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        <title>Die Militär-Vorlage im Deutschen Reichstage.</title>
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            <idno>militaer_vorlage</idno>
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        Die

Militär-Vorlage

im

Deutschen  Reichstage.

Eine  sachgemäße  Schilderung  der  Reichstags-Verhandlungen
  für  das  deutsche  Volk.

Mit  den  stenographisch  ausgenommenen  Reden  des  Reichskanzlers
Fürst  von  Bismarck  und  des  Abgeordneten  General-Feldmarschalls
Graf  von  Moltke.

„Der  Staat  muß  untergeh'n  früh  oder  spät
Wo  Mehrheit  siegt  und  Unverstand  entscheidet.“
Schiller.

Berlin  1887.
Verlegt  und  herausgegeben  von  S.  T.  Görnicki,

S.W.,  Großbeerenstraße  19  pt.
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        „Der  Staat  muß  untergeh'n  früh  oder  spät
Wo  Mehrheit  siegt  und  Unverstand  entscheidet.“

Schiller.

Der  Deutsche  Reichstag  hatte  sich  in  der  am  25.  November  1886
eröffneten  IV.  Session  (1886/87)  der  6.  Legislatur-Periode  u.  A.  auch
mit  dem  Entwurfe  eines  Gesetzes,  betreffend  die  Friedens-Präsenzstärke
  des  deutschen  Heeres  zu  befassen.  Dieser  Gesetz-Entwurf
  stellte  im  §.  1  die  Friedens-Präsenzstärke  des  Heeres  an  Mannschaften
  für  die  Zeit  vom  1.  April  1887  bis  zum  31.  März  1894  —
also  für  sieben  Jahre  —  auf  468  409  Mann  fest,  wobei  die  Einjährig-Freiwilligen
  nicht  in  Anrechnung  kommen  sollten.  §.  2  formirte
vom  1.  April  1887  ab  die  Infanterie  in  534  Bataillone,  die  Kavallerie
in  465  Eskadrons,  die  Feld-Artillerie  in  364  Batterien,  die  Fuß-Artillerie
  in  31,  die  Pioniere  in  19  und  den  Train  in  18  Bataillone.
Die  §§.  3  und  4  der  Vorlage  enthielten  nur  Bestimmungen  formeller

Natur.

Schon  der  auf  diese  Angelegenheit  bezügliche  Passus  der  Thronrede
  hatte  erkennen  lassen,  welchen  Werth  der  Kaiser  und  die  verbündeten
  Regierungen  auf  die  unveränderte  Annahme  dieses  Gesetz-Entwurfs
  legten;  ebenso  waren  die  Ausführungen  des  preußischen  Kriegsministers
  bei  Begründung  der  Vorlage  so  überzeugend  und  eine  Rede
des  greisen  Feldmarschalls  Graf  von  Moltke  von  so  sensationellem  Eindrucke,
  daß  es  geradezu  räthselhaft  erscheinen  mußte,  die  Militär-Vorlage
  der  verbündeten  Regierungen  von  einer  aus  dem  Centrum,  den
Deutsch-Freisinnigen,  den  Sozialdemokraten,  Polen  und  Welfen  sich  zusammensetzenden
  Majorität  nicht  allein  bezüglich  der  künftigen  Zahl  der
Mannschaften,  sondern  auch  hinsichtlich  der  künftigen  Formation  der
Infanterie  und  ebenso  bezüglich  der  siebenjährigen  Festsetzung  der
Friedens-Präsenzstärke  bekämpft  zu  sehen,  wenn  man  eben  nicht  annehmen
  will,  daß  es  der  so  seltsam  zusammengewürfelten  Majorität
lediglich  um  ein  in  einer  so  ernsten  Frage  geradezu  frivoles  und
widerliches  Markten  und  Feilschen  mit  den  verbündeten  Regierungen
zu  thun  war.

Selbstverständlich  war  es  wiederum  der  deutsch-freisinnige  Abgeordnete
Eugen  Richter,  der  nach  der  glänzenden  Begründung  der  Vorlage
durch  den  preußischen  Kriegsminister  Bronsart  von  Schellendorff
in  der  5.  Sitzung  des  Deutschen  Reichstages  (3.  Dezember  1886)

1  —
        <pb n="4" />
        —  2  –

Alles  weit  besser  als  diese  Autorität  auf  militärischem  Gebiete  und  die
maßgebenden  Persönlichkeiten  des  auswärtigen  Amtes  wissen  wollte,
und,  obgleich  Herr  von  Bronsart  dessen  Darlegungen  sofort  widerlegte,
doch  bis  zur  letzten  Sitzung  dieses  für  das  Deutsche  Reich  so  unheilvollen
  Reichstages  bei  seiner  Opposition  und  Negation  beharrte.

Während  bei  der  am  Freitag  den  3.  Dezember  1886  begonnenen  ersten
Berathung  die  Debatte  hauptsächlich  zwischen  dem  Abgeordneten  Eugen
Richter  und  dem  preußischen  Kriegsminister  Bronsart  von  Schellendorff
  sich  entwickelt  hatte,  trat  bei  der  Fortsetzung  dieser  ersten  Berathung,
  in  der  6.  Sitzung  des  Deutschen  Reichstages  (4.  Dezember  1886)
als  erster  Redner  der  Führer  des  Centrums,  Abgeordneter  Dr.  Windthorst
  auf  und  suchte  den  Reichstag  wiederholt  zu  überzeugen,  daß  er  Alles
für  des  Vaterlandes  Selbstständigkeit  und  Sicherheit  zu  thun  bereit
sei,  daß,  wenn  das  Vaterland  in  Gefahr  sei,  ihm  und  seinen  Freunden
kein  Opfer  zu  groß  erscheine,  daß  sie  die  Armee  stark  erhalten  und
unter  allen  Umständen  alles  thun  wollten,  was  nöthig  sei,  um  Deutschland
  in  seinem  Rang,  Stand  und  Ansehen  zu  erhalten,  den  es  heute
habe.  Der  vaterlandsfreundliche  Welfen=  und  Centrumsführer  schloß
seine  Rede  mit  den  Worten:  „Gott  schütze  unser  Vaterland,  und  was
uns  betrifft,  so  wollen  wir  nicht  leichtfertig  ablehnen,  was  nöthig  ist,
noch  ohne  Noth  neue  Lasten  dem  Vaterlande  auflegen.“

Daß  diese  Noth  wirklich  vorhanden,  daß  der  gesammte  Reichstag
die  Regierungs-Vorlage  unverändert  annehmen  und,  wenn  die
Majorität  desselben  wirklich  deutsch  fühlte  und  deutsch
dachte,  dieselbe  nicht  leichtfertig  ablehnen  durfte,  weil  sie
eben  nöthig  war,  das  ging  aus  der  Rede  des  greisen  Feldmarschalls
  und  Abgeordneten,  Graf  von  Moltke,  hervor,  der  unter  allgemeiner
  Spannung  nach  dem  Abgeordneten  Dr.  Windthorst  das  Wort
nahm  und  Folgendes  ausführte:

Meine  Herren!  Ich  möchte  Ihnen  doch  die  Vorlage  der  Regierung  recht
angelegentlich  empfehlen.  Man  kann  es  ja  beklagen,  daß  wir  genöthigt  sind,
einen  großen  Theil  der  Einnahmen  des  Reiches  anstatt  auf  den  Ausbau  im
Innern,  für  die  Sicherung  nach  Außen  zu  verwenden;  das  wird  aber  bedingt
durch  allgemeine  Verhältnisse,  die  wir  abzuändern  ganz  außer  Stande  find.
Meine  Herren,  ganz  Europa  starrt  in  Waffen.  Wir  mögen  uns  nach  links
oder  nach  rechts  wenden,  so  finden  wir  unsere  Nachbarn  in  voller  Rüstung,
in  einer  Rüstung,  die  selbst  ein  reiches  Land  auf  die  Dauer  nur  schwer  ertragen
  kann.  Das  drängt  in  Naturnothwendigkeit  auf  baldige  Entscheidungen
  hin  und  ist  der  Grund,  weshalb  die  Regierung  schon  vor  Ablauf  des
Septennats  eine  Verstärkung  der  Armee  verlangt.  Aus  den  die  Regierungsvorlage
  begleitenden  Motiven  ersehen  Sie,  wie  sehr  wir  hinter  den  Rüstungen
der  übrigen  Großmächte  zurückgeblieben  find.  Sie  ersehen  daraus,  daß  von
allen  großen  Armeen  die  unserige  noch  die  mindest  kostspielige  ist,  daß  sie
weniger  als  irgend  eine  andere  auf  der  Gesammtbevölkerung  lastet,  und  daß
beispielsweise  Frankreich  nahezu  das  Doppelte  an  seine  Armee  wendet,  wie
wir.  Noch  in  diesen  Tagen  find  die  sehr  erheblichen  Anforderungen  des
        <pb n="5" />
        —  3  —

französischen  Kriegsministers  in  den  Kammern  anstandslos  bewilligt.  Man
hat  nun  die  Richtigkeit  dieser  Zahlenangaben  in  Abrede  gestellt.  Ja,  meine
Herren,  hier  im  Plenum  können  wir  unmöglich  die  Rechnung  aufmachen;
das  wird  sich  in  der  Kommission  finden.  Ich  halte  die  Angaben  für  richtig,
denn  sie  gründen  sich  auf  die  besten  Nachrichten,  die  wir  haben  können.
Man  hat  uns  nun  den  Rath  gegeben,  uns  mit  Frankreich  zu  verständigen.
Ja,  das  wäre  gewiß  sehr  vernünftig,  es  wäre  ein  Segen  für  beide  Nationen
und  eine  Bürgschaft  für  den  Frieden  in  Europa.  Wenn  es  nun  aber  nicht
geschieht,  —  à  qui  la  kaute?  So  lange  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich
  ungestüm  die  Zurückgabe  zweier  wesentlich  deutscher  Provinzen  fordert,
und  während  wir  fest  entschlossen  sind,  sie  niemals  herauszugeben  (lebhaftes
Bravo),  so  wird  eine  Verständigung  mit  Frankreich  kaum  möglich  sein.  Man
hat  dann  hingewiesen  auf  unser  Verhältniß  mit  Oesterreich.  Dieses  Bündniß
ist  ein  sehr  werthvolles;  aber  es  ist  schon  im  gewöhnlichen  Leben  nicht  gut,
sich  auf  fremde  Hülfe  zu  verlassen:  Ein  großer  Staat  existirt  nur  durch  seine
eigene  Kraft.  (Bravo  rechtsl)

Wenn  ich  recht  verstanden  habe,  so  wurde  behauptet,  daß  die  Vorlage
der  Regierung  sich  nur  auf  die  Friedenspräsenz,  nicht  auf  die  Kriegspräsenz,
d.  h.  die  Kriegsstärke,  bezöge.  Meine  Herren,  die  Vorlage  fordert  allerdings
eine  Etatserhöhung  für  gewisse  Truppentheile,  die  nahe  der  Grenze  vielleicht
berufen  find,  gleich  im  ersten  Augenblick  des  Krieges  in  Aktion  zu  treten.
Dadurch  wird  die  Kriegsstärke  in  keiner  Weise  vermehrt,  es  vermindert  sich
nur  die  Zahl  der  nachzusendenden  Reserven;  aber  die  Vorlage  fordert  ja
ausdrücklich  und  hauptsächlich  die  Aufstellung  neuer  Kadres,  und  die  werden
allerdings  die  Kriegsstärke  vermehren.  Die  Kadres  von  31  neuen  Bataillonen
  vermehren  die  Kriegsstärke  um  31  000  Mann.  Dann  hat  man
auch  wieder  die  zweijährige  Dienstzeit  in  Anregung  gebracht.  Ja,  meine
Herren,  ich  gehe  nicht  näher  darauf  ein;  die  Sache  ist  früher  gründlich  besprochen
  worden.  Bei  der  gegenwärtigen  politischen  Lage  unser  ganzes  bisheriges
  Militärsystem  über  den  Haufen  zu  werfen  und  ein  neues  einzuführen,
das  würde  doch  ein  bedenkliches  Experiment  sein.  (Sehr  richtig!)  Zweijährige
  Dienstzeit  haben  wir  eigentlich  schon;  da  noch  eine  weitere  Herabsetzung
  herbeizuführen,  das  würde  eine  Vermehrung  der  Ziffer  und  eine  Verschlechterung
  der  Qualität  sein,  und  damit  ist  uns  nicht  gedient.  Im  Gegentheil,
  unsere  beste  Sicherung  beruht  eben  in  der  Vorzüglichkeit  unserer  Armee.
Es  ist  dann  mit  vollem  Recht  auch  die  finanzielle  Seite  der  Frage  in
Betracht  gezogen.  Ja,  meine  Herren,  ich  verkenne  gewiß  nicht  die  große
Wichtigkeit  einer  guten  Finanzlage  —  nicht  eigentlich  im  Kriege;  da,  wo  es
sich  um  Kämpfe  und  Entscheidungen  handelt,  wo  nach  dem  Ausspruch  des
deutschen  Landsknechts  —  Patronenhülsen  die  gangbarsten  Papiere  sein
werden,  da,  meine  Herren,  hört  die  Rücksicht  auf  die  Finanzlage  auf.  Aber
außerordentlich  wichtig  ist  sie  für  die  Vorbereitung  zum  Krieg,  für  gute
Ausrüstung  der  Truppen,  für  Anlage  von  Befestigungen,  für  zweckmäßig
geführte  Eisenbahnen.  Ein  unglücklicher  Krieg  zerstört  auch  die  beste
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        —  4  —

Finanzwirthschaft;  die  Finanz  muß  eben  durch  die  Armee  geseichert  sein.
Meine  Herren,  ich  glaube,  daß  wir  durch  eine  Reihe  von  Jahren  schon
davon  haben  überzeugen  können,  daß  wir  eine  umseichtige,  redliche  und  sparsame
  Armeeverwaltung  haben.  (Sehr  richtig!)  Auch  die  jetzt  in  Rede
stehende  Vorlage  ist  wesentlich  durch  Rücksichten  auf  Sparsamkeit  bestimmt.
Man  hat  darauf  verzichtet,  schon  im  Frieden,  wie  dies  außerordentlich
wünschenswerth  wäre,  alle  unsere  Geschütze  bespannt  zu  haben,  wie  das  bei
unseren  Nachbarn  der  Fall  ist.  Die  Vermehrung  bezieht  sich  wesentlich  auf
die  Infanterie,  als  die  mindest  kostspielige  Waffe.  Die  Hälfte  der  neu  aufzustellenden
  Bataillone  wird  bereits  bestehenden  Regimentern  angeschlossen,
um  die  Stäbe  für  Regimenter  zu  sparen.  Kurz,  meine  Herren,  es  ist  nicht
das  militärisch  absolut  Wünschenswertheste,  sondern  das  finanziell  Erreichbare
  dabei  ins  Auge  gefaßt  worden.  Und  dann,  meine  Herren,  die  Forderung,
  die  an  das  Land  gestellt  wird  —  sie  wird  gestellt,  um  den  bisher
mühsam  aufrecht  erhaltenen  Frieden  in  Europa,  wenn  es  möglich  ist  (hört,
hört!)  auch  ferner  noch  zu  sichern.  Ich  meine,  wenn  wir  diese  Vorlage
ablehnen,  so  involvirt  dies  eine  sehr  ernste  Verantwortlichkeit,  vielleicht  für
das  Elend  einer  feindlichen  Invasion,  eine  Verantwortung,  die,  von  hundert
Schultern  getragen,  dennoch  für  jeden  Einzelnen  schwer  genug  wiegen  muß.
Durch  große  Opfer  haben  wir  erreicht,  was  alle  Deutschen  seit  soviel  Jahren
ersehnt  haben:  wir  haben  das  Reich,  wir  haben  die  Einheit  Deutschlands.
Möchten  wir  auch  die  Einigkeit  der  Deutschen  in  einer  solchen  Frage  haben,
wie  sie  hier  vorliegt!  Die  ganze  Welt  weiß,  daß  wir  keine  Eroberungen
beabsichtigen;  mag  sie  aber  auch  wissen,  daß  wir  das,  was  wir  haben,  erhalten
  wollen,  daß  wir  dazu  entschlossen  und  gewappnet  sind.  (Lebhafter
Beifall.)

Im  gesammten  In=  und  Auslande  rief  diese  Rede  unseres  so  hochverdienten
  Strategen  selbstverständlich  die  lebhafteste  Sensation  hervor
und  wohl  in  keiner  wahrhaft  deutsch  fühlenden  Mannesbrust  waltete
ein  Zweifel  darüber,  was  der  Deutsche  Reichstag  nach  solchen,  von
solcher  Seite  kommenden  Worten  zu  thun  für  seine  Pflicht  erachten
mußte!  Daß  man  den  späteren  Ausführungen  des  sozialdemokratischen
  Abgeordneten  Grillenberger,  der  das  „non  possumus“
seiner  Partei  zu  begründen  suchte,  nur  geringe  Aufmerksamkeit  schenkte,
war  vorauszusehen.  Nach  ihm  sprachen  der  nationalliberale  Abgeordnete
  Marquardsen  und  der  konservative  Abgeordnete  Frhr.  von
Wöllwarth  im  Sinne  der  Regierungs-Vorlage,  worauf  der  preußische
Kriegsminister  Bronsart  von  Schellendorff  sich  noch  in  der  Hauptsache
  gegen  die  Ausführungen  des  Abgeordneten  Grillenberger  wandte
und  dessen  Ausführungen  entkräftete.  Am  Schlusse  dieser  Sitzung  vom
4.  Dezember  wurde  die  Militär-Vorlage  an  eine  Kommission  von
28  Mitgliedern  verwiesen.

 

 

Die  verbündeten  Regierungen  hatten  den  größten  Werth  darauf
gelegt  die  Kommissions-Berathungen  noch  vor  Weihnachten  beendigt
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        —  5  —

und  ebenso  noch  vor  Beginn  des  neuen  Jahres  die  Vorlage  erledigt
zu  sehen.  Leider  ließen  aber  schon  die  ersten  Sitzungen  dieser  Kommission
  erkennen,  daß  es  von  den  Führern  der  Majorität  auf  ein  Hinziehen
  dieser  Erledigung  bis  nach  den  Weihnachtsferien  abgesehen  war.
Unverantwortlich  waren  die  nicht  enden  wollenden  Reden,  Fragen,
Ausstellungen  u.  s.  w.  der  einzelnen  Oppositionsführer,  namentlich  des
Abgeordneten  Richter,  über  alles  Lob  erhaben  die  Geduld  und  Ausdauer
  der  Bundesrathsbevollmächtigten  und  -Kommissare  diesem  Treiben
der  Opposition  gegenüber.  Der  Reichstag  ging  in  die  Weihnachtsferien,
ohne  diese  so  wichtige  Aufgabe  erledigt  zu  haben;  erst  nach  Beginn  des
neuen  Jahres  trat  die  Kommission,  welche  die  erste  Lesung  der  Vorlage
  noch  vor  dem  Weihnachtsfeste  beendigt  hatte,  in  die  zweite  Lesung
derselben  ein.

Aber  was  für  ein  Gesetz-Entwurf  war  aus  der  ersten  Lesung  hervorgegangen!
  Der  §.  1  war  so  gestaltet  worden,  daß  die  Friedens-Präsenzstärke
  an  Mannschaften  für  die  Zeit  vom  1.  April  1887  bis
zum  31.  März  1890  (also  nicht  für  7  sondern  nur  für  3  Jahre)  auf
441  200  Mann  (statt  468409  Mann  in  der  Regierungs-Vorlage)  festgestellt
  wurde!  Und  dahinter  hieß  es  dann  noch:  „Für  die  Zeit
vom  1.  April  1887  bis  zum  31.  März  1888  kann  eine  Erhöhung
  der  Präsenzstärke  bis  auf  450  000  Mann  eintreten!"“
Also  für  die  Dauer  eines  Jahres  8800  Mann  mehr,  aber  immerhin
noch  bis  zum  31.  März  1888,  18  409  Mann,  von  da  ab  aber  sogar
wieder  27209  Mann  weniger  als  die  Regierungs-Vorlage  für  nöthig
erachtete!  Ferner  hatte  man  bezüglich  der  Formation  der  Infanterie
statt  534  Bataillone  deren  nur  518  eingestellt,  aber  die  fehlenden
16  Bataillone  für  ein  Jahr  durch  die  Worte  genehmigt:  „Außerdem
  können  von  dem  gleichen  Tage  an  (1.  April  1887)  bis
zum  1.  April  1888  16  Bataillone  Infanterie  formirt  werden!“
Als  neuen  Paragraphen  hatte  man  endlich  noch  eine  Bestimmung  eingefügt,
  nach  welcher  diejenigen  Wehrpflichtigen,  welche  sich  dem  Studium  der
Theologie  widmen,  während  der  Dauer  dieses  Studiums  bis  zum  1.  April
des  Kalenderjahres,  in  welchem  sie  das  26.  Sensiatr  vollenden,  von  der
Einstellung  in  den  Militärdienst  vorläufig  zurückgestellt  werden,  sobald
dieselben  aber  bis  zur  vorbezeichneten  Zeit  auf  Grund  bestandener
Prüfung  die  Aufnahme  unter  die  Zahl  der  zum  geistlichen  Amt  berechtigten
  Kandidaten  erlangt  beziehungsweise  die  Subdiakonatsweihe
empfangen,  gänzlich  von  der  Militärdienstpflicht  befreit  sein
sollten!

Soweit  die  Beschlüsse  der  Kommission  in  erster  Lesung!"  Die
zweite  Lesung  in  der  Kommission  sollte  allerdings  noch  ganz  andere
Beschlüsse  zeitigen:  einen  Rumpf  ohne  Kopf  und  einen  Kopf  ohne
Rumpf'  und  dies  Resultat  kennzeichnet  am  besten  die  Ziele,  um  welche
es  sich  in  Wirklichkeit  eigentlich  für  die  klerikal-freisinnig-polnisch-sozialdemokratisch-welfische
  Reichstagsmajorität  handelte.  Nach  diesen  Beschlüssen
  der  Kommission  gab  es  de  facto  einen  §.  1  des  Gesetzes  nicht
mehr.  Man  muß  ein  solches  Unding  von  Gesetz-Entwurf  dem  deutschen
Volke  wiederholt  vor  Augen  führen,  um  den  Beweis  zu  liefern,  daß
        <pb n="8" />
        —  6  —

es  der  oppositionellen  Majorität  gar  nicht  darum  zu  thun  war,  überhaupt
  ein  Gesetz  zu  Stande  zu  bringen.

Wir  geben  daher  den  Wortlaut  dieses  Undings  hier  unverkürzt
  wieder:

„Entwurf  eines  Gesetzes
betreffend

die  Friedenspräsenzstärke  des  deutschen  Heeres.

Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  Deutscher  Kaiser,  König  von
Preußen  2c.,  verordnen  im  Namen  des  Reichs,  nach  erfolgter  Zustimmung
  des  Bundesraths  und  des  Reichstags,  was  folgt:

§.  2.

Vom  1.  April  1887  ab  werden  die  Infanterie  in  518  Bataillone,
die  Kavallerie  in  465  Eskadrons,  die  Feld-Artillerie  in  364  Batterien,
die  Fuß-Artillerie  in  31,  die  Pioniere  in  19  und  der  Train  in  18
Bataillone  formirt.  Außerdem  können  von  dem  gleichen  Tage  an  bis
zum  1.  April  1888  16  Bataillone  Infanterie  formirt  werden.

§.  3  der  Vorlage  unverändert.

§.  4  der  Vorlage  unverändert.

Urkundlich  rc.

Gegeben  2c."

Wie  man  sieht,  ist  von  der  Friedens-Präsenzstärke  des
Deutschen  Heeres,  die  —  der  Ueberschrift  zufolge  —  dieser  Gesetz-Entwurf
  doch  betreffen  soll,  in  demselben  kein  Wort  zu  finden.  Derselbe
  setzt  nichts  über  dieselbe  fest  und  handelt  blos  von  der  Formirung
der  einzelnen  Waffengattungen!!

Das  ist  das  Werk  der  ewig  nörgelnden,  negirenden  und  oppositionellen
  Reichstags  -Strategen  und  Reichstags-Taktiker  unter  Führung
der  Volksvertreter  Windthorst,  Richter  und  Konsorten!!

Wir  glauben,  daß  das  deutsche  Volk  keine  Ursache  hat,  auf  eine
solche  Vertretung  besonders  stolz  zu  sein.

 

Dies  aus  der  Kommission  hervorgegangene  Unding  für  die  Plenar-Berathung
  wieder  auszuflicken,  war  dem  Abgordneten  Dr.  Frhrn.  Schenk
von  Stauffenberg  vorbehalten  worden.  Allerdings  gingen  dem
Reichstage  außer  den  Stauffenberg'schen  Anträgen  noch  von  anderer
Seite  solche  zu,  doch  drehte  sich  die  Frage  hauptsächlich  doch  nur  um
die  ersteren.  Der  deutsch-freisinnige  Herr  von  Stauffenberg  war  so
vorsichtig  gewesen,  von  vornherein  gleich  zwei  Anträge  einzubringen.

Der  erste  Antrag  lautete:

„§  1  (der  in  den  Beschlüssen  der  Kommission  fehlte)  wie  folgt
zu  fassen:

Zur  Ausführung  der  Artikel  57,  59  und  60  der  Reichsverfassung
  wird  die  Friedens-Präsenzstärke  des  Heeres  an
Mannschaften  für  die  Zeit  vom  1.  April  1887  bis  31.  März
        <pb n="9" />
        —  7  —

1890  auf  441  200  Mann  festgestellt.  Für  die  Zeit  vom
1.  April  1887  bis  zum  31.  März  kann  eine  Erhöhung  der
Präsenzstärke  bis  auf  454  402  Mann  eintreten.  Die  Einjährig-Freiwilligen
  kommen  auf  die  Präsenzstärke  nicht  in  Anrechnung.

Die  ordentliche  Rekruteneinstellung  bei  der  Infanterie  erfolgt
  im  Januar,  sofern  nicht  bei  der  Etatsfestsetzung  ein
früherer  Einstellungstermin  vereinbart  wird.“

Für  den  Fall  der  Ablehnung  dieses  Antrages  han  der  vorsichtige
  Abgeordnete  Dr.  Freiherr  Schenk  von  Stauffenberg  gleich
folgenden  zweiten  Antrag  eingebracht:
„in  §  1  der  Regierungsvorlage
a)  statt  „31.  März  1894“  zu  setzen:
31.  März  1890;
b)  in  Zeile  4  vor  dem  Worte  „auf“  zu  setzen:  „bis“.

Aus  diesen  Anträgen  und  den  mitgetheilten  Kommissions-Beschlüssen
geht  klar  und  deutlich  die  elende  Markterei  und  Feilscherei  der  Reichstags-Majorität
  in  einer  der  ernstesten  Fragen,  welche  je  den  Deutschen
Reichstag  beschäftigt  haben,  hervor.  Die  Regierung  verlangt  eine
Friedens-Präsenzstärke  von  468  409  Mann.  Der  preußische  Kriegsminister
  und  der  greise  Feldmarschall  Graf  von  Moltke  weisen  die
Nothwendigkeit  dieser  Präsenzziffer  und  der  Bewilligung  derselben  für
sieben  Jahre  nach.  Trotzdem  kommt  die  Kommission  zu  dem  Beschlusse,  die
Friedens-Präsenzstärke  auf  441200,  und  zwar  auch  nur  für  die  Dauer
von  drei  Jahren  festzusetzen,  unter  dem  Hinzufügen,  daß  auf  ein
Jahr  die  Präsenzstärke  450000  Mann  betragen  könne.  In  zweiter
Lesung  lehnt  die  Kommission  aber  auch  diesen  ganzen  §.  1  ab  und
bringt  ein  Unding  von  Gesetzentwurf  vor  den  Reichstag.  Um  diesem
Unding  nun  wenigstens  einen  Kopf  zu  geben,  kommt  der  freisinnige
Herr  von  Stauffenberg  wieder  mit  der  Präsenzstärke  von  441200
Mann  auf  drei  Jahre  angerückt,  ist  aber  doch  so  großmüthig,  für  das
nächste  Jahr  der  Regierung  noch  4402  Mann  mehr,  als  die  Kommission
in  erster  Lesung,  nämlich  nicht  450  000,  sondern  454402  Mann  zugestehen
  zu  wollen.  Dabei  sichert  er  sich  aber  von  vornherein  für  den
Fall  der  Ablehnung  seines  Antrages  durch  die  Einbringung  eines
zweiten,  in  welchem  er  die  in  der  Regierungs-Vorlage  geforderte  Präsenzziffer
  von  468  409  Mann  voll,  jedoch  nicht  auf  sieben,  sondern
nur  auf  drei  Jahre  acceptirt!

Es  wird  Jedem  schwer  fallen,  diese  fortwährenden  Schwankungen
in  der  Höhe  der  Präsenzziffer  mit  dem  redlichen  Willen,  nur  das
Wohl  und  die  Sicherheit  des  Vaterlandes  ins  Auge  zu  fassen,  in  Einklang
  zu  bringen.  Das  Feilschen  um  27209,  dann  um  18409  und
endlich  um  14007  Mann,  sowie  das  schließliche  Bewilligen  der  vollen  von
den  Regierungen  geforderten  Präsenzstärke  läßt  keineswegs  einen  derartigen
  redlichen  Willen,  wohl  aber  ganz  andere  Tendenzen  durchblicken.

Um  die  Stauffenberg'’schen  Anträge  drehten  sich  in  der  Hauptsache
  noch  die  Verhandlungen  des  bereits  in  den  letzten  Zügen  liegenden
Deutschen  Reichstages,  als  am  Dienstag,  den  11.  Januar  1887,  die
        <pb n="10" />
        —  8  —

Militär-Vorlage  in  demselben  zur  zweiten  Berathung  stand.  Unge—
heuer  war  der  Andrang  des  Publikums  zu  dieser  Sitzung,  unbeschreiblich
  der  Jubel,  mit  dem  sowohl  Graf  von  Moltke,  als  auch  der  wenige
Tage  vorher  von  Friedrichsruh  nach  Berlin  zurückgekehrte  Fürst  von
Bismarck  auf  ihrem  Wege  zum  Reichstagsgebäude  und  vor  demselben
von  der  nach  Tausenden  zählenden  Volksmenge  begrüßt  wurden.  In
den  Räumen  des  Reichstagsgebäudes  zeigte  sich  ein  bewegtes  Leben.
Die  Tribünen  waren  überfüllt,  die  Plätze  des  Hauses  sowie  der  Tisch
des  Bundesrathes  zahlreich  besetzt.  Eine  große  Zahl  von  Anträgen
lagen  dem  Hause  vor;  u.  A.  auch  in  letzter  Stunde  noch  ein  Antrag  des
Grafen  von  Ballestrem  und  Genossen,  welcher  die  Friedens-Präsenzstärke
  für  drei  Jahre  auf  441200,  für  das  nächste  Jahr  aber  in  voller
Höhe  auf  468  409  Mann  bewilligen  wollte.

Nach  Eröffnung  der  Sitzung  durch  den  Präsidenten  von  Wedell-Piesdorf
  trat  das  Haus  in  die  Diskussion  über  den  nach  den  Beschlüssen
der  Kommission  gar  nicht  mehr  existirenden  S.  1  ein.  Der  Referent,
Abgeordneter  Frhr.  von  Huene  (Centrum),  sah  sich  in  Folge  dessen
nur  in  der  Lage,  den  Reichstag  auf  den  vorliegenden  gedruckten  Kommissionsbericht
  zu  verweisen,  während  es  dem  Korreferenten,  Abgeordneten
  Dr.  Buhl,  oblag,  über  die  zur  Vorlage  eingegangenen  Petitionen
zu  berichten.  Unter  Hinweis  auf  die  wirthschaftliche  Lage  waren  7
Petitionen  gegen  die  Vorlage  eingegangen.  Dagegen  wünschten  198
Petitionen  die  möglichst  rasche  und  unverkürzte  Bewilligung  der  Regierungs-Vorlage.
  Hierunter  waren  52  aus  Württemberg,  eine  große
Zahl  aus  dem  Königreich  und  der  Provinz  Sachsen.  Von  Städten
und  Kreisen  erwähnen  wir:  Pforzheim,  Leipzig,  Halle,  Magdeburg,
Kreis  Mettmann  u.  s.  w.  Diese  Petitionen  waren  von  Vertretern  der
verschiedensten  Parteirichtungen  ausgegangen.  Betreffs  der  Befreiung
der  Theologen  vom  Militärdienste  lagen  55  Petitionen  vor,  darunter
eine  Anzahl  von  protestantischen  Geistlichen,  welche  gegen  die  Befreiung
petitionirten,  desgleichen  eine  von  Studirenden  der  Theologie  der  Universität
  Bonn  und  9  anderer  Universitäten.

Darauf  erhielt  der  Abgeordnete  Graf  von  Moltke  das  Wort  und
äußerte  sich  wie  folgt:

Meine  Herren!  Niemand  von  uns  täuscht  sich  wohl  über  den  Ernst  der
Zeit,  in  welcher  wir  uns  befinden.  Alle  größeren  europäischen  Regierungen
treffen  eifrigst  Vorkehrungen,  um  einer  ungewissen  Zukunft  entgegenzugehen.
Alle  Welt  fragt  sich:  werden  wir  den  Krieg  bekommen?  Nun,  meine  Herren,
ich  glaube,  daß  kein  Staatslenker  freiwillig  die  ungeheure  Verantwortung
auf  sich  nehmen  wird,  die  Brandfackel  in  den  Zündstoff  zu  werfen,  welcher
mehr  oder  weniger  in  allen  Ländern  angehäuft  ist.  Starke  Regierungen
sind  eine  Bürgschaft  für  Frieden.  Aber  die  Volksleidenschaften,  der  Ehrgeiz
der  Parteiführer,  die  durch  Schrift  und  Wort  mißgeleitete  öffentliche  Meinung,
  das  Alles,  meine  Herren,  sind  Elemente,  welche  stärker  werden  können,
als  der  Wille  der  Regierenden;  haben  wir  doch  erlebt,  daß  selbst  Börseninteressen
  Kriege  entzündeten.  Wenn  nun  in  dieser  politischen  Spannung
        <pb n="11" />
        —  9  —

irgend  ein  Staat  in  der  Lage  ist,  für  die  Fortdauer  des  Friedens  zu  wirken,
so  ist  es  Deutschland,  welches  nicht  direkt  in  den  Fragen  betheiligt  ist,  welche
die  übrigen  Mächte  aufregen;  Deutschland,  welches  seit  dem  Bestehen  des
Reiches  gezeigt  hat,  daß  es  keinen  seiner  Nachbarn  angreifen  will,  wenn  es
nicht  von  ihm  selbst  dazu  gezwungen  wird.  Aber,  meine  Herren,  um  diese
schwierige,  vielleicht  undankbare  Vermittlerrolle  durchzuführen,  muß  Deutschland
  stark  und  kriegsgerüstet  sein.  (Bravo!  rechts.)  Werden  wir  dann  gegen
unseren  Willen  in  den  Krieg  verwickelt,  so  haben  wir  auch  die  Mittel,  ihn
zu  führen.  Würde  die  Forderung  der  Regierung  abgelehnt,  meine  Herren,
dann  glaube  ich,  haben  wir  den  Krieg  ganz  sicher.  (Hört!  hörtl  rechts.)
Es  ist  ja  nun  erfreulich  und  wird  seine  Wirkung  nach  außen  nicht  verfehlen,
daß  von  den  großen  Parteien  dieses  Hauses  keine  ist,  welche,  ungeachtet  mancher
verschiedenen  Ansichten  in  inneren  Angelegenheiten,  der  Regierung  die  Mittel
verweigern  wird,  welche  sie  nach  gewissenhafter  Erwägung  von  uns  für  die
Vertheidigung  nach  außen  fordert:  nur  über  die  Zeitdauer  der  Bewilligung
sind  die  Ansichten  sehr  abweichend  von  einander  Da  möchte  ich  nun  nochmals
  daran  erinnern,  daß  die  Armee  niemals  ein  Provisorium  sein  kann.
(Sehr  richtig!  rechts.)  Die  Armee  ist  die  vornehmste  aller  Institutionen  in
jedem  Lande;  denn  sie  allein  ermöglicht  das  Bestehen  aller  übrigen  Einrichtungen
  (sehr  richtig!  rechts),  alle  politische  und  bürgerliche  Freiheit,  alle
Schöpfungen  der  Kultur,  die  Finanzen;  der  Staat  steht  und  fällt  mit  dem
Heer.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Meine  Herren!  Bewilligungen  auf  kurze  Frist,
sei  es  auf  ein,  sei  es  auf  drei  Jahre,  helfen  uns  nicht.  Die  Grundlage  jeder
tüchtigen  militärischen  Organisation  beruht  auf  Dauer  und  Stabilität;  neue
Kadres  werden  erst  wirksam  im  Verlauf  einer  Reihe  von  Jahren.  Meine
Herren,  ich  glaube,  ich  darf  sagen,  daß  heute  die  Augen  Europas  auf  die
Versammlung  gerichtet  sind  (sehr  richtig!  rechts),  auf  die  Beschlüsse,  welche
Sie  in  einer  so  hochwichtigen  Angelegenheit  fassen  werden.  Ich  wende  mich
an  Ihren  patriotischen  Sinn,  wenn  ich  Sie  bitte,  die  Regierungsvorlage  unverkürzt
  und  unverändert  anzunehmen.  Zeigen  Sie  der  Welt,  daß  das  Volk
und  die  Regierung  einig  sind,  und  daß  Sie,  meine  Herren,  bereit  find,  jedes
Opfer,  auch  das  Opfer  einer  abweichenden  Ansicht  zu  bringen,  wenn  es  sich
um  die  Sicherung  des  Vaterlandes  handelt.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Es  dauerte  lange,  bis  das  Haus  nach  dieser  abermaligen,  ebenso
ernsten  wie  warmen  Mahnung  des  hochbetagten,  nur  selten  das  Wort  ergreifenden
  Feldmarschalls  dem  Abgeordneten  Frhrn.  Schenk  v.  Stauffenberg,
  welcher  nach  demselben  als  Redner  auftrat,  volles  Gehör  schenkte.
Auch  er  betonte,  wie  seine  fortschrittlichen  und  klerikalen  Kollegen,  daß
sie  zur  Wehrhaftigkeit  des  Vaterlandes  ohne  politische  Rücksichten  das
bewilligen  würden,  was  sie  für  nothwendig  hielten!  Hierin  lag
aber  und  liegt  noch  immer  die  Klippe,  an  der  alles  Gute,  was  die
Staatsleitung  beabsichtigt,  scheitern  muß,  denn  nicht,  was  die  Herren
von  Stauffenberg  und  Genossen  für  nothwendig  halten,
kann  die  Sicherheit  des  Vaterlandes  verbürgen,  sondern
        <pb n="12" />
        nur  das,  was  an  maßgebender  Stelle  in  den  leitenden  Kreisen
  als  unbedingt  nöthig  erachtet  wird!  Auf  dem  Gebiete  der
Landesvertheidigung  kann  nicht  das  Urtheil  oder  die  Ansicht  des  Laien
maßgebend  sein  und  mehr  als  anderswo  müssen  hier  die  Stimmen
gewogen  und  nicht  gezählt  werden!  Wenn  schon  Jedermann  aus
dem  deutschen  Volke  mit  uns  erkennen  wird,  daß  die  eine  Schale  der
Waage,  auf  welcher  sich  ein  Windthorst,  Richter,  Schenk  von
Stauffenberg,  Grillenberger,  Langwerth  von  Simmern  und
von  Jazdzewski  befinden,  pfeilartig  emporschnellen  muß,  wenn  die
andere  Schale  von  einem  Fürst  von  Bismarck,  Graf  von  Moltke
oder  Bronsart  von  Schellendorf  besetzt  ist,  so  bleibt  es  nur  in  der
That  zu  verwundern,  daß  die  Selbstüberschätzung  Jener  überhaupt  noch
immer  sich  zu  zeigen  vermag  und  nicht  schon  längst  einer  den  deutschen
Mann  nur  ehrenden  und  zierenden  richtigen  Selbsterkenntniß  den  Platz
geräumt  hat.

