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        <title>Deutsche Heerführer im Kriege 1914. Band 1.</title>
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        Deutsche  Heerführer

im  Kriege  1914
Ihr  Werden  und  Wirken.

Von
Dr.  Kurt  Mühsam.

Jweite,  verbesserte  und  erweiterte  Auflage.

4.—  7.  Tausend.

1

Conrad  Haber's  Verlag
Berlin  S
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        Nachdruck  verboten!
Alle  Rechte  vorbehalten!

Druck  von  H.  S.  Hermann  in  Berlin
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        Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Friedrich  Wilhelm,  Kronprinz  des  Deutschen  Reiches  und  von  Preußen
Erich  v.  Falkenhayn,  Preußischer  Kriegsminister
Hellmut  Johannes  Ludwig  v.  Moltke,  Generaloberst,  und  Chef  des
Großen  Generalstabes.  .  ...
Gustav  v.  Kessel,  Oberbefehlshaber  in  den  Marten
Graf  Gottlieb  v.  Haeseler,  Generalfeldmarschall
Alexander  v.  Linsingen,  Kommandierender  General  des  II.  Armeekorps
Otto  v.  Emmich,  Kommandierender  General  des  X.  Armeekorps
Freiherr  Karl  v.  Plettenberg,  Kommandierender  General  des  Gardekorps
Kurt  v.  Pritzelwitz,  Kommandierender  General  des  VI.  Armeekorps
Alexander  v.  Kluck,  Generalinspekteur  der  achten  Armeeinspektion
Friedrich  v.  Scholtz,  Kommandierender  General  des  XX.  Armeekorps
August  v.  Mackensen,  Führer  der  neunten  Armeem
Hugo  v.  Pohl,  Chef  des  Admiralstabes
Hans  Ludwig  Raimund  v.  Koester,  Oberkommandeur  der  aktwen
Schlachtslotte  z.  D.  .  .
FriedrichStxthrnnn  Kommandtereudcr  General  des  rv.  Armeekorpe

9
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        Vorwort  zur  l.  Auflage.

Die  Schnelligkeit,  mit  der  unsere  Armee  während  weniger
Tage  auf  den  Kriegsfuß  gebracht  worden  war,  hat  weit  über  die
Grenzen  des  Deutschen  Reiches  hinaus  Freunden  und  Feinden
Bewunderung  abgenötigt.  In  verhältnismäßig  wenigen  Stunden
war  das  deutsche  Heer  zu  Wasser  und  zu  Lande  mobil  gemacht,  und
schon  das  erste  Eingreifen  unserer  tapferen  Mannschaften  konnte
sich  zu  einem  Erfolge  gestalten,  der  mit  goldenen  Buchstaben  in
der  Ruhmesgeschichte  der  deutschen  Armee  verbucht  werden  wird.
Ohne  den  Heldenmut,  die  Tapferkeit  und  Entschlossenheit
unserer  von  patriotischer  Begeisterung  und  von  treuer  Anhänglichkeit
  an  Kaiser  und  Reich  getragenen  Soldaten  auch  nur
im  mindesten  schmälern  oder  verdunkeln  zu  wollen,  kann  man
aber  doch  mit  Fug  und  Recht  sagen,  daß  ein  wesentlicher  Anteil
an  allen  Erfolgen  denjenigen  zuzuschreiben  ist,  die  an  der  Spitze
unserer  bewaffneten  Macht  stehen  und  wohlerwogen  und  wohlbegründet
  Vorbereitungen  und  Anordnungen  treffen,  die  dem
geliebten  Vaterland  zu  Nutz  und  Frommen  gereichen  sollen.
Das  Wohl  des  Staates  liegt  augenblicklich  in  ihren  Händen:
ihren  Kenntnissen  ist  das  Schicksal  vieler  Millionen  Menschen
anvertraut,  ihre  Entschlüsse  werden  von  den  heißesten  Segenswünschen
  unzählig  vieler  Menschen  begleitet,  auf  sie  sind  alle
Blicke  gerichtet,  und  tiefgefühlten  Dank  werden  ihnen  Millionen
und  Abermillionen  Menschen  entgegenbringen,  wenn  unsere
braven  Krieger  dereinst  siegreich  und  ruhmbeladen  wieder  heimkehren.


Von  dieser  Erkenntnis  ausgehend  habe  ich  in  dem  vorliegenden
  Werk  versucht,  das  Leben  und  Wirken  unserer  Heer-
        <pb n="6" />
        —  8  —

führer  so  darzustellen,  daß  auch  in  dem  nicht  militärisch  Geschulten
  ein  klares  Bild  über  unsere  Feldherrn  ersteht.  Indem
ich  den  Werdegang  unserer  Heerführer  von  ihrer  frühesten
Jugend  an  (eine  große  Reihe  von  Daten  verdanke  ich  dem
„Archiv  für  publizistische  Arbeit“)  schildere,  hoffe  ich,  ihnen
allen  im  deutschen  Volke  noch  mehr  Anhänger  und  Bewunderer
zu  werben,  als  sie  ohnehin  schon  haben.

Berlin,  im  September  1914.
Dr.  Kurt  Mühsam.

Vorwort  zur  ll.  Auflage.

Das  rege  Interesse,  das  das  deutsche  Volk  an  den  tapferen
Männern  bekundet,  deren  Feldherrunbegabung  das  Schicksal  des
Reiches  anvertraut  ist,  hat  diesem  kleinen  Werke  binnen  kurzer
Zeit  so  viele  Freunde  verschafft,  daß  schon  zwei  Monate  nach
seinem  Erscheinen  die  erste  Auflage  im  Buchhandel  vergriffen
und  die  Herausgabe  einer  zweiten  Auflage  notwendig  geworden
war.  Alle  Erfolge  unserer  Heerführer,  die  neuerdings  seit  Erscheinen
  der  ersten  Auflage  zur  Kenntnis  der  Offentlichkeit  gelangt
  sind,  habe  ich  in  die  Neuauflage,  die  der  Verlag  noch  überdies
  durch  die  Wiedergabe  einiger  wirkungsvoller  Bilder  bereichert
  hat,  aufgenommen.  Auch  diese  verbesserte  und  erweiterte
  Ausgabe  sei  der  Gunst  des  Publikums  empfohlen.

Berlin,  im  November  1914.
Dr.  Kurt  Mühsam.
        <pb n="7" />
        Friedrich  Wilhelm,

Kronprinz  des  Deutschen  Reiches  und  von
Preußen.

Die  glorreiche  Schlacht  von  Longwy,  die  als  leuchtende
Perle  in  der  Krone  unserer  Siege  weithin  erstrahlt  und  ihren
funkelnden  Glanz  ruhmverkündend  in  Hütten  und  Paläste
gießt,  hat  den  Kronprinzen  des  Deutschen  Reiches,  für  dessen
militärische  Tüchtigkeit  die  vielen  Jahre  goldenen  Friedens
nicht  den  richtigen  Prüfstein  geben  konnten,  mit  einem  Schlage
in  die  allererste  Reihe  unserer  deutschen  Heerführer  gestellt,  sie
hat  das  unbegrenzte  Vertrauen,  das  wir  ihm  als  dem  künftigen
Erben  des  Deutschen  Kaiserthrones  allzeit  aus  der  Tiefe  unseres
Herzens  heraus  schenkten,  durchaus  als  berechtigt  erwiesen,  sie
hat  schließlich  die  Liebe,  Treue  und  Anhänglichkeit  an  das  angestammte
  Herrscherhaus  gehoben,  gestählt  und  vertausendfacht.
Der  Tag  von  Longwy  bedeutet  eine  neue,  herrliche  Blüte  in  dem
knospenden  und  blühenden  Siegeskranz,  der  die  Geschichte  und
Geschicke  des  Deutschen  Reiches  ewig  schmückend  umrankt.  Hoch
gepriesen  und  gesegnet  wird  er  noch  in  späten  Zeiten  von  denen
sein,  die  uns  dereinst  um  das  Glück  beneiden  werden,  das  uns
gestattete,  jenen  Tag  in  ungetrübter  Freude  mitzuerleben.

Und  ein  ganz  neues,  verändertes  Bild  ersteht  nun  in  uns
von  dem  Kronprinzen,  dessen  anmutig-heiteres  Wesen  seine
Volkstümlichkeit  aufbauen  half,  und  dessen  wiederholtes  Hervortreten
  in  der  Oeffentlichkeit  ihn  als  eine  Persönlichkeit  erscheinen
  ließ,  deren  Tun  und  Lassen  fast  ausschließlich  das  Produkt
  einer  überaus  starken  Impulsivität  zu  sein  schien.  Heute,  da
        <pb n="8" />
        10  —

er  als  Führer  einer  stolzen  und  siegreich  operierenden  Armee  in
unseren  Bannkreis  getreten  ist,  drängt  sich  uns  mit  überwältigender
  Wucht  die  Ueberzeugung  auf,  daß  der  Ernst  der  Stunde
in  ihm  auch  den  Ernst  des  Mannes  gefunden  hat.  Und  was
andere  Stützen  der  Armee  an  Alter  und  Erfahrungen  ihm  voraus
  haben,  das  macht  er  durch  seinen  unbezähmbaren  Ehrgeiz
  und  unaufhaltsam  dahinstürmenden  Tatendrang  wett.  Die
Hoffnungen,  die  sich  an  ihn  bisher  geknüpft  hatten,  ohne  daß
sie  ihre  Berechtigung  noch  hätten  erweisen  können,  haben  sich
nicht  als  trügerisch  gezeigt.  Und  wenn  der  nachmalige  Erbe
des  Deutschen  Kaiserthrones  einmal  das  Wort  geprägt  hat:
„Nur  auf  das  gute  Schwert  gestützt,  können  wir  den  Platz  an
der  Sonne  erhalten,  der  uns  zusteht,  aber  nicht  freiwillig  eingeräumt
  wird“,  so  hat  der  ruhmreiche  Tag  von  Longwy  den
von  uns  allen  so  heiß  ersehnten  Beweis  dafür  erbracht,  daß
jenes  Wort  von  damals  tief  empfunden  und  nicht  nur  frei  erdacht
  war.  Und  wenn  Kronprinz  Wilhelm  ferner  bei  der  gleichen
  Gelegenheit  seiner  Ueberzeugung  dahin  Ausdruck  verlieh,
daß  das  Schwert  bis  zum  Niedergang  der  Welt  immer  der
letzten  Endes  ausschlaggebende  Faktor  sein  und  bleiben  werde,
so  hat  auch  diese  Ueberzeugung  dem  Thronfolger  den  Weg  gezeigt,
  der  eingeschlagen  werden  muß,  den  Weg  zum  Sieg.
Kronprinz  Friedrich  Wilhelm,  der  erst  am  6.  Mai  das  32.
Lebensjahr  vollendet  hat,  trat  schon  im  Alter  von  zehn  Jahren
im  1.  Garderegiment  zu  Fuß  in  die  Armee  ein.  Am  18.  April
des  Jahres  1896  kam  er  zusammen  mit  seinem  jüngeren  Bruder
  Eitel  Friedrich  in  das  Kadettenkorps  zu  Plön,  das  er  bis
zu  seinem  18.  Geburtstage,  an  welchem  Tage  er  den  Fahneneid
  ablegte,  besuchte.  An  dem  feierlichen  Akt  der  Großjährigkeitserklärung,
  welches  Ereignis  im  ganzen  Deutschen  Reiche
festlich  begangen  wurde,  nahmen  außer  dem  Kaiser  Franz
Josef,  der  persönlich  aus  diesem  Anlaß  nach  Berlin  gekommen
war,  Vertreter  sämtlicher  europäischer  Höfe  teil.  Der  Kaiser
stellte  ihn  à  la  suite  des  Grenadierregiments  Nr.  1.  Als  Kronprinz
  Wilhelm  wenige  Tage  später  die  Offiziersprüfung  ab-
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        Friedrich  Wilhelm,
Kronprinz  des  Deutschen  Reiches  und  von  Preußen.
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        —  11  —

gelegt  hatte,  konnte  er  am  31.  Mai  des  Jahres  1900  zum
aktiven  Dienst  in  das  1.  Garderegiment  zu  Fuß  eintreten.
Nachdem  der  Kronprinz  am  14.  April  1901  dem  verbündeten
Kaiser  in  Wien  einen  Dankbesuch  abgestattet  hatte,  erfolgte  in
Anwesenheit  des  Kaisers  Wilhelm  am  24.  April  seine  Immatrikulation
  in  der  juristischen  Fakultät  der  Universität  in  Bonn,
wo  er  nach  althergebrachter  Sitte  als  Konkneipant  dem  Korps
Borussia  angehörte.  Bis  zum  Februar  1903  blieb  Kronprinz
Wilhelm  mit  kurzen  Unterbrechungen  in  Bonn.  Am  2.  März
trat  er  dann  mit  dem  Prinzen  Eitel  Friedrich  eine  Reise  nach
dem  Orient  an,  die  ihn  durch  Aegypten,  Palästina  und  Kleinasien
  auch  nach  der  Hauptstadt  des  türkischen  Reiches  führte.
Mit  großer  Besorgnis  hatte  man  in  der  Heimat  die  Nachricht
vernommen,  daß  er  in  Aegypten  an  Masern  erkrankt  sei,  und
allerseits  erweckte  es  Freude,  als  die  Kunde  von  seiner  raschen
Genesung  hier  verbreitet  wurde.  Nachdem  der  Kronprinz  schon
im  Jahre  1900  Oberleutnant  geworden  war,  rückte  er  am
18.  September  1903  zum  Hauptmann  auf,  in  welcher  Eigenschaft
  er  ebenso  wie  seinerzeit  sein  Vater  die  2.  Kompagnie  des
1.  Garderegiments  als  Kompagniechef  befehligte.

Am  4.  September  des  Jahres  1904  verlobte  sich  Kronprinz
  Wilhelm  mit  Cecilie,  Herzogin  zu  Mecklenburg-Schwerin,
mit  der  er  sich  neun  Monate  später,  am  6.  Juni  des  folgenden
Jahres,  vermählte.  Die  lieblich  ungezwungene  Art,  mit  der
sich  die  junge  Kronprinzessin  gab,  machte  sie  binnen  kurzer
Zeit  zum  Liebling  des  deutschen  Volkes.  Man  huldigte  ihr,
wo  immer  man  sie  sah.  Ihr  stets  freundliches  Wesen  ließ  ihre
Schönheit  noch  mehr  zur  Geltung  kommen.  Ihre  sonnige
Lieblichkeit,  ihre  Anmut  und  Jovialität  haben  viel  zur  Beliebtheit
  des  überall  geliebten  Kronprinzenpaares  beigetragen.

Bis  nach  dem  Manöover  des  Jahres  1905  verblieb  der
Kronprinz  als  Kommandeur  der  2.  Kompagnie  des  1.  Garderegiments.
  Dann  wurde  er  zur  Dienstleistung  als  Rittmeister
zum  Regiment  der  Gardes  du  Corps  kommandiert.  Im  Oktober
  desselben  Jahres  wurde  er  à  la  suite  des  Kürassierregi-
        <pb n="12" />
        —  12  —

ments  Nr.  2  gestellt.  Kurze  Zeit  später  kam  er  an  die  Spitze
der  Leibeskadron  des  Regiments  der  Gardes  du  Corps.  Am
4.  Juli  1906  wurde  dem  Kronprinzenpaar  ein  Sohn  Wilhelm
geboren.  Als  am  18.  September  1907  die  Beförderung  des
Kronprinzen  zum  Major  erfolgt  war,  trat  er  in  die  Zivilverwaltung
  ein,  um  diese  durch  persönliches  Studium  kennen
zu  lernen.  Erst  sehen  wir  ihn  ein  Jahr  lang  im  Ministerium
des  Innern  beschäftigt  und  nachher  im  Reichsmarineamt.  Am
9.  November  1907  kam  Prinz  Louis  Ferdinand,  der  zweite
Sohn  des  Kronprinzen,  zur  Welt.  Als  in  den  ersten  Tagen  des
Jahres  1909  ein  schweres  Grubenunglück  die  Zeche  Radbod
heimsuchte,  stellte  sich  das  Kronprinzenpaar  an  die  Spitze  der
Hilfsaktion,  die  in  wenigen  Tagen  für  die  Hinterbliebenen
der  verunglückten  Arbeiter  300  000  Mark  zusammenbrachte.
Diesem  Akt  von  Menschenfreundlichkeit  schloß  sich  schon  wenige
Wochen  später  ein  neuer  an,  als  Mitte  Februar  durch  den  Austritt
  der  Elbe  aus  ihrem  Bett  viele  Menschen  um  Hab  und
Gut  gekommen  waren.

Vom  1.  April  des  Jahres  1909  an  sehen  wir  dann  den
Kronprinzen  beim  1.  Gardefeldartillerieregiment,  bei  dem  er
auch  später  die  Führung  der  Leibbatterie  übernahm.  Schon
am  20.  April  erfuhr  dieses  Kommando  dadurch  eine  Unterbrechung,
  daß  der  Kronprinz  in  Vertretung  des  Kaisers  sich
nach  Bukarest  begeben  mußte,  wo  König  Carol  von  Rumänien
in  feierlicher  Weise  seinen  70.  Geburtstag  beging.  Der  junge
Kronprinz  brachte  dem  greisen  Monarchen  ein  Handschreiben
des  Kaisers,  das  die  Ernennung  zum  preußischen  Generalfeldmarschall
  enthielt.  Als  Kronprinz  Wilhelm  auf  seiner  Rückreise
  dem  Kaiser  Franz  Josef  in  Wien  einen  Besuch  abstatten
wollte,  ließ  es  sich  dieser  nicht  nehmen,  den  ältesten  Sohn
seines  Bundesgenossen  vom  Bahnhof  abzuholen.  Unter  dem
begeisterten  Jubel  der  Wiener  Bevölkerung  fuhr  Kaiser  Franz
Josef  mit  seinem  jungen  Gast  im  offenen  Wagen  durch  die
Straßen  Wiens  zur  Kaiserlichen  Burg.  Nach  dem  Manöver  des
Jahres  1909  erfolgte  die  Versetzung  des  Kronprinzen  zum
        <pb n="13" />
        13.  —

1.  Bataillon  des  ersten  Garderegiments  zu  Fuß,  von  welchem
Kommando  er  erst  am  15.  September  1911  schied.  Während
dieser  Zeit  wurde  ihm  am  30.  September  1909  ein  dritter
Sohn,  Hubertus,  geboren.  Am  28.  Mai  des  Jahres  1910
erschien  im  Reichsanzeiger  eine  Kundmachung,  in  welcher  der
Kaiser  für  die  Dauer  seiner  Erkrankung  den  Kronprinzen  beauftragte,
  diejenigen  Schriftstücke,  die  ihm  der  Kaiser  zu  diesem
Zwecke  zugehen  läßt,  zu  unterzeichnen.  Als  drei  Tage  später
die  Frühjahrsparade  in  Potsdam  stattfand,  nahm  diese  der
Kronprinz  ab.  Der  nächste  Tag  versetzte  das  Berliner  Publikum
  dadurch  in  ungeheure  Erregung,  daß  während  der  Rückkehr
  des  Kronprinzen  von  der  Parade  auf  dem  Tempelhofer
Feld  ein  geisteskranker  Russe  eine  Konservenbüchse  gegen  den
Kronprinzen  schleuderte.

Eine  bedeutungsvolle  Rede  hielt  Kronprinz  Wilhelm  am
23.  August  bei  seiner  Investitur  zum  Rector  magnificentissimus
  der  Königsberger  Universität.  Die  große  Reise,  die
das  Kronprinzenpaar  am  2.  November  nach  Ostasien  antrat,
erfuhr  am  31.  Januar  1911  ihren  jähen  Abschluß  in  Kalkutta
wegen  der  in  Ostasien  stark  um  sich  greifenden  Pest.  Auf  der
Rückreise  von  dort  hielt  sich  das  Kronprinzenpaar  einige  Tage
lang  in  Rom  zum  Besuche  des  italienischen  Königspaares  auf
und  traf  dann  am  11.  April  wieder  in  Berlin  ein.  In  dem
gleichen  Jahre  besuchte  das  Kronprinzenpaar  Petersburg  und
London.  Nach  seiner  am  1.  Juli  1911  erfolgten  Rückkunft  aus
London  ging  der  Kronprinz  nach  Langfuhr,  wo  er  das  Kommando
  des  ersten  Leibhusarenregiments  Nr.  9  übernahm.  Als
während  der  Novembertage  des  Jahres  1911  im  Reichstag  der
Marokkovertrag  zur  Debatte  stand,  erschien  ganz  unerwartet
am  9.  November  der  Kronprinz  in  der  Hofloge.  Während  der
Rede  des  konservativen  Führers  von  Heydebrand,  der  den
Reichskanzler  damals  in  der  schärfsten  Weise  angriff,  nickte  der
Kronprinz  wiederholt  Beifall,  was  in  der  Presse  des  In=  und
Auslandes  Anlaß  zu  lebhaften  Erörterungen  gab.  Am  19.  Dezember
  kam  sein  jüngster  Sohn  Friedrich  zur  Welt.
        <pb n="14" />
        —  14  —

Die  Erlebnisse,  die  das  Kronprinzenpaar  auf  seiner  Reise
nach  Ostasien  hatte,  legte  der  Kronprinz  in  einem  Buche  nieder,
  das  am  26.  Juni  1912  unter  dem  Titel  „Aus  meinem
Jagdtagebuch“  erschien.  Das  sehr  gewandt  und  anschaulich
geschriebene  Werk  widmete  er  der  Herzogin  Karl  Theodor  in
Bayern.  Die  photographischen  Aufnahmen,  die  es  enthält,
sind  zum  größten  Teil  ein  Werk  der  Kronprinzessin,  die  sich
hiermit  als  geschickte  und  verständnisvolle  Photographin  erwies.
  Als  in  den  letzten  Augusttagen  des  Jahres  1912  der
Kaiser  erkrankte,  wurde  der  Kronprinz  abermals  mit  seiner
Vertretung  betraut.  Mit  großem  Bedauern  und  innigem  Mitgefühl
  vernahm  man  am  30.  Oktober  die  Nachricht,  daß  sich
der  Kronprinz  durch  einen  Sturz  mit  dem  Pferde  am  Arm,
Gesicht  und  Kopf  verletzt  habe.  Um  so  größer  war  die  Freude,
als  schon  nach  wenigen  Tagen  seine  vollständige  Gesundung
gemeldet  werden  konnte.  Am  27.  Januar  1913  wurde  Kronprinz
  Friedrich  Wilhelm  zum  Oberst  befördert.  Großes  Aufsehen
  erregte  das  im  Mai  desselben  Jahres  erschienene  Werk
„Deutschland  in  Waffen“,  zu  dem  der  Kronprinz  das  Vorwort
und  einen  Artikel  „Regiment  der  Gardes  du  Corps,  Standarteskadron“
  geschrieben  hatte.  Er  schildert  in  anschaulicher
Weise  in  diesem  Artikel  die  Gefühle  des  Reiters  während  einer
Attacke  und  schreibt  dann  folgendes:  „Wer  solche  Attacke  mitgeritten
  hat,  für  den  gibt's  nichts  Schöneres  auf  der  Welt.  Und
doch:  Noch  eins  erscheint  dem  echten  Reitersmann  schöner:
Wenn  alles  dies  dasselbe  ist,  aber  man  Ende  des  schnellen
Laufes  dem  Feind  entgegenreitet  und  der  Kampf,  für  den  wir
geübt  und  erzogen,  einsetzt;  der  Kampf  auf  Leben  und  Tod.
Wie  oft  bei  solcher  Attacke  hat  mein  Ohr  den  sehnsüchtigen  Ruf
eines  daherjagenden  Kameraden  aufgefangen:  Donnerwetter,
wenn  das  doch  Ernst  wäre!  .  Reitergeist!  Alle,  die  rechte
Soldaten  sind,  müssen's  fühlen  und  wissen:  dulce  et  decorum
est  pro  patria  mori!“

Zu  weitläufigen  Presseerörterungen  führte  auch  ein  an
den  Reichskanzler  gerichteter  Brief  des  Kronprinzen,  in  dem
        <pb n="15" />
        —  15  —

er  zur  Welfenfrage  Stellung  nahm.  Am  1.  Januar  des
Jahres  1914  kam  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm  zum  Großen
Generalstab  nach  Berlin,  bei  dem  er  sich  unter  der  unmittelbaren
  Leitung  des  Generalstabschefs  von  Moltke  bis  zum  Ausbruch
  des  Krieges  betätigte.  Der  Abschied,  den  der  Kronprinz
am  15.  Dezember  des  vorigen  Jahres  von  seinem  Regiment  in
Danzig  nahm,  ist  in  seiner  rührenden,  natürlichen  Form  ein
starker  Beweis  für  die  Treue,  die  der  Kronprinz  seinen  Kameraden
  hält,  und  für  die  Liebe,  die  diese  an  den  Thronfolger
fesselt.

