrachte  Formen  dem  natürlichen
  Rechte  gegenüber  gestellt  waren  „wovon  Eines  so
gut  wie  das  Andere  berücksichtigt  seyn  wollte.  In  Betreff
der  Verpflichtung  zum  Waffendienste  wurde,  mit  Wegfall
früherer  Ausnahmen,  eine  größere  Gleichstellung  eingeföhrt,
hiermit  jedoch  der  Grundsaß  der  Stellvertretung  verbunden.
Ein  in  den  letztern  Jahren  vielfältig  zur  Sprache  gekommener
Gegenstand,  die  Emanzipation  der  Juden  in  Sachsen,  wurde
mit  vielem  Ernste  wieder  aufgenommen,  und  nach  längern  Erörterungen,
  wurde  man  wenigstens  dahin  einig,  daß  auf  dem
nächsten  Landtage  ein  Gesetz  über  die  verbesserten  Verhältnisse
dieser  Nation  im  Konigreiche,  berathen  werden  solle.  Wenn  die
ständischen  Verhandlungen  im  Ganzen  bei  weitem  nicht  mit  der
Schnelligkeit  vorschritten,  welche  die  Mehrzahl  des  Publicums,
ja  vielleicht  die  Kammern  selbst,  sich  versprochen  hatten,  so  hatte
dies  gleichwohl  seine  natürlichsten  Gründe;  denn  theils  hatte
sich  in  der  kurzen  Zeit,  wo  die  Oeffentlichkeit  der  Verhandlungen
  statt  fand,  noch  nicht  die  erforderliche  rhetorische
und  parlamentarische  Uebung  entwickeln  können.  theils  führte
        <pb n="653" />
        614  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

die  elastische  Natur  manches  Gegenstandes  zu  einer  unverhofft
  umfassenden  und  erschoͤpfenden  Eroͤrterung,  theils
hielten  auch  eine  Menge  von  Gesuchen  und  Beschwerden
einzelner  Individuen,  welche  bei  den  Kammern  eingereicht  wurden,
  dieselben  in  ihrer  Thätigkeit  auf,  so  daß  das  Ende
dieses  Landtages  freilich  binnen  geraumer  Zeit  nicht  abzusehen
  war.  Eine  mathematische  Berechnung  der  Dauer
war  auch  bei  einer,  an  so  viele  Umstände  gebundenen  Verhandlung
  nicht  moͤglich  gewesen;  doch  durfte  man  sich  nicht
verhehlen,  daß  hin  und  wieder  auch  das  zu  große  Mittheilungsbestreben
  einzelner  Mitglieder  und  ihr  häufiges  Wiederdurcherdrtern
  des  bereits  Gesagten  sich  schleppend  an  den  Gang
der  Verhandlungen  hing.  Die  Kammern  selbst  mochten  dieses,
  aber  auch  die  Unmoglichkeit  einsehen,  in  der  Weise  der
Verhandlungen  selbst  abkürzende  Veränderungen  treffen  zu
können,  und  beide  vereinigten  sich  doher  in  dem  Wunsche,
minder  wichtige  Berathungsgegenstände  auszuscheiden  und
dadurch  Zeitgewinn  und  Abkürzung  des  Landtages  zu  erlangen.
  Demgemäß  machte,  ohne  daß  es  zu  einem  ständischen
Beschlusse  gekommen  war,  die  Regierung  den  Vorschlag,  einen
  gemeinschaftlichen  Ausschuß  beider  Kammern  zu  Berathung
  dieser  Angelegenheit  zu  bilden.  Die  erste  Kammer
war  mit  diesem  Vorschlage  einverstanden;  aber  die  zweite
schlug  sich  —  wie  man  zu  bemerken  glaubte,  mit  einsger  Empfindlichkeit
  gegen  die  erste  Kammer,  welche  zuerst  diesen
Gegenstand  ausgenommen  hatte  —  zu  der  entgegengesetzten
Ansicht,  in  jeder  Kammer  einen  eigenen  Ausschuß  zu  wählen,
welche  offene  Spaltung  die  Reglerung  veranlaßte,  ihr  Decret
  zurückzunehmen.