Nachdem  der  Abgeordnete  Frhr.  Schenk  von  Stauffenberg  noch  die
Versicherung  ausgesprochen  hatte,  daß  sein  ernstes  Streben  dahin  gehe,
die  vorliegende  Frage  aus  dem  Parteikampfe  herauszuheben,  und  sie
nur  nach  den  Rücksichten  auf  das  allgemeine  Wohl  zu  behandeln.  nahm,
nach  einer  kurzen  Geschäftsordnungsdebatte,  der  inzwischen  im  Hause
erschienene  Reichskanzler  Fürst  von  Bismarck  zu  folgender  Rede  das
Wort,  die  bekanntlich  nicht  allein  in  Deutschland,  sondern  weit  über
unsere  Grenzen  hinaus  einen  unbeschreiblichen  Eindruck  hinterlassen  hat.
Diese  Rede  lautete:

Die  verbündeten  Regierungen  haben  durch  ihre  Vorlage  der  Ueberzeugung
Ausdruck  gegeben,  daß  die  Wehrkraft  des  Deutschen  Reiches  so,  wie  sie
augenblicklich  beschaffen  ist,  dem  deutschen  Volke  nicht  diejenige  Bürgschaft
für  die  Vertheidigung  des  Reichsgebietes  gewährt,  auf  welche  die  Nation
ein  unverjährbares  Recht  hat.  Diese  Ueberzeugung  der  verbündeten  Regierungen
ist  begründet  durch  das  Urtheil,  durch  das  einstimmige  Urtheil  aller  militärischen
  Autoritäten  in  Deutschland,  Autoritäten,  deren  Kompetenz  in  ganz
Europa  sonst  anerkannt  wird  mit  der  alleinigen  Ausnahme  des  Deutschen
Reichstags  (Bewegung.  Oho!  links),  wo  dem  militärischen  Urtheile  dieser
Autoritäten,  die,  ich  wiederhole  es,  sich  der  Anerkennung  Europas  erfreuen,
dasjenige  der  Herren  Richter,  Windthorst,  Grillenberger  entgegengetreten  ist.
(Zuruf:  Ahl)  —  Meine  Herren,  ist  das  ein  Irrthum,  so  müßten  die  Druckberichte,
  die  ich  zu  Hause  gelesen  habe  über  Ihre  Verhandlungen,  doch
unrichtig  sein.  Ich  habe  sie  hier;  aber  ich  will  Ihre  Zeit  nicht  weiter  aufhalten
  durch  Bezugnahme  darauf.

Es  handelt  sich  hier  vorwiegend  um  die  militärische  Vorlage.  Ich  kann
nun  in  der  That  nicht  glauben,  daß  die  Herren,  die  ich  eben  nannte,  so  weit
gehen  sollten,  ihr  eigenes  Urtheil  in  militärischen  Fragen  über  das  des
Feldmarschalls  Grafen  von  Moltke,  den  wir  hier  sehen,  über  das  eines  kriegserfahrenen
  Kaisers,  über  das  sämmtlicher  deutscher  Generalstäbe  und  Kriegsministerien
  zu  stellen.  Es  ist  doch  kaum  möglich,  daß  ein  noch  so  einsichtiger
        <pb n="13" />
        —  11  —

und  an  seine  Einsicht  glaubender  Zivilist  der  Meinung  sein  könnte.  Ich  bin
also  genöthigt,  anzunehmen,  daß  die  Herren  in  ihrer  Opposition  gegen  die
Vorlage  noch  andere  Gründe  haben,  als  die  Zweifel  an  der  Autorität  des
militärischen  Urtheils  derjenigen  Stellen,  die  ich  namhaft  gemacht  habe.
(Murren.)  —  Aus  dem  leisen  Murren  im  Hintergrunde  ziehe  ich  den  Schluß,
daß  Sie  bei  dieser  meiner  Andeutung  etwas  ganz  Anderes  vermuthen,  als
ich  zu  sagen  beabsichtige.  Ob  das  ein  Zeichen  ist,  daß  irgend  Jemand  sich
getroffen  fühlt  von  der  anderweiten  Vermuthung,  lasse  ich  hier  unentschieden,
das  ist  mir  auch  gleichgültig.  Ich  fürchte  aber,  Sie  setzen  bei  den  Regierungen
andere  Motive  für  deren  Antrag  voraus,  als  wie  das  ausschließliche  Bedürfniß
unserer  defensiven  Wehrkraft.  Es  find  ja  in  der  Presse  Aeußerungen  gefallen,
als  ob  diese  ganze  Militärvorlage  keinen  Zweck  weiter  hätte,  als  unter
falschen  Vorwänden  Steuern,  Geld  zu  erheben.  Das  war  der  Fall  in
denselben  entlegenen  Theilen  der  Preßpolitik,  wo  die  abenteuerlichsten,  die
kindischsten  Gerüchte,  wenn  sie  über  Nacht  ausgeschrieen  werden,  sofort
Glauben  finden.  Es  ist  das  ein  so  absurder  Gedanke,  daß  wir  mit  einer
Forderung  von  20  bis  30  Millionen  eine  Grundlage  für  neue  exorbitante
Steuervorschläge  gewinnen  wollten,  daß  ich  mich  weiter  gar  nicht  damit
aufhalte.  Was  den  moralischen  Werth  einer  solchen  Insinuation  betrifft  und
ihre  Bedeutung,  so  will  ich  doch  nur  darauf  aufmerksam  machen,  daß  sie
ungefähr  in  gleicher  Linie  stehen  würde  mit  der  andern,  wenn  wir  sagen
würden,  der  Widerstand  gegen  unsere  Vorlage  sei  eingegeben  von  dem  Wunsche,
daß  Deutschland  im  nächsten  Kriege  nicht  glücklich  sein  möge.  (Murren.)
Das  steht  ungefähr  auf  derselben  moralischen  Höhe  wie  ihre  Verdächtigungen
(Murren)  —  nicht  Ihre,  sondern  die  Preßverdächtigungen  gegen  die  Intentionen
der  Regierung.  Jene  andere  Verdächtigung  hat  doch  noch  mehr  Haltbarkeit,
da  sich  nicht  leugnen  läßt,  daß  es  viele  Einwohner  Deutschlands  giebt,  die
das  Deutsche  Reich  und  seine  Fortexistenz  negiren.  Ich  komme  vielleicht  auf
diese  Frage  nachher  noch  weiter  zurück.

Ein  glaublicheres  Motiv,  daß  die  Regierungen  und  namentlich  die  Vertreter
  des  Kaisers  ihre  Pläne  nicht  eingestehen,  könnte  in  der  Richtung
gesucht  werden,  daß  eine  Verstärkung  des  deutschen  Heeres  etwa  gewollt
werde  aus  denselben  Gründen,  aus  denen  mancher  eroberungs=  oder  kriegslüstige
  Monarch  eine  starke  Armee  erstrebt  hat,  nämlich  in  der  Absicht,  demnächst
  einen  Krieg  zu  führen,  sei  es,  um  bestimmte  Zwecke  durchzusetzen,  sei  es,
um  irgend  etwas  zu  erobern,  sei  es,  des  Prestiges  und  des  Bedürfnisses  wegen,
sich  in  die  Angelegenheiten  anderer  Mächte  vorwiegend  einzumischen,  also  z.  B.
die  orientalische  Frage  von  hier  aus  zu  reguliren.  Ich  glaube  aber,  auch  dies
wird  als  vollständig  unbegründet  gefunden  werden  von  dem,  der  darüber  nachdenkt,
  wie  friedliebend  die  Politik  Sr.  Majestät  des  Kaisers  bisher  seit  16  Jahren
gewesen  ist.  Es  ist  ja  wahr,  der  Kaiser  hat  sich  genöthigt  gesehen,  zwei  große
Kriege  zu  führen;  aber  diese  beiden  Kriege  waren  ein  uns  überkommenes  zwingendes
  historisches  Ergebniß  früherer  Jahrhunderte.  Sie  werden  die  Thatsache
nicht  bestreiten,  daß  der  gordische  Knoten,  unter  dessen  Verschluß  die  nationalen
        <pb n="14" />
        —  12  —

Rechte  der  Deutschen  lagen,  das  Recht,  als  große  Nation  zu  leben  und  zu
athmen,  nur  durch  das  Schwert  gelöst  werden  konnte  (Zustimmung)  —  leider,
und  daß  auch  der  französische  Krieg  nur  eine  Vervollständigung  der  kriegerischen
  Kämpfe  bildete,  durch  welche  die  Herstellung  der  deutschen  Einheit,
das  nationale  Leben  der  Deutschen  geschaffen  und  sichergestellt  werden  mußte.
Also  man  kann  daraus  nicht  auf  kriegerische  Gelüste  schließen.  Wir  haben
keine  kriegerischen  Bedürfnisse,  wir  gehören  zu  den,  was  der  alte  Fürst
Metternich  nannte:  saturirten  Staaten,  wir  haben  keine  Bedürfnisse,  die  wir
durch  das  Schwert  erkämpfen  könnten,  und  außerdem,  wenn  das  der  Fall
wäre,  so  blicken  Sie  doch  auf  die  friedliebende  Thätigkeit  —  und  ich  sage
das  ebenso  gut  nach  dem  Auslande  wie  hier  zu  dem  Reichstag  —  der  kaiserlichen
  Politik  in  den  letzten  16  Jahren.

Nach  dem  Frankfurter  Frieden  war  unser  erstes  Bedürfniß,  den  Frieden
möglichst  lange  zu  erhalten  und  zu  benutzen,  um  das  Deutsche  Reich  zu
konsolidiren.  Diese  Aufgabe  war  keine  leichte.  Im  Reichstage  selbst  ist  uns
damals  vorgehalten  worden  —  als  ein  Vorwurf  über  die  Ergebnisse  unserer
Politik,  weil  wir  den  Muth  gehabt  hatten,  für  Deutschlands  Einigkeit  zu
kämpfen  —  daß  wir  eine  Situation  geschaffen  hätten,  in  der  der  nächste
Krieg  wahrscheinlich  sehr  nahe  bevorstehend  sein  würde.  Man  sprach  damals
von  4,  5,  vielleicht  3  Jahren,  die  es  dauern  würde  bis  zum  nächsten  Kriege.
Meine  Herren,  es  ist  gelungen,  wenn  auch  nicht  ohne  starke  Gegenströmungen
zu  überwinden,  den  Frieden  seit  16  Jahren  zu  erhalten.  Unsere  Aufgabe
haben  wir  zuerst  darin  erkannt,  die  Staaten,  mit  denen  wir  Krieg  geführt
hatten,  nach  Möglichkeit  zu  versöhnen.  Es  ist  uns  dies  vollständig  gelungen
mit  Oesterreich.  Die  Absicht  und  das  Bedürfniß,  dahin  zu  gelangen,  beherrschten
  bereits  die  Friedensverhandlungen  in  Nikolsburg  im  Jahre  1866,
und  es  hat  uns  seitdem  nie  das  Bestreben  verlassen,  die  Anlehnung  an
Oesterreich  wieder  zu  gewinnen,  die  wir  vor  1866  nur  scheinbar  und
buchstäblich  hatten,  die  wir  jetzt  in  der  Wirklichkeit  vollständig  besitzen.
(Bravol  rechts.)

Wir  stehen  mit  Oesterreich  in  einem  so  sicheren  und  vertrauensvollen
Verhältnisse,  wie  es  weder  im  deutschen  Bunde  trotz  aller  geschriebenen  Verträge,
  noch  früher  im  heiligen  römischen  Reiche  jemals  der  Fall  gewesen  ist
(Bravo!  rechts),  nachdem  wir  uns  über  alle  Fragen,  die  zwischen  uns  seit
Jahrhunderten  streitig  gewesen  sind,  in  gegenseitigem  Vertrauen  und  gegenseitigem
  Wohlwollen  auseinandergesetzt  haben.

Es  war  die  Aussöhnung  mit  Oesterreich  aber  nicht  allein  das  Ziel,
welches  unsere  Friedenspolitik  erstrebt  hat.  Wir  haben  uns  erinnert,  daß
die  Freundschaft  der  drei  großen  östlichen  Mächte  in  Europa,  wenn  sie  auch
manche  verdrießliche  Folgen  für  die  öffentliche  Meinung  und  andere  Staaten
gehabt  haben  mag,  doch  Europa  über  30  Jahre  lang  den  Frieden  bewahrt
hat,  den  Frieden  in  einer  Epoche,  in  der  die  Quellen  entstanden  find,  die
den  Wohlstand,  den  wirthschaftlichen  Aufschwung,  die  gesammte  wissenschaftliche,
technische  und  wirthschaftliche  Entwickelung  Europas  befruchtet  und  befördert
        <pb n="15" />
        —  13  —

haben.  Die  Quellen  davon  liegen  in  dem  Zeitraum,  in  welchem  die  übelberufene
  heilige  Allianz  uns  den  Frieden  erhalten  hat.  Es  wird  das  Jedermann
  unwiderleglich  einleuchten,  der  einen  Vergleich  zieht  zwischen  unserer
heutigen  wirthschaftlichen  Situation  von  1886  und  zwischen  dem  Maße  von
Wohlhabenheit  und  zivilisatorischer  Entwickelung,  das  in  ganz  Europa,
namentlich  aber  in  Deutschland,  im  Jahre  1816  herrschte.  Der  Unterschied  ist
ein  so  ungeheurer,  wie  er  kaum  je  in  früheren  Jahrhunderten  in  einer  gleichen
Epoche  stattgefunden  hat.  Der  Fortschritt  zum  Günstigen,  zur  Wohlhabenheit
der  Gesammtheit  ist  ein  gewaltiger  gewesen.

Nun,  ich  weiß  nicht,  ob  es  uns  gelingen  wird,  wiederum  eine  Friedensepoche
  von  derselben  Länge,  d.  h.  von  mehr  als  30  Jahren,  herzustellen.
Unsere  Bemühungen  dazu  sind  aufrichtig;  vor  Allem  aber  brauchen  wir  dazu
ein  starkes  Heer,  ein  Heer,  das  stark  genug  ist,  um  unsere  eigene  Unabhängigkeit
ohne  jeden  Bundesgenossen  sicher  zu  stellen.  (Sehr  richtigl)  In  Anbetracht
dieser  Wirkung  der  früheren  Freundschaft  der  drei  großen  östlichen  Höfe  haben
wir  nicht  blos  die  Aussöhnung  mit  unserem  früheren  Gegner,  sondern  auch
die  Neubegründung  der  Freundschaft  zwischen  den  jetzigen  Dreikaisermächten
als  unsere  Aufgabe  betrachtet.  Unsere  eigenen  Beziehungen  zu  Rußland
waren  dabei  nicht  schwierig.  Unsere  Freundschaft  mit  Rußland  hat  in  der
Zeit  unserer  Kriege  gar  keine  Unterbrechung  erlitten  und  ist  auch  heute  über
jeden  Zweifel  erhaben.  (Hört!  hört!)  Wir  erwarten  von  Rußland  durchaus
weder  einen  Angriff,  noch  eine  feindselige  Politik.  —  Wenn  ich  das  so  unbefangen
  ausspreche,  so  kann  ich  der  Vorlage  dadurch  möglicherweise  die
Stimmen  der  polnischen  Abgeordneten  entfremden,  die  sonst  ja  doch  ganz
gewiß  für  die  möglichste  Stärkung  der  deutschen  Macht  gegen  russische  Angriffe
  stimmen  würden,  da  sie  bei  einem  russischen  Siege  nichts  zu  erwarten
haben.  Aber  ich  muß  doch  der  Wahrheit  die  Ehre  geben  und  sagen:  Alle
die  Motive  für  die  Vorlage,  die  man  aus  unseren  Beziehungen  zu  Rußland
entnommen  hat,  sind  nach  meiner  politischen  Auffassung  hinfällig.  Wir  leben
mit  Rußland  in  derselben  freundschaftlichen  Beziehung  wie  unter  dem  hochseligen
  Kaiser,  und  diese  Beziehung  wird  unsererseits  auf  keinen  Fall  gestört
werden.  Was  hätten  wir  denn  für  ein  Interesse,  Händel  mit  Rußland  zu
suchen?  Ich  fordere  Jeden  heraus,  mir  eins  nachzuweisen.  Die  bloße  Rauflust
kann  uns  doch  unmöglich  dazu  bringen,  mit  einem  Nachbar,  der  uns  nicht
angreift,  Händel  zu  suchen.  Solchem  barbarischen  Instinkte  sind  die  deutschen
Regierungen  und  die  deutschen  politischen  Auffassungen  unzugänglich.  Also
unsererseits  wird  der  Friede  mit  Rußland  nicht  gestört  werden,  und  daß  man
uns  von  russischer  Seite  angreifen  werde,  glaube  ich  nicht.  Ich  glaube  auch
nicht,  daß  man  von  russischer  Seite  nach  Bündnissen  sucht,  um  in  Verbindung
  mit  anderen  uns  anzugreifen,  oder  daß  man  von  Schwierigkeiten,
die  wir  auf  anderer  Seite  haben  könnten,  den  Gebrauch  machen  würde,  uns
mit  Leichtigkeit  anzugreifen.  Der  Kaiser  Alexander  III.  von  Rußland  hat
jederzeit  den  Muth  seiner  Meinung  gehabt,  und  wenn  er  mit  Deutschland  in
unfreundliche  Beziehungen  zu  treten  beabsichtigte,  so  ist  er  der  Erste,  der  dies
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        —  14  —

sagen  und  zu  erkennen  geben  würde.  Das  Vertrauen  kann  Jeder  zu  ihm
haben,  der  die  Ehre  gehabt  hat,  ihm  irgendwie  näher  zu  treten.  Alle  Ar—
gumente  also,  die  für  unsere  Vorlage  daraus  entnommen  find,  daß  wir  einer
Koalition  von  Frankreich  und  Rußland  gegenüber  zu  treten  haben  würden,
die  assumire  ich  meinerseits  nicht,  und  unsere  Stärke  ist  darauf  ja  auch  nicht
zu  berechnen.  Wir  könnten  sie  ebenso  gut  auf  eine  Koalition  zu  Dreien,  wie
sie  im  siebenjährigen  Kriege  gegen  uns  stattgefunden  hat,  berechnen  wollen,
denn  die  Möglichkeit  ist  ja  nicht  ausgeschlossen,  daß  wir,  wie  Friedrich  der
Große  im  siebenjährigen  Kriege  die  Errungenschaften  der  beiden  ersten  schlesischen
  Kriege  zu  vertheidigen  hatte,  auch  unsere  Errungenschaften  in  einem.
noch  größeren  Kriege  als  in  den  vorhergehenden  zu  vertheidigen  haben
würden:  —  womit  ich  übrigens  nicht  auf  das  Septennat  anspielen  will.
(Heiterkeit.)  Ich  meine  nur  die  Analogie  zwischen  den  beiden  ersten  schlesischen
  Kriegen  und  dem  großen  Kampfe,  in  dem  König  Friedrich  II.  seine
Errungenschaften  gegen  große  Koalitionen  zu  vertheidigen  hatte,  ist  historisch
nicht  ganz  zu  verwerfen;  für  den  Augenblick  aber  liegt  sie  nicht  vor,  —  es
müßten  große  Veränderungen  in  den  Konstellationen  eintreten,  ehe  dergleichen
zu  befürchten  wäre.  Wir  werden  Händel  mit  Rußland  nicht  haben,  wenn
wir  nicht  bis  nach  Bulgarien  gehen,  um  sie  dort  aufzusuchen.  (Heiterkeit.)
Es  ist  merkwürdig,  daß  die  Presse  derselben  Partei,  die  jetzt  der  Verstärkung
unserer  Armee  widerspricht,  vor  wenigen  Monaten  alles  mögliche  gethan  hat,
um  uns  in  einen  Krieg  mit  Rußland  zu  verwickeln.  (Sehr  richtig!  rechts.)
Diese  Uebereinstimmung  ist  in  der  That  eine  auffällige.  Ich  habe  vorher
gesagt,  daß  ich  auf  die  Frage,  über  die  dort  gemurrt  worden  ist,  vielleicht
zurückkommen  würde;  ich  will  es  nur  mit  dieser  Andeutung.  Es  ist  das
auffällig.

Damals  bin  ich  ganz  erstaunt  gewesen,  zu  lesen,  mit  welchen  leidenschaftlichen
  Argumenten  seitens  der  oppositionellen  Presse  auf  einen  Bruch
mit  Rußland  hingearbeitet  wurde  —  ich  habe  ein  ganzes  Konvolut  von
Zeitungsausschnitten  aus  der  Zeit  aus  dem  „Berliner  Tageblatt",  aus  der
„Freifinnigen  Zeitung“,  aus  der  „Volks-Zeitung“,  aus  der  „Germania“  vor
Allem;  eines  überbietet  immer  das  andere  an  Beschimpfungen  der  Regierung,
weil  sie  nicht  für  Bulgarien  und  seinen  damaligen  Fürsten  Rußland  gegenüber
  den  Handschuh  aufnehmen  wollte.  Das  erste  aus  dem  „Berliner  Tageblatt“
  fängt  gleich  damit  an:

„Wenn  die  Grundlagen  des  europäischen  Friedens  derartig
erschüttert  sind,  daß  derselbe  nur  durch  ein  Mittel  erhalten  werden
kann,  welches  die  Moral  in  den  Völkern  untergräbt,  dann  ist  doch
eine  Frage  berechtigt,  ob  nicht  ein  gesunder  Krieg  einem  so  krankhaften
  Frieden  vorzuziehen  sei.“  (Heiterkeit  rechts.)

So  waren  die  Herren  damals  gestimmt.  Die  „Germania“  predigt
nicht  so  geradezu  den  Krieg,  aber  sie  ist  ihrer  Natur  nach  viel  schärfer  und
bitterer  in  den  Beschimpfungen  der  Regierung  über  ihre  Feigheit.

Nun,  meine  Herren,  als  ich  das  gelesen  habe,  ich  muß  sagen,  hat  es
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        —  15  —

mir  zunächst  den  Eindruck  von  Heiterkeit  gemacht;  ich  habe  diese  ganze
Preßhetzerei  lächerlich  gefunden,  die  Zumuthung,  daß  wir  nach  Bulgarien
laufen  sollten,  um  „hinten  weit  in  der  Türkei“,  wie  man  früher  zu  sagen
pflegte,  die  Händel  zu  suchen,  die  wir  hier  nicht  finden  können.  Ich  hätte
geradezu  verdient,  wegen  Landesverraths  vor  Gericht  gestellt  zu  werden,  wenn
ich  auch  nur  einen  Augenblick  auf  den  Gedanken  hätte  kommen  können,  mich
auf  diese  Dummheit  einzulassen  (große  Heiterkeit),  und  es  hat  mich  damals
auch  wenig  verdrossen;  wir  waren  ja  die  Herren,  zu  thun  und  zu  lassen,
was  wir  wollten.  Es  hat  mich  nur  tief  betrübt,  einen  solchen  Aufwand  von
Pathos  in  der  deutschen  Presse  zu  finden,  um  uns  womöglich  mit  Rußland
in  Krieg  zu  verwickeln.  Als  ich  diese  Deklamationen  zuerst  las,  —  sie  sind
zum  Theil  weinerlich,  zum  Theil  pathetisch,  —  so  fiel  mir  unwillkürlich  die
Szene  aus  „Hamlet“  ein,  wo  der  Schauspieler  deklamirt  und  Thränen  vergießt
  über  das  Schicksal  von  Hekuba,  —  wirkliche  Thränen,  und  Hamlet
sagt  —  ich  weiß  nicht,  wendet  er  den  Ausdruck  an,  der  durch  Herrn  Virchow
hier  das  parlamentarische  Bürgerrecht  gewonnen  hat,  den  Ausdruck  von
„Schuft"  —:  „Was  bin  ich  für  ein  Schuft?",  oder  benutzt  er  ein  anderes
Beiwort  —  kurz  und  gut,  er  sagt:  „Was  ist  ihm  Hekuba?"  —  Das  fiel
mir  damals  sofort  ein.  Was  sollen  diese  Deklamationen  heißen?  Was  ist
uns  denn  Bulgarien?  Es  ist  uns  vollständig  gleichgültig,  wer  in  Bulgarien
regiert,  und  was  aus  Bulgarien  überhaupt  wird,  —  das  wiederhole  ich  hier;
ich  wiederhole  Alles,  was  ich  früher  mit  dem  viel  gemißbrauchten  und  todtgerittenen
  Ausdruck  von  den  Knochen  des  pommerschen  Grenadiers  gesagt
habe:  die  ganze  orientalische  Frage  ist  für  uns  keine  Kriegsfrage.  Wir
werden  uns  wegen  dieser  Frage  von  Niemand  das  Leitseil  um  den  Hals
werfen  lassen,  um  uns  mit  Rußland  zu  brouilliren.  (Bravol  rechts.)  Die
Freundschaft  von  Rußland  ist  uns  viel  wichtiger  als  die  von  Bulgarien  und
die  Freundschaft  von  allen  Bulgarenfreunden,  die  wir  hier  bei  uns  im  Lande
haben.  (Heiterkeit  rechts.)

Ich  kann  also  wohl  sagen,  die  Hoffnung,  die  ich  an  das  Gelingen  des
Bestrebens  knüpfte,  die  drei  Kaisermächte  wieder  zu  einigen,  welche  ich  zuerst
faßte,  als  es  erreicht  war,  die  Monarchen  hier  in  Berlin  im  Jahre  1872  zusammenzubringen,
  die  hat  sich  in  soweit  verwirklicht,  daß  wir  weit  entfernt
sind  von  der  Wahrscheinlichkeit,  mit  Oesterreich  oder  mit  Rußland  in  Händel
zu  kommen;  es  liegen  gar  keine  direkten  Motive  vor,  die  unseren  Frieden
mit  diesen  Beiden  gefährden  könnten;  aber  der  Schutz,  den  der  Frieden  durch
diese  Verbindung  zu  Dreien,  ich  möchte  sagen,  durch  das  trianguläre  Karre,
welches  die  drei  Kaiserreiche  unter  sich  formiren,  wenn  der  Ausdruck  nicht  unsinnig
  wäre,  gewinnt,  ist  eben  stärker  zu  Dreien  als  zu  Zweien  —  und  die
Schwierigkeit  der  Aufgabe  liegt  nicht  darin,  unseren  Frieden  mit  Oesterreich
oder  Rußland  zu  erhalten,  sondern  den  Frieden  zwischen  Oesterreich  und  Rußland.
  Dort  liegt  die  Sache  anders.  Es  giebt  wirklich  rivalisirende  und  miteinander
  konkurrirende  Interessen,  die  diesen  Beiden,  unseren  Freunden,  die
Erhaltung  des  Friedens  unter  sich  schwieriger  machen,  als  es  für  uns  mit
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        —  16  —

jedem  von  ihnen  ist.  Es  ist  unsere  Aufgabe,  diese  Schwierigkeit  nach  Möglichkeit
  zu  ebnen,  in  beiden  Kabinetten  der  Anwalt  des  Friedens  zu  sein  gegenüber
  den  Erregungen  publizistischer  oder  parlamentarischer  Natur.  Ich
brauche  diese  Erregungen  nicht  näher  zu  bezeichnen,  —  die  Presse  beider
Länder  und  der  Parlamentarismus  des  einen  davon  bilden  die  Gegenströmungen
  und  Schwierigkeiten,  mit  denen  wir  bei  unsern  Bemühungen,  sie  zu  überwinden,
  und  den  Advokaten  des  Friedens  in  beiden  Kabinetten  zu  machen,
rechnen  müssen.  Wir  laufen  dabei  Gefahr,  daß  wir  in  Oesterreich  und  noch
mehr  in  Ungarn,  als  russisch  bezeichnet,  und  in  Rußland  für  österreichisch
gehalten  werden.  Das  müssen  wir  uns  gefallen  lassen;  wenn  es  uns  gelingt,
den  eigenen  Frieden  und  den  Europas  zu  erhalten,  so  wollen  wir  uns  das
auch  gern  gefallen  lassen.

Nicht  minder  aufrichtig  und  angestrengt  sind  unsere  Bemühungen  gewesen,
  nach  dem  französischen  Kriege  die  Versöhnung  mit  Frankreich  herbeizuführen;
  ob  sie  ganz  so  glücklich  gewesen  sind  wie  im  Osten,  das  weiß  ich
nicht.  Wenn  wir  mit  den  Verhältnissen  im  Osten  allein  zu  rechnen  hätten,
so  würden  dieselben  uns  nicht  zu  einer  Vorlage  dieser  Art  bestimmt  haben.
Bezüglich  Frankreichs  liegt  es  aber  anders;  ich  kann  ja  nur  nach  meinem
politischen  Urtheile  sprechen,  aber  ich  kann  für  mich  geltend  machen,  daß  ich
seit  —  ich  glaube  —  jetzt  36  Jahren  in  der  großen  europäischen  Politik
thätig  bin,  und  daß  ich  mich  auf  manche  Epochen  und  Vorgänge  berufen
kann,  in  denen  mein  politisches  Urtheil  das  richtige  gewesen  ist,  und  namentlich
  richtiger  als  das  der  parlamentarischen  Oppofition,  die  ich  mir  gegenüber
  fand.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Die  Frage,  wie  wir  mit  Frankreich  in  der  Zukunft  stehen  werden,  ist
für  mich  eine  minder  sichere.  Ich  habe  nicht  das  Bedürfniß,  alle  europäischen
Mächte  durchzugehen;  ich  spreche  von  Italien  und  England  gar  nicht,  weil
gar  kein  Grund  vorliegt,  daß  wir  für  beide  Regierungen  und  sie  für  uns
gegenseitig  nicht  das  größte  Wohlwollen  haben  sollten.  Unsere  Beziehungen
zu  den  beiden  sind  derart,  daß  ich  sie  hier  nicht  mit  in  Betracht  ziehe  bei
der  Vermehrung  unserer  Streitkräfte,  —  sie  sind  in  jeder  Hinsicht  freundschaftlich.
  Zwischen  uns  und  Frankreich  ist  das  Friedenswerk  deshalb  schwer,
weil  da  eben  ein  langwieriger  historischer  Prozeß  in  der  Mitte  zwischen
beiden  Ländern  liegt;  das  ist  die  Ziehung  der  Grenze,  die  ja  zweifelhaft  und
streitig  geworden  ist  von  dem  Zeitpunkte  an,  wo  Frankreich  seine  volle  innere
Einigkeit  und  königliche  Macht,  ein  abgeschlossenes  Königthum  erreicht  hat.

Das  Infragestellen  der  deutschen  Grenze  hat  angefangen,  wenn  wir  es
rein  im  historischen,  pragmatischen  Zusammenhang  auffassen  wollen,  mit  der
Wegnahme  der  drei  Bisthümer  Metz,  Toul  und  Verdun.  Das  ist  eine  vergessene
  Thatsache,  und  ich  erwähne  sie  nur  des  historischen  Zusammenhanges
wegen.  Wir  beabsichtigen  weder  Toul  noch  Verdun  wieder  zu  erobern,  und
Metz  besitzen  wir  ja.  Aber  seitdem  hat  doch  kaum  eine  Generation  in
Deutschland  gelebt,  die  nicht  genöthigt  gewesen  ist,  den  Degen  gegen  Frankreich
  zu  ziehen.  Und  ist  diese  Epoche  des  Grenzkampfes  mit  der  französischen
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        —  17  —

Nation  nun  heute  definitiv  abgeschlossen,  oder  ist  sie  es  nicht?  Das  können
Sie  so  wenig  wissen  wie  ich.  Ich  kann  nur  meine  Vermuthung  dahin  aussprechen,
  daß  fie  nicht  abgeschlossen  ist;  es  müßten  sich  der  ganze  französische
Charakter  und  die  ganzen  Grenzverhältnisse  ändern.

Wir  haben  unsererseits  alles  gethan,  um  die  Franzosen  zum  Vergessen
des  Geschehenen  zu  bewegen.  Frankreich  hat  unsere  Unterstützung  und  unsere
Förderung  in  jedem  seiner  Wünsche  gehabt,  nur  nicht  in  demjenigen,  der
sich  auf  eine  mehr  oder  weniger  lange  Strecke  von  Rheingrenze  richten
konnte;  weder  im  Elsaß  noch  weiter  unten  können  wir  das  zugeben.  Aber
wir  haben  uns  redlich  bemüht,  im  Uebrigen  Frankreich  gefällig  zu  sein  und
dasselbe  zufriedenzustellen,  wie  wir  können.  Wir  haben  unsererseits  ja  nicht
nur  keinen  Grund,  Frankreich  anzugreifen,  sondern  auch  ganz  sicher  nicht
die  Absicht.  Der  Gedanke,  einen  Krieg  zu  führen,  weil  er  vielleicht  späterhin
  unvermeidlich  ist  und  späterhin  unter  ungünstigeren  Verhältnissen  geführt
werden  könnte,  hat  mir  immer  fern  gelegen,  und  ich  habe  ihn  immer  bekämpft.
  (Bravol)

Ich  bin  dagegen  gewesen  im  Jahre  1867,  die  Luxemburger  Frage  aufzunehmen,
  um  den  Krieg  mit  Frankreich  zu  führen.  Luxemburg  war  gewiß
des  Krieges  mit  Frankreich  nicht  werth,  und  namentlich  nicht  unser  zweifelhaftes
  Garnisonrecht,  nachdem  der  Bund  erloschen  war.  Es  konnte  damals
nur  auf  die  Frage  ankommen,  ob  wir  den  Krieg  nicht  späterhin  doch  führen
müßten,  und  da  sagte  ich:  das  ist  vielleicht  möglich,  ich  kann  das  aber  so
genau  nicht  wissen,  ich  kann  der  göttlichen  Vorsehung  nicht  so  in  die  Karten
sehen,  daß  ich  das  vorher  wüßte.  (Bravol)

Mein  Rath  wird  nie  dahin  gehen,  einen  Krieg  zu  führen,  deshalb,
weil  er  später  vielleicht  doch  geführt  werden  muß.  Er  kann  vielleicht  nach
Gottes  Willen,  wenn  er  später  geführt  wird,  unter  für  uns  günstigeren
Verhältnissen  geführt  werden,  wie  das  mit  Frankreich  der  Fall  gewesen  ist.
Wir  haben  1870  mit  günstigerem  Erfolge  geschlagen,  als  wir  1867  gekonnt
hätten;  aber  es  wäre  doch  ebenso  gut  möglich  gewesen,  wenn  der  Kaiser
Napoleon  früher  gestorben  wäre,  daß  der  Krieg  uns  ganz  erspart  geblieben
  wäre.

Also  das  führe  ich  nur  an,  um  meine  Ueberzeugung  zu  begründen  und
auch  anderen  im  Auslande  glaublich  zu  machen,  daß  wir  Frankreich  niemals
angreifen  werden.  Wenn  die  Franzosen  so  lange  mit  uns  Frieden  halten
wollen,  bis  wir  sie  angreifen,  wenn  wir  dessen  sicher  wären,  dann  wäre  der
Friede  ja  für  immer  gesichert.  (Lebhafter  Beifall.)  Was  sollten  wir  denn
von  Frankreich  erstreben?  Sollten  wir  noch  mehr  französisches  Land  annektiren?
  Ich  bin  schon  —  ich  muß  das  aufrichtig  sagen  —  1871  nicht  mehr
geneigt  gewesen,  Metz  zu  nehmen,  ich  bin  damals  für  die  Sprachgrenze
gewesen.  Ich  habe  mich  aber  bei  den  militärischen  Autoritäten  erkundigt,  bevor  ich
mich endgültig  entschloß.  Es  war,  wenn  Sie mir diese  historische  Episode  verstatten
wollen,  Herr  Thiers,  der  mir  sagte:  eins  können  wir  nur  geben,  entweder  Belfort
oder  Metz wenn  Sie beide  haben  wollen,  dann  wollen  wir jetzt  nicht  Frieden  schließen.

2
        <pb n="20" />
        Ich  war  damals  sehr  in  Sorge  vor  der  Einmischung  der  Neutralen  und  hatte
mich  schon  seit  Monaten  gewundert,  daß  wir  nicht  einen  Brief  von  diesen
bekamen.  Ich  wünschte  dringend,  daß  Thiers  nicht  genöthigt  werden  sollte,  nach
Bordeaux  zurückzugehen,  um  vielleicht  den  Frieden  wieder  rückgängig  zu  machen.
Ich  habe  mich  darauf  mit  unseren  militärischen  Autoritäten  und  namentlich
mit  meinem  vor  mir  sitzenden  Freunde  besprochen:  Können  wir  darauf  eingehen,
  eines  von  beiden  zu  missen?  und  ich  habe  darauf  die  Antwort  erhalten:
Belfort,  ja  Metz  ist  100  OO0  Mann  werth;  die  Frage  ist  die,  ob  wir
100  000  Mann  schwächer  sein  wollen  gegen  die  Franzosen,  wenn  der  Krieg  wieder
ausbricht,  oder  nicht.  Darauf  habe  ich  gesagt:  Nehmen  wir  Metz!  (Heiterkeit.)
Sie  stehen  jetzt,  meine  Herren,  vor  derselben  Frage,  ob  Sie,  wenn  der  Krieg
mit  Frankreich  vielleicht  in  sieben  Jahren  wieder  ausbricht,  100  000  Mann
schwächer  sein  wollen  oder  nicht.  Mit  anderen  Worten:  Es  ist  ganz  von
derselben  schweren  Bedeutung  für  unsere  zukünftige  Sicherheit,  ob  Sie  Metz
aufgeben  wollen,  als  ob  Sie  uns  100  000  Mann  verweigern,  die  durch  die
jährliche  Ausbildung  von  16  000  Mann  Soldaten  geschaffen  werden  sollen,
bis  dahin,  wo  der  Krieg  möglicherweise  ausbricht.  Also,  wenn  Sie  vorziehen,
daß  wir  den  Franzosen  sagen:  Seid  doch  gut,  wir  geben  Euch  Metz,  wenn
Ihr  ferner  stille  sitzen  wollt,  —  so  ist  das  ungefähr  dasselbe,  als  wenn  Sie
uns  jetzt  die  Verstärkung  der  Armee,  die  wir  nach  unserem  militärischen
Urtheil  zu  gebrauchen  glauben,  versagen.  (Bewegung.)  Also  ich  wiederhole:
Wir  werden  Frankreich  nicht  angreifen,  unter  keinen  Umständen.  Es  giebt
viele  Franzosen,  die  darauf  warten,  weil  sie  lieber  einen  Vertheidigungskrieg
als  einen  Angriffskrieg  führen  wollen,  weil  es  Viele  giebt,  bei  denen  der
französische  Angriff  auf  Deutschland  nicht  populär  ist.  Sie  werden,  wer  von
Ihnen  die  französische  Geschichte  kennt,  mir  Recht  geben,  daß  die  Entschließungen
Frankreichs  in  schweren  Momenten  immer  durch  energische  Minoritäten  und  nicht
durch  die  Majoritäten  und  das  ganze  Volk  bewirkt  worden  sind.  Diejenigen,
die  den  Krieg  mit  uns  wollen,  die  suchen  einstweilen  nur  die  Möglichkeit,
ihn  mit  möglichster  Kraft  zu  beginnen.  Ihre  Aufgabe  ist,  le  feu  sacré  de
la  revanche  zu  unterhalten.  Die  Aufgabe,  die  Gambetta  dahin  definirte:
Ne  parlez  jamais  de  la  guerre,  mais  pensez-y  toujours!  und  das  ist  auch
heute  noch  die  Signatur  der  französischen  Situation.  Man  spricht  nicht
davon,  man  spricht  nur  von  der  Befürchtung,  von  Deutschland  angegriffen
zu  werden.  Diese  Befürchtung  ist  unwahr,  und  wer  sie  in  Frankreich  ausspricht,
  weiß,  daß  er  die  Unwahrheit  sagt.  Wir  werden  Frankreich  nicht
angreifen.  Nichtsdestoweniger  wird  damit  dem  friedliebenden  Franzosen
Jacques  Bonhomme,  der  lieber  seinen  Acker  baut,  als  in  den  Krieg  zieht,
vorgeredet,  daß  der  ruchlose  Deutsche  es  ist,  der  ihm  wo  möglich  —  ich  weiß
nicht  was  abnehmen  wollte.  Die  Franzosen  haben  ja  gar  nichts,  was  für
uns  irgendwie  begehrenswerth  wäre.  Das  fortwährende  Unterhalten  und
Schüren  dieses  feu  sacré  ist  mir  im  höchsten  Grade  bedenklich.  Ich  habe
das  feste  Vertrauen  zu  den  friedlichen  Gesinnungen  der  gegenwärtigen  französischen
  Regierung.  Die  Herren  Goblet  und  Flourens  sind  nicht  die  Leute,
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        —  19  —

die  den  Krieg  mit  uns  wünschen;  sie  haben  die  Absicht,  ehrlich  mit  uns
zu  leben.  Ebenso  war  es  mit  der  früheren  Regierung  Freycinet  oder  Ferry.
Alle  diese  Herren  waren  freundlich,  so  lange  sie  am  Ruder  waren,  und  wenn
Sie  nur  deren  Regiment  auf  längere  Zeit  verbürgen  könnten,  so  würde  ich
sagen:  Sparen  wir  unser  Geld,  aber  sparen  wir  es  nicht  für  den  Fall,  daß
wir  vielleicht  feindliche  Kontributionen  zu  zahlen  haben.  Wie  die  Sachen  liegen,
kann  mich  dieses  Vertrauen  auf  die  friedlichen  Gefinnungen  der  franzöfischen
Regierung,  auf  die  friedlichen  Gesinnungen  eines  großen  Theiles  der  französischen
  Bevölkerung  aber  nicht  bis  zu  dem  Grade  von  Sicherheit  einwiegen,
daß  ich  sagen  könnte:  Wir  haben  einen  französischen  Krieg  gar  nicht  mehr
zu  fürchten.  Nach  meiner  Ueberzeugung  haben  wir  ihn  zu  fürchten  durch
den  Angriff  Frankreichs,  ob  in  zehn  Tagen  oder  in  zehn  Jahren,  das  ist
eine  Frage,  die  ich  nicht  entscheiden  kann,  das  hängt  ganz  ab  von  der  Dauer
der  Regierung,  die  gerade  in  Frankreich  ist.  Als  die  letzte  Regierung,  die
Regierung  Freycinet,  zum  Rücktritt  genöthigt  wurde,  hat  24  Stunden  vorher
Jemand  eine  Ahnung  davon  gehabt?  Ich  wenigstens  nicht,  und  ich  glaube,
daß  ich  ziemlich  gut  unterrichtet  war.  Hat  nachher  acht  oder  vierzehn  Tage  lang
hier  irgend  Jemand  gewußt,  wer  in  Frankreich  ans  Ruder  kommen  würde?
In  welcher  Verlegenheit  die  Parteien  mit  ihrer  Parlamentsherrschaft  waren,
um  zu  bestimmen,  wer  nun  regieren  sollte,  das  haben  wir  Alle  gewußt,  aber
was  daraus  werden  würde,  das  hat  Keiner  vorhersagen  können.  Es  konnte
auch  noch  anders  kommen,  es  konnte  auch  ein  weniger  friedliches  Kabinet
als  das  des  Herrn  Goblet  aus  dieser  Krifis  hervorgehen.  Es  ist  an  jedem
Tage  möglich,  daß  eine  französische  Regierung  ans  Ruder  kommt,  deren  ganze
Politik  darauf  berechnet  ist,  von  dem  feu  sacre  zu  leben,  was  jetzt  so  sorgfältig
  unter  der  Asche  unterhalten  wird.  Darüber  können  mich  auch  keine
friedlichen  Verfsicherungen,  keine  Reden  und  keine  Redensarten  vollständig
beruhigen,  ebenso  wenig  wie  ich  weiß,  was  ich  damit  machen  soll,  wenn  uns
hier  im  Parlament  verfichert  wird:  wenn  die  Gefahr  eintritt,  dann  können
Sie  auf  den  letzten  Thaler  rechnen,  dann  stehen  wir  mit  Gut  und  Blut  ein.
Das  find  Worte,  damit  kann  ich  nichts  machen.  Worte  sind  keine  Soldaten,
und  Reden  sind  keine  Bataillone;  und  wenn  wir  den  Feind  im  Lande
haben  und  wir  lesen  ihm  diese  Reden  vor,  dann  lacht  er  uns  aus.  (Heiterkeit
  rechts.)