Das  Eiserne  Kreuz  zweiter  und  erster  Klasse,  das  ihm  sein
kaiserlicher  Vater  nach  dem  Siege  bei  Longwy  verlieh,  galt  ihm
als  Ansporn  zu  weiteren  Taten.  Am  27.  August  meldete  schon
das  Große  Hauptquartier  abermals  einen  Erfolg  der  Armee
des  Kronprinzen  durch  folgendes  Telegramm:  „Die  Armee
des  deutschen  Kronprinzen  hat  eine  befestigte  Stellung  des
Feindes  vorwärts  Longwy  genommen  und  einen  starken  Angriff
  aus  Verdun  abgewiesen.  Sie  befindet  sich  im  Vorgehen
gegen  die  Maas.  Longwy  ist  gefallen.“  Vier  Tage  später  kam
aus  dem  Großen  Hauptauartier  die  folgende  Meldung:  „Die
Armee  des  deutschen  Kronprinzen  setzt  den  Vormarsch  gegen
und  über  die  Maas  fort.  Nachdem  der  Kommandant  von
Montmedy  mit  der  ganzen  Besatzung  der  Festung  bei  einem
Ausfall  gefangen  genommen  worden  war,  ist  die  Festung  gefallen.“
  Nachdem  die  Armee  des  deutschen  Kronprinzen  den
Feind,  der  im  Anschluß  an  Verdun  Widerstand  zu  leisten  versuchte,
  nach  dem  Süden  zurückgeworfen  hatte,  traf  der  Kaiser
am  Sedantage  in  der  Front  ein,  um  seinen  Sohn  zu  seinen  Erfolgen
  zu  beglückwünschen.  Die  Begegnung  zwischen  Kaiser
und  Kronprinzen  fand  bei  dem  Orte  Sorbey  auf  französischem
Boden  statt.  Wenige  Tage  später  ging  die  Meldung  durch  die
Blätter,  daß  der  Kronprinz  den  Rang  eines  Generalleutnants
erhalten  habe.
        <pb n="16" />
        —  16  —

Erich  von  Falkenhayn,

Preußischer  Kriegsminister.

Ein  reiches  Maß  von  Verantwortung  trägt  im  gegenwärtigen
  Kriege  der  preußische  Kriegsminister  Generalleutnant
  Erich  von  Falkenhayn.  Er  ist  ein  jüngerer  Bruder  des
am  4.  September  1853  auf  der  Burg  Belchau  in  Westpreußen
geborenen  Eugen  von  Falkenhayn,  der  im  Jahre  1906  zum
Generalleutnant  befördert  wurde,  zwei  Jahre  später  die  11.
Division  übernahm  und  im  Jahre  1910,  nachdem  er  auf
eine  40jährige  erfolgreiche  militärische  Laufbahn  zurückschauen
konnte,  seinen  Abschied  einreichte.  Er  wurde  als  General  der
Kavallerie  zur  Disposition  gestellt.

Erich  von  Falkenhayn,  sein  jüngerer  Bruder,  wurde  ebenfalls
  auf  der  Burg  Belchau  geboren.  Sein  Geburtstag  ist  der
11.  November  des  Jahres  1861.  Der  Vater  unseres  jetzigen
Kriegsministers,  Fedor  von  Falkenhayn,  starb  schon  im  Jahre
1896.  Er  entstammte  dem  märkischen  Zweig  derer  von  Falkenhayn,
  die  dem  Meißnischen  Uradel  angehören  und  in  entferntem
  Grade  auch  mit  der  bekannten  österreichischen  Grafenfamilie
  Falkenhayn  verwandt  sind.  Auch  der  im  Jahre  1899
in  Wien  verstorbene  frühere  österreichische  Minister  Julius
Graf  von  Falkenhayn,  ein  Sohn  des  1853  gestorbenen  Generals
  Eugen  von  Falkenhayn,  war  ein  Verwandter  des  gegenwärtigen
  preußischen  Kriegsministers.  Fedor  von  Falkenhayn
hatte  Jura  studiert  und  trat  als  Referendar  in  den  preußischen
Verwaltungsdienst  ein.  Bald  fühlte  er  sich  aber  zur  Landwirtschaft
  hingezogen,  so  daß  er  schon  nach  kurzer  Zeit  aus  dem
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        17  —

Staatsdienst  austrat,  um  sich  fortan  nur  mehr  der  Bewirtschaftung
  seiner  ausgedehnten  und  blühenden  Güter  in  Ostpreußen  zu
widmen.  Nachdem  er  sich  mit  Franziska  von  Rosenberg  vermählt
  hatte,  zog  er  sich  auf  sein  Rittergut  Dzwiersno,  das  im
Kreise  Thorn  liegt,  zurück  und  nahm  die  auf  seinem  Gute
liegende  geräumige  Burg  Belchau  zu  seinem  ständigen  Wohnsitz.
  Die  beiden  Söhne  Eugen  und  Erich  wurden  im  Kadettenkorps
  erzogen  und  erhielten  dort  die  Anfänge  ihrer  militärischen
  Ausbildung.  Während  Eugen,  der  ältere  der  beiden
Brüder,  schon  im  Alter  von  17  Jahren  als  Fähnrich  die  ruhmreichen
  Schlachten  des  Krieges  von  1870-71  mitmachen  konnte,
kam  Erich  von  Falkenhayn  am  17.  April  des  Jahres  1880,
also  im  Alter  von  18/  Jahren,  als  Leutnant  nach  Oldenburg,
wo  er  dem  Infanterieregiment  Nr.  91  angehörte.  Seine  vorzüglichen
  Charaktereigenschaften  sowie  seine  hervorragenden
militärischen  Kenntnisse  brachten  es  mit  sich,  daß  seine  Vorgesetzten
  auf  ihn  besonders  aufmerksam  wurden,  und  der  junge
Leutnant  schon  nach  kurzer  Zeit  Bataillonsadjutant  wurde
und  bald  hernach  zum  Bezirksadjutanten  aufrückte.  Im
Jahre  1887  wurde  Erich  von  Falkenhayn  von  Oldenburg  abgerufen
  und  zur  Kriegsakademie  kommandiert.  Drei  Jahre
später  sehen  wir  ihn  bereits  wieder  bei  seinem  Oldenburger
Regiment,  nachdem  er  auf  der  Kriegsakademie  sich  vorzüglich
bewährt  hatte.

Falkenhayns  ausgezeichnete  Fähigkeiten,  die  ihn  für  bedeutende
  Stellungen  im  Heeresverband  gceignet  erscheinen
ließen,  brachten  es  mit  sich,  daß  er  noch  im  Jahre  1890  nach
Berlin  berufen  wurde,  um  seine  Dienste  dem  Generalstabe
zur  Verfügung  zu  stellen.  In  verhältnismäßig  jungen  Jahren
—  er  war  erst  32  Jahre  alt  —  wurde  Erich  von  Falkenhayn
zum  Hauptmann  befördert  und  in  den  Großen  Generalstab
eingereiht.  In  rascher  Aufeinanderfolge  sehen  wir  nun  den
ebenso  begabten  wie  beliebten  Offizier  die  Stufenleiter  der
Offizierchargen  emporsteigen.  Schon  im  Jahre  1894  wird
Falkenhayn  Generalstabsoffizier  beim  IX.  Armeekorps  und

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ein  Jahr  später  Kompagniechef  im  Infanterieregiment  Nr.  21,
das  damals  in  seiner  Heimat,  in  Thorn,  lag.  Trotz  der  schnellen
  Karriere,  auf  die  Falkenhayn  schon  zurückblicken  konnte,
ruhte  nicht  der  Tatendrang  und  Ehrgeiz  des  jungen  Offiziers,
und  kurz  entschlossen  nahm  er,  um  seine  Kenntnisse  und  Erfahrungen
  zu  erweitern,  im  Jahre  1896  „mit  Aussicht  aus  Wiederanstellung“
  seinen  Abschied  aus  dem  aktiven  preußischen
Heeresdienst,  um  nach  China  zu  gehen,  wo  damals  deutsche
Militärinstrukteure  Gelegenheit  zur  Betätigung  fanden.  Der
außere  Anlaß  für  Falkenhayn,  die  Reise  nach  dem  fernen
Osten  anzutreten,  mag  wohl  darin  gelegen  haben,  daß  sich
Lihungtschang,  der  im  Jahre  1901  in  Peking  verstorbene,  bekannte
  chinesische  Staatsmann  und  Feldherr,  entschlossen  hatte,
mit  allen  Mitteln  eine  Reorganisation  der  chinesischen  Armee
in  die  Wege  zu  leiten  und  zu  diesem  Zwecke  für  die  Ausbildung
  der  Truppen  tüchtige  Offiziere  aus  den  verschiedenen
Kulturstaaten  Europas  nach  China  berief.  Erich  von  Falkenhayn
  verstand  es,  dank  seiner  glanzenden  Fähigkeiten,  sich  auf
dem  neuen  Felde  seiner  Tätigkeit  eine  hervorragende  Stellung
zu  gründen,  die  es  ihm  nicht  nur  möglich  machte,  erfolgreich
für  seinen  exotischen  Patron  zu  wirken,  sondern  auch  sich
Kenntnisse  anzueignen,  die  seinem  Vaterlande  und  ihm  selbst
noch  später  reichliche  Früchte  tragen  sollten.  Nachdem  er  drei
Jahre  lang  in  China  geweilt  hatte,  kehrte  er  in  seine  Heimat
zurück,  wo  er  bald  hernach  zum  Major  à  la  suite  des  Generalstabes
  ernannt  wurde.  Kurze  Zeit  darauf  sehen  wir  ihn
wieder  im  Großen  Generalstabe  tätig.

Das  Jahr  1900  stellte  den  damals  noch  nicht  vierzig  Jahre
alten  Offizier  vor  eine  Reihe  schwerer  Aufgaben,  die  Erich
von  Falkenhayn  durch  seine  zielbewußte  Tatkraft  mit  ebenso
viel  Geschick  wie  Glück  löste.  Kaum  daß  er  nämlich  in  den
Großen  Generalstab  versetzt  worden  war,  kam  er  auch  schon
zum  Generalstab  des  14.  Armeekorps,  wo  er  aber  ebenfalls
nicht  lange  blieb.  Denn  als  die  im  Jahre  1899  in  China  ausgebrochene
  Boxerbewegung  immer  weiter  um  sich  griff  und
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schließlich  im  darauffolgenden  Jahre  solche  Dimensionen  annahm,
  daß  die  Entsendung  eines  deutschen  Expeditionskorps
sich  als  notwendig  herausstellte,  wurde  Falkenhayn,  der  in
seiner  Eigenschaft  als  deutscher  Instruktionsoffizier  in  China
Land  und  Leute  gut  kennen  gelernt  hatte,  in  den  Generalstab
des  ostasiatischen  Expeditionskorps  berufen.  Fast  an  sämtlichen
  18  Gefechten  der  deutschen  Truppen  gegen  die  regulären
chinesischen  Truppen  und  an  den  15  größeren  Kämpfen  gegen
die  Boxer  nahm  Erich  von  Falkenhayn  aktiv  teil.  In  allen
diesen  Gefechten  erwies  sich  Falkenhayn  als  ein  Offizier,  der  in
ganz  hervorragender  Weise  mit  Kaltblütigkeit  und  klarer  Entschlossenheit
  begabt  ist.  Der  Mut  und  die  Ausdauer  unserer
braven  Soldaten  und  Offiziere  brachte  den  deutschen  Waffen
bald  auch  den  gewünschten  Erfolg,  und  die  schmähliche  Ermordung
  unseres  Gesandten  von  Ketteler  hatte  ihre  Sühne  gefunden.
  Im  Juni  des  Jahres  1901,  gerade  ein  Jahr  nachdem
  der  Aufstand  mit  der  Ermordung  Kettelers  seinen  Höhepunkt
  erreicht  hatte,  konnte  das  deutsche  Expeditionskorps  aufgelöst
  und  in  seinen  Hauptteilen  wieder  nach  der  Heimat  zurückbeordert
  werden.  Der  Besatzungsbrigade  aber,  die  in  Chinazurückblieb,
  wurde  Falkenhayn  als  Generalstabsoffizier  beigegeben.
  Erst  im  Jahre  1903  trat  der  so  erfolgreiche  Offizier
seine  Heimreise  aus  dem  fernen  Osten  an.  Noch  heute  trägt
Erich  von  Falkenhayn  mit  besonderem  Stolz  die  von  Kaiser
Wilhelm  im  Mai  des  Jahres  1901  gestiftete  „Denkmünze  für
die  an  den  kriegerischen  Ereignissen  in  Ostasien  beteiligt  gewesenen
  deutschen  Streitkräfte“.  Da  diese  Denkmünze  alle
Teilnehmer  der  Expedition  erhielten,  der  Kaiser  aber  die  Verdienste
  Falkenhayns  besonders  anerkannt  und  belohnt  wissen
wollte,  zeichnete  er  seinen  tüchtigen  Offizier  durch  die  Verleihung
  des  Kronenordens  „mit  den  Schwertern“  aus.  Falkenhayn
  wurde  nun  sofort  in  Braunschweig  Bataillonskommandeur
  beim  92.  Infanterieregiment,  avancierte  schon  zwei  Jahre
darauf  zum  Oberstleutnant  und  wurde  zugleich  Abteilungschef
im  Großen  Generalstab.  Im  Jahre  1906  ist  er,  obwohl  er  erst
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45  Jahre  zählt,  bereits  an  der  Spitze  des  Generalstabs  des
XVI.  Armeekorps  in  Metz,  im  Januar  1911  Kommandeur
des  4.  Garderegiments  zu  Fuß  und  genau  ein  Jahr  später
Chef  des  Generalstabs  des  IV.  Armeekorps  in  Magdeburg.
Nachdem  Falkenhayn  noch  im  selben  Jahre  zum  Generalmajor
avanciert  war,  und  Herr  von  Heeringen  am  4.  Juli  1913  von
seinem  Amt  als  preußischer  Kriegsminister  zurückgetreten  war,
ernannte  drei  Tage  später  der  Kaiser  den  noch  nicht  ganz  52
Jahre  alten  Generalmajor  Erich  von  Falkenhayn  zum  preußischen
  Kriegsminister.

Der  militärische  Werdegang  Erich  von  Falkenhayns  war
eine  ununterbrochene  Kette  wachsender  Vertrauenskundgebungen
  von  seiten  der  Vorgesetzten,  Beweise  des  Vertrauens,
die  schließlich  in  der  Ernennung  zum  preußischen  Kriegsminister
ihren  weithin  sichtbaren  Höhepunkt  fanden.  Alles  in  allem  genommen
  ist  dieser  Werdegang  ein  schlagender  Beweis  für  die
Anerkennung,  die  Falkenhayns  Tüchtigkeit  und  hervorragende
militärische  Fähigkeiten  bei  allen  Vorgesetzten  bis  zum  obersten
Kriegsherrn  hinauf  fanden.  Die  höchste  verantwortliche  Stelle
innerhalb  der  Armee  erfordert  aber  nicht  nur  den  letzten  Grad
militärischer  Tüchtigkeit,  sondern  auch  eine  ganze  Reihe  anderer
Eigenschaften,  die  Erich  von  Falkenhayn  tatsächlich  auch  in
hohem  Maße  zu  besitzen  scheint.  Durch  seine  Tätigkeit  im  Deutschen
  Reichstag,  wo  ihm  wiederholt  Gelegenheit  geboten  war,  in
die  Debatten  einzugreifen,  hat  er  in  seiner  Eigenschaft  als
preußischer  Kriegsminister  die  besten  Beweise  dafür  geliefert,
daß  er  der  höchsten  Vertrauensstelle  und  zugleich  des  verantwortungsvollsten
  Postens  in  jeder  Weise  durchaus  würdig  war.

Drei  Tage  nach  dem  Rücktritt  Heeringens  war  Generalmajor
  Erich  von  Falkenhayn  am  7.  Juli  1913  vom  Kaiser
zum  preußischen  Kriegsminister  ernannt  worden.  Während
der  Beratung  über  das  Spionagegesetz,  die  gegen  Ende  November
  desselben  Jahres  im  Reichstage  vor  sich  ging,  hatte  Kriegsminister
  von  Falkenhayn  zum  erstenmal  Gelegenheit,  vor  der
deutschen  Volksvertretung  das  Wort  zu  ergreifen  und  sich  selbst
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        —  21  —

einzuführen.  Am  26.  November  1913,  als  der  Reichstag  über
das  Gesetz  gegen  den  Verrat  militärischer  Geheimnisse  in  erster
Lesung  beriet,  erhob  sich  der  Kriegsminister  nach  einer  Rede
des  Staatssekretärs  des  Reichsjustizamts  Dr.  Lisco,  um  die
Forderungen  der  Heeresverwaltung  zu  dem  in  Beratung  stehenden
  neuen  Gesetz  ausführlich  klarzulegen.  Aus  den  ersten
Worten  seiner  Rede  sprach  die  Bescheidenheit  eines  Mannes,  der
von  seiner  großen  Aufgabe  vollauf  erfüllt  ist  und  Selbstachtung
keineswegs  missen  läßt.  Er  sagte:  „Die  Möglichkeit,  die  sich
mir  bietet,  heute  einige  Worte  an  das  Hohe  Haus  zu  richten,
benutze  ich  um  so  lieber,  als  mir  dadurch  gleichzeitig  Gelegenheit
  gegeben  wird,  mich,  nachdem  ich  durch  Seine  Majestät  den
Kaiser  und  König  auf  meinen  Posten  berufen  worden  bin,
schon  jetzt  hier  einzuführen.  Ich  kann  dies  tun,  ohne  befürchten
  zu  müssen,  daß  ich  die  Arbeiten  des  Hohen  Hauses  dadurch
wesentlich  verzögern  werde,  denn  eine  lange  Programmentwicklung
  habe  ich  nicht  zu  halten.“  Die  wenigen  Worte,  in  die
Herr  von  Falkenhayn  nun  sein  Programm  kleidete,  waren  inhaltsreicher
  und  von  größerer  Schlagkraft,  als  dies  vielleicht
lange  und  ausführliche  Darlegungen  gewesen  wären.  Als
konzilianter  Mensch,  der  immer  mit  der  Zeit  gegangen  ist  und
nicht  unbedingt  das  Alte,  Erprobte  für  gut,  das  Neue  und
Moderne  für  schlecht  hält,  entpuppte  sich  im  weiteren  Verlauf
seiner  Rede  der  neue  Kriegsminister.  „Das  Programm“,
führte  Herr  von  Falkenhayn  aus,  „nach  dem  der  Kriegsminister
des  Königs  von  Preußen  auch  als  Bevollmächtigter  zum  Bundesrat
  zu  handeln  hat,  ist  vollständig  enthalten  in  seiner  Aufgabe,
  die  mächtige  Waffe,  die  die  Armee  in  der  Hand  des
Obersten  Kriegsherrn  bildet,  scharf  und  schlagbereit  gegen  jeden
Feind  zu  halten.  (Beifall  rechts.)  Soweit  sich  mit  dieser  Aufgabe
  die  innerhalb  oder  außerhalb  des  Hauses  an  mich  herantretenden
  Anregungen  und  Vorschläge,  Forderungen  und
Wünsche  vertragen  —  je  moderner  sie  sein  sollten,  um  so  lieber
werden  sie  mir  sein  —,  werden  Sie  mich  stets  bereit  finden,
dankbar  darauf  einzugehen“.  Hatte  der  Kriegsminister  mit
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        diesen  Worten  sein  wohlwollendes  Entgegenkommen  für  be—
rechtigte  Forderungen  und  erfüllbare  Wünsche  kundgegeben,
so  nahm  er  dennoch  keinen  Anstand,  in  seinen  weiteren  Ausführungen
  mit  Nachdruck  darauf  hinzuweisen,  daß  er  mit  aller
ihm  zu  Gebote  stehenden  Macht  alles  bekämpfen  und  zu  verhindern
  suchen  werde,  was  dem  Ansehen  und  den  Lebensbedingungen
  der  Armee  von  Nachteil  sein  könnte.  Nach  diesen  programmatischen
  Erklärungen  ging  der  Kriegsminister  auf  das  in  Beratung
  stehende  Thema  ein,  wobei  er  eine  scharfe  und  schlagende
Logik  entwickelte,  die  in  Verbindung  mit  einer  interessanten  und
lückenlosen  Beweisführung  ihre  Wirkung  bei  der  Volksvertretung
  nicht  verfehlte.  Der  Kriegsminister  stellte  sich  naturgemäß
  auf  den  Standpunkt,  daß  es  zur  Wahrung  der  Schlagbereitschaft
  der  deutschen  Wehrmacht  von  ungeheurer  Bedeutung
sei,  nicht  gegen  einen  Gegner  kämpfen  zu  müssen,  dem  es  gelungen
  ist,  Blößen  in  unseren  Heeresrüstungen  zu  erspähen.
Sich  dagegen  zu  schützen,  sei  für  die  Sicherheit  des  Vaterlandes
ein  besonders  wichtiges  Gebot,  wenn  man  einen  wichtigen  Faktor
  des  Erfolges  nicht  freiwillig  aus  der  Hand  geben  oder  mit
anderen  Worten  von  vornherein  überhaupt  auf  den  Erfolg  verzichten
  wolle.  Der  Kriegsminister  beleuchtete  dann  im  weiteren
  Verlauf  seiner  Rede  die  Lücken  des  Gesetzes  von  1893  und
argumentierte  einfach  und  schlicht  wie  folgt:  „Wenn  jeder,  der
sich  einer  Körperverletzung  schuldig  macht,  durch  das  Gesetz
mit  einer  empfindlichen  Strafe  bedroht  wird,  so  ist  es  wirklich
kaum  zu  verstehen,  warum  der,  der  unter  derselben  Voraussetzung
  die  Sicherheit  des  Reiches  gefährdet,  ohne  Strafandrohung
  bleiben  soll;  dabei  ist  es  für  mich  ganz  ohne  Belang,
  wer  sich  einer  solchen  Handlung  schuldig  macht.“

Von  besonderer  Bedeutung  waren  dann  die  Auslassungen
des  Kriegsministers,  soweit  sie  sich  auf  die  Publizistik  bezogen,
Auslassungen,  die  in  gewissen  reaktionären  Kreisen  sicherlich
ihre  Wirkung  nicht  verfehlt  haben  werden,  insbesondere  wenn
man  in  Erwägung  zieht,  daß  die  Presse  gerade  von  preußischen
Ministern  eher  als  Stiefkind  denn  als  Schoßkind  behandelt  zu
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        —  23  —

werden  pflegte.  Mit  einer  wirklich  rühmenswerten  Offenheit
bekannte  sich  Herr  von  Falkenhayn  als  ein  aufrichtiger  Freund
der  Presse,  wenn  er  sich  an  das  Hohe  Haus  mit  den  Worten
wandte:  „Man  mag  die  Bedeutung  der  Publizistik  so  hoch
schätzen,  wie  man  will,  und  niemand  kann  sie  höher  schätzen
als  ich  persönlich,  wovon  ich  noch  Beweise  zu  liefern  hoffe.“
Und  nicht  minder  aufrichtig  klang  sein  Wunsch,  mit  der  Presse
gute  Beziehungen  zu  pflegen,  wenn  er  sagte:  „Den  Interessen
des  Reiches  wird  sicherlich  am  besten  und  um  so  besser  gedient
sein,  je  mehr  in  Zukunft  in  vertrauensvoller  Verbindung  die
Organe  der  Hecresverwaltung  und  die  Organe  der  öffentlichen
Meinung  zusammenarbeiten.“  Freimütig  sprach  der  Kriegsminister
  in  jener  denkwürdigen  Rede  der  Publizistik  auch  das
Recht  einer  freien  Kritik  zu,  soweit  sie  den  unbeugsamen  Willen
  zeige,  ehrlich  zu  bessern.