Der  Schluß  dieses  Landtageb  fand  am  30.  Octbr.  1834
unter  den  gebuhrenden  Feierlichkeiten  statt.  Im  Thronsaale
fanden  sich,  nebst  den  Staatsministern  und  dem  diplomatischen
  Corps,  die  Mitglieder  der  Ständeversammlung  ein,
woselbst  der  König  in  Person  ihnen  seinen  Dank  sagte:
„  daß  durch  ihre  ktreue  Mitwirkung  Seine  Wönsche  für  des
Landes  Wohlfahrt  in  Erfüllung  gegangen.“  Die  der  Danksagung
  des  Konigs  sich  anschliessende  Rede  des  Staatsmini-
        <pb n="654" />
        Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  615

sters  v.  Lindenau  wies  mit  bündiger  Umfassenheit  auf  die
vollbrachten  Arbeiten,  die  gewonnenen  Resultate  und  die
noch  zu  erdrternden  Interessen  hin.  „Die  wichtigste  umgestaltung“
  —  erwähnte  er  dabei  —  „hat  das  gesammte
Finanzwesen  erhalten,  und  was  in  andern  Landen  nur  nach
und  nach  geschah,  ist  hier  im  Laufe  dieses  Landtages  gelungen;
  das  ganze  System  der  indirecten  Abgaben  ist  neu  gestaltet,
  die  Grundstevern  bedeutend  vermindert,  der  Verbrauch
aller  Staatsbürger  gleicher  Beitragspflicht  unterworfen  und
zugleich  damit  Freiheit  des  Verkehrs  nach  innen  und  aussen,
diese  nie  versiegende  Quelle  gewerb=  und  handeltreibender
Wohlfahrt,  im  weiten  Umfang  erreicht  worden,  und  eben  so
wurden  auch  die  Grundsätze  der  laͤngst  gewünschten,  oft  versuchten,
  stets  mißlungenen  Grundsieuer-Regulirung  jetzt  so
klar  und  einfach  festgesiellt,  daß  ein  rasches  Vorschreiten  im
Erfolg  der  Ausführung  mit  Zuversicht  zu  erwarten  ist,  und
somit  vielleicht  nach  wenig  Jahren  Sachsen  das  erste  Land
seyn  wird,  wo  die  Beitragspflicht  eines  Jeden  zum  Staatserforderniß,
  diese  Lebensfrage  der  Verwaltung,  im  richtigen
Verhältniß  des  Verbrauchs  und  des  Besitzes  geordnet  seyn
kann.

„Zum  bessern  Gedeihen  der  Gewerbe  und  des  Ackerbaues
wurde  durch  neue  Verwilligungen  und  durch  die  zu  Vervollständigung
  des  wohlthätig  wirkenden  Frohnabldsungs-Gesetzes
unenkbehrlichen  Bestimmungen  uͤber  Zusammenlegung  der
Grundstücke  beigetragen,  und  eben  so  auch  für  jene  mitleidswerthe
  Classe  der  Strafbaren,  Verirrten  und  Kranken,  durch
die  beschlossene  verbesserte  Einrichtung  der  Zucht=  und  Versorgungsanstalten
  menschenfreundlich  gesorgt.  Auch  ist  durch
die  gelungenen  Verhandlungen  mit  den  Oberlausitzer  Ständen
  zur  Vereinfachung  der  innern  staatsrechtlichen  Verhältnisse
des  Konigreiches  ein  wichtiger  Vorschritt  geschehen,  und  dadurch
  die  Interessen  aller  Landestheile  noch  fester  verbunden
worden.“  —  Nach  geschehener  Vorlesung  des  Landtagsabschiedes
  und  nach  erfolgter  Gegenrede  des  Präsidenten  der
I.  Kammer,  erklärte  der  Staatsminister  v.  Lindenau,  im
        <pb n="655" />
        616  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

Namen  des  Königs  und  des  Prinzen  Mitregenten,  den  Landtag
  für  geschlossen.

