170  II.  Das  höhere  Lehramt.

Literarhistoriker,  getraute  sich  über  ein  Drama,  das  er  vielleicht  Monate,  viele
Monate,  vielleicht  ein  Jahr  lang  nicht  gelesen,  plötzlich  aus  dem  -Stegreif  in
fünf  Stunden  hintereinander  einen  kleineren  Aufsatz  niederzuschreiben,  wobei
man  freilich  wieder  zu  bedenken  hat,  daß  reife  Männer  bei  der  Ausarbeitung  an
sich  selbst  ganz  andere  Ansprüche  in  bezug  auf  Gewissenhaftigkeit  und  Genauigkeit
  zu  stellen  pflegen  als  Abiturienten  und  vielleicht  deshalb  nichts  zustande
brächten  oder  bringen  wollten?  Nun  vergesse  man  aber  auch  nicht,  daß  neben
diesen  Gedankenreihen  für  den  deutschen  Aufsatz,  die  eine  ziemliche  Anzahl  von
poetischen  und  prosaischen  Stücken  umfassen  sollen,  auch  noch  Ideenkreise  für
andere  Themen,  wie  für  den  französischen  Aufsatz  liegen  müssen.

So  die  Lage  des  Schülers.  Nicht  viel  angenehmer  ist  die  des  Lehrers,
dem  es  verboten  ist,  irgendwelche  „Andeutungen“  über  die  Aufsätze  zu  geben.
Tatsächlich  aber,  schon  um  ähnliche  Vorbedingungen  für  diesen  Prüfungsaufsatz
  zu  schaffen,  wie  für  die  häuslichen  gemäß  $  6,  2  der  Ordnung,  ist  er  gezwungen,
  doch  eine  große  Menge  von  Winken,  natürlich  ohne  eins  der  von  ihm
eingereichten  Themen  zu  nennen,  wiederholt  zu  geben.  Es  beginnt  nun  ein  gar
anmutiges  Versteckspiel;  fortgesetzt  will  der  Lehrer  diese  Andeutungen  verbergen,
fortgesetzt  fordert  seine  ernst-schalkhafte  Miene  die  Schüler  auf:  Sucht!  Sucht!
Fortgesetzt  suchen  und  finden  sie  wohl  meist  das  Verborgene.  Wie  sollten  sie
auch  nicht?  Im  letzten  Jahre  der  Prima  wird  z.  B.  Goethes  „Torquato  Tasso“
oder  eine  philosophische  Abhandlung  Schillers  gelesen.  Plötzlich,  mit  mehr
oder  weniger  Geschick,  z.  B.  unter  dem  Vorwande  der  Repetition  springt  der
Lehrer  von  dem  Goethischen  Drama  auf  Schillers  „Wallenstein“,  auf  das  Verhältnis
  von  Max  und  Wallenstein,  oder  von  der  Schillerschen  Prosa  auf  das
achtzigste  Stück  von  Lessings  Hamburgischer  Dramaturgie  über.  „Aha!  da  haben
wir  eins  der  Abituriententhemata!  Entweder:  „Wodurch  wird  Max  an  Woallenstein
gefesselt?“  oder:  „Warum  verurteilt  Lessing  die  französische  Tragödie?“  Am
leichtesten  werden  Themata  allgemein-moralischen,  auch  geschichtlichen  Inhalts
von  den  Schülern  aufgespürt.  Der  Sprung  von  der  Lektüre  der  Unterrichtsstunde!)
  zu:  „Lust  und  Liebe  sind  die  Fittige  zu  großen  Taten“  oder:  „Die  Bedeutung
  Karls  des  Großen  für  seine  Zeit  und  für  die  Geschichte“  ist  eben  sehr
auffällig,  auch  dann  wenn  er  maskiert  wird,  durch  die  Form  von  Dispositionsübungen,
  welche,  soweit  die  knappe  Zeit  reicht,  auch  auf  der  obersten  Stufe
ja  mit  Recht  verlangt  werden.

Am  natürlichsten  werden  solche  Arbeiten  als  reife  Früchte  vom  Baume
des  deutschen  Unterrichts  fallen,  die  nur  auf  die  Lektüre  des  letzten  Jahres
oder  Halbjahres  sich  gründen  und  entweder  dramaturgische  Dinge  behandeln,
wie  Exposition,  Höhepunkte  der  Handlung,  Charaktereigenschaften,  vielleicht
Vergleiche  des  eben  gelesenen  Dramas  mit  früheren  (aber  auch  hier  schon:  „sie
schweigen  und  horchen  wie  Mäuslein!“),  oder  Berichte,  vielleicht  mit  kurzen
eingeflochtenen  kritischen  Bemerkungen  einfachster  Art  tiber  Prosalektüre  aus

I)  Frick  (Verhandlungen  1892,  8.  581)  nennt  deswegen  die  allgemeinen  Themen  „Ruin
des  deutschen  Unterrichts",  weil  sie  nicht  aus  dem  Unterrichtestoff  hervorwachsen.