Es  kann  nicht  wundernehmen,  daß  solche  Darlegungen  und
Bekenntnisse  von  der  Ministerbank  aus  besonders  gerne  von
den  Vertretern  der  linksstehenden  Parteien  gehört  wurden,  und
daß  der  Kriegsminister  mit  seiner  geraden  Offenheit  auch  dort
Sympathien  fand,  wo  sonst  schon  aus  prinzipiellen  Gründen
seine  politischen  Gegner  stehen.  Daß  in  jeder  einzelnen  Rede,
die  Herr  von  Falkenhayn  in  seiner  Eigenschaft  als  preußischer
Kriegsminister  vor  der  deutschen  Volksvertretung  hielt,  die  umfangreiche
  Sachkenntnis  des  Redners  auffiel,  kann  hier  gern
bestätigt  und  nochmals  festgestellt  werden.  Im  allgemeinen
lagen  aber  die  Vorzüge  seiner  Darlegungen  wohl  in  der  präzisen
  Klarheit  und  in  der  überzeugenden  Art,  in  der  er  argumentierte
  und  seiner  Meinung  freien  Ausdruck  gab.  Daß  er
stets  die  Materie,  die  in  Verhandlung  stand,  in  ihren  letzten
Zusammenhängen  durchaus  beherrschte,  mag  ihm  selbst  ein
willkommenes  Hilfsmittel  gewesen  sein,  auch  auf  Gegner  überzeugend
  zu  wirken.

Vor  eine  sehr  schwierige  parlamentarische  Aufgabe  war
Kriegsminister  von  Falkenhayn  durch  die  unerquicklichen  Vorfälle
  gestellt  worden,  die  sich  im  Herbst  des  verflossenen  Jahres
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in  Zabern  abgespielt  und  zu  den  bekannten  unerfreulichen  Debatten
  im  Deutschen  Reichstage  geführt  hatten.  Am  28.  November
  1913  mußte  Herr  von  Falkenhayn  zum  erstenmal  anläßlich
  einer  „kleinen  Anfrage“  des  elsässischen  Abgeordneten
Thumann  zum  Zaberner  Zwischenfall  das  Wort  ergreifen.  Er
konnte  sich  damals  um  so  eher  kurz  fassen,  als  die  Untersuchung
der  ganzen  Affäre  noch  nicht  abgeschlossen  war.  Dennoch  war
nun  der  Kriegsminister  der  Zielpunkt  heftiger  Angriffe,  die  besonders
  aus  dem  Lager  der  Sozialdemokratie  mit  ungeheurer
Vehemenz  geführt  wurden.  Zentrum  und  Freisinn  stimmten
wiederholt  in  diesen  Chorus  ein,  und  selbst  von  nationalliberaler
Seite  konnte  dem  Kriegsminister  mancher  Vorwurf  nicht  erspart
  bleiben.  Des  Kriegsministers  Pflichteifer,  parlamentarische
  Gewandtheit  und  Schlagfertigkeit  fanden  in  der  Reichstagssitzung
  vom  3.  Dezember  lebhaften  Ausdruck,  als  Herr  von
Falkenhayn  anläßlich  der  erneuten  Interpellationen  über  die
Vorgänge  in  Zabern  in  einer  und  derselben  Sitzung  dreimal
das  Wort  ergriff.  In  ruhiger,  sachlicher  Form  versuchte  er
erst  die  Vorwürfe,  die  gegen  die  Heeresverwaltung  erhoben
wurden,  zurückzuweisen,  und  schlug  erst  eine  schärfere  Tonart
an,  als  die  Angriffe  immer  heftiger  wurden  und  schließlich
gleich  unzähligen  Pfeilschüssen  auf  ihn  losstürmten.  Aber  auch
in  diesen  für  ihn  so  schweren  Stunden  wich  er  um  keinen  Zoll
von  seiner  Ueberzeugung  zurück  und  machte  seinem  Gegner
keine  Konzessionen.  Als  seine  Ausführungen  immer  und  immer
  wieder  unterbrochen  wurden,  sagte  er  mit  einer  Ruhe,  die
frei  von  jeder  Pose  war:  „Meine  Herren,  ich  sage  doch  nur
meine  Meinung,  dazu  bin  ich  doch  verpflichtet.“  Und  gleich
darauf  fielen  die  denkwürdigen  Worte:  „Es  ist  in  den  Reden
der  Herren  Interpellanten  viel  die  Rede  von  der  Notwendigkeit
  der  Wahrung  der  Volksrechte.  Ich  bin  ganz  gewiß  derselben
  Auffassung.  Die  Armee  ist  bekanntlich  ein  Teil  des
Volkes  und  wahrlich  nicht  der  unwichtigste,  was  die  unbestreitbare
  Tatsache  beweist,  daß  ohne  die  Armee  nicht  ein  Teil  dieser
stolzen  Mauern  hier  stände,  kein  Arbeiter  könnte  sein  Brot  im
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Frieden  verdienen  ohne  die  Armee.“  Heute,  da  wir  im  Krieg
stehen,  wird  jeder  die  tiefe  Wahrheit  jener  Worte  zu  schätzen
und  richtig  zu  bewerten  wissen.  Jedenfalls  ist  der  ganze
militärische  Werdegang  und  das  Bild,  das  die  Parlamentstätigkeit
  unseres  Kriegsministers  von  diesem  erstehen  läßt,  danach
angetan,  mit  unverbrüchlichem  Vertrauen  und  fester  Zuversicht
  alle  Maßnahmen  hinzunehmen,  die  von  dem  Kriegsminister
Erich  von  Falkenhayn,  als  dem  Leiter  unserer  Heeresverwaltung,
  in  Deutschlands  schwerer  Stunde  unternommen  werden.

Der  Kaiser  konnte  ihm  jedenfalls  keine  größere  Ehrung
zuteil  werden  lassen,  als  daß  er  ihn  am  1.  November  1914  nach
der  Erkrankung  des  Generalstabschefs  von  Moltke  mit  dessen
Vertretung  betraute.
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        —  26  —

Hellmut  Johannes  Ludwig  v.  Moltke,

Generaloberst  und  Chef  des  Großen
Generalstabes.

Kein  Name  eines  deutschen  Offiziers  könnte  in  einem
Kriege  gegen  Frankreich  beliebter  sein  und  stärker  zum  Volke
sprechen  als  der  eines  Moltke,  denn  was  Kaiser  und  Reich  dem
alten  Generalfeldmarschall  Helmuth  Grafen  von  Moltke  zu
verdanken  haben,  ist  dem  deutschen  Volke  längst  in  Fleisch
und  Blut  übergegangen,  und  so  blicken  wir  denn  voll  fester  Zuversicht
  auf  den  Neffen  jenes  Grafen  von  Moltke,  den  Chef
unseres  Generalstabes,  in  dessen  Hände  augenblicklich  das
Schicksal  des  Reiches  gelegt  zu  sein  scheint.

Die  Wiege  unseres  Generalstabschefs  Hellmut  Johannes
Ludwig  von  Moltke,  der  während  der  sturmbewegten  Tage  des
Jahres  1848  am  23.  Mai  geboren  ward,  stand  in  dem  in
Mecklenburg-Schwerin  gelegenen  Orte  Gersdorf.  Er  war  der
zweite  Sohn  des  einzigen  Bruders  des  preußischen  Generalfeldmarschalls
  Grafen  von  Moltke.  Sein  Vater  Adolf  von
Moltke,  der  mit  einer  geborenen  von  Krohn  vermählt  war,
wirkte  im  preußischen  Verwaltungsdienst  als  Landrat  und  starb
im  Jahre  1871.  Seine  Mutter  überlebte  ihren  Gatten  um
über  30  Jahre.  Sie  starb  hochbetagt  am  9.  Juni  des  Jahres
1902.  Der  Grafentitel  des  Feldmarschalls  war  auf  Wilhelm,
den  erstgeborenen  Sohn  Adolf  von  Moltkes,  übergegangen,  auch
fiel  ihm  das  Fideikommiß  Creisau  zu,  das  am  1.  August  des
Jahres  1867  von  General  von  Moltke,  dem  Oheim  des  jetzigen
Generalstabschefs,  gekauft  worden  war.  Die  drei  zusammen-
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        –  27  —

gehörigen  Rittergüter  Creisau,  Gräditz  und  Wierischau,  die  bis
dahin  einer  verwitweten  Frau  von  Dresky  gehört  hatten,
liegen  in  der  Nähe  von  Schweidnitz  zwischen  der  Hohen
Eule  und  dem  Zobtenberg.  Heute  stehen  diese  Güter  im
Eigentum  des  dritten  Grafen  von  Moltke,  eines  Sohnes  des
Grafen  Wilhelm  von  Moltke,  der  im  Jahre  1905  als  Kommandeur
  der  20.  Division  in  Hannover  starb.  Der  junge  Graf  von
Moltke  ist  mit  der  englischen  Südafrikanerin  Dorothy  Rose
Innes  verheiratet.  Ueber  die  weiter  zurückliegende  Geschichte
derer  von  Moltke  berichtet  der  alte  Feldmarschall  in  einer  im
Jahre  1866  kurz  nach  Beendigung  des  Feldzuges  verfaßten
Selbstbiographie  u.  a.  folgendes:  „Meine  Familie  ist  eine  altmecklenburgische.
  Das  Gut  Samow  bei  Ribnitz  vererbte  in
derselben,  ohne  Majorat  zu  sein,  durch  Jahrhunderte  bis  auf
meinen  Großvater.  Mein  Vater  diente  im  Regiment  Möllendorf
  und  kaufte  dann  Grundbesitz  in  Holstein  an.  So  bin  ich
zwar  noch  in  Mecklenburg  am  26.  Oktober  1800  geboren,  aber
in  Holstein  aufgewachsen.“

Hellmut  Johannes  Ludwig  von  Moltke  erhielt  seine  Schulbildung
  zunächst  auf  dem  Realgymnasium,  nach  dessen  Absolvierung
  er  als  Junker  in  das  Füsilierregiment  Nr.  86,  das  damals
  in  Flensburg  stand,  eintrat.  Während  des  Feldzuges
gegen  Frankreich,  den  er  mitzumachen  Gelegenheit  hatte,  wurde
er  Leutnant.  Unmittelbar  nach  Beendigung  des  Krieges  kam
er  zu  dem  in  Liegnitz  stehenden  Königs-Grenadierregiment
Nr.  7,  und  schon  kurze  Zeit  darauf  im  Jahre  1872  zum
1.  Garderegiment  zu  Fuß.  Während  der  Jahre  1876  bis  1879
oblag  er  eifrigen  Studien  auf  der  Kriegsakademie,  während
welcher  Zeit  (1877)  er  auch  Premierleutnant  wurde.  Ein  Jahr
lang  war  der  junge  Moltke  beim  Großen  Generalstab  tätig,  wo
er  im  Jahre  1881  zum  Hauptmann  aufrückte.

Eine  bedeutsame  Wendung  im  Werdegang  des  ehrgeizigen
Offiziers  trat  ein,  als  er  im  Jahre  1882  zweiter  Adjutant  bei
seinem  Onkel,  dem  Feldmarschall  Grafen  Moltke  wurde.  Er
behielt  diese  bevorzugte  Stellung  auch  bei,  als  der  alte  Feld-
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        28

marschall  im  Jahre  1888  auf  seine  dringenden  Bitten  hin  von
der  Stellung  als  Chef  des  Generalstabes  der  Armee  entbunden
und  ihm  die  Stellung  als  Präses  der  Landesverteidigungskommission
  vom  Kaiser  übertragen  wurde.  Aus  dieser  Zeit
liegt  folgender  interessanter  Brief  vor,  den  ich  dem  Werke  „Graf
von  Moltke,  Zur  Lebensgeschichte“,  entnehme:

„Creisau,  den  12.  August  1888.

Allerdurchlauchtigster,  Großmächtigster  Kaiser  und  König,
Allergnädigster  Kaiser,  König  und  Herr!

Euer  Majestät  haben  mein  allerunterthänigstes  Gesuch
in  so  huldvoller  Weise  genehmigt,  daß  mir  die  Worte  fehlen,
  um  meinen  innigen  Dank  auszusprechen.  Es  macht
mich  glücklich,  Euer  Majestät  in  einer  neuen,  ehrenvollen
Stellung  noch  ferner  dienen  zu  dürfen,  und  bitte  ich,  mir
in  derselben  meinen  bisherigen  Adjutanten,  den  Hauptmann
  von  Moltke  vom  Generalstab,  belassen  zu  wollen.

Die  gnädige  Kabinetts-Ordre  vom  10.  d.  M.  wird  in
meiner  Familie  als  ein  unschätzbares  Andenken  aufbewahrt
  werden,  und  in  unwandelbarer  Treue  und  tiefster
Erfurcht  verharre  ich

Euer  Kaiserlichen  und  Königlichen  Majestät
allerunterthänigster  Diener

Gr.  Moltke,  Feldmarschall.“

Während  seiner  Tätigkeit  als  Adjutant  des  alten  Feldmarschalls,
  in  welcher  Stellung  er  bis  zum  Tode  seines  Onkels
(24.  April  1891)  blieb,  avancierte  von  Moltke  im  Jahre  1888
zum  Major,  nachdem  er  kurze  Zeit  zuvor  ein  Kommando  beim
zweiten  Garde-Regiment  zu  Fuß  innegehabt  hatte.  Dies  war
die  einzige  Unterbrechung  der  neunjährigen  Adjutantentätigkeit
  Moltkes.  Daß  der  junge  Hauptmann,  der  sich  in  der  steten
Umgebung  des  alten  und  mit  der  größten  Erfahrung  ausgerüsteten
  Feldmarschalls  befand,  in  dieser  Stellung  die  denkbar
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        Hellmut  Johannes  Ludwig  v.  Moltke.
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        —  29  —

beste  Schule  für  seine  künftige  große  militärische  Karriere  hatte,
bedarf  wohl  keiner  besonderen  Erklärung.  Und  da  zu  dem  Dienstverhältnis,
  in  dem  der  junge  von  Moltke  zu  dem  alten  Feldmarschall
  stand,  auch  das  verwandtschaftliche  Verhältnis,  das  ein
besonders  herzliches,  liebevolles  und  trautes  gewesen  war,  hinzukam,
  so  kann  man  wohl  annehmen,  daß  der  junge  lern=  und
wißbegierige  Offizier  aus  den  Erfahrungen  und  umfassenden
Kenntnissen  seines  Oheims  allen  nur  denkbaren  Nutzen  für  sein
militärisches  Weiterkommen  zog.  Mit  den  Gefühlen  tiefster
Verehrung,  soldatischer  Treue  und  fast  kindlicher  Anhänglichkeit
  begleitete  von  Moltke  alle  Lebensregungen  des  gräflichen
Oheims  bis  zu  dessen  letztem  Atemzuge.  Major  Hellmut  Johannes
  Ludwig  von  Moltke  war  es,  der  am  24.  April  des
Jahres  1891  seinem  erhabenen  Vorbild,  dem  Generalfeldmarschall
  Grafen  Moltke  in  dessen  Sterbestunde  die  Augen  zudrücken
durfte.  Wie  er  und  seine  Gattin  Liza  noch  bemüht  waren,
das  fliehende  Leben  des  Sterbenden  hinzuhalten,  schildert  er  in
packender  und  anschaulicher  Weise.  Das  Todesbild,  das  er  von
dem  großen  Generalfeldmarschall  entwirft,  schließt  wie  folgt:
„Er  hat,  soweit  es  Menschen  beurteilen  können,  keinen  schweren
letzten  Kampf  gekämpft,  kein  Zug  veränderte  sich  in  dem  feinen,
wie  aus  Marmor  gemeißelten  Antlitz,  kein  Todesseufzer  entfloh
den  ruhig  geschlossenen  Lippen.  Immer  auf  den  Tod  vorbereitet,
  den  er  nicht  fürchtete,  sondern  oft  als  einen  Uebergang
zu  einem  neuen  Leben  reineren  Schauens  und  Erkennens  erhofft
  hatte,  folgte  er  still  und  willig,  als  der  Herr  ihn  rief.  Auf
seinem  Antlitz  lag  tiefer  Friede  und  der  Abglanz  eines  inneren,
fast  heiteren  Glücks.

Seit  wir  vom  Whisttisch  aufgestanden  waren,  mochten
vielleicht  10  Minuten  vergangen  sein.  Um  9  Uhr  45  Minuten
hatte  das  Herz  aufgehört  zu  schlagen.  Leise  drückte  ich  ihm  die
Augen  zu,  während  Liza,  über  ihn  gebeugt,  bittere  Tränen
vergoß.

Als  Doktor  Beuster  kam,  war  längst  alles  vorüber,  und
er  konnte  nur  den  Tod  bestätigen.“
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        —  360

Unmittelbar  nach  dem  Tode  des  Generalfeldmarschalls
Grafen  von  Moltke  wurde  Major  Hellmut  von  Moltke  zum
diensttuenden  Flügeladjutanten  des  Kaisers  ernannt.  Er
wurde  Kommandeur  der  Schloßgarde-Kompagnie  und  im
Jahre  1893,  während  er  gleichzeitig  in  feiner  Stellung  als
Flügeladjutant  des  Kaisers  verblieb,  zum  Oberstleutnant  befördert.
  Weitere  drei  Jahre  später  avancierte  er  zum  Oberst.  In
dieser  Eigenschaft  wurde  Hellmut  von  Moltke  Kommandeur  des
Kaiser-Alexander-Gardegrenadier-Regiments  Nr.  1,  welches
Kommandv  er  bis  zum  Jahre  1899,  also  drei  Jahre  lang,  innehatte.
  Heute  noch  wird  er  in  der  Rangliste  dieses  Regiments
sowie  des  Füsilierregiments  Graf  Moltke  Nr.  38  à  la  suite
geführt.  Während  der  Jahre  1899—1902  sehen  wir  Hellmut
von  Moltke  als  Generalmajor  das  Kommando  der  1.  Garde-Infanterie-Brigade
  führen.  Seine  Beförderung  zum  Gereralleutnant
  erfolgte  im  Jahre  1902.  Gleichzeitig  wurde  er  Generaladjutant
  und  Kommandeur  der  1.  Gardedivision.  Die
Ernennung  zum  Generalquartiermeister  geschah  zwei  Jahre
später,  und  zwar  am  18.  Februar  des  Jahres  1904,  wodurch
von  Moltke  wieder  in  den  Generalstab  der  Armee  eintrat.

Nachdem  der  alte  Generalfeldmarschall  Graf  Moltke  im
Jahre  1888  von  seiner  Stellung  als  Chef  des  Generalstabs
der  Armee  geschieden  war,  übernahm  Graf  Waldersee  dieses
verantwortungsvolle  Amt.  Nach  dem  im  Jahre  1891  erfolgten
Rücktritt  des  Grafen  Alfred  von  Waldersee  wurde  Alfred  Graf
Schlieffen  dessen  Nachfolger.  Ende  1905  erfolgte  der  Rücktritt
des  Grafen  Schlieffen  von  seinem  Posten,  und  nun  rückte  am
1.  Januar  1906  Hellmut  von  Moltke  in  das  Amt  ein,  das  sein
ruhmreicher  Onkel  so  viele  Jahre  zum  Heil  des  Vaterlandes
innegehabt  hatte.  In  dem  gleichen  Jahre,  in  dem  Moltkes
Ernennung  zum  Chef  des  Generalstabes  erfolgt  war,  wurde  er
auch  zum  General  der  Infanterie  befördert.  Im  Jahre  1909
zeichnete  ihn  Kaiser  Wilhelm  durch  die  Verleihung  des  Schwarzen
  Adlerordens  ganz  besonders  aus,  am  27.  Januar  1914
wurde  er  zum  Generalobersten  befördert.
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        —  31  —

Hellmut  Johannes  Ludwig  von  Moltke  vermählte  sich  am
28.  September  1878  mit  der  Gräfin  Elise  Moltke-Huitfeld,  die
der  alte  Feldmarschall  besonders  ins  Herz  geschlossen  hatte,  da
sie  es  verstanden  hatte,  den  Lebensabend  des  Greises  in  liebe—
voll-kindlicher  Hingebung  zu  verschönern.  Sie  schenkte  ihrem
Gatten  vier  Kinder,  drei  Töchter  und  einen  Sohn.  Astrid,  die
älteste  Tochter,  ist  dem  Grafen  Heinrich  Bethusy-Huc  als  Gattin
  angetraut.  Moltkes  einziger  Sohn  gehört  als  Offizier  der
deutschen  Armee  an.

Am  Morgen  des  26.  Oktober  1890,  an  welchem  Tage  Feldmarschall
  Graf  Moltke  seinen  90.  Geburtstag  feierte,  richtete
bei  den  ihm  von  seiner  Familie  dargebrachten  Glückwünschen
der  Major  Graf  von  Moltke  vom  Großen  Generalstab  als
Aeltester  der  Anwesenden  eine  Ansprache  an  das  vom  Kaiser
und  vom  ganzen  Reich  gefeierte  Familienoberhaupt  und  verband
  mit  Worten  der  Verehrung  und  Liebe  das  Gelöbnis,  daß
alle  Moltkes  zu  jeglicher  Zeit  mit  gleicher  Treue  und  Hingebung
  zu  Kaiser  und  Reich  stehen  würden,  wie  der  Feldmarschall
  es  in  seinem  langen,  neunzigjährigen  Leben  getan
habe.  Dieses  Gelöbnis  haben  die  Moltkes  nicht  vergessen,  und
wir  alle  sind  durchdrungen  von  der  Ueberzeugung,  daß  der
Chef  des  Generalstabes  der  Armee,  Hellmut  von  Moltke,  mit
allen  seinen  Kräften  bestrebt  ist,  in  die  Fußtapfen  seines  großen
Lehrmeisters  zu  treten.

Bei  Kriegsausbruch  hatte  Generaloberst  von  Moltke  eine
Kur  in  Karlsbad  unerwartet  unterbrechen  müssen.  Durch  die
Aufregungen  des  Feldzuges  hatte  sich  dann  sein  Leiden  so  sehr
verschlimmert,  daß  er  die  Geschäfte  des  Chefs  des  Gencralstabes
des  Feldheeres  an  den  Kriegsminister  von  Falkenhayn  abgeben
und  am  1.  November  zu  seiner  völligen  Wiederherstellung  sich
nach  Bad  Homburg  begeben  mußte.  Auch  Moltkes  einziger
Sohn,  der  verwundet  wurde,  wartete  dort  seine  Gesundung  ab.
        <pb n="34" />
        32  —

Gustav  von  Kessel,

Oberbefehlshaber  in  den  Marken.