Mancherlei  Versuche,  dem  in  seinen  Pulsen  sichtlich  erschlafften
  sächsischen  Handel,  Ausfuhr=  und  Durchgangshandel,
  aufzuhelfen,  hatten  immer  nicht  die  gewünschte  Hilfe
bringen  wollen,  zum  Theil  auch  wohl  deswegen,  weil  man
die  Mittel  der  Verbesserung  zu  sehr  in  der  Ferne  gesucht
und  über  dem  Bestreben,  eine  künstliche  Genesung  hervorzubringen,
  die  in  Sachsens  Verhältnissen  zu  Deutschland
begründeten,  näher  liegenden  und  natürlicheren  Mittel  übersehen
  hatte.  Vergebens  hatte  die  sächsische  Regierung,  zu
Belebung  der  Elbschiffahrt,  sich  den  von  dem  Hansestädten
mit  den  vereinigten  Staaten  1827  abgeschlossenen  Handelsvertrage
  eifrig  angeschlossen,  und  die  Berathungen  der  Commerz
  =  Deputation  durch  Zuziehung  von  Kaufleuten  und
Fabricanten  unterstützt.  Bei  allen  diesen  Bemühungen  wurden
  die  sächsischen  Fabricate  von  den  russischen  Märkten
verdrängt,  worunter  am  meisten  die  Baumwollemmanufactur,
als  der  nahmhafteste  Fabrikzweig,  litt.  Dadurch  kam  die
Idee  einer  Anschließung  an  den  preußisch-deutschen  Zollverein
  zur  Reife.  Allein  dieses  Project  veranlaßte,  ehe  es  in's
Leben  trat,  einen  lebhaften  Kampf  gewerblicher  Parteien.
Die  sächsischen  Fabriken,  deren  Geschäftskreis  sich  durch  eine
solche  Anschließung  offenbar  erweitern  mußte,  erklärten  sich
unbedingt  dafür;  dagegen  mußte  der  Handelsstand,  insofern
dabei  die  Einfuhr  fremder  Artikel  erschwert  und  mit  bedeutenden
  Zollen  belastet  wurde,  Manches  davon  fürchten.  Die
ssch  kreuzenden  Meinungen  gingen  freilich  immer  nur  von
persönlichen  Interessen  aus  und  konnten  daher  um  so  weniger
berücksichtigt  werden.  Mit  dem  1.  Januar  1834  trat  diese
Anschließung  wirklich  in's  Leben  und  obschon  die  sichern  Erfelge
  einer  solchen  commorciellen  Umgestaltung  nicht  so  schnelk
abzusehen  seyn  dürften,  so  sind  doch  die  von  dem  Handelsstande
  fär  sich  befürchteten  Nachtheile  keinesweges  in  einem
solchen  Grade  eingetreten  und  dürften  sich  mit  der  Zeit
immer  mehr  ausgleichen,  während  auf  der  letzten  Leipziger
Messe  zu  Ostern  1834,  die  ausserordentlich  stark  besucht  und
        <pb n="656" />
        Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  617

auch  sonst  schwungreich  war,  die  sächsischen  Fabrikate  ein
höchst  erfreuliches  Uebergewicht  behaupteten  und  die  stärkste
Nachfrage  erfuhren,  wodurch  die  bisher  noch  hin  und  wieder
  gegen  den  Zollverein  herrschenden  Meinungen  größtentheils
  für  denselben  gestimmt  wurden.

Der  Gewerbthätigkeit  in  Sachsen  blieb  freilich  noch  immer
  eine  größere  Aufmunterung  zu  wöünschen,  und  sie  kann
daher  auch  in  diesem  Augenblicke  nicht  in  jeder  Hinsicht  den
Vergleich  mit  dem  Auslande  aushalten;  doch  that  unverkennbar
  auch  hierin  die  Regierung  neuerlich  manche  zweckdienliche
Schritte,  die,  wären  sie  schon  unter  der  vorigen  Regierung
geschehen,  der  vaterländischen  Industrie  gewiß  einen  ansehnlichen
  Vorsprung  gewonnen  haben  würden.  So  wurden,
zu  Belebung  der  Landwirthschaft  und  des  Gewerbfleißes,
Preisbewerbungen  für  die  Jahre  1832  —  37  veranstaltet,
nahmhafte  Belohnungen  für  Einführung  der  Seidenzucht,
für  die  Auffindung  von  Steinkohlenlagern  um  Chemnitz,  als
dem  Herzen  des  vaterländischen  Fabrikwesens,  für  Verbesserung
  des  Weinbau's,  für  den  Anbau  von  Gräsern  zu  Strohgeflechten,
  für  die  Auffindung  von  Steinen  zum  Steindruck,
für  die  gewerbliche  Ausbildung  Blinder  und  Taubstummer  2c.
auögesetzt.  Die  Bekanntmachung  von  1832,  daß  sämmttliche,
für  den  Cioil-,  Hof=  und  Militairetat  ndthige  Bedürfnisse,  die
das  Inland  in  gleicher  Güte,  wie  das]  Ausland,  liefere,  auch
im  Inlande  bezogen  werden  sollten,  brachte  eine  früher  nichr
mit  Unrecht  laut  gewordene  Beschwerde  über  Hintanstellung
vaterländischer  Producte  hinter  ausländischen,  zu  zweckmäßiger
  Erledigung.  Die  seit  1831  unterlassene  Gewerbausausstellung
  in  Drebden  wurde  im  Jahre  1834  wiederholt
und  brachte  auch  im  Maschinenwesen  erfreuliche  Resultate;
doch  schien  der  Gewerbsgeist  noch  nicht  genug  gereist,  um
durch  die  Ehre  der  bffentlichen  Anerkennung  zu  fleißigen  Einsendungen
  gereizt  zu  werden,  und  so  erschien  auch  diesmal
diese  Ausstellung  zu  lückenhaft,  um  ein  umfassendes  Bild  industrieller
  Entwickelung  gewähren  zu  koönnen.  Der  besondern
Anerkennung  der  Regierung  hatte  sich  der  seit  1831  in's
Leben  getretene  Industrievercin,  welcher  von  Chemnitz  aus
        <pb n="657" />
        618  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