Ich  bin  also  der  Meinung,  daß  der  historische  Prozeß,  der  seit  drei
Jahrhunderten  zwischen  uns  und  Frankreich  schwebt,  nicht  beendigt  ist,  und
daß  wir  darauf  vorbereitet  sein  müssen,  ihn  von  franzößischer  Seite  aus  fortgesetzt
  zu  sehen.  Wir  find  gegenwärtig  im  Besitz  des  streitigen  Objekts,  wenn
ich  das  Elsaß  als  solches  bezeichnen  soll.  Wir  haben  gar  keinen  Grund,
darum  zu  kämpfen;  daß  Frankreich  nach  dessen  Wiedereroberung  nicht  strebt,
kann  Keiner  behaupten,  der  sich  irgendwie  um  die  französische  Presse
bekümmert.  Hat  es  schon  irgend  ein  franzöfisches  Ministerium  gegeben,
welches  hat  wagen  dürfen,  öffentlich  und  bedingungslos  zu  sagen:  wir  verzichten
  auf  die  Wiedergewinnung  von  Elsaß-Lothringen,  wir  werden  darum

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        —  20  —

nicht  Krieg  führen,  wir  acceptiren  die  Situation  des  Frankfurter  Friedens
gerade  so,  wie  wir  die  Situation  des  Pariser  Friedens  im  Jahre  1815
acceptirt  haben,  und  wir  beabsichtigen  keinen  Krieg  wegen  Elsaß  zu  führen?
Giebt  es  in  Frankreich  ein  Ministerium,  welches  den  Muth  hätte?  Nun,
warum  giebt  es  das  nicht?  An  Muth  fehlt  es  den  Franzosen  doch  sonst
nicht!  Es  giebt  das  deshalb  nicht,  weil  die  öffentliche  Meinung  in  Frankreich
  dagegen  ist,  weil  sie  gewissermaßen  einer  mit  Dampf  bis  zur  Explosion  gefüllten
  Maschine  gleicht,  wo  ein  Funke,  eine  ungeschickte  Bewegung  hinreichen  kann,
um  das  Ventil  in  die  Luft  zu  sprengen,  und  mit  anderen  Worten  einen  Krieg
herzustellen.  Es  wird  das  Fener  so  sorgfältig  geschürt  und  gepflegt,  daß
man  die  Absicht,  es  zunächst  nicht  und  auch  nach  menschlichem  Gedenken  nicht
zu  benutzen,  um  es  ins  Nachbarland  hineinzuwerfen  in  keiner  Weise  vorauszusetzen
  berechtigt  ist.

Nun  ist  ja  die  Frage:  ist  die  Möglichkeit,  daß  wir  von  Frankreich  angegriffen
  werden,  an  sich  ein  ausreichender  Grund,  um  diese  Vorlage  zu  bewilligen?
  Ich  habe  bei  meiner  Motivirung  keine  Koalitionen,  keine  Kombinationen
  und  Konjekturen  im  Auge,  sondern  die  einfache  Möglichkeit,  daß
wir  und  Frankreich  uns  ohne  Bundesgenossen  im  freien  Felde  einander
gegenüberstehen.  Schon  wenn  der  Krieg  ausbräche,  würde  die  Kalamität
eine  große.  Bedenken  Sie,  was  allein  der  ausbrechende  Krieg,  ganz  unabhängig
  von  dem  Ausgange  desselben,  —  zu  sagen  hat!  Unser  ganzer  Handel
zu  Lande  und  zur  See,  unsere  ganzen  industriellen  Unternehmungen  würden
sämmtlich  lahm  gelegt  sein  —  ich  brauche  das  wohl  nicht  zu  schildern,  Sie
haben  es  selbst  erlebt.  Diese  Kalamität,  daß  der  Krieg  ausbrechen  könnte,
wird  vielleicht  gefördert,  wenn  der  Krieg  leicht  erscheint,  wird  verhindert,
wenn  der  Krieg  schwer  erscheint.  Je  stärker  wir  sind,  desto  unwahrscheinlicher
ist  der  Krieg.  Die  Wahrscheinlichkeit  eines  französischen  Angriffs  auf  uns,  die
heute  nicht  vorliegt,  tritt  ein,  wenn  unter  dem  Eintritt  einer  anderen  Regierung,
  wie  die  heutige,  Frankreich  irgend  einen  Grund  hat,  zu  glauben,
daß  es  uns  überlegen  sei.  Dann,  glaube  ich,  ist  der  Krieg  ganz  sicher.
Diese  Ueberzeugung  kann  beruhen  auf  Bündnissen,  die  Frankreich  hätte.  Ich
habe  vorhin  entwickelt,  daß  ich  nicht  glaube,  daß  solche  Bündnisse  stattfinden
werden;  es  ist  eine  Aufgabe  der  Diplomatie,  danach  zu  streben,  daß  dies
verhindert  werde,  oder  Gegenbündnisse  zu  haben,  wenn  dies  eintritt.  Ich
will  blos  das  Duell  zwischen  uns  und  Frankreich  ins  Auge  fassen.

Das  kann  also  eintreten,  sobald  Frankreich  stärker  ist,  als  wir:  einmal
durch  Bündnisse  oder  auch  durch  die  Ueberlegenheit  seiner  Bewaffnung.  Diese
rein  technische  Frage  überlasse  ich  meinem  militärischen  Kollegen;  ungeachtet
der  Uniform,  die  ich  trage,  fällt  es  mir  nicht  ein,  habe  ich  nicht  die  Unbescheidenheit,
  meine  Autorität  in  dergleichen  Sachen  über  die  der  Herren  zu
stellen.  (Heiterkeit.)

Aber,  wenn  die  Franzosen  glauben,  daß  entweder  ihre  Armee  zahlreicher
  ist,  daß  die  Masse  ihrer  ausgebildeten  Soldaten  zahlreicher  ist,
als  die  der  unserigen,  daß  ihre  Artillerie  zahlreicher  ist,  oder  vielleicht,
        <pb n="23" />
        —  21  —

daß  ihr  Gewehr  besser  ist,  —  wie  es  1870  besser  war  —  oder  daß  ihr
Pulver  besser  ist,  weil  sie  das  richtige  Pulver  zu  einem  kleinkalibrigen,
schnellschießenden  Gewehr  früher  haben  als  wir,  —  das  find  alles  Sachen,
die  unter  Umständen  die  Entschließung  der  französischen  Regierung  für  den
Krieg  bestimmen  können;  denn  sobald  sie  glauben,  zu  fiegen,  fangen  fie  den
Krieg  an.  Das  ist  meine  feste,  unumstößliche  Ueberzeugung,  und  Sie  mögen
mehr  Erfahrungen  in  der  Politik  und  im  Urtheil  haben,  als  ich  —  ich  kann
nur  nach  meiner  Ueberzeugung  handeln.

Ich  sage  also:  wir  müssen  auf  den  Fall  eingerichtet  sein,  daß  wir  in
einem  solchen  Krieg  unterliegen  sollten;  ja,  ich  bin  nicht  furchtsam  genug,
das  vorauszusehen,  aber  die  Möglichkeit  kann  doch  Niemand  bestreiten.  Bis
jetzt  sind  es  nur  muthige  Zivilisten  (Heiterkeit),  die  meinen,  keiner  Verstärkung
zu  bedürfen;  diejenigen  Generäle  und  Heerführer,  diejenigen  Feldherren  unter
unseren  Souveränen,  die  persönlich  Fühlung  mit  der  franzöfischen  Klinge
gehabt  haben,  die  sind  durchaus  anderer  Meinung.  Wenn  so  furchtlose  Leute
der  Meinung  sind:  wir  brauchen,  um  den  nächsten  Krieg  mit  Frankreich
sicher  zu  bestehen,  um  der  französischen  Armee  ebenbürtig  zu  sein,  die  und
die  Verstärkung,  —  dann  finde  ich  es  einen  traurigen  Muth,  dem  gegenüber
zu  sagen:  Sie  irren  sich,  wir  brauchen  sie  nicht,  wir  sind  so  stark  genug.
Ich  sage:  einen  traurigen  Muth,  weil  dieses  mich  einigermaßen  an  den  miles
gloriosus  erinnert,  der  sagt:  wir  schlagen  die  Franzosen  auch  so  wie  so.
Meine  Herren,  da  irren  sie  sich,  die  parlamentarischen  Strategen!  Sie  unterschätzen
  die  Macht  von  Frankreich;  Frankreich  ist  ein  großes,  mächtiges  Land,
ebenso  mächtig  wie  wir;  Frankreich  hat  ein  kriegerisches  Volk  und  ein  tapferes
Volk  und  hat  jederzeit  geschickte  Heerführer  gehabt.  Es  ist  ein  Zufall,  wenn
sie  uns  unterlegen  sind.  Sie  unterschätzen  die  Franzosen  in  der  allerirrthümlichsten
  Weise,  und  es  wäre  eine  Ueberhebung,  zu  sagen,  daß  Frankreich  an
und  für  sich  als  geschlagen  zu  betrachten  wäre,  wenn  es  uns  gegenübersteht.

Wenn  aber  die  Sachen  so  zweifelhaft  sind  nach  dem  Urtheil  der  kompetenten
  Behörden,  wenn  die  Möglichkeit  überhaupt  nach  menschlicher  Berechnung
  vorhanden  ist,  daß  wir  geschlagen  werden  können,  —  ja,  meine
Herren,  dann  sind  die  Folgen  eines  unglücklichen  Krieges  doch  zu  traurig,
als  daß  irgend  Jemand,  wenn  sie  eintreten,  die  Verantwortung  für  ein  solches
Votum  tragen  könnte.  Es  ist  viel  von  ministerieller  Verantwortlichkeit  die
Rede,  aber  ich  habe  nie  gehört  —  vielleicht  wird  es  der  Zukunft  vorbehalten,
solche  Gesetze  einzuführen  —,  daß  auch  Abgeordnete,  welche  an  Beschlüssen
theilnehmen,  die  ihr  Land  ins  Unglück  führen,  einer  Verantwortlichkeit  dafür
vor  dem  Richter  unterliegen.  (Bravol  rechts.)

Wenn  sie  bewußterweise  unser  Land  für  den  Krieg  schwächen,  dann  halte
ich  ein  solches  Gesetz  für  ein  Bedürfniß;  ich  werde  beantragen,  daß  es  eingebracht
  wird.  Wenn  wir  unterliegen  —  ich  wage  diesen  Gedanken  ja  gar
nicht  auszudenken;  aber  die  Möglichkeit  werden  Sie  mir  doch  nicht  bestreiten,
daß  ebenso  gut  wie  wir  allein  Frankreich  geschlagen  haben  im  Jahre  1870,
Frankreich  fiegreich  sein  kann,  nachdem  es  seine  Armee  verdoppelt,  seine  Re-
        <pb n="24" />
        —  22  —

serven  verdreifacht  hat  und  mit  der  größten  Bereitwilligkeit  und  Hingebung
der  Regierung  jede  Kosten  bewilligt  hat,  ohne  auch  nur  je  eine  Sekunde
darüber  zu  diskutiren.  Ich  erinnere  Sie  daran,  daß  mit  gewissem  Mitleid
die  französischen  Blätter  auf  die  Vorgänge  im  Deutschen  Reichstag,  und  mit
was  für  Schwierigkeiten  die  deutsche  Regierung  zu  kämpfen  hätte,  wenn  sie
ihr  Vaterland  stärken  wollte,  hingedeutet  haben.  Frankreich  ist  also  unendlich
  viel  stärker,  als  es  gewesen  ist.  Wenn  wir  es  einmal  geschlagen  haben,
so  liegt  darin  gar  keine  Bürgschaft,  daß  wir  es  wieder  schlagen  werden;  wir
müssen  diese  Bürgschaften,  sobald  sie  nach  dem  Urtheil  unserer  kompetenten
Militärbehörden  unzulänglich  sind,  verstärken.  Wenn  sie  unzulänglich  blieben,
und  wenn  wir  geschlagen  würden,  wenn  der  fiegreiche  Feind  in  Berlin  stände,
wie  wir  in  Paris  gestanden  haben,  wenn  wir  genöthigt  wären,  seine  Bedingungen
  des  Friedens  anzunehmen  —,  ja,  meine  Herren,  was  würden
dann  diese  Bedingungen  sein?

Ich  spreche  gar  nicht  von  der  Geldfrage,  obschon  die  Franzosen  so
glimpflich  mit  uns  nicht  verfahren  würden,  wie  wir  mit  ihnen  verfahren  find;
ein  so  gemäßigter  Sieger  wie  der  christliche  Deutsche  ist  in  der  Welt  nicht
mehr  vorhanden.  Wir  würden  dieselben  Franzosen  uns  gegenüber  finden,
unter  deren  Herrschaft  wir  1807  bis  1813  gelitten  haben,  und  die  uns  ausgepreßt
  haben  bis  aufs  Blut,  —  wie  die  Franzosen  sagen:  saigner  à  blanc,
d.  h.  so  lange  zur  Ader  lassen,  bis  die  Blutleere  eintritt,  damit  der  niedergeworfene
  Feind  nicht  wieder  auf  die  Beine  kommt  und  in  den  nächsten  30
Jahren  nicht  wieder  an  die  Möglichkeit  denken  kann,  sich  dem  Sieger  gegenüberzustellen.
  Das  hätten  wir,  wenn  wir  eben  nur  die  Staatsraison  und
nicht  auch  die  christliche  Gesinnung  zu  Rathe  zögen,  wie  das  kriegführende
Frankreich  das  gewohnt  ist,  1870  ebenso  gut  thun  können,  wie  Napoleon  es  im
Jahre  1807  und  später  gethan  hat.  Wenn  Sie  die  Erzählungen  der  alten
Leute  aus  jener  Zeit  lesen,  wenn  Sie,  wie  ich  noch  in  meiner  Kinderzeit,  unmittelbar
  die  Erzählungen  der  Bauern,  Landleute  und  Gutsbesitzer  über  die
Leiden  der  Fremdherrschaft  im  Lande  angehört  hätten,  ich  glaube,  Sie
würden  auch  ängstlicher  sein  vor  der  entferntesten  Möglichkeit,  daß  ähnliche
Zustände  wieder  eintreten  könnten.

Aber  das  Geld  ist  ja  das  Wenigste;  man  würde  dafür  sorgen,  daß  das
Deutsche  Reich  so  stark  nicht  bleibt,  wie  es  ist  Man  würde,  von  der
Rheingrenze  ausgehend,  uns  vom  Rhein  so  viel  abnehmen,  wie  man
könnte;  ich  glaube  nicht,  daß  man  sich  mit  Elsaß-Lothringen  begnügen  würde,
man  würde  ein  alterum  tantum  dazu  verlangen,  den  Rhein  abwärts.  Auch  das
würde  nicht  genügen;  man  würde  vor  allen  Dingen  die  Herstellung  des  Königreichs
Hannover  verlangen.  (Bewegung.)  Allein  auf  diesem  Wege  und  auf  keinem
anderen  ist  das,  was  mir  einer  von  den  Herren  Welfen  sagte,  die  Herstellung  des
welfischen  Staates  auf  gesetzmäßigem  Wege  möglich,  denn  der  Friedensvertrag,
den  wir  mit  Frankreich  —  wenn  wir  überwunden  sind,  mit  dem  Sieger  —
abschließen,  kommt  ja  in  die  Gesetzsammlung  (Heiterkeit),  und  dann  ist  Hannover
auf  gesetzmäßigem  Wege  hergestellt.  Wir  würden  Schleswig  ganz  ohne  Zweifel
        <pb n="25" />
        —  23  —

an  Dänemark  verlieren.  Uns  in  Polen  lästige  und  erschwerende  Bedingungen
aufzuerlegen  ist  so  lange  recht  schwierig,  als  man  nicht  mit  Rußland  einverstanden
  ist,  und  dieses  Einverständniß,  glaube  ich,  liegt  sehr  fern  für
Frankreich.  Aber  man  könnte  doch  uns  immerhin  die  Bedingung  auferlegen,
daß  Frankreich  Gerant  derjenigen  Rechte  ist,  welche  der  König  von  Preußen
seinen  polnischen  Unterthanen  zu  gewähren  hat.  Man  könnte  in  dieser
Garantie  noch  weiter  gehen  nach  anderen  Richtungen.  Ich  will  das  nicht
weiter  verfolgen;  ich  will  Ihnen  blos  die  Möglichkeit  schildern,  der  wir  in
einem  unglücklichen  Kriege  ausgesetzt  find.  Halten  Sie  das  für  übertrieben?
Meine  Herren,  Sie  kennen  die  Zukunft  doch  nicht;  was  die  Entschließungen
eines  supponirten  französischen  Siegers  sein  würden,  das  können  Sie  doch
unmöglich  wissen.  Wir  würden,  wenn  wir  jetzt  von  neuem  von  Frankreich
angegriffen  würden,  und  uns  noch  überzeugen  müßten,  daß  wir  nie  und  unter
keinen  Umständen  Ruhe  haben,  ähnlich  verfahren,  wenn  wir  wieder  als  Sieger
in  Paris  sind.  Wir  würden  uns  bemühen,  Frankreich  auf  30  Jahre  außer
Stande  zu  setzen,  uns  anzugreifen  und  uns  in  den  Stand  zu  setzen,  daß  wir
gegen  Frankreich  mindestens  für  ein  Menschenalter  vollständig  gesichert  sind.
Der  Krieg  von  1870  würde  ein  Kinderspiel  sein  gegen  den  von  1890  —
ich  weiß  nicht,  wann  —  in  seinen  Wirkungen  für  Frankreich.  (Bravo!)
Also  das  wäre  auf  der  einen  Seite  wie  auf  der  anderen  Seite  das  gleiche
Bestreben;  jeder  würde  versuchen,  de  saigner  à  blanc.

Nun,  meine  Herren,  ich  kann  mir  darnach  nicht  denken,  wer  überhaupt
sich  stark  genug  fühlt,  die  Verantwortung  für  die  Möglichkeit  des  Eintritts
solcher  Zustände  zu  übernehmen.  Die  verbündeten  Regierungen  sind  es  ganz
sicher  nicht;  die  werden  die  Verantwortlichkeit  dafür  nicht  tragen.  Die  verbündeten
  Regierungen  haben  —  nach  dem  Eingang  zur  Bundesverfassung
ist  der  oberste  Zweck  des  Bundes  der  Schutz  des  Bundes  und  des  Bundesgebietes
  —  sie  haben  dem  Volk  gegenüber  die  Verantwortlichkeit  dafür,  daß
dieser  Schutz  jederzeit  vorhanden  sei;  der  kann  nicht  improvisirt  werden  je
nach  dem  Belieben  einer  parlamentarischen  Majorität,  durch  ein  Budgetvotum,
der  muß  dauernd  vorhanden  sein,  der  ist  eine  fundamentale  Institution
unserer  deutschen  Einrichtungen.  (Bravo!  rechts.)  Und  die  verbündeten
Regierungen  sind  fest  entschlossen,  die  Verantwortung  dafür  nicht  zu  tragen,
sondern  sich  mit  dem  vollen  Gewicht  ihrer  Autorität  und  ihrer  verfassungsmäßigen
  Rechte  dafür  einzusetzen,  daß  Deutschland  nicht  minder  geschützt
bleibe,  als  es  seinen  Kräften  nach  sein  kann.  Das,  was  einstweilen  nach
dem  militärischen  Urtheil  für  diesen  Zweck  als  Bedürfniß  bezeichnet  worden
ist,  find  40000  Mann  zur  Verstärkung  der  Grenzbesatzungen  gegen  den  ersten
Anlauf  und  eine  Steigerung  der  Zahl  ausgebildeter  Soldaten,  die  wir  im
Lande  haben,  um  jährlich  etwa  16000  Mann;  also  in  der  Dauer  eines
Septennats  um  beinahe  120000  Mann,  in  der  Dauer  der  zwölfjährigen
Dienstzeit  um  beinahe  200000  Mann.  100000  Mann  sind  eine  Armee,
und  wenn  der  Krieg  später  ausbricht,  so  find  wir  um  so  viel  stärker;  es  ist  ein
Gewicht,  was  einen  Krieg  und  die  entscheidende  Schlacht  seinerseits  zu  ent-
        <pb n="26" />
        —  24  —

scheiden  vermag,  ob  wir  100000  Mann  mehr  haben.  Wollen  Sie  die  Verantwortlichkeit
  dafür  tragen,  daß  dies  Gewicht  nicht  zur  Verfügung  sei?
Wir  wollen  es  nicht,  und  ich  bin  überzeugt,  es  wird  uns  möglich  sein,  es
zur  Verfügung  zu  erhalten,  mag  Ihr  Votum  ausfallen  heute,  wie  Sie  wollen.
(Bravol  rechts.)

Ob  diese  Einrichtung  nun  für  längere  oder  kürzere  Zeit  getroffen  werden
  soll,  das  ist  eine  Frage,  auf  deren  Gebiet  sich  die  Diskussion  in  der
jüngsten  Zeit  ja  vorwiegend  bewegt  hat.  Wir  haben  sie  auf  7  Jahre  verlangt
  aus  keinem  anderen  Grunde,  als  weil  die  Ziffer  von  7  Jahren  die
Grundlage  eines  früheren  Kompromisses  war,  weil  wir  der  Ueberzeugung
find,  daß  das  konstitutionelle  Leben  überhaupt  aus  einer  Reihe  von  Kompromissen
  besteht;  und  weil  wir  gern  an  ein  früheres  Kompromiß  anknüpfen,
so  haben  wir  es  unverändert  aufrecht  zu  erhalten  gesucht.  Jede  Ziffer  ist
mehr  oder  weniger  willkürlich.  Je  länger  die  Dauer  ist,  um  desto  größer
ist  die  Zahl  der  ausgebildeten  Soldaten,  die  in  Aussicht  genommen  wird,
und  um  so  weiter  von  uns  entfernt  liegt  die  innere  Gefahr,  daß  wir  in
Krisen  und  Streitigkeiten  über  diese  Frage  gelangen.  Es  kann  ja  Niemand
entgehen,  daß  jedesmal,  wenn  es  sich  darum  handelt,  auf  Grund  des  Artikels
  60  der  Verfassung  ein  neues  Gesetz  über  die  Präsenzzeit  zu  machen,
sich  aller  unserer  Schichten  und  Parteien  eine  gewisse  Aufregung  bemächtigt,
die  bedauerlich  und  unter  Umständen  auch  eine  gefährliche  ist.  Es  entsteht
jedesmal  aus  der  Diskussion  dieser  Frage  eine  gewisse  Krise  —  ich  will  nicht
sagen  ein  Konflikt,  aber  die  Besorgniß  vor  einem  Konflikt.  Es  entsteht  jedesmal
  die  Frage:  was  ist  denn  Rechtens,  wenn  eine  Vereinbarung  nicht  zu
Stande  kommt?  Nun,  ich  glaube,  der  Reichstag  wird  sich  nicht  darüber  beschweren
  können,  daß  der  Bundesrath  bisher  einen  zu  weitgehenden  Gebrauch
gemacht  habe  von  seinem  zweifellosen  verfassungsmäßigen  Rechte,  jedem  Gesetzentwurfe,
  der  ihm  vom  Reichstage  zugeht,  seine  Zustimmung  zu  versagen
—  auch  solchen  Gesetzentwürfen,  deren  Zustandekommen  in  der  Verfassung
vorausgesetzt  ist.  Der  Bundesrath  hat  von  diesem  zweifellosen  Rechte,  der
voll=  und  gleichberechtigte  Faktor  der  Gesetzgebung  zu  sein,  von  der  Thatsache,
  daß  kein  Budgetgesetz  ohne  seine  Zustimmung  zu  Stande  kommen  kann,
von  der  Thatsache,  daß  kein  Gesetz  über  eine  Präsenzzahl  ohne  seine  Zustimmung
  zu  Stande  kommen  kann,  nie  einen  unbequemen  Gebrauch  gemacht,
er  ist,  wie  der  Kaufmann  zu  sagen  pflegt,  koulant  in  dieser  Beziehung  gewesen.
  Wir  haben  Vorlagen  recht  unerfreulich  verkümmert  und  verändert
zurückkommen  gesehen,  wir  haben  es  ruhig  hingenommen,  aber  es  giebt  im
Interesse  des  Vaterlandes  Grenzen,  über  die  der  Bundesrath  dabei  nicht
hinausgehen  kann.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Eine  solche  Grenze  zu  ziehen,
ist  die  Sorge,  die  in  erster  Linie  den  verbündeten  Regierungen  obliegt,  wenn
die  auswärtige  Sicherheit  des  Deutschen  Reiches  in  Frage  steht.  (Bravo!
rechts.)  Sobald  die  ins  Spiel  kommt,  werden  wir  haarscharf  in  der  Benutzung
  unserer  verfassungsmäßigen  Rechte  gegenüber  Ihren  Beschlüssen  sein.
Und  ein  Beschluß,  der  das  Deutsche  Reich  wehrloser  macht,  als  es  nach  un-
        <pb n="27" />
        —  25  —

serer  Ueberzeugung  sein  könnte,  hat  nie  auf  die  Zustimmung  der  verbündeten
Regierungen  zu  rechnen.  (Bravo!  rechts.)  Daß  bei  den  Verhandlungen
einer  so  wichtigen  Frage,  bei  der  es  sich  gewissermaßen  um  Kopf  und  Kragen
für  Deutschland  handelt,  daß  dabei  der  Bundesrath  so  koulant  und  entgegenkommend
  sein  und  ein  Auge  zudrücken  wird,  und  die  Punkte  auf  das  i  nicht
setzen  wird,  das  erwarten  Sie  in  einer  solchen  Frage  nicht.  Warum  wollen
Sie  nun  solche  Krisen  vervielfältigen,  indem  Sie  sie  womöglich  alle  Jahre
herbeiführen  oder  doch  alle  drei  Jahre?  Wir  haben  eine  Abneigung  gegen
solche  Krisen  und  Konflikte.  Wir  wünschen  Kompromisse  und  halten  an  dem
Kompromiß  von  früher  fest,  und  deshalb  haben  wir  das  Septennat  vorgeschlagen.
  Wenn  dasselbe  abläuft,  so  kommt  immer  die  Frage:  was  ist  denn
Rechtens,  wenn  über  das  Präsenzgesetz  nach  Artikel  60  keine  Vereinbarung
der  beiden  Faktoren  der  Gesetzgebung  stattfindet;  oder  was  ist  denn  Rechtens,
wenn  über  das  Budget  keine  Vereinbarung  beider  Faktoren  herbeigeführt
wird?  Die  zweite  Frage  will  ich  gar  nicht  berühren,  sie  liegt  nicht  vor,
und  ich  halte  es  nach  meiner  diplomatischen  Gewohnheit  nicht  für  nöthig,
mich  mit  Fragen  zu  beschäftigen,  die  augenblicklich  nicht  brennend  sind.  Ich
will  blos  sagen:  was  ist  Rechtens,  wenn  wir  über  die  Präsenzziffer  uns
nicht  einigen?  Hört  deshalb  die  Armee  auf,  zu  existiren?  Das  werden  Sie
kelbst  nicht  behaupten  wollen.  Dann  treten  diejenigen  Bestimmungen  der
Verfassung  wieder  in  volle  Kraft,  die  durch  das  auf  Grund  der  Zusage  von
Artikel  60  gegebene  Gesetz  beschränkt  sind.  Das  Gesetz  auf  Grund  des  Artikels
  60  zieht  die  obere  Grenze  der  Zulässigkeit  der  Präsenzziffer.  Der
Kaiser  kann  nicht  darüber  hinausgehen.  Nach  diesem  Gesetze  dauert  sie  noch
bis  zum  nächsten  Jahre,  1888;  wenn  dieses  Gesetz  schwindet,  ein  neues  nicht
zu  Stande  kommt,  sind  wir  dann  weit  entfernt  davon,  daß  diese  Grenze
finkt  oder  die  Armee  verschwindet,  sondern  es  steigt  die  obere  Grenze  der  berechtigten
  Präsenzstärke  der  Armee  bis  zu  dem  Satze  des  Artikels  59  der
Verfassung:

Jeder  wehrpflichtige  Deutsche  hat  3  Jahre  lang  bei  der  Fahne  zu  dienen.
Das  ist  denn  unsere  Präsenzziffer  (Heiterkeit  rechts),  die  wir  erreichen  dürfen.
Das  ist  eine  finanzielle  Unmöglichkeit,  eine  militärische  Unbequemlichkeit,  und
deshalb  hat  die  Verfassung,  schon  bevor  das  Versprechen  im  Artikel  60  entstand,
  durch  den  vierten  Absatz  des  Artikels  63  das  Moderamen  gegeben,
daß  der  Kaiser  den  Präsenzstand  der  Kontingente  des  Reichsheeres  bestimmen
soll.  Also  der  Kaiser  ist  dann  der  Moderator,  der  allein  zu  sagen  hat,  wie
hoch  unter  dem  von  Artikel  59  gegebenen  Präsenzstand  der  letztere  sein  soll.
Wenn  wir  nach  kaiserlicher  Machtvollkommenheit  strebten,  dann  wäre  dieser
Zustand  für  uns  außerordentlich  erwünscht  und  wir  könnten  nur  sagen:
stellen  Sie  die  Sache  so  kurz  als  möglich,  es  ist  zu  bedauern,  daß  das  Frühjahr
  1888  nicht  schon  da  ist;  dann  würden  wir  wahrscheinlich  uns  nicht
einigen  können  über  den  Inhalt  des  Gesetzes,  welches  auf  Grund  von  Artikel  60
gemacht  werden  soll,  und  es  würde  dann  der  alte  verfassungsmäßige  Zustand
wieder  eintreten.
        <pb n="28" />
        Es  ist  auch  dann  nicht  die  Möglichkeit,  durch  das  Budgetrecht  im  Ausgabe-Etat
  dem  entgegen  zu  wirken,  denn  in  dem  vierten  und  letzten  Alinea  des
Artikels  62  ist  ausdrücklich  gesagt  worden:

Bei  der  Feststellung  des  Militärausgabe-Etats  wird  die  auf  Grund
dieser  Verfassung  gesetzlich  feststehende  Organisation  des  Reichsheeres  zu
Grunde  gelegt.

Sie  könnten  uns  also,  ohne  Ihrerseits  sich  vom  Boden  der  Verfassung
zu  entfernen,  gar  nicht  verweigern,  wenn  eine  Präsenzziffer  überhanpt  nicht
nach  Artikel  60  der  Verfassung  gesetzlich  festgelegt  ist,  das  Ausgabebudget
dem  entsprechend  einzurichten.

Wenn  also  keine  Verständigung,  die  für  die  verbündeten  Regierungen
annehmbar  ist,  im  Hinblick  auf  die  äußere  Sicherheit  des  Deutschen  Reichs
zu  Stande  kommt,  so  liegt  durchaus  kein  Zustand  vor,  in  dem  die  deutsche
Armee  von  der  Bildfläche  zu  verschwinden  hätte,  sondern  es  tritt  ganz  einfach
  die  größere  kaiserliche  Machtvollkommenheit,  die  die  Verfassung  stipulirt,
wieder  in  Kraft.  Um  dem  Reichstage  die  Mitwirkung  dabei  zu  bewahren,
ist  der  Artikel  60  geschaffen  und  ist  das  Gesetz  versprochen,  das  die  Präsenzstärke,
  die  der  Kaiser  nicht  überschreiten  darf,  mit  Zustimmung  des  Reichstages,
  das  heißt  durch  ein  Gesetz!  feststellen  soll.  Diese  Bindung  existirt
augenblicklich  bis  1888  und  existirt  nur  durch  dieses  Gesetz.  Lesen  Sie  in
allen  Ihren  gesinnungsbefreundeten  Rechtsbüchern  darüber  nach:  Rönne,
Laband,  lesen  Sie  andere,  Sie  werden  immer  finden,  daß  die  Mitwirkung
des  Reichstages,  der  Einfluß  des  Reichstages  auf  die  Höhe  des  Heeres  allein
beruht  auf  der  Fortdauer  der  Gesetze,  die  auf  Grund  von  Artikel  60  gemacht
werden,  und  die  dem  Kaiser  in  seiner  Machtvollkommenheit  eine  niedrigere
Grenze  ziehen,  als  Er  nach  der  Verfassung  haben  würde.

Meine  Herren,  da  ist  doch  eigentlich  gar  kein  Grund,  warum  Sie  so
lüstern  nach  Krisen  sind  und  alle  drei  Jahre,  ja  sogar  jedes  Jahr  denselben
Streit  haben  wollen,  ob  das  deutsche  Heer  bestehen  solle  oder  nicht;  denn
wenn  Sie  in  diesem  Streite  anderer  Meinung  blieben  als  die  verbündeten
Regierungen,  so  würde  Ihre  Meinung  nach  dem  Inhalte  der  Verfassung  von
keiner  durchschlagenden  Wirkung  sein.  Sie  kompromittiren  sich  ganz  ohne
Noth  darüber  in  einer  Richtung,  in  der  Ihren  Willen  durchzusetzen  Sie  nicht
die  Macht  haben,  weil  Sie  das  verfassungsmäßige  Recht  nicht  haben.

Sie  haben  die  Verfassung  nicht  gelesen,  wenn  Sie  glauben  können,  daß
es  Ihnen  möglich  ist,  in  jedem  Jahre  durch  das  Budget  die  Heeresstärke
festzustellen,  ohne  Rücksicht  auf  den  Kaiser  und  auf  sein  Recht,  welches  auf
Artikel  5  der  Verfassung  beruht,  und  demzufolge  Er  befugt  ist,  in  Sachen
der  Militärgesetze  jederzeit  an  denselben  Einrichtungen,  wie  sie  bisher  bestehen,
  festzuhalten.  Bei  Gesetzesvorschlägen  über  das  Militärwesen,  die
Kriegsmarine  und  die  im  Artikel  35  bezeichneten  Angelegenheiten  giebt  die
Stimme  des  Präsidiums  des  Bundesrathes  bei  Meinungsverschiedenheiten
desselben  den  Ausschlag,  wenn  sie  sich  für  Aufrechterhaltung  der  bestehenden
Einrichtungen  ausspricht.  Die  bestehende  Einrichtung  ist  doch  immer  die
        <pb n="29" />
        —  27  —

Präsenzziffer  des  vorigen  Jahres,  und  würde  in  Folge  des  ausschlaggebenden
Votums  des  Kaisers  immer  in  Geltung  bleiben,  selbst  wenn,  was  nicht
denkbar  ist,  die  Majorität  des  Bundes  dagegen  stimmte.  Die  verbündeten
Regierungen  werden  aber  vollkommen  einstimmig  sein,  und  ein  solches  Gesetz
wird  nie  und  in  keinem  Jahre  zu  Stande  kommen,  welches  uns  eine  un—
zulängliche  Armee  durch  das  Budget  oktroyiren  wollte.  Ich  weiß  nicht,
warum  Sie  ein  Bedürfniß  haben,  diese  Krisen,  die  sich  daran  knüpfen,  häufiger
hervorzurufen,  als  sie  nach  dem  Kompromiß  alle  7  Jahre  stattfinden.  Wir
haben  dieses  Bedürfniß  nicht;  wir  wünschen  keine  Krisen  und  keine  Konflikte;
wir  wünschen  an  dem  Kompromiß  festzuhalten,  der  da  ist.  Ueber  dieses
hinaus  werden  wir  uns  aber  nicht  treiben  lassen.  Wir  halten  unbedingt  an
dem  vollen  Septennat  fest  und  an  der  ganzen  Vorlage,  wie  wir  sie  gemacht
haben,  und  weichen  keinen  Nagel  breit  davon  ab.  (Bravol  rechts.)

Das  deutsche  Heer  ist  eine  Einrichtung,  die  von  den  wechselnden  Majoritäten
  des  Reichstages  nicht  abhängig  sein  kann.  Wer  bürgt  uns  denn
dafür,  daß  eine  Majorität,  die  sich  auf  so  heterogene  Weise  zusammensetzt
wie  die  jetzige,  eine  dauernde  sein  werde?  Daß  die  Fixirung  der  Präsenzstärke
  von  der  jedesmaligen  Konstellation  und  Stimmung  des  Reichstages
abhängen  sollte,  das  ist  eine  absolute  Unmöglichkeit.  Streben  Sie  doch  nicht
nach  solchen  Phantafiegebilden,  meine  Herren!  (Bravol  rechts.)  Ohne
unser  deutsches  Heer,  eine  der  fundamentalsten  Haupteinrichtungen  und
Grundlagen,  ohne  das  Bedürfniß  der  gemeinsamen  Vertheidigung  gegen
auswärtige  Angriffe  wäre  der  ganze  Bund,  auf  dem  das  Deutsche  Reich
beruht,  gar  nicht  zu  Stande  gekommen.  Vergegenwärtigen  Sie  sich  das
immer,  wenn  Sie  diese  Hauptbedingung  seiner  Existenz  ihm  unter  den
Füßen  wegziehen  und  es  gefährden;  denn  geschützt  sein  wollen  wir  Alle,
auch  Ihre  Wähler  —  rechnen  Sie  darauf!

