Ziel  und  Schwierigkeit  der  Aufgabe.  5

deutschen  Staates  wie  benachbarter  Gemeinwesen,  neue  geistige  Nahrung,  neues
Blut  gleichzeitig  aus  sich  selbst  saugen,  andern  zur  Belebung  mitteilen  und
schließlich  auf  diese  Weise  das  ihrige  auch  zur  äußeren  politischen  Befreiung
beitragen.  Und  bis  auf  die  heutige  Zeit  heben  und  fördern  die  vielen  kulturellen
Mittelpunkte  in  einer  Zahl  von  kleineren  und  größeren  Hauptstädten  den  geistigen
Standpunkt  der  Nation  vielleicht  bedeutend  mehr  als  wenn  von  einer  einzigen
Zentrale  alle  geistig-kulturellen  Bestrebungen  ausgingen  und  von  ihr  beherrscht
würden.  Derjenige,  welcher  Deutschlands  Größe  nach  außen  wieder  geschaffen,
Bismarck,  bestätigt  dies,  wenn  er  1869  sagt:  „Dieser  Partikularismus  ist  die
Basis  der  Schwäche,  aber  auch  nach  einer  andern  Seite  hin  die  Basis  der
Blüte  Deutschlands.  Die  kleinen  Zentren  haben  ein  Gemeingut  von  Bildung
und  Wohlstand  in  allen  Teilen  Deutschlands  verbreitet,  wie  man  es  in  zentralistisch-organisierten
  großen  Ländern  schwer  findet.“})

Dies  möchte  man  auch  auf  das  höhere  Schulwesen  anwenden  und  meinen,
die  Vielgestaltigkeit  desselben  sei  ja  gerade  etwas  Segenbringendes,  besonders
wird  in  der  Jetztzeit  solche  Meinung  Anklang  finden,  denn  ein,  wenigstens  nach
meiner  Überzeugung,  viel  zu  weit  gehender  Individualismus  möchte  nicht  bloß
in  jedem  Staate,  in  jeder  Gemeinde,  sondern  auch  in  jeder  Schule  eigenartige,
gesonderte  Schulgebilde  entwickelt  sehen.

Indessen  mag  solch  pädagogisches  Sonderwesen  weiterhin  seine  Blüten
treiben,  in  andere  Schuleinrichtungen  einzudringen,  wird  nimmer  schaden;  auch
Schulverwaltungen  können  voneinander  viel  lernen.  Und  schließlich,  wenn
auch  die  Organisationen  sich  unabhängig  voneinander  bis  jetzt  gebildet  haben,
die  Zeit  wird  und  muß  kommen,  wo  sie  sich  in  Deutschland  in  ihren  äußerem
„Schulrecht“  einander  näher  rücken;  soll  denn  immer  die  Oberlehrerprüfung  in
Süddeutschland  so  gänzlich  verschieden  sein  von  derjenigen  in  Norddeutschland?
  soll  die  Reifeprüfung  in  dem  einen  Staate  so  viel  leichter,  in  dem  andern
so  viel  schwerer  sein?

Kann  man  dies  und  ähnliches  vielleicht  aus  dem  Prinzip  der  Individualität
heraus,  daß  nämlich  jeder  Bundesstaat  nach  seiner  historisch  gewordenen  Eigenart
sein  besonderes  höheres  Schulwesen  haben  müsse,  irgendwie  rechtfertigen  ?
Dann  müßte  man  es  auch  durchaus  in  der  Ordnung  finden,  daß,  während  hier
ein  wirklich  schultechnische  Oberschulbehörde  existiert,  dort  wieder  der  Mangel
eines  obersten  Schulrates  bis  zu  dem  Grade  empfunden  wurde,  daß  man  für
Schulreformen  einen  solchen  zweimal  eiligst  erst  schaffen  und  zusammenrufen
mußte?  Lange  genug  sind  die  Schulverwaltungen  in  Deutschland  selbständig
nebeneinander  her  gelaufen,  die  geringen,  später  zum  Teil  nicht  beachteten
Übereinkommen  von  1874  und  1889  ändern  an  dieser  Tatsache  nichts.  Die
Reichsschulkommission  mit  ihren  nicht  großen  Befugnissen  zeigt  gerade  darin,
wie  weit  wir  hier  zurück  sind;  in  neuster  Zeit  hat  man  in  der  Presse  vielfach
nach  einem  deutschen  Reichsschulamt  zur  Beaufsichtigung  der  deutschen  Aus-I)

  Politische  Reden,  Ausgabe  von  Horst  Kohl  IV,  189.