in  der  lebhaftesten  Verbindung  mit  dem  ganzen  Lande  steht,
zu  erfreuen,  dessen  Thaͤligkeit  mit  der  Zeit  aͤußerst  erhebliche
Erfolge  verspricht.  An  mehrern  Orten,  hauptsaͤchlich  im  Erzgebirge,
  errichtete  cder  erweiterte  man  Gewerbschulen  und  eroffnete
  Sonntagsschulen.  Für  Beförderung  der  Weberei  wirkte
die  Regierung  seit  1828  namentlich  auch  durch  Einführung
von  Jacquardstühlen  und  die  dabei  rücksichtlich  der  Damastweberei
  erstehenden  Hindernisse  suchte  man  durch  Preisausgaben
zu  beseitigen.  Eben  so  erhielt  die  Chemnitzer  Anstalt  zu  Erbauung
  von  Baumwollespinnmaschinen,  da  sich  derselben
Hindernisse  zeigten,  eine  Unterstützung,  die  ihre  technische
Vervollkommnung  beförderte.  So  lieferte  auch  die  mit  einem
  mechanischen  Institute  in  Dresden  vereinigte  Maschinenfabrik
  einen  verbesserten  Strumpfwirkerstuhl,  der  im  Erzgebirge
  an  mehrern  Orten,  ebenfalls  unter  Mitwirkung  der
Regierung,  Anwendung  fand.  Der  von  leßterer  den  Ständen
  vorgelegte  Plan  zu  einem  Actienverein  für  Unterstützung
der  Landwirthschaft  und  Gewerbsamkeit,  fand  leider,  wie  so
manche  zu  Gunsten  dieser  wichtigen  Interessen  gethane  Vorschläge,
  keine  Unterstützung,  ein  neuer  Beweis,  daß  in
Sachsen  der  Gewerbsinn  sich  noch  selten  bis  zum  Gewerbgeiste
  erhoben  hat.  Unter  einzelnen  Zweigen  der  Gewerbthätigkeit
  gediehen  in  neuester  Zeit  vorzüglich  die  Bobinetfabrication
  (die  im  Erzgebirge  an  die  Stelle  der  durch  die  englischen
  Fabricate  in  Verfall  gerathenen  Spitzenmanufactur
trat),  die  Seidenmanufactur,  die  Maschinenkammwollspinncerei,
die  Leinwand,  besonders  aber  die  Baumwollenweberei,  die
Damastweberei,  die  Strumpfwirkerei  u.  s.  w.  Diese  sämmtlichen
  Sweige,  welche  einer  großen  Anzahl  von  Arbeitern
Leben  und  Unterhalt  gewähren,  versprechen  sich  durch  den,
mit  der  Anschließung  an  den  preußisch-deutschen  Zollverband
so  außerordentlich  erweiterten  Verkehr,  noch  bedeutend  zu  heben
  und  somit  för  Sachsen  eine  günstige  Zukunft  zu  eroffnen.
Daß  zünftige  Eifersucht  mit  ihrem  abgelebten  Prioilegienund
  Verbietungswesen  auch  hier  Manches  zu  stören  suchte
und  oft  genug  ihre  verrufene  Krücke  in  die  Waagschaale
der  gemeinsamen  Rechte  werfen  wollte,  ließ  sich  leider  vor-
        <pb n="658" />
        Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  619

aussehen.  Doch  ward  sie,  soweit  sich  dies  bei  der  noch
nicht  abgeschlossenen  neuen  Verfassung  thun  ließ,  von  der
Regierung  einige  Male  wuͤrdevoll  bedeutet  oder  zuruͤckgewiesen,
  und  man  darf  hoffen,  daß  auch  ihrem  unbequemen
und  stoͤrenden  Daseyn  durch  ein  den  verstaͤndigen  Forderungen
  der  Zeit  angemessenes  Gesetz  recht  bald  ein  gaͤnzliches
Ende  gemacht  werden  wird.