Der  Versuch,  der  mit  diesen  Anträgen  gemacht  worden  ist,
den  Stand  des  Heeres  von  den  wechselnden  Majoritäten  und  den
Beschlüssen  des  Parlaments  abhängig  zu  machen,  also  mit  anderen
Worten,  aus  dem  kaiserlichen  Heer,  das  wir  bisher  in  Deutschland
haben,  ein  Parlamentsheer  zu  machen,  ein  Heer,  für  dessen  Bestand
  nicht  Seine  Majestät  der  Kaiser  und  die  verbündeten  Regierungen,
  sondern  die  Herren  Windthorst  und  Richter  zu  sorgen
haben  (Heiterkeit  links),  wird  nicht  gelingen.  Mit  anderen  Worten:
dieses  Streben,  wenn  Sie  es  haben,  liegt  ganz  außerhalb  aller  Möglichkeit,
  und  allein  die  Thatsache,  die  bei  diesen  Verhandlungen  zur  Kenntniß
gekommen,  daß  es  bei  uns  Leute  giebt,  die  darnach  streben,  die  das  für
möglich  halten,  verpflichtet  uns  allein  schon,  über  diese  Frage  an  das  Volk,
an  die  Wähler  zu  appelliren,  ob  das  wirklich  die  Meinung  der  Wähler  ist
(Bravo!l  rechts,  Aha!  links).  Ja,  meine  Herren,  aha!  haben  Sie  denn
daran  gezweifelt?  das  wäre  ja  vollkommen  wunderlich  (Heiterkeit).  Oder  daß
wir  an  die  Wähler  appelliren  werden,  um  zu  erfahren,  ob  es  wirklich  der
Wille  der  Wähler  ist,  daß  die  Vertheidigungsfähigkeit  Deutschlands  von  der
        <pb n="30" />
        —  28  —

jedesmaligen  Abstimmung  des  Parlamentes  in  jedem  Jahre  abhängt,  daß  die
Hälfte  der  Armee  entlassen  werden  kann,  daß  die  Armee  reduzirt  werden
kann  auf  den  einjährigen  Dienst,  auf  das,  was  die  Sozialdemokraten  noch
bewilligen  —  es  ist  ja  auch  eine  sozialdemokratische  Majorität  in  diesem
Hause  möglich  —.  Es  kann  unmöglich  der  Wille  der  deutschen  Nation  sein,
daß  sie  auf  diese  Weise  in  ihrer  Wehrhaftigkeit,  in  der  Sicherheit  im  eigenen
Heere  abhängig  sein  soll  von  den  jedes  Jahr  wechselnden  Majoritäten  des
Parlaments.  Es  liegt  das  ganz  außerhalb  der  Verfassung,  und  die  ver—
bündeten  Regierungen  wünschen  zu  einem  neuen  Kompromiß  zu  gelangen,
aber  zu  einem  siebenjährigen,  zu  keinem  kürzeren.  Wir  wollen  die  Krisen
und  die  Gefahr  der  Konflikte  nicht  häufen,  und  wir  wollen  den  Gedanken
nicht  aufkommen  lassen,  als  wären  Sie  überhaupt  berechtigt,  einseitig  ohne
die  Mitwirkung  des  Bundesraths  und  des  Kaisers  über  den  Bestand  des
deutschen  Heeres  zu  verfügen.  Gegen  diesen  Gedanken  allein  würden  wir
schon  an  die  Wähler  appelliren,  ob  dies  der  Wille  des  Volkes  ist;  und  die
verbündeten  Regierungen  sind  ihrerseits  entschlossen,  mit  dem  ganzen  Gewicht
ihres  Einflusses  im  Reiche  und  im  Volke  für  die  Aufrechterhaltung  der
Wehrhaftigkeit  Deutschlands  und  des  Heeres  einzutreten.  (Bravol)  Von
Sr.  Majestät  dem  Kaiser  werden  Sie  doch  unmöglich  erwarten,  daß  er  in
seinem  90.  Lebensjahre  nun  das  Werk  desavouirt  und  zu  seiner  Zersetzung
mitwirken  will,  dem  er  die  letzten  30  Jahre  seines  Lebens  gewidmet  hat,
der  Schöpfung  des  deutschen  Heeres  und  der  Schöpfung  des  Deutschen  Reiches.
Wenn  Sie  das  glauben,  wenn  Sie  irgend  durch  Ihr  Verhalten  uns  die
Ueberzeugung  geben,  daß  Sie  dahin  streben;  wenn  Sie  nicht  durch  eine
baldige  und  vollständige  Annahme  unserer  Vorlage  die  Sorge  der  verbündeten
Regierungen  um  die  Wehrhaftigkeit  Deutschlands  befriedigen,  dann  ziehen
wir  es  vor,  die  Unterhandlungen  mit  einem  anderen  Reichstage,  als  den  ich
hier  vor  mir  sehe,  mit  Aussicht  auf  mehr  Erfolg  fortzusetzen,  (Bravol)  und
dieser  Entschluß  liegt  in  seiner  Ausführung  sehr  viel  näher,  als  Sie  annehmen.
Wir  werden  uns  nicht  auf  lange  Verhandlungen  mehr  einlassen,  sondern  die
Gefahr,  in  die  wir  das  deutsche  Volk  durch  Verschleppung  und  Verzögerung
möglicherweise  setzen  können  —  ich  sage  nicht  nothwendigerweise  —  wird
uns  zwingen,  darüber  bald  eine  Gewißheit  zu  haben  oder  bald  mit  anderen
Leuten  zu  reden,  die  uns  Gewißheit  geben.  (Lebhaftes  Bravol)

Nach  dieser  glänzenden  Rede  sah  sich  der  Abgeordnete  Frhr.
von  Huene  veranlaßt,  die  Kommission  gegen  einige  Vorwürfe,  die
derselbe  in  den  Ausführungen  des  Reichskanzlers  gefunden,  in  Schutz
zu  nehmen.  Fürst  von  Bismarck  erhob  sich  sofort  zu  folgender
Entgegnung:

Der  Herr  Referent  ist  im  Irrthum,  wenn  er  annimmt,  ich  hätte  die
Absicht  gehabt,  die  Kommission  anzugreifen  und  speziell  den  Herrn  Referenten.
Ich  bin  dazu  um  so  weniger  im  Stande  gewesen,  als  es  mir  nicht  möglich
gewesen  ist,  den  Bericht  der  Kommission  überhaupt  bisher  kennen  zu  lernen.
        <pb n="31" />
        —  29  —

(Hört!  hört!  —  Bewegung.)  —  Ja,  meine  Herren,  Sie  unterschätzen  die
Geschäfte,  die  ich  habe.  Außerdem  muß  ich  sagen,  daß  mir  der  Kommissionsbericht
  und  damit  die  Möglichkeit,  ihn  kennen  zu  lernen,  nicht  früher  zugegangen
  ist,  als  heute  früh  im  Bette;  da  habe  ich  ein  Konvolut  von  64
gedruckten  Seiten  erhalten,  und  ich  habe  seitdem  nicht  die  Möglichkeit  gehabt,
dasselbe  durchzulesen;  ich  habe  eine  Menge  anderer  Nebengeschäfte,  das
werden  Sie  mir  zugeben,  (Heiterkeit)  außerhalb  meiner  Reichstagsthätigkeit.
Der  Gedanke,  die  Kommission  und  vor  allem  den  von  mir  verehrten  Herrn
Referenten  anzugreifen,  hat  mir  ganz  außerordentlich  fern  gelegen.

Was  der  Herr  Referent  sonst  angeführt  hat,  daß  ich  eine  Kritik  über
die  Gegner  gefällt  hätte,  das  beruht  ja  doch  auf  einzelnen  Meinungsverschiedenheiten.
  Was  ist  Wehrhaftigkeit?  und  wann  ist  Wehrhaftigkeit
vorhanden?  Ist  darüber  die  Kommission  oder  der  Generalstab  hier  die
entscheidende  Behörde?

Wenn  der  Herr  Referent  uns  sein  Referat  gemacht  hätte  mit  einem
Artikel  1  in  der  Tasche,  der  in  dem  Entwurf  weggefallen  ist,  dann  hätte
das  Ding  mehr  Hand  und  Fuß.  Aber  was  ist  denn  das  Referat?  Es  ist
ja  die  Schuld  von  Niemand;  es  ist  die  Schuld  der  Divergenz  der  Ansichten,
daß  der  Kopf,  das  eigentlich  Entscheidende  der  Vorlage  gar  nicht  hier  zu
unserer  Entschließung  kommt.  Darüber  kann  ich  aber  dem  Herrn  Referenten
und  auch  selbst  der  Kommission  gar  keine  Vorwürfe  machen;  denn  ich  kann
die  Kommission  von  der  Nothwendigkeit,  heterogen  zusammengesetzt  zu  sein,
die  in  der  Zusammensetzung  des  Reichstags  liegt,  nicht  befreien.  Also  das
ist  ein  Unglück,  aber  kein  Vergehen.  (Heiterkeit  rechts.)

Nachdem  hierauf  der  Abgeordnete  Hobrecht  die  unveränderte
Annahme  der  Regierungs-Vorlage  empfohlen,  nahm  der  Reichskanzler
  Fürst  von  Bismarck  nochmals  das  Wort  zu  folgenden
Ausführungen:

Ich  habe  in  der  Hauptsache  noch  mal  um  das  Wort  gebeten,
um  eine  Vergessenheit  wieder  gut  zu  machen,  die  ich  vorher  bei  der  Reichhaltigkeit
  des  Stoffes  begangen  habe.  Ich  habe  die  Fälle,  in  denen
wir,  meiner  Ansicht  nach,  unter  Umständen  einen  Angriff  von  Frankreich
  zu  erwarten  haben,  nicht  so  vollständig  klar  gestellt,  wie  ich  beabsichtigte;
ich  habe  nur  den  Fall  erwähnt,  daß  eine  französische  Regierung  ans  Ruder
kommen  könnte,  die  glaubte,  uns  an  Rüstungen  und  Kraft  so  weit  überlegen
zu  sein,  daß  sie  des  Sieges  sicher  wäre,  —  wenigstens  dieselbe  Sicherheit
hätte,  welche  die  französische  Armee  im  Jahre  1870  hatte,  als  sie  gegen  uns
in  den  Krieg  zog;  ich  habe  aber  einen  anderen  Fall,  bei  dem  eine  solche
Siegessicherheit  garnicht  so  absolut  nothwendig  ist,  und  den  ich  erwähnen
wollte,  übergangen,  einen  Fall,  der  doch  auch  ein  ziemlich  breites  Feld  in
den  Konjunkturen  einnimmt,  die  wir  machen  müssen,  wenn  wir  auf  Alles
gerüstet  sein  wollen.  Das  ist  der  Fall,  daß  ähnlich  wie  unter  dem  dritten
Napoleon  die  Unternehmungen  nach  Außen  hin  als  ein  Sicherheitsventil  für
        <pb n="32" />
        —  30  —

die  inneren  Angelegenheiten  dienen  sollten  (sehr  richtig!  rechts),  daß  man  im
Innern  gewissermaßen  nicht  mehr  weiß,  wo  aus  noch  ein,  daß  man  in  der
Verlegenheit  ist,  aus  der  man  sich  dadurch  zu  ziehen  sucht,  daß  man  auf
seinen  friedliebenden  Nachbar  einhaut.  Es  wäre  das  namentlich  ja  möglich,
wenn  in  Frankreich  eine  Regierung  von  militärischen  Neigungen  ans  Ruder
käme.  (Hört!  hört!  rechts.)  Ich  will  noch  gar  nicht  sagen:  eine  militärische
Diktatur,  aber  doch  eine  Regierung,  die  sich  sagte:  ich  weiß  nicht,  ob  wir
uns,  wenn  wir  lediglich  die  inneren  Fragen  ansehen,  hier  werden  halten
können;  wenn  es  uns  aber  gelingt,  einen  populären  Krieg  zu  entzünden,  so
haben  wir  immer  noch  die  Chance,  daß  wir  uns  halten,  wenn  wir  siegen;
werden  wir  geschlagen,  dann  ist  es  nicht  schlimmer,  als  wenn  wir  so  zur
Abtretung  genöthigt  werden,  und  wir  haben  dann  wenigstens  die  ganze  große
Tragfähigkeit  des  französischen  Patriotismus,  der  auch  für  eine  geschlagene
Regierung  unter  Umständen  Partei  nimmt,  und  der  sich  entzündet,  wenn
Frankreich  im  Krieg  ist.  In  Frankreich  ist  eine  Redensart:  dieser  Regierung
keinen  Groschen,  und  wenn  der  Feind  auf  dem  Kreuzberg  steht!  —  ja  absolut
  unmöglich.  (Sehr  richtig!  rechts.)  Da  stellt  sich  jeder  Franzose;  der
päpstliche  Zuave  und  der  Sozialdemokrat  dienen  alle  unter  einem  Regiment
sowie  das  Vaterland  in  Gefahr  ist.  Bei  uns  —  ich  kanns  nicht  finden!
(Unruhe  im  Zentrum  und  links.)  —  Doch?  glauben  Sie?  Ich  will  es
abwarten.

Also  diese  Möglichkeit  liegt  doch  auch  vor.  Wenn  Napoleon  III.  den
Feldzug  1870  gegen  uns,  einen  großen  und  schweren  Krieg,  der  ihm  den
Thron  kostete,  —  in  keiner  Weise  durch  das  Ausland  genöthigt,  unternahm,
weil  er  glaubte,  daß  das  seine  Regierung  im  Inlande  befestigen  würde,  —
warum  sollte  dann  nicht  z.  B.  der  General  Boulanger,  wenn  er  ans  Ruder
käme,  dasselbe  versuchen?  (Sehr  richtig!  rechts.)  Ich  würde  ihm  gar  nicht
einmal  ein  Verbrechen  daraus  machen,  ich  würde  ihn  gar  nicht  einmal  beschuldigen,
  daß  er  dabei  persönlichen  Instinkten  folge;  ich  würde  immer  annehmen,
  was  ich  von  jedem  französischen  Offizier  voraussetze  —  und  auch
von  jedem  deutschen  natürlich  —,  daß  er  glaubte,  auf  diese  Weise  seinem
Vaterlande  besser  zu  dienen,  als  wenn  er  es  unterließe.  Ich  würde  ihm
persönlich  einen  Vorwurf  nicht  machen.  Aber  das  kann  uns  nicht  abhalten,
uns  auch  für  den  Fall  einzurichten,  daß  Frankreich  uns  nicht  überlegen  zu
sein  glaubt,  aber  doch  die  Chance  ausnutzen  will,  ob  eine  Regierung  sich
nicht  durch  einen  Krieg  noch  halten  kann,  wenn  sie  durch  den  Frieden  nicht
haltbar  wäre.  Napoleon  hat  das  gemacht;  warum  sollten  es  seine  Nachfolger
nicht  machen;  wenn  wir  uns  eine  Militärdiktatur  in  Frankreich  als  möglich
denken  —  und  sie  ist  so  oft  dagewesen  —  warum  sollte  es  nicht  sein?

Nachdem  ich  einmal  das  Wort  genommen  habe,  möchte  ich  dem  Herrn
Vorredner  noch  auf  eine  Frage  erwidern,  die  er  sich  nicht  angeeignet  hat,
aber  die  er  doch  wiederum  gestellt  hat:  warum  eigentlich  das  Ende  des
Septennats  nicht  abgewartet  werde.  Nun,  es  ist  ja  das  eigentliche  Septennat
an  sich  doch  mit  der  Augmentation,  die  wir  haben  wollen,  nur  eine  Berech-
        <pb n="33" />
        —  31  —

nung  auf  eine  Zukunft,  die  wir  möglichst  fern  wünschen,  der  gegenüber  wir
aber  gewappnet  sein  müssen.  Aber  eins  glauben  wir  gleich  vom  1.  April
1887  in  Aussicht  nehmen  zu  sollen:  das  ist  die  Verstärkung  unserer  Grenzbewachungen,
  die  stärkere  Besetzung  der  Vogesen-,  Jura=  und  anderer  Pässe
und  namentlich  auch  der  Schwarzwaldpässe  gegen  den  möglichen  Einbruch
über  das,  was  wir  die  trouée  de  Belfort  nennen.  Diese  Verstärkung  schon
vom  1.  April  d.  J.  ab  in  Wirksamkeit  treten  lassen,  das  können  wir  budgetmäßig
  nicht,  wenn  wir  nicht  Ihre  Bewilligung  haben;  die  Mittel  dafür,  um
so  viel  mehr  Urlauber,  Dispositionsurlauber  heranzuziehen,  haben  wir  nicht.
Wenn  durch  eine  Auflösung,  die  dazwischen  träte,  die  Zeit  vergehen  sollte,  sowürde
  die  Regierung  vielleicht  sich  genöthigt  sehen,  von  den  Möglichkeiten,
die  ihr  das  Militärgesetz  bietet,  momentan,  weil  sie  fürchtet  die  Kriegsgefahr
zu  verstärken,  Gebrauch  zu  machen,  und  nachher  die  Indemnität  dafür  zu
fordern  haben.  Ich  habe  vorher  schon  gesagt,  der  Ausbruch  des  Krieges
kann  zehn  Jahre  dauern,  er  kann  aber  auch  in  zehn  Tagen  eintreten.  Wenn
er  nun  in  zehn  Wochen  eintritt,  dann  müßten  wir  schon  die  40  000  Mann
zur  Verfügung  haben,  und  selbst  wenn  wir  uns  mit  diesem  Reichstage  über  das,
was  wir  für  unentbehrlich  halten  für  die  Sicherheit  Deutschlands,  nicht  einigen
sollten,  würden  wir  doch  gewisse  Vorkehrungen  schon  treffen  müssen,  wenn  gegen
unsere  Ueberzeugung  das  gegenwärtige  friedlich  gefinnte  Ministerium  in  Frankreich
früher  abtreten  sollte,  als  wir  wünschen.  Wir  wünschen  ihm  eine  möglichst  lange
Dauer,  weil  wir  glauben,  daß,  so  lange  dies  Ministerium  dauert,  wir
Friedensstörungen  nicht  zu  befürchten  haben.  Sie  können  mir  darauf  vielleicht
  mit  einigem  Recht  erwidern:  Wenn  eine  so  wichtige  Frage  vorliegt,
wo  die  Sicherheit  des  Reichs  auf  dem  Spiele  steht,  dann  hätte  man  die  Bevölkerung
  schon  früher  darauf  vorbereiten  müssen,  vielleicht  schon  vor  zwei
Jahren  bei  den  Wahlen.  Wir  hatten  aber  immer  noch  die  Hoffnung,  daß
es  uns  gelingen  würde,  die  Stimmung  in  Frankreich  zu  besänftigen;  nachdem
wir  indeß  16  Jahre  lang  uns  vergeblich  bemüht  haben,  die  Revanche-Ideen
zu  beruhigen,  und  abgewartet  haben,  ob  nicht  endlich  eine  Regierung  sich
fände,  die  den  Muth  und  die  Kraft  habe,  den  status  quo,  wie  er  ist,  als
einen  dauernden  zu  acceptiren,  haben  wir  uns  schließlich  doch  sagen  müssen,  daß  es
love's  labor  lost  wäre,  daß  unsere  Liebesbemühungen  ganz  umsonst  gewesen
find.  Wir  haben  uns  schwer  dazu  entschlossen,  und  diese  ganze  Aeußerung,
die  ich  heute  ausspreche,  hätte  ich  lieber  zurückgehalten;  wenn  sie  nicht  nothwendig
  gewesen  wäre,  um  die  Zustimmung  des  Reichstages  zu  gewinnen,
so  wäre  es  mir  lieber  gewesen.  Ich  weiß  auch  nicht,  ob  ich  sie  gewinnen
werde.  Sie  hätten  also  vielleicht  verlangen  können,  wir  hätten  früher  auflösen
  sollen,  ad  hoc  für  diese  Frage,  damit  die  Wähler  in  der  Lage  seien,
zu  wissen  bei  den  Neuwahlen:  es  handelt  sich  darum,  ob  die  Sicherung  gegen
auswärtige  Angriffe  verstärkt  werden  soll,  oder  ob  sie  nur  die  gegenwärtige
unzulängliche  bleiben  soll.  Es  ist  ganz  richtig,  man  muß  für  eine  so  wichtige
Frage  eigentlich  vorher  auflösen  und  die  Neuwahlen  ad  hoc  veranlassen.
Wir  find  überhaupt  viel  zu  ängstlich  in  Bezug  auf  die  Auflösungen.  (Heiterkeit.)
        <pb n="34" />
        —  32  —

In  England  löst  man  jeden  Donnerstag  ein  Parlament  auf,  wenn  man
glaubt,  mit  dem  Nachfolger  sich  leichter  verständigen  zu  können,  als  mit  dem
gegenwärtigen.  Darauf  bin  ich  jedoch  nicht  gekommen.  Ich  rechne  auf  gemeinsame
  Arbeit,  nicht  auf  Parteieinflüsse.  Unterblieben  ist  die  Auflösung
hauptsächlich  deshalb,  weil  wir  garnicht  darauf  gefaßt  waren,  daß  diese
mäßigen  Forderungen  für  die  Verstärkung  der  Wehrkraft  überhaupt  auf
Widerstand  stoßen  würden.  Hätten  wir  das  vorher  mit  einiger  Sicherheit
wissen  können,  so  hätten  wir  allerdings  mehr  Zeit  gewonnen,  wenn  wir  uns
in  einer  Kaiserlichen  Proklamation  an  das  Volk  gewandt  hätten,  auf
die  Bedenken  der  militärischen  Autoritäten  darin  aufmerksam  gemacht  und
die  Wähler  klar  vor  die  Frage  gestellt  hätten:  wollt  ihr,  daß  Deutschland
  stärker  geschützt  werde,  als  es  bisher  geschehen  ist,  oder  wollt  ihr  es
nicht?  Das  ist  nicht  geschehen.  Es  wird  aber  unzweifelhaft  geschehen  müssen,
wenn  sie  uns  nicht  in  den  Stand  setzen,  diesen  Schutz  zu  verwirklichen.
(Bravol  rechts.)

Der  Abgeordnete  Dr.  Windthorst  konnte  es  sich  nicht  versagen,
auf  diese  Rede  des  Reichskanzlers  zu  antworten.  Er  meinte,  daß  er
und  seine  Freunde  jeden  Mann  und  jeden  Groschen  bewilligt  hätten,
daß  er  aber  nach  den  heute  gehörten  politischen  Ausführungen  keinen
Groschen  bewilligt  haben  würde!  Redner  hob  besonders  hervor,  daß
er  keinen  Hannoveraner  kenne  (),  der  im  Falle  eines  Sieges  der  Franzosen
  auf  die  Wiederherstellung  Hannovers  rechne;  er  hoffe  aber  fest,
daß  sich  das  Gerechtigkeitsgefühl  doch  noch  so  weit  entwickeln  werde,
daß  Fürsten  und  Völker  selbst  die  Wiederherstellung  Hannovers  erstreben
  würden.  Herr  Windthorst  betonte  schließlich,  daß  es  im  Augenblick
  der  Gefahr  keine  Parteien  in  Deutschland  geben  werde,  doch  möge
der  Reichskanzler  es  sich  auch  überlegen,  ob  dem  Reichstage  nicht  doch
noch  nach  drei  Jahren  eine  Prüfung  der  Angelegenheit  gestattet  werden
könnte.  Er  übernehme  die  Verantwortung  für  Weiteres  nicht;  das
deutsche  Volk  aber  solle  es  wissen,  daß  die  Opposition  jeden
Mann  und  jeden  Groschen  bewilligt  habel

Darauf  entgegnete  Fürst  von  Bismarck  Folgendes:

Die  Rede  des  Herrn  Vorredners  war  in  der  Hauptsache  eine  Widerlegung
  der  Behauptung,  mit  der  er  sie  einleitete,  nämlich  der  Behauptung,
daß  er  viel  zu  bescheiden  wäre,  um  sein  militärisches  Urtheil  gegenüber  dem
des  Feldmarschall  Moltke  ins  Gewicht  zu  legen.  Die  ganze  Rede  hat  doch
eigentlich  eine  Tragweite  nur,  wenn  angenommen  wird,  daß  in  militärischen
Dingen,  in  der  Beurtheilung  der  Frage,  ob  das,  was  Sie  bewilligen  wollen,
der  Forderung  äquivalent  ist,  in  der  Beurtheilung  der  Frage,  was  damit  zu
leisten  ist,  —  wenn  in  diesen  Fragen  der  Abgeordnete  Windthorst  dem
Grafen  Moltke,  wie  man  sagt,  „über"“  ist.  Wenn  das  der  Fall  ist,  ja  dann
hat  das  Alles  Hand  und  Fuß,  was  der  Herr  Abgeordnete  soeben  gesagt  hat.
Wenn  aber  das,  was  ich  hier  kurz  mit  „Graf  Moltke“  bezeichne,  das  heißt,
die  Gesammtheit  militärischer  Autoritäten,  die  für  die  Vorlage  eintreten,
        <pb n="35" />
        —  33  —

wenn  die  Recht  haben,  so  ist  eben  die  Sicherheit,  die  wir  suchen,  nur  in  der
vollen  Vorlage  zu  finden  und  nicht  in  dem,  was  die  Herren  uns  anbieten.
Den  Unterschied  zwischen  dem  Angebot  und  der  Forderung  nachzuweisen,  das
überlasse  ich  den  militärischen  Autoritäten,  darüber  bin  ich  nicht  so  kompetent.


Im  Uebrigen  giebt  mir  der  Abgeordnete  Windthorst  doch  Veranlassung
zu  manchen  Kritiken  und  Verwahrungen  gegen  das,  was  er  gesagt  hat.  Er
hat  gesagt,  wenn  gewisse  Verhältnisse  einträten,  das  heißt,  wenn  Hannibal
ante  portas  sich  befände,  dann  würde  er,  ich  weiß  nicht  was  thun;  ja  —
dann  würde  man  den  Beweis  liefern,  daß  es  in  Deutschland  keine  Parteien
gebe.  Es  wäre  mir  viel  lieber,  wenn  Sie  heute  schon  den  Beweis  liefern
wollten  (Heiterkeit),  daß  es  in  Deutschland  keine  Partei  giebt,  sondern  daß,
wenn  es  sich  um  die  Vertheidigung  des  Landes,  seine  Unabhängigkeit  gegen
das  Ausland,  seine  Sicherheit  handelt,  hier  Alles  so  einig  ist  wie  in  Frankreich
  und  Italien,  daß  dann  gar  nicht  viel  gemäkelt  und  genörgelt,  sondern
einfach  das,  was  die  militärischen  Autoritäten  des  Landes  für  unentbehrlich
halten,  bewilligt  wird.  Wenn  dieses  Maaß  von  Patriotismus  bei  uns  vorhanden
  wäre,  dann  würde  ich  gar  nicht  weiter  das  Wort  ergriffen  haben.

Dann  hat  der  Herr  Abgeordnete  gesagt,  wir  lösten  auf  wegen  der  Frage,
ob  das  Ganze,  was  er  zu  bewilligen  behauptet,  auf  ein  Jahr  oder  auf  drei
Jahre  bewilligt  werde  —  überhaupt  wegen  der  Zeitfrage.  Das  ist  doch
nicht  ganz  richtig.  Wenn  wir  auflösen,  das  heißt,  wenn  Sie  die  Vorlage  ablehnen,
  —  daß  wir  dann  auflösen,  darüber  habe  ich  doch  gehofft,  jedes  Mißverständniß
  zu  beseitigen  durch  meine  erste  Aeußerung  (Heiterkeit),  —  also
wenn  wir  auflösen,  so  ist  es  nicht  wegen  der  Prinzipienfrage,  ob  das  deutsche
Reich  durch  ein  kaiserliches  Heer  oder  durch  ein  Parlamentsheer  geschützt
werden  soll!  (Lebhaftes  Bravo  rechts.  Wiederholtes  oho!  links.)  Das
schreiben  wir  auf  unsere  Fahne  bei  der  Auflösung,  ob  die  wechselnde  Majorität,
  die  ich  nur  als  die  Majorität  Windthorst—Richter—Grillenberger  bezeichnen
  kann,  —  ich  möchte  das  Uebrige,  was  zur  Verfügung,  zur
vasallitischen  Verfügung  Windthorst  steht,  gar  nicht  weiter  aufzählen  —  ob  die
alle  Jahre  oder  alle  2  oder  3  Jahre  darüber  bestimmen  sollen,  ob  Deutschland
  seine  Armee,  wie  sie  in  der  Verfassung  grundrechtlich  niedergelegt
worden  ist,  behalten  soll,  oder  ob  sie  reduzirt  werden  kann.  Darüber
werden  wir  abstimmen,  darüber  werden  wir  wählen.  (Zuruf:  Marin!l)

Nun,  meine  Herrren,  die  Marine  ist  nie  angefochten  worden,  sie  hat
immer  ein  liberales  Wohlwollen  für  sich  gehabt.  Sie  hat  von  Anfang
an  z.  B.  den  Herrn  Abgeordneten  Rickert  für  sich  gehabt,  das  ist  doch
schon  etwas  werth.  (Heiterkeit  rechts.)

Der  Abgeordnete  Rickert  hat  früher  den  General  von  Stosch  als  Chef
der  Marine  in  einer  Weise  unterstützt  —  ja,  wenn  er  den  Kriegsminister  so
unterstützte,  so  würden  wir  auch  in  Bezug  auf  die  Landarmee  ein  anderes
Vertrauen  zum  Reichstag  haben  können.  Unser  Vertrauen  ist  überhaupt  zum
Reichstag  vor  Jahren  größer  gewesen,  es  hat  allmählich  abgenommen.  Es

3
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        —  34  —

hat  den  schwersten  Stoß  bekommen,  als  wir  in  diesem  Reichstag  eine  polnische
Majorität  gegen  deutsche  Interessen  erlebten.  (Oh!  oh!  links.)  Es  hat  den
schwersten  Stoß  bekommen  durch  einen  Eingriff  zu  Gunsten  der  polnischen
Nationalität  in  die  Unabhängigkeit  der  preußischen  Verwaltung.  Da,  meine
Herren,  habe  ich  die  Hoffnung  auf  Sie  aufgegeben;  wir  hätten  damals  auflösen
  sollen  wegen  Ihres  Polonismus,  dann  wäre  der  ganze  Bulgarismus
nachher  nicht  gekommen.  (Heiterkeit.)  Ich  bin  der  Sache  nur  deshalb  nicht
näher  getreten,  weil  wir  den  Polonismus  noch  eine  Zeit  lang  aushalten
können;  aber  Wehrlosigkeit  können  wir  nicht  zehn  Minuten  aushalten.  Werden
wir  da  an  die  Wand  gedrückt,  so  werden  wir  uns  wehren  mit  der  ganzen
Entschlossenheit,  die  uns  das  Gefühl  einer  gerechten  Sache  giebt.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  gemeint,  wir  verlangten  durch  die  Auflösung,
daß  Männer  gewählt  werden  sollten,  die  Alles  unterschrieben,  die  Alles
acceptirten,  was  der  Reichskanzler  will.  Das  ist  ja  eine  Uebertreibung,  die
ich  von  dem  Herrn  in  seinen  Jahren  doch  kaum  vermuthet  hätte.  (Heiterkeit
rechts.)  Uebertreibungen  lassen  sich  bei  jugendlichen  Leuten  rechtfertigen,  aber
so  alt,  wie  wir  Beide  find,  sollten  wir  uns  doch  mit  dergleichen  verschonen.
Es  kommt  uns  nur  darauf  an,  Leute  gewählt  zu  sehen,  die  mit  demselben
Patriotismus,  mit  derselben  Zurückstellung  der  Parteifragen  gegenüber  der
Frage  des  Patriotismus  für  unsere  Wehrhaftigkeit  stimmen,  wie  das  in  allen
anderen  Ländern,  mit  alleiniger  Ausnahme  von  Deutschland,  der  Fall  ist,
soweit  parlamentarische  Einrichtungen  bestehen.  (Oh!  oh!  links;  Bravok  rechts.)
Die  Nörgelei  des  Parlaments  gegenüber  Forderungen  der  Regierung,  die  der
Sicherheit  des  Landes  gelten,  ist  nur  eine  echt  deutsche  Eigenthümlichkeit;  ich
weiß  nicht,  ob  ich  ihr  verfallen  würde,  wenn  ich  Abgeordneter  wäre;  ich
glaube  nicht.  Sie  sind  damit  überhaupt  auf  einen  falschen  Strang  gerathen;
ich  rathe  Ihnen,  bremsen  Sie  so  früh  wie  möglich.  Die  politischen  Wege
find  nicht  so,  wie  wenn  man  sich  auf  freiem  Felde  zu  Fuß  begegnet.  Da  ist
das  Ausweichen  unter  Umständen  nicht  mehr  möglich,  und  namentlich  nicht
mehr  möglich,  wo  es  sich  um  unsere  Sicherheit  handelt.

Der  Herr  Abgeordnete  hätte  gewünscht,  daß  die  deutsche  Politik  ganz
und  voll  mit  Oesterreich  ginge;  er  hat  das  nachher  nach  der  Richtung  noch
erläutert,  daß  wir  uns  um  die  orientalische  Frage  mehr  interesssiren  sollten,
als  wir  bisher  gethan  haben.  Meine  Herren,  unsere  Beziehungen  zu  Oesterreich
  beruhen  auf  dem  Bewußtsein  eines  jeden  von  uns,  daß  die  volle  großmächtliche
  Existenz  des  anderen  eine  Nothwendigkeit  für  den  einen  ist,  ein
Interesse  des  europäischen  Gleichgewichts;  aber  sie  beruhen  nicht  auf  der
Grundlage,  wie  man  es  im  europäischen  Parlament  unter  Umständen  ausgelegt
  hat,  daß  eine  von  beiden  Nationen  sich  und  ihre  ganze  Macht  und
Politik  vollständig  in  den  Dienst  der  anderen  stellen  kann.  Das  ist  ganz
unmöglich.  Es  giebt  spezifisch  österreichische  Interessen,  für  die  wir  uns  nicht
einsetzen  können,  es  giebt  spezifisch  deutsche  Interessen,  für  die  Oesterreich  sich
nicht  einsetzen  kann.  Oesterreich  hat  das  Interesse,  daß  Deutschland  als
große,  volle  und  starke  Macht  erhalten  bleibt;  Deutschland  hat  dasselbe  Inter-
        <pb n="37" />
        —  35  —

esse  in  Bezug  auf  Oesterreich;  aber  wir  können  uns  nicht  unsere  Sonderinteressen
gegenseitig  aneignen.  Wir  haben  von  Oesterreich  niemals  verlangt  und  haben  auch
keinen  Anspruch  darauf,  daß  es  sich  in  unsere  Händel  mit  Frankreich  mische.
Wenn  wir  Schwierigkeiten  haben  mit  England  in  Kolonialfragen,  oder  wenn  wir
mit  Spanien  über  Lumpereien  wie  die  Karolinen  in  Händel  kommen  (Heiterkeit),
—  haben  wir  nie  an  Oesterreich  einen  Anspruch  gemacht  auf  Grund  unseres
freundschaftlichen  Verhältnisses.  Soweit  es  sich  um  unsere  beiderseitige
Existenz  als  volle,  freie  und  mächtige  Großstaaten  handelt,  soweit  vertreten
wir  gegenseitige  Interessen.  Aber  was  Oesterreich  in  Konstantinopel  für
Interessen  hat,  das  wird  Oesterreich  allein  zu  beurtheilen  haben;  wir  haben
dort  keine,  —  ich  wiederhole  das.  Wenn  der  Herr  Abgeordnete  Windthorst
einmal  mein  Nachfolger  sein  wird,  dann  wird  er  ja  entscheiden  können,  daß
wir  in  Konstantinopel  Interessen  haben,  die  uns  unter  Umständen  einen  so
schweren  Krieg  wie  den  mit  unserem  zweihundertmeiligen  Grenznachbar,
Rußland,  ertragen  lassen  können;  wir  hätten  nachher  doch  dafür  die  Genugthuung,
  daß  am  Bosporus  das  Regime  herrschte,  das  wir  gewollt  und
gewünscht  haben;  dafür  können  wir  schon  ein  paar  hunderttausend  Menschen
und  ein  paar  Milliarden  opfern!  Denn,  glauben  Sie  doch  nicht,  daß,  wenn
man  solche  Politik  einmal  falsch  instradirt,  man  auf  jeder  Station  umkehren
kann;  das  ist  nicht  möglich.  Wenn  wir  einmal  das  gegenseitige  Mißtrauen
erwecken,  dann  geht  es  auch,  wenn  keiner  von  Beiden  sich  blamiren  will,
unaufhaltsam  vorwärts.  Die  Politik  zweier  Großstaaten  nebeneinander
kann  man  vergleichen  mit  der  Lage  zweier  Reisender,  die  einander  nicht
kennen,  in  einem  wüsten  Walde,  von  denen  keiner  dem  Andern  vollständig
traut;  wenn  der  Eine  die  Hand  in  die  Tasche  steckt,  dann  spannt  der  Andere
schon  seinen  Revolver,  und  wenn  er  den  Hahn  des  Ersten  knacken  hört,
feuert  er  schon.  So  ist  es  bei  Mächten,  von  denen  jede  Einfluß  auf  die  Entscheidungen
  der  andern  hat;  da  muß  man  das  erste  Mißtrauen  und  die  erste
Verstimmung  der  andern  sehr  sorgfältig  vermeiden,  wenn  man  die  Freundschaft
  bewahren  will.  Das  Alles  wird  der  Herr  Vorredner  besser  wissen
als  ich,  wie  ich  überhaupt  bedauere,  daß  er  den  Platz,  den  ich  einnehme,
nicht  einnimmt;  aber  ich  kann  gegen  den  Willen  des  Kaisers  nicht  aufkommen.


Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  was  wir  denn  zu  befürchten
hätten,  wenn  Rußland  unser  Verbündeter  sei.  Ich  weiß  nicht,  woher  er
weiß,  daß  Rußland  unser  Verbündeter  ist.  Wenn  er  geheime  Nachrichten
aus  Petersburg  hat,  daß  Rußland  mit  uns  ein  Bündniß  gegen  Frankreich
abschließen  will,  so  würde  ich  ihm  dankbar  sein,  wenn  er  mir  das  mittheilen
wollte;  das  wäre  patriotischer,  als  hier  in  die  Oeffentlichkeit  solche  Nachrichten
  zu  lanziren,  die  ich  für  irrthümlich  halte.  Ich  habe  gestern  noch  die
Ehre  gehabt,  mit  dem  russischen  Botschafter  zu  Mittag  zu  essen;  mir  hat  er
nichts  davon  gesagt,  daß  er  ein  Bündniß  vorschlüge.  Ich  habe  mein  Vertrauen
  dazu  ausgesprochen,  daß  Rußland  uns  nicht  angreife  und  nicht  konspirire
  mit  anderen  Mächten,  daß  es  kein  Bündniß  gegen  uns  suche.  Wir

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        —  36  —

haben  aber  auf  kein  Bündniß  zu  rechnen,  wenn  wir  mit  Frankreich  kämpfen.
Das  ist  also  eine  irrthümliche  Nachricht,  zu  deren  zeitiger  Widerrufung  ich
durchaus  genöthigt  bin.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  das  Verhältniß  zu  Frankreich
sei  1881  schon  dasselbe  gewesen.  Nun,  meine  Herren,  das  will  ich  politisch
nicht  bestreiten  —  wir  haben  immer  friedliche  Ministerien  gehabt,  —  aber
militärisch  ist  die  Sache  doch  ganz  anders.  Die  französische  Armee  war
1881  nicht  so  schlagfertig  und  nicht  so  stark,  wie  heute;  sie  war  es  noch
weniger  1874.  Wir  find  auch  nicht  die  Leute,  die  gleich  auf  den  ersten
Eindruck,  daß  die  Franzosen  ein  paar  Bataillone  mehr  einziehen,  nun  an
den  Reichstag  gehen  und  sagen:  Der  bedroht  uns,  wir  verlangen  mehr,
sondern  wir  warten  unsere  Zeit  ab.  Wir  haben  in  den  letzten  sechszehn
Jahren  —  1875  entstand  ein  ganz  falscher  Kriegslärm,  das  Ergebniß  einer
künstlich  aufgebauschten  Intrigue  —  nie  die  Absicht  gehabt,  Frankreich  anzugreifen,
  in  den  ganzen  16  Jahren  auch  nicht  einen  Augenblick;  es  ist  eine
elende  Lüge  gewesen,  bei  der  fremde  Intriguanten  thätig  waren,  daß  wir
jemals  die  Absicht  gehabt  hätten.  Aber  die  französische  Armee  ist  doch  seit
der  Zeit  eine  ganz  andere  geworden.  Das  ist  wieder  eine  Frage,  in  der  es
darauf  ankommt,  zu  entscheiden,  ob  in  dem  Urtheil  über  die  Leistungsfähigkeit
  der  französischen  Armee  der  Graf  von  Moltke  oder  Herr  Windthorst  der
Kompetentere  sei,  und  eine  Widerlegung  des  Einleitungssatzes  des  Abgeordneten
  Windthorst,  daß  er  sich  mit  dem  Grafen  von  Moltke  nicht  in
Parallele  stellen  wolle.

Herr  Windthorst  hat  an  einer  anderen  Stelle  gesagt  und  wiederholt,  er
glaube,  daß  wir  Frankreich  nicht  nur  gewachsen,  sondern  auch  überlegen  seien.
Ich  wiederhole,  der  Herr  Abgeordnete  wird  doch  nicht  in  die  Rolle  eines
miles  gloriosus  verfallen  wollen,  und  mit  dem  sicheren  Siege  über  Frankreich
  hier  in  diesen  Räumen  prahlen.  Wenn  so  gewiegte  Strategen,  wie  in
den  Regierungskreisen  vorhanden  sind,  dem  widersprechen  und  sagen,  es  ist
nicht  unzweifelhaft,  dann  würde  ich  doch  an  Stelle  des  Abgeordneten,  falls
er  wirklich  glaubt,  daß  der  Graf  von  Moltke  diese  militärischen  Sachen
besser  versteht,  auf  dies  Thema  nicht  mehr  zurückkommen.

