D.  Die  Reifeprüfung.  &gt;01

es  ist  demnach  möglich,  daß  das  Französische  auch  noch  „nicht  genügend“
ist,  also  alle  3  bezw.  4  Nebenfächer  ausfallen  und  doch,  da  der  Schüler
wegen  „seiner  Persönlichkeit  und  seiner  geistigen  Entwickelung  besondere  Rücksicht
  verdient“,  die  Kommission  ihn  für  reif  erklärt.  Ein  solches  Abiturientenzeugnis
  ähnelt  dem  oben  S.  183  mitgeteilten  von  1812  gar  sehr,  nur  war  man
damals  vorsichtiger,  man  nannte  den  Erwerber  eines  solchen  Zeugnisses  „bedingt
  tüchtig“,  heute  würde  man  ihn  nicht  „bedingt  reif“  nennen,  sondern  einfach
  „reif“.

So  weit  kann  auch  hier  die  Grenze  nach  unten  gezogen  werden!  Sollten
solchen  Bestimmungen  gegenüber  nicht  die  Stimmen  in  der  Presse,  leider
auch  in  der  Fachpresse  der  Amtsgenossen,  und  im  Publikum  endlich  verstummen,
die  immer  noch  nach  Erleichterung  dieser  Prüfung  schreien,  indem  sie
behaupten,  sie  mache  die  Schüler  schon  lange  vorher  nervös?  Wahrlich,  die
solche  Rufe  immer  wieder  ertönen  lassen,  scheinen  weder  die  Prüfungsordnungen
  selbst  noch  ihre  Entwickelungsgeschichte  !)  je  studiert  zu  haben!  Und
abgesehen  hiervon,  stellt  nicht  ein  Zeitalter,  das  noch  mehr  Erleichterung
der  Prüfungen  begehrt,  sich  selbst  ein  beredtes  „testimonium  paupertatis“
aus?  Alle  solche  Rufe  besagen  doch  weiter  nichts  als  das  eine:  die  geistige
Rüstung,  die  unsere  Großväter  und  Väter  trugen,  da  sie  die  großen  Kämpfe
von  1866,  1870/71  schlugen  und,  wie  Oskar  Jäger  sagt,  mit  einer  vorzüglichen
Note  bestanden,  ist  uns  Enkeln  und  Söhnen  zu  schwer  geworden,  sie  erdrückt
uns;  macht  sie  uns  leichter!

Woher  fortgesetzt  solche  sich  selbst  bloßstellanden  Rufe?  Wenn  die
höheren  Schulen  noch  von  den  Söhnen  derselben  Bevölkerungsklassen  besucht
werden  wie  vor  einem  Menschenalter,  sind  die  Nachkommen  wirklich  nicht
mehr  imstande,  das  Maß  von  Wissen  sich  anzueignen,  das  ihre  Väter  erworben?
Oder  hat  sich  das  Schülerpublikum  so  verändert?  Sind  zu  viel  von  den  „Viel
zu  vielen“  eingedrungen?  Oder  hat  sich  unser  Zeitgeist  gewandelt?  Will  er
mehr  eine  technisch-industrielle  Bildung??)  Vielleicht  wirken  diese  Momente
vereint.  —  Aber  solche,  die  mehr  dazu  berufen  sind  als  ich,  mögen  die  Antwort
  geben!

Die  Frage,  ob  die  Reifeprüfung  nach  den  Prüfungsordnungen  (nur  darum
handelt  es  sich  immer)  in  Deutschland  zu  schwer  ist,  muß  also  verneint  werden.

Wie  von  selbst  schnellt  die  Gegenfrage  empor:  ist  sie  zu  leicht  nach  den
Reglements?  Arbeitet  der  Auslesemechanismus  der  deutschen  Reifeprüfung
  scharf  und  fein  genug,  um  die  Spreu  von  dem  Weizen  zu  sondern,
um  nicht  zu  viel  „geistiges  Proletariat“  schon  den  Universitäten  zuzuführen?
Denn  darüber  täusche  man  sich  nicht:  wenn  die  Klage  über  Zunahme  desselben

I)  Den  Fortschritt  der  amtlichen  preußischen  Lehrpläne  von  1892—1901  beleuchtet
Chr.  Schöner,  Blätt.  f.  bayer.  Gymn.  1903  I.  —  Daß  man  aber  in  den  Anforderungen  bei
der  Reifeprüfung  stetig  abwärts  gestiegen  ist,  sagt  auch  Münch.  Monatsschrift  für  höhere
Schulen  1908  I  12.  —  Sicher  feststellen  könnte  man  dies,  wenn  man  sich  entschließen
könnte,  die  Abiturientenarbeiten  früherer  Jahrzehnte  nach  Proben  zu  veröffentlichen.

3)  Über  das  Hin  und  Her  der  Meinungen  orientiert  das  vortreffliohe  Buch  von  A.  Messer,
„Die  Reformbewegung  usw."  Teubner  1901.