Besondere  Rücksicht  wurde,  nach  der  neuen  Staatseinrichtung,
  auf  den  Landbau  genommen,  dem  der  nunmehrige
Wegfall  der  Belastungen  des  Grundeigenthumes  und  neuerdings
  die  Aufhebung  der  Accise,  große  Vortheile  versprach.
Die  sächsische  Schaaßzucht  behauptete  und  mehrte  durch
stetes  Steigen  ihren  Ruhm,  und  die  Wollverfeinerung,  welche
  in  den  lehzten  Jahren  nicht  mehr  so  bedeutend  lohnen
wollte,  weil  man  auch  Mitteltüchern  durch  die  sogenannte
Decatirkunst  den  Anstrich  seinerer  zu  geben  verstand,  verspricht
  durch  den  im  neuen  Zollverbande  ihr  gewordenen  großen
  Spielraum,  ansehnliche  Zinsen  zu  bringen.  Eine  besondere
  Ehre  aber  für  die  sächsische  Schaafzucht  war  es,  daß
hochveredelte  sächsische  Schaase  gar  nach  Spanien  verlangt
wurden,  um  die  dortigen  ausgearteten  königlichen  Heerden  wieder
  zu  veredeln.  Die  vermehrten  Wollmärkte  und  die  Ausstellung
  veredelter  Schaafe  in  Dresden,  waren  für  die  süchsischen
  Schaafzüchtler  ebenfalls  ermunternd.

Wie  wenig  erheblich  auch  der  reine  unmittelbare  Ertrag
der  sächsischen  Bergwerke  seyn  mag,  so  ist  ihr  Betrieb  gleich—
wohl  dadurch,  daß  durch  Gruben  und  Hüttenwesen  gegen
10,000  Arbeiter  mit  ihren  Familien  ernährt  und  viele  einbeimische
  Fabriken,  denen  die  rohen  Stoffe  zukommen,  beschäftigt
  werden,  von  hohem  vaterländischen  Interesse.  Die
mit  Erweiterung  des  Bergbaues  gestiegenen  Betriebskosten,
wodurch  die  Unternehmer  in  ihrem  Gewinne  gekürzt  wurden,
entzogen  demselben  neuerdings  so  manche  Capitale;  daher  die
Stände  1824  sich  entschlossen,  zu  Belebung  dieses  Gewerbzweiges
  einen  Grubenbau  auf  Kosten  der  Steuercassen  zu
übernehmen,  welcher  seitdem  fortbestand.  Selbst  unter  solchen,
  nicht  immer  günstigen  Verhältnissen  bluͤht  der  sächsische
        <pb n="659" />
        620  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

