D.  Die  Reifeprüfung.  171

Herder,  Goethe,  Schiller.  Die  Auseinandersetzung  über  solche  Dinge,  welche
doch  seit  Jahren  stattfinden,  bleibt  im  Rahmen  des  Unterrichts  und  fällt  deshalb
nicht  auf;  Abituriententhemats  dieser  Art  werden  am  wenigsten  „vorher  empfunden“
  im  Gegensatz  zu  geschichtlichen  und  moralischen  Themen,  welche  als
solche  sofort  erkannt  werden.!)

Auch  fremdsprachliche  Aufsätze  werden  leicht  herausgespürt.  Hier  muß
wohl  noch,  wie  früher  bei  den  lateinischen  Aufsätzen,  etwas  Phraseologie  zurechtgelegt
  werden.  In  den  französischen  Stunden  z.  B.  werden  Phrasen  über
Kriegführen,  über  Friedensschlüsse,  über  diplomatische  Verhandlungen  wiederholt,
  daneben  durch  französiche  Fragen  französische  Antworten  über  Karl  den
Großen,  Napoleon  I.,  den  Krieg  von  1870  ganz  unauffällig  herausgelockt.  „Aha,
das  Thema  ist  ein  geschichtliches!“  Literarische  Aufgaben  tiber  den  ersten  oder
zweiten  Akt  von  Molieres  l’Avare  oder  allgemeinere  Schilderungen  müssen  ähnlich
  vorbereitet  werden.  Es  würden  ja  sonst  nur  wenig  Schüler  fähig  sein,
solchen  französischen  Aufsatz  anfertigen  zu  können.  Nicht  viel  anders  wird  es
bei  den  mathematischen  Aufgaben  sein;  stets  wird  der  Lehrer  dafür  zu  sorgen
haben,  daß  sie  nicht  früheren  Aufgaben  zu  ähnlich  werden;  der  mathematische
Lehrer  wird  weniger  mit  $  6,6  als  mit  $  6,  2  in  Konflikt  geraten:  „sie  dürfen
aber  nicht  einer  der  bereits  bearbeiteten  Aufgaben  so  nahe  stehen,  daß  ihre
Bearbeitung  aufhört,  den  Wert  einer  selbständigen  Leistung  zu  haben“.  Freilich
so  groß  ist  hier  die  Gefahr  eines  Konfliktes  bei  weitem  nicht.  Aber  auch  dann,
wenn  die  Abiturienten  die  Anspielungen  nicht  merken,  liegt  doch  immer  ein
Verstoß  vor  gegen  die  Mahnung  des  $  6,6:  „jede  vorherige  Andeutung  aufs
strengste  zu  vermeiden“.  Jeder,  der  einmal  in  der  Lage  war,  Abiturienten  im
Deutschen  und  Französischen  vorzubereiten,  wird  einen  peinlichen  Gewissenskampf
  durchgemacht  haben,  er  wird  zur  Einsicht  kommen:  entgegen  dem  $  6,  6
muß  in  verkappter  Weise  eine  große  Zahl  von  Andeutungen  fast  immer  gemacht
werden,  mögen  sie  verstanden  werden  oder  nicht,  und  nicht  über  ein  in  ihrem
Gedankenkreise  liegendes  Thema  schreiben  die  Prüflinge,  sondern  meist
über  ein  in  ihren  Gedankenkreis  hineingelegtes.

Solchem  Gewissenskampf  würde  man  nach  meinem  ‚Dafürhalten  entgehen,
falls  bei  uns  und  anderwärts  der  Hergang  wäre  wie  in  Bayern,  wo  die  Themata
  auch  den  Mitgliedern  der  Prüfungskommission  unbekannt  sind.?)  In  Bayern

I)  In  Bayern  dürfen  natürlich  allgemeine  Themata  gegeben  werden;  aber  auch  literarische
  Themata,  wie  „die  Exposition  eines  der  im  letzten  Jahr  gelegenen  Dramen“  kommen
dort  vor.  So  wird  trotz  aller  Zentralisstion  die  nötige  Freiheit  gelassen,  such  der  Zufallstücke
  vorgebeugt.  Auf  dieselbe  Art  könnten  doch  auch  für  eine  ganze  preußische  Provinz
einheitliche  Themata  gestellt  werden,  z.  B.:  der  dramatische  Konflikt  in  einem  der  in  I  gelesenen
  Dramen  oder  „Inhaltsangabe  eines  der  im  letzten  Jahre  gelesenen  klassischen  Prosastücke
  oder  eines  Abschnittes  aus  diesen“  usw.  Diese  Themata  klingen  nicht  so  prunkhaft,
wie  die  üblichen,  bürgen  aber  dafür,  daß  sie  vorher  nicht  von  langer  Hand  zurechtgelegt,
vorausgeahnt  und  vielleicht  schon  zu  Haus  etwas  ausgearbeitet  worden  sind.  Und  deswogen
würden  sie  schwieriger  sein  als  diejenigen,  welche  man  nach  dem  bisherigen  Verfahren
gestellt.

2)  Auch  Paulsen  tritt  dafür  ein,  daß  der  Provinzialschulrat  die  Prüfungsthemata  verteile
  (Verhandlungen  1890  8.  595).