Es  wird  heute  nur  wenige  Menschen  in  Berlin  geben,
denen  der  Name  des  Generals  Gustav  von  Kessel  nicht  geläufig
ist,  war  doch  gerade  diesem  General  in  seiner  Eigenschaft  als
Oberbefehlshaber  in  den  Marken  die  Aufgabe  zugefallen,  der
Berliner  Bevölkerung  den  Kriegsruf  des  Kaisers  und  die  Bestimmungen
  über  die  Mobilmachung  unserer  Armee  zu  verkünden.
  Seiner  Oberaufsicht  ist  der  komplizierte  Apparat  des  Nachrichtendienstes,
  der  Berichterstattung  über  die  militärischen
Operationen  unserer  Armee  und  aller  für  den  Krieg  geschaffenen
Organisationen,  so  weit  sie  ihren  Sitz  in  den  Marken  haben,
anvertraut.  Schon  aus  diesem  Grunde  glaube  ich,  Herrn
von  Kessel  im  Rahmen  der  Besprechung  „Deutsche  Heerführer“
  nicht  übergehen  zu  dürfen,  obwohl  sich  sein  Wirken
augenblicklich  fern  von  unseren  Kriegsschauplätzen  abspielt.  Daß
sich  in  der  Hauptstadt  des  Deutschen  Reiches  die  ganze
Mobilmachung  und  alle  übrigen  für  den  Krieg  notwendigen
Vorbereitungen  in  so  glatter  und  das  Verkehrswesen  so  wenig
störender  Weise  vollzogen  haben,  ist  ein  Verdienst  des  Generalobersten
  von  Kessel,  der  damit  einen  neuen  Beweis  für  seine
hervorragende  organisatorische  Begabung  erbracht  hat.

Als  Sohn  des  Generalmajors  Emil  von  Kessel,  der  mit  einer
Freiin  von  Canstein  vermählt  war,  wurde  Gustav  von  Kessel
am  6.  April  1846  in  Potsdam  geboren.  Schon  im  Alter  von
24  Jahren  verlor  der  damalige  Sekondeleutnant  Gustav  seinen
Vater,  während  es  seiner  Mutter  vergönnt  gewesen  war,  sich
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        lange  Jahre  hindurch  au  den  militärischen  Erfolgen  und  dem
häuslichen  Glück  ihres  Sohnes  zu  sonnen.  Als  sie  am  6.  Mai
des  Jahres  1895  starb,  stand  ihr  Sohn  bereits  an  der  Spitze  des
1.  Garde-Regiments  zu  Fuß  und  hatte  seine  Beförderung  zum
Generalmajor  in  naher  Aussicht,  und  seinem  am  22.  September
  1877  mit  Frieda  Freiin  von  Esebeck  geschlossenen  Ehebund
waren  bis  dahin  schon  die  vier  Töchter  Sophie,  Margarethe-Charlotte,
  Friederike  und  Elisabeth  sowie  ein  Sohn  Eberhard
entsprossen.  Ein  zweiter  Sohn,  den  er  Wilhelm  nannte,  wurde
Herrn  von  Kessel  erst  vier  Jahre  nach  dem  Tode  seiner  Mutter
am  29.  Januar  1899  geboren.

Bevor  Gustav  von  Kessel  auf  die  Ritterakademie  nach  Liegnitz
  kam,  besuchte  er  hintereinander  die  Gymnasien  in  Posen,
Danzig  und  Oppeln.  Seine  militärische  Laufbahn  begann  er
beim  1.  Garde-Regiment  zu  Fuß,  in  das  er  im  Mai  des  Jahres
1864  im  Alter  von  18  Jahren  eintrat.  Im  darauffolgenden
Jahre  wurde  er  Sekondeleutnant,  in  welcher  Eigenschaft  er  auch
die  Feldzüge  von  1866  und  1870/71  mitmachte.  Bei  St.  Privat,
nordwestlich  von  Metz,  wo  eine  deutsche  Heeresabteilung  gegen
den  rechten  Flügel  der  Franzosen  kämpfte  und  diesen  so  schlug,
daß  sich  Bazaine  hinter  die  Forts  zurückziehen  mußte,  wurde
von  Kessel  —  es  war  in  den  Tagen  zwischen  dem  14.  und  dem
18.  August  —  schwer  verwundet.  Außer  der  zurückgebliebenen
Narbe  erinnert  ihn  auch  das  Eiserne  Kreuz  zweiter  Klasse,  mit
dem  ihn  der  Kaiser  auszeichnete,  an  jene  ruhmvollen  Tage.  Nachdem
  von  Kessel  1872  Premierleutnant  geworden  war,  ging  er
auf  die  Kriegsakademie,  die  er  zwei  Jahre  lang  besuchte,  bis  er
1875  zum  Generalstab  kommandiert  wurde.  Vom  Jahre  1876
an  mußte  er  wieder  Frontdienst  bei  seinem  Regiment  machen,
bei  dem  er  auch  1879  zum  Hauptmann  avancierte.  Er  führte
zuerst  die  7.  Kompagnie  und  nachher,  von  1882  an,  die  Leibkompagnie.
  Im  März  des  Jahres  1883  wurde  er  persönlicher
Adjutant  des  damaligen  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm,  in
welcher  Stellung  er  auch  als  Major,  der  er  1885  wurde,  bis
zum  Tode  des  nachmaligen  Kaisers  Friedrich  III.  verblieb.  Aber

1  3
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        —  34  —

auch  Kaiser  Wilhelm  II.,  der  die  unbedingte  persönliche  Zuverlässigkeit
  und  militärische  Erfahrung  von  Kessels  kennen  und
schätzen  gelernt  hatte,  ernannte  unmittelbar  nach  seinem  Regierungsantritt
  noch  im  Juni  1888  Major  von  Kessel  zu  seinem
diensttuenden  Flügeladjutanten  und  beförderte  ihn  schon  wenige
Monate  nachher,  im  Jahre  1889,  zum  Oberstleutnant.  Auch
erfolgte  seine  Ernennung  zum  Mitglied  der  General-Ordenskommission.
  Die  freundschaftliche  Gesinnung,  die  der  Kaiser  für
Herrn  von  Kessel  hegte  und  die  in  vielen  Gnadenbeweisen  ihren
sichtbaren  Ausdruck  fand,  außerte  sich  kurze  Zeit  darauf  von
neuem  darin,  daß  Kessel  schon  im  Jahre  1891  Oberst  und  Kommandeur
  der  Schloßgarde-Kompagnic  wurde.  Im  Februar
1893  übernahm  Oberst  von  Kessel  das  Kommando  des  1.  Garde-Regiments
  zu  Fuß,  das  er  beibehielt,  bis  er  im  März  1890
Generalmajor  und  General  à  la  Suite  Sr.  Majestät  wurde.
Schon  das  nächste  Jahr  brachte  Herrn  von  Kessels  Ernennung
zum  Kommandeur  der  1.  Garde-Infanterie-Brigade  und  Kommandauten
  von  Potsdam.  Mit  Patent  vom  25.  März  1899
wurde  der  von  Erfolg  zu  Erfolg  eilende  Offizier  unter  gleich—
zeitiger  Beförderung  zum  Generalleutnant,  Kommandeur  der
zweiten  Garde-Infanteriedivision  und  Generaladjutant  des
Kaisers,  ein  Jahr  später  Kommandeur  der  ersten  Garde-Jufanteriedivision.
  Im  Jahre  1902  erfolgte  die  Ernennung  zum
Kommandierenden  General  des  Gardekorps,  das  er  durch  volle
sieben  Jahre  hindurch  befehligte.  Nachdem  Herr  von  Kessel  im
Mai  1903  zum  General  der  Infanterie  befördert  worden  war,
gab  er  im  Jahre  1909  das  Kommando  über  das  Gardekorps
ab,  um  das  Erbe  des  Generalfeldmarschalls  von  Hahnke  als
Gouverncur  von  Berlin  und  Oberbefehlshaber  in  den  Marken
anzutreten.  Am  27.  Januar  1911  beförderte  Kaiser  Wilhelm
den  verdienstvollen  General  zum  Generaloberst.

Nicht  unerwähnt  bleiben  mag  das  von  Gustav  von  Kessel  im
Jahre  1881  erschienene,  militärisch  sehr  wertvolle  Buch  „Geschichte
  des  1.  Garde-Regiments  zu  Fuß  1857—1871.“
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        —
–)

Graf  Gottlieb  von  Haeseler,

Generalfeldmarschall.

„Majestät,  ich  habe  1870°71  eine  Rippe  in  Frankreich  verloren;
  die  möchte  ich  mir  gerne  wieder  holen!“  Mit  diesen
Worten  soll  der  alte  „Gottlieb“  den  Kaiser  um  die  Erlaubnis
gebeten  haben,  als  Kriegsfreiwilliger  wieder  in  das  Heer  eintreten
  zu  dürfen,  und  daß  ihm  die  Bitte  nicht  abgeschlagen
wurde,  dafür  bürgt  wohl  das  Ansehen,  dessen  sich  Graf  Haeseler
allzeit  bei  seinem  Kaiserlichen  Herrn  erfreute,  dafür  bürgen  die
vielen  Gnadenbeweise,  durch  die  der  Kaiser  seinen  bewährtesten
General  bei  jeder  sich  bietenden  Gelegenheit  ausgezeichnet  hat.
Und  warum  sollte  auch  die  deutsche  Armee  in  den  schweren
Zeiten,  die  sie  jetzt  zu  bestehen  hat,  der  wertvollen  Erfahrungen
ihres  ältesten  und  erfolgreichsten  Führers  entraten,  warum
lollte  sie  sich  nicht  die  Lehren,  die  ein  Offizier  von  der  Bedeukung
  des  Grafen  Haeseler  in  einer  über  sechzigjährigen  mili
tärischen  Laufbahn  gesammelt  hat,  in  einem  Augenblick  zu  Nutze
machen,  wo  sie  einen  schwereren  Kampf  für  Kaiser  und  Vaterland
zu  führen  hat  als  je  zuvor!  Und  hat  nicht  der  alte  Generalfeld-Mmarschall
  auch  nach  seiner  Versetzung  in  den  Ruhestand  bei  allen
Fragen  von  weitgehender  militärischer  Bedeutung  sein  Urteil
und  seine  Stimmc  mit  in  die  Wagschale  der  Entscheidung  geworfen,
  er,  der  lange  Jahre  hindurch  selbst  ein  Wesensbestandteil
  unserer  bewaffneten  Macht  gewesen  war,  und  dessen  Wirkung
  und  Einfluß  auf  unser  Heer  von  unschätzbarer  Bedeutung
war  und  ist!  Das  Vertrauen,  das  unsere  Soldaten  stets
seinem  Feldherrnstab  entgegengebracht  haben,  können  die

*
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        <pb n="38" />
        —  36  —

Jahre  nicht  wankend  gemacht  haben.  Und  an  seine  Zähigkeit
und  Frische  konnten  sie  wohl  auch  schwerlich  heran;  denn  er
lebte  stets  als  Soldat!

Die  Haeseler  sind  ein  altes  preußisches  Geschlecht,  das  vor
nahezu  zwei  Jahrhunderten  geadelt  und  im  Jahre  1790  in
den  Grafenstand  erhoben  wurde,  nachdem  es  um  rund  fünfzig
Jahre  vorher  die  Reichsritterschaft  erlangt  hatte.  Die  meisten
Abkömmlinge  dieser  Familie  waren  im  preußischen  Staatsdienst
  tätig,  so  auch  Alexis  Graf  von  Haeseler,  der,  Major  und
nachher  Landrat,  der  Vater  des  nachmaligen  Generalfeldmarschalls
  war,  der  am  19.  Januar  1836  zu  Potsdam
geboren  wurde.  Gottliebs  Mutter  hieß  Albertine  und  war  eine
geborene  von  Schönermark.  Nachdem  der  junge  Gottlieb  seine
erste  Schulbildung  in  der  Brandenburger  Ritterakademie
genossen  hatte,  ließen  ihn  seine  Eltern  das  Pädagogium  zu
Halle  a.  S.  und  nachher  das  Kadettenkorps  besuchen.  17  Jahre
alt,  wurde  Graf  von  Haeseler  Leutnant  im  Zietenhusarenregiment,
  woselbst  er  Gelegenheit  hatte,  durch  ausdauernde  und
schwierige  Ritte  die  Aufmerksamkeit  seiner  Vorgesetzten  auf  sich
zu  lenken.  Schon  im  Jahre  1856  wurde  er  Regimentsadjutant
  und  nach  weiteren  vier  Jahren  Adjutant  des  dritten
Armeekorps.  Der  junge  Offizier  kam  bald  in  den  Generalstab,
  bei  dem  er  im  Jahre  1864  zum  Hauptmann  aufrückte.
Schon  im  Kriege  gegen  Dänemark,  den  nun  Graf  Haeseler  mitmachen
  durfte,  konnten  seine  ausgezeichneten  militärischen
Fähigkeiten  besonders  in  Erscheinung  treten,  und  bald  wurde
er  mit  der  Ausführung  schwieriger  Aufgaben  betraut.  Hierbei
  zeichnete  er  sich  stets  durch  besonderen  Wagemut,  der  aber
niemals  die  Formen  von  Tollkühnheit  annahm,  aus.  Nachdem,
um  nur  ein  Beispiel  hervorzuheben,  die  preußischen  Regimenter
die  Eider  überschritten  hatten,  wurde  Haeseler  damit  betraut,
die  feindlichen  Stellungen  sowie  die  Anlage  und  die  Besatzung
der  Befestigungen  zu  erkunden.  Mit  kühner  Entschlossenheit
wagte  sich  Haeseler  in  die  äußerste  Nähe  der  dänischen  Truppen
und  erfüllte  in  gefahrvollen  Ritten  vollends  den  ihm  über-
        <pb n="39" />
        —  37  —

tragenen  Auftrag,  so  daß  der  Generalstab  bald  die  Stellungen
des  Feindes  genauestens  kannte.  Die  vorzüglichen  Dienste,  die
er  damit  seiner  Armee  geleistet  hatte,  erkannte  Prinz  Friedrich
Karl  dadurch  an,  daß  er  Haeseler  in  den  Kreis  seiner  Ratgeber
einbezog  und  ihn  fortan  nicht  mehr  aus  seiner  Umgebung  ließ.

Nachdem  Graf  Haeseler  Eskadronchef  im  15.  Husarenregiment
  geworden  war,  mußte  er  den  Krieg  von  1866  im
Stabe  des  Prinzen  Friedrich  Karl  mitmachen.  Durch  den
berühmten  Ritt,  den  Haeseler  am  30.  Juni  1866  unternahm,
um  eine  Verbindung  der  Armee  des  Kronprinzen  und  der  des
Prinzen  Friedrich  Karl  herzustellen,  wurde  Haeselers  Name
den  weitesten  Kreisen  bekannt.  An  dem  Krieg  gegen  Frankreich
nahm  Graf  Haeseler,  der  mittlerweile  im  Jahre  1867  Moajor
geworden  war,  ebenfalls  im  Stabe  des  Prinzen  Friedrich  Karl
teil.  Wo  immer  es  eine  schwierige  Aufgabe  gab,  die  nur  durch
einen  gefahrvollen,  ausdauernden  Ritt  zu  lösen  war,  wurden
Haeselers  Dienste  in  Anspruch  genommen.  Obwohl  er  hauptsächlich
  weiterhin  noch  mit  der  Ausarbeitung  der  Befehle  des
Oberkommandos  der  Armee  des  Prinzen  Friedrich  Karl  betraut
war,  fand  er  doch  noch  Gelegenheit,  an  einer  großen  Reihe  von
Gefechten  sowie  an  den  Schlachten  von  Vionville,  Gravelotte
(18.  August  1870),  Beaune  la  Rolande  und  Le  Mans  teilzunehmen.
  Jede  einzelne  seiner  Dienstleistungen  brachte  er  in
egakter,  hervorragender  Weise  zur  Ausführung,  so  daß  er  sich
hintereinander  die  höchsten  militärischen  Auszeichnungen  wohlverdient
  erwarb:  erst  das  Eiserne  Kreuz  zweiter  Klasse,  dann
das  Eiserne  Kreuz  erster  Klasse  und  schließlich  den  Orden
Pour  le  mérite,  der  ihm  zu  Anfang  des  Jahres  1873  verliehen
  wurde.

Unmittelbar  nach  Beendigung  des  Krieges  wurde  der
Major  Graf  von  Haeseler  im  Jahre  1871  Oberquartiermeister
der  Okkupationsarmee,  die  damals  unter  dem  Kommando  des
Generalfeldmarschalls  von  Manteuffel  stand.  Nachdem  im
März  des  Jahres  1873  seine  Beförderung  zum  Oberstleutnant
erfolgt  und  die  Okkupationsarmee  aus  Frankreich  zurück-
        <pb n="40" />
        gekehrt  war,  erhielt  er  das  Kommando  des  2.  Brandenburgischen
Ulauenregiments  Nr.  11  in  Straßburg.  Am  2.  Juli  1875
wurde  Gottlieb  von  Haeseler  zum  Oberst  befördert.  Bei  seinem
Straßburger  Regiment  blieb  Haeseler  bis  zu  seiner  im  Jahre
1879  erfolgten  Ernennung  zum  Chef  der  kriegsgeschichtlichen
Abteilung  im  Großen  Generalstab.  Im  Jahre  darauf  wird
die  Führung  der  12.  Kavalleriebrigade  in  seine  Hände  gelegt
und  im  März  1881  wird  er  deren  Kommandeur.  Im  Oktober
desselben  Jahres  avancierte  Haeseler  zum  Generalmajor,
worauf  er  bald  das  Kommando  der  31.  Kavalleriebrigade  in
Straßburg  übernahm.  Seinen  hervorragenden  Leistungen
verdankte  Haeseler  seine  rasche  Beförderung  zum  Generalleutnant,
  die  schon  im  Jahre  1886  erfolgte  und  ihn  erst  zum
Kommandeur  der  20.  und  bald  hernach  der  6.  Division  werden
ließ.  Kurze  Zeit  später  (22.  März  1889)  wurde  Heeseler
abermals  als  Oberquartiermeister  in  den  Generalstab  berufen.
Als  im  darauffolgenden  Jahr  für  Lothringen  das  16.  Armeekorps
  inauguriert  wurde,  erhielt  er  in  Metz  das  Oberkommando
über  dasselbe.  Im  Jahre  1890  erfolgte  seine  Ernennung  zum
General  der  Kavallerie,  im  Jahre  1901  die  zum  Generaloberst,
nachdem  er  im  Jahre  1899  zum  Chef  des  11.  Ulanenregiments
in  Straßburg  ernannt  worden  war.  Am  9.  Mai  desselben
Jahres  wurde  zur  bleibenden  Erinnerung  an  die  Verdienste
dieses  tatkräftigen  Offiziers  die  Befestigungsgruppe  auf  dem
St.  Blaise  bei  Metz  „Feste  Graf  Haeseler“  genannt.
Nachdem  Haeseler  am  18.  Januar  1901  Generaloberst
geworden  war,  und  er  am  26.  April  1903  den  Rang  eines
Generalfeldmarschalls  erhalten  hatte,  reichte  er  nach  genau
50  jähriger,  außerordentlich  erfolgreicher  militärischer  Dienstleistung
  sein  Abschiedsgesuch  ein.  Am  18.  Mai  ward  er  unter
BVerleihung  der  Brillanten  zum  Schwarzen  Adlerorden  zur
Disposition  gestellt.  Da  der  Kaiser  auf  die  fernere  Mitwirkung
dieses  beliebten,  erfahrenen  und  überaus  tüchtigen  Offiziers
nicht  verzichten  wollte,  berief  er  ihn  schon  im  Angust  des
Jahres  1903  auf  Lebenszeit  in  das  preußische  Herrenhaus.
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        Graf  Gottlie

b  von  H

aeseler.
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        In  allen  militärischen  Fragen  ergriff  hier  der  erprobte  General
das  Wort,  und  der  eindringlichen  Art  seiner  Argumentation
sind  so  manche  Verbesserungen  in  unserem  Heeressystem  zu  ver—
danken.  Mit  besonderer  Liebe  nahm  sich  der  alte  General  der
ungefähr  vor  einem  Jahrzehnt  in  Deutschland  erstandenen
Pfadfinderbewegung  an,  deren  Förderung  er  sich  besonders
angelegen  sein  ließ,  da  er  zu  der  Überzeugung  gelangt  war,  daß
eine  einheitliche,  körperliche  und  moralische  Erziehung  unserer
männlichen  Jugend  die  beste  Vorbereitung  für  den  künftigen
Soldaten  sei.  Wiederholt  empfing  er  auf  seinem  bei  Frankfurt
  a.  d.  O.  gelegenen  Landgut  Harnecap  die  fröhliche  Jungmannschaft.
  Neben  der  Förderung  der  Pfadfinderbewegung
beschäftigte  sich  der  alte  „Gottlieb“  viel  mit  der  Frage  der  schulentlassenen
  Jugend,  für  deren  Weiterbildung  er  wiederholt  im
preußischen  Herrenhause  den  Ausbau  der  Fortbildungsschulen
verlangte.  Ich  möchte  hier  auf  seine  am  1.  Mai  1907,  am
1.  April  1908  und  am  20.  Mai  1909  im  Herrenhause  gehaltenen
  Reden  verweisen.  Seine  Ernennung  zum  Generalfeldmarschall
  erfolgte  am  1.  Jannuar  1905.

Von  den  vielen  umfangreichen  Werken  und  kleineren
Broschüren,  die  über  den  Grafen  von  Haeseler  und  sein  militärisches
  Wirken  im  Buchhandel  erschienen  sind,  dürfte  wohl
das  Buch  „Gottlieb  Graf  von  Haeseler;  ein  deutsches  Soldatenleben
  unter  vier  Königen“  (Metz  1903)  das  beste  sein.  Haeseler
selbst  schrieb  das  für  Fachmänner  und  Laien  in  gleicher  Weise
wertvolle  Buch:  „Zehn  Jahre  im  Stabe  des  Prinzen  Friedrich
Karl.  Erinnerung“,  das  in  drei  Banden  erschiencn  ist.

Als  Generalfeldmarschall  Gottlieb  von  Haeseler  am
25.  April  des  vorigen  Jahres  das  60  jährige  Jubiläum  seines
Eintrittes  in  das  Heer  feierte,  war  er  der  Mittelpunkt  vieler
Huldigungen,  die  auch  in  der  deutschen  und  ausländischen  Presse
in  eingehender  Würdigung  seiner  Verdienste  um  die  deutsche
Armee  ihren  Niederschlag  fanden.  Der  bekannte  Militärschriftsteller
  Major  a.  D.  Moraht  schrieb  aus  Anlaß  des  Jubiläums
  die  treffenden  Worte:  „Jeder  kennt  Gottlieb  oder
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        —  40  —

hört  von  ihm,  und  jeder  gedenkt  des  Beispiels  rastloser  Pflichterfüllung,
  bescheidener  Selbstlosigkeit  und  der  eisernen  Willenskraft
  des  Mannes,  dem  viele  Jahre  die  Wacht  an  der  Grenze
anvertraut  war  und  dessen  Namen  schon  im  Frieden  mehr
wog  als  einige  Armeekorps.“  Aber  einer  Eigenschaft  gedachte
Mojor  Moraht  nicht:  des  Gerechtigkeitssinnes  des  Grafen
Haeseler.  Dieser  unbedingte  und  stets  zuverlässige  Gerechtigkeitssinn
  veranlaßte  sogar  den  alten  Generalfeldmarschall,  bei
der  Abstimmung  über  die  von  der  Regierung  eingebrachte  Enteignungsvorlage
  in  den  Ostmarken  gegen  die  Regierungsvorlage
zu  stimmen.