Bergbau  erfreulich  weiter;  die  jaͤhrliche  Production  wird  auf
64,000  Mark  Silber,  440  Ctr.  Kupfer,  5000  Ctr.  Blei
und  Glätte,  66,000  Ctr.  Eisen  aller  Art,  2,800  Ctr.  Zinn,
gegen  1,000  Ctr.  Braunstein,  12,400  Cer.  Kobaltarten,  70
Ctr.  Wistzmuth,  3000  Ctr.  Arsenik,  20,000  Cir.  Vitriol,
20,000  Ctr.  Schwefel,  600,000  Ctr.  Steinkohlen  und  eine
unbestimmte  Menge  Braunkohlen  und  Torf  angeschlagen.
Neben  den  materiellen  wurden  auch  die  geistigen  Interessen
  nicht  versäumt.  Im  Schul=  und  Erziehungswesen
hatte  Sachsen  zwar  schon  seit  länger  eine  nicht  unerhebliche
Stufe  erklommen,  saß  aber  auf  derselben  geraume  Zeit  auch
dergestalt  fest,  daß,  wenn  es  auch  nicht  gerade  hinter  der
Zeit  zurückblieb,  die  Zeit  sich  wenigstens  stark  seitabwärts
von  ihm  zu  entfernen  drohte.  Von  mehrern  Seiten  wurden
hierüber  zweckmäßige  Winke  ertheilt,  und  es  war  nicht  schwer,
zu  der  Ueberzeugung  zu  kommen,  daß,  neben  dem  Mangel
einer  umfassenden  höhern  Aufsicht,  hauptsächlich  auch  die  bejammernswerth
  dürstige  Lage  der  Volksschullehree  —  die
man  von  dem  Schulgelde  leben  ließ,  das  arme  Eltern  für
ihre  Kinder  zahlen,  oder  öfter  noch  zu  zahlen  unterlassen  —
das  Vorschreiten  des  Schulwesens  niederdrucke.  Am
treffendsten  wies  eine  Schrift  des  Kirchen=  und  Schulrathes
Schulze:  „das  Veolksschulwesen  in  den  königlich  sachsischen
Landen  von  seiner  mangelhaften  und  hülfsbedürftigen  Selte
dargestellt“  (Leipzig  1833),  auf  diese  Gebrechen  hin,  die  im
Laufe  der  nächsten  Zukunft  wohl  eine  allmälige  Abstellung
erfahren  werden.  Wie  über  das  Volksschulwesen,  erhoben
sich  auch  tadelnde  Stimmen  über  den  dermaligen  Zustand
des  Gelehrtenschulwesens.  Namentlich  geschah  dies  in  der,
dem  Gesammiministerium  und  den  versammelten  Ständen
vorgelegten,  mit  Wahrheit  und  Sachkenntniß  abgefaßten
Schrift  des  Directors  des  Gymnassums  zu  Sittau,  Lindemann:
  „die  wichtigsten  Mängel  des  Gelehrtenschulwesens
im  Königreiche  Sachsen,  nebst  Anträgen  zu  deren  Verbesserung“
  (Zittau  und  Leipzig  1834),°')  worin  besonders  die

—

7  Die  unwürdige  Stellung  des  Lehrstandes  beklagt  der  Verfasser  in
der  Vorbemerkung  zu  der  erwähnten  Schrift,  auf  einc  ergreifende
        <pb n="660" />
        Inuere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.  621

nachtheiligen  Wirkungen  des  Maturitätsgesetzes  nachgewiesen
werden,  ein  Beweis,  daß  die,  gegen  den  Zudrang  zu  dem
Gelehrtenstande,  seit  1829  und  1831  erlassenen  Verordnungen
strengerer  Pruͤfungen,  noch  immer  nicht  allseitig  genug  an—
gewendet  werden.  Wirksamer,  als  der  Schulen,  wurde  der
Landesuniversitaͤt  gedacht,  die  gegen  1400  Studirende  zählte;
sowohl  in  ihrer,  zum  großen  Theil  gealterten  Verfassung,  als
auch  in  der  Verwaltung  ihres  Vermogens  wurden  zweckdienliche
  Verordnungen  getroffen;  dennoch  wurden  auch  zu
ihren  Gunsten  und  ihrer  größern  Unterstützung  lebhafte
Wünsche  laut,  *)  deren  begründete  Wahrheit  man  nirgend
verkannte  und  die  hoffentlich  nach  und  nach  immer  mehr
Beräcksichtigung  finden  werden.  Die  Forstakademie  zu  Tharant
  wurde,  indem  man  1830  die  landwirthschaftliche  Lehranstalt
  mit  ihr  verband,  wesentlich  erweitert  und  ihre  Benutzung
  seit  1832  zur  Bedingung  der  Anstellung  in  höhern
Aemtern  gemacht.  An  die  Stelle  der  1830  aufgeldsten  Militairakademie
  zu  Dresden,  wurde  eine  Artillerieschule  gestiftet
  und  dem  Cadettenhause  eine  neue  Einrichtung  gegeben;
nicht  minder  erhielt  auch  die  Bergakademie  zu  Freiberg  durch
Vermehrung  der  auf  sie  gewenderen  Mittel,  manche  Verbesserung.
  Die  mehrseitigen  wissenschaftlichen  Vereine  in  Sachsen
  dienten  manche  nützliche  oder  angenehme  Kenntniß  auch