Also  daß  das  Verhältniß  zu  Frankreich  militärisch  nicht  mehr  dasselbe
ist,  das  überlasse  ich  unseren  militärischen  Autoritäten  zu  beweisen.  Den
Angriff  Frankreichs,  muß  ich  sagen,  ermuthigen  diese  Verhandlungen  schon.

zelche  materielle  Macht  hinter  den  Abgeordneten  Windthorst  und  Richter
steht,  inwieweit  das  unsere  Aktionen  lähmt,  darüber  hat  ein  Franzose,  namentlich
  in  der  Provinz,  ein  sehr  unvollständiges  Urtheil,  und  die  Möglichkeit,
  daß  der  Krieg  entsteht,  weil  man  uns  unterschätzt,  ist  durch  die  Verschleppung
  der  Verhandlungen,  die  in  anderen  Parlamenten  in  acht  Tagen,
in  drei  Tagen,  in  zwei  Stunden  erledigt  würden  (Ohl  links),  schon  erheblich
gesteigert.  Wenn  wir  jetzt  die  französischen  Angriffsneigungen  ermuthigt
haben,  dann  weise  ich  den  Herren,  die  uns  so  lange  aufgehalten  haben,  schon
einen  erheblichen  Antheil  an  der  Verantwortung  für  die  Kalamität  eines
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        —  37  —

ausbrechenden  Krieges  zu.  (Bravo!  rechts,  Unruhe  links  und  im  Centrum.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  —  er  hat  die  finanzielle  Frage  nur
leicht  gestreift  —  Bezug  genommen  auf  die  schwere  Lage,  in  der  wir  uns
doch  besonders  hüten  sollten.  Zu  deren  Beleuchtung  habe  ich  ein  kleines
Material  hier  mit;  das  ist  eine  Statistik  über  die  Situation  der  Sparkassen
in  Preußen  und  über  die  Steigerung  der  Einlagen  in  den  Sparkassen  seit
1878,  also  seit  die  jetzige  Gesetzgebung  über  den  Schutz  der  inländischen  Arbeit
in  Geltung  ist.  Ich  erlaube  mir  Ihnen  darüber  einige  Mittheilungen  zu
machen,  die  Ihnen  die  Ueberzeugung  geben  werden,  daß  es  so  ganz  schlecht
mit  dem  Fortgang  unserer  Wohlhabenheit  doch  nicht  bestellt  ist.  Nur  die
weniger  Begüterten  legen  ihre  Ersparnisse  in  den  Sparkassen  an,  der  Reichere
legt  sie  in  Papieren  an  und  möglichst  in  den  fremdartigsten,  vom  Orient
oder  von  Amerika,  mancher  auch  in  deutschen  Konsols;  bei  der  Sparkasse  ist
er  nicht  betheiligt.  Etwa  1200  Millionen  Rubel  sind  bei  uns  in  den  letzten
Jahrzehnten  in  russischen  Papieren  investirt  worden,  diese  und  die  Summen,
die  in  unzähligen  Papieren,  inländischen  und  ausländischen  —  ich  will  keine
nennen,  um  Niemanden  zu  ärgern  —  angelegt  sind,  sind  ja  sehr  viel  größer,
als  alle  die  Summen,  die  in  den  Sparkassen  sich  befinden.  In  die  Spar—
kassen  legt  im  Allgemeinen  nur  der  Arbeiter  und  der  bäuerliche  Besitzer,  der
Handwerker  ein.  Wenn  Sie  mir  gestatten,  Ihnen  zu  sagen,  wie  diese  Ein—
lagen  seit  1878  sich  gesteigert  haben,  so  werden  Sie  zugeben,  daß  ein  Rückschritt
  und  ein  sehr  brennender  Nothstand  nicht  vorhanden  ist.  Im  Jahre
1878  betrugen  die  gesammten  Einlagen  in  den  Sparkassen  1385  Millionen
Mark  im  preußischen  Staate.  Wenn  ich  annehme,  daß  der  preußische  Staat
sich  zum  Deutschen  Reich  verhält,  wie  3:5  —  ich  weiß  im  Augenblick
das  Verhältniß  nicht  genau  —,  so  können  Sie  sich  die  Verhältnißzahlen,
wie  sie  für  das  Deutsche  Reich  gelten,  ungefähr  ausrechnen;  denn  im
Ganzen  sind  die  Provinzen  des  preußischen  Staates  nicht  unbedingt  die
wohlhabendsten  im  Deutschen  Reiche.  Also  die  Einlagen  betrugen  zur
Zeit,  wie  wir  die  jetzige  Gesetzgebung  über  den  Schutz  der  deutschen
Arbeit  einführten,  1385  Millionen.  Die  Gesammteinlagen  betragen
heute  2261  Millionen  Mark  in  runder  Summe,  sie  haben  sich  also  seit  der
Zeit  von  1878  gesteigert  um  975  Millionen.  Pro  Kopf,  jeden  Säugling
eingeschlossen,  kamen  an  Sparkasseneinlagen  im  Jahre  —  bis  dahin  läuft
meine  Berechnung  —  in  runder  Summe  80  M  Das  macht  also,  wenn
man  eine  Familie  durchschnittlich  aus  vier  oder  fünf  Mitgliedern  bestehen
läßt,  ca.  400  auf  jede  Familie;  die  hat  sie  zurückgelegt  in  der  Zeit  von
sieben  Jahren,  von  1878  bis  1885.  Ich  will  daran  weiter  keine  Bemerkung
knüpfen  als  die  Behauptung,  daß  die  Angabe  des  Herrn  Abgeordneten  Windthorst
über  die  schwierige  Lage  eine  Fiktion  und  eine  unrichtige  Angabe  ist.  Alle
anderen  Klassen,  abgesehen  von  denen,  die  in  den  Sparkassen  die  Gewohnheit
haben  einzulegen,  den  Arbeitern,  kleinen  Landwirthen  und  Handwerkern,  find
in  demselben  Falle.  Zu  welchem  Zwecke  wird  also  die  Fiktion  immer  benutzt
in  der  Presse  und  von  den  Gegnern  der  Regierung,  als  wenn  Deutschland
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        —  38  —

durch  ungeschickte  Gesetzgebung  der  Regierung  einer  immer  fortschreitenden
Verarmung  entgegengeführt  werde?  Das  ist  eine  Entstellung,  eine  dreiste  Lüge,
sie  wird  durch  diese  ziffermäßigen  Angaben  auf  das  Klarste  entkräftet.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  sich  gewundert,  warum  wir  an  den
sieben  Jahren  festhalten.  Ja,  ich  habe  ganz  klar  gesagt:  wir  wollen  keine
Häufung  der  Krisen.  Es  wäre  vielleicht  noch  nützlicher,  wenn  wir  einen
längeren  Termin  gewählt  hätten.  (Zuruf:  Aeternat.)  Auf  ein  Aeternat
würde  ich  nie  eingegangen  sein,  weil  das  Aeternat  dem  Kaiser  in  seinem
Einflusse  auf  die  Armee  eine  viel  zu  starre  Grenze  setzt.  —  Es  wird  die
Armee  wahrscheinlich,  so  lange  die  anderen  Mächte  fortschreiten,  fortschreiten
müssen,  die  Bevölkerung  schreitet  ja  auch  fort.  Wir  haben  einen  längeren
Termin  nicht  gewollt  aus  Achtung  vor  der  Bestimmung  der  Verfassung  in
Artikel  60,  der  einen  Einfluß,  wie  der  Herr  Abgeordnete  sich  ausdrückt,  des
Reichstags  auf  diese  Angelegenheiten  wünscht;  nur  darf  der  Einfluß  nicht
darin  bestehen,  wie  er  sagte,  auf  Reduktionen  zu  drängen.  Er  sagte,  sie
würden  auf  Reduktionen  nur  drängen,  wenn  ein  Mehr  nicht  nöthig  wäre.
Aber  das  ist  ja  eine  petitio  principiüb,  denn  das  Urtheil,  ob  ein  Mehr
nöthig  ist,  legen  Sie  ja  dem  Dränger  bei.  Sie  wollen  uns  also,
wenn  sie  glauben,  ungeachtet  der  gegentheiligen  Ueberzeugung  der  Regierung,
  daß  weniger  nöthig  sei,  zwingen,  die  Armee  zu  reduziren!  Dazu
werden  sich  die  Regierungen,  denen  die  Sicherheit  des  Vaterlandes  zu  sehr
am  Herzen  liegt,  niemals  hergeben!  Sie  werden  sich  niemals  von  Ihnen
reduziren  lassen.

Das  Septennat  also  halten  wir  fest,  um  den  Anlaß  zu  Krisen  nicht  zu
häufen.  Ich  sagte  vorher:  Sind  Sie,  meine  Herren,  denn  so  lüstern  nach
Krisen,  wollen  Sie  diese  alle  Jahre  haben  —  nun,  so  lange  ich  lebe,  kommen
Sie  heran!  —  Sie  werden  einen  Fels  im  Meere  finden  bei  allen  Ihren
Krisen!

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  gesagt,  es  sei  eine  unberechtigte  Andeutung,
  die  ich  gemacht  hätte  in  Bezug  auf  die  Wichtigkeit  der  gesetzmäßigen
Herstellung  des  welfischen  Königreiches.  Es  ist  hier  in  diesen  Räumen  gesagt:
eine  Wiederherstellung  des  Welfenreiches  ist  nur  auf  gesetzmäßigem  Wege  zu
erstreben.  Ein  anderes  Mittel,  das  gesetzmäßig  zu  erreichen,  als  das  von
mir  angedeutete,  sehe  ich  aber  kaum,  und  daß  Herr  Windthorst  den  Gedanken
daran  so  weit  von  sich  weist,  es  als  eine  Art  Beleidigung  betrachtet,  wenn
man  sagt,  dabei  werde  auf  französischen  Beistand  gerechnet,  so  steht  doch
die  Erinnerung  entgegen,  die  uns  allen  lebendig  sein  wird,  die  Erinnerung
  an  die  welfische  Legion  innerhalb  Frankreichs.  Die  hat  ja,
wie  ich  glaube,  Jahr  und  Tag  dort  garnisonirt,  wartend  auf  den
Moment,  wo  Napoleon  auf  Deutschland  losschlagen  würde,  um  in
seinem  Gefolge  auf  die  deutschen  Brüder  loszuhauen,  und  das
ist  nicht  etwa  eine  rein  zufällige  Erscheinung;  in  authentischen  Briefen  von
König  Georg,  die  mir  vorgelegen  haben,  ist  ausdrücklich  geschrieben,  daß  er
hoffte,  durch  Kaiser  Napoleon  in  sein  Reich  wieder  eingesetzt  zu  werden.
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        (Hört,  hört!  rechts.)  Also  seien  Sie  nicht  so  empfindlich.  Es  ist  Ihnen
nicht  angenehm,  aber  die  Leute  leben  noch  meist  Alle,  die  das  Alles  mitgemacht
  haben.  Haben  die  ihre  Gesinnungen  seitdem  vollständig  geändert?
Ein  Zeugniß  haben  sie  uns  gegenüber  noch  nicht  abgelegt;  wir  sehen  sie
uns  gegenüber  in  derselben  Zurückhaltung,  sie  folgen  dem  Führer  der  Opposition,
  dem  Abgeordneten  Windthorst,  in  allen  seinen  Angriffen  auf  die
Reichsregierung,  zu  keinem  anderen  Zwecke,  als  um  uns  die  Existenz  sauer
zu  machen;  unmöglich  können  sie  doch  dabei  eine  andere  Absicht  haben.

Ich  glaube,  ich  kam  schon  darauf,  daß  der  Abgeordnete  wiederholt  die
französische  Armee  unterschätzt  und  geglaubt  hat,  er  könne  sie  leicht  schlagen;
ich  möchte  vor  dieser  Unterschätzung  doch  außerordentlich  warnen.  Es  zeigt
die  volle  Unerfahrenheit  des  Civilisten  in  militärischen  Dingen,  wenn  man
glaubt,  daß  die  französische  Armee  ein  Gegner  sei,  über  den  man  so  leicht
zur  Tagesordnung  übergehen  könnte  mit  ein  paar  Redensarten.  Ich  habe
schon  vorhin  gesagt,  wenn  Worte  Soldaten  wären  —  in  der  Beredtsamkeit
ist  der  Herr  Vorredner  jedem  Franzosen  überlegen;  aber  in  Beziehung  auf
militärische  Leistungsfähigkeit  glaube  ich  es  nicht.  Ich  habe  in  Frankreich
gelebt  und  kenne  die  Franzosen  ziemlich  genau;  ich  wünsche  nur,  daß  wir
ihnen  so  ebenbürtig  bleiben.  In  manchen  Beziehungen  sind  wir  überlegen,
in  der  Zahl  sind  sie  uns  aber  überlegen.  Sie  unterschätzen  ihre  militärische
Qualifikation.  Aber  der  Abgeordnete  Windthorst  glaubt  ja  auch  hier  den
Leuten,  die  gegen  die  Franzosen  gefochten  haben,  überlegen  zu  sein  in  seinem
Urtheil.

Er  hat  ferner  damit  begonnen,  daß  er  sagte:  Endlich  sind  uns  Mittheilungen
  gemacht.  Nun,  wo  hätte  ich  die  Mittheilungen  machen  sollen?
Der  ersten  Berathung  beizuwohnen,  wenn  noch  zwei  bevorstehen,  ist  mit
meinem  Alter  und  Gesundheitszustand  nicht  immer  verträglich.  Auf  Verhandlungen
  in  der  Kommission  aber  in  wichtigen  Fragen  mich  einzulassen,
halte  ich  für  taktisch  nicht  angezeigt.  Die  Kommission  ist  ja  doch  nur  die
Marterkammer  für  die  Regierungskommissarien,  in  der  versucht  wird,  was
man  ihnen  abpressen  kann,  ohne  sich  seinerseits  zu  irgend  etwas  zu  verpflichten.
  Die  Kommission  ist  garnicht  im  Stande,  ein  zweiseitiges  Geschäft
abzuschließen  mit  den  Vertretern  der  Regierung,  und  dazu  bin  ich  ein  zu
alter  Diplomat,  um  mit  Jemandem,  der  keine  Vollmacht  hat,  mich  in  Verhandlungen
  einzulassen;  Alles,  was  ich  gesagt  habe,  steht  bombenfest.  Aber
Alles,  was  die  Herren  in  der  Kommission  sagen,  die  Versicherungen,  die  sie
geben  über  die  Geneigtheit,  jeden  Pfennig  und  jeden  Mann  zu  bewilligen,
können  mir  nachher  gar  nichts  mehr  helfen,  das  verschwindet  Alles  im
Plenum,  und  daran  ist  Niemand  gebunden  Darum  ist  die  Kommission  ein
so  ungünstiger  Kampfplatz  für  die  verbündeten  Regierungen;  da,  wo  wirklich
ernsthafte,  schwere,  und  ich  möchte  sagen,  Interessen,  die  an  Kopf  und  Kragen
gehen,  zu  verhandeln  sind,  da  werde  ich  mich  auf  Kommissionsverhandlungen
niemals  einlassen.  Es  ist  von  Ihnen  eine  Ungerechtigkeit,  daß  Sie  uns  erst
einmal,  wie  man  das  im  Handel  und  Wandel,  ich  möchte  sagen,  im  Pferde-
        <pb n="42" />
        —  40  —

handel  versucht,  Jemanden,  dessen  Aeußerungen  zu  nichts  verpflichten,  auf
den  Leib  schicken,  um  von  uns  herauszupressen,  was  Sie  irgend  herauspressen
können,  und  dann  nachher  sagen:  Alles,  was  wir  gesagt  haben,  gilt  nichts
mehr,  wir  schließen  uns  dieser  oder  jener  Aeußerung  an.  Ihre  Geschäftsordnung
  erlaubt  Ihnen  das,  aber  Ihre  Geschäftsordnung  hat  für  uns  gar
keine  Verbindlichkeit,  wenigstens  glaube  ich  durch  mein  früheres  Verhalten
auch  schon  gezeigt  zu  haben,  daß  ich  mich  in  ernsten  Fragen  auf  Kommissionsverhandlungen
  nicht  einlasse.  Ich  habe  in  der  Kolonialfrage  einmal  eine
Ausnahme  gemacht:  „erceptio  firmat  regulam.“  In  der  Kommission,  wo
sich  ein  bündiges  Abkommen  in  keiner  Weise  erreichen  läßt,  erscheine  ich  nicht.
Ich  bin  zu  alt  und  zu  matt,  um  dort  meine  Kräfte  nutzlos  zu  vergeuden.
(Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Das  Haus  hatte  dieser  Rede  des  Reichskanzlers,  wie  den  vorhergehenden
  mit  großer  Spannung  gelauscht  und  vertagte  sich  nach  derselben.

Der  Abgeordnete  Dr.  Windthorst  bemerkte  noch  persönlich,  daß
er  auf  die  Angelegenheit  des  Königreiches  Hannover,  die  hier  angeregt
sei,  im  Laufe  der  Debatte  noch  zurückkommen  werde.

 

Am  Mittwoch  den  12.  Januar  1887  setzte  der  Reichstag  die
Debatte  über  die  Militär-Vorlage  fort.

Nachdem  der  deutsch-konservative  Abgeordnete  von  Helldorff-Bedra
  zunächst  das  Wort  erhalten  hatte  und  in  warmer,  patriotischer
Rede  für  die  Annahme  der  Regierungs-Vorlage  eingetreten  war,  suchte
der  sozialdemokratische  Abgeordnete  Hasenclever  in  bekannter  Weise
den  Reichskanzler  zu  verunglimpfen.  Er  meinte  u.  A.,  daß  der  Franzose
Deroulede  an  ihm  seinen  Meister  gefunden  habe,  und  daß  kein  Parlament
  der  Welt  einen  Mann,  der  es  so,  wie  der  Reichskanzler  den
Deutschen  Reichstag,  behandle,  noch  länger  auf  seinem  Posten  dulden
werde.  Für  diese  Aeußerung  ertheilte  der  Vice-Präsident  Frhr.
von  und  zu  Franckenstein  dem  Redner  den  wohlverdienten  Ordnungsruf.
  Unter  wiederholter  Heiterkeit  stellte  Herr  Hasenclever  die
seltsamsten  Behauptungen  auf  und  verstieg  sich  zu  dem  Schlusse,  daß
die  Vorlage  nur  das  Sturmbrett  der  Reaktion  zur  Unterdrückung  des
Volkes  sein  solle  und  daß  Jeder,  der  Mannesmuth  besitze,  deshalb
gegen  dieselbe  stimmen  müsse!  Der  preußische  Kriegsminister  Bronsart
von  Schellendorff  hob  in  seiner  hierauf  folgenden  längeren  Rede
hervor,  daß  er  auf  die  Aeußerungen  des  Vorredners  nicht  eingehen  werde.
Er  beschäftigte  sich  auch  in  der  Hauptsache  nur  mit  den  Ausführungen
der  Abgeordneten  von  Stauffenberg  und  Windthorst  und  war  in
der  Lage,  dieselben  durch  rein  sachliche  Erörterungen  gründlich  zu
widerlegen.  Ihm  folgte  der  Abgeordnete  Graf  Behr,  der  im  Namen
der  deutschen  Reichspartei  wacker  für  die  Vorlage  der  verbündeten
Regierungen  eine  Lanze  brach  und  mit  dem  Ausspruche  der  Ueberzeugung
  schloß,  daß  wenn  hier  ein  Nein  gesprochen  werden  sollte,  das
Volk  draußen  ein  anderes  Urtheil  fällen  und  andere  Abgeordnete  in
den  Reichstag  schicken  werde.  Nach  dem  Grafen  Behr  beschwerte  sich
der  Abgeordnete  Dr.  Windthorst  über  die  ihm  und  den  Hannoveranern
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        —  41  —

angeblich  stets  gemachten  Vorwürfe  und  kam  auf  die  Angelegenheit
des  ehemaligen  Königreiches  Hannover  zurück.  Hierbei  behauptete  er,
daß  der  verstorbene  König  von  Hannover  wiederholt  in  Nikolsburg
und  in  Berlin  um  Verhandlungen  zum  Frieden  gebeten  habe,  aber
„schnöde“  zurückgewiesen  worden  sei.  Der  Präsident  von  Wedell—
Piesdorf  rief  den  Redner  wegen  des  Ausdruckes  „schnöde“,  der  sich
nur  auf  die  damalige  preußische  Regierung  beziehen  konnte,  zur  Ordnung.
  Redner  erging  sich  sodann  in  versteckten  Angriffen  gegen  den
Reichskanzler  und  meinte,  es  habe  Staatsmänner  gegeben,  welche  kein
Bedenken  hatten,  mit  Mächten  zu  verhandeln,  zu  deren  wesentlichsten
Soldaten  Garibaldi  gehörte,  und  aus  ungarischen  Soldaten,  die  ge—
fangen  waren,  Truppen  zu  bilden  zur  Bekämpfung  ihres  Landesherrn.
Solche  Herren  hätten  kein  Recht,  Anderen  solche  Vorwürfe  zu  machen,
wie  sie  gemacht  seien.  Redner  berührte  die  seitens  des  Centrums  dem
Reichskanzler  gewährte  Unterstützung  seiner  Wirthschaftspolitik  und
bezog  sich  auf  das  10.  Armeekorps,  welches  wesentlich  aus  Hannove—
ranern  bestehe  und  welches,  wie  kein  anderes,  sich  im  Kriege  hervorgethan
  habe.  Redner  erwähnte  dann  weiter  der  glorreichen  Thaten
des  Welfengeschlechts  und  erklärte,  daß  er  seinem  angestammten  Königshaufe
  treu  bleiben  werde,  soweit  das  seine  neue  Unterthanenpflicht
gestatte.  Er  verwahrte  sich  ferner  dagegen,  klüger  sein  zu  wollen  als
der  Graf  von  Moltke  und  kam  im  weiteren  Verlaufe  seiner  Rede  zu  der
Erklärung,  daß  er  allerdings  auch  Gelegenheit  gehabt  habe,  manches
Gute  zu  wirken,  wozu  er  nicht  zuletzt  rechne,  wenn  er  manchmal  nicht
ohne  Erfolg  Plänen  des  Reichskanzlers,  die  er  nicht  für  zutreffend  gehalten,
  habe  entgegentreten  können.  Der  Reichskanzler  habe  gestern
auch  von  der  kaiserlichen  und  der  Parlamentsarmee  gesprochen.  Eine
kaiserliche  Armee  hätten  wir  überhaupt  nicht.  Wir  hätten  eine  Reichsarmee
  und  die  militärische  Hoheit  über  das  Reichsheer  sei  getheilt
zwischen  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  und  den  einzelnen  Kontingentherren.
Redner  wiederholte  zum  Schlusse,  daß  er  und  seine  Freunde  Alles
was  nöthig  sei  bewilligten  und  keinen  Mann  und  keinen  Groschen  abzögen.
  Sollte  nach  drei  Jahren  eine  Neubewilligung  nöthig  sein,  so
würden  sie  auch  dann  für  das  Vaterland  alles  Nöthige  hergeben.

Der  Reichskanzler  Fürst  von  Bismarck  antwortete  auf  diese
Rede,  wie  folgt:

Der  Herr  Vorredner  sagt:  Ich  bewillige  jeden  Mann  und  jeden  Groschen
auf  3  Jahre;  dann  werden  wir  wieder  zusammenkommen  und  sehen,  ob  das
noch  nöthig  ist,  und  wenn  wir,  die  Abgeordneten,  finden,  daß  es  nicht  mehr
nöthig  sei,  so  werden  wir,  wie  er  in  seiner  gestrigen  Rede  sagte,  darauf  dringen,
  daß  das  Heer  vermindert  werde.  Der  Herr  Vorredner  muthet  uns  also
zu,  daß  wir  das  Vertrauen  nicht  nur  auf  den  guten  Willen,  sondern  auch
auf  die  militärische  Einsicht  desjenigen  Reichstags  haben  sollen,  welcher  über
drei  Jahre  hier  wiederum  versammelt  sein  wird.  Weiß  denn  der  Herr  Vorredner,
  wie  der  beschaffen  sein  wird?  Ist  denn  die  Majorität,  über  die  der
Herr  Vorredner  jetzt  die  ponirt,  so  gleichartig,  so  sicher,  so  unanfechtbar,  daß
er  auch  nur  auf  ein  gleiches  Verhältniß  wie  jetzt  rechnen  kann?  Diese  Majorität,
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        —  42  —

das  Konsortium,  welches  die  oppositionellen  Parteien  gegen  die  Regierungen
im  Reichstage  bilden,  setzt  sich  doch  aus  den  heterogensten  Elementen  zusammen
  und  kann  sehr  leicht  durch  den  Abfall  von  einem  dieser  Elemente
vollständig  erschüttert  und  verkehrt  werden.  Wenn  z.  B.  auch  nur  die  25
Sozialdemokraten  unter  der  Führung  des  Redners,  den  wir  heute  hörten,
zu  einer  andern  Seite  übergingen  oder  sich  lossagten  von  dieser  jetzigen  Majorität,
  wenn  die  z.  B.  gouvernemental  würden,  so  würde  das  einen  Unterschied
  von  50  Stimmen  machen,  da  auf  der  einen  Seite  25  abzuziehen,  auf
der  andern  25  zuzurechnen  wären.  Wenn  auch  nur  die  Polen  und  Protestler,
  Leute  aus  dem  Elsaß,  dasselbe  Manöver  machen,  so  leidet  die  Majorität
  auch  schon  Schaden.  Ich  will  von  den  Welfen  gar  nicht  reden,  die
ja  aber  finden  könnten,  daß  es  des  Kulturkampfes  genug  wäre,  und  daß  sie
sich  mal  mit  ihren  eigenen  Angelegenheiten  ohne  die  Leitung  des  Herrn  Abgeordneten
  Windthorst  beschäftigen  wollten.  Noch  größer  wäre  die  Bresche
in  diese  Moajorität,  wenn  beispielsweise  die  fortschrittliche  Satrapie  dem  zentralen
  Sultanat  den  Gehorsam  aufkündigte.  Die  Majorität  besteht  ja  nur
auf  dieser  ganz  eigenthümlichen  Verschmelzung  der  heterogensten  und  unter
einander  widerspruchsvollsten  Elemente,  die  zufällig  in  der  Negation  und  in
der  Abneigung  gegen  die  Persönlichkeiten  der  jetzigen  Regierung  einig  sind;
une  haine  commune  vous  unit;  sobald  dies  aufhört,  sobald  sie  irgend  etwas
Positives  schaffen  sollen,  so  sind  Sie  ja  vollständig  uneinig,  so  sind  Sie  ja
keine  Majorität.  Sie  können  gar  nicht  wissen,  wie  diese  Majorität  nach  drei
Jahren  sein  wird,  und  auf  diese  geben  Sie  uns  eine  Inblanko-Anweisung!
Auf  die  Majorität,  die  dann  vorhanden  sein  wird,  sollen  wir  das  Vertrauen
haben,  welches  nothwendig  ist,  um  in  ihre  Hände,  in  die  Hände  dieser  Majorität,
  die  Verfügung  zu  legen  über  das  Palladium  des  Reiches,  wie  der
Herr  Abgeordnete  selbst  am  Schlusse  seiner  Rede  sehr  würdig  und  richtig
sagt!  Ohne  die  Armee  ist  das  Reich,  ist  die  Ordnung  nicht  denkbar,  ohne
diese  Grundlage  des  Rechtsschutzes  würde  die  ganze  Verfassung  nicht  zu
Stande  gekommen  sein,  wie  ich  gestern  schon  gesagt  habe;  der  Schutz  des
Bundes  ist  unsere  erste  Aufgabe.  Auf  eine  solche  Majorität  will  uns  der
Herr  Vorredner  die  Anweisung  geben,  daß  wir  auf  sie  Vertrauen  haben
sollen,  und  daß  wir  uns  dem  aussetzen  sollen,  daß  sie  nach  drei  Jahren  schon
wieder  drängt?

Meine  Herren,  vielleicht  ist  die  Majorität  nach  sieben  Jahren  ebenso
wenig  berechenbar;  aber  weil  gerade  jedesmal  eine  schwere  Krisis  damit  verbunden
  ist,  weil  es  eine  unsichere  Rechnung  ist,  weil  dem  Art.  60  der  Verfassung
  Genüge  geschehen  muß  mit  irgend  einem  Termin,  und  weil  wir  das
Aeternat  nicht  wollen,  das  eine  Fessel  für  den  Kaiser  wäre,  falls  er  mehr
braucht,  als  bewilligt  ist,  während  der  Ewigkeit,  —  aus  diesen  Gründen
haben  wir  uns  an  sieben  Jahren  gehalten  —  auch  nach  dem  Grundsatz,  daß
das  konstitutionelle  Leben  eine  Reihe  von  Kompromissen  ist.  Wir  haben
diesen  Kompromiß  einmal  gemacht  im  Jahre  1874,  als  er  zuerst  zu  Stande
kam,  —  ich  lag  schwer  krank  im  Bette,  und  in  meinem  Krankenzimmer  haben
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        —  43  —

die  Verhandlungen  stattgefunden,  sowohl  mit  den  Ministern,  wie  mit  Sr.
Majestät  dem  Kaiser,  den  Abgeordneten,  die  zu  mir  kamen  —  es  war  namentlich
  der  Herr  Abgeordnete  Miquel,  der  die  Verhandlungen  mit  mir  geführt
hat.  Wir  haben  7  Jahre  vorgeschlagen,  wir  hätten  ebenso  gut  10  oder
11  Jahre  vorschlagen  können,  oder,  wie  die  Dienstpflicht  im  Heere  es  mit  sich
bringt,  12  Jahre.  Ich  hatte  mich  zu  entschließen,  ich  war  der  Einzige,  dem
im  leidenden  Zustande  die  Verantwortlichkeit  dafür  oblag,  ob  damals  auf
eine  solche  Frage  hin  aufgelöst  werden  sollte  oder  nicht,  und  im  Interesse
des  Friedens  bin  ich  auf  die  sieben  Jahre,  wie  sie  mir  gebracht  waren,  eingegangen;
  aber  doch  nicht  in  der  Absicht,  diese  Konzession  immer  wieder  als
die  Basis  zu  einer  neuen  Forderung  gelten  zu  lassen.  Dann  können  wir
nicht  wieder  zu  Kompromissen  kommen.  Im  Interesse  der  Kompromisse  halte
ich  an  den  7  Jahren  unbedingt  fest.  Wir  haben  sie,  zwei  siebenjährige  Perioden,
  gehabt,  wir  sind  bereit,  diese  siebenjährige  Periode  weiter  zu  geben,
aber  auf  eine  kürzere  nicht  einzugehen,  wie  ich  das  schon  gesagt  habe.

Der  Herr  Vorredner  ist  seiner  Sache  mit  den  künftigen  Majoritäten
sicherer,  als  ich  glaube,  daß  er  sein  könnte.  Die  Verhältnisse  sind  weder  bei
uns,  noch  in  England,  noch  in  Frankreich  so,  daß  bei  der  Zerfahrenheit  der
Parteien  irgend  jemand  auf  eine  feste  und  klare  Majorität  in  der  Zukunft
rechnen  könnte.  Hätten  wir  bei  uns  zwei  große  Parteien,  wie  es  früher  in
England  Whigs  und  Tories  waren,  und  zwei  Parteien,  deren  jede  doch  immer
den  Fall  im  Auge  hatte,  wenn  sie  in  der  Oppofition  lebte,  daß  sie  auch  mal
wieder  regieren  könnte,  —  die  waren  vollkommen  vertrauenswürdig  eine  für
die  andere.  Mit  unseren,  ich  weiß  nicht  9  oder  10  Parteien,  aus  denen  sich
das  Konsortium  der  Majorität  künstlich  aufbaut,  ist  gar  kein  Bund  und
Rechnung  auf  die  Zukunft  möglich.  Die  lange  Dauer  des  Kulturkampfs  hat
im  Centrum  zufällig  Elemente  von  heterogener  politischer  Richtung  lange  Zeit
vereinigt.  Sind  Sie  gewiß,  daß  auch  nur  das  Centrum  fortdauern  wird,
wenn  der  Kulturkampf  vollständig  beseitigt  ist?  Der  Herr  Abgeordnete
Dr.  Windthorst  ist  vielleicht  der  Meinung,  daß  man,  um  das  Band  der  Partei,
an  deren  Spitze  er  steht,  zu  erhalten,  auch  etwas  Kulturkampf  im  Feuer
behalten  muß.  (Zuruf  des  Abgeordneten  Dr.  Windthorst:  Nein!  Nein!)  Er
hat  uns  auch  schon  den  Kampf  wegen  der  Schule  angekündigt,  der  an  Heftigkeit
  und  Bedeutung  den  bisherigen  weit  hinter  sich  lassen  würde.

Nun  dieses  Band,  was  Sie  bisher  vereinigt  hat,  —  sind  Sie  darüber
ganz  zweifellos,  daß  das  halten  wird?  Der  Herr  Abgeordnete  ist  bei  den
Neuwahlen  der  Wiederwahl  aller  bisherigen  Fraktionsgenossen  sehr  sicher.
Ich  möchte  nur  auf  eine  der  wichtigsten  Provinzen  seines  Reiches  in  der
Wahl  verweisen,  das  ist  Bayern.

Der  bayerische  Wähler  ist  in  seiner  großen  Mehrheit  monarchisch  und
katholisch  gesinnt.  So  lange  er  die  Ueberzeugung  hat,  daß  sein  König  und
dessen  Rechte  und  die  Rechte  des  bayerischen  Staates  überhaupt  bedroht  sein
könnten;  sobald  er  die  Ueberzeugung  hat,  daß  die  katholische  Kirche  bedroht
sei,  und  daß  dieselbe  Empfindung  in  Rom  getheilt  wird,  so  lange  mag  er
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        —  44  —

für  Sie  wählen.  Wenn  er  aber  zweifelhaft  darüber  werden  sollte,  ob  die
Dynastie,  ob  der  König,  ob  der  römische  Stuhl  ferner  diese  Opposition
billigt,  —  ich  weiß  nicht,  ob  darüber  Zweifel  sein  können,  aber  wenn  sie
entstehen  —  sind  Sie  dann  Ihrer  Wähler  ebenso  sicher,  wie  Sie  es  waren?
—  Ich  wundere  mich,  von  dem  Herrn  Abgeordneten  Dr.  Windthorst  das
sonst  so  bereite  Ja  nicht  zu  hören.  (Heiterkeit.)

Aehnliche  Irrungen  in  der  Berechnung  können  doch  auch  noch  anderswo
vorliegen.  Wir  können  die  Wahl  ja  nicht  voraussehen.  Auf  die  Haltung
der  Regierungen  können  die  Wahlen  ja  keinen  Einfluß  haben;  die  Regierungen
  haben  ihre  Ueberzeugung  festgelegt,  nicht  nach  dem  Wunsch  des
Reichstages  oder  nach  dem  Ausfall  der  Wahlen,  sondern  ausschließlich  nach
ihrem  Pflichtgefühl,  nach  ihrer  Verantwortlichkeit  für  die  Sicherheit  des
deutschen  Volkes  und  für  seine  Unabhängigkeit  und  die  Integrität  unseres
Landes.  Diese  Erwägungen  werden  dieselben  bleiben,  auch  wenn  genau  der—
selbe  Reichstag,  mit  derselben  Majorität,  wieder  vor  uns  steht.  Durch  ein
nochmaliges  Urtheil  des  Reichstages  kann  die  Verpflichtung  der  Regierung,
ihrerseits  als  dauerndes  und  nicht  wechselndes  Element  für  die  dauernde,
fundamentale  Institution  unserer  Verfassung,  das  Heer,  zu  sorgen,  nicht
erledigt  werden;  —  die  Verpflichtung  bleibt  auf  den  Regierungen  lasten.

Keine  Verfassung  kann  ohne  Kompromiß  existiren.  Wenn  Sie  vom
Kompromiß  abgehen,  wie  wir  denselben  Ihnen  wiederum  anbieten,  so  schaffen
Sie  eine  Situation,  die  immer  von  Neuem  auf  den  Konflikt  mit  Nothwendigkeit
  hindrängt.  Sie  verlangen  wegen  des  Ausfalles  der  Wahlen,
wenn  dieser  nach  Ihren  Wünschen  ausfiele,  daß  die  Regierungen  ihre  Ueberzeugungen
  ändern  und  dann  sagen  sollen:  alles  das,  was  wir  vor  einigen
Monaten  behauptet  haben,  —  wir  geben  zu,  daß  es  Irrthum  ist;  oder  daß
wir  sagen:  wir  geben  es  nicht  zu,  wir  halten  es  für  die  volle  Wahrheit,
wir  sind  nach  wie  vor  bedroht;  aber  aus  Feigheit  vor  dem  neugewählten
Reichstage  thun  wir  unsere  Pflicht  nicht  und  wollen  das  deutsche  Volk  minder
wehrhaft  sein  lassen,  als  es  sein  kann,  —  das  können  Sie  von  den  Regierungen
  nicht,  und  namentlich  nicht  von  so  starken  monarchischen  Regierungen,
wie  sie  im  Bundesrathe  sitzen,  erwarten.  Ich  wiederhole,  was  ich  gestern
sagte:  Sie  kompromittiren  sich  ganz  unnütz  für  ein  Spiel,  in  dem  der  Trick
für  Sie  gar  nicht  in  den  Karten  steckt,  wo  gar  nichts  zu  gewinnen  ist.

Der  Abgeordnete  Windthorst  hat  vorhin,  um  den  Mangel  an  zutreffender
Schärfe  in  seiner  Deduktion  auszugleichen,  mit  sehr  gehobenem  Tone
seinen  Entschluß  kundgegeben,  für  die  Verfassung  und  für  die  Völkerrechte
einzutreten.  Ja,  meine  Herren,  das  sind  gerade  wir,  die  hier  für  die  Verfassung
  und  für  die  Völkerrechte  eintreten;  die  Verfassung  ist  auf  unserer
Seite,  und  das  Wohl  des  Volks  —  —  ich  weiß  nicht,  ich  hörte  einen  unartikulirten
  Ton,  der  vielleicht  einen  Zweifel  an  dem  ausdrückte;  aber  ich  bin
ganz  bereit,  darüber  Rede  zu  stehen.  Ich  habe  das  gestern  schon  entwickelt:
die  Verfassung  und  die  Sorge  für  das  Volk  ist  vollständig  auf  unserer  Seite;
und  der  Herr  Vorredner  hat  auch,  um  die  Schwäche  seiner  Argumentation
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        —  trotz  des  gehobenen  Tones  blieb  sie  erkennbar  —  zu  verdecken,  plötzlich
die  preußische  Verfassung  herangezogen,  und  die  Thatsache,  daß  die  be—
schworen  wäre.  Ja,  die  wird  bestehen  bleiben;  auch  die  deutsche  Verfassung
wird  bestehen  bleiben.  (Bravo!  rechts.)  Das  sind  ja  eben  Sie,  die  dagegen
ankämpfen,  gegen  die  verfassungsmäßige  Institution  einer  kaiserlichen  und
dauernden  Armee;  Sie  wollen  sie  zu  einer  Parlamentsarmee  machen.  Ich
nenne  eine  Parlamentsarmee  eine  solche,  deren  Bestand  von  der  wechselnden
Majorität  des  Parlaments  abhängig  ist.  Das  hat  die  Verfassung  nicht  gewollt.
  Hätten  wir  das,  als  die  Verfassung  gemacht  wurde,  gewußt,  daß  wir
je  einem  Reichstag  mit  einer  solchen  Majorität  uns  gegenüber  befinden
würden,  oder  daß  diese  Forderung  jemals  aufgestellt  werden  würde  von
einem  Reichstag,  dessen  Majorität  für  die  polnischen  Interessen  gegen  die
deutschen  gestimmt  hat,  —  hätten  wir  das  voraussehen  können,  dann  hätten
wir  dem  Reichstag  nicht,  als  wir  die  Verfassung  machten,  —  ich  habe  den
ersten  Entwurf  gemacht  —  solche  Rechte,  wie  wir  ihm  gegeben  haben,  bewilligt,
  weil  wir  gefürchtet  hätten,  das  Vaterland  in  Gefahr  zu  bringen.
Wir  haben  auf  eine  ganz  andere  Haltung  des  Reichstages  gerechnet,  auf
eine  ganz  andere  Wirkung  der  Institution  und  der  erhebenden,  begeisternden
Thatsache,  daß  die  deutsche  Nation  nach  Jahrhunderten  des  Leidens  endlich
einmal  einig  ist,  sicher  in  ihrer  politischen  Existenz,  sicher  in  ihrer  Unabhängigkeit
  gegen  das  Ausland,  sicher,  in  Gemeinschaft  mit  den  Vertretern.
des  ganzen  deutschen  Volkes,  ihre  eigenen  Angelegenheiten  berathen  zu
können;  wir  haben  geglaubt,  daß  das  so  erhebend  wirken  werde  auf  Leute,  die
die  Entbehrung  von  allen  diesen  Dingen  auf  sich  haben  lasten  gefühlt,  daß
wir  zu  solchen  elenden  Streitigkeiten,  wie  sie  hier  vorliegen,  nie  gelangen
würden.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)  Darin  haben  wir  uns  geirrt!  Auch
das  Volk  hat  sich  geirrt,  wenn  es  Sie  hierher  geschickt  hat,  um  die  Rolle
zu  spielen,  die  Sie  jetzt  spielen.  (Bravo!  rechts;  Zischen  im  Centrum
und  links.)

Also  die  Verfassung,  ich  wiederhole  es,  ist  auf  unserer  Seite;  das  Volksrecht,
  der  Volksschutz  ist  auf  unserer  Seite.  Wir  wollen  das  Volk  schützen,
wir  wollen  den  Frieden  schützen;  Sie  wollen  es  darauf  ankommen  lassen.
Sie  sagen:  J  wo,  vielleicht  wird  es  doch  nicht  Krieg,  und  wenn  es  Krieg
giebt,  so  werden  wir  siegen,  ganz  gewiß  siegen;  —  das  hat  der  Herr  Vorredner
  gesagt;  dabei  spielt  er  doch  immer  wieder  den  Civil-Moltke,  das  ist
doch  nicht  zu  leugnen.  (Große  Heiterkeit.)