Generalfeldmarschall  Graf  Haeseler,  der  in  wenigen  Monaten
  seinen  79.  Geburtstag  feiert,  ist  wohl  der  älteste  Offizier,
der  auf  deutscher  Seite  an  dem  gegenwärtigen  Kriege  teilnimmt.
Er  hat  sich  unseren  im  Westen  kämpfenden  Truppen  angeschlossen,
  und  schon  bald  nach  Ausbruch  des  Krieges  konnte  man
in  den  Blättern  lesen,  daß  der  alte  Feldmarschall  mit  einer
geradezu  jugendlichen  Begeisterung  und  Tatkraft  an  den
Kämpfen  sich  beteiligt.  Wie  er  selbst  einen  Gefangenen  machte,
wurde  folgendermaßen  geschildert:  Generalfeldmarschall  Graf
Haeseler  wohnte  in  den  ersten  Septembertagen  dem  Artilleriekampf
  gegen  ein  von  den  Franzosen  stark  besetztes  Dorf  bei.  Als
in  den  feindlichen  Stellungen  das  Feuer  verstummte,  schien  es
wichtig,  festzustellen,  ob  die  Franzosen  den  Ort  tatsächlich  verlassen
  hätten.  Graf  Haeseler  galoppierte,  nur  begleitet  von
seinem  Ordonnanzoffizier,  in  das  Dorf,  aus  dem,  wie  sich  nun
zeigte,  die  Franzosen  kurz  vorher  abgezogen  waren.  Nur  ein
französischer  Infanterist  war  zurückgeblieben,  dem  der  General-=feldmarschall
  in  drohendem  Tone  zurief,  sich  zu  ergeben.  Der
Franzose  wurde  so  von  dem  Generalfeldmarschall  persönlich  gefangen
  genommen.  Nachdem  Graf  Haeseler  durch  Ausfragen
seines  Gefangenen  die  Rückzugsrichtung  der  Franzosen  festgestellt
hatte,  übergab  er  ihn  einer  kurz  darauf  im  Dorfe  eintreffenden
Ulanenpatronille.
        <pb n="45" />
        Alexander  von  Linsingen,

Kommandierender  General  des  II.  Armeekorps.


Alexander  von  Linsingen  wurde  am  10.  Februar  des
Jahres  1850  zu  Hildesheim  in  der  Provinz  Hannover  geboren.
Sein  Vater  lebte  dort  als  Kreishauptmann  und  starb  als  Geheimer
  Regierungsrat  am  7.  Juni  1889.  Gerade  ein  Jahr
später  am  28.  Juli  1890  starb  auch  Alexanders  Mutter  Maria,
die  dem  bekannten  alten  Adelsgeschlecht  derer  von  Berlepsch  entstammte.
  Seine  erste  Schulbildung  genoß  Alerander  von  Linsingen
  im  Lyceum  zu  Hannover,  nach  dessen  Absolvierung  er  in
das  Kadettenkorps  kam.  Im  Alter  von  18  Jahren  trat  er  am
7.  April  1868  in  das  Infanterie-Regiment  Nr.  17  ein,  wurde
im  darauffolgenden  Jahr  Sekondeleutnant,  machte  als  solcher
den  Feldzug  gegen  Frankreich  in  den  Jahren  1870/71  mit  und
erwarb  sich  dort  durch  seine  mutige  Entschlossenheit  das  Eiserne
Kreuz  zweiter  Klasse.  Nach  dem  Feldzug  wechselte  er  nicht  sein
Regiment,  das  in  dem  wiedergewonnenen  Reichsland  stehen
blieb  und  in  Mülhausen  garnisonierte.  Nachdem  Alexander
von  Linsingen  im  Jahre  1877  Premierleutnant  im  78.  Infanterie-Regiment
  und  Adjutant  der  38.  Infanterie-Brigade
geworden  war,  erfolgte  im  Jahre  1878  seine  Versetzung  nach
Hannover  zur  39.  Infanterie-Brigade,  der  er  ebenfalls  als
Adjutant  angehörte.

Zwei  Jahre  später  heiratete  Alexander  von  Linsingen  ein
        <pb n="46" />
        —  4  —

Fräulein  Paula  Mummy,  welcher  Ehe  ein  Sohn  Kurt  und
zwei  Töchter  Maria  und  Paula  entsprossen.  Wenige  Tage  nach
der  Geburt  der  jüngsten  Tochter  Paula  starb  die  Gattin  Linsingens
  am  18.  April  des  Jahres  1885.

In  seiner  Stellung  als  Brigadeadjutant  verblieb  Alexander
  von  Linsingen,  bis  er  im  Jahre  1882  zum  Hauptmann  befördert
  und  à  la  Suite  des  4.  Garde-Regiments  zu  Fuß  gestellt
wurde.  Gleichzeitig  wurde  er  Adjutant  der  11.  Infanterie-Brigade
  in  Berlin.  Im  darauffolgenden  Jahre  sehen  wir  ihn
als  Kompagniechef  im  4.  Garde-Regiment  zu  Fuß.  Von  dieser
Stellung  erfolgte  erst  seine  Abberufung,  als  er  im  Jahre  1888
als  Divisionsadjutant  nach  Straßburg  kam,  wo  er  bei  der
31.  Division  Dienst  machte.

Unmittelbar  vorher  hatte  sich  Alexander  von  Linsingen  im
November  des  Jahres  1887  zum  zweitenmal  verheiratet  und
zwar  mit  Felicic  Mummdy,  einer  jüngeren  Schwester  seiner
verstorbenen  ersten  Gattin.  Aus  dieser  Ehe  stammt  der  im
Jahre  1889  geborene  Oskar  von  Linsingen.  Im  gleichen  Jahre
rückte  Alexander  von  Linsingen  zum  Major  auf,  mit  welcher
Beförderung  auch  seine  Versetzung  ins  Leibgrenadierregiment
Nr.  8  erfolgte.  Linsingen  wurde  nun  Korpsadjutant  beim
14.  Armeekorps  in  Karlsruhe.  Schon  im  darauffolgenden
Jahr  1890  wird  er  Bataillonskommandeur  im  Infanterie-Regiment
  Nr.  76  in  Lübeck.  Im  Jahre  1895  geschieht  seine
Beförderung  zum  Oberstleutnant  beim  Stabe  des  Grenadier-Regiments
  Nr.  2,  die  seine  Übersiedelung  von  Lubeck  nach
Stettin  notwendig  machte.  Er  verblieb  in  Stettin  zwei  Jahre
lang  und  ging  nach  seiner  im  Jahre  1897  erfolgten  Beförderung
  zum  Oberst  als  Kommandeur  des  Grenadier-Regiments
Nr.  4  nach  Allenstein,  wo  er  für  vier  Jahre  sein  Domizil  aufschlagen
  konnte.  Nach  Ablauf  dieser  Zeit  war  Alexander  von
Linsingen  Generalmajor  geworden,  in  welcher  Eigenschaft  er  als
Kommandeur  der  #l.  Infanteric-Brigade  wieder  nach  Lübeck
kam.  Das  Jahr  1905  brachte  für  den  erfolgreichen  Kommandeur
die  Ernennung  zum  Generalleutnant  und  Führer  der  zweiten
        <pb n="47" />
        Württembergischen  Division  Nr.  27  in  Ulm.  Als  durch  die  Er—
nennung  des  Generals  von  Heeringen  zum  preußischen  Kriegsminister
  der  verantwortungsvolle  Posten  eines  kommandierenden
  Generals  des  zweiten  (Pommerschen)  Armeekorps  in  Stettin
frei  wurde,  übernahm  Alexander  von  Linsingen  am  1.  September
  des  Jahres  1909  dieses  Kommando.
        <pb n="48" />
        Otto  von  Emmich,

Kommandierender  General  des  X.  Armeekorps.


Der  erste  bedeutende  deutsche  Waffenerfolg  in  dem  Kriege
von  1914  ist  mit  dem  Namen  des  Generals  der  Infanterie
Albert  Theodor  Otto  von  Emmich  untrennbar  verknüpft.  Noch
bevor  die  Mobilmachung  unserer  Truppen  endgültig  abgeschlossen
  war,  konnte  vom  westlichen  Kriegsschauplatz  die  frohe
Siegesmeldung  eintreffen,  daß  unsere  tapferen  Soldaten  die
starke  belgische  Festung  Lüttich  im  Sturme  genommen  haben,
und  daß  General  von  Emmich  persönlich  seine  Truppen  ungeachtet
  des  heftigen  feindlichen  Feuers  zum  Siege  vorwärts
geführt  habe,  wofür  ihm  der  Kaiser  den  Orden  Pour  le  mérite
verlieh.  Die  große  militärische  Bedeutung  dieser  glänzenden
Waffentat  lag  vor  allem  darin,  daß  unsere  Truppen  nunmehr
ungehindert  das  Maastal  beschreiten  und  westlich  auf  Brüssel
und  südwestlich  auf  Namur  zu  marschieren  konnten.  Von  noch
größerer  Bedeutung  aber  war  die  moralische  Seite  dieses  Erfolges,
  da  durch  ihn  das  Gefühl  der  Sicherheit  und  Überlegenheit
  bei  unseren  Truppen  in  dem  gleichen  Verhältnis  gestärkt
und  gehoben  wurde,  wie  der  geschlagene  Feind  durch  seine  erlittene
  Niederlage  sich  deprimiert  fühlen  mußte.  Und  tatsächlich
  beruhten  auch  die  folgenden  Siege  unserer  im  Westen  operierenden
  Heeresmacht  zum  großen  Teil  auf  dem  Erfolg  des
Generals  von  Emmich  bei  Lüttich.  Was  aber  die  Waffentat
Emmichs  noch  ruhmvoller  macht,  ist  die  Tatsache,  daß  eine
lange  Belagerung  der  Festung  unseren  Truppen  erspart  wurde,
und  nach  dem  erfolglosen  Handstreich,  der  von  einer  kleinen
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        Otto  von  Emmich.
        <pb n="50" />
        <pb n="51" />
        —  45  —

Truppenabteilung  am  5.  August  unternommen  worden  war,
Lüttich  bereits  am  7.  August  um  8  Uhr  früh  in  unseren  Händen
sich  befand.

Diese  herrliche  Waffentat,  die  für  ewige  Zeiten  unauslöschlich
  in  dem  goldenen  Buch  unserer  Siege  verzeichnet  sein
wird,  hat  den  Namen  des  Generals  Otto  von  Emmich,  der  bis
dahin  nur  in  seinem  engeren  Wirkungskreis  geschätzt  war,  mit
einem  Schlage  im  ganzen  Reiche,  bei  unseren  Verbündeten
und  weit  hinaus  über  die  schwarz-weiß-roten  und  schwarz-gelben
Grenzpfähle  bekannt  gemacht.  Otto  von  Emmich  wurde  am
4.  August  während  der  sturmbewegten  Zeit  des  Jahres  1848
zu  Minden  in  Westfalen  geboren  und  feierte  also  seinen  glänzenden
  Sieg  4  Tage  nach  seinem  66.  Geburtstage.  Auch  sein
Vater  Theodor  Emmich  diente  unserer  Armee  und  starb  an  dem
Tage,  an  dem  Otto  24  Jahre  alt  wurde.  Er  war  Oberst  und
mit  Adele,  geborene  Hagspihl  vermählt,  die  am  12.  Februar  des
Jahres  1897  aus  dem  Leben  schied.

Unser  vortrefflicher  General  Otto  von  Emmich  ist  also
bürgerlicher  Abstammung.  Er  besuchte  in  seiner  Geburtsstadt
das  Gymnasium  und  trat  am  3.  Juli  des  Jahres  1866,  dem
Tage  der  Schlacht  bei  Königgrätz,  in  das  Heer  ein.  Er  kam
zuerst  als  Junker  zum  55.  Infanterie-Regiment  in  Detmold,
wurde  zwei  Jahre  später  Sekondeleutnant  und  machte  mit
seinem  Regiment  den  französischen  Feldzug  1870/71  mit.  Hier
erwarb  er  sich  das  Eiserne  Kreuz  zweiter  Klasse,  nachdem  er  sich
besonders  in  den  Schlachten  bei  Spichern,  bei  Colombay-=Neuilly,
  St.  Privat,  sowie  während  der  Belagerung  von  Metz
ausgezeichnet  hatte.  Schon  während  des  Krieges  war  er
Bataillonsadjutant  geworden.  Während  der  Jahre  1872  bis
1875  wirkte  er  dann  als  Regimentsadjutant  beim  55.  Infanterie-Regiment,
  nachdem  er  im  Jahre  1874  zum  Oberleutnant
befördert  worden  war.  Im  darauffolgenden  Jahre  kam  er  als
Adjutant  zur  29.  Infanterie-Brigade,  bei  der  er  bis  zum  Jahre
1879  verblieb.  Um  diese  Zeit  war  er  zum  69.  Infanterie-Regiment
  nach  Trier  versetzt  worden.
        <pb n="52" />
        10

Im  Jahre  1880  avancierte  Otto  Emmich  zum  Hauptmann,
  als  der  er  Kompagniechef  im  52.  Infanterie-Regiment
wurde.  Am  20.  April  desselben  Jahres  verheiratete  er  sich  mit
Elise  von  Graberg,  welcher  Ehe  eine  am  11.  September  1881
geborene  Tochter  Olga  entsproß.  Das  Jahr  1881  brachte  den
damals  33  jährigen  Hauptmann  zu  dem  eben  neu  eingerichteten
Insanterie-Regiment  Nr.  131  in  Paderborn.  Nachdem  er  sieben
Jahre  lang  bei  diesem  Regiment  gestanden  hatte,  wurde  Emmich
zum  Füsilier-Regiment  Nr.  86  nach  Fleusburg  kommandiert,
bei  dem  er  ein  Jahr  später  zum  Major  aufrückte,  um  im  Jahre
1891  nach  Gießen  als  Bataillonskommandeur  im  Infanterie-Regiment
  Nr.  116  beschäftigt  zu  werden.  Dieses  Kommando
vertauschte  Otto  Emmich  im  Jahre  1894  mit  dem  eines  Kommandeurs
  des  Kurhessischen  Jäger-Bataillons  Nr.  11  in  Marburg,
  worauf  er  im  folgenden  Jahre  zum  Oberstleutnant  avancierte.
  Mit  seiner  Ernennung  zum  Oberst  bekam  Emmich  im
Juni  des  Jahres  1897  das  Kommando  über  das  114.  Infanterie-Regiment
  in  Konstanz.  Nach  vier  weiteren  Jahren  sehen
wir  den  erfolgreichen  Offizier,  zum  Generalmajor  befördert,
die  31.  Infanterie-Brigade  in  Trier  befehligen.  Die  Ernennung
  Emmichs  zum  Generalleutnant,  die  auch  seine  Versetzung
als  Kommandeur  der  10.  Division  in  Posen  mit  sich  brachte,
erfolgte  am  15.  Februar  des  Jahres  1905.  Nach  vier  weiteren
Jahren  erhielt  er  am  20.  Mai  des  Jahres  1909  mit  seiner
gleichzeitigen  Ernennung  zum  General  der  Infanterie  das
Kommando  über  das  10.  Armeekorps  in  Hannover.  Der  militärische
  Werdegang  dieses  Heerführers  zeigt  die  auffallende  Tatsache,
  daß  Otto  von  Emmich,  ohne  jemals  die  Kriegsakademie
besucht  zu  haben,  oder  in  den  Generalstab  kommandiert  gewesen
zu  sein,  bis  zum  Jahre  1909,  wo  er  Kommandierender  General
wurde,  den  regelmäßigen  Frontdienst  durchmachte  und  dabei  die
höchsten  militärischen  Würden  erlangte.

Als  Kaiser  Wilhelm  im  Jahre  1912  den  erfolgreichen
General  besonders  ehren  wollte,  verlieh  er  ihm  am  27.  Januar
den  erblichen  Adel.  Daß  die  Siegesnachricht  von  der  Ein-
        <pb n="53" />
        —  17  —

nahme  Lüttichs  in  Hannover,  wo  General  von  Emmich  über
fünf  Jahre  lang  zuletzt  tätig  war,  ganz  besonderen  Jubel  auslöste,
  bewiesen  die  in  den  Berliner  Blättern  vom  8.  August
enthaltenen  Berichte  aus  Hannover.  Ein  kleines  Stimmungsbild
  von  dort  hatte  folgenden  Wortlaut:  „Die  Nachricht  von  dem
glänzenden  Waffenerfolg  unserer  Truppen  in  Lüttich  unter  dem
General  von  Emmich,  dem  daraufhin  der  Orden  Pour  le
mérite  verliehen  wurde,  hat  hier  ungeheuren  Jubel  hervorgerufen.
  Noch  spät  am  Abend  zog  die  Menge  unter  Singen
patriotischer  Lieder  nach  dem  Generalkommando.  Hier  erschien
Frau  von  Emmich,  welche  die  Nachricht  telegraphisch  erhalten
hatte,  auf  dem  Balkon  und  verlas  von  dort  aus  die  Siegesbotschaft.
  Am  Schluß  brachte  das  bis  dahin  atemlos  lauschende
Publikum  immer  wieder  brausende  Hurras  dem  Kaiser  und  der
Armce  dar.“  Während  der  ersten  Oktobertage  ließ  dann  der
Kaiser  dem  verdienstvollen  General  das  Eiserne  Kreuz  erster
Klasse  nebst  einem  äußerst  huldvollen  Handschreiben  überreichen.
        <pb n="54" />
        468

Freiherr  Karl  von  Plettenberg,

Kommandierender  General  des  Gardekorps.

Die  Plettenbergs  sind  ein  in  Preußen  alterbeingesessenes
  Adelsgeschlecht,  dem  viele  hervorragende  Persönlichkeiten
  des  preußischen  Militär=  und  Beamtenstandes  angehörten.
  Karl  Freiherr  v.  Plettenberg  wurde  am  18.  Dezember
1852  als  Sohn  des  im  Jahre  1886  verstorbenen  Majors  a.  D.
Eugen  Freiherrn  v.  Plettenberg  und  der  Minette,  geborenen
Freiin  von  der  Borch  in  Neuhaus  bei  Paderborn  geboren.
Seine  Mutter  starb  schon  im  Jahre  1885.  Aus  dem  Kadettenkorps
  hervorgegangen,  konnte  Karl  Freiherr  v.  Plettenberg
als  Fähnrich  beim  53.  Infanterie-Regiment  den  Feldzug  gegen
Frankreich  mitmachen  und  an  der  Belagerung  von  Metz  und
Mezièeres  teilnehmen.  Da  er  sich  auch  in  einigen  kleineren
Gefechten  durch  besonderen  Mut  auszeichnete,  verlieh  ihm  der
Kaiser  das  Eiserne  Kreuz.  Noch  in  dem  Kriegsjahre  1870
wurde  er  am  18.  Dezember  Leutnant.  Im  Jahre  1875  kam
er  auf  die  Kriegsakademie  und  zwei  Jahre  später  zum  Ersten
Garderegiment  zu  Fuß.  Nachdem  er  im  Jahre  1878  von  der
Kriegsakademie  abgegangen  war,  avancierte  er  am  12.  April
1879  zum  Oberleutnant.  Der  3.  Mai  des  Jahres  1884  brachte
seine  Beförderung  zum  Hauptmann,  als  welcher  er  Kompagnieführer
  beim  Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  wurde.  Erst  im
März  1890  wechselte  er  das  Regiment,  als  er  Major  geworden
und  als  solcher  zum  Westfälischen  Jägerbataillon  Nr.  7  nach
Bückeburg  gekommen  war.  Bald  erhielt  er  dann  auch  das
Kommando  über  dieses  Bataillon.  Im  Juni  1894  kam  Karl
        <pb n="55" />
        —  49  —

Freiherr  v.  Plettenberg  zum  Garde-Jägerbataillon,  bei  dem
er  zwei  Jahre  später  zum  Oberstleutnant  aufrückte.  Nachdem
er  im  Jahre  1898  Führer  und  im  Januar  des  darauffolgenden
Jahres  Oberst  und  Kommandeur  des  Ersten  Garderegiments
geworden  war,  erfolgte  schon  vier  Monate  nachher  seine  Ernennung
  zum  Flügeladjutanten  des  Kaisers.  Im  März  des
Jahres  1902  sehen  wir  Karl  Freiherrn  v.  Plettenberg  als
Inspekteur  der  Jäger  und  Schützen,  in  welcher  Eigenschaft  ihm
gleichzeitig  das  Kommando  über  das  reitende  Feldjägerkorps
übertragen  wurde.  Der  22.  April  des  Jahres  1902  brachte
seine  Beförderung  zum  Generalmajor,  der  20.  März  1906  die
zum  Generalleutnant.  Am  24.  September  desselben  Jahres
wurde  er  zum  Kommandeur  der  22.  Division  in  Kassel  ernannt,
welches  Kommando  er  bis  zum  Jahre  1910  in  seinen  Händen
behielt.  Am  14.  April  kam  er  dann,  nachdem  er  General  der
Infanterie  geworden  war,  an  die  Spitze  des  IX.  Armeekorps.
Als  durch  den  Abgang  des  Generals  der  Infanterie  Alfred
v.  Löwenfeld,  der  das  Kommando  über  das  Gardekorps  innehatte,
  dieser  Posten  frei  wurde,  wurde  der  verdienstvolle
General  Freiherr  v.  Plettenberg  am  1.  März  1913  dessen
Nachfolger  als  Kommandierender  General  des  Gardekorps.

Freiherr  Karl  v.  Plettenberg  ist  seit  dem  20.  April  1887
mit  der  um  12  Jahre  jüngeren  Klara  Gräfin  v.  Wedel  verheiratet.
  Im  Jahre  1889  wurde  ihnen  ein  Sohn  Karl
Wilhelm,  im  Jahre  1891  ein  Sohn  Kurt  und  im  August  des
Jahres  1900  eine  Tochter  Luise  geboren.  Karl  Wilhelm,  der
den  gegenwärtigen  Krieg  als  Leutnant  im  Ersten  Garderegiment
  zu  Fuß  mitmachte,  fiel  vor  dem  Feind.  Sein  jüngerer
Bruder  Kurt  Freiherr  v.  Plettenberg  steht  als  Leutnant  des
2.  Garde-Ulanenregiments  im  Felde.

Für  seine  vorzüglichen  Leistungen  im  gegenwärtigen
Kriege  erhielt  Freiherr  v.  Plettenberg  das  Eiserne  Kreuz  erster
Klasse.  Aus  einem  Tagesbefehl,  den  er  am  29.  Oktober  an  die
seiner  Führung  anvertrauten  Truppen  des  Gardekorps  richtete,
  seien  folgende  bemerkenswerte  Stellen  wiedergegeben:

4
        <pb n="56" />
        —  50  —

„Von  Arras  bis  hinauf  zum  Meere  stehen  die  deutschen  Korps.
seit  einer  Reihe  von  Tagen  in  heftigen  siegreichen  Angriffsgefechten;
  seit  vielen  Wochen  schon  steht  die  deutsche  Westarmce
in  schwerem  Ringen  um  jeden  Fußbreit  Landes.  Schwerere
Aufgaben  wie  bei  dem  herrlichen  Siegeslaufe  von  Malmedy
bis  Fôre  Champenoise  sind  dem  Gardekorps  dabei  zugefallen.
Ich  spreche  jedem  einzelnen  meinen  wärmsten  Dank  und  meine
größte  Anerkennung  aus  für  das  todesmutige  Ausharren  in
den  Schützengräben  in  fast  ununterbrochenem  Infanterie=  und
Artilleriefeuer  und  das  den  Vorgesetzten  bewiesene  unerschütterliche
  Vertrauen.  Die  Zeit  für  frisches  Vorwärtsgehen  zu  endgültigem
  Siege  ist  nahe.“

Tatsächlich  hat  auch  das  todesmutige  Vorwärtsstürmen
der  preußischen  Garde  großes  Unheil  in  den  Reihen  unserer
Feinde  angerichtet.  In  den  Kämpfen,  die  um  die  Mitte  des
Monats  November  in  der  Gegend  von  Ypern  stattfanden,  war
es  die  Garde,  deren  heldenhaftem  Ansturm  die  Engländer  ihren
eigenen  Berichten  zufolge  nicht  standhalten  konnten.
        <pb n="57" />
        Kurt  von  HDritzelwitz,

Kommandierender  General  des  VI.  Armeekorps.