Weise:  „Schon  zu  lange  für  das  Wohl  des  Baterlandes  und
für  Sachsens  Ruhm  sind  unsere  Gelehrtenschulen  vernachläßigt
worden.  Seit  langer  Zeit  ist  der  treufleißige  Stand  der  Gymnasiallehrer
  ohne  Aufsicht  und  ohne  Rücksicht  geblieben.  Seit  langer
Zeit  gewohnr,  keinen  Strahl  der  Milde  von  oben  her  auf  uns
fallen  zu  sehen  und  vermöge  unserer  Stellung  im  Staate  nur  geringer
  Achtung  zu  genießen,  haben  wir  immer  tren  und  redlich
nach  Kräften  an  dem  heiligen  Werke  gearbektet,  welches  uns
aufgetragen  worden.  Mit  Stolz  sind  wir  es  uns  bewußt,  daß
wir,  wiewohl  mit  Noth  und  Dürftigkeit  kämpfend,  zu  den  treuesten
  Unterthanen  und  thätigsten  Staatsbürgern  gehört  haben,
obgleich  selten  dafür  anerkannt.“  Weiterhin  heißt  es:  „Die
französische  Nation,  die  sich  die  Ideen  zu  Regulirung  ihres  öffentlichen
  unterrichts  erst  in  Deutschland,  namentlich  in  Preußen  und
Sachsen  geholt  hat,  beschämt  uns  tief.“

*)  Ueber  die  Bedürfnisse  und  Mittel  der  Universität  Leipzig,  mit
kerkuelcher  Berücksichtigung  des  medicinischen  Lehrfaches  (Leipzig
  1833).
        <pb n="661" />
        622  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

im  Kreise  von  Dilettanten  zu  verbreiten.  Mit  besonderer
Vorliebe  wurden  in  der  Residenz  die  Naturwissenschaften  gepflegt,
  denen  durch  Gründung  der  chirurgisch-medicinischen
Akademie  doppelt  viel  Antheil  erweckt  wurde.  Durch  die
dortige  botanische  Gesellschaft  wurde  auch  eine  jährliche
Pflanzen=  und  Fruchtausstellung  veranstaltet.  Wichtige  Resultate
  versprach  der  1831  gegründete  statistische  Verein  zu
Dresden,  dem  auf  Befehl  des  Königs,  die  Behoörden  die  ndthigen
  Mittheilungen  machen  mußten  und  von  welchem  sonach
  belehrende  Beitrage  zur  Landesstatistik,  namentlich  auch
in  Hinsicht  der  bisher  meist  mangelhaften  Bevölkerungsangaben,
  zu  erwarten  standen.  Durch  die  dökonomische  Gesellschaft
  wurde  seit  1832  ein  mit  vielem  Beifall  aufgenommener
  Volkskalender  herausgegeben,  zugleich  auch  Anstalt  gemacht,
  durch  Pfairer  und  Schullehrer  belehrende  Schriften
unter  dem  Volke  in  Umlauf  zu  bringen.

Zu  Unterstützung  der  Künstler  und  um  sie  zur  Thatigkeit
zu  ermuntern,  besteht  in  Dreöden  der  Kunstverein,  welcher
von  der  jedesmaligen  Kunstausstellung  mehrere  der  für  werthvoll
  anerkannten  Gegenstände  käuflich  an  sich  bringt,  die  sodann
  unter  die  Mitglieder  verlooset  und  jedem  derselben  in
Kupferstichcopie  mitgetheilt  werden.  Daß,  wie  sich  1834
bewährte,  die  Wahlen  dieses  Vereines  nicht  immer  glucklich
waren,  konnte  wenigstens  die  Ehre  des  guten  Willens  nicht
beeinträchtigen.  Der  Kunstausstellung  selbst  wären  einige
Einschränkungen  zu  wünschen,  da  sie  immer  mit  einer  Unzahl
  schülerhafter  Bilder  überschwemmt  wurde,  für  welche
biswellen  (so  auch  1834)  wenige  erträgliche  und  noch  weniger
  gute  kaum  genügend  entschädigen  konnten.  Ueberhaupt  ging
seit  dem  Ableben  oder  der  eingestellten  Thätigkeit  alterer
Meister,  aus  Drebdens  Mauern  im  Ganzen  wenig  Erhebliches
hervor,  und  wie  schnell  selbst  die  Muse  des  einst  gefeierten
Vogel  von  Vogelstein  gealtert  war,  zeigen  am  besten  seine
zum  großen  Theile  verfehlten  Frescogemälde  in  der  Capelle
zu  Pillnitz.