Der  Herr  Vorredner  hat  mich  kritifirt,  weil  ich  die  Armee  eine  kaiserliche
nannte,  und  gesagt,  eine  kaiserliche  hätten  wir  gar  nicht.  Nun,  die  Anfechtbarkeit
  dieses  Ausdrucks  von  Jemand,  der  eine  kritische  Spitze  probiren
will,  ist  mir  ja  von  Hause  aus  ganz  klar  gewesen,  und  ich  gebe  ihm
gern  zu,  daß,  wenn  ich  kaiserliche  Armee  sage  —  ich  habe  schon  gestern
mit  Jemand  darüber  gesprochen  —  ich  mir  sehr  wohl  bewußt  bin,
daß  der  Ausdruck  nicht  genau  der  Verfassung  entspricht;  ich  habe  ihn  nur  der
sprachlichen  Kürze  wegen  gebraucht.  Soll  ich  jedesmal  sagen:  die  königlich
        <pb n="48" />
        —  46  —

preußische,  königlich  bayrische,  königlich  württembergische,  königlich  sächsische
Armee,  die  vereinigt  sind  zu  einem  Reichsheer—?  Das  würde  ja  Ihre  Zeit
unendlich  ermüden.  Mit  diesen  kleinen  Erinnerungen  gegen  sprachliche  Ausdrücke
  bringen  wir  wirklich  die  Sache  nicht  vorwärts,  mögen  Sie  die  Armee
kaiserliche  nennen  oder  wie,  —  ich  hätte  sie  monarchische  nennen  können;
aber  das  hat  auch  wieder  sein  Bedenken  —  wir  haben  Republiken  in  Deutschland,
  die  Hansestädte,  und  außerdem  macht  das  so  den  Eindruck,  als  ob  ich
die  Armee  als  rein  im  Dienst  der  Monarchie  gegen  die  Demokratie  oder
gegen  sonst  Jemand  gedacht  hätte  —,  kurz,  ich  bleibe  dabei  —  der  Herr
Abgeordnete  möge  es  mir  nicht  übel  nehmen  —  ich  werde  auch  ferner  den
Ausdruck  kaiserliches  Kriegsheer  und  kaiserliche  Armee  gebrauchen;  ich  werde
Niemand  damit  zu  nahe  treten  und  ich  glaube,  ich  habe  erläutert,  was  ich
damit  meine.  Es  ist  eine  sprachliche  Kürze.  Wir  reden  ohnehin  beide  vielleicht
  mehr,  als  nothwendig  ist.  Lassen  Sie  uns  also  doch  wenigstens  den
Vortheil,  die  Sache  etwas  abzukürzen.  Außerdem  wird  die  Armee  doch  unter
gewissen  Umständen  eine  rein  kaiserliche;  einmal  sobald  Krieg  ist,  dann
namentlich,  sobald  von  Präsenzziffer  die  Rede  ist.  Nach  Art.  63,  viertes
Alinea,  hat  der  Kaiser  die  Verpflichtung  —  ich  habe  das  schon  gestern  gesagt  —
hat  der  Kaiser  den  Präsenzstand  zu  bestimmen,  den  Präsenzstand  der  Kontingente
  des  Reichsheeres.  Nun,  das  ist  doch  eine  kaiserliche  Funktion,  die
in  Bezug  auf  das  ganze  deutsche  Heer  geübt  wird.  Dem  Herrn  Abgeordneten
ist  es  vielleicht  entfallen,  daß  das  in  der  Verfassung  steht.  Es  ist  überhaupt
eine  fleißigere  Lektüre  der  Verfassung  zu  empfehlen  —  er  hat  neulich  gesagt,
er  könne  nicht  mehr  lesen;  aber  wenn  er  sich  die  Verfassung  öfter  vorlesen
ließe  (Heiterkeit),  dann  würde  er  auf  den  Gedanken  nie  kommen,  daß  die
Verfassung  auf  seiner  Seite  sei.

Der  Herr  Vorredner  und  auch  andre  Redner  haben  erwähnt,  die  Marine
passire  doch  in  jedem  Jahre  ganz  ruhig  die  Scylla  und  Charybdis  der  Bewilligung.
  Ich  habe  schon  gesagt:  das  ist  erfreulich.  Ich  möchte  aber  doch
auch  sagen,  wie  der  franzöfische  Dachdecker:  cela  va  bien,  pourvu  que  cela
dure.  Wenn  Sie  auf  den  Gedanken  kommen  sollten,  uns  Schiffe  auf  ein
Jahr  oder  drei  Jahre  zu  bewilligen,  die  nachher  wieder  im  Aufstrich  zu  verkaufen
  sind  oder  wieder  abzuschaffen  oder  wieder  abzulehnen,  dann  würde
auch  die  Glätte,  mit  der  bisher  die  Marinebudgetverhandlungen  sich  entwickelt
haben,  doch  sehr  bald  aufhören.  Ich  weiß  nicht,  warum  Sie  zu  Wasser
koulanter  und  militärisch  einsichtiger  find  als  zu  Lande.  Aber  hier  sind  wir
nun  einmal  zu  Lande,  und  ich  kann  mich  auf  Ihre  Liebenswürdigkeit  und
Urtheilsfähigkeit,  die  Sie  zu  Wasser  entwickeln,  nicht  einlassen.  (Heiterkeit.)

Die  kürzeren  Fristen  haben  alle  den  Hintergedanken,  die  Entscheidung
über  die  Stärke  des  Heeres  nicht  nur  in  die  Majorität  des  Reichstages  zu  legen,
sondern  den  Irrthum,  die  Legende  zu  erzeugen,  als  ob  fie  bereits  in  demselben
  läge.  Sie  wollen  unvermerkt  unter  dem  Vorwand,  daß  Sie  es  immer
gehabt  hätten,  eine  Besitzergreifung  vollziehen.  Die  würde  vollzogen  sein,
wenn  wir  uns  jetzt  von  unserer  traditionellen  Vorlage  des  Septennats  durch
        <pb n="49" />
        —  47  —

Sie  herunterdrücken  ließen  auf  drei  Jahre,  und  schon  aus  dem  Grunde  thun
wir  es  unter  keinen  Umständen.  Eine  Veränderung  des  Reichstaatsrechts
und  des  Begriffs  desselben  in  der  ganzen  Nation  ist  es,  wenn  die  verbündeten
Regierungen  sich  auf  das  einlassen,  was  die  Majorität  uns  vorschlägt,  und
wenn  sie  sich  zurückziehen  von  dem,  wofür  die  Vorlage  ursprünglich  eingetreten
  ist.

Der  Herr  Vorredner  hat  mir  nachher  verschiedene  Vorwürfe  gemacht,
auf  die  ich  doch  noch  mit  einer  Erwiderung  eingehen  muß.  Er  hat  mir  vorgeworfen,
  wie  ja  öfter,  persönliche  Anfechtungen,  die  ich  gestern  ihm  gegenüber
  ausgeübt  hätte.  Ich  habe,  soviel  ich  mich  erinnere,  gar  keine  Kritik
des  persönlichen  Verhaltens  des  Herrn  Vorredners  gestern  ausgesprochen;  ich
habe  seinen  Namen  meines  Wissens  überhaupt  immer  nur  genannt  als
Parteiführer.  Das  ist  auch  lediglich  ein  Bedürfniß  sprachlicher  Kürze,  wenn
ich  „Windthorst“  sage,  die  Partei  Windthorst,  so  meine  ich  immer  Herrn
Richter  mit  (Heiterkeit),  und  das  ganze  Heergefolge.  Ich  kann  sie  unmöglich
immer  aufzählen,  ich  weiß  sie  kaum  auswendig,  all'  die  Völkerschaften,  die
hinter  Herrn  Windthorst  marschiren.  Also  bitte  ich,  mir  die  sprachliche  Kürze
zu  gestatten,  daß  ich  die  gesammte  heutige  Opposition,  die  auch  zum  Theil
aus  dem  Centrum  besteht,  das  Centrum  im  engeren  Sinne,  die  Welfen,  die
Polen,  die  Elsaß-Lothringer,  soweit  sie  nicht  konvertirt  find,  die  Sozialdemokraten
  und  die  Volkspartei  unter  dem  Namen  des  Führers  der
Opposition  begreife.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  vorher  gegen  die  Thatsache  protestirt,  daß  er
in  Verbindung  mit  den  Sozialdemokraten  und  mit  dem  Abgeordneten  Grillenberger
  genannt  worden  ist,  und  hat  gesagt,  er  verkehre  sehr  freundschaftlich
mit  diesem  Herrn  zwar,  (Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Das  habe  ich  nicht
gesagt!),  aber  er  wünschte  nicht,  immer  mit  demselben  identifizirt  zu  werden.
Ich  weiß  nicht,  ich  habe  ihn  so  verstanden,  als  ob  er  im  bürgerlichen  Leben
doch  nicht  mit  ihm  einig  wäre.  (Zuruf.)  —  In  den  politischen  Grundsätzen,
richtig,  das  war  es,  da  ist  er  nicht  einig.  In  der  Theorie  mag  er  nicht
einig  sein,  aber  in  der  Praxis  gehen  sie  immer  Hand  in  Hand.  Die  ganze
Fraktion  Windthorst  einschließlich  der  Sozialdemokraten  marschirt  in  geschlossener
  Kolonne.  Die  Politik,  die  der  Führer  verfolgt,  ist  eben  so,  daß  die
Sozialdemokraten  sie  mit  Vergnügen  mitmachen  können  (Heiterkeit);  sie  ist
geeignet,  das  Bestehende  zu  erschüttern,  in  Bresche  zu  legen  und  in  Zweifel
zu  setzen;  (Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Ich  bitte  ums  Wortl)  und  das
können  die  Sozialdemokraten  immer  mitmachen.  Es  mag  geschehen,  aus
welchen  Gründen  es  wolle,  Thatsache  ist,  daß  die  Sozialdemokraten  nie  in
die  Lage  kommen,  anders  zu  stimmen  als  wie  das  Centrum.  (Widerspruch
im  Centrnm.  Ruf:  Ohol)  Es  muß  so  lange  her  sein,  daß  mir  kein  Fall
erinnerlich  ist.  (Zuruf:  Getreidezölle!l)  In  der  polnischen  Frage  —  ich  bekümmere
  mich  ja  mehr  um  das  Auswärtige  als  um  das  Innere  —  in  der
polnischen  Frage,  in  der  bulgarischen  Frage  waren  sie  einig,  da  hätten  die
Sozialdemokraten  beinahe  sogar  die  Führung  übernommen,  aber  doch  immer
        <pb n="50" />
        —  48  —

gestützt  auf  die  „Germania“,  die  doch  nicht  ganz  ohne  Fühlung  mit  dem
Centrum  sein  kann,  sonst  wäre  die  Reputation,  deren  sich  dies  Blatt  erfreut,
eine  sehr  ungerechte.  Aber  in  allen  auswärtigen  Fragen,  wo  die  Sicherheit
und  das  Ansehen  des  Reichs  am  meisten  interessirt  ist,  da  haben  die  Sozialdemokraten
  nie  einen  Anlaß  gehabt,  einen  anderen  Weg  zu  gehen,  als  ihnen
vom  Centrum  vorgezeichnet  war.  Ist  das  nicht  richtig?  Ist  das  nicht  jetzt
wieder  der  Fall!  Es  mag  in  einzelnen  Fällen  vorgekommen  sein,  daß  sie
dissentirt  haben;  aber  ich  kann  mich  im  Augenblicke  keines  Falles  erinnern,
wo  die  Opposition  des  Centrums  gegen  die  Regierung  von  der  Art  gewesen
wäre,  daß  die  Sozialdemokraten  sie  nicht  hätten  mitmachen  können,  oder  wo
das  Centrum  der  Regierung  so  nahe  getreten  wäre,  sie  zu  unterstützen,  daß
die  Sozialdemokraten  einen  anderen  Weg  gegangen  wären.  Klären  wir  uns
einmal  darüber  auf;  ich  lasse  mich  ja  gern  belehren.  (Zuruf:  Zöllel)  —
Die  Zölle  haben  die  Sozialdemokraten  zum  Theil  mit  bewilligt.  (Widerspruch.)
—  Das  thut  mir  leid;  das  ist  aber  doch  schon  recht  lange  her.  Das  war
1878  (Zuruf:  18841)  —  Ich  glaube,  es  war  1878  oder  1879,  und  wir  schreiben
jetzt  1887.  Also  wenn  Sie  kein  neueres  Datum  mir  anzuführen  wüßten,  —
—  (Zuruf:  18841)  Wir  wollen  das  Zwiegespräch  nicht  fortsetzen,  das  möchte
den  Herrn  Präsidenten  beunruhigen.  Ich  behaupte  nur,  daß  ich  persönliche
Anfechtungen  gegen  den  Herrn  Abgeordneten  Windthorst  gestern  nicht  gemacht
habe;  ich  habe  ihn  nur  als  Centrumspartei,  als  Opposition  im  Allgemeinen
genannt;  ich  sehe  in  ihm  die  Negation  verkörpert,  und  das  habe  ich  nur  bezeichnen
  wollen.

Dann  hat  er  mir  gesagt,  er  habe  keine  Ambition,  Minister  zu  sein.
Ja,  ich  klebe  immer  noch  etwas  an  den  ersten  Traditionen,  die  ich  auf  der
Univerfität  eingesogen  habe  über  die  Kriterien  eines  konstitutionellen  Regiments,
  das  ja  hauptsächlich  nach  englischem  Muster  sich  richtete  —  es  ist
schon  lange  her;  da  wurde  im  Allgemeinen  der  Grundsatz  aufgestellt:  man
hat  nur  insoweit  das  Recht,  Opposition  zu  machen,  als  man  bereit  ist,  wenn
die  Regierung  sich  nicht  darauf  einläßt  oder  deshalb  zurücktritt,  die  Regierung
selbst  zu  übernehmen.  Das  mag  ja  heute  nicht  mehr  gelten.  Der  Herr  Abgeordnete
sagt,  er  hat  nicht  den  Ehrgeiz,  Minister  zu  werden;  aber  er  hat  vielleicht  doch
den  Ehrgeiz  oder  die  Absicht,  denen,  die  es  sind,  das  Gewerbe  möglichst  zu  erschweren;
  wenn  er  dabei  sich  ganz  außer  Stande  fühlt,  es  seinerseits  besser  zu
machen  und  absolut  darauf  verzichtet,  so  ist  es  eigentlich  kein  gemeinnütziges  Gewerbe,
  nur  den  öffentlichen  Dienst  zu  erschweren,  ohne  in  sich  die  Fähigkeit  und  die
Absicht  zu  verspüren,  es  jemals  besser  zu  machen.  Wenn  ich  mich  darauf
berufe:  werden  Sie  doch  Minister  an  meiner  Stelle,  —  so  habe  ich  nur
sagen  wollen:  Ich  werfe  ihnen  die  unkonstitutionelle  Auffassung  vor,  daß  Sie
es  für  erlaubt  halten,  einem  Minister  in  Lebensfragen,  wie  diese  ist,  so  das
Leben  schwer  zu  machen,  ihn  vielleicht  in  die  Unmöglichkeit  einer  Weiterführung
  der  Geschäfte  zu  versetzen,  ohne  daß  Sie  —  die  Fähigkeit  ist  ja  bei
dem  Herrn  Vorredner  vorhanden  —  die  mindeste  Lust  verspüren,  die  Bürde,
        <pb n="51" />
        —  49  —

die  Sie  dem  Anderen  unerträglich  machen,  ihm  nachher  abzunehmen.  (Zuruf
aus  dem  Centrum:  Wollen  noch  darüber  sprechen!)

Dann  hat  der  Herr  Abgeordnete  eine  Bürgschaft  übernommen,  die  ich
doch  nicht  in  meiner  amtlichen  Stellung  acceptiren  kann:  das  ist  die  Bürgschaft
  für  die  Friedensliebe  Frankreichs.  Er  hat  offen  erklärt,  daß  die  uns
nicht  angreifen  werden.  Nun,  er  mag  ja  die  französischen  Verhältnisse  und
Neigungen  durch  die  vielen  Quellen,  die  ihm  seine  katholischen  Beziehungen
geben,  vielleicht  genauer  kennen  als  ich;  aber  sind  diese  Quellen  auch  ihrerseits  vollständig
  gut  unterrichtet,  daß  sie  die  Stimmung  dort  kennen?  Ist  es  nicht  vielleicht
mehr  das  geistliche  und  gläubige  Frankreich,  mit  dem  er  Beziehungen  haben  kann;
das  amtliche  Frankreich,  wie  es  augenblicklich  beschaffen  ist,  ist  ja  auch  friedlich
gesinnt.  Ich  habe  da  mehr  mein  eigenes  Urtheil,  ich  möchte  sagen  naturwissenschaftliches
  und  historisches  Urtheil  über  das  Naturell  der  Franzosen.
Ich  glaube,  wie  ich  gestern  schon  sagte,  daß  sie  uns  angreifen,  wenn  sie  entweder
  des  Sieges  sicher  zu  sein  glauben,  oder  wenn  sie  finden,  daß  sie  im
Inlande  nicht  mehr  aus  noch  ein  wissen  und  versuchen  wollen,  wenn  sie  mit
dem  patriotischen  Sturm  auf  das  Ausland  losgehen,  ob  das  ihnen  nicht  eine
stärkere  Haltbarkeit  ihrer  heimischen  Zustände  wieder  verleiht.  Es  ist  ja  schon
mancher  Krieg  gemacht  in  der  Absicht,  die  inneren  Verhältnisse  zu  befestigen,
warum  sollten  die  Franzosen  das  nicht  auch  thun?  Der  Herr  Abgeordnete
Windthorst  ist  der  Meinung,  das  sei  nicht  der  Fall.  Wenn  es  nun  doch  geschieht,
  was  thun  wir  mit  ihm?  Sollen  wir  ihn  den  Franzofen  ausliefern?
(Heiterkeit.)

Jedenfalls  ist  er  dann  verantwortlich.  Er  hat  dann  trotz  aller  Proteste
wieder  in  der  Frage,  ob  die  Franzosen  gefährliche  Gegner  für  uns  wären,
es  besser  gewußt  als  Graf  von  Moltke;  er  hat  wieder  gesagt:  sie  sind  vollständig
ungefährlich.  Der  Herr  ist  immer  entrüstet,  wenn  ich  ihm  sage,  er  glaube
die  Sache  militärisch  besser  zu  verstehen,  in  welcher  ich  mir  kein  Urtheil  anmaße.
  Wenn  Graf  von  Moltke  mir  sagt,  wir  sind  wohl  sicher,  die  Franzosen  zu
schlagen,  so  bescheide  ich  mich;  wenn  er  mir  aber  sagt:  es  ist  doch  nützlich,
wenn  wir  uns  etwas  stärker  machen,  wir  können  nicht  wissen,  es  ist  eine
ganz  ausgezeichnete  Armee,  hat  sich  sehr  gut  im  Felde  geführt,  wir  müssen
unsere  Verstärkung  im  Auge  haben,  so  glaube  ich  ihm  auch,  und  ich  möchte
gern  den  Herrn  Abgeordneten  zu  demselben  Maße  von  Bescheidenheit  auf
militärischem  Gebiet  herunterdrücken,  das  ich  habe.

Dann  hat  der  Herr  Abgeordnete  mir  vorgeworfen,  ich  hätte  die  Karolinenfrage
  einmal  für  sehr  wichtig  gehalten,  und  dann  hätte  ich  sie  eine  Lumperei
genannt.  Der  Herr  Abgeordnete  verwechselt  dabei  zwei  Dinge,  die  ja  heute
zusammengehören,  die  aber  damals  nach  meiner  Meinung  nicht  zusammengehörten:
  das  find  die  Karolinen  und  Spanien.  Ich  halte  die  Karolinen
noch  heute  für  eine  Lumperei;  das,  was  wir  dort  erwarten  und  erstreben
konnten,  war  ein  Geschäft  von  ungefähr,  ich  glaube  mich  zu  erinnern,  60000
Mark  jährlich.  Die  deutschen  Kaufleute,  die  da  waren,  setzten,  entweder  Einer
oder  Alle  zusammen,  60000  Mark  oder  vielleicht  120000  Mark  um;  —  wieviel

4
        <pb n="52" />
        —  50  —

dabei  reiner  Gewinn  war,  weiß  ich  nicht.  Wegen  dieser  Sache  mit  Spanien
Krieg  zu  führen,  wäre  mir  nie  im  Traume  eingefallen,  und  hätten  wir  eine
Ahnung  haben  können,  daß  Spanien,  welches  1877  amtlich  zugegeben  hatte,
auf  unsere  und  die  Anfrage  Englands  amtlich  erklärt  hatte,  daß  es  keinen
Anspruch  auf  die  Karolinen  mache,  —  hätten  wir  ahnen  können,  daß  Spanien
mit  seinem  Anspruch  plötzlich  hervortreten  würde,  so  hätten  wir  von  diesem
ziemlich  werthlosen  Besitz,  —  es  war  das  Geschäft  zweier  Handelshäuser,  —
die  Finger  gelassen.  Denn  ein  Krieg  mit  Spanien  ist  zwar  nicht  gefährlich
für  unsere  innere  Sicherheit,  wir  wohnen  zu  weit  von  einander  entfernt,  aber
es  wäre  doch  immer  eine  sehr  kostspielige  Sache  gewesen,  und  unser  Handel
mit  Spanien,  der  sehr  erheblich  ist,  hätte  sehr  darunter  gelitten.  Also  ich
bezeichne  die  Karolinen  noch  heute  als  eine  Lumperei,  und  gerade  weil  es
eine  Lumperei  ist,  habe  ich  mit  Spanien  deshalb  Frieden  haben  und  den
Krieg  nicht  herbeiführen  wollen.  Weil  Spanien  die  Sache  aus  einem  sehr
viel  höheren  Tone  nahm,  als  wir  voraussetzen  konnten  und  uns  zum  Theil
durch  Verletzungen  und  Beleidigungen  das  Erhalten  des  Friedens  sehr  erschwerte,
  —  nach  französischen  Traditionen  hätte  man  vielleicht  einen  vollen
Kriegsanlaß  daraus  genommen,  —  haben  wir  uns  an  die  Weisheit  und
Friedensliebe  Seiner  Heiligkeit  des  Papstes  gewendet,  und  der  hat  uns  vertragen
  und  auseinandergesetzt.  Dadurch  sind  wir  die  Lumperei  der  Karolinen
allerdings  wieder  los  geworden,  aber  wir  sind  dadurch  der  sehr  wichtigen
Frage  der  Möglichkeit  eines  Krieges  mit  Spanien,  in  dem  wir  nichts  weiter
zu  gewinnen  hatten,  als  eben  die  Interessen  der  Firma  Gernsheim  und  irgend
einer  anderen,  aus  dem  Wege  gegangen.  Das  war  durchaus  eine  sehr  ernsthafte
  Sache,  für  die  wir  dankbar  sein  können.  Ich  weiß  nicht,  warum  der
Herr  Vorredner  diese  Sache  wieder  aufgewärmt  hat.  Er  stand  da  wieder  in
Sympathie  mit  einer  anderen  sonst  nicht  reichsfreundlichen  Partei,  der  Volkspartei.
  Ich  glaube,  der  Herr  Abgeordnete  Payer  war  derjenige,  der  auch
von  den  Karolinen  sprach,  wenn  ich  nicht  irre,  bei  der  ersten  Diskussion;
ich  erinnere  mich,  das  gelesen  zu  haben.  Also  der  Führer  dieser  bunten  gesammten
  Opposition,  dieses  Konsortiums,  hat  doch  Fühlung  mit  allen  einzelnen
  Theilen  seines  Heeres,  und  so  auch  mit  der  Volkspartei  hier  wieder  bei
den  Karolinen.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  auch  mit  einem  gewissen  Pathos,  das
mir  bewies,  daß  er  darauf  Werth  legte,  gesagt,  wir  scheuten  das  Zusammenleben
  mit  den  Arbeitern,  und  hat  dadurch  einen  gewissen  sozialistischen  Ton
angeschlagen,  den  wir  neuerdings  in  den  Zeitungen,  besonders  in  der  „Germania“,
  gefunden  haben.  In  der  „Germania“  geht  es  ja  bis  zum  Hetzen
zum  Klassenhaß.  Ich  hatte  den  Eindruck,  daß  der  Herr  Abgeordnete,  als  er
das  sagte,  sich  im  Augenblick  vielleicht  um  einige  Wochen  irrte  und  schon  zu  seinen
Wählern  zu  sprechen  glaubte,  daß  er  die  Arbeiterfrage  nur  einschieben  wollte,
weil  die  Arbeiter  eine  ganze  Menge  Stimmen  haben.  Er  sagte,  wir  scheuten  das
Zusammenleben  mit  den  Arbeitern.  Nun,  meine  Herren,  ich  sehe  gewöhnlich,
in  jedem  Jahre  glaube  ich,  mehr  Arbeiter  und  spreche  mehr  Worte  mit
        <pb n="53" />
        —  51  —

Arbeitern  als  mit  anderen  Menschen,  wenn  ich  den  Reichstag  vielleicht  ausnehme.
  Wenn  ich  auf  dem  Lande  bin,  wo  ich  lange  lebe,  so  giebt  es  keine
Arbeiterwohnung,  die  mir  unbekannt  wäre;  die  meisten  Arbeiter  kenne  ich
persönlich  und  spreche  mit  ihnen  persönlich,  und  ich  scheue  die  Berührung
mit  ihnen  gar  nicht.  Es  giebt  keinen  Arbeiter,  der,  wenn  ich  komme,  nicht
auf  die  Schwelle  tritt,  mir  vertraulich  die  Hand  giebt,  mich  bittet,  hereinzukommen,
  einen  Stuhl  abwischt  und  wünscht,  daß  ich  mich  setzen  möchte.
Ich  kenne  deshalb  auch  die  Stimmung  der  Arbeiter  ziemlich  genau.  Die
Frage,  wieviel  Geld  das  Heer  kostet,  habe  ich  von  ihnen  nie  berühren  gehört.
Das  aber  kann  ich  Sie  versichern,  soweit  ich  sie  kenne:  für  die  Sicherheit
des  Reiches  einzustehen  mit  dem  Gewehr  in  der  Hand  und  zu  kommen  auf
des  Königs  Ruf,  jedesmal,  wo  er  sie  ruft,  dazu  sind  sie  alle  bereit,  jeden
Tag  und  alle  ohne  Ausnahme.  (Bravol)  Sie  beurtheilen  unsere  Arbeiter
ganz  falsch,  wenn  Sie  glauben,  daß  sie  diese  Finasserien  über  den  Gewinn
von  parlamentarischem  Uebergewicht  begreifen,  und  daß  es  ihnen  lieber  ist
von  der  parlamentarischen  Oppositionsführung,  von  den  Herren  Windthorst
und  Richter,  beherrscht  zu  werden  als  von  der  Regierung  des  Königs.  Das
find  alles  Irrthümer,  und  das  haftet  bei  den  Leuten  auch  nicht;  das  kommt
ihnen  nicht  durch  die  äußere  Haut.  Sie  müssen  die  Arbeiter  nicht  nach  den
paar  Führern  beurtheilen,  die  von  der  Beredsamkeit  ihre  Stellung  herleiten,
und  die  sich  Arbeiter  noch  nennen,  aber  längst  nicht  mehr  sind;  das  find  nur
Arbeiter  in  Stiftung  von  Unfrieden,  aber  ihr  Handwerk  haben  sie  längst
aufgegeben  —  eigentliche  Arbeiter  sind  sie  nicht  mehr.

Nun  hat  mir  der  Herr  Vorredner  vorgeworfen,  daß  ich  gestern  die
Todten  noch  beunruhigt  hätte  —  auf  eine  für  die  siegende  Seite  wenig
chevalereske  Weise,  indem  ich  den  Schatten  des  Königs  Georg  zitirt  hätte.
Er  hat  gethan,  als  wenn  ich  das  muthwillig  herbeigebracht  hätte,  und  hat
gesagt,  er  würde  das  nicht  zur  Sprache  bringen,  wenn  er  nicht  angegriffen
wäre.  Ja,  ich  habe  ihn  gar  nicht  angegriffen.  Ich  habe  nur  die  Folgen
geschildert,  die  eine  volle  Niederwerfung  des  Deutschen  Reiches  durch  die
Franzosen  haben  würde,  und  habe  unter  den  Folgen  die  Wiederherstellung
des  Königreichs  Hannover  genannt.  Das  ist  doch  das  Wahrscheinlichste  und
Nächstliegende,  was  die  Franzosen  thun  würden,  um  das  Deutsche  Reich  in
seinem  Zusammenhange  und  Preußen  als  Hauptglied  des  Reiches  zu  schwächen.
Auch  Holstein  würden  wir  wieder  abtreten  müssen  und  einiges  Andere.
Darauf  hat  der  Herr  Abgeordnete  in  seiner  Rede  gesagt,  ich  sollte  ihm  irgend
einen  Hannoveraner  nennen,  der  jemals  beabsichtigen  könnte,  mit  den  Franzosen
  zusammen  gegen  Deutschland  zu  marschiren.  Da  habe  ich  ihm  zugerufen:
König  Georg  V.  Der  Herr  Abgeordnete  hat  mich  provozirt,  er  hat  das
Bedürfniß,  jedesmal  seinerseits  tapfer  für  sein  Welfenthum  einzutreten.  Er
hat  gesagt:  nennen  Sie  mich  immerhin  einen  Welfen,  ich  bin  stolz  darauf.
Ich  acceptire  die  Erlaubniß  und  werde  ihn  in  Zukunft  immer  einen  Welfen
nennen  und  für  einen  Welfen  halten.  Er  hat  angedeutet,  als  ob  durch
meine  Aeußerung  die  Verdienste  des  10.  Armeekorps  irgendwie  geschmälert

4
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        —  52  —

würden,  die  diese  ausgezeichnete,  tapfere  Truppe  sich  im  Kriege  erworben  hat.
Ja,  meine  Herren,  das  ist  doch  auch  wohl  nur  gesagt,  um  eine  Unzufriedenheit
  Anderer  und  vielleicht  des  10.  Armeekorps  zu  erregen,  was  nicht  gelingen
  wird.  Die  Thaten  des  10.  Armeekorps  find  ja  ganz  andere;  sie
bewegen  sich  in  einer  ganz  anderen,  reichstreuen  Richtung,  als  die  Haltung
der  Welfenpartei,  sowohl  hier  im  Hause  als  im  Lande.  Das  10.  Armeekorps,
  die  Hannoveraner  im  Ganzen,  sind  eine  Stütze  des  Reiches;
das  kann  ich  doch  von  der  Welfenpartei  hier  im  Hause  nicht  sagen,
und  ich  habe  Vorwürfe  über  diese,  wie  sie  der  Herr  Abgeordnete  vorgebracht,
  gar  nicht  gemacht.  Ich  habe  nur  Thatsachen  angeführt,  und  die
Thatsachen  sind  ganz  unwiderlegbar.  Die  Vertheidigung  war  vielmehr  auf
meiner  Seite.  Herr  Windthorst  hat  die  Neigung  der  Hannoveraner,  ich
meine  das  hannoversche  Haus,  sich  durch  Frankreich  wieder  in  den  Besitz
setzen  zu  lassen,  damit  entschuldigt,  daß  wir  die  Verhandlungen  mit  dem
König  Georg  in  Nikolsburg  und  hier  in  Berlin  schnöde  abgewiesen  hätten.
Nun,  das  Wort  „schnöde"  hat  der  Herr  Präsident  schon  monirt.  Wir  haben
sie  abgewiesen,  das  ist  richtig;  aber  noch  viel  —  ich  will  nicht  sagen  schnöder,
aber  schärfer  sind  unsere  Bestrebungen  abgewiesen  worden,  im  Frühjahre  1866
mit  Hannover  zu  verhandeln.  Wir  haben  der  hannoveranischen  Regierung,
dem  König  Georg,  damals  angeboten:  Wir  sehen  den  Krieg  voraus  mit
Oesterreich,  versprecht  uns  neutral  zu  bleiben,  dann  habt  Ihr  das  Wort  des
Königs  von  Preußen,  daß  Euch  nichts  geschieht;  wir  verlangen  nicht  Euren
Beistand,  wir  verlangen  nicht,  das  Verhältniß  im  7  jährigen  Kriege  zu
wiederholen,  —  wo  die  hannoveranischen  Truppen  an  unserer  Seite  gefochten
haben,  —  wir  verlangen  nur  Euer  Wort,  daß  Ihr  still  sitzen  wollt,  dann
werden  wir  Euer  Territorium  respektiren  und  Euch  als  neutrale  Macht
betrachten,  und  der  Krieg  mag  ausfallen  wie  er  will,  Ihr  werdet  sicher  sein,
in  Eurem  Besitz  zu  bleiben.  Es  wurde  darauf  eingegangen,  und  das
Verhältniß  war  eine  Zeit  lang  sogar  so  freundlich,  daß  eine  Verlobung
einer  hannoverschen  Prinzessin  mit  einem  preußischen  Prinzen  im  ersten
Frühjahr  1866  in  Verhandlungen  mit  dem  Grafen  Platen,  der  damals  mich
zu  diesem  Zwecke  besuchte,  geplant  wurde  und  so  weit  zu  Stande  kam,  daß
die  jungen  Herrschaften  sich  bloß  noch  einmal  sehen  sollten,  um  zu  entscheiden,
ob  sie  sich  konvenirten.  So  vertraut  und  freundschaftlich  war  unser  Verhältniß.
Da  kamen  plötzlich  verschiedene  einflußreiche  Persönlichkeiten  —  ob  mit  oder
ohne  Auftrag  von  Wien,  das  weiß  ich  nicht  —,  die  den  König  Georg
umgestimmt  haben.  Er  fing  an  zu  rüsten  und  Truppen  auszuheben  (Abg.
Dr.  Windthorst:  Im  Generalstabswerk  steht's  anders!),  in  der  Absicht,
seine  Armee  zu  verstärken,  eine  Absicht,  die  mit  der  Neutralität  nicht  verträglich
  war.  Wir  erkundigten  uns  nach  den  Gründen  —  es  war  im
Frühjahr  —,  und  es  wurde  uns  geantwortet,  wegen  der  möglicherweise
bevorstehenden  Theuerung  der  Preise  wollte  man  statt  des  Herbstmanövers
ein  Frühjahrsmanöver  machen;  —  Sie  kennen  die  bekannte  Phrase:  zum
Frühjahr  wird  der  alte  Fritz  ein  Herbstmanöver  machen,  —  und  so  wurde
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        —  53  —

uns  auch  damals  geantwortet.  Die  Antwort  kann  ich  wohl,  ohne  zu  weit
zu  gehen,  eine  schnöde  nennen.  Inzwischen  war  ein  hoher  Herr  und  Verwandter
  des  hannoverschen  Hauses  nach  Hannover  gekommen  und  hatte  dort
Anerbietungen  gemacht,  auf  die  ich  nicht  zurückgreifen  will,  hatte  von
800  000  Oesterreichern  gesprochen  und  hatte  den  König  überzeugt,  daß  der
österreichische  Sieg  ganz  sicher  sein  würde.  Er  hatte  gesagt:  wer  weiß,  wie
es  ausfällt,  wenn  die  Oesterreicher  siegen,  —  während  wir  sagten:  wenn
Ihr  mit  Preußen  geht,  oder  auch  nur  neutral  bleibt,  —  denn  mehr  als  das
verlangen  wir  nicht  —  so  seid  ihr  ja  ganz  sicher  nach  dem  Ausgange.
Einen  Bundesgenossen  und  ebenso  sehr  einen  Neutralen,  der  das  Wort  des
Königs  hat,  kann  Preußen  ja  gar  nicht  anfassen  und  wird  es  auch  nicht;
mit  dem  muß  es  nachher  unterhandeln;  unterliegen  wir,  dann  könnt  ihr
immer  sagen:  so,  wie  wir  nach  der  geographischen  Lage  von  Hannover
zwischen  Magdeburg  und  Minden  liegen,  war  es  uns  ganz  unmöglich,  wir
haben  die  Neutralität  acceptiren  müssen.  Das  konnte  dem  König  von
Hannover  niemand  zum  Vorwurf  machen.  Nichtsdestoweniger  hat  man
Neigung  gehabt,  über  uns  herzufallen,  und  vielleicht  in  der  Absicht  —  die
Zeugen,  die  ich  dafür  habe,  kann  ich  nicht  nennen,  deshalb  will  ich  es  nicht
sicher  behaupten  —,  eine  territoriale  Vergrößerung  im  Falle  des  Unterliegens
Preußens  zu  gewinnen.  In  der  Absicht  hat  man  sich  schließlich  auf
österreichische  Seite  gestellt.

Nun,  das  nenne  ich  in  der  That  eine  doch  wenigstens  unfreundliche
Zurückweisung  und  insbesondere,  nachdem  die  Verhandlungen  einmal  so  weit
gediehen  waren,  daß  wir  glaubten,  der  Neutralität  sicher  zu  sein,  und  nahe
daran  waren,  unsere  fortdauernde  Freundschaft  durch  eine  Familienverbindung
zu  befestigen.  Gerade  wenn  man  in  der  geographischen  Lage  des  Königreichs
Hannover  war,  so  mußte  man  Preußen  nicht  in  diese  Versuchung  führen.
Es  war  ganz  ähnlich  mit  Sr.  Hoheit  dem  Herzog  von  Nassau,  der  eine
Politik  führte,  die  überall  möglich  gewesen  wäre,  nur  nicht  unter  den  Kanonen
von  Ehrenbreitstein.  Auch  die  Politik,  wie  sie  Hannover  führte,  eine  aktiv
gegen  Preußen  eingreifende  Politik,  war  überall  möglich,  nur  nicht  zwischen
Minden  und  Magdeburg,  in  unserem  Rücken,  während  wir  mit  Oesterreich
zu  thun  hatten.  Es  ist  da  wenigstens  nicht  klug  operirt  worden.  Ich  habe
zu  all  diesen  nachträglichen  historischen  Reminiszenzen  gar  keinen  Anlaß,  als
den  starken  Ausdruck  sittlicher  Entrüstung,  den  ich  hier  vorhin  auf  der  Tribüne
gehört  habe,  und  der  mich  wenig  berührt  hat.

Nun,  meine  Herren,  kann  ich  Ihnen  nach  diesem  Exkurs,  in  dem  ja  viele
Wiederholungen  find  von  dem,  was  ich  gestern  gesagt  habe  nur  nochmals
die  dringende  Bitte  aussprechen:  Entschließen  Sie  sich,  schon  in  der  zweiten
Lesung  die  volle  Vorlage  mit  dem  Septennat  anzunehmen.  Ich  wiederhole
Ihnen,  daß  wir  das,  was  der  Abgeordnete  Windthorst  „jeden  Mann  und
jeden  Thaler“  nennt,  auch  dann  auf  drei  Jahre  nicht  annehmen  würden
wenn  das  eine  wirkliche  Wahrheit  wäre,  daß  wir  jeden  Mann  und  jeden
Thaler  erhalten,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  wir  nicht  das  Beispiel
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        —  54  —

geben  wollen,  Kompromisse,  die  einmal  beschlossen  sind,  wieder  zu  lösen  und
zu  verlassen;  wir  wollen  Sie  auf  diesem  Wege  nicht  ermuthigen,  und  wir
wollen  die  Anlässe  zu  Konflikten  und  Verstimmungen  nicht  häufen.

Die  Auflösung  eines  Reichstags  ist  ja  ein  vollständig  verfassungsmäßiges
Mittel.  (Zuruf.)  Wenn  der  Abgeordnete  Windthorst  sagt,  daß  ich  dabei
Leute  zu  erreichen  hoffte,  die  zu  allem  Ja  sagen,  was  ich  wünsche,  so  macht
er  den  Wählern  ein  falsches  Bild  von  meinen  Wünschen.  Ich  glaube,  ich
habe  mich  nie  in  der  Welt  als  einen  unhbilligen,  und  bis  zur  thörichten  Ueberhebung
  unbilligen  Menschen  gezeigt,  und  bei  jedem,  der  mich  kennt,  wird  der
Abgeordnete  Windthorst  mit  dieser  Charakteristik  von  meiner  Person  keinen
Glauben  finden.  Ich  habe  mit  der  konfervativen  Partei  ja  manchen  Strauß
gehabt,  und  die  Galle  ist  mir  in  meinem  Leben  sehr  viel  öfter  übergegangen
über  meine  Freunde  als  über  meine  Gegner;  aber  nichts  destoweniger  habe
ich  mich  nie  dazu  veranlaßt  gesehen,  irgend  Jemanden  wegen  Meinungsverschiedenheiten
  Vorwürfe  zu  machen.  Ich  glaube  im  Gegentheil,  die  Herren
Führer  der  Opposition  sind  durch  den  blinden  Gehorsam,  den  sie  als  Herrscher
über  gebogene  Knieen  in  ihren  Fraktionen  zu  finden  gewohnt  sind,  ihrerseits
so  verwöhnt  (Oho!l  links  und  im  Zentrum),  daß  sie  auch  den  Widerspruch
der  Regierung  nicht  mehr  vertragen.  Ich  bin  vielleicht  der  einzige  Mensch,
der  im  Laufe  des  ganzen  Jahres  es  wagt,  dem  Abgeordneten  Windthorst  zu
widersprechen.  (Große  Heiterkeit.)  Ist  hier  im  Reichstage  irgend  Einer,  der
die  Kourage  dazu  hat,  außer  den  Sozialdemokraten?  Diese  haben  den  Muth,
aber  von  den  Uebrigen  sind  Alle  in  der  Furcht  vor  dem  Herrn  Parteichef,
und  der  ist  seinerseits  keinen  Widerspruch  gewohnt  und  geräth  in  Zorn  und
sittliche  Entrüstung,  nur  weil  ich  anderer  Meinung  bin  als  er  über  die  Auflösung.
  Darum  keine  Feindschaft!  Kommen  Sie  Alle  wieder,  dann  werden
wir  uns  ganz  dieselben  Reden  über  drei  Monate  hier  halten,  die  wir  heute
gehalten  haben;  aber  die  Ueberzeugung  der  verbündeten  Regierungen  und
ihre  feste  Entschlossenheit  in  Bezug  auf  die  Wehrhaftigkeit  des  Volkes,  die
sie  für  nothwendig  halten,  nicht  um  ein  Haarbreit  nachzulassen,  wird  in  drei
Monaten  dieselbe  sein  wie  heute.  (Lebhaftes  Bravo  rechts.)