Der  Name  des  jetzigen  Generals  der  Infanterie  Kurt
von  Pritzelwitz  ist  in  den  Jahren  1898  und  1900  wiederholt
genannt  worden,  als  Pritzelwitz  den  Kaiser  auf  verschiedenen
Reisen  begleitete  und  den  Kronprinzen  Friedrich  Wilhelm  in
allen  militärischen  Fragen  beraten  konnte.  Der  Vater  Kurt
von  Pritzelwitz',  Gustav  von  Pritzelwitz,  war  ebenfalls  als
Offizier  in  der  deutschen  Armee  hochangesehen.  Nachdem  er
als  General  der  Infanterie  zur  Disposition  gestellt  war,
ernannte  ihn  der  Kaiser  zum  Gouverneur  von  Mainz,  als  der
er  am  25.  März  des  Jahres  1892  starb.  Aus  seiner  Ehe  mit
Lina,  geborenen  von  Wrochem,  entsproß  Kurt  von  Pritzelwitz,
der  am  19.  Dezember  1854  zu  Berlin  das  Licht  der  Welt
erblickte.

Nachdem  er  seine  militärische  Vorbildung  im  Kadettenkorps
  erhalten  hatte,  trat  er  am  28.  April  1872  als  Sekondeleutnant
  beim  Ersten  Garderegiment  zu  Fuß  in  das  Heer  ein.
Bei  diesem  Regiment  rückte  er  im  Jahre  1881  zum  Oberleutnant
  auf,  worauf  er  bis  zum  Jahre  1884  die  Kriegsakademie
  besuchte.  Während  der  Jahre  1885  und  1886  war
er  zum  Generalstab  kommandiert.

Während  dieses  Kommandos  verheiratete  sich  Kurt
von  Pritzelwitz  am  16.  Juni  1886  mit  Maria,  geborenen
von  Eichstedt,  die  ihrem  Gatten  drei  Töchter  und  einen  Sohn
schenkte.  Beata  wurde  am  22.  Dezember  1887,  Hildegard  am

47
        <pb n="58" />
        —  52  —

15.  Januar  1897,  Martha  am  11.  Dezember  desselben  Jahres
und  Kurt  am  22.  November  1891  geboren.

Im  Jahre  1887  avancierte  Kurt  von  Pritzelwitz  zum
Hauptmann.  Als  solcher  befehligte  er  eine  Kompagnie  des
Ersten  Garderegiments  zu  Fuß.  Schon  im  nächsten  Jahre
wurde  er  wieder  in  den  Generalstab  berufen  und  kam  als
Generalstabsoffizier  zur  IV.  Armeeinspektion  nach  München,
woselbst  er  auch  als  Militärattachl  wirkte.  Nach  zwei  Jahren
erfolgte  bereits  in  dieser  Stellung  seine  Beförderung  zum
Major.  Im  Jahre  1895  kam  Kurt  von  Pritzelwitz  zum
Generalstab  der  2.  Gardedivision  und  verblieb  dort  bis  zum
Jahre  1897,  in  welchem  Jahre  er  wieder  zur  Front  zurückkehrte.
Nachdem  er  kurze  Zeit  die  Funktion  eines  Bataillonskommandeurs
  im  1.  Garderegiment  zu  Fuß  versehen  hatte,
wurde  er  zum  Oberstleutnant  befördert.  Mit  diesem  Avancement
  war  auch  die  Ernennung  des  bei  seinen  Vorgesetzten
äußerst  beliebten  Offiziers  zum  diensttuenden  Flügeladjutanten
des  Kaisers  und  Königs  sowie  die  Ernennung  zum  Kommandeur
  der  Schloßgardekompagnie  verbunden.  Durch  das  besondere
  Vertrauen,  das  der  Kaiser  ihm  entgegenbrachte,  wurde
Kurt  von  Pritzelwitz  schon  zwei  Jahre  später  mit  der  Führung
des  2.  Garderegiments  zu  Fuß  beauftragt,  nachdem  er  vorher
den  Kaiser  sowohl  auf  einer  Reise  nach  Norwegen  als  auch  auf
der  Reise,  die  den  Kaiser  nach  der  Türkei  und  Palästina  brachte,
begleiten  durfte.

Auf  diesen  Reisen  hatte  Kaiser  Wilhelm  genügend  Gelegenheit,
  die  hervorragenden  Charaktereigenschaften  und  militärischen
  Kenntnisse  des  stets  in  seiner  nächsten  Umgebung
befindlichen  Offiziers  kennen  und  schätzen  zu  lernen,  und  schon
bald  nach  Beendigung  der  Reisen  fiel  ihm  im  Jahre  1900  der
ehrenvolle  Auftrag  zu,  als  militärischer  Begleiter  des  deutschen
Kronprinzen  zu  fungieren.  Im  gleichen  Jahre  erfolgte  auch
am  16.  Juni  seine  Beförderung  zum  Oberst,  als  der  er  sich
drei  Jahre  lang  mit  der  militärischen  Fortbildung  des  Kronprinzen
  beschäftigte.  Das  Jahr  1903  brachte  den  erfolgreichen
        <pb n="59" />
        Oberst  Kurt  von  Pritzelwitz  wieder  in  den  Frontdienst,  und
zwar  als  Kommandeur  der  40.  Infanteriebrigade  in  Braunschweig.
  In  dieser  Stellung  wurde  er  im  Jahre  1904  Generalmajor.
  Auf  dieses  Kommando  folgte  dann,  nachdem  er  1907
Generalleutnant  geworden  war,  ein  Kommando  bei  der
17.  Division  in  Schwerin.  Als  im  Jahre  1910  der  General
der  Infanterie  Remus  von  Woyrsch,  der  seit  1903  Kommandierender
  General  des  VI.  Armeekorps  in  Breslau  gewesen
war,  von  seinem  Posten  zurücktrat,  wurde  diese  Stelle  durch
Kurt  von  Pritzelwitz  besetzt.  Am  13.  September  des  darauffolgenden
  Jahres  wurde  der  vom  Kaiser  vielfach  ausgezeichnete
General  in  verhältnismäßig  jungen  Jahren  General  der
Infanterie.
        <pb n="60" />
        Alexander  von  Kluck,

Generalinspekteur  der  achten  Armeeinspektion.


In  die  vorderste  Reihe  der  Heerführer,  auf  die  heute  das
deutsche  Volk  mit  Stolz  und  Zuversicht  blickt,  gehört  Generaloberst
  Alexander  von  Kluck,  der  in  seiner  nahezu  50  jährigen
militärischen  Laufbahn  unserer  Armee  so  gewaltige  Dienste  geleistet
  hat,  daß  er  sich  das  besondere  Vertrauen  des  Kaisers  erwarb
  und  von  diesem  mit  Auszeichnungen  aller  Art  geehrt
wurde.  Auch  den  Adel  hat  sich  Alexander  von  Kluck  selbst  erworben.


Er  wurde  als  Sohn  des  Regierungsbaumeisters  Karl  Kluck
am  20.  Mai  1846  zu  Münster  in  Westfalen  geboren,  verlor  aber
schon  im  Alter  von  18  Jahren,  am  11.  April  1864,  seinen  Vater,
der  mit  einer  geborenen  Tiedemann  verheiratet  gewesen  war.
Nachdem  Alexander  Kluck  das  Gymnasium  in  seiner  Geburtsstadt
  absolviert  hatte,  trat  er  am  13.  Oktober  1865  in  das  Heer
und  zwar  beim  55.  Infanterie-Regiment  auf  Beförderung  ein.
Schon  wenige  Monate  später  hatte  er  Gelegenheit,  als  Fähnrich
den  Krieg  zwischen  Preußen  und  den  deutschen  Mittelstaaten,  den
sogenannten  Mainfeldzug,  mitzumachen.  Unmittelbar  nachdem
den  süddeutschen  Regierungen  am  2.  August  von  Preußen  in
Nikolsburg  ein  Waffenstillstand  bewilligt  worden  war,  wurde
Kluck  am  16.  August  zum  Leutnant  befördert.  Als  solcher  nahm
er  auch  an  dem  Feldzug  gegen  Frankreich  teil  und  zeichnete  sich
hierbei  in  solchem  Maße  aus,  daß  er  das  Eiserne  Kreuz  zweiter
Klasse  erhielt,  nachdem  er  in  der  heißen  Schlacht  von  Colombey-=
        <pb n="61" />
        —  55  —

Nouilly  am  14.  August  am  rechten  Arme  durch  einen  Streifschuß
  und  außerdem  noch  durch  einen  Prellschuß  verwundet  worden
  war.  Bei  jener  Schlacht,  die  bekanntlich  die  erste  der  vor
Metz  gelieferten  Treffen  war,  verloren  wir  übrigens  ungefähr
5000  Mann,  erreichten  aber  durch  dieses  Opfer,  daß  die  Franzosen
  in  ihrem  Vormarsch  aufgehalten  wurden  und  ihre  Umgehung
  durch  unsere  zweite  Armee  möglich  gemacht  war.

Nach  dem  Kriege  blieb  Kluck  bei  der  Okkupationsarmee  und
machte  hier  Dienst  beim  7.  Infanterieregiment.  Nachdem  er  am
16.  Oktober  1873  Oberleutnant  geworden  war,  verheiratete
er  sich  am  27.  Oktober  1874  mit  der  Baronesse  Fanny  von
Donop.  Dieser  Ehe  entsprossen  die  beiden  Söhne  Egon  und
Eberhard  sowie  eine  Tochter  Hildegard.  Im  Jahre  1876  wurde
Kluck  Adjutant  der  28.  Infanteriebrigade  in  Wesel,  und  zwei
Jahre  später  Hauptmann  im  53.  Infanterieregiment.  Das
Jahr  1881  brachte  den  Hauptmann  nach  Jülich,  wo  er  als
Kompagnieführer  an  der  Unteroffizierschule  wirkte.  Das  darauffolgende
  Jahr  führte  ihn  nach  Annaburg.  Dort  fungierte  er
als  Kommandeur  der  Unteroffizierschule  und  rückte  in  dieser
Eigenschaft  am  15.  November  1887  zum  Major  auf.  Die  gleiche
Stellung  bekleidete  er  dann  auch  in  Neubreisach,  wo  eine  neue
Unteroffizierschule  errichtet  worden  war.  Im  Jahre  1889  sehen
wir  ihn  als  Bataillonskommandeur  im  66.  Infanterieregiment,
bei  dem  er  vier  Jahre  später  zum  Oberstleutnant  befördert
wurde.  Am  27.  Januar  des  Jahres  1896  verlich  ihm  der
Kaiser  den  erblichen  Adelsstand,  nachdem  Kluck  am  selben  Tage
seine  Ernennung  zum  Kommandeur  des  Landwehrbezirks  I  in
Berlin  erhalten  hatte.  Seine  Beförderung  zum  Oberst  ließ  nicht
lange  auf  sich  warten  und  schon  im  Jahre  1898  treffen  wir  Kluck
in  Bromberg  als  Kommandeur  des  34.  Füsilierregiments  und
kurze  Zeit  später  im  Range  eines  Generalmajors  als  Kommandeur
  der  23.  Infanteriebrigade  in  Neisse.  Als  er  am  3.  April
1902  zum  Generalleutnant  avanciert  war,  wurde  Alexander  von
Kluck  Kommandeur  der  37.  Division  in  Allenstein.  Dort  blieb
er  vier  Jahre  lang,  bis  am  13.  September  1906  seine  Be-
        <pb n="62" />
        —  56  —

rufung  zum  Führer  des  V.  Armeekorps  in  Posen  und  schon  um
einen  Monat  später  seine  Beförderung  zum  General  der  Infanterie
  erfolgte.  Genau  nach  einem  Jahre  wurde  er  Kommandeur
des  I.  Armeekorps  und  à  la  suite  des  3.  Grenadierregiments  gestellt.
  Als  am  1.  Oktober  des  Jahres  1913  die  achte  Armeeinspektion
  in  Berlin  neu  errichtet  worden  war,  wurde  Alexander
von  Kluck  zu  ihrer  Leitung  berufen.  Ihr  unterstehen  das
pommersche,  posensche  und  schlesische  Armeekorps.  Aus  dieser
Tatsache  kann  man  die  Bedeutung  der  Stellung,  die  der  am
27.  Januar  1914  zum  Generalobersten  beförderte,  verdienstvolle
Offizier  einnimmt,  richtig  bewerten.

Tatsächlich  hat  auch  Generaloberst  von  Kluck  alle  Erwartungen,
  die  im  gegenwärtigen  Krieg  auf  ihn  gesetzt
wurden,  in  jeder  Weise  gerechtfertigt.  Seinen  ersten  Sieg
feierte  er  bei  Maubeuge,  wo  er  nach  den  Berichten  des
Großen  Hauptquartiers  vom  27.  August  die  englische  Armee
schlug  und  nachher  südwestlich  Maubeuge  erneut  angriff.  Schon
am  nächsten  Tage  meldete  ein  Telegramm  des  Generalquartiermeisters
  von  Stein,  daß  die  englische  Armee,  der  sich  drei  französische
  Territorial-Divisionen  angeschlossen  hatten,  nördlich
von  St.  Quentin  vollständig  geschlagen  worden  sei.  Generaloberst
  von  Kluck  setzte  seinen  begonnenen  Siegeszug  fort  und
schlug  am  31.  August  einen  Flankenangriff  französischer  Kräfte
in  der  Gegend  von  Combles  durch  ein  Armeekorps  zurück.  War
schon  der  Name  des  Generalobersten  von  Kluck  durch  diese
Siegesnachrichten  in  ganz  Deutschland  populär  geworden,  so
steigerte  sich  diese  Popularität  zu  einem  ganz  außergewöhnlichen
Enthusiasmus,  als  am  3.  September  aus  dem  Großen  Hauptquartier
  die  Meldung  eintraf,  daß  die  Kavallerie  der  Armee
des  Generalobersten  von  Kluck  bereits  bis  Paris  streife.  Der
Wert  dieses  Erfolges  erhöht  sich  durch  die  Tatsache,  daß  seit  Ausbruch
  des  Krieges  kaum  ein  Monat  verflossen  war,  als  diese
Meldung  eintraf.

Die  Genialität  dieses  Heerführers  kam  aber  erst  zur  vollen
Geltung,  als  Generaloberst  von  Kluck  im  richtigen  Augenblick
        <pb n="63" />
        2

Alexander  von  Kluck.
        <pb n="64" />
        <pb n="65" />
        —  57  —

seine  Truppen  bis  auf  Noyon  an  der  Oise  zurücknahm  und  alle
Umgehungsversuche  der  vereinigten  Franzosen  und  Engländer
unter  schweren  Verlusten  für  den  Feind  so  lange  abwehrte,  bis
Antwerpen  in  unseren  Händen  war.  Durch  diese  Taktik  hat
Kluck  den  Entsatz  Antwerpens  verhindert  und  die  deutsche  Front
bis  zur  Meeresküste  ausgedehnt,  so  daß  fortan  dem  Feind  die
Möglichkeit  genommen  war,  weitere  Umgehungsversuche  zu
unternehmen.  Im  Verlaufe  dieser  Operationen  war  es  Kluck
gelungen,  den  Franzosen  die  Höhenstellungen  von  Roye  und
Fresnoys-Leroye  abzuringen.

Generaloberst  von  Kluck  ist  in  dem  Kriege  von  1914  der
einzige  deutsche  Heerführer,  dessen  hervorragende  Fähigkeiten
nicht  nur  im  neutralen  Ausland,  sondern  auch  von  unseren
Feinden  rückhaltlos  anerkannt  werden.  So  schreibt  beispielsweise
  einmal  der  „Matin“:  „General  von  Kluck  ist  ein  hervorragender
  Theoretiker,  und  es  ist  unbestritten,  daß  er  den  Marsch
der  Truppen,  die  auf  Paris  losgehen,  geschickt  dirigiert  hat.“
Bei  einer  anderen  Gelegenheit  spricht  dieses  Blatt  von  dem
„ausgezeichneten  Feldherrnblick  des  Generals  Kluck“.  Ganz
besonders  weiß  aber  das  „Giornale  d'  Italia“  die  Fähigkeiten
dieses  Generals  zu  werten,  wenn  es  am  8.  Oktober  schrieb:
„Ganz  gewiß  ist  Generaloberst  von  Kluck  der  wahre  Held  dieses
Krieges,  weil  ihm  die  schwerste  Aufgabe  anvertraut  ist  und  er
es  verstanden  hat,  sie  mit  einer  Geschicklichkeit  und  Genialität
zu  lösen,  die  auch  die  Feinde  anerkennen.  Tatsächlich  ist  es  ihm,
der  von  überlegenen  feindlichen  Kräften  umzingelt  werden  sollte,
gelungen,  den  Feind  selbst  mit  Umzingelung  zu  bedrohen  und
ihn  zu  zwingen,  an  verschiedenen  Punkten  zurückzugehen.“

Nach  dem  Sieg  bei  St.  Quentin  erhielt  Generaloberst
  von  Kluck  die  erste  Klasse  des  Eisernen  Kreuzes.  Wenige
Tage  später  hat  auch  sein  jüngster  Sohn  Hans  Eberhard  als
Leutnant  der  Reserve  bei  einer  Funkenstation  für  sein  tapferes
Verhalten  die  zweite  Klasse  dieser  Kriegsauszeichnung  bekommen.
        <pb n="66" />
        Friedrich  von  Scholtz,

Kommandierender  General  des  XX.  Armee
korps.

Als  Sohn  des  Superintendenten  Fritz  Scholtz,  der  mit
Emilie  Moeller  vermählt  war,  wurde  der  General  der  Artillerie
Friedrich  von  Scholtz  am  24.  März  des  Jahres  1851  zu  Flensburg
  geboren.  Während  er  schon  im  Alter  von  15  Jahren  seine
Mutter  verlor,  starb  sein  Vater  dreiundzwanzig  Jahre  später
am  14.  Februar  1886.  Friedrich  von  Scholtz,  der  sich  selbst  durch
Gewissenhaftigkeit,  Tatkraft  und  Tüchtigkeit  den  Adel  erwarb,
besuchte  ursprünglich  das  Gymnasium  zu  Bernburg  und  machte
dann  sein  Abiturium  auf  dem  Quedlinburger  Gymnasium.

Am  19.  Juli  1870,  dem  Tage  der  Kriegserklärung  Frankreichs,
  trat  Friedrich  Scholtz  beim  Feldartillerieregiment  Nr.  9
in  Rendsburg  in  das  Heer  ein  und  machte  sofort  mit  seinem
Regiment  den  Feldzug  gegen  Frankreich  mit.  Er  entschloß  sich
nach  dem  Kriege,  bei  der  militärischen  Laufbahn  zu  bleiben  und
wurde  im  Jahre  1872  Leutnant.  Während  der  Jahre  1879  bis
1882  besuchte  Scholtz  die  Kriegsakademie.  Das  Jahr  1881
brachte  seine  Beförderung  zum  Premierleutnant.  Nachdem
er  bis  zum  Jahre  1885  wieder  bei  der  Front  gestanden  hatte,
wurde  er  nun  in  den  Großen  Generalstab  kommandiert  und
zwei  Jahre  später  zum  Hauptmann  befördert.  Als  solchen
treffen  wir  ihn  bis  zum  Jahre  1889  beim  Generalstab  des  XI.
Armeekorps  und  nach  dieser  Zeit  als  Generalstabsoffizier  der
21.  Division,  bis  er  im  Jahre  1891  Batteriechef  im  9.  Feldartillerieregiment
  wurde,  bei  dem  er  bekanntlich  auch  seine  mili-
        <pb n="67" />
        —  59  —

tärische  Laufbahn  begonnen  hatte.  In  dieser  Stellung  verblieb
er  allerdings  nur  ganz  kurze  Zeit,  da  er  schon  im  Jahre  1892
wieder  in  den  Generalstab  der  21.  Division  kommandiert  wurde.
In  dem  gleichen  Jahre  erfolgte  auch  seine  Beförderung  zum
Major,  im  Jahre  darauf  seine  Versetzung  zum  Generalstab  des
XIV.  Armeekorps.  Hier  verblieb  er  nun  drei  Jahre  lang,  bis
er  im  Jahre  1896  nach  Königsberg  kam,  wo  er  Abteilungskommandeur
  im  Feldartillerieregiment  Nr.  16  wurde.  Das
Jahre  1898  brachte  die  Beförderung  Friedrich  Scholtz'  zum
Oberstleutnant,  mit  der  auch  seine  Ernennung  zum  Abteilungschef
  im  Großen  Generalstab  verbunden  war.  Im  Jahre  1899
wurde  er  in  Frankfurt  a.  M.  Chef  des  Generalstabes  des
XVIII.  Armeekorps.  Auf  diesem  Kommando  avancierte  er  nach
zwei  weiteren  Jahren  zum  Oberst,  um  wieder  nach  zwei  Jahren
im  Jahre  1903  als  Kommandeur  der  25.  (hessischen)  Feldartilleriebrigade
  nach  Darmstadt  zu  kommen.  Nachdem  er  in
dieser  Stellung  im  Jahre  1905  Generalmajor  geworden  war,
wurde  er  schon  ein  Jahr  später  in  den  Großen  Generalstab  der
Armee  mit  der  Funktion  eines  Oberquartiermeisters  versetzt.
Dieses  Amt  hatte  er  bis  zum  Jahre  1908  inne,  um  welche  Zeit
er  zum  Generalleutnant  aufrückte.  Als  solcher  wurde  er  Kommandeur
  der  21.  Division  in  Frankfurt  a.  M.,  wo  er  bis  zum
Herbst  des  Jahres  1912  verblieb.  Er  wurde  nun  General  der
Artillerie  und  erhielt  als  solcher  das  Kommando  über  das  in
Allenstein  neugebildete  XX.  Armeekorps.  Das  Regierungsjubiläum
  des  Jahres  1913  gab  dem  Kaiser  Veranlassung,  den
verdienstvollen  General  in  den  Adelsstand  zu  erheben.
        <pb n="68" />
        August  von  Mackensen,

Führer  der  neunten  Armee.

Der  als  früherer  Lehrer  des  Kaisers,  als  Berater  und  Vorgesetzter
  des  Kronprinzen  und  als  Militärschriftsteller  viel  und
oft  genannte  General  der  Kavallerie  von  Mackensen  hat  sich  in
den  Kämpfen  des  östlichen  Kriegsschauplatzes  als  so  tüchtiger
Heerführer  erwiesen,  daß  man  mit  Fug  und  Recht  behaupten
kann,  von  Mackensen  sei  als  Theoretiker  ebenso  bedeutend  wie  als
Praktiker.  Der  von  ihm  am  28.  August  1914  erlassene  Tagesbefehl
  gibt  ein  klares  Bild  von  den  Erfolgen,  die  von  den  Truppen
  des  ihm  unterstellten  Armeekorps  erzielt  wurden.  Der
Tagesbefehl  beginnt  wie  folgt:  „Vorgestern  hat  das  XVII.
Armeekorps  einen  an  allen  Truppen  überlegenen  Gegner  bei
Lautern  geschlagen  und  in  einer  wilden,  starken  Verfolgung  über
Ortelsburg  wieder  nach  Rußland  hineingejagt.  Ueber  50  Geschütze,
  zahlreiche  Maschinengewehre,  eine  Kriegskasse,  noch  ungezählte
  Heeresvorräte  aller  Art  und  mehrere  tausend  Gefangene
hat  er  in  unseren  Händen  gelassen.  Seine  Rückzugsstraße  ist
bedeckt  von  Toten.  Ein  voller  Sieg  ist  von  uns  erfochten.  Soldaten
  des  XVII.  Armeekorps!  Ihr  habt  eure  Schuldigkeit
getan.  In  Märschen  ohnegleichen  seid  ihr  von  einem  Feinde
zum  anderen  geeilt  und  mit  derselben  begeisterten  Hingabe  habt
ihr  ihn  angegriffen,  wo  ihr  ihn  fassen  konntet.  Ich  bin  stolz,
solche  Truppen  führen  zu  dürfen.  Ihr  habt  gehalten,  was  euer
König  von  seinem  XVII.  Armeekorps  erwartete.  Habt  Dank
für  solche  Treue  .  .  .“  Es  steht  also  zweifelsfrei  fest,  daß  der
General  der  Kavallerie,  August  von  Mackensen,  einen  wesent-
        <pb n="69" />
        —  0  —

lichen  Anteil  an  dem  großen  Erfolg  hat,  der  die  völlige  Niederwerfung
  des  Feindes  im  Osten  herbeigeführt  hat.