Lebhafter,  aber  freilich  auch  in  sehr  gemischter  Art,
blühte  in  Sachsen  das  Feld  der  Literatur.  So  erschienen
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        Innere  Verhdlenisse  der  neuesten  Zeit.  623

1832  in  Sachsen  106  Zeitschriften,  die,  obschon  mehrere
derselben  den  Tod  innerer  und  dußerer  Abzehrung  starben,
sich  doch  seitdem  eher  vermehrt,  als  vermindert  haben.  Der
Meßkatalog  lief  zu  manchen  Zeiten  von  Novlläten  fast  über,
und  es  konnte  bei  dieser,  in  einzelnen  Fällen  recht  hirnlosen
Drucksucht  nicht  fehlen,  daß  jede  Messe  auch  eine  Unzahl
zurückwandernder  Krebse  brachte.  Bei  alledem  war  der
Buchhandel,  insofern  er  einen  außerordentlich  bedeutenden
  Umsatz  (1829  z.  B.  von  2  bis  3  Millionen  Thaler)
verursachte  und,  beinahe  unter  allen  Gewerben,  anerkannt
die  meisten  und  verschiedensten  Arbeiter  nahrte,  für  Sachsen
von  unberechnenbarem  Erfolge  und  die  Leipziger  Buchhändlermesse
  von  curopälscher  Wichtigkeit.  Um  so  mehr  that  ein
verbessertes  Preßgesetz  noth,  welches  von  allen  Seiten  auf
die  dringendste  Weise  gewünscht  wurde.  Erfreuliche  Hoffnungen
  gewährte  die  von  der  Regierung  den  Buchhändlern
kurz  nach  der  Jubilatemesse  gemachte  Erôffnung:  daß  an
den  hohen  Ministercongreß  zu  Wien  der  Entwurf  eines  Regulativs
  für  den  literarischen  Rechtszustand  in  Deutschland
eingereicht  worden,  und  zwar  mit  dem  Ersuchen,  demselben,
nach  vorgängig  eingeholtem  Gutachten  des  Börsenvereines,
bundesgesetzliche  Bestätigung  zu  ertheilen.  Nunmehr  durfte
man  endlich  auf  wirksamen  Schutz  gegen  den  Nachdruck

und  gegen  andere  Benachtheiligungen  der  Autoren  und  Buchhändler
  hoffen.

So  bereitet  sich  denn  Alles  zu  einem  neuen  Morgen  des
Glückes  und  des  Wohlstandes  für  Sachsen  vor!  Eine  verjungte
  thatkräftige  Zeit  streckt  allen,  bisher  niedergedrückten
Verhältnissen  helfend  ihre  Arme  entgegen,  und  hoffnungreich
darf  unter  dem  schützenden  Beistande  einer  milden  Regierung,
einer  weisen  Verfassung,  die  junge  Saat  reifen.  Die  edle
Entsogung  eines  sächsischen  Fürstenpaares  hat  angestammte
Rechte  freiwillig  auf  dem  Altare  des  Vaterlandswohles  ge-
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        624  Innere  Verhaͤltnisse  der  neuesten  Zeit.

opfert;  moͤchten  Sachsens  Bewohner  sich  stets  von  einem
gleichen  Geiste  beseelen  lassen!  —  Kein  Verstaͤndiger,  selbst
wenn  die  Entwickelung  der  Verhaͤltnisse  nicht  gleichen  Schritt
mit  seiner  Sehnsucht  und  mit  seinen  Erwartungen  haͤlt,
zweifelt  mehr  an  dem  aufrichtigen  Willen  der  Regierung;
denn  das  Gute  gedeiht  im  Leben  langsamer,  als  in  der
Idee,  und  Fuͤrsten,  die  sich  bereit  zeigten,  so  Vieles  hinzu—
geben,  stehen  uͤber  jedem  Mißtrauen  erhaben.

Mit  Anton  IJ.  beginnt  für  Sachsen  eine  neue  Aera,
und  haͤtte  auch  die  spaͤte  Sonne,  die  ihm  zum  Throne  leuch—
tete,  ihm  nicht  mehr  Zeit  gegoͤnnt,  hervorstechende  Regen—
teneigenschaften  zu  entwickeln,  so  hat  sein  hochherziges  Entsagen
  ihm  doch  die  schönste  Bürgerkrone  auf  das  greise
Königshaupt  gedrückt  und  die  Geschichte  wird  ihn  dankbar
unter  die  zugleich  edelsten  und  denkwürdigsten  Fürsten  des
Wettinerstammes  einzeichnen,  ihn,  unter  dessen  Scepter
Sachsen  seine  herrlichste  Wiedergeburt  feierte.

Heil  und  Gedeihen  dem  Vaterlande!
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</TEI>