Die  weitere  Berathung  wurde  hierauf  vertagt  und  die  Sitzung
nach  einigen  persönlichen  Bemerkungen  goeschlossen.

Die  Berathung  wurde  in  der  20.  Sitzung  des  Deutschen  Reichstages,
  am  Donnerstag,  den  13.  Januar  1887,  zu  Ende  geführt.
Nach  Eröffnung  der  Sitzung  erhielt  das  Wort  der  Abgeordnete  Graf
von  Moltke  und  sprach  Folgendes:

Nur  eine  kurze  Bemerkung.  Es  scheint,  daß  die  wenigen  Worte,  welche
ich  in  der  Sitzung  vom  11.  Januar  gesprochen  habe,  eine  verschiedene  Auffassung
  gefunden  haben.  Ich  habe  meine  Befriedigung  darüber  ausgesprochen,
daß  keine  von  den  größeren  Parteien  hier  im  Hause  der  Regierung  verweigern
  will,  was  sie  zur  Vertheidigung  des  Landes  als  nöthig  verlangt,
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        —  55  —

und  daß  sonach  nur  noch  die  Zeitfrage  in  Betracht  komme.  Diese  Aeußerung
gründet  sich  auf  die  Erklärung  des  Führers  der  zahlreichsten  Partei  im
Hause,  welcher  erklärte,  daß  diese  Partei  bereit  sei,  den  letzten  Mann  und
Groschen  zu  bewilligen;  dann  aber  habe  ich,  nach  Ausweis  des  stenographischen
  Berichts,  sogleich  hinzugefügt,  daß  die  Bewilligung  auf  kurze
Zeit,  auf  ein,  auf  drei  Jahre  uns  nichts  nützt  (Hört!  Hört!  rechts),  daß
neue  Formationen  erst  im  langen  Laufe  der  Jahre  wirksam  werden,  daß
die  Stabilität  und  Dauer  die  Grundlage  aller  militärischen  Organisationen
bilde.  Es  kann  also  nicht  zweifelhaft  sein,  daß  ich  der  Ansicht  bin,  daß
mindestens  eine  siebenjährige  Dauer  nothwendig  ist.  (Beifall  rechts.)

Diesem  Redner  folgte  der  Abgeordnete  v.  d.  Decken,  nach  welchem
der  Abgeordnete  Eugen  Richter  das  Wort  zu  einer  sehr  langen
Rede  nahm,  in  welcher  er  in  seiner  bekannten  Weise  den  Reichskanzler
angriff  und  sich  angesichts  der  drohenden  Auflösung  des  Reichstages
mit  der  Hoffnung  tröstete,  daß  eine  nicht  ferne  Zukunft  ihm  und  seiner
Partei  gehören  und  daß  für  die  Sache  der  Deutschfreisinnigen  der  Tag
des  Sieges  erscheinen  werde.  Nach  ihm  beleuchtete  der  Abgeordnete
Buhl  unter  treffenden  Schlaglichtern  auf  den  Abgeordneten  Richter
die  Entwickelung  der  Dinge  in  der  Kommission  und  im  Hause  und
bat  schließlich  im  Interesse  des  europäischen  Friedens  und  der  ruhigen
Entwickelung  unserer  inneren  Verhältnisse  der  Regierungs-Vorlage  voll
und  ganz  zuzustimmen.

Hierauf  ergriff  der  Reichskanzler  Fürst  von  Bismarck  das
Wort.  Derselbe  äußerte  sich,  wie  folgt:

Der  Herr  Abgeordnete  Richter  hat,  wie  ich  vernehme,  in  seiner  heutigen
Aeußerung,  die  ich  zu  meinem  Bedauern  nicht  gehört  habe,  gesagt,  es  wäre
nicht  wahr,  daß  in  der  bulgarischen  Frage  im  letzten  Herbst  die  Presse  der
verschiedenen  Oppositionsparteien  die  Regierung  beschimpft  hätte  wegen
ihrer  friedlichen  Politik;  es  sei  Entstellung,  daß  die  Presse  zum  Kriege  mit
Rußland  aufgefordert  hätte.  Er  hat  ferner  gesagt  —  nach  meiner  Version
—:  der  Reichskanzler  ist  der  bulgarischen  Justiz  durch  eine  diplomatische
Note  in  die  Arme  gefallen,  um  zu  verhindern,  daß  die  Hochverräther  u.  f.  w.

Nun,  diese  Aeußerungen  nöthigen  mich,  Ihre  Zeit,  die,  wie  ich  glaube,
ja  sehr  kostbar  und  gemessen  ist  (Heiterkeit),  doch  mit  retrospektiven  Mittheilungen
  in  Anspruch  zu  nehmen,  die  ich  ursprünglich  nicht  beabsichtigt
habe.  Ich  erlaube  mir  hiermit,  der  Oeffentlichkeit  diejenigen  amtlichen  Depeschen
  zu  übergeben,  die  wir  in  Bezug  auf  das  „in  den  Arm  fallen  der
Justiz“  damals  mit  Sofia  gewechselt  haben.  Das  eine  ist  eine  Instruktion
aus  Berlin  vom  1.  September  an  Herrn  v.  Saldern  in  Sofia:

Suchen  Sie  nach  Möglichkeit  zu  hindern,  daß  Hinrichtungen
stattfinden.  Die  friedliche  Erledigung  der  Krisis  würde  durch
solche  wesentlich  erschwert  werden.

Das  ist  alles,  und  das  ist  ungefähr  in  der  Hauptsache  auch  alles
geblieben.
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        —  56  —

Die  Antwort  darauf,  unterzeichnet:  Freiherr  v.  Thielmann,  lautet:
Sofia,  den  20.  September  1886.

Ich  habe  die  erforderlichen  Schritte,  um  Hinrichtungen  zu  ver—
hindern,  gethan  und  günstige  Aufnahme  gefunden.  Jedenfalls  bis
zur  Ankunft  des  Generals  v.  Kaulbars  wird  nichts  Entscheidendes
geschehen.

Diese  Antwort  kreuzte  sich  mit  einer  diesseitigen  Mittheilung  vom
19.  September:  «

Der russische Geschäftsträger hat hier unter Mittheilung, daß
die  bulgarische  Regentschaft  die  in  der  Verschwörung  vom  21.  v.  M.
verwickelten  Offiziere  vor  ein  Kriegsgericht  stellen  und  deren  Aburtheilung
  und  Exekution  wo  möglich  noch  vor  Ankunft  des
Generals  Kaulbars  herbeiführen  will,  um  Gegenvorstellungen  in
Sofia  gebeten.

Ew.  Hochwohlgeboren  wollen  Sich,  nach  Einvernehmen  mit
Ihrem  österreichischen  Kollegen,  mündlich  im  Sinne  meiner  früheren
Weisungen  abmahnend  aussprechen.

Dann  ein  weiteres  Aktenstück,  ein  Bericht  des  Herrn  v.  Thielmann  an
mich  vom  25.  September,  aus  dem  die  Natur  seiner  Instruktion  ersichtlich
ist.  —  Nein,  erst  folgt  ein  —  ich  habe  in  der  Geschwindigkeit  die  Sachen
nicht  so  ordnen  können  —  es  kommt  eine  Aeußerung  von  hier;  die  Antwort
kommt  nachher.

Also:

Berlin,  den  25.  September.

Aus  Ihrem  Telegramm  vom  22.  d.  Mts.  hat  der  Herr  Reichskanzler
  mit  Befriedigung  ersehen,  daß  die  Gefahr  der  Ausführung
von  Hinrichtungen  —

Ausführung  unterstrichen  —
beseitigt  ist.  Der  Zweck  der  Ew.  Hochwohlgeboren  ertheilten  Instruktionen
  ist  damit  vollkommen  erreicht,  da  dieselben  von  Anfang
an  nur  die  Verhütung  von  Exekutionen  im  Auge  hatten.
—  Ich  begreife  nicht,  wie  die  Gegner  der  Todesstrafe  uns  daraus  ein  so
schweres  Verbrechen  machen  können;  ich  glaube,  die  meisten  der  Herren
waren  damals  gegen  die  Todesstrafe.  —  (Heiterkeit.)

Nach  Ihren  bisher  hier  vorliegenden  Meldungen  darf  ich  annehmen,
  daß  Sie  sich  bei  Ihren  Aeußerungen  innerhalb  dieses
Rahmens  gehalten  haben.  Um  den  falschen  Mittheilungen  ausländischer
  und  fortschrittlicher  Blätter,  daß  Sie  anders  und  schärfer
aufgetreten  wären,  entgegentreten  zu  können,  bitte  ich  Euer  Hochwohlgeboren,
  mir  ausdrücklich  schriftlich  zu  bestätigen,  daß  Sie  sich
in  Ihren  Aussprachen  genau  in  den  Grenzen  der  Ihnen  ertheilten
Weisungen  gehalten  und  sich  demgemäß  darauf  beschränkt  haben,
von  Hinrichtungen  abzurathen.

Wir  sind  auf  diese  Weise  genöthigt,  uns  schon  gewissermaßen  mit  gericht-
        <pb n="59" />
        —  57  —

lichen  Attesten  gegenseitig  vom  Ministerium  und  diplomatischen  Agenten  zu
versehen  und  zu  vergewissern  gegen  die  unglaubliche  und  alles  Maß  übersteigende
  Verlogenheit  dieser  Sorte  von  Presse.  (Sehr  richtig!  rechts.)

Darauf  erfolgte  die  Antwort  am  3  Oktober:

Auf  den  hohen  Erlaß  vom  25.  v.  M.  beehre  ich  mich  zu  erwidern,
  daß  ich  mich  genau  im  Rahmen  meiner  Instruktionen
gehalten  habe.  Irgend  welche  weitere  Anforderungen  habe  ich  der
bulgarischen  Regierung  nicht  gestellt,  sondern  mich  in  anderen  Fragen
in  Uebereinstimmung  mit  meinem  österreichischen  Kollegen  gänzlich
zurückgehalten.

Beide  Regierungen,  unsere  sowohl  wie  die  österreichische,  sind  in  dieser
Frage  ausnahmslos  Hand  in  Hand  gegangen.

Die  Hinausziehung  des  Verfahrens  ist  uns  lediglich  als
Mittel  zum  Zweck  nützlich  erschienen;  denn  wenn  jetzt  Verurtheilungen
  zum  Tode  stattgefunden  hätten,  so  wäre  bei  der  Aufregung
des  Offizierkorps  für  das  Weitere  nicht  zu  bürgen  gewesen.  Zu
Drohungen  und  zu  scharfer  Sprache  hätte  ich,  auch  wenn  ich  Auftrag
  dazu  gehabt,  nicht  einmal  Gelegenheit  gehabt,  denn  Herr
Karaweloff  ging  ohne  Weiteres  auf  meine  Anregung  ein.  Dem
Minister  des  Auswärtigen  gegenüber  habe  ich  lediglich  mein  Gespräch
  mit  Herrn  Karaweloff  wiederholt.  Herr  Stambuloff  sagte
mir  3  Tage  später  spontan,  daß  er  von  jeher  für  Amnestirungen
gewesen  sei.  (Hört,  hört!  rechts.)

Mit  anderen  Bulgaren  habe  ich  über  die  Sache  überhaupt  nicht
gesprochen.

Gez.:  von  Thielmann.

Es  ist  also  eine  gänzlich  aus  der  Luft  gegriffene  Erfindung,  die  als
Unterlage  für  viele  Entstellungen  und  Verleumdungen  der  deutschen  Regierung
  benutzt  worden  ist,  die  der  Abgeordnete  Richter  zu  meinem  Bedauern
aus  der  Presse,  in  der  er  sie  wahrscheinlich  gelesen,  reproduzirt  hat;  ihm
selbst  schreibe  ich  natürlich  diese  Erfindung  nicht  zu.

Was  dann  die  Behauptung  betrifft,  daß  die  Presse  nicht  zum  Kriege
gegen  Rußland  gehetzt  hätte,  —  ja,  da  liegt  mir  die  mir  noch  widerstrebendere
Aufgabe  vor,  einige  von  den  Artikeln,  die  ich  Ihnen  vorgestern  erspart  habe,
nun  doch  als  Ueberführungsstücke,  als  Beweisstücke  hier  in  die  Oeffentlichkeit
zu  bringen,  und  ich  behalte  mir  vor,  die  ganze  Serie  zu  veröffentlichen,  die
ich  zu  Hause  habe  —  dies  ist  vielleicht  der  zehnte  Theil  davon;  ich  habe
nicht  einmal  ausgesucht,  ich  habe  die  Zeit  dazu  nicht  gehabt,  als  ich  hörte,
daß  der  Abgeordnete  Richter  mich  en  demeure  gesetzt  habe,  auf  diese  Sache
noch  einmal  zurückzukommen.  Ich  habe  das  mitgenommen,  was  obenauf  lag;
ich  bin  überzeugt,  es  findet  sich  noch  viel  Prägnanteres.

Also  das  eine  las  ich  schon  vorgestern  vor  aus  dem  „Berliner  Tageblatt“,
daß  sie  einen  gesunden  Krieg  einem  so  krankhaften  Frieden  vorziehen.  Das.
Folgende  habe  ich  noch  nicht  vorgelesen.
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        Also  wieder  aus  der  „Freifinnigen  Zeitung“  vom  28.  August:
Weicht  man  vor  Rußland  zurück,
so  wird  der  klerikalen  „Deutschen  Reichszeitung“  aus  Berlin  geschrieben
(hört,  hört!  links)  —  der  klerikalen!  ja,  das  ist  das  Geschwisterkind  mit
der  „Germania“;  oder  nicht?  ist  die  „Germania“  nicht  einmal  klerikal?  Dann
hat  sie  gar  keinen  Werth  —  (Heiterkeit  rechts)
weil  man  im  jetzigen  Moment  keinen  Krieg  will  oder  keinen  führen
kann,  so  mögen  die  Offiziösen  es  sagen.  Zum  mindesten
aber  mögen  sie  schweigen  und  nicht  unser  Volk  in  der  Art  verwirren
  und  an  allem  irre  machen,  was  ihm  lieb  ist.

Also  nicht  zurück?  Das  wäre  der  Krieg,  wenn  man  nicht  zurückweicht,
„Weil  man  im  jetzigen  Moment  keinen  Krieg  will“  —  da  ist  doch  unzweideutig
  der  Wunsch  ausgesprochen,  daß  der  Krieg  jetzt  geführt  werden  möchte.

Dann  „Freisinnige  Zeitung“  vom  25.  Augusti:

Wenn  die  Unterwerfung  unter  den  Willen  des  Zaren  den  Weltfrieden
  bedeutet,  so  mag  das  richtig  sein.  Aber  es  giebt  eine
Grenze,  wo  diese  Unterwerfung  aufhören  muß,  und  dieser  Grenze
nähern  wir  uns  um  so  mehr,  je  mehr  die  ruffische  Herrschsucht  und
der  Panslavismus  durch  Erfolge  auf  der  Balkanhalbinsel  zu  neuen
Abenteuern  für  immer  weiter  gesteckte  Ziele  ermuntert  werden.

Also  wir  sollen  Halt  gebieten,  das  heißt  doch,  wir  sollen  Krieg  führen
mit  Rußland.  (Widerspruch  links.)  —  Glauben  Sie  denn,  daß  man  mit
solchen  vollmündigen  Phrasen  wie  „jeden  Groschen  und  jeden  Mann“  Rußland
  auf  seiner  Bahn  aufhalten,  dieses  Reich  von  100  Millionen  mit  einer
sehr  starken  Armee  einschüchtern  könne?  Die  Leute  erfahren  das  ja  gar  nicht.
sie  lesen  Ihre  Reden  gar  nicht;  das  fällt  ihnen  gar  nicht  ein.  (Heiterkeit.)

Die  „Volks-Zeitung“  vom  7.  September  sagt:

Die  türkische  Weltherrschaft  wurde  eben  nur  dadurch  gehindert,
daß  es  gegen  die  Türkei  ein  Europa  gab,  daß  vor  allem  deutsche
Schwerter  die  Türken  aus  der  gefitteten  Welt  herausschlugen,  bis
sie  in  ihrem  europäischen  Besitzstand  mehr  und  mehr  beschränkt,  der
unaufhaltsamen  Verkümmerung  verfielen.  Gegen  Rußland  besteht,
wie  die  beiden  letzten  Wochen  mit  drastischer  Unwiderleglichkeit  bewiesen
  haben,  augenblicklich  kein  Europa;  darf  es  seinen  Raubzug
nach  Konstantinopel  ungehindert  vollführen,  dann  giebt  es  für
Europa  nur  noch  eine  Alternative:  die  unumschränkte  Herrschaft
der  Knute  und  des  Rubels  oder  ein  Zeitalter  von  Kriegen,  von
denen  die  Türkenkriege  früherer  Jahrhunderte  nur  einen  verhältnißmäßig
  schwachen  Vorgeschmack  gegeben  haben.

Nun,  es  ist  dieselbe  Tonart  und  Uebertreibung,  als  wenn  man  uns  hier
sagt:  wenn  wir  auflösen,  so  wäre  das,  weil  wir  Leute,  die  eine  andere  Meinung
  hätten  wie  Graf  von  Moltke  und  ich,  hier  gar  nicht  brauchen  könnten;  wir
könnten  nur  Leute  gebrauchen,  die  Ja  sagen.  Das  ist  dieselbe  Deklamation,
die  in  der  „Volks-Zeitung“  die  praktische  Spitze  hat:  ebenso  wie  das  deutsche
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        —  59  —

Schwert  die  Türken  aus  Europa  geschlagen  hat,  soll  es  jetzt  die  Russen  aus
Europa  hinausschlagen.  Etwas  anderes  bedeutet  das  nicht.
Dann  die  „Volks-Zeitung“  vom  30.  August  sagt:
Wir  haben  es  kaum  anders  erwartet,  glauben  aber,  daß  die

Gewalt  der  Thatsachen  stärker  sein  wird  als  das  Mißwollen  und

die  Unentschlossenheit  der  Zunftdiplomaten,
—  ist  das  eine  Annehmlichkeit,  eine  Schmeichelei,  die  uns  gesagt  wird?  Ich
gehöre  auch  dazu.  —  (Heiterkeit.)

und  daß  die  männliche  Energie,  die  sich  in  dem  Battenberger  verkörpert,

  und  die  flammende  Entrüstung,  welche  sich  angesichts  eines

unerhörten  Ränkespiels  des  gesammten  deutschen  Volkes  bemächtigt

hat,  den  moralischen  und  thatsächlichen  Sieg  über  alle  „Wenns  und

Abers“  der  hohen  Politik  davontragen  werden.
Das  ist  es,  was  mich  erinnert  an  Hekuba,  an  die  weinerlichen  Deklamationen,
die  Jemand  in  einer  Sache  aufwenden  kann,  die  ihm  im  Herzen  ganz  gleichgültig
  ist.  Wer  soll  denn  glauben,  daß  diese  Artikelschreiber  irgend  eine
Begeisterung  für  Bulgarien  hätten?  Ich  will  gar  nicht  einmal  behaupten,
daß  sie  finanziell  angeregt  worden  sei,  diese  Begeisterung.  (Heiterkeit.)  Das
Ueble  will  ich  ihnen  gar  nicht  anthun;  es  wäre  aber  zu  bedauern,  wenn  für
wenige  Mark  auf  diese  Weise  das  deutsche  Volk  beeinflußt  werden  könnte.
Ich  meine,  es  ist  Alles  die  volle  Ueberzeugung  der  Herren,  die  auf  diese
Zeitungen  Einfluß  haben;  sonst  würde  ich  mich  gar  nicht  damit  beschäftigen,
wenn  irgend  einer  der,  —  um  mit  dem  Herrn  Abgeordneten  Dr.  Virchow
zu  reden  —  bestochenen,  bezahlten  Schufte,  die  dafür  thätig  find,  dies  allein
auf  sein  Konto  geschrieben  hätte.  Dann  wäre  es  gar  nicht  der  Rede  werth.
Aber  ich  muß  doch  annehmen,  da  dies  nie  desavouirt  ist,  und  da  so  viele
angesehene  liberale  und  klerikale  Zeitungen  alle  dasselbe  gesagt  haben,  daß
das  die  volle  ernste  Meinung  von  denjenigen  Leuten  ist,  die  in  der  Oppofition
  die  staatsmännische  Führung  haben,  die  augenblicklich  die  Majorität
bilden  und  die  vielleicht  ja  auch  in  drei  Jahren  die  Majorität  bilden  werden,
so  daß  wir  uns  in  drei  Jahren  vielleicht  einer  Majorität  gegenüber  finden,
die  auf  diese  Melodie  hin  sagt:  Jetzt  führt  Krieg  gegen  Rußland  oder  wir
streichen  euch  so  und  so  viel  aus  der  Armee!  (Widerspruch  links  und  im
Zentrum.)  Ist  das  nicht  sehr  wahrscheinlich:  Glauben  Sie,  daß  diese
Herren  in  drei  Jahren  ihre  Ueberzeugung  ändern?  Die  Majorität  ist  vertreten
  in  diesen  Artikeln;  es  find  die  Blätter  aller  der  Fraktionen,  die  heute
die  Majorität  bilden.  Und  ich  war  darauf  gefaßt,  als  wir  im  September
den  kurzen  Reichstag  hatten,  daß  diese  Majorität  eine  lawinenartige  Interpellation
  gegen  die  Regierung  loslassen  würde  zu  Gunsten  des  Prinzen  von
Battenberg  und  für  Bulgarien.  Ich  war  erstaunt,  daß,  als  der  kleine
Ursprung  der  Lawine  in  Gestalt  der  sozialdemokratischen  Partei  bereit  war,
sich  loszulösen,  die  übrige  Masse  sie  nicht  vervollständigen  wollte.  So  viel
ich  mich  erinnere,  war  damals  schon  der  Muth  so  gesunken,  daß  man  sich
zu  einer  Interpellation  doch  nicht  mehr  verstehen  wollte,  weil  man  das  —
        <pb n="62" />
        —  60  —

ich  will  nicht  sagen,  Absurde  —  Unhaltbare  dieser  Theorie  allmählich  erkannt
hatte.  Nun,  die  Moajorität  war  ja  aber  vorhanden;  eine  volle  Reichstagsmajorität
  steht  hinter  dieser  Presse,  eine  Majorität,  die  so  schnell  ihre
Ansichten  wechselt,  —  heute  tritt  kein  Mensch  mehr  außer  dem  Herrn
Abgeordneten  Richter  hier  für  Bulgarien  auf,  jetzt  haben  Sie  Bulgarien
vollständig  fallen  lassen.

Ich  komme  noch  nachher  auf  einige  „Germania“-Artikel  von  derselben
Kategorie  zurück,  deren  ich  wenigstens  vierzig  zu  Hause  habe.  Also  auf  ein
so  schwankes  Rohr,  wie  die  Stimmung  der  Majorität,  die  doch  über  die
Abstimmung  jedesmal  entscheidet,  können  wir  die  Existenz  unserer  Armee
nicht  aufbauen,  wenn  das  nicht  anerkannt  ist,  daß  die  Existenz  der  Armee
nur  in  denjenigen  Zeiträumen  diskutirt  werden  soll,  mit  denen  der  Kaiser
und  der  Bundesrath  einverstanden  sind.  Wenn  die  Theorie,  die  Fälschung
der  Verfassung  überhaupt  im  Volke  Terrain  gewinnt  und  Anerkennung  findet,
daß  von  einer  Budgetmajorität  in  jedem  Jahre  der  Stand  der  Armee
abhängt,  wie  in  England  etwa  durch  die  Mutiny-Bill  —  theoretisch;
praktisch  würde  es  auch  dort  nicht  so  der  Fall  sein  —,  dann,  meine  Herren,
ist  keine  Sicherheit  vorhanden,  dann  heißt  es  allein:  videant  Consules  oder
videat  Imperator  ne  quid  detrimenti  capiat  respublica;  dann  ist  salus
publica  suprema  lex.  —  Verzeihen  Sie,  daß  ich  in  fremden  Zungen  mich
bewege,  es  wird  mir  schwer  genug.

Dann  hier  eine  „Volks-Zeitung“  vom  28.  August:  die  brutalsten
Rechtsbrüche  des  zarischen  Despotismus  ruhig  hinnehmen,  weil
ihnen  die  „Gewissenlosigkeit“  fehlte,  einen  „Krieg  mit  Rußland  zu
führen",  das  konnten  die  Diplomaten  des  Deutschen  Bundes  wirklich
  auch;

—  Nun  das  konnten  fsie  nicht  einmal,  denn  sie  waren  dem  gar  nicht  ausgesetzt,
  fie  kamen  gar  nicht  zur  Hebung  dabei.  Ich  bin  ja  selbst  als  Diplomat
  dort  gewesen,  wir  haben  mit  Rußland  direkte  Korrespondenzen  eigentlich
nicht  gehabt,  aber  damit  hat  doch  der  Verfasser  mir  das  Kränkendste  sagen
wollen,  was  in  seiner  Macht  lag.

Wenn  Deutschland  in  der  Weltpolitik  auf  diese  bescheidene  Rolle
sich  beschränken  wollte,  dann  hätte  das  deutsche  Volk  sich  die  Ströme
von  Blut  und  Schweiß  sparen  können,  welche  dazu  gehörten,  das
Deutsche  Reich  zu  gründen.

Also  wozu  brauchen  wir  ein  Deutsches  Reich,  wenn  wir  es  nicht  für
Bulgarien  einsetzen  wollen?  Nur  dazu  ist  es  geschaffen.  Und  solche  Herren
bilden  die  Majorität  der  Abstimmung,  die  dergleichen  schreiben  und  denken!
(Lachen  links.)

Wenn  irgend  ein  Zusammenhang  oder  eine  Identität  zwischen  diesen
Kundgebungen  und  den  Herren  hier  bestehen  (Zwischenruf),

Kann  ich  da  mit  Sicherheit  annehmen,  daß  die  „Volks-Zeitung“  ganz
außer  Zusammenhang  mit  irgend  einem  der  hier  Abstimmenden  steht?  Ich
möchte  es  wünschen.
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        —  61  —

In  der  „Vossischen  Zeitung“  vom  26.  August  heißt  es:

Wenn  aber  alle  diese  Zugeständnisse  nur  den  Erfolg  haben,  daß
man  den  frechsten  Verletzungen  der  Friedensbedingungen  um  des
Friedens  willen  keinen  Widerstand  entgegensetzt,  wenn  also  der
Frieden  nur  dadurch  aufrecht  erhalten  wird  und  werden  kann,  daß
man  derjenigen  Macht,  welche  man  erst  vor  acht  Jahren  zum  Frieden
gezwungen  hatte,  gestattet,  diesen  Frieden  auf  den  Kopf  zu  stellen,
und  gerade  diejenigen  Uebergriffe  durchzuführen,  welche  derselbe  zu
verhindern  bestimmt  war,  dann  kann  der  also  zusammengefügte
Frieden  kaum  noch  auf  den  Werth  des  Papieres  Anspruch  machen,
auf  welchem  er  niedergeschrieben  und  besiegelt  worden  ist.

Ich  sagte  gestern  schon:  wir,  die  Regierung,  treten  für  den  Frieden  ein,
die  Politiker  dieser  Richtung  wollen  es  ankommen  lassen  auf  einen  kleinen
Krieg  mit  Rußland,  darauf  einzugehen  find  fie  sehr  bereitwillig.  Es  ist  zwar
schon  4  Monate  her,  diese  Bereitwilligkeit  und  diese  todesverachtende,  todesmuthige
  Ueberzeugung,  die  sich  hier  ausspricht.  Vier  Monate  find  ja  für  die
Stimmung  in  der  Politik  eine  recht  lange  Zeit;  aber  es  könnte  doch  sein,
daß  wir  nach  drei  Jahren  noch  auf  diesen  selben  Schlag  von  Politikern  hier
in  der  Mehrheit  stoßen  könnten.

Wir  sollen  dann  nach  der  „Vossischen  Zeitung“  weiter  dem  Zaren  einen
verstärkten  Damm  entgegensetzen,  daß  er  nicht  nach  Konstantinopel  geht  u.  s.  w.

Die  „Germania“  vom  1.  September  sagt:

In  letzter  Instanz  könnte  vielleicht  sogar  Frankreich  gewonnen
werden,  da  letzteres  an  sich  die  Stärkung  der  christlichen  Mittelstaaten
  auf  der  Balkanhalbinsel  nur  wünschen  und  fördern  kann
und  blos  durch  die  Ausficht  auf  ein  russisches  Revanchebündniß  zu
einer  anderen  Politik  getrieben  werden  könnte,  eine  Politik,  die  ja
aber  doch  jener  obigen  Kombination  gegenüber  aussichtslos  wäre.

Das  ist  ein  Irrthum;  auf  Frankreich  ist  in  dieser  Beziehung  nicht  zu
rechnen;  Frankreich  wird  nichts  thun,  wodurch  es  fich  mit  Rußland  in  Ungelegenheiten
  bringen  kann;  und  solche  Infinuation  zeugt  eben  nur  von  der
Unkenntniß  der  politischen  Lage  und  dem  Mangel  an  Urtheilskraft  in  europäischen
  politischen  Fragen.

Wir  glauben  also,  ein  großer  Moment  ist  jetzt  wieder  einmal
für  den  deutsch-österreichischen  Bund  gekommen.  —  Die  Versperrung
der  Straße  nach  Konstantinopel  gegen  Rußland  ist  möglich.

Also  dazu  sollen  wir  Deutsche  Truppen  hergeben,  um  den  Russen  die
Straße  nach  Konstantinopel  zu  versperren.  Wenn  wir  nicht  mit  Rußland
zusammengrenzten,  so  würde  schon  Jedermann  eine  Absurdität  darin  finden.
Sollen  wir  auf  Schiffen  100  000  Mann  nach  Konstantinopel  bringen  und
die  Russen  dort  zurückhalten:?  Das  würde  uns  Keiner  zumuthen,  einen
Krieg  in  so  weiter  Ferne  zu  führen.  Dadurch  aber,  daß  wir  mit  Rußland
200  Meilen  offene  Grenze  haben,  wird  die  Frage  eine  viel  ernstere  und
schwerere,  als  wenn  wir  von  Rußland  so  weit  ab  wohntien  wie  England.
        <pb n="64" />
        —  62  —

England  kann  sich  mit  Rußland  schlagen,  ohne  daß  es  zu  befürchten  braucht,
daß  es  in  England  selbst  in  einer  irgendwie  ernsthaften  Weise  durch  russische
Kräfte  belästigt  wird.  Es  hat  nur  Gefahren  für  seine  Kolonieen,  für  Indien
zu  befürchten.  Aber  für  uns  ist  das  was  anderes;  den  Frieden  zwischen
zwei  benachbarten  Nationen  zu  stören,  in  deren  Masse  schon  so  manche  Verstimmung
  künstlich  gemacht  und  geschürt  wird  durch  die  verschiedensten
kreuzenden  Interessen,  —  das  ist  eine  große  Ruchlofigkeit,  zu  der  man  gar
keinen  Grund  hat.

Als  zuerst  im  Jahre  1867  die  Gefahr  eines  französischen  Krieges  hervortrat
  wegen  der  Luxemburger  Frage,  habe  ich  unter  den  Gründen,  die  dagegen
  sprachen,  daß  wir  sie  Frankreich  gegenüber  kriegerisch  aufnehmen
sollten,  namentlich  auch  geltend  gemacht:  ein  neuer  Krieg  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  ist  ja  mit  einem  Feldzug  nicht  abgemacht;  Derjenige,
der  im  ersten  Feldzug,  der  im  ersten  Kriege  geschlagen  wird,  wird  nur
darauf  warten,  um  seine  Kräfte  zu  sammeln,  um  den  zweiten  Krieg  anzufangen
  und  seine  Revanche  zu  nehmen.  Wären  wir  geschlagen  worden,  so
hätte  ich  vorausgesetzt,  daß  wir  dasselbe  thäten,  was  jetzt  Frankreich  thut.
Ich  habe  damals  im  Rathe  des  Königs  gesagt:  es  handelt  sich  hier  nicht
um  einen  einmaligen  Krieg,  sondern  um  eine  ganze  Reihe  von  Kriegen,  die
vielleicht  ein  halbes  Jahrhundert  hindurch  dauern.  Ob  und  inwieweit  ich
Recht  gehabt  habe,  darüber  diskutiren  wir,  und  das  überlasse  ich  Ihrem
Urtheil.  Aber  ein  ähnliches  Verhältniß  der  Spannung  und  des  dauernden
Hasses  und  eine  neue  Revancherüstung  durch  einen  Krieg  mit  Rußland  einzurichten
  neben  dem  französischen,  dazu  gehört  ganz  nothwendig,  daß  wir
von  Rußland  in  ganz  ruchloser  Weise  angegriffen  werden  und  ausschlagen
müßten;  dann  würden  wir  uns  vertheidigen  bis  auf  den  letzten  Blutstropfen,
und  wenn  wir  einer  großen  Koalition  augenblicklich  unterliegen  sollten,
würde  eine  Nation,  wie  die  deutsche,  niemals  zu  Grunde  gehen,  und  wenn
sie  zu  Grunde  geht,  ist  es  doch  immer  besser,  mit  Ehren  unterzugehen,  als
mit  Schande  zu  leben.  (Bravo  rechts.)  Das  sind  aber  Sachen,  von  denen
man  wohl  gelegentlich,  wenn  man  die  vorsichtige  Politik  der  Regierung  angreift,
  in  renommistischer  Weise  reden  kann,  die  aber  nach  Kräften  zu  verhindern
  die  Aufgabe  einer  vaterlandsliebenden  und  ehrliebenden  Diplomatie
ist.  Und  wegen  Bulgarien,  wegen  Hekuba,  werden  wir  unser  Verhältniß
mit  Rußland  nicht  brouilliren  und  überhaupt  einen  Krieg  führen  mit  einem
Nachbar,  mit  dem  wir  keine  streitigen  Interessen  haben  —  Rußland  wünscht
kein  deutsches  Land  zu  erobern,  und  wir  wünschen  kein  russisches;  es  könnten
nur  polnische  Provinzen  sein,  von  denen  haben  wir  schon  mehr,  als  für
uns  bequem  ist  —  es  ist  also  nicht  der  mindeste  Grund,  diese  für  manche
unserer  inneren  Politiker  fehlende  Zwietracht  mit  Rußland  künstlich  erzeugen
oder  schüren  zu  wollen.

Ich  kann  solche  Kriegshetzereien  gegen  Rußland  auch  nicht  anders  erklären,
  als  wie  ich  mir  manchen  franzöfischen  Krieg  erkläre:  wegen  der  Rückwirkung
  auf  die  innere  Politik.  Leben  wir  mit  Rußland  in  Feindschaft,  so
        <pb n="65" />
        —  63  —

stellt  fich  manches  in  der  inneren  Politik  doch  noch  anders  und  die  Regierung
ist  ja  natürlich  im  Ganzen  schwächer.  Aber  das  ist  doch  nur  eine  theoretische
Berechnung,  daß  fie  schwächer  wird;  ihren  eigenen  Landsleuten  gegenüber
ist  eine  Regierung  sehr  viel  stärker.  Wenn  sie  in  einem  schwierigen  Kriege
sich  befindet,  dann  gilt  Nothrecht,  dann  ist  Vieles  erlaubt,  was  im  Frieden
oder  in  einem  leichteren  Kriege  schon  nicht  möglich  ist.  Also  auch  diese
Rechnung  wäre  fehlerhaft  Ich  kann  mir  denken,  daß  Leuten,  die  eine  Aenderung
  der  Zustände  bei  uns  wünschen,  z.  B.  die  polnischen  Bestrebungen  —
daß  denen  mit  einem  Kriege  gegen  Rußland  gedient  wäre;  aber  sie  könnten
doch  nur  dann  ein  günstiges  Resultat  davon  hoffen,  wenn  der  Gegner  Rußlands
  stärker  wäre.  Wenn  Rußland  siegt  im  Kriege  wegen  der  Schwäche
seiner  Gegner,  weil  diesen  die  Mittel  fehlen,  deren  Bewilligung  wir  heute
von  Ihnen  verlangen,  dann,  glaube  ich,  würde  es  den  Polen  noch  viel
schlechter  gehen  in  den  preußischen  und  österreichischen  Provinzen,  als  heutzutage
  (Sehr  richtig!  rechts),  wenn  also  Galizien  oder  das  Großherzogthum
Posen  dem  Weichselgouvernement  zugeschlagen  würde,  —  das  wäre  ungefähr
der  Kampfpreis,  den  die  Polen  in  diesem  Kriege  davontragen  könnten,  wenn
sie  auf  die  Schwächung  Deutschlands  hinarbeiten.

Die  „Germania“  sagt  ferner  am  29.  August:

Und  dieser  Gedanke,  ob  die  Lage  Europas  derartig  sei,  daß  man
den  Frieden  durch  fortwährende  Trinkgelder  an  Rußland,  und  zwar
oft  durch  sehr  beträchtliche,  erkaufen  müsse,  —  dieser  Gedanke  macht
sich  fort  und  fort  immer  deutlicher  in  der  Presse  geltend.  So  heißt
es  z.  B.  in  dem  sehr  regierungsfreundlichen  „Hamburger  Korrespondenten“.


Nun,  die  Regierungsfreundlichkeit  des  „Hamburger  Korrespondenten“
kennen  wir.  Wenn  ein  Blatt  wie  die  „Germania“  so  bemüht  ist,  den  Russen
Feinde  zu  schaffen  und  zwischen  Rußland  und  dem  deutschen  jetzigen  Kaiserthum
  Feindschaft  zu  stiften,  so  drängt  sich  einem  ganz  unwillkürlich  die
Frage  auf:  würde  die  „Germania“  ebenso  eifrig  dahin  arbeiten,  wenn  Rußland
  ein  katholisches  Land  wäre  oder  ein  katholisches  Herrscherhaus  hätte?
Rußland  ist  heterodox,  und  da  giebt  es  ja  so  manche  leidenschaftliche  Politiker,
  die,  wenn  Griechen  und  Protestanten  sich  etwa  in  die  Haare  geriethen,
sagen  würden:  schade  um  jeden  Schlag,  der  vorbei  fällt.

Die  „Germania“  sagt  ferner  in  einem  Artikel  vom  26.  Augusti:

„Das  Alles  hat  sich  nun  mit  einem  Schlage  vollständig  verändert;
  Europa  hat  sich  vor  Rußland  rückwärts  konzentrirt,  und
zwar  auf  die  bloße  Drohung  des  Losschlagens  hin.

—  Dem  gegenüber  sollten  wir  uns  also  vorwärts  konzentriren;  dann
wäre  ja  der  Krieg  da.  —

Europa  verbeugt  sich  vor  der  vollendeten  Thatsache,  vor  der  Uebermacht
  des  Moskowiterthums..  Wenn  die  Drohung  mit  einer
Kriegsthat  genügt,  um  ganz  Europa  dem  Willen  Rußlands  dienstbar
zu  machen,  —  wollen  wir  denn  nicht  den  ganzen  haltlosen  Wider-
        <pb n="66" />
        —  64  —

stand  gegen  den  Panslavismus  ausgeben?  Bulgarien  und  Ostrumelien
  find  jetzt  in  den  Händen  der  Russen.  Daß  Mazedonien
auch  dazu  gehört,  hat  noch  dieser  Tage  das  Organ  Zankows,  des
Hauptanstifters  der  Revolution,  förmlich  erklärt.  Oesterreich  wird
ebensowenig  die  mazedonischen  wie  die  bulgarischen  Kastanien  aus
dem  Feuer  zu  holen  wagen."

Ich  frage:  Sind  dies  Kriegshetzereien  oder  nicht?  Darf  man  daraus
schließen,  daß  die  Staatsmänner,  die  hinter  diesen  Blättern  stehen,  den
Wunsch  gehegt  haben,  uns  mit  Rußland  in  einen  Krieg  zu  führen?  —  Dann
wäre  es  ein  sehr  eigenthümliches  Zusammentreffen,  auf  welches  ich  schon
aufmerksam  gewacht  habe:  daß  dieselben  Parteien,  die  so  bereitwillig  sind,
uns  in  einen  Krieg  zu  stürzen,  hier  die  Mittel,  den  Krieg  zu  führen,  uns
hartnäckig  versagen  oder  doch  nur  auf  kurze  Zeit  bewilligen  wollen;  woran
sich  doch  immer  die  Neigung  knüpft,  die  Krisis,  die  jedesmal  mit  diesen  Verhandlungen
  verbunden  ist,  nicht  zu  lange  aufzuschieben.  Sieben  Jahre  der
inneren  Ruhe,  des  inneren  Friedens,  —  das  kann  keine  eifrige  Parteipolitik
ertragen;  solche  Gemüthsbewegungen  und  Kämpfe,  bei  denen  der  Rechtsboden
der  deutschen  Verfassung  fanditus  erschüttert  wird,  brauchen  Sie  öfter  zu  Ihrer
—  ob  Gallenbewegung,  ich  weiß  es  nicht.  Aber  wir  wünschen  Ruhe  und
Frieden  im  Innern  wie  nach  Außen  und  wünschen  nicht,  daß  alle  drei  Jahre,
sondern  höchstens  alle  sieben  Jahre  die  Frage,  ob  die  deutsche  Armee,  das
heißt  das  Deutsche  Reich  und  die  Verfassung,  —  denn  ohne  Armee  find  beide,
wie  Herr  Windthorst  anerkennt,  nicht  denkbar  —,  fortbestehen  sollen,  und
mit  welchem  Grade  von  Sicherheit,  —  wir  wollen,  daß  diese  Frage  nur  alle
sieben  Jahre  erörtert  wird.  Wer  konfliktslüsterner  ist  als  wir,  dem  werden
wir  nicht  zustimmen  und  werden  ihn  in  seiner  Kampfbegierde  allein  lassen
und  ihm  sagen:  wenn  Sie  Händel  brauchen,  so  suchen  Sie  sich  dieselben  wo
anders  auf;  bei  uns  sind  sie  nicht  zu  finden.