Als  Sohn  des  am  11.  Mai  1890  verstorbenen  Rittergutsbesitzers
  und  Oekonomierates  Ludwig  Mackensen,  der  mit  Marie
Rink  verheiratet  war,  wurde  August  am  6.  Dezember  1849  in
Hausleipnitz  (Regierungsbezirk  Merseburg)  geboren.  Nachdem
er  anfänglich  das  Gymnasium  in  Torgau  besucht  hatte,  kam  er
nach  Halle,  um  dort  seine  begonnenen  Gymnasialstudien  fortzusetzen.
  Er  machte  dortselbst  das  Abiturium  und  besuchte  dann
auch  die  dortige  Universität.  In  das  Heer  trat  er  als  Einjährig-Freiwilliger
  beim  zweiten  Leibhusarenregiment  am  1.  Oktober
des  Jahres  1869  ein.  Als  während  seiner  Dienstleistung  der
Krieg  gegen  Frankreich  ausbrach,  zog  er  mit  seinem  Regiment
ins  Feld  und  avancierte  während  des  Feldzuges  zum  Leutnant
der  Reserve.  Nach  Beendigung  des  Krieges  ging  er  wieder  nach
Halle,  wo  er  weiter  auf  der  Universität  studierte.  Seine  Liebe
zum  Militär,  das  er  im  Kriege  gründlich  kennen  gelernt  hatte,
ließ  ihn  aber  im  Zivilberufe  keine  Befriedigung  mehr  finden,  und
schon  im  Jahre  1873  trat  er  als  Leutnant  in  den  aktiven  Heeresdienst
  beim  zweiten  Leibhusarenregiment.  Dort  blieb  er  nur
kurze  Zeit,  um  dann  zum  ersten  Leibhusarenregiment  und  nachher
  im  Jahre  1876  als  Adjutant  zur  ersten  Kavalleriebrigade
nach  Königsberg  versetzt  zu  werden.  Das  Jahr  1878  brachte
seine  Beförderung  zum  Oberleutnant.  Am  21.  November  des
folgenden  Jahres  verheiratete  sich  August  Mackensen  mit  Doris
von  Horn,  die  ihrem  Gatten  drei  Söhne  und  eine  Tochter
schenkte.  Der  älteste  Sohn  Hans  Georg  wurde  am  26.  Januar
1883  geboren  und  diente  anfänglich  beim  Ersten  Garderegiment
zu  Fuß.  Die  vorzüglichen  Eigenschaften  des  jungen  Offiziers
brachten  es  mit  sich,  das  er  schon  nach  kurzer  Zeit  der  militärische
Begleiter  des  Prinzen  August  Wilhelm  von  Preußen  wurde.
Der  zweite  Sohn  Manfred  wurde  am  10.  November  1886,  Eberhard,
  der  dritte  Sohn,  am  24.  September  1889  geboren.  Die
einzige  Tochter  Mackensens  heißt  Ruth.  Sie  kam  am  17.  Februar
  1897  zur  Welt.
        <pb n="70" />
        —  62

Im  Jahre  1880  wurde  August  Mackensen  zum  Generalstab
kommandiert.  Ohne  die  Kriegsakademie  besucht  zu  haben,  kam
er  im  Jahre  1882  als  Hauptmann  in  den  Generalstab  und
war  als  solcher  im  Jahre  1884  beim  VII.  Armeekorps  und  im
Jahre  1885  bei  der  14.  Division  tätig.  Im  Jahre  1887  sehen
wir  ihn  als  Eskadronchef  des  9.  Dragonerregiments  in  Metz.
Hier  blieb  er  nur  ein  Jahr,  da  er  schon  im  Jahre  1888,  nachdem
er  zum  Major  aufgerückt  war,  zum  Generalstab  zurückkam,  bei
dem  er  sich  bei  der  4.  Division  betätigte.  Als  im  Jahre  1891
Alfred  Graf  von  Schlieffen  Generalstabschef  der  Armee  wurde,
ernannte  dieser  August  Mackensen  zu  seinem  ersten  Adjutanten.
In  dieser  Stellung  verblieb  er  bis  zum  Jahre  1894,  um  welche
Zeit  er  zum  Oberstleutnant  befördert  wurde.  In  dieser  Eigenschaft
  erhielt  er  das  Kommando  des  ersten  Leibhusarenregiments.
Schon  im  darauffolgenden  Jahre  erfolgte  seine  Ernennung
zum  Flügeladjutanten  des  Kaisers.  Bis  zum  Mai  1897  fungierte
  er  weiter  als  Kommandeur  des  ersten  Leibhusarenregiments.
  In  dem  gleichen  Jahre  rückte  August  Mackensen  zum
Oberst  auf.  Als  im  Jahre  1898  seine  Ernennung  zum  diensttuenden
  Flügeladjutanten  Sr.  Majestät  des  Kaisers  erfolgte,  erhielt
  er  den  Rang  eines  Brigadekommandeurs.  In  dieser  Eigenschaft
  verlieh  ihm  der  Kaiser  am  27.  Januar  1899  den  erblichen
Adel.  Im  darauffolgenden  Jahre  wurde  August  von  Mackensen
als  Generalmajor  à  la  Suite  des  Kaisers  gestellt,  worauf  er  im
Jahre  1901  das  Kommando  über  die  neugebildete  Leibhusarenbrigade
  bekam.  Dieses  behielt  er  bis  zu  seiner  im  Jahre  1903
erfolgten  Beförderung  zum  Generalleutnant  bei,  in  welcher
Eigenschaft  er  Kommandeur  der  36.  Division  in  Danzig  wurde.
Bis  zum  Jahre  1908  sehen  wir  August  von  Mackensen  in  dieser
Stellung.  Am  27.  Januar  1908  wurde  er  General  der  Kavallerie
  und  erhielt  als  solcher  das  Generalkommando  des  XVII.
Armeekorps  in  Danzig,  in  welcher  Position  Mackensen  heute  noch
wirkt.

Als  Kaiser  Wilhelm  II.  noch  Prinz  war,  lehrte  August
Mackensen  den  Prinzen  Kriegsgeschichte.  Außerdem  schrieb
        <pb n="71" />
        —  63  —

August  Mackensen  eine  Reihe  bedeutender  und  wertvoller  Aufsätze
  Armee=  und  kriegsgeschichtlichen  Inhaltes,  die  in  verschiedenen
  Militärzeitschriften  zum  Abdrucke  gelangten.  Von
bleibendem  Wert  ist  ein  im  Jahre  1892  erschienenes  Werk
Mackensens,  das  unter  dem  Titel  „Schwarze  Husaren.  Geschichte
  des  ersten  Leibhusarenregiments  Nr.  1  und  des  2.  Leibhusarenregimentes
  Kaiserin  Nr.  2“  in  zwei  Bänden  herauskam.
In  allen  seinen  Schriften  hat  sich  August  von  Mackensen  als
glänzender  Theoretiker  erwiesen.

Der  Name  des  Generals  August  von  Mackensen  wurde  im
Zusammenhang  mit  der  am  1.  Januar  1914  so  plötzlich  erfolgten
Abberufung  des  Kronprinzen  von  seinem  Danziger  Regiment
wiederholt  genannt.  Es  wurde  vielfach  in  der  Presse  behauptet,
daß  die  Beziehungen  des  Kronprinzen  zu  General  von  Mackensen,
  der  in  Danzig  sein  Vorgesetzter  war,  nicht  die  besten  gewesen
seien.  Diesen  Darstellungen  trat  der  Kronprinz  mit  aller
Entschiedenheit  entgegen  und  erklärte  alle  Gerüchte,  wonach  seine
Versetzung  nach  Berlin  auf  Unstimmigkeiten  mit  seinen  Vorgesetzten
  zurückzuführen  sei,  als  vollständig  grundlos.  In  einer
Unterredung  äußerte  er  sich  sogar  wie  folgt:  „Mit  Exzellenz
von  Mackensen  bin  ich  intim  befreundet;  ich  bin  oft  und  gern
Gast  in  seinem  Hause  gewesen,  und  zwischen  uns  bestand  und
besteht  immer  noch  das  herzlichste  Verhältnis  .  .  .“

Am  10.  September  erließ  General  von  Mackensen  nachstehenden
  Tagesbefehl  an  das  17.  Armeekorps:

„Auf  dem  Gefechtsfelde  bei  Possessern,
10.  September.
Soldaten  des  17.  Armeekorps!

Gestern  habt  Ihr  gegen  zwei  feindliche  Fronten  gefochten,
den  Feind  einerseits  bei  Kruglanken,  andererseits  bei  Possessern
aus  seinen  nach  allen  Regeln  der  Kunst  befestigten  und  geschickt
verteidigten  Stellungen  geworfen  und  damit  auch  den  Kameraden
  vom  1.  Armeekorps  Luft  gemacht.  Das  Zusammenwirken
  der  Infanterie  und  Artillerie  gegen  die  feindlichen  Befestigungen
  war  vielfach  mustergültig.  Fast  jeder  Truppenteil
        <pb n="72" />
        —  64  —

des  Armeekorps  hat  durch  besondere  Leistungen  zum  Erfolge
des  Tages  beigetragen.  Die  1.  Kompagnie  des  Danziger  Infanterie-Regiments
  128  hat  eine  Batterie  von  acht  Geschützen
im  Feuer  genommen,  das  Infanterie-Regiment  von  Borcke
durch  seinen  Angriff  den  Kampf  bei  Kruglanken  entschieden.
Das  Armeekorps  hat  dank  seiner  Tapferkeit  die  schwere  Aufgabe
  erfüllt,  die  ihm  gestellt  war.  Der  9.  September  wird  für
alle  Zeiten  ein  Ehrentag  des  17.  Armeekorps  und  damit  eines
jeden  Mitkämpfers  bleiben.

Ich  danke  allen  Offizieren  und  Mannschaften  für  die
erneut  gegebenen  Beweise  kriegerischen  Manneswertes.  Glückauf
  Ihr  Kameraden  zu  neuen  Taten!

Die  Russen  müssen  aus  Preußen  hinaus!

Der  Kommandierende  General.
gez.  von  Mackensen.

Wenige  Tage  nach  dem  großen  Erfolg  des  17.  Armeekorps
über  die  Russen  wurde  General  v.  Mackensen  mit  dem  Eisernen
Kreuz  erster  Klasse  dekoriert.

Mitte  November  1914  erhielt  General  von  Mackensen  das
Kommando  der  neugebildeten  9.  Armee,  die  er  sehr  rasch  zu
neuen  Siegen  führen  konnte.  Nachdem  er  schon  in  der  Schlacht
bei  Kutno  die  Russen  geschlagen  hatte,  erzielte  er  einen  großen
Sieg  in  der  Schlacht  bei  Lodz,  in  der  er  den  Russen  40  000  Gefangene,
  70  Geschütze,  160  Munitionswagen,  156  Maschinengewehre
  abgewann.  Dieser  Erfolg  ist  von  größter  Bedeutung
für  die  weiteren  Operationen  in  Polen  geworden.  In  Anerkennung
  dieser  großen  Verdienste  verlieh  ihm  der  Kaiser  Ende
November  den  Orden  Pour  le  merite.
        <pb n="73" />
        Hugo  von  Pohl,

Chef  des  Admiralstabes.

Hatte  die  Marine  des  Norddeutschen  Bundes  während  des
deutsch-französischen  Krieges  von  1870/71  im  wesentlichen  nur
die  Aufgabe  zu  erfüllen  gehabt,  die  durch  ein  überlegenes  französisches
  Geschwader  blockierten  Weser=  und  Elbemündungen
gegen  Angriffe  zu  schützen  und  zu  verteidigen,  so  stellt  der  Krieg
von  1914,  der  auch  Europas  und  Asiens  stärkste  Seemächte  gegen
uns  mobil  gemacht  hat,  die  kaiserliche  Marine  vor  eine  unvergleichlich
  schwierigere  Aufgabe.  Die  glühende  Vaterlandsliebe,
der  trotzige  Mut  und  die  opferfreudige  Entschlossenheit,  die  unsere
braven  Mannschaften  und  ihre  tapferen  Führer  beseelen,  werden
aber  auch  über  diese  Feinde  unsere  Waffen  siegen  lassen,  zumal
unsere  Marine  Männer  an  ihrer  Spitze  hat,  die  an  militärischer
Tüchtigkeit  ihre  Gegner  weitaus  übertreffen.  Der  Oberbefehl
über  die  gesamte  Marine  liegt  seit  dem  14.  März  1899  in  den
Händen  des  Kaisers  selbst,  während  das  ausführende  Organ
das  Marinekabinett  ist.  Der  Staatssekretär  des  Reichsmarineamtes
  ist  dem  Kaiser  unmittelbar  verantwortlich  und  unterstellt,
ebenso  wie  der  Chef  des  Admiralstabes  der  Marine,  welches  Amt
seit  1913  Hugo  von  Pohl  bekleidet.  Weiter  sind  dem  Oberbefehl
des  Kaisers  direkt  unterstellt  der  Generalinspekteur  der  Marine,
die  Chefs  der  Marinestationen  der  Nordsee  und  Ostsee,  die  Chefs
des  ersten  Geschwaders  und  des  Kreuzergeschwaders  und  schließlich
  die  im  Ausland  befindlichen  selbständigen  Schiffskommandanten.


Während  wir  in  dem  Staatssekretär  des  Reichsmarine-1

  5
        <pb n="74" />
        —  66  —

amtes,  dem  Großadmiral  von  Tirpitz,  eine  Persönlichkeit  haben,
die  der  Verwaltung  und  Organisation  unserer  Marine  unschätzbare
  Dienste  geleistet  hat,  zeigt  sich  uns  in  Hugo  von  Pohl
ein  Admiral,  dessen  vortreffliche  militärische  Eigenschaften  für
den  guten  Ausgang  unserer  Operationen  zur  See  in  jeder  Weise
bürgen  können.  Auch  er  entstammt,  wie  der  erst  auf  Grund
seiner  persönlichen  Verdienste  in  den  Adelsstand  erhobene  Großadmiral
  von  Tirpitz,  einer  bürgerlichen  Familie.  Geboren  am
25.  August  des  Jahres  1855,  trat  Pohl  im  Jahre  1872  in  die
Kaiserliche  Marine  ein.  Am  15.  Februar  1876  wurde  er  Leutnant
  zur  See  und  erhielt,  nachdem  er  an  Bord  der  Glattdeckskorvette
  „Luise“  einige  Zeit  Dienst  gemacht  hatte,  seine  artilleristische
  Ausbildung  auf  dem  hölzernen  Linienschiff  „Renown“.
Er  kam  dann  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  auf  die  kaiserliche
Werft  nach  Wilhelmshaven,  wo  er  sich  als  Assistent  des  Ausrüstungsdirektors
  zu  betätigen  hatte.  Als  er  am  20.  November
des  Jahres  1879  zum  Oberleutnant  zur  See  avanciert  war,  erfolgte
  seine  Berufung  in  die  Admiralität.  Nach  der  kurzen
Unterbrechung  von  einem  Jahr,  während  welcher  Zeit
Hugo  Pohl  an  Bord  des  Torpedoschulschiffes  „Blücher“  Dienst
tat,  kam  er  wieder  zur  Admiralität  zurück,  um  sofort  zum  Stabe
der  im  Ausland  befindlichen  Kreuzerkorvette  „Carola“  kommandiert
  zu  werden.  Während  dieses  Kommandos  erfolgte  auch
seine  Beförderung  zum  Kapitänleutnant,  und  zwar  am  15.  November
  des  Jahres  1887.  Im  darauffolgenden  Jahre  kehrte
Pohl  in  die  Heimat  zurück,  um  hier  während  der  Jahre  1888
bis  1890  die  Marineakademie  zu  besuchen.  Im  Frühjahr  des
Jahres  1890  kam  er  in  die  militärische  Abteilung  des  Reichsmarineamtes.
  Hier  verblieb  er  nun  mit  einer  Unterbrechung
von  nur  einem  Jahr,  das  ihn  als  Ersten  Offizier  an  Bord  des
Panzerschiffes  „Württemberg“  führte,  durch  volle  acht  Jahre.
Während  dieser  Zeit  erfolgte  am  16.  Juli  1894  seine  Beförderung
  zum  Korvettenkapitän  und  seine  Ernennung  zum  Vorstand
der  Zentralabteilung  des  Reichsmarineamtes.  In  dieser  Eigenschaft
  fand  der  strebsame  Offizier  die  erwünschte  Gelegenheit,
        <pb n="75" />
        —  67  —

verschiedene  Zweige  auf  dem  Gebiete  der  Marineverwaltung  in
eingehender  Weise  kennen  zu  lernen.  Sein  klarer  Blick  für  alle
marinetechnischen  Fragen  blieb  seinen  Vorgesetzten  nicht  lange
verborgen,  und  bald  wurde  Hugo  Pohl  bei  allen  Beratungen
über  komplizierte  Probleme  hinzugezogen.

Von  seiner  bevorzugten  Stellung  im  Reichsmarineamt
schied  Hugo  Pohl  im  Spätherbst  des  Jahres  1898,  nachdem  er
am  16.  November  Fregattenkapitän  geworden  war.  Gleichzeitig
  mit  dieser  Beförderung  erhielt  er  das  Kommando  über
den  Küstenkreuzer  „Aegir“,  das  er  nur  kurze  Zeit  inne  behielt,
um  es  schon  bald  darauf  mit  dem  des  großen  Kreuzers  „Herta“
zu  vertauschen.

Als  im  darauffolgenden  Jahr  in  China  die  Borerbewegung
einsetzte  und  das  Leben  und  Eigentum  der  im  fernen  Osten
lebenden  Europäer  immer  mehr  und  mehr  bedrohte,  brach  für
Hugo  Pohl  eine  große,  ruhmreiche  Zeit  an.  Er  bekam  den
ehrenvollen  Auftrag,  die  Leitung  der  Schiffe  „Herta“,  „Hansa“,
„Gefion“  zu  übernehmen  und  mit  dem  aus  120  deutschen  Seeleuten,
  330  Japanern,  250  Engländern,  200  Russen,  24  Italienern
  und  20  Oesterreichern  formierten  Landungskorps  die
Takuforts  zu  stürmen.  Nachdem  sich  nämlich  in  den  ersten
Tagen  des  Monats  Juni  1900  die  Lage  für  die  Europäer  besonders
  kritisch  gestaltet  hatte,  war  Admiral  Seymour  am
10.  Juni  mit  2000  Mann  internationaler  Truppen  bis  zur  Station
  Lanfang  vorgedrungen,  wo  er  von  Boxern  zum  Rückmarsch
nach  Tientsin  gezwungen  wurde,  so  daß  die  europäischen  Gesandten
  in  Peking  weiterhin  von  jedem  Verkehr  mit  der  Außenwelt
  abgeschnitten  blieben.  Nunmehr  entschloß  sich  der  Kommandant
  der  internationalen  Kriegsschiffe,  die  vor  Taku  lagen,
in  einem  an  den  Verteidiger  der  Takuforts  gerichteten  Ultimatum
  die  bedingungslose  Uebergabe  der  Forts  bis  zum  Morgen
des  17.  Juni  zu  fordern.  Als  nach  Ablauf  der  Frist  der  Kommandant
  der  Forts  statt  auf  die  Forderung  des  Ultimatums  einzugehen,
  das  Feuer  auf  die  europäischen  Truppen  eröffnete,
gingen  diese,  nachdem  sie  bereits  vorher  gelandet  worden  waren,

57
        <pb n="76" />
        —  68  —

am  Morgen  des  17.  Juni  zum  Sturm  auf  die  Forts  vor.  Sie
wurden  an  ihrer  schwächsten  Stelle  angegriffen  und  nach  einem
harten,  für  beide  Teile  verlustreichen  Kampfe  nach  fünf  Stunden
  genommen.  Das  Gelingen  dieses  kühnen  Handstreiches,  der
bekanntlich  dazu  führte,  daß  sich  China  als  im  Kriegszustande
mit  allen  Vertragsmächten  befindlich  erklärte,  war  ein  Hauptverdienst
  unseres  genialen  Hugo  Pohl.  Kaiser  Wilhelm  verlieh
ihm  für  seine  Tat  den  Roten  Adlerorden  III.  Klasse  mit
Schwertern  und  Krone.

Die  Expedition  nach  China  hatte  Hugo  Pohl  bereits  als
Kapitän  zur  See,  zu  dem  er  am  7.  Mai  befördert  worden  war,
mitgemacht.  Nach  seiner  Rückkunft  trat  er  im  Frühjahr  1901
wieder  in  seine  frühere  Stellung  als  Vorstand  des  Zentralbureaus
  in  das  Reichsmarineamt  ein,  in  welcher  Position  er  bis
zum  Herbst  des  Jahres  1903  verblieb.  Um  diese  Zeit  kam  er
als  Kommandant  auf  das  Linienschiff  „Kaiser  Wilhelm  der
Große“  und  befehligte  dann  hintereinander  die  Linienschiffe
„Kaiser  Friedrich  III.“  und  „Elsa“.  Im  Jahre  1905  wurde
er  Kommodore  und  mit  den  Geschäften  des  Zweiten  Admirals
des  Ersten  Geschwaders  beauftragt.  Ein  Jahr  später  erfolgte
seine  Ernennung  zum  Befehlshaber  der  Aufklärungsschiffe,  nachdem
  er  auch  Konteradmiral  geworden  war.  Im  Herbst  des  folgenden
  Jahres  kam  Hugo  Pohl  an  die  Spitze  der  Inspektion  der
Schiffsartillerie  und  erhielt,  nachdem  er  noch  im  selben  Jahre
zum  Vizeadmiral  aufgerückt  war,  das  Kommando  über  das
Erste  Geschwader.  Mit  diesem  kam  er  im  Jahre  1910  für  ständig
  nach  Wilhelmshaven.  Seine  Beförderung  zum  Admiral
erfolgte  am  27.  Januar  des  Jahres  1913.  Als  wenige  Monate
später  der  Chef  des  Admiralstabes  der  Marine,  Admiral  August
von  Heeringen,  ein  jüngerer  Bruder  des  früheren  Kriegsministers,
  Chef  der  Nordseestation  wurde,  ernannte  der  Kaiser
den  Admiral  Hugo  Pohl  zum  Nachfolger  Heeringens  als  Chef
des  Admiralstabes.  Um  seinen  erfolgreichen  Seeoffizier  besonders
  zu  ehren  und  auszuzeichnen,  erhob  Kaiser  Wilhelm  Hugo
Pohl  anläßlich  des  Regierungsjubiläums  im  Juni  1913  in  den
        <pb n="77" />
        60  —

erblichen  Adelsstand.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  die
Kaiserliche  Marine  in  Admiral  von  Pohl  einen  äußerst  zuverlässigen
  und  mit  außergewöhnlichen  militärischen  Fähigkeiten  begabten
  Seeoffizier  besitt.  Seine  Maßnahmen  und  Entscheidungen
  in  dem  augenblicklichen  Krieg  können  uns  mit  fester  Zuversicht
  erfüllen.
        <pb n="78" />
        Hans  Ludwig  Raimund  von  Koester,

Oberkommandeur  der  aktiven  Schlachtflotte
  z.  D.