Ich  weiß  nicht,  von  welcher  Seite  —  ich  habe  nur  die  Notiz  gemacht,
daß  es  gesagt  wurde  —  ist  man  auch  wieder  zurückgekommen  auf  die  hannöversche
  Frage,  und  sie  ist  dargestellt  in  einer  ähnlichen  Weise,  wie  gestern
von  dem  Herrn  Abgeordneten  Dr.  Windthorst.  Es  ist  ja  einerlei,  wie  der
Wortlaut  der  Aeußerung  gewesen  ist.  Ich  wollte  nur  Gelegenheit  nehmen
darauf  aufmerksam  zu  machen,  daß  es  doch  kein  ganz  zutreffender  Vergleich  ist,
den  Bund  zwischen  dem  ehemaligen  Königreich  Hannover  und  dem  französischen
Kaiserthum,  wie  der  Herr  Abgeordnete  Dr.  Windthorst  das  gestern  that,  auf
eine  Linie  zu  stellen  mit  dem  italienisch-preußischen  Bündniß  im  Kriege  1866.
Die  Herstellung  des  Königreichs  Hannover  durch  die  hannoversche  Legion
  im  Gefolge  des  französischen  Kaisers  war  doch  nur  denkbar,  wenn
gleichzeitig  dabei  das  linke  Rheinufer  für  uns  verloren  ging,  oder  was  Napoleon
uns  sonst  abnehmen  wollte.  Aber  das  Bündniß  Preußens  mit  Italien  hätte
in  keinem  Falle  Folgen  nach  dieser  Seite  hin  haben  können.  Es  wäre  kein
Rheinufer  dabei  ins  Spiel  gekommen  und  kein  deutsches  Land,  es  war  höchstens
  italienisches  Land;  ob  es  für  Oesterreich  ein  Segen  war,  in  Italien  zu
        <pb n="67" />
        —  65  —

herrschen,  das  ist  in  Oesterreich  selbst  eine  sehr  zweifelhafte  Frage.  Aber
von  deutschem  Lande  war  in  dem  Bündniß  keineswegs  die  Rede.

Die  Herren  werden  mir  zugeben,  daß  ein  siegreiches  Frankreich,  welches
bei  uns  Hannover  hergestellt  haben  würde,  sich  damit  nicht  begnügt  haben
würde,  sondern  es  würde  doch  auch  gedacht  haben:  selber  essen  macht
fett,  wie  das  Sprüchwort  sagt;  es  würde  für  Frankreich  direkt  das  Rheinufer
genommen  haben  und  so,  wie  wir  damals  die  französischen  Wünsche  kannten,
—  sie  sind  ja  aus  den  Benedettischen  Verhandlungen  bekannt  —,  so  deckte
sich  das  ungefähr  mit  dem  Winkel,  der  vom  rechten  Moselufer  und  von  dem
linken  Rheinufer  eingeschlossen  wird  einschließlich  Koblenz.  Denn  das  war
ja,  was  man  uns  als  einen  Preis  im  Frieden  abforderte.  Wenn  das  schon
damals  der  Fall  war,  so  ist  es  doch  also  wohl  sicher,  daß  Napoleon  in  einem
siegreichen  Kriege,  wenn  er  den  Frieden  diktiren  sollte,  das  ganze  linke  Rheinufer
  genommen  haben  würde.

Wenn  nun  der  Herr  Abgeordnete  Dr.  Windthorst  oder  der  Herr,  der
heute  in  diesem  Sinn  über  diese  Frage  gesprochen  hat,  mir  nicht  nachweisen
kann,  daß  in  dem  preußisch-italienischen  Bündniß  eine  ähnliche  Klausel  oder
unabweisliche  Bedingung  zum  Nachtheil  Deutschlands  gesteckt  hat,  dann  wird
er  mir  zugeben  müssen,  daß  sein  Vergleich  nicht  zutrifft,  und  daß  die  entrüstete
  und  schmerzliche  Bewegung,  die  sich  bei  ihm  in  Erinnerung  an  die
Vergangenheit  gestern  erkennbar  machte,  ihn  veranlaßt  hat,  die  Sache  in
einem  unrichtigen  Lichte  zu  sehen  und  darzustellen.

Meine  Herren,  ich  weiß  nicht,  ob  die  weitere  Diskussion  mir  noch  heute

zu  weiteren  Aeußerungen  Veranlassung  geben  wird.  Ich  will  es  einstweilen
abwarten.  (Bravol  rechts.)

Nach  längeren  Ausführungen  des  Abgeordneten  Dr.  Windthorst
nahm  der  Reichskanzler  Fürst  Bismarck  nochmals  das  Wort.
Die  Rede  desselben  lautete:

Der  Herr  Abgeordnete  hat  die  Hoffnung  ausgesprochen,  daß  Gesetz  und
Recht  von  den  Regierungen  vollständig  beachtet  werden  würden.  Ich  kann
ihm  darüber  nochmals  die  bündigste  Zusicherung  geben:  wir  werden  uns  innerhalb
  unserer  verfassungsmäßigen  Berechtigung  bewegen;  wir  haben  dabei  aber
die  Hoffnung,  daß  auch  die  Majorität  des  Reichstages  dasselbe  thun  werde.

In  seiner  Zusammenstellung  derjenigen  Bestimmungen,  die  die  Verfassung
über  die  Armee  hat,  hat  der  Herr  Vorredner  vorher  vergessen,  einen  ganz
wesentlichen  Satz  vorzutragen:  das  ist  das  vierte  Alinea  des  Verfassungsartikels
  62,  der  da  lautet:

Bei  der  Feststellung  des  Militärausgabeetats  wird  die  auf  Grundlage
  dieser  Verfassung  gesetzlich  feststehende  Organisation  des  Reichsheeres
  zu  Grunde  gelegt.

Was  ist  nun  die  „auf  Grundlage  dieser  Verfassung  gesetzlich  feststehende
Organisation?"  Das  ist  der  Artikel  59  und  der  Artikel  63  im  Absatz  4.
Artikel  59  bestimmt  die  Präsenzzeit  eines  jeden  wehrpflichtigen  Deutschen  bei
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        —  66  —

der  Fahne  auf  3  Jahre,  und  Artikel  63  enthält  das  Moderamen,  daß  der
Kaiser  den  Präsenzstand  bestimmt.  Das  liegt  so  einfach  und  klar  wie  mög—
lich.  Es  ist  alterirt,  so  lange  das  Septennatsgesetz  gelten  wird,  bis  1888.
Es  wird  den  verbündeten  Regierungen  und  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  nicht
einfallen,  vorher  unter  Ignorirung  der  Grenze,  die  durch  das  Septennatsgesetz
gezogen  ist,  die  aber  schwindet,  wenn  das  Septennatsgesetz  abgelaufen  ist,
etwa  den  gesetzlichen  Präsenzstand  überschreiten  zu  wollen.  Es  ist  ja  möglich,
daß  —,  namentlich  wenn  die  Auflösung  eintritt  —  ein  Zeitraum  verläuft,
in  dem  wir  den  Reichstag  nicht  gegenwärtig  haben;  es  ist  auch  möglich,  daß
wir  dauernd  vom  Reichstage  die  Mittel  nicht  erhalten  können,  die  zum  Schutz
unserer  Grenzen  vorsichtshalber  uns  nothwendig  scheinen.  Dann,  glaube  ich,
wird  dem  Kaiser  und  König  von  Preußen  immer  noch  die  Möglichkeit  offen  stehen,
sich  vertrauensvoll  an  seinen  Preußischen  Landtag  zu  wenden  und  zu  sehen,
ob  er  von  dem  die  Mittel  zum  Schutze  des  gemeinsamen  Vaterlandes  nicht
erlangen  kann  (Bravol  rechts,  Bewegung);  ich  bin  überzeugt:  dort  werden
wir  nicht  so  lange  zu  bitten  und  zu  unterhandeln  brauchen.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  in  dürren  Worten  angedeutet,  daß  die  Regierung,
  wenn  sie  die  3  Jahre  ablehne,  doch  noch  Hintergedanken  haben  müsse,
die  sie  nicht  ausspricht.  Diese  Beschuldigung  gebe  ich  vollständig  zurück:
wenn  Sie  die  7  Jahre  ablehnen,  so  müssen  Sie  durchaus  Hintergedanken
haben;  Sie  können  ebenso  gut  annehmen,  Sie  rücken  jede  Konfliktsmöglichkeit
wieder  etwas  weiter  hinaus.  Wenn  ich  Ihre  Hintergedanken  ebenso  erläutern
soll,  wie  der  Herr  Vorredner  unsere  angeblichen  Hintergedanken  erläutert  hat,
so  bezeichne  ich  sie  als  eine  Intention,  die  von  der  Verfassung  gezogenen
Grenzen  zwischen  der  parlamentarischen  und  der  Regierungsgewalt  verrücken
zu  wollen,  verschieben  zu  wollen  in  dem  Urtheil  und  in  der  Auffassung  der
öffentlichen  Meinung  des  Reichs  und  in  der  Praxis.  Und  darauf,  wiederhole
ich,  werden  wir  uns  nicht  einlassen.  Die  Machtvertheilung  so,  wie  sie  durch
die  Verfassung  gegeben  ist,  werden  wir  festhalten,  die  werden  wir  gewissenhaft
beobachten;  aber  ich  fürchte,  daß  Sie  nicht,  wie  ich  vorgestern  sagte,  zu  den
saturirten  Mächten  Ihrerseits  gehörten.  Sie  wollen  erobern,  wir  wollen
behalten  den  Besitzstand;  Sie  wollen  neue  Kompromisse,  wir  wollen  an  den
alten  Traditionen  festhalten;  wir  scheuen  die  Krisen,  ihre  häufigen  Wiederholungen
  und  die  Möglichkeit  der  Konflikte,  Sie  gehen  diesen  bereitwillig  und
frohen  Muthes  entgegen.  Sie  verhalten  sich  einigermaßen  zu  uns  wie  die
Franzosen  gegen  Deutschland;  wir  find  die  Konservativen,  Friedliebenden,
und  Sie  find  die,  die  erobern  wollen,  die  uns  das  uns  verfassungsmäßig  gebührende
  Elsaß  wieder  abnehmen  wollen  (Oh,  ho!  links  und  im  Centrum).

Der  Herr  Vorredner  hat  sich  in  Bezug  auf  die  hannoversche  Frage  auf
die  Kloppschen  Werke  berufen  und  hat  sie  Geschichtswerke  genannt;  ich  habe
bisher  sie  als  unparteiische  Geschichtswerke  noch  von  keiner  Seite  darstellen
hören.  (Heiterkeit  rechts.  —  Abgeordneter  Dr.  Windthorst:  Die  Dokumente
  sind  unparteiisch.)  —  Gut,  den  Dokumenten  gegenüber  werde  ich
demnächst  eine  Darstellung,  die  ich  längst  beabsichtigt  habe,  aber  aus  Rücksicht,
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        —  67  —

um  alte  Empfindungen  nicht  wieder  aufzuwärmen,  bisher  unterlassen  habe,
meinerseits,  wenn  der  Kaiser  es  genehmigt,  der  Oeffentlichkeit  übergeben;
dann  werden  Sie  sehen,  was  Onno  Klopps  Dokumente  dagegen  werth  find.
Geiterkeit  rechts.)  ·

Der  Herr  Vorredner  hat  damit  begonnen,  daß  er  meine  Data  wegen
der  Sparkassen  theils  angezweifelt  hat,  theils  fie  in  Widerspruch  zu  bringen
gesucht  hat  mit  den  finanziellen  und  wirthschaftlichen  Beschwerden  über  die
im  preußischen  Landtag  so  häufig  und  auch  von  meiner  Seite  geklagt  wird.
Ja,  meine  Herren,  diese  Sparkasseneinlagen  sind  ja,  wie  ich  schon  vorgestern
bemerkt  habe,  kein  Beweis  dafür,  daß  die  ganze  Nation  reich  ist;  aber  daß
derjenige  Theil  der  Nation,  der  in  die  Sparkassen  einzulegen  pflegt,  in  seiner
Wohlhabenheit  gestiegen  ist  und  in  den  letzten  acht  Jahren  in  erheblichem
Fortschritte  (Widerspruch  links;  Zustimmung  rechts)  —  sehr  erheblich,  das
beweisen  sie  ganz  unzweifelhaft  meiner  Ueberzeugung  nach.  Wir  haben  ja
Arm  und  Reich  bei  uns.  Arm  ist  bei  uns  in  Preußen  vor  allen  Dingen
der  Fiskus;  die  Hauptsteuerobjekte  sind  dem  Reich  übergeben  worden,  und
in  Benutzung  derselben  steht  uns  eine  Obstruktionspolitik  gegenüber,  die  wir
bisher  nicht  haben  überwinden  können.  Daß  die  landwirthschaftlichen  Interessen,
  also  die  Interessen  der  großen  Mehrheit  —  von  3/  bis  /  der
Bevölkerung  —  nicht  in  einem  blühenden  Zustand  sind,  das  werden  Sie  aus
meiner  Statistik  ersehen.  Wenn  ich  die  Durchschnittsziffer  der  Spareinlagen
ziehe  —  ich  habe  hier  die  Einlagen  nach  den  verschiedenen  Provinzen  geschieden
  —,  so  werden  Sie  finden,  daß  am  tiefsten  unter  dem  mittleren
Durchschnitt  die  rein  ackerbautreibenden  Provinzen  stehen  und  am  höchsten
die  industrie=  und  handeltreibenden  Provinzen.

Es  kommt  auf  die  Gesammtheit  im  Durchschnitt  auf  jeden  Kopf  —
auch  das  Kind  in  der  Wiege  —  80  Mark  Sparkasseneinlage  in  der  ganzen
preußischen  Monarchie.  Ich  werde  Ihnen  nun  diejenigen  Angaben  machen,
die  erheblich  darunter  sind.  Da  ist  erstlich  einmal  Ostpreußen  mit  15  Mark
im  Durchschnitt;  Westpreußen  mit  22  Mark;  Brandenburg  mit  54  Mark
erreicht  den  Durchschnitt  der  Gesammtheit  auch  nicht;  Posen  zählt  15  Mark
gleich  Ostpreußen,  als  eine  industriearme  und  wenig  Handelsverkehr  habende
Provinz;  Schlesien  44  Mark;  dann  kommen  Sachsen  mit  104  Mark,
Schleswig-Holstein  mit  241  Mark,  weil  es  Handel,  Seefahrt,  also  Wohlhabenheit
  hat.  Ich  gebe  zu,  Schleswig-Holstein  ist  ebensowohl  eine  Ackerbauprovinz;
  aber  gerade  der  Großgrundbesitz,  der  gewöhnlich  die  Scheibe
bildet,  nach  der  geschossen  wird,  der  ist  in  Schleswig-Holstein  doch  so  gering
vertreten,  wie  kaum  in  den  anderen  Provinzen,  —  der  Besitz  ist  vorwiegend
ein  bäuerlicher.  Hannover  hat  150  Mark,  Westfalen  192  Mark  pro  Kopf,
und  Hohenzollern  —  wieder  rein  ackerbautreibend  —  50  Mark.  Sie  werden
daraus  ersehen,  daß  die  rein  ackerbautreibenden  Provinzen  sich  lange  nicht
einer  so  blühenden  Situation  in  Bezug  auf  die  Sparkasseneinlagen  erfreuen,
wie  die  rein  industriellen  und  merkantilen,  und  daß  eben  unter  dem  heutigen
Regime  sich  die  Güter  dieser  Welt  ungleich  vertheilen.

5“
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        —  68  —

Aber  vor  allen  Dingen  geht  daraus  hervor,  daß  die  arbeitende  Klasse,
von  der,  wie  ich  mich  erkundigt  habe,  die  Haupteinlagen  im  Ganzen  her—
rühren,  sich  seit  der  Einführung  der  Schutzzölle,  seit  1879,  in  einer  ununterbrochen
  fortschreitenden  Sparkassenwohlhabenheit  befindet.  Ich  kann  in  die
Häuser  nicht  hineinsehen;  aber  ich  kann  mir  nicht  denken,  daß  die  Arbeiter
irgend  etwas  Unentbehrliches  entbehrt  haben  werden,  um  diese  Gelder  in  die
Sparkassen  zu  tragen.  Ich  berufe  mich  da  auf  das,  was  aus  den  amtlichen
Listen  ersichtlich  ist.

Der  Herr  Vorredner  hat  ferner  jeden  Zusammenhang  von  Reichstagsmitgliedern
  mit  den  Zeitungen,  die  ich  zitirt  habe,  ganz  bestimmt  zurückgewiesen.
  Er  hat  damit  vielleicht  einzelne  hervorragende  Persönlichkeiten  im
Auge  gehabt,  also  z.  B.  seinen  ihm  nächststehenden  Geschäftsfreund,  den  Abgeordneten
  Richter.  Der  hat  ja  wohl  gewiß  keine  Beziehungen  zur  öffentlichen
  Presse,  obwohl  ich  nicht  weiß,  ob  er  nicht  im  Kalender  als  dieser
Richtung  der  Thätigkeit  angehörig  angegeben  ist.  Er  hat  damit  jedenfalls
zugegeben,  daß  das,  was  die  „Germania“  schreibt,  ohne  jedes  Fundament
irgend  einer  höher  stehenden  Autorität  ist,  daß  das  nur  die  bedauerliche  Tagesleistung
  der  Redaktion  ist,  daß  sie  also  gar  keinen  Kredit  dafür  hat,  daß  nicht
eine  auch  nur  so  weit  in  der  Politik  eingeweihte  Autorität  hinter  ihr  besteht,
als  es  ein  Abgeordneter  sein  muß.  Ich  weiß  nicht,  ob  es  der  „Germania"“
ganz  lieb  sein  wird,  daß  fie  ganz  auf  eigenen  Füßen  steht  und  vom  Abgeordneten
  Windthorst  zurückgewiesen  wird  in  ihr  Nichts  durchbohrendes
Gefühl.  (Heiterkeit.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  außerdem  gesagt,  daß  es  mit  mir  ganz  anders
sei:  ich  stände  —  ich  weiß  nicht,  mit  wie  vielen  Zeitungen  in  einer  solchen
Verbindung,  daß  ich  nicht  nur  schreiben  lasse,  sondern  selbst  darin  schreibe;
er  hat  meinen  Styl  darin  wiedererkannt.  Es  ist  mir  sehr  schmeichelhaft,
wenn  man  das  findet.  Die  Zeitungen  schreiben  einen  sehr  viel  besseren  Styl,
als  ich.  Soviel  ich  mir  auch  Mühe  gebe,  so  kann  ich  den  Schwung  der
Phrase,  die  überhaupt  nicht  meine  Force  ist,  nicht  herausbringen,  wie  ich  fie
so  oft  in  diesen  Zeitungen  mit  Vergnügen  lese.  Es  wäre  mir  also  schmeichelhaft,
  wenn  man  mich  darin  erkannte.  Er  irrt  sich  aber,  wenn  er  glaubt,
ich  hätte  die  Zeit  dazu.

Bedenken  Sie  da,  meine  Herren,  welche  Geschäftslast  auf  mir  ruht,  und
für  einen  ganz  gewissenlosen  Arbeiter  im  Dienst  werden  mich  selbst  meine
Gegner  nicht  halten.  Die  Gegner  dagegen  haben  ja  gar  nichts  auf  der  Welt
zu  thun,  als  mir  das  Leben  sauer  zu  machen  in  der  Presse  oder  hier  im
Reichstage.  Das  ist  ihre  ganze  Beschäftigung,  und  wenn  fie  das  besorgt  und
ihre  Uhr  aufgezogen  haben,  sind  sie  fertig  mit  ihrer  Arbeit.  (uruf:  Wie
wissen  Sie  das?)  Also  glauben  Sie  nicht,  daß  ich  so  viel  Zeit,  ein  solches
—  ich  möchte  sagen  —  unberechtigtes  Maß  von  Zeitüberfluß  habe,  daß  ich
mich  noch  mit  der  Presse  selbstthätig  beschäftigen  könnte.  Ich  bestreite  ja
gar  nicht,  daß  ich  mitunter  Auftrag  gebe,  einen  solchen  Artikel  zu  schreiben,
und  ihn  mir  vorlesen  lasse,  um  zu  sehen,  ob  er  nicht  eine  Unhöflichkeit  gegen
        <pb n="71" />
        —  69  —

den  Reichstag  enthält  (Große  Heiterkeit)  oder  gegen  sonst  Jemand.  Diejenigen
Artikel,  die  dergleichen  enthalten  sollten,  haben  sich  sicherlich  meiner  Zensur
entzogen;  das  bitte  ich  ein  für  allemal  anzunehmen.  Aber  ich  kann  doch
unmöglich  für  jeden  Inhalt  irgend  einer  Redaktion  verantwortlich  sein.  Es
passirt  mir,  wie  ich  schon  früher  gesagt  habe,  vielleicht  nur  in  vierzehn  Tagen
einmal,  daß  ich  ein  derartiges  Erleichterungsbedürfniß  habe,  was  ich  nicht
zurückdrängen  könnte.

Der  Herr  Abgeordnete  hat  zu  verstehen  gegeben,  er  wüßte  nicht  recht,
was  in  dem  österreichischen  Bündnißvertrage  stehe,  und  was  überhaupt  noch
darin  stehen  könnte.  Ja,  da  möchte  ich  ihn  nur  bitten,  sich  mit  dem  alten
Goethe'schen  Spruche  zu  beruhigen:  „Allwissend  bin  ich  nicht,  doch  ist  mir
viel  bewußt."“  Ihm  ist  sehr  viel  bewußt,  aber  es  muß  auch  Einiges  geben,
was  er  nicht  weiß.  (Heiterkeit.)

Der  Herr  Abgeordnete  hat  ferner  —  er  schien  es  als  eine  sehr  schwere
Anklage  zu  accentuiren,  was  ich  als  eine  solche  gar  nicht  acceptiren  kann,  —
er  hat  gemeint:  wir,  die  verbündeten  Regierungen  wären  der  Ansicht,  daß
mit  einem  so  komponirten  Reichstage  es  nicht  ginge.  Das  ist  allerdings
unsere  Meinung;  das  ist  aber  kein  Lossagen  von  der  Verfassung.  Wir
bleiben  auf  dem  Boden  der  Verfassung,  wenn  wir  durch  eine  Auflösung  zu
einem  anderen  Beschlusse  zu  gelangen  suchen,  und  wenn  wir  inzwischen  nach
Material  suchen,  um  die  Wähler  zu  überzeugen,  daß  gerade  unsere  Ansicht
die  richtige  ist.  Das  ist  außerordentlich  schwierig,  da  nicht  viele  Leute
mehrere  Zeitungen  lesen,  sondern  nur  eine.  Aber  so  schwierig  es  auch  sein
mag,  müde  werden  wir  darin  nicht  werden,  und  zuletzt  wird  es  uns  doch
gelingen;  Recht  muß  doch  Recht,  und  Wahrheit  muß  doch  schließlich  wahr
bleiben,  und  darauf  verlassen  wir  uns.  (Bravol  rechts.)  Und  wir  werden
auch  schließlich  die  Wähler  überzeugen,  wo  wahrer  Patriotismus  und  wo
die  Sorge  für  die  Sicherheit,  für  das  Gedeihen  des  Deutschen  Reiches  und
seine  Einigkeit  zu  suchen  ist.  Ich  bezweifele  das  gar  nicht.

Der  Herr  Vorredner  hat  ferner  wieder  den  Accent  darauf  gelegt,  daß
zwischen  drei  und  sieben  Jahren  prinzipiell  doch  eigentlich  gar  kein  Unterschied
  wäre.  Nun,  prinzipiell  ist  der  Unterschied  allerdings  nicht  so  groß  als
materiell.  4  Jahre  gewonnene  Ruhe  und  Frieden  ist  doch  immer  ein  ganz
erheblicher  Gewinn.  Hauptsächlich  aber  wollen  wir  die  Tradition  des  Kompromisses
  unsererseits  nicht  kränken  und  schädigen,  weil  es  in  der  That  die
einzige  Möglichkeit  ist,  in  konstitutionellen  Verfassungen  dauernd  im  Frieden
zu  leben.  Es  giebt  keine  Verfassung,  —  und  wenn  die  geschicktesten  Leute
sie  redigirt  hätten,  und  je  geschickter,  desto  seltener  giebt  es  deren  vielleicht,
außer  der  englischen,  die  gar  nicht  geschrieben  ist;  —  sonst  giebt  es  keine
Verfassung,  die  nicht  Lücken  hätte,  wo  nicht  die  Lückentheorie  in  Fällen  Anwendung
  findet,  die  immer  nur  durch  Kompromiß  überwunden  werden
können.  Wir  haben  in  unserer  Friedensliebe  1874  diesen  Kompromiß  auf
7  Jahre  lang  abgeschlossen  und  sind  bereit,  alle  7  Jahre  lang  wieder  in
diese  qualvollen  Diskussionen  einzutreten,  aber  nicht  öfter.  Sie  wollen  sich
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        —  70  —

nur  von  dem  Kompromiß  lossagen  und  sagen:  Nicht  sieben  Jahre,  alle  drei
Jahre  sollen  wir  das.  Wenn  Sie  drei  Jahre  haben,  werden  Sie  sagen:
Alle  zwei  Jahre,  warum  nicht  alle  ein  Jahr  —  und  wir  werden  die  Unruhe
darüber  dann  gar  nicht  los.  Es  giebt  ja  Herren,  die  so  konfliktslüstern  sind,
daß  sie  in  jedem  Jahre  das  Sicherheitsventil  unserer  verfassungsmäßigen
Zustände  auf  die  Probe  des  Springens  stellen  wollen,  und  die  Probe  des
Springens  nenne  ich  die  Abschaffung  der  Armee.

Nun,  meine  Herren,  es  giebt  außerdem  noch  einen  für  mich  ganz  persönlichen
  Grund,  weshalb  ich  für  die  sieben  Jahre  bin.  Ich  hoffe,  in  drei
Jahren  noch  zu  leben,  in  sieben  Jahren  aber  nicht  mehr;  da  hoffe  ich,  all
dieses  Elendes  überhoben  zu  sein,  und  ich  hoffe,  daß  der  Abgeordnete  Windthorst
  —  ich  wünsche  ihm,  daß  er  noch  zehn  Jahre  lebt;  aber  er  ist  doch  in
denselben  Jahren  wie  ich,  und  wenn  wir  Beide  weg  sind,  werden  Sie  sich
vielleicht  besser  vertragen.  (Bewegung.)

Nachdem  hierauf  noch  die  Abgeordneten  von  Kardorff  und
Dr.  Bamberger  gesprochen,  wurde  die  Diskussion  geschlossen  und  die
Abstimmung  auf  Freitag,  den  14.  Januar  1887  vertagt.

In  der  21.  Sitzung  des  Deutschen  Reichstages,  am  Freitag,
den  14.  Januar  1887,  die  vor  überfüllten  Tribünen,  wie  die  vorhergehenden
  Sitzungen,  abgehalten  wurde,  zog  der  Abgeordnete  Frhr.
Schenk  von  Stauffenberg  seinen  Prinzipalantrag  zu  §.  1  der  Regierungsvorlage
  zurück,  so  daß  nunmehr  der  zweite  (Eventual-)  Antrag
des  genannten  Abgeordneten  (die  volle  Präsenzstärke  der  Regierungsvorlage,
  jedoch  nur  auf  drei  Jahre)  —  nachdem  der  Antrag  Ballestrem
  (besondere  Fassung  des  §.  1)  gegen  die  Stimmen  des  Centrums
und  der  Polen  abgelehnt  worden  war  —  zur  Abstimmung  gelangte.
Die  Abgeordneten  Langwerth  von  Simmern  und  Singer  (Sozialdemokrat)
  gaben  die  Erklärung  ab,  daß  sie  und  ihre  politischen  Freunde
sich  zunächst  der  Abstimmung  enthalten,  in  dritter  Lesung  aber  gegen
die  Vorlage  stimmen  würden.  Der  Antrag  Stauffenberg  wurde  in
namentlicher  Abstimmung  mit  186  gegen  154  Stimmen  angenommen.
Desgleichen  in  der  Gesammtabstimmung  der  durch  den  Antrag
Stauffenberg  modifizirte  §.  1  der  Regierungsvorlage  mit  183  gegen
154  Stimmen.  (31  Abgeordnete  enthielten  sich  der  Abstimmung.)

Mit  Ja  stimmten:  Graf  Adelmann  v.  Adelmannsfelden.  Aichbichler.
  v.  Alten.  Frhr.  v.  Aretin.  Baron  v.  Arnswaldt-Hardenbostel.
  Ausfeld.  Graf  v.  Ballestrem.  Dr.  Bamberger.  Dr.  Barth.
IOr.  Baumbach.  Baumgarten.  Beckmann.  Behm.  Beisert.  Bender.
Berling.  Graf  v.  Bernstorff.  Bertram.  Biehl.  Dr.  Bock  (Nachen).
Borowski.  Broemel.  Buddeberg.  Büxten.  Frhr.  v.  Buol.  Burger.
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        —  71  —

Buxbaum.  Cegielski.  Dr.  v.  Chelmicki.  v.  Chlapowski.  Frhr.  v.
Dalwigk-Lichtenfels.  v.  d.  Decken.  Dieden.  Dr.  Diendorfer.  Graf
v.  Droste  zu  Vischering.  Eysoldt.  Fährmann.  Dr.  v.  Foryenbeck.
Frhr.  v.  und  zu  Franckenstein.  Dr.  Franz.  Fritzen.  Frhr.  v.  Gagern.
Graf  v.  Galen.  Geiger.  Gielen.  Frhr.  v.  Gise.  Gleißner.  Dejanicz
v.  Gliszcynski.  Edler  v.  Graeve.  Graf.  v.  Grand-Ry.  Frhr.  v.
Gravenreuth.  Dr.  Greve.  Grohé.  Dr.  Frhr.  v.  Gruben.  Haanen.
Haberland.  Dr.  Hänel.  Haerle.  Halben.  Halberstadt.  Hamspohn.
Haus.  Dr.  Frhr.  v.  Heereman.  Graf  Henckel  v.  Donnersmarck.
Hermes.  Herrmann.  Dr.  Frhr.  v.  Hertling.  Hesse.  Hinze.  Hitze.
Graf  v.  u.  zu  Hoensbroech.  Hoffmann.  Graf  v.  Hompesch.  Horn.
Dr.  Horwitz.  Huchting.  Frhr.  v.  Huene.  Dr.  v.  Jazdzewski.  v.  Kalkstein-Klonowken.
  v.  Kalkstein-Pluskowens.  v.  Kehler.  Frhr.  v.  Ketteler.
Klotz.  Kochann.  Körner.  Kröber.  Graf  v.  Kwilecki.  Frhr.  v.
Landsberg-Steinfurt.  Lang  (Kelheim).  Dr.  Langerhans.  Lehner.
Lender.  Lenzmann.  Lerche.  Letocha.  Dr.  Lieber.  Dr.  Lingens.
Lipke.  Lorenzen.  Lucius.  Lüders.  Maager.  Magdzinski.  Marbe.
Mayer  (Württemberg).  Maibauer.  Menken.  Dr.  Meyer  (Halle).  Dr.
Möller.  Dr.  Mosler.  Dr.  Moufang.  Müller  (Pleß).  Münch.  Munckel.
Erbgraf  zu  Neipperg.  Frhr.  v.  Oldershausen.  Baron  Götz  v.  Olenhusen.
  Panse.  Dr.  Papellier.  Parisius.  Payer.  Dr.  Perger.  Pezold.
Pfafferott.  Pflüger.  Dr.  Porsch.  Graf  v.  Praschma.  Graf  v.  Preysing
(Landshut).  Graf  v.  Preysing  (Straubing).  Propping.  Racke.  Dr.
Reichensperger.  Reichert.  Reindl.  Richter.  Rickert.  Rintelen.  Dr.
Röckerath.  Rohland.  Roß.  Dr.  Rudolphi.  v.  Schalscha.  Schelbert.
Frhr.  v.  Schele.  Schenck.  Schlüter.  Schmidt.  Schmieder.  Dr.
Schneider.  Graf  v.  Schönborn-Wiesentheid.  Schott.  Schrader.  v.  Sczaniecki.
  Senestrey.  Dr.  Siemens.  Graf  Skorzewski.  Spahn.  Dr.
Frhr.  Schenk  v.  Stauffenberg.  Stiller.  Stötzel.  Graf  v.  Strachwitz.
v.  Strombeck.  Struve.  Thomsen.  Timmermann.  Traeger.  Trimborn.
Utz.  Dr.  Virchow.  Wagner.  Graf  v.  Waldburg-Zeil.  Frhr.  v.
Wangenheim  (Eldenburg).  Frhr.  v.  Wangenheim  (Hannover).  Frhr.
v.  Wendt.  Wilbrandt.  Wildegger.  v.  Winckelmann.  Dr.  Windthorst.
Witt.  Dr.  Witte.  Witzlsperger.  v.  Wolzzlegier.

 

Mit  Nein  stimmten:  Ackermann.  Dr.  Adae.  Antoine.  Dr.  Arnsperger.
  Graf  v.  Behr-Behrenhoff.  v.  Benda.  Bergmann.  v.  Bernuth.
Bock  (Minden).  Dr.  Frhr.  v.  Bodenhausen.  Dr.  Böttcher.  Bormann.
v.  Brand.  Brünings.  Buderus.  Dr.  Bürklin.  Dr.  Buhl.  v.  Busse.
v.  Carlowitz.  Prinz  v.  Carolath.  v.  Christen.  v.  Colmar.  Cornelsen.
Dr.  v.  Cuny.  Dr.  Delbrück.  Dietz  v.  Bayer.  Dietze  (Barby).  Diffin.
Graf  v.  Dönhoff-Friedrichstein.  Graf  zu  Dohna-Finckenstein.  Feustel.
v.  Fischer.  v.  Flügge.  Francke.  Dr.  v.  Frege.  v.  Funcke.  Gamp.
Gebhard.  Gehlert.  v.  Gehren.  v.  Gerlach.  Frhr.  v.  Göler.  v.  Goldfus.
Gottburgsen.  Dr.  v.  Grävenitz.  v.  Gramatzki.  Dr.  Groß.  Günther.
Baron  v.  Gustedt-Lablacken.  Dr.  Haarmann.  Graf  v.  Hacke.  vahn
Dr.  Hammacher.  Frhr.  v.  Hammerstein.  Dr.  Prinz  Handjery.  Dr.
Hartmann.  Hartwig.  Hasselbach.  Fürst  v.  Hatzfeldt-Trachenberg.
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        —  72  —

Hauptmann  v.  Helldorff.  Hellwig.  Dr.  v.  Heydebrand  und  der  Lasa.
Hobrecht.  Erbprinz  zu  Hohenlohe.  Graf  v.  Holstein.  Holtzmann.
Frhr.  v.  Hornstein.  v.  Hülst.  Kalle.  v.  Kardorff.  v.  Kessel.  v.  Kleist—
Retzow.  Graf  v.  Kleist-Schmenzin.  Klemm.  Klumpp.  v.  Köller.
Krämer.  Krafft.  Dr.  Kropatscheck.  Krug  v.  Nidda.  Dr.  Kruse.
Dr.  v.  Kulmiz.  Leemann.  Leuschner.  Lohren.  Dr.  Lotz.  v.  Lüderitz.
Frhr.  v.  Maltzahn-Gültz.  Frhr.  v.  Manteuffel.  Dr.  Marquardsen.
v.  Massow.  Maubach.  Meier  (Bremen).  Menzer.  Merbach.  Dr.
Meyer  (Jena).  Frhr.  v.  Mirbach.  Dr.  Graf  v.  Moltke.  Müller
(Marienwerder).  Dr.  Müller  (Sangerhausen).  Frhr.  v.  Neurath.
Nobbe.  Noppel.  Oechelhäuser.  v.  Oertzen.  Dr.  Oetker.  v.  d.  Osten.
Frhr.  v.  Ow.  Penzig.  Pfähler.  v.  Puttkamer=  Plauth.  Herzog
v.  Ratibor.  Reich.  v.  Reinbaben.  Graf  v.  Rittberg.  Dr.  Roemer.
Graf  v.  Saldern  =  Ahlimb-Ringenwalde.  v.  Saldern-Plattenburg.
Sander.  Saro.  Dr.  Sattler.  Dr.  Scheffer.  v.  Schlieckjmann.  Graf
v.  Schlieffen.  v.  Schöning.  Dr.  Schreiner.  Scipio.  Sedlmayr.
Seyfarth.  Prinz  zu  Solms-Braunfels.  Staelin.  Staudy.  Stöcker
(Rothenburg).  Stöcker  (Siegen).  Graf  zu  Stolberg  =  Wernigerode.
Struckmann.  Frhr.  v.  Tettau.  Dr.  Tröndlin.  Uhden.  Ulrich.  Frhr.
v.  Ungern-Sternberg.  Frhr.  v.  Unruhe-Bomst.  Veiel.  v.  Waldow-Reitzenstein.
  v.  Wedell  -Malchow.  v.  Wedell-Piesdorf.  Wichmann.
Frhr.  v.  Wöllwarth.  Woermann.  v.  Wrisberg.  v.  Wurmb.  Ziegler.
Baron  Zorn  v.  Bulach.

Der  Abstimmung  enthielten  sich:  Blos.  Bock  (Gotha).  Irhr.
v.  Dietrich  v.  Estorff.  Geiser.  Geyer.  Goldenberg.  Grad.  Grillenberger.
  Guerber.  Harm.  Hasenclever.  Heine.  Johannsen.  Kayser.
Kräcker.  Lang  (Schlettstadt).  Frhr.  Langwerth  v.  Simmern.  Liebknecht.
  Meister.  Mühleisen.  Pfannkuch.  Rödiger.  Sabor.  Schumacher.
Dr.  Simonis.  Singer.  Stolle.  v.  Wendel.  Wiemer.  Winterer.

 

 

Nach  dieser  Abstimmung  sollte  §.  1  folgende  Form erhalten:  In
Ausführung  der  Artikel  57,  59  und  60  der  Reichsverfassung  wird  die
Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  an  Mannschaften  für  die  Zeit  vom
1.  April  1887  bis  zum  31.  März  1890  bis  auf  468  409  Mann
festgestellt.  Die  Einjährig-Freiwilligen  kommen  auf  die  Friedenspräsenzstärke
  nicht  in  Anrechnung.

 

 

Unmittelbar  nachdem  der  Präsident  das  Resultat  der  Abstimmung
über  den  §.  1  verkündigt  hatte,  erhob  sich

Reichskanzler  Fürstvon  Bismarck:  Ich  habe  dem  Reichstage
eine  Allerhöchste  Botschaft  mitzutheilen  (die  im  Hause  Anwesenden  erheben
  sich  von  ihren  Plätzen);  dieselbe  lautet:

„Wir  Wilhelm,  von  Gottes  Gnaden  deutscher  Kaiser  und  König
von  Preußen,  verordnen  auf  Grund  des  §.  24  der  Reichsverfassung,
nach  erfolgter  Zustimmung  des  Bundesraths,  im  Namen  des  Reichs,
was  folgt:  Der  Reichstag  wird  hiermit  aufgelöst.
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        —  78  —

Urkundlich  unter  Unserer  Höchsteigenhändigen  Unterschrift  und  beigedrucktem
  Kaiserlichen  Insiegel.

Gegeben  Berlin,  den  14.  Januar  1887.“

Im  Namen  der  verbündeten  Regierungen  erkläre  ich  die  Sitzungen
des  Reichstages  für  geschlossen.

Der  Präsident  v.  Wedell-Piesdorf  brachte  hierauf  ein  dreifaches
  Hoch  auf  Se.  Majestät  den  Kaiser  aus,  in  welches  das  Haus
begeistert  einstimmte.  Die  Sozialdemokraten  hatten  sich  unmittelbar  nach
Verlesung  der  Auflösungsordre,  welche  sie  mit  einem  lebhaften
Bravo  begleiteten,  aus  dem  Sitzungssaale  entfernt.

Die  Neuwahlen  sind  auf  den  21.  Februar  1887  ausgeschrieben
worden!

Möge  jeder  Wähler  an  diesem  Tage  seine  Schuldigkeit  thun  und
nach  seiner  Kraft  dafür  Sorge  tragen,  daß  eine  andere  Richtung  als
die  der  bisherigen  Majorität  in  dem  neuen  Reichstage  zur  Herrschaft
gelangt,  weil  bezüglich  der  Majorität  des  aufgelösten  Reichstages  das
Dichterwort  volle  Geltung  hatte:

Der  Staat  muß  untergehn  früh  oder  spät,
Wo  Mehrheit  siegt  und  Unverstand  entscheidet.

Gedruckt  bei  Julius  Sittenfeld  in  Berlin.
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