Da  allgemein  die  berechtigte  Ansicht  verbreitet  ist,  daß  diejenigen
  hohen  deutschen  Offiziere,  die  innerhalb  unserer  Landoder
  Seemacht  bevorzugte  Stellungen  eingenommen  hatten,  aber
bereits  vor  Ausbruch  des  Krieges  in  den  Ruhestand  getreten
waren,  wiederum  ihre  wertvollen  Dienste  dem  Vaterland,  das
an  allen  seinen  Grenzen  vom  Feinde  bedroht  ist,  zur  Verfügung
stellen,  darf  auch  Großadmiral  Hans  von  Koester  nicht  fehlen,  obwohl
  er  bereits  im  Jahre  1906  seinen  Abschied  aus  dem  aktiven
Heeresverband  genommen  hatte.  Seine  Verdienste  um  das  Großwerden
  unserer  Kriegsflotte  sind  aber  viel  zu  gewaltig,  das
Interesse,  das  er  auch  nach  seinem  Rücktritt  an  allen  Fragen,
die  unsere  Marine  betreffen,  nimmt,  ist  viel  zu  lebhaft,  als  daß
er  heute,  wo  das  Reich  Männer  seines  Schlages  besser  brauchen
kann  als  jemals,  fern  vom  Schuß  als  müßiger  Zuseher  leben
könnte.  Wir  sind  überzeugt,  daß  Großadmiral  von  Koester  trotz
seines  hohen  Alters  seine  reichen  Erfahrungen  und  umfangreichen
Kenntnisse  wiederum  dem  Vaterlande  weiht.  Wir  sind  überzeugt,
  daß  unsere  Marineverwaltung  mit  Dank  sein  Anerbieten
angenommen  hat,  und  Großadmiral  von  Koester  in  der  Reihe
derer  steht,  die  mit  unvergleichlicher  Opferfreudigkeit  ihr  Leben
und  Weben  dem  Kaiser  und  dem  Reich  schenken,  zumal  das
Vaterland  in  der  Stunde  der  Gefahr  der  Führung  solcher
Männer  nicht  entraten  kann.

5*
        <pb n="79" />
        —  71  —

Ebenso  wie  Tirpitz,  Pohl  und  Müller,  diese  hervorragenden
  Führer  unserer  ausgezeichneten  Marine,  ist  auch  Hans
von  Koester  bürgerlichen  Geblütes.  Erst  in  späten  Jahren  ist
er  von  Kaiser  Wilhelm  zur  Anerkennung  seiner  Verdienste  um
die  Kaiserliche  Marine  in  den  Adelsstand  erhoben  worden.  Der
Vater  unseres  Großadmirals  war  der  bekannte  dramatische
Dichter  Dr.  Hans  Koester,  dessen  Werke  um  die  Mitte  des
vorigen  Jahrhunderts  lange  Zeit  hindurch  die  deutschen  Bühnen
beherrschten.  Auch  die  Mutter  des  Großadmirals  hatte  sich
einen  weithin  bekannten  Namen  gemacht;  sie  war  die  berühmte
Opernsängerin  Luise  Schlegel,  die  nahezu  durch  zwanzig  Jahre
seit  1844  als  Königliche  Kammersängerin  in  Breslau  und
Berlin  erfolgreich  wirkte  und  lange  Zeit  hindurch  der  Liebling
des  Publikums  war.

Am  29.  April  1844  wurde  Hans  Koester  junior  zu  Schwerin
  geboren.  Nachdem  er  das  Friedrich-Wilhelm-Gymnasium
in  Berlin  absolviert  hatte,  trat  er  am  26.  Juni  1859  als  Kadettaspirant
  in  die  damals  preußische  Marine  ein.  Seine  praktischen
  Borddienste  tat  er  zu  Anfang  auf  der  „Amazone“,  wo  er
seine  erste  seemännische  Ausbildung  erhielt.  Auch  besuchte  er  das
Seekadetteninstitut  in  Berlin,  bis  er  am  1.  April  1861  Seekadett
  wurde.  In  dieser  Eigenschaft  tat  er  Dienst  auf  verschiedenen
  Schiffen  der  heimatlichen  Gewässer.  Erst  im  Jahre  1863
kam  er  auf  die  „Gefion“,  die  eben  eine  Reise  nach  Westindien
antrat.  Als  Koester  von  dieser  Reise  zurückkam,  wurde  er  wieder
zum  Seekadetteninstitut  nach  Berlin  kommandiert,  wo  er  bis
zum  April  1864  blieb.  Am  19.  Juli  desselben  Jahres  erfolgte
seine  Beförderung  zum  Leutnant  zur  See.  Er  fand  nun  Verwendung
  auf  den  Schiffen  „Viktoria“,  „Grille“  und  „Skorpion“,
bis  er  im  Oktober  des  Jahres  1865  als  Platzmajor  nach  Kiel
versetzt  wurde.  Im  Januar  des  nächsten  Jahres  wurde  er  nach
Konstantinopel  kommandiert,  um  dort  auf  dem  deutschen  Stationsschiff
  „Delphin“  als  wachhabender  Offizier  Dienst  zu  tun.
Als  die  „Delphin“  durch  das  Schiff  „Prinz  Adalbert“  abgelöst
wurde,  kam  er  in  der  gleichen  Eigenschaft  auf  dieses  Schiff.  Bald
        <pb n="80" />
        —  72  —

hernach  sollte  er  die  Häfen  des  Mittelmeeres  kennen  lernen,  zu
welchem  Zweck  er  auf  das  Kriegsschiff  „Rover“  kam,  nachdem  er
am  29.  August  1866  Oberleutnant  zur  See  geworden  war.
Wir  sehen  ihn  dann  als  Kommandanten  auf  der  „Chamaeleon“
und  nachher  auf  der  „Niobe“,  mit  der  er  zwei  Reisen  nach
Westindien  machte.  Seine  Beförderung  zum  Kapitänleutnant
erfolgte  am  7.  Juli  1870,  unmittelbar  vor  Ausbruch  des
Deutsch-Französischen  Krieges  während  einer  Reise  durch  England.
  Koester,  der  nun  schleunigst  aus  England  zurückkehrte,
machte  den  Krieg  als  wachhabender  Offizier  auf  dem  Kriegsschiff
  „Friedrich  Karl“  mit.  Nach  dem  Friedensschluß  kam  er
als  erster  Offizier  auf  die  „Undine“,  mit  der  er  zweimal  nach
Spanien  und  Portugal  fuhr.

Da  sich  bei  Koester  starke  pädagogische  Fähigkeiten  bemerkbar
machten,  fand  er  bald  im  Erziehungswesen  Verwendung  und
wurde  im  Oktober  1873  erster  Offizier  der  Schiffsjungenabteilung
  Friedrichsort.  Im  April  des  folgenden  Jahres  wurde
er  wieder  auf  die  „Undine“  kommandiert,  die  er  nach  den  ostamerikanischen
  Häfen  im  Norden  und  Süden  führte.  Der
16.  Januar  des  Jahres  1875  brachte  die  Beförderung  Hans
Koesters  zum  Korvettenkapitän.  Als  solcher  betätigte  er  sich
bis  zum  Oktober  des  Jahre  1878  als  Direktionsoffizier  der
Marineakademie.  Um  diese  Zeit  kam  er  als  erster  Offizier  auf
das  Seekadettenschulschiff  „Prinz  Adalbert“,  auf  dem  Prinz
Heinrich  von  Preußen,  der  damals  noch  Seekadett  war,  seine
erste  Weltreise  machte.  Als  nach  genau  zwei  Jahren  diese  Reise
ihr  Ende  gefunden  hatte,  wurde  Koester  in  den  Admiralstab  berufen
  und  wurde  gleich  hernach  erster  Adjutant  bei  der  Marinestation
  der  Ostsee.  Während  der  Geschwaderübungen  des  Jahres
1881  fungierte  Hans  Koester  als  Chef  des  Stabes  auf  dem
„Friedrich  Karl“,  um  nachher  als  erster  Adjutant  der  Ostseestation
  Dienst  zu  tun.  Nach  seiner  am  7.  Dezember  1881  erfolgten
  Beförderung  zum  Kapitän  zur  See  kommandierte  Hans
Koester  mehrere  Panzerschiffe.  Im  Jahre  1883  sehen  wir  ihn
als  Kommandanten  des  Schulschiffes  „Niobe“,  1884  führte  er
        <pb n="81" />
        —  73  —

die  „Württemberg“  während  der  Geschwaderübungen.  Im  folgenden
  Jahr  kommandierte  er  die  Generalstabsübungsreise  auf
der  „Grille“,  im  Oktober  des  gleichen  Jahres  erfolgte  dann  die
Berufung  Koesters  zum  Chef  des  Stabes  der  Admiralität,  in
welcher  Stellung  er  bis  zum  März  des  Jahres  1887  verblieb.
Noch  in  demselben  Jahre  erfolgte  seine  Ernennung  zum  Oberwerftdirektor
  in  Kiel.  Aus  dieser  Stellung  schied  er  Ende  März
1889,  worauf  er  bei  gleichzeitiger  Ernennung  zum  Konteradmiral
  am  1.  April  als  Direktor  des  Marinedepartements  in
das  Reichsmarineamt  versetzt  wurde.  Bis  zum  Januar  1892
tat  er  dann  Dienst  als  Chef  des  Uebungsgeschwaders.  In  seiner
Eigenschaft  als  Chef  der  Admiralität  vertrat  Konteradmiral
Koester  im  Deutschen  Reichstag  die  Vorlagen  über  Dampfersubventionen
  und  den  Bau  und  die  Ausgestaltung  des  Nord-OÖstseekanals.


Nachdem  Hans  Koester  im  Januar  1892  wieder  als  Departementsdirektor
  im  Reichsmarineamt  kommandiert  war,  erhielt
  er  schon  wenige  Monate  später  am  10.  April  den  Rang
eines  Vizeadmirals,  als  welcher  er  bis  zum  Jahre  1896  als
Chef  des  Manövergeschwaders  wirkte.  Während  der  nächsten
sieben  Jahre,  von  Oktober  1896  bis  September  1903,  ist
Koester  nun  Chef  der  Marinestation  der  Ostsee.  Hier  erwarb
er  sich  schon  nach  kurzer  Dienstleistung  so  große  Verdienste  um
das  ihm  unterstellte  Geschwader,  daß  er  schon  am  22.  März
1897  zum  Admiral  befördert  werden  konnte.  Am  14.  März  des
Jahres  1899  wird  er  Gencralinspekteur  mit  dem  Range  eines
Kommandierenden  Generals,  als  welcher  er  auch  die  nächsten
Flottenmanöver  leitete.  Die  hervorragenden  Fähigkeiten,  mit
denen  Hans  Koester  ausgestattet  war,  und  die  er  durch  seine
besondere  Tüchtigkeit  immer  im  richtigen  Augenblick  zur  Geltung
  zu  bringen  verstand,  veranlaßten  den  Kaiser,  ihn  am
1.  Januar  des  Jahres  1900  in  den  erblichen  Adelstand  zu  erbeben.
  Bis  zum  Jahre  1903  leitete  Hans  von  Keester  die
Herbstübungsflotte,  nachdem  er  im  Mai  des  Jahres  1901  auch
das  Kommando  über  die  Admiralstabsübungsreise  innegehabt
        <pb n="82" />
        —  74  —

hatte.  Am  22.  September  1903  übernahm  er  den  Oberbefehl
über  die  aktive  Schlachtflotte  und  zugleich  das  Kommando  über
das  erste  Geschwader.  Vom  1.  Oktober  1904  an  sehen  wir  ihn
bis  zum  26.  September  1906  wiederum  in  seiner  Funktion  als
Oberbefehlshaber  über  die  aktive  Schlachtflotte.  Während  dieser
Zeit  wurde  er  am  28.  Juni  1905  zum  Großadmiral  befördert,
nachdem  ihm  der  Kaiser  schon  am  18.  September  1902  den
Schwarzen  Adlerorden  verliehen  hatte.

Großadmiral  von  Koeester,  dessen  Rücktrittsgesuch  am
29.  Dezember  1906  durch  eine  Kaiserliche  Kabinettsorder  bewilligt
  wurde,  wird  in  wohlverdienter  Würdigung  seiner  langjährigen,
  hervorragenden  Dienste  in  der  Marinerangliste  weitergeführt.
  Am  27.  September  1905,  kurz  nach  seiner  Beförderung
  zum  Grohadmiral  berief  ihn  auch  der  Kaiser  auf  Lebenszeit
  in  das  preußische  Herrenhaus.

Aber  auch  während  der  Zeit  seines  Ruhestandes  suchte  Großadmiral
  von  Koester  mit  allen  Mitteln  für  die  Erstarkung
Deutschlands  zur  See  einzutreten,  wozu  ihm  der  Deutsche
Flottenverein,  an  dessen  Spitze  der  Großadmiral  am  14.  Juni
1908  berufen  wurde,  die  erwünschte  Gelegenheit  bot.  Koesters
Wirken  wurde  nun  häufig  der  Gegenstand  lebhafter  Presseerörterungen.
  Anläßlich  seines  50jährigen  Dienstjubiläums
verlieh  ihm  der  Kaiser  im  Juli  1909  die  Brillanten  zum
Schwarzen  Adlerorden.  Als  zwei  Monate  später  die  Hudson-Fultonfeier
  stattfand,  siel  dem  Großadmiral  der  ehrenvolle  Auftrag
  zu,  das  Deutsche  Reich  bei  dieser  Feier,  die  am  27.  September
  durch  eine  große,  internationale  Flottenparade  bei  New  York
begangen  wurde,  zu  vertreten.

Am  20.  Oktober  1875  heiratete  Hans  Koester  Elisabeth
Schroeter,  aus  welcher  Ehe  ein  Sohn  und  zwei  Töchter  hervorgingen.
  In  der  Aprilnummer  1914  der  vom  Reichsmarineamt
herausgegebenen  „Marine-Rundschau  wurde  dem  Großadmiral
  anläßlich  seines  70.  Geburtstags  eine  warme  Huldigung
  dargebracht.  In  dem  Artikel,  der  zusammenfassend  die
großen  Verdienste  Hans  von  Koesters  uns  vor  Augen  führt  und
        <pb n="83" />
        —  75  —

würdigt,  heißt  es  u.  a:  „Wenn,  wie  Fürst  Bülow  in  seinem
Buche  sagt,  der  vollendete  Aufbau  unserer  Flotte  der  Siegespreis
  der  politischen  Tätigkeit  der  ersten  fünfundzwanzig  Regierungsjahre
  Seiner  Moajestät  des  Kaisers,  des  eigentlichen  Flottenbegründers,
  ist,  dann  muß  als  Mitarbeiter  an  diesem  Werk
der  Mann  genannt  werden,  der  eben  jene  stille,  aber  bedeutungsvolle
  und  grundlegende  Beteiligung  der  Front  an  der
Schaffung  deutscher  Semacht  in  seiner  Person  verkörpert:  Großadmiral
  von  Koester.“  Weiter  heißt  es  in  jener  Betrachtung:
„Wenn  man  die  aktive  Schlachtflotte,  die  Großadmiral  von
Koester  abgab,  vergleicht  mit  der  Uebungsflotte,  die  er  im  Jahre
1899  übernahm,  nur  dann  gewinnt  man  das  richtige  Bild  von
der  Arbeit  und  der  Bedeutung  dieses  Admirals.“  Und  dieser
Mann,  dessen  Streben  und  Wirken  das  Deutsche  Reich  so  viel
verdankt,  wird  gewiß,  treu  dem  alten  Wahlspruch  „Mit  Gott  für
Kaiser  und  Vaterland“,  seine  so  überaus  wertvollen  Kenntnisse
und  Erfahrungen  in  den  Dienst  unserer  guten  und  gerechten
Sache  stellen.
        <pb n="84" />
        —  76  —

Friedrich  Sixt  von  Armin,

Kommandierender  General  des  IV.  Armee—
korps.

Am  27.  November  des  Jahres  1841  wurde  zu  Wetzlar  in
der  Rheinprovinz  Friedrich  Sixt  von  Armin  geboren.  Sein
Vater  Heinrich  Sixt  von  Armin,  der  als  Oberstleutnant  am
23.  Mai  1872  starb,  war  mit  einem  Fräulein  Amöne  Hiepe,
die  nahezu  30  Jahre  ihren  Gatten  überlebte  und  erst  am
13.  Mai  1901  aus  dem  Leben  schied,  vermählt.  Friedrich,
den  seine  Eltern  die  humanistische  Laufbahn  einschlagen  lassen
wollten,  besuchte  das  Gymnasium  in  Minden,  das  er  nachher
mit  dem  in  Koblenz  vertauschte.  Dort  legte  er  auch  seine  Reifeprüfung
  ab,  um  sich  nachher  dem  Universitätsstudium  zuzuwenden.
  Unmittelbar  vor  dem  Ausbruch  des  Krieges  gegen
Frankreich  trat  er  aber  als  Avantageur  am  16.  Juli  1870  in
das  Heer  ein.  Er  kam  in  das  Gardegrenadierregiment  Nr.  4,
die  späteren  Augustaner,  welches  Regiment  eben  in  Koblenz
stand,  und  machte  mit  diesem  den  Feldzug  gegen  Frankreich  mit.
Er  nahm  an  verschiedenen  kleineren  Gefechten  teil  und  gehörte
nach  der  Kapitulation  von  Sedan  der  Zernierungsarmee  an,
die  unter  dem  Befehl  des  Prinzen  Friedrich  Karl  Metz  belagerte.
Während  der  Belagerung  hatte  Sixt  von  Armin  wiederholt  Gelegenheit,
  sich  vor  dem  Feinde  auszuzeichnen,  so  daß  er,  nachdem
er  schwer  verwundet  war,  das  Eiserne  Kreuz  zweiter  Klasse  sich
erwerben  konnte.  Im  Jahre  1872  rückte  er  zum  Leutnant  auf,
wurde  vier  Jahre  später  Regimentsadjutant  und  im  Jahre  1880
zum  Oberleutnant  befördert.  Im  darauffolgenden  Jahre  sehen
wir  ihn  als  Adjutanten  der  3.  Gardeinfanteriebrigade.
        <pb n="85" />
        —  77  —

Friedrich  Sixt  von  Armin  heiratete  am  11.  Juni  1882
Cläre  geborene  von  Voigts-Rhetz.  Dieser  Ehe  entsprossen  vier
Kinder,  und  zwar  die  Töchter  Elwire  und  Hildegard,  die  in  den
Jahren  1885  und  1888  zur  Welt  kamen.  Die  beiden  Söhne
Friedrich  Wilhelm  und  Hans  Heinrich  wurden  am  29.  Juli
1889  und  am  6.  November  1890  geboren.

Nachdem  Friedrich  Sixt  von  Armin  drei  Jahre  lang  als
Brigadeadjutant  gewirkt  hatte,  wurde  er  im  Jahre  1884  zum
Generalstab  kommandiert  und  verblieb  bei  diesem  die  nächsten
fünf  Jahre  in  verschiedenen  Stellungen.  Im  Jahre  1886
wurde  er  Hauptmann  à  la  Suite  des  Gardegrenadierregiments
Nr.  3.  Zwei  Jahre  später  treffen  wir  ihn  beim  Generalstab  der
22.  Division.  Das  Jahr  1889  brachte  Sixt  von  Armin  in  das
Kriegsministerium,  bei  dem  er  allerdings  nur  kurze  Zeit  wirkte,
da  er  schon  im  darauffolgenden  Jahre  als  Kompagniechef  des
Grenadierregiments  Nr.  2  nach  Stettin  berufen  wurde.  Seine
Beförderung  zum  Major  erfolgte  im  Jahre  1891.  Sie  brachte
gleichzeitig  auch  seine  Rückversetzung  in  den  Generalstab  des
VII.  Armeekorps.  Hier  blieb  er  nun  fünf  Jahre  lang,  bis  er
im  Jahre  1896  als  Bataillonskommandeur  des  Füsilierregiments
  Nr.  36  nach  Halle  versetzt  wurde.  Dort  avancierte
er  ein  Jahr  später  zum  Oberstleutnant  und  Chef  des  Generalstabs
  des  XIII.  (Württembergischen)  Armeekorps.  Im  Jahre
1900  wurde  Friedrich  Sixt  von  Armin  Oberst  und  kommandierte
  als  solcher  das  Infanterieregiment  Nr.  55  in  Detmold.
Aber  schon  nach  wenigen  Monaten  erfolgte  seine  Ernennung
zum  Chef  des  Generalstabes  des  Gardekorps.  Als  nach  zwei
weiteren  Jahren  Friedrich  Sixt  von  Armin  Generalmajor  geworden
  war,  wurde  er  wiederum  in  das  Kriegsministerium  berufen,
  wo  er  zum  Direktor  des  Allgemeinen  Kriegsdepartements
  ernannt  wurde.  In  dieser  Eigenschaft  konnte  er  einige
Male  auch  im  Deutschen  Reichstag  erscheinen  und  das  Wort  ergreifen.
  Er  verblieb  auf  diesem  Posten,  durch  den  er  gleichzeitig
  auch  stellvertretender  Bevollmächtigter  zum  Bundesrat
war,  fünf  Jahre  lang,  nachdem  er  schon  im  Oktober  des  Jahres
        <pb n="86" />
        —  78  —

1906  zum  Generalleutnant  befördert  worden  war.  Vom  Jahre
1908  an  führte  er  die  13.  Division  in  Münster,  bis  im  Jahre
1910  seine  Ernennung  zum  Kommandierenden  General  des
IV.  Armeekorps  in  Magdeburg  erfolgte.  Der  7.  April  des
Jahres  1911  brachte  dann  seine  Beförderung  zum  General  der
Infanterie.

Bald  nach  Ausbruch  des  gegenwärtigen  Krieges  hatte
General  Friedrich  Sixt  von  Armin  den  Tod  seines  ältesten
Sohnes,  Friedrich  Wilhelm,  zu  beklagen.  Er  machte  den  Krieg
als  Leutnant  im  Augusta-Regiment  mit  und  ließ  sein  Leben
auf  dem  Felde  der  Ehre.
        <pb n="87" />
        Gleichzeitig  erschienen:

Deutsche  Heerführer  im  Kriege  1014

Inhalts-Verzeichnis.

Rupprecht  Maria  Luitpold  Ferdinand,  Kronprinz  von  Bayern.

Alfred  von  Tirpitz,  Staatssekretär  des  Reichsmarineamts.

Colmar  Freiherr  von  der  Goltz,  Generalfeldmarschall.

Karl  von  Einem,  genannt  von  Rothmaler,  Kommandierender
General.

Paul  von  Beneckendorff  und  Hindenburg,  Generalfeldmarschall.

Max  von  Prittwitz  und  Gaffron,  Generalinspekteur  der  ersten
Armceinspektion.

Georg  von  der  Marwitz,  Generalinspekteur  der  Kavallerie.

Georg  Alexander  von  Müller,  Chef  des  Marinekabinetts.

Hermann  von  Francois,  Führer  der  achten  Armee.

Freiherr  Max  von  Hausen,  Generaloberst.

Karlvon  Bülow,  Generalinspekteurderdritten  Armeeinspektion.

Ferdinand  von  Quast,  Kommandierender  General  des  IIX.
Armeekorps.

Karl  d'Elsa,  Kommandterender  General  des  XII.  Armeekorps.

Jofias  von  Heeringen,  Generalinspekteur  der  II.  Armeeinspektion.


Hermann  von  Strantz,  Kommandierender  General  des  V.
Armeekorps.

Berthold  Karl  Adolf  von  Deimling,  Kommandierender  General
des  XV.  Armeekorps.
        <pb n="88